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Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister
publisherVerlag von Abel & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorE. Klingebeil
translatorFriedrich Meister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
projectida26a3f69
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Drittes Kapitel.
Der Kampf im Flusse.

Die Schatten des Abends verbreiteten sich schnell im Walde und über dem Flußbett; im Schutze der Dunkelheit konnte es den Mingos nicht schwer werden, über den schmalen Strom zu setzen, und so drängte Pfadfinder auf ein schleuniges Verlassen des Ortes. Einem vorher verabredeten Plan zufolge sollten Jasper und der Delaware in der Finsternis versuchen, das zweite, noch immer auf der Klippe hängende Kanoe herbeizuschaffen. Nur mit ihren Messern, der Delaware auch mit dem Tomahawk, bewaffnet, begaben sich die beiden in den Fluß, während Pfadfinder, Mabel und Cap in dem andern Kanoe vorsichtig am Ufer entlang glitten, bis zu einer geschützten Stelle oberhalb der Enge. Hier ergriff der Jäger einen Zweig des Strandgebüsches, um das Fahrzeug anzuhalten und den Ausgang des Unternehmens abzuwarten.

Jasper und sein Gefährte wateten und schwammen eine Viertelstunde lang in der nächtlichen Dunkelheit hierhin und dorthin, ohne das Kanoe zu finden; schon wollte der Delaware an das Ufer zurückkehren, um dort einen andern Ausgangspunkt zu wählen, als er plötzlich ganz in seiner Nähe eine Gestalt im Wasser herumtappen sah.

»Mingo!« flüsterte er dem neben ihm stehenden Jasper ins Ohr. »Die Schlange wird ihrem Bruder zeigen, wie man schlau ist.«

Damit bewegte er sich auf den fremden Indianer zu, der sich bei seinem Herankommen umwendete.

»Hugh!« rief der Mingo, »das Kanoe ist gefunden. Hilf mir, es vom Felsen zu heben.«

»Gut,« versetzte Chingachgook in der Mingosprache, »führe, wir folgen.«

Das Tosen des Wassers war so laut, daß der feindliche Indianer nichts Verdächtiges in dem Stimmenklang des Andern wahrnehmen konnte. Am Kanoe angelangt, ergriff der Irokese ein Ende desselben, Chingachgook stellte sich in die Mitte und Jasper faßte das andere Ende.

»Hebt!« sagte der Fremde; mühelos hob man das leichte Fahrzeug von der Felsenbank, kehrte es um, damit das Wasser herauslief, und dann bugsierten es die drei watend durch den Strom, dem östlichen Ufer zu. Einmal erhob Chingachgook den Tomahawk, um dem arglosen Mingo vor ihm den Schädel einzuschlagen; er unterließ dies aber, weil er fürchtete, daß der Todesschrei desselben alles verderben könne. Bald aber bereute er seine Unentschlossenheit, denn plötzlich erschienen vier andere Mingos, die sich nach den üblichen Hugh-Rufen sogleich an dem Transport des Kanoes beteiligten. Schweigend ging es dem Ufer zu; die Mingos wollten die bereits vorher aufgefischten Paddelruder holen und dann einige Krieger mit all ihren Gewehren und Pulverhörnern einschiffen, denn nur der Umstand, daß sie ihr Schießzeug nicht trocken hinüber bringen konnten, hatte sie abgehalten, schon bei Einbruch der Dunkelheit zum andern Ufer zu schwimmen.

Man gelangte zu einer Stelle im Flusse, die zum waten zu tief war. Die Mingos blieben stehen. Chingachgook und Jasper duckten sich möglichst tief ins Wasser.

»Alle meine jungen Männer,« sagte der unter den Mingos anwesende Häuptling, »mögen zum Ufer schwimmen und ihre Waffen holen; nur zwei bleiben hier, das Boot hinüber zu bringen.«

Die Indianer gehorchten, Jasper aber, der das Hinterteil des Kanoes hielt, und die Krieger am Buge behielten ihre Plätze; Chingachgook tauchte unter, um die andern ungesehen passieren zu lassen. Nach einigen Augenblicken merkte der den Bug lenkende Irokese eine auffällige Erschwerung seiner Arbeit; er wendete sich um und sah, wie Chingachgook und Jasper in entgegengesetzter Richtung arbeiteten. Sein Instinkt sagte ihm, daß er es mit Feinden zu thun hatte, und kurz entschlossen sprang er dem Delawaren an die Kehle. Ein fürchterliches Ringen begann und bald waren die Kämpfer in der wild aufschäumenden Flut den Augen Jaspers entschwunden.

Der junge Mann wollte dem Häuptling zu Hilfe kommen, da aber fiel ihm ein, wie durchaus unentbehrlich das Kanoe zur Rettung Mabels sei, und jeden andern Gedanken aufgebend, schob er seine Beute vor sich her, bis er mit derselben an dem westlichen Ufer anlangte, wo Pfadfinder mit seinen Gefährten ihn erwartete. In kurzen Worten berichtete er das Vorgefallene, dann lauschten alle angestrengt über das Wasser, aber nichts als das Brausen der wirbelnden Flut ließ sich vernehmen.

»Wir müssen fort,« sagte der Jäger endlich mit einer Stimme, der man ein unterdrücktes Beben anhörte. »Nehmt dieses Paddelruder und folgt uns in Eurem Kanoe, Jasper.«

»Aber die Schlange –« versetzte der junge Mann.

»Die Große Schlange steht in Gottes Hand und wird leben oder sterben, wie die Vorsehung beschließt. Wir können ihm nicht helfen und bringen uns nur selber in Gefahr, wenn wir hier müßig liegen bleiben. Noch ist die Finsternis uns günstig –«

Ein langes, lautes, gellendes Geheul am jenseitigen Ufer unterbrach ihn.

»Was mag das bedeuten, Meister Pfadfinder?« fragte Cap. »Christenmenschen sind es sicher nicht, die da so schreien, eher scheint es mir, als stimmten alle Teufel der Hölle ihren infernalischen Gesang an.«

»Christenmenschen sind es nicht, wohl aber mögt Ihr sie Teufel nennen,« antwortete der Jäger. »Das Geschrei ist ein Jubelruf; ich fürchte, der Häuptling der Delawaren ist tot oder lebendig in ihre Hände geraten.«

»Und wir!« rief Jasper, dem es wie ein Stich durchs Herz fuhr, daß er den Gefährten vielleicht hätte retten können.

»Wir vermögen ihm nichts zu nützen, mein Junge, wir müssen vielmehr machen, daß wir fortkommen.«

»Ohne einen Versuch zu wagen, ihm zu Hilfe zu kommen, ohne zu wissen, ob er noch am Leben ist?«

»Jasper hat recht,« nahm auch Mabel das Wort; »ich fürchte mich nicht und will gern hier warten, bis wir wissen, was aus dem Häuptling geworden ist.«

Cap sprach sich in demselben Sinne aus. Der Pfadfinder aber schob ungeduldig das Kanoe mit seinen Insassen in den Strom hinaus.

»Ihr redet so, weil Ihr alle nicht wißt, in welcher Gefahr Ihr schwebt,« sagte er. »Wir müssen die Garnison zu erreichen suchen und den Delawaren der Vorsehung überlassen. Der Hirsch, der zu oft zur Salzlecke geht, fällt endlich einmal dem Jäger in die Hände.«

Das endete den Streit. Eingehüllt in dichte Finsternis glitten die Kanoes den Fluß hinunter. Jasper meinte, daß man in zwei Stunden die Mündung erreichen könnte. Ohne Unfall gelangten sie durch die Enge und trieben nun auf dem glatten, schnellfließenden Wasser dahin. Pfadfinder hatte allen das tiefste Schweigen auferlegt; man vernahm nichts, als das Plätschern der Flut am Ufergestein und gelegentlich den Ruf eines Nachtvogels im Walde. Plötzlich glaubte des Jägers scharfes Ohr das Knacken eines Zweiges am westlichen Ufer zu hören.

»Das war der Fußtritt eines Menschen, wenn ich mich nicht sehr täusche,« sagte er leise zu Jasper, dessen Boot neben dem seinen trieb. »Sollten die verwünschten Irokesen ohne Kanoe den Fluß überschritten haben?«

»Vielleicht ist es der Delaware,« versetzte der junge Schiffer. »Laßt mich näher ans Land fahren und rekognoscieren.«

»Thut das, mein Junge; vermeidet aber jedes Geräusch mit dem Ruder und wagt Euch unter keiner Bedingung aufs Ungewisse aus dem Kanoe.«

Jasper glitt in die Finsternis hinein und war den andern bald aus den Augen, die ohne Aufenthalt flußabwärts weiter trieben. Nach einer Weile glaubte Pfadfinder wiederum knackende Zweige und sogar auch murmelnde Stimmen zu vernehmen.

»Ich mag mich irren,« sagte er, »denn man glaubt so gern, was das Herz wünscht; es war mir aber, als hörte ich den Delawaren leise sprechen.«

Alle lauschten mit verhaltenem Atem.

»Ich sehe etwas auf dem Wasser!« flüsterte Mabel, die seit Jaspers Verschwinden keinen Blick von der Uferseite verwendet hatte.

»Es ist das Kanoe,« versetzte der Jäger. »Alles muß gut stehen, sonst hätten wir etwas von dem Jungen gehört.«

Gleich darauf schwammen die beiden Fahrzeuge wieder nebeneinander; Jasper stand im Stern des seinen, im Buge desselben aber saß eine zweite Gestalt, in welcher Pfadfinder und Mabel sogleich den Delawaren erkannten.

»Chingachgook! Mein Bruder!« rief der Jäger mit bebender Stimme in der Muttersprache des Freundes. »Häuptling der Mohikaner, mein Herz ist hoch erfreut! Oft haben wir in Kampf und Blut bei einander gestanden, schon aber fürchtete ich, daß dies nie wieder geschehen sollte!«

»Hugh!« antwortete der Häuptling. »Die Mingos sind Weiber! Drei ihrer Skalpe hängen an meinem Gürtel.«

»Bist Du unter ihnen gewesen, Häuptling? Was wurde aus dem Krieger im Flusse?«

»Der ist ein Fisch geworden und liegt auf dem Grunde bei den Aalen. Mögen seine Brüder ihre Angeln nach ihm auswerfen. Ich habe die Feinde gezählt und ihre Büchsen berührt, Pfadfinder.«

Und nun berichtete er, wie er nach Überwindung seines Gegners ans Land geschwommen war, sich in der Dunkelheit unter die Irokesen gemischt und, auf eine Anfrage, für Pfeilspitze ausgegeben hatte, den er vorher unter den Feinden bemerkt. Er erlauschte ferner, daß die Mingos ausgezogen seien, um Mabel und ihren Onkel abzufangen, den sie für einen Mann von Rang und Ansehen hielten.

Pfadfinder teilte den andern das Gehörte mit, während die Kanoes schneller und schneller dahinschossen, dem letzten kleinen Falle zu, der noch vor der Flußmündung zu passieren war. Derselbe wurde glücklich überwunden und nach längerer Fahrt auf dem jetzt still und eben fließenden Strom wurde in der Ferne ein dumpfes, donnerndes Rauschen vernehmbar, das Jasper für die Brandung am Gestade des Ontario erklärte. Bald darauf landete man in einer kleinen Bucht; die Anrufe von Schildwachen ertönten, ein dunkler Wall ragte empor, eine Pforte öffnete sich, und ehe Mabel noch recht wußte, was mit ihr und um sie her vorging, lag sie in den Armen ihres Vaters, den sie so lange Jahre nicht gesehen hatte.

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