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Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister
publisherVerlag von Abel & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorE. Klingebeil
translatorFriedrich Meister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
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Erstes Kapitel.
Die Begegnung im Urwalde.

Inmitten des amerikanischen Urwaldes, hoch oben auf einem Haufen entwurzelter Waldriesen, die einer der in jenen Gegenden nicht seltenen Wirbelstürme aus dem Erdreich gerissen und dann in wildem Durcheinander bis zur Höhe von etwa dreißig Fuß emporgetürmt hatte, standen vier Menschen, bemüht, das sie rings umgebende und scheinbar endlose Blättermeer zu überschauen.

Zwei dieser vier Waldwanderer, ein Mann und eine Frau, gehörten der Rasse an, die alles amerikanische Land ursprünglich beherrscht hatte; sie waren Indianer vom Stamme der Tuskaroras. Dem dritten, einem Europäer, sah man auf den ersten Blick an, daß er ein Seemann war und den größten Teil seiner bereits recht zahlreichen Lebensjahre auf dem Ocean zugebracht hatte; seine Begleiterin, ein junges Mädchen von großer Schönheit, mochte einer Gesellschaftsklasse angehören, die von der seinigen nicht sehr verschieden war, ihrem Äußern und ganzen Wesen nach zu urteilen aber hätte sie auch den vornehmsten Kreisen zur Zierde gereicht.

Einer der Bäume lag mit seinem dicht verflochtenen und noch Rasen und Erde enthaltenden Wurzelende nach oben und gewährte so den vier Wanderern den bequemsten Standort.

»Onkel,« begann das Mädchen, das sich leicht auf den Arm ihres Gefährten lehnte, nach einem langen und entzückten Rundblick über das prächtige Landschaftsbild, »schau, das giebt dem Ocean, den du so lieb hast, gewiß nichts nach!«

»Da sieht man wieder, was so ein Mädel vom Ocean versteht,« erwiderte der alte Seefahrer achselzuckend. »Nur ein Kind konnte auf den Gedanken kommen, diese Handvoll Blätter mit dem Weltmeer zu vergleichen. Nein, Magnet« – eine Bezeichnung, die er seiner Nichte wegen ihres anziehenden Äußern verliehen hatte – »nein, Magnet, dieser ganze Wald reichte höchstens hin zu einem Sträußchen für Neptuns Knopfloch.«

»Du übertreibst wohl ein wenig, Onkel,« lächelte das Mädchen. »Sieh nur, meilenweit nichts als Bäume; überall Laub, und nichts als Laub, bis an den Horizont. Was bietet der Ocean mehr?«

»Das fragst du noch, Magnet?« versetzte der Seemann beinahe unwillig. »Wo ist hier das blaue Wasser? Wo sind hier die lang rollenden, schäumenden, brechenden Wogen? Wo die Wasserhosen und die Walfische? Wo die unaufhörliche, ewige Bewegung in diesem bischen Wald?«

»Schon recht, aber, mein lieber Onkel, wo sind die Baumwipfel, wo das erhabene Schweigen, wo die duftigen Blätter und das herrliche Grün auf deinem Ocean? Höre nur, dieses geheimnisvolle Rauschen ist das Atmen der Laubkronen.«

»Da wollt' ich nur, du hörtest mal einen Nordwester atmen, der schnauft ganz anders! Ja, wo sind hier die Stürme, die Orkane, die Passatwinde, die Levanter und wie sie sonst noch heißen, he? Und was für Fische schwimmen da unter dieser zahmen Oberfläche?«

»Daß es hier an Stürmen nicht fehlt, dafür zeugt diese Masse entwurzelter Bäume, auf der wir stehen, und auch Tiere giebt es genug unter diesem Blätterdach, wenn vielleicht auch keine Fische.«

»Das weiß ich nicht,« versetzte der Onkel hartnäckig. »Als wir die Reise antraten, da schwatzte man uns allerlei vor von wilden Tieren, die wir antreffen würden; noch aber habe ich keins gesehen und ich glaube auch nicht, daß selbst die schlimmste eurer Landbestien sich mit einem Hai aus den Tropen vergleichen kann.«

Das Mädchen, dessen Interesse mehr der schönen Landschaft als den Reden des Onkels zugewendet war, blickte jetzt aufmerksam nach einer bestimmten Richtung. »Dort drüben sehe ich einen Rauch aufsteigen!« rief sie. »Kann er aus einem Hause kommen?«

»Nach Menschen sieht er jedenfalls aus,« versetzte der Seemann. »Ich muß ihn unserm Führer, dem Pfeilspitze, zeigen, damit der nicht an einem Hafen vorbeisegelt, ohne es zu wissen. Denn wo es raucht, da findet sich wahrscheinlich auch eine Kombüse.«

Bei diesen Worten streckte er die Hand aus, berührte den nicht weit von ihm stehenden Indianer an der Schulter und wies ihm die dünne Rauchsäule, die sich, etwa eine englische Meile entfernt, aus der Blätterwildnis emporkräuselte und in der blauen Luft oberhalb derselben verlor.

Der Tuskarora, eine jener stolzen, wilden Häuptlingsgestalten, von denen der junge Leser in den vorhergehenden Erzählungen bereits einige kennen gelernt hat, erhob sich auf die Fußspitzen und lugte über den Wald hin.

»Ich denke, wir haben da Oneidas oder Tuskaroras vor uns, Pfeilspitze,« sagte Cap – dies war der Name des Seemanns – zu seinem indianischen Gefährten. »Vielleicht finden wir für die Nacht ein Unterkommen in ihren Wigwams.«

»Kein Wigwam da,« entgegnete Pfeilspitze ruhig. »Zuviel Baum.«

»Indianer müssen's aber sein,« beharrte Cap. »Vielleicht einige von euren alten Schiffsmaaten, Meister Pfeilspitze.«

»Nicht Tuskarora, nicht Oneida, nicht Mohawk – Bleichgesicht-Feuer,« antwortete der Indianer.

»Wie kann er das wissen, Onkel?« rief das junge Mädchen ganz erstaunt. »Dem Rauch ist doch nicht anzusehen, wer das Feuer anzündete.«

»Noch vor zehn Tagen hätte ich ebenso gesprochen, jetzt aber denke ich anders, Magnet. Sagt mir doch, Meister Pfeilspitze, warum meint Ihr, jenes Feuer sei von Bleichgesichtern und nicht von Rothäuten angemacht?«

»Nasses Holz,« entgegnete der Krieger. »Viel naß, viel Rauch; viel Wasser, schwarzer Rauch.«

»Bitte um Entschuldigung, Meister Pfeilspitze, aber da ist weder viel Rauch, noch ist der Rauch schwarz.«

»Zuviel Wasser,« wiederholte der Tuskarora gleichmütig. »Rothaut zu klug, machen nicht Feuer mit Wasser. Bleichgesicht zuviel Buch, brennt alles; viel Buch, wenig Wissen.«

»Das läßt sich hören,« nickte Cap, der einen Abscheu vor jeglicher Gelehrsamkeit hatte. »Aber laßt uns nun auch wissen, wie weit wir noch von dem Teich entfernt sind, den Ihr den Großen See nennt und den zu erreichen wir uns schon so viele Tage hier im Walde abquälen.«

Der Tuskarora sah den Seefahrer mit ruhiger Überlegenheit an; dann streckte er den Arm aus.

»Sieh,« sagte er, zum Horizont deutend, »Ontario!«

Cap blickte nach der angegebenen Richtung, dann zuckte er die Achseln. »Ich sehe nichts,« brummte er. »Ganz wie ich mir dachte. Na, hoffentlich finden wir auf der Pfütze Raum genug für unser Kanoe. Wenn Ihr jedoch meint, daß sich Weiße in der Nähe befinden, dann wäre es mir lieb, wenn wir dieselben aufsuchten.«

Der Tuskarora neigte zustimmend den Kopf und die Gesellschaft kletterte von dem gewaltigen Holzhaufen herab, den man erstiegen hatte, um sich über die Gegend zu orientieren. Pfeilspitze schlug vor, allein auf Kundschaft auszugehen; inzwischen sollten sein Weib und die beiden Bleichgesichter zu dem Kanoe zurückkehren, in welchem man bisher die Reise auf dem den Urwald durchschneidenden Flusse zurückgelegt hatte. Damit waren jedoch weder Onkel Cap, noch Mabel Dunham, seine Nichte, einverstanden; beide wollten den Indianer zu dem Feuer der Unbekannten begleiten, und so mußte sich schließlich die braune Gattin des Tuskaroras, deren Name Junitau war, allein auf den Weg zum Kanoe machen.

Von dem dunkelhäutigen Sohne des Waldes geführt, strebten unsere Abenteurer nunmehr durch die üppige Vegetation und das oft beinahe undurchdringliche Unterholz in der Richtung des Feuers vorwärts; je näher man der Stelle kam, desto leichter und unhörbarer wurde der Tritt des voraneilenden Indianers und desto sorgfältiger suchte derselbe sich durch die Stämme der Bäume zu decken. Endlich blieb er stehen und deutete eine schmale, gassenähnliche Lichtung hinab.

»Sieh, Salzwasser,« sagte er zu dem Seemann, »Bleichgesicht-Feuer!«

»Wahrhaftig, der Kerl hat recht!« murmelte Cap. »Da sitzen sie und schmausen so behaglich, als befänden sie sich in der Kajüte eines Dreideckers!«

»Pfeilspitze hat nur zur Hälfte recht,« flüsterte Mabel; »dort sind zwei Indianer und nicht mehr als ein Weißer.«

Der Tuskarora hielt zwei Finger empor und sagte: »Bleichgesichter,« und danach einen Finger erhebend, fügte er hinzu: »Rothaut.«

»Das ist von hier aus schwer zu unterscheiden,« versetzte Cap. »Der eine ist ohne Frage ein Weißer und ein hübscher und reputierlich aussehender junger Mensch obendrein; dann sehe ich deutlich einen Indianer, bemalt und verziert, wie solches Volk das liebt; aus dem dritten Mann aber werde ich nicht recht klug, der scheint mir keins von beiden, weder Brigg noch Schoner zu sein.«

»Bleichgesichter,« wiederholte Pfeilspitze, noch einmal zwei Finger zeigend, »roter Mann,« einen Finger erhebend.

»Ich glaube nicht, daß er sich täuscht, Onkel,« sagte Mabel, »sein Auge ist wunderbar scharf. Es kommt nun darauf an, zu wissen, ob wir Freunde oder Feinde vor uns haben. Vielleicht sind's Franzosen.«

»Das wird sich bald herausstellen,« meinte Cap; »ich werde sie anpreien. Stelle dich hinter den Baum da, Magnet, es könnte den Kerlen einfallen, eine Breitseite auf uns abzugeben, ehe sie ihre Flagge zeigen.«

Und seine Hände wie ein Sprachrohr an den Mund setzend, wollte er soeben einen seemännischen Anruf ertönen lassen, als der Tuskarora ihn mit schneller Bewegung daran hinderte.

»Roter Mann Mohikan,« sagte er, »gut; Bleichgesichter Yengeese (Engländer).«

»Das ist treffliche Kunde, Onkel,« rief Mabel erfreut. »Laß uns hingehen und uns als Freunde zu erkennen geben.«

»Gut,« nickte der Indianer beifällig. »Rothaut kühl und besonnen; Bleichgesichter voreilig, gleich schießen. Squaw mag gehen.«

»Was?« fuhr der alte Seemann auf. »Wir sollen Magnet allein vorschicken, während wir zwei Lubber hier in sicherem Versteck liegen bleiben? Nimmermehr!«

»Ich habe nichts zu fürchten, lieber Onkel,« entgegnete das Mädchen. »Welcher Christenmensch wird auf mich feuern, wenn ich allein komme? Und schlimmsten Falls bist du ja ganz in der Nähe.«

»So nimm wenigstens eine meiner Pistolen mit.«

»Nein, Onkel, meine Jugend und meine Schwäche werden mein bester Schutz sein,« lächelte Mabel, »beunruhige dich also nicht.«

Der Tuskarora nickte ihr beifällig und ermutigend zu und ohne Zögern machte sie sich auf den Weg. Noch war sie etwa fünfzig Schritte von dem Feuer entfernt, da knackte ein trockener Zweig unter ihrem Fuße. Blitzschnell sprangen zwei der Schmausenden, der Mohikaner und der Andere, aus dessen Farbe Cap nicht klug werden konnte, auf ihre Füße; als sie das Mädchen erblickten, setzte der Indianer sich gelassen wieder nieder, der weiße Mann aber ging der Herankommenden entgegen.

Derselbe, ein Mann im Anfang des mittleren Lebensalter, war halb indianisch und halb civilisiert gekleidet; auf seinem wettergebräunten Antlitz spiegelten sich feste Männlichkeit, treuherzige Offenheit und unbeugsame Rechtschaffenheit, so daß Mabel sogleich volles und unbedingtes Vertrauen zu diesem Fremdling faßte. Sie blieb stehen und erwartete ihn.

»Fürchtet nichts, junges Frauenzimmer,« begann der Jäger, denn als solchen kennzeichnete ihn sein Äußeres, »fürchtet nichts, Ihr habt in dieser Wildnis Christenmenschen gefunden, die keinem ein Leid thun, der ihnen harmlos und friedlich naht. Ich bin ein Mann, der in dieser Gegend wohlbekannt ist, vielleicht ist Euch einer meiner Namen bereits zu Ohren gekommen. Die Franzosen und die Rothäute jenseit der Großen Seen nennen mich La Longue Carabine oder die lange Büchse; bei den Mohikanern, einem edlen und tapfern Stamme, heiße ich Falkenauge; die englischen Soldaten und Waldläufer diesseits der Seen aber haben mir den Titel Pfadfinder gegeben, weil ich niemals eine Fährte verliere, ganz gleich, ob ein Mingo oder ein Freund dieselbe zurückließ.«

Kaum hatte Mabel die letzte Bezeichnung vernommen, als sie erfreut in die Hände klatschte.

»Pfadfinder!« wiederholte sie. »Dann seid Ihr der Freund, den mein Vater uns entgegenschicken wollte! Dem Himmel sei Dank!«

»Wenn Ihr die Tochter des Sergeanten Dunham seid, dann verhält sich das so wie Ihr sagt,« antwortete der Jäger, sein helles, durchdringendes Auge freundlich auf das liebliche Antlitz des Mädchens heftend.

»Die bin ich, ich heiße Mabel,« antwortete sie; »dort, hinter den Bäumen, wartet mein Onkel Cap und mit ihm ein Tuskarora, mit Namen Pfeilspitze. Wir glaubten erst am Ufer des Sees mit Euch zusammen zu treffen.«

»Ich wollte, Ihr hättet einen ehrlicheren Indianer zum Führer gehabt,« versetzte Pfadfinder. »Ich liebe die Tuskaroras nicht; dieser Pfeilspitze ist ein ränkesüchtiger Häuptling. Ist sein Weib Junitau mit ihm?«

»Ja, ein sanftes, demütiges Geschöpf,« sagte Mabel.

»Ganz recht, und ein treues und zuverlässiges,« nickte der Jäger, »was man von Pfeilspitze nicht sagen kann. Immerhin müssen wir nehmen, was der Herrgott uns bietet.«

Jetzt kamen auch Cap und der Tuskarora heran; sie hatten die freundliche Begrüßung gesehen und zögerten nun nicht länger, sich den Fremden zu zeigen. Mabel teilte ihnen kurz mit, was sie erfahren hatte, und dann schritten alle dem Feuer zu.

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