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Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder. Bearbeitet von Friedrich Meister
publisherVerlag von Abel & Müller
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorE. Klingebeil
translatorFriedrich Meister
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170212
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Neuntes Kapitel.
Kampf und Sieg.

»Ich danke Gott dafür, mein liebes Kind,« sagte der Verwundete leise und mühevoll; nachdem ihm ein Lager bereitet und sein brennender Durst gelöscht worden war, »daß du den mörderischen Kugeln der Feinde entronnen bist! Pfadfinder, sprecht doch, wie kommen die Irokesen hierher?«

»Das weiß ich selber noch nicht, Sergeant. Aber daß Verräterei dabei im Spiel ist, davon bin ich fest überzeugt.«

»Major Duncan hat also recht gehabt,« murmelte der Sergeant, seine Hand auf des Andern Arm legend.

»Nicht wie Ihr meint, Sergeant, nein, nicht wie Ihr meint – nimmermehr. Einen ehrlicheren Jungen als Jasper Western giebt es im ganzen Lande nicht.«

»Für das Wort danke ich Euch aus innerstem Herzen, Pfadfinder!« rief Mabel, während Thränen ihren Augen entströmten. »So soll es sein – der Brave soll zu dem Braven stehen, der Ehrliche zu dem Ehrlichen!«

Der Vater richtete den Blick starr und fragend auf die Tochter, bis diese ihr Antlitz in der Schürze verbarg, dann flog ein kaum merkliches, aber zufriedenes Lächeln über seine hageren Züge. Nach einer kleinen Weile begann er in kurzen, abgebrochenen Sätzen zu erzählen, was sich zugetragen, seit der Jäger und der Delaware sich von ihm getrennt hatten. Der Wind war plötzlich günstig geworden, so daß die Boote schon an diesem Abend die Stationsinsel zu erreichen vermocht hatten. Da niemand die Anwesenheit der Feinde ahnen konnte, landeten sie ohne Waffen, in der Absicht, zuerst ihre Tornister und den eroberten Proviant aus den Booten zu schaffen. Da trafen sie die feindlichen Kugeln und zwar aus solcher Nähe, daß die Wirkung, trotz der nächtlichen Dunkelheit, eine vernichtende war. Sämtliche Leute fielen, einige rafften sich jedoch später wieder auf und verschwanden im Gebüsch. Er selber vernahm, am Boden liegend, die Stimme seiner Tochter; das gab ihm soviel Kraft, daß er bis zur Thür des Blockhauses kriechen und sich an derselben emporrichten konnte.

Der alte Soldat schwieg erschöpft. Pfadfinder nahm die Gelegenheit war, einen Gang von Schießscharte zu Schießscharte zu machen und sodann die Musketen zu untersuchen, von denen sich ein ganzes Dutzend im Blockhause befand. Es verging eine halbe Stunde, während welcher Mabel mit angstvoller Besorgnis jeden Atemzug ihres in halber Bewußtlosigkeit daliegenden Vaters beobachtete.

Da pochte es leise an die Thür. Das Mädchen erhob sich und fragte, wer draußen sei. Die Antwort kam aus dem Munde des alten Cap, der dringend um Einlaß bat, der ihm sogleich gewährt wurde.

Als der wackere Seemann den hoffnungslosen Zustand seines Schwagers erkannte, konnte er kaum die Thränen zurückhalten. Es war ihm gelungen, der Aufsicht seiner Wächter zu entrinnen; Muir war, anscheinend tief schlafend, zurückgeblieben, er aber war gekommen, um seine Nichte zur Flucht in einem der Kanoes zu bereden. Unter den obwaltenden Umständen gab er natürlich diesen Gedanken auf.

»Wenn es zum schlimmsten kommt, Meister Pfadfinder,« sagte er, »dann streichen wir die Flagge, damit man uns das Leben läßt. Ehrenhalber müssen wir allerdings erst eine Weile fechten; denselben Vorschlag machte ich dem Quartiermeister, ehe die Wilden uns griffen, die Ihr so richtig Schelme und Schufte nennt –«

»Ihr habt sie also kennen gelernt!« unterbrach ihn Pfadfinder, der stets bereitwillig einstimmte, wenn es galt, seine Freunde zu loben, oder aber die Mingos zu schmähen. »Ganz andere Erfahrungen hättet Ihr gemacht, wenn Ihr den Delawaren in die Hände geraten wäret.«

»Mir scheinen alle Rothäute von gleicher Verdammnis zu sein,« versetzte Cap trocken, »Euern Freund, die Schlange, selbstverständlich ausgenommen, denn der ist ein Gentleman. Als die Mingos den armen Mac Nab und die andern Soldaten wie Kaninchen niedergeknallt hatten, da versteckten Muir und ich uns in einem der Felslöcher, die sich allenthalben auf diesem Eiland vorfinden, und da lagen wir so lange und mucksten nicht, bis endlich der Hunger uns wieder heraustrieb. Ich für meine Person habe nur vor dem Proviantmangel die Flagge gestrichen, und wer einmal achtundvierzig Stunden lang von nichts als Hunger gelebt hat, der wird zugeben müssen, daß mir nichts anderes übrig blieb. Jetzt aber will ich mich zu Bruder Dunham setzen und ihn trösten. Sind die Riegel vor, Magnet? Denn bei einer solchen Gelegenheit darf man nicht beunruhigt werden. Geh du hinauf ins Wohngemach und suche dich zu fassen, mein armes Mädchen; Pfadfinder kann derweil von der Bramraa Ausguck halten.«

Mabel entfernte sich schweigend, ebenso der Jäger, der zum Dach hinaufstieg. Cap ließ sich an der Seite des Verwundeten nieder, um demselben ab und zu ein mitleidiges und ermunterndes Wort zuzuraunen und ihm die nötigen Handreichungen zu thun. Der Sergeant aber war bereits so schwach, daß er seine Gedanken nur noch vorübergehend sammeln konnte.

»Bruder,« murmelte er als Antwort auf die Frage Caps, wie er sich fühle, »Bruder, ich fürchte, Jasper Eau-Douce hat ein falsches Spiel mit uns getrieben!«

»Ganz derselben Ansicht bin auch ich, Bruder,« versetzte der Seemann; »denn solch ein Süßwasserleben muß schließlich ja selbst den Charakter des besten Menschen verderben. Ich habe mit Lieutenant Muir das Ding lang und breit besprochen, während wir in dem Hungerloche lagen, und wir gelangten beide zu der Überzeugung, daß nur Jaspers Verräterei allein uns in solch eine Patsche bringen konnte. Was giebt's, Pfadfinder?« fuhr er gegen den aus der Luke des oberen Geschosses herablugenden Jäger gewendet fort. »Ist etwas im Winde? Ihr schleicht ja wie ein Mingo im Kielwasser eines Skalps.«

Pfadfinder winkte Schweigen und bedeutete Cap, herauf zu kommen und seinen Platz am Bette durchaus an dessen Tochter abzutreten.

»Die Schelme schicken sich an, das Blockhaus niederzubrennen,« sagte er leise. »Ich höre Pfeilspitzes Stimme; der Vagabund treibt das Gesindel an, die Nacht nicht ungenützt verstreichen zu lassen. Wir müssen uns bereit halten, Salzwasser. Zum Glück haben wir einige Fässer voll Wasser im Hause, können's also eine Weile aushalten. Auch rechne ich stark darauf, daß die Große Schlange für uns thun wird, was in ihren Kräften steht.«

Cap ließ nicht auf sich warten. Da kam von draußen ein Anruf. Es war die Stimme des Quartiermeisters.

»Meister Pfadfinder,« rief der Schotte, »ein Freund will mit Euch unterhandeln! Zeigt Euch an einer Schießscharte, Ihr braucht nichts zu fürchten, solange Ihr mit einem Offizier des 55. Regiments zu thun habt.«

»Was wollt Ihr, Quartiermeister?« entgegnete der Jäger. »Es muß ein wichtiges Geschäft sein, das Euch zu dieser nächtlichen Stunde hierher führt, recht unter die Mündung meines Killdeer!«

»Ihr werdet einem Freunde kein Leid thun, dessen bin ich sicher. Ich bringe Euch einen Rat, Meister Pfadfinder, einen guten Rat. Der Feind ist zu übermächtig für uns, mein braver Kamerad, deshalb möchte ich Euch empfehlen, das Blockhaus unter der Bedingung ehrenvoller Kriegsgefangenschaft zu übergeben.«

»Danke für den Rat, Quartiermeister, der ja obendrein nichts kostet. Es verträgt sich jedoch nicht mit meinen Gaben, einen festen Platz zu übergeben, solange Proviant und Munition vorhanden sind.«

»Ganz derselben Meinung wäre auch ich, wenn der Platz sich noch halten ließe. Aber seht, Meister Cap ist bereits gefallen –«

»Oho!« brüllte der alte Seebär durch ein Lugloch herab, »gefallen ist Meister Cap nicht, wohl aber gestiegen, und zwar bis zu dieser sicheren Höhe hinauf, und er denkt nicht dran, seinen Schopf wieder in die Hände solcher schuftiger Barbiere gelangen zu lassen, wenigstens nicht freiwillig!«

»Wenn das eines Lebenden Stimme ist, so freue ich mich darüber«, versetzte Muir. »Der Sergeant Dunham aber hat, nebst allen seinen Leuten, das Leben lassen müssen –«

»Das ist abermals ein Irrtum, Quartiermeister,« unterbrach ihn der Jäger. »Sergeant Dunham lebt und befindet sich bei uns, und so ist gewissermaßen die ganze Familie beisammen.«

»Nun, auch das höre ich gern, denn wir hatten den Sergeanten bereits mit Bestimmtheit zu den Gefallenen gezählt. Wenn die schöne Mabel aber ebenfalls noch im Blockhause ist, so möge sie es um Gotteswillen so schnell als möglich verlassen, da der Feind unverweilt Feuer daran legen wird.«

»Ich kenne die Wirkung des Feuers, Quartiermeister, und niemand braucht mir zu sagen, daß es noch zu etwas anderem, als zum Essenkochen, verwendet werden kann. Aber ich zweifle auch nicht, daß Euch die Wirkung meines Killdeer bekannt ist. Der Mann, der Reisig an dieses Haus zu schleppen wagt, soll einen Geschmack von ihm kriegen. Ich bin ein friedfertiger Mensch, wenn man mich in Ruhe läßt, wer mir aber das Haus über dem Kopfe anzustecken versucht, der soll das Feuer mit seinem Blute löschen!«

»Ich weiß, wessen Ihr fähig seid, Pfadfinder. Ihr werdet doch aber Mabel, die schöne Mabel Dunham, nicht in Todesgefahr bringen wollen?«

»Kein Haar auf Mabels Haupt soll gekrümmt werden, solange Aug' und Arm mir noch sicher sind. Ihr mögt den Mingos trauen, Meister Muir, ich kenne sie besser und traue ihnen nicht. Doch genug des Geschwätzes, laßt uns nun handeln, jeder seinen Kräften und Gaben gemäß.«

Während dieser Verhandlung hatte Pfadfinder sich sorgfältig gedeckt gehalten, um keinem meuchlerischen Schusse ausgesetzt zu sein. Jetzt sandte er Cap auf das Dach, wo dieser bereits zehn brennende Pfeile vorfand; ein wildes Geheul erhob sich unten, Schüsse krachten und zahlreiche Kugeln prasselten in die Balkenwände. Der Kampf hatte begonnen.

Pfadfinder und Cap trafen ihre Vorkehrungen in kühlster Ruhe, auch Mabel kam unter dem Schutze dieser erprobten Männer kein Gedanke an Furcht; ihre ganze Sorge galt dem Vater, der durch das Schießen in große Aufregung geriet. Er wähnte sich selber mitten in der Schlacht und begann laut zu rufen und zu kommandieren.

Plötzlich donnerte ein Kanonenschuß durch die Nacht, gefolgt von dem Krachen brechender und splitternder Balken. Das Geschoß war in das obere Stockwerk eingeschlagen und hatte, explodierend, das Blockhaus bis ins Fundament erschüttert. Das Mädchen stieß einen Schrei aus.

»Fürchtet nichts, Mabel,« rief Pfadfinder ihr zu. »Das war richtige Mingoarbeit – der Lärm größer als der Schaden. Die Vagabunden haben die Haubitze aufgestöbert, die wir den Franzosen abnahmen, und nun die einzige Granate verschossen, die vorhanden war. Der Spaß ist also vorläufig zu Ende.«

Jetzt aber vernahm Pfadfinder draußen das Geräusch vieler Füße und das Rascheln von dürrem Strauchwerk. Er rief Cap vom Dache herab und wies ihn an, mit einem Wasserfasse bereit zu stehen, um es rechtzeitig durch die Fußbodenöffnung auszugießen, die sich gerade oberhalb des Feuers befinden würde. Es kam dem erfahrenen Kämpfer hierbei weniger darauf an, das Feuer zu löschen, das er nicht sonderlich fürchtete, als darauf, beim Scheine desselben den Feinden eine Lektion zu erteilen, die dieselben für den Rest der Nacht in respektvoller Entfernung halten sollte. Er ließ daher die Irokesen ruhig das Reisig auftürmen und anzünden. Das Licht der auflodernden Flamme zeigte ihm einige halb im Dickicht versteckte dunkle Gestalten.

»Fertig, Freund Cap?« fragte er den Gefährten. »Gießt sorgfältig, damit kein Wasser unnütz verschwendet wird.«

»Fertig!« versetzte Cap.

»Dann wartet; noch eilt es nicht.«

Langsam hob der Jäger seine Büchse, zielte und schoß. »Ein Gewürm weniger,« murmelte er, absetzend und von neuem ladend. »Den Schelm kannte ich, er war ein unbarmherziger Teufel. Nun, er that nach seinen Gaben und empfing auch den Lohn, seinen Gaben gemäß. Jetzt noch einen, dann werden wir für die Nacht Ruhe haben. Der Morgen wird uns mehr Arbeit bringen.«

Ein zweiter Wilder fiel.

»Stürzt Euer Faß um, Meister Cap,« rief der Jäger. »Vorläufig werden die Schufte kein Feuer mehr anzünden.«

»Kopf weg!« schrie der alte Seemann durch das Loch hinunter und leerte dann das Faß mit solcher Ruhe und Umsicht, daß kein Tropfen verloren ging und die Glut vollständig ausgelöscht wurde.

Damit war der nächtliche Kampf zu Ende.

Als der Morgen graute, erstiegen die beiden Verteidiger wiederum das Dach. Eine niedrige Brüstung umgab dasselbe, als Schutz gegen feindliche Kugeln. Noch immer wehte der Wind frisch aus Süden und kräuselte das Wasser der Kanäle stellenweis zu Schaum. Cap lugte angestrengt in die Weite.

»Ein Segel!« rief er plötzlich laut und fröhlich.

Pfadfinder schaute nach der angegebenen Richtung. Draußen, in dem Gewirr von Wasser und Wald nahte sich ein Fahrzeug, das bei dem sturmartigen Winde nur wenig Leinwand stehen hatte, trotzdem aber wie im Fluge an den Lücken in der grünen Baumwildnis vorüber schoß.

»Das ist die ›Wolke‹!« rief Cap wieder. »Ich erkenne den Kutter an seinem Großsegel!«

»Wenn das wirklich Jasper ist, der da kommt,« versetzte Pfadfinder, »dann sind wir geborgen. Gott gebe nur, daß der Junge nicht auch in einen Hinterhalt fällt, wie es dem Sergeanten ergangen ist.«

»Wenn wir nur wüßten,« begann Cap bedächtig, »wie wir mit diesem Jasper daran sind. Wie, wenn er ein heimlicher Verbündeter der Franzosen ist? Der Sergeant neigt sehr stark dieser Ansicht zu, und es ist doch auch nicht zu leugnen, daß diese ganze Affaire häßlich nach Verrat schmeckt.«

»Das wird sich bald herausstellen, Meister Cap. Da kommt der Kutter; in fünf Minuten sind wir aller Zweifel ledig.«

Schäumend brauste das schmucke Fahrzeug jetzt auf dem Kanal heran, aber seltsam, nicht ein lebendes Wesen zeigte sich auf seinem Deck. Selbst das Ruder schien verlassen zu sein.

Cap öffnete anfänglich verwundert die Augen, bald aber entdeckte er, daß das Ruder von einem verborgenen Orte aus vermittelst einer Leine regiert wurde. Der Kutter hatte eine verhältnismäßig hohe Reeling; seine Besatzung hielt sich ohne Zweifel dahinter versteckt, um nicht den Kugeln der Feinde ausgesetzt zu sein. Pfadfinder schüttelte den Kopf. Die erhofften Hilfstruppen konnten sich schwerlich an Bord befinden.

»Die Schlange hat Oswego nicht erreicht,« sagte er, »auf Entsatz von seiten der Garnison haben wir also nicht zu rechnen. Hoffentlich hat Lundie den Jasper im Kommando gelassen; der Junge wäre ganz allein ein Bataillon wert. Es müßte schlimm zugehen, Meister Cap, wenn wir drei – Ihr als Seemann, um die Verbindung mit dem Kutter zu unterhalten, Jasper als wasser- und buschkundiger Ontariomann, und ich mit meinen Gaben – nicht mannhaft für Mabel zu kämpfen verstünden.«

»Das soll geschehen, Meister Pfadfinder,« antwortete Cap mit großer Energie. »Vorsichtig ist der Jasper übrigens, er bleibt in sicherer Entfernung vom Ufer, um erst abzuwarten, wie die Sachen hier liegen.«

»Jetzt hab' ich's!« rief der Jäger triumphierend. »Die Schlange ist an Bord, ich sehe sein Kanoe dort auf dem Deck! Der Häuptling hat Eau-Douce alles berichtet – wenn Eau-Douce auf dem Kutter ist, was Gott geben möge!«

»Ja, ja, das wäre ein Glück für uns,« nickte Cap; »denn, mag er nun ein Verräter sein, oder nicht, er weiß im Sturm mit einem Fahrzeug umzugehen, das muß ihm der Neid lassen.«

Die ›Wolke‹ war inzwischen ganz nahe herangekommen. Der Wind hatte zugenommen, die Wipfel der Bäume neigten sich tief und das Brausen in den Zweigen glich dem Tosen einer nahen Brandung. Die Luft war mit abgerissenen Blättern angefüllt, die in dichten Scharen von Insel zu Insel wirbelten. Diese Laute des Sturmes abgerechnet, lag das Eiland in tiefster Ruhe. Jetzt befand sich der Kutter dem Blockhaus gerade gegenüber. Cap und Pfadfinder lehnten sich über die Brüstung, und zu ihrer großen Freude sprang in diesem Augenblick Jasper drüben aus seinem Versteck hervor und sendete ein kräftiges Hurra herüber, das Cap sogleich ebenso kräftig erwiderte. Pfadfinder aber rief dem jungen Schiffer mit Stentorstimme zu:

»Steht Ihr zu uns, Jasper, dann haben wir gewonnen! Pfeffert in das Dickicht dort hinein, und Ihr werdet die Vagabunden aufscheuchen, wie Rebhühner!«

Der größte Teil dieser Worte wurde vom Winde verweht; die ›Wolke‹ jagte vorüber und war bald hinter Baum und Busch verschwunden, um, mit bewundernswertem Geschick gelenkt, das ganze Eiland kundschaftend zu umfahren. Jasper kannte hier jeden Zoll des Wassers wie des Landes, er wußte ganz genau, wie nahe er ans Ufer gehen durfte, und so riß er, kühn dicht am Gestade hinstreifend, die beiden Soldatenboote von ihren Ketten, schleppte sie mit sich und zugleich mit ihnen sämtliche Kanoes der Wilden, die an den Booten festgelegt waren. Als die Mingos von ihrem Hinterhalt aus sich ihrer Fahrzeuge beraubt sahen, erfüllten sie die Luft mit wütendem Geschrei und schossen, aus dem Gebüsch hervorbrechend, ihre Büchsen gegen den Kutter ab, ohne jedoch Schaden anzurichten. Während sie sich so bloßstellten, erkrachten auf seiten der Gegner zwei Schüsse. Der eine kam von dem Dache des Blockhauses und streckte einen der Mingos tot zu Boden. Der zweite Schuß fiel an Bord der ›Wolke‹ aus der Büchse des Delawaren und zerschmetterte einem andern Mingo das Bein. Die Leute des Kutters riefen Hurra und die Wilden verschwanden wieder, als versänken sie in der Erde.

»Das war die Stimme der Schlange,« sagte der Pfadfinder, als der zweite Schuß ertönte. »Ich kenne den Knall seiner Büchse so genau, wie den meines Killdeer. Es ist ein gutes Rohr, sichern Tod bringt's aber nicht.«

Die ›Wolke‹ hatte inzwischen wieder das Ende der Insel erreicht; hier ließ Jasper die Boote und Kanoes treiben; dieselben wurden vom Winde fortgeführt und gegen eine entfernte Landspitze geworfen. Darauf ließ er den Kutter über Stag gehen, segelte zurück und sandte aus seiner Haubitze einen Kartätschenhagel in das Dickicht, in welchem die Wilden versteckt lagen. Ein Volk Wildenten konnte nicht schneller zu Tage kommen, als die entsetzten Irokesen dies jetzt thaten. Wieder streckte Killdeer einen von ihnen nieder, wieder hinkte ein anderer, von Chingachgook getroffen, davon. Jetzt aber erschien Juni auf der Wahlstatt; sie trug eine weiße Flagge und Muir und der französische Offizier begleiteten sie. Pfadfinder und seine Freunde stellten die Feindseligkeiten ein.

Die drei stellten sich vor dem Blockhause auf, in der Schußlinie von Jaspers frisch geladener Haubitze und unter der Mündung des nie fehlenden Killdeer.

»Ihr habt gesiegt, Pfadfinder,« begann Muir die Verhandlung, »deshalb ist Kapitän Sanglier persönlich gekommen, mit Euch zu parlamentieren. Ihr werdet einem tapferen Feinde einen ehrenvollen Rückzug nicht weigern. Ich bin ermächtigt, von seiten des Feindes das Verlassen der Insel, den Austausch der Gefangenen und die Rückgabe der Skalpe anzubieten.«

Diese Worte, laut gesprochen, wurden sowohl im Blockhause, wie auch auf dem Kutter vernommen.

»Was meint Ihr, Jasper?« rief Pfadfinder diesem zu. »Sollen wir die Vagabunden laufen lassen, oder sollen wir sie noch zeichnen, wie die Leute in den Ansiedlungen ihre Schafe zeichnen?«

»Wie steht es mit Mabel Dunham?« fragte der junge Mann zurück. »Ist auch nur ein Haar ihres Hauptes berührt, dann soll dies der ganze Irokesenstamm schwer entgelten!«

»Hier ist sie!« antwortete Mabel, die beim Beginn der Unterhandlungen das Dach erstiegen hatte, in eigener Person. »Hier ist sie; und im Namen Gottes, zu dem wir alle beten, beschwöre ich euch alle, macht dem grausamen Kampfe ein Ende! Es ist genug Blut geflossen, und wenn diese Männer abziehen wollen, Pfadfinder, Jasper, o so haltet sie nicht auf! Mein armer Vater ist seinem Ende nahe, laßt ihn in Frieden aus der Welt scheiden! Geht, geht, ihr Franzosen und Indianer, wir sind nicht länger eure Feinde, wir werden euch nichts mehr zu leide thun!«

»Wie Mabel denkt, so denke auch ich,« nahm Pfadfinder das Wort. »Es ist in der That genug Blut geflossen. Recht thun bringt Ehre, unrecht thun Unehre, und ich halte es für unrecht, ohne Not und Zweck einen Menschen zu töten, auch wenn es nur ein Mingo wäre. Laßt also hören, Lieutenant Muir, was Eure Freunde, die Franzosen und Irokesen, noch zu sagen haben.«

»Meine Freunde?« fuhr Muir auf. »Nennt Ihr die Feinde des Königs meine Freunde, weil das Kriegsglück mich ihnen in die Hände lieferte? Da steht Meister Cap; fragt ihn, ob wir beide nicht alles thaten, was menschenmöglich war, um diesem Geschick zu entrinnen.«

»Das stimmt,« sagte Cap trocken. »Wir rissen aus und verkrochen uns in einer Höhle, wo wir jetzt noch liegen könnten, wenn wir uns besser auf das Hungern verstanden hätten. Ihr ranntet zu Loche so geschwind wie ein Fuchs, Quartiermeister; wie Ihr den Schlupfwinkel so schnell finden konntet, ist mir jetzt noch ein Rätsel.«

»Seid Ihr nicht hastig genug hinter mir hergelaufen? Es giebt Augenblicke im Menschenleben, wo der Verstand sich zur Höhe des Instinktes erhebt –«

»Und Lieutenants in Löcher hinunter kriechen,« ergänzte Cap mit einem Gelächter, in das Pfadfinder herzlich aber lautlos einstimmte.

Muir machte ein böses Gesicht, setzte dann aber die Verhandlungen fort. Im Verfolg derselben mußten alle auf der Insel befindlichen Wilden ohne Waffen und im Schußbereich der Haubitze zusammentreten; ihre Gewehre, Messer und Tomahawks verfielen den Siegern. Zwar versuchte der Kapitän Sanglier hiergegen Einwand zu erheben, Pfadfinder aber hatte bereits verschiedene durch indianische Verräterei verursachte Metzeleien erlebt und ging von dieser Bedingung nicht ab. Sodann wurden die Gefangenen ausgeliefert, zwei leicht verwundete und vier unverletzte Soldaten; die letzteren hatten sich bei jener meuchlerischen Salve nur aus Vorsicht zu Boden geworfen. Sie kamen alle mit ihren Waffen; Pfadfinder hieß sie das Blockhaus besetzen und stellte einen als Posten an die Thür.

Nachdem alles stipuliert und festgesetzt war, holte der Kutter die Kanoes wieder herbei. Die Irokesen wurden eingeschifft. Jasper nahm die Kanoes aufs neue ins Schlepptau und segelte mit ihnen eine Meile weit fort bis ins offenere Wasser, wo er sie loswarf. In jedem Kanoe befand sich ein Paddelruder, so daß die Wilden in der Lage waren, Kanada zu erreichen.

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