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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 9
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
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Siebentes Kapitel

Die hochherzige Mabel fühlte ihr Blut in den Adern pochen und ihre Wangen erröten, als der Kahn in den Strom einlenkte, um den Platz zu verlassen. Die Finsternis der Nacht hatte nachgelassen, da sich die Wolken zerstreuten; aber das überhängende Gehölz umnachtete die Ufer so sehr, daß die Kähne wie in einem dunklen Schacht, frei von Entdeckung, in der Strömung hinabfuhren. Dennoch durften sich die in den Kähnen Befindlichen keineswegs für sicher halten, und selbst Jasper, der für das Mädchen zu zittern begann, warf bei jedem ungewöhnlichen Ton, der von dem Walde aufstieg, besorgte Blicke umher. Das Ruder wurde mit Leichtigkeit und der äußersten Sorgfalt geführt, denn der geringste Ton mochte in der tiefen Ruhe dieser Stunde und dieses Ortes den wachsamen Ohren der Irokesen ihre Stellung verraten.

Alles dies erhob noch die großartigen Eindrücke der Lage des Mädchens und trug dazu bei, den gegenwärtigen Augenblick zu dem aufregendsten zu machen, der Mabel je in ihrem kurzen Leben vorgekommen war. Mutig, voll Selbstvertrauen, wie sie war, und noch gehoben durch den Stolz, den sie als ein Soldatenkind fühlte, konnte man kaum von ihr sagen, daß Furcht auf sie einwirke, aber ihr Herz schlug oft schneller als gewöhnlich, ihr schönes Auge strahlte, unbemerkt in der Finsternis, mit dem Ausdruck der Entschlossenheit, und ihre lebhaften Gefühle waren durch die Ereignisse dieser Nacht noch gesteigert.

»Mabel«, sagte Jasper mit unterdrückter Stimme, als die Kähne so nahe beieinander schwammen, daß die Hand des jungen Mannes sie zusammenhalten konnte. »Sie haben keine Furcht und vertrauen freimütig unserer Sorgfalt und unserem guten Willen Ihren Schutz – nicht wahr?«

»Ich bin eines Soldaten Tochter, wie Ihr wißt, Jasper Western, und müßte erröten, wenn ich Furcht bekennen sollte.«

»Verlassen Sie sich auf mich – auf uns alle. Euer Onkel, der Pfadfinder, der Delaware, wenn der arme Bursche hier wäre – und ich selbst werden eher alles wagen, ehe Ihnen ein Leid zustoßen soll.«

»Ich glaube Euch, Jasper«, erwiderte das Mädchen, indem sie unwillkürlich ihre Hand in dem Wasser spielen ließ. »Ich weiß, daß mich mein Onkel liebt und nie an sich selber denkt, ohne zuerst an mich gedacht zu haben; auch glaub' ich, daß ihr alle Freunde meines Vaters seid und gerne seinem Kind beisteht. Aber ich bin nicht so schwach und zaghaft, wie Ihr glauben mögt; denn obgleich ich nur ein Stadtmädchen und, wie die meisten von dieser Klasse, ein wenig geneigt bin, Gefahr zu sehen, wo keine ist, so versprech ich Euch doch, Jasper, daß keine törichte Furcht von meiner Seite der Ausübung Eurer Pflicht in den Weg treten soll.«

»Des Sergeanten Tochter hat recht, und sie ist wert, ein Kind des wackeren Thomas Dunham zu sein«, warf der Pfadfinder ein. »Ach, mein Kind, wie oft spähte oder marschierte ich mit Ihrem Vater an den Flanken oder der Nachhut des Feindes in Nächten, die dunkler waren als diese, und zwar unter Umständen, wo keiner wissen konnte, ob ihn nicht der nächste Augenblick in einen blutigen Hinterhalt führe. Ich war an seiner Seite, als er an der Schulter verwundet wurde, und der wackere Kamerad wird Ihnen erzählen, wenn wir zu ihm kommen, wie wir's anstellten, um über den Fluß zu setzen, der uns im Rücken lag, und seinen Skalp zu retten.«

»Er hat mir's erzählt«, sagte Mabel mit mehr Feuer, als in ihrer gegenwärtigen Lage klug sein mochte. »Ich habe Briefe von ihm, in denen er von allem Erwähnung tut, und ich danke Euch von Grund meines Herzens für Eure Dienste. Gott mög's Euch vergelten, Pfadfinder, und es gibt keine Erkenntlichkeit, die Ihr von der Tochter fordern könntet, die sie nicht mit Freuden für ihres Vaters Leben leisten würde.«

»Ja, das ist so bei euch sanften und reinen Geschöpfen. Ich hab' früher einige von euch kennengelernt und von anderen gehört. Der Sergeant selbst hat mir von seinen jüngeren Tagen erzählt, von Ihrer Mutter, von der Art, wie er um sie freite und von all den Querstrichen und widrigen Zufällen, bis er es zuletzt durchsetzte.«

»Meine Mutter lebte nicht lange genug, um ihn für alles zu entschädigen, was er tat, um sie zu gewinnen«, sprach Mabel mit bebender Lippe.

»So sagt' er mir. Der brave Sergeant hat gegen mich kein Geheimnis, und da er um manches Jahr älter ist als ich, betrachtete er mich auf unseren mannigfaltigen Späherzügen als so eine Art von Sohn.«

»Vielleicht, Pfadfinder«, bemerkte Jasper mit einer Unsicherheit der Stimme, die den beabsichtigten Scherz vereitelte, »würde er froh sein, in Euch wirklich einen zu besitzen?«

»Und wenn er's wäre, Eau-douce, läge etwas Arges darin? Er weiß, was ich auf der Fährte und als Kundschafter bin, und hat mich oft Aug' in Auge mit den Franzosen gesehen. Ich habe bisweilen gedacht, Junge, daß wir uns alle Weiber suchen sollten, denn der Mann, der beständig in den Wäldern und in Berührung mit seinen Feinden oder seiner Beute steht, muß zuletzt einige Gefühle seines Geschlechts verlieren.«

»Nach den Proben, die ich davon gesehen habe«, erwiderte Mabel, »möchte ich sagen, daß viele, die lange in den Wäldern leben, auch vergessen, so manches von der Hinterlist und den Lastern der Städte zu lernen!«

»Es ist nicht leicht, Mabel, immer in der Gegenwart Gottes zu weilen und nicht die Macht seiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienst in den Garnisonen besucht und, wie es einem braven Soldaten ziemt, versucht, an den Gebeten teilzunehmen; denn, obgleich ich nicht auf der Dienstliste des Königs stehe, so kämpfe ich doch in seinen Schlachten und diene seiner Sache. – Aber so sehr ich mich auch bemühte, den Garnisonsbrauch würdig mitzumachen, so konnt' ich mich doch nie zu den feierlichen Gefühlen und zu der treuen Hingebung erheben, die ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier steh' ich Angesicht in Angesicht mit meinem Meister. Alles um mich ist frisch und schön, wie es aus seiner Hand kommt. Da gibt's keine spitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten. Nein, nein; die Wälder sind der wahre Tempel Gottes, in dem die Gedanken sich frei erheben und über die Wolken dringen.«

»Ihr sprecht die Wahrheit, Meister Pfadfinder«, sagte Cap, »und eine Wahrheit, die alle kennen, die oft in der Einsamkeit leben. Was ist zum Beispiel der Grund, daß die Seeleute im allgemeinen so religiös und gewissenhaft in ihrem ganzen Tun und Lassen sind, wenn nicht das, daß sie sich so oft allein mit der Vorsehung befinden und so wenig mit der Gottlosigkeit des Landes verkehren? Oft hab' ich auf meiner Wache gestanden unter dem Äquator oder auf dem südlichen Ozean, wenn die Nächte leuchteten von dem Feuer des Himmels; und dies, meine Lieben, ist der geeignetste Zeitpunkt, dem sündigen Menschen seinen Zustand zu zeigen. Ich hab' mich unter solchen Umständen wieder und wieder niedergeworfen, bis die Wandtaue und Talje-Reepen meines Gewissens mit Macht erknarrten. Ich stimm' Euch daher bei, Meister Pfadfinder, und sage, wenn Ihr einen wahrhaft religiösen Mann sehen wollt, geht aufs Meer oder geht in die Wälder.«

»Onkel, ich habe geglaubt, die Seeleute stünden im allgemeinen in dem Ruf, daß sie wenig Achtung vor der Religion hätten?«

»Alles heillose Verleumdung, Mädel! Frag mal einen Seefahrer, was seine wirkliche Herzensmeinung über die Bewohner des Landes, die Pfarrer und alle übrigen sei, so wirst du was ganz anderes hören. Ich kenne keine Menschenklasse, die hierin mehr verleumdet wird als die Seeleute, und bloß darum, weil sie nicht zu Hause bleiben, um sich zu verteidigen und die Geistlichkeit zu bezahlen. Sie haben freilich nicht so viel Unterricht wie die Landratten, aber was das Wesen des Christentums anlangt, so bohren die Seeleute die Ufermenschen stets in Grund.«

»Ich will für alles dies nicht einstehen, Meister Cap«, entgegnete Pfadfinder, »obschon einiges davon wahr sein mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, seine Güte eher in der Verwirrung und Trübsal zu bewundern, als an einem feierlichen, ruhigen Tag, wo seine Stimme aus dem Krachen der toten Baumzweige oder im Gesang eines Vogels meinen Ohren wenigstens ebenso lieblich tönt, als wenn ich sie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müßte. Was meint Ihr, Eau-douce? Ihr habt's ebensogut mit Gewittern zu tun wie Meister Cap und müßt doch was von den Gefühlen kennen, die angesichts eines Sturmes auftauchen.«

»Ich fürchte, daß ich zu jung und unerfahren bin, um viel über diesen Gegenstand sagen zu können«, erwiderte Jasper bescheiden.

»Ihr fühlt aber doch was dabei!« sagte Mabel rasch. »Ihr könnt nicht – niemand kann unter solchen Szenen leben, ohne zu empfinden, wie sehr er des Vertrauens auf Gott bedarf.«

»Ich will meine Erziehung nicht zu sehr verleugnen und deshalb gestehen, daß ich bisweilen meine Gedanken habe, aber ich fürchte, daß dies nicht so oft geschieht, wie es sollte.«

»Frischwasser!« erwiderte Cap nachdrücklich. »Du wirst doch nicht zuviel von dem jungen Mann erwarten, Mabel. Ich denke, man nennt Euch bisweilen mit einem Namen, der alles dies bezeichnet, Eau-de-vie, nicht wahr?«

»Eau-douce«, entgegnete mit Ruhe Jasper, der sich bei Gelegenheit seiner Fahrten auf dem See sowohl die Kenntnis des Französischen wie auch mehrere Dialekte der Indianer zu eigen gemacht hatte. »Es ist der Name, den mir die Irokesen gegeben haben, um mich von einigen Gefährten zu unterscheiden, die einmal eine Fahrt auf dem Meer mitgemacht haben und nun die Ohren der Landbewohner mit Geschichten von ihren großen Salzwasserseen erfüllen.«

»Und warum sollten sie das nicht? Sie tun dadurch den Wilden keinen Schaden, und wenn's auch nichts zu ihrer Zivilisation beiträgt, so kommen sie dadurch doch nicht in eine noch größere Barbarei.«

»Die Bedeutung von Eau-douce ist süßes oder trinkbares Wasser«, erwiderte Jasper. »Aber man versteht bei uns Seeleuten unter Eau immer Branntwein, und unter Eau-de-vie einen Branntwein von höherer Stärke. Ich verdenke Euch übrigens Eure Unwissenheit nicht, denn sie ist Eurer Stellung angemessen.«

»Eau-douce oder Eau-de-vie«, unterbrach ihn der redliche und freimütige Pfadfinder, »ist jedenfalls ein braver Junge, und ich hab' immer so gesund geschlafen, wenn er auf Wache war, als wenn ich selbst aufgewesen wäre.«

»Ich mache keinen Anspruch auf Kenntnisse, die ich nicht besitze«, sprach Jasper, »und hab' nie gesagt, daß ich von Meer und Schifffahrt was verstehe. Wir steuern auf unseren Seen nach den Sternen und dem Kompaß und fahren von einem Vorgebirge zum anderen.«

»Ihr habt Eure Lote«, unterbrach ihn Cap.

»Sie sind von geringem Nutzen und werden selten ausgeworfen.«

»Das Tieflot –«

»Ich habe von solchem Ding mal gehört, muß aber gestehen, daß ich nie eins sah.«

»Oh, zum Henker!« rief Cap mit Heftigkeit. »Ein Schiffer und kein Tieflot! Junge, Ihr könnt keinen Anspruch drauf machen, so ein Stück von Seemann zu sein. Wer, zum Teufel, hat je von einem Schiffer gehört ohne Tieflot?«

»Ich mache keinen Anspruch auf besondere Geschicklichkeit, Meister Cap –«

»Das Schießen über die Fälle und die Stromengen ausgenommen, Jasper«, sagte Pfadfinder, der ihm zu Hilfe kam; »in diesem Geschäft müßt auch Ihr ihm, Meister Cap, Gewandtheit zugestehen. Wenn Jasper auch für die offene See nicht taugt, so hat er doch ein scharfes Auge und eine sichere Hand, wenn er über die Fälle setzt.«

»Aber Jasper taugt wohl – würde wohl für die offene See taugen«, sagte Mabel mit einer Lebhaftigkeit in ihrer hellen Stimme, daß alle mitten in der Stille aufhorchten; »ich meine, ein Mann, der hier so viel zu leisten vermag, kann dort nicht untauglich sein, wenn er gleich nicht so mit den Schiffen vertraut ist wie Onkel.«

»Schön, schön, unterstützt euch nur in eurer Unwissenheit«, erwiderte Cap mit höhnischem Lächeln. »Wir Seeleute haben immer die Mehrzahl gegen uns, wenn wir am Ufer sind, und können deshalb selten zu unserem Recht kommen; aber wenn's die Verteidigung gilt oder die Führung des Handels, da sind wir dann doch der Gutgenug!«

»Aber, Onkel, die Bewohner des Landes kommen doch nicht, um unsere Küsten anzugreifen. Es treffen also die Seeleute nur mit Seeleuten zusammen.«

»Da hat man wieder die Ignoranz! – Wo sind alle die Feinde, die in dieser Gegend gelandet haben, Franzosen und Engländer? Ich will nur das fragen.«

»Ja, wo sind sie?« rief Pfadfinder aus. »Niemand kann das besser sagen als die, Meister Cap, die sich in den Wäldern aufhalten. Ich hab' oft ihre Marschlinie verfolgt nach den Gebeinen, die im Regen bleichten; ich habe Jahre nachher ihre Spur bei Gräbern gefunden, nachdem sie und ihr Stolz lange verschwunden waren. Generale und Gemeine lagen durch das Land zerstreut als ebensoviel Beweise, was der Mensch ist, wenn ihn der Ehrgeiz leitet, mehr zu sein als seine Nebenmenschen.«

»Ich muß sagen, Meister Pfadfinder, daß Ihr bisweilen Meinungen äußert, die etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, der stets unter dem Gewehr lebt und selten die Luft anders als mit Pulverdampf gemengt atmet – eines Mannes, der kaum seine Hängematte verläßt, ohne einem Feind zu Leibe zu gehen.«

»Wenn Ihr glaubt, daß ich mein Leben im ewigen Krieg gegen mein Geschlecht zubringe, so kennt Ihr weder mich noch meine Geschichte. Der Mann, der in den Wäldern und an den Grenzen lebt, muß sich den Wechsel der Dinge gefallen lassen. Ich bin nur ein einfacher, machtloser Jäger, Kundschafter und Wegweiser und dafür nicht verantwortlich. Mein wahrer Beruf ist jedoch, für die Armee auf dem Marsch sowohl als in Friedenszeiten zu jagen; obgleich ich eigentlich im Dienste eines Offiziers stehe, der aber abwesend und in den Ansiedlungen ist, wohin ich ihm nie folgen werde. Nein, nein; Blutdurst und Krieg sind nicht meine eigentlichen Gaben, sondern Mitleid und Friede. Dem Feind aber blicke ich so gut wie ein anderer ins Gesicht, und was die Mingos betrifft, so betrachte ich jeden als eine Schlange, die man unter die Ferse tritt, sobald sich die Gelegenheit darbietet.«

»Schön, schön; ich hab' mich in Eurem Beruf geirrt, den ich für so regelmäßig kriegerisch hielt wie den eines Schiffskonstabels. Da ist nun auch mein Schwager; er ist von seinem sechzehnten Jahre an Soldat gewesen und betrachtet sein Gewerbe jedenfalls als ebenso respektabel wie das eines Seefahrers. Das ist nun freilich ein Punkt, über den es kaum der Mühe wert ist zu streiten.«

»Man hat meinen Vater gelehrt, daß es ehrenvoll sei, die Waffen zu tragen«, sagte Mabel, »denn auch sein Vater war Soldat.«

»Ja, ja«, fuhr der Kundschafter fort, »die meisten Gaben des Sergeanten sind kriegerisch, und er betrachtet die meisten Dinge dieser Welt nur über seinen Musketenlauf. So ist's auch einer von seinen Einfällen, ein königliches Gewehr einer regelmäßigen, langläufigen Büchse mit doppeltem Visierpunkt vorzuziehen. Aber solche Begriffe können wohl durch lange Gewohnheit aufkommen, und Vorurteil ist vielleicht der allgemeine Fehler der Menschennatur.«

»Am Lande, das geb' ich zu«, sagte Cap. »Ich komme nie von einer Reise zurück, ohne dieselbe Bemerkung zu machen. Als ich das letztemal eingelaufen war, fand ich in ganz York kaum einen Mann, der im allgemeinen über die Dinge und Gegenstände dachte wie ich. Jeder, mit dem ich zusammentraf, schien seine Ideen gegen den Wind aufgetaljet zu haben, und wenn er ein wenig von seinen einseitigen Ansichten abfiel, so war's gewöhnlich, um auf dem Kiel kurz umzuvieren und so dicht wie möglich auf einen anderen Gang anzulegen.«

»Versteht Ihr dies, Jasper?« flüsterte Mabel mit einem Lächeln dem jungen Manne zu, der sein eigenes Fahrzeug ganz dicht an ihrer Seite hielt.

»Es ist kein so großer Unterschied zwischen Salz- und Frischwasser, daß wir, die wir unsere Zeit darauf zubringen, uns nicht gegenseitig sollten verstehen können. Ich halt's für kein groß' Verdienst, Mabel, die Sprache unseres Gewerbes zu verstehen.«

»Selbst die Religion«, fuhr Cap fort, »liegt nicht mehr an derselben Stelle vor Anker wie in meinen jungen Tagen. Sie vieren und holen sie am Lande an, wie sie's mit anderen Dingen auch machen, und es ist kein Wunder, wenn sie hin und wieder festzusitzen kommen. Alles scheint zu wechseln, nur der Kompaß nicht, und auch der hat seine Abweichungen.«

»Wohl«, entgegnete Pfadfinder, »ich hab' aber immer das Christentum und den Kompaß für etwas ziemlich Beständiges gehalten.«

»Ja, wenn sie auf dem Meer sind, mit Ausnahme der Abweichungen. Die Religion auf dem Meer ist heute noch dasselbe, was sie war, als ich zum erstenmal meine Hand in den Teerkessel tauchte. Niemand wird mir das bestreiten, der die Gottesfurcht nicht aus den Augen läßt. Ich kann an Bord keinen Unterschied zwischen dem heutigen Zustand der Religion und dem aus der Zeit, da ich noch ein junges Bürschlein war, erkennen. So ist's aber keineswegs am Ufer. Nehmt mein Wort dafür, Meister Pfadfinder, es ist schwer, einen Mann zu finden – ich meine auf dem Festlande – dessen Ansichten über diesen Gegenstand noch genau dieselben sind wie vor vierzig Jahren.«

»Und doch ist Gott unverändert, seine Werke sind unverändert, sein heiliges Wort ist unverändert: Es muß daher auch alles, was zum Preis und zur Ehre seines Namens dient, unverändert sein.«

»Nicht an Land. Es ist das gerade das Miserabelste von dem Lande, daß es beständig in Bewegung ist, obgleich es fest aussieht. Wenn Ihr einen Baum pflanzt, ihn verlaßt und nach einer dreijährigen Reise wieder zurückkommt, so findet Ihr ihn nicht wieder, wie Ihr ihn verlassen habt. Die Städte vergrößern sich; neue Straßen tun sich auf, die Kajen werden verändert, und die ganze Oberfläche der Erde erleidet einen Wechsel. Ein Schiff aber, das von einer Indienfahrt zurückkommt, ist noch gerade so wie es aussegelte, wenn man den fehlenden Anstrich, die Abnützung der Schiffsgerätschaften und die Zufälligkeiten der Fahrt abrechnet.«

»Das ist nur zu wahr, Meister Cap, und daher um so mehr zu beklagen. Ach! Die Dinge, die man Verbesserungen nennt, dienen zu nichts, als das Land zu untergraben und zu verunstalten. Die herrlichen Werke Gottes werden täglich niedergeworfen und zerstört, und die Hand des Menschen scheint erhoben zu sein in Verachtung seines mächtigen Willens. Man hat mir gesagt, es seien schreckenerregende Zeichen dessen, was noch kommen soll, im Süden und Westen der großen Seen anzutreffen; denn ich selbst bin in diesen Gegenden noch nie gewesen.«

»Was meint Ihr damit, Pfadfinder?« fragte Jasper bescheiden.

»Ich meine die Stellen, die die Rache des Himmels bezeichnete oder die sich vielmehr als feierliche Warnungszeichen dem Gedankenlosen und Üppigen in den Weg stellen. Man nennt sie die Prärien, und ich hab' einen so wackeren Delawaren, als ich nur je einen kannte, erzählen hören, die Hand Gottes liege so schwer darauf, daß nicht ein Baum dort gedeihe. Eine solche Heimsuchung der unschuldigen Erde muß Scheu erregen und kann nur die Absicht haben zu zeigen, zu welchen schrecklichen Folgen eine unbesonnene Zerstörungssucht führen mag.«

»Und doch hab' ich Ansiedler gesehen, die sich viel von diesen offenen Plätzen versprachen, weil sie ihnen die Mühe der Lichtung ersparten. Euer Brot schmeckt Euch, Pfadfinder; und doch kann der Weizen dazu nicht im Schatten reifen.«

»Aber ein redlicher Wille, einfache Wünsche und die Liebe Gottes können's, Jasper. Selbst Meister Cap wird Euch sagen, daß eine baumlose Ebene einer öden Insel gleichen muß.«

»Kann sein«, warf Cap ein; »indes haben öde Inseln auch ihren Nutzen, denn sie dienen dazu, die Kursberechnungen zu korrigieren. Wenn es auf meinen Geschmack ankommt, so habe ich nie was gegen eine Ebene einzuwenden wegen ihres Mangels an Bäumen. Da die Natur mal dem Menschen Augen zum Umherblicken und eine Sonne zum Scheinen gegeben hat, so kann ich, wenn es nicht wegen des Schiffbaues oder hin und wieder wegen Errichtung eines Hauses wäre, in einem Baum keinen besonderen Nutzen entdecken, zumal wenn keine Affen oder Früchte darauf sind.«

Auf diese Bemerkung antwortete Pfadfinder nur durch einen leisen Ton, der die Absicht hatte, seine Gefährten zum Stillschweigen zu veranlassen. Während die Unterhaltung mit gedämpfter Stimme geführt wurde, waren die Kähne unter den tiefen Schatten des westlichen Ufers langsam mit der Strömung abwärts gegangen, ohne daß man sich der Ruder anders als zum Steuern bediente. Die Kraft des Stromes wechselte jetzt so bedeutend, daß das Wasser stellenweise ganz still zu stehen schien, indes seine Geschwindigkeit an anderen Orten mehr als zwei oder drei Meilen in der Stunde betragen mochte. Besonders drängte es an den Stromengen mit einer Eile vorwärts, die ein ungeübtes Auge erschrecken konnte. Jasper war der Meinung, daß sie mit der Strömung die Mündung des Flusses in zwei Stunden, von der Zeit ihrer Einschiffung an gerechnet, erreichen dürften, und er und Pfadfinder hatten es für geeignet gehalten, die Kähne so lange für sich schwimmen zu lassen, bis sie über die ersten Gefahren ihres neuen Kurses hinaus waren. Obgleich eine tiefe Ruhe in diesem fast endlosen Forst herrschte, sprach doch die Natur mit tausend Zungen in der beredten Sprache einer Nacht in den Wäldern. Die Luft seufzte durch Myriaden von Bäumen, das Wasser rieselte und brauste stellenweise an den Ufern, dann hörte man hin und wieder das Knarren eines Zweiges oder eines Stammes, der sich an einem anderen rieb und stieß. Aber alles Leben schwieg. Nur einmal glaubte Pfadfinder das Geheul eines entfernten Wolfes zu vernehmen; dieser Ton war jedoch so vorübergehend und zweifelhaft, daß seine Deutung wohl auf Rechnung der Einbildungskraft kommen konnte. Als er aber gegen seine Gefährten den Wunsch des Stillschweigens durch ein Pst! ausdrückte, hatte sein wachsames Ohr den eigentümlichen Ton erfaßt, der durch das Zerbrechen eines trockenen Baumzweiges hervorgebracht wird und der, wenn ihn seine Sinne nicht täuschten, von dem westlichen Ufer herkam. Wer einen solchen Ton öfter gehört hat, weiß, wie gut der Tritt, der den Zweig zerbricht, von jedem anderen Geräusch des Waldes zu unterscheiden ist.

»Es ist der Fußtritt eines Mannes am Ufer«, sagte Pfadfinder zu Jasper mit einer Stimme, die zwar nicht flüsternd, jedenfalls aber nicht laut genug war, um in einiger Entfernung gehört zu werden. »Können die verfluchten Irokesen schon mit ihren Waffen und ohne ein Boot über den Fluß gesetzt haben?«

»Es kann der Delaware sein. Möglich, daß er unseren Kurs am Ufer abwärts verfolgt, da er weiß, wo er uns zu finden hat. Laßt mich dichter ans Ufer fahren und rekognoszieren.«

»Geht, Junge, aber seid leicht mit dem Ruder, und in keinem Fall wagt Euch aufs Unsichere ans Ufer.«

»Ist das klug?« fragte Mabel mit einer Heftigkeit, die sie die Vorsicht, ihre Stimme zu dämpfen, vergessen ließ.

»Sehr unklug, meine Liebe, wenn Sie so laut sprechen. Ich liebe zwar Ihre angenehme Stimme, nachdem ich solange nur die der Männer gehört habe, aber sie darf sich doch nicht zu laut vernehmen lassen. Ihr Vater, der wackere Sergeant, wird Ihnen sagen, daß Schweigen auf einer Fährte eine doppelte Tugend ist. Geht, Jasper, und benehmt Euch klug in der Sache.«

Zehn drückende Minuten folgten dem Verschwinden von Jaspers Kahn, der von dem Pfadfinders so geräuschlos wegglitt, daß er in der Dunkelheit verschwunden war, ehe noch Mabel glauben konnte, der junge Mann werde wirklich ein Unternehmen wagen, das ihr die Phantasie mit so gefährlichen Farben malte. Während dieser Zeit fuhr die Gesellschaft fort, mit der Strömung zu schwimmen, ohne einen Laut, man möchte fast sagen, ohne einen Atemzug zu tun, um ja den leichtesten Ton, der vom Ufer herkäme, nicht zu überhören. Aber es herrschte dieselbe feierliche Stille wie früher. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es gegen ein leichtes Hindernis anstieß, und das Seufzen der Bäume unterbrach den Schlummer des Forstes. Schließlich wurde das Knacken dürrer Zweige wieder schwach gehört, und es war dem Pfadfinder, als ob er den Ton gedämpfter Stimmen vernähme.

»Vielleicht irr' ich mich, denn die Gedanken malen einem gern, was das Herz wünscht; aber ich glaube, diese Töne gleichen der gedämpften Stimme des Delawaren.«

»Gehen die Wilden auch im Tode noch umher?« fragte Cap.

»Ja, und jagen dazu – in ihren glücklichen Jagdgründen, aber nirgend anders. Mit einer Rothaut ist's auf der Erde aus, sobald der letzte Atemzug ihren Leib verlassen hat.«

»Ich seh' etwas auf dem Wasser«, flüsterte Mabel, die ihre Augen nicht von der Dunkelheit abgewandt hatte, seit Jasper in ihr verschwunden war.

»Es ist der Kahn«, erwiderte Pfadfinder mit großer Erleichterung. »Es muß alles gut stehen, sonst würden wir von dem Jungen gehört haben.«

In der nächsten Minute schwammen die zwei Kähne, die den Führern, erst als sie sich näher kamen, sichtbar wurden, wieder Seite an Seite, und man erkannte Jaspers Gestalt in dem Stern seines Bootes. Die Figur eines zweiten Mannes saß im Bug, und da der junge Schiffer sein Ruder in einer Weise regierte, daß das Gesicht seines Gefährten dem Pfadfinder und Mabel unter die Augen trat, so erkannten beide den Delawaren.

»Chingachgook – mein Bruder!« sagte der Pfadfinder in der Sprache des anderen mit einem Beben in seiner Stimme, das die Gewalt seiner Gefühle verriet – »Häuptling der Mohikaner! Mein Herz ist hocherfreut. Oft sind wir miteinander durch Blut und Streit gegangen! Aber ich habe gefürchtet, es werde nie wieder geschehen.«

»Hugh! – die Mingos sind Weiber! – Drei von ihren Skalpen hängen an meinem Gürtel. Sie wissen nicht die Große Schlange der Delawaren zu treffen. Ihre Herzen haben kein Blut, und ihre Gedanken sind auf dem Rückweg über die Wasser des großen Sees.«

»Bist du unter ihnen gewesen, Häuptling? Und was wurde aus dem Krieger, der im Fluß war?«

»Er ist zum Fisch geworden und liegt auf dem Grunde mit den Aalen. Laß seine Brüder die Angelhaken nach ihm auswerfen. Pfadfinder, ich hab' die Feinde gezählt und ihre Büchsen berührt.«

»Ah! Ich dachte, er würde verwegen sein«, rief der Kundschafter in englischer Sprache. »Der waghalsige Bursch ist mitten unter ihnen gewesen und hat uns ihre ganze Geschichte mitgebracht. Sprich, Chingachgook, damit ich unseren Freunden mitteilen kann, was wir selbst wissen.«

Der Delaware erzählte nun in gelassener und ernster Weise das Wesentlichste der Entdeckungen, die er gemacht hatte, seit ihn Jasper zuletzt im Flusse mit den Feinden hatte ringen sehen. Von dem Schicksal seines Gegners sprach er nicht mehr, da es gegen die Gewohnheit eines Kriegers ist, bei mehr ins einzelne gehenden Berichterstattungen groß zu tun. Sobald er aus diesem furchtbaren Kampf als Sieger hervorgegangen war, schwamm er gegen das östliche Ufer, stieg mit Vorsicht ans Land und nahm seinen Weg unter dem Schutz der Finsternis unentdeckt und im Grunde auch unbeargwöhnt mitten durch die Irokesen. Einmal wurde er angerufen; da er sich aber für Pfeilspitze ausgab, wurden keine weiteren Fragen an ihn gerichtet. Aus ihren Reden war ihm bald klargeworden, daß der Trupp ausdrücklich auf Mabel und ihren Onkel lauerte, über dessen Rang sie jedoch augenscheinlich im Irrtum waren. Er hatte auch genug erfahren, um den Verdacht zu rechtfertigen, daß Pfeilspitze sie ihren Feinden verraten habe, obgleich ein Beweggrund hierzu nicht leicht aufzufinden war, da er die Belohnung für seine Dienste noch nicht empfangen hatte.

Pfadfinder teilte von diesen Nachrichten seinen Gefährten nicht mehr mit, als er zu Milderung ihrer Besorgnisse für nötig hielt, indem er zugleich andeutete, daß es nun Zeit sei, ihre Kräfte zu brauchen, ehe sich die Irokesen von der Verwirrung erholt hätten, in die sie durch ihre Verluste geraten waren.

»Wir werden sie ohne Zweifel an der Stromenge wiederfinden«, fuhr er fort, »und dort müssen wir an ihnen vorbei oder in ihre Hände fallen. Die Entfernung von der Garnison ist nur noch gering, und ich hab' dran gedacht, mit Mabel zu landen, sie auf einigen Seitenwegen weiter zu geleiten und die Kähne ihrem Schicksal in den Stromschnellen zu überlassen.«

»Es wird nicht gelingen, Pfadfinder«, unterbrach ihn Jasper lebhaft. »Mabel ist nicht stark genug, um in einer solchen Nacht durch die Wälder zu gehen. Setzt sie in meinen Kahn, und ich will mein Leben verlieren oder sie über die Stromenge glücklich wegführen, so dunkel es auch sein mag.«

»Ich zweifle nicht, daß Ihr das werdet, Junge; niemand zweifelt an Euerm guten Willen, der Tochter des Sergeanten einen Dienst zu leisten; aber das Auge der Vorsehung muß es sein und nicht das Eurige, das Euch in einer Nacht wie diese glücklich über den Stromschuß des Oswego bringen kann.«

»Und wer wird sie denn zu Land glücklich nach der Garnison bringen? Ist die Nacht am Ufer nicht so dunkel wie auf dem Wasser? Oder glaubt Ihr, ich verstehe mich weniger auf meinen Beruf als Ihr Euch auf den Eurigen?«

»Kühn gesprochen, Junge; aber angenommen, ich verlöre meinen Weg in der Finsternis – und ich glaube, es kann mir niemand nachsagen, daß mir das je begegnet ist – angenommen, ich verlöre den Weg, so würde daraus kein anderes Unglück entspringen, als daß wir die Nacht im Walde zubringen müßten; indes eine falsche Wendung des Ruders oder ein breiteres Streichen des Kahns Euch und das junge Mädel in den Fluß werfen kann, aus dem, aller Wahrscheinlichkeit nach, des Sergeanten Tochter nicht mehr lebendig herauskommen wird.«

»Wir wollen das Mabel selbst überlassen; ich bin überzeugt, daß sie sich in dem Kahne sicherer fühlen wird.«

»Ich habe ein großes Vertrauen zu euch beiden«, antwortete das Mädchen, »und zweifle nicht, daß jeder tun wird, was er kann, um meinem Vater zu beweisen, wie wert er ihm ist. Aber ich bekenne, daß ich nicht gerne den Kahn verlassen möchte, da wir die Gewißheit haben, daß Feinde im Walde sind, wie wir sie gesehen haben. Doch mein Onkel mag in dieser Sache den Ausschlag geben.«

»Ich liebe die Wälder nicht, solange man eine so schöne Bahn wie hier auf dem Fluß vor sich hat. Außerdem, Meister Pfadfinder, um von den Wilden nichts zu sagen, Ihr überseht die Haifische.«

»Haifische! wer hat je von Haifischen in der Wildnis gehört?«

»Ach! Haifische oder Bären oder Wölfe – es ist gleichgültig, wie Ihr das Ding nennt. Es ist eben was, was die Lust und die Macht hat zu beißen.«

»Hilf Herr! Mensch, fürchtet Ihr ein Geschöpf, das in einem amerikanischen Forst gefunden werden kann? Ich will zwar zugeben, daß eine Pantherkatze ein ungebärdiges Tier ist; doch was will das heißen, wenn ein geübter Jäger bei der Hand ist? Sprecht von den Mingos und ihren Teufeleien, soviel Ihr wollt; aber macht mir keinen falschen Lärm mit Euren Bären und Wölfen.«

»Ja, ja, Meister Pfadfinder, das ist wohl alles gut genug für Euch, der Ihr wahrscheinlich den Namen einer jeden Kreatur hier kennt. Gewohnheit ist schon was und macht einen Mann kühn, wo er sonst vielleicht schüchtern wäre. Ich hab' in der Nähe des Äquators die Matrosen stundenlang unter fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Haifischen herumschwimmen sehen, und sie hatten dabei keine anderen Gedanken, als die sich ein Landbewohner macht, wenn er sonntags nachmittags unter seinesgleichen aus der Kirchentür geht.«

»Das ist außerordentlich!« rief Jasper, der sich in seiner Treuherzigkeit jenen wesentlichen Teil seines Gewerbes, den man die Fähigkeit, »ein Garn zu spinnen« nennt, noch nicht angeeignet hatte. »Ich hab' immer gehört, daß der Tod gewiß sei, wenn man sich in das Wasser unter die Haie wage.«

»Ich vergaß zu sagen, daß die Jungen immer Spillenbäume, Kanonenspacken oder Kuhfüße mit sich nahmen und die Bestien auf die Nase schlugen, wenn sie ihnen lästig wurden. Nein, nein, ich finde kein Behagen an Bären und Wölfen, obgleich ich mir aus einem Walfisch so wenig mache wie aus einem Hering, wenn er getrocknet und gesalzen ist. Mabel und ich halten besser Stich im Kahn.«

»Mabel würde gut tun, das Fahrzeug zu wechseln«, fügte Jasper bei. »Das meine ist leer, und der Pfadfinder wird zugeben, daß mein Auge auf dem Wasser sicherer ist als das seine.«

»Das tu ich mit Freuden, Junge. Das Wasser ist dein Element, und niemand wird leugnen, daß Ihr's aufs beste erprobt habt. Ihr habt recht, daß des Sergeanten Tochter in Euerm Kahn sicherer sei als in meinem, und obgleich ich gern selber in ihrer Nähe wäre, so liegt mir doch ihre Wohlfahrt zu sehr am Herzen, um sie nicht aufrichtig zu beraten. Bringt Euern Kahn dicht an unsere Seite, Jasper, damit ich Euch den kostbaren Schatz übergeben kann.«

»Ich betrachte sie wirklich als einen Schatz«, erwiderte der Jüngling, der keinen Augenblick verlor, um dieser Aufforderung nachzukommen; und als Mabel von dem einen Kahn in den anderen getreten war, setzte sie sich zu dem Gepäck, das bisher die einzige Last des Bootes ausgemacht hatte.

Jetzt trennten sich die Kähne und fuhren vorsichtig und ohne Geräusch in einiger Entfernung voneinander. Die Unterhaltung hörte nach und nach auf, und die Annäherung der gefürchteten Stromenge machte auf alle einen inhaltsschweren Eindruck. Es war fast gewiß, daß sich ihre Feinde alle Mühe gegeben hatten, diesen Punkt vor ihnen zu erreichen, und der Versuch, in der tiefen Dunkelheit auf dem Strom über ihn weg zu kommen, schien so wenig erfolgversprechend, daß der Pfadfinder der Überzeugung lebte, die Wilden hätten sich an beiden Ufern verteilt, in der Hoffnung, sie beim Landen abzufangen. Er würde auch seinen früheren Vorschlag nicht gemacht haben, wenn er es nicht seinen eigenen Fähigkeiten zugetraut hätte, dieses Vorgefühl eines günstigen Erfolgs von Seiten der Irokesen zu einer Vereitelung ihrer Pläne zu benützen. Da aber nun die Anordnung feststand, so hing alles von der Geschicklichkeit der Kahnführer ab. Denn wenn ein Fahrzeug auf einen Felsen stieß, so mußte es, wenn es nicht zertrümmert wurde, fast sicher festsitzen, und dann war man nicht nur den Zufällen des Stromes, sondern Mabel auch der Gewißheit ausgesetzt, in die Hände ihrer Verfolger zu fallen. Es war daher die äußerste Umsicht nötig, und jeder blieb zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um mehr zu äußern, als gerade die Dringlichkeit des Augenblicks erforderte.

Die Kähne stahlen sich ruhig vorwärts, und das Brausen der Stromenge wurde hörbar. Cap mußte seine ganze Tapferkeit aufbieten, um sich auf seinem Sitz zu erhalten, indes jene bedeutungsvollen Töne immer näher kamen, wobei die Finsternis kaum die Umrisse des waldigen Ufers und das darüber hängende dunkle Himmelsgewölbe erkennen ließ. Der Eindruck, den die Wasserfälle auf ihn gemacht hatten, arbeitete noch in seiner Seele, und seine Phantasie war nicht untätig, die Gefahren der Stromenge mit jenen des jähen Absturzes, den er durchgemacht hatte, gleich zu halten, wenn sie nicht Zweifel und Ungewißheit gar noch vergrößerten. Hierin war jedoch der alte Seemann im Irrtum, denn die Stromenge des Oswego und seine Fälle sind in ihrem Charakter und in ihrer Heftigkeit sehr verschieden, da die erstere nichts weiter als eine Stromschnelle war, die über Untiefen und Felsen geht, indes die letzteren den Namen, den sie trugen, in Wirklichkeit verdienten.

Mabel mochte allerdings Beklemmung und Furcht fühlen. Aber ihre ganze Lage war so neu, und das Vertrauen zu ihrem Führer so groß, daß sie sich in einer Selbstbeherrschung erhielt, deren sie wohl nicht mächtig gewesen wäre, wenn sie sich hätte klarere Vorstellungen von der Wahrheit machen können oder die Hilflosigkeit des Menschen besser gekannt haben würde, wenn es den Kampf gegen die Macht und Majestät der Natur gilt.

»Ist das die Stelle?« sagte sie zu Jasper, als ihr das Geräusch des Stromschusses zum erstenmal nah und deutlich zu Ohren kam.

»Sie ist's, und ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben. Unsere Bekanntschaft ist zwar noch jung, Mabel; aber wir leben hier in der Wildnis viele Tage in einem, und es kommt mir bereits vor, als ob ich Sie schon jahrelang gekannt hätte.«

»Auch ich fühle für Euch nicht wie für einen Fremden, Jasper. Ich habe Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit wie zu Euerm guten Willen, mir einen Dienst zu leisten.«

»Wir werden sehen, wir werden sehen. – Pfadfinder peitscht die Schnellen zu nahe am Mittelpunkt des Flusses; das Wasserbett ist gegen das östliche Ufer zu enger; aber ich kann mich ihm jetzt nicht verständlich machen. Halten Sie sich fest an den Kahn und befürchten Sie nichts.«

Im nächsten Augenblick hatte sie die rasche Strömung in den Schuß getrieben. Drei oder vier Minuten sah das mehr von heiliger Scheu als von Furcht ergriffene Mädchen rund um sich nichts als die Güsse glänzenden Schaumes und hörte nichts als das Brausen der Wasser. Zwanzigmal schien der Kahn von irgendeiner kräuselnden, glänzenden Welle, die man sogar in der Dunkelheit der Nacht erkennen konnte, überschüttet zu werden, und ebensooft glitt er unbeschädigt daran vorbei, getrieben durch den kräftigen Arm dessen, der seine Bewegungen leitete. Einmal, aber auch nur einmal, schien Jasper seine Herrschaft über die zerbrechliche Barke zu verlieren, und in einem kurzen Augenblick wirbelte sie rund herum; aber durch eine verzweifelte Anstrengung brachte er sie wieder in seine Gewalt, gewann das verlorene Fahrwasser zurück und fühlte sich bald für alle seine Beängstigungen dadurch belohnt, daß er den Kahn ruhig in dem tiefen Wasser unterhalb der Stromschnellen dahinschwimmen sah, ohne daß dieser von den überfluteten Wellen so viel abbekommen hätte, wie zu einem Trunk dienen könnte.

»Alles ist vorüber«, rief der junge Mann freudig. »Die Gefahr ist vorbei, und Sie dürfen nun hoffen, noch in dieser Nacht Ihren Vater zu umarmen.«

»Gott sei gepriesen! Jasper; Euch verdanken wir dieses große Glück.«

»Der Pfadfinder kann einen guten Teil des Verdienstes in Anspruch nehmen. Aber was ist aus dem andern Kahn geworden?«

»Ich sehe dort was auf dem Wasser. Ist es nicht das Boot unserer Freunde?«

Wenige Ruderschläge brachten Jasper an die Seite des fraglichen Gegenstandes. Es war der andere Kahn, leer und mit aufwärts gerichtetem Kiel. Der junge Mann hatte sich kaum über diesen Umstand Gewißheit verschafft, als er anfing, sich nach den Schwimmern umzusehen, und zu seiner großen Freude entdeckte er bald Cap, der mit der Strömung abwärts trieb. Der alte Seemann hatte die Gefahr des Ertrinkens dem Skalpieren vorgezogen, womit er beim Landen von den Wilden bedroht war. Er wurde, obschon nicht ohne Schwierigkeit, in den Kahn geholt, und damit hatte das Nachforschen ein Ende. Jasper war nämlich überzeugt, daß der Pfadfinder in dem seichten Wasser ans Ufer waten werde, um seine geliebte Büchse nicht verlassen zu müssen.

Der Rest der Fahrt war kurz, obgleich sie mitten in der Dunkelheit und Ungewißheit gemacht wurde. Nach einer kleinen Weile ließ sich ein dumpfes Getöse vernehmen, das zuweilen dem Rollen eines entfernten Donners und dann wieder dem Brausen der Wasser ähnelte. Jasper erklärte seinen Gefährten, daß sie nun die Brandung des Sees hörten. Vor ihnen lagen niedrige, gekrümmte Landspitzen, von denen die nächste eine Bai bildete.

Hier fuhr der Kahn ein und schoß geräuschlos an das kiesige Ufer. Dieser Übergang war so rasch erfolgt, daß Mabel die Vorgänge kaum fassen konnte. Im Laufe weniger Minuten kamen sie an den Schildwachen vorbei, das Tor wurde geöffnet, und das bewegte Mädchen fand sich in den Armen eines Vaters, der ihr fast ein Fremder geworden war.

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