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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 7
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
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Fünftes Kapitel

Es war ein atemloser Augenblick. Die Flüchtlinge konnten die Absichten ihrer Verfolger nur aus ihren Gebärden und den Zeichen erraten, die ihnen in der Wut der getäuschten Erwartung entschlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war fast gewiß und also der ganze Vorteil verloren, den man von dem Kunstgriff mit dem Feuer erwartet hatte. Diese Betrachtung war jedoch im gegenwärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Gesellschaft von denen, die im Wasser herunterkamen, mit augenblicklicher Entdeckung bedroht war. Alle diese Umstände traten vor die Seele des Pfadfinders, der die Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung erkannte und die Vorbereitungen zum Kampf traf. Er winkte den beiden Indianern und Jasper, näher zu kommen und teilte ihnen flüsternd seine Ansichten mit.

»Wir müssen schlagfertig sein, bereit sein«, sagte er. »Es sind nur drei von diesen skalplustigen Teufeln, und wir sind fünf, von denen vier als brave Krieger für solch ein Scharmützel betrachtet werden können. Eau-douce, nehmt Ihr den Burschen, der wie der Tod bemalt ist, aufs Korn; dir, Chingachgook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Pfeilspitze, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrtum stattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine sündhafte Verschwendung, wenn man eine Person, wie des Sergeanten Tochter, in Gefahr weiß. Ich selbst will die Reserve bilden, wenn etwa so ein viertes Gewürm erschiene oder eine eurer Hände sich als unsicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es sage. Wir dürfen nur im äußersten Notfall unsere Büchsen brauchen, da die übrigen Bösewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn sich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, so verlaß ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, so schnell Ihr könnt, der Garnison zutreibt.«

Der Pfadfinder hatte kaum diese Anweisungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tiefste Stillschweigen nötig machte.

Die Irokesen kamen langsam den Strom herunter und hielten sich in die Nähe des Gebüsches, das über das Wasser herhing, indes es das Rauschen der Blätter und das Rascheln der Zweige bald zur Gewißheit machte, daß sich ein zweiter Trupp längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Wasser gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künstlich angelegte Gebüsch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, so wurden sich die beiden Haufen gerade an den gegenüberliegenden Punkten ansichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Besprechung, die sozusagen über den Häuptern der Verborgenen weggeführt wurde. In der Tat wurden auch unsere Reisenden durch nichts geschützt als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, die so biegsam waren, daß sie jedem Luftstrom nachgaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windstoß weggeblasen worden wären. Glücklicherweise führte die Gesichtslinie die Augen der im Wasser stehenden Wilden und derer am Lande über das Gebüsch weg, dessen Blätter dicht genug schienen, um jeden Verdacht zu beseitigen. Vielleicht verhinderte nur die Kühnheit dieses Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Besprechung wurde mit Ernst, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerksamkeit irgendeines Lauschers vereiteln wollten. Sie geschah in einem Dialekt, den sowohl die beiden indianischen Krieger als auch der Pfadfinder verstand, während Jasper nur ein Teil des Gespräches deutlich wurde.

»Die Fährte ist durch das Wasser weggewaschen«, sagte einer von unten, der dem künstlichen Versteck der Flüchtigen so nahe stand, daß man ihn mit dem Lachsspieß hätte erreichen können, der in Jaspers Kahn lag. »Wasser hat sie so rein gewaschen, daß ihr der Hund eines Yengeese nicht zu folgen wüßte.«

»Die Bleichgesichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlassen«, antwortete der Sprecher am Ufer.

»Es kann nicht sein. Die Büchsen unserer Krieger unten sind sicher.«

Der Pfadfinder warf Jasper einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zusammen, um den Ton seines Atems zu unterdrücken.

»Laß meine jungen Leute um sich blicken, als ob ihre Augen Adler seien«, sagte der älteste Krieger unter denen, die im Fluß wateten. – »Wir sind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad gewesen und haben nur einen Skalp gefunden. Es ist ein Mädchen unter ihnen, und einige unserer Tapferen brauchen Weiber.«

Glücklicherweise gingen diese Worte für Mabel verloren; aber Jasper runzelte die Stirn, und sein Gesicht brannte.

Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unsere Versteckten hörten die langsamen und vorsichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer und das Rascheln des Gebüsches, das sie auf ihrem Wege behutsam zur Seite bogen. Sie waren augenscheinlich schon über das Versteck hinaus; aber das Häuflein im Wasser hielt noch an und prüfte das Ufer mit Augen, die aus ihren Kriegsfarben wie die Glut aus Kohlen herausfunkelten. Nach einer Pause von zwei oder drei Minuten fingen auch sie an, stromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menschen, die einen verlorenen Gegenstand suchen.

In dieser Weise kamen sie an dem künstlichen Schirm vorbei, und der Pfadfinder verzog seinen Mund zu dem herzlichen, aber lautlosen Lachen, das Natur und Gewohnheit zu einer Eigentümlichkeit dieses Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der Letzte des abziehenden Häufleins warf gerade in diesem Moment einen Blick zurück und hielt plötzlich an. Diese Bewegung und ein vorsichtiges Umschauen verriet ihnen auf einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachlässigte Büsche den Verdacht erregt hätten.

Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, der diese erschreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erst Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Besonnenheit und Bescheidenheit für einen Menschen von seinen Jahren sei und fürchtete mehr als alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folge eines falschen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurückzurufen, kehrte er wieder um, und während die anderen im Flusse weiterschritten, näherte er sich vorsichtig den Büschen, auf die er seine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, die der Sonne am meisten ausgesetzt gewesen, waren verwelkt, und diese leichte Abweichung von den gewöhnlichen Gesetzen der Natur hatte das rasche Auge des Indianers auf sich gezogen.

Die scheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, die er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, sie seinen Gefährten nicht mitzuteilen. Hatte sie ihn wirklich zu einer Entdeckung geleitet, so war sein Ruhm um so größer, wenn er ihn ungeteilt genoß; und war dies nicht der Fall, so durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, das die jungen Indianer so sehr scheuen. Hier drohten jedoch die Gefahren eines Hinterhalts und eines Überfalls, die jeden, auch den feurigsten Krieger der Wälder, zu einer langsamen und vorsichtigen Annäherung veranlassen; und infolge der aus den eben genannten Umständen fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis sechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfadfinders so nahe gerückt war, daß er sie mit den Händen erreichen konnte.

Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüsches war nur so leicht, daß der Irokese, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, vermutete, er habe sich getäuscht. Um aber seinem Verdacht auf die Spur zu kommen, bog der junge Krieger vorsichtig die Zweige auf die Seite und war mit einem Tritt in dem Versteck, wo die Gestalten der darin Befindlichen wie ebenso viele atemlose Statuen seinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Ausruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum gesehen und gehört, als sich der Arm Chingachgooks erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel seines Gegners niedersank. Der Irokese erhob wütend die Hände, stürzte rückwärts und fiel an einer Stelle ins Wasser, wo der Strom den Körper wegführte, dessen Glieder noch im Todeskampf zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolglosen Versuch, seinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, sich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgestreifte Wasser wirbelte stromabwärts und führte seine bebende Last mit sich fort.

Alles dieses geschah in weniger als einer Minute und erschien dem Auge so plötzlich und unerwartet, daß Leute, die weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren als der Pfadfinder und seine Genossen, nicht sogleich gewußt hätten, was beginnen.

»Es ist kein Augenblick zu verlieren«, sagte Jasper mit ernster, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüsch auf die Seite drückte. »Tut, was ich tue, Meister Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wissen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie sich der Länge nach in dem Kahn nieder.«

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es im Wasser watend längs dem Ufer hinschleppte, wobei Cap ihn am Stern unterstützte – sich so nahe wie möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Flusses zu gewinnen suchte, die die Gesellschaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächst am Land und mußte deshalb zuletzt das Ufer verlassen. Der Delaware sprang ans Land und verlor sich in den Wald, da er es für seine Aufgabe hielt, den Feind in dieser Gegend zu überwachen, indes Pfeilspitze seinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterstützte – um Jasper folgen zu können. All dieses war das Werk eines Augenblicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußwendung erreicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, das er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß ihn der Tuscarora mit seinem Weib verlassen hatte. Der Gedanke an Verrat blitzte in seiner Seele auf; aber es war keine Zeit anzuhalten. Der Klageruf, der sich weiter unten im Fluß erhob, verkündete, daß der weggeschwemmte Körper des jungen Indianers bei seinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun sah der Wegweiser, daß Jasper, nachdem er die Flußbeugung umrudert hatte, den Strom quer durchschnitt und beide, Jasper aufrechtstehend im Stern des Kahnes und Cap am Bug sitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderschlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunftsmittel erfolgte rasch aufeinander in der Seele eines Mannes, der so sehr an die Wechselfälle des Grenzkriegs gewöhnt war. Er sprang schnell in das Hinterteil seines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung und fing gleichfalls an, den Strom so weit unten zu kreuzen, daß seine Person eine Zielscheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Verlangen, sich einer Kopfhaut zu sichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde.

»Haltet Euch oberhalb der Strömung, Jasper«, rief der unerschrockene Führer, indem er das Wasser mit langen, festen und kräftigen Ruderschlägen peitschte, »haltet Euch immer über der Strömung und treibt gegen das Erlengebüsch drüben! Bewahrt vor allem des Sergeanten Tochter und überlaßt diese Schufte von Mingos mir und der Großen Schlange!«

Jasper schwenkte sein Ruder zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in rascher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächsten Kahn gerichtet war.

»Haha, knallt nur eure Schießprügel ab, ihr Dummköpfe«, brummte Pfadfinder in sich hinein, »knallt nur feste los auf ein unsicheres Ziel und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere zwischen uns zu legen! Ich will euch nicht tadeln wie ein Delaware oder Mohikaner; aber ihr seid wenig besser als die Leute aus den Städten, die auf die Spatzen in den Obstgärten schießen. Hoppla, das war gut gemeint« – er zog seinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von seinen Schläfen abgerissen hatte – »aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, ist ebenso nutzlos wie was stets im Flintenlauf bleibt. Brav getan, Jasper! Des Sergeanten süßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir alle unsere Kopfhäute darüber verlieren sollten.«

Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Flusses und fast an die Seite seiner Feinde gerudert, indes der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen bezeichneten Stelle am jenseitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann spielte nun seine Rolle männlich, denn er war auf seinem eigenen Element, liebte seine Nichte aufrichtig, hatte eine besondere Verehrung gegen seine eigene Person und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich sich seine Erfahrung auf eine ganz andere Art des Kriegsführens bezog. Einige Ruderstreiche brachten den Kahn in das Gebüsch; Mabel eilte mit Jasper ans Land, und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet.

Nicht so verhielt es sich mit dem Pfadfinder. Seine mutige Selbstaufopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage gebracht, die sich noch dadurch verschlimmerte, daß, als er gerade zunächst dem Feinde vorbeitrieb, der am Land befindliche Trupp am Ufer herunterglitt und sich mit seinen in dem Wasser stehenden Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieser Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den Büchsen entfernt, die ohne Unterlaß auf ihn abgefeuert wurden.

In dieser verzweifelten Lage tat die Festigkeit und Geschicklichkeit des Pfadfinders gute Dienste. Er wußte, daß seine Sicherheit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing, denn ein feststehender Gegenstand wäre in dieser Entfernung fast mit jedem Schusse getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn seine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirsch im Sprunge zu töten, wußten wahrscheinlich ihr Ziel so scharf zu nehmen, daß sie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er sah sich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wechseln und schoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles stromabwärts: im nächsten hielt er in dieser Richtung an und schnitt schräg in den Strom ein. Glücklicherweise konnten die Irokesen ihre Gewehre im Wasser nicht wieder laden, und das Gebüsch, das überall das Ufer säumte, machte es schwierig, den Flüchtling im Gesicht zu behalten, wenn sie ans Land stiegen. Unter dem Schutz dieser Umstände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn abgefeuert hatten, hatte Pfadfinder schnell, sowohl abwärts als in die Quere, eine sichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte.

Diese bestand in der Erscheinung des Trupps, der weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und den die Wilden in ihrem vorhin gehaltenen kurzen Gespräch erwähnt hatten. Die Zahl betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vorteile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, so hatten sie sich an einem Punkte aufgestellt, wo das Wasser zwischen den Felsen und über die Untiefen brandete: Stellen, die man in der Sprache dieser Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder sah wohl, daß er, wenn er in diese Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo sich die Irokesen aufgestellt hatten; denn die Strömung war unwiderstehlich, die Felsen erlaubten keinen anderen sicheren Durchgang, und so waren Tod oder Gefangenschaft die einzigen wahrscheinlichen Resultate eines solchen Versuches. Er strengte daher alle seine Kräfte an, um das westliche Ufer zu erreichen, da sich alle Feinde auf der Ostseite des Flusses befanden. Aber ein solches Unternehmen überstieg die Kraft eines einzelnen Menschen, und ein Versuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal so weit vermindert haben, daß dadurch einem sicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieser Not kam der Wegweiser mit seiner gewohnten schnellen Besonnenheit zu einem Entschluß, für den er alsbald seine Vorbereitungen traf. Anstatt sich zu bemühen, das Fahrwasser zu gewinnen, steuerte er gegen die seichteste Stelle des Stroms, und als er diese erreicht hatte, ergriff er seine Büchse und sein Bündel, sprang ins Wasser und fing an, von Felsen zu Felsen zu waten, wobei er seine Richtung gegen das westliche Ufer einschlug. Der Kahn wirbelte in der wütenden Strömung, rollte über einige schlüpfrige Steine, füllte und leerte sich wieder und erreichte endlich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo sich die Indianer aufgestellt hatten.

Indes war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den ersten Minuten erhielt die Bewunderung seiner Schnelligkeit und seines Mutes, dieser bei den Indianern so hoch geachteten Tugenden, seine Verfolger regungslos. Aber der Durst nach Rache und die Gier nach dem so hochgepriesenen Siegeszeichen überwältigten bald dieses vorübergehende Gefühl und weckten sie aus ihrer Erstarrung. Büchse um Büchse krachte, und die Kugeln sausten um des Flüchtlings Haupt, daß er sie durch das Brausen des Wassers hören konnte. Aber er schritt fort; gleich einem, der ein durch Zauberkraft geschütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Grenzmannes mehr als einmal durchlöchert wurde, so wurde doch nicht einmal seine Haut gestreift.

Da der Pfadfinder einigemal genötigt war, bis unter die Arme im Wasser zu waten, wobei er seine Büchse samt dem Schießbedarf über die wütende Strömung erhob, so wurde er von der Anstrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Stein – oder vielmehr einem kleinen Felsen – haltmachen zu können, der so hoch über den Fluß hervorragte, daß seine obere Fläche trocken war. Auf diesen Stein legte er sein Pulverhorn und stellte sich selbst dahinter, so daß sein Körper teilweise gedeckt wurde. Das westliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, schnelle, dunkle Strömung, die dazwischen hindurchschoß, verschaffte ihm die Überzeugung, daß er hier werde schwimmen müssen.

Die Indianer, die nur eine Weile ihr Feuer aussetzten, versammelten sich um den gestrandeten Kahn; und da sie dabei die Ruder fanden, so schickten sie sich an, über den Fluß zu setzen.

»Pfadfinder!« rief eine Stimme aus dem Gebüsch des westlichen Ufers.

»Was wollt Ihr, Jasper?«

»Seid guten Muts! – Es sind Freunde bei der Hand, und kein Mingo soll über den Fluß setzen, ohne für seine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht besser tun, Eure Büchse auf dem Felsen zu lassen und herüberzuschwimmen, ehe die Schurken flottmachen?«

»Ein braver Jäger läßt nie sein Gewehr im Stich, solange er Pulver im Horn und eine Kugel in der Tasche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt und könnte den Gedanken nicht ertragen, mit diesem Gewürm zusammengekommen zu sein, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulassen. Ein bißchen Wasser wird meinen Beinen nicht schaden, und ich sehe jenen Lumpenkerl, die Pfeilspitze, unter den Strolchen; ich möchte dem wohl einen Lohn zusenden, den er so redlich verdient hat. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit herunter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?«

»Sie ist in Sicherheit, wenigstens für den Augenblick, obgleich alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwischen uns und dem Feind behalten. Sie müssen jetzt unsere Schwäche kennen, und wenn sie übersetzen sollten, so zweifle ich nicht, daß ein Teil davon auf der anderen Seite bleiben wird.«

»Diese Kahnfahrt betrifft Eure Gaben näher als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde wie der beste Mingo, der je einen Lachs spießte. Wenn sie unterhalb der Stromenge kreuzen, warum sollten wir nicht ebensogut oberhalb über das ruhige Wasser setzen und sie durch das Hin und Her wie im Wolfspiel zum besten haben können?«

»Weil sie, wie gesagt, eine Partei auf dem anderen Ufer lassen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchsen der Irokesen bloßgeben?«

»Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden«, entgegnete der Wegweiser mit ruhiger Energie. »Ihr habt recht, Jasper; sie hat nicht die Gabe, ihren Mut dadurch zu bewähren, daß sie ihr hübsches Gesicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchse aussetzt. Was können wir tun? Wir müssen eben, wenn es möglich ist, das Übersetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unser Letztes versuchen.«

»Ich stimme Euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkstelligt werden kann. Aber sind wir auch stark genug für dieses Vorhaben?«

»Der Herr ist mit uns, Junge – der Herr ist mit uns; und es ist unvernünftig zu glauben, daß eine Person wie des Sergeanten Tochter in einer solchen Verlegenheit so ganz von der Vorsehung sollte verlassen werden. Es ist, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwischen den Fällen und der Garnison als unsere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothaut gehen, angesichts zweier Büchsen wie die Eurige und die meinige über den Fluß zu setzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allen Grenzorten wohl, daß der Wildtod selten fehlt.«

»Eure Geschicklichkeit ist nah und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchse braucht Zeit, um geladen zu werden; auch seid Ihr nicht an Land und durch ein gutes Versteck geschützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vorteile bedienen könntet. Wenn Ihr unsern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?«

»Kann ein Adler fliegen?« erwiderte der andere mit seinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte. »Aber es würde unklug sein, Euch selbst auf dem Wasser auszusetzen, denn diese Spitzbuben fangen wieder an, sich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern.«

»Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geschehen. Meister Cap ist nach dem Kahn hinaufgegangen und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu untersuchen, die von jener oberen Stelle in der Richtung Eures Felsens läuft. Seht, da kommt er schon, wenn er gut anlangt, so dürft Ihr nur den Arm ausstrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn er an Euch vorbeigehen sollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, so daß ich ihn wohl erreichen kann.«

Während Jasper noch sprach, kam der schwimmende Zweig näher. Er beschleunigte seine Geschwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und tanzte schnell abwärts auf den Pfadfinder zu, der ihn rasch ergriff und als ein erfolgversprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verstand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutsamkeit und Umsicht, zu deren Beobachtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strom. Er schwamm in derselben Richtung wie der Zweig, und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten.

»Das ist mit der Einsicht eines Grenzmannes ausgeführt, Jasper«, sagte der Wegweiser lachend. »Nun laßt diese schuftigen Mingos ihre Hähne spannen, denn dies ist das letztemal, daß sie imstande sind, auf einen Mann außerhalb eines Versteckes zu zielen.«

»Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein und springt hinein, wenn er abstößt. Man hat wenig Vorteil, wenn man sich der Gefahr aussetzt.«

»Ich lieb' es, Gesicht gegen Gesicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüberzustehen, wenn sie mir hierin das Beispiel geben«, erwiderte der Pfadfinder stolz. »Ich bin keine geborene Rothaut und will lieber offen fechten, als im Hinterhalt liegen.«

»Und Mabel?«

»Richtig, Junge, Ihr habt recht; des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und solche törichte Aussetzung ziemt bloß Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr da drüben den Kahn auffangen könnt?«

»Sicher doch! wenn Ihr ihm 'nen kräftigen Stoß gebt.«

Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke schoß quer über den trennenden Raum, und als sie gegen das Land kam, wurde sie von Jasper ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu sichern und geeignete Stellung in einem Versteck zu nehmen hatten, so blieb ihnen nur ein Augenblick, um sich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geschah, als ob sie sich nach langer Trennung wieder zum erstenmal gesehen hätten.

»Nun, Jasper, wir werden sehen, ob einer von diesen Mingos über den Oswego setzen kann, wenn ihm Wildtod die Zähne weist. Ihr seid vielleicht gewandter im Rudern als im Gebrauch der Büchse, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine sichere Hand, und das sind schon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen.«

»Mabel wird mich zwischen ihr und ihren Feinden finden«, sagte Jasper ruhig.

»Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beschützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer selbst willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr so auf den Schutz dieses schwachen Geschöpfs bedacht seid, in einem Augenblick, wo sie Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von diesen Schurken sind eben in den Kahn gestiegen. Sie müssen glauben, wir seien geflohen, sonst würden sie so was sicher nicht im Angesicht des Wildtodes gewagt haben.«

Die Irokesen schienen sich nun zu einer Kreuzung des Stromes anzuschicken; denn da sich Pfadfinder und seine Freunde sorgfältig versteckt hielten, fingen ihre Feinde an zu glauben, daß sie die Flucht ergriffen hätten. Diesen Ausweg würden auch wohl die meisten Weißen eingeschlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutz von Leuten, die zu sehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Verteidigung des einzigen Übergangspunktes zu vernachlässigen, der ihre Sicherheit gefährden konnte.

Von den drei Kriegern im Kahn lagen zwei auf den Knien im Anschlag, um jeden Augenblick ihrer tödlichen Waffe ein Ziel geben zu können; der dritte stand aufrecht im Stern und lenkte das Ruder. So verließen sie das Ufer, nachdem sie erst den Kahn vorsichtig stromaufwärts gehalten hatten, um in das stillere Wasser oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den ersten Blick sehen, daß der Wilde, der das Boot führte, seine Sache gut verstand, denn unter seinem langen und sicheren Ruderschlag flog das Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder über die glänzende Fläche.

»Soll ich Feuer geben?« fragte Jasper flüsternd und zitternd vor Begier, den Kampf zu beginnen.

»Noch nicht, Junge, noch nicht. Es sind ihrer drei, und wenn Meister Cap dort weiß, wie er die Schlüsselbüchsen, die in seinem Gürtel stecken, zu gebrauchen hat, so können wir sie immer ans Land kommen lassen. Wir werden dann den Kahn wiederkriegen.«

»Aber Mabel?«

»Fürchtet nichts für des Sergeanten Tochter. Sie ist ja, wie Ihr sagt, sicher in dem hohlen Baum, dessen Öffnung ihr klugerweise durch die Brombeerstaude verbargt. Wenn's wahr ist, was Ihr mir über die Weise, wie Ihr ihre Fährte verdeckt habt, erzähltet, so könnte das süße Geschöpf wohl einen Monat dort liegen und alle Mingos auslachen.«

»Wir sind dessen nie gewiß, und ich wünschte, wir hätten sie unserem eigenen Versteck näher gebracht.«

»Warum, Eau-douce? Um ihren niedlichen Kopf und ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszusetzen? Nein, nein, sie bleibt besser, wo sie ist, weil sie dort sicherer ist.«

»Wir hielten uns auch für sicher hinter dem Gebüsch, und doch habt Ihr selbst gesehen, daß wir entdeckt wurden –«

»Und der junge Teufel von Mingo seine Neugierde büßen mußte, wie es mir alle diese Schufte tun sollen –«

Der Pfadfinder unterbrach seine Worte, denn in diesem Augenblick schlug der Knall einer Büchse an sein Ohr. Der Indianer im Sterne des Kahnes sprang hoch in die Luft und fiel mit dem Ruder in der Hand ins Wasser. Ein leichtes Rauchwölkchen wirbelte aus einem der Gebüsche auf dem östlichen Ufer in die Höhe und verlor sich bald in der Atmosphäre.

»Das ist das Zischen der Großen Schlange!« rief der Pfadfinder frohlockend. »Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Brust eines Delawaren geschlagen. Es ist mir zwar leid, daß er sich in die Sache gemischt hat; aber er konnte unsere Lage nicht kennen, er konnte nicht wissen, wie wir stehen.«

Kaum hatte der Kahn seinen Führer verloren, so wurde er von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos und verwirrt blickten die zwei darin befindlichen Indianer um sich, vermochten es aber nicht, der Macht des Elementes Widerstand entgegenzusetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerksamkeit der meisten Irokesen von der Lage ihrer Freunde im Boot in Anspruch genommen wurde, sonst möchte ihm wohl das Entkommen zum mindesten schwer, wo nicht gar unmöglich geworden sein. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weitere Bewegung als die des Verbergens in irgendeinem Versteck. Jedes Auge war fest auf die beiden im Kahn befindlichen Abenteurer gerichtet. In kürzerer Zeit als nötig ist, um die Begebenheiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geschleudert, wobei sich die Wilden auf den Boden ausgestreckt hatten, da dies das einzige Mittel war, das Gleichgewicht zu erhalten. Aber auch dieser Ausweg schlug ihnen fehl, denn ein Stoß an einen Felsen stürzte das kleine Fahrzeug um, und beide Krieger wurden in den Fluß geschleudert. Das Wasser ist an solchen Engen selten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es sich Kanäle ausgewaschen hat. Es blieb ihnen deshalb von diesem Unfall wenig zu befürchten, obgleich ihre Waffen dabei verlorengingen. Sie waren nun genötigt, sich mit dem möglichsten Vorteil gegen das freundliche Ufer zurückzuziehen, bald schwimmend, bald watend, wie es die Umstände erforderten. Der Kahn selbst blieb an einem Felsen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Parteien gleich nutzlos wurde.

»Jetzt ist's an uns, Pfadfinder«, sagte Jasper, als die beiden Irokesen, während sie durch die seichteste Stelle der Stromschnellen wateten, ihre Körper am meisten aussetzten. »Der obere Bursche ist mein; Ihr könnt den unteren nehmen!«

Der junge Mann war durch alle Einzelheiten dieser beunruhigenden Szene so aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgesprochen hatte, die Kugel aus seinem Rohr flog – aber sie war augenscheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Geringschätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht.

»Nein, nein, Eau-douce«, erwiderte er, »ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel ist wohl gepflastert und sorgfältig aufgesetzt für einen besseren Augenblick. Ich liebe keinen Mingo, wie Ihr wißt, weil ich mich soviel bei den Delawaren, ihren natürlichen Todfeinden, umhertreibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen solchen Schuft brauchen, wenn sein Tod nicht zu irgendeinem guten Ziele führt. Ein Leben ist hinreichend für jetzt, und ich muß die Büchse nun zur Verteidigung der Schlange brauchen, der eine höchst verwegene Tat begangen hat, indem er diese Teufel so deutlich wissen ließ, daß er in ihrer Nachbarschaft ist. So wahr ich ein armer Sünder bin, da schleicht sich gerade einer von diesen Strolchen am Ufer hin, wie ein Junge in der Garnison hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen schießen will!«

Da der Pfadfinder, während er sprach, mit seinen Fingern zeigte, so konnte Jaspers schnelles Auge den Gegenstand, auf den sie gerichtet waren, rasch auffinden. Es war einer der jungen Krieger, der vor Begierde brannte, sich auszuzeichnen, und sich von seiner Partei weggestohlen hatte, gegen das Versteck hin, wo Chingachgook verborgen lag; und da dieser durch die scheinbare Apathie seiner Feinde getäuscht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für seine Sicherheit beschäftigt war, so hatte der Irokese augenscheinlich eine Stellung genommen, die ihm den Delawaren zu Gesicht brachte. Man konnte dies aus seinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chingachgook selbst war denen auf dem westlichen Ufer des Flusses nicht sichtbar. Die Stromenge befand sich an einer Krümmung des Oswego, und der Bogen des östlichen Ufers bildete eine so tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie seinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt stand. Aus diesem Grunde war auch die Entfernung beider Parteien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung so ziemlich die gleiche und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen.

»Schlange muß um den Weg sein«, sagte der Pfadfinder, der keinen Augenblick sein Auge von dem jungen Krieger abwandte. »Er sieht sich auf eine sonderbare Weise vor, wenn er einem solchen blutdürstigen Mingoteufel gestattet, so nahe zu kommen.«

»Seht«, unterbrach ihn Jasper, »da ist der Körper des Indianers, den der Delaware erschoß. Er wurde an einen Felsen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Gesicht aus dem Wasser gedrängt.«

»Ganz wahrscheinlich, Junge; ganz wahrscheinlich. Menschennatur ist wenig besser als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben daraus gewichen ist. Dieser Irokese wird niemanden mehr ein Leid tun; aber jener schleichende Wilde steht im Begriff, sich des Skalps meines besten und erprobtesten Freundes –«

Der Pfadfinder unterbrach sich plötzlich selbst und erhob seine Büchse, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo sie die nötige Höhe erreicht hatte. Der Irokese auf dem entgegengesetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnisvolle Bote aus dem Lauf des Wildtodes ereilte. Seine Büchse entlud sich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indes der Mann selbst in das Gebüsch stürzte, gewiß verwundet, wo nicht getötet.

»Dieses schleichende Reptil wollte es nicht besser«, brummte der Pfadfinder, indem er sein Gewehr sinken ließ und wieder neu zu laden anfing. »Chingachgook und ich haben von Jugend auf zusammen gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario und an allen anderen blutigen Pässen zwischen unserem und dem französischen Gebiet, und so ein törichter Schuft glaubt, ich werde dabeistehen und zusehen, wenn mein bester Freund in einem Hinterhalt erlegt wird!«

»Wir haben Chingachgook einen so guten Dienst getan wie er uns. Diese Schufte sind eingeschüchtert und werden in ihre Verstecke zurückgehen, wenn sie finden, daß wir sie über den Fluß hinüber erreichen können.«

»Der Schuß ist nicht von Bedeutung, Jasper. Fragt einen von dem Sechzigsten, und er wird Euch erzählen, was Wildtod tun kann und was er getan hat, selbst wenn uns die Kugeln wie Hagelkörner um die Köpfe sausten. Nein, der gedankenlose Rumstreicher ist selber schuld daran.«

»Ist das ein Hund oder ein Hirsch, was auf unser Ufer zuschwimmt?«

Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgendein Gegenstand oberhalb der Stromenge über den Fluß setzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der ersteren zugetrieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Mensch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang so tief im Wasser steckte, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegslist und richteten deshalb die schärfste Aufmerksamkeit auf die Bewegungen des Fremden.

»Er stößt was im Schwimmen vor sich hin, und sein Kopf gleicht einem Busch«, sagte Jasper.

»Es ist eine indianische Teufelei, Junge, aber christliche Ehrlichkeit wird alle ihre Künste zunichte machen.«

Als sich der Mann langsam näherte, begannen die Beobachter die Richtigkeit ihrer ersten Eindrücke zu bezweifeln, und erst als er zwei Dritteile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar.

»Chingachgook, so wahr ich lebe«, rief Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten blickte und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunstgriff lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten. »Er hat Gesträuch um seinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor sich hertreibt, und er kommt herüber, um sich mit seinen Freunden zu vereinigen. Ach! die schönen Zeiten, die schönen Zeiten, wo wir beide solche Schwänke gemacht haben, direkt unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingos, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum.«

»Es kann, genau betrachtet, doch nicht Schlange sein, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, dessen ich mich erinnere.«

»Was Zug! Wer sieht auf die Züge bei einem Indianer? – Nein, nein, Junge, seine Malerei ist's, die spricht, und nur ein Delaware würde diese Farben tragen . . . Dies sind seine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt und die Franzosen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern lassen mit all ihren Flecken von Fischgräten und Wildbretstücken. Ihr seht doch das Auge, Junge, und es ist das Auge eines Häuptlings. Aber, Eau-douce, so ungestüm es im Kampf und so glänzend es unter den Blättern blickt«, – hier legte der Pfadfinder einen Finger leicht, aber mit Nachdruck auf den Arm seines Gefährten, »so hab' ich's doch gesehen, wie es Tränen gleich dem Regen vergoß. Es ist eine Seele und ein Herz unter dieser roten Haut, verlaßt Euch drauf, obgleich diese Seele und dieses Herz Gaben haben, die von den unsrigen verschieden sind.«

»Niemand, der den Häuptling kennt, hat je hieran gezweifelt.«

»Ich aber weiß es«, erwiderte der andere stolz, »denn ich war in Freude und Leid sein Gefährte und hab' in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wie schwer er auch getroffen war, und in der anderen als einen Häuptling, der wohl weiß, daß selbst die Weiber seines Stammes anständig sind in ihrer Fröhlichkeit. Doch still! Es gleicht zu sehr den Leuten von den Ansiedlungen, schmeichelnde Reden in das Ohr eines anderen zu gießen, und Schlange hat scharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe und daß ich gut von ihm spreche hinter seinem Rücken; aber ein Delaware trägt Bescheidenheit in seiner innersten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an den Pfahl gebunden ist.«

Chingachgook hatte nun das Ufer gerade angesichts seiner Kameraden erreicht, mit deren Stellung er schon bekannt gewesen sein mußte, ehe er das östliche Ufer verließ. Als er sich aus dem Wasser erhob, schüttelte er sich wie ein Hund und rief in seiner gewohnten Weise – »Hugh!«

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