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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 5
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel

Die Wasser, die in die Südseite des Ontario einmünden, sind im allgemeinen schmal, träg und tief. Doch gibt es einige Ausnahmen, denn manche Flüsse haben reißende Strömungen oder Stromschnellen, wie man sie in diesen Gegenden nennt, andere haben Fälle. Zu diesen gehörte der Fluß, auf dem unsere Abenteurer ihre Reise fortsetzten. Der Oswego wird von dem Oneida und dem Onondago gebildet, die beide von Seen herkommen, und fließt etwa acht bis zehn Meilen durch ein wellenförmiges Land, bis er den Rand einer Art natürlicher Terrasse erreicht, von dem aus er zehn bis fünfzehn Fuß tief in eine andere Ebene hinabstürzt und durch diese in der stillen und ruhigen Weise eines tiefen Gewässers hingleitet, bis er seinen Zoll an den weiten Behälter des Ontario entrichtet. Der Kahn, in dem Cap und seine Gesellschaft vom Fort Stanwix hergekommen war, der letzten militärischen Station an dem Mohawk, lag an der Seite des Flusses und nahm die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders, auf, der am Land blieb, um das leichte Fahrzeug abzustoßen.

»Laßt den Stern vorantreiben, Jasper«, sagte der Mann der Wälder zu dem jungen Schiffer des Sees, der Pfeilspitzes Ruder ergriffen und selber die Stellung des Steuermanns eingenommen hatte, »laßt ihn mit der Strömung abwärts gehen. Wenn einige von diesen Mingoteufeln unsere Fährte auswittern und bis hierher verfolgen, so werden sie erst die Spuren im Schlamm untersuchen: und merken sie, daß wir das Ufer mit stromaufwärts gerichteter Nase verlassen haben, so müssen sie natürlich vermuten, daß wir aufwärts gerudert sind.«

Dieser Anweisung wurde Folge geleistet. Pfadfinder, der sich in der Blüte seiner Kraft und Tätigkeit befand, gab dem Kahn einen kräftigen Stoß und sprang mit einer Leichtigkeit in den Bug, die das Gleichgewicht des Fahrzeuges nicht im mindesten störte. Als sie die Mitte des Flusses, wo die Strömung am stärksten war, erreicht hatten, drehte sich das Boot und begann geräuschlos stromabwärts zu gleiten.

Das Fahrzeug, in dem sich Cap und seine Nichte zu ihrer langen und abenteuerlichen Reise eingeschifft hatten, war eines von den indianischen Rindenkanus, die wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit und Geschwindigkeit ungemein geeignet für eine Fahrt sind, wo Sandbänke, Treibholz und ähnliche Störungen so oft in den Weg treten. Die zwei Männer der ursprünglichen Gesellschaft hatten es ohne das Gepäck manche hundert Ellen weit geschleppt, und das Gewicht hätte wohl durch die Kraft eines einzelnen Mannes gehoben werden mögen. Immerhin war es lang, für einen Kahn weit, und nur die geringere Festigkeit mochte in den Augen der Uneingeweihten als ein Mangel erscheinen. An diesen Übelstand war man jedoch nach ein paar Stunden gewöhnt, und Mabel wie ihr Onkel hatten sich so weit in seine Bewegungen zu finden gelernt, daß sie nun mit vollkommener Gemütsruhe ihre Plätze festhielten. Auch belastete das Gewicht der drei Wegweiser die Kräfte des Kahns nicht über Gebühr, da der breite runde Bauch hinreichend Wasser verdrängte, ohne das Schandeck der Oberfläche des Stromes merklich näher zu bringen. Die Arbeit daran war zierlich, die Spannen klein und mit Lederwerk befestigt und der ganze Bau, so unbedeutend und unsicher er dem Auge erscheinen mochte, imstande, vielleicht die doppelte Personenzahl weiterzubringen.

Cap hatte einen niedrigen Quersitz in der Mitte des Kahnes, und Schlange kauerte neben ihm auf den Knien. Pfeilspitze und sein Weib saßen vor ihnen, da dieser seinen Platz hinten im Kahn verlassen hatte. Mabel hatte sich hinter ihrem Onkel halb auf ihr Gepäck zurückgelehnt, indes der Pfadfinder und Eau-douce, der eine im Bug, der andere im Stern, aufrecht standen und langsam, fest und geräuschlos die Ruder bewegten. Die Unterhaltung wurde mit gedämpfter Stimme geführt, denn alle begannen die Notwendigkeit der Vorsicht zu fühlen, da sie sich nun den Außenwerken des Forts mehr näherten und nicht mehr durch das Versteck des Waldes gedeckt waren.

Der Oswego war gerade auf dieser Strecke von tiefdunkler Farbe, nicht besonders breit, und der stille düstere Strom verfolgte seine Windungen unter überhängenden Bäumen, die an manchen Stellen das Licht des Himmels fast ganz ausschlossen. Hier und da kreuzte ein halbgefallener Waldriese nahezu die Oberfläche und machte Vorsicht nötig, indes am Ufer Bäume von niedrigerem Wuchs Zweige und Blätter ins Wasser senkten. Die Erde war gedüngt durch die vermoderte Vegetation von Jahrhunderten und bildete einen schwarzen Lehmgrund, während die Ufer des Stroms voll zum Überfließen waren. Kurz, die ganze Szene war die einer reichen und wohlwollenden Natur, ehe sie der Mensch unterworfen – verschwenderisch, wild, vielversprechend und auch in diesem rohesten Zustand nicht ohne den Reiz des Malerischen. In jener fernen Zeit gab es zwischen dem bewohnten Teil der Kolonie New York und den Grenzfestungen Kanadas zwei große militärische Verbindungskanäle, deren einer durch den Champlain- und Georgensee, der andere durch den Mohawk, den Wood-Creek, den Oneida und die oben genannten Flüsse vermittelt wurde. Längs dieser beiden Verbindungslinien waren militärische Posten aufgestellt. Diese fanden sich übrigens so spärlich, daß sich von dem letzten an dem Ursprung des Mohawks gelegenen Fort bis zum Ausfluß des Oswego eine unbesetzte Strecke von hundert Meilen ausdehnte, die Cap und Mabel nun größtenteils unter Pfeilspitzes Schutz zurückgelegt hatten.

»Ich wünsche mir wohl bisweilen die Zeit des Friedens wieder«, sagte der Pfadfinder, »wo man den Wald durchstreifen konnte, ohne es mit anderen Feinden als wilden Tieren und Fischen zu tun zu haben. Ach, wie manchen Tag hab' ich mit Schlange zwischen den Strömen bei Wildbret, Salmen und Forellen zugebracht, ohne an einen Mingo oder einen Skalp zu denken! Bisweilen wünsch' ich, diese gesegneten Tage möchten wiederkehren, denn die Jagd auf mein eigenes Geschlecht gehört nicht zu meinen eigentlichen Gaben. Ich bin überzeugt, daß des Sergeanten Tochter mich nicht für einen solchen Elenden hält, der seine Lust an Menschenblut hat!«

Nach dieser Bemerkung, die halb fragend gemacht wurde, blickte der Pfadfinder hinter sich; und obgleich selbst der parteiischste Freund seine sonnverbrannten, harten Züge kaum schön nennen konnte, so fand doch Mabel sein Lächeln, seinen gesunden Verstand und die Aufrichtigkeit, die aus seinem ehrlichen Gesicht leuchtete, sehr anziehend.

»Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Mann, wie Ihr ihn bezeichnet, ausgeschickt hätte, seine Tochter durch die Wildnis zu geleiten«, antwortete das Mädchen, indem sie sein Lächeln so freimütig, wie es gegeben wurde, nur mit etwas mehr Anmut, erwiderte.

»Er hätt's nicht, nein, er hätt's nicht getan. Der Sergeant ist ein Mann von Gefühl, und wir haben zusammen manchen Marsch gemacht und manchen Kampf ausgefochten – Schulter an Schulter, wie er's nennen würde –, obgleich ich mir die Glieder immer frei gehalten habe, wenn ein Franzose oder Mingo in der Nähe war.«

»So seid Ihr also der junge Freund, von dem mein Vater so oft in seinen Briefen gesprochen hat?«

»Sein junger Freund – der Sergeant ist gegen mich um dreißig Jahre im Vorteil, ja, er ist dreißig Jahre älter als ich, und nun ebensolange mein Vorgesetzter.«

»In den Augen der Tochter wohl nicht, Freund Pfadfinder«, warf Cap ein, dessen Lebensgeister wieder rege zu werden begannen, als er Wasser um sich fließen sah. »Dreißig Jahre werden von einem neunzehnjährigen Mädchen selten als Vorteil betrachtet.«

Mabel errötete, und während sie ihr Gesicht von den im Vorderteil des Kahnes befindlichen Personen abwenden wollte, begegnete sie dem bewundernden Blicke des jungen Mannes am Stern. Als letzte Zuflucht senkte sie nun ihr sanftes, blaues, ausdrucksvolles Auge gegen die Wasserfläche. Gerade in diesem Augenblick schwebte durch die Baumreihe ein matter, dumpfer Ton, getragen von einem leichten Luftstrom, der kaum ein Kräuseln auf dem Wasser hervorbrachte.

»Das klingt angenehm«, sagte Cap, und spitzte die Ohren gleich einem Hund, der entferntes Bellen hört.

»Es ist nur der Fluß, der eine halbe Meile unter uns über einige Felsen stürzt.«

»Ist ein Fall auf dem Strom?« fragte Mabel, indem sie noch höher errötete.

»Der Teufel! Meister Pfadfinder oder Ihr, Herr Eau-douce« (denn so begann Cap Jasper in der vertraulichen Weise der Grenzleute zu nennen), »konntet Ihr dem Kahn keinen besseren Strich geben und Euch näher ans Ufer halten? Diese Wasserfälle haben gewöhnlich Stromschnellen über sich, und ebensogut könnten wir uns dem Maelstrom wie ihrem Strudel anvertrauen!«

»Verlaßt Euch auf uns, verlaßt Euch auf uns, Freund Cap«, antwortete der Pfadfinder; »wir sind zwar Frischwasserschiffer, und ich darf mir nicht mal darauf viel zugute tun; aber wir kennen die Strömungen und die Wasserfälle, und während wir drübergehen, werden wir uns Mühe geben, unserer Erziehung keine Unehre zu machen.«

»Drübergehen!« rief Cap. »Zum Teufel, Mensch, Ihr werdet's Euch doch nicht träumen lassen, über einen Wasserfall zu fahren in dieser Nußschale von Barke?«

»Gewiß, der Weg geht über die Fälle, und es ist viel leichter, über diese wegzuschießen, als den Kahn auszuladen, und ihn samt seinem Inhalt zu Land eine Meile Wegs herumzutragen.«

Mabel kehrte ihr erblaßtes Antlitz gegen den jungen Mann am Stern des Kahnes, denn gerade jetzt hatte ein frischer Luftstrom das Getöse der Fälle aufs neue zu ihren Ohren getragen. Der Ton konnte wirklich Schrecken erregen, wo seine Ursache bekannt war.

»Wir dachten, die Frauen und die beiden Indianer ans Land zu setzen«, bemerkte Jasper ruhig, »indes wir drei weißen Männer, die wir ans Wasser gewöhnt sind, das Boot sicher darüber wegführen, denn wir sind schon oft über diese Fälle geschossen.«

»Und wir zählen auf Euern Beistand, Freund Seemann«, sagte der Pfadfinder, indem er Jasper über die Achsel zuwinkte, »denn Ihr seid des Wellensturzes gewohnt, und wenn nicht einer auf die Ladung acht hat, so möchten alle die feinen Sachen der Tochter des Sergeanten in der Flußwäsche zugrunde gehen.«

Cap war verwirrt. Der Gedanke, über die Fälle zu fahren, erschien seinen Augen vielleicht ernsthafter, als er denen vorkommen mochte, die mit der Führung eines Bootes gänzlich unbekannt waren; denn er kannte die Macht des Elements und die Ratlosigkeit des Menschen, wenn er solcher Wut ausgesetzt ist. Sein Stolz empörte sich aber gegen den Gedanken, das Boot zu verlassen, als er sah, mit welcher Festigkeit und Ruhe die anderen darauf bestanden, den Weg auf die bezeichnete Weise fortzusetzen. Ungeachtet dieses Gefühls und seiner sowohl angeborenen als erworbenen Festigkeit in Gefahren, würde er übrigens seinen Posten wahrscheinlich dennoch verlassen haben, wenn seine Phantasie nicht von den Bildern der auf Skalpe lauernden Indianer so ganz hingerissen gewesen wäre, daß er den Kahn gewissermaßen als ein Asyl betrachtete.

»Was fängt man aber mit Magnet an?« fragte er, als die Zuneigung zu seiner Nichte neue Gewissensskrupel in ihm aufsteigen ließ. »Wir können sie doch nicht ans Land setzen, wenn Indianer in der Nähe sind?«

»Nein, kein Mingo wird sich hier nähern; denn diese Stelle ist zu offen für ihre Teufeleien«, antwortete Pfadfinder zuversichtlich. »Es gehört zur Natur des Indianers, sich da finden zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wird. Auf besuchten Pfaden hat man ihn nicht zu fürchten, denn er wünscht immer, unvorbereitet zu überfallen, und die Schufte machen sich's zur Ehrensache, ihre Gegner auf einem oder dem anderen Wege zu täuschen. Streich ein, Eau-douce; wir wollen des Sergeanten Tochter am Ende jenes Baumstrunks landen, auf dem sie trockenen Fußes das Ufer erreichen kann.«

Die Einlenkung geschah, und in wenigen Minuten hatte die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des Pfadfinders und der beiden Seeleute, den Kahn verlassen. Ungeachtet des Stolzes auf sein Gewerbe würde jedoch Cap freudig gefolgt sein, wenn er sich nicht gescheut hätte, in Gegenwart der beiden Frischwasserschiffer eine so unzweideutige Schwäche an den Tag zu legen.

»Ich rufe alle zu Zeugen an«, sagte er, als sich die Gelandeten zum Abzuge anschickten, »daß ich diese ganze Sache für weiter nichts ansehe als für eine Kahnfahrt in den Wäldern. Es gilt keine Seemannskunst beim Hinunterstürzen über einen Wasserfall, und es ist eine Heldentat, die der unerfahrenste Schlingel so gut wie der älteste Matrose bestehen kann.«

»Nun, nun, Ihr habt nicht nötig, die Oswegofälle zu verachten, denn wenn sie schon keine Niagaras oder Genesees oder Cahoos oder Glenns oder sonstige Fälle Kanadas sind, so sind sie doch immer stark genug für einen Neuling. Laßt des Sergeanten Tochter auf jenen Felsen stehen, und sie wird sehen, wie wir unwissende Hinterwäldler über eine Schwierigkeit hingehen, unter der wir nicht wegkommen können. Nun, Eau-douce, feste Hand und sicheres Auge, denn alles liegt auf Euch, da, wie ich sehe, Meister Cap für nichts weiter als für einen Passagier zu rechnen ist.«

Als er geendet hatte, verließ der Kahn das Ufer. Mabel erreichte mit schnellem und zitterndem Schritt den ihr bezeichneten Felsen und sprach mit ihrer Begleiterin über die Gefahr, in die sich ihr Onkel so unnötigerweise begeben hatte, indes ihr Blick unverwandt auf der behenden und kräftigen Gestalt von Eau-douce ruhte, der aufrecht im Stern des leichten Bootes stand und die Bewegungen leitete. Als sie jedoch die Stelle erreicht hatte, wo sich ihr die Aussicht über den Wasserfall öffnete, stieß sie einen unwillkürlichen, aber unterdrückten Schrei aus und bedeckte sich die Augen. Im nächsten Augenblick ließ sie aber die Hände wieder sinken, und nun stand das hingerissene Mädchen unbeweglich wie eine Statue und beobachtete mit verhaltenem Atem, was vorging. Die zwei Indianer setzten sich teilnahmslos auf einen Baumstamm, kaum gegen den Strom hinblickend, indes Pfeilspitzes Weib sich Mabel näherte und auf die Bewegungen des Kahns mit derselben Spannung zu achten schien, mit dem die Blicke der Kinder den Sprüngen eines Gauklers folgen.

Als das Boot in der Strömung war, sank Pfadfinder auf die Knie und fuhr fort zu rudern. Er tat es doch nur langsam und derart, daß es die Bemühungen seines Gefährten nicht beeinträchtigte. Jasper stand noch aufrecht, und da er sein Auge auf irgendeinen Gegenstand jenseits des Falles gerichtet hielt, so war es augenscheinlich, daß er sorgfältig die für ihre Passage geeignetste Stelle ausspähte.

»Mehr West, Junge! mehr West«, brummte Pfadfinder; »da wo Ihr den Wasserschaum seht. Bringt den Gipfel der toten Eiche in eine Linie mit dem Stamm der dürren Schierlingstanne.«

Eau-douce gab keine Antwort, denn der Kahn war in der Mitte des Flusses, mit dem Schnabel gegen den Fall gekehrt, und fing nun an, seine Bewegungen zu beschleunigen, da sich die Gewalt der Strömung mehrte. In diesem Augenblick würde Cap mit Freuden auf alle ruhmvollen Ansprüche, die er bei dieser Unternehmung erwerben konnte, verzichtet haben, wenn er nur mit heiler Haut das Ufer hätte erreichen können. Er hörte das Geräusch des Wassers wie ein entferntes Donnern, das immer lauter und deutlicher wurde, und vor sich sah er eine Linie den Wald durchschneiden, in der sich das erzürnte grüne Element zu weiten schien und zu leuchten, als ob es eben im Begriff sei, die Elemente seines Zusammenhangs zu zerstören.

»'runter mit Euerm Steuer, Mensch, 'runter mit Euerm Steuer!« rief er aus, unfähig, seine Beängstigung länger zu unterdrücken, als der Kahn auf den Rand des Falles losglitt.

»Ha, ha, 'runter geht's, sicher genug«, antwortete Pfadfinder, indem er einen Augenblick mit seinem stillen, munteren Lachen hinter sich blickte, »'runter gehen wir, sicherlich! Hoch den Stern, Junge, noch mehr, Junge – so!«

Das übrige ging mit der Schnelligkeit des Windes. Eau-douce gab mit dem Ruder den erforderlichen Schwung, der Kahn schoß in das Fahrwasser, und auf einige Augenblicke war es Cap, als sei er in einen Kochkessel gestoßen. Er fühlte die Kahnspitze sich biegen, sah das wildbewegte, schaumige Wasser in tollem Wogen an seiner Seite tanzen und bemerkte, daß das leichte Fahrzeug, in dem er schwamm, wie eine Nußschale umhergewirbelt wurde. Dann entdeckte er zu seiner ebensogroßen Freude wie Überraschung, daß es unter Jaspers sicherem Ruderschlag quer durch das ruhige Wasserbecken glitt, das sich unter dem Fall befand.

Der Pfadfinder fuhr fort zu lachen, erhob sich von seinen Knien, brachte eine zinnerne Kanne nebst einem Hornlöffel hervor und fing an, bedächtig das Wasser, das während ihrer Überfahrt in den Kahn gedrungen war, zu messen.

»Vierzehn Löffel voll, Eau-douce; vierzehn wohlgemessene Löffel voll. Ihr müßt zugeben, daß ich Euch mit bloß zehn habe übersetzen sehen.«

»Meister Cap lehnte so hart gegen den Strom«, entgegnete Jasper ernst, »daß ich Mühe hatte, dem Kahn die gehörige Richtung zu geben.«

»Mag sein, mag sein; und ich glaube ja, daß es wirklich so ist. Aber ich weiß, daß Ihr sonst bloß mit zehnen überfahrt.«

Cap machte sich durch ein erschütterndes Räuspern Luft, griff nach seinem Zopf, als ob er sich versichern wollte, daß sich der noch wohlbehalten an seiner Stelle befinde, und blickte dann zurück, um die Gefahr zu ermessen, die er soeben überstanden hatte; denn daß sie vorüber war, wurde ihm schnell klar. Die größte Wassermasse des Stromes hatte einen senkrechten Fall von ungefähr zehn bis zwölf Fuß; aber mehr gegen die Mitte hin wurde die Gewalt der Strömung so mächtig, daß das Wasser unter einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Grad abstieß und daselbst eine schmale Passage über den Felsen eröffnete. Der Kahn war über diesen kitzligen Weg gegangen, mitten durch zerbrochene Felsenstücke, die Strudel und die Stöße des empörten Elementes, die jeden Unkundigen die unvermeidliche Zerstörung eines so zerbrechlichen Fahrzeuges befürchten ließen. Seine große Leichtigkeit hatte die Überfahrt begünstigt; denn getragen vom Kamm des Wassers und geleitet von einem festen Auge und einem kräftigen Arm tanzte er mit der Leichtigkeit einer Feder von einer Schaumspitze zur anderen, so daß kaum seine blanke Seite benetzt wurde. Es waren einige Felsblöcke zu vermeiden, die eine äußerst genaue Führung forderten; das übrige geschah durch die Gewalt der Strömung.

Wollte man sagen, daß Cap erstaunt gewesen sei, so würde man nicht halb seine Gefühle ausdrücken. Er war mit Ehrfurcht erfüllt, denn der gewaltige Respekt, den die meisten Seeleute vor Felsen haben, kam noch seiner Bewunderung für die Kühnheit zu Hilfe, mit der dieses Manöver ausgeführt worden war. Er war jedoch nicht geneigt, alle seine Empfindungen an den Tag zu legen, um nicht zuviel zugunsten der Frischwasser- und Binnenschiffahrt einzuräumen. Auch klärte er seine Kehle nicht eher durch das obengenannte Räuspern, als bis sich seine Zunge wieder in dem gewöhnlichen Zug der Überlegenheit befand.

»Ich habe nichts gegen Eure Kenntnis der Stromfahrt einzuwenden, Meister Eau-douce« (denn diese Benennung hielt er gläubig für Jaspers Zunamen), »und allem nach ist die Kenntnis des Fahrwassers an einem solchen Platz die Hauptsache. Ich habe es mit Schaluppenführern zu tun gehabt, die hier auch hätten herunterfahren können, wenn sie das Fahrwasser gekannt hätten.«

»Es ist nicht genug, das Fahrwasser zu kennen, Freund Seemann«, sagte Pfadfinder, »es braucht Kraft und Geschicklichkeit, den Kahn aufrecht zu halten und ihn klar von den Felsen abzusteuern. Es ist außer Eau-douce in der ganzen Gegend kein Bootsmann, der den Oswegofall mit Sicherheit zu passieren imstande war, obschon hin und wieder einer durchgetappt ist. Ich kann's auch nicht, wenn nicht mit Gottes Hilfe; und man braucht Jaspers Hand und Jaspers Auge, wenn man die Fahrt trocken und sicher machen will. Vierzehn Löffel voll sind im Grunde auch nicht viel, obgleich ich gewünscht hätte, es wären nur zehn gewesen, weil des Sergeanten Tochter zugesehen hat.«

»Und doch kanntet Ihr die Führung des Kahns und sagtet ihm, wie er leiten und streichen solle.«

»Menschliche Schwachheit, Meister Seemann; 's ist was dabei von der Weißhautnatur. Wäre Schlange in diesem Boot gewesen, so würde er kein Wort gesprochen und keinem Gedanken Laut gegeben haben. Ein Indianer weiß, wie er seine Zunge zu meistern hat, aber wir weißes Volk bilden uns immer ein, wir sind klüger als unsere Kameraden. Ich bin zwar willens, mich von dieser Schwäche zu kurieren, aber es braucht Zeit, ein Unkraut auszurotten, das schon mehr als dreißig Jahre gewuchert hat.«

»Ich halte wenig oder, aufrichtig zu reden, gar nichts von der ganzen Geschichte. Es handelt sich bei einem Wegschießen unter der Londoner Brücke nur um eine kleine Schaumwäsche, und Hunderte von Menschen, ja selbst die empfindlichsten vornehmen Damen tun es täglich. Selbst des Königs Majestät hat in höchsteigener Person die Fahrt gemacht.«

»Wohl, wir brauchen keine vornehmen Damen oder Königliche Majestäten (Gott segne sie) für unseren Kahn, wenn er über diese Fälle geht, denn eine Bootsbreite auf irgendeine Weise gefehlt, möchte leicht aus ihnen ersäufte Leichname machen. Eau-douce, wir werden des Sergeanten Schwager wohl noch über den Niagara führen müssen, um ihm zu zeigen, was wir Grenzleute zu leisten vermögen.«

»Zum Teufel, Meister Pfadfinder, Ihr seid ja sehr spaßhaft. Sicher ist's unmöglich, in einem Birkenkahn über so 'n mächtigen Wassersturz zu setzen.«

»Ihr seid in Eurem Leben nie in einem größeren Irrtum gewesen, Meister Cap. Nichts ist leichter als dies, und ich hab' manchen Kahn mit meinen eigenen Augen 'runterrutschen sehen. Wenn wir beide leben, so hoff' ich Euch von der Wahrheit zu überzeugen. Ich für mein Teil denke, das größte Schiff, das je auf dem Ozean gesegelt hat, müßte da hinuntergeführt werden, sobald es mal in den Stromschnellen ist.«

Cap bemerkte den Wink nicht, den der Pfadfinder mit Eau-douce wechselte, und blieb eine Weile still; denn er hatte wirklich nie an die Möglichkeit gedacht, den Niagara hinunterzukommen, so sehr sie auch jedem anderen in die Augen springen mußte, während doch, wenn man die Sache bei Licht betrachtet, die Schwierigkeit eigentlich nur im Hinaufkommen liegt.

Unterdessen hatte die Gesellschaft die Stelle erreicht, wo Jasper seinen eigenen Kahn gelassen und im Gebüsch versteckt hatte. Sie schifften sich hier aufs neue ein; Cap, Jasper und die Nichte in dem einen, Pfadfinder, Pfeilspitze und das Weib des letzteren in dem anderen Boot. Der Mohikaner war bereits zu Land an den Ufern des Flusses weitergegangen, indem er vorsichtig und mit der Gewandtheit seines Volkes auf die Spuren eines Feindes achtete.

Mabels Wangen fingen erst wieder an zu glühen, als sich der Kahn in der Strömung befand, auf der er sanft, nur gelegentlich von Jaspers Ruder angetrieben, abwärts glitt. Sie hatte den Übergang über den Wasserfall mit einem Schrecken angesehen, der ihre Zunge gebunden hielt. Doch war ihre Furcht nicht so groß gewesen, daß sie der Bewunderung Eintrag getan hätte, die sie der Festigkeit des Jünglings, der die Bewegungen leitete, zollen mußte. In der Tat wären auch die Gefühle eines weit weniger empfänglichen Mädchens durch die besonnene und brave Haltung, mit der er das Wagestück ausführte, erweckt worden. Er war aufrecht geblieben, ungeachtet des Sturzes, und die sich am Ufer befanden, konnten deutlich unterscheiden, daß nur durch die zeitige Anwendung seiner Kraft und Gewandtheit der Kahn den nötigen Schwung bekam, um von einem Felsen klar abzufahren, über den sich das sprudelnde Wasser in Strahlen brach und bald das braune Gestein sichtbar werden ließ, bald es mit einem durchsichtigen Wogenguß überschüttete, als ob ein künstliches Triebwerk dieses Spiel des Elements veranlaßte. Die Zunge vermag nicht immer auszudrücken, was das Auge schaut; aber Mabel sah selbst in jenem Augenblick des Schreckens genug, um ihrem Geist für immer die Bilder des herabstürzenden Kahns und des unbewegten Steuermanns einzuprägen. Sie duldete diese verräterischen Gefühle, die das Weib so eng an den Mann ketten und denen sich noch der Eindruck der Sicherheit beimischte, die ihr sein Schutz versprach. Sie fühlte sich in der zerbrechlichen Barke das erstemal wieder so recht leicht und behaglich, seit sie Fort Stanwix verlassen hatte. Der andere Kahn ruderte ganz nahe an dem ihrigen, und da der Pfadfinder ihr gerade gegenüber saß, so fand vorzugsweise zwischen ihnen beiden die Unterredung statt. Jasper sprach selten, wenn er nicht angeredet wurde, und verwandte fortwährend seine ganze Sorgfalt auf die Führung des Bootes.

»Wir kennen zu gut die Gaben der Frauen, um daran zu denken, des Sergeanten Tochter über die Fälle zu führen«, sagte der Pfadfinder mit einem Blick auf Mabel zu dem Onkel, »obgleich ich manche ihres Geschlechts in diesen Gegenden gekannt habe, die sich wenig aus einer solchen Fahrt machen würden.«

»Mabel ist zaghaft wie ihre Mutter«, entgegnete Cap, »und Ihr tatet wohl, Freund, sie zu schonen. Ihr werdet Euch erinnern, daß das Kind nie auf der See gewesen ist.«

»Nein, nein, das war leicht zu entdecken; doch bei Eurer eignen Furchtlosigkeit hätte wohl jeder sehen können, wie wenig Ihr Euch aus der Sache machtet. Ich fuhr mal mit einem ungeschickten Burschen hinunter, der aus dem Kahn sprang, grad als er den Saum berührte –«

»Was wurde aus dem armen Kerl?« unterbrach Cap, der nicht wußte, wie der des anderen Weise zu nehmen hatte, denn sie war so trocken und einfach, daß ein Mensch, der nur ein bißchen weniger stumpf als der alte Seemann war, ihre Aufrichtigkeit verdächtig gefunden hätte. »Wer diese Stelle passiert hat, weiß, wie es ihm zumute sein mochte.«

»Es war ein armer Kerl, wie Ihr sagt, und ein armer Grenzmann dazu, obgleich er es nur tat, um uns unwissenden Leuten seine Geschicklichkeit zu zeigen. Was aus ihm wurde? Ei, er ging kopfüber die Fälle hinunter, wie es bei einem Landhaus oder Fort auch gegangen wäre –«

»Wenn sie aus einem Kahn springen würden«, unterbrach ihn Jasper lächelnd, obgleich er sichtlich weit geneigter war, als sein Freund, die Fahrt über die Wasserfälle in Vergessenheit zu bringen.

»Der Junge hat recht«, erwiderte Pfadfinder mit einem Lachen gegen Mabel, der er sich so weit genähert hatte, daß sich die Kähne hart berührten; »er hat sicher recht. Aber Sie haben uns noch nicht gesagt, was Sie von dem Satz halten, den wir da gemacht haben?«

»Er war gefährlich und kühn«, sagte Mabel, »und als ich zusah, hätte ich wohl gewünscht, daß er nicht versucht worden wäre, obschon ich jetzt, da er vorüber ist, die Kühnheit und Festigkeit, mit der er gemacht wurde, bewundern muß.«

»Glauben Sie übrigens ja nicht, daß wir es taten, um uns in den Augen eines Mädelchens hervorzutun. Es mag zwar jungen Leuten angenehm sein, sich durch Handlungen, die kühn und lobenswert scheinen, bei anderen in gute Meinung zu setzen, aber weder Eau-douce noch ich selbst bin von dieser Sorte. Meine Natur, obgleich vielleicht die Schlange ein besseres Zeugnis ablegen könnte, hat sich hierin nicht geändert; sie ist eine gerade Natur und würde nicht geeignet sein, mich zu solcher ungebührlichen Eitelkeit zu verleiten. Was den Jasper anlangt, so würde er über die Oswegofälle lieber ohne einen Zuschauer gehen als vor hundert Augen. Ich kenne den Jungen aus langer Kameradschaft und weiß, daß er kein Prahler und Großtuer ist.«

Mabel blickte den Kundschafter mit einem Lächeln an, das Veranlassung gab, die Kähne noch eine Weile länger beisammenzuhalten; denn der Anblick von Jugend und Schönheit war so selten an dieser entfernten Grenze, daß die eben getadelten und unterdrückten Gefühle dieses Wanderers in den Wäldern durch die blühende Liebenswürdigkeit des Mädchens empfindlich berührt wurden.

»Wir hielten's eben fürs Beste«, fuhr Pfadfinder fort, »und 's war auch das Beste. Hätten wir den Kahn zu Land weiter gebracht, so wär viel Zeit verlorengegangen, und nichts ist so kostbar wie Zeit, wenn man sich vor den Mingos in acht zu nehmen hat.«

»Aber wir können nun wenig mehr zu fürchten haben. Die Kähne fahren schnell, und zwei Stunden werden uns, wie Ihr gesagt habt, nach dem Fort bringen.«

»Es muß ein schlauer Irokese sein, der Ihnen auch nur ein Haar Ihres Hauptes beschädigen will; denn hier haben sich alle dem Sergeanten, und die meisten, denke ich, gegen Sie selbst verpflichtet, jedes Ungemach von Ihnen fern zu halten. Ha! Eau-douce, was ist das an dem Fluß? dort, an der unteren Umbiegung, unterhalb des Gebüsches – was steht dort an dem Felsen?«

»Es ist die Große Schlange, Pfadfinder; er macht uns Zeichen, die ich nicht verstehe.«

»Er ist's, so wahr ich ein Weißer bin, und er wünscht, daß wir uns mehr seinem Ufer nähern. Es ist Unheil um den Weg, sonst würde ein Mann von seiner Bedächtigkeit und Festigkeit nie diese Störung veranlassen. Doch Mut! Wir sind Männer und müssen uns bei einer Teufelei benehmen, wie es unserer Farbe und unserem Beruf ziemt. Ach! ich hab' nie was Gutes bei dem Großtun herauskommen sehen; und hier, gerade da ich mich unserer Sicherheit rühme, kommt die Gefahr, die mich Lügen straft.«

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