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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 4
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
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Zweites Kapitel

Der Mohikaner fuhr fort zu essen; der zweite weiße Mann jedoch erhob sich und nahm vor Mabel Dunham höflich die Mütze ab. Er war ein junger, gesunder, kräftiger Mann und trug einen Anzug, der auch in ihm den Schiffsmann erkennen ließ, obgleich nicht so ausgeprägt wie bei dem Onkel. In der Tat sind die Seeleute eine von den übrigen Menschen ganz verschiedene Klasse. Ihre Ideen, ihre gewöhnliche Sprache, ihr Anzug, alles ist so streng bezeichnend für ihren Beruf, wie Meinungen, Sprache und Tracht bezeichnend sind für den Muselman. Obgleich der Pfadfinder kaum mehr in der Blütezeit des Lebens stand, so schloß sich Mabel doch mit einer Festigkeit an ihn, die wohl darin ihren Grund haben mochte, daß sie auf diese Zusammenkunft vorbereitet war; aber wenn ihre Augen denen des jungen Mannes am Feuer begegneten, so senkten sie sich vor dem Blick der Bewunderung, mit dem er sie beobachtete. Und sie fühlten auch beide ein gegenseitiges Interesse füreinander, das die Ähnlichkeit des Alters, der Stellung und der Neuheit ihrer Lage bei jungen offenen Gemütern wohl zu erwecken geeignet war.

»Hier«, sagte der Pfadfinder mit einem ehrlichen Lächeln zu Mabel, »sind die Freunde, die Ihnen Ihr würdiger Vater entgegensendet. Dies ist ein großer Delaware, der zu seiner Zeit ein hochgestellter Mann war und viele Gefahren und Mühen durchgemacht hat. Er hat einen für einen Häuptling ganz geeigneten indianischen Namen, den aber eine unerfahrene Zunge nur schwer auszusprechen vermag, weshalb wir ihn auch ins Englische übertragen haben und ihn Große Schlange nennen. Glauben Sie aber ja nicht, man wolle damit sagen, daß er verräterisch sei, wie dies bei den Rothäuten jenseits des Sees gewöhnlich der Fall ist, sondern, daß er weise und schlau ist, wie es einem Krieger ziemt. Pfeilspitze weiß, was ich meine.«

Während der Pfadfinder diese Worte sprach, beobachteten sich die beiden Indianer eine Weile mit festen Blicken. Dann trat der Tuscarora näher und redete den andern anscheinend mit freundlichen Worten an.

»Ich sehe«, fuhr der Pfadfinder fort, »die Begrüßung zweier Rothäute in den Wäldern so gerne, Meister Cap, wie Ihr den Gruß freundlicher Schiffe auf dem Ozean. Aber weil wir gerade vom Wasser sprechen – es erinnert mich dies an meinen jungen Freund da, den Jasper Western, der einiges von solchen Dingen verstehen muß, da er seine Tage auf dem Ontario zugebracht hat.«

»Freut mich, Euch zu sehen, Freund«, sagte Cap, indem er dem jungen Süßwassersegler herzlich die Hand drückte, »aber Ihr mögt wohl noch manches zu lernen haben in der Schule, in die man Euch schickte. Dies ist meine Nichte, Mabel. Ich nenne sie Magnet, aus einem Grunde, von dem sie sich nichts träumen läßt, obgleich Ihr vielleicht Erziehung genug habt, es zu erraten; denn ich vermute, daß Ihr doch einigen Anspruch darauf macht, einen Kompaß zu verstehen.«

»Der Grund ist leicht aufzufinden«, sagte der junge Mann, indem er dabei unwillkürlich sein scharfes, dunkles Auge auf das errötende Antlitz des Mädchens richtete, »und ich fühle sicher, daß der Schiffer, der mit Eurem Magnet steuert, nie ein falsches Land ansegeln wird.«

»Ah, Ihr bedient Euch einiger unserer Kunstausdrücke, und mit Verstand und Anstand, wie ich merke, obschon ich fürchte, daß Ihr mehr grünes als blaues Wasser gesehen habt.«

»Es darf nicht überraschen, daß wir einige Phrasen kennen, die auf das Land Bezug haben, da wir's selten länger als auf vierundzwanzig Stunden aus dem Gesicht verlieren.«

»Das ist schade, Junge, recht schade. Ein ganz kleines Stück Land muß weit reichen für einen Seefahrer, und wahrlich, ich glaube, Meister Western, es ist mehr oder weniger Land rund um Euern See herum.«

»Und ist nicht mehr oder weniger Land um den Ozean herum, Onkel?« erwiderte Magnet schnell, denn sie fürchtete eine unzeitige Entwicklung der dem alten Seemann eigentümlichen Pedanterie.

»Nein, Kind, es ist mehr oder weniger Meer um das Land herum; das ist's, was ich dem Ufervolk sagen will, junger Bursche. Man lebt, so gut's gehen will, mitten im Meer, ohne es zu wissen, eigentlich nur geduldet, möcht' ich sagen, denn das Wasser ist mächtiger und in viel größerer Masse vorhanden. Allein 's ist des Dünkels kein Ende auf dieser Welt. Ein Kerl, der nie Salzwasser sah, bildet sich oft ein, er wisse mehr als einer, der das Kap Horn umsegelt hat. Nein, nein, die Erde ist weiter nichts als 'ne ziemlich große Insel, und alles übrige ist Wasser, nichts als Wasser!«

Der junge Western hatte einen großen Respekt vor den Seeleuten des Ozeans, nach dem er sich oft gesehnt; aber er hegte auch eine natürliche Verehrung gegen die breite Fläche, auf der er sein Leben zugebracht hatte und die in seinen Augen ihre eigenen Reize besaß.

»Was Ihr sagt«, antwortete er bescheiden, »mag in bezug auf das Atlantische Meer wahr sein; aber wir hier oben um den Ontario verehren das Land.«

»Das macht, weil Ihr überall vom Land eingeschlossen seid«, erwiderte Cap mit herzlichem Lachen; »aber dort ist der Pfadfinder mit einigen dampfenden Schüsseln, der uns einlädt zum Essen, und ich will nur gestehen, daß einem auf dem Meer ein Wildbraten nicht zu Gesicht kommt. Meister Western, Höflichkeit gegen Mädchen kommt in Euern Jahren so leicht wie das Schlaffwerden der Flaggenfalltaue, und wenn Ihr ein Auge haben wollt auf ihre Bequemlichkeit, während ich mich mit dem Pfadfinder und Euern indianischen Freunden zum Essen setze, so zweifle ich nicht, daß sie's Euch danken wird.«

Meister Cap hatte mehr gesprochen, als zu dieser Zeit klug war. Jasper Western achtete sorgsam auf Mabels Bedürfnisse, und lange dachte sie an des jungen Seemanns zarte und männliche Aufmerksamkeit, die er ihr bei diesem ersten Zusammentreffen bewiesen hatte.

Er bereitete ihr aus einem Baumstrunk einen Sitz, besorgte ihr ein köstliches Wildbretstückchen, holte Wasser von der Quelle, und da er ihr ganz nahe gegenübersaß, so gewann er durch die höfliche aber freie Manier, mit der er seine Sorgfalt an den Tag legte, einen festen Weg zu ihrer Achtung. Frauen empfangen gern kleine Huldigungen, aber nie sind sie ihnen so angenehm und schmeichelhaft, als wenn sie den Ausdruck einer männlichen Höflichkeit tragen und von einem Altersgenossen dargebracht werden. Der junge Western war, wie die meisten, die ihre Zeit fern von der Gesellschaft des sanfteren Geschlechts zugebracht haben, ernst, einfach und zart in seinen Aufmerksamkeiten, die einen reichen Ersatz für alle die konventionellen Verfeinerungen gewährten, die Mabel vielleicht nicht einmal vermißte.

Die Gesellschaft hatte sich um eine Schüssel mit Wildbretstücken niedergelassen, und natürlich trug die Unterhaltung das charakteristische Gepräge der dabei Beteiligten. Die Indianer waren still und emsig; der Wildbretappetit der ureingeborenen Amerikaner schien unstillbar. Die zwei weißen Männer waren mitteilsam und gesprächig, geschwätzig sogar, und beide starrsinnig in ihrer Weise.

»Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder«, begann Cap, als der Hunger des Reisenden so weit beschwichtigt war, daß er nun anfing, sich unter den übrigen nur die saftigeren Stückchen auszulesen, »daß ein Leben wie das Eurige viel Befriedigung gewähren muß. Es hat einiges von den Wechseln und Zufällen, die der Seemann liebt; und wenn bei uns alles Wasser ist, so ist bei Euch alles Land.«

»Nun, wir haben auch Wasser auf unsern Reisen und Märschen«, erwiderte sein weißer Gesellschafter. »Wir Grenzleute handhaben das Ruder und die Fischgabel fast ebensooft wie die Büchse und das Weidmesser.«

»Schön, schön, aber handhabt ihr auch die Brasse und die Bugleine, das Steuerrad und die Leitleine, die Reffseising und das Windreep? Das Ruder ist gewiß 'n gutes Ding für ein Kanu; aber wozu kann man's an Bord gebrauchen?«

»Ich respektiere jeden in seinem Beruf und glaube, daß all die Dinge, die Ihr da erwähnt, zu was nütze sind. Ein Mann wie ich, der mit so viel Stämmen gelebt hat, weiß wohl einen Unterschied zu machen in Gebräuchen. Der Mingo malt seine Haut anders als der Delaware, und wer einen Krieger in dem Anzug einer Squaw zu sehen hofft, wird sich wohl täuschen. Ich bin zwar noch nicht besonders alt, aber ich hab' in den Wäldern gelebt und mir einige Vertrautheit mit der Menschennatur erworben. Auf das Wissen der Städter hab' ich nie viel gegeben, denn ich hab' von dorther noch keinen gesehen, der ein Auge für eine Büchse oder eine Fährte gehabt hätte.«

»Das ist bis aufs Garn meine Art zu räsonieren, Meister Pfadfinder. Durch die Straßen laufen, sonntags in die Kirche gehen und eine Predigt hören, das hat nie aus einem menschlichen Wesen einen Mann gemacht. Aber sendet den Knaben 'raus aufs Weltmeer, wenn Ihr seine Augen öffnen wollt; laßt ihn fremde Völker oder, wie ich's nenne, das Antlitz der Natur sehen, wenn Ihr wollt, daß er seinen Charakter kennenlernen soll. Da ist nun mein Schwager, der Sergeant: Er ist in seiner Art ein so guter Bursch als nur je einer Zwieback gebrochen hat; aber was ist er im ganzen? – nichts, als ein Soldat! ein Sergeant zwar; aber das ist doch nur so eine Soldatenart, wie Ihr wißt. Als er die arme Bridget, meine Schwester, heiraten wollte, sagte ich dem Mädchen, was er sei, wie er von seinen Pflichten in Anspruch genommen werde und was sie von einem solchen Ehemann zu hoffen habe; aber Ihr wißt ja, wie es ist mit den Mädchen, wenn eine Liebschaft ihren Verstand in die Klemme bringt. Es ist wahr, der Sergeant ist in seinem Beruf gestiegen, und man sagt, daß er ein bedeutender Mann im Fort sei; aber sein armes Weib hat's nicht erlebt, all das zu sehen, denn es ist nun schon an vierzehn Jahre, daß sie tot ist.«

»Des Soldaten Beruf ist ein ehrenwerter Beruf, vorausgesetzt, daß er nur auf der Seite des Rechts kämpft«, entgegnete der Pfadfinder, »und da die Franzosen immer schlecht sind, und Seine geheiligte Majestät und diese Kolonien immer recht handeln, so behaupt' ich, daß der Sergeant ein ebenso gutes Gewissen hat wie wackeren Charakter. Ich schlief nie süßer, als wenn ich einen Kampf mit den Mingos ausgefochten hatte, obgleich ich's mir zum Grundsatz gemacht habe, stets wie ein weißer Mann und nie wie ein Indianer zu kämpfen. Die Schlange da hat ihre Gewohnheiten – und ich meine; und doch haben wir so manche Jahre Seite an Seite gefochten, ohne daß einer dem andern seine Manier verdachte. Ich erzähle ihm, daß es trotz seiner Traditionen nur einen Himmel und eine Hölle gibt, obschon die Wege zu beiden vielfältig sind.«

»Das ist vernünftig, und er muß Euch glauben, obschon ich denke, daß die Wege zur letzteren meist auf dem trockenen Lande liegen. Das Meer ist, wie meine arme Schwester zu sagen pflegte, ein Reinigungsort, und man ist außer den Wegen der Versuchung, wenn man außer der Sicht des Landes ist. Ich zweifle, ob man ebensoviel zugunsten Eurer Seen da oben sagen kann.«

»Ich will einräumen, daß Städte und Ansiedlungen zur Sünde verleiten können, aber unsere Seen sind von den Urwäldern begrenzt, und man findet jeden Tag eine Aufforderung zur Verehrung Gottes in einem solchen Tempel. Freilich muß ich zugeben, daß die Menschen auch in der Wildnis nicht immer dieselben sind, denn der Unterschied zwischen einem Mingo und einem Delawaren liegt so auf flacher Hand wie der zwischen Mond und Sonne. Doch ich bin froh, Freund Cap, daß wir uns getroffen haben, wär's auch nur, um der Schlange erzählen zu können, daß es auch Seen mit salzigem Wasser gibt. Wir sind, seit wir uns kennen, stets ziemlich eines Sinnes gewesen, und wenn der Mohikaner nur halb so viel Vertrauen zu mir hätte wie ich zu ihm, so müßte er mir alles glauben, was ich ihm von den Gewohnheiten und Naturgesetzen der Weißen erzählt habe. Aber es hat mir immer geschienen, als ob keine der Rothäute den Erzählungen von den großen Salzseen und den aufwärtsgehenden Strömungen der Flüsse so Glauben schenkt, wie es ein ehrlicher Mann gern haben möchte.«

»Das kommt daher«, antwortete Cap mit einem herablassenden Nicken, »daß Ihr in diesen Dingen verkehrterweise das Pferd beim Schwanz aufgezäumt habt. Ihr habt Euch Eure Seen und Stromschnellen als das Schiff und das Meer mit seiner Ebbe und Flut als ein Boot gedacht. Weder Pfeilspitze noch Schlange haben Ursache, das, was Ihr über beides gesagt habt, zu bezweifeln. Ich muß übrigens gestehen, daß es mir Schwierigkeiten macht, die Erzählung von den Binnenmeeren so ohne weiteres runterzuschlucken –, und noch mehr, daß es hier eine See mit frischem Wasser geben soll. Ich hab' deshalb meine Reise ebensogut unternommen, um meine eigenen Augen und meinen Gaumen von der Wahrheit dieser Dinge zu überzeugen, wie um dem Sergeanten und Magnet gefällig zu sein, obgleich der erste meiner Schwester Mann war und Mabel mir wie ein eigenes Kind am Herzen liegt.«

»Ihr habt unrecht, sehr unrecht, Freund Cap, daß Ihr in irgendeiner Sache der Macht Gottes mißtraut«, entgegnete der Pfadfinder ernst. »Wer in Ansiedlungen und Städten wohnt, mag wohl zu beschränkten und irrigen Meinungen über die Macht seiner Hand kommen; wir aber, die wir unsere Zeit sozusagen in seiner wahren Gegenwart zubringen, sehen die Sachen anders an – ich meine nämlich die Weißen. Eine Rothaut hat wieder ihre eigenen Begriffe, und es ist recht, daß es so ist; wenn sie auch nicht ganz so sind, wie die eines Weißen, so darf uns das nicht bekümmern. Es gibt Dinge, die in die weise Ordnung der göttlichen Vorsehung gehören, und zu diesen sind auch jene Süß- und Salzwasserseen zu rechnen. Ich maße mir nicht an, sie erklären zu wollen, aber ich denke, es ist Schuldigkeit eines jeden, dran zu glauben. Was mich anlangt, so denk' ich, daß dieselbe Hand, die das Süßwasser gemacht hat, auch Salzwasser schaffen kann.«

»Halt da, Meister Pfadfinder«, unterbrach ihn Cap nicht ohne einige Hitze, »auf dem Wege eines gebührlichen und männlichen Glaubens werde ich keinem den Rücken kehren, solang ich flott bin. Obgleich ich mehr daran gewöhnt bin, auf dem Verdeck alles rein zu halten und ein schönes Segel zu zeigen als zu beten, wenn der Orkan kommt, so weiß ich wohl, daß wir zur Zeit nur hilflose Sterbliche sind, und ich hoffe, ich zolle Verehrung, wo ich Verehrung schuldig bin. Was ich sagen zu müssen meinte, war nichts weiter, als daß ich, der ich in großen Bottichen salziges Wasser zu sehen gewöhnt bin, es vorziehe, es vorher zu kosten, ehe ich glaube, daß es frisch ist.«

»Gott hat dem Hirsch die Salzlicke gegeben und dem Menschen, sei er rot oder weiß, die köstliche Quelle, um seinen Durst zu stillen. Es ist also ganz vernünftig zu denken, daß er dem Westen nicht habe Seen von frischem und dem Osten Seen von unreinem Wasser geben können.«

Cap war trotz seiner anmaßenden Starrköpfigkeit durch den einfachen Ernst des Pfadfinders eingeschüchtert, obgleich ihm der Gedanke nicht behagte, eine Sache zu glauben, deren Unmöglichkeit er jahrelang behauptet hatte. Da er jedoch nicht geneigt war, seine Meinung aufzugeben, und zugleich gegen so ungewohnte Gründe nichts auszurichten vermochte, so war er froh, sich durch eine Ausflucht retten zu können.

»Nun, nun, Freund Pfadfinder«, sagte er, »wir wollen die Sache bewenden lassen, und da der Sergeant uns Euch als Lotsen für den See geschickt hat, so können wir ja das Wasser untersuchen, wenn wir hinkommen. Merkt Euch übrigens meine Worte – ich sage nicht, daß es nicht auch frisches Wasser auf der Oberfläche geben könne; sogar der Atlantische Ozean hat manchmal was in der Nähe der Mündungen großer Flüsse; aber verlaßt Euch drauf, ich will Euch eine Methode zeigen, das Wasser, und wenn es manche Faden tief ist, zu kosten, von der Ihr Euch nichts träumen laßt; und dann werden wir mehr davon erfahren.«

Der Führer schien zufrieden, die Sache beruhen zu lassen, und der Gegenstand der Unterhaltung wechselte.

»Wir bilden uns nicht zuviel auf unsere Gaben ein«, bemerkte der Pfadfinder nach einer kurzen Pause, »und wissen wohl, wer in Städten lebt oder in der Nähe des Meeres –«

»Auf dem Meere«, unterbrach ihn Cap.

»Auf dem Meere also, wenn Ihr so wollt – daß der manche Gelegenheiten hat, die uns hier in unserer Wildnis nicht aufstoßen. Genug, wir kennen unsern Beruf, betrachten ihn als unsere natürliche Bestimmung und sind nicht durch Eitelkeit und Üppigkeit verkehrt. Meine Gaben beschränken sich auf den Gebrauch der Büchse und das Erkennen der Fährte zum Zwecke der Jagd und des Kundschaftens, und obgleich ich auch ein Ruder führen und die Gabel handhaben kann, so darf ich mir wenigstens nichts drauf einbilden. In dieser Beziehung ist der junge Jasper da, der sich mit des Sergeanten Tochter unterhält, ein ganz andrer Bursch, so daß man von ihm sagen kann, er atme Wasser wie ein Fisch. Die Indianer und die Franzosen des nördlichen Seeufers nennen ihn wegen seiner Gaben Eau-douce. Süßwasser versteht es aber besser, das Ruder und das Tau zu handhaben, als Feuer auf einer Fährte anzumachen.«

»Im Grunde muß doch was an den Gaben sein, von denen Ihr sprecht«, sagte Cap. »Ich gestehe, dies Feuer hier hat mein ganzes Seemannswesen zuschanden gemacht; Pfeilspitze sagte, der Rauch komme von einem Bleichgesichtsfeuer, und das nenn' ich mir ein Stückchen Philosophie, das dem Steuern am Rand einer Sandbank entlang bei finstrer Nacht nichts nachgibt.«

»Ist kein großes Geheimnis, kein großes Geheimnis«, erwiderte der Pfadfinder mit lustigem Lachen, obgleich er aus gewohnter Vorsicht den allzu lauten Ausbruch unterdrückte. »Nichts ist leichter für uns, die wir unsere Zeit in der großen Schule der Vorsehung zubringen, als ihre Aufgaben zu lernen. Wir wären für die Fährte wie für das Geschäft eines Kundschafters so nutzlos wie die Murmeltierlein, wenn wir uns nicht früh die Kenntnis solcher Kleinigkeiten zu verschaffen wüßten. Eau-douce, wie wir ihn nennen, ist ein so großer Freund des Wassers, daß er ein oder zwei feuchte Holzstücke für unser Feuer auflas, obschon ganz trockene neben den feuchten genug umherlagen, und Feuchtigkeit macht schwarzen Rauch, was meiner Meinung nach ihr Herren von der See auch wissen müßt. 's ist kein großes Geheimnis, obschon für solche, die nicht auf den Herrn und seine mächtigen Wege mit Demut und Dankbarkeit achten, alles geheimnisvoll ist.«

»Pfeilspitze muß ein scharfes Auge haben, um einen so unbedeutenden Unterschied zu sehen!«

»Er wär 'n armer Indianer, wenn er das nicht könnte. Nein, nein; es ist Kriegszeit, und keine Rothaut wagt sich hinaus, wenn sie nicht im vollen Besitz ihrer Sinne ist. Jede Haut hat ihre eigene Natur, und jede Natur hat ihre eigenen Gesetze wie ihre eigene Haut. Es dauerte manches Jahr, bis ich mir all diese höheren Zweige der Wäldererziehung angeeignet hatte; denn die Kenntnisse der Rothäute gehen der Natur einer weißen Haut nicht so leicht ein, wie man sich's wohl von den Kenntnissen der Weißen einbildet.«

»Ihr seid ein braver Schüler gewesen, Meister Pfadfinder, wie man aus Eurer genauen Kenntnis all dieser Dinge merkt. Ich denke aber, es müßte für einen ordentlichen Zögling des Meeres nicht schwer sein, diese Kleinigkeiten zu lernen, wenn er nur seinen Kopf so weit zusammennehmen will, um drauf acht zu geben.«

»Ich weiß das nicht. Der Weiße findet seine Schwierigkeiten, wenn er sich die Fertigkeiten der Rothäute aneignen will, wie der Indianer, wenn er die Wege einer weißen Haut geht. Es liegt eben in der Natur, daß keiner in der Art des andern vollkommen aufgehen kann.«

»Und doch sagen wir Seeleute, die wir ganz um die Welt herumkommen, es gibt allenthalben nur eine Natur, beim Chinesen dieselbe wie beim Holländer. Was mich anlangt, so fühl' ich mich geneigt, dasselbe anzunehmen; denn ich hab' im allgemeiner, gefunden, daß alle Nationen Gold und Silber lieben und die meisten Männer Geschmack am Tabak finden.«

»Dann kennt ihr Seefahrer die Rothäute wenig. Habt ihr je einen von euern Chinesen gesehen, der sein Sterbelied singen konnte, während sein Fleisch mit Splittern zerrissen und mit Messern zerschnitten wurde? während das Feuer rund um seinen nackten Körper wütete und der Tod ihm ins Auge starrte? Könnt Ihr mir einen Chinesen oder irgendeinen Christenmenschen finden, der dies kann? Ihr werdet keinen finden mit einer Rothautnatur, mag er noch so tapfer aussehen oder alle Bücher zu lesen verstehen, die je gedruckt worden sind.«

»Nur die Wilden können einander so höllische Streiche spielen«, sagte Cap, indem er seinen Blick unbehaglich unter den endlos scheinenden Wölbungen des Forstes umherstreifen ließ. »Kein weißer Mann ist je verurteilt worden, solche Proben zu bestehen.«

»Nein, da habt Ihr mich wieder irrig verstanden«, entgegnete der Pfadfinder, indem er sich ruhig noch ein leckeres Stückchen Wildbret auslas; »denn obgleich diese Quälereien nur zu der Natur einer Rothaut gehören, so mag sie doch eine weiße Haut ebensogut ertragen, und wir haben schon Beispiele davon gehabt!«

»Zum Glück«, sagte Cap, »wird keiner von Seiner Majestät Alliierten lüstern sein, solche verdammlichen Grausamkeiten an irgendeinem von Seiner Majestät loyalen Untertanen zu versuchen. Es ist wohl wahr, ich habe nicht lange in der Königlichen Flotte gedient; aber ich habe gedient, und das ist schon was, und an den Kaperzügen, an dem Kampf gegen den Feind in seinen Schiffen und Schiffsladungen hab' ich vollen Anteil genommen. Aber ich glaub', es gibt keine französischen Wilden auf dieser Seite des Sees, und wenn ich nicht irre, so habt Ihr gesagt, daß der Ontario eine breite Wasserfläche ist?«

»Ja, er ist breit in unseren Augen«, erwiderte der Pfadfinder, ohne sich Mühe zu geben, das Lächeln zu verbergen, das seine sonnverbrannten Züge überflog, »doch ich weiß nicht, ob ihn nicht einige für schmal halten. Jedenfalls ist er nicht breit genug, den Feind abzuhalten. Der Ontario hat zwei Enden, und der Feind, der zu furchtsam ist, darüber zu setzen, weiß wohl, daß er um ihn herumgehen kann.«

»Ach, da haben wir's ja mit euern verdammten Frischwasserteichen!« brummte Cap mit einem Seufzer, der laut genug war, ihn schnell seine Unvorsichtigkeit bereuen zu lassen. »Kein Mensch hat je gehört, daß ein Pirat oder ein Schiff geschwind um ein Ende des Atlantischen Ozeans herumgekommen wäre!«

»Vielleicht hat der Ozean keine Enden?«

»Freilich hat er nicht; weder Enden noch Seiten, noch Grund. Das Volk, das fest an einer seiner Küsten vor Anker liegt, hat nichts zu fürchten von den Bewohnern eines jenseitigen Ankerplatzes, mögen sie so wild sein, wie sie wollen, wenn sie nicht die Kunst des Schiffbaus besitzen. Nein, nein! Die Leute, die an den Ufern des Atlantischen Meeres wohnen, haben wenig für ihre Häute und ihre Skalpe zu fürchten. Da kann sich einer doch nachts mit der Hoffnung niederlegen, am Morgen sein Haar noch auf dem Kopfe zu finden, wenn er nicht eine Perücke trägt.«

»Hier ist's nicht so. Doch ich möchte das junge Frauenzimmerchen da nicht beunruhigen, und ich will deshalb nicht auf Einzelheiten eingehen, obschon sie mir auf den Eau-douce zu hören scheint. Jedenfalls aber möchte ohne die Erziehung, die ich dem Aufenthalt in den Wäldern verdanke, unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine Reise über den zwischen uns und der Garnison liegenden Grund ein gefährliches Unternehmen sein. Es gibt auf dieser Seite des Ontario so viel Irokesen wie auf der andern. Der Sergeant hat also sehr wohl daran getan, Freund Cap, uns euch als Wegweiser entgegenzuschicken.«

»Was? Dürfen die Schurken so nahe an den Kanonen von einem der Werke Seiner Majestät kreuzen?«

»Halten sich nicht die Raben in der Nähe eines Hirschgerippes auf, obgleich der Vogelsteller bei der Hand ist? Sie kommen eben, weil es in ihrer Natur liegt. Es gibt immer mehr oder weniger Weiße, die zwischen den Forts und den Ansiedlungen wandern, und sie sind ihrer Fährte sicher. Schlange ist auf der einen und ich auf der andern Seite des Flusses heraufgekommen, um diese umherstreichenden Schufte auszukundschaften, indes Jasper, der ein kühner Schiffer ist, den Kahn heraufbrachte. Der Sergeant hat ihm mit Tränen im Auge alles von seinem Kinde erzählt, wie sein Herz nach ihr verlange und wie sanft und gehorsam sie sei, so daß ich glaube, der Junge hätte sich lieber ganz allein in ein Mingolager gestürzt, als die Partie ausgeschlagen.«

»Wir danken ihm – wir danken ihm und wollen nun um seiner Bereitwilligkeit willen besser von ihm denken, obschon ich im Grunde vermute, daß er sich grade keiner großen Gefahr ausgesetzt hat.«

»Bloß der Gefahr, von einem Hinterhalt aus erschossen zu werden, während er den Kahn durch die Stromengen drängte oder bei den Krümmungen des Flusses mit auf die Wirbel gerichtetem Auge eine Wendung machte. Von allen gefährlichen Reisen ist nach meinem Dafürhalten die auf einem von Gebüsch umsäumten Fluß die allergefährlichste, und der hat sich Jasper unterzogen.«

»Und warum, beim Teufel, veranlaßte mich der Sergeant, einen Weg von hundertundfünfzig Meilen in dieser ausländischen Manier zu machen? Gebt mir offene See und den Feind ins Gesicht, und ich will 'ne Partie mit ihm machen, nach seiner eigenen Art, solang's ihm beliebt, auf Buglänge oder hinter den Enterschotten; aber erschossen zu werden wie eine Schildkröte im Schlaf, das ist nicht nach meinem Geschmack. Wär's nicht um die kleine Magnet, ich ging augenblicklich an Bord, kehrte eilends nach York zurück und ließe den Ontario für sich selber sorgen, mag er nun Salzwasser oder Frischwasser haben!«

»Das würde die Sache nicht viel verbessern, Freund Seemann, da der Rückweg viel länger und fast ebenso gefährlich ist wie der, den wir noch zu gehen haben. Doch verlaßt Euch drauf, wir wollen Euch heil durchbringen oder unsere Kopfhäute verlieren.«

Cap trug einen steifen, mit Aalhaut umwickelten Zopf, indes der Scheitel seines Kopfes fast kahl war. Mechanisch fuhr seine Hand über beides, als ob sie sich versichern wolle, daß alles noch an seinem gehörigen Orte sei. Er war im Grunde ein braver Mann und hatte oft dem Tod mit Ruhe ins Auge gesehen, jedoch nie in der furchtbaren Gestalt, in der er ihm durch das zwar gedrängte, aber doch sehr bezeichnende Gemälde seines Tischgenossen vorgeführt wurde. Es war zu spät zum Rückzug, und so entschloß er sich denn, zum bösen Spiel gute Miene zu machen, obgleich er sich nicht enthalten konnte, einige Flüche über die Gleichgültigkeit und Unbesonnenheit in den Bart zu brummen, mit der ihn sein Schwager, der Sergeant, in dies Dilemma geführt hatte.

»Ich zweifle nicht, Meister Pfadfinder«, erwiderte er, als er mit seinen Betrachtungen zu Ende gekommen war, »daß wir den Hafen wohlbehalten erreichen werden. Wie weit können wir noch vom Fort entfernt sein?«

»Wenig mehr als fünfzehn Meilen, und zwar so schnelle Meilen, wie sie der Strom nur machen kann, falls uns die Mingos ungehindert ziehen lassen.«

»Und ich denke, daß sich die Wälder längs Steuerbord und Backbord hinziehen wie bisher?«

»Wie?«

»Ich meine, daß wir unseren Weg durch diese verwünschten Bäume suchen werden?«

»Nein, nein, Ihr werdet in den Kahn gehen. Der Oswego ist durch die Truppen von seinem Treibholz gereinigt worden. Wir werden schnell genug stromabwärts kommen.«

»Und was zum Teufel wird diese Minks, von denen Ihr sprecht, abhalten, auf uns zu schießen, wenn wir ein Vorgebirge umsegeln oder beschäftigt sind, von den Felsen abzusteuern?«

»Der Herr! – Er, der so oft anderen aus noch größeren Schwierigkeiten geholfen hat. Schon oft wär meinem Kopf Haar, Haut und alles abgestreift worden, wenn der Herr nicht an meiner Seite gefochten hätte. Ich unterziehe mich nie einem Scharmützel, Freund Seemann, ohne an diesen großen Verbündeten zu denken, der im Kampf mehr tun kann als alle Bataillons vom Sechzigsten, stünden sie auch in einer Linie.«

»Schön, schön, das mag wohl für 'nen Kundschafter gut sein, aber wir Seeleute lieben unsere offene See, und wenn's ins Feuer geht, mögen wir unseren Kopf mit nichts anderem behelligen als mit dem Geschäft vor uns – volle Lage gegen volle Lage und keine Bäume und Felsen, das Wasser unsicher zu machen.«

»Und auch keinen Gott, um es mit einem Wort zu sagen. Nehmt mein Wort dafür, Meister Cap, daß kein Kampf schlimm sein kann, wenn Ihr den Herrn auf Eurer Seite habt. Betrachtet einmal den Kopf der Schlange da! Ihr könnt noch der ganzen Länge nach die Spur eines Messers an seinem linken Ohr erkennen, und nur eine Kugel aus meiner langen Büchse konnte damals seine Kopfhaut retten; denn sie klaffte bereits, und eine halbe Minute später wär's um seine Kriegerlocke geschehen gewesen. Wenn mir nun der Mohikaner die Hand drückt und mir zu verstehen gibt, ich hätte mich ihm in dieser Sache als ein Freund erwiesen, so sag' ich zu ihm: Nein, es war der Herr, der mich zu der einzigen Stelle führte, wo ihm dieses Leid geschehen konnte und von wo aus mir der aufsteigende Rauch seine Not verriet. Freilich – als ich erst mal meine Stellung genommen hatte, beendigte ich die Sache auf eigene Faust; denn ein Freund unter dem Tomahawk bringt einen zu einem raschen Entschluß und zu schneller Tat, sonst würde jetzt wohl der Geist der Großen Schlange im seligen Lande seines Volkes jagen!«

»Na, na, Pfadfinder, dieses Gewäsch ist schlimmer, als vom Vorsteven bis zum Stern skalpiert zu werden. Wir haben nur noch wenige Stunden bis zum Untergang der Sonne, und es wird besser sein, uns Eurer Strömung anzuvertrauen, solang es noch möglich ist. Magnet, Schätzchen, bist du bereit, aufzubrechen?«

Magnet fuhr auf, errötete über und über und machte ihre Vorbereitungen zur Weiterreise. Sie hatte von der Unterhaltung der beiden keine Silbe gehört, denn Eau-douce unterhielt ihr Ohr mit einer Beschreibung des Forts, das ihr Reiseziel war, mit Erzählungen von ihrem Vater, den sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte, und von den Sitten und Gebräuchen der Grenzgarnison. Unwillkürlich hatten sich ihre Gedanken zu sehr in diese Gegenstände vertieft, als daß die minder erfreulichen, die von ihren Nachbarn besprochen wurden, ihr Ohr hätten erreichen können. Der Lärm des Aufbruchs machte dieser Unterhaltung ein Ende, und in wenigen Minuten war die ganze Gesellschaft samt dem wenigen Gepäck der Wegweiser zum Abzug bereit. Ehe sie jedoch die Stelle verließen, sammelte Pfadfinder, zur großen Bewunderung seiner Gefährten, eine Partie Zweige und warf sie auf den glimmenden Rest des Feuers. Dabei nahm er darauf Bedacht, einige feuchte Holzstücke darunter zu mengen, um den Rauch so dunkel und dicht als nur möglich zu machen.

»Wenn Ihr Eure Fährte verbergen könnt, Jasper«, sagte er, »so wird der Rauch auf dem Lagerplatz eher Nutzen als Schaden bringen. Wenn sich ein Dutzend Mingos innerhalb zehn Meilen von uns befinden, so werden sich einige auf den Höhen oder in den Bäumen aufhalten und nach Rauch umsehen. Erblicken sie diesen, so mag er ihnen wohl bekommen; unsere Überbleibsel sind ihnen gegönnt.«

»Aber kann er sie nicht veranlassen, unsere Spur zu verfolgen?« fragte Jasper, dessen Besorgnisse über die Gefährlichkeit ihrer Lage seit seinem Zusammentreffen mit Magnet bedeutend erhöht worden waren. »Wir lassen bis zum Fluß einen breiten Pfad zurück.«

»Je breiter, desto besser. Wenn wir dort sind, so wird's über den Horizont eines listigen Mingos gehen, zu sagen, ob der Kahn aufwärts oder abwärts gegangen ist. Wasser ist das einzige in der Natur, was durchaus jede Fährte verwischt, und doch tut es auch das Wasser nicht immer, wenn die Witterung scharf ist. Seht Ihr nicht, Eau-douce, daß sich die Mingos, wenn sie unsere Spur unterhalb der Fälle bemerkt haben, gegen diesen Rauch heraufziehen und daraus den natürlichen Schluß ableiten werden, daß, wer stromaufwärts gegangen ist, auch stromaufwärts seine Fahrt fortgesetzt hat? Wenn sie was wissen, so wissen sie nur, daß eine Partie von dem Fort ausgegangen ist, und sicher wird's den Witz eines Mingos übersteigen, sich zu denken, daß wir nur um einer Lustpartie willen an einem Tage hierher und wieder zurück, unsere Kopfhäute in Gefahr gesetzt haben.«

»Freilich«, versetzte Jasper, der sich abseits mit dem Pfadfinder besprach, während sie ihre Richtung gegen die Windgasse hin einschlugen, »sie können nichts von des Sergeanten Tochter wissen, denn darüber wurde das größte Geheimnis bewahrt.«

»Und hier sollen sie nichts erfahren«, erwiderte Pfadfinder, indem er seinen Gefährten veranlaßte, sorgfältig in die Spuren von Mabels kleinem Fuß zu treten, »wenn nicht dieser alte Salzwasserfisch seine Nichte in der Windgasse herumgeführt hat, wie eine alte Hirschkuh ihr Kitzchen.«

»Ein Bock, meint Ihr, Meister Pfadfinder.«

»Ist er nicht ein Querkopf? Nun, ich kann wohl Kameradschaft halten mit einem Schiffer, wie Ihr seid, Eau-douce, und finde nichts besonders Konträres in unseren Gaben, obgleich sich die Euern mehr für die Seen und die meinen für die Wälder eignen; aber mit diesem – hört, Jasper«, fuhr der Kundschafter mit seinem gewohnten tonlosen Lachen fort, »ich meine, wir sollten ihm doch das Gewehr visitieren und ihn über die Fälle schießen lassen?«

»Und was in der Zwischenzeit mit der artigen Nichte anfangen?«

»Nun, ihr braucht deshalb kein Leid zu widerfahren. Sie muß jedenfalls auf dem Trageweg um die Fälle gehen. Aber Ihr und ich können diesen Atlantischen Ozeansmenschen auf die Probe stellen, und dann werden sich wohl alle Partien besser miteinander befreunden. Wir wollen ausfindig machen, ob sein Stein Feuer gibt, und er mag etwas von den Streichen der Grenzleute erfahren.«

Der junge Jasper lächelte, denn er war einem Scherz nicht abgeneigt, um so weniger, als ihn Caps Anmaßung unangenehm berührt hatte. Aber Mabels schönes Antlitz, ihre leichte, behende Gestalt und ihr gewinnendes Lächeln stellte sich wie ein Schild zwischen ihren Onkel und den beabsichtigten Versuch.

»Vielleicht wird es des Sergeanten Tochter erschrecken«, sagte er.

»Gewiß nicht, wenn sie was von des Sergeanten Geist in sich hat. Sie sieht nicht aus, als ob sie 'n zimperliches Ding wär. Oder laßt mich's allein machen, ich will die Sache schon durchführen.«

»Nicht Ihr allein, Pfadfinder; ihr würdet beide miteinander ertrinken. Wenn der Kahn über die Fälle geht, muß ich dabei sein.«

»Gut, sei es so. Es bleibt also bei der Übereinkunft.«

Jasper nickte lächelnd seine Zustimmung, und der Gegenstand war abgemacht, als die Gesellschaft bei dem Kahn anlangte. Weniger Worte hatten schon über wichtigere Dinge zwischen den Partien entschieden.

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