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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 29
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pfad/cooper/pfadfind/pfadfind.xml
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Während der Körper des Quartiermeisters in den Händen der Soldaten war, die ihn anständig beiseite brachten und mit einem Mantel bedeckten, nahm Chingachgook schweigend wieder seinen Platz am Feuer ein, und Sanglier und Pfadfinder bemerkten, daß ein frischer, noch blutender Skalp an seinem Gürtel hing. Niemand tat eine Frage, und der erstere, obwohl er vollkommen überzeugt war, daß Pfeilspitze gefallen sei, zeigte keine Spur von Neugier oder Teilnahme. Er aß ruhig seine Suppe fort, als ob sich nichts Ungewöhnliches während der Mahlzeit ereignet hätte. In all diesem lag etwas von dem Stolz und der angenommenen Gleichgültigkeit, darin er die Indianer nachahmte; doch mochte es noch mehr das Ergebnis eines sturmvollen Lebens, gewohnter Selbstbeherrschung und der Härte seines Gemütes sein. Pfadfinder fühlte etwas anderes bei der Sache, obgleich er sich im äußeren fast ebenso benahm. Er liebte Muir nicht, da dessen glatte Höflichkeit wenig mit seinem eigenen freimütigen und edlen Wesen im Einklang stand; aber sein unerwarteter und gewaltsamer Tod hatte ihn, obgleich er an ähnliche Szenen gewöhnt war, ergriffen, und das Offenbarwerden seines Verrates mußte ihn überraschen. Um sich über die Ausdehnung dieses Verrates Gewißheit zu verschaffen, begann er, sobald die Leiche entfernt war, den Kapitän über die Sache auszuforschen, und da dieser nach dem Tode seines Agenten keinen besonderen Grund hatte, sie geheimzuhalten, so enthüllte er während des Frühstücks folgendes:

Bald nach dem Aufzug des Fünfundfünfzigsten an der Grenze hatte Muir freiwillig dem Feinde seine Dienste angeboten. In seinen Anträgen rühmte er sich der Freundschaft mit Lundie, die ihm Mittel böte, ungewöhnlich genaue und wichtige Mitteilungen zu machen. Seine Bedingungen wurden angenommen; Monsieur Sanglier hielt in der Nähe des Forts Oswego mehrere Zusammenkünfte mit ihm und brachte einmal eine ganze Nacht verborgen in der Garnison zu. Pfeilspitze war der gewöhnliche Zwischenträger; der anonyme Brief an Major Duncan wurde von Muir aufgesetzt, nach Frontenac geschickt, abgeschrieben und durch den Tuscarora zurückgebracht, der eben von dieser Sendung zurückkehrte, als ihn der Scud abfing. Jasper sollte geopfert werden, um den Verrat des Quartiermeisters zu verhüllen und allen Verdacht zu beseitigen, daß durch ihn die Mitteilung der Lage der Insel an den Feind geschehen sei. Eine außerordentliche Belohnung, die in seiner Börse gefunden wurde, hatte ihn veranlaßt, Sergeant Dunhams Zug zu begleiten, um die Signale zum Angriff geben zu können. Die Vorliebe Muirs für das andere Geschlecht war eine natürliche Schwäche, und er würde Mabel ebensogut wie irgendeine andere geheiratet haben, die sich geneigt gezeigt hätte, seine Hand anzunehmen; aber seine Bewunderung gegen sie war großenteils geheuchelt, um einen Vorwand zur Teilnahme an dem Zug zu haben, ohne sich bei dem Mißlingen einer Verantwortlichkeit auszusetzen oder Gefahr zu laufen, daß ihm die Begleitung wegen fehlender gewichtiger und hinreichender Gründe abgeschlagen würde. Hiervon war vieles, namentlich der mit Mabel in Verbindung stehende Teil, dem Kapitän Sanglier bekannt, und er ermangelte nicht, seine Zuhörer in das ganze Geheimnis einzuweihen, wobei er oft in seiner sarkastischen Weise lachte, als er die verschiedenen Kunstgriffe des unglücklichen Quartiermeisters enthüllte.

»Touchez-là«, sagte der kaltblütige Parteigänger und hielt, als er mit seinen Erläuterungen zu Ende war, dem Pfadfinder seine sehnige Hand entgegen. »Sie seien honnête, und das ist beaucoup. Wir nehmen den Spion, wie wir nehmen la médecine, für gut, mais je le déteste! touchez-là!«

»Ich nehme Ihre Hand, Kapitän, ja; denn Sie sind ein gesetzmäßiger, natürlicher Feind«, erwiderte Pfadfinder, »und ein mannhafter obendrein; aber der Körper des Quartiermeisters soll nie den englischen Boden entehren. Ich hatte im Sinn, ihn zu Lundie zurückzuführen, damit dieser seine Dudelsäcke über ihn pfeifen lasse; aber er soll nun hier liegen an dem Ort, wo er seine Schurkerei geübt, und sein Verrat sei sein Grabstein. Kapitän Kieselherz, ich will glauben, daß die Gemeinschaft mit Verrätern zu den regelmäßigen Dienstpflichten eines Soldaten gehört; aber ich sag' Ihnen ehrlich, daß sie mir nicht gefällt und daß es mir lieber ist, Sie haben diese Sache auf Ihrem Gewissen als ich. Welch ein arger Sünder! Solch schamlosen Verrat zu spinnen, rechts und links, gegen Vaterland, Freunde und Gott! Jasper, Junge, ein Wort beiseite, nur eine Minute –«

Pfadfinder führte den Jüngling auf die Seite, und indem er ihm, mit Tränen in den Augen, die Hand drückte, fuhr er fort:

»Ihr kennt mich, Eau-douce, und ich kenne Euch; diese Neuigkeiten haben meine Meinung von Euch nicht im mindesten geändert. Ich hab' ihrem Gerede nie Glauben geschenkt, obgleich es, ich geb's zu, eine Minute bedenklich genug aussah; ja es sah bedenklich aus und machte auch mich bedenklich. Aber ich hatte keinen Augenblick Argwohn gegen Euch, denn ich weiß, daß Eure Gaben nicht auf diesem Wege liegen, obschon ich zugestehen muß, daß ich so was nicht hinter dem Quartiermeister gesucht hätte.«

»Und er war sogar ein Offizier seiner Majestät, Pfadfinder!«

»Es ist nicht sowohl deswegen, Jasper Western, es ist nicht gerade das. Bestallung hin, Bestallung her; er war von Gott bestallt, recht zu handeln und mit seinen Mitgeschöpfen ehrlich zu Werk zu gehen, und er hat sich schrecklich gegen diese Pflicht verfehlt.«

»Und dann noch seine vorgebliche Liebe zu Mabel, für die er auch nicht das mindeste fühlte!«

»Gewiß, das war schlecht; der Kerl muß Mingoblut in seinen Adern gehabt haben. Ein Mensch, der gegen ein Weib unredlich ist, kann nur ein Mischling sein, Junge; denn der Herr hat sie hilflos geschaffen, damit wir ihre Liebe durch Güte und Dienstleistungen gewinnen mögen. Da liegt der arme Mann, der Sergeant, auf seinem Sterbebett; und er hat mich mit seiner Tochter verlobt, und Mabel, das liebe Kind, hat ihre Zustimmung gegeben. Dies läßt mich nun fühlen, daß ich auf die Wohlfahrt zweier zu denken, für zwei Naturen zu sorgen und zwei Herzen zu erfreuen habe. Ach, Jasper; es kommt mir bisweilen vor, ich sei nicht gut genug für dieses süße Geschöpf!«

Eau-douce schnappte nach Luft, als er zum erstenmal diese Nachricht vernahm, und obgleich es ihm gelang, einige äußere Zeichen seines Seelenkampfes zu verbergen, so überflog doch seine Wangen die Blässe des Todes. Er faßte sich aber und antwortete nicht nur mit Festigkeit, sondern sogar mit Kraft:

»Sagt nicht so, Pfadfinder; Ihr seid gut genug für eine Königin.«

»Ja, ja, Junge – nach Euern Begriffen von meinen Vorzügen; das heißt, ich kann einen Hirsch töten oder im Notfall auch einen Mingo so gut wie irgendeiner an der Grenze, oder ich kann einen Waldpfad mit sicherem Auge verfolgen und in den Sternen lesen, wenn andere das nicht vermögen. Kein Zweifel, kein Zweifel, Mabel wird Wildbret und Fische genug haben; aber wird sie nicht Kenntnisse, Ideen und eine angenehme Unterhaltung vermissen, wenn sich das Leben ein wenig langweilig hinschleppt und jeder von uns sich in seinem wahren Wert zu zeigen beginnt?«

»Wenn Ihr Euern Wert zeigt, Pfadfinder, so muß die größte Dame im Land mit Euch glücklich werden. In dieser Beziehung habt Ihr keinen Grund, besorgt zu sein.«

»Nun, Jasper, ich glaube, daß es Euch Ernst ist – nein, ich weiß es; denn es ist natürlich und der Freundschaft gemäß, daß man die Geliebte in einem allzu günstigen Licht betrachtet. Ja, ja, wenn ich Euch heiraten sollte, Junge, so würd' ich mir keine Sorge machen, günstig beurteilt zu werden, denn Ihr habt Euch immer geneigt gezeigt, mich und meine Handlungen mit wohlwollenden Blicken zu betrachten. Aber ein junges Mädchen muß im Grunde doch wünschen, einen Mann zu kriegen, der ihrem eigenen Alter und ihrer Denkweise nähersteht als einer, der seinen Jahren nach ihr Vater sein könnte und ungeschliffen genug ist, um ihr Furcht einzujagen. Es nimmt mich wunder, Jasper, daß Mabel nicht lieber ein Auge auf Euch geworfen hat, statt mir ihre Neigung zuzuwenden.«

»Ein Auge auf mich werfen, Pfadfinder?« erwiderte der junge Mann, indem er die Bewegung in seiner Stimme zu verbergen suchte. »Was könnte an mir wohl einem Mädchen wie Mabel Dunham gefallen? Ich habe alle die Mängel, die Ihr an Euch selbst findet, und nichts von den Vorzügen, die Euch sogar die Achtung von Generalen gewonnen haben.«

»Nun, es ist alles Zufall, sage man, was man wolle. Ich hab' ein Frauenzimmer nach dem andern durch die Wälder geführt und mit ihnen in der Garnison verkehrt, ohne gegen irgendeine Zuneigung zu empfinden, bis ich Mabel Dunham sah. Es ist wahr, der arme Sergeant hat zuerst meine Gedanken auf seine Tochter gelenkt, aber als wir ein bißchen bekannt wurden, bedurfte es nicht vieler Worte, um mich Tag und Nacht an sie denken zu machen. Ich bin zähe, Jasper, ich bin sehr zähe und entschlossen genug, wie ihr alle wißt, und doch glaub' ich, es würde mich erdrücken, wenn ich jetzt Mabel Dunham verlieren müßte.«

»Wir wollen nicht mehr davon reden, Pfadfinder«, sagte Jasper, indem er den Händedruck seines Freundes erwiderte und sich wieder dem Feuer zukehrte, obgleich es nur langsam und in der Weise eines Menschen geschah, dem es gleichgültig ist, wohin er geht; – »wir wollen nicht mehr davon reden. Ihr seid Mabels, und Mabel ist Eurer würdig – Ihr liebt Mabel, und Mabel liebt Euch – Ihr Vater hat Euch zu ihrem Gatten bestimmt, und niemand hat das Recht, sich darein zu legen. Was aber den Quartiermeister anbelangt, so war seine geheuchelte Liebe gegen Mabel ein noch weit schlechterer Streich als sein Verrat gegen den König.«

Mittlerweile waren sie dem Feuer so nahe gekommen, daß es nötig wurde, den Gegenstand der Unterhaltung zu wechseln. Zum Glück erschien in diesem Augenblick Cap, der in dem Blockhaus seinem sterbenden Schwager Gesellschaft geleistet und von den Vorgängen seit der Kapitulation nichts erfahren hatte, mit ernstem und traurigen Blick unter der Gesellschaft. Ein großer Teil jenes absprechenden Wesens, das selbst seinem gewöhnlichen Benehmen den Anschein gab, als ob er alles um sich her verachte, war verschwunden, und sein Äußeres erschien gedankenvoll, wenn nicht gedrückt.

»Der Tod, meine Herren«, begann er, als er nahe genug gekommen war, »ist, von der besten Seite betrachtet, ein trauriges Ding. Da ist nun Sergeant Dunham – ohne Zweifel ein sehr guter Soldat im Begriff, sein Kabel laufen zu lassen, und doch hält er sich an dem besseren Ende fest, als ob er entschlossen sei, es für immer in der Klüse zurückzuhalten – und das nur aus Liebe zu seiner Tochter, wie mir scheint. Was mich anbelangt, so wünsch' ich stets, wenn ein Freund in die Notwendigkeit versetzt wird, eine lange Reise anzutreten, daß er gut und glücklich fortkommt.«

»Ihr werdet doch den Sergeanten nicht vor seiner Zeit unter der Erde haben wollen?« antwortete Pfadfinder vorwurfsvoll. »Das Leben ist süß, auch für den Betagten, und ich hab' in dieser Hinsicht Leute gekannt, denen es am teuersten zu sein schien, wo es gerade am wenigsten Wert hatte.«

Nichts war Caps Gedanken ferner gewesen als der Wunsch, seines Schwagers Ende beschleunigt zu sehen. Er fühlte sich durch die Pflicht, die letzten Stunden des Sterbenden zu erleichtern, in Verlegenheit gesetzt, und wollte einfach seine Sehnsucht ausdrücken, daß der Sergeant glücklich aller Zweifel und Leiden enthoben sein möchte. Die falsche Deutung seiner Worte berührte ihn daher etwas unangenehm, und er erwiderte mit einem Anflug seiner eigentümlichen Rauheit, obgleich ihm sein Gewissen den Vorwurf machte, daß er seinen eigenen Wünschen kein Genüge geleistet habe:

»Ihr seid zu alt und zu verständig, Pfadfinder«, sagte er, »jemanden mit einer Welle einzuholen, wenn er sozusagen seine Gedanken auf eine trübselige Weise auskramt. Sergeant Dunham ist mein Schwager und mein Freund – das heißt, ein so inniger Freund, wie ein Soldat gegen einen Seemann sein kann – und ich achte und ehre ihn demgemäß. Ich zweifle übrigens nicht, daß er gelebt hat, wie es einem Mann ziemt, und es kann daher nichts Unrechtes in dem Wunsch liegen, daß einer im Himmel gut gebettet sein möge. Nun, selbst die Besten von uns müssen sterben, Ihr werdet's mir nicht in Abrede stellen; und das mag uns zur Lehre dienen, damit wir uns unserer Fülle und Kraft nicht überheben. Wo ist der Quartiermeister, Pfadfinder? Es wär' in Ordnung, wenn er dem Sergeanten noch Lebewohl sagte, der uns nur um ein kleines vorangeht.«

»Ihr habt wahrer gesprochen, Meister Cap, als Ihr derzeit selbst wißt; das darf uns jedoch nicht wundern, denn der Mensch sagt zuzeiten oft beißende Wahrheiten, wo er es am wenigsten beabsichtigt. Demungeachtet könnt Ihr aber noch weiter gehen und sagen, daß auch die Schlechtesten von uns sterben müssen, was ebenfalls ganz richtig ist, und eine noch heilsamere Wahrheit enthält, als wenn man sagt, daß auch die Besten sterblich seien. Was des Quartiermeisters Abschied von dem Sergeanten betrifft, so kann davon keine Rede sein, denn Ihr werdet sehen, daß er vorangegangen ist, und zwar ohne daß ihm selbst oder irgendeinem andern seine Abreise angekündigt worden wäre.«

»Ihr sprecht Euch nicht so ganz deutlich aus, wie Ihr sonst zu tun pflegt, Pfadfinder. Ich weiß, daß wir alle bei solchen Gelegenheiten ernstere Gedanken fassen sollten; aber ich sehe nicht ein, was es für einen Nutzen hat, in Parabeln zu reden.«

»Wenn meine Worte nicht klar sind, so ist's doch der Gedanke. Kurz, Meister Cap – während sich Sergeant Dunham zu einer langen Reise vorbereitet, langsam und bedächtig, wie es einem gewissenhaften, ehrlichen Manne ziemt, so ist der Quartiermeister vor ihm in aller Hast abgefahren, und obgleich es eine Sache ist, über die mir ein bestimmter Ausspruch nicht zusteht, so muß ich doch die Vermutung äußern, daß die beiden zu verschiedene Wege gehen, um sich je wieder zu treffen.«

»Erklärt Euch deutlicher, mein Freund«, sagte der verwirrte Seemann und sah sich nach Muir um, dessen Abwesenheit anfing, ihm verdächtig zu werden. »Ich seh' nichts von dem Quartiermeister, aber ich halt' ihn doch nicht für feige genug, um jetzt, da der Sieg errungen ist, davonzulaufen. Wenn der Kampf erst anfinge, statt daß wir jetzt in seinem Kielwasser sind, so möchte das freilich die Sache ändern.«

»Alles, was von ihm übrig ist, liegt unter jenem Mantel dort« erwiderte Pfadfinder und erzählte dann in kurzen Worten die Geschichte von dem Tod des Leutnants.

»Der Stich des Tuscarora war so giftig wie der der Klapperschlange, obgleich ihm das Warnungszeichen fehlte«, fuhr Pfadfinder fort. »Ich habe manchen verzweifelten Kampf und viele solche plötzlichen Ausbrüche wilden Temperaments gesehen, aber nie kam es mir vor, daß eine Seele so unerwartet oder in einem für die Hoffnungen eines Sterbenden so ungünstigen Augenblick ihren Körper verließ. Sein Atem stockte mit einer Lüge auf den Lippen, und sein Geist entschwand sozusagen in der Gluthitze der Verworfenheit.«

Cap horchte mit offenem Munde auf und ließ zwei oder drei gewaltige »Hems« vernehmen, als ob er seinem eigenen Atem nicht traute.

»Ihr führt ein unsicheres und unbequemes Leben hier zwischen dem Frischwasser und den Wilden, Meister Pfadfinder«, sagte er, »und je früher ich es in meinen Rücken kriege, eine desto bessere Meinung werd' ich von mir selber hegen. Nun, Ihr habt die Sache erwähnt, und so muß ich denn auch sagen, daß der Mann, als der Feind zuerst auf uns abhielt, mit einer Art Instinkt nach dem Felsennest eilte, der mich an einem Offizier überraschte; aber ich folgte ihm in zu großer Hast, um mir die Sache zurechtzulegen. – Gott sei mit uns! Gott sei mit uns! Ein Verräter, sagt Ihr, und bereit, sein Vaterland zu verkaufen, und noch obendrein an einen schuftigen Franzosen?«

»Alles zu verkaufen, Vaterland, Seele, Leib, Mabel und alle unsere Skalpe; und ich wette, er nahm es nicht genau damit, wer der Käufer sei. Diesmal waren die Landsleute des Kapitän Kieselherz die Zahlmeister.«

»Das sieht ihnen ganz gleich; immer bereit, zu kaufen, wenn sie nicht zuschlagen können, und wenn keines von beiden angeht, davonzulaufen.«

Monsieur Sanglier lüpfte seine Mütze mit spöttischem Ernst und erkannte das Kompliment mit einem Ausdruck höflicher Verachtung an, der jedoch bei einem so stumpfsinnigen Gegner verlorenging. Aber Pfadfinder hatte zuviel angeborene Artigkeit und zuviel Gerechtigkeitssinn, um den Angriff unbeachtet vorübergehen zu lassen.

»Nun, nun«, warf er ein, »ich finde da im Grunde keinen großen Unterschied zwischen einem Engländer und einem Franzosen. Ich gebe zwar zu, sie sprechen eine verschiedene Sprache und leben unter verschiedenen Königen; aber beide sind Menschen und fühlen wie Menschen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Wenn der Franzose bisweilen scheu ist, so ist es der Engländer auch, und was das Davonlaufen anbelangt – ei, das wird ein Mensch hin und wieder ebensogut tun wie ein Pferd, mag er von was immer für einem Volk sein.«

Kapitän Kieselherz, wie ihn Pfadfinder nannte, verbeugte sich wieder; aber diesmal war sein Lächeln freundlich und nicht spöttisch, denn er fühlte, daß die Absicht gut war, mochte auch die Art des Ausdrucks sein, welche sie wollte. Da er aber zu sehr Philosoph war, um das zu beachten, was ein Mann wie Cap dachte oder sagte, so vollendete er sein Frühstück, ohne seine Aufmerksamkeit wieder von diesem wichtigen Geschäft ablenken zu lassen.

»Ich bin hauptsächlich wegen des Quartiermeisters hergekommen«, fuhr Cap fort, nachdem er das Benehmen des Gefangenen eine Weile betrachtet hatte. »Der Sergeant muß seinem Ende nahe sein, und ich vermutete, er könnte wünschen, seinem Amtsnachfolger noch was vor seinem Hingang mitzuteilen. Es ist aber zu spät, wie's scheint; und wie Ihr sagt, Pfadfinder, ist der Leutnant in Wirklichkeit ihm vorausgegangen.«

»Das ist er, ja – obgleich auf einem ganz anderen Pfad. Was das Amt anbelangt, so hat jetzt, glaub' ich, der Korporal ein Recht auf das Kommando der noch übrigen, kleinen, geplackten – um nicht zu sagen – geschreckten Mannschaft des Fünfundfünfzigsten. Doch wenn was getan werden muß, so ist große Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich dazu berufen bin. Ich denke aber, wir haben nur unsere Toten zu begraben und das Blockhaus mit den Hütten in Brand zu stecken, da sie sich wenigstens ihrer Lage, wenn auch nicht dem Recht nach, auf dem feindlichen Gebiet befinden und nicht zum Dienst des Feindes stehen bleiben dürfen. Wir werden sie ohne Zweifel nicht wieder benützen, denn da die Franzosen die Insel aufzufinden wissen, so hieße das mit offenen Augen in eine Wolfsfalle greifen. Für diesen Teil unserer Verrichtung will ich mit Chingachgook sorgen, denn wir sind sowohl im Rückzug als im Angriff geübt.«

»Alles das ist ganz recht, mein guter Freund; aber was meinen armen Schwager anbelangt – obgleich er ein Soldat ist – so können wir ihn, nach meiner Ansicht, doch nicht ohne ein Wort des Trostes und ohne Lebewohl hinübergehen lassen. Es ist in jeder Hinsicht ein unglückseliger Handel gewesen, obgleich sich ein solches Ende voraussehen ließ, wenn man die Zeitverhältnisse und die Beschaffenheit dieser Schiffahrt ins Auge faßt. Doch, wir müssen's uns gefallen lassen und wollen nun den Versuch machen, dem würdigen Mann vom Ankergrund wegzuhelfen, ohne seine Gienen allzusehr anzuspannen. Der Tod ist im Grunde eben ein Indiz – ein Umstand wollt' ich sagen, Meister Pfadfinder, und zwar ein Umstand von sehr allgemeinem Charakter, da wir ihm alle früher oder später folgen müssen.«

»Ihr habt recht; ich halte es daher für weise, immer bereit zu sein. Ich habe oft gedacht, Salzwasser, daß der der Glücklichste ist, der am wenigsten zurückgelassen hat, wenn die Mahnung an ihn ergeht. So bin ich zum Beispiel ein Jäger, Kundschafter und Waldläufer, und obgleich ich keinen Fußbreit Erde mein eigen nennen kann, so bin ich doch froher und reicher als der große Albany-Patron. Der Himmel über meinem Haupt, um mich an die letzte große Jagd zu erinnern, und die dürren Blätter unter meinem Fuß, schreite ich über die Erde hin, als ob ich ihr Herr und Besitzer sei; und was braucht das Herz weiter? Ich will damit nicht sagen, daß ich nichts liebe, was der Erde angehört; denn wie wenig es auch sein mag, Mabel Dunham ausgenommen, so ist mir doch manches teuer, was ich nicht mit mir nehmen kann. Ich hab' einige Hunde auf dem obern Fort, die ich sehr wert halte, obgleich sie für die Kriegszüge zu laut und deshalb vorderhand von mir getrennt sind. Dann würd' es mich, glaub' ich, schwer ankommen, von dem Wildtod zu scheiden; aber ich seh' nicht ein, warum man ihn nicht mit mir sollte begraben können, da wir beide auf eine Haaresbreite die gleiche Länge – nämlich sechs Fuß – haben. Doch außer diesem und einer Pfeife, die mir der große Häuptling Schlange gab, und einigen Andenken, die ich von Reisenden erhielt, was man alles in eine Tasche stecken und unter meinen Kopf legen kann – wenn die Reihe an mich kommt, bin ich zu jeder Minute bereit; und laßt Euch sagen, Meister Cap, das ist so was, was ich auch einen Umstand nenne.«

»Gerade so geht's mir«, entgegnete der Seemann, während beide dem Blockhaus zugingen, dabei aber zu sehr mit ihren eigenen moralischen Betrachtungen beschäftigt waren, um in diesem Augenblick des traurigen Auftritts zu gedenken, der ihnen bevorstand – »das ist ganz meine Gefühls- und Denkweise. Wie oft ist mir, wenn ich nahe am Scheitern war, der Gedanke zum Trost geworden, daß das Fahrzeug nicht mein Eigentum sei. Ich sagte dann oft zu mir selbst, wenn's untergeht, je nun – so geht mein Leben mit verloren, aber nicht mein Eigentum, und darin liegt eine große Beruhigung. Ich habe auf meinen Reisen durch alle Weltgegenden, vom Kap Horn bis zum Nordkap, von der Fahrt auf diesem Frischwasserstreifen gar nicht zu reden, die Entdeckung gemacht: Ein Mann, der einige Dollars besitzt und sie im Kasten unter Schloß und Riegel verwahrt, darf sicher sein, daß er sein Herz in derselben Truhe mit eingeschlossen hat; und so trage ich fast alles, was ich mein eigen nennen darf, in einem Gürtel um meinen Leib herum, damit ich sagen kann, alles zum Leben dienliche sei an der rechten Stelle. – Gott verdamme mich, Pfadfinder, wenn ich einen Menschen, der kein Herz hat, für besser halte als einen Fisch mit einem Loch in seiner Schwimmblase.«

»Ich weiß nicht, wie sich das verhält, Meister Cap; aber verlaßt Euch drauf, ein Mensch ohne Gewissen ist nur ein armes Geschöpf, wie jeder zugeben wird, der mit den Mingos zu tun gehabt hat. Ich kümmere mich wenig um Dollars oder anderes Geld, wie man es in dieser Weltgegend münzt; aber ich kann demnach, was ich bei anderen gesehen habe, leicht glauben, daß man von einem Menschen, der seinen Kasten damit angefüllt hat, sagen muß, er verschließe sein Herz mit in dieselbe Kiste. Ich war mal während des letzten Friedens zwei Sommer auf der Jagd, wo ich so viel Pelzwerk sammelte, daß ich endlich fand, die Begier nach Besitz ersticke meine besten Gefühle; und ich fürchte, wenn ich Mabel heirate, möchte mich die Gier nach solchen Dingen wieder übermannen, damit ich ihr das Leben behaglicher machen könne.«

»Ihr seid ein Philosoph, Pfadfinder, das ist klar, und ich glaube, daß Ihr auch ein Christ seid.«

»Ich dürfte nicht gut auf den Mann zu sprechen sein, der mir das letztere in Abrede stellte, Meister Cap. Ich bin allerdings nicht von den Herrnhutern bekehrt worden, wie so viele von den Delawaren, aber ich halt's mit dem Christentum und den weißen Gaben. Ich hab' ebensowenig Vertrauen zu einem weißen Mann, der kein Christ ist, wie zu einer Rothaut, die nicht an ihre glückliche Jagdgründe glaubt. In der Tat, wenn man einige Verschiedenheiten in den Überlieferungen und einige Abänderungen über die Art abrechnet, wie sich der menschliche Geist nach dem Tode beschäftigt, so halt' ich einen guten Delawaren für einen guten Christen, wenn er auch nie einen Herrnhuter sah, und einen guten Christen, was die Natur anbelangt, für einen guten Delawaren. Der Häuptling und ich, wir sprechen oft über diese Gegenstände, denn er hat ein großes Verlangen nach dem Christentum –«

»Den Teufel hat er!« unterbrach ihn Cap. »Was will er denn in der Kirche mit all den Skalpen anfangen, die er nimmt?«

»Rennt nicht mit einer falschen Idee durch, Freund Cap; rennt nicht mit einer falschen Idee durch. Diese Dinge gehen nicht tiefer als die Haut ist, und hängen von der Erziehung und den natürlichen Gaben ab. Betrachtet die Menschen um Euch her und sagt mir, warum Ihr hier einen roten Krieger, dort einen schwarzen, an anderen Orten Heere von weißen seht? Alles dieses und noch viel mehr derartiges, was ich namhaft machen könnte, ist zu besonderen Zwecken so eingerichtet, und es ziemt uns nicht, Tatsachen zu widersprechen und die Wahrheit in Abrede zu stellen. Nein, nein – jede Farbe hat ihre Gaben, ihre Gesetze und ihre Überlieferungen, und keine darf die andere verdammen, weil sie sie nicht ganz begreifen kann.«

»Ihr müßt viel gelesen haben, Pfadfinder, daß Ihr in diesen Dingen so deutlich seht«, erwiderte Cap, den das einfache Glaubensbekenntnis seines Gefährten nicht wenig geheimnisvoll ansprach. »Es ist mir jetzt alles so klar wie der Tag, obgleich ich sagen muß, daß mir solche Ansichten noch nie zu Ohren gekommen sind. Wie heißen die, zu denen Ihr gehört, mein Freund?«

»Wie?«

»Zu welcher Sekte haltet Ihr Euch? Welcher besonderen Kirche gehört Ihr an?«

»Seht um Euch und urteilt selbst. Ich bin gegenwärtig in meiner Kirche, ich esse in der Kirche, ich trinke in der Kirche und schlafe in der Kirche. Die Erde ist der Tempel des Herrn, und ich hoffe demütig, daß ich ihm stündlich, täglich und ohne Unterlaß diene. Nein, nein, – ich will weder mein Blut noch meine Farbe verleugnen; ich bin als Christ geboren und will in diesem Glauben sterben. Die Herrenhuter haben mir hart zugesetzt, und einer von des Königs Geistlichen hat mir auch sein Sprüchlein gesagt, obgleich das nicht gerade die Leute sind, die sich mit derartigen Dingen besondere Mühe geben; außerdem sprach noch ein Missionar aus Rom viel mit mir, als ich ihn während des letzten Friedens durch die Wälder geleitete. Aber ich hatte für alle nur eine Antwort: Ich bin bereits ein Christ und brauche weder ein Herrenhuter noch ein Hochkirchlicher, noch ein Papist zu sein. Nein, nein, ich will meine Geburt und mein Blut nicht verleugnen.«

»Ich denke, ein Wort von Euch könnte den Sergeanten leichter über die Untiefen des Todes wegbringen, Meister Pfadfinder. Er hat niemand um sich als die arme Mabel, und die ist, obgleich seine Tochter, doch nur ein Mädchen und im Grunde noch ein Kind, wie Ihr selber wißt.«

»Mabel ist schwach an Körper, Freund Cap, aber ich glaube, daß sie in derartigen Dingen stärker ist als die meisten Männer. Doch Sergeant Dunham ist mein Freund; er ist Euer Schwager – und so wird es, da der Drang des Kampfes und die Wahrung unserer Rechte vorüber ist, geeignet sein, daß wir beide zu ihm gehen und Zeugen seines Hinganges sind. – Ich bin bei manchem Sterbenden gewesen, Meister Cap«, fuhr Pfadfinder fort, der sehr geneigt war, sich über Gegenstände aus seiner Erfahrung weitläufig auszusprechen, wobei er anhielt und seinen Gefährten am Rockknopf faßte, »ich stand schon manchem Sterbenden zur Seite und hörte seinen letzten Atemzug; denn wenn das Getümmel der Schlacht vorüber ist, so muß man der Unglücklichen gedenken, und es ist merkwürdig zu sehen, wie verschieden sich die Gefühle der menschlichen Natur in einem solchen feierlichen Augenblick aussprechen. Einige gehen diesen Weg so stumpf und dumpf, als ob sie von Gott keine Vernunft und kein Gewissen erhalten hätten, indes uns andere freudig verlassen, als ob sie eine schwere Bürde loswürden. Ich glaube, daß der Geist in solchen Augenblicken hell sieht, mein Freund, und daß die Taten der Vergangenheit lebhaft in der Erinnerung auftauchen.«

»Ich wette, es ist so, Pfadfinder. Ich hab' selbst was der Art bemerkt und hoffe, dadurch nicht schlimmer geworden zu sein. Ich erinnere mich, daß ich einmal glaubte, mein Stündlein sei gekommen, und da überholte ich das Log mit einem Fleiß, dessen ich mich bis zu jenem Augenblick nie für fähig gehalten hätte. Ich bin kein besonders großer Sünder gewesen, Freund Pfadfinder, das heißt – nie in einem großen Maßstab, obgleich ich der Wahrheit zu Ehren sagen muß, daß eine beträchtliche Rechnung kleiner Dinge gegen mich so gut wie gegen einen anderen aufgebracht werden könnte; aber nie habe ich Seeräuberei, Hochverrat, Mordbrennerei oder etwas der Art begangen. Was das Schmuggeln und ähnliches anbelangt – ei, ich bin ein Seemann, und ich denke, jeder Stand hat seine schwachen Seiten. Ich wette, Euer Gewerbe ist auch nicht so ganz tadelfrei, so ehrbar und nützlich es auch aussehen mag?«

»Viele von den Kundschaftern sind ausgemachte Schurken, und einige lassen sich, wie der Quartiermeister hier, von beiden Seiten bezahlen. Ich hoffe, ich bin keiner von diesen, obgleich alle Beschäftigungen ihre Versuchungen haben. Ich bin dreimal in meinem Leben ernstlich geprüft worden, und einmal gab ich ein wenig nach, wenn es sich schon nicht um einen Gegenstand handelte, der meiner Ansicht nach das Gewissen eines Mannes in seiner letzten Stunde beunruhigen könnte. Das erstemal war es, als ich in den Wäldern ein Pack Felle fand, von denen ich wußte, daß sie einem Franzosen gehörten, der auf unserer Seite, wo er eigentlich nichts zu tun hatte, auf der Jagd war – sechsundzwanzig so schöne Biberhäute, als nur je eine das menschliche Auge erfreute. Nun, das war eine schwere Anfechtung, denn ich glaubte, ich hätte fast ein Recht daran, obgleich es damals Friede war. Dann erinnerte ich mich aber, daß solche Gesetze nicht für uns Jäger gemacht seien, und es kam mir der Gedanke, daß der Mann vielleicht große Erwartungen für den nächsten Winter auf das aus den Fellen erlöste Geld baute; und ich ließ sie, wo sie lagen. Die meisten von unsern Leuten sagten zwar, ich hätte unrecht getan; aber die Art wie ich die Nacht darauf schlief, überzeugte mich von dem Gegenteil. Die andere Anfechtung betraf eine Büchse, die ich gefunden hatte, die einzige in diesem Weltteil, die sich an Sicherheit mit dem Wildtod vergleichen läßt. Wenn ich sie nahm und versteckte, so wußte ich gewiß, daß mir kein Schütze an der ganzen Grenze mehr die Spitze zu bieten vermochte. Ich war damals jung und keineswegs so geübt, wie ich es seitdem geworden bin – und die Jugend ist ehrgeizig und hochstrebend: aber Gott sei Dank, ich hab' dieses Gefühl gemeistert, und, Freund Cap, was fast ebensogut ist – ich meisterte später meinen Nebenbuhler in einem so schönen Wettschießen, wie nur je eines in der Garnison abgehalten wurde, er mit seiner Büchse, ich mit dem Wildtod – und noch dazu in der Gegenwart des Generals!«

Hier hielt der Pfadfinder an und lachte; in seinem Auge strahlte die Lust der Erinnerung, und eine Siegesfreude umzog seine sonnverbrannten braunen Wangen. »Nun, der dritte Kampf mit dem Teufel war der schwerste von allen; ich stieß plötzlich auf ein Lager von sechs Mingos, die in den Wäldern schliefen und ihre Gewehre und Pulverhörner auf eine Stelle gehäuft hatten, so daß ich mich ihrer, ohne einen von den Schuften zu wecken, bemächtigen konnte. Was wäre das für eine Gelegenheit für den Chingachgook gewesen, einen nach dem andern mit seinem Messer abzutun und die Skalpe fast in kürzerer Zeit an seinem Gürtel zu haben, wie ich zur Erzählung der Geschichte brauche. Oh, er ist ein wackerer Krieger, dieser Chingachgook, so ehrlich wie tapfer und so gut wie ehrlich.«

»Und was habt Ihr in dieser Sache getan, Meister Pfadfinder?« fragte Cap, der auf den Ausgang neugierig wurde; »es scheint mir, Ihr seid entweder an ein sehr gutes oder ein sehr schlimmes Land angelaufen?«

»Es war gut und schlimm, wie Ihr es nehmen wollt; schlimm, weil die Versuchung eine verzweifelte war, und wenn man alle Umstände betrachtet, am Ende doch gut. Ich berührte kein Haar ihres Hauptes, denn es gehört nicht zu den Gaben eines weißen Mannes, Skalpe zu nehmen, und bemächtigte mich nicht einer einzigen ihrer Büchsen. Ich traute mir selbst nicht, da ich wohl wußte, daß die Mingos nicht meine Lieblinge sind.«

»Was die Skalpe anbelangt, so habt Ihr wohl recht getan, mein würdiger Freund; aber Waffen und Munition würde Euch jedes Prisengericht in der Christenheit zugesprochen haben.«

»Das ist wohl richtig; aber dann würden die Mingos frei ausgegangen sein, denn ein weißer Mann kann einen unbewaffneten Feind ebensowenig wie einen schlafenden angreifen. Nein, nein, ich ließ mir, meiner Farbe und auch meiner Religion mehr Gerechtigkeit widerfahren. Ich wartete, bis sie ausgeschlafen hatten und wieder auf ihrem Kriegspfad waren, und pfefferte dann die Halunken tüchtig von hinten und von der Seite, so daß nur einer davon in sein Dorf zurückkam, und auch dieser erreichte seinen Wigwam bloß hinkend. Glücklicherweise war der große Delaware, wie sich später zeigte, nur zurückgeblieben, um einem Stück Wild nachzugehen, und folgte meiner Fährte; als er wieder zu mir traf, hingen die Skalpe der fünf Schurken an der Stelle, wo sie hingehörten, und so – seht Ihr – war bei dieser Handlungsweise nichts verloren, weder was die Ehre noch was den Vorteil anbelangt.«

Cap grunzte Beifall, obgleich man gestehen muß, daß ihm die Unterscheidungen in der Moral seines Gefährten nicht so ganz klar vorkamen. Beide waren während ihrer Unterhaltung auf das Blockhaus zugegangen und ab und zu dabei stehengeblieben, je nachdem ihnen ein Gegenstand von mehr als gewöhnlichem Interesse Halt gebot. Jetzt befanden sie sich aber so nahe an dem Gebäude, daß keiner daran dachte, das Gespräch weiter zu verfolgen, und jeder bereitete sich zu dem letzten Abschied von dem Sergeanten vor.

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