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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 28
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Männer, die an solch kriegerische Szenen gewöhnt sind, eignen sich gerade nicht besonders, auf dem Walplatz dem Einfluß zarterer Gefühle Raum zu geben. Trotzdem weilte aber während dieser Begebnisse mehr als ein Herz bei Mabel in dem Blockhaus, und das wichtige Geschäft der Mahlzeit wollte sogar dem kühnsten Krieger nicht besonders behagen, da man wußte, daß der Sergeant im Sterben lag.

Als Pfadfinder von dem Blockhaus zurückkehrte, traf er auf Muir, der ihn beiseite führte, um eine geheime Besprechung mit ihm zu halten. Das Benehmen des Quartiermeisters trug das Gepräge einer übergebührlichen Höflichkeit, die fast immer der Arglist als Hülle dient: Es ist das untrügliche Zeichen einer unredlichen Absicht, offene Handlungen ausgenommen – wenn ein Gesicht immer lächelt oder eine Zunge übermäßig glatt ist. Muir hatte im allgemeinen viel von diesem Ausdruck an sich, obschon sich einige scheinbare Freimütigkeit damit verband, die durch seine derbe schottische Stimme, seinen schottischen Akzent und seine schottische Ausdrucksweise auf eine eigentümliche Art gehoben wurde. Er verdankte nämlich seine Stellung auch nur einer lang an den Tag gelegten Ergebenheit gegen Lundie und seine Familie; denn wenn auch der Major zu scharfblickend war, um sich von einem Mann täuschen zu lassen, der so weit an wirklichen Kenntnissen und Talenten unter ihm stand, so liegt es doch in der Natur der meisten Menschen, dem Schmeichler freigebige Zugeständnisse zu machen, selbst wenn sie seiner Aufrichtigkeit mißtrauen und seine Beweggründe vollkommen durchschauen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit versuchten zwei Männer gegenseitig ihre Gewandtheit, die sich in den Grundzügen des Charakters so verschieden verhielten wie nur immer möglich. Pfadfinder war so einfach wie der Quartiermeister verschlagen, so aufrichtig wie der andere falsch, und so unbefangen wie der andere schleichend. Beide waren besonnen und berechnend, und beide mutig, obgleich in verschiedener Art und in verschiedenem Grade, da sich Muir nie einer persönlichen Gefahr aussetzte, wenn er nicht seine eigenen Zwecke dabei hatte, während Pfadfinder die Furcht unter die Vernunftschwächen zählte oder als ein Gefühl betrachtete, das nur zulässig sei, wenn etwas Gutes dabei herauskomme.

»Mein teuerster Freund«, begann Muir, »denn nach Eurem letzten Benehmen müßt Ihr uns allen siebenundsiebzigmal teurer sein, als Ihr uns je gewesen, da Ihr Euch in dieser kürzlichen Verhandlung so sehr hervorgetan habt – es ist zwar wahr, man wird Euch nicht zu einem Offizier machen, da diese Art von Bevorzugung nicht für Euren Stand paßt, und, wie ich vermute, auch nicht nach Eurem Wunsch ist; aber als Kundschafter, als Berater, als treuer Untertan und erfahrener Schütze hat Euer Ruf sozusagen seine Glanzhöhe erreicht. Ich zweifle, ob der Oberbefehlshaber so viel Ruhm von Amerika mit fortnehmen wird, wie auf Euren Teil kommt. Ihr könnt nun ruhig Euer Haupt niederlegen und Euch für den Rest Eurer Tage gütlich tun. Heiratet, Mann – ohne Verzug, und bereitet Euch das schönste Glück; denn Ihr habt keine Gelegenheit, Euch nach noch mehr Ruhm umzusehen. Nehmt um Himmels willen Mabel Dunham an Euer Herz, und Ihr habt beides, eine gute Braut und einen guten Namen.«

»Ei, Quartiermeister, das ist ja ein ganz nagelneuer Rat aus Ihrem Munde. Man hat mir gesagt, ich hätt' in Ihnen einen Nebenbuhler?«

»Den hattet Ihr, Mann, und zwar einen furchtbaren, kann ich Euch sagen – einen, der nie vergebens freite und doch fünfmal freite. Lundie reibt mir immer vier unter die Nase, und ich weise den Angriff zurück, aber er hat keine Ahnung davon, daß die Wahrheit sogar seine Arithmetik übersteigt. Ja, ja, Ihr hattet einen Nebenbuhler, Pfadfinder; das ist aber jetzt nicht mehr der Fall. Ich wünsche Euch alles Glück zu Euren Fortschritten bei Mabel, und wenn der wackere Sergeant am Leben bliebe, so könntet Ihr Euch noch obendrein sicher darauf verlassen, daß ich bei ihm ein gutes Wort für Euch einlegen würde.«

»Ich erkenne Ihre Freundschaft, Quartiermeister, obgleich ich Ihrer Fürsprache bei Sergeant Dunham, der mein langjähriger Freund ist, nicht bedarf. Ich glaube, wir dürfen die Sache als so sicher abgemacht betrachten, wie es nur immer in Kriegszeiten möglich ist; denn Mabel und ihr Vater stimmen ein, und das ganze Fünfundfünfzigste wird es nicht ändern können. Ach! der arme Vater wird es kaum erleben, seinen so lange gehegten Herzenswunsch erfüllt zu sehen.«

»Aber er hat den Trost, die Gewißheit mit in die Ewigkeit zu nehmen. Oh, es ist eine große Beruhigung für den scheidenden Geist, Pfadfinder, mit der Überzeugung zu sterben, daß die zurückbleibenden Lieben gut versorgt sind. Alle meine Frauen haben auf ihrem Sterbebett pflichtgemäß dieses Gefühl ausgesprochen.«

»Alle Ihre Frauen haben wahrscheinlich diesen Trost gefühlt, Quartiermeister.«

»Pfui, Mann! Ich hätte Euch nicht für einen solchen Schalk gehalten. Nun, Scherzworte bringen keinen Groll zwischen alte Freunde. Wenn ich Mabel nicht heiraten kann, so werdet Ihr mich doch nicht hindern wollen, sie zu achten und gut von ihr zu sprechen, und von Euch dazu, bei jeder tunlichen Gelegenheit und in allen Gesellschaften. Aber Pfadfinder, Ihr werdet wohl einsehen, daß ein armer Teufel, der eine solche Braut verliert, wahrscheinlich auch einiges Trostes bedarf?«

»Sehr wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich, Quartiermeister«, erwiderte der einfache Kundschafter. »Ich weiß, daß es mir selber äußerst schwer fiele, Mabels Verlust zu ertragen. Es mag wohl drückend auf Ihren Gefühlen lasten, uns verheiratet zu sehen. Aber der Tod des Sergeanten wird die Sache wahrscheinlich hinausschieben, und Sie haben dann Zeit, sich männlich drein zu finden.«

»Ich will dieses Gefühl bekämpfen, ja ich will's bekämpfen, obgleich mir das Herz dabei bricht; und Ihr könnt mir an die Hand gehen, Mann, wenn Ihr mir was zu tun gebt. Ihr begreift, daß es mit dieser Expedition eine eigentümliche Bewandtnis hat, denn ich bin hier, obgleich ein Offizier des Königs, sozusagen nur ein Freiwilliger, während eine bloße Ordonnanz das Kommando geführt hat. Ich habe mich aus verschiedenen Gründen drein gefügt, obschon ich mit heißem Verlangen auf diesen Auftrag gehofft habe, während ihr als kühne Streiter für die Ehre des Landes und die Rechte des Königs –«

»Quartiermeister«, unterbrach ihn Pfadfinder, »Sie fielen zu früh in die Hände des Feindes, so daß Sie in diesem Betracht Ihr Gewissen leicht beruhigen können. Lassen Sie sich also raten und sprechen Sie nichts mehr davon.«

»Das ist grade auch meine Meinung, Pfadfinder; wir wollen alle nichts mehr davon reden. Sergeant Dunham ist hors de combat

»Wie?« sagte der Pfadfinder.

»Nun, der Sergeant kann nicht mehr kommandieren, und es würde kaum angehen, einen Korporal an die Spitze einer siegreichen Partei wie diese zu stellen; denn Blumen, die in einem Garten blühen, sterben auf einer Heide, und ich dachte eben daran, den Anspruch an diese Ehre für einen Mann, der Seiner Majestät Patent als Leutnant hat, geltend zu machen. Was die Mannschaft anbelangt, so darf diese keinen Einwurf dagegen erheben, und was Euch betrifft, mein teurer Freund – Ihr habt schon so viel Ruhm geerntet, habt obendrein Mabel und das Bewußtsein, Eure Pflicht getan zu haben, was noch das kostbarste von allem ist; ich hoffe daher, daß ich eher in Euch einen Verbündeten als einen Gegner meines Planes finden werde.«

»Was den Befehl über die Soldaten des Fünfundfünfzigsten betrifft, Leutnant, so glaub' ich, daß Sie ein Recht daran haben, und niemand hier wird was dagegen einwenden. Zwar sind Sie ein Kriegsgefangener gewesen, und manche könnten es vielleicht nicht ertragen, einen Gefangenen an ihrer Spitze zu haben, der durch ihre Taten befreit worden ist; doch hier wird sich wahrscheinlich niemand Ihren Wünschen entgegenstellen.«

»Das ist's gerade, Pfadfinder; und wenn ich den Bericht von unserem Sieg über die Boote, die Verteidigung des Blockhauses und die Hauptoperationen, mit Einschluß der Kapitulation, abfassen werde, so sollt Ihr finden, daß ich Eure Ansprüche und Verdienste nicht übergangen habe.«

»Still von meinen Ansprüchen und Verdiensten, Quartiermeister! Lundie weiß, was ich im Wald und was ich in einem Fort bin, und der General weiß es noch besser als er. Kümmern Sie sich nicht um mich, und erzählen Sie Ihre Geschichte; nur lassen Sie dabei Mabels Vater Gerechtigkeit widerfahren, der in einem Sinne noch gegenwärtig der kommandierende Offizier ist.«

Muir drückte seine vollkommene Zufriedenheit mit dieser Verhandlung und seinen Entschluß aus, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; dann gingen beide wieder zu der an dem Feuer versammelten Gruppe zurück. Hier begann der Quartiermeister das erstemal, seit er Oswego verlassen hatte, einigermaßen seine Ansprüche auf die Würde geltend zu machen, die eigentlich seinem Range zu gebühren schien. Er nahm den am Leben gebliebenen Korporal beiseite und erklärte ihm unumwunden, daß er ihn für die Zukunft als einen Offizier im aktiven Dienst betrachten müsse, und diese Veränderung im Stande der Dinge seinen Untergebenen mitteilen solle. Dieser Dynastienwechsel wurde ohne die gewöhnlichen revolutionären Erscheinungen bewerkstelligt; denn da alle des Leutnants gesetzliche Ansprüche an das Kommando kannten, so fühlte sich niemand geneigt, seinen Befehlen zu widersprechen. Lundie und der Quartiermeister hatten ursprünglich aus Gründen, die ihnen selbst am besten bekannt waren, eine andere Verfügung getroffen, und jetzt betrachtete es Muir aus eigenen Gründen für zweckmäßig, davon abzugehen. Dies mußte den Soldaten genügen, obgleich die tödliche Verwundung des Sergeanten Dunham den Umstand hinreichend erklärt haben würde, wenn er einer Erklärung bedurft hätte.

Diese ganze Zeit über beschäftigte sich Kapitän Sanglier nur mit seinem Frühstück und zeigte dabei die Ergebung des Philosophen, die Ruhe eines alten Soldaten, die Freimütigkeit und Kenntnisse eines Franzosen und die Gefräßigkeit eines Straußes. Dieser Mann befand sich schon an dreißig Jahre in den Kolonien und hatte Frankreich in ungefähr derselben Stellung bei der Armee verlassen, die Muir bei dem Fünfundfünfzigsten einnahm. Eine eiserne Körperbeschaffenheit, vollkommene Abstumpfung der Gefühle, eine gewisse Gewandtheit, mit den Wilden umzugehen, und ein unbeugsamer Mut hatten ihn früh dem Oberbefehlshaber als einen Mann bezeichnet, der sich als ein geschickter Leiter der militärischen Operationen unter den alliierten Indianern verwenden ließ. In dieser Eigenschaft hatte er sich den Titel eines Kapitäns erworben, und mit dieser Rangeserhöhung sich zugleich einen Teil der Sitten und Ansichten seiner Verbündeten mit jener Leichtigkeit und Gefügigkeit angeeignet, die in diesem Teil der Welt als Eigentümlichkeiten seiner Landsleute betrachtet werden. Er hatte oft die Indianerhorden in ihren Raubzügen angeführt, er entwarf Unternehmungen, deren Wichtigkeit und Folgen die gewöhnliche Politik der Indianer weit überragten, und schritt dann ein, um die selbstgeschaffenen Übel zu mindern. Kurz, er war ein Abenteurer, den die Umstände in eine Lage geworfen hatten, wo sich die rauhen Eigenschaften von Leuten seiner Klasse im Guten wie im Schlimmen entwickeln konnten; und er war nicht der Mann, das Glück durch unzeitige Gewissenhaftigkeit, etwa die Folge früherer Eindrücke – zu verscherzen oder mit dieser Gunst zu spielen, indem er unnötigerweise durch mutwillige Grausamkeit seinen Groll herausforderte. Doch da sein Name unvermeidlich mit vielen von seinen Horden begangenen Ausschweifungen und Überschreitungen in Verbindung gebracht wurde, so betrachtete man ihn allgemein in den amerikanischen Provinzen als einen Elenden, der seine Lust am Blutvergießen habe und sein größtes Glück in den Qualen der Hilflosen und Unschuldigen finde; und der Name Sanglier, was Eber bedeutet und den er sich beigelegt hatte, oder Kieselherz, wie man ihn gewöhnlich an den Grenzen nannte, war den Weibern und Kindern dieser Gegend furchtbar geworden.

Das Zusammentreffen zwischen Pfadfinder und Sanglier fand bei dem Feuer statt, und beide Teile betrachteten sich eine Weile, ohne zu sprechen. Jeder fühlte, daß er in dem anderen einen furchtbaren Feind hatte, und daß ein großer Unterschied zwischen ihren Charakteren und Interessen obwaltete, obschon sie sich gegenseitig mit der männlichen Freimütigkeit von Kriegern behandeln mußten. Der eine diente um Geld und Beförderung, der andere, weil ihn sein Schicksal in die Wälder geschleudert hatte und weil sein Geburtsland seines Armes und seiner Erfahrung bedurfte. Der Wunsch, sich über seine gegenwärtige Lage zu erheben, trübte Pfadfinders Ruhe nicht; auch hatte er nie einen ehrgeizigen Gedanken im gewöhnlichen Sinne des Wortes gehegt, bis er mit Mabel bekannt wurde. Seit dieser Zeit aber hatten ihn allerdings sein geringes Selbstvertrauen, Verehrung für seine Geliebte und der Wunsch, ihr eine bessere Stellung zu verschaffen, manche unbehagliche Augenblicke gemacht; doch die Geradheit und Einfachheit seines Charakters gewährte ihm bald die erforderliche Beruhigung, und er begann zu fühlen, daß die Frau, die keinen Anstand nahm, ihn zum Gatten zu wählen, auch kein Bedenken tragen würde, sein Los, so gering es auch sein mochte, zu teilen. Er achtete Sanglier als einen tapferen Krieger und besaß viel zuviel von jener Freisinnigkeit, die das Ergebnis durch Erfahrung erworbenen Wissens ist, um nur die Hälfte von dem zu glauben, was er zum Nachteil seines Gegners gehört hatte; denn gewöhnlich sind die, die am wenigsten von einer Sache verstehen, die befangensten und unduldsamsten Beurteiler davon. Doch konnte er die Selbstsucht des Franzosen, seine kaltblütigen Berechnungen und die Beweise nicht billigen, mit der er seine »weißen Gaben« vergessen und sich die rein »roten« angeeignet hatte. Auf der anderen Seite war Pfadfinder dem Kapitän Sanglier ein Rätsel, da letzterer die Beweggründe des anderen nicht zu begreifen vermochte.

Er hatte oft von der Geradheit, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe des Kundschafters gehört, und diese hatten ihn schon zu großen Irrtümern verleitet, nach demselben Grundsatz, nach dem ein freimütiger und offener Diplomat sein Geheimnis weit besser bewahren soll als der listige und verschlossene.

Als sich die beiden Helden auf die erwähnte Weise betrachtet hatten, berührte Monsieur Sanglier seine Mütze, denn das wilde Grenzleben hatte die feineren Sitten seiner Jugend und den Anstrich von Bonhomie, die den Franzosen angeboren scheint, nicht ganz zerstört.

»Monsieur, le Pfadfinder«, sagte er mit sehr entschiedenem Ton, obgleich mit freundlichem Lächeln; »un militaire ehren le courage et la loyauté. Sie sprechen Irokesisch?«

»Ja, ich verstehe die Sprache dieses elenden Gezüchtes und kann damit fortkommen, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet«, erwiderte der wahrheitliebende Kundschafter, »obgleich mir weder die Sprache noch der Stamm behagt. Wo Sie immer auf Mingoblut stoßen, Meister Kieselherz, finden Sie einen Schurken. Nun, ich habe Sie oft gesehen, zwar nur in der Schlacht, aber ich muß gestehen – immer im Vordertreffen. Sie müssen die meisten unserer Kugeln aus eigener Anschauung kennen?«

»Nie, Herr, Ihre eigene; une balle aus Ihrer verehrten Hand sein sicherer Tod. Sie töten wird meine beste Krieger auf einer Insel.«

»Das kann sein, das kann sein; obgleich ich sagen darf, daß sie sich, wenn man's genauer betrachtet, als die größten Schurken ausweisen werden. Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Kieselherz, Sie halten sich zu einer verzweifelt schlechten Gesellschaft.«

»Ja, Herr«, antwortete der Franzose, der etwas Artiges erwidern wollte, und da er den anderen nur schwer verstehen konnte, seine Worte für ein Kompliment gehalten hatte; »Sie sein zu gütig. Aber un brave immer comme ça. Was das bedeuten? ha! was dies jeune homme tun?«

Die Hand und das Auge Kapitän Sangliers leitete den Blick Pfadfinders auf die entgegengesetzte Seite des Feuers, wo Jasper in diesem Augenblick von zwei Soldaten gepackt wurde, die ihm auf Muirs Befehl die Hände banden.

»Was soll das heißen, he?« rief der Kundschafter, indem er vorwärts eilte und die zwei Untergebenen mit unwiderstehlicher Muskelkraft zurückdrückte. »Wer wagt es, so mit Jasper umzugehen? Und wer erkühnt sich, das vor meinen Augen zu tun?«

»Es geschieht auf meinen Befehl, Pfadfinder«, antwortete der Quartiermeister; »und ich werde es verantworten. Ihr werdet Euch doch nicht herausnehmen, die Gesetzlichkeit der Befehle, die ein königlicher Offizier des Königs Soldaten gibt, zu bestreiten?«

»Ich bestreite die Worte des Königs, wenn ich sie aus seinem eigenen Mund habe, sobald sie behaupten, daß Jasper eine solche Behandlung verdiene. Hat nicht der Junge eben die Skalpe von uns allen gerettet? Und uns zum Sieg verholfen? Nein, nein, Leutnant; wenn das der erste Gebrauch ist, den Sie von Ihrem Ansehen machen wollen, so werd' ich mich ein für allemal dagegen stemmen.«

»Das riecht ein wenig nach Insubordination«, antwortete Muir; »aber wir lassen uns viel von Pfadfinder gefallen. Es ist wahr, daß uns Jasper in dieser Angelegenheit zu dienen schien; wir dürfen aber die Vergangenheit nicht außer acht lassen. Hat ihn nicht Major Duncan selbst dem Sergeanten Dunham als verdächtig bezeichnet, ehe wir die Garnison verließen? Haben wir nicht genug mit unseren eigenen Augen gesehen, um überzeugt sein zu dürfen, daß wir verraten wurden? Und ist es nicht natürlich und fast notwendig, diesen jungen Menschen für den Verräter zu halten? Ach, Pfadfinder, Ihr werdet nie ein großer Staatsmann oder ein großer Feldherr werden, wenn Ihr so sehr dem Schein vertraut. Du lieber Himmel! Die Heuchelei ist ein noch gewöhnlicheres Laster als der Neid, der doch der Krebsschaden der menschlichen Natur ist.«

Kapitän Sanglier zuckte die Achsel; dann blickte er ernst von Jasper auf den Quartiermeister und von dem Quartiermeister wieder auf Jasper zurück.

»Ich bekümmere mich wenig um Ihren Neid oder Ihre Heuchelei oder um Ihre ganze menschliche Natur«, erwiderte Pfadfinder. »Jasper Eau-douce ist mein Freund, Jasper Eau-douce ist ein mutiger Bursche, ein ehrlicher Bursche, ein loyaler Bursche, und niemand vom Fünfundfünfzigsten soll Hand an ihn legen, solang ich's verhindern kann – es sei denn auf Lundies eigenen Befehl. Sie mögen meinetwegen Macht über Ihre Soldaten haben, aber Sie haben keine über Jasper oder mich, Herr Muir.«

»Bon!« rief Sanglier in einem Ton, an dessen Energie die Kehle und die Nase in gleicher Weise teilnahm.

»Wollt Ihr der Vernunft kein Gehör geben, Pfadfinder? Bedenkt doch unsere Vermutungen und unseren Argwohn; auch hab' ich noch ein weiteres Indiz bereit, das alle anderen vermehrt und erschwert. Betrachtet einmal dieses Stückchen Segeltuch; dieses fand Mabel Dunham – und noch obendrein an einem Baumast auf unserer Insel, kaum eine Stunde, ehe der Feind seinen Angriff machte. Wenn Ihr Euch nun die Mühe nehmen wollt, die Länge des Scudwimpels zu betrachten, so werdet Ihr selbst sagen müssen, daß dieser Streifen davon abgeschnitten ist. Ein umständlicherer, augenscheinlicherer Beweis ist nie geliefert worden.«

»Ma foi c'est un peu trop, ceci«, murmelte Sanglier zwischen den Zähnen.

»Was schwatzen Sie mir da von Wimpeln und Signalen, wenn ich das Herz kenne!« fuhr Pfadfinder fort. »Jasper hat die Gabe der Ehrlichkeit, und die ist zu selten, um damit sein Spiel treiben zu dürfen, wie mit dem Gewissen eines Mingos. Nein, nein; die Hände weg, oder wir werden sehen, wer sich am wackersten im Kampf hält – Sie und Ihre Leute vom Fünfundfünfzigsten oder Chingachgook hier, der Wildtod und Jasper mit seinen Bootsleuten. Leutnant Muir, Sie überschätzen Ihre Macht ebensosehr, wie Sie Jaspers Treue zu gering achten.«

»Très-bon!«

»Nun, wenn ich offen sprechen muß, Pfadfinder, so muß ich's eben tun. Kapitän Sanglier hier und der brave Tuscarora da haben mir mitgeteilt, daß dieser unglückselige Jüngling der Verräter ist. Nach einem solchen Zeugnis könnt Ihr mein Recht, ihn zu bestrafen, ebensowenig länger bestreiten wie die Notwendigkeit dieser Handlung.«

»Scélérat«, brummte der Franzose.

»Kapitän Sanglier ist ein wackerer Soldat und wird nichts gegen das Benehmen eines ehrlichen Schiffers zu sagen wissen«, warf Jasper ein. »Ist ein Verräter hier, Kapitän Kieselherz?«

»Ja«, fügte Muir bei, »er soll sich aussprechen, da Ihr selbst wünscht, unglücklicher Jüngling, daß die Wahrheit bekannt werde; und ich kann Euch nur wünschen, daß Ihr mit dem Leben davonkommen möchtet, wenn ein Kriegsgericht über Euer Verbrechen aburteilt. Wie ist es, Kapitän? Sehen Sie einen Verräter unter uns oder nicht?«

»Oui – ja, Herr – bien sûre!«

»Zuviel lügen!« rief Pfeilspitze mit einer Donnerstimme, indem er in hastiger Bewegung mit seinem Handrücken Muirs Brust berührte. »Wo meine Krieger? – Wo Yengeese Skalp? Zuviel lügen!«

Es fehlte Muir weder an persönlichem Mut noch an einem gewissen persönlichen Ehrgefühl. Er nahm die Berührung des Tuscarora, die nur die unwillkürliche Folge einer raschen Gebärde war, irrigerweise für einen Schlag: Denn das Gewissen erwachte in ihm plötzlich, und mit einem Schritt zurück streckte er die Hand nach einem Gewehr aus. Sein Gesicht war bleich vor Wut, und seine Züge drückten die volle Absicht seines Innern aus. Aber Pfeilspitze war schneller als er. Der Tuscarora warf einen wilden Blick um sich, griff dann in seinen Gürtel, zog ein verborgenes Messer daraus hervor und hatte es in einem Augenblick bis ans Heft in dem Körper des Quartiermeisters begraben. Sanglier nahm, als Muir zu seinen Füßen niederstürzte und ihm mit dem stieren Blicke des überraschten Todes ins Gesicht starrte, eine Prise Schnupftabak und sagte mit ruhiger Stimme:

»Voilà l'affaire finie; mais«, er zuckte die Achsel, »ce n'est qu'un scélérat de moins.«

Die Tat war zu rasch geschehen, um verhindert werden zu können, und als Pfeilspitze mit einem gellenden Schrei in das Gebüsch enteilte, waren die Weißen zu bestürzt, um ihm zu folgen. Nur Chingachgook war gefaßter, und die Büsche hatten sich kaum hinter dem Körper des Tuscarora geschlossen, als der des Delawaren ihm in rascher Verfolgung nachrauschte.

Jasper sprach geläufig Französisch, und die Worte wie das Benehmen Sangliers waren ihm daher aufgefallen.

»Sprechen Sie, Monsieur«, sagte er englisch, »bin ich ein Verräter?«

»Le voilà«, antwortete der kaltblütige Franzose, »das is unser espion – unser Agent – unser Freund – ma – foi – c'était un grand scélérat voici.«

Bei diesen Worten beugte sich Sanglier über den toten Körper und griff mit der Hand in die Tasche des Quartiermeisters, aus der er eine Börse zog. Als er den Inhalt auf die Erde leerte, rollten mehrere Doppel-Louisdors gegen die Soldaten hin, die nicht säumten, sie aufzulesen. Dann warf der Glücksritter die Börse verächtlich weg, wendete sich zu der Suppe, die er mit so großer Sorgfalt bereitet hatte, und da er sie nach seinem Geschmack fand, so begann er sein Frühstück mit einer Gleichgültigkeit, um die ihn der stoischste indianische Krieger hätte beneiden können.

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