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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 23
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

Als Mabel ihre Gefährtin aufsuchte, kam es ihr sonderbar vor, daß die anderen so gefaßt waren, während sie selbst sich so bedrückt fühlte, als ob eine Verantwortlichkeit für Leben und Tod auf ihren Schultern lastete. Es mischte sich allerdings auch Mißtrauen gegen June in ihre Ahnungen; aber wenn sie der zärtlichen und natürlichen Weise der Indianerfrau, wie auch aller Beweise von Treue und Aufrichtigkeit gedachte, die sie in ihrem Benehmen während des traulichen Verkehrs auf ihrer gemeinschaftlichen Reise an den Tag gelegt hatte, so verwarf sie diesen Gedanken mit dem Unwillen einer edlen Seele, die nicht gern Übles von anderen glaubt. Sie sah jedoch, daß sie ihre Gefährten nicht zu größerer Wachsamkeit auffordern konnte, ohne sie in das Geheimnis ihres Gesprächs mit June einzuweihen: ferner, daß sie selbst genötigt sei, zumal unter so bedeutungsvollen Verhältnissen, mit einer Umsicht und Bedachtsamkeit zu handeln, an die sie nicht gewöhnt war.

Die Soldatenfrau erhielt die Weisung, das Nötige in das Blockhaus zu bringen und sich den Tag über nicht zu weit davon zu entfernen. Mabel erklärte ihr den Grund nicht, sondern sagte nur, daß sie auf ihrem Spaziergang durch die Insel einige Zeichen bemerkt habe, die in ihr die Befürchtung erregt hätten, der Feind wisse mehr von der Lage der Insel, als man bisher geglaubt habe, und daß sie beide wenigstens wohl daran tun würden, sich bei dem leichtesten Anlaß zu einem Rückzug in das Blockhaus bereitzuhalten. Es war nicht schwer, die Besorgnisse dieser Frau zu wecken, die zwar eine mutige Schottländerin war, aber doch keinen Anstand nahm, auf alles zu hören, was ihre Furcht vor den Grausamkeiten der Indianer befestigen konnte. Sobald Mabel sie genug erschreckt zu haben glaubte, um sie vorsichtig zu machen, ließ sie einige Winke über das Unpassende fallen, die Soldaten den Umfang ihrer eigenen Befürchtungen wissen zu lassen. Sie tat dies in der Absicht, Erörterungen und Fragen, die sie in Verlegenheit bringen könnten, abzuschneiden, indem sie sich vornahm, die Vorsicht ihres Onkels, des Korporals und seiner Leute durch andere Mittel zu steigern.

Unglücklicherweise hätte man in der ganzen britischen Armee keinen unpassenderen Mann für den Dienst, den es hier zu erfüllen galt, finden können, als den Korporal M'Nab, dem das Kommando in Sergeant Dunhams Abwesenheit übertragen war. Er war zwar entschlossen, rasch mit den Einzelheiten des militärischen Dienstes vertraut und an den Krieg gewöhnt, zugleich aber auch anmaßend gegen die in den Provinzen Geborenen, starrsinnig in allem, was mit den engen Grenzen seines Berufs in Verbindung stand, und sehr geneigt, sich das britische Reich als den Mittelpunkt alles Ausgezeichneten auf der Welt zu denken, wobei ihm Schottland als der Kern wenigstens aller moralischen Vorzüge dieses Reiches erschien. Kurz, er war, freilich nur im Maßstab seines Ranges, ein Inbegriff jener Eigenschaften, die den nach den Kolonien entsandten Dienern der Krone so eigentümlich waren, daß sie sich dadurch leicht von den Eingeborenen dieser Gegend unterscheiden ließen; – oder mit anderen Worten, er betrachtete die Amerikaner als Geschöpfe, die weit unter dem elterlichen Stamme stehen, und fand in allen ihren Ansichten, zumal wenn sie vom militärischen Dienst handelten, nichts als Unverdautes und Abgeschmacktes. Braddock selbst konnte nicht abgeneigter sein, von einem Provinzialen einen Rat anzunehmen, als sein unbedeutender Nachahmer; und es war bekannt, daß er bei mehr als einer Gelegenheit gegen die Weisungen und Befehle zweier oder dreier Offiziere des Korps, die zufällig in den Kolonien geboren waren, nur aus diesem einfachen Grunde Bedenklichkeiten erhoben hatte, wobei er sich jedoch mit echt schottischer Schlauheit gegen die Strafen eines wirklichen Ungehorsams sicherzustellen wußte. Mabel hätte daher zur Ausführung ihrer Absicht auf keinen Untauglicheren treffen können, und doch fühlte sie, daß sie keine Zeit verlieren dürfe, ihren Plan zur Verwirklichung zu bringen.

»Mein Vater hat Euch eine große Verantwortlichkeit aufgelegt, Korporal«, sagte sie, sobald sie M'Nab ein wenig von den Soldaten weggekriegt hatte, »denn wenn diese Insel in die Hände des Feindes fällt, so werden nicht nur wir gefangen, sondern wahrscheinlich gerät dann auch die übrige Mannschaft, die mit meinem Vater ausgezogen ist, in Feindes Gewalt.«

»Es bedarf keiner Reise von Schottland bis hierher, um zu wissen, was man von diesen Dingen zu halten hat«, entgegnete M'Nab trocken.

»Ich zweifle nicht, daß Ihr das so gut wißt wie ich, Herr M'Nab; aber ich fürchte, ihr alten Soldaten möchtet, da ihr an Gefahren und Kampfgetümmel gewöhnt seid, die Vorsicht ein wenig außer acht lassen, die in einer so eigentümlichen Lage, wie die unserige ist, nötig sein dürfte.«

»Man sagt, Schottland sei kein erobertes Land, Fräulein, aber ich denke, es muß sich doch ein bißchen anders verhalten, da wir, seine Kinder, solche Schlafmützen sind, um uns aufheben zu lassen, wo wir es am wenigsten erwarten.«

»Nein, nein, guter Freund, Ihr verkennt meine Absicht. Erstens denke ich überhaupt gar nicht an Schottland, sondern an diese Insel; und dann fällt es mir nicht ein, Eure Wachsamkeit zu bezweifeln, wenn Ihr deren Beobachtung einmal für nötig erachtet. Aber ich fürchte sehr, es ist Gefahr vorhanden, gegen die Euch Euer Mut gleichgültig macht.«

»Mein Mut, Miss Dunham, ist ohne Zweifel von recht armseliger Beschaffenheit, da er nur ein schottischer Mut ist; der Eures Vaters ist der Mut eines Yankee, und wenn er unter uns wäre, so würden wir sicherlich andere Vorbereitungen zu sehen kriegen. Ja, wohl werden die Zeiten immer schlimmer, wenn die Fremden Offizierstellen erhalten und Hellebarden führen dürfen in einem schottischen Korps, 's ist daher auch kein Wunder, daß Schlachten verloren werden und in den Feldzügen alles drunter und drüber geht.«

Mabel war fast in Verzweiflung; aber die ruhige Warnung Junes haftete noch zu lebhaft in ihrer Seele, um ihr zu gestatten, die Sache aufzugeben. Sie änderte daher ihren Feldzugsplan, da sie noch immer die Hoffnung festhielt, die ganze Mannschaft zur Besetzung des Blockhauses zu vermögen, ohne genötigt zu sein, die Quelle zu verraten, aus der sie die Tatsachen geschöpft hatte, die Wachsamkeit nötig machten.

»Ihr habt sicherlich recht, Korporal M'Nab«, bemerkte sie, »denn ich hab' oft von den Helden Eures Vaterlandes erzählen hören, die die Ersten in der ganzen zivilisierten Welt waren.«

»Habt Ihr die Geschichte von Schottland gelesen, Miss Dunham?« fragte der Korporal und blickte das erstemal mit einem Zug in seinem harten, abstoßenden Gesicht, der wie Lächeln aussah, auf seine schöne Gefährtin.

»Ich hab' einiges davon gelesen, Korporal, aber noch viel mehr gehört. Die Dame, die mich erzog, hatte schottisches Blut in ihren Adern und tat sich viel darauf zugute.«

»Ich steh' dafür, den Sergeanten kümmert's wenig, bei dem Ruhm des Landes zu verweilen, in dem sein Regiment ausgehoben wurde?«

»Mein Vater hat an andere Dinge zu denken, und das wenige, was ich weiß, erfuhr ich von der erwähnten Dame.«

»Sie wird doch nicht vergessen haben, Euch von Wallace zu erzählen?«

»Von ihm hab' ich ziemlich viel gelesen.«

»Und von Bruce und dem Treffen von Bannockburn?«

»Von diesem auch und von dem bei Culloden-muir.«

Die letztere dieser Schlachten war damals noch ein neues Ereignis und fiel in den Bereich der eigenen Erlebnisse Mabels, deren Erinnerungen daran aber so verwirrt waren, daß sie kaum den Erfolg voraussehen konnte, den diese Anspielung bei ihrem Gefährten hervorbringen mochte. Sie wußte zwar, daß dort ein Sieg erfochten wurde und hatte oft die Gäste ihrer Beschützerin mit Triumph dessen erwähnen hören; sie glaubte deshalb, daß diese Gefühle in denen eines jeden britischen Soldaten eine gleichgestimmte Saite treffen müßten. Unglücklicherweise hatte aber der Korporal jenen ganzen unseligen Tag auf der Seite des Prätendenten gefochten und als Spur eines deutschen Soldatensäbels im Dienst des Hauses Hannover eine tiefe Narbe auf seinem Gesicht zurückbehalten. Bei Mabels Anspielung vermeinte er, seine Wunde fange aufs neue zu bluten an; und es ist gewiß, daß ihm das Blut in Strömen nach dem Gesichte schoß, als wolle es die alte Narbe durchbrechen.

»Ha! – hinweg!« rief er heftig, »hinweg mit Euren Culloden und Scherif-Muirs, Fräulein; Ihr versteht nichts von dieser ganzen Sache und werdet Euch nicht nur als klug, sondern auch als bescheiden erweisen, wenn Ihr von Eurem eigenen Lande und seinen vielen Fehlern sprecht. Ich zweifle nicht daran, daß König Georg einige loyale Untertanen in den Kolonien hat, aber es wird lange dauern, bis er was Gutes von ihnen sieht oder hört.«

Mabel war über die Heftigkeit des Korporals nicht wenig überrascht, da sie sich keine Idee davon machen konnte, wo ihn der Schuh drücke; aber sie war entschlossen, die Sache nicht aufzugeben.

»Ich hab' immer gehört, daß die Schotten zwei von den guten Eigenschaften eines Soldaten hätten«, sagte sie, »nämlich Mut und Umsicht, und ich bin überzeugt, daß Korporal M'Nab diesen Nationalruhm aufrechterhalten wird.«

»Fragt Euren Vater, Miss Dunham. Er kennt den Korporal M'Nab und wird nicht anstehen, Euch dessen Verdienste auseinanderzusetzen. Wir haben miteinander im Feuer gestanden, und er ist mein Vorgesetzter, hat also eine Art amtliches Recht, seinen Untergeordneten Zeugnisse zu erteilen.«

»Mein Vater denkt gut von Euch, M'Nab, sonst würde er Euch nicht diese Insel samt allem, was darauf ist, seine Tochter mit eingeschlossen, übergeben haben. Auch weiß ich wohl, daß er unter anderem viel auf Eure Klugheit baut. Er erwartet, daß man besonders auf das Blockhaus recht aufmerksam sei.«

»Wenn er die Ehre des Fünfundfünfzigsten hinter Holzstämmen zu verteidigen wünscht, so hätte er das Kommando selbst behalten sollen; denn, offen gesprochen, es liegt nicht in des Schottländers Blut und Ansichten, sich aus dem Felde schlagen zu lassen, noch ehe er angegriffen wird. Wir haben gute Säbel und lieben es, mit dem Feind Zehe an Zehe zu stehen. Diese amerikanische Art zu fechten, die so sehr in Mode kommt, wird den Ruhm von Seiner Majestät Armee vernichten, wenn sie auch nicht ihren Mut vernichtet.«

»Kein rechter Soldat verschmäht die Vorsicht. Selbst der Major Duncan, dem es keiner an Tapferkeit zuvortut, ist berühmt wegen seiner Sorgfalt für seine Leute.«

»Lundie hat seine Schwächen und vergißt den Säbel und die offenen Heiden in diesen Baum- und Büchsengefechten. Aber, Miss Dunham, glaubt einem alten Soldaten, der bereits seine Fünfundfünfzig auf dem Rücken hat, wenn er Euch sagt, daß es keinen sicheren Weg gibt, den Feind zu ermutigen, als wenn man ihn zu fürchten scheint, und daß es in diesem indianischen Kriegsleben keine Gefahr gibt, die nicht die Einbildungen Eurer Amerikaner vermehrt oder erweitert hätten, bis sie zuletzt in jedem Busch einen Wilden sahen. Wir Schotten kommen aus einer nackten Gegend, brauchen diese Verstecke nicht und können auch keinen Geschmack daran finden; und so werdet Ihr sehen, Miss Dunham –«

Der Korporal machte einen Luftsprung, fiel vorwärts auf sein Gesicht und drehte sich dann auf den Rücken herum. All dies geschah so plötzlich, daß Mabel kaum den scharfen Knall der Büchse gehört hatte, die eine Kugel durch seinen Körper schickte. Kein Schreckensruf ertönte von den Lippen Mabels; sie zitterte nicht einmal, denn das Ereignis war zu rasch, zu entsetzlich und zu unerwartet, als daß sie eine solche Schwäche zeigen konnte. Sie trat im Gegenteil hastig vorwärts, um dem Gefallenen beizuspringen. Es war noch so viel Leben in ihm, um aller Vorgänge bewußt zu sein. Sein Gesicht zeigte den wilden Blick eines Mannes, der durch den Tod plötzlich überrascht wird, und Mabel bildete sich in ruhigeren Augenblicken ein, es hätte den Ausdruck der späten Reue eines eigensinnigen und hartnäckigen Sünders getragen.

»Ihr müßt so schnell wie möglich das Blockhaus zu erreichen suchen«, flüsterte M'Nab, als sich Mabel über ihn beugte, um die letzten Worte des Sterbenden aufzufangen.

Jetzt überfiel Mabel das volle Bewußtsein ihrer Lage und der Notwendigkeit des Handelns. Sie warf einen schnellen Blick auf den Körper zu ihren Füßen, und als sie sah, daß der Atem entschwunden war, ergriff sie die Flucht. In wenigen Minuten gelangte sie zu dem Blockhaus, und als sie durch die Tür eintreten wollte, wurde ihr diese durch Jennie, die Soldatenfrau, die im blinden Schrecken nur an ihre eigene Sicherheit dachte, mit Gewalt vor dem Gesicht zugeschlagen. Während Mabel sie einzulassen bat, vernahm man den Knall von fünf oder sechs Büchsen, und der dadurch veranlaßte neue Schrecken verhinderte das innen befindliche Weib, die Querhölzer schnell wegzunehmen, die sie so geschickt vorgelegt hatte. Nach einer Minute jedoch fand Mabel, daß die widerstrebende Tür ihrem anhaltenden Druck nachgab, worauf sie ihren schlanken Körper durch die Öffnung zwängte, sobald sie weit genug war, um den Durchgang zu ermöglichen. Mittlerweile hatte das stürmische Klopfen ihres Herzens nachgelassen, und Mabel gewann nun wieder die nötige Selbstbeherrschung, um besonnen zu handeln. Anstatt den fast krampfhaften Anstrengungen ihrer Gefährtin, die Tür wieder zu schließen, nachzugeben, hielt sie diese solange offen, um sich zu überzeugen, daß niemand von ihrer Partei zu sehen sei, der gegenwärtig zu dem Blockhaus seine Zuflucht zu nehmen beabsichtigte, und erlaubte erst dann das Verriegeln der Pforte. Ihre Anordnungen und Handlungen wurden jetzt ruhiger und besonnener. Sie legte nur einen einzigen Querbalken vor und gab Jennie die Weisung, auch diesen wegzunehmen, wenn es die Sicherheit eines Freundes fordere. Dann stieg sie die Leiter hinauf in den oberen Raum, von wo aus sie durch eine Schießscharte die Insel so weit überblicken konnte, wie es das umgebende Gebüsch gestattete. Sie ermahnte ihre Gefährtin unten, fest und besonnen zu sein, und untersuchte nun die Umgebung, so gut es ihre Lage zuließ.

Zu ihrer großen Überraschung konnte Mabel auf der ganzen Insel keine lebende Seele, weder Freund noch Feind, entdecken. Weder ein Franzose noch ein Indianer war sichtbar, obgleich eine kleine, wirbelnde, weiße Wolke, die vor dem Wind hertrieb, ihr sagte, in welcher Gegend sie sie zu suchen habe. Die Schüsse waren aus der Richtung der Insel hergekommen, wo June zuerst erschienen war, obgleich Mabel nicht ermitteln konnte, ob der Feind noch auf jener Insel sei oder bereits auf der ihrigen gelandet habe. Sie ging nun zu der Schießscharte, von wo aus sie M'Nab liegen sehen konnte, aber ihr Blut erstarrte, als sie die drei Soldaten, augenscheinlich entseelt, an seiner Seite liegen sah. Sie hatten sich bei dem ersten Lärm auf einen Punkt zusammengezogen und waren fast gleichzeitig von dem unsichtbaren Feind niedergeschossen worden, den der Korporal mit so viel Verachtung betrachtete.

Weder Cap noch Leutnant Muir waren zu sehen. Mit klopfendem Herzen untersuchte Mabel jede Öffnung zwischen den Bäumen und bestieg sogar den obersten Stock oder das Dach des Blockhauses, wo sich ihr, soweit es die Verstecke erlaubten, eine freie Aussicht über die ganze Insel darbot; aber mit keinem besseren Erfolg. Sie hatte erwartet, den Körper ihres Onkels wie die der Soldaten im Gras liegen zu sehen, aber es zeigte sich nichts. Als sie ihre Augen nach der Gegend richtete, wo das Boot lag, fand sie es noch am Ufer befestigt, woraus sie denn folgerte, daß Muir durch irgendeinen Zufall verhindert worden war, seinen Rückzug dorthin zu bewerkstelligen. Kurz, auf der ganzen Insel herrschte Grabesruhe, und die Körper der erschlagenen Soldaten trugen dazu bei, die Szene so schrecklich zu machen, wie sie außerordentlich war.

»Um Gottes willen, Miss Mabel«, rief das Weib von unten, »sagen Sie mir, ob noch einer von unseren Freunden am Leben ist? Es ist mir, als höre ich ein Stöhnen, das immer schwächer und schwächer wird, und ich fürchte, es sind alle erschlagen worden!«

Mabel erinnerte sich nun, daß einer der Soldaten Jennies Gatte war, und zitterte vor den unmittelbaren Folgen, wenn sie den Tod ihres Mannes so plötzlich erfahren würde. Zudem gab ihr das Stöhnen noch einige Hoffnung, obgleich sie fürchtete, es möchte von ihrem Onkel, den sie nirgends erblicken konnte, herrühren.

»Wir sind unter Gottes Obhut, Jennie«, antwortete sie. »Wir müssen auf die Vorsehung bauen und dürfen nichts verabsäumen, das sich uns zum Schutze bietet. Habt auf die Tür acht und öffnet sie in keinem Fall ohne meine Anweisung.«

»O sagen Sie mir, Miss Mabel, ob Sie nicht Sandy irgendwo sehen? Wenn ich ihn nur könnte wissen lassen, daß ich in Sicherheit bin: Der gute Mann wäre ruhiger, mag er nun frei oder gefangen sein.«

Sandy war Jennies Gatte und lag tot hingestreckt in der Richtung der Schießscharte, durch die Mabel eben blickte.

»Sie sagen mir nicht, ob Sie Sandy sehen können?« erwiderte das Weib ungeduldig auf Mabels Schweigen.

»Einige von unseren Leuten sind bei M'Nabs Leiche«, war die Antwort; denn es schien Mabel ein Frevel, unter so schrecklichen Umständen geradezu eine Lüge zu sagen.

»Ist Sandy unter ihnen?« fragte die Frau mit einer erschreckenden Heftigkeit.

»Er wird sicherlich dabei sein, denn ich sehe einen, zwei, drei, vier, und alle in den Scharlachröcken unseres Regiments.«

»Sandy!« rief das Weib halb wahnsinnig; »warum sorgst du nicht für dich, Sandy? Komm sogleich hierher, Mann! Das ist kein Augenblick für deine einfältige Disziplin und deine großtuerischen Begriffe von Ehre. Sandy, Sandy!«

Mabel hörte den Balken zurückschieben und die Tür in ihren Angeln knarren. Erwartung, um nicht zu sagen Schrecken, fesselte sie an die Schießscharte, und bald gewahrte sie Jennie, wie sie durch das Gebüsch rauschte und dieser Gruppe des Todes zueilte. Ein Augenblick reichte hin, zu diesem unseligen Ort zu gelangen. Der Schlag geschah aber zu plötzlich und unerwartet, so daß die Ärmste in ihrem Schrecken das ganze Unglück nicht zu fassen schien. Ein wilder, halb wahnsinniger Gedanke an Täuschung verwirrte ihre Sinne, und sie bildete sich ein, daß die Männer mit ihrer Angst ein Spiel trieben. Sie ergriff die Hand ihres Gatten – sie war noch warm – und meinte ein verhaltenes Lächeln auf seinen Lippen zucken zu sehen.

»Warum willst du dein Leben so töricht wegwerfen, Sandy?« rief sie, indem sie ihn am Arme zerrte. »Ihr werdet alle von diesen verfluchten Indianern ermordet werden, wenn ihr euch nicht wie wackere Soldaten ins Blockhaus begebt! Fort! Fort! verliert nicht die kostbaren Augenblicke.«

In ihrer verzweifelten Anstrengung zerrte das Weib den Körper ihres Gatten so, daß sich der Kopf vollständig drehte, und nun enthüllten ihr ein kleines Loch in der Schläfe und einige Tropfen Blut, die über die Haut rieselten, den Grund von ihres Mannes Schweigen. Als de schreckliche Wahrheit in ihrer ganzen Ausdehnung Jennies Seele durchfuhr, schlug sie die Hände zusammen, stieß einen Schreckensruf aus und stürzte der Länge nach auf den Körper des Gefallenen. So schrecklich, so durchbohrend und herzergreifend aber auch dieser Angstruf sein mochte – er war Wohllaut gegen das Geschrei, das ihm so rasch folgte, daß sich die Töne fast miteinander vermengten. Der schreckliche Kriegsruf erscholl aus den Verstecken der Insel und etliche zwanzig Wilde mit ihren fürchterlichen Kriegsfarben und anderen Abzeichen stürzten wütend hervor, um sich der ersehnten Skalpe zu versichern. Pfeilspitze war voran; sein Tomahawk zerschmetterte das Gehirn der bewußtlosen Jennie, und ihr bluttriefendes Haupthaar hing kaum zwei Minuten, nachdem sie das Blockhaus verlassen hatte, als Siegeszeichen an dem Gürtel ihres Mörders. Seine Gefährten waren nicht minder tätig, und M'Nab mit seinen Soldaten zeigte nicht länger den ruhigen Anblick schlummernder Menschen. Man ließ sie in ihrem Blute liegen – unzweideutig verstümmelte Leichen.

Alles dieses geschah in viel kürzerer Zeit, als zu dessen Erzählung erfordert wurde, und Mabel war Augenzeuge davon. Sie stand wie gefesselt an einer Stelle und blickte, wie durch Zauber gebannt, auf die ganze schreckliche Szene, ohne auch nur einen Augenblick an sich selbst oder ihre eigene Gefahr zu denken. Als sie jedoch bemerkte, daß der Ort, wo die Männer gefallen waren, von Wilden wimmelte, die über den Erfolg ihres Überfalles frohlockten, fiel ihr auf einmal ein, daß Jennie die Tür des Blockhauses offengelassen hatte. Ihr Herz schlug heftig, denn jene Tür stand als der einzige Schutz und Schirm zwischen ihr und dem unmittelbaren Tode, und zu der Leiter eilend, war sie im Begriff hinunterzusteigen, um sich wegen des Einganges sicherzustellen. Ihr Fuß hatte jedoch den Boden des zweiten Stocks noch nicht ganz erreicht, als sie die Tür in ihren Angeln knarren hörte. Sie hielt sich für verloren. Auf ihre Knie sinkend, bemühte sich das erschreckte, aber doch mutige Mädchen, sich zum Tode zu bereiten und ihre Gedanken zu Gott zu erheben. Die Liebe zum Leben war jedoch kräftiger als ihr Gebetsdrang, und während sie ihre Lippen bewegte, lauschten die argwöhnischen Sinne auf jeden Ton von unten. Als sie hörte, daß die Querbalken. die auf Zapfen liefen, vor die Tür gelegt und in die Klammern eingerängt wurden, und zwar nicht nur einer, wie sie, in der Absicht, ihrem Onkel den Einlaß zu erleichtern, selbst befohlen hatte, sondern alle drei – da sprang sie wieder auf ihre Füße: Alle geistlichen Betrachtungen verschwanden unter der Bedrängnis der Zeitlichkeit, und es schien, als ob sich alle ihre Seelenkräfte in dem Sinn des Gehörs konzentriert hätten.

Die Gedanken sind in einem so furchtbaren Augenblick nicht untätig. Zuerst bildete sich Mabel ein, ihr Onkel sei in das Blockhaus getreten, und sie war schon im Begriff, die Leiter hinunterzusteigen und sich in seine Arme zu werfen; dann hielt sie aber der Gedanke wieder zurück, es könnte ein Indianer sein, der die Tür gegen Eindringlinge verschlossen habe, um mit Muße plündern zu können. Die tiefe Stille unten hatte nichts mit den kühnen, rastlosen Bewegungen Caps gemein, und schien eher auf einen Kunstgriff des Feindes zu deuten. War es ein Freund, so konnte es nur ihr Onkel oder der Quartiermeister sein, denn die schreckliche Überzeugung stellte sich nun unserer Heldin dar, daß die ganze Gesellschaft nur noch aus ihr und diesen zweien bestünde, wenn überhaupt letztere noch am Leben waren. Diese Betrachtung ließ Mabel erstarren, und es herrschte volle zwei Minuten ein atemloses Schweigen in dem Gebäude. Während dieser Zeit stand das Mädchen am Fuß der oberen Leiter, indes die Falltür, die zu der unteren führte, sich auf der entgegengesetzten Seite im Boden befand. Mabel war an ihren Platz festgebannt, denn jeden Augenblick fürchtete sie, das schreckliche Gesicht eines Wilden durch die Öffnung auftauchen zu sehen. Ihre Angst steigerte sich bald so sehr, daß sie sich schon nach einem Winkel, wo sie sich verbergen konnte, umsah, denn jede Verzögerung der Katastrophe, die ihr mit allen Schrecken vor der Seele stand, und war es auch nur die eines Augenblicks, gewährte ihr einigen Trost. Der Raum enthielt einige Fässer, und Mabel kroch hinter zwei, wobei sie das Auge gegen jede Öffnung brachte, durch die sie nach der Falltür sehen konnte. Sie versuchte aufs neue zu beten, aber der Augenblick war zu schrecklich, als daß sie hierin hätte Erleichterung finden können. Auch kam es ihr vor, als hörte sie ein leises Rascheln, wie wenn sich jemand bemühe, mit der äußersten Vorsicht, die sich eben in ihrem Übermaß verraten mußte, die untere Leiter heraufzusteigen; dann folgte ein Knarren, das, wie sie gewiß wußte, von einer der Leitersprossen herrührte, da dieser Laut sich sogar unter ihrem leichten Gewicht zu erkennen gegeben hatte. Dies war einer der Momente, wo man Jahre durchlebt. Leben, Tod, Ewigkeit und die schrecklichsten körperlichen Martern traten in kühnen Zügen aus der Flachheit des gewöhnlichen Lebens hervor, und man hätte Mabel in diesem Augenblick für ein schönes, bleiches Abbild ihrer selbst, für eine Statue ohne Bewegung und Leben halten können. Aber trotz dieser anscheinenden Erstarrung hatte es doch in ihrem kurzen Leben nie eine Zeit gegeben wo sie besser gehört, deutlicher gesehen und lebhafter gefühlt hätte. Noch war in der Falltür nichts sichtbar; aber ihr Gehör, das durch die Aufregung ihrer Gefühle außerordentlich geschärft war, vernahm deutlich, daß sich jemand nur einige Zoll unter der Öffnung im Boden befand. Bald wurde dies auch dem Auge deutlich, indem das schwarze Haar eines Indianers so langsam in der Falltür auftauchte, daß man die Bewegungen des Kopfes mit dem Minutenzeiger einer Uhr vergleichen konnte; dann kamen die dunkle Haut und die wilden Züge, bis das Ganze des braunen Gesichtes sich über den Boden erhoben hatte.

Das menschliche Antlitz erscheint in einer teilweisen Verhüllung selten zu seinem Vorteil, und Mabels Einbildungskraft steigerte noch ihren Schrecken bei dem Anblick der schwarzen rollenden Augen und des wilden Ausdrucks, den das Gesicht des Indianers sozusagen Zoll für Zoll enthüllte; aber als sich der ganze Kopf über den Flur erhoben hatte, versicherte ein zweiter und schärferer Blick Mabel, daß sie das zarte, geängstigte und doch schöne Antlitz Junes vor sich sah.

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