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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 22
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
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Zwanzigstes Kapitel

Es war bereits heller Tag, als Mabel erwachte. Sie hatte ruhig geschlafen, da sie sich mit ruhigem Gewissen zu Bett gelegt und die Ermüdung ihren Schlummer versüßt hatte. Sie sprang auf, kleidete sich rasch an, und bald atmete das Mädchen den Duft des Morgens in der freien Luft. Das erstemal traten ihr die eigentümlichen Reize und die tiefe Abgeschiedenheit ihrer gegenwärtigen Lage recht lebhaft vor Augen. Es war einer der herrlichen Herbsttage, die in diesem mehr geschmähten als gehörig gewürdigten Klima so gewöhnlich sind, und ihr Einfluß war in jeder Beziehung anregend.

Die Insel schien gänzlich verlassen. In der vorhergehenden Nacht hatte ihr die lärmvolle Ankunft einen Anstrich von Leben gegeben, der nun wieder völlig gewichen war. Mabel ließ ihren Blick fast über jeden sichtbaren Gegenstand umherstreifen, ehe sie ein menschliches Wesen zu Gesicht bekam, um das Gefühl gänzlicher Einsamkeit zu verscheuchen. Endlich erblickte sie alle Zurückgebliebenen um ein Feuer gruppiert, was das Bild eines Lagers vervollständigte. Die Gestalt ihres Onkels, an den sie am meisten gewöhnt war, nahm ihr jedoch alle Furcht, und mit einer ihrer Lage natürlichen Neugier betrachtete sie sich die übrigen näher. Außer Cap und dem Quartiermeister waren noch der Korporal und die drei Soldaten dort mit der Frau, die das Frühstück bereitete. Die Hütten waren ruhig und leer, und der niedrige, turmartige Giebel des Blockhauses hob sich mit malerischer Schönheit, zum Teil versteckt, über das Gebüsch. Die Sonne überstrahlte gerade die freieren Plätze zwischen den Bäumen, und das Gewölbe über ihrem Haupt prangte in dem sanftesten Blau. Kein Wölkchen war sichtbar, und alles schien auf Frieden und Sicherheit hinzudeuten.

Da Mabel bemerkte, daß alle mit dem Frühstück beschäftigt waren, ging sie unbeachtet gegen ein Ende der Insel, wo Bäume und Gebüsche sie vor aller Augen verbargen. Hier gewann sie, indem sie die niedrigen Zweige auf die Seite drängte, einen Standort am Rande des Wassers und lauschte dem kaum bemerklichen Zu- und Abfluß der kleinen Wellen, die das Ufer wuschen –, eine Art natürlichen Widerhalls zu der Bewegung, die fünfzig Meilen weiter oben auf dem See herrschte. Sie betrachtete die verschiedenen Aussichten, die ihr die Öffnungen zwischen den Inseln boten, und gab sich dem Gedanken hin, daß sie nie etwas Lieblicheres gesehen habe.

Während Mabel so beschäftigt war, wurde sie plötzlich durch die Vermutung aufgeschreckt, sie hätte etwas wie eine menschliche Gestalt unter den Gebüschen erblickt, die das Ufer der vor ihr liegenden Insel säumten. Die Entfernung über das Wasser betrug kaum hundert Ellen, und obgleich sie vielleicht im Irrtum war und ihre Phantasie in dem Augenblick, wo ihr die Erscheinung auftauchte, überall umherschweifte, so hielt sie es doch kaum für möglich, daß sie sich getäuscht haben könnte. Sie wußte wohl, daß sie ihr Geschlecht nicht gegen eine Büchsenkugel schützen würde, wenn sie ein Irokese zu Gesicht bekommen sollte, und zog sich daher instinktartig zurück, wobei sie Sorge trug, sich so gut wie möglich unter den Blättern zu verbergen, während sie fortwährend ihre Blicke auf das gegenüberliegende Ufer heftete, in der geraume Zeit fruchtlosen Erwartung, dem fremden Gegenstand wieder zu begegnen. Sie war eben im Begriff, das Gebüsch zu verlassen und zu ihrem Onkel zu eilen, um ihm ihren Verdacht mitzuteilen, als sie auf der anderen Insel hinter dem Saum des Gebüsches einen Erlenzweig winken sah, der bedeutungsvoll und, wie es ihr vorkam, als Zeichen der Freundschaft auf- und abgeschwungen wurde. Dies war ein atemloser, drückender Augenblick für jemand, der so wenig in den Grenzkriegen erfahren war wie Mabel; und doch fühlte sie die Notwendigkeit, ihre Fassung zu bewahren und mit Festigkeit und Umsicht zu handeln.

Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten der gefahrvollen Lage, der die amerikanischen Grenzbewohner ausgesetzt waren, daß sich die moralischen Eigenschaften der Frauen in einem Grade steigerten, dessen diese sich unter andern Umständen selbst nicht für fähig gehalten hätten, und Mabel wußte wohl, daß die Grenzleute in ihren Erzählungen gern bei der Geistesgegenwart, dem Mut und der Tapferkeit verweilen, die ihre Frauen und Schwestern unter den gefährlichsten Umständen entfaltet hatten. Solche Erzählungen feuerten sie zur Nachahmung an, und es fiel ihr plötzlich ein, jetzt sei gewiß der Augenblick gekommen, wo sie sich als Sergeant Dunhams wahres Kind beweisen könne. Die Bewegung des Zweiges schien ihr auf eine freundliche Absicht hinzudeuten, und nach dem Zögern eines Augenblicks brach sie gleichfalls einen Zweig ab, befestigte ihn an einen Stock, erhob ihn über eine Lücke im Gebüsch und erwiderte die Begrüßung, wobei sie genau die Bewegungen des andern nachahmte.

Diese stumme Zwiesprache dauerte auf beiden Seiten zwei oder drei Minuten, als Mabel bemerkte, daß das entgegengesetzte Gebüsch vorsichtig beiseite gedrückt wurde und in der Öffnung ein menschliches Antlitz zum Vorschein kam. Ein zweiter, genauerer Blick überzeugte sie, daß es das Gesiebt von Junitau, dem Weibe Pfeilspitzes war. Solange Mabel in der Gesellschaft dieses Geschöpfes war, hatte sie es wegen seines sanften Benehmens, der demütigen Einfalt und der mit Furcht vermischten Liebe gegen seinen Gatten liebgewonnen. Ein- oder zweimal war es ihr während des Laufes ihrer Reise vorgekommen, als ob der Tuscarora gegen sie selbst einen unerfreulichen Grad von Aufmerksamkeit an den Tag lege; und bei solchen Gelegenheiten war es ihr aufgefallen, daß sein Weib Schmerz und Bekümmernis verriet. Da jedoch Mabel ihre Gefährtin für die Kränkung, die sie ihr in dieser Hinsicht unabsichtlich veranlaßte, durch Güte und Aufmerksamkeit mehr als entschädigte, so bewies ihr die Indianerin so viel Zuneigung, daß Mabel bei ihrer Trennung überzeugt war, sie hätte in Junitau eine Freundin verloren.

Man würde vergeblich den Versuch machen, alle Wege zu erforschen, auf denen das Vertrauen in das menschliche Herz einzieht. Das junge Tuscaroraweib hatte jedoch ein derartiges Gefühl in Mabels Seele erweckt, und diese fühlte sich zu einem genaueren Verkehr geneigt, da sie überzeugt war, daß diese ungewöhnliche Erscheinung ihr Bestes beabsichtige. Sie zögerte nicht länger, aus dem Gebüsch herauszutreten, und freute sich zu sehen, daß ihr Vertrauen Nachahmung fand, indem Junitau furchtlos aus ihrem Versteck herauskam. Die zwei Mädchen – denn obgleich verheiratet, war die Tuscarora doch jünger als Mabel – tauschten nun offen die Zeichen der Freundschaft aus, und Mabel bat ihre Freundin, näher zu kommen, obgleich es ihr selbst nicht deutlich war, wie dieses ausgeführt werden könne. Aber Junitau säumte nicht zu zeigen, daß es in ihrer Macht stehe; denn nachdem sie auf einen Augenblick verschwunden war, erschien sie wieder an dem Ende eines Rindenkahns, dessen Bug sie in den Saum des Gebüsches gezogen hatte und dessen Rumpf in einer Art versteckten Schlupfhafens lag. Mabel wollte sie eben einladen herüberzukommen, als ihr Name von der Stentorstimme ihres Onkels gerufen wurde. Sie gab dem Tuscaroramädchen einen raschen Wink, sich zu verbergen, eilte vom Gebüsch weg dem freien Platz zu, woher die Stimme gekommen war, und bemerkte, wie sich die ganze Gesellschaft eben zum Frühstück niedergelassen hatte, wobei Cap seinen Appetit kaum so weit zügelte, um sie aufzufordern, am Mahl teilzunehmen. Mabel begriff schnell, daß dies der günstigste Augenblick zu einer Besprechung sein müsse, entschuldigte sich, daß sie noch nicht zum Essen vorbereitet sei, eilte nach dem Dickicht zurück und erneuerte bald wieder ihren Verkehr mit der Indianerin.

Junitau begriff schnell, und nach einem halben Dutzend lautloser Ruderschläge lag ihr Kahn in dem Versteck des Gebüsches der Stationsinsel. Eine Minute später hielt Mabel ihre Hand und führte sie durch den Schattengang zu ihrer eigenen Hütte. Zum Glück war diese so gelegen, daß sie vom Feuer aus nicht gesehen werden konnte, und so langten beide Freundinnen dort unbemerkt an. Mabel erklärte ihrem Gast in der Geschwindigkeit so gut sie konnte, daß sie die Indianerin auf eine kurze Zeit verlassen müsse, führte Junitau in ihr eigenes Zimmer mit der festen Überzeugung, daß sie es nicht verlassen würde, begab sich dann zu dem Feuer und nahm ihren Platz unter den übrigen ein.

»Wer spät kommt, wird spät bedient, Mabel«, sagte ihr Onkel zwischen zwei Mundladungen voll gebratenen Fisches; denn obgleich die Kochkunst an dieser entfernten Grenze sehr ungekünstelt sein mochte, so waren doch die Speisen im allgemeinen köstlich. »Wer spät kommt, wird spät bedient: Das ist eine gute Regel und macht die Schlafmützen munter.«

»Ich bin keine Schlafmütze, Onkel; denn ich bin schon eine ganze Stunde auf und habe mich auf unserer Insel umgesehen.«

»Sie werden wenig daraus machen können, Miss Mabel«, versetzte Muir, »denn es ist von Natur nicht viel an ihr. Lundie oder, wie man ihn in solcher Gesellschaft besser nennen könnte, Major Duncan« – es wurde dies wegen des Korporals und der gemeinen Soldaten gesagt, obgleich diese ihr Mahl etwas abgesondert einnahmen –, »Major Duncan hat die Staaten Seiner Majestät durch kein Reich vermehrt, als er von dieser Insel Besitz nahm, denn die gleicht ganz der des berühmten Sancho an Einkünften und Ertrag. Ihr kennt doch ohne Zweifel diesen Sancho, Meister Cap, und werdet oft in Euren Mußestunden, zumal bei einer Windstille oder in Augenblicken der Untätigkeit, von ihm gelesen haben?«

»Ich kenne den Ort, den Sie meinen, Quartiermeister; Sanchos Insel – Korallenfels, von neuer Formation und so schlechter Aufduning bei Nacht und stürmischem Wetter, daß sich jeder Sünder davon klarzuhalten wünscht, 's ist ein bekannter Platz wegen der Kokosnüsse und des bittern Wassers, diese Sanchos Insel.«

»Es soll dort nicht gut Mittag halten sein«, erwiderte Muir und unterdrückte aus Achtung vor Mabel das Lächeln, das auf seinen Lippen zuckte; »auch glaub' ich nicht, daß einem zwischen ihren Einkünften und denen unseres gegenwärtigen Aufenthalts die Wahl besonders schwer werden dürfte. Nach meinem Urteil, Meister Cap, ist unsere Stellung sehr unmilitärisch, und ich sehe voraus, daß uns früher oder später eine Kalamität zustoßen wird.«

»Es wär' zu wünschen, daß es nicht eher geschieht, als bis unser Dienst hier zu Ende ist«, bemerkte Mabel. »Ich trage kein Verlangen danach, Französisch zu lernen.«

»Wir dürften uns glücklich schätzen, wenn es nur das und nicht etwa das Irokesische wäre. Ich hab' dem Major Duncan Vorstellungen wegen der Besetzung dieses Postens gemacht, aber einen eigensinnigen Mann muß man seinen Weg gehen lassen. Mein Hauptgrund, warum ich mich dem Zug anschloß, war die Absicht, mich Eurer schönen Nichte nützlich und angenehm zu machen, Meister Cap; dann wollte ich auch einen Überschlag über die Vorräte machen, die ja eigentlich in meinen Geschäftskreis gehören, damit keine Einreden über die Art ihrer Verwendung stattfinden können, wenn der Feind Mittel finden sollte, sie wegzunehmen.«

»Betrachten Sie die Sache so ernst?« fragte Cap, indem er vor lauter Anteil an der Antwort mit dem Kauen eines Wildbretbissens innehielt; denn er ging wechselweise wie ein Feinschmecker von Fisch zu Fleisch und vom Fleisch wieder zum Fisch über. »Ist die Gefahr so drängend?«

»Ich will das nicht grad sagen, möchte aber auch nicht das Gegenteil behaupten. Im Krieg ist immer Gefahr vorhanden und auf vorgeschobenem Posten mehr als im Hauptquartier. Es darf daher keinen Augenblick überraschen, wenn wir einen Besuch von den Franzosen bekommen.«

»Und was, zum Teufel, wär' in solchem Fall zu tun? Sechs Mann und zwei Weiber würden sich bei der Verteidigung eines Platzes wie diesem erbärmlich genug ausnehmen, wenn die Franzosen einen Überfall machen sollten; denn ohne Zweifel würden sie – so echt französisch – in tüchtigen Massen anrücken.«

»Darauf kann man sich verlassen – aufs mindeste mit einer furchtbaren Macht. Ohne Zweifel wäre es zweckmäßig, nach den Regeln der Kriegskunst Anstalten zur Verteidigung der Insel zu treffen, obgleich es uns wahrscheinlich an der nötigen Mannschaft fehlen wird, diesen Plan auf eine erfolgversprechende Weise auszuführen. Erstens sollte eine Abteilung am Ufer aufgestellt werden, um den Feind beim Landen zu beunruhigen; eine starke Besatzung sollte augenblicklich in das Blockhaus gelegt werden, da es die Zitadelle ist, nach der sich natürlich die verschiedenen Abteilungen zurückziehen würden, wenn sie bei dem Vorrücken der Franzosen Unterstützung brauchten. Dann sollte um den festen Platz ein mit Gräben versehenes Lager gelegt werden, da es in der Tat sehr unmilitärisch wäre, den Feind nahe genug zu dem Fuß der Mauern kommen zu lassen, um sie zu unterminieren. Spanische Reiter sollten die Kavallerie im Schach halten, und was die Artillerie anbelangt, so sollten unter dem Versteck jener Wälder Redouten aufgeworfen werden. Starke Plänklerabteilungen würden außerdem zu Verzögerung des feindlichen Marsches außerordentlich gute Dienste leisten, und diese zerstreuten Hütten könnten, gehörig mit Piketten versehen und von Gräben umzogen, treffliche Positionen zu diesem Zweck abgeben.«

»Ha – ha – ha –! Quartiermeister. Und wer, zum Teufel, soll alle die Mannschaft aufbringen, um einen solchen Plan auszuführen?«

»Der König, ohne allen Zweifel, Meister Cap. Es ist seine Sache und daher billig, daß er auch die Bürde trage.«

»Und wir sind nur unserer sechs! Das ist mir ein sauberes Geschwätz, zum Henker! Da könnte man Sie ans Ufer hinunterschicken, um den Feind vom Landen abzuhalten – Mabel müßte plänkeln, wenigstens mit der Zunge – das Soldatenweib könnte die spanischen Reiter spielen, um die Kavallerie in Verwirrung zu bringen – der Korporal hätte das verschanzte Lager zu kommandieren seine drei Mann müßten die Hütten besetzen, und mir bliebe dann das Blockhaus. – Sie zeichnen gut, Leutnant, und hätten Maler statt Soldat werden sollen.«

»Nun, ich hab' meine Disposition in dieser Sache wissenschaftlich und ehrlich gemacht. Daß keine größere Macht da ist, den Plan auszuführen, ist die Schuld von Seiner Majestät Ministern und nicht meine.«

»Aber wenn der Feind wirklich erschiene«, fragte Mabel mit mehr Anteil, als sie gezeigt haben würde, wenn sie sich nicht ihres Gastes in der Hütte erinnert hätte, »welchen Weg müßten wir dann einschlagen?«

»Mein Rat, schöne Mabel, wär' ein Versuch zur Ausführung dessen, was Xenophon mit Recht so berühmt machte.«

»Ich glaube, Sie meinen einen Rückzug, obgleich ich ihre Anspielung halb erraten muß.«

»Ihrem hellen, natürlichen Verstand ist meine Meinung nicht entgangen, mein Fräulein. Ich habe bemerkt, daß Ihr würdiger Vater dem Korporal gewisse Methoden angegeben hat, mit denen er diese Insel zu halten hofft, falls die Franzosen ihre Lage auffinden sollten. Aber obgleich der ausgezeichnete Sergeant Ihr Vater und im Dienst so gut wie irgendein Unteroffizier ist, so ist er doch nicht der große Lord Stair oder gar der Herzog von Marlborough. Ich will die Verdienste des Sergeanten in seiner Sphäre nicht in Abrede stellen, aber ich kann seine Eigenschaften, mögen sie auch noch so ausgezeichnet sein, nicht höher schätzen als die von Leuten, die, wenn auch nur in geringem Grade, seine Vorgesetzten sind. Der Sergeant hat sich mit seinem Herzen und nicht mit seinem Kopf beraten, als er solche Befehle erließ; aber wenn das Fort fällt, so wird der Vorwurf auf dem liegen, der es zu besetzen befahl, und nicht auf dem, dem die Verteidigung obliegt. Was aber auch immer der Ausgang der letzteren sein mag, wenn die Franzosen mit ihren Verbündeten landen sollten, so wird doch ein guter General nie die nötigen Vorbereitungen für den Fall eines Rückzuges vernachlässigen, und ich möchte Meister Cap, als dem Admiral unserer Flotte, raten, ein Boot in Bereitschaft zu halten, um die Insel räumen zu können, wenn Not am Mann ist. Das größte Boot, das wir noch haben, führt ein weites Segel, und wenn man es hier herumholt und unter diesen Büschen vor Anker legt, so werden wir da einen ganz geeigneten Platz zu schleuniger Einschiffung kriegen! Und dann werden Sie auch bemerken, schöne Mabel, daß wir kaum fünfzig Ellen zu einem Kanal haben, der zwischen zwei andern Inseln und so versteckt liegt, daß wir recht wohl gegen eine Entdeckung von denen geschützt sind, die sich auf diesem Eiland befinden mögen.«

»Was Sie da sagen, ist alles ganz richtig, Herr Muir; aber könnten die Franzosen nicht grad von dieser Gegend herkommen? Wenn sie so gut für einen Rückzug ist, so ist sie wohl ebensogut für den Angriff.«

»Sie werden nicht Einsicht genug für einen so klugen Gedanken haben«, erwiderte Muir, wobei er verstohlen und ein wenig unbehaglich umhersah. »Es wird ihnen an der gehörigen Klugheit mangeln. Diese Franzosen sind ein übereiltes Volk und rücken gewöhnlich aufs Geratewohl an; wir können also darauf zählen, daß sie, wenn sie überhaupt kommen, auf der anderen Seite der Insel landen werden.«

Die Unterhaltung schweifte nun verschiedentlich ab, wobei jedoch immer die Wahrscheinlichkeit eines Überfalls und die geeignetsten Mittel, ihm zu begegnen, die Hauptpunkte blieben.

Mabel zollte dem meisten davon nur geringe Aufmerksamkeit, obgleich sie sich einigermaßen überrascht fühlte, daß Leutnant Muir, ein Offizier, der wegen seines Mutes in gutem Ruf stand, so offen das Aufgeben einer Sache empfahl, deren Verteidigung ihr eine doppelte Pflicht schien, weil die Ehre ihres Vaters dabei im Spiele war. Ihr Geist war jedoch so sehr mit ihrem Gast beschäftigt, daß sie bei der ersten günstigen Gelegenheit die Gesellschaft verließ und wieder in ihre Hütte eilte. Sie schloß die Tür sorgfältig, und als sie sah, daß der einfache Vorhang an dem einzigen kleinen Fenster vorgeschoben war, führte sie Junitau oder June, wie sie vertraulich von denen genannt wurde, die Englisch mit ihr sprachen, unter Zeichen der Liebe und des Vertrauens in das äußere Zimmer.

»Es freut mich, dich zu sehen, June«, sagte Mabel mit ihrer gewinnenden Stimme und freundlichem Lächeln. »Was hat dich hierhergebracht, und wie entdecktest du diese Insel?«

»Sprechen langsam«, sagte June, indem sie das Lächeln erwiderte und die kleine Hand ihrer Freundin mit der ihrigen, die kaum größer, aber durch die Arbeit abgehärtet war, drückte:

»Mehr langsam – zu schnell.«

Mabel wiederholte ihre Fragen, wobei sie sich bemühte, den Sturm ihrer Gefühle zu unterdrücken, und es gelang ihr, sich so deutlich auszusprechen, daß sie verstanden wurde.

»June, Freund«, erwiderte das Indianerweib.

»Ich glaube dir, June – von ganzem Herzen glaub' ich dir. Aber was hat das mit deinem Besuch zu schaffen?«

»Freund kommen, zu sehen Freund«, antwortete June mit einem offenen Lächeln gegen Mabel.

»Es muß noch ein anderer Grund da sein, June, sonst würdest du dich nicht in diese Gefahr begeben haben, und noch dazu allein. Du bist doch allein, June?«

»June bei dir, niemand anders. June kommen allein, Kahn rudern.

»Ich hoffe es, ich glaube es – nein, ich weiß es. Du würdest mich nicht verraten, June?«

»Verraten? was?«

»Du könntest mich nicht betrügen, mich nicht den Franzosen, den Irokesen oder Pfeilspitze überliefern?« – June schüttelte ernst ihr Haupt – »du könntest nicht meinen Skalp verkaufen?«

Hier legte June ihren Arm zärtlich um Mabels schlanken Leib und drückte sie mit Innigkeit und Liebe an sich, so daß es kaum mehr möglich war, die Aufrichtigkeit eines jungen, offenen Geschöpfs in Zweifel zu ziehen. Mabel erwiderte ihre Umarmung, blickte ihr dann fest ins Gesicht und fuhr mit ihren Fragen fort.

»Wenn June ihrer Freundin was zu sagen hat, so mag sie freimütig sprechen. Meine Ohren sind offen.«

»June fürchten, Pfeilspitze sie töten.«

»Aber Pfeilspitze wird es nie erfahren«, Mabels Blut stieg ihr gegen die Schläfe, denn sie fühlte, daß sie das Weib zum Verrat gegen ihren Gatten veranlaßte. »Das heißt, Mabel wird's ihm nicht sagen.«

»Er begraben Tomahawk in Junes Kopf.«

»Das darf nie geschehen, liebe June; sage lieber nichts mehr, als daß du dich dieser Gefahr aussetztest.«

»Blockhaus guter Platz zum Schlafen, guter Platz zum Bleiben.«

»Meinst du, daß ich mein Leben retten könnte, wenn ich mich im Blockhaus aufhielte, June? Sicherlich, sicherlich – Pfeilspitze wird dir kein Leid zufügen, wenn du mir das sagst. Pfeilspitze kann nicht wünschen, daß mir ein Unglück zustoße, denn ich habe ihn nie beleidigt.«

»Pfeilspitze nicht kränken wollen schöne Bleichgesicht«, erwiderte June mit abgewandtem Antlitz, und ihr Ton, obgleich sie immer in der sanften Stimme eines Indianermädchens sprach, wurde tiefer, so daß er den Ausdruck der Melancholie und der Furcht trug; »Pfeilspitze Bleichgesichtmädchen lieben.«

Mabel errötete unwillkürlich und unterdrückte aus natürlichem Zartgefühl einen Augenblick ihre Fragen; aber sie mußte mehr erfahren, und da sich ihre Besorgnisse steigerten, nahm sie ihre Nachforschungen wieder auf.

»Pfeilspitze kann keinen Grund haben, mich zu lieben oder zu hassen«, sagte sie. »Ist er in der Nähe?«

»Mann immer nahe bei Weib – hier«, sagte June, indem sie ihre Hand auf ihr Herz legte.

»Du gutes Geschöpf! Aber sag mir, June, soll ich heute – diesen Morgen – jetzt – im Blockhaus sein?«

»Blockhaus sehr gut; gut für Weiber. Blockhaus kriegen nicht Skalp.«

»Ich fürchte, ich verstehe dich nur zu gut, June. Wünschest du meinen Vater zu sehen?«

»Nicht hier – fortgegangen.«

»Du kannst das nicht wissen, June; du siehst, die Insel ist voll von seinen Soldaten.«

»Nicht voll, fortgegangen.« – Hier hielt June vier Finger in die Höhe. – »So viel Rotröcke.«

»Und Pfadfinder? Möchtest du nicht gerne den Pfadfinder sehen? Er kann mit dir reden in der Zunge der Irokesen.«

»Zunge mit ihm gegangen«, sagte June lachend; »behalten Zunge in sein Mund.«

Es lag etwas so Hübsches und Ansteckendes in dem kindlichen Lachen des Indianermädchens, daß sich Mabel nicht enthalten konnte, darin einzustimmen, so sehr auch ihre Furcht durch alles, was vorgegangen war, erregt war.

»Du scheinst zu wissen oder glaubst alles zu wissen, was sich bei uns zuträgt, June. Aber wenn Pfadfinder gegangen ist, Eau-douce kann auch Französisch sprechen.«

»Eau-douce auch gegangen – nur nicht Herz – das hier.« Als June dies sagte, lachte sie wieder, blickte nach verschiedenen Richtungen, als ob sie Mabel nicht in Verwirrung bringen wollte, und legte ihre Hand auf den Busen ihrer Freundin.

Mabel hatte zwar oft von dem wunderbaren Scharfsinn der Indianer, mit dem sie alles auffassen, während sie doch auf nichts zu achten scheinen, gehört; aber auf diese eigentümliche Wendung ihres Gesprächs war sie nicht vorbereitet. Sie wünschte auf einen andern Gegenstand zu kommen, und da sie zugleich ängstlich besorgt war, zu erfahren, wie groß die Gefahr wirklich sein möchte, die ihr bevorstand, erhob sie sich von dem Feldstuhl, auf dem sie gesessen, und nahm eine Haltung an, die weniger zärtliches Vertrauen ausdrückte, wodurch sie mehr von dem zu erfahren hoffte, was sie zu wissen wünschte, und Anspielungen, die sie in Verlegenheit setzen könnten, zu vermeiden beabsichtigte.

»Du weißt, wie viel oder wie wenig du mir mitteilen darfst, June«, sagte sie; »und ich hoffe, du liebst mich genug, um mich von dem zu unterrichten, was mir zu hören nötig ist. Auch mein lieber Onkel ist auf der Insel, und du bist seine Freundin, oder solltest es sein, so gut wie die meinige; und wir beide werden dein Benehmen nicht vergessen, wenn wir wieder nach Oswego zurückgekehrt sind.«

»Mag sein, nie kehren zurück – wer wissen?« Sie sprach das im Ton des Zweifels, wie jemand, der eine Vermutung ausspricht, keineswegs aber mit Hohn oder in der Absicht, Mabel zu beunruhigen.

»Nur Gott weiß, was geschehen wird. Unser Leben ist in seiner Hand. Doch ich glaube, du bist sein Werkzeug zu unserer Rettung.«

Das ging über Junes Begriffsvermögen, und ihr Blick drückte Unwissenheit aus; doch war es augenscheinlich, daß sie nützlich zu werden wünschte.

»Blockhaus sehr gut!« wiederholte sie, als sich der Zug der Unsicherheit aus ihrem Gesicht verloren hatte, und legte einen starken Nachdruck auf die zwei letzten Worte.

»Gut, ich verstehe das, June, und will heute nacht darin schlafen. Natürlich darf ich aber meinem Onkel mitteilen, was du mir gesagt hast?«

Junitau war bestürzt und ließ eine große Unbehaglichkeit bei dieser Frage blicken.

»Nein, nein, nein!« antwortete sie mit einer Hast und einer Heftigkeit, die den Franzosen Kanadas nachgeahmt waren, »nicht gut, zu sagen Salzwasser. Er viel reden und lange Zunge. Denkt Wälder lauter Wasser, und nichts wissen. Sagen Pfeilspitze und June sterben.«

»Du tust meinem lieben Onkel unrecht, denn es wär' ihm so wenig möglich, dich wie jemand anders zu verraten.«

»Nichts verstehen. Salzwasser haben Zunge, aber nicht Augen, nicht Ohren, nicht Nase – nichts als Zunge, Zunge, Zunge!«

Obgleich Mabel dieser Ansicht nicht ganz beistimmen konnte, sah sie doch, daß Cap nicht das Vertrauen der Indianerin besaß und daß es vergeblich sei zu hoffen, man könne ihn zu der gegenwärtigen Besprechung herbeiholen.

»Du scheinst zu glauben, daß du unsere Lage ziemlich genau kennst, June«, fuhr Mabel fort; »bist du schon früher auf dieser Insel gewesen?«

»Eben gekommen.«

»Wie kannst du denn wissen, daß das, was du sagst, wahr ist? Mein Vater, der Pfadfinder und Eau-douce, alle können hier in dem Bereich meiner Stimme sein, wenn ich sie rufen will.«

»Alle gegangen«, sagte June mit Bestimmtheit, zugleich aber mit gutmütigem Lächeln.

»Nein, das ist mehr, als du mit Gewißheit sagen kannst, da du die Insel nicht durchsucht hast.«

»Haben gute Augen; sehen Boot mit Männern weggehen – sehen Schiff mit Eau-douce.«

»Dann hast du schon einige Zeit auf uns achtgegeben. Ich denke jedoch, du hast die nicht gezählt, die zurückblieben?«

June lachte, hielt ihre vier Finger wieder in die Höhe, und zeigte dann auf ihre zwei Daumen; indem sie mit einem Finger über die ersteren fuhr, wiederholte sie das Wort »Rotröcke«, und während sie die letzteren berührte, setzte sie hinzu »Salzwasser«, »Quartiermeister«. Alles dieses traf genau zu, und in Mabel stiegen nun ernstliche Zweifel auf, ob es geeignet sei, ihren Besuch ziehen zu lassen, ehe sie weitere Aufklärung erhalten hatte. Es stand aber so sehr im Widerspruch mit ihren Gefühlen, das Vertrauen dieses sanften und liebevollen Geschöpfes zu mißbrauchen, daß Mabel den Gedanken, ihren Onkel herbeizurufen, als ihrer selbst unwürdig und gegen ihre Freundin ungerecht, wieder aufgab. Dieser Entschluß wurde noch dadurch unterstützt, daß man mit Sicherheit darauf zählen konnte, June werde nichts Weiteres enthüllen, sondern ihre Zuflucht zu einem hartnäckigen Schweigen nehmen, wenn man es versuchen würde, sie zu zwingen.

»Du glaubst also, June«, fuhr Mabel fort, »daß es besser wäre, im Blockhaus zu bleiben?«

»Guter Platz für Weib. Blockhaus nicht kriegen Skalp. Balken dick.«

»Du sprichst so zuversichtlich, als ob du drin gewesen bist und seine Wände gemessen hast.«

June lachte und gab sich das Ansehen einer Wissenden, ohne jedoch etwas Weiteres zu sagen.

»Weiß jemand außer dir diese Insel aufzufinden? Hat sie einer der Irokesen gesehen?«

Junes Miene wurde düster; sie warf ihre Augen vorsichtig um sich, als ob sie irgendeinen Horcher befürchte.

»Tuscarora überall – Oswego, hier, Frontenac, Mohawk – überall. Wenn er sieht June, sie töten.«

»Aber wir glaubten, daß niemand was von dieser Insel wisse und daß wir keinen Grund hätten, unsere Feinde zu fürchten, solange wir uns hier befinden.«

»Viel Auge, Irokesen.«

»Augen können nicht alles ausrichten, June. – Diese Insel fällt dem Blick nicht leicht auf, und selbst von unseren Leuten wissen nur wenige sie aufzufinden.«

»Ein Mann reden kann; einige Yengeese französisch sprechen.«

Mabeln überlief es kalt. Der ganze Verdacht gegen Jasper, den sie bisher zu nähren verschmäht hatte, trat auf einmal mit aller Macht vor ihre Seele, und die dadurch erregten Gefühle lasteten schwer auf ihr. Sie faßte sich jedoch wieder, und eingedenk des ihrem Vater gegebenen Versprechens erhob sie sich, ging einige Male in der Hütte auf und nieder und suchte sich zu bereden, das Jaspers Vergehen sie nichts angingen, obgleich sie im innersten Herzen wünschte, ihn unschuldig zu wissen.

»Ich versteh', was du sagen willst, June«, begann sie wieder; »du willst mir kundtun, daß irgend jemand verräterischerweise deinen Leuten gesagt hat, wo und wie die Insel zu finden sei?«

June lachte, denn in ihren Augen war Kriegslist mehr ein Verdienst als ein Verbrechen. Sie war jedoch ihrem Stamme zu treu, um mehr zu sagen, als die Umstände gerade erforderten. Ihre Absicht war, Mabel zu retten, aber auch nur Mabel; und sie sah keinen hinreichenden Grund, warum sie mehr tun sollte.

»Bleichgesicht wissen nun«, setzte sie bei, »Blockhaus gut für Mädchen. Nichts mir machen aus Männer und Krieger.«

»Aber ich mache mir viel daraus, June; denn einer von diesen Männern ist mein Onkel, den ich liebe, und die andern sind meine Landsleute und Freunde. Ich muß ihnen sagen, was vorgegangen ist.«

»Dann June werden getötet«, erwiderte die junge Indianerin ruhig, obgleich augenscheinlich etwas bekümmert.

»Nein, sie sollen nicht erfahren, daß du hier gewesen bist. Aber sie müssen auf ihrer Hut sein, und wir können alle in das Blockhaus gehen.«

»Pfeilspitze wissen, sehen jedes Ding, und June werden töten, June kommen, zu sagen jungem Bleichgesicht Freund, und nicht zu sagen Männer. Jeder Krieger bewachen sein eigen Skalp. June Weib und sagen Weib; nicht sagen Männer.«

Mabel wurde durch diese Erklärung ihrer indianischen Freundin in die äußerste Not versetzt, denn es war nun augenscheinlich, daß die junge Wilde einsah, ihre Mitteilungen dürften nicht weitergehen. Es war ihr unbekannt, wie sehr es dieses Volk für einen Ehrenpunkt hält, ein Geheimnis zu bewahren, und noch weniger war sie imstande zu beurteilen, wie weit eine Unklugheit von ihrer Seite June bloßstellen und ihr Leben gefährden könne. Alle diese Betrachtungen blitzten durch ihre Seele und wurden durch reiflichere Erwägung nur noch schmerzlicher. Auch June betrachtete die Sache augenscheinlich ernst, denn sie fing an, sich zum Aufbruch anzuschicken. Der Versuch, sie aufzuhalten, kam Mabel nicht in den Sinn, und von ihr zu scheiden, nachdem sie so viel gewagt hatte, um ihr zu dienen, widerstrebte dem Billigkeitsgefühl und dem liebevollen Charakter Mabels.

»June!« sagte sie lebhaft, indem sie ihren Arm um die Schulter der Indianerin legte, »wir sind Freundinnen. Von mir hast du nichts zu befürchten, denn niemand soll etwas von deinem Besuch erfahren. Könntest du mir aber nicht ein Zeichen geben, wenn die Gefahr heranrückt, ein Zeichen, aus dem ich erkennen kann, wann ich in das Blockhaus gehen soll und wie ich für mich Sorge tragen kann?«

June hielt an, denn sie hatte sich bereits ernstlich zum Fortgehen angeschickt; dann sagte sie ruhig:

»Bring June Taube.«

»Eine Taube? Wo werde ich eine Taube finden, die ich dir bringen könnte?«

»Nächste Hütte; bring eine alte, June gehen zu Kahn.«

»Ich glaube, ich versteh' dich, June; wär's aber nicht besser, ich ginge mit dir nach dem Gebüsch zurück, damit du nicht mit irgendeinem von den Männern zusammentriffst?«

»Gehen aus zuerst; zählen Männer eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs« – hier hielt June ihre Finger in die Höhe und lachte – »alle aus dem Weg – gut. Wenn nur einer, rufen ihn auf Seite. Dann singen und holen Taube.«

Mabel lächelte über die Besonnenheit und den Scharfsinn des Mädchens und schickte sich an, ihren Wünschen zu entsprechen. An der Tür hielt sie jedoch und blickte bittend auf das indianische Weib zurück.

»Darf ich nicht hoffen, daß du mir mehr sagest, June?« fragte sie.

»Alles jetzt wissen; Blockhaus gut, Taube sagen, Pfeilspitze töten.«

Die letzten Worte genügten, denn Mabel konnte nicht auf weitere Mitteilungen dringen, da ihre Gefährtin selbst sagte, daß die Strafe ihrer Enthüllungen wahrscheinlich der Tod von der Hand ihres Gatten sein werde. Sie öffnete die Tür, winkte June ein Lebewohl zu und verließ die Hütte. Mabel griff zu dem einfachen, von der Indianerin angegebenen Mittel, um sich über die Orte, wo sich die verschiedenen Personen befanden, Gewißheit zu verschaffen, und begnügte sich mit dem Zählen, statt sie genauer ins Auge zu fassen, um sie aus dem Gesicht und dem Anzug zu erkennen. Sie fand, daß drei noch bei dem Feuer saßen, während zwei andere, unter ihnen Herr Muir, gegen das Boot hin gegangen waren. Der sechste war ihr Onkel, der sich in der Nähe des Feuers mit der Zurichtung von Angelgerätschaften beschäftigte. Die Soldatenfrau ging eben in ihre Hütte, und somit war sie mit der ganzen Gesellschaft im klaren. Mabel gab sich das Ansehen, als ob sie etwas vergessen habe, kehrte in die Nähe der Hütte zurück, trillerte ein Liedchen, bückte sich, als ob sie etwas von dem Boden aufläse, und eilte nun der von June angegebenen Hütte zu. Diese war ein verfallenes Gebäude und von den Soldaten der abgelösten Abteilung zu einem Aufbewahrungsort für ihr zahmes Vieh umgewandelt worden. Unter anderem enthielt es einige Dutzend Tauben, die sich auf einem Haufen Weizen gütlich taten, der von einer der geplünderten Ansiedlungen auf dem Kanadaufer mitgebracht worden war. Es wurde Mabel nicht schwer, eine von den Tauben zu haschen, obgleich diese mit einem trommelähnlichen Geräusch um die Hütte flatterten, und als sie das Tierchen unter ihren Kleidern verborgen hatte, stahl sie sich mit ihrem Fang wieder nach ihrer Hütte zurück. Ein Blick durch die Tür überzeugte sie, daß ihr Gast nicht mehr da sei, und nun eilte das Mädchen hastig dem Ufer zu, ohne daß es ihr dabei schwer wurde, der Beobachtung zu entgehen, da sie die Bäume und Büsche vollkommen verbargen. Bei dem Kahn fand sie June, die die Taube nahm, sie in ein von ihr selbst verfertigtes Körbchen setzte, und mit den Worten: »Blockhaus gut«, so geräuschlos wie sie gekommen war aus dem Gebüsch und über die schmale Wasserstraße glitt. Mabel wartete noch eine Weile auf ein Zeichen des Abschieds oder der Zuneigung von ihrer landenden Freundin, aber vergebens. Die benachbarten Inseln, ohne Ausnahme, waren so still, als ob hier nie die erhabene Ruhe der Natur gestört worden sei, und nirgends ließ sich ein Zeichen oder eine Spur entdecken, die Mabel hätten Aufschluß über die Nähe der Gefahr erteilen können, von der Junitau Nachricht gegeben hatte.

Als Mabel vom Ufer zurückkehrte, fiel ihr ein kleiner Umstand auf, der unter gewöhnlichen Verhältnissen kaum ihre Aufmerksamkeit angezogen hätte, jetzt aber, da ihr Argwohn geweckt war, von ihrem unruhigen Blick nicht unbeachtet blieb.

Ein kleines Stück roten Beuteltuchs, wie man sich dessen zur Verfertigung von Schiffsflaggen bedient, flatterte von dem unteren Ast eines kleinen Baumes, an dem es ganz so befestigt war, daß es wie ein Schiffswimpel sich senken oder vom Winde hinausgeblasen werden konnte.

Da Mabels Furcht einmal rege war, so hätte selbst June sich nicht mit größerer Schnelligkeit Tatsachen klarzumachen vermocht, die, wie zu vermuten stand, auf die Sicherheit der Gesellschaft Bezug hatten. Ein Blick genügte ihr für die Überzeugung, daß dieser Tuchstreifen von der anliegenden Insel aus bemerkt werden konnte, daß er der Linie zwischen ihrer Hütte und dem Kahne so nahe lag, um es außer Zweifel zu sehen, daß June nahe daran, wenn nicht unter ihm habe vorbeikommen müssen, und daß es vielleicht ein Signal sei, um denen, die wahrscheinlich in der Nachbarschaft im Hinterhalt lagen, irgendeine wichtige Tatsache mitzuteilen, die mit der Art des Angriffs in Verbindung stand. Mabel nahm den Tuchstreifen von dem Baum und eilte fort, kaum wissend, was ihr nun zunächst obliege. June konnte falsch gegen sie gewesen sein; aber ihr Benehmen, ihre Blicke, ihre Liebe und Anhänglichkeit, die Mabel schon während ihrer Reise kennengelernt hatte, ließen diesen Gedanken nicht aufkommen. Dann gedachte sie der Anspielung auf Pfeilspitzes Bewunderung der Bleichgesichtsschönheit, erinnerte sich, wenn auch dunkel, der Blicke des Tuscarora, und es wurde ihr schmerzlich klar, daß wenige Weiber mit Zuneigung auf die blicken können, die ihnen die Liebe ihrer Männer entfremdet haben. Zwar waren diese Bilder weder bestimmt noch deutlich, sondern durchflogen eher die Seele Mabels in einem gewissen Helldunkel, als daß sie festen Halt darin gewonnen hätten; trotzdem aber beschleunigten sie die Pulse und die Schritte des Mädchens, ohne in ihr die raschen und klaren Entschlüsse hervorzubringen, die gewöhnlich ihren Erwägungen folgten. Sie eilte geradenwegs nach der von der Soldatenfrau bewohnten Hütte, in der Absicht, sich schnell mit ihr nach dem Blockhaus zu begeben, da sie niemand anders veranlassen konnte, ihr zu folgen, als ihr ungeduldiger Schritt plötzlich durch Muirs Stimme unterbrochen wurde.

»Wohin so schnell, schöne Mabel«, rief er, »und warum so einsam? Der würdige Sergeant wird sich über meine gute Lebensart lustig machen, wenn er hört, daß seine Tochter die Morgenstunden allein und ohne Begleitung zubringen muß, während er doch weiß, wie glühend mein Wunsch ist, Ihr Gesellschafter und Sklave zu sein, vom Anfang des Jahres an bis zu dessen Ende.«

»Sicherlich, Herr Muir, müssen Sie hier einiges Ansehen haben«, sagte Mabel, indem sie plötzlich ihre Schritte anhielt. »Auf einen Mann von Ihrem Rang muß wenigstens ein Korporal hören.«

»Ich weiß das nicht, ich weiß das nicht«, unterbrach sie Muir, mit einer Ungeduld und einem Ausdruck von Beunruhigung, die in einem anderen Augenblick Mabels Aufmerksamkeit erregt haben würden. »Kommando ist Kommando, Disziplin ist Disziplin, und Ansehen ist Ansehen. Ihr guter Vater würde es höchst empfindlich aufnehmen, wenn ich ihm ins Gehege ginge und die Lorbeeren, die er zu gewinnen im Begriff ist, besudeln oder für mich davontragen wollte. Ich kann dem Korporal nicht befehlen, ohne zugleich auch dem Sergeanten zu befehlen. Es wird daher für mich das klügste sein, bei dieser Unternehmung in der Dunkelheit des Privatmannes zu bleiben, und so verstehen auch alle von Lundie abwärts die Verhaltungsbefehle.«

»Ich weiß das, und es mag wohl gut sein; denn ich möchte meinem Vater keinen Anlaß zur Unzufriedenheit geben. Aber Ihr Ansehen könnte zu des Korporals eigenem Besten dienen.«

»Ich will das nicht sagen«, erwiderte Muir in seiner schlauen schottischen Weise; »es würde viel eher angehen, einen Einfluß zu seinem Schaden auf ihn geltend zu machen. Der Mensch hat seine Besonderheiten, schöne Mabel, und auf ein Mitgeschöpf zu seinem Besten einwirken zu wollen, ist eine der schwierigsten Aufgaben der menschlichen Natur, während das Gegenteil gerade die allerleichteste ist. Sie werden das nicht vergessen, meine Teure, sondern es sich zu Ihrer Erbauung und Belehrung ein wenig zu Gemüt führen; aber was ist das, was Sie da um Ihren schlanken Finger wickeln, als ob es einer Ihrer brünstigen Verehrer wäre?«

»Es ist nichts als ein Stückchen Tuch – eine Art Flagge – eine Kleinigkeit, die kaum Ihrer Aufmerksamkeit würdig ist in einem so ernsten Augenblick. – Wenn –«

»Eine Kleinigkeit? Es ist nicht so geringfügig, wie Sie sich vorstellen mögen, Miss Mabel!« Er nahm ihr das Stückchen Tuch ab und dehnte es mit beiden Armen der Länge nach aus, während sein Gesicht ernst und sein Auge wachsam wurde. »Sie werden das doch nicht im Frühstück gefunden haben, Mabel Dunham?«

Mabel teilte ihm einfach mit, wo und wie sie diesen Streifen gefunden habe. Während sie sprach, war das Auge des Quartiermeisters keinen Augenblick ruhig und flog von dem Flaggentuch zu Mabels Gesicht und von da wieder zu dem Flaggentuch zurück. Es war leicht zu bemerken, daß sein Verdacht erregt war, und er ließ Mabel nicht lange im ungewissen darüber.

»Wir sind nicht in einem Teil der Welt, wo unsere Flaggen draußen in dem Winde flattern dürfen, Mabel Dunham!« sagte er mit einem bedeutungsvollen Kopfschütteln.

»Das dachte ich auch, Herr Muir, und nahm deshalb den kleinen Wimpel weg, damit er nicht ein Mittel werde, dem Feind unsere Anwesenheit zu verraten, selbst wenn durch das Entfalten gar nichts beabsichtigt wurde. Sollte man nicht meinen Onkel von diesem Umstand in Kenntnis setzen?«

»Ich sehe hierfür keine Notwendigkeit, schöne Mabel; denn Sie bezeichnen es ganz richtig als einen Umstand, und Umstände stoßen bisweilen dem würdigen Seemann schwer auf. Aber diese Flagge, wenn man es eine solche nennen kann, gehört zu dem Fahrzeug eines Schiffers. Sie werden bemerken, daß sie aus sogenanntem Beuteltuch gemacht ist, das bloß zu derartigen Zwecken benützt wird; denn Sie wissen selbst, daß unsere Fahnen aus Seide oder farbiger Leinwand verfertigt sind. Sie hat auf eine überraschende Weise die Länge des Scudwimpels; – und ich erinnere mich nun, daß ein Stück von eben jener Flagge abgeschnitten war.«

Mabel fühlte ihr Herz erstarren, aber sie hatte genug Selbstbeherrschung, um keine Erwiderung zu versuchen.

»Man darf die Sache nicht so hingehen lassen«, fuhr Muir fort, »und es wird im Grunde doch gut sein, eine kurze Rücksprache mit Meister Cap zu halten; denn ein loyalerer Untertan lebt nicht im britischen Reich.«

»Ich hab' mir diesen Wink so ernst betrachtet«, versetzte Mabel, »daß ich im Begriff bin, mich in das Blockhaus zu begeben und die Soldatenfrau mit mir zu nehmen.«

»Ich seh' nicht ein, zu was das gut sein wird, Mabel. Das Blockhaus wird zuerst angegriffen werden, wenn wirklich ein Überfall stattfindet. Wenn ich Ihnen in einer so zarten Angelegenheit raten dürfte, so möcht' ich Ihnen empfehlen, Ihre Zuflucht zu dem Boot zu nehmen, das, wie Sie bemerken können, am günstigsten liegt, um sich in jenen entgegengesetzten Kanal zu flüchten, wo alles, was darin ist, in einer oder zwei Minuten zwischen den Inseln verborgen wäre. Wasser hinterläßt keine Fährte, wie Pfadfinder sagt, und es scheint, es seien so viele verschiedene Durchgänge in dieser Gegend, daß ein Entkommen mehr als wahrscheinlich ist. Ich bin immer der Ansicht gewesen, Lundie habe zuviel gewagt, als er einen so weit vorgeschobenen und so sehr gefährdeten Posten, wie dieser ist, besetzen ließ.«

»Es ist nun zu spät, es zu bereuen, Herr Muir, und wir haben jetzt nur für unsere Sicherheit zu sorgen.«

»Und für die Ehre des Königs, schöne Mabel. Ja, Seiner Majestät Waffen und sein ruhmvoller Name dürfen bei keiner Gelegenheit außer acht gelassen werden.«

»Dann, meine ich, dürfte es doch am geeignetsten sein, wenn wir unsere Augen lieber nach dem Ort richteten, der zu ihrer Aufrechterhaltung gebaut worden ist, als nach dem Boot«, sagte Mabel lächelnd; »und so bin ich, Herr Muir, für das Blockhaus, wo ich die Rückkehr meines Vaters und seiner Leute abwarten möchte. Es müßte ihn wohl sehr betrüben, wenn er siegreich zurückkäme und voll Zuversicht, daß wir unseren Pflichten nicht weniger treu nachgekommen seien wie er der seinigen, und fände, daß wir geflohen sind.«

»Nein, nein, um's Himmels willen, mißverstehen Sie mich nicht, Mabel«, unterbrach sie Muir etwas beunruhigt; »ich bin weit entfernt, jemand anders als den Frauen den Rat zu geben, zum Boot die Zuflucht zu nehmen. Die Obliegenheit der Männer ist ohne allen Zweifel klar genug, und mein Entschluß war von Anfang an, mit dem Blockhaus zu stehen oder zu fallen.«

»Und glaubten Sie, Herr Muir, daß zwei Frauen dieses schwere Boot auf eine Weise zu führen wüßten, um dem Rindenkahn eines Indianers zu entkommen?«

»Ach, meine schöne Mabel, die Liebe versteht sich selten auf die Logik, und die Besorgnisse sind wohl geeignet, den Verstand ein wenig in Verwirrung zu bringen. Ich sah nur Ihre süße Gestalt in dem Besitz des Rettungsmittels und dachte nicht, daß es Ihnen an der Fähigkeit gebricht, sich dessen zu bedienen. Aber Sie werden nicht so grausam sein, holdes Wesen, mir die lebhafte Besorgnis um Sie als Fehler anzurechnen?«

Mabel hatte genug gehört. Ihr Geist war zu sehr mit den Ereignissen dieses Morgens und mit ihren Befürchtungen beschäftigt, als daß sie länger bei einem Liebesgespräch zu verweilen gewünscht hätte, das ihr auch in den sorgenfreiesten und heitersten Augenblicken zuwider gewesen wäre. Sie nahm daher hastig Abschied von ihrem Gefährten und beabsichtigte, sich in die Hütte der Soldatenfrau zu begeben, als sie Muir anhielt, indem er mit seiner Hand ihren Arm faßte.

»Ein Wort noch, Mabel«, sagte er, »ehe Sie mich verlassen. Diese kleine Flagge hat entweder eine besondere Bedeutung oder nicht. Hat sie eine, so dürfte es, da wir sehen, daß sie bereits ausgesteckt worden ist, wohl besser sein, sie wieder an ihren Ort zu hängen, während wir sorgsam darauf achten, ob nicht eine Antwort erfolgt, die uns der Verschwörung auf die Sprünge kommen helfe; und hat sie nichts zu bedeuten – ei, so wird auch nichts darauf folgen.«

»Sie mögen wohl recht haben, Herr Muir, obgleich, wenn das Ganze bloß zufällig ist, die Flagge Anlaß zur Entdeckung des Postens geben könnte.«

Mabel stand ihm nicht weiter Rede und war ihm bald aus den Augen, indem sie der Hütte zueilte, nach der sie schon vorhin getrachtet hatte.

Der Quartiermeister blieb ungefähr eine Minute auf demselben Platze und in derselben Stellung, in der ihn das Mädchen verlassen hatte, und blickte zuerst auf die forthüpfende Gestalt, dann aber auf das Stückchen Tuch, das er in der Hand hielt, indes sich Unschlüssigkeit in seinen Zügen ausdrückte. Sein Schwanken dauerte jedoch nicht länger als diese Minute, denn er befand sich bald unter dem Baum, wo er die Flagge wieder an einen Ast befestigte, obgleich er sie, da er die Stelle nicht kannte, von der sie Mabel abgenommen hatte, von einem Eichenzweige herabflattern ließ, der mehr den Blicken solcher ausgesetzt war, die sich auf dem Strom befanden, während sie von der Insel aus weniger gesehen werden konnte.

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