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Der Pfadfinder

James Fenimore Cooper: Der Pfadfinder - Kapitel 11
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Pfadfinder
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRichard Zoozmann
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Neuntes Kapitel

Es lag keine leere Prahlerei in dem Versprechen des Sergeanten Dunham. Ungeachtet der abgeschiedenen Lage des Grenzpostens erfreute sich doch seine Besatzung einer Tafel, um die sie in manchen Beziehungen von Königen und Fürsten hätte beneidet werden mögen. Zur Zeit unserer Erzählung und auch noch ein halbes Jahrhundert später war die ganze weite Gegend, die man damals den Westen nannte und die seit dem Revolutionskrieg den Namen der ›neuen Länder‹ führt, vergleichungsweise unbevölkert und verlassen, obschon sie alle lebenden Naturprodukte, die diesem Klima angehören, mit Ausnahme des Menschen und der Haustiere, in üppiger Fülle hervorbrachte. Die wenigen Indianer, die in den Wäldern umherstreiften, vermochten den Überfluß an Wild nicht sichtlich zu vermindern, und die zerstreuten Garnisonen wie auch die einzelnen Jäger, auf die man hin und wieder traf, übten keinen größeren Einfluß aus als den einer Biene auf das Buchweizenfeld oder den des Kolibri auf ein Blumenbeet.

Die Erzählungen von der wunderbaren Menge der wilden Tiere, Vögel und Fische, die insbesondere an den Ufern der großen Seen gefunden wurden, werden durch die Erfahrung mancher noch lebenden Menschen bestätigt. Besonders war der Oswego geeignet, die Speisekammer eines Epikureers immer reichlich zu versorgen. Fische von verschiedener Art wimmelten in seinem Strom, und der Fischer durfte nur seine Leine auswerfen, um einen Barsch oder ein anderes Glied der mit Flossen versehenen Zunft herauszuholen, die in ebenso großer Menge das Wasser bevölkerte, in der die Luft über den Sümpfen dieser fruchtbaren Breite von Insekten erfüllt war. Unter andern stand der Lachs, eine Varietät der wohlbekannten Art, an Leckerhaftigkeit dem des nördlichen Europas kaum nach. Die Wälder und Wasser wimmelten von verschiedenen Zugvögeln, und man sah oft hunderte von Morgen Landes an den großen Buchten, die in die Ufer des Sees einschneiden, von Gänsen und Enten bedeckt. Hirsche, Bären, Kaninchen, Eichhörnchen und verschiedene andere Vierfüßler, unter denen sich auch bisweilen das Elentier befand, halfen die Summe der natürlichen Hilfsmittel vervollständigen, durch die sich die entfernten Grenzbesatzungen für ihre übrigen Entbehrungen mehr oder minder schadlos hielten.

An einem Ort, wo Fleischsorten, die anderswo unter die Luxusartikel gerechnet werden, in solchem Übermaß vorhanden waren, blieb niemand von ihrem Genuß ausgeschlossen. Der Geringste an dem Oswego speiste Wildbret, das den Glanz einer Pariser Tafel ausgemacht haben würde, und es war nur ein heilsamer Kommentar über die Launen des Geschmacks und die Verkehrtheit der menschlichen Begierden, daß die kräftige Diät, die unter andern Umständen ein Gegenstand des Neides und Ärgers gewesen wäre, den Appetit hier bis zum Ekel übersättigte. Die gewöhnliche rauhe Nahrung der Armee, die man wegen der Schwierigkeit des Transportes zu Rat halten mußte, stieg in der Achtung des gemeinen Soldaten, und er würde Wildbret, Enten, Tauben und Lachse mit Freuden verschmäht haben, um bei den Annehmlichkeiten des geräucherten Schweinefleisches, pelziger Rüben und halbgaren Kohls zu schwelgen.

Um auf die Tafel des Sergeanten Dunham zurückzukommen, so trug sie das Gepräge des Überflusses und des Luxus der Grenze wie auch ihrer Entbehrungen. Ein köstlich gebratener Lachs dampfte auf einer unzierlichen Platte, heiße Wildbretstückchen sandten ihre einladenden Düfte aus, und verschiedene Schüsseln kalter Speisen, die alle aus Wildbret bestanden, wurden den Gästen vorgesetzt, um den neuangekommenen Besuch zu ehren und des alten Soldaten Gastfreundlichkeit zu beweisen.

»Du scheinst in diesem Erdwinkel nicht karg gehalten zu werden, Sergeant«, sprach Cap, nachdem er sich in die Geheimnisse der verschiedenen Schüsseln eingeweiht hatte. »Ein solcher Lachs kann deine Schottländer wohl zufriedenstellen.«

»Und doch tut er's nicht, Bruder Cap; denn unter den zwei- oder dreihundert Burschen, die wir in dieser Garnison haben, gibt's kaum ein halbes Dutzend, die nicht darauf schwören würden, daß dieser Fisch ungenießbar sei. Selbst solche, die nie Wildbret kosteten, wenn sie's nicht in ihrer Heimat aus irgendeinem Gehege stahlen, rümpfen ihre Nasen über die saftigsten Hirschkeulen, die wir hier bekommen können.«

»Ja, das ist Christennatur«, warf Pfadfinder ein, »und ich muß sagen, sie gereicht ihnen nicht zur Ehre. Eine Rothaut ist nie unzufrieden, sondern immer dankbar für die Nahrung, die sie findet, mag sie nun fett oder mager, Hochwild oder Bär, die Brust eines wilden Puters oder der Flügel einer Wildgans sein. Zur Schande der Weißen muß man's sagen, daß wir so unzufrieden mit den Segnungen sind und unbedeutende Übel als Dinge von großer Wichtigkeit betrachten.«

»Es ist so, wenigstens beim Fünfundfünfzigsten, obschon ich von seinem Christentum nicht viel sagen kann«, erwiderte der Sergeant. »Selbst der Major, der alte Duncan of Lundie, pflegt bisweilen zu sagen, ein Haferkuchen sei eine bessere Speise als der Oswegobarsch, und seufzt dabei nach einem Schluck Hochlandwasser, obschon er den ganzen Ontario hat, um seinen Durst zu löschen, wenn es ihn danach gelüstet.«

»Hat Major Duncan Frau und Kinder?« fragte Mabel, deren Gedanken sich in ihrer neuen Lage natürlicherweise zuerst auf ihr eigenes Geschlecht richteten.

»Nein, Mädchen, aber man sagt, er habe eine Verlobte in der Heimat. Die Dame scheint jedoch lieber warten als sich den Beschwerlichkeiten unterziehen zu wollen, die mit einem Dienst in dieser wilden Gegend verbunden sind. Es entspricht das freilich nicht den Begriffen, die ich von den Pflichten eines Weibes habe, Bruder Cap. Deine Schwester dachte anders, und wenn's Gott gefallen hätte, sie mir zu erhalten, so würde sie wohl in diesem Augenblick auf demselben Lagerstuhl sitzen, der nun ihrer Tochter so gut ansteht.«

»Ich hoffe nicht, Sergeant, daß du dir Mabel je als ein Soldatenweib denken wirst«, erwiderte Cap ernsthaft. »Unsere Familie hat in dieser Beziehung das ihrige schon getan, und es ist hohe Zeit, daß man sich auch das Meer wieder ins Gedächtnis ruft.«

»Ich kann dir versichern, Bruder, daß ich nicht dran denke, ihr einen Mann aus dem Fünfundfünfzigsten oder irgendeinem andern Regiment auszusuchen, obschon ich glaube, daß es für das Mädel wohl Zeit wäre, eine anständige Partie zu treffen.«

»Vater!«

»Es ist ihr nicht lieb, Sergeant, so offen über so was zu sprechen«, sagte der Pfadfinder, »denn ich hab' mich aus Erfahrung überzeugt, daß man nicht seine Gedanken laut werden lassen darf, wenn man der Herzensneigung einer Jungfrau nachspüren will. Wir wollen daher, wenn's beliebt, von was anderem reden.«

»Gut also, Bruder Cap; ich hoffe, daß dieses Stückchen von einem kalten, gerösteten Ferkel nach deinem Sinn ist. Ich glaube, du liebst diese Speise.«

»Ja, ja, gib mir eine zivilisierte Kost, wenn ich essen soll«, erwiderte der hartnäckige Seemann. »Wildbret ist gut genug für Eure Landschiffer, aber wir von dem Ozean lieben das, was wir kennen.«

Hier legte der Pfadfinder Messer und Gabel nieder, brach in sein herzliches, aber stilles Lachen aus und fragte dann etwas neugierig:

»Vermißt ihr nicht die Schwarte, Meister Cap, vermißt Ihr nicht die Schwarte?«

»Ich glaube selber, daß es in seiner Jacke besser gewesen wäre, Pfadfinder; aber ich hielt's für eine Mode in den Wäldern, die Ferkel so aufzutragen.«

»Nun, nun – man kann um die ganze Erde herumkommen und doch nicht alles wissen. Wenn Ihr die Haut dieses Ferkels hättet abziehen müssen, so möchtet Ihr wohl wunde Hände davongetragen haben. Das Geschöpf ist ein Stachelschwein.«

»Die Pest auf mich, wenn ich's je für ein ganz natürliches Schwein gehalten habe«, erwiderte Cap. »Aber ich dachte eben, daß sogar ein Spanferkel hier oben in den Wäldern einige von seinen guten Eigenschaften verloren haben könnte. Es schien mir nicht mehr als vernünftig, daß ein Frischwasserschwein nicht ganz so gut sei wie ein Salzwasserschwein. Ich denk' aber, Sergeant, daß dir das nichts ausmacht.«

»Wenn nur das Hautabstreifen nicht an mich kommt, Schwager. – Pfadfinder, ich hoffe, Ihr fandet Mabel nicht ungehorsam auf dem Marsch?«

»Gewiß nicht. Wenn Mabel nur halb so zufrieden mit Jasper und Pfadfinder ist wie der Pfadfinder und Jasper mit ihr, Sergeant, so werden wir wohl für den Rest unserer Tage Freunde bleiben.«

Während der Waldläufer sprach, richtete er seine Augen mit dem unschuldigen Wunsch, ihre Meinung zu erfahren, auf das errötende Mädchen; dann aber blickte er mit einem angeborenen Zartgefühl, das über das Verlangen erhaben ist, in das Heiligtum weiblicher Gefühle einzudringen, auf seinen Teller und schien seine Kühnheit zu bereuen.

»Nun, nun – wir müssen uns erinnern, mein Freund, daß Weiber keine Männer sind«, sagte der Sergeant, »und ihrer Natur und Erziehung manches zugut halten. Ein Rekrut ist kein Veteran. Man weiß, daß es länger braucht, einen guten Soldaten als etwas anderes zu bilden, und so muß es auch mehr als gewöhnliche Zeit brauchen, eine gute Soldatentochter zu werden.«

»Das ist eine neue Lehre, Sergeant«, sagte Cap etwas hochmütig. »Wir alten Seeleute halten eher dafür, daß man sechs Soldaten, und dazu Kapitalsoldaten, bilden könne, bis nur ein Matrose seine Schule durchgemacht hat.«

»Ja, ja, Bruder Cap, ich kenne die hohe Meinung ein wenig, die die seefahrenden Leute von sich selbst haben«, erwiderte der Schwager mit einem so milden Lächeln, wie es sich mit seinen ernsten Zügen vertrug, »denn ich habe manche Jahre in einer Hafengarnison zugebracht. Wir haben früher schon über diesen Gegenstand gesprochen, und ich fürchte, wir werden nie drüber einig werden. Wenn du aber den Unterschied zwischen einem wirklichen Soldaten und einem Menschen kennenlernen willst, der sich sozusagen noch in seinem Naturzustand befindet, so darfst du bloß heute nachmittag bei der Parade einen Blick auf ein Bataillon des Fünfundfünfzigsten werfen und dann, wenn du nach York zurückkommst, eines von den Milizregimentern betrachten, wenn es seine größten Anstrengungen macht.«

»Nun, Sergeant, da ist in meinen Augen kein besonderer Unterschied, vielleicht kein größerer als der, den du zwischen einer Brigg und einer Schnaue finden würdest. Mir kommen sie ganz gleich vor; Scharlach und Federn, Pulver und Pfeifenerde.«

»Soweit reicht allenfalls eines Seemanns Verstand«, erwiderte der Sergeant mit Würde; »aber vielleicht hast du noch nicht bemerkt, daß es ein Jahr braucht, um einen rechten Soldaten nur essen zu lehren?«

»Um so schlimmer für ihn. Die Miliz weiß sich im Augenblick drein zu finden, wie sie essen soll, denn ich hab' oft gehört, daß sie auf ihren Märschen alles, was ihnen in den Wurf kommt, verspeisen, wenn sie auch sonst nichts weiter tun.«

»Ich denke, sie haben ihre Gaben wie andere Leute«, bemerkte der Pfadfinder in der Absicht, den Frieden zu erhalten, der augenscheinlich durch die hartnäckige Vorliebe der beiden Sprecher für ihren Beruf gefährdet war, »und da der Mensch seine Gaben von der Vorsehung hat, so ist's gewöhnlich fruchtlos, ihnen zu widerstreben. Das Fünfundfünfzigste, Sergeant, ist ein sehr verständiges Regiment, was das Essen anbelangt, wie ich wohl weiß, da ich solange schon mit ihm umgehe; aber vielleicht findet sich's, daß es von dem Milizkorps in derartigen Kunststücken übertroffen wird.«

»Onkel«, sagte Mabel, »wenn Ihr gefrühstückt habt, so werd' ich's Euch Dank wissen, wenn Ihr mich wieder auf das Bollwerk hinaus begleitet. Wir haben beide den See noch nicht halb gesehen, und es würde sich doch schlecht ausnehmen, wenn ein junges Mädchen am ersten Tag ihrer Ankunft so ganz allein um das Fort spazieren müßte.«

Cap verstand Mabels Absicht wohl. Da er aber im Grunde gegen seinen Schwager eine herzliche Freundschaft hegte, so war er bereit, den Gegenstand beruhen zu lassen, bis sie länger beisammen gewesen wären; denn der Gedanke, ihn ganz aufzugeben, konnte einem so überklugen und hartnäckigen Mann nicht in den Sinn kommen. Er begleitete daher seine Nichte, während Sergeant Dunham und sein Freund Pfadfinder allein miteinander zurückblieben.

Der Sergeant, der das Manöver seiner Tochter nicht ganz so gut verstanden hatte, wandte sich nach dem Abzug seines Gegners an seinen Gefährten und bemerkte mit einem Lächeln, das nicht ohne Triumph war:

»Die Armee, Pfadfinder, hat sich noch nie in Behauptung ihrer Rechte Gerechtigkeit widerfahren lassen, und obgleich jedem Bescheidenheit ziemt, mag er nun in einem roten oder in einem schwarzen Rock oder gar nur in seinen Hemdärmeln stecken, so laß ich doch nicht gerne eine gute Gelegenheit entschlüpfen, um zu ihren Gunsten ein Wort zu sprechen. – Na, mein Freund«, er legte dabei seine Hand auf die des Pfadfinders und drückte sie herzlich, »wie gefällt Euch das Mädel?«

»Ihr habt Ursache, stolz auf sie zu sein, Sergeant, stolz zu sein, daß Ihr der Vater eines so schönen und wohlgesitteten jungen Mädelchens seid. Ich hab' manche ihres Geschlechts gesehen und darunter einige recht hübsche; aber bis jetzt traf ich mit keiner zusammen, bei der, wie ich glaube, die Vorsehung die verschiedenen Gaben in ein solches Gleichgewicht gebracht hatte.«

»Und die gute Meinung – das kann ich Euch versichern, Pfadfinder – ist wechselseitig. Sie erzählte mir in der letzten Nacht alles von Eurer Besonnenheit, Eurem Mut, Eurer Güte – besonders von dieser letzteren, denn Güte zählt bei Weibern mehr als die Hälfte, mein Freund – und die erste Beschauung scheint auf beiden Seiten befriedigend ausgefallen zu sein. Bürstet nur die Uniform aus und verwendet mehr Aufmerksamkeit auf das Äußere, Pfadfinder, und Ihr werdet das Mädchen haben, Herz und Hand.«

»Nein, nein, Sergeant, ich habe nichts von dem vergessen, was Ihr mir gesagt habt, und ich will mich keine vernünftige Mühe reuen lassen, in Mabels Augen so angenehm zu erscheinen, wie sie den meinigen geworden ist. Diesen Morgen; mit Sonnenaufgang, hab' ich Wildtod geputzt und aufpoliert, und nach meinem Urteil, hat das Gewehr nie besser als in diesem Augenblick ausgesehen.«

»Das ist so Euren Jägerbegriffen gemäß, Pfadfinder; aber Feuerwaffen müssen schimmern und funkeln in der Sonne, und ich hab' nie was Schönes an einem damaszierten Lauf erblicken können.«

»Lord Howe dachte anders, Sergeant, und der galt doch für einen guten Soldaten.«

»Sehr wahr; seine Herrlichkeit hat alle Läufe seines Regiments anlaufen lassen; aber was kam dabei Gutes heraus? Ihr könnt seinen Wappenschild in der englischen Kirche zu Albany hängen sehen. Nein, nein, mein würdiger Freund, ein Soldat muß ein Soldat sein und nie sich schämen oder scheuen, die Zeichen und Symbole seines ehrenwerten Gewerbes an sich zu tragen. Habt Ihr Euch viel mit Mabel unterhalten, als Ihr in dem Kahn miteinander fuhret?«

»Es gab nicht viel Gelegenheit dazu, Sergeant, und dann fand ich meine Gedanken soweit unter den ihren, daß ich mich scheute, viel mehr, als was in den Bereich meiner Kenntnisse fällt, zu sprechen.«

»Da habt Ihr teilweise recht und teilweise unrecht, mein Freund. Die Frauenzimmer lieben unbedeutende Diskurse, denn sie wollen den größten Teil davon selber führen. Ihr wißt ja, daß ich nicht der Mann bin, der wegen jedes schwindligen Gedankens seine Zunge schießen läßt, und doch gab's eine Zeit, wo Mabels Mutter nicht geringer von mir dachte, weil ich ein bißchen von meinem männlichen Ernst abfiel. Es ist wahr, ich war damals um zweiundzwanzig Jahre jünger als jetzt, und obendrein, statt der älteste Sergeant im Regiment zu sein, war ich der jüngste. Würde ist allerdings empfehlend und nützlich, und ohne sie macht man keine Fortschritte bei den Männern; wenn Ihr aber auch von den Weibern geschätzt werden wollt, so ist es durchaus nötig, gelegentlich ein bißchen zu ihnen hinunter zu steigen.«

»Ah, Sergeant! ich fürchte bisweilen, daß es nicht gehen wird.«

»Warum denkt Ihr von einer Sache so entmutigend, bei der ich der Meinung war, daß beider Gemüter schon im reinen seien?«

»Wir sind übereingekommen, daß ich – wenn sich Mabel als solche bewähre, wie Ihr sie mir geschildert habt, und sie einen rauhen Jäger und Kundschafter gerne haben könne – daß ich von meinen Wanderzügen etwas ablassen und den Versuch machen solle, meinen Geist für Weib und Kind herab zu humanisieren. Aber seit ich das Mädchen gesehen habe, sind mir, ich muß es gestehen, manche Besorgnisse aufgestiegen.«

»Was soll das?« fiel der Sergeant ernst ein. »Hab' ich Euch etwa unrecht verstanden, als Ihr sagtet, sie gefiel' Euch? – Und ist Mabel ein Mädchen, um die Erwartung zu täuschen?«

»Ach, Sergeant, nicht Mabel ist's, der ich mißtraue, sondern meine eigene Wenigkeit. Ich bin weiter nichts als ein armer unwissender Waldmann und vielleicht doch in Wirklichkeit nicht so gut, wie eben Ihr und ich von mir denken mögen?«

»Wenn Ihr auch an der Richtigkeit Eures Urteils über Euch zweifeln mögt, Pfadfinder, so muß ich bitten – zweifelt wenigstens nicht an dem meinen. Sollte ich etwa nicht der Mann sein, eines Mannes Charakter zu beurteilen? Gehört dieses nicht zu meinen besonderen Dienstverrichtungen? Hab' ich mich je getäuscht? Fragt den Major Duncan, wenn Ihr noch besonderer Versicherungen bedürft.«

»Aber, Sergeant, wir sind lange Freunde gewesen, haben dutzend Mal Seite an Seite gefochten, und jeder hat dem andern manchen Dienst erwiesen. Unter solchen Umständen kann ein Mann wohl allzu freundlich von einem andern denken, und ich fürchte, daß die Tochter einen einfachen unwissenden Jäger vielleicht nicht mit den wohlwollenden Blicken ihres Vaters betrachtet.«

»Still, still, Pfadfinder, Ihr kennt Euch selbst nicht und mögt Euch deshalb getrost auf mein Urteil verlassen. Einmal habt Ihr Erfahrung, und da diese allen Mädchen abgeht, so wird kein kluges junges Frauenzimmer diese Eigenschaft übersehen. Dann seid Ihr keiner von den Gecken, die sich breit machen, sobald sie in ein Regiment geschmeckt haben, wohl aber ein Mann, der den Dienst gesehen hat und die Merkmale davon an seiner Person und in seinem Gesicht mit herumträgt. Ich darf sagen, daß Ihr etliche dreißig oder vierzig Male im Feuer gestanden seid, wenn ich alle die Scharmützel und Hinterhalte, die Ihr gesehen habt, in Rechnung bringe.«

»Wohl wahr, Sergeant, wohl wahr; aber was wird das helfen bei der Gewinnung des Wohlwollens eines zartherzigen jungen Frauenzimmers?«

»Es wird den Ausschlag geben. Erfahrung im Feld ist so gut für die Liebe wie für den Krieg. Ihr seid ein so ehrenhafter und loyaler Untertan, wie der König – Gott segne ihn! – nur immer einen haben kann.«

»Das mag alles sein, das mag alles sein; aber ich bin – ich fürchte ich bin zu rauh und zu alt und zu wildartig, um für die Phantasie eines so jungen und feinen Mädchens wie Mabel zu passen, die der Weise unserer Wälder zu ungewohnt ist und wohl denken wird, daß die Ansiedlungen ihren Gaben und Neigungen besser zusagen.«

»Das sind wieder neue Zweifel von Euch, Freund, und ich wundre mich, daß sie nie vorher paradierten.«

»Weil ich vielleicht nie meine eigene Wertlosigkeit so erkannte, bis ich Mabel sah. Ich bin wohl mit einigen Schönen gewandert und hab' sie durch die Wälder geführt – hab' sie in ihren Gefahren und in ihrer Heiterkeit gesehen; aber sie standen immer zu hoch über mir, um sie anders zu betrachten, als wie Wehrlose, die zu beschützen und zu verteidigen ich mich verpflichtet hatte. Der Fall ist nun verschieden. Mabel und ich, wir stehen uns so nahe, daß es mich fast erdrückt, uns so ungleich finden zu müssen. Ich wünschte, Sergeant, daß ich um zehn Jahre jünger, schöner und geeigneter wäre, einem jungen, hübschen Frauenzimmer zu gefallen.«

»Faßt Mut, mein braver Freund, und verlaßt Euch auf einen Vater, der die Weiberart kennt. Mabel liebt Euch bereits halb, und so eine Bekanntschaft von vierzehn Tagen da unten an den Inseln wird die andere Hälfte vollends ganz machen. Das Mädchen hat mir das in der letzten Nacht selbst gesagt.«

»Ist's möglich, Sergeant?« sagte Pfadfinder, dessen demütige und bescheidene Natur zurückbebte, als er sich selbst in so günstigen Farben erblickte. »Ist's wirklich möglich? Ich bin nur ein armer Jäger, und Mabel ist dazu gemacht, eine Offiziersfrau zu werden. Glaubt Ihr, das Mädchen werde einwilligen, alle die beliebten Gebräuche der Ansiedlungen zu verlassen, ihre Visiten, ihre Kirchgänge, um mit einem einfachen Waldläufer und Jäger hier oben in den Wäldern zu wohnen? Wird sie nicht am Ende ihre alte Lebensweise und einen besseren Mann begehren?«

»Ein besserer Mann, Pfadfinder, dürfte schwer zu finden sein«, erwiderte der Vater. »Was die Stadtbräuche anlangt, so werden diese bald in der Freiheit der Wälder vergessen sein, und Mabel hat Mut genug, um an der Grenze zu wohnen. Ich hab' den Plan zu der Heirat nicht entworfen, ohne vorher darüber, wie ein General bei einem Feldzug, reiflich nachzudenken. Fürs erste dachte ich daran, Euch in das Regiment zu bringen, daß Ihr mein Nachfolger werden könnt, wenn ich mich zurückziehe, was früher oder später geschehen muß; aber das braucht noch Überlegung, Pfadfinder, denn ich glaube kaum, daß Ihr dem Dienst gewachsen seid. Nun, wenn Ihr aber auch nicht gerade ein Soldat im vollen Sinne des Wortes seid, so seid Ihr doch ein Soldat im besten Sinne, und ich weiß, daß Ihr Euch des Wohlwollens aller Offiziere im Korps erfreut. Solang' ich lebe, kann Mabel bei mir wohnen, und Ihr werdet immer eine Heimat haben, wenn Ihr von Euren Kundschaftsreisen und Märschen zurückkommt.«

»Ein schöner Gedanke, Sergeant, wenn nur das Mädchen unsern Wünschen mit gutem Willen entgegenkommen kann. Aber ach! Es scheint mir nicht, daß ein Mensch wie ich ihren schönen Augen besonders angenehm sein werde. Wenn ich jünger und schöner wäre, wie zum Beispiel der Jasper Western, so möchte die Sache wohl ein andres Gesicht bekommen; ja, dann – in der Tat, möchte es ein bißchen anders aussehen.«

»Das für den Jasper Eau-douce und für jeden jungen Bursch innerhalb oder außerhalb des Forts!« erwiderte der Sergeant, indem er mit den Fingern schnippte. »Wenn Ihr auch nicht in Wirklichkeit zu den Jungen gehört, so seht Ihr doch wie ein Junger aus und jedenfalls besser als der Scudsmeister –«

»Wie?« sagte Pfadfinder, indem er auf seinen Gefährten mit dem Ausdruck des Zweifels blickte, als ob er seine Meinung nicht verstanden hätte.

»Ich sage nicht gerade jünger an Tagen und Jahren, aber Ihr seht kräftiger und sehniger aus als Jasper oder einer von diesen; und es wird noch in dreißig Jahren mehr an Euch sein als an allen diesen Burschen zusammengenommen. Ein gutes Gewissen macht einen Mann wie Ihr sein ganzes Leben über zu einem Jüngling.«

»Jasper hat ein so reines Gewissen wie irgendein Jüngling aus meiner Bekanntschaft, Sergeant; und er wird sich deshalb wahrscheinlich solange jung erhalten wie nur irgendeiner in den Kolonien.«

»Zudem seid Ihr –«, er drückte dabei die Hand des anderen – »mein erprobter, geschworener und langjähriger Freund.«

»Ja, wir sind nun Freunde, fast an zwanzig Jahre, Sergeant – ehe noch Mabel geboren war.«

»Ganz recht – ehe noch Mabel das Licht erblickte, waren wir schon geprüfte Freunde, und das Weibsbild wird sich doch nicht einfallen lassen, einen Mann auszuschlagen, der schon ihres Vaters Freund war, ehe sie zur Welt kam?«

»Wer weiß, Sergeant, wer weiß. Gleich und gleich gesellt sich. Junge ziehen die Gesellschaft der Jungen und Alte die Gesellschaft der Alten vor.«

»Das ist nicht so bei Weibern, Pfadfinder. Ich hab' noch keinen alten Mann gesehen, der was gegen ein junges Weib einzuwenden gehabt hätte. Zudem seid Ihr geachtet und geschätzt von jedem Offizier im Fort, wie ich bereits gesagt habe, und es wird ihr schmeicheln, einen Mann zu lieben, den alle anderen lieben.«

»Ich hoffe, daß ich keine anderen Feinde habe als die Mingos«, erwiderte Pfadfinder, indem er sich die Haare niederstrich und gedankenvoll weitersprach. »Ich hab's versucht, recht zu handeln, und das muß Freunde machen, obschon es bisweilen auch fehlschlägt.«

»Auch muß man sagen, daß Ihr Euch stets zu der besten Gesellschaft haltet. Der alte Duncan of Lundie freut sich, so oft er Euch sieht, und Ihr bringt oft ganze Stunden bei ihm zu. Von allen Kundschaftern setzt er in Euch das größte Vertrauen.«

»Ja, es sind wohl noch Größere als er ist tagelang an meiner Seite marschiert und haben sich mit mir unterhalten, als ob ich ihr Bruder wäre; aber, Sergeant, ich hab' mir nie was auf ihre Gesellschaft eingebildet, denn ich weiß wohl, daß die Wälder oft eine Gleichheit hervorbringen, die man in den Ansiedlungen vergeblich suchen würde.«

»Zudem kennt man Euch als den besten Büchsenschützen, der je in dieser Gegend den Drücker berührt hat.«

»Wenn Mabel um dieser Eigenschaft willen einen Mann lieben könnte, so hätte ich keine besondere Ursache zu verzweifeln; und doch, Sergeant, denk' ich bisweilen, daß ich das eher dem Gewehr, als meiner eigenen Geschicklichkeit zuschreiben müsse. Es ist gewiß ein wunderbares Gewehr und würde in den Händen eines anderen wohl dieselben Dienste tun.«

»Das ist wieder die demütige Meinung, die Ihr von Euch selbst hegt, Pfadfinder; aber wir haben mit der nämlichen Waffe zu viele fehlen sehen, und Ihr habt so oft mit den Büchsen anderer gut getroffen, als daß ich da Eurer Meinung sein könnte. Wir wollen in einem oder zwei Tagen ein Wettschießen halten, wo Ihr Eure Geschicklichkeit zeigen könnt, und dann mag sich Mabel ein Urteil über Euren wahren Charakter bilden.«

»Wird das aber auch gut sein, Sergeant? Jedermann weiß, daß der Wildtod selten fehlt. Müssen wir daher einen derartigen Versuch machen, wenn alle schon vorher wissen, was das Resultat sein wird?«

»Still, still da. Ich sehe voraus, daß ich die Werbung für Euch zur Hälfte selbst machen muß. Denn ich hab' doch schließlich das Mädel hauptsächlich mit aus diesem Grunde hierher kommen lassen, um ihm einen braven Mann zu geben. Still, still! Für einen Mann, der bei einem Gefecht immer innerhalb des Pulverdampfes stand, seid Ihr der feigherzigste Freier, der mir je vorgekommen ist! Erinnert Euch, daß Mabel aus einer kühnen Familie stammt, und Mabel wird ebensogern einen Mann bewundern, wie ehedem ihre Mutter.«

Hier erhob sich der Sergeant und entfernte sich, ohne sich zu entschuldigen, um seinem Dienst, an dem er es nie fehlen ließ, nachzukommen. Das Verhältnis, in dem der Pfadfinder zu allem in der Garnison stand, ließ diese Freiheit als ganz natürlich erscheinen.

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