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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
correctorreuters@abc.de
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Der Berg der Freuden

Alfuran hatte durch die Heiligkeit seines Lebens und durch seine Enthaltsamkeit die Herzen der ganzen Provinz Irak gewonnen. Aber keiner war mehr von diesem heiligen Derwisch bezaubert als Sanballat, der Sohn des Samis, eines Kaufmannes in Balsora, der ihn für den Stand, worin er lebte, bestimmt hatte.

Alfurans Einsiedelei lag im Walde, nahe bei den Vorwerken der Stadt. Sie war aus einem ungeheuren Felsen in der Seite eines Berges gebildet und enthielt zwei Zellen, wovon die äußere für die gewöhnlichen Verrichtungen des Lebens diente, die innere für die Andacht und die religiösen Übungen des Derwisches.

Zu der Einsiedelei Alfurans strömten beim Aufgang der Sonne Tausende, um die Lehren aus seinem Munde zu hören. Selbst die ärmsten Untertanen von Balsora versäumten nicht, dem weisen Alfuran zu lauschen, obgleich das Werk ihrer Hände dadurch vernachlässigt ward und ungetan blieb. Der fromme Sanballad lieh diesen bezaubernden Lehren beständig ein aufmerksames Ohr und schlürfte tief die weisen Worte des Derwisches von Balsora. Eines Tages, als der Derwisch seine Zuhörer ermahnt hatte, sich nicht länger mit den irdischen Angelegenheiten oder mit den gewöhnlichen Sterblichen zu befassen, trat Sanballad vor ihn hin und bat Alfuran, ihn in die Mysterien seines glücklichen Lebens einzuführen.

»Kannst du, o Jüngling,« sprach der Derwisch, »die Eitelkeiten dieses Lebens verlassen, um in der Einsamkeit und Enthaltsamkeit deine Jugend zu vergessen? Kannst du alle irdischen Verbindungen, deine Freunde, deine Geliebte und ihre Vergnügungen der beständigen Gesellschaft eines alten Derwirsches aufopfern? Wenn du zu allem diesen entschlossen bist, so laß mich zuvor deinen Glauben und deine Unterwürfigkeit auf die Probe stellen. Steige diesen schroffen Felsen auf den Stufen hinan, welche ich in seinen Seitenwänden ausgehauen habe, und setze dich auf den Stein, der mit seiner Fläche dem stärksten Sonnenfeuer ausgesetzt ist. Dort bleibe, während die Sonne dich bei Tage zerschmilzt und der feuchte ungesunde Tau dich des Nachts überfällt. Nach drei Tagen will ich dir von den auserlesensten Speisen bringen, die mir die reichen Einwohner von Balsora täglich schicken, um meinen Appetit zu reizen. Wenn du von ihnen kostest oder nur Lust nach ihnen bezeugst, so wird sich der Fluch des Feuergottes auf dich herablassen.«

Sanballad bestieg, wie ihm befohlen ward, den heiligen Berg.

Den ersten Tag brachte er in einer feierlichen Stimmung zu: er vereinigte sich mit der Stille. Er wagte nicht aufzublicken oder seine Stellung zu verändern; hielt seine Augen beständig auf den Boden geheftet.

Am zweiten Tage setzte Alfuran eine mit köstlichen Speisen reich besetzte Tafel vor seinen Schüler hin. Sanballad blickte nicht eher nach den verlockenden Speisen, als bis Alfuran es ihm befohlen hatte, und beharrte standhaft und gewissenhaft bei seinem Entschluß. Als dieses der Derwisch sah, lobte er seinen Glauben und ermahnte ihn, sich auch fernerhin den Lehren folgsam zu beweisen.

Am dritten Tage war der arme Jüngling vom Wachen und von der Strenge der Einsamkeit ganz erschöpft. Alfuran jedoch bemühte sich, den Jüngling mit Versuchungen von seinem Vorhaben abzubringen. Der fromme Sanballad aber blieb standhaft und erfüllte zuletzt alle Befehle seines Meisters. So eingeweiht, führte ihn der Derwisch von dem Berg in die Zelle herab und überließ ihn hier eine Zeitlang der Ruhe und der Erquickung. Dann kehrte Alfuran auf den Berg zurück, um hier seine täglichen Opfer auf dem Altar des Feuers zu verrichten. Mit dieser Handlung brachte er den übrigen Teil des Tages zu, während welcher Zeit Sanballad die entzückendste Musik hörte, die durch die Wand des Berges zu dringen schien und die Zelle mit ihren Harmonien erfüllte.

Alfuran und sein Zögling widmeten ihre Zeit den unüberwindlichen Mächten des Feuers. Die ganze Stadt Balsora ließ sich zu der Religion des Derwisches bekehren, und alle, ihr Gewerbe vernachlässigend, strömten sie herbei, um die Lehren von seinen Lippen einzusaugen.

Aber was mitten in seiner Heiligkeit einen ganz seltsamen Eindruck auf Sanballad machte, war, daß sein Meister ihm niemals gestattete, auf den Berg zu steigen. Wenn er den Derwisch nach dem Grunde fragte, warum er diesen heiligen Dienst nicht auch verrichten dürfe, wurde er mit ausweichenden Antworten abgefertigt.

Einmal, um die Stunde der Mitternacht, als Sanballad seinen Lieblingswünschen nachträumte, erschien an der Tür seiner Zelle die Gestalt eines kleinen alten Mannes. Sanballad wollte bei diesem Anblick laut um Hilfe rufen, aber er vermochte es nicht, denn seine Zunge klebte ihm fest am Gaumen. Die kleine Figur näherte sich und stand vor dem erstaunten und versteinerten Schüler.

»Ich bin,« sprach das Phantom, »der gute Genius, der über dein seltsames Schicksal wacht. Alfuran hat in dieser Nacht deinen Tod beschlossen und ist gesonnen, dich seinem barbarischen Gotte zu opfern. Ich kann dir nicht weiter beistehen, denn Alfuran besitzt das Siegel Nadocs, welches er seinem Brahminen entwendet hat. Aber wenn du beherzt bist, so gehe mutig in seine Zelle, taste mit deiner Hand an seinen Busen, wo es verborgen liegt. In dem Augenblick, wo du es in der Hand hältst, bist du auch außerhalb aller Gefahr. Wenn du es hast, so werden seine Kräfte dir, seinem neuen Besitzer, untertan sein. Sei daher ohne Furcht und vergiß nicht, sobald du das Siegel in der Hand hältst, einen zweckmäßigen Gebrauch davon zu machen.«

Sanballad schlich sogleich in die Zelle des verräterischen Alfuran. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Derwisch schlief, führte er seine Hand ganz leise an die Brust des Schlafenden, griff unter die Kleidung und zog kühn das Siegel des Nadoc hervor. Da wachte durch die Kraft des Geistes der Derwisch auf. Als dies Sanballad bemerkte, wünschte er seinen Vorsatz ausgeführt – und Alfuran sank wieder in einen tiefen Schlaf. Der junge Mann, der nun die Macht des Siegels erprobt hatte, pries Mohammed und eilte aus der Zelle. Vor der Tür erwartete den Jüngling der Genius Mamluk.

»Nach diesem Sieg wollen wir den Berg ersteigen und du sollst dich von der Nichtigkeit deines Gottesdienstes überzeugen!«

Als sie den Altar auf der Fläche des Berges erstiegen hatten, rückten sie den Stein von seiner Stelle. Da entdeckten sie eine schwarze Treppe, die in das Innere des Berges führte. Der Jüngling stieg nun mit seinem Führer immer tiefer in das Innere des Berges, durchschritt mehrere dunkle Gänge, bis sie an einen gelangten, aus dem melancholische Klänge vieler Instrumente ihnen entgegenrauschten. An dem niederen Ende des Ganges gewahrten sie eine Menge dicht verhüllter Matronen, die mit feierlichen Schritten längs der Öffnung des hohlen Ganges auf- und niederschritten.

»Ich wünsche, o Mamluk,« sprach Sanballad, »daß diese mich aufnehmen, wie sie Alfuran aufzunehmen pflegten.«

Als er so sprach, versammelten sich alle Matronen um ihn, einige küßten seine Hände, andere seine Füße und wieder andere warfen sich auf ihre Knie und berührten unter der Bezeugung ihrer tiefsten Ehrfurcht den Saum seines Gewandes.

Von dieser Schar umgeben, ging der erdichtete Derwisch zu dem entlegeneren Ende des Ganges, wo ein geräumiges Tor einen dunklen Tempel aufschloß. In der Mitte dieses Tempels befand sich ein Altar, hoch über den Boden emporragend, auf dem ein starkes Feuer, mit Ölen und aromatischen Hölzern genährt, ununterbrochen Tag und Nacht brannte und von den Spezereien Nahrung erhielt, die Alfuran von den betörten Einwohnern Balsoras gespendet bekam.

In dem Augenblick, als Sanballad an das Feuer herangetreten war, setzten die Orgien ein. Die weiblichen Adepten gebärdeten sich, von den Anfällen einer wilden Raserei ergriffen, wie Unsinnige, seufzten, weinten, peitschten sich, fielen in Ekstase und sanken zuletzt, von ihren ausschweifenden Bräuchen entkräftet, rings um das Feuer, welches sie verehrten, in einen matten Schlummer.

»Nun mußt du, Sanballad, mutig und beherzt sein: kannst du der Versuchung widerstehen?«

»Ach,« antwortete Sanballad, »ich glaubte es, aber es war eine törichte Einbildung, die aus dem Stolz einer falschen Religion entsprang.«

»Dein Mißtrauen ist klug und verrät ein demütiges Herz; aber da für deinen jungen Glauben an den Propheten die Versuchung zu stark sein könnte, so hat er mir erlaubt, die Stelle Alfurans zu vertreten und dich unsichtbar durch diese Labyrinthe eines betörenden Irrtums zu führen.« Mamluk nahm nun die Gestalt Alfurans an und Sanballad stand, nachdem er sich unsichtbar gemacht hatte, neben dem verwandelten Genius. Mamluk hob seine Hände in die Höhe und schlug sie in der Luft zusammen. Durch dieses Klatschen wachten die Matronen auf und er befahl, den Becher der Liebe zu bringen.

Vier alte Matronen brachten alsbald einen großen Trinkbecher, aus dem der Genius und alle Frauen tranken.

Kaum hatten sie von dem Trank genommen, fingen sie an, obszöne Lieder zu singen. Mit unzweideutigen Bewegungen begleiteten sie die Worte und blieben im Rhythmus des Liebesspiels. Bald aber steigerten sie das Tempo zur Raserei, warfen ihre Kleider ab, und in dieser völligen Nacktheit wurde ihr Tanz im höchsten Grade schamlos und unzüchtig.

Nach dem Anblick dieses seltsamen Tanzes verließen beide den Berg, gingen den Hügel hinab und standen vor der Zelle des Derwisches. Die Menge drängte sich um den Genius, weil er noch immer die Person des Alfuran vorstellte, einige segneten ihn mit Tränen in den Augen, andere beteten ihn an. Da erhob Mamluk plötzlich seine Stimme und sprach zu den Einwohnern von Balsora: »O ihr verblendeten Götzendiener, warum habt ihr die Verehrung eures Propheten verlassen und seid den Lügen und Fabeln des Zauberers Alfuran gefolgt?«

Als er diese Worte sprach, legte der Genius die Hülle des Derwisches ab und erschien ihnen in der Schönheit seines himmlischen Ursprungs.

»Ich bin Mamluk, der Schutzgeist eurer Stadt. Und nun sollt ihr die Eingeweide dieses Berges sehen.«

Als er diese Worte sprach, schaute das Volk nach dem Berge hin, der zu bersten begann und bald seine inneren Höhlen sehen ließ. Aus diesem geheimen Aufenthalt der Lust und der Unmäßigkeit traten nun die Frauen hervor. Wie groß war das Erstaunen der Männer von Balsora, als sie unter der geheimen Rotte des wollüstigen Derwisches ihre eigenen Frauen und Töchter erkannten, die es verstanden hatten, zur Zeit der Mitternacht ihren Wächtern zu entschlüpfen! Denn alle Ausreden waren glaubhaft, sobald sie nur irgendwie mit dem Derwisch zusammenhingen.

Nach dieser Erkenntnis fielen die Betrogenen über den Derwisch her und der war am glücklichsten, der die meisten Merkmale seiner Rache an dem Unzüchtigen aufweisen konnte.

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