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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
correctorreuters@abc.de
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Die unerbittliche Kurtisane

In einer afghanischen Stadt herrschte ein junger Fürst so gerecht, daß keiner seiner Untertanen die geringste Unbill erfuhr und sein Staat der blühendste war wegen der Freigebigkeit seines Beherrschers. Eines Tages bekam er Lust, ein anderes Reich zu besuchen, eine Zeit auf Reisen zu verbringen, um das Vergnügen des Wechsels zu haben und Erfahrungen zu gewinnen.

Er ließ also seinen ersten Vezier kommen und sagte ihm seine Absicht. »Ich übergebe dir mein Reich, sieh, daß du gut und rechtlich herrschest. In einem Jahre kehre ich zurück, aber sollte ich zu dieser Zeit noch nicht da sein, so übergibst du die Regierung meinem zweiten Vezier und gehst mich suchen.«

So ward es abgemacht zwischen dem König und seinem ersten Vezier.

Beim Morgenrot des nächsten Tages erhob sich der König, schritt in den Thronsaal, rief seinen Vezier und übergab ihm feierlich die Regierung. Er nahm nur einige edle Steine mit und machte sich auf die Reise. Nachdem er an sieben Orten gewesen war, kam er in einen Wald, in dem ein viereckiger Teich war. Am Ufer traf er vier Diebe, die sich darüber stritten, wem jedes der vier Dinge, die sie gerade gestohlen hatten, gehören solle. Das erste war ein Schwert, das zweite eine Schale aus chinesischem Porzellan, das dritte ein Teppich und das vierte ein edelsteinbesetzter Thronsessel. Kaum hatten die Diebe den König bemerkt, als sie, ohne seine Würde zu erkennen und bloß von seinem Aussehen bestimmt, ihn baten, er möge zwischen ihnen den Richter machen, indem sie ihm auch sagten, was sie seien. Sie sagten ihm ferner, worin der Wert der Gegenstände bestünde, die sie sich streitig machten.

»Das Schwert vermag einen oder auch mehrere Feinde zu erreichen und ihnen den Kopf zu spalten, seien sie auch viele Meilen weit entfernt. Die Schale füllt sich mit Früchten und erlesenen Speisen, so oft man nur den Wunsch danach ausspricht. Aus dem Teppich kann man Geld ausschütteln, soviel man will. Und der Thronsessel bringt einen überallhin, wohin man mag.«

Der verwunderte König beschloß sofort, diese vier Gegenstände sich anzueignen und selber zu gebrauchen. So sagte er also den vier Dieben, sie möchten sich in den Weiher stürzen, und das Kostbarste der vier Dinge stünde dem zur Wahl, der am längsten unter Wasser bliebe, die weniger kostbaren denen, die weniger lang blieben. Die Diebe nahmen den Vorschlag an, hatten aber noch kaum die Köpfe unterm Wasser, als der König Schwert, Schale und Teppich nahm und sich auf den Thronsessel setzte. Er sprach gleichzeitig den Wunsch aus, in einer ferngelegenen Stadt zu sein, und schon war er dort. Er sah zuerst einen Kiosk und stieg da ab. Er ließ den Thronsessel, der ihm als fliegender Wagen gedient hatte, da und ebenso die anderen Gegenstände, und ging, um ein Haus zu mieten, durch die Stadt.

.

Wie die Herrlichkeiten dieser Stadt beschreiben, und wie die Schönheit ihrer Frauen, die nie vergißt, wer sie einmal gesehen hat! Die Stadt schien von Engeln gebaut und glich wohl deshalb dem Paradiese.

Der König kam vor einen prächtigen Palast, dessen halbmondförmige Zinnen den Augenbrauen der Frauen glichen und dessen Bemalung an ihr gemaltes Antlitz erinnerte. Der König war entzückt und fragte einen, der vorüberging, wem dieses Haus gehöre. Er erfuhr, daß darin eine berühmte Kurtisane wohne. An der Pforte war eine eherne Trommel, und die mußte der schlagen, der Einlaß begehrte, und darauf hunderttausend Goldstücke legen. Dem König gelüstete es nach dem Abenteuer; er schlug die Trommel und legte die Summe Geldes darauf. Kaum daß der Schall verklungen war, gab die Kurtisane ihren Mädchen Auftrag, den vornehmen Herrn hereinzuführen. Der König fand die Herrin des Hauses auf einem herrlichen Lager liegend, das war mit Perlen auf ägyptischem Seidenstoff reich geziert. Ihr Antlitz war wie der Mond um Mitternacht; die schwarzen Locken ihres Haares glichen einem Pelz aus Ebenholz. So groß war ihre Schönheit, daß, wer sie sah, in Ohnmacht fiel. So ging es auch dem jungen Fürsten. Sogleich erhob sie sich, schritt auf ihn zu und ließ ihn Rosenöl riechen. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, nahm sie ihn bei der Hand, ließ ihn neben sich setzen und ihm einen Becher Wein bringen, der seinen Liebesrausch noch erhöhte. Hierauf entkleidete sie ihn halb und entkleidete sich selbst. Endlich ließ sie ihn an dem Honig ihrer Reize kosten und zog ihn zu sich, in zärtlich kosender Umarmung. Nun weihte sie ihn in alle Geheimnisse der Liebe ein. Zum Schlusse führte sie ihn in ein Bad aus Jaspis und Onyx, rieb ihn ein und drückte ihn da zum Klang der Musik und ließ ihn in solcher Erregung, daß er alle seine Absichten vergaß und drei Monate bei dieser außerordentlichen Frau blieb. Aus seinem Wunderteppich beschenkte er sie reichlich.

Die schlaue Kurtisane merkte schließlich, daß die Freigebigkeit des Fürsten eine übernatürliche Ursache haben müsse. Sie ließ ihn durch ihre Kammerzofe ausspionieren. Die ging ihm nach, bis dorthin, wo er die vier Wunderlinge verwahrte, und sah, wie er aus dem Teppich die hunderttausend Goldstücke schüttelte, welche ihre Herrin jeden Tag verlangte und bekam. Dies meldete sie.

Die Kurtisane ergriff sofort das Verlangen, sich dieser kostbaren Gegenstände zu bemächtigen. Am nächsten Morgen fragte sie den Fürsten, wie es komme, daß er den König dieses Reiches nicht besuche und ihn nicht zu sich einlade. Er antwortete, er wolle es tun. Da sagte die durchtriebene Kurtisane, sie fürchte, sein Reichtum würde sich erschöpfen, und daß sie ihm dann nicht mehr zu Diensten sein könne. Er beruhigte sie darüber, indem er ihr versicherte, sie brauche nur einen Wunsch auszusprechen, um ihn sofort erfüllt zu bekommen.

Diese Mitteilung machte die Kurtisane kühn, und sie bat den Fürsten inständig, er möge ihr dieses Geheimnis mitteilen. Und am nächsten Morgen war er schwach genug, die Wunderdinge mitzubringen und ihr zu erklären. Hierauf nahm der Fürst eine Menge Trabanten und Reiter und Schützen in Dienst; er versah sich mit einem eines Königs würdigen Palankin und allem, was zu einem fürstlichen Gefolge nötig ist, und verständigte die Schöne, daß er den König besuchen und eine Jagd abhalten wolle, um alle seine Herrlichkeiten zu zeigen.

Kaum war er fort, als die schöne Ungetreue die Wunderdinge nahm, an einen sicheren Ort brachte und hierauf Feuer an ihr eigenes Haus legte; um an einen zufälligen Brand glauben zu machen, heuchelte sie die heftigste Verzweiflung. Der Fürst eilte herbei und fand die, die er liebte, mit aufgelöstem Haar. Gerührt hob er sie auf und sagte: »Was liegt daran, daß die Flammen alles verzehrt haben, wenn nur du gerettet bist.« Und er suchte sein Unglück neben seiner unwürdigen Geliebten zu vergessen.

Zwanzig Tage vergingen so, als die Kurtisane durch ihre Kammerfrau vom Prinzen zwanzigmal hunderttausend Goldstücke verlangte. Es waren ihm an Geschmeiden noch fünfzigmal hunderttausend Goldstücke geblieben. Er ließ sie durch seinen Diener bei einem Juwelier verkaufen und schickte den ganzen Erlös der Kammerfrau für ihre Herrin. Aber nach wenigen Tagen verlangte sie wieder Geld, und der liebesblinde Fürst verkaufte seine Waffen, Elefanten, Pferde und Kamele, um seine habgierige Geliebte zufriedenzustellen. Das reichte für ein paar Tage und dann besaß er nichts mehr. Als ihn die herzlose Schöne arm sah, gab sie ihren Leuten den Auftrag, den Fürsten nicht mehr vorzulassen. Er bat und flehte, aber sie blieb unerbittlich.

Zwei Monate verlebte der Fürst in größtem Elend, ohne andere Zuflucht, als die äußere Torhalle derjenigen, die ihn zugrunde gerichtet hatte. Er ward schwach und zum Sterben krank, aber hielt seine Augen dorthin gerichtet, wo er die unerbittliche Kurtisane wußte.

Als das zwischen dem Fürsten und seinem Vezier beschlossene Jahr herum war, machte sich dieser auf den Weg, seinen Herrn zu suchen. Durch manche Länder war er schon gewandert, als er in einen Bambuswald kam. Inmitten dieses Waldes waren zwei Quellen; das Wasser der einen war schwarz und brausend, das der anderen aber weiß und dieses sprang hoch in die Höhe. Zu der schwarzen Quelle kam ein Schakal um zu trinken. Aber kaum hatte er seine Zunge ins Wasser gesteckt, als es ihm mit aller Anstrengung nicht möglich war, sie wieder herauszuziehen, bis der Wind von dem weißen Wasser einige Tropfen auf ihn hinübertrug – da wurde er wieder frei und lief davon. Der erstaunte Vezier verstand die Eigenschaft dieser zwei wunderbaren Quellen und füllte je eine Flasche mit ihren Wassern.

Endlich kam er, zehn Monate nachdem er sein Land verlassen hatte, in die Stadt, wo die Kurtisane wohnte. Auf seine Frage nach dem Fürsten erfuhr er, daß er aus Liebe und Elend an der Tür einer Kurtisane liege. Kaum hatte der Vezier das vernommen, als er dahin eilte und den Fürsten fand. Der umarmte gerührt seinen Vezier, der sich beeilte, seinen Herrn zu geschickten Ärzten zu bringen, die ihm seine frühere Gesundheit und Schönheit bald wiedergaben. Er erzählte dem Vezier, was ihm begegnet war, und der bewunderte die Treue seiner Liebe und versprach ihm, die übermütige Schöne zu seiner Sklavin zu machen. »Hier sind,« sagte er, »dreihunderttausend Goldstücke; geht noch einmal in das Haus dieser Habsüchtigen und verlangt bloß von ihr, daß ich mit Euch gehen und bei Euch bleiben darf; sagt, ich sei Euer Diener.«

Also geschah es. Die Kurtisane empfing aus Neugierde ihren alten Geliebten, als sie erstaunt hörte, daß er Geld habe. Der König begegnete ihr ohne Zorn, glücklich, sie wiederzusehen. So ließen sie sich auf einem Lager nieder und unterhielten sich. Als der Fürst ganz eng mit ihr umschlungen war, fragte er, ob sie nicht seinen Diener rufen wolle, daß er Waschwasser bringe. Sie tat es, und sofort besprengte der Vezier das Paar mit einigen Tropfen des schwarzen Wassers, und die Kurtisane konnte sich nicht mehr rühren, sie mochte sich drehen und wenden, wie sie wollte. Ihre Dienerinnen waren erstaunt und erschrocken, als sie das sahen, warfen sich vor dem Vezier nieder, den sie als den Urheber dieses Wunders vermuteten, und baten ihn, er möge ihre Herrin befreien. »Ich kann es nicht eher,« sagte er ihnen, »bevor ihr mir nicht eine chinesische Schale, ein Schwert, einen Teppich und einen Thronsessel verschafft habt. Ich will in die Schale ein Medikament geben, eure Herrin und den Jüngling mit dem Teppich bedecken und so auf den Thron setzen; ich will das Schwert über sie halten und lasse sie die Medizin trinken, die ihnen wieder die Freiheit gibt.«

Die Dienerinnen beeilten sich, das Verlangte herbeizuschaffen und, nachdem er dann das unlösliche Paar auf den Thron gesetzt hatte, stellte er sich rasch selber darauf und in einer Stunde waren sie alle drei im Reiche des Fürsten. Auf dem Wege dahin besprengte er seinen Herrn mit ein paar Tropfen aus der weißen Quelle, die ihm erlaubten, sich aus den Umschlingungen seiner Schönen zu lösen. Hierauf ergriff der Fürst wieder die Regierung und erfreute sich neuerdings seiner Wunderdinge, der beiden kostbaren Wasser und seiner Geliebten, die nun eine ergebene Sklavin war.

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