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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
correctorreuters@abc.de
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Verratenes Vertrauen

Unter der Herrschaft des Hadjdjâdj ibn Jussuf erlebte ein junger Mann eine Geschichte, die, von ihm selbst erzählt, den Reiz der Unmittelbarkeit wohl am besten bewahrt.

»Meine Wangen zierte noch der erste Flaum meines Bartes, als ich schon die Tätigkeit eines Geldwechslers ausübte. Auch hatte ich zu dieser Zeit bereits hundert Liebschaften, wenn nicht sogar mehr. Hadjdjâdj besaß eine Favoritin, in die er solchermaßen verliebt war, daß er sie stets um sich haben wollte. Es war keine Übertreibung, wenn man von ihr sagte, daß er sie bis zum Irrsinn liebe. Als ich einmal auf dem Weg zum Bade war, traf mich ein verliebter Blick dieser Auserwählten.

Gleich am nächsten Tag sandte sie einen Boten nach mir. »Du sollst zur Favoritin des Hadjdjâdj kommen, sie will bei dir Gold einwechseln!« Von ihm wurde ich in den Harem des Hadjdjâdj geleitet. Das junge Mädchen, das mich erwartete, war so schön wie ein Traumbild. Es fehlte nicht viel und ich hätte bei solchem Anblick auch den Verstand verloren.

Wir suchten die Einsamkeit des Parkes auf. Hier zog uns das Liebesspiel immer enger aneinander und wir tauschten alles aus, was wir uns an Köstlichem geben konnten.

Wir verplauderten gerade eine Pause, als einer der Emire des Hadjdjâdj erschien. Er überreichte dem jungen Mädchen drei Vögel, die ihr hoher Herr für ihre Tafel bestimmt hatte. Aber meine Schöne, die wohl dachte, daß ich eine gute Mahlzeit verdient habe, schenkte sie mir.

Mit dieser Gabe kehrte ich in den Bazar zurück und lud meinen Geschäftsfreund ein, mit mir die Vögel zu verspeisen. Als wir die Tiere aufschnitten, fanden wir sie im Innern mit kostbaren Steinen gefüllt. Erstaunt über diese Entdeckung fragte mich mein Geschäftsfreund, wie ich in den Besitz dieser Vögel gekommen war. Ohne Bedenken erzählte ich ihm mein wunderbares Abenteuer, schenkte ihm einen Teil der Steine und behielt den Rest für mich. Der Schurke ging zu Hadjdjâdj und berichtete ihm, was er von mir erfahren hatte.

Wir wurden alle vor den Fürsten geladen, das junge Mädchen, mein Geschäftsfreund, der Emir und ich. Zuerst verhörte er den Emir. »Wie kommt es, daß du die Vögel, statt mit gehacktem Fleisch, mit Edelsteinen fülltest?« Darauf der Emir: »Ich tat es, um deinen Auftrag in einer Form zu erledigen, die deiner würdig ist. Ich sagte mir, in der Küche meines Herrn ist an leckeren Speisen kein Mangel. Mein Ehrgeiz aber ging dahin, ein außergewöhnliches Gericht herzustellen. Um den Ruhm deiner Küche zu erhöhen, ließ ich die Vögel nicht, wie üblich, mit gehacktem Fleisch, sondern mit Edelsteinen füllen.«

Nun wandte sich der Fürst an das junge Mädchen. »Warum hast du das Gericht, das ich dir zur Mahlzeit bestimmt hatte, nicht selbst gegessen? Warum verschenktest du es an diesen Jüngling?«

»Mein Gebieter«, antwortete sie, »in welcher Absicht sandtest du mir die Vögel? Du hättest sie doch selbst essen können?«

»Aus Liebe zu dir ließ ich sie unberührt und es war im Sinne dieser Liebe, sie ausschließlich dir anzubieten.«

»Nun gut. Mit denselben Gefühlen der Liebe, wie du sie für mich hast, schenkte ich die Vögel diesem Jüngling. Ich wollte sie lieber von ihm allein verspeist wissen, als selbst davon genießen.«

Hierauf fragte mich der Fürst: »Wie konntest du so verwegen sein, dir im Harem deines Fürsten alle Freiheiten zu erlauben, die nur mir zustehen?«

»O Fürst,« antwortete ich, »warum die Wahrheit entstellen?! Was wäre das wohl für ein Mann, der die Aufmunterung einer schönen Frau, sie zu lieben, unerwidert ließe!«

Der Fürst mußte lachen. »Aber du hättest ein so zartes Geheimnis nicht preisgeben sollen, auch deinem besten Freunde nicht. Sind dir die Worte des Dichters unbekannt:

»Vertraue dein Geheimnis auch nicht deinem besten Freunde an, denn dieser hat wieder beste Freunde.«

»O Fürst! ich hielt ihn nicht für so unwürdig. Ich vertraute ihm wie einem Bruder, und dennoch hat er mich verraten.«

Der Fürst wandte sich mit erhobener Stimme an meinen Freund: »Warum hast du so an ihm gehandelt?«

Dieser senkte sein Haupt und wußte kein Wort zu sagen.

»Der Teufel hat dich geritten. Ich werde dich, wie du es verdienst, bestrafen!« Nach diesen Worten machte mir Hadjdjâdj das schöne Mädchen zum Geschenk und sprach zu uns: »Weil ihr so freimütig die Wahrheit gesprochen habt, will ich euch verzeihen!«

Mein Freund wurde zum Tode verurteilt und sein Kopf als abschreckendes Beispiel für Verräter dem Volke gezeigt.

 

Die Moral dieser Geschichte: Verrate nicht die Geheimnisse desjenigen, der dir voll vertraut, handle nicht unwürdig an ihm, sondern denke daran, daß du selber das Opfer einer solchen schmählichen Handlung werden könntest.

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