Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Blei >

Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/blei/persdeca/persdeca.xml
typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130131
projectid05cba0aa
Schließen

Navigation:

Scherben bedeuten Glück

Seida liebte ihren Mann nicht, sie hatte ihr Herz ganz ihrem Freunde geschenkt. Doch dieser blieb schon allzulange von ihr fern und dies nur, weil ihre Liebe im ganzen Umkreis bekannt war und das Gerede darüber zu deutlich wurde.

Auch ihr Freund litt unter dieser Trennung und wurde fast krank vor Sehnsucht. Eines Tages hielt es ihn nicht mehr zu Hause und in der Verborgenheit. Er eilte zu seinem Freunde und sprach ihn an: »O Freund, das Bild Seidas schwebt immer vor mir, ich bin nicht mehr Herr meiner Sinne! Komm, laß dein Studium und begleite mich zu Seida, zur Heißgeliebten meines Herzens!«

Der Freund sagte ihm die Begleitung zu und versicherte ihn seiner Treue, seiner Bereitschaft für jeden Dienst in dieser Sache.

Am frühen Morgen saßen sie schon auf ihren Pferden und nach zwei Tagreisen kamen sie zu dem Orte, wo Seida wohnte. Der junge Liebhaber sprang aus dem Sattel und sprach zu seinem Freunde: »Suche in der Umgebung gastfreundliche Leute, bei denen ich übernachten könnte. Verrate ihnen aber nicht mein Vorhaben. Trachte, nachdem du dies erledigt hast, der Dienerin Seidas zu begegnen und sage ihr, sie möchte ihre Herrin um eine Zusammenkunft mit mir bitten.« Die Dienerin wurde noch genau beschrieben, so daß der diensteifrige Freund sie nicht verkennen konnte. Der Freund machte sich auf die Suche, fand auch wirklich die Dienerin und erklärte ihr nun den ganzen Sachverhalt. Die Dienerin prägte sich alles gut ein und berichtete ihrer Herrin.

Seida war über diese Botschaft sehr glücklich, sie küßte ihre Dienerin und trug ihr folgende Antwort auf: »Eile zu dem, der dich geschickt hat, und sage ihm, das Stelldichein soll schon heute Nacht sein, bei dem und dem Baume und zu der bestimmten Stunde.« Der Freund wieder eilte zu dem Verliebten und überbrachte ihm die Botschaft.

.

Zur festgesetzten Stunde waren die beiden Freunde bei dem Baum. Es dauerte nicht lange und Seida stand verschleiert neben ihnen. Kaum hatte der Liebende sie an ihrer Stimme erkannt, die ihm einen süßen Gruß zuflüsterte, so nahm er sie auch gleich in seine Arme und küßte sie mit der ersten Glut des Wiedersehens. »Geliebte, ich ertrug die Zeit nicht ohne dich! Nun mußt du mir auch die ganze Nacht gehören. Aber wie es anstellen, ohne daß dein Gatte etwas merkt?«

»Oh, bei Allah, wenn es dir Freude macht, wird's nicht an Mitteln fehlen.«

»Sage es, damit wir nicht zögern, es auszuführen!«

»Wenn dein Freund dir treu ergeben ist und es ihm nicht an Geistesgegenwart mangelt, so weiß ich ein Mittel.«

»Du kannst ihm vertrauen, wie ich es tue, und er wird auch so leicht nicht den Kopf verlieren.«

Seida ging nun voraus zu einer abgelegenen Stelle. Hier streifte sie mit flinken Händen ihr Kleid ab und reichte es dem Freunde ihres Liebsten. Ehe alle begriffen, hatten die beiden ihr Kleid gewechselt. Dem so verkleideten Freund gab sie folgende Weisungen: »Geh' nun in mein Haus und schlafe dort an meinem Platze. Wenn das erste Drittel der Nacht vorüber ist, wird mein Mann zu dir kommen und von dir den Topf verlangen, in den man die Kamele melkt. Daraufhin überreiche ihm nicht das Gefäß, sondern halte es in deiner Hand, bis er es dir abnimmt. Dann entfernt er sich und kommt bald mit dem gefüllten Topf zurück. Wenn er dir sagt: nimm den Topf, so nimm ihn nicht eher, als bis er dies ein zweites Mal gesagt hat. Er wird dir dann auch helfen, den Topf auf die Erde zu stellen. Steht er auf der Erde und hat mein Mann die Stube verlassen, so trinke ein Drittel davon und stelle ihn wieder auf seinen Platz.«

Der Freund ging fort und prägte sich die Reihenfolge des zu Geschehenden ein. Es schien, als sollte alles schön nach dieser Reihenfolge gehen. Als aber der Mann zum zweiten Male sagte, da ist der Topf, griff der Verkleidete wohl nach ihm, ließ ihn aber gleich wieder los. Dem Manne aber, der sich auf die zugreifende Hilfe verlassen hatte, entglitt der Topf und der lag nun in tausend Scherben zerbrochen auf dem Boden. Der Mann, der nun glaubte, mit seinem Weib zu sprechen, zeterte laut: »Wo hast du denn deinen Verstand gelassen?« Die Reihenfolge war nun empfindlich gestört. Der erboste Mann nahm einen Stock und schlug damit so lange auf sein vermeintliches Weib, bis er zerbrach. Mit einem anderen Stock bekam er noch fünfzig auf den Rücken, bis ihm sein Fleisch dort ganz mürbe vorkam. Es wäre so weitergegangen, aber auf das Geschrei des Mannes kamen die Mutter und die Schwester Seidas herbeigeeilt und entrissen dem Wütenden das besinnungslose Opfer. Sie hatten ihn in einem anderen Gemach in ein bequemes Bett gelegt. Die Mutter saß nun lange an seinem Bettrand und sprach so eindringlich auf ihn ein, daß er meinte, er könne nun nicht länger schweigen und müsse laut aufweinen. Sie tröstete ihn und sprach: »Habe Vertrauen zu Allah und gehorche in allen Stücken deinem Gatten. Er kann jetzt freilich nicht zu dir kommen, denn er ist zu erbost über dein Betragen. Doch will ich dir deine Schwester als Trösterin schicken.«

Mit diesen Worten verließ sie das Gemach. Wirklich schickte sie die Schwester, die auch gleich ins Bett schlüpfte und über Trostworte und Weinen nicht gewahr wurde, wer neben ihr lag. Im langsamen und vorsichtigen Näherrücken merkte er, von welcher Schönheit diese Schwester war, und daß sie alle Vollkommenheiten in sich barg, gleich dem Monde in der Nacht seiner Fülle. Zitternd legte er seine Hand auf ihre Lippen, um sie am Sprechen zu hindern, und flüsterte ihr nun ganz leise ins Ohr: »Erschrick nicht, ich bin nicht die, für die du mich hältst. Deine Schwester ist bei ihrem Geliebten. Ich habe die Gefahren auf mich genommen, um ihr diesen Dienst erweisen zu können. Gib du mir nun die Huld deines Schutzes. Wenn du Verrat üben willst, so stößt du deine Schwester in die gemeine Schande. Ich habe meinen Entschluß, doch alles Elend würdest du zu tragen haben.« Das junge Kind fühlte einen Schauer über sich wehen und sie glaubte, sie stünde in einem Traum. In ihrem eingeschüchterten Herzen bedachte sie die Folgen, die aus der Aufführung ihrer Schwester entstehen könnten. Dann aber bekam ihr kindlicher Übermut die Oberhand, sie fing leise an zu kichern und überließ sich langsam diesem Freunde ihres Hauses, der solcher Aufopferung fähig war. Der Rest der Nacht war Küssen, Umarmungen und selige Freude ... Der glückliche Freund ließ seinen von Stockhieben mißhandelten Körper allmählich die Schmerzen vergessen, genoß Umarmungen und süße Liebe bis zum Morgengrauen.

Dann eilte er, seine Gefährten zu treffen. Als Seida sich erkundigte, ob auch alles nach ihrer Weisung abgelaufen sei, antwortete ihr der Freund: »Du hast eine kluge und einsichtige Schwester, frage diese. Sie wird nicht mehr wissen als wir alle nach solch einer Nacht. Wir haben sie verbracht wie du und dein Geliebter und auch uns stieg der Morgen zu rasch auf.«

Sie tauschten die Kleider wieder aus und standen da, wie sie gekommen waren. Erst in seinem männlichen Kleid fand der Freund all die Worte, mit denen er der erstaunten Seida die süßen Einzelheiten seines Erlebnisses schildern konnte.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.