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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
correctorreuters@abc.de
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Der befreite Jüngling

Ein Teuerungsjahr machte die Stadt Koûfa neuerdings zu einer Unglücksstätte. Die Bevölkerung der Stadt hungerte; wer Getreide besaß, konnte für ein Weniges davon alles eintauschen. In Koûfa lebte nun eine Frau, die sich seit jeher mit dem Getreidehandel beschäftigte. Eines Tages kam ein junger Mann zu ihr, um Getreide einzukaufen. Schon als er an der Schwelle ihres Hauses stand und sie ihn vom Fenster aus beobachten konnte, überfiel sie ein Verlangen nach ihm. Als er eintrat, zögerte sie auch nicht lange mit ihrem Antrag und sagte: »Komm', junger Mann, mit mir ins Bett, du sollst dafür eine Kamellast Getreide bekommen!«

»Nein, lieber lasse ich mich vom Henker schlagen, als daß ich mit dir unter eine Decke krieche!«

Aber die reiche Frau war mächtig genug, auf ihren Wünschen zu bestehen. »Komm nur in mein Bett, es ist noch immer warm darin. Tust du aber zimperlich und sträubst dich, so werde ich laut schreien, daß die Leute sich hier sammeln: dieser Jüngling hat mich verführen wollen! Man wird es mir glauben, denn meine Nachbarn schätzen meinen Reichtum.«

Der Jüngling, der nun nicht ein und aus wußte, sagte hierauf zu der Frau: »Was soll ich nun tun? Wenn ich dir willfahre, so schlägt mich der Henker – tue ich es nicht, so schlagen mich die Leute und ich komme in einen üblen Ruf!«

Er war völlig ratlos und wußte nicht, was er in dieser Situation unternehmen sollte. Da ging er in eines der Nebenzimmer, wohin ihm auch die Frau folgte. Und laut vor sich herdenkend, sagte er: »Ich werde mir meine Mannbarkeit abschneiden, dann habe ich sie mir vom Halse geschafft.«

»Fange doch gleich an!«

»Ja, aber nicht vor dir, ich gehe in das nächste Zimmer!«

Als der Jüngling ansetzte, um sich seiner Männlichkeit zu berauben, spaltete sich plötzlich die Mauer vor ihm und gab ihm einen freien Ausweg. Draußen standen auch schon zehn Kamele, deren jedes eine Last Getreide trug. An dieser Gabe erkannte er die Macht seines Gottes und den Sinn seines Ausspruches:

Wer Gott fürchtet, dem verschafft er einen Ausweg.

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