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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
correctorreuters@abc.de
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Der Sieg

Ein Mann hatte ein junges, außerordentlich schönes Mädchen geheiratet. Am Abend der Hochzeit und in dem Augenblicke, da der Mann sich anschickte, die Ehe zu vollziehen, packte das Weib ein toller Schrecken, so daß es in den benachbarten Garten flüchtete.

Ein Weiser, der ihr Schreien gehört hatte, trat zu ihr und fragte:

»Was geschieht dir?«

Alsbald erzählte das Mädchen in einem Atem, wie ihr Mann sie mit schrecklicher Hitze angegangen habe, um sie unterzukriegen.

»Wie bin ich doch unglücklich!« stöhnte sie. »Nie hat man meiner so gering geachtet ... In seinem verliebten Eifer hat mein Mann ganz vergessen, daß ich einer berühmten Familie angehöre, in welcher sich tapfere Krieger befinden.«

Ich muß erwähnen, daß unser Weiser schon seit langem sein Auge auf das Mädchen geworfen hatte. Er versäumte nicht, die Gelegenheit zu packen, um über seinen Rivalen zu siegen, und er sagte:

»Dein Mann hat sich in der Tat abscheulich benommen. Du tatest gut, ihm zu entfliehen, denn die Flucht war der Schande vorzuziehen, daß du in dem Kampfe unterliegest. Wenn deine Familie niederer Art wäre, würde ich dir raten, auf das Schlachtfeld zurückzukehren und deine Niederlage hinzunehmen. Aber deine Familie ist berühmt und du kannst nicht unterliegen, ohne daß solche Schande auch über die großen Krieger komme, von denen du sprachst.«

Währenddem war der Gatte, der seine Ruhe wiedergefunden hatte, herbeigeeilt in höchstem Zorn. Der Weise schlich davon.

Andern Tages, zu der süßen Stunde, wo diejenigen, die einen Garten ihr eigen nennen, sich unter ihrem Lieblingsbaum niederlassen, legte sich die junge Frau auf den Rasen ihres Gartens hin. Die Abwesenheit des Gatten nützend, streckte der Weise den Kopf durch ein Gebüsch und sprach zu der lässig ruhenden Schönen:

»Was ist den Kriegern deiner Familie zu melden? Deine Niederlage?«

»Mein Sieg!« rief die junge Frau. »Aber warum hast du mich nicht darauf aufmerksam gemacht, daß mein Gatte nichts dabei finden würde, mich über ihm zu lassen?«

»Gerade das dir zu sagen, bin ich hergekommen, und dir zu zeigen, wie du dich dabei anstellen mußt ...«

»Großen Dank!« sagte die junge Frau, »und möge der Herr dich beschützen.«

Da kam der Gatte, der heimlich aufgepaßt hatte, hinzu und versetzte dem Weisen eine gute Tracht Prügel.

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