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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
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correctorreuters@abc.de
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Der Traum des Pagen

Ein König hatte eine Tochter von ganz seltener Schönheit. Die Langweile des Dahinlebens war so unerträglich, daß sich das arme Kind in einen Pagen ihres Vaters verliebte. Diese Liebe in ihr wurde nun so eigensinnig, daß sie stets seufzen mußte, daß sie weder aß, noch trank, noch schlief. Das nahm sie so her, daß sie für eine Prinzessin zu blaß wurde. Die Amme wurde bei diesem Verhalten ihres Zöglings ungeduldig und fragte sie endlich geradezu: »Was ist mit dir geschehen? Bist du krank oder hast du einen Kummer? Sei offen zu mir, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann.«

Da gestand sie ihre Liebe zu dem Pagen. Die Amme mußte lachen, sie streichelte zärtlich das kleine eingeschüchterte Mädchen, das es nicht gewagt hatte, ihre Liebe zu gestehen. »Mein Gott, wenn es nichts weiter ist! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hättest dir viel Schmerz erspart und wärst früher zu manchen Freuden gekommen!« Im Nu hatte die Amme ein Zimmer der Prinzessin in ein Liebesnest verwandelt. Zur Mittagszeit ging die Amme in das Haus des Pagen. Als sie kam, lag er gerade auf einem Sofa und schlief. Diesen Augenblick benützte nun die Amme und hielt ihm ein betäubendes Mittel unter die Nase. Dann trug sie den Bewußtlosen über geheime Gänge zu dem Gemach der Prinzessin. Dort legte sie ihn auf ein Polster nieder, brachte etwas scharfen Essig herbei und hielt ihm das unter die Nase. Der Page mußte nießen, und als er sich dabei aufrecht setzte, bemerkte er sich auf seidenen Polstern und Tüchern gelagert, war aber noch mehr erstaunt, als er neben sich ein Wesen sah, das seiner Prinzessin aufs Haar glich.

.

Um nun ganz an ein wunderbares Ereignis glauben zu können, verliebte er sich in das junge Mädchen. Noch völlig benommen, sprach er: »Bin ich vielleicht gestorben und inmitten des Paradieses?«

»Genieße die Frucht und frage nicht nach dem Garten!«

Er zögerte noch, aber die Liebkosungen waren so zärtlich und nahmen bald so zu, daß er in ihnen wie in einem Meer versank. So ging es die Nacht bis zum Morgen. Erst der Schlaf, so friedlich eines neben dem anderen, gab das Bild völliger Unschuld.

Die tatkräftige Amme ließ sich aber von dem Bild nicht rühren, sie hielt das betäubende Mittel neuerlich unter die Nase des Pagen und trug ihn über geheime Gänge wieder dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. Alsbald erwachte der Page und sah, daß er auf seinem eigenen Kissen lag und weder in der Kemenate war, noch die Prinzessin vor sich hatte. Er rieb sich die Augen und sprach: »Ach, ich habe wohl geträumt!«

Nur die Prinzessin war sicher, daß sie – nicht geträumt hatte, denn ihr Unbehagen war einem süßen Kräftegefühl ihres Körpers gewichen.

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