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Der Persische Dekameron

Franz Blei: Der Persische Dekameron - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorFranz Blei
titleDer Persische Dekameron
publisherVerlag für Kulturforschung Vienna
year1927
isbn
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Legende

Ein junges Mädchen war damit beschäftigt, von der Höhe des wunderbaren Baumes, auf dem sie wohnte, nach allen Richtungen hin zu schauen. Als sie ihre Blicke nach unten lenkte, bemerkte sie einen jungen Mann, der schlief. Das war für sie ein völlig überraschender Anblick, denn sie hatte noch nie einen Menschen gesehen. Auch glaubte sie, daß es keinen anderen Ort auf der Welt gäbe, als diesen Baum mit seinem Ausblick auf das Gebirge und das Meer, kein anderes Wesen als Sîmurg, der allein für sie sorgte. Als ihr Blick das Bild eines so schönen Prinzen zu schauen lernte, da fehlte nicht viel und sie wäre in ihrem Eifer gleich zu ihm hinuntergestürzt. Zum Glück öffnete der junge Mann gerade die Augen, sah, aus dem Schlaf erwachend, um sich, ohne jede Vermutung, daß in seiner Nähe noch ein anderes Wesen atmete. Da warf das junge Mädchen einen Apfel nach ihm, er blickte auf und sah, von dem Geäst des Baumes umrahmt, ein Wesen, schön wie der Mond. Gleich verliebte er sich in sie auf eine überirdische Weise.

»O holdes Wesen, wer bist du? Wie kommt es, daß du auf diesem hohen Baum nistest?«

»Ich bin die Tochter Sîmurgs.«

»Du?! Aber du bist doch das Kind eines Menschen, und Sîmurg ist doch ein Tier. Ein Wunder, wie du es bist, hat freilich eine geheimnisvolle Herkunft!«

»Aber du, wer kannst du sein?«

»Ich bin ein Mensch.«

»Was ist ein Mensch?!«

»Ein Wesen, das dir und mir gleicht. Sîmurg hingegen ist ein Tier: er hat Federn und Flügel. Worin solltest du ihm ähnlich sein und welche Verwandtschaft wäre da zwischen euch möglich?«

Die Prinzessin erschrak, als sie diese, sie so befremdende Auskunft bekam. »Welch sonderbare Meinung von dir! Ich weiß, daß ich die Tochter Sîmurgs bin. Ich habe ja noch nie einen Menschen sehen können!«

Aber der Prinz beharrte bei seiner Meinung. »Wenn du haben willst, daß es dir sichtbar werde, ohne daß du dann je zweifeln könntest, wessen Tochter du bist, so verlange von deinem vermeintlichen Vater einen Spiegel. Das Spiegelbild wird dir dann sagen, daß niemals er es sein kann, dem du dein Leben verdankst. Könnte ich zu dir hinauf, so würde dein Bild in meinen Augen dir sagen, daß auch du ein menschliches Wesen bist wie ich!«

»Auch ich wünsche nichts sehnlicher. Aber wir müssen uns jetzt bescheiden, denn nun ist die Zeit, wo Sîmurg bald kommen muß. Versteck dich in einem Winkel. Gib acht, daß er dich nicht sieht, sonst würde er dich vernichten wollen.« Das junge Mädchen warf dem Prinzen ihr ganzes Naschwerk zu. Er sammelte es und suchte als Versteck die Haut eines getöteten Pferdes auf.

Als Sîmurg kam, fand er seinen Schützling in sehr verdrießlicher Laune. »Warum bist du so niedergeschlagen?«

»Ach, ich langweile mich in dieser Abgeschiedenheit. Willst du mir eine Freude bereiten, so verschaff mir einen Spiegel. Wenn ich mich erst darin betrachten kann, so weiß ich mir die Langeweile zu vertreiben.«

Sîmurg flog davon, einen Spiegel zu beschaffen. Er kam bald zurück und überreichte ihr einen kostbaren Spiegel. Als sie ihr Bild darin erblickte, sah sie, wie recht ihr junger Freund hatte. Denn kein Teil ihres Körpers wies eine Ähnlichkeit mit Sîmurg auf. Als sie lachte, freute sich ihr Nährvater. »Wie schön, nun bist du wieder so heiter wie vorher!«

Nach diesem Tag, der ihr ihr eigenes und das Bild des Prinzen sehen ließ, fand die Prinzessin nicht mehr den ruhigen Schlaf von ehedem.

Als die ersten Strahlen der Morgensonne kamen, verabschiedete sich der Vogel und flog dem Aufgang des Lichtes entgegen. Das junge Mädchen blickte ihm ungeduldig nach. Endlich durfte der Prinz sein Versteck verlassen. Gleich rief sie ihn an. »Sieh, ich habe einen Spiegel!«

»Nun, und was hast du darin gesehen?«

»Ich konnte mich von der Wahrheit deiner Worte überzeugen. Mein Körper ist nicht anders als der deine. Wenn wir uns nur mehr aus der Nähe unterhalten könnten! Sinn' dir doch ein Mittel aus, um solches bewirken zu können!«

»Wenn Sîmurg kommt, so bitte ihn, daß er dich tagsüber am Fuße des Baumes verweilen lasse und dich erst wieder bei Anbruch der Nacht in das Geäst bringe. Wünsche dies unter dem Vorwand, daß du dich in dieser Höhe sehr langweilst, daß du unten das Meer mit Muße betrachten könntest, und daß dies zur Erholung deines Herzens notwendig sei!«

Als der Vogel zurückkam, fand er das Mädchen in düsterer und ganz niedergeschlagener Stimmung. Er ließ sich auf einen Zweig neben ihr nieder und fragte sie: »Warum so kummervoll, mein Schützling?«

»Ich bin verzweifelt, daß ich den ganzen Tag über, an dem du dich ergehen darfst, so allein bleiben muß.«

»Sag mir nur, was du wünschest, und ich werde es dir erfüllen!«

»Setz' mich jeden Tag am Fuße des Baumes ab, damit ich unten bleiben kann, bis du wiederkommst.«

Als der Tag aufging, setzte Sîmurg das Mädchen am Fuße des Baumes ab und flog wie gewöhnlich davon. Der Prinz hatte von seinem Versteck aus den Vorgang beobachtet, und kaum war Sîmurg verschwunden, als er auch gleich zum Baum eilte, um dort seine Herzensfreundin endlich aus der Nähe begrüßen zu können.

Sie verbrachten die Zeit wie sorglose Götter, einer an des anderen Hals, dem Kusse hingegeben. Die Lippen des jungen Mädchens begannen das Studium über die Ähnlichkeit unter Menschen und nichts blieb übrig, – das nicht Verständnis gefunden hätte ... Manchmal aßen sie Früchte, die aus dem Vorrat der Prinzessin stammten. Als Sîmurg zurückkam, war der Prinz schon in seinem sicheren Versteck. Der Vogel freute sich über die zufriedene Miene seiner Pflegetochter; er umarmte sie väterlich und trug sie zurück auf den Gipfel des Baumes.

Am Morgen des nächsten Tages setzte der Vogel die Prinzessin wieder getreulich am Fuße des Baumes ab. »Oh, könnte ich nicht stets unten wohnen, es war so schön, als ich gestern lustwandeln durfte. Könntest du mir nicht eine Wohnstätte bauen, die hier unten liegt? Denn nun fehlt mir hier alle Bequemlichkeit.«

»Gedulde dich, bis ich einen Ort in der Nähe des Meeres gefunden habe, von dem ich annehmen kann, daß er dir gefallen wird. Ich werde dich dann sogleich hintragen.«

Sîmurg kreiste über der Gegend, blickte nach allen Richtungen, konnte aber keinen besseren Platz finden als den, wo sich der junge Prinz versteckt hielt. Dort baute er eine bequeme Unterkunft, vor Wind und Wetter geschützt und auch so dicht im Gefüge, daß die heißen Sonnenstrahlen nicht durchdringen konnten. Der Vogel, der bei dieser Gelegenheit ein Pferd treiben sah, fing es ein und brachte es dem jungen Mädchen als Spielkameraden. »Mein Kind, das Tier, das ich dir da bringe, heißt Tier des Meeres, unterhalte dich mit ihm, es ist gutmütig und wird dir nichts tun.«

Die Prinzessin, die noch nie ein Pferd gesehen hatte, betrachtete es mit großer Neugierde. Wie immer verabschiedete sich Sîmurg und flog davon.

Die beiden Liebenden waren nun ganz ungestört. Um die Freuden der Liebe auszukosten, lag ein ganzer Tag vor ihnen. Erst als Sîmurg zurückkam, mußte sich der Prinz in die Haut seines toten Pferdes passen. Der besorgte Vogel fand das Mädchen eingeschlafen und es schien ihm auch gar nicht verwunderlich, sie so ermüdet vorzufinden. Er nahm sie auf und legte sie wieder an ihre alte Stelle im Gipfel des Baumes. Als sie erwachte, fragte er sie: »Nun mein Kind, hast du heute genug Zerstreuung gefunden?«

»O mein Behüter, dieser Tag war der schönste, den ich erleben durfte. An keinem Tage empfing ich so viel Freude und wußte mich selbst so zu vergnügen. Ach, es war sehr unterhaltend, dem Pferdchen zuzusehen!«

»Nun gut,« antwortete Sîmurg, »auch morgen werde ich dich in die Behausung bringen, damit du nicht wieder in die Betrübnis der Einsamkeit verfällst!«

Vom Morgen bis zum Abend blieben die beiden Liebenden in der kleinen Behausung, in der es still war und nur hie und da ein geflüstertes Wort aufflatterte.

Eines Tages hatte der Prinz wieder einen neuen Wunsch, den die Prinzessin ihrem Schutzherrn vorbringen sollte. »Oben, im Gipfel des Baumes, bist du stets allein. Überrede ihn doch, die Behausung nach oben zu bringen, damit wir auch die ganze Nacht beisammen sein können.« Um diesen Wunsch verständlich zu machen, jagte der Prinz das Pferd in das Meer.

Als Sîmurg wieder zurückkam, brachte sie ihren neuen Wunsch vor. »O Herr der Vögel, bring doch meine Behausung auf den Gipfel dieses Baumes.« Und weinend fuhr sie fort: »Ein wildes Tier hat mir das Pferd zerrissen, das ich so liebgewonnen hatte. Bring mir doch seine Haut, damit ich ein Andenken von ihm habe.« Der Vogel, beflissen, keinen der unschuldigen Wünsche unerfüllt zu lassen, packte das Fell auf und brachte es mit der Behausung auf den Gipfel des Baumes.

Als der Vogel wieder ausgeflogen war, gingen die beiden an die Einrichtung. Die Schlafstätte der Prinzessin wurde in die Behausung gebracht und die Ausstattung, die bis nun nicht beachtet worden war, wurde ausgebreitet. Da gab es Polster und Decken in bunten Farben und reich mit Gold bestickt. Man versuchte und fand bald die Einteilung, wie das Vorgefundene am besten zu verwenden sei. Die Enge des Raumes, der doch nur von einem Wesen bewohnt gelten sollte, konnte tagsüber die Liegestatt der beiden bequem bergen, und nachtsüber mußte diese sogar als Versteck für beide genügen. Auf diese Weise hatte die Liebe der beiden jedenfalls eine Tagundnachtgleiche erreicht.

Als Sîmurg wie gewöhnlich erschien, hatte die Prinzessin ihren Gast unter Decken gut verborgen. »Nun, mein Augapfel, wie ist dir der Tag vergangen?«

»Ich bin so glücklich, den Gipfel meines Baumes zu sehen, daß ich nicht mehr herabsteigen will.« Der Pflegevater hatte viele süße Früchte mitgebracht, von denen die Prinzessin einen guten Rest aufbewahrte. Als die Nacht genügend dunkel wurde, hob die Prinzessin die Decken und schlüpfte zu ihrem Geliebten.

Am nächsten Tage fragte Sîmurg die Prinzessin mit einigem Erstaunen: »Warum bleibst du jetzt Tag und Nacht in dem Nestchen? Früher schliefst du doch immer unter dem Schutz meines Flügels?«

»O Sîmurg, du hast mich bis nun so verwöhnt, daß ich dich nicht mit dieser Unbequemlichkeit belästigen will. Und weißt du, dadurch, daß ich tagsüber immer in meiner kleinen Behausung bin, ist es so warm, daß es bis in die Nacht vorhält!«

Ein Jahr lang dauerte nun schon das sorglose Leben dieses liebenden Paares. Bald kam aber doch die Sorge und das Überlegen: wie dem Vogel die Geburt und das Dasein eines Kindes verbergen? Der Prinz sagte sich: das Geschrei des neugebornen Kindes wird seine Gegenwart verraten. Nach dieser Entdeckung wird der Vogel nicht zögern, Mutter und Kind zu töten. Er wandte sich an seine junge Frau: »Wenn Sîmurg zurückkommt, so bitte ihn um ein Betäubungsmittel, nur so können wir ein Unglück verhüten.«

Als Sîmurg zurückkam, sprach sie ihn gleich an: »O Herr der Vögel, bitte, gib mir ein Schlafmittel. Du bist erstaunt? Alle meine Bemühungen versagen. Ich kann kein Auge schließen, um einzuschlafen.« Sîmurg willfahrte ihrem Wunsch und brachte ihr ein Schlafmittel.

Alsbald gebar die Prinzessin einen sehr schönen Knaben. Sie hüllte ihn sorgfältig in abgetrennte Teile einer Decke und stillte ihn selbst. In dieser völligen Einsamkeit lebten nun drei Menschen. Nur die Prinzessin allein war für den Vogel sichtbar, von den beiden anderen Wesen, und wie alles zusammenhing, das sollte erst auf eine besondere Weise Aufklärung finden.

Als wieder ein Jahr vergangen war, sandte Gott zu Gabriel, um von Salomon Rechenschaft zu fordern. »Salomon, frage doch Sîmurg, ob er das Quazà o quador durchkreuzen konnte, das göttliche Gesetz der Bestimmung.« Am selben Tage glaubte auch Sîmurg seiner Sache sicher zu sein und mit triumphierender Haltung warf er sich in die Brust. »Ja, ich habe die Bestimmung des göttlichen Gesetzes durchkreuzt. Vernimm, o Prophet Salomon, daß die Quazà o quador nur ein eitles Wort ist, und daß mein Gedanke siegte!«

»Nun gut,« sagte Salomon, »bringe das junge Mädchen in seinem Nest hierher.«

Sîmurg erhob sich siegesgewiß in die Lüfte und flog an die Stelle, wo er das Mädchen aufbewahrt hatte. Salomon versammelte indessen um sich seine ihm untergebenen Geister, außerdem die Vögel und Vierfüßler. Als Sîmurg erschien, fragte er ihn: »Nun, hast du – ja oder nein – dem Sinn einer göttlichen Bestimmung trotzen können? Du weißt, sie besagte die Vereinigung des Königssohnes des Occidents mit der Königstochter des Orients. Sprich und weise vor, denn der Zeitraum, der dir zugebilligt wurde, ist verflossen!«

»Du weißt von dem Raub der Königstochter des Orients, weißt, daß ich es getan habe, um das Mädchen, auf dem Gipfel des hohen Berges, abgeschlossen von aller Welt aufzuziehen. Nie hat sie ein menschliches Wesen gesehen!«

Als man aber die Decke von dem Nest aufhob,, da sah man, zum großen Erstaunen aller Anwesenden, zwei junge schöne Menschen, eine Frau und einen Mann, und auf dem Schoße der Frau ihr Kind, welches sich nun erhob, um den König Salomon zu begrüßen.

»O seht! Auf diese Weise glaubtest du den Sinn des göttlichen Gesetzes vernichtet, daß nun dieser junge Prinz zwei Jahre mit der Prinzessin leben konnte, ja, daß sie ein Kind bekamen, ohne daß du je etwas von diesem Abenteuer erfahren hast! Ich sehe in diesem Vorfall das Walten der göttlichen Weisheit, welche dein Unterfangen auf diese Weise bestrafte und uns ein Beispiel ihrer Größe gab.«

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