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Der Pate des Todes

Adolf Stern: Der Pate des Todes - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Stern
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik ? Achter Band
titleDer Pate des Todes
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeAchter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vor einer Viertelstunde war der stattliche, junge Mann im Gasthof auf dem Inselsberge angelangt, dem er über den Rennsteig von der »Hohen Sonne« her zugewandert war. Er hatte glücklich eines der letzten freien Kämmerchen für sich zum Nachtquartier erhalten, war hinaufgegangen, um sein Ränzel abzulegen und den Staub eines langen heißen Sommertages im frischen Wasser abzuspülen. Jetzt saß er im großen Gastzimmer, hatte sich bei dem aufwartenden Kellner ein verspätetes Mittagsessen bestellt, erquickte sich mit sichtlichem Behagen an Würzburger Wein und Harzer Sauerbrunnen und richtete, da eben der Wirt selbst in seine Nähe kam, an diesen die Frage: »Sie haben hoffentlich keine Briefe, kein Telegramm für mich – Doktor Buchhoff aus Berlin?«

»Doktor Buchhoff – Erwin Buchhoff?« fragte der Wirt zurück und blickte aufmerksam grüßend den schlanken Fremden mit dem bräunlichen Gesicht, den dunklen Augen und dem kurzgestutzten, dunklen Vollbart an.

»Gewiß, Doktor Erwin Buchhoff! Haben Sie wirklich etwas für mich?« klang die Antwort, und der Frager, der schon aus der Nennung seines Vornamens und der Miene des Wirtes erriet, daß mehr für ihn angelangt sei, als ihm lieb sein konnte, erhob sich von dem Sitze, den er kaum erst eingenommen hatte.

»Allerdings, Herr Doktor – zwei Telegramme, ein Brief und draußen ist auch schon seit drei Stunden der Kutscher mit dem Wagen aus dem Bergfelder Schloß, der von Brotterode heraufgekommen ist!« Damit wandte sich der Wirt nach dem Nebenzimmer und zu dem Glaskasten, in dem er Briefe und Schriften aufzubewahren pflegte. Der Ankömmling folgte ihm auf dem Fuße, warf einen Blick auf die Handschrift des Briefumschlags und riß dann die verschlossenen Depeschen auf. Indem er sie überflog, konnte der Wirt wahrnehmen, wie eigentümlich scharf und fest das Auge des Fremden auf den wenigen Zeilen ruhte. Doktor Buchhoff entging nicht, daß die kurze Verhandlung mit dem Wirt ihm neugierige Blicke von verschiedenen mit Gästen besetzten Tischen des großen Gastzimmers her eingetragen hatte. So sagte er also leiser, als er seither gesprochen hatte: »Nach diesen Depeschen werde ich heute abend und morgen früh nicht bleiben können – Sie mögen mein kleines Zimmer weiter vergeben! Aber essen muß ich erst hier – ich bin von der siebenstündigen Fußwanderung zu matt und hungrig. Sagten Sie nicht, daß schon ein Wagen und ein Kutscher für mich da waren?«

»Gewiß, Herr Doktor – der Martin Vollborn aus Klein-Schmalkalden, mit einem landgräflichen Jagdwagen!« versetzte der Wirt, der inzwischen in seinem Gemüt die Anstalten, mit denen man nach dem fremden Arzt verlangte, und die Jugend desselben verglichen hatte und in dessen Augen der Gast an Wichtigkeit wuchs. »Soll ich ihn hereinschicken, ihm sagen, daß der Herr Doktor angekommen sind?«

»Warten Sie, bis ich mich halbwegs gestärkt habe,« entschied Doktor Buchhoff. »Wenn er schon stundenlang wartet, wird er ungeduldig sein, und eine kurze Rast muß ich mir gönnen. Lassen Sie mir mit der Suppe gleich meine Rechnung bringen und sagen Sie dem Zimmermädchen, daß sie meine Tasche und mein Plaid wieder herunterbringt. Ich habe nichts ausgepackt als meine Bürsten und ein Stück Seife.«

Doktor Buchhoff begab sich nach seinem Sitze in der Nähe des offenstehenden Fensters zurück, legte die beiden Drahtbotschaften vor sich auf den Tisch und verglich sie noch einmal prüfend. Sie waren klar genug und ließen keinen Zweifel. Die eine lautete: »Doktor Erwin Buchhoff. Inselsberg. Professor Heiding telegraphiert an mich, wie folgt: Schicken Sie mir, wenn irgend möglich, Buchhoff nach Schloß Bergfeld, oder Schmalkalden. Gab ihm Adressen Inselsberg und Schmücke. Willovius.« Die andere: »Doktor Erwin Buchhoff aus Berlin. Inselsberg. Bin nicht auf dem Gute. Komme sofort nach Empfang zu mir, Schloß Bergfeld. Heiding.« Und da war auch der Brief von Heidings Hand. Er trug, wie Doktor Erwin erst jetzt bemerkte, keinen Poststempel; vermutlich hatte ihn der Kutscher, von dem der Wirt gesprochen hatte, mit hier heraufgebracht. Mit einem leisen Seufzer öffnete der junge Mann das Schreiben, obschon er den Inhalt zuvor wußte. Nachdem er es gelesen, saß er nachdenklich, auf seinen Holzstuhl ein wenig zurückgelehnt. Die Aussicht nach der zum Teil heißen und anstrengenden Fußwanderung über den Rennsteig, ein paar Stunden bergab und waldein im Wagen gerüttelt zu werden, erschien ihm nicht lieblich. Aber im Grunde geschah nur, was er in Berlin vor seiner Abreise voraus befürchtet hatte.

Der ungewöhnlich heiße Hochsommer war bereits bis in den August vorgerückt gewesen und die Morgen und Abende begannen schon wieder kühler zu werden, ehe es ihm gelungen war, den durchglühten Steinmassen der großen Hauptstadt und den zahlreichen, ernsten Pflichten, die er dort auf sich genommen hatte, aufatmend zu entrinnen. Seit vier Jahren war es die erste Erholung, die er sich auf Wochen oder auf Tage gönnen durfte. Denn der gefeierte Universitätslehrer und Arzt, zu dessen Schülern und jüngeren Beiständen er gehörte, hatte, als Doktor Buchhoff Sehnsucht nach den Alpen verriet, ihn dringend gebeten, sich nicht allzuweit von Berlin zu entfernen. Geheimrat Willovius wollte seine eigene Seebäder bis zu dem Zeitpunkt verschieben, wo Doktor Buchhoff, der einzige von seinen Assistenten, der ihn schon selbständig vertreten konnte, zurückgekehrt sein würde. Doch auch für die kurze Erholungsfrist hatte der Geheimrat die Möglichkeit, den jungen Kollegen in einem äußersten Fall rasch zurückrufen zu können, lebhaft befürwortet. So hatte sich Doktor Buchhoff entschließen müssen, seine Schritte nur nach Thüringen zu lenken, von wo, wie Willovius fast vergnügt bemerkte, man jederzeit am Tage des Empfangs einer telegraphischen Botschaft wieder nach Berlin zurückzugelangen vermöge. Zur Sicherstellung solcher Botschaft waren die Stationen der geplanten Reise sorgfältig bemerkt wurden, nur mühsam hatte Doktor Buchhoff seinen Lieblingsvorsatz, quer über den einsamen Rennsteig zu wandern, gegen den Einwand aufrecht erhalten, daß es von dort überall zu weit zur Eisenbahn sei. Die Nachwirkung dieser Gespräche hatte der junge Arzt in den ersten Tagen seiner Reise nur allzu lebhaft empfunden. Es war ihm, während er die Parks bei Weimar durchstrich und durch schattige Wälder und Waldgründe seinen Weg nach Paulinzelle und Ilmenau verfolgte, immer noch zumute gewesen, als klirre ihm eine Fessel am Bein, und so oft Telegraphenstangen seine Straße begleiteten, hatte er sehr argwöhnisch zu den Drähten emporgeblickt; ja, wenn er am Abend die Herberge betrat, die Frage nach Briefen oder Telegrammen für Doktor Erwin Buchhoff ohne seine gewöhnliche ruhige Entschiedenheit hervorgebracht. Erst nach Verlauf einer Woche und nachdem er in Eisenach einen liebenswürdig beruhigenden Brief des Geheimrats Willovius vorgefunden hatte, begann der Reisende zu hoffen, daß es sich um eine überflüssige Vorsichtsmaßregel gehandelt habe und daß er sich der schwer errungenen Ferienwochen ohne Zwischenfall und Unterbrechung erfreuen werde. In dieser Hoffnung hatte Doktor Erwin am Morgen des heutigen Tages bei der hohen Sonne den Rennsteig betreten, hatte durch die im Morgenwind schwankenden Rahmen des Buchengezweigs noch einmal nach der schimmernden Wartburg zurückgeschaut und war dann in die tiefe Stille, den erquickenden Schatten der übergrünten alten Hochstraße getaucht, um vor dem Spätabend den Gasthof auf dem Inselsberg zu erreichen.

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