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Der papierene Aloys

Joseph von Lauff: Der papierene Aloys - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleDer papierene Aloys
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1928
firstpub1928
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100815
projectidae63c701
status1
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Erstes Kapitel

»Ich bin immer der Meinung gewesen ...« mit diesen Worten beginnt der etwas leichtfertige, aber höchst ehrenwerte Oliver Goldsmith seine preziöse Erzählung des Landpredigers von Wakefield, um den ersten Satz mit den Worten zu schließen: »Ja, ich bin immer der Meinung gewesen, daß der rechtschaffene Mann, der ein Weib genommen und viele Kinder aufgezogen, mehr Gutes gestiftet hat, als der Hagestolz, der von Bevölkerung nur redet.«

Sehr richtig, Herr Oliver Goldsmith, und gar nicht zu leugnen! Indessen, da gibt es noch andere Meinungen, die für sich das Recht beanspruchen können, auch ihrerseits in die Erscheinung zu treten und mit den Skrupelgewichten eines Doktors subtilis bewertet zu werden. Cum grano salis natürlich; denn ich bin meinerseits der Ansicht, daß man auch Gutes und Anregendes zu stiften vermag, falls man sich in die Tage seiner Jugend versetzt, sie wie ein Miezekätzchen in die Hände nimmt, über das knisternde Fellchen gleitet, immer fein sachte von den Lauschern bis zum äußersten Ende des biegsamen Schwänzleins, und sich dabei von dem angenehmen Miauen und Näseln des possierlichen Tierchens umschmeicheln läßt.

Ach, so ein Miezekätzchen, so ein gutes und liebes! und im Hinblick auf dieses Streicheln, Miauen und Spinnen – ich erinnere mich. Ich erinnere mich als Dreikäsehoher noch aller Einzelheiten, die mir begegneten, als ich mein Schnüffelnäschen gegen eine Abteilscheibe der Rheinischen Eisenbahn plattdrückte, um mit Vater und Mutter und der Traben-Trabacher Marie aus der Stadt der heiligen drei Könige wie auf Gummischuhen in eine unermeßliche und fruchtbare Niederung zu gleiten, die immer unermeßlicher und fruchtbarer wurde.

Als wohlbestallter Notarius publicus strebte mein gütiger Vater seinem neuen Wirkungskreis zu, einer kleinen niederrheinischen Stadt, unmittelbar an der holländischen Grenze gelegen, der nämlichen Stadt, wo heutigen Tages der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz den Marktplatz beherrscht, gestiefelt und gespornt und mit gezogener Plempe, und vor Zeiten die Heertrompeter Johanns des Dritten, des Edlen von Kleve, vermählt mit der blassen Maria, der schönen und reichen Erbtochter des verewigten Herzogs Wilhelm von Jülich und Berg, ihr ›Harbolorifa‹ zur Huldigung bliesen ... der nämlichen Stadt, wo unter der gesprenkelten Linde der jugendliche Hofkapellanus sich erkühnte, sacht über die feingeäderte Hand seiner Herrin zu fingern und diese ihm ängstlich zuflüstern mußte: »Heribert, laßt das; es könnte Euch sonsten böslich ergehen.« Aber so heimlich und lind auch gesprochen – der Herzog rasselte mit seinen schwarzen Eisenkacheln und wandte sich jählings. »Pfäfflein, Pfäfflein,« meinte er heiser, »das ahnte ich lange. Haltet Euch bereit und sprecht Euer Sprüchlein; denn morgen mit dem Frühesten: Ihr werdet gehenkert.« Und als es geschah, stieß die schöne Maria einen herzzerreißenden Schrei aus, um gleich darauf in eine lange und wohltätige Ohnmacht überzugehen. An der großen Linde aber baumelte Heribert, das lüsterne Hofkaplänchen Johanns des Dritten, wahrend die Heertrompeter zur Huldigung aufbliesen und die Kartaunen von den Wällen herunterbummerten.

So ungefähr erzählte mein Vater, während die Telegraphendrahte vor meinen aufgerissenen Blicken auf und nieder tänzelten, Flecken und Weiler vorüberhasteten und die warmen Sonnenlichter so lieblich mit den eiligen Roggen- und Weizenparzellen spielten, als züngelten Myriaden von Kerzenflämmchen von goldenen Ähren- und Grannenspitzen herunter.

Dann kam Krefeld.

»Alles aussteigen!« denn hier hatte die Rheinische Eisenbahngesellschaft ihren Atem verloren, und wer weiter ins Land wollte, hatte sich des gelben Wagens zu bedienen, der unter dem Schutz des preußischen Kuckucks und der wohltuenden Devise › Summ cuique‹ gemächlich über die schnurgerade Landstraße trappelte.

So auch wir.

Von dem holperigen Krefelder Pflaster ging es in die offene Landschaft hinein, durch Wiesen und Wälder, an kleinen Gehöften vorüber, die aussahen, als hätte sie ein putziger Mynheer aus der Nymwegener Mark in die hiesige Gegend verpflanzt, frisch wie gestrullte Milch in einem blankgescheuerten Melkeimer, und dabei hörte ich zum erstenmal die wunderseltsamen Klänge eines königlich preußischen Posthorns, dessen silberne Bänder mit ihrem geheimnisvollen Tönen die ganze Gegend erfüllten.

Ich war rein aus dem Häuschen, wie verlähmt, wie von den Schwingungen eines unermeßlichen Geistes umnebelt, zumal ich am Landstraßengraben einen Pfahl bemerkte, den mein Vater als › Lepus timidus‹ ansprach, und der, wahrscheinlich durch das feierliche Trompeten veranlaßt, sich jählings inkarnierte, seine Blume zeigte, abhoppelte, nochmals einen grandiosen Kegel setzte, um dann mit der Fixigkeit eines ausgetragenen Prestidigitateurs in einer nahegelegenen Haferparzelle unterzutauchen.

In Aldekerk und Geldern dasselbe Trompeten, auch in Kevelaer, wo ich wähnte, im himmlischen Jerusalem zu sein, umdüftelt von Kyrie eleison- Semmeln und Halleluja-Saucischen. In Uedem, dem Paradeis der Knollen und Dickwurze, begannen just in dem Augenblick, wo wir einfuhren und das Stangenpferd sich veranlaßt sah, seine goldenen Roßäpfel über das Straßenpflaster zu streuen, die Glocken den ›Engel des Herrn‹ zu läuten.

» Angelus Dei, nuntiavit Mariae ...«

Die Fernen schleierten ein, und Dämmerungen zogen über die Erde, aber es war noch immer sichtig genug, alle Gegenstande bis aufs Tiftelchen anzusprechen und erkennen zu können. So sah ich denn auch, daß in der Ferne etwas auftauchte, das mit einem massigen Turmkoloß eine große Ähnlichkeit hatte, welche Augenblicksspanne mein Vater dazu benutzte, seine Uhr zu ziehen, sie repetieren zu lassen und zu meiner Mutter zu sagen: »In einem kleinen halben Stündchen können wir da sein.«

Statt meiner Mutter antwortete ein drolliges Männlein, das mir gerade gegenüber saß und seit dem Passieren von Geldern zu den Reisenden des Wagens gehörte.

»I der Tausend noch mal! Dann belieben der Herr wohl nach Kalkar zu fahren?«

»Allerdings,« sagte mein Vater, ohne weitere Auskunft zu geben, ließ nochmals seine Uhr repetieren, um sie dann umständlich und mit einer gesuchten Akkuratesse in seine linke Westentasche zu senkeln.

»Sehr interessant,« gab der Fragesteller zurück, sichtlich bemüht, weitere Anknüpfungspunkte zu finden, denn er begann damit, sein vorgestoßenes Kinn zu schaben, kaum merkliche Staubpartikeln von seiner gemusterten Buckskinhose zu knipsen und stieren Blickes seine neben ihm stehende Reisetasche zu mustern, als läge in dem aufgestickten › Bon voyage‹ das Mittel geborgen, vogelsprachekundig wie Salomo zu werden.

Der Mann im gemusterten Buckskin gefiel mir, und wenn ich mich heutzutage seiner erinnere, mir ihn vergegenwärtige, so kann ich nur sagen: er war von mittlerer Größe, den Dreißigern nahe, nicht uneben gewachsen und mit einem Gesichtlein behaftet, das dem eines Kaplänchens in der äußersten Schneeeifel ähnelte, so glatt rasiert trat es in die Erscheinung, so ohne Falten und Fältchen wie das Ei einer gutmütigen Dorkinghenne, wenn auch still und verhärmt und hier und da mit den bräunlichen Tupfen eines ungesäuerten Osterbrotes gesprenkelt.

Ja, ich erinnere mich, denn in diesem Schneeeifelgesichtlein standen zwei Augen, wie ich und der gesamte Orbus pictus sie wohl niemals gesehen: blau wie das leuchtende Blau von Frauengewändern auf den Tafeln niederländischer Meister, groß wie die Lichter eines Koboldmaki, mit den wundersamen Spiegelungen von Florentiner Steinen umrandet. Und das Troddelmützchen erst, das neckische Troddelmützchen, mit silbernen Fäden durchsetzt und mit einer fidelen Bammelquaste versehen, die sich dem Schaukeln des gelben Postwagens anpaßte, als wäre ihm geboten worden, eine Polka Mazurka oder einen munteren Ländler zu tanzen! kurz, ein Troddelmützchen, wert und würdig, von einem Scheich am Libanon von Dan bis Berseba getragen zu werden.

Selbstverständlich – Dan und Berseba waren mir damals böhmische Dörfer. Erst später, viel später traten sie in meinen Gesichtskreis, genau so wie der Orbus pictus, die Florentiner Steine und der Koboldmaki von den malaiischen Inseln, aber das Troddelmützchen und die gespenstischen Augen sind mir noch heute so frisch und präsent, als wären die inzwischen durchlebten siebenundsechzig Jahre, teils in Freuden, teils in Bitternissen hingenommen, nur ein Nichts vor dem Hauche des Herrn gewesen; denn mit offenem Munde, den schon etwas ermüdeten Kopf an die imposanten Hemisphären der Traben-Trabacher Marie gelehnt, erschauerte ich vor den Besitztiteln des Mitreisenden in gemustertem Buckskin, der noch immer Anstalten machte, eine abermalige Unterredung in die Wege zu leiten.

Und wirklich, seine Bemühungen verdichteten sich.

Ich entsinne mich jeder Einzelheit, wie er es anstellte, ihnen die völlige Reife zu geben. Wiederum ein Schaben des vorgestoßenen Kinnes, ein Schlenkern der Mützentroddel, ein Quirlen des rotbaumwollenen Regenschirmes mit blankgeputzter Messingkrücke, eines Parapluies aus Großvaterzeiten, das ihm zwischen den Knien herauswuchs – ein verhaltenes Räuspern, ein gütiges Lächeln und dann ein Säuseln und Seufzen: »Also der Herr belieben nach Kalkar zu fahren?! Sehr interessant, und da dürften wir uns wohl die Frage erlauben: Gewißlich ein Besuch bei lieben Verwandten?«

»Das weniger,« sagte mein Vater.

»Dann wohl in Geschäften?«

»Schon eher.«

»Also Geschäfte?! Wir nehmen geziemend Notiz davon, und da wir uns rühmen dürfen, Land und Leute hiesiger Gegend bis in die Fingerspitzen zu kennen, so sind wir gerne erbötig, Reisenden über die hiesigen Verhältnisse nähere Auskunft zu geben.«

Das ›wir‹ betonte er mit sichtlicher Genugtuung, denn wie sich im Laufe der Jahre herausstellte, hielt der offenherzige Mitpassagier den › Pluralis majestaticus‹ für das Alpha und Omega aller Dinge und für das Höchste auf Erden, eine Eigenmächtigkeit, die er dem Polizeidiener Iwan Kasimir Brill bei seinen amtlichen Funktionen abgeluchst hatte, ohne sich dabei der Ichform ganz zu entschlagen.

»Ja, mein Herr, wir bitten darum, über uns verfügen zu wollen; denn alles was Recht ist: die hiesigen Verhältnisse wollen studiert sein. Die Menschen dahier sind von 'ner ganz besonderen Sorte. Schnirkelköpfig und mit 'nem kleinen Vokativus im Nacken. Wir finden uns aus.« Dabei schob er sein Troddelmützchen von der einen auf die andere Seite.

Mein Vater sah zum Wagenfenster hinaus, über die weite Niederung fort, die allmählich einschleierte, woselbst die Pappelreihen wie preußische Grenadiere aufragten, die gemessen die breite Heerstraße entlangmarschierten.

Meine Mutter jedoch, mitteilsameren Sinnes und leichter sich anschmiegend, raffte ihre weitbauschige Krinoline enger zusammen, streichelte sacht über die Falbeln ihres Kleides und sagte: »Nicht nur vorübergehende geschäftliche Angelegenheiten führen uns in die hiesige Gegend, sondern auch langfristige Dinge, die uns nötigen, uns auf mehrere Jahre hinaus in besagter Ortschaft niederzulassen.«

»I der Tausend noch mal!« ereiferte sich der possierliche Mitreisende, »das ist ja sehr interessant. Wir erstaunen uns höchstlich. Also langfristige Dinge?! Civis calcariensis und so. Wir können nur sagen: ein Städtchen, wie aus 'ner Kartoffelschale gepellt. Und was für Kartoffeln?! Nur Industrie- und die mittleren blauen Nierenkartoffeln kommen hierbei in Frage. Die katholische Kirche – über alles Erwarten. Das Rathaus – ein Wunder aus gemauerten Ziegeln. Die große Linde allda – schon Jan van Kalkar hat sie auf seinen Tafeln verewigt. Außerdem christkatholische Menschen, äußerst katholisch, lauter ausbündige, christkatholische Menschen. Wir gratulieren, Madam, und wenn eine Frage erlaubt ist: Zu welchem Behufe wollen sich die Herrschaften als Bürger einschreiben lassen? Vielleicht kann ich mit meinen Ratschlägen dienen.«

»Mein Mann ist Notar.«

Die breitbauchige Krinoline mit ihrem Falbelbesatz begann selbstgefällig zu plaudern.

»Potztausend noch mal!« und der feingesichtige Sonderling lüftete so ehrerbietig sein Troddelmützchen, als würde eine umfangreiche Gebetkasserolle der Tibetaner oder ein auf irgendeiner Dichtertagung prämiiertes Machwerk vorübergetragen. »Also Notar!« sagte er mit dem feierlichen Gehabe eines Gesalbten in partibus infidelium. »Wir können auch hier gratulieren. Denn die Notariatsstelle im hiesigen Friedensgerichtsbezirk ist gut, ja, über alles Erwarten. Schon der selige Notarius Lenz hat Speziestaler über Speziestaler gesammelt – nein, nicht gesammelt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes gescheffelt, und war keiner von den strammen Juristen ... und da sollte ich meinen ... Wissen Sie, Herr Notar« – und er wandte sich jetzt mit aufgerissenen Lichtern an meinen Vater, der noch immer ein großes Interesse für die vorüberziehenden Grenadiere auf der breiten Heerstraße bekundete – »wissen Sie, Herr Notar, in der hiesigen Gegend sind für einen Rechtsbeflissenen gediegene Geschäfte zu machen: Obligationen, Testamente, Hypothekenverschreibungen und so, denn was in den Kreisen Geldern und Kleve unter Siegel und Petschaft gelangt, hat Mist unter den Füßen.«

»So, so!« sagte mein Vater, noch immer kurz angebunden.

Die breitbauchige Krinoline meiner Mutter jedoch raschelte stärker. In den Reifen und den Kräuselungen des resedafarbigen Kleides war ein Kichern und Knistern, ein Zirpen wie das Zirpen und Lautenieren eines pläsierlichen Heimchens in einer wohlgeordneten Bäckerstube.

»Also Sie meinen ...?«

»Aber natürlich, Madam. Ich stelle Ihrem Herrn Gemahl eine bedeutsame Praxis in Aussicht. Überall ein gutarrondierter Besitz. Die Niederungsbauern dahier wissen zu leben ... sterben ab ... vermachen ihre Besitztitel an Kinder und Kindeskinder, falls sie es nicht vorziehen, für die Tote Hand zu testieren. Also immer Bewegung. Und der hiesige Boden erst! Kleiig und fettkrumig bis in die tiefste Tiefe hinein. Mannshohes Korn drauf. Ein Doppelgespann geht unter im Wieswuchs, und wenn so die von der Sonne gerösteten Weibsbilder die Rübenkampagne bestellen, kleistert ihnen der liebe Herrgott den massigen Lehmboden bis über die Schenkel hinauf.«

»Aber, aber!« rief meine Mutter.

Mit beiden Händen preßte sie ihre Krinoline zusammen.

»Nichts für ungut, Madam. Ich wollte nur dartun, in welch opulenter Verfassung sich hier Land und Leute befinden. Alles und jedes von der obersten Sorte. Primissima Klasse ... und aus dieser opulenten Verfassung heraus lassen sich die amtlichen Spesen leichthin berechnen, und drum, Herr Notar ...« und der treuherzige Mann in gemustertem Buckskin, dessen glattrasiertes Gesichtlein, wie schon oben bemerkt, dem eines Kaplänchens in der äußersten Schneeeifel ähnelte, begann unter weitschweifigen Auseinandersetzungen auf meinen Vater einzureden, ihm die Vorteile seiner nunmehrigen Bestallung auseinanderzusetzen, um dann unter einem verschämten Räuspern und Schmunzeln ihm sein eigenes Anliegen an die rotgepunkte Samtweste zu legen.

»Herr Notar, wenn es zu sprechen erlaubt ist?«

»Ich bitte darum, zumal ich sehe, daß Sie für meine Person ein gewisses Interesse bekunden.«

»Sehr obligiert, Herr Notar, und da möchten wir bitten, meinem papierenen Ansinnen Ihr geneigtes Ohr nicht verschließen zu wollen.«

»Papierenes Ansinnen ...?«

Um die Mundecken meines Vaters drehte es sich mit den fidelen Windungen eines Eidechsenschwänzleins.

»Papierenes Ansinnen ...?« fragte er nochmals, aber schon ernster und nachdenklicher, denn der Mitpassagier gefiel sich darin, eine äußerst feierliche Miene aufzusetzen und mit der rechten Hand eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen.

»Gewißlich, denn meine Branche ergeht sich auf papierenen Wegen, und da Papier und Notar sich wechselseitig ergänzen, das eine ohne den andern Not leiden müßte, so möchten wir ergebenst anheimstellen ...«

Er schnappte plötzlich ab und sah erwartungsvoll in das Gesicht meines Vaters.

»Mann,« fiel meine Mutter dazwischen, indem sie Gelegenheit nahm, ihre zusammengeraffte Krinoline wieder auseinanderknistern zu lassen, »da könntest du ein übriges tun, um mit dem Herrn in geschäftliche Verbindung zu treten.«

Mein Gegenüber lüftete beseligt sein Troddelmützchen.

»Sehr obligiert,« sagte er glücklich. »Schon der Herr Notarius Lenz zählte zu meinen gediegensten Kunden. Wir halten nur das Beste vom Besten auf Lager: Schreib-, Dokument- und Wertzeichenpapiere, Aktendeckel in allen Farben und Preislagen ... und was das Format anbetrifft« – und er zählte an den Fingern herunter: »Propatria, Royal, Median und feinstes Register, alles in Buch, Ries oder Ballen zu haben. Preise äußerst solide bemessen ... und weiter ...«

»Genügt mir,« sagte mein Vater. »Ich werde nicht verfehlen, gegebenen Falles ...«

»Ah, diese Ehre! aber nicht nur Papiere allein – sondern auch ...« und Kopf und Troddelmützchen legten sich still auf die Seite: »Nein, Herr Notar, Royal-, Propatria- und Registerpapiere tun es allein nicht. Sie würden keine gesicherte Lebensführung verbürgen, keine solide merkantile Lage gewährleisten, und so führen wir denn neben Papier und Kuverts noch Bleistifte, Faber und so, Siegellackstangen und Gummi, Gebetbücher, wie der ›Himmelstau‹ und ›Blüten und Perlen für christkatholische Menschen‹ ... und schließlich – man muß eben alles haben, um ehrlich und gottgefällig durchs Leben zu kommen: Papierservietten und Heiligenbildchen, und last not least ...« und seine Stimme schrumpfelte ein zu einem armseligen Stimmchen, wurde zu einem Säuseln, das über trockene Kirchhofsgräser dahinwehte, wobei sein Gesichtlein sich wie das eines Leichenbitters verfärbte: »Für gegebene Fälle auch Schirtingröschen und Sterbehemden, sakrale Dinge ...«

Meine Mutter schreckte unwillkürlich zusammen.

»Mein Gott, auch dieses?«

»Ohne dieses, Madam, wäre die Kasse man spärlich.«

»Schön!« bemerkte mein Vater. »Geschäft bleibt Geschäft. Darüber hat jeder selbst zu befinden. Aber was uns anbetrifft – die sakralen Dinge wollen wir vorläufig lieber in Ihrem Laden belassen.«

»Aber gewiß, Herr Notar. Das wäre sonst äußerst und nicht auszudenken die Sache. Wir wollten auch nur unsere Offizin im großen und ganzen umreißen. Bleiben wir also lediglich bei Gänsekielen und Siegellackstangen, bei Propatria-, Kanzleipapier und feinstem Register. Aber hören Sie bloß ...« und das Männlein mit dem putzigen und doch ernsthaften Gebaren stand plötzlich pielgeradeaufrecht im Postwagen, mit gezücktem Parapluie, die Reisetasche mit dem aufgestickten ›Bon voyage‹ in der Rechten, und sagte: »Meine Herrschaften, wir befinden uns nunmehr am Ziele. Willkommen dahier!«

Das gezückte Parapluie hob sich und senkte sich wieder.

Und ich ...?!

Von den bequemen Halbkugeln der Traben-Trabacher Marie sackte ich plötzlich herunter.

Also in Kalkar!

Mein Herz pupperte auf.

Lautes Pferdegetrappel hastete über das holperige Pflaster. Das Lied vom ›Guten Kameraden‹ revierte durch die verlorene Stille des niederrheinischen Städtchens. Aus den Kramladen eilten bereits vereinzelte erleuchtete Fenster vorüber.

Eine Klingel schlug an, eine zweite, eine dritte. Meine Nase gegen eine angelaufene Wagenscheibe gedrückt, sah ich, wie verschiedene Dinge auftauchten: eine mächtige Linde, seltsame Giebel, ein weitläuftiges Gebäude mit Buckeln und Zinnen, das ich später als Rathaus erkannte.

Über dem Dachreiter stand der Abendstern in unendlicher Klarheit.

Das Lied vom ›Guten Kameraden‹ verdämmerte in den todstillen Straßen, die aussahen, als wären sie von Lemurenhänden umschattet.

Dann eine Laterne.

In ihrem dunstigen Lichtkreis, der nach Docht und Rübsenöl schmeckte, hielt der Postwagen an.

Wir waren zur Stelle.

Mein Vater erhob sich.

Der sonderbare Herr in gemustertem Buckskin klemmte sein Parapluie ein und hielt ihm die Hand hin.

»Also, Herr Notar, wenn Sie meiner benötigen, wir sind immer zu finden. Marktplatz Numero sieben, unmittelbar neben der Wirtschaft ›Zum Waldkarnickel‹.«

»Schön, und Ihr Name? Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und möchte doch gerne ... denn einem guten Manne soll man begegnen, wie das Herz es gebietet.«

»Sehr obligiert, Herr Notar. Aloysius Teerling, zu dienen ... Aloysius Teerling! Für gewöhnlich aber,« und ein lustiges Schweineschwänzchen saß ihm im Nacken, »sozusagen im Volksmund, heiße ich: der papierene Aloys.«

Damit schurfelte er mit Troddelmützchen, Parapluie und Reisetasche über das Trittbrett.

»Der papierene Aloys!« kicherte es über den vereinsamten Marktplatz, »der papierene Aloys!«

Der Abendstern aber sah still und insichgekehrt aus steiler und verklärter Höhe herunter.

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