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Der "Ochsenhansl"

Johann Peter: Der "Ochsenhansl" - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJohann Peter
titleDer "Ochsenhansl"
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firstpub1901
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Johann Peter

Der »Ochsenhansl«

(Anfangskapitel aus dem gleichnamigen, im Entstehen begriffenen Volksroman aus dem Böhmerwalde.)

(1901)

Auf einem Buchenstock inmitten einer saftgrünen und von herrlichem Laubwald umrahmten Bergtrift saß ein Knäblein im Alter von zwölf Jahren und betrachtete mit lebhaften Augen die um ihn grasende Rinderherde, welche er zu hüten hatte. Auf hoher Bergeshalde, waldumrauscht und sangumklungen, ein Hirtenknab zu sein, ist immer eine Freude, und man sah es unserem »Ochsenhansl«, wie der Junge im Dorf allgemein genannt wurde, gar wohl an, daß er ein stillvergnügtes Knabenherz im Leibe trug.

Vor seinem Auge tat sich die leuchtende Pracht des Bayernlandes auf, den mittägigen Horizont krönten die ehernen Steinriesen der österreichischen Alpen. Im Hintergrunde und zu beiden Seiten hatte er einen schwarzen, schier endlosen Wald vor sich, aus welchem dunkle und nackte, spitzige und runde Kuppen hoch emporstrebten in die Bläue des Himmels. Und aus diesem gewaltigen Wald, den er voll Ehrfurcht betrachtete, grüßten ihn blumige und grüne Schläge entgegen, hier und da ragte ein gespenstischer Wartturm einer verfallenen Ritterburg am goldenen Steig, vom blendenden Sonnenlichte geisterhaft beleuchtet, über die bedächtig sich neigenden Tannenwipfel empor, jetzt drang der Schlag einer Art, geschwungen von dem nervigen Arm einer Holzhackers, an sein Ohr, und aus dem nahen Felsengrunde, durch dessen wildschöne Schlucht über riesengroße Gneis- und Granitblöcke die dumpfbrausenden Wellen eines Seebaches dahintosten, antwortete das mehrfache Echo; dann wieder vernahm er den herzerquickenden Gesang eines Grasweibes und den fröhlichen, volltönenden Jodler und Juchschrei eines Holzhackers, plötzlich war es ihm wieder, als gienge ein unsägliches Weinen durch die geheimnisvolle Waldnacht: Es war der schrille Schrei einer großbauchigen, scharf gefeilten Säge, die einem stolzen Tännling ins Mark drang – dann begann es zu krachen und zu donnern, zu prasseln und zu dröhnen, als stürzten alle Berge übereinander ... der dem Tode geweihte Waldbaum sank nieder in das Dunkel der Wildnis...

Der Knall einer Büchse führt ihn zu der Erkenntnis, daß ein unschuldig Rehlein sein armes Leben ausgehaucht – und die turmhoch aus dem Waldesdüster aufwirbelnden Rauchsäulen sagten ihm, daß die Holzhauer jetzt bei prasselndem Reisigfeuer der wohlverdienten Ruhe und Erholung pflegten. Und wie er so lauschte, war es ihm, als finge der weite, endlose Wald zu singen an: Die Waldherdeglocken waren es, deren melodische Klänge ein sanfter Hochwind aus ferner Waldesweite zu ihm hinübertrug. Der Ochsenhansl lauschte und spähte, es gieng durch sein Herz ein namenloses Weh: Das war sein Heimatswald, sein Böhmerwald, den er liebte wie sein Mütterlein, das war sein Böhmerwald, den jährlich Tausende von Fremden aufsuchten, um seine Schönheit und Majestät zu bewundern, der stolze Bergwald mit den gewaltigen Kuppen, den lieblichen Auen, den endlosen Wäldern, den wiesenumhegten Dörfern und Flecken, den wildschäumenden Flüssen und Bächen, den felsenumschlossenen Urwaldseen und den düsteren Hochmooren, das war sein Heimatswald, den er schon morgen für lange Zeit und vielleicht auch für immer verlassen mußte!

Und der Hansl zog sein Sacktüchlein hervor und weinte herzlich...

Und er war ein prächtiger Junge!

Barhaupt und barfuß saß er auf dem von schönstem Buchenschwamm besetzten Stocke, indes der durchlöcherte Filzhut und die zwei mit Rötlicht bemalten Holzschuhe seitwärts unter Blumen und Kräutern lagen. Die zwei meergrünen Augen guckten klug und freudvoll in die holdprangende Gotteswelt hinaus, die zottigen Haare hingen über die Stirn bis an die Nasenwurzel, und den noch fehlenden Bart mußte ein Anstrich mit zerquetschten Heidelbeeren ersetzen, die ganze Strecken des Waldes bedeckten und deren erfrischender Saft ein ebenso köstliches Labsal als Färbemittel ist. Und das Röcklein war nicht am Ochsenhansl zu sehen. Nichts als ein bis an die Knie aufgestülptes blauleinenes Höschen, das an der Kehrseite und an den Knien mit weißen Flecken geflickt war, und ein grobleinenes Hemd trug der Hirtenknabe, und in der Hand hielt er die mit Wagenschmiere eingefettete Geißel, das achtunggebietende Szepter, womit er seine Herde in den Schranken des Gesetzes und des Anstandes hielt. Wenn es einer »Scheckin« oder einer »Blaßlin« einfiel, sich im tiefern Walde nach einer fetteren Weide umzusehen, oder wenn sich die vier weitgehörnten Ochsen nicht recht vertragen konnten und eine Art Turnier aufzuführen begannen, dann sprang der Hansl auf, schwang die Peitsche mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit im Kreise, daß sie laut zu krachen begann – und die auf Abwege geratenen Thiere besannen sich eines anderen, gaben Gelüste und Zweikampf auf und grasten ruhig weiter.

Nachdem sie sich hinlänglich gesättigt hatten, legten sie sich um den Buchenstock, den Hirtenthron, herum nieder, erhoben die Köpfe und begannen ein ergötzliches Wiederkauen, indessen Schwanz und Ohren in steter Bewegung verblieben, um die blutgierigen Fliegen, Mücken und Bremsen abzuwehren. Und in solchen Augenblicken verließ der Knabe seinen Sitz, kletterte mit Behendigkeit eines Eichhörnchens zu einem Tannen- oder Buchenwipfel empor, sang gleich den Vögeln des Waldes aus seinem grünen Versteck ein liebliches Hirtenliedlein in die Welt hinaus und freute sich an dem prachtvollen Hochwald, den sein Auge von so hoher Warte überschauen konnte. Mitten in der Bergtrift ragte aus dem Erdgrund ein riesiger, mit schwefelgelber Wandkartenflechte überkrusteter Felsen mehrere Meter hoch empor, der gegen Mitternacht sich neigte und seine gewölbte Seite dem sonnigen Süden zukehrte. Hinter diesem Riesengranit nun hatte sich der Ochsenhansl seinen Herd gebaut. Er war zwar kein Maurer, verstand nichts von Hammer und Kelle, stand ihm auch kein Mörtel zur Verfügung, doch das hinderte ihn nicht, sich einen zweckentsprechenden Steinherd aufzurichten. Granitsteine in allen Formen und Größen standen ihm genug zur Verfügung, geschickt wurden sie übereinander geschichtet, vorne ward ein Ofenloch frei gelassen, hinterwärts gab es auch eine Abzugsöffnung für den Rauch, und die Platte mußte eine dünne, flache Steintafel ersetzen, die denn auch wirklich den ihr zugedachten Zweck ganz vortrefflich erfüllte. Bei dem »Ofen« lag ein regelmäßig aufgeschichteter Haufen dürren Klaubholzes und Fichtenreisigs, das Brennmaterial des Hirtenbuben. In den Boden hatte er sich eine Erdäpfelgrube gegraben, wie es die Bauern machen, wenn sie im Keller nicht genug Raum haben für ihr »Fleisch«, die Kartoffeln, die freilich nur einige Liter dieser seltsamen »Äpfel« fassen konnte. Salz, Mehl, Schmalz und Eier trug der Hansl in seinem Schnappsack bei sich – ein Hirtenbub im Böhmerwald kann alles, warum soll er also nicht auch einen Eiersterz kochen können? Man braucht ja nur ein Tröpflein Milch zu haben, die die Ziege, so sich bei der Viehherde befand, dem des Melkens kundigen Jungen gerne gab; in dieses Tröpflein Milch schlägt man einige Eier, rührt oder quirlt diese Sache tüchtig herum, wozu man ja auch eine Eschenrute nehmen kann, dann setzt man etwas Mehl dazu, so zwar, daß die Geschichte nicht zu dick wird, quirlt das Ganze wieder tüchtig ab, und der halbe Sterz ist bereits fertig. Jetzt heißt es hurtig Feuer machen, das Reisig lodert alsbald in lichterlohen Flammen auf, die Steinplatte erhitzt sich flugs, das eiserne Pfännlein guckt auch schon aus dem Hirtensack hervor, husch steht es jetzt auf der Platte, nun schnell zwei Löffel Rindsschmalz darein, das alsbald prasselnd zu kochen beginnt, und nun schüttet man den leichtflüssigen Teig hinein, rührt und sticht darin fleißig mit dem Löffel herum, und in einer Viertelstunde ist der beste Eiersterz fertig, und der Hansl schaufelt nun fleißig darauf los und immer dem beerenbeklecksten Munde zu. Doch halt, da hätten wir das Salz vergessen! Der Hansl kratzt sich verlegen hinterm Ohr und brummt verdrießlich...

Ja, Büblein, nichts darf man vergessen, alles muß man sich merken, dann braucht man sich nicht zu ärgern! –

Oft machte sich der Hirtenknab' auf der Trift ein Feuerlein, indem er einen vorher zusammengeschleppten Asthaufen in Brand steckte. Wenn dann die Flammen unter heftigem Prasseln und Knistern so heftig emporzüngelten und sich nach und nach eine von Glut durchsetzte Asche bildete, dann gelüstete es den Tausendkünstler nach Bratkartoffeln; flugs lagen sie schon drinnen in der funkensprühenden Asche, und wenn sie gebraten waren, so mundeten sie dem Büblein wie der feinste Braten.

Immer aber gab es nicht Sonnenschein und Lenzeslust. Auch das spärliche Gras der Bergtrift reichte nicht aus, und so mußte abwechselnd in die Waldauen und Waldschläge getrieben werden, wo der liebe Herrgott einen prächtigen Tisch für seine muhenden und meckernden Geschöpfe gedeckt hatte. Und hier in dem heiligen Frieden des ehrwürdigen Waldes lernte der Hansl die Schönheit, die erhabene Pracht und Majestät, den ewig jugendlichen Reiz und Zauber des Hochwaldes kennen, und bald ward ihm der Wald zur zweiten Heimat. Wenn im blumigen Holzschlage die Him- und Heidelbeeren reiften und im milden Strahle der Sonne die Weidenröschen ihre lieblich-rothen Blüten erschlossen, wenn es droben in den dunklen Wipfeln und grünen Kronen der Tannen, Fichten, Buchen und Ahorne so seltsam geheimnisvoll rauschte und die leismurmelnden Bächlein durch die verschwiegenen Gründe plauderten, wenn sich sonst nichts vernehmen ließ als nur der Schlag der Spechtes und der Ruf der Ammer, dann saß der Ochsenhansl inmitten des üppig wuchernden Heidelbeergestrüppes auf einer Baumleiche, Rone genannt, aus deren Moder wieder eine ganze Sippe junger Nadelbäumchen entsproß, und lauschte der gewaltigen Sprache des Hochwaldes. Dann wieder erklomm er die weitausgreifenden Arme und Rippen einer gespenstisch ins lebensfrische Grün des Tanns aufragenden Baumwurzel, die dereinst einen der stolzesten Waldriesen genährt und mit diesem dem wuchtigen Anprall des wildwütenden Sturmes erlegen war. Jetzt freilich hat sie wieder zarteren Geschöpfen, ebenfalls Kindern des Waldes, das Leben geschenkt: Ein frisch grünender Kranz von Himbeersträuchern, voll der schönsten, verlockendsten Früchte, rankte sich kindlich vertrauend um die schwarzen dürren Fasern und Äste, und der Hansl konnte nicht umhin, sich zu Gaste zu melden und zu kosten die herrlichen Früchte, die der liebreiche Wald seinen Freunden in so reichlicher Fülle aufgetischt hatte.

Gern erkletterte er auch den Gipfel einer Fichte oder die stolze Krone einer Buche, um hinauszuschauen über das weite, wogende Wipfelmeer in die sonnigen Lande, zu denen ihn immer trotz der glühenden Liebe zu seinem stolzen Heimatswalde tiefgeheime Sehnsucht zog. Und wenn er sie schaute, die ernsttragenden Burgen, die felsengestirnten Berge und die von freundlichem Wiesengrün umrahmten Dörfer und Flecken, wenn er sie schaute, die fernen Gefilde bis zu der scheinbaren Linie, wo Himmel und Erde sich begegnen, wenn er sie schaute, die Wunder der schönen Herrgottswelt, dann schlug sein Herz höher, dann war es, als wäre aus dem kleinen Hirtenbüblein des Waldes, dem barfüßigen Ochsenhansl, ein anderer, ein höherer geworden. Gut war von diesem erhabenen Baumsitze der aus wilder Waldesweite emporragende Wartthurm der Kunzwarte am einstmaligen goldenen Steige wahrzunehmen; dann hörte er das geheimnisvolle Raunen der altersgrauen Sage, die ihm wunderweltsame Mär von schöner goldener Zeit, von Schwerterklang und Rossegewieher, von Ritterspiel und Minnesang in die Ohren flüsterte. Und es drängte das Büblein, dieses »Schlößl« zu besichtigen und dem Urgrund der Dinge, die mit demselben verknüpft waren, näher zu kommen.

Gerne auch stieg er hinauf auf den nackten, felsenzerklüfteten Berggipfel, wo nach der Dichter Deutung die Freiheit wohnt, und besah sich von dieser erhabenen Zinne die lichtvolle Welt, die wie ein Riesenteppich vor ihm ausgebreitet lag. Durch die grüne Waldwildnis strömte über Kiesel und Granitblöcke, welche von den zierlichen Gebilden der Wasserfäden überzogen waren, ein Waldbach, mit seinem lebhaften Gemurmel die Ruhe der Waldnacht aufschreckend. In dem klaren, raschbewegten Wasser trieben farbenbunte Forellen ihr munteres Spiel.

Der Ochsenhansl, der sich auf seine brave Herde wohl verlassen konnte, stülpte sich bis über die Knie seine Hose auf und watete in die kristallklare Flut hinein, um mit der Hand die behenden Forellen zu haschen. Und er verstand den Fischfang wie kein zweiter! Unter den Steinen suchte er sie hervor, wohl wissend, daß dort ihr Versteck war, und hatte er eine bei der Schwanzflosse erfaßt, so war es um ihre Freiheit im nassen Element geschehen, ganz sicher kam sie dann des Abends auf des Lehrers oder Pfarrers Tisch als gebackene Forelle, und der Hansl trug stolzbewußt seinen Lohn in einem Bierkreuzerstück in der Tasche.

So vergingen dem Hirtenbüblein die schönen, sonnigen Sommertage. Aber auch bei Sturm und Regengeriesel gab's Lust und Freud genug im grünen Wald, und die schläfrige Frau Langeweile blieb dem Jungen wohlweislich fern.

Unter einem weitverzweigten Ahorn oder einer Gruppe von Fichten hatte sich der Hansl eine Waldhütte erbaut, die sein Schloß im grünen Tann war. Das Innere war mit tamariskenartigem Astmoos reichlich ausgepolstert, während das Dach mit Fichtenästen und Laubstreu fürsorglich gedeckt war. Wenn dann der Regen durch das Laub- und Nadelgeflecht des Waldes rieselte, oft tagelang, wenn des Donners Geroll in den Felsenschluchten dröhnend widerhallte und greller Blitzesschein das unheimliche Waldesdüster gespenstisch erhellte, dann saß der Hansl, indes seine Herde das schützende Dickicht zur Raststatt ausgesucht, in seiner traulich dämmernden Hütte und schnitzte sich eine Pfeife oder einen Stock, auch einen Kochlöffel für die Mutter, oder er beging die Thorheit, den nächsten Bäumen die Rinde abzuziehen, um sich daraus ein Gefäß zu formen zur Aufnahme der Waldbeeren. Er verstand es nicht, daß solches ein Waldfrevel sei, bis ihn einmal der Förster bei frischer That ertappte und ihn handgreiflich einer Besseren belehrte. Er zog nämlich seine Hundspeitsche aus der Waidtasche und ließ dieselbe unserm Hansl so nachdrücklich über die nackten Füße sausen, daß derselbe Sprünge machte wie das Kasperl in der Dorfkomödie. Und von Stunde an gönnte der Ochsenhansl den Bäumen ihre lebenerhaltende Rinde.

Als im Walde die Schwämme wuchsen, begann für den Hirtenbuben wieder ein neues Leben. Den Schnappsack auf dem Rücken, den dicken Filz auf dem Kopfe und das Taschenmesser in der Hand, durchstreifte er mehr kriechend als gehend die wildverworrenen Dickichte, den eigentlichen Fundort der Pilze, und lachte ihm der nußbraune Hut einer Herrenpilzes entgegen, so verklärte ein seliges Lächeln sein Gesicht und husch! verschwand er im Schnappsack. Auch der Pfifferling oder Eierschwamm erfreute sich seiner besonderen Beachtung, weil die Mutter aus ihm eine gar schmackhafte Nachtsuppe zu bereiten verstand, die zu den Lieblingsgerichten des Knaben zählte. Fand er aber einen Fliegenschwamm, der unter einer wundervollen Hülle ein satanisches Gift barg, so schlug er zornerfüllt mit seinem Geißelschaft nach ihm, daß er in Fetzen aufging und fürder kein Thierlein des Waldes mehr gefährden konnte. Das Schwämmesammeln betrieb er meistens nach einem warmen Regen, denn da schießen die Pilze zu Hunderten aus dem feuchten Nadelgrunde hervor und laden die Waldleute zu frischem, fröhlichem Zugreifen ein, und die armen Leute wissen ihr Fleisch wohl zu würdigen – der gütige Wald gibt es ihnen herzlich gern in Hülle und Fülle.

Während der Hansl im Sommer seine Herde mittags nach Hause trieb, dann dem Nachmittagsunterrichte in der Schule beiwohnte und um vier Uhr seine Rinder wieder austrieb, blieb er im Herbste , wenn die Ferien sich einstellten, den ganzen Tag im Walde, Dann lag er zur Mittagszeit, wenn aus den Dörfern die Kirchglocken klangen und die Kühe wiederkäuend im Grase der Ruhe pflegten, im Preiselbeergestrüpp und klaubte die rothen säuerlichen Früchte in einen großen Topf, den ihm die Mutter mitgegeben, und je mehr sich derselbe füllte, desto wohler wurde ihm zu Muthe, denn er freute sich auf das vergnügte Gesicht der Mutter und auf das Lob des Vaters, der die eingemachten Preiselbeeren besonders liebte.

Und bei all diesen Beschäftigungen vergaß der Hansl nicht auf das – Buch, das er stets bei sich trug im Walde und auf der Bergtrift. Er war des Lehrers Liebling, deshalb versorgte ihn derselbe mit Büchern, und der Hansl las am liebsten Völker- und Länderbescheibungen und Gedichte; diese lernte er auswendig und trug sie seinen Kühen und Bäumen vor, was er später nie bereute. Auch zeichnete er die Berge und Flüsse des Waldes, und einmal verfaßte er sogar selbst ein Gedicht zum Preise der Heimat, was ihm von seinem Großvater einen blanken Kronenthaler eintrug.

Und hatte er seine Tagesarbeit gethan, dann trieb er seine Herde heimwärts, indes am tiefblauen Himmelsgrunde die goldenen Sternenlichter aufblitzten und von den Thürmen die Glocken klangen. Das laute Peitschengeknall und der schöne Gesang verriethen seine Ankunft, und die Mutter kam auf die Straße heraus und lockte die Kühe und begrüßte ihr Büblein. –

Und es kam der Tag, wo der Hansl um seinen Wald Thränen vergoß, wo er seine Herde zum letzten Male nach Hause trieb, wo er aufhörte, ein Hirtenbub zu sein für immer, ja für immer! Morgen gieng es mit dem Vater in die »Studie« nach der alten Goldbergstadt Bergreichenstein – der Hansl solle dereinst ein höheres Hirtenamt bekleiden ... er sollte Lehrer werden! ...

Glück auf dem Weg, Hirtenknabe, Segen und Gedeihen deinem zukünftigen Stande, und wenn du das Höchste erreichen solltest: So glücklich wirst du nimmermehr sein wie in den Tagen, wo du im lieben Heimatswalde warst der – Ochsenhansl!








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