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Der Notar in der Falle

Jeremias Gotthelf: Der Notar in der Falle - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGotthelf, Jeremias
titleDer Notar in der Falle
sendergkueng@bluewin.ch
booktitleJeremias Gotthelf, Die schönsten Erzählungen 1
publisherFischer, Münsingen-Bern
printrun6. Auflage
year1985
created20010114
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Jeremias Gotthelf

Der Notar in der Falle

Kleine Städtchen sind in der Regel ganz allerliebst. Gewöhnlich liegen sie an einem Bache, dem es so wohl im Städtchen ist, daß man nicht weiß, läuft er nach Westen oder nach Osten; sie sind statt mit Wällen und Graben mit kleinen Scheuern und großen Düngerhaufen umgeben, wenn man es nicht vorzieht, dieselben mitten im eigenen Schoße, das heißt im Städtchen selbst zu behalten. Die Menschen darin sind allerliebst, nicht über eine Form geschliffen, sondern jeder trägt sein eigen Gepräge, allgemein ist bloß, daß die Mädchen zumeist zärtlich sind und guten Herzens, die jungen Herren aber etwas hölzern und nicht fein gehobelt, haben aber auch schrecklich viel Liebe im Leibe, heiraten daher gewöhnlich sehr jung; tun sie es nicht, so müssen sie von morgens früh bis abends spät schrecklich viel Flüssiges in den Leib gießen, um nicht zu verbrennen. Manchmal gießen sie als Ehemänner die doppelte Portion sich ein, wahrscheinlich damit die Frau an ihrer Liebe nicht verbrenne.

Das Städtchen, von welchem wir reden wollen, lag aber nicht an einem Bache, sondern an einem Flusse, aber die Mädchen waren deswegen nicht weniger zärtlich, die Herren nicht gehobelter und weniger durstig. Das Städtchen hatte eine wunderschöne Lage, mancher Düngerhaufen hatte einem schönen Hause Platz machen müssen, auf die schönen Häuser tat man sich viel zu gut, der Natur daneben frug man wenig nach, ausgenommen wenn sie sich essen und trinken ließ oder sonst was eintrug. Ganz herrliche Spaziergänge fanden sich ums Städtchen, waren allerdings auch sehr gesucht und geschätzt. Bekanntlich gehen zärtliche Mädchen gerne mit jungen Herren spazieren, da werden auch die hölzernsten warm, der Liebe Gold wird flüssig, und wie manches zärtliche Herz wurde glücklich im Freien an der Sonne, wo das Holz Feuer fing!

Alte Leute gehn auch gerne spazieren in der Natur, wenn es nicht weit geht, ein gut Kaffee und delikate Fische oder sonst was Gutes in Aussicht steht.

In diesem Städtchen lebte ein Mädchen namens Luise. Nicht weniger zärtlich als die andern war die gute Luise, nicht weniger liebte sie die Natur zum Spazierengehn, aber wie hölzern einer auch war, Feuer fangen wollte keiner; flüssig ward nie die Liebe, wie heiß die Sonne auch schien, wie sehr der junge Herr auch schwitzte. Ach, dem schönen Herzen voll Liebe entsprach Luisens Äußere nicht. Sie war nicht klein, glich nicht auffallend weder einem Bohnenstecken noch einer Kegelkugel, ihr Gesicht war weder rot wie eine Klapperrose noch blaß wie geronnene Milch, vom Mond beleuchtet, aber sie war eben eigentlich gar nichts; sie war eben eines von den unglücklichen Wesen, deren Äußeres gar nichts Bemerkbares hat, weder was Häßliches noch was Liebliches, die man wieder vergißt, wie oft man sie sieht, die gar keinen Widerhaken haben, welchen sie einschlagen können in ein ander Herz und daran sich festhalten, wie Flößer ihre Haken in Bäume oder Ufer, an denen sie vorbeifahren. Nicht einmal die Stimme hatte etwas Angreifliches, sie floß akkurat wie ein Bächlein in einem kleinen Städtchen, welches verlegen ist, soll es zum obern oder untern Tor hinaus. Zudem redete Luise noch leise, daß, wer nicht haarscharf hörte, die Hände hinter die Ohren halten mußte, wenn er mit ihr konversieren wollte, eine Haltung, welche der Liebe nichts weniger als förderlich sein soll. Das gute Kind war schüchtern, hatte gar keine Ursache, zum Selbstbewußtsein zu kommen, wußte nicht, wenn sie was sagte, war es dumm oder wars gescheut, im ersten Fall war es also besser, man verstund es nicht; zudem war es ihr oft, als müßte sie weinen, wenn sie lauter rede und den Mund weiter aufmache.

Luise war keine Bürgerin des Städtchens, sondern eine sogenannte Hintersässin, hatte also keine Bürgernutzung, weder Holz aus dem Walde noch eine Pflanzstelle auf der Allmend, was begreiflich ihr Ansehen auch nicht vermehrte. Sie lebte bei einer Tante, der Frau Spendvögtin; diese hatte Holz, Platz zu Kohl, ein eigen Gärtchen, sonst wenig Vermögen, aber viele, welche darauf warteten. Von Luisens Vermögen war nichts bekannt, man nahm also an, sie hätte keins; wenn sie welches hätte, würde sie es schon sagen. Der Schluß ist ziemlich bündig und wurde noch bestätigt durch Luisens sehr einfache Kleidung und das Versäumen, zu gehöriger Zeit ändern zu lassen, was nicht mehr in Mode war. So zum Beispiel trug sie noch wenigstens drei Monate lang weite Ärmel, als kein einziger im ganzen Städtchen zu finden war, so daß die Mägde bei den Brunnen aufmerksam wurden und die arme Luise zur Zielscheibe ihres Witzes machten.

Die Tante war eine rechte Bürgerin, kümmerte sich wenig um Luise, war aber sehr stolz auf ihren Mann selig, den Spendvogt. Wenn die andern Frauen, die Allmend-, Spital- und Seivögtinnen ihre Kindbetten erzählten, so gab sie zum besten, wie ihr Mann Spendvogt geworden und sie Spendvögtin.

Luise hatte viele Freundinnen, sie war keiner im Wege, und wenn eine was anzuvertrauen hatte, so ward Luise die Vertraute. Sie mißbrauchte das Vertrauen nie, machte keinen Geliebten abspenstig entweder aus bloßer Bosheit oder weil sie ihn selbst fangen wollte. Eine solche Freundin ist unbezahlbar, sie sind aber auch selten. Daran gedachte aber keine, welch bittere Qualen die arme Luise erlitt, wenn wieder und wieder eine Freundin kam und ihr das Glück der Liebe verkündete, zu ihr sprach: jedes Kind weiß, wie es der Eva ging, als sie die Schlange in den Apfel beißen sah, daß es sie nicht leben ließ, bis sie ebenfalls hineingebissen; jedes Kind erfährt, wie es ihm im Munde so wunderlich wird, wenn es andere was essen sieht, und es hat selbsten nichts, und wie es nicht ruht, bis es selbst auch zu etwas gekommen. Ja, unsere humanen Juristen, welchen Diebe und Mörder weit lieber sind als ehrliche und vernünftige Leute, sintemalen sie von Dieben und Mördern leben und um so besser, je mehr deren sie pflanzen, beweisen ja, daß nichts ansteckender sei und Laster pflanzender, als wenn man jemand hänge oder köpfe. Da wandle männiglich, statt abgeschreckt zu werden, die Lust an, geköpft und gehängt zu werden, daher auch nie mehr Laster begangen würden als gerade an einem Hinrichtungstage. Die guten Juristen treiben es wohl gut; wenn sie es dahin bringen mit angeblicher Humanität, daß am Ende nichts überbleibt als Diebe, Mörder und Juristen, so nimmt es uns wunder, was die für Augen machen und den Dieben und Mördern vordemonstrieren und plädieren werden. Wird man nun nach den Juristen unter einem Galgen galgensüchtig, was meint man, was muß erst an einer Hochzeit die ledige Mannschaft werden? Faktum ist auch, daß bei einer Hochzeit andere Hochzeiten sich machen, blasierte Hagestolze zu schmachten anfangen, Spröde aufschauen, Unbefangene zu überlegen beginnen. Aber noch viel angreiflicher ist es, absonders für ein Mädchenherz, wenn eine Freundin kommt – gewöhnlich kömmt sie auf den Fußspitzen und schlägt die Augen nieder – und was erzählen will und nicht weiß, wo anfangen, und wenn sie angefangen, reuig wird und lieber nicht fortführe und am Ende doch erzählt, wie sie spazieren gegangen, und was er gesagt, und was sie gesagt, und wie es dann weitergegangen, und wie sie jetzt einen Geliebten hätte, einen, wie keiner noch gewesen, und wie sie jetzt glücklich sei wie im Himmel, und dazu sich die Augen wischt, vielleicht der Freundin noch um den Hals fällt und spricht: denkt die um den Hals Gefallene und kann fast die Tränen nicht verdrücken, wenn sie herausstottert: « So so, he nun, es freut mich für dich, wenn du glücklich bist. Per se kennst du ihn besser, er wird nicht sein wie die andern. Ach ja! Aber was mich dauert, ist, daß ich wieder eine Freundin weniger habe, denn wer Mann und Kinder hat, denkt weiter an nichts mehr. Zuletzt bleibt man ganz isoliert, alleine in der Welt! » Dann weint sie ganz bitterlich, aller Trost ist umsonst, wie die Freundin auch zuspricht, sie solle sich doch nicht desolieren, sie bleibe da, und ihre Freundschaft solle die gleiche bleiben ewiglich, alle Tage wollten sie sich sehen; es wäre doch sonderbar, wenn man wegen dem Mann keine Freundin mehr haben sollte, ein so eng Herz hätte sie doch wahrlich nicht.

Begreiflich hatte die Freundin schon Erfahrungen über die Weite ihres Herzens gemacht und meinte nicht bloß a priori, sondern wußte a posteriori, daß mehr als eine Person darin Platz hätten. Es gibt ja Herzen, in denen die Menschen nicht bloß kompanien-, sondern regimenterweise Platz haben. Habe erst eine Anekdote der Art von einem alten Pferde gelesen. Ist ein Roßherz so weit, wie weit muß erst ein menschlich Herz sein und zwar ein junges, welches noch elastisch, nicht verknöchert ist!

Aber die Freundin tröstet umsonst, Luise weint immer bitterlicher, bis endlich die Freundin recht verlegen wird und sagt, sie müsse gehen, sie habe ein Rendezvous mit dem Geliebten. Ach, da weint Luise noch bitterlicher, ihr Lebtag hat sie noch nie ein Rendezvous gehabt als etwa mit ihrer Tante, der Frau Spendvögtin, wenn sie in verschiedener Gesellschaft waren im Winter und doch nur mit einem Laternchen heimgehen wollten. Sagt die Freundin, «ich wußte gar nicht, wie lieb ich ihm war. Du glaubst gar nicht, wie das arme Geschöpf weinte, als ich ihm sagte, ich sei versprochen, es hat mich recht können erbarmen. Es hätte dann niemand mehr auf der Welt, wenn ich ihns verlasse, hat es gejammert. Es ist wahr, verheiraten wird es sich per se nicht, Geschwister hat es keine, und wenn einmal die alte Spendvögtin weg ist, so wird es wirklich nicht wissen, wohin. »

Aber Luise dachte weder an die Freundin noch an die Spendvögtin, und darum weinte sie nicht, weil sie nicht in Ewigkeit ihr Haupt in ihren Schoß legen konnte, darnach fragte sie nichts; aber anderswohin hätte sie dasselbe für ihr Leben gerne gelegt, und weil sie dies nicht konnte, darum weinte sie so bitterlich. «Ach, will mich dann niemand lieben, und meinte ich es doch so gut, ach, und wie wollte ich einen glücklich machen, o anders als die andern alle, welche Egoistinnen sind! An mich denkt keiner! Eine nach der andern findet einen, ich keinen, ich muß allein bleiben, niemand hat mich lieb. Ai, ai! » So jammert Luise, hält die Hand aufs Herz, denn dort pocht es gewaltig, als ob es gesprungen sein müßte. Und doch wurde Luise nicht neidisch, stellte sich nicht vor den Spiegel, verglich sich nicht mit der Glücklichen, fand sich nicht zehnmal hübscher als sie, und unbegreiflich, wo der Schlingel, der sie auserwählt, seine Augen gehabt, rupfte auch nicht der Freundin alle ihre Sünden auf, stellte die eigenen Tugenden daneben, sagte nicht; lief ebenfalls nicht bei den Freundinnen herum, zählte an den Fingern die Laster der Freundin her und schloß weinerlich, wie doch der arme Mensch sie daure, der meine, er kriege einen Tugendspiegel, und habe die schrecklichste Sündenbüchse auf Erden; wenn sie nur jemand wüßte, sie ließe ihn im Vertrauen warnen, es sei doch nicht recht, wenn man seinen Nächsten ins Unglück rennen sehe und gebe ihm keinen Wink. Von diesem allem sagte Luise nichts, sie dachte nur: Und wenn sie unter die Leute kam, so schien sie noch farbloser, redete noch leiser, und, wie gesagt, Worte, welche man mit den Händen hinter den Ohren auffangen muß, sind eben nicht förderlich, Liebe zu wecken und anzubrennen.

Endlich hatte sie nur noch eine Freundin, denn, wie gesagt, die Mädchen in dem Städtchen waren berühmt wegen der Zärtlichkeit, und eine herrlichere Aussicht auf Erden kannten sie nicht als die Aussicht, Spendvögtin, Seimeisterin, Seckelmeisterin oder gar Frau Ratsherrin zu werden. Für diese Aussichten schwärmten sie förmlich, während sie die Aussicht auf dem Niesen sehr fade fanden, dieweil kein Wirtshaus dort sich findet. Auf dem Faulhorn ist ein Wirtshaus, die Aussicht aber dumm; man sehe ja nur Berge, die könnten sie vom Haus aus auch sehen, und eigentlich wüßten sie nicht, was man an den Bergen sehe. Genau besehen sei ein Berg wie der andere. Da gefalle ihnen eine schöne Promenade, auf welcher Herren und Damen spazieren gingen, viel besser. Wegen den Herren wollten sie nun nichts sagen, aber wo viele Damen und Töchter spazierten, absonderlich wenn Fremde da seien, sehe man alleweil was Neues: neue Häubchen, neue Hüte, neuen Zeug, kurz, immer was, das einem zu denken gebe, erstlich, wie man wohlfeil dazu kommen könnte, und zweitens, wie schön es einem stehen müßte. So kalkulierten sie.

Die letzte der Freundinnen hatte den Wahlspruch der alten Garde nicht zu dem ihren gemacht, sie hatte von je für die Aussicht, Vögtin oder gar Meisterin über irgend welchen Zweig der burgerlichen Verwaltung zu werden, stark geschwärmt, aber fruchtlos, war indessen nicht in Verzweiflung darüber geraten, denn Julie war ein zäh Ding, hielt sich am Vers: Hoffnung nicht wär, ich lebte nicht mehr! Diese Hoffnung ließ sie auch nicht zuschanden werden. Endlich auf einem Spaziergange im vergangenen Jahre, an einem schönen Sonntage nachmittags – in den Hundstagen war es – ging an ihrer Seite ein hölzernes Subjekt in Feuer auf. Es war ein Schreiber auf dem Amte mit großen Aussichten. Julie schrie begreiflich nicht Fürio, sie ließ brennen, was brennen wollte, ihr Herz und des Subjekts Herz, beide zusammen gaben eine artige Flamme. In diesen Flammen wurden beide eins, das heißt glücklich und rätig, Mann und Frau zu werden. Schon Montags in der Früh kam Julie zu Luise, ihr zu verkünden, wessen ihr Herz voll war. Wie da Luise weinte und trostlos war, kann man sich denken. Ihr Elend ging Julie zu Herzen, fast hätte sie mitgeweint, sie zeigte die herzlichste Teilnahme, las in den hintersten Winkeln die Trostgründe zusammen. Zwischendurch entrannen ihr Bruchstücke ihrer Aussichten und Gedanken, ob sie sich am Hochzeitstage schwarz oder weiß kleiden solle, mit einem Häubchen oder ohne Häubchen, den Blumenstrauß in der Hand oder angeheftet. Endlich schloß Julie, da alle Trostgründe bei Luise nicht anschlagen wollten: «Du mußt dabei sein, denn ich bin gekommen, dich zu bitten, meine Brautführerin zu sein. Mein Fritz hat mir gesagt, es müßte glänzend zugehn an unserer Hochzeit, drei oder gar vier Fuhrwerke müßten es sein. Näheres haben wir noch nichts abgeredet. Es hat gestern abend sich nicht alles ergeben mögen, und immer kam jemand dazwischen, hing sich an uns, wenn unsere Herzen im besten Zuge waren, und heute habe ich ihn noch nicht gesehen, meinen Fritz, den Spitzbuben», – das hölzerne Subjekt.

Luisens Tränen versiegten nicht auf der Stelle, aber doch schneller, als man hätte erwarten sollen. Wie nach einem Gewitterregen wächst und blüht, was noch wachsen und blühen kann, so wuchs aus Luisens Tränen eine Freude auf, die sie noch nie gehabt, die Freude, Brautjungfer sein zu können. Ganz wonniglich warm rieselte es in ihrem Herzen, wenn sie daran dachte, es war ihr halb und halb, als wäre sie selbsten Braut; Brautführerin war die gute Luise auch noch nie gewesen. Die einen ihrer Freundinnen dachten nicht an sie, andere wollten ihr die Kosten nicht verursachen, fürchteten, sie möchte gar zu armselig erscheinen und die Leute sagen, ob keine miserablere Brautführerin zu finden gewesen, das Hochzeitpaar müsse auch nichts Besonders sein. Endlich lagen wohl auch der Auswahl von Brautjungfern und Brautführern heimliche Pläne zugrunde, bald die Braut, bald der Bräutigam, bald beide zusammen wünschten die und jenen in Berührung zu bringen, Bekanntschaft zu vermitteln. Wo war dazu bessere Gelegenheit und wann die Herzen günstiger gestimmt als an einer Hochzeit und bei den Brautführern und Brautführerinnen, wenn sie, nachdem sie ihre Pflicht getan, Braut und Bräutigam zusammengeführt, diese vom Pfarrer eingesegnet, Arm in Arm die Kirche verlassen, sich nun gegenseitig die Arme geben, Paar und Paar hinter dem eigentlichen Paar herziehen? Da wäre es doch wunderlich, wenn sie nicht auch Heiratsgedanken faßten und wenigstens als halbe Ehepaare sich vorkämen.

Luise hatte nie daran gedacht, daß sie auch Brautführerin sein könnte, nun jetzt einmal war sie erkoren, es war, als ob ihr ein Licht angezündet sei in der Seele. Gerne würden wir erzählen, wie dieses Licht, das da erschien in der Finsternis, leuchtete, den Funken folgen, welche aufstiegen von diesem Lichte, Raketen gleich, und wunderherrlich schwammen hoch oben als wie im Himmel, aber wir hätten nicht Papier genug. Lärm machte Luise dabei nicht, plagte auch Tante Spendvögtin wenig wegen der Toilette, aber fast kriegte sie Glanz auf die Wangen, und wer die Muße genommen hätte, sie zu beobachten, würde in ihren Augen ein süßes, seliges Träumen gelesen, gesehen haben, daß da hinten eine neue Welt aufgegangen sei, von welcher die eigentliche Welt keine Ahnung hatte. Vergeßlich ward Luise, und darüber führte die Spendvögtin bittere Klagen. So redete die Spendvögtin. Tante Spendvögtin hatte keine Ahnung der eigentlichen Ursache von Luisens Vergeßlichkeit, denn in ihrer Geschichte, wie sie den Spendvogt bekam, kam Vergeßlichkeit gar nicht vor.

Endlich rückte er heran, der hochwichtige Tag, und Luisens Herz zitterte in freudigem Bangen. Es waren Hochzeitsgäste, welche am Abend vor demselben stark den Barometer mißhandelten und alle Augenblicke sagten: wir morgen nur schönes Wetter haben, aber es wird kaum sein. Allerdings machte der Himmel trübe Miene, und alle Regenzeichen waren so sichtlich da, daß man vergeblich gegen sie ein Auge zuzudrücken versuchte. Luise dachte weder an Barometer noch an Regen noch an Sonnenschein, das kümmerte sie all nichts, wenn es nur bald fünf Uhr früh geschlagen hätte, um welche Stunde man abfahren wollte! Frau Spendvögtin war auch aufgestanden aus Angst wegen Luisens Vergeßlichkeit, sie wäre imstande, das Hemd über den Rock anzuziehen und die Nachthaube auf dem Kopfe zu behalten, hatte sie gesagt. Die Tante hatte nicht unrecht. Sagte sie zu der Magd, «geh mit, sonst läuft sie zum Berntor statt zum andern, und wart, bis sie wirklich in der Kutsche sitzt, sonst setzt sie sich hinten aufs Brett oder vornen auf den Bock. Wie es den ganzen Tag gehen soll, das weiß der himmlische Vater, ich darf nicht daran denken. Wenn du nicht so mager wärest, so hättest müssen zu Ader lassen, und bessert es nicht, so muß es mir wenigstens geschräpft sein.»

Der Regen kam bachweise vom Himmel, aber das kümmerte Luise hell nichts; so tapfer war die alte Garde nicht aus Rußland marschiert als Luise an diesem Morgen durch dick und dünn. Auf dem Sammelplatz machten alle Ankommenden grämliche Gesichter, und so mancher als kam, sagte: Bei jedem ging das Werweisen von neuem an, ob es den ganzen Tag regnen oder am Mittag oder am Abend das Wetter sich aufheitern werde.

Luise alleine hatte heute und zum ersten Male etwas Ausgezeichnetes, sie machte ein glückliches Gesicht, jammerte über den Regen nicht, zuckte beständig, wenn sie reden wollte, mit den Füßen, als setzte sie zum Tanzen oder Hüpfen an, und sagte gewöhnlich, das Wetter dünke sie nicht so schlimm, und sei man einmal in der Kutsche, so merke man es nicht, regne es oder scheine die Sonne. Da trat ein schön geputzter Herr an sie und sagte, es sei schön von ihr, daß sie den Mut nicht verliere, und wenn es regne, sei man eigentlich viel heimeliger beisammen. Es freue ihn, ihre Bekanntschaft zu machen, er hätte die Ehre, Brautführer zu sein. Ach Gott, wie dies Wort Luise durchzuckte, und wie sie plötzlich ihre Augen aufschlug und in das Gesicht sah, welches dieses Wort gesagt hatte! Es war ein schönes, glattes Gesicht, rot und weiß, mit blauen Augen, langer Nase, süßem Lächeln, verziert durch ein blondes Schnäuzchen, welches etwas schamhaft unter der langen Nase durchkroch. Das Halstuch war wohl eng gezogen, die Figur steif, spitz stunden die Ellbogen hintenaus, die Arme hatten sich aus langer Übung die rechtwinklige Haltung angewöhnt. Der Herr war nämlich mehrere Jahr mit dem Hochzeiter-Subjekt in einer Amtschreiberei auf dem Lande gewesen, hatte sich endlich nach zehnjähriger Lehrzeit zum Notar hinaufgeschwungen und wollte sich als solcher in dem Städtchen setzen, wo sein Freund einstweilen noch Substitut, sogenanntes Subjekt war.

Es schien Luise, als hätte sie solche Holdseligkeit und Schönheit noch nie in einer Menschengestalt vereinigt gesehen, sie fand kaum den Mut zur Antwort, lispelte sie endlich noch einmal so leise, als sie sonst zu reden gewohnt war. Ihr Herz war so voll Seligkeit, daß es ihr bis vor die Luftröhre kam, denn nicht bloß das Reden, auch das Atmen ward ihr schwer.

Endlich, eine Stunde später als angesagt war, nachdem man Boten nach allen Windgegenden ausgesandt, die Kutscher sich fast die Zungen aus dem Munde geflucht hatten, kam der letzte angerannt. Es war auch ein Subjekt, es trug das Halstuch noch in der Hand; es hatte sich erstlich verschlafen, zweitens sich zu lange mit dem Kamm versäumt und schließlich ob dem Wichsen der Stiefel, welche ihm nie glänzend werden wollten. Er hatte vor wenig Tagen sie mit Fett eingeschmiert, weil er bei schlechter Witterung an eine Steigerung mußte, jetzt wollten sie ihr Angesicht nicht bald wieder ändern, waren konservativer als viele Menschen. Das gute Subjekt weinte fast aus Angst und Zorn über dieses verfluchte konservative Wesen. Und in der Tat, es hatte recht. Was hilft es, wenn man mit dem Kopf radikal ist, ihn dreht, je nachdem von oben geblasen wird, und die Stiefel bleiben konservativ, sind es doch am Ende die Beine, mit welchen man seinen Weg machen muß. Nun konnte man endlich an das Einpacken gehen, was gewöhnlich bei derlei Anlässen ein schwer Stück Arbeit ist, weil man sich die Kutschen zu weit, die Menschen zu dünn gedacht. Nun, wenn man recht stößt und drückt, der Kutscher mit grimmigem Gesichte nachhilft, fluchend, man versprenge ihm den Kasten, findet am Ende doch jedes sein Plätzchen, und der Kasten springt nicht. An einem solchen Tage leidet und duldet jedes gerne, und die zarteste Tochter schreit nicht, wenn ihr ein Herr schon halb auf dem Schosse sitzt. Ja, währschafte Töchter nehmen freiwillig schmächtige Freundinnen auf den Schoß, wenn sie Gefahr laufen, zu ersticken. Und je gepreßter man sitzt, die Kutsche gerade aussieht wie eine Heringstonne, desto mehr rühmt man, wie heimelig man sich befinde, und wie man es nie besser wünsche. Etwas Molest entsteht freilich noch, wenn die Damen gnädig sind und den Herren das Rauchen erlauben, vielleicht mit dem Beisatz, sie lebten erst recht, wenn sie Rauch röchen, es dünke sie, ein Herr sei kein Herr, wenn er nicht rauche. Bsonderbar wohl stehe Pfeife oder Zigarre einem männlichen Gesichte. Was das kostet, bis in dieser Presse die Herren das Rauchzeug bei der Hand haben! Was das für ein Winden und Biegen und Strecken ist, und ohne weibliche Nachhülfe käme man doch nicht zustande. Und wenn man es endlich bei der Hand hat, so ist noch kein Feuerzeug da, und was da alles verwunden werden muß, bis man endlich zu Feuer und endlich zu Rauch kömmt, hat gesehen, wer mal dabeigewesen ist. Am Ende geht es uns in diesem eigentümlichen Preßzwang, wenn man nämlich weder Gift noch Ungeduld im Gemüt hat, wie in manch anderm Zwang, er scheint sich allmälig zu erweitern, es wird uns behaglicher, und zuletzt ist es uns sogar leid, wenn wir an Ort und Stelle sind und wieder ausgepackt werden sollen. Das ist nun wieder mit Beschwerden verbunden, indessen alle Glieder sind ganz geblieben, sogar die Haut, und wenn sie schon starke Eindrücke empfangen hat, wer sagt uns, daß starke Eindrücke immer unangenehm sind? Freilich, die Garderobe der Damen ist nicht mehr ganz so frisch, sieht gerunzelt aus wie alte Zigeunergesichter. Indessen die Damen geben schon nicht mehr so viel darauf, die sind überzeugt, die im Wagen entfaltete Liebenswürdigkeit bedecke unendlich viele Falten, und mit Hauchen und Dämpfen kann man viel nachhelfen, Krummes gerade machen, Zerknittertes wieder blank.

In unendlichem Glück war Luise neben dem Notar gesessen, die ganze Fahrt war ihr ein himmlischer Augenblick. Sie ahnete, wie vor Gott tausend Jahre wie ein Augenblick sein können, jetzt, da vier Stunden neben einem Notar zu einem Moment zusammengeflossen. Nun, wie es bei einer Hochzeit vor dem Kirchengehn zugeht, weiß jedermann. Es ist der zweite Aufzug des Schauspiels, welches beim Einsteigen aufgeführt wurde, es ist eine respektive Unordnung. Die einen kommen nie zum Frühstück, die andern kommen nie davon, man wird nie fertig. Der Sigrist würde aus der Haut fahren, wenn nicht die Neugierde, wie groß das ihm gespendete Trinkgeld sein würde, ihn zurückhielte.

In der Kirche gings ebenfalls wie üblich; einige Freundinnen der Braut weinten, die Freunde des Bräutigams dagegen blieben hölzern und unempfindlich, woran aber weder die Kirche noch der Pfarrer schuld. Von wegen, jaget Kamele, Büffel, Bisonochsen, Elefanten, ja Rhinozerosse und Giraffen in eine Kirche und laßt einen Pfarrer beten und predigen, so streng er mag: weder Giraffen noch Rhinozerosse noch Elefanten noch Bisonochsen, Büffel, Kamele und anderes Hornvieh wird was anderes denken, als wann es nur wieder raus wäre, und nichts anderes im Auge haben als das Loch, wo es hineinkam, und wenn das nicht mehr sichtbar ist, nach einem andern spähen, wo es wieder rauskann. Luise war unter den Weinenden, ihr Schnupftuch wurde ganz naß, aber es waren selige Tränen, sie rieselten ganz weich und warm über die Wangen nieder. Der Notar dagegen weinte nicht, aber er machte einen steifen Hals und gab genau acht, ob alles pünktlich nach Gesetz und Propheten vor sich gehe, nicht irgendein Formfehler passiere, daß er hintendrein sagen könne, die Sache sei zwar vorbei, aber wenn er wollte, er könnte den Pfaffen ringgeln, daß ihm die Schwarten wehe täten, er möchte es aber seinem Freunde nicht zuleide tun und dessen Frauen, die könnten ihn dauern. Der Notar war von Natur eine ganz gute Seele, das heißt eigentlich eine gute Haut. Ob er eine Seele hatte, das wissen wir nicht. Wenn er eine hatte, so bestund sie hauptsächlich in dem eminenten Vermögen, ein Gsätzlein nachzupfeifen und zwar ununterbrochen so lange, bis man ihm wieder ein anderes vorpfiff. Wahrscheinlich hatte sie ein ähnliches Eingericht wie trompetende Tabaksdosen oder Kasten eines Leiermannes.

Nun, alles auf Erden geht zu Ende, selbst die Zeit, in welcher gepreßte Helden des Zeitgeistes und hölzerne Subjekte in der Kirche sein müssen. Aus dicken Wolken strömte dicker Regen nieder, aber eben das war wieder unaussprechlich schön und heimelig. Nun kam der Herr Notar in seiner unaussprechlichen Holdseligkeit, verbeugte sich, so schön er konnte, nahm Luise nicht bloß untern Arm, sondern auch unter seinen Regenschirm und zog dicht hinter dem Ehepaar mit ihr davon. Das war schön, und was das für Gedanken gab! Aber nicht bloß das war schön, sondern der Notar entfaltete eine Sorglichkeit und Höflichkeit, welche Luise nie erlebt hatte. Er trat ihr nicht bloß nie auf die Füße, sondern er leitete sie sogar auf die besten Stellen des Weges; er hielt sie nicht bloß nicht unter der Traufe seines Regenschirms, sondern er gab sich wirklich Mühe, sie trocken zu erhalten, so daß seine linke Seite ganz naß wurde, was zu einem edlen Wettstreit fortdauernd Anlaß gab, und welchen der Notar mit so schönen Manieren und Redensarten führte, daß Luise einmal über das andere denken mußte, die würde er bloß von den Engeln im Himmel erlernt haben, ja, gar Angst und Zweifel kriegte, er könnte plötzlich Flügel bekommen und ihr davonfliegen samt dem Regenschirm als ein wirklicher Engel.

Zwischen der Kirche und dem Essen ist für viele eine langweilige Zeit, man weiß gar oft nicht, was miteinander machen, besonders wenn man früh aufgestanden und der unterdrückte Schlaf seine Rechte geltend macht wie ein ungestümer Untertan. Ach, und es schien keine heiße Sonne, in welcher man spazieren, in welcher, was hölzern war, Feuer fangen konnte. Aber man weiß sich zu helfen, man spielte, da die Geiger noch nicht da waren, Blindemaus im Saale und Versteckens im ganzen Hause, man amüsierte sich herrlich, absonderlich Luise, welche der Notar immer sorglichst geleitete, sie schützte, die besten Verstecke zu finden wußte, und alles so zart, so zart, daß Luise immerfort denken mußte:

Ach, und das mußte Luise selben Tages sich noch viel hundertmal wiederholen. So artig und so zart war noch nie einer neben ihr gesessen als der Notar, und noch nie hatte einer so artig und so zart für alle ihre Bedürfnisse gesorgt. Luise konnte ihm gar nichts abschlagen, aß noch einmal soviel als sie sonst pflegte, und trank mehr als ein Schlücklein über das gewohnte Maß. Dies hatte den glücklichen Erfolg, daß Luises Stimme sich kräftigte, so daß der Notar sie wirklich, ohne die Hände hinter den Ohren zu halten, verstund. Nun erst ging die Seligkeit an, das heißt Gespräche, sinnig, tief und hehr, wo der Notar Grundsätze zeigte, ach, ganz herrliche, wie Luise nie gesehen. Seine Seele war ganz feurig und zwar freisinnig-feurig; und so freisinnig-feurig, wie er war, wollte er die ganze Welt machen, dann erst sei man glücklich und frei und habe die rechte Religion. Die Religion sei das Höchste, aber ganz freisinnig müsse sie sein; wenn sie nicht freisinnig sei, so sei sie das Unglück der Welt und beraube die Menschen der höchsten Güter. Das habe man erfahren, und jetzt wolle man die Menschen glücklich machen und nicht bloß einige, sondern alle, alle so rief der Notar begeistert, und Luise wurde rot und auch feurig im Herzen. Eine andere wäre eifersüchtig geworden auf die Welt, mit welcher sie einen Kuß teilen sollte, homöopathischen Küssen früge sie nicht viel nach, würde sie gesagt haben. Luise war nicht so, sie war ganz glücklich mit ihrem Tausendmillionstel-teilchenkuß und seufzte: Und als es erst ans Tanzen ging, wie war es da Luise! Es war ihr, wenn sie mit dem Notar tanzte, als ob zwei Engel durch den Äther schwebten. Er ragte über sie empor, trug den Kopf nach hinten und schloß halb die Augen wie ein Engel, der in seliger Verzückung gen Himmel fahren will. Ungestört konnte Luise zu ihm aufsehn, ungestört trinken die Wonne seines Anblickes; er sah es nicht, er störte sie nicht, sie konnte träumen, wie der Boden weiche und sie auf Fittigen leise schwebten zu den Sternen empor, die in seligen Räumen wohnen.

Aber alles nimmt ein Ende auf der Welt, der glücklichste Tag verrinnt dem unglücklichsten gleich. So ging es auch diesem Tage, die Geiger mußten verstummen vor dem Fluchen der Kutscher, die keinen Augenblick mehr warten wollten, drohten mit Fortfahren; wer nicht mitkommen wolle, könne ins Teufels Namen dableiben. Nun, es blieb noch das Heimfahren, und das ist manchmal das Schönste von allem, der Punkt auf dem i. Die Herzen sind weich geworden, die Sehnsucht ist groß geworden, die Zungen lösen sich, mit traulichen Geständnissen macht man sich glücklich, verewigt den glücklichen Tag.

Es war Nacht, als man endlich den Befehlen der Kutscher nachkam und in die finstern Kasten kroch, ach, wo es so heimelig war, wo das Gemüt sich entfalten konnte so schön als es war, so traulich es wollte, die Hände sich drücken konnten, die Herzen sich finden, ungehört und ungesehen von allen, welche es nichts anging. Alles war so recht wie es sein mußte, nur leider eines nicht, die Stimmung der männlichen Bevölkerung, diese unterlag leider dem Zeitgeiste, war nicht sentimental, nicht liebenswürdig, das heißt liebedurstig, sondern patriotisch und freisinnig. Es wurde gesungen und zwar stark, daß man das Rasseln der Wagen, das Knallen der Peitschen nicht hörte und das sind Lieder, welche Liebesmucken vertreiben, blutdürstig machen und schlachtensüchtig. Paff, paff, jagte ein Lied das andere, und wenn man wegen dem Verschnaufen Pausen machen mußte, so brach der Mut in Prosa aus, und absonderlich der Notar erzählte von seinen Heldentaten, welche er zu verrichten gedachte, und wie er sich lieber zu Kraut und Rüben verhacken, zu Pulver zerstoßen ließe als sich gefangen geben. Schieße man ihm die Beine ab, so stelle er sich an einen Baum und schlage mit dem Säbel drein; haue man ihm die Arme ab, so lade er Flinten und Pistolen mit den Füßen und schieße fort wies Wetter oder renne mit dem Kopf die Leute vor die Bäuche; so könne man ganze Regimenter sprengen. Er legte eine Gesinnung, eine Tapferkeit an den Tag, daß es Luise ganz kalt den Rücken auf lief, daß sie ausrief einmal über das andere: Sie sah ihren schönen Notar schon ohne Beine, ohne Arme, mit dem Kopf im Bauche eines dicken Jesuiten oder eines Österreichers stecken wie eine Kanonenkugel in einer Mauer. In dieser patriotischen Begeisterung ging jede Privatstimmung unter wie billig, und diese Begeisterung war so hartnäckig und schwunghaft, daß sie nicht verflog, als man aus dem Wagen stieg, sondern daß sie in immer lichtere Flammen ausbrach, als der Notar Luise durch dick und dünn, Nacht und Graus zu ihrer Wohnung geleitete. Er erzählte Luise, wie er das Vaterland liebe, was er schon alles für dasselbe getan und noch tun wolle, wenn dasselbe auch noch nichts für ihn getan hätte. Undank sei der Welt Lohn. Aber es komme doch die Zeit, wo man ihn erkennen werde, er zähle fest darauf, es komme dann nur darauf an, ob er dann annehmen wolle, was man ihm anbiete; jedenfalls wolle er sich besinnen. Seufzte Luise. Sagte der Notar. «Ich will nicht sagen, daß ganz so wie ich viele sind, aber unter den Freisinnigen ist im allgemeinen eine herrliche Gesinnung und Vaterlandsliebe, und wenn man schon begreift, daß das Vaterland nicht alle auf einmal belohnen kann, so darf man doch erwarten, daß es nach und nach geschieht und Unwürdige nicht den Würdigen vorgezogen werden,» sagte Luise. Sagte der Notar, «aber es ist nicht alles, wie es sein sollte; es steht mancher hoch, er tat nicht die Hälfte was ich für das Vaterland. Aber ich will nicht klagen, ich bin imstande, mich selbst durchzubringen, was bei andern nicht der Fall ist, das wird man gedacht haben. Wenn man mich nötig hat, wird man mich schon finden,» sagte Luise, doch alle so wären! Da stunden sie vor der Frau Spendvögtin Häuschen, und ehe der Notar sich noch gebührend über die Freude ausgelassen, Luisens Bekanntschaft gemacht zu haben, und die Hoffnung ausgesprochen, das Vergnügen zu haben, sie fortzusetzen, ließ von hinten die Stimme der Frau Spendvögtin sich hören, welche heftig schalt über das späte Nachhausekommen. Luise erschrak, der Abschied verwirrte sich, die lieben Worte blieben ihr stecken im Halse, und ehe sie wußte, wie es geschah, war der Notar verschwunden, und sie stund im Kreuzfeuer des Zornes der Frau Spendvögtin. Die schönsten Tage enden gerne mit einem Gewitter. Das erlebte Luise.

Tage vergehen, aber sie hinterlassen oft Eindrücke, welche nicht bloß nicht vergehen, sondern ein eigenes Leben erhalten, wachsen und als Frucht ein neues, eigentümliches Dasein bilden. Luise schwelgte die ersten Tage in der Rückerinnerung. Wie oft des Tages sie jenen Tag von vornen bis hinten wieder durchlebte, bis Tante Spendvögtin im Hausgang erschien, wissen wir nicht. Aber wenn das Kind einen Weg bis zu einem bestimmten Punkte mehrere Male gemacht hat, so strebt es darüber hinaus, es nimmt ihns wunder, wie es jenseits desselben aussehe; das liegt in der Natur. Das lag auch in Luisens Natur. Als sie einigemal bis zur Spendvögtin gekommen war, so gleichsam das Gitter hinter dem Paradiese, nahm es sie wunder, was hinter dem Gitter stehe, das heißt, was geschehen wäre, wenn die Spendvögtin nicht gekommen wäre. Wie die Kinder es tun, tat Luise das Gitter nur ganz wenig, ganz leise auf, daß kaum das Näschen durchmochte, setzte schüchtern einen Fuß hinaus, den zweiten endlich auch, tat einige Schritte, und wenn dieser Anfang einmal gemacht ist, weiß man wohl, wie es geht. Es geht Mädchen akkurat, wie Mahomet seinen Arabern drohte, daß es ihnen ergehen werde, wenn sie sich unterstünden, Bilder zu machen. Diese Bilder, drohte er ihnen, würden als Schatten sie verfolgen, sich an ihre Fersen heften, Leben und Seele von ihnen fordern, ihnen nicht Ruhe lassen. Pflanzen nun Mädchen Bilder in ihre Herzen, absonderlich von Notaren oder selbst bloßen Subjekten, machen diese Bilder fest darin und beschauen sie alle Tage, so werden diese Bilder das Herz schwer plagen; das Herz aber, um der Plage los zu sein, will das Bild, welches es plagt, aus dem Herzen heraus vor Augen haben, lebendig und als sein eigen, so daß es dasselbe ansehen und behandeln darf nach Belieben. Das empfand die arme Luise, welche der Notar im Herzen alle Tage ärger plagte, daß es eine strenge Sache war. Es dünkte sie, wenn sie ihn nur sehen könnte, nur von weitem oder auch nur von hinten, es würde ihr schon bessern, leichter im Herzen werden.

Aber mit keinem Auge sah sie ihn, vernahm nichts von ihm, er war gleich einer himmlischen Erscheinung verschwunden. Ihre Freundin Julie war abwesend auf einer Hochzeitreise. Luise ward ganz schwermütig, mußte immer strenger an ihn denken, und wenn sie am strengsten an ihn dachte, so mußte sie seufzen und denken, wenn sie Flügel hätte, sie flöge ihm nach. Mit der Spendvögtin durfte sie über Mannspersonen nicht reden, ausgenommen über den alten Spendvogt selig, es schicke sich nicht für so junge, dumme Dinger, meinte die Spendvögtin, und doch war Luise näher den Dreißigen als den Zwanzigen. Durch die Heirat ihrer Freundinnen war sie nach und nach von der Welt so quasi getrennt worden, das heißt, sie machte ihre Schwingungen nicht mehr mit, glich so gleichsam einem Krebs, der bei einer Meeresflut weit auf den Strand getrieben wurde und als die Ebbe kam in einer Pfütze einsam zurückgelassen worden war.

Endlich vernahm sie, Julie sei wieder angelangt; sie säumte nicht, der jungen Frau ihre Aufwart zu machen. Sie fand diese voller Freuden, sie hatte einen ganzen Himmel voll Hoffnungen und zwar ganz solide mitgebracht. Sie waren nicht weit gereist, aber mehr als acht Tage hatten sie sich in der Hauptstadt aufgehalten, wo Fritz, der Spitzbube, vornehme Bekanntschaft hat, welche ihn versicherten, daß er nicht länger bloßes Subjekt bleiben, sondern die erste beste Stelle, welche brav eintrage, erhalten solle. Sie könnten sich ganz bestimmt darauf verlassen, die Herren hätten es ihr selbst in die Hand versprochen, und sie hätte versprechen müssen, dieselben aufzunehmen und gut zu bewirten, wenn sie hinaus zu ihnen kämen; sie wollten wissen, ob die jungen Frauen Fische backen und Mehlsuppen machen könnten. Es seien gar scharmante Herren, und wer bei ihnen den Fuß im Hafen hätte, könnte haben, was er wolle, die sorgten für ihre alten Freunde und Bekannten. Julie war so voll Freude und Hoffnung, daß es Luise viele Mühe kostete, das Gespräch so unvermerkt als tunlich auf ihren Notar zu bringen und so unverfänglich als möglich merken zu lassen, was das für ein herrlicher Mensch sei; sie glaube nicht, daß es zwei von dieser Sorte auf Erden gebe.

Da lächelte Julie schalkhaft und sagte: «Luise, nimm dich in acht, der sagt dir nicht Herr, der will obenaus, macht Ansprüche. Mein Fritz, der Spitzbube, sagt, der Notar habe gesagt, er wolle entweder gar nicht heiraten oder reich; er glaube, dem Vaterland, welches feste, grundsätzliche, unabhängige Männer nötig hätte, auf diese Weise am besten zu dienen. Daneben frage er dem Gelde gar nichts nach, es sei ihm nur Mittel zum Zweck. Er sei gar fest mit den Grundsätzen, der Notar, sagt mein Mann, und werde es weit bringen, wenn man einmal mit Grundsätzen was machen könne.» So speiste Julie die arme Luise ab und konnte ihr nicht einmal nähere Auskunft geben, was er treibe, der Notar.

Es ging nicht lange, kriegte Fritz, der Spitzbube, eine sehr schöne Stelle, wurde aus einem Subjekt Präsident oder noch mehr und mußte über Hals und Kopf mit seiner Frau von dannen ziehen. Nun war die Brücke zwischen Luise und dem Notar vollständig abgebrochen, Luise trostlos. Den Notar im Herzen ward sie nicht los. Derselbe ward ungestümer und plagte sie alle Tage wilder, wollte hinaus, wollte Leben, Seele, wollte Luise alles in allem sein. Die arme Luise, wie sie sich auch Mühe gab, kam nie zum Glück, mit dem Notar zusammenzutreffen, sie sah ihn höchstens zuweilen von ferne und von hinten. Wie sehr dies sie für einen Augenblick auch glücklich machte, hintendrein ward sie nur unglücklich, das Bild in ihrem Herzen ungestümer. Sie hatte keine Freundin, welcher sie sich mitteilen konnte; der Frau Spendvögtin mußte sie sogar ihre Seufzer verbergen. Diese war ohnehin sehr unzufrieden wegen Luisens Vergeßlichkeit, klagte, es sei gar nichts mit ihr anzufangen, und drang mit Ernst darauf, daß Luise, wenn nicht zu Ader, so doch schräpfen lasse. Die Spitalvögtin mißriet dies sehr. Sie sagte, ein Fall wie der, daß man Personen von diesem Aussehen geschräpft, sei ihr nicht vorgekommen, das könnte sie ja töten. Sie habe augenscheinlich zu wenig Blut und nicht zu viel, sie wäre sonst nicht so blaß; sie wette, sie habe die Auszehrung oder gar die galoppierende Bleichsucht. Da wäre nichts besser als ab Bocksbart zu trinken. Möchte nicht dabeisein, möchte ab diesem oder jenem Bocksbart ein absonderlich Trinken sein. Die Frau Seimeisterin war anderer Meinung. Sie hielt dafür, die Kost bei der Frau Spendvögtin sei nicht gut für Luise, die sollte nicht bloß Kaffee trinken, sondern tüchtig Fleisch essen, Brat- und andere Würste, gebratene Kartoffel, kurz, so was Währschaftes, Tüchtiges; die Krankheit liege sicherlich im Magen, und wenn alle Glieder schwach würden, so wüßte sie nicht, warum nicht auch das Hirn schwachen und das Gedächtnis abnehmen müßte. Andere hatten andere Meinungen, schlugen andere Mittel vor, und da alle Tage die Konsultationen von vornen anfingen aber nicht zu Ende kamen, so blieb Luise einstweilen mit Schräpfen und Bocksbart verschont.

Diese Uneinigkeit kam Luise sehr zustatten, sonst hätte sich an ihr das Sprüchwort erwahren können: und . Wenn sie der Reihe nach alle Mittel hätte gebrauchen sollen, welche die Meisterinnen, Vögtinnen und Herrinnen ihr verordnet, das Ding hätte schlimm kommen können. Luise war krank, aber sie wußte allein, wo es ihr fehlte, aber wie helfen, das wußte sie nicht, und doch trieb sie der Instinkt der Selbsterhaltung, Heilmittel zu suchen. Dieser Instinkt geht zuweilen über alle Doktoren, er fordert Dinge, welche der Arzt auf das schärfste verboten hat, kalte Milch zum Beispiel in heißen Fiebern, und zum großen Erstaunen von männiglich weicht die Krankheit, und gesund wird der Mensch. Solcher Instinkt stellt sich aber zumeist nur ein, wenn die Krankheit den Höhepunkt erreicht hat, die Krisis naht, das Leben des Menschen in der Schwebe ist.

So war es wirklich auch mit Luise, sie war ein Schatten geworden, nur fiel es an ihr weniger auf, weil sie nie eine blendende Erscheinung gewesen. Und weiß Gott, wie manchen Tag Luise es noch gemacht hätte, wenn sie nicht eines Morgens früh zu Marei, der Magd, welche ihr wohlwollte, gesagt hätte: antwortete Marei. , stotterte Luise. , sagte Marei, frug Luise. «Ei nun so dann; wenn du diesen Morgen in die Metzg gehst, so geh doch zum Notar Stößli, er hat seine Schreibstube hinten am Waschhaus, und sage ihm, ich lasse meine Komplimente vermelden und ihn ersuchen, diesen Nachmittag zu mir kommen, es sei wegen Geschäften; wenn ich wohl wäre, so wäre ich zu ihm gekommen.» , sagte Marei trocken. Verdammt wunder nahm es Marei, was seine Jungfer mit dem wolle, wenn die Tante nicht daheim sei. Wie aber Luise zitterte und bebte, als Marei fort war, und wie gerne sie den Auftrag zurückgenommen hätte und wieder nicht warten mochte, bis Marei zurückkam und Bescheid brachte, ob er komme oder nicht! Er lasse sein Kompliment machen und werde, wenn nichts dazwischenkomme, sich einstellen, brachte Marei zurück. erörterte Marei unwillig und erwartete als Trinkgeld und Botenlohn weitere Eröffnungen. Aber umsonst. Luise seufzte nur, ward bleich und rot, und Marei mußte brummend sich schieben.

Beim Mittagessen brachte Luise keinen Bissen hinunter, so daß es der Frau Spendvögtin angst wurde. , sagte sie, «wenn ich ihnen nicht die Partie verderben würde. Aber gewiß muß ernstlich dazu getan sein. Sie mögen sagen, was sie wollen, sicher wäre Schräpfen am besten. Jedenfalls muß morgen der Arzt kommen. Marei, hörst, gehe und sage dem Doktor Habicht: ich lasse das Kompliment vermelden, und morgen solle er kommen, wenn er könne.» Luise protestierte umsonst. Es werde schon bessern, sagte sie, es sei nur vorübergehend usw. Die Tante bezeugte das Gegenteil und vertiefte sich so in das Thema, daß es Luise katzangst wurde, die Tante vergesse die Frau Seckelmeisterin und die Partie Boston, treffe mit Notar Stößli unter der Haustüre zusammen und frage barsch: Nun, diese Angst ging glücklich vorüber, Tante segelte ab und zwar mit geschwellten Segeln; die andern saßen sicher bereit hinter dem Spieltisch, denn schon hatte es ein Uhr geschlagen. Die Spendvögtin wußte, welch scharf Gericht von Vorwürfen über solch unverantwortliche Verspätung sich ergoß.

Kaum war diese Angst gehoben und die Tante verschwunden, kam Luise die Angst vor dem Erscheinen des Notars und zwar so heftig, daß sie zu ersticken meinte und ihr sonst so stilles Herz polterte, als plumpste eine zweizentrige Köchin Tritt für Tritt eine hölzerne Treppe hinunter. Und wie das Herz am stärksten plumpste, klopfte es an der Türe. Die Stimme versagte Luise, die Glieder zitterten, vom Sofa konnte sie sich nicht erheben. Da öffnete sich die Türe, und ein schön Gesicht schob sich durch die Spalte, eine schöne Figur kam nach, und leibhaftig stund Notar Stößli vor Luise, verbeugte sich zierlich und frug womit er dienen könne, oder ob er etwa ungelegen komme. , hauchte Luise, tat einen tiefen Atemzug, zeigte auf einen Stuhl und sagte endlich: Mit schönen Redensarten drückte der Notar sein Bedauern aus und begann zu vermuten, warum er gerufen worden. , hauchte Luise, und Herr Stößli mußte sich ganz nahe setzen, um zu verstehen, was Luise hauchte. «Es wäre mir eine Erleichterung, wenn ich wüßte, in welche Hände mein klein Vermögen käme, nahe Verwandte habe ich nicht. Aber ich weiß nicht, wie dieses machen, ich habe mein Lebtag kein Testament gesehen und weiß nicht, wie eins aussieht. Da habe ich gedacht, ich könnte Sie fragen, Sie wüßten es am besten. Zu Ihnen hätte ich das Zutrauen, mehr als zu niemand sonst. Tante soll nichts davon wissen, es schmerzte sie viel zu sehr, wenn sie wüßte, wie weit es mit mir ist.» Erschöpft schwieg Luise, und dienstfertig, nachdem er noch einmal erst sein Bedauern, daß sie so unwohl sei, und dann seine Hoffnung, daß sie doch nicht so unwohl sei als sie glaube, ausgedrückt hatte, begann Herr Stößli ihr die notwendigen Formalitäten auseinanderzusetzen, und wie ein Testament beschaffen sein müsse, um gültig zu sein. Das sei keine schwere Sache, sagte er; wenn man einmal wisse, wie man disponieren wolle, so sei die Sache bald geschrieben. Am besten freilich sei es immer, wenn die Zeit es erlaube, man mache erst seinen Aufsatz, gebe seinen Willen dem Notar kund, der könne die Sache gehörig zu Faden schlagen, es gehe dann um so schneller, wenn die Sache gültig ausgefertigt werden solle, und sei für die Zeugen und den Testator äußerst angenehm. Wenn es der Jungfer Luise wohl genug sei und sie das Vertrauen zu ihm habe, so könnte er ihr gleich einen flüchtigen Entwurf machen; wenn man es auf dem Papier habe, so komme einem das eine oder das andere in Sinn, man übersehe das Ganze besser. Der Notar wußte, daß, wenn man einen Fisch vor dem Garn habe, es am besten sei, nicht zu rasten, bis man ihn darin hat. Vielleicht nahm es ihn auch wunder, worüber Jungfer Luise, von deren Vermögen er nie was gehört, eigentlich zu testieren habe.

Der Vorschlag hatte Luise ganz rot gemacht, wieder eng ward es ihr auf der Brust, mit Mühe sagte sie: sagte Herr Stößli, nahm aus seiner Brieftasche das nötige Schreibzeug und schrieb kürzlich den schönen Eingang, wie man seine Seele der Gnade Gottes empfehle, sein zeitlich Gut aber in folgende Hände geben wolle. Luise weinte, als er ihr das vorlas. Er wolle es noch schöner machen in der Ausfertigung, sagte Herr Stößli, das sei nur so oberflächlich hingeworfen. , mahnte Herr Stößli. , sagte Luise. , stotterte Luise. , dachte Herr Stößli, frug Herr Stößli. Sie hätte ihm nie anders gesagt als Berg, sagte Luise. Und weiter frug Herr Stößli, und Luise, welche nach und nach auflebte, machte Vergabung um Vergabung und zwar stattliche, daß Herr Stößli endlich sagte, er müsse mahnen nach seiner Pflicht, der Armen zu gedenken, und alsobald bedachte Luise die Armen ihrer Gemeinde mit zweitausend Gulden. Man müsse sich immer in acht nehmen, sagte Herr Stößli, daß man durch zu viele Vergabungen den Haupterben nicht in Verlegenheit setzte; dadurch könnten fatale Geschichten entstehen. , antwortete Luise. Ganz ehrerbietig sagte Herr Stößli: , setzte er mit großer Teilnahme hinzu. Wenn sie wolle, sagte er, so wolle er ihr den Entwurf da lassen; sie könne ihn übersehen und bedenken und allfällige Änderungen ihm später diktieren. Wann es Jungfer Luise gelegen sei, daß er wiederkomme? Luise bestimmte den Tag, am selben war die Tante bei der Seckelmeisterin, und dankte herzlich Herrn Stößli für seine Gefälligkeit, stund auf, wie sehr er auch bat, doch ja sich zu schonen, und begleitete ihn bis zur Türe, wo ein recht inniger und herzlicher Wettstreit, welcher sie um vieles näher brachte, stattfand, wie weit die Höflichkeit gehen solle.

So rosig und süß im Gemüte war es Luise noch nie gewesen; was sie im Herzen getragen, war nun vor ihr gesessen ganz freundlich und herzig und wollte wiederkommen; es war, als ob ihr Blut ein anderes würde, ein ander Leben einziehe in ihren Körper. Aber auch im Herrn Notar ging eine Veränderung vor. Er machte sehr emsthafte Mienen, war zerstreut, rechnete zu Hause allerlei, sein Subjekt wußte nicht was, schüttelte den Kopf, lächelte, kurz, er machte eine Menge Manövers, welche man an ihm zu sehen sonst nicht gewohnt war. Er mochte den Tag gar nicht erwarten, an welchem die Tante bei der Frau Seckelmeisterin war und er Luise besuchen konnte. Er fand sie viel besser als das letztemal. Sie kam ihm entgegen, redete lauter, schien überhaupt an Kräften zugenommen zu haben. Das erfreute sichtlich Herrn Stößli, gut wußte er seine Freude auszudrücken, eine innige Teilnahme an den Tag zu legen, schob selbst das Beraten des Entwurfes für heute auf und füllte die Zeit so interessant aus, daß sie unbemerkt vorüberrauschte wie im Himmel. Das nächste Mal, als Herr Stößli wiederkam, war man schon ganz heimelig, aber Luise hustete mehrere Male. , dachte Herr Stößli, Er wurde noch viel liebenswürdiger, und in Luise gingen Adern auf, welche bisher ganz verpicht waren. Sie sprach gut, machte selbst Witz, und zu seinem Erstaunen fand Herr Stößli sie tief gebildet, nicht bloß so oberflächlich. Sie sprach von Grundsätzen und Bildung, hatte die besten Bücher gelesen, sogar vom von Sue gehört, redete von Lebenszwecken und vom Vorabend einer neuen Zeit, daß Herr Stößli fast Hören und Sehen verging. Eine solche Bildung, eine so innige Harmonie mit den Grundgedanken seiner Seele war ihm noch nie vorgekommen. Es war an Herrn Stößli, verlegen zu werden gegenüber einem Mädchen von solchem Vermögen, solcher Bildung, solcher Bescheidenheit obendrein, als er auch einen Lebenszweck erreichen wollte, als er Luisens Hand ergriff, als er sich zärtlichst vor ihr beugte, als er sagte: «Ach, Jungfer Luise, ich wage es nicht. Schon lange suche ich umsonst eine Gefährtin nach meinem Sinn, mit der ich glücklich zu werden hoffen darf, mit Bildung und Grundsätzen, mit einer Seele, welche mich und die Zeit versteht. Jetzt, wo ich eine solche finde, jetzt darf ich mich nicht aussprechen, darf nicht hoffen, daß sie mein bescheiden Los mit mir teilt. Luise, ach, soll der glücklichste Zeitpunkt meines Lebens, wo ich Sie kennen lernte, mein unglücklichster werden?» Er zog mit der einen Hand das baumwollene Foulard, wischte die Augen, mit der andern Hand drückte er zärtlich Luisens Hand. Luise entzog ihm ihre Hand nicht, und mit der andern griff sie auch zum Schnupftuch, aber wischte sich nicht bloß die Augen, sondern begann zu weinen ganz erbärmlich. Herr Stößli war sehr erschrocken und im Ungewissen, was das bedeuten solle; er tröstete, er drückte, er schlang den Arm um sie so zart und artig, wie nur ihm gegeben war, und doch weinte Luise fort und zwar immer erbärmlicher, daß es fast krampfhaft wurde und sie nach Luft schnappen mußte.

Endlich kam sie zu Worten und schluchzte, sie sei ein armer Tropf. Niemand liebe sie ihretwegen, sondern bloß, wenn man meine, sie hätte Geld. Sie wisse wohl, sie sei nicht hübsch, nicht jung, sie hätte nichts als ein gutes Herz, meine es so wohl mit den Menschen. Das tue ihr so weh, daß es niemand gut mit ihr meine, niemand sie selbst liebe. Das sei es, was ihr noch einmal das Herz breche, was ihr jetzt so wehe tue. Da wischte Herr Notar Stößli noch einmal so kräftig und heftig seine Augen und sagte, solch Mißtrauen werde sie doch nicht in ihn setzen, und womit er es verdient hätte? Nach ihrem Gelde frage er nichts. Aber ihre Seele, welche er erst jetzt kennen zu lernen das Glück gehabt habe, habe ihn überwunden; diese liebe er, mit dieser wolle er durch das Leben gehn, sie solle ihm Belohnung sein für seine Verdienste ums Vaterland. Ihr vertrauend sein hohes Streben, wisse er, sie verkenne ihn nicht, und ihr könne er aufschließen die Falten seines Herzens und werde von ihr verstanden werden. Nein, solchen Verdacht solle sie nicht haben, es sei schrecklich; er versichere sie, so gewiß er Notar sei, ans Geld hätte er nicht gedacht, er wollte lieber, sie hätte es nicht. Er hätte Verdienst und Aussichten, welche ihn gar nicht aufs Geld sehen ließen, er könne eine Frau ernähren standesgemäß und Kinder erziehen. frug Luise kleinlaut. , sagte Herr Stößli, rief er pathetisch aus.

Da tat sich plötzlich die Türe auf, die Frau Spendvögtin trat herein mit zornigem Gesicht und sagte: Luise fiel vor Schreck ganz zusammen, aber ein Notar faßt sich, weiß manchmal sogar dem Unerwarteten zu begegnen. sagte er, wiederholte die Spendvögtin. frug Frau Spendvögtin. «Verzeiht, Frau Spendvögtin, ich bin in ehrlichen Absichten da. Ich suchte schon lange eine Frau nach meinem Sinn, endlich habe ich das Glück, Jungfer Luise zu finden; ich habe die Hoffnung, sie sei mir nicht ungeneigt; wenn die Frau Spendvögtin ihre Einwilligung gibt, so wird Jungfer Luise keinen Anstand mehr nehmen, mir ihre werte Hand zu geben und mich zum glücklichsten Menschen zu machen.» eiferte die Tante. sagte endlich Luise, , sagte Herr Stößli, «und hörte dort soviel Gutes von Jungfer Luise, und meine Neigung wurde so bestärkt, daß ich so frei war, um ihre Hand anzuhalten, und habe soviel Hoffnung, wenn Luisens zweite Mutter ihr nicht abgeneigt ist, daß auch Jungfer Luise mich nicht verstoßen wird.» , fuhr Tante auf, , sagte Luise, , sagte Herr Stößli, der Verdacht witterte, «Ihr seid ein dummer Mensch! Meint Ihr, ich wolle Einsprache machen? Ich rede ja Euretwegen. Was wollt ihr so mit einer kranken, vergeßlichen Frau, und was soll Luise mit einem Mann, wo nicht viel Rares sein muß, weil er keine andere bekömmt, hier einschleicht wie ein Dieb in der Nacht? Wenns erzwängt sein muß, so erzwängts, aber ich will nicht geplagt sein, mich laßt in Ruhe!» , sagte Herr Stößli, ich Jungfer Luise habe, so frage ich niemand anderm was nach! Ich bin Manns genug, dafür zu sorgen, daß sie niemand weiter zu plagen braucht. , sagte Frau Spendvögtin.

Da legte sich Luise zwischen die Hadernden, besänftigte die Tante, welche hauptsächlich das Unerwartete in Harnisch gebracht hatte, daß sie endlich zum Bescheid kam, man wolle sehen, in einigen Tagen könne er den Bescheid holen. Herr Stößli ließ sich das gefallen, doch bat er dringlich, daß man sein Geheimnis bewahren möchte. Der Mensch hatte sehr Angst, es könnte lhm etwas dazwischenkommen, und der Frau Spendvögtin traute er am allerwenigsten, er wußte wohl warum, sollte sie doch Haupterbin sein. Er war daher schon am folgenden Tag wieder da, fand die Tante geneigter und manierlicher, denn sie hatte nichts Böses von ihm vernommen. Er sei arbeitsam, hieß es, weniger ausschweifend als andere, werde seinen Weg machen. Dagegen war Luise wieder schüchterner, zurückhaltender, hüpfte ihm nicht entgegen, fiel ihm auch nicht um den Hals, wie es einer halben Braut eigentlich geziemt hätte. Sie schlug die Augen nieder, hustete viel und redete leise, leise wie Windeshauch.

Desto feuriger und pressierlicher war der Notar, daß die Frau Spendvögtin große Augen machte. Der Spendvogt selig sei nicht einer von den Geduldigsten gewesen, aber so hätte er doch nie getan, dachte sie. Indessen konnte sie nicht sagen, daß ihr dieses so übel gefiel; sie dachte, wenn dies neue Mode sei, so sei es eine von denen, welche sie sich am Ende noch gefallen ließe, wenn es sein müßte. Sie redete von Luisens Kränklichkeit, und gut Ding wolle Welle haben, aber nicht mit dem Nachdrucke, welchen man sonst an einer Spendvögtin gewohnt ist. Luise war seltsam, war wie ein Kind, welchem man darbietet, was es von ganzem Herzen gewünscht, glüht vor Glut und Freude und doch zittert und bebt und die Hand nicht darnach auszustrecken wagt. Aber Notar Stößli setzte nicht ab, setzte Leib und Leben ein für die Reinheit seiner Liebe, und daß es Luisens Seele sei, ihre Bildung und Grundsätze, welche seine Seele erfaßt mit Himmelsgewalt. Entweder oder! Entweder Luise oder sterben! Wir fragen, wer hätte da widerstehen können? Wo wäre wohl auf Erden eine Luise so mörderisch und grausam, den Tod eines Menschen zu wollen und noch dazu eines so schönen und gutgesinnten, wie Herr Notar Stößli war? Sie sagte ja, und im lodernden Glück ihres Glücklichen verlor sich ihr Zittern und Beben, sie ward glücklich, sie glaubte an seine reine, schöne Liebe; denn wenn dem nicht zu glauben war, wem sollte man noch glauben auf der Welt? Und glücklich war Herr Stößli selbst, bis in die Ellbogen schien das Glück zu fahren, die Steifheit auszutreiben, sie in lieblichen, zarten Schwingungen auf und nieder, hin und her zu schaukeln. Aber ungeduldig war er nicht weniger, und wenn es irgend zulässig gewesen wäre, er hätte Luise noch selben Tags an den Arm genommen, und der Pfarrer hätte ihn kopulieren müssen. je größer das Glück, desto größer sei die Angst, es zu verlieren, sagte er; das sei verzeilich, sagte er. Ja, ja, sagte Frau Spendvögtin, sie begreife es; ihr Spendvogt selig sei jedoch nie so ungeduldig gewesen, es seien aber damals auch noch nicht so schlechte Leute gewesen wie jetzt. Herr Stößli drang darauf, alsbald das Aufgebot zu bestellen, und dreimal brauche es nicht zu geschehen; er habe Bekanntschaften, welche sich eine Freude daraus machen würden, ihm für ein oder gar zwei Male Dispensation zu verschaffen. Alles, was man dagegen sagte, widerlegte er bündig. Alle Vorbereitungen fand er überflüssig, ihre Bedenken natürlich, aber nicht gegründet, und Luise mußte sich fügen, mußte sich verkünden lassen, der Pfarrer mußte die Verkündigung in Luisens Heimatsgemeinde besorgen; der Notar sorgte für Dispensation, und die Spendvögtin wußte gar nicht, wo ihr der Kopf stund, und für was sie sorgen sollte. , das dachte sie.

Begreiflich machte diese Heirat großes Aufsehen. In der Kirche noch, in welcher das Aufgebot geschah, ging das Reden an, und solange selben Sonntag ein Auge offen war, eine Zunge sich noch regte, ward die Luise und der Stößli verhandelt. Die Leute zerbrachen sich die Köpfe, wie das zugegangen. Daß Luise ihn nehme, sei begreiflich, aber daß der hochmütige Stößli da angebissen, gehe über das Bohnenlied; entweder sei er ein Narr oder hineingesprengt worden. Die Sage geht, an selbem Sonntag, an welchem Luise aufgeboten worden, sei manche Garderobe gemustert worden unter dem kurzen Selbstgespräch: « He nun so dann, wenn die noch einen bekommen, so ist für mich die Hoffnung nicht verloren, bin doch noch eine andere als die. Ich muß frisch dran hin, helf, was helfen mag! Aber wissen möchte ich, was die angefangen, vielleicht wäre das Mittel auch für andere gut.»

Die Freunde brüllten Herrn Stößli ohne viele Komplimente an: und wie es Fragen dieser Art die Menge gibt. Dann machte Herr Stößli ein fein Gesicht und lächelte höhnisch. Jeder hätte seinen eigenen Geschmack, sagte er, und gerade die gefalle ihm und keine andere, sie sei häuslich und arbeitsam, und er hätte Freunde genug, welche durch ihre schönen Weiber in Schulden kämen, zu Bettlern würden ob goldenen Armbändern und seidenen Röcken. Die verstehe die Haushaltung und werde nicht begehren, an jeder Partie zu sein; und wenn sie schon nicht sieben seidene Röcke hätte, würde sie doch zufrieden sein.

Wenn die Freundinnen sich an Luise machten, so fanden sie diese im Glücke schwimmen, und wenn sie Aufschluß begehrten: so gaben Antworten nicht genügenden Aufschluß. Sie seien zusammen an Julias Hochzeit gewesen, sagte Luise, daher die Bekanntschaft. Daß ein Mann wie Herr sie Ausreißern, das begreife sie selbst nicht, sie müsse das Gott zu verdanken haben. Sie könne nichts als ihm danken und sich schämen über das unverdiente Glück. Wenn sie mit Schämen zu solchem Glück käme, dachte manche, welche diese Antwort vernahm, sie wollte noch heute anfangen, sich zu schämen und zwar bis ins blutige Herz hinein und bis in den tiefsten Boden hinab.

Wie bekannt, geht, wenn zwei zusammenkommen, der Teufel umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welches er verschlinge, oder er kriecht herum und sät Unkraut in der Nacht, daß, wenn es Tag wird, voll Dornen und Disteln das Liegegeld steht. Natürlich tat er es hier auch, aber hell umsonst, weder mit Brüllen noch Schleichen brachte er was ab; denn als endlich der Tag anbrach, an welchem Herr Stößli seine Luise und die Frau Spendvögtin zur Hochzeit führte, denn sie wollten im stillen Hochzeit haben, ganz heimelig, waren sie alle noch gleich glücklich, ja, Luise schöner als sie in ihrem Leben nie gewesen war. Ihr herrlicher Notar hatte ihr so oft gesagt, daß sie sein ein und alles, sein Leben und seine Freude sei, daß in dem guten Mädchen ein gewisses Selbstbewußtsein erwacht war, welches ihr Mut und Haltung gab, sichern Blick und festere Stimme. Sie war eine andere, wenn man sie ansah; erst jetzt sah man, daß ihr Gesicht auch Züge hatte, daß Augen darin waren und zwar nicht so üble. Katzen tun bekanntlich am neunten Tage die Augen auf. Luise war dreimal neun Jahre alt geworden, ehe sie diese Kunst lernte. Hörte man sie reden, so war Sinn in ihren Worten, worüber nicht bloß die Spendvögtin erstaunte, sondern auch der Notar, welcher von Amts wegen und sonst nicht gewohnt war, mit Worten umzugehen, welche allemal Sinn hatten. Man sagt immer, Lebloses könne der Mensch nicht beleben, sondern bloß Gott könne es, und doch war es der Notar Stößli, welcher Luise belebt hatte. Hatte er nicht Ursache, stolz zu sein und zwar wie ein Gott?

Sie verbrachten einen hellen, glücklichen Tag, hatten große Freude aneinander, keine Wolke stand am Himmel, kein Unfall begegnete ihnen, sie hatten ein sehr gut Mittagessen, bekamen eine billige Zeche, und die Wirtin hatte der Frau Spendvögtin ihren Spendvogt noch gekannt, erzählte ihr, wie derselbe ein braver Herr gewesen und allen Leuten lieb und so ein lustiger, Gspäßlein habe keiner gewußt wie er; wie sie alle so sein sollten, aber nicht mehr so seien, absonderlich jetzt. Der Tag verrann, sie wußten nicht wie, viel kürzer als wenn große Gesellschaft gewesen wäre, wo es so oft geschieht, daß, je größer die Gesellschaft ist, desto weniger man was miteinander anzufangen weiß.

Da in der Eile Herr Stößli keine anständige Behausung herstellen konnte – bisher hatte er nur ein Bureau gehabt und Kost und Logis in einem Wirtshause – so hatte Tante Spendvögtin, zum heillosen Ärger der Verwandten, dem jungen Ehepaar Platz in ihrem Häuschen gemacht für einstweilen und Marei, die Magd, große Freude daran gehabt. Sie hielt ziemlich reinen Mund, dafür aber machte sie Augen, in welchen jeder, der diese Gschrift versteht, lesen konnte:

Sie waren jedoch eigentlich inkognito daheim, die Welt glaubte sie auf Reisen, darum waren sie auch ungestört, und Herr Stößli besuchte sein Bureau nicht, sondern war ebenfalls daheim. Als sie am folgenden Morgen gefrühstückt in aller Behaglichkeit und ganz glücklich, jede Partie in ihre Appartements sich zurückgezogen hatte, wie es in allen hohen Häusern, namentlich in den englischen, Sitte ist, die Frau Spendvögtin in die Küche, um mit Marei das Mittagsmahl abzuraten und welches Kraut am nötigsten zu brauchen sei, das junge Ehepaar in seine zwei Stübchen, um etwas aufzuräumen und jedes Ding an seinen Ort zu tun, sagte Herr Stößli, der das Bureau aufgeschlossen hatte und Schubfächer musterte: Potz Türk, das war ein Schlag, nicht aus heiterm Himmel, Luise hatte schon lange davor gebebt, jedoch den Gedanken daran bestmöglichst in Hintergrund geschoben, sich immer damit tröstend, ihr Stößli frage ja gar nichts nach Geld und Gut wie die gemeinen Notaren und andere Menschen, er habe eine zu edle Seele und sei viel zu hoch gesinnt, er habe es ja selbst gesagt. Als aber jetzt die Frage so plötzlich kam, wäre doch die Luise in den Boden gefahren, wenn sie nicht erstarket gewesen wäre und zwar auffallend für so kurze Zeit. , sagte Notar Stößli. «Es ist mir nur, um eine Übersicht zu haben, du kannst mirs ja aus dem Kopf angeben. Von wegen ich muß auch dem Vogt schreiben und ihn mahnen, daß er mir das Vermögen übergebe. Der hätte sich schon lange rühren sollen. Aber auf dem Lande nimmt man so was kaltblütig, und das Rechnung geben wird ihm nicht pressieren. Enfin, man kann ihm Beine machen! Komm, sitz, Schatzeli, und gib mir an, was du weißt!»

Da nahm sich Luise zusammen; einmal müsse es doch sein, dachte sie. , sagte sie. stotterte Notar Stößli. , sagte Luise, «aber nicht im Ernste. Du sagtest, es wäre dir lieb, einen Entwurf zu machen, so lernte ich am besten, was man in ein Testament tun müsse. Ich durfte es nicht abschlagen und schämte mich, meine Wenigkeit anzugeben, und weiß Gott, ich weiß nicht, wie mir die Sache in den Mund kam, ich begreife es noch jetzt nicht, gab nun an, was kam. Ich dachte, es hätte ja nichts zu bedeuten. Ich wollte es dir schon öfters sagen, aber dann kam immer etwas dazwischen, und am Ende dachte ich, du hättest es vergessen, und so vergaß ich es auch.» schrie Stößli, der Notar. Da kam es so dick, daß es dem Herrn Stößli im Halse stecken blieb und er fast erstickt wäre. «Ach mein Gott verzeih mir das, ich meinte es sicherlich nicht bös, und Geld hin, Geld her, bin ja deine Luise, und wie oft hast du mir nicht gesagt, du wolltest den rechten Daumen geben, wenn ich keinen Kreuzer hätte, nur damit ich sehen könnte, wie lieb ich dir sei, und daß du mich nicht wegem Geld nehmest. Jetzt sei doch auch nicht bös, du hast einen schönen Verdienst, ich habe nicht nichts, und Tante Spendvögtin ist ja so gut!» , schrie Stößli, der Vaterlandsfreund. , schluchzte Luise; «es war mir, wenn ich dich nur sehen, mit dir reden könnte, wollte ich gerne sterben. Da wußte ich mir nicht anders zu helfen, als dich kommen zu lassen wegen einem Testament, andern Vorwand hatte ich nicht. So kam es, wie es kam. Verzeih mir, Stößli, um Gottes willen! Sieh, ich will dich auf den Händen tragen, dir dienen besser als eine Magd, du sollst dich dein Lebtag nicht reuig werden, sollst glücklich sein.» schrie Stößli, Er war schrecklich in seinem Zorn, Notar Stößli, fast wie Achilles, wenn es ihn recht ankam. Zu ihrem großen Erstaunen hörte Tante Spendvögtin das zornige Getöne und sagte: «Ho, ho, der fängt früh an, mein Spendvogt selig wartete doch drei Wochen, ehe er seine Hörnchen zeigen wollte, aber er war froh, sie einzuziehen. Die Hauptsache ist immer die, daß man sich nicht fürchtet. Will gehn und sehn, vielleicht weiß dies Luise noch nicht recht.»

Es ging lange, bis der Handel der Frau Spendvögtin klar wurde. Als sie ihn endlich faßte, wußte sie lange nicht, sollte sie schelten oder lachen. , sagte sie, als sie was daran begriff, «was stellst du an! Wie konnte dir das in Sinn kommen? Schämtest dich nicht? Kein Wunder, war Herr Stößli plötzlich so versessen auf dich. Konnte nicht begreifen, wie du es ihm angetan, aber mit Speck fängt man die Mäuse. Konnte das Pressieren nicht begreifen, aber gedacht wird er haben, er wolle dich sichern, ehe der Tod oder sonst jemand dich ihm wegschnappe. So, und mich ums Haupterb bringen wollte er. Eine saubere Geschichte ist das! Wie werden die Leute eine Freude haben, das ist ein Fressen für sie. Jetzt, was machen?» So redete die Spendvögtin, und die andern redeten auch, und aus dem Knäuel der Worte tönte nur das Wort des Herrn Stößli. , sagte die Frau Spendvögtin. «Eher an Tod hätte ich gedacht, als daß Luise so was einfiele, aber stille Wasser sind tief, heißt es. Wie es gemeint war, daraus wird der Kuckuck klug. Aber dSach ist jetzt so, und drum würde ich mich drein schicken, so bös ist es eigentlich nicht gegangen.»

Nun setzte die Spendvögtin Herrn Stößli auseinander, wie er für sein Lebtag zum Gespött würde, wenn er die Sache bekannt werden ließ, das wäre keine Rekommandation für ihn. Er habe ja auch gefehlt und heiraten wollen, um zu erben oder doch ums Geld. So übel sei es ihm auch nicht gegangen, ohne Geld sei Luise nicht, allweg nicht dumm, wie er habe merken mögen, eine Haushälterin sei sie wie selten eine, wie es scheine viel gesunder, als man in der letzten Zeit hätte glauben sollen. Mache er ein gut Gesicht zur Sache, so bleibe sein Kredit. Luise werde allem aufbieten, ihn glücklich zu machen, und sie wolle auch ein Einsehen tun. Herr Stößli war zu sehr Notar, als daß ihn diese Rede nicht hätte zum Verstand bringen sollen. Nach einigen heftigen Ausrufungen begann er zu kapitulieren und zwar nicht unter gar erschwerenden Bestimmungen, da er begriff, daß Luise die Lacher auf ihrer Seite hätte. Luise, welche es schmerzte, den Schmelz von der edlen Seele ihres Stößli so schnell abgewischt zu sehen und begreifen zu müssen, daß nicht sie, sondern das vermeintliche Geld ihm die Hauptsache gewesen, begriff doch auch, daß sie die erste Schuld an der Geschichte trage und gutmachen müsse mit ganzer Seele, ganzem Gemüte und aus allen Kräften.

Freilich legte der Sturm sich nicht plötzlich; wenn ein Gewitter weiterzieht, hört man noch lange die Wolken grollen, aber es ging viel besser, als man hätte glauben sollen, ein vollständiger Friede und gegenseitige Zufriedenheit stellten sich allmälig ein. Herr Stößli nahm zu an Kredit, Luise an der Fähigkeit, sich gehörig geltend zu machen. Herr Stößli kam zu bedeutenden Geschäften, seine Freunde fanden Luise verflucht gebildet und schätzten ihn glücklich, daß er eine Frau habe, mit welcher er ein vernünftig Wort reden könne. Sie stellten ein Paar vor, welches was galt in der Welt, so daß wirklich Stößli seiner Luise schon mehr als einmal bekannt hat, er wollte nicht, daß es nicht so gegangen wäre, daß Luise, wenn sie frägt: immer zur Antwort erhält: »Von ganzem Herzen, fast wie das Vaterland!«








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