Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Ernst >

Der Nobelpreis

Paul Ernst: Der Nobelpreis - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/ernstp/nobelpre/nobelpre.xml
typenarrative
authorPaul Ernst
titleDer Nobelpreis
publisherGeorg Müller
year1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090212
projectide132442d
Schließen

Navigation:

Der Nobelpreis

Von zwei Gesellschaften im Schloß des Herrn von Brake ist schon berichtet; bei der letzten wurde angedeutet, daß eine dritte Gesellschaft bevorstehe. Wir wissen ja nicht, welche Beziehungen Herr von Brake zur schwedischen Akademie der Wissenschaften unterhielt; wir möchten vermuten, gar keine, immerhin hatte er richtig gewahrsagt, daß sein Schwiegersohn den Nobelpreis bekommen werde.

Die drei Bücher, in welchen die Gesellschaften des Herrn von Brake erzählt werden, sind ja drei Novellensammlungen. Novellen sind Erzählungen von merkwürdigen Vorfällen, von Vorfällen, welche niemals völlig durch den Verstand zu erfassen sind und den unbegreiflichen Gewalten, mögen wir sie als Zufall bezeichnen, als göttliche Leitung, oder als innern Trieb, einen großen Spielraum lassen. Sie haben darin eine offenbare Ähnlichkeit mit den Preisverleihungen. Indem wir nun einen logischen Sprung machen, erklären wir, daß daraufhin die Geschichte vom Nobelpreis ein angemessener Rahmen für den dritten Novellenband ist.

Wir brauchen es nicht zu begründen, daß der Schwiegersohn des Herrn von Brake den Nobelpreis bekam, der Preis ist eigentlich für Dichter bestimmt, welche durch ihn von der lästigen Erwerbstätigkeit befreit werden sollen, damit sie ganz ihrer Arbeit leben können, haben ihn nicht wirkliche Dichter bekommen, wie Mistral, Pontoppidan und Heidenstam – die beiden ersten freilich immerhin bloß zur Hälfte – haben ihn die drei Männer nicht wirklich sehr gut brauchen können, und hat wohl je ein Mensch beansprucht, daß ein solcher Zufall begründet sein müsse? Nein, Zufall ist Zufall. Wir haben eine Novellensammlung vor uns, und wir müssen ohne weiteres glauben, daß der Nobelpreis gefeiert wird.

Die Räume, in denen so manche lustige und ernste Geschichte erzählt ist, sehen heute anders aus wie früher. Der Krieg hat nun schon über drei Jahre gewütet, wir gehen in den vierten Kriegswinter. Allen ist es deutlich geworden, daß es sich nicht mehr um das Dasein Deutschlands handelt, sondern um ganz Europa, daß nicht die Zukunft unserer Nachkommen entschieden wird, sondern die Zukunft der Menschheit.

Aber wollen wir ein trübes Gesicht machen in dieser furchtbaren Zeit? Wir bessern nichts durch Traurigkeit, wir schwächen nur unsern Mut. Es wird eine Geschichte erzählt von einem deutschen Jungen, der zu den Eingeladenen gehörte, welche die guten Holländer bei sich aufnahmen, um sie in den Ferien etwas aufzufüttern. Der Junge ist am Abend bei seinen Wirtsleuten angekommen und wird vor einen Tisch gesetzt, der sich biegt von Rollschinken und Röhrenschinken, von Mettwurst, Leberwurst, Rotwurst, Sülze, Schlackwurst und Bratwurst, von Sprotten, Bücklingen, Flundern und Spickaal, von Edamer und Limburger Käse, von Butter und Brot, Brot ohne Verlängerung, Brot aus reinem Roggenmehl, aus reinem Weizenmehl, Brot, wie es der Junge überhaupt noch nie mit Bewußtsein gesehen hat, denn vor dem Krieg war er noch zu klein, um sich zu erinnern. Der Junge wird also vor den Tisch gesetzt und haut ein; er haut ein, wie sein Vater in Flandern und Polen, in Italien und Serbien eingehauen hat. Die Holländer umstehen den Tisch und sehen ihm in freudiger Andacht zu. Der Herr der Familie fragt: »Ja, so gut hast du es doch jetzt zu Hause nicht?« Der Junge schluckt einen großen Bissen hinunter, befördert einen andern in die linke Backentasche und erwidert: »Was? Bei uns gibt es noch viel mehr.« Bei den Holländern entsteht allgemeine Heiterkeit. Der Vater sagt: »Es ist ja schön, Junge, daß du dein Vaterland hochhältst, aber, sieh mal, lügen darf man dabei doch nicht.« Der Junge sieht ihn prüfend an, besinnt sich, haut dann mit der Faust auf den Tisch und sagt: »Aber siegen tun wir doch.«

Wir wollen uns den Jungen zum Beispiel nehmen. In den ersten Monaten des Krieges reiste ein italienischer Berichterstatter bei unserm Heer und erzählte seinen Landsleuten, was er sah. Einen sehr tiefen Eindruck machte es ihm, daß unsere Soldaten, wenn sie von den schwersten Anstrengungen und Gefahren zurückgekehrt waren, am Abend zusammensaßen und lachten. Der Italiener dachte schaudernd an die blonden Barbaren, die einst das römische Reich zerstört hatten, und von denen seine Geschichteschreiber erzählen, daß sie auch so lachten. Seitdem hat sich das unglückliche Italien ja in diesen Krieg hineinbegeben, dem sein Volk nie gewachsen sein konnte, die Franzosen erschießen die italienischen Offiziere wegen Feigheit vor dem Feind. Wir wollen das vergessen, wir wollen an das Lachen unserer Leute denken. Wir werden von einem Feldherrn geführt, dem wir vertrauen; alle Einzelnen erfüllen ihre befohlene Pflicht; Änderungen unserer staatlichen und gesellschaftlichen Verfassung, welcher wir mißtrauen, können wir erst nach dem Krieg vornehmen, und erst nach dem Krieg wollen wir auch unsere Toten betrauern: solange der Kampf noch währt, wollen wir heiter sein.

Also Herr von Brake hat seinen Festsaal wieder geschmückt, die Gäste sitzen an der Tafel. Ein zierliches Mädchen mit weißer Schürze, auf dem Kopf ein leichtes Spitzenhäubchen, geht mit einem Teller herum und sammelt die Marken ein: »Zwei Brotmarken bitte, drei Zehntel Fleischmarken bitte,« sagt sie unermüdet zu jedem Gast; vergeblich sucht sich der eine oder andere um die Marken zu drücken durch einen Scherz oder durch Ausreden; das Mädchen gibt nicht nach und weiß durch Liebenswürdigkeit und Heiterkeit von jedem der Anwesenden seinen Beitrag zu bekommen.

Sollen wir uns in dieser Zeit den Mund wässerig machen? Also es beginnt eine Hühnersuppe, eine Hühnersuppe aus wirklichen Hühnern, nicht etwa aus Huhnersatz; die Hühner haben noch vorgestern ganz natürlich auf dem Hofe gescharrt und gekakelt; Herr von Brake hat sie auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, wie er sich ausdrückt, denn er hatte kein ordentliches Futter für sie, und da legten sie doch keine Eier, trotzdem der Herr Landrat sie in einer Verordnung bedräut hatte, in welcher er dreißig Eier von jedem Huhn verlangte, er hatte als Strafe nur angegeben, daß Herr von Brake keinen Zucker für das Beerenmus bekommen werde, und das hatte die Hühner ganz kalt gelassen, denn von dem Beerenmus wurde ihnen doch nichts abgegeben.

Also eine Hühnersuppe machte den Anfang, und was für eine Hühnersuppe! Man konnte die Fettaugen nicht zählen, die auf ihr schwammen. Die Fettaugen waren doppelt, waren dreifach so dick, wie man sie sonst sieht. Man löffelte, man zog ein Fettauge in den Löffel hinein; siehe da! Dasselbe Fettauge schwamm wieder auf dem Teller! Es hatte nur seinen Überschuß abgegeben. An den Rändern des Tellers, wo die Flüssigkeit wegen der Anhänglichkeit des Gefäßes etwas höher steht, sah man einen richtigen gelblichen Schimmer, das war auch Fett! Die Herrn strichen sich den Bart hoch, damit nichts von der kostbaren Flüssigkeit in den Haaren hängen blieb, damit alles dem Körper zugute kam, denn man spart jetzt das Fett, man weiß, was man vom Fett hat!

Man kann sich denken, daß eine solche Suppe gleich eine wunderbare Stimmung erzeugen mußte. Die Teller wurden fortgeräumt; alle waren behaglich durchwärmt, fühlten sich genährt und gestärkt, und ehe man es sich versah, war man denn so schon wieder in das Geschichtenerzählen gekommen.

Dieses sind nun die Geschichten des Nobelpreises:

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.