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Der Nigger vom Narzissus

Joseph Conrad: Der Nigger vom Narzissus - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJoseph Conrad
titleDer Nigger vom Narzissus
publisherS. Fischer Verlag
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1951
firstpub1923
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170215
projectide279544f
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III

Inzwischen lief der ›Narzissus‹ mit vollen Segeln aus dem stetigen Monsun hinaus. Durch einige Tage trieb er vor umlaufenden leichten Brisen langsam hin und schwang rund um den Kompaß. Während der kurzen, warmen Regenschauer schwenkten die Leute brummig die schweren Rahen von einer Seite zur andern und faßten mit Ächzen und Stöhnen die durchweichten Taue an, während die Offiziere mürrisch und regentriefend dabeistanden und unaufhörlich mit gereizter Stimme herumkommandierten. Während der kurzen Ruhepausen betrachteten sie mit Widerwillen die schmerzenden Flächen ihrer steifen Hände und fragten einander bitter: »Wer wollte wohl Seemann sein, wenn er Landmann sein könnte?« Alle Welt war übler Laune, und niemand hielt seine Zunge im Zaum. In einer dunklen Nacht war die Wachmannschaft, keuchend vor Hitze und halbersäuft vom Regen, durch vier mörderische Stunden von Brasse zu Brasse gehetzt worden; da erklärte Belfast, ›er wolle das Seefahren für immer sein lassen und auf einen Dampfer gehen‹. Das war natürlich übertrieben. Kapitän Allistoun, voll Selbstbeherrschung, äußerte betrübt zu Herrn Baker: »Es ist nicht so schlimm – nicht so schlimm«, wenn er durch endlose Manöver sein gutes Schiff in vierundzwanzig Stunden um sechzig Meilen weiter gebracht hatte. Von der Schwelle der kleinen Kabine sah Jimmy, das Kinn in die Hand gestützt, mit unverschämten und melancholischen Augen zu, wie wir uns schinden mußten. Wir sprachen lieb zu ihm – und sahen uns mit saurem Lächeln an, wenn wir aus seiner Sehweite waren.

Dann wieder eilte das Schiff, unter gutem Wind und klarem Himmel, flott den südlichen Breiten zu. Wir passierten die Höhe von Madagaskar und Mauritius, ohne einen Fleck Land zu sehen. An die Reservespieren wurden Extrabändsel gesetzt; die Luken wurden nachgesehen. Der Steward mühte sich in seinen müßigen Stunden mit trübem Gesicht, die Kajütentüren mit Waschleisten zu versehen. Mit großer Vorsicht wurden stärkere Segel ausgespannt. Und ängstliche Blicke richteten sich nach Westen, dem Sturmkap zu. Das Schiff geriet allmählich in eine südwestliche Strömung, und der sanft leuchtende Himmel der niedern Breiten über uns nahm von Tag zu Tag kälteren Schein an; er wölbte sich hoch und bleich über dem Schiff wie ein ungeheurer stählerner Dom, darin die tiefe Stimme der frischen Stürme widerhallte. Der Sonnenschein glitzerte kalt auf den weißen Kämmen der schwarzen Wogen. Unter dem kräftigen Atem der westlichen Böen legte sich das Schiff mit gekürzten Segeln leicht über, hartnäckig und folgsam. Es kreuzte hin und her in dem unablässigen Bemühen, sich gegen die unsichtbare Gewalt des Windes seinen Weg zu erkämpfen: es stürzte sich kopfüber in dunkle, schäumende Tiefen, erklomm die schneeigen Kämme hoher Wogenberge, rollte ruhelos von Seite zu Seite, wie ein Wesen in Not. Beharrlich und tapfer folgte es dem Willen der Menschen; und die schlanken Spieren, die unablässig in jähem Halbkreis pendelten, schienen vergebens zum stürmischen Himmel empor um Hilfe zu winken.

In der Gegend des Kaps war damals ein strenger Winter. Die Leute am Ruder kamen nach der Ablösung herunter, schlugen die Arme zusammen oder rannten stampfend auf und ab und hauchten in die rotgeschwollenen Finger. Die Deckwachen schützten sich so gut es ging vor dem beißenden, kalten Sprühregen oder krochen in geschützten Winkeln unter und verfolgten mit trübem Blick die hohen, unbarmherzigen Seen, die in unersättlicher Wut ein Mal ums andere über das Schiff wegfegten. Förmliche Wasserfälle rauschten über die Logistüre; wir mußten sie durchtauchen, um in unsere feuchten Kojen zu kommen. Die Leute kamen durchnäßt herein und gingen steifgefroren wieder hinaus, dem harten Gebot ihres ruhmvollen und dunklen Geschickes folgend. Weit achtern konnte man durch die Regenschleier die Offiziere sehen, die eifrig windwärts spähten. Sie standen bolzengerade in langen, wasserglänzenden Mänteln an der Reling und hielten sich grimmig fest. Mitunter, während der plötzlichen Schwankungen des hart arbeitenden Schiffes, wurden sie hoch über die verschwommene Kimm emporgehoben und hingen als reglose Silhouetten vor dem bewölkten Himmel.

Sie beobachteten das Wetter und das Schiff, um jeden sich bietenden Vorteil im Augenblick ausnützen zu können. Kapitän Allistoun verließ das Deck nie; es war, als gehörte er zur Schiffsausrüstung. Von Zeit zu Zeit arbeitete sich der Steward, frostzitternd, doch immer in Hemdärmeln, bis zu ihm durch und brachte Kaffee; die Hälfte davon blies der Sturm aus der Tasse, bevor noch der Alte sie an die Lippen gebracht hatte. Er trank den Rest in einem bedächtigen, langen Schluck, während die schweren Schauer lärmend auf seinen Gummimantel prasselten und die Sturzseen sich zischend an seinen hohen Stiefeln brachen; er ließ die Augen nicht von dem Schiff, verfolgte jede seiner Bewegungen mit spähendem Blick, wie ein Liebender die selbstlosen Mühen einer zarten Frau mit ansieht, die ihm die Welt bedeutet. Wir alle überwachten die Brigg. Sie war prächtig und hatte doch gewisse Schwächen. Darum liebten wir sie nicht weniger. Wir priesen laut ihre Vorzüge, prahlten damit voreinander, als hätte sie uns gehört – und begruben die Erkenntnis ihres einzigen Fehlers stillschweigend in unserer großen Zuneigung. Beim Dröhnen der Hämmer, die auf Eisen schlagen, in rauchverdüsterter Luft, unter einem grauen Himmel, an den Ufern des Clyde, war sie geboren. Der lärmende, trübe Strom ist die Wiege von manch Schönem, das dann hinaustreibt in die weite, sonnige Welt, den Menschen zur Freude. Auch der ›Narzissus‹ war von dem Stamm. Viele andere waren vielleicht vollkommener – doch die Brigg war unser und daher unvergleichlich. Wir waren stolz auf sie. In Bombay hatten sie ein paar dumme Landratten ›das hübsche graue Schiff‹ genannt. Hübsch! Ein armseliges Lob! Wir wußten, sie war das weitaus prächtigste Seeschiff, das je von Stapel ging. Und suchten zu vergessen, daß sie, wie viele gute Seeschiffe, mitunter ziemlich oberlastig war. Sie war anspruchsvoll und verlangte vorsichtig geladen und behandelt zu werden; und man konnte nie genau wissen, wieviel Vorsicht ausreichen würde. Doch haben nicht auch die meisten Menschen solche Fehler? Die Brigg kannte die anmaßende Unwissenheit der Menschen und strafte sie bisweilen durch heilsame Furcht. Wir hatten von früheren Reisen ungeheuerliche Geschichten gehört. Wenn etwa eine Pfanne umkippte oder sonst ein Unglück dieser Art ihm die Zunge löste, dann pflegte der Koch – der zwar dem Namen, doch nicht seinem Wesen nach ein Seemann war – düster vor sich hin zu murmeln, während er den Boden aufwischte: »Da, schau her, was sie wieder gemacht hat! Sie wird uns noch einmal alle ersäufen! Ihr werdet's sehen!« Worauf der Steward, der vielleicht eben in der Kombüse einen Augenblick von der aufreibenden Hetzjagd seines Tagewerks verschnaufte, philosophisch bemerkte: »Die es sehen, werden nicht davon erzählen können. Ich will's lieber nicht sehen.« Wir lachten über diese Ängste. Unsere Herzen flogen dem Alten zu, wenn er der Brigg hart zusetzte, um sie scharf im Kurs zu halten, wenn er zäh jeden Zollbreit behauptete, den er gegen den Wind erzwungen hatte, und das Schiff mit gerefften Segeln ungeheure Wogen schräg angehen ließ. Wenn ein Offizier den Deckdienst antrat und als ersten Befehl ein scharfes »Wache in Bereitschaft!« über Deck rief, dann drängten sich die Leute arbeitsfreudig achtern zusammen und bewunderten das wackere Schiff. Die Augen zwinkerten im Wind; Wassertropfen, salziger und bitterer als menschliche Tränen, hingen an den gebräunten Gesichtern; die Bärte waren durchnäßt und sahen aus wie feiner Treibtang. Die Leute waren unförmig verunstaltet: in hohen Stiefeln, helmartigen Südwestern und glänzendem Ölzeug tappten sie schwerfällig und unbeholfen herum und schienen für irgendein fabelhaftes Abenteuer gerüstet. Wenn die Brigg spielend eine turmhohe Sturzsee überwand, dann stießen sie einander mit den Ellbogen in die Rippen und murmelten mit verklärten Gesichtern: »Hat sie das nicht sauber gemacht!« Und wie auf Kommando fuhren alle Köpfe herum und bückten mit höhnischem Grinsen der enttäuschten Woge nach, die brüllend leewärts abzog, weißschäumend in gräßlicher Wut. Wenn das Schiff aber nicht schnell genug gewesen war, schwer getroffen wurde und sich unter dem Anprall zitternd überlegte, dann griffen wir hastig nach einem Halt, blickten zu den schmalen Streifen der triefenden Segel auf, die über uns wild schwankten, und dachten bei uns: ›Kein Wunder! Armes Ding!‹

Der zweiunddreißigste Tag nach der Ausfahrt aus Bombay ließ sich übel an. Gleich morgens drückte eine Woge die Kombüsentür ein. Wir stürzten durch wirbelnden Dampf hinein und fanden den Koch ganz durchweicht und höchlich entrüstet über das Schiff: »Sie wird alle Tage schlimmer. Jetzt möcht' sie mich schon vor meinem eigenen Herd ertränken!« Er war sehr ärgerlich. Wir beruhigten ihn, und der Zimmermann besserte den Schaden aus, obwohl er während der Arbeit zweimal weggespült wurde. Infolge dieses Zwischenfalles wurde unser Essen erst spät fertig, doch das machte schließlich nichts aus, denn Knowles, der es holte, wurde von einer Welle umgestoßen, und das Essen ging über Bord. Kapitän Allistoun, der härter und schmallippiger aussah als je, kaprizierte sich auf volle Topp- und Focksegel und wollte nicht einsehen, daß er damit von der Brigg zuviel verlangte und daß sie sogar – zum erstenmal, seit wir sie kannten – den Kopf zu verlieren schien. Sie wollte sich nicht mehr heben und bohrte sich ihren Weg eigensinnig mitten durch die Seen. Zweimal steckte sie, als wäre sie blind oder lebensmüde, die Nase bedächtig in eine mächtige Woge und überschwemmte das Deck von einem Ende bis zum andern. Während wir alle herumwateten, um einen wertlosen Waschbottich zu retten, bemerkte der Bootsmann in auffallender Verstimmung: »Heute nachmittag geht noch alles über Bord!« Der ehrwürdige Singleton brach sein gewohntes Schweigen und sagte, mit einem Blick nach oben: »Der Alte schimpft über das Wetter, doch ist es nicht gut, sich über die Winde des Himmels zu ärgern!« Jimmy hatte seine Türe natürlich geschlossen. Wir wußten, daß er es in seiner kleinen Kabine trocken und gemütlich hatte; und in unserer törichten Art freuten wir uns einen Augenblick lang dieser Gewißheit – und gleich darauf ärgerten wir uns darüber. Donkin drückte sich lauernd und unverschämt herum. Er murrte: »Ich kann da heraußen in dem nassen Zeug verrecken vor Kälte, und der schwarze Schuft sitzt im Trocknen auf seiner verfluchten vollen Kleiderkiste; Pest über ihn!« Wir beachteten ihn nicht und hatten auch kaum einen Gedanken an Jimmy und seinen Busenfreund. Für Gefühlsschwärmereien war es nicht der Augenblick. Segel und alle möglichen andern Sachen rissen sich los. Wir wurden naß und durchfroren auf Deck herumgeschwemmt, während wir uns bemühten, Schäden auszubessern. Das Schiff schlingerte und wurde wütend durchschüttert, wie ein Spielzeug in der Hand eines Tobsüchtigen. Gerade um Sonnenuntergang, beim Nahen einer dunklen Hagelwolke, gab's noch eine Hetze, um die Segel zu reffen. Die harten Windstöße kamen grob wie Faustschläge. Die Brigg, noch rechtzeitig von der Leinwand befreit, nahm sie herzhaft hin; sie legte sich unter dem wütenden Anprall widerstrebend über; richtete sich dann langsam und unwiderstehlich auf und reckte ihre Spieren der heulenden Bö in die Zähne. Aus dem abgrundtiefen Dunkel der schwarzen Wolke über uns strömte weiß der Hagel, rasselte im Tauwerk, sprang in Haufen von den Rahen ab und tanzte auf Deck herum in dem grollenden Aufruhr – rund und glänzend wie rieselnde Perlen. Das Wetter verzog sich. Einen Augenblick lang sandte uns noch die bleiche Sonne, dicht über die wogende See weg, ihre letzten trüben Strahlen zu. Dann brach eine wilde Nacht herein und löschte heulend jede Kunde von dem stürmischen Tag.

In der Nacht gab es keinen Schlaf an Bord. Die meisten Seeleute werden sich aus ihrem Leben an eine oder zwei solche Nächte eines vollwütigen Unwetters erinnern. Vom Weltall scheint nichts geblieben als Nacht, Wüten, Tosen – und das Schiff. Das treibt dahin wie ein letzter Splitter der vernichteten Schöpfung und trägt den verängstigten Rest der sündigen Menschheit durch das qualvolle Toben des rächenden Schreckens. Niemand schlief im Vorderkastell. An einer langen Schnur hing die rauchende Öllampe aus Zinn und beschrieb weite Kreise; nasse Kleider hoben sich in dunkeln Flecken von dem glänzenden Fußboden ab, über den ab und zu eine kleine Wasserwelle rann. In den Kojen lagen die Leute in Stiefeln und stützten sich mit offenen Augen auf die Ellbogen. Aufgehängte Gummimäntel schwangen lebendig und beängstigend hin und her, wie die verwünschten Geister enthaupteter Seeleute, die im Unwetter tanzen. Niemand sprach; alle lauschten. Draußen mischten sich die seufzenden, klagenden Stimmen der Nacht mit einem unaufhörlichen lauten Rollen, das wie das ferne Wirbeln ungezählter Trommeln klang. Kreischen tönte durch die Luft. Furchtbare dumpfe Schläge ließen das Schiff erzittern, während es unter der Wucht der Sturzseen rollte, die auf Deck niederstürzten. Von Zeit zu Zeit schnellte es hoch, als wollte es diese Erde für immer verlassen – und fiel dann wieder, endlose Augenblicke lang, durch leeren Raum, daß alle Herzen an Bord stillestanden, bis ein furchtbarer Ruck – erwartet und doch plötzlich – sie wieder lospochen ließ. Nach jedem schütternden Stoß des Schiffes seufzte Wamibo, der lang ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem Kissen lag, gequält und leise auf. Dann und wann platzte ein wilderer Aufruhr los, und das Schiff blieb durch den Bruchteil einer unerträglichen Sekunde auf der Seite liegen, zitternd und ruhig – in einer Ruhe, die schreckensvoller war als die heftigste Bewegung. Dann ging es wie ein Zucken durch alle die hingestreckten Körper, ein Schauer der Erwartung. Einer streckte vielleicht ängstlich den Kopf vor, und ein wildes Augenpaar glänzte durch das trübe Licht. Andere bewegten die Beine, als wollten sie sich zum Herausspringen vorbereiten. Viele aber lagen regungslos auf dem Rücken, klammerten sich mit einer Hand fest, rauchten in kurzen, hastigen Zügen und starrten zur Decke – wie versteinert in der flehenden Bitte um Frieden.

Um Mitternacht wurde der Befehl gegeben, die Vormars- und Kreuzmarssegel festzumachen. Mit ungeheurer Anstrengung krochen die Leute, trotz des wütenden Rüttelns, hinauf, bargen die Segel und krochen zu Tode erschöpft wieder herunter, um in keuchendem Schweigen dem grausamen Anprall der Wogen standzuhalten. Vielleicht zum erstenmal in der Geschichte der Handelsmarine verließ die Wachmannschaft nach der Ablösung das Deck nicht – als würde sie durch eine magische Gewalt dort festgehalten. Bei jeder schweren Bö wisperten die zusammengedrängten Leute einander zu: »Es kann nimmer ärger blasen« – und gleich darauf strafte sie der Sturm Lügen, mit einem gellenden Heulen, das ihnen den Atem in die Kehle zurücktrieb. Unter einem heftigen Windstoß schienen die lastenden Nebel zu bersten; und über der massig getürmten Wolkenwand konnte man den Vollmond aufblitzen sehen, der in furchtbarer Hast über den Himmel floh, gerade in den Wind hinein. Viele ließen die Köpfe hängen und murmelten – es ›drehe ihnen das Herz um‹, hinzusehen. Bald schlossen sich die Wolken wieder dicht – und wieder ward die Welt zur blindwütigen, heulenden Finsternis, daraus salzige Sprühwellen und Hagelschauer über das einsame Schiff wegfegten.

Gegen halb acht klärte sich die schwarze Nacht um uns bis zum geisterhaften Grau, und wir wußten, daß die Sonne aufgegangen war. Dies unnatürliche und drohende Tageslicht, in dem wir gegenseitig unsere stieren Augen und abgespannten Gesichter erkennen konnten, trug nur zu unsern Leiden bei. Der Horizont schien von allen Seiten auf Armeslänge an das Schiff herangerückt zu sein. In diesen engen Kreis brachen wütende Wellen ein, trafen uns und strömten ab. Ein salziger Regen jagte in schweren Tropfen wie Nebel durch die Luft. Das Großmarssegel sollte halb gerefft werden, und wir bereiteten uns in stumpfer Ergebung, noch einmal in die Takelage zu gehen. Doch die Offiziere schrien, drängten uns zurück, und wir begriffen schließlich, daß man nicht mehr Leute hinauflassen wollte, als für die Arbeit unerläßlich nötig schienen. Da es aussah, als sollten die Masten jeden Augenblick aus den Lagern springen oder über Bord geblasen werden, so schlossen wir daraus, daß der Kapitän nicht seine ganze Mannschaft auf einmal aufs Spiel setzen wollte. Das war nur vernünftig. Die Leute vom Dienst, von Herrn Creighton geführt, begannen also ins Tauwerk zu klettern. Der Wind preßte sie gegen die Webeleinen, setzte dann ein wenig aus, ließ sie ein paar Sprossen erklimmen – und nagelte dann wieder, mit einem heftigen Stoß, die ganze krabbelnde Reihe in den Wanten fest, in Stellungen wie die Gekreuzigten. Die andere Wache watete unten auf dem Hauptdeck herum, um das Segel hochzuziehen. Herr Baker grunzte ermutigend in unserer Mitte und fuhr schnaubend und lärmend in dem Taugewirr herum wie ein rühriges Meerschweinchen. Begünstigt durch eine plötzliche und unzuverlässige Pause wurde die Arbeit beendet, ohne daß auf Deck oder in der Takelung ein Mann verlorengegangen wäre. Für den Augenblick schien der Sturm auszusetzen, und das Schiff faßte, gleichsam aus Dankbarkeit für unsere Anstrengungen, neuen Mut und hielt wacker aus.

Um acht nahmen die dienstfreien Leute ihren Vorteil wahr und rannten über das überschwemmte Deck nach vorne, um ein wenig zu ruhen. Die andern blieben achtern, da sie nun an der Reihe waren, ›zuzusehen, wie sie sich heraushalf‹, wie sie sich ausdrückten. Die beiden Offiziere redeten dem Schiffer zu, hinunterzugehen. Herr Baker brummte ihm ins Ohr: »Ouch! Sicher jetzt ... Ouch! ... Vertrauen zu uns ... nichts mehr tun ... sie muß es durchhalten oder hinwerden. Ouch! Ouch!« Der schlanke junge Herr Creighton lächelte verbindlich zu ihm hinunter: »... Alles in schönster Ordnung! Ruhen Sie doch ein wenig, Herr.« – Er sah sie starr an, aus blutunterlaufenen, schlaflosen Augen. Die Ränder seiner Augenlider waren scharlachrot, und er bewegte unablässig den Unterkiefer, als hätte er ein Stück Kaugummi im Munde. Er schüttelte den Kopf und wiederholte: »Sorgen Sie sich nicht um mich. Ich muß dabei bleiben – ich muß dabei bleiben.« Doch er ließ sich wenigstens bewegen, sich für einen Augenblick auf das Deckfenster zu setzen, sein hartes Gesicht unentwegt windwärts gerichtet. Die See spie nach ihm – und er ließ das Wasser gleichmütig niederrinnen, daß es aussah, als weinte er. An der Luvseite der Achterhütte standen die Leute vom Dienst, hielten sich an den Kreuzwanten und untereinander fest und versuchten ermutigende Worte zu tauschen. Singleton, am Rad, brüllte: »Paßt auf, da unten!« Seine Stimme drang nur wie ein warnendes Flüstern zu ihnen. Sie erschraken.

Eine mächtige schäumende Woge löste sich aus dem Nebel und kam wild heulend auf das Schiff los; sie stürmte drohend heran, grauenhaft anzusehen, wie ein Wahnsinniger mit einer Axt. Einer oder zwei kletterten schreiend in die Wanten; die meisten zogen krampfhaft den Atem an und hielten sich fest, wo sie standen. Singleton stemmte seine Knie unter die Radbüchse und gab vorsichtig mit dem Ruder für den Kopfsprung des Schiffes nach, ohne aber die Augen von der Woge zu lassen, die sich ganz nahe wie eine hohe Mauer aus grünem Glas mit schneeiger Kappe auftürmte. Die Brigg hob sich wie auf Fittichen und ruhte einen Augenblick schwebend auf dem schäumenden Kamm, wie ein großer Seevogel. Bevor wir noch Atem holen konnten, traf sie eine heftige Bö, ein zweiter Roller rannte sie grob vorne in Lee an; sie machte einen jähen Ruck und holte Wasser über. Kapitän Allistoun sprang auf und fiel nieder; Archie rollte über ihn weg und kreischte: »Sie kommt wieder hoch!« Sie legte sich noch mehr nach Lee, und die unteren Jungfernblöcke tauchten schwer; den Leuten glitten die Füße unter dem Leib weg, und sie hingen zappelnd über dem schrägen Achterdeck. Sie sahen, wie das Schiff mit einer Seite ins Wasser tauchte, und riefen alle zusammen: »Jetzt geht's zu Ende!« Vorne flogen die Türen zum Vorderkastell auf, die Leute von der andern Wache sprangen Mann für Mann heraus und warfen die Arme hoch; dann fielen sie auf alle viere nieder und krochen der hohen Seite des Decks entlang, das steiler als ein Hausdach geneigt war. Von Lee her hoben sich die Wogen zu ihrer Verfolgung; sie sahen kläglich aus in ihrem fruchtlosen Bemühen, wie Ungeziefer, das vor der Flut flüchtet; sie arbeiteten sich einer nach dem andern die Treppe zum Achterdeck herauf, halbnackt, mit erschrockenen Augen; und sobald sie oben waren, sausten sie auch schon in Haufen nach Lee hinüber, mit geschlossenen Augen, bis sie mit den Rippen schwer an die eisernen Relingpfosten stießen; dann rollten sie stöhnend zu einer verworrenen Masse zusammen. Die ungeheure Wassermenge, die durch die letzte Senkung des Schiffs nach vorne geschleudert worden war, hatte die Leetür des Vorderkastells gesprengt. Während die Leute mühsam auf die Windseite zurückkrochen, konnten sie mit Trauern sehen, wie ihre Kisten, Polster, Decken und Kleider herausgeschwommen kamen und auf dem Wasser tanzten. Die Strohsäcke trieben oben, die Decken breiteten sich auseinander, wogten; und die Kisten liefen mit Wasser voll und stampften noch eine Weile wuchtig, bevor sie sanken; Archies dicker Rock trieb vorbei, wie ein Ertrunkener mit dem Kopf unter Wasser. Die Leute rutschten ab, während sie sich mühten, die Finger zwischen die Planken zu klemmen; andere drückten sich in Ecken und rollten verzweifelt die Augen. Alle schrien ununterbrochen: »Die Masten! Kappen! Kappen!« – Eine Bö fuhr über das Schiff hin, das auf der Seite lag; die Rahnocken starrten gerade zum Himmel auf, während die schlanken Masten fast bis zum Horizont geneigt waren. Sie schienen endlos lang. Der Zimmermann ließ seinen Halt fahren, rollte gegen das Deckfenster und begann auf die Kajütentür zuzukriechen, wo eine große Axt eben für solche Notfälle bereit lag. In diesem Augenblick gingen die Schoten des Toppsegels los, das Ende der schweren Kette polterte im Tauwerk, und ein Regen roter Funken strömte durch die fliegenden Schauer herunter. Das Segel schlug einmal gegen den Mast, mit einem Ruck, daß uns fast das Herz aus der Kehle sprang, und zerflog sofort in ein Bündel flatternder schmaler Bänder, die sich verknoteten, durcheinanderwirrten und sich endlich an den Rahen verfingen. Kapitän Allistoun stand mit endloser Mühe auf und brachte sein Gesicht in gleiche Höhe mit dem Achterdeck, über dem die Leute an Tauen hin und her schwangen, wie Vogelnestsucher auf einer Klippe. Mit einem Fuß stand er jemandem auf der Brust; sein Gesicht war puterrot, seine Lippen bewegten sich; und er brüllte, beugte sich vor und brüllte: »Nein! Nein!« Herr Baker, ein Bein über dem Kompaßhäuschen, grölte zurück: » Nein haben Sie gesagt? Nicht kappen?« Der Alte schüttelte wütend den Kopf: »Nein! Nein!« Der Zimmermann, der ihm zwischen den Beinen durchkriechen wollte, hörte das, sank auf einmal zusammen und lag der Länge nach am Rande des Deckfensters. Andere Stimmen nahmen den Ruf: »Nein! Nein!« auf. Dann wurde alles still. Sie warteten darauf, daß das Schiff ganz kentern und sie alle ins Meer schütteln sollte. Auch nicht der leiseste Widerspruch klang in das Toben des Sturms und der Wogen hinaus; und doch hätte jeder einzelne unter der Mannschaft viele Jahre seines Lebens darum gegeben, ›die verdammten Stecken über Bord gehn‹ zu sehen. Sie alle hielten das für die einzige Rettung; aber ein kleiner Mann mit hartem Gesicht schüttelte seinen grauen Kopf und schrie »Nein!«, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie schwiegen und keuchten. Sie klammerten sich an die Reling, hatten Tauenden unter die Arme gewunden, hielten Ringbolzen gepackt oder krochen in Haufen einem Stützpunkt zu; sie faßten mit beiden Armen zu, hakten sich an der Windseite irgendwo fest, mit dem Ellbogen, dem Kinn, mit den Zähnen womöglich; und ein paar, die nicht die Kraft hatten, von dort wegzukommen, wo sie hingeschleudert worden waren, die fühlten die Wellen hochschlagen, bis zu ihrem Rücken, während sie sich hinaufarbeiten wollten. Singleton hatte am Steuer ausgehalten; sein Haar flog im Wind; es schien, als ob der Sturm seinen alten Feind am Barte faßte und ihn daran riß und schüttelte. Er ließ nicht aus, stemmte die Knie zwischen die Speichen und flog auf und nieder wie auf einer Schaukel. Da der Tod auf sich warten ließ, begannen die Leute sich umzublicken. Donkin hatte sich mit einem Fuß in einer Tauschlinge verfangen und hing nun, mit dem Kopf nach abwärts, unter uns; er wandte sein Gesicht dem Deck zu und brüllte: »Kappen! Kappen!« Zwei Leute ließen sich vorsichtig zu ihm hinunter; andere holten das Tau an. Sie zogen ihn herauf, schoben ihn an einen geschützteren Platz, hielten ihn. Er schrie dem Schiffer Flüche zu, schüttelte unter grauenhaften Lästerungen die Faust gegen ihn und rief uns in schmutzigen Worten auf: »Kappen! Paßt nicht auf den mörderischen Narren auf! Kappt die Masten, einer von euch!« Einer seiner Retter schlug ihm mit dem Handrücken über den Mund; er stieß mit dem Kopf aufs Deck und wurde sofort ganz still, weiß im Gesicht und atmete schwer; von seiner zerschlagenen Lippe tröpfelte Blut. Auf der Leeseite konnte man noch einen Mann sehen, der wie tot dalag. Nur das Waschbrett hielt ihn, daß er nicht ganz hinausrollte. Es war der Steward. Wir mußten ihn wie einen Ballen aufwinden, denn er war gelähmt vor Angst. Als er fühlte, wie sich das Schiff überlegte, war er aus der Vorratskammer herausgestürzt und dann hilflos hinuntergekugelt, eine chinesische Teekanne krampfhaft in der Hand. Die war nicht zerbrochen. Wir entwanden sie ihm mit einiger Schwierigkeit, und als er sie in unsern Händen erblickte, war er verblüfft. »Wo habt ihr das Ding her?« fragte er unaufhörlich mit zitternder Stimme. Sein Hemd war vom Sturm zerfetzt, die geplatzten Ärmel flatterten wie Flügel. Zwei Männer banden ihn fest, und er hing geknickt an dem Tau, wie ein nasses Lumpenbündel. Herr Baker kroch die Reihe der Leute entlang, fragte: »Seid ihr alle da?« und überzählte sie. Einige blinzelten geistesabwesend, andere nickten krampfhaft; von den Tauen wundgerieben, von dem ewigen Anklammern erschöpft, in den Winkeln zusammengedrängt, hockten sie in schmerzlichen Stellungen herum. Ihre Lippen zitterten, und bei jedem Zucken des schwerkranken Schiffs öffneten sie sie weit, als wollten sie schreien. Wamibo hing der Kopf auf die Brust. Der Koch hielt einen Holzpfosten umarmt und plapperte sinnlos Gebete; er hatte weder Mütze noch Pantoffel. Sobald das Tosen ringsum aussetzte, konnte man hören, wie er den Herrn unseres Seins anflehte, ihn nicht in Versuchung zu führen. Bald verstummte aber auch er. In dieser ganzen Menge frierender, hungriger Menschen, die einen gewaltsamen Tod erwarteten, war kein Laut zu hören. Sie waren stumm und lauschten in düsterer Versunkenheit dem grauenhaften Wüten des Sturmes.

Stunden vergingen. Vor dem Wind, der unaufhörlich heulend über ihre Köpfe wegstrich, waren die Leute durch die starke Neigung des Schiffes geschützt; doch von Zeit zu Zeit drangen kalte Regenschauer in ihren unbequemen Schlupfwinkel; unter der Qual dieser neuen Heimsuchung zuckten da und dort ein paar Schultern; Zähne klapperten. Der Himmel hellte sich auf, und breite Sonne strahlte über das Schiff. Wenn eine Sturzsee an dem treibenden Schiffsrumpf zerschellte, dann tanzten in dem Sprühregen leuchtende Regenbogen über Deck. Der Sturm verhauchte in einer klaren Brise, die pfiff und wie Messer schnitt. Charley war, zwischen zwei zottigen Seebären, mit irgend jemandes Halstuch an einen Ringbolzen gebunden und weinte still ein paar Tränen, die ihm Verwirrung, Kälte, Hunger und allgemeines Elend erpreßten. Einer seiner Nachbarn puffte ihn in die Rippen und fragte rauh: »Was ist denn das auf deinen Backen? Bei gutem Wetter bist du nicht zu halten, Junge!« Mit vorsichtigen Bewegungen arbeitete er sich aus seinem Rock heraus und warf ihn über den Jungen. Der zweite rückte näher und murmelte: »Das wird einen festen Kerl aus dir machen, Söhnchen!« Sie schlangen ihre Arme um ihn und drückten ihn an sich. Charley zog die Füße hoch; die Augen fielen ihm zu. Man hörte die Leute seufzend die Stellung ändern, da sie sahen, daß sie nicht ›vom Fleck weg ertrinken‹ mußten. Herr Creighton, der sich das Bein verstaucht hatte, lag mit zusammengepreßten Lippen zwischen uns. Ein paar aus seiner Wache mühten sich, ihn bequemer zu lagern; ohne ein Wort oder einen Blick hob er nacheinander die Arme, um es ihnen leichter zu machen; kein Muskel zuckte in seinem strengen jungen Gesicht. Sie fragten ihn dienstfertig: »Ist's jetzt besser, Herr?« Er antwortete mit einem kurzen: »Schon recht so.« Er war ein harter junger Offizier, aber viele, aus seiner Wache sagten oft und oft, daß sie ihn gerne mochten, weil er so ›eine feine Art hatte, sie auf Deck herumzusprengen‹. Andere, denen diese überfeinerte Abstufung fehlte, schätzten ihn wegen seiner Schmuckheit. Zum erstenmal, seit das Schiff sich umgelegt hatte, schenkte Kapitän Allistoun seinen Leuten einen Blick. Er stand fast aufrecht, einen Fuß gegen den Rand des Deckfensters und ein Knie auf Deck gestützt, hatte das Geerende um den Leib gewunden und schwang vor und zurück, den Blick starr und wachsam geradeaus gerichtet wie ein Mann, der nach einem Zeichen ausspäht. Vor seinen Augen hob und senkte sich das Schiff auf schweren Seen, die unter ihm durchschossen, blitzend im Sonnenschein; das halbe Deck lag im Wasser. Wir begannen zu finden, daß sich die Brigg eigentlich doch wundervoll hielt – alles in allem. Vertrauensvolle Zurufe wurden laut: »Sie wird's schon machen, Jungens!« Belfast seufzte innig: »Ich gäb' einen Monatslohn für einen Zug aus 'ner Pfeife!« Einer oder zwei fuhren sich mit der trockenen Zunge über die salzigen Lippen und murmelten etwas von »einem Schluck Wasser«. Der Koch richtete sich, wie in plötzlicher Eingebung, an dem Wasserfaß achtern auf und schaute hinein. Auf dem Grunde war noch ein wenig Wasser. Er schrie, schwenkte die Arme, und zwei Leute begannen mit dem Krug hin und her zu kriechen. Wir bekamen jeder einen tüchtigen Schluck. Der Schiffer schüttelte ungeduldig ablehnend den Kopf. Als die Reihe an Charley kam, rief einer seiner Nachbarn: »Der Teufelsjunge schläft!« Er schlief, als hätte man ihm ein Betäubungsmittel eingegeben. Man ließ ihn sein. Singleton hielt mit einer Hand das Rad, während er trank, und beugte sich nieder, um sich vor dem Wind zu schützen. Wamibo mußte gerüttelt und angeschrien werden, bevor er den Krug sah, der ihm vors Gesicht gehalten wurde. Knowles bemerkte weise: »Das ist besser wie 'ne Buddel Rum«. Herr Baker grunzte: »Dank' euch«. Herr Creighton trank und nickte. Donkin schluckte gierig und schielte über den Rand weg. Belfast brachte uns zum Lachen, indem er mit einer Grimasse rief: »Gib's da herüber. Wir sind lauter Abstinenzler hier!« Ein Mann bot dem Schiffer schmeichelnd den Krug nochmals an und sagte dabei: »Wir haben alle getrunken, Kapitän!« Da griff er danach, ohne den Blick zu wenden, und gab ihn steif zurück, als könnte er keinen Moment die Augen von dem Schiff lassen. Die Mienen hellten sich auf. Wir schrien dem Koch zu: »Gut gemacht, Doktor!« Er saß auf der Leeseite, an das Wasserfaß gedrückt, und schrie eifrig zurück, doch die Wogen donnerten gerade dazwischen, und wir konnten nur Bruchstücke aufschnappen, die sich anhörten wie ›Vorsehung‹ und ›wiedergeboren‹. Er war wieder bei seinem alten Steckenpferd, dem Predigen. Wir machten ihm spöttisch, aber gutmütig Zeichen; er hielt sich mit einem Arm fest, hob den andern gegen uns, bewegte die Lippen; er beugte sich vor, strengte die Stimme an – und duckte dabei den Kopf vor dem sprühenden Gischt.

Plötzlich schrie jemand: »Wo ist Jimmy?« und wir erschraken abermals. Vom Ende der Reihe her brüllte der Bootsmann heiser: »Hat ihn wer rauskommen sehen?« Betrübt klang es durcheinander: »Ist er ertrunken? ... Nein! In seiner Kabine! ... Guter Gott! ... Wie eine elende Ratte in der Falle gefangen ... Konnte die Tür nicht aufkriegen ... O weh! Sie legte sich zu schnell um, und das Wasser hat die Tür verklemmt ... Armer Teufel! ... Keine Hilfe für ihn ... Gehn wir sehen ...« – »Verflucht, wer kann denn hin?« kreischte Donkin. – »Von dir verlangt's niemand«, brummte der Mann, der ihm zunächst lag. »Du bist ja ein Waschlappen.« – »Ist nur die Spur Aussicht, daß wir bis zu ihm kommen?« fragten zwei oder drei zugleich. Belfast band sich in blindem Eifer los und schoß sofort, schneller als der Blitz, nach Lee hinunter. Wir schrien alle vor Schreck auf; aber er hielt sich noch, mit den Beinen über Bord, und brüllte nach einem Tau. In unserer Lage gab es nichts Furchtbares mehr; so kam es uns nur komisch vor, wie er, mit seinem Vogelscheuchengesicht, da herumzappelte. Einige begannen zu lachen, und als würden sie von der lärmenden Heiterkeit angesteckt, lachten alle diese entstellten Menschen mit, mit wildglänzenden Augen, wie ein Trupp Irrsinniger, die an einer Mauer festgebunden sind. Herr Baker schwang sich vom Kompaßhäuschen herunter und streckte ihm ein Bein hin. Er kletterte ziemlich verschreckt herauf und empfahl uns alle mit abscheulichen Worten dem ›Düwel‹. »Du ... Ouch! ... Du nimmst den Mund verdammt voll, Craik«, grunzte Herr Baker. Er gab stotternd vor Entrüstung zurück: »Schaun Sie sich sie an, Herr! Die elenden Schandkerle! Lachen, wenn ein Kamerad über Bord geht! Und möchten sich noch Männer heißen.« Doch da rief der Bootsmann: »Gehn wir's an«, und Belfast kroch eilends zu ihm hin. Die fünf Leute hielten sich mühsam im Gleichgewicht und spähten über die Achterhütte weg, wie sie am besten nach vorne kommen könnten. Sie schienen zu zögern. Die andern drehten sich in ihren Verschnürungen mühsam um und starrten ihnen mit offenem Munde nach. Kapitän Allistoun sah nichts; er schien mit seinen Blicken in übermenschlicher Willensanstrengung das Schiff obenzuhalten. Der Wind pfiff durch die sonnige Luft; der Gischt spritzte in Säulen hoch; und durch schillernde Schaumwellen krochen die Leute vorsichtig über das bebende Schiff und kamen mit bedächtigen Bewegungen außer Sicht.

Sie schwangen sich von Belegpinne zu Klampen über die Wellen, die das halbuntergetauchte Deck umspülten. Ihre Zehen krampften sich an die Planken. Dann und wann schlug eine grüne, eisigkalte Woge über das Schanzkleid herein, ihnen auf die Köpfe. Sie hingen einen Augenblick lang an gestreckten Armen, die Augen geschlossen, und ließen sich durchschütteln; dann machten sie eine Hand frei, pendelten mit hängenden Köpfen hin und her und suchten ein Tau oder einen Pfosten weiter vorn zu erhaschen. Der langarmige, athletische Bootsmann schwang sich rasch voran und packte mit eisernen Fäusten zu; dabei fielen ihm plötzlich Bruchstücke aus dem letzten Brief seiner ›Alten‹ ein. Der kleine Belfast strampelte wütend herum und murmelte dabei: »Verfluchter Nigger«. Wamibo hing vor Aufregung die Zunge aus dem Munde, und Archie paßte mit kühler, ruhiger Überlegung den rechten Augenblick ab.

Als sie über dem Deckhaus angekommen waren, ließen sie sich einer nach dem andern schwer herunterfallen und spreizten und preßten sich mit den Handflächen an das glatte Tiekholz. Rund um sie brachen sich die Wellen, zischten und schäumten. Alle Türen waren naturgemäß zu Falltüren geworden. Die erste in der Reihe war die Kombüsentür. Die Kombüse reichte von einer Seite bis zur andern, und nun konnten sie durch die Tür hören, wie drinnen das Wasser hohl rauschte. Die nächste Türe führte zur Werkstatt des Zimmermanns. Sie öffneten sie und schauten hinab. Der Raum schien durch ein Erdbeben verwüstet. Alles darin war auf die Scheidewand gegenüber der Türe geflogen; und hinter dieser Scheidewand war Jimmy, tot oder lebendig. Die Werkbank, ein halbfertiger Fliegenschrank, Sägen, Stemm- und Brecheisen, Drahtrollen, Äxte: alles lag auf einem Haufen, mit verstreuten Nägeln durchspickt. Eine scharfe Krummaxt ragte mit der blanken Kante hoch und glänzte bedrohlich zu uns herauf, wie in bösem Lächeln. Die Leute beugten sich spähend übereinander. Ein unvorhergesehenes Rollen des müden Schiffes hätte sie um ein Haar alle zusammen über Bord geschleudert. Belfast heulte: »Auf geht's!« und sprang hinunter. Archie folgte ihm bedächtig und faßte dabei nach Brettern, die aber unter ihm nachgaben, so daß er im Krachen splitternden Holzes unten landete. Für drei Leute war kaum Platz. Und zu dem sonnig-blauen Viereck der Tür hingen das dunkle, bärtige Gesicht des Bootsmanns und das aufgeregte, bleiche Wamibos herein und spähten nach uns.

Alle zusammen schrien: »Jimmy! Jim!« Von oben mischte sich der Bootsmann mit tiefem Brummen ein: »Du ... Wart!« Nach einer Pause flehte Belfast: »Jimmy, Liebling, lebst du noch?« Der Bootsmann sagte: »Noch einmal! Alle auf einmal, Jungs!« Alle brüllten aufgeregt. Wamibo gab Töne von sich, die wie lautes Bellen klangen. Belfast trommelte mit einem Stück Eisen gegen die Scheidewand. Alle verstummten plötzlich. Rufen und Klopfen tönte leise, doch deutlich zurück – wie ein Solo nach einem Chor. Er lebte. Er rief und pochte unter uns, mit der verzweifelten Hast eines Mannes, der sich vor der Zeit in einen Sarg eingeschlossen sieht. Wir gingen an die Arbeit und griffen wütend den abscheulichen Haufen von Dingen vor uns an, die teils gewichtig, teils scharf, teils schwer zu handhaben waren. Der Bootsmann kroch fort, um nach einem losen Tauende zu suchen; und Wamibo, zurückgehalten durch unsere Rufe: »Spring nicht! ... Komm nicht herein, Döskopp!« – blieb oben und stierte auf uns herunter; – der ganze Kerl schien nur aus glänzenden Augen, blitzenden Hauern und wirrem Haar zu bestehen; wie ein alberner Teufel sah er aus, der erstaunt dem aufgeregten Treiben der Verdammten zuschaut. Der Bootsmann forderte uns auf, ›anzupacken‹, und ließ ein Tau herunter. Wir banden die Sachen daran fest, sie wurden wirbelnd hochgezogen und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Uns hielt die Wut gepackt, Sachen über Bord zu werfen. Wir arbeiteten fieberhaft, zerschnitten uns die Hände und beschimpften uns gegenseitig. Jimmy machte einen verrückten Radau; er kreischte durchdringend, ohne Atem zu holen, wie ein gemartertes Weib; er hämmerte mit Händen und Füßen. Seine Todesangst schnürte uns das Herz so furchtbar zusammen, daß der Wunsch in uns rege wurde, ihn sein zu lassen, aus diesem brunnentiefen Loch, das wie ein Baumwipfel schwankte, herauszukriechen, fort, aus seiner Hörweite, zurück aufs Achterdeck, wo wir gelassen, in ungestörter Ruhe, den Tod erwarten konnten. Wir brüllten ihm zu, er solle »um Gottes willen das Maul halten«. Er verdoppelte sein Geschrei. Er muß geglaubt haben, wir hörten ihn nicht. Wahrscheinlich hörte er sich selbst kaum. Wir sahen ihn förmlich, wie er im Dunkeln auf dem Rand der oberen Koje hockte, mit beiden Fäusten das Holz bearbeitete und den Mund in endlosem Schreien weit aufriß. Es waren fürchterliche Augenblicke. Eine Wolke, die vor die Sonne trieb, warf einen drohenden Schatten in die Türöffnung. Jede Bewegung des Schiffes war eine Qual für uns. Wir krochen herum, hatten fast keine Luft mehr und fühlten uns jämmerlich elend. Der Bootsmann gellte uns zu: »Packt zu! Packt zu! Wir zwei hier oben werden einfach fortgeschwemmt, wenn ihr nicht schnell macht!« Dreimal schlug eine Welle über die hohe Seite und schüttete das Wasser eimerweise auf uns herunter. Dann setzte Jimmy, durch den Ruck erschreckt, einen Augenblick lang mit seinem Lärm aus – vielleicht erwartete er, das Schiff würde sinken – und begann wieder, furchtbar laut, als hätte ihm die Furcht neue Kräfte gegeben. Ganz zu unterst lag eine Schicht Nägel, ein paar Zoll hoch. Es war unheimlich. Alle Nägel in der Welt, die nicht irgendwo eingeschlagen waren, schienen den Weg in diese Zimmermannswerkstatt gefunden zu haben. Da lagen sie nun in allen Gattungen, Überbleibsel von sieben Reiseausrüstungen. Drahtstifte, Kupferstifte (scharf wie Nadeln), Pumpennägel mit breiten Köpfen, wie blanke, eiserne Pilze; Nägel ganz ohne Kopf (entsetzlich); französische Nägel, poliert und schlank. Sie lagen in dichtem Haufen, unnahbarer als ein Igel. Wir zögerten, suchten nach einer Schaufel – und Jimmy brüllte unterdessen wie am Spieß. Stöhnend griffen wir mit den Händen zu, zerstachen uns elend und schüttelten Nägel und Blutstropfen von den Fingern. Wir reichten unsere Mützen, voll mit aufgelesenen Nägeln, dem Bootsmann hinauf, der sie in weitem Bogen in die wütende See schleuderte, als habe er eine geheimnisvolle, beruhigende Zeremonie zu vollziehen.

Endlich kamen wir an das Schott. Das war aus festen Bohlen. Ja, der ›Narzissus‹ war bis ins kleinste durchgearbeitet. Es waren die festesten Bohlen, die je in ein Schott eingesetzt worden waren – so kam es uns vor –, und dann bemerkten wir, daß wir in der Eile alle Werkzeuge über Bord geworfen hatten. Der lächerliche kleine Belfast wollte die Bohlen mit seinem Körpergewicht brechen, sprang mit beiden Füßen in die Höhe wie ein Springbock und verfluchte dabei die Clyder Schiffsbauer, weil sie nicht schlampiger gearbeitet hatten. Da er schon im Schwung war, so äußerte er sich in gleich lästerlicher Weise auch über Nordengland, die übrige Welt, die See – und über alle seine Gefährten. Während er schwer auf die Absätze niederplumpste, schwur er, daß er sich nie, nie wieder mit einem Narren einlassen wollte, ›der nicht Grütze genug habe, um das Knie vom Ellbogen auseinanderzukennen‹. Mit seinem Gedonner erreichte er nur das eine, daß Jimmy auch den letzten Rest von Kaltblütigkeit verlor. Wir konnten ihn, dem unsere verzweifelten Bemühungen galten, unter den Planken hin und her rasen hören. Er hatte sich schließlich heiser gebrüllt und konnte nur noch kläglich winseln. Sein Rücken, oder vielleicht sein Kopf, scheuerte an den Bohlen, bald da, bald dort, in ganz unheimlicher Weise. Er ächzte, so oft ihn die unsichtbaren Stöße trafen. Es war noch herzbrechender als sein Geschrei. Plötzlich brachte Archie eine Brechstange zum Vorschein. Er hatte sie zurückbehalten; desgleichen eine kleine Axt. Wir heulten vor Genugtuung. Er führte einen mächtigen Schlag, und die kleinen Splitter flogen uns in die Augen. Der Bootsmann oben schrie: »Paß auf! Paß auf dort! Schlag ihn nicht tot! Vorsichtig!« Wamibo hing in irrsinnigster Erregung mit dem Kopf vor und stachelte uns an: »Ho! Schlag zu! Ho! Ho!« Wir fürchteten, er würde herunterfallen und einen von uns erschlagen, und riefen dem Bootsmann hastig zu, ›den verdammten Finnen ins Wasser zu schmeißen‹. Dann heulten wir, alle zugleich, auf die Scheidewand zu: »Mach Platz da unten! Geh nach vorn!« und lauschten. Wir hörten nur das tiefe Grollen und Sausen des Windes über uns und das wechselnde Donnern und Zischen der Wogen. Das Schiff wälzte sich, wie in höchster Verzweiflung, widerstandslos hin und her, und uns schwindelte der Kopf von der unnatürlichen Bewegung. Belfast lärmte: »Ums Himmels willen, Jimmy, wo bist du? ... Klopf'! Jimmy, Liebling! ... Klopf'! Du verdammtes schwarzes Biest! Klopf'!« Er war still wie ein Toter im Grab; und uns war, wie Leuten an einem Grabe, das Weinen nah – doch vor Ärger, Anstrengung, Erschöpfung; und weil wir heiß wünschten, die ganze Sache los zu sein, wegzugehen und uns irgendwo hinzulegen, wo wir die Gefahr überblicken und in Ruhe atmen konnten. Archie brüllte: »Platz!« Wir krochen hinter ihn, hüteten die Köpfe, und er stieß ein Mal ums andere in die Ritze zwischen den Bohlen. Sie krachten. Plötzlich fuhr die Brechstange bis zur Hälfte durch ein splitteriges, längliches Loch. Sie konnte keinen Zoll breit an Jimmys Kopf vorbeigesaust sein. Archie riß sie eilends zurück, und der verwünschte Nigger stürzte an die Öffnung, preßte seine Lippen dagegen und wisperte »Hilfe« mit halberloschener Stimme; er stemmte den Kopf an und versuchte ganz unsinnig durch diese Öffnung durchzukommen, die einen Zoll breit und drei lang war. Wir in unserer Verwirrung waren wie gelähmt durch sein unglaubliches Beginnen. Es schien unmöglich, ihn zu vertreiben. Schließlich kam sogar Archie außer Fassung. »Wenn du dich nicht verziehst, dann jag' ich dir die Brechstange durch den Schädel«, schrie er mit entschlossener Stimme. Es war ihm ernst damit, und dies schien auf Jimmy Eindruck zu machen. Er verschwand plötzlich, und wir begannen an den Planken zu zerren und zu rütteln mit der wütenden Hast von Leuten, die an ihren Todfeind heranwollen, um ihn in Stücke zu reißen. Das Holz splitterte, krachte, gab nach. Belfast tauchte mit Kopf und Schultern hinunter und tastete fieberhaft herum. »Ich hab' ihn! Hab' ihn!« schrie er. »Aha! Jetzt ... Weg is er; jetzt hab' ich ihn! ... Zieht mich an den Beinen; zieht!« Wamibo hetzte unaufhörlich; der Bootsmann brüllte Ratschläge: »Pack' ihn beim Haar, Belfast! Ihr zwei, zieht fest an! ... Zerrt anständig!« Wir zerrten anständig. Wir zerrten Belfast mit einem Ruck heraus und ließen ihn mit Verachtung fallen. Er saß mit puterrotem Gesicht da und seufzte verzweifelt: »Wie kann ich ihn an seiner verdammten kurzen Wolle packen?« Auf einmal tauchten Jimmys Kopf und Schultern auf. Er blieb halbwegs stecken und schäumte zu unsern Füßen, mit rollenden Augen. Wir stürzten uns mit brutaler Ungeduld über ihn, rissen ihm das Hemd vom Leibe, zerrten ihn an den Ohren, keuchten über ihm. Und ganz plötzlich gab er unter unsern Händen nach, als hätte jemand seine Beine ausgelassen. In der gleichen Bewegung, ohne auszulassen, schwangen wir ihn hinauf. Sein Atem pfiff, er stieß nach unsern aufwärtsgewandten Gesichtern, faßte nach zwei Paar Armen über seinem Kopf und schwirrte so eilig nach oben, daß es wirklich schien, als sei uns ein gasgefüllter Ballon aus den Händen geglitten. Schweißüberströmt kletterten wir das Tau hinauf und schnappten in dem kalten Wind nach Luft, wie Leute, die in Eiswasser fallen. Das Gesicht brannte uns, und dabei schauerten wir bis in die Knochen. Nie zuvor war uns der Sturm so wütend, die See so toll, die Sonne so unbarmherzig und höhnisch erschienen und nie die Lage des Schiffs verzweifelter und hoffnungsloser. Es sah aus, als sollte jeden Augenblick sein Todeskampf enden und der unsere beginnen. Wir taumelten von der Tür fort und fielen bei einem plötzlichen Ruck alle über einen Haufen. Die Wand des Deckhauses kam uns glatter vor als Glas und schlüpfriger als Eis. Es gab nichts, woran man sich klammern konnte, nur einen langen Messinghaken, der manchmal gebraucht wurde, um eine offene Tür zurückzuhalten. Wamibo hielt sich daran, und wir hielten uns an Wamibo und umschlangen dabei unsern Jimmy. Er war jetzt völlig zusammengebrochen und schien nicht die Kraft zu haben, die Hand zu schließen. In unserer Angst standen wir blindlings zu ihm. Wir fürchteten nicht, daß Wamibo auslassen würde (wir wußten wohl, daß der Kerl stärker war als irgend drei Leute an Bord zusammen), aber wir fürchteten, der Haken könnte nachgeben und glaubten außerdem, die Brigg sei fest entschlossen, schließlich doch noch zu kentern. Doch sie tat's nicht. Eine Welle überflutete uns. Der Bootsmann gurgelte: »Auf und vorwärts. Jetzt ist's grad ruhig. Fort nach achtern mit euch, sonst gehen wir hier alle zum Teufel«. Wir erhoben uns und umringten Jimmy. Wir baten ihn, auf den Füßen zu bleiben, sich wenigstens anzuhalten. Er starrte uns mit den vorstehenden Augen an, stumm wie ein Fisch, und es schien, als hätte er keine Knochen mehr im Leibe. Er wollte nicht aufrecht stehen, wollte uns nicht einmal um den Hals fassen; er war nur mehr ein kalter, schwarzer Balg, lose mit weicher Baumwolle ausgestopft; seine Arme und Beine schwangen haltlos und biegsam, sein Kopf rollte herum; die große, wuchtige Unterlippe hing herab. Wir drängten uns eifrig und betrübt um ihn, schützten ihn und sprangen alle zusammen da- und dorthin; an der Schwelle der Ewigkeit tanzten wir mit abwehrenden, lächerlichen Gebärden um ihn herum, wie ein paar Trunkenbolde, die sich mit einem gestohlenen Leichnam schleppen.

Etwas mußte geschehen. Wir mußten ihn nach achtern bringen. Ein Tau wurde ihm lose unter den Armen durchgeschlungen, wir langten mit Lebensgefahr hoch und hängten ihn an die Fockschotklampe. Er gab keinen Ton von sich; er sah lächerlich und kläglich aus, wie eine Puppe, die ihre Sägespäne zur Hälfte verloren hat. Dann nahmen wir unsere gefahrvolle Wanderung über das Hauptdeck wieder auf und zogen mit Vorsicht die erbärmliche, schlaffe, verhaßte Last hinter uns her. Er war nicht sehr schwer, doch hätte er hundert Zentner gewogen, so hätte er nicht unhandlicher sein können. Wir gaben ihn buchstäblich von Hand zu Hand. Dann und wann mußten wir ihn an einen festen Belegnagel hängen, um Atem zu schöpfen und die Reihenfolge zu wechseln. Wäre der Nagel gebrochen, dann wäre er unrettbar in den Ozean gewandert – doch damit mußte er sich abfinden; und nach einer Weile kam ihm das offenbar zum Bewußtsein, denn er stöhnte leicht und lispelte mit großer Anstrengung ein paar Worte. Wir lauschten eifrig. Er machte uns Vorwürfe über den Leichtsinn, womit wir ihn solchen Gefahren aussetzten. »Jetzt, wo ich mich dort herausgearbeitet habe«, hauchte er schwach. ›Dort‹, – das war seine Kabine. Und er hatte sich selbst herausgearbeitet. Wir hatten augenscheinlich nichts damit zu tun! ... Macht nichts! ... Wir wanderten fort und ließen ihn zusehen, wie er zurechtkam, weil wir einfach nicht anders konnten; denn wenn wir ihn auch gerade damals mehr als je haßten – mehr als irgend etwas unterm Himmel –, so wollten wir ihn doch nicht verlieren. Wir hatten ihn so weit gerettet; und es war zu einer persönlichen Angelegenheit zwischen uns und dem Meere geworden. Hätten wir – um ein unmögliches Beispiel zu wählen – ähnliche Mühe und Anstrengung an ein leeres Faß gewandt, so wäre uns dieses Faß ebenso wertvoll geworden, wie es Jimmy war. Noch wertvoller eigentlich, denn wir hätten keine Ursache gehabt, das Faß zu hassen. Und wir haßten James Wart. Wir konnten den ungeheuerlichen Verdacht nicht loswerden, daß dieser verwünschte Schwarze gar nicht krank war, sich einfach krank gestellt hatte, angesichts unserer Plackerei, unserer Verachtung und Geduld – und sich nun weiter krank stellte, angesichts unserer Anhänglichkeit und – des Todes. Unsere verworrene, wenig ausgebildete Moral verurteilte mit Entrüstung seine unmännliche Lüge. Und doch hielt er sie wieder mannhaft durch – erstaunlich! Nein! Es konnte nicht sein. Er war ganz nahe am Ende. Seine streitsüchtige Laune war nur die Wirkung der herausfordernden Unbezwinglichkeit dieses Todes, den er neben sich fühlte. Mit einem solchen Kameraden mußte jeder Mensch ärgerlich werden. Aber – was waren denn wir dann für Leute – mit unsern Gedanken? Entrüstung und Zweifel kämpften in uns und trampelten dabei auf unsern zartesten Gefühlen herum. Und wir haßten ihn wegen des Verdachts; wir verabscheuten ihn wegen des Zweifels. Wir konnten ihn nicht ohne weiteres verachten – und konnten ihn auch nicht ohne Gefahr für unsere Selbstachtung bemitleiden. So haßten wir ihn also und gaben ihn behutsam von Hand zu Hand. Wir riefen uns an: »Hast ihn?« – »Jawohl. Hab' ihn. Laß aus!« Und er wanderte von einem Feind zum andern und zeigte dabei nicht mehr Leben als ein altes Polster. Seine Augen bildeten zwei enge weiße Schlitze in dem schwarzen Gesicht. Er atmete langsam, und die Luft entwich aus seinen Lippen mit einem Geräusch wie von einem Blasebalg. Endlich erreichten wir die Heckleiter, und da es ein verhältnismäßig sicherer Platz war, so lagen wir einen Augenbück erschöpft auf einem Haufen, um ein wenig zu rasten. Er begann zu murmeln. Wir hatten immer ein unverantwortliches Interesse an allem, was er zu sagen hatte. Diesmal flüsterte er mürrisch: »Ihr habt lange gebraucht, bis ihr gekommen seid. Ich dachte schon, die ganze saubere Gesellschaft sei über Bord gegangen. Was hielt euch denn zurück? He? Angst?« Wir sagten nichts und lotsten ihn seufzend weiter. Unser geheimer und glühender Herzenswunsch war es, ihm mit den Fäusten erbärmlich auf den Kopf zu hauen, und dabei faßten wir ihn so zart an, als wäre er aus Glas gewesen ...

Als wir zur Achterhütte zurückkamen, da war es, wie wenn Wanderer nach langen Jahren unter Leute zurückkehren, die die Merkmale einer trostlosen Zeit tragen. Aus tiefen Höhlen drehten sich Augen träge nach uns. Man hörte schwaches Flüstern: »Habt ihr ihn endlich gekriegt?« Die bekannten Gesichter schienen fremd und doch vertraut. Sie schienen welk und rußig; und Erschöpfung mischte sich darin mit Bitterkeit. Sie schienen während unserer Abwesenheit viel mehr eingefallen zu sein, als hätten all diese Leute schon lange Zeit in ihrer hingegebenen Haltung geschmachtet. Der Kapitän, mit einem Tau um das Handgelenk, kniete auf einem Knie und schwang mit kaltem, unbewegtem Gesicht hin und her; doch mit lebhaftem Auge hielt er immer noch das Schiff fest und achtete auf nichts und niemand sonst, völlig beansprucht durch die überirdische Anstrengung. Wir banden James Wart an einem sicheren Platz fest. Herr Baker kroch herzu, um mitzuhelfen. Herr Creighton, der todbleich auf dem Rücken lag, murmelte: »Gut gemacht«, sandte einen spöttischen Blick auf uns, Jimmy und den Himmel und schloß dann langsam die Augen. Da und dort rührte sich ein Mann ein wenig, die meisten aber blieben teilnahmlos in ihren verkrampften Stellungen und murmelten zwischen Frostschauern, Die Sonne ging zur Neige. Eine ungeheure Sonne, wolkenlos und rot; sie senkte sich, als wollte sie sich herabbeugen, um uns ins Gesicht zu sehen. Der Wind pfiff durch die langen Sonnenstrahlen, die in kaltem Glanze mitten in die erweiterten Pupillen starrer Augen trafen, ohne sie zwinkern zu machen. Die Haarbüschel und die verklebten Bärte waren grau vom Meersalz. Die Gesichter waren erdfarben, und die dunklen Schatten unter den Augen reichten bis zu den Ohren, vertieften sich noch in den Höhlungen der eingefallenen Wangen. Die Lippen waren bläulich und dünn und bewegten sich nur mühsam, als wären sie an den Zähnen festgeleimt. Ein paar versuchten im Sonnenlicht ein mattes Grinsen und zitterten dabei vor Kälte. Andere waren trübe und still. Charley, überwältigt durch die jähe Erkenntnis, wie bedeutungslos seine Jugend war, wagte schüchterne Blicke. Die beiden Norweger mit den weichen Gesichtern glichen verkümmerten Kindern; sie starrten blöde vor sich hin. Nach Lee zu, am Rande des Horizonts, sprangen schwarze Wogen nach der glühenden Sonne. Sie sank langsam, rund und flammend, und die Kämme der Wellen umspülten die leuchtende Scheibe. Einer der Norweger schien das zu bemerken, gab sich einen heftigen Ruck und begann zu sprechen. Die andern, durch seine Stimme erschreckt, begannen sich zu rühren; sie bewegten steif die Köpfe oder wandten sich mühsam und sahen ihn überrascht, ängstlich oder in düsterem Schweigen an. Er plapperte zu der sinkenden Sonne, nickte mit dem Kopf, während die hochgehende See schon mitten durch die purpurne Scheibe rollte; und über Meilen aufgeregten Wassers warfen die Schatten der hohen Wogen fliehende Dunkelheit über die Gesichter. Eine schäumende Sturzsee brach sich zischend und polternd, und die Sonne verschwand, wie ausgelöscht. Das Plappern ging in Stammeln über und verklang zugleich mit dem Licht. Seufzer wurden laut. In die plötzliche Stille hinein, die dem Anprall einer Welle folgte, sagte einer müde: »Nun ist der gesegnete Dutchman verrückt geworden!« Ein anderer, mit einem Strick um den Leib, klopfte mit der flachen Hand in unaufhörlichen, raschen Schlägen auf Deck. In dem grauen Zwielicht, das sich rasch breitmachte, sah man achtern eine massige Gestalt sich erheben und auf allen vieren, mit den Bewegungen eines großen, vorsichtigen Tieres, näherkommen. Es war Herr Baker, der die Reihe der Leute passierte. Er grunzte jedem einzelnen ermutigend zu, prüfte ihre Verschnürung. Einige schnaubten, mit halboffenen Augen, wie erstickt von Hitze; andere antworteten ihm mechanisch, mit verschlafener Stimme: »Ja, ja, Herr!« Er kroch von einem zum andern und grunzte: »Ouch ... Wollen sie schon durchbringen!« Ganz unerwartet schimpfte er in lautem, ärgerlichem Ausbruch Knowles zusammen, weil er sich ein langes Stück vom Läufer der Nottalje abgeschnitten hatte. »Ouch! – Schäm' dich vor dir selbst – Nottalje – Weißt du nichts Besseres! – Ouch! – Vollmatrose! Ouch!« Der lahme Mann war niedergeschmettert. Er murmelte: »Brauchte was, um mich festzubinden, Herr!« – »Ouch! Dich festbinden! – Bist du ein Kesselflicker oder ein Seemann – was? Ouch! – Brauchen vielleicht das Takel noch nötig. – Ouch! – Nützt dem Schiff mehr als dein lahmer Leichnam. Ouch! – Behalt's – behalt's – wenn du's schon hast.« Er kroch langsam weiter und murmelte dabei etwas von Leuten, die ›ärger sind als Kinder‹. Es war ein erquickendes Donnerwetter gewesen. Man hörte halblaute Zurufe: »Hallo! ... Hallo! ...« Leute, die eben noch in schmerzliches Brüten versunken waren, fragten in plötzlichem Auffahren: »Was gibt's? ... Was ist los?« Die Antworten klangen unerwartet munter: »Der Maat hat dem lahmen Jack die Leviten gelesen wegen irgendwas.« – »Nein!« ... »Was hat er getan?« Ein paar kicherten sogar. Es war wie ein Hoffnungsschimmer, wie ein schwacher Anklang an ungefährdete Tage. Donkin, der vor Angst ganz sinnlos gewesen war, lebte jetzt plötzlich auf und begann zu schreien: »Hört ihn! Das ist die Art, wie sie mit uns reden; warum haut ihr ihn nicht – einer von euch? Haut ihn! Haut ihn! Möcht' sich der da aufspielen! Wir sind grad soviel wert wie er! Wir gehn alle zum Teufel. Erst haben sie uns halb verhungern lassen auf dem verdammten Kasten, und nun sollen wir noch versaufen für die Gauner, die hartherzigen. Haut ihn!« Er kreischte durch die sinkende Dämmerung, plärrte und schluchzte: »Haut ihn! Haut ihn!« Die Wut und Angst dieser verfemten Kreatur stellten die Standhaftigkeit der Leute auf eine härtere Probe als die drohenden Schatten der Nacht, die durch die brüllenden Wogen heranglitten. Von achtern hörte man Herrn Baker: »Wird ihm nicht einer den Mund stopfen – muß ich selber hinkommen?« – »Halt's Maul!« – »Still sein!« riefen mehrere Stimmen, verzweifelt und zitternd vor Kälte. – »Du wirst gleich von mir eine übers Maul kriegen«, sagte ein unsichtbarer Matrose, »ich will dem Maat die Arbeit ersparen.« Der andere verstummte und lag in schweigender Verzweiflung da. An dem dunklen Himmel traten die Sterne hervor und glitzerten über die tintenschwarze, schaumgefleckte See; die gebar in wildem Ringen ein gischtweißes Leuchten und warf dessen blassen Widerschein empor. Aus dem Reich der ewigen Ruhe flimmerten die Sterne hart und kalt auf den irdischen Aufruhr herab; sie umringten das gepeinigte, schwerwunde Schiff von allen Seiten: unbarmherziger als die Augen einer triumphierenden Menge und unnahbarer als die Herzen der Menschen.

Durch die düstere Himmelspracht heulte frohlockend der eisige Südwind. Die Kälte schüttelte die Leute mit unbändiger Gewalt, als sollten sie in Stücke fliegen. Kurze Seufzer wurden ungehört von den starren Lippen fortgeweht. Einige klagten stammelnd, daß sie ›unterm Gürtel kein Gefühl mehr hätten‹, während andere, die die Augen geschlossen hatten, einen Eisblock auf ihrer Brust zu fühlen glaubten. Noch andere waren bestürzt darüber, daß ihre Finger gar nicht schmerzten, und schlugen schwach mit den Händen auf Deck – hartnäckig und erschöpft. Wamibo starrte verträumt ins Leere. Die Skandinavier setzten zähneklappernd ihr sinnloses Gemurmel fort. Die wenigen Schotten hielten mit sichtlicher Anstrengung die Unterkiefer ruhig. Die Leute von der Westküste lagen in unerschütterlicher Rauheit da, mächtig und gelassen. Ein Mann gähnte und fluchte abwechselnd. Einem andern kam der Atem rasselnd durch die Kehle. Zwei wetterfeste Seebären, die sich Seite an Seite angebunden hatten, flüsterten miteinander betrübt von der Wirtin eines Logierhauses in Sunderland, die sie beide kannten. Sie priesen ihre mütterliche Fürsorge und Freigebigkeit und versuchten die Rinderbraten und das große Feuer in der Küche unten zu schildern. Die Worte erstarben ihnen auf den Lippen und verklangen in leisen Seufzern. Ein jäher Ausruf zerriß die kalte Nacht: »O Gott!« Niemand änderte deswegen auch nur im geringsten seine Stellung. Höchstens einer oder zwei strichen sich in wiederholter leerer Geste mit der Hand übers Gesicht. Die meisten aber blieben ganz teilnahmlos. Bei der starren Unbeweglichkeit ihrer Körper wurden sie furchtbar von ihren Gedanken gequält, die sich mit traumhafter Schnelle und Lebhaftigkeit überstürzten. Dann und wann begrüßten sie mit einem abgerissenen, jähen Ausruf irgendeine zauberhaft lockende Vorstellung und genossen gleich darauf schweigend die Vision bekannter Gesichter und vertrauter Dinge. Sie riefen sich die Erscheinung längst vergessener Schiffsmaate zurück und hörten die Stimme toter oder früherer Kapitäne. Sie erinnerten sich an den Lärm der hellerleuchteten Straßen, an den schwülen Dunst der Schenken oder die sengende Sonnenhitze ruhiger Tage auf See.

Herr Baker verließ seinen unsicheren Platz und kroch mit Unterbrechungen das Achterdeck entlang. Im Dunkel und auf allen vieren glich er einem fabelhaften Raubtier, das unter Leichen nach Beute sucht. Bei der Brücke drückte er sich gegen Luv an einen Pfosten und sah aufs Hauptdeck hinab. Es schien ihm, als hätte das Schiff die Neigung, sich etwas mehr aufzurichten. Der Wind hatte ein wenig abgeflaut, dachte er, doch die See ging so hoch wie nur je. Die Wellen schäumten wütend, und die Leeseite des Decks verschwand in weißem Sprudel, wie von kochender Milch; das Tauwerk sang in gleichmäßig tiefen, schwingenden Tönen, und bei jeder Hebung des Schiffes fuhr der Wind mit langgezogenem Heulen durch die Spieren. Herr Baker beobachtete regungslos. Ein Mann neben ihm begann mit den Lippen ein schmatzendes Geräusch zu machen, als bräche die Kälte gewaltsam aus ihm heraus. Es ging weiter: »Ba-ba-ba-brrr-brr-ba-ba«. – »Still damit!« rief Herr Baker und griff ins Dunkle. »Hör' auf!« Dabei schüttelte er das Bein, das ihm unter die Hand gekommen war. – »Was gibt's, Herr?« rief Belfast in einem Ton, als sei er eben erst geweckt worden. »Wir sehen eben nach dem Jimmy da.« – »Tut ihr das? Ouch! Dann mach' keinen solchen Lärm. Wer ist das neben dir?« – »Ich bin's – der Bootsmann, Herr«, brummte der Mann von der Westküste. »Wir mühen uns, den armen Teufel am Leben zu erhalten.« – »Schon gut, schon gut«, sagte Herr Baker. »Aber macht das leise, nicht wahr!« – »Er will, daß wir ihn über die Reling hinaushalten«, fuhr der Bootsmann aufgebracht fort, »sagt, er kann hier unter unseren Jacken keine Luft kriegen.« – »Wenn wir ihn hochheben, dann geht er uns über Bord«, sagte eine andere Stimme. »Wir fühlen unsere Hände nicht vor Kälte.« – »Das ist mir gleich! Ich ersticke da!« rief James Wart ganz hell. – »O nein, mein Sohn«, sagte der Bootsmann verzweifelt, »du gehst nicht, bevor wir alle gehn in dieser feinen Nacht.« – »Ihr werdet noch manche schlimmere sehen«, meinte Herr Baker ermunternd. – »'s ist kein Kinderspiel, Herr!« gab der Bootsmann zurück. »Ein paaren von uns, da weiter hinten, geht's herzlich schlecht.« – »Wenn man ihr die verdammten Stecken gekappt hätte, dann tät' sie jetzt ordentlich gerade liegen wie jedes anständige Schiff, und um uns wär's besser bestellt«, sagte einer mit einem Seufzer. – »Der Alte wollt's nicht haben – der kümmert sich viel um uns«, flüsterte ein anderer. – »Kümmert sich um euch!« rief Herr Baker ärgerlich. »Warum sollte er sich um euch kümmern? Seid ihr ein Haufen weiblicher Passagiere, daß man sich um euch kümmern müßte? Wir sind da, um uns um das Schiff zu kümmern – und ein paar unter euch sind noch nicht so weit. Ouch! ... Was habt ihr denn schon groß getan, daß man sich um euch kümmern müßte? Ouch! ... Ein paar unter euch vertragen nicht die kleinste Brise, ohne deswegen zu jammern.« – »Laßt's gut sein, Herr. Wir sind nicht gar so schlecht«, wehrte Belfast ab, mit einer Stimme, die vom Frost zitterte, »wir sind nicht ... brrr ...« – »Schon wieder«, schrie der Maat und packte nach der undeutlichen Form, »schon wieder! ... Was, du bist ja im Hemd! Was hast du denn gemacht?« – »Ich hab' meinen Regenmantel und meine Jacke über den halbtoten Nigger da gebreitet – und er sagt, er erstickt«, sagte Belfast kläglich. – »Du solltest mich nicht Nigger heißen, wenn ich nicht halbtot wäre, du irischer Haderlump!« fuhr James Wart heftig dazwischen. – »Du ... brrr ... du wärst auch nicht weiß, und wenn's dir noch so gut ginge ... Ich will mit dir raufen ... brrr ... bei gutem Wetter ... brrr ... mit einer Hand auf den Rücken gebunden ... brrrrr ...« – »Ich brauche deinen Plunder nicht, – Luft will ich«, keuchte der andere mühsam heraus, als wäre er plötzlich erschöpft.

Der Gischt schlug pfeifend und prasselnd über. Die Leute, die durch die scheltenden Rufe schmerzlich aus ihrer friedlichen Betäubung gerissen wurden, ächzten und murmelten Flüche. Herr Baker kroch etwas weiter nach Lee, wo sich eine Wassertonne mit etwas Weißem davor in mächtigen Umrissen abzeichnete. »Bist du's, Podmore?« fragte Herr Baker. Er mußte die Frage zweimal wiederholen, bevor sich der Koch hüstelnd umwandte. – »Jawohl, Herr. Ich hab' still gebetet, um eine rasche Erlösung; denn ich bin bereit für jeden Ruf ... Ich« – »Schau her, Koch«, unterbrach ihn Herr Baker, »die Leute kommen vor Kälte um.« – »Kälte«, sagte der Koch düster, »denen wird's bald warm genug sein.« – »Was?« fragte Herr Baker und sah über das Deck fort in den schwachen Schein des schäumenden Wassers. – »Es ist eine gottlose Horde«, fuhr der Koch fort, feierlich, aber mit unsicherer Stimme, »so gottlos wie jede Schiffsbesatzung in dieser sündigen Welt! Nun, ich« – er zitterte so, daß er kaum sprechen konnte; er hatte einen sehr schlechten Platz; und in einem Baumwollhemd und dünnen Hosen, die Knie bis zur Nase hochgezogen, ließ er bebend die Schauer von beißenden, salzigen Tropfen über sich ergehen. Seine Stimme klang erschöpft – »ich also – zu jeder Zeit ... Mein Ältester, Herr Baker ... ein aufgeweckter Bursch ... den letzten Sonntag, den ich vor dieser Reise an Land war, wollte er nicht zur Kirche gehn, Herr. Sag' ich: ›du geh und zieh dich anständig an, oder ich will den Grund wissen, warum nicht!‹ Was tut er? ... Brunnen, Herr Baker – fällt in den Brunnen, in seinem besten Zeug, Herr! ... Zufall? ... ›Nichts soll dir helfen, wenn du auch Student bist!‹ sag' ich ... Zufall! ... Ich hab' ihn geprügelt, Herr, bis ich nicht mehr den Arm heben konnte ... »Seine Stimme schwankte. »Geprügelt hab' ich ihn«, wiederholte er zähneklappernd und gab dann, nach einer Weile, einen düstern Ton von sich, halb Stöhnen, halb Schnarchen. Herr Baker rüttelte ihn an den Schultern. »He! Koch! Halt aus, Podmore! Sag' mir – ist im Kombüsentank frisches Wasser? Das Schiff liegt nicht mehr so stark über, finde ich; ich möchte versuchen, nach vorne zu kommen. Ein bißchen Wasser sollte den Leuten gut tun. Hallo! Paß auf! Paß auf!« Der Koch arbeitete sich auf. – »Nicht Ihr, Herr, – nicht Ihr!« Damit begann er nach Luv zu krabbeln. »Kombüse! ... Meine Sache!« brüllte er. – »Jetzt wird der Koch verrückt«, sagten einige Stimmen. Er gellte zurück: »Verrückt bin ich, so? Ich bin besser zum Sterben bereit als irgendeiner unter euch, Offiziere inbegriffen – da! Solang sie schwimmt, will ich kochen! Ich will euch Kaffee machen.« – »Koch, du bist 'n Kavalier!« rief Belfast. Aber der Koch war schon auf der Heckleiter. Er hielt einen Augenblick an, brüllte zurück: »Solang sie schwimmt, will ich kochen!« und verschwand, als wäre er über Bord gegangen. Die Leute, die ihn verstanden hatten, schickten ihm ein ›Hurra‹ nach, das wie das Gewimmer kranker Kinder klang. Eine Stunde nachher, oder noch später, sagte jemand deutlich: »Der ist ganz weg.« – »Sieht ganz so aus«, stimmte der Bootsmann bei. »Schon bei gutem Wetter war er auf Deck so sicher, wie eine Milchkuh auf ihrer ersten Reise. Wir sollten nachschauen gehn.« Keiner rührte sich. Wie sich die Stunden so durch die Nacht schleppten, da kroch Herr Baker ein paarmal das Achterdeck auf und ab. Einige Leute glaubten ihn mit dem Kapitän halblaut sprechen gehört zu haben; aber damals waren die Erinnerungen unendlich viel lebendiger als jede Gegenwart, und sie waren nicht ganz sicher, ob sie dies Sprechen jetzt oder vor vielen Jahren gehört hätten. Sie gaben sich auch keine Mühe, es klarzustellen. Auf das bißchen Sprechen kam's nicht an. Es war zu kalt für die Neugierde – fast auch für die Hoffnung. Sie waren so ganz von dem Wunsch durchdrungen, am Leben zu bleiben, daß sie für nichts sonst einen Gedanken oder einen Augenblick übrig hatten. Und dieser Wunsch, zu leben, erhielt sie munter, machte sie unempfindlich und ausdauernd gegen die fortwährenden wütenden Angriffe von Wind und Kälte; unterdessen drehte sich die sternbesäte, dunkle Wölbung des Himmels langsam über das Schiff, das hintrieb und all diese Ergebung und dies Leiden durch die stürmische Einsamkeit des Meeres trug.

Sie waren dicht aneinandergedrängt und kamen sich furchtbar verlassen vor. Sie hörten langwährende, laute Geräusche – und trugen dann wieder die drückende Last des Daseins durch lange Stunden voll tiefen Schweigens. In der Nacht sahen sie Sonnenschein, fühlten Wärme und fuhren gleich darauf in die Höhe bei dem Gedanken, die Sonne wollte nie wieder über der frierenden Welt aufgehen. Einige hörten Gelächter, lauschten Gesängen; andere, nahe am Ende der Achterhütte, konnten laute menschliche Schreie hören und waren, als sie die Augen öffneten, überrascht, sie immer noch zu hören, wenn auch ganz schwach und weit weg. Der Bootsmann sagte: »Was, 's ist der Koch, der von vorne ruft, denk' ich.« Er glaubte kaum, was er sagte, und erkannte seine eigene Stimme zur Not. Es dauerte lange, bis der Mann neben ihm ein Lebenszeichen gab. Er puffte seinen andern Nachbarn heftig an und sagte: »Der Koch ruft!« Viele verstanden nicht, andere kümmerten sich nicht darum; die Mehrzahl, weiter rückwärts, glaubte es nicht. Der Bootsmann aber und noch ein Mann hatten den Mut, nach vorne zu kriechen, um nachzusehen. Sie schienen stundenlang fort zu sein und waren bald vergessen. Dann plötzlich ergriff Leute, die eben noch in hoffnungslose Ergebung versunken gewesen waren, eine wilde Lust, um sich zu stoßen. Sie bearbeiteten einander mit Fäusten. In der Dunkelheit schlugen sie hartnäckig auf irgendwas Weiches los, das sie in der Nähe fühlen konnten, und flüsterten aufgeregt – es kostete sie mehr Anstrengung als das Schreien: »Sie haben heißen Kaffee gebracht ... Der Bootsmann hat ihn gebracht ...« – »Nein! ... Wo? ...« – »Da kommt er! Der Koch hat ihn gemacht.« James Wart stöhnte. Donkin strampelte wie toll, ganz gleich, wohin er traf, in der einzigen Sorge, daß die Offiziere nichts davon bekommen sollten. Der Kaffee kam in einem Topf, und sie tranken der Reihe nach. Er war heiß, und während er schon auf den gierigen Gaumen brannte, schien es noch unglaublich. Die Leute seufzten auf, während sie den Topf weitergaben: »Wie hat er's gemacht?« Einige riefen matt: »Bravo, Doktor!«

Er hatte es irgendwie fertiggebracht. Nachher erklärte Archie, die Sache sei ›wonderbar‹. Wir kamen tagelang nicht aus dem Staunen heraus, und es war der einzig-unerschöpfliche Gesprächsstoff bis zum Ende der Reise. Wir fragten den Koch, bei gutem Wetter, was er sich gedacht habe, als er seinen Ofen ›sich bäumen‹ sah. Wir erkundigten uns an ruhigen Abenden, während der Fahrt nach Nordwest, ob er wohl habe auf dem Kopf stehen müssen, um die Sache irgendwie zurechtbringen zu können. Wir behaupteten, er habe die Brotlade als Floß benutzt und von da aus in aller Bequemlichkeit das Feuer geschürt; und wir taten unser Bestes, um unsere Bewunderung unter witziger und feiner Ironie zu verbergen. Er versicherte, nichts davon zu wissen, verwies uns unsere Leichtfertigkeit und erklärte mit heiliger Begeisterung, er sei das Werkzeug einer besonderen Gnade gewesen, um unser sündhaftes Leben zu retten; er hätte aber nicht so beleidigend sicher tun sollen deswegen – hätte nicht so oft andeuten sollen, daß es uns allen schlecht gegangen wäre, wenn nicht er, wohlverdient und sündenrein, dagewesen wäre und die Eingebung und Kraft für das Gnadenwerk erhalten hätte. Hätte uns seine Verwegenheit oder Gewandtheit gerettet, so hätten wir uns schließlich damit aussöhnen können; unsere Rettung aber lediglich der tugendhaften Heiligkeit eines andern verdanken zu sollen – das kam uns ebenso schwer an wie wohl allen andern Leuten auch. Wie so viele Wohltäter der Menschheit nahm der Koch sich selbst zu ernst und erntete Unehrerbietigkeit als Lohn. Dabei waren wir aber nicht undankbar. Er blieb heldenhaft. Sein Ausspruch – der Ausspruch seines Lebens – wurde im Munde der Leute zum Sprichwort, wie es die Aussprüche von Eroberern oder Weisen sind. Wenn später einmal einer von uns eine böse Arbeit vorhatte, und man riet ihm, sie sein zu lassen, dann drückte er sicherlich seinen Entschluß, bis zum Erfolge durchzuhalten, mit den Worten aus: ›Solang sie schwimmt, will ich kochen!‹

Der heiße Trank half uns über die öden Stunden weg, die dem Dämmern vorangehen. Der Himmel nahm nahe beim Horizont zarte rosige und gelbe Tönungen an, wie die Innenseite einer seltenen Muschel. Und höher oben, wo er im Perlenglanz schimmerte, erschien, wie ein vergessenes Bruchstück der Nacht, eine kleine schwarze Wolke, in leuchtendes Gold eingefaßt. Die ersten Lichtstrahlen wippten über die Wogenkämme. Die Augen der Leute wandten sich nach Osten. Das Sonnenlicht überflutete ihre müden Gesichter. Sie gaben sich der Ermattung hin, als wäre es für sie mit der Arbeit für immer vorbei. Auf Singletons schwarzem Gummimantel flimmerte das getrocknete Salz wie Rauhreif. Er hielt beim Rad aus, mit offenen, leblosen Augen. Kapitän Allistoun sah, ohne zu zwinkern, der Sonne entgegen. Seine Lippen zuckten, öffneten sich zum erstenmal seit vierundzwanzig Stunden, dann rief er mit frischer, fester Stimme: »Klar zum Wenden!«

Bei dem scharfen Kommandoton fuhren alle die Leute aus ihrer stumpfen Ruhe auf, wie von einem jähen Peitschenhieb getroffen. Dann verharrten sie wieder regungslos, wo sie lagen; nur die Macht der Gewohnheit ließ einzelne den Befehl wiederholen, in kaum vernehmbarem Murmeln. Kapitän Allistoun warf einen Blick auf seine Mannschaft, und mehrere versuchten, mit steifen Fingern und hoffnungslosen Bewegungen, sich loszumachen. Er wiederholte ungeduldig: »Klar zum Wenden! Na also, Herr Baker, bringen Sie die Leute in Schwung. Was ist denn mit ihnen los?« – »Klar zum Wenden! Hört ihr, da? – Klar zum Wenden!« donnerte plötzlich der Bootsmann los. Seine Stimme schien einen tödlichen Bann zu brechen. Die Leute begannen sich zu rühren und vorwärts zu schieben. – »Ich will rasch den Sturmklüver gehißt haben«, sagte der Schiffer, sehr laut. »Wenn ihr's stehend nicht fertig bringt, dann müßt ihr's liegend tun – das ist alles. Faßt an!« – »Kommt her! Helfen wir dem alten Mädchen auf die Beine«, drängte der Bootsmann. – »Ja, ja! Klar zum Wenden!« riefen zitternde Stimmen. Die Leute schickten sich mit unwilligen Mienen an, nach vorne zu gehen. Herr Baker drängte sich auf allen vieren vor und zeigte grunzend den Weg, und sie folgten ihm über Deck. Die andern lagen still, mit der feigen Hoffnung im Herzen, man würde keine Bewegung von ihnen verlangen, bis sie in Frieden gerettet oder ertränkt wären.

Nach einer Weile konnte man sie oben auf dem Backdeck auftauchen sehen, einen nach dem andern, in gefährlichen Stellungen; sie hingen an der Reling, klammerten sich an die Anker, hielten den Kopf des Pumpspills oder die Ankerwinde umarmt. Sie waren unermüdlich in eigenartigen Bewegungen, schwenkten die Arme, knieten, legten sich flach nieder, erhoben sich schwankend – und schienen es darauf abgesehen zu haben, unbedingt ins Wasser zu fallen. Plötzlich flatterte zwischen ihnen ein kleines, weißes Stück Leinwand auf, wuchs, flog im Wind. Der schmale Zipfel verbreiterte sich ruckweise – und stand endlich aufgespannt, dreieckig im Sonnenschein. – »Sie haben's fertiggebracht!« schrien die Leute achtern. Kapitän Allistoun ließ das Tau fahren, das er sich ums Handgelenk gewunden hatte, und rollte kopfüber nach Lee zu. Dort konnte man sehen, wie er die Großbrassen von den Pinnen losmachte, während die zurücklaufenden Wellen über ihn wegschlugen. – »Großrah vierkant brassen!« schrie er uns zu, die ihn verwundert anstarrten. Wir zögerten, uns vom Fleck zu rühren. »Die Großrah, Leute! Holt an! Holt an, irgendwie! Legt euch auf den Rücken und holt an!« gellte er; er war halbwegs am Ertrinken da unten. Wir hielten es für ausgeschlossen, daß wir die Großrah auch nur rücken könnten; doch die Stärksten und am wenigsten Entmutigten versuchten den Befehl auszuführen. Andere halfen halb widerwillig mit. Singletons Augen blitzten auf, als er von neuem in die Speichen griff. Kapitän Allistoun arbeitete sich nach Luv hinauf. – »Zieht, Leute! Seht, daß ihr's losbringt! Zieht und helft dem Schiff!« Sein hartes Gesicht arbeitete wütend. »Rührt sie sich, Singleton?« schrie er. – »Noch keine Spur, Herr«, krächzte der alte Matrose mit furchtbar heiserer Stimme. – »Paß aufs Steuer auf, Singleton«, gurgelte der Schiffer. »Zieht, Leute! Habt ihr nicht mehr Kräfte als Ratten? Zieht und verdient euch das Salz.« Herr Creighton lag auf dem Rücken; sein Bein war geschwollen und sein Gesicht so weiß wie ein Stück Papier; er zwinkerte mit den Augen, und seine bläulichen Lippen zuckten. In dem wilden Getümmel faßten ihn die Leute an, stiegen über sein krankes Bein weg, knieten ihm auf der Brust. Er blieb unbeweglich und biß die Zähne zusammen, ohne einen Seufzer oder ein Stöhnen hören zu lassen. Der Eifer des Schiffers, das Schreien dieses sonst so schweigsamen Mannes rissen uns mit fort. Wir zogen und hängten uns in Bündeln an das Tau. Wir hörten ihn heftig zu Donkin sagen, der kläglich auf dem Bauch herumrutschte: »Mit der Belegpinne da schlag' ich dir den Schädel ein, wenn du nicht mit anpackst!« Und dies Opfer der menschlichen Ungerechtigkeit winselte feig und unverschämt: »Wollt ihr uns jetzt gar umbringen?« Dabei langte er aber mit verzweifelter Plötzlichkeit nach dem Tau. Die Leute seufzten, stöhnten, keuchten abgerissene Worte, brüllten. Die Rahen bewegten sich, stellten sich langsam quer gegen den Wind, der laut in den Rahnocken heulte. – »Sie fällt ab, Herr«, brüllte Singleton, »sie hat eben geruckt.« – »Holt die Brasse fester an. Noch einmal, zieht!« heulte der Schiffer. Herr Creighton, halb erstickt und unfähig, sich zu rühren, machte eine mächtige Anstrengung und erreichte mit der Linken das Tau. – »Fest!« schrie jemand. Er schloß die Augen, als wollte er ohnmächtig werden; wir andern blieben um die Brasse gedrängt und warteten mit gespannten Blicken ab, was das Schiff jetzt tun würde. Die Brigg trieb langsam weiter, als sei sie müde und mutlos wie die Leute, die sie trug. Wie sie so ganz langsam abfiel, da hielten wir den Atem an, bis wir fast erstickten; sobald sie aber vor den Wind gekommen war, begann sie sich zu regen; uns pochte das Herz wild. Es war schrecklich, anzusehen, wie sie, fast gekentert, allmählich Fahrt bekam und ihre untergetauchte Seite durchs Wasser schleppte. Die Wellen brachen sich schäumend an den Jungfernblöcken im Takelwerk. Die untere Hälfte des Decks war voll von kreisenden Strudeln und Wirbeln. Dann und wann zeichnete sich die lange Linie der Leereling schwarz ab unter dem schaumigen Gischt, der blendendweiß wie ein Schneefeld strahlte. Der Wind pfiff schrill durch die Spieren; und bei jedem leichten Ruck erwarteten wir, daß die Brigg unter unseren Füßen emporschnellen würde. War sie vorher wie tot dagelegen, so machte sie nun den ersten deutlichen Versuch, sich aufzurichten; wir ermutigten sie mit einem schwachen und mißtönenden Geheul. Von achtern wälzte sich eine mächtige Woge heran, hing mit schaumigem Kamm einen Augenblick lang über uns, krachte dann unter der Gillung nieder und zerrann auf beiden Seiten in gischtige Sprudel. Durch das scharfe Zischen hörten wir Singleton krächzen: »Sie steuert!« Er hatte nun die Füße fest auf das Gitterwerk gesetzt, und das Rad wirbelte herum, wenn er mit dem Steuer nachgab. – »Bring' den Wind nach backbord achtern und halt so!« rief der Schiffer und richtete sich auf, als erster von uns allen, die noch niedergestreckt lagen. Einige kreischten vor Aufregung: »Sie hebt sich!« Weit vorne hob sich Herr Baker mit drei andern aufrecht und schwarz vom klaren Himmel ab; sie schwenkten die Arme und hatten den Mund offen, als brüllten sie alle zusammen. Die Brigg zitterte, suchte ihre Seite zu heben, fiel zurück, schien wieder in kraftlose Erschlaffung zu versinken und schnellte dann auf einmal mit einem jähen Ruck nach Luv, als habe sie sich einer tödlichen Umklammerung entrissen. Die ganze ungeheure Wassermenge, die sie mit ihrem Deck hochbrachte, wurde in einer Masse nach Steuerbord geschleudert. Man hörte lautes Krachen, das Donnern und Klingen der gesprengten eisernen Pfortluken. Das Wasser stürzte rauschend über die Steuerbordreling, wie ein Fluß über einen Deich. Die See auf Deck mischte sich laut dröhnend mit der zu beiden Seiten. Das Schiff rollte heftig. Wir sprangen auf und wurden hilflos hin und her geschleudert. Während sie herumkugelten, schrien einzelne: »Das Deckhaus geht zum Teufel!« – »Sie kommt klar!« Eine turmhohe See hob sie hoch und riß sie einen Augenblick lang mit sich fort, während das Wasser in dicken Bächen aus allen Öffnungen ihrer wunden Seiten strömte. Die Leebrassen waren fortgeschwemmt oder von den Pinnen losgerissen worden, so daß nun die schweren Rahen am Fockmast bei jedem Rollen mit beängstigender Schnelligkeit hin und her schwangen. Man konnte sehen, wie die Leute vorn, mit furchtsamen Blicken auf die ungeheuren Spieren, die über ihren Köpfen herumwirbelten, da- und dorthin krochen. Die Segelfetzen und Bruchenden der zerrissenen Taue flatterten im Wind wie Haarsträhnen. Die Brigg flog durch den Sonnenschein, über die blitzende, wirbelnde See, in verstörter, blinder Hast, als gälte es ihr Leben; wir drückten uns, aufgeregt und lärmend, auf dem Achterdeck herum. Wir sprachen alle auf einmal, in heiserem Lallen; wir hatten das Aussehen von Invaliden und die Gebärden von Irrsinnigen. Große wüste Augen glänzten aus lächelnden Gesichtern, die mit Kalkstaub bepulvert schienen. Wir stampften, klatschten in die Hände, fühlten die Kraft in uns, herumzuspringen und was immer zu tun – und konnten uns in Wahrheit doch kaum auf den Beinen halten. Kapitän Allistoun winkte von achtern wie verrückt Herrn Baker zu: »Die Fockrahen da festmachen! Festmachen, so gut's geht!« Auf dem Hauptdeck plätscherten und wateten Leute, durch sein Schreien aufgeregt, ziellos herum; der Schaum wirbelte ihnen bis zum Gürtel hinauf. Abseits, weit achtern, stand der alte Singleton allein am Steuer; er hatte seinen weißen Bart bedächtig unter den Halskragen seines glitzernden Ölzeugmantels gezwängt. Von allen vergessen, stand er da, unbeweglich ruhig, mit aufmerksamem Gesicht, die ruhigen alten Augen fest auf das Schiff gerichtet, das sich wie unter Peitschenhieben streckte und schwer arbeitend vorwärtsjagte. An seiner hochgereckten Gestalt bewegten sich nur die beiden Arme, die in raschen, jähen Griffen das Wirbeln der kreisenden Speichen hemmten oder freigaben. Er steuerte mit Bedacht.

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