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Der neue Pitaval - Band 9

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 9 - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 9
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1859
printrun2
firstpub1845
volumeNeunter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectidf0370978
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Eliçabide

1840

Vor der Porte Saint-Martin von Paris, bei der Ortschaft La Villette, fand man am Morgen des 15. März 1840 an einem abgelegenen Orte die Leiche eines unbekannten Knaben. Der Knabe war offenbar ermordet und dann in den Koth eines Abzugsgrabens geworfen worden. Der Hirnschädel war, muthmaßlich mit einem harten und scharfkantigen Instrumente, eingeschlagen, außerdem war ihm der Hals mit einem Messer durchschnitten.

Es war ein lieblicher Knabe, die Kindesunschuld strahlte von seinem Gesicht, als man ihn von Schmuz und Blut gereinigt. Sein Anblick erregte bei allen das tiefste Mitleid und Abscheu gegen den unbekannten Mörder, der die That erst in der Nacht oder spätestens am vorangehenden Tage verübt haben konnte.

Weder das Opfer noch wahrscheinlich der Thäter gehörten dem Orte an, in dessen Nähe man es gefunden. Muthmaßlich waren beide aus der nahen Hauptstadt dahingekommen; eine Omnibusverbindung geht zwischen La Villette und Paris. Möglich auch, daß der Mörder den Knaben auf einem Spaziergange hinausgelockt hatte. Man schaffte daher die Leiche nach Paris zurück, um hier die polizeilichen Nachforschungen Wirken zu lassen.

Aber dieselben, wiewol von der gesammten Presse der Hauptstadt unterstützt, blieben fruchtlos. Die Sache erregte ein ungemeines Aufsehen. Schon in diesem ersten Stadium, als ein reines unbegreifliches Factum, durchlief sie alle Zeitungen der Welt. Der Knabe war in der Morgue ausgesetzt; alle Aeltern, Lehrer, Verwandte, die etwa Kinder vermißten, wurden aufgefordert, in die Morgue zu kommen, und zahllose Theilnehmende und Neugierige strömten dahin; aber allen war das unentstellte Gesicht völlig fremd. Kein Fremder, der von einem verlorengegangenen Kinde etwas wußte, auch in der ganzen Umgegend der Stadt kein vermißter Knabe, keine Spur, die nur auf ein begangenes Verbrechen leitete.

Wie war das unbekannte Kind nach Paris gekommen, oder woher war es überhaupt dahin wie geschneit? Die pariser Polizei mit allen ihren Helfershelfern wußte sich keines Rathes; umsonst boten die Zeitungen alles auf; sie erweckten eine steigende Theilnahme, Rührung und Neugier, aber auch sie vermochten aus dem undurchdringlichen Geheimnis; keinen Funken Licht zu entlocken.

Was lag für ein Verbrechen zum Grunde? Nach der bescheidenen Kleidung des Knaben hatte es nicht den Anschein, als sei der Mord in Folge oder um eines andern Verbrechens willen begangen. Ein Raubmörder würde sich auch schwerlich die Mühe gegeben haben, dem Beraubten andere Kleider anzulegen. Lag eine That der Rache, ein Verbrechen an einer Familie, ein Kinderraub oder ein wilder Act verbrecherischer Wollust zum Grunde, den die blutige That verbergen sollte? Auf alle diese Fragen wußte man sich keine Antwort. Aber das Interesse war nun so allgemein geworden, daß man nach einem ungewöhnlichen Auskunftsmittel suchte, um sich wenigstens die Möglichkeit der Entdeckung zu sichern. Man balsamirte die Leiche des schönen Knaben ein und stellte sie aufs neue aus.

Aber so viele auch hinzuströmten, um sie zu sehen, auch da fand sich niemand, der sich zu dem Knaben bekannte.


Etwa acht Wochen spater verbreitete sich in Bordeaux die Nachricht von einer doppelten, schrecklichen Mordthat. Unfern der Stadt, in der Nähe der Gemeinde von Artigues, liegt, an der Seite der großen Straße, ein ziemlich ausgedehntes Gehölz, hinter welchem ein Bach sich fortschlängelt. In diesem Bache fanden Landleute am Morgen des 10. Mai den Leichnam einer noch jugendlichen Frau schwimmend. Sie war augenfällig nicht im Wasser verunglückt, sondern erst, nachdem sie ermordet worden, in den Bach geworfen; denn ihr eingeschlagener Hirnschädel, die mannichfachen Verstümmelungen am Köpf und das gänzlich zerschlagene und zerschnittene Gesicht deuteten auf einen furchtbaren Mord durch fremde Gewaltthat. Ueberdem war die Kleidung ihr fast ganz vom Leibe gerissen.

Auch führten Blutspuren am Ufer tiefer in den Wald hinein nach einem Platze, wo wahrscheinlich die That verübt war, und von woher der oder die Mörder die Unglückliche, um das Verbrechen auf den ersten Blick zu verbergen, nach dem Bache geschleppt hatten. Bei einer weitern Nachsuchung fand man im Laufe desselben Tages in demselben Bache, aber mehrere hundert Schritte davon entfernt, noch eine zweite Leiche, die eines ganz jungen Mädchens. Auch ihr Schädel war zerschlagen, auch ihr waren die Kleider abgerissen; doch war ihr Leichnam in einen Shawl gehüllt.

Die Gemeinde von Artigues war außer sich vor Schrecken, und bald wußte man auch in Bordeaux von dieser Mordthat und sprach mit Entsetzen davon an allen öffentlichen Orten.

An den sogenannten Quatre pavillons, einem Orte in der Nähe von Artigues, hatte ein Fußgänger an dem Morgen dieses Tages die von Bergerac nach Bordeaux fahrende Diligence abgewartet und sich mit aufgesetzt. In Bordeaux stieg er in dem kleinen Wirthshaus eines Herrn Chaban ab. Er führte mit sich einen Nachtsack und noch ein Paar Körbe oder kleinere Beutel. Bei der Ankunft ließ er sich ein Frühstück anrichten und aß mit vieler Ruhe und anscheinend mit einer gewissen Gemächlichkeit. Nachher erklärte er, daß ihn friere, man möge Feuer anmachen. Man führte ihn in einen Saal, wo Feuer im Kamin angezündet ward. Als jemand nach einer Stunde eintrat, fand er den Gast fest eingeschlafen. Der Wirth forderte ihn auf, wenn er schlafen wolle, sich in ein Zimmer zu begeben, wo ein Bett für ihn bereit stände. Er ging, ohne ein Wort zu sagen, dahin, entkleidete sich und schlief auch hier bald ein.

Als Chaban inzwischen von seinen Gästen den Vorfall im Gehölze von Artigues erfahren und damit in Verbindung brachte, daß sein Gast wenige Zeit, nachdem der Mord vorgefallen sein dürfte, sich unfern von dem Orte, wo er vollbracht, in die Diligence gesetzt, schöpfte er einen Verdacht, der durch das seltsame Wesen des schweigsamen Mannes wohl genährt wurde. Er unterrichtete die Polizei davon, welche auch den Fremden am Morgen des 11. Mai, und zwar in dem Augenblicke, wo er das Haus verließ, um die Diligence nach Paris zu besteigen, verhaftete.

Auf den beiden Körben oder Damenbeuteln, welche der Fremde bei sich führte, fand man Blutflecke, auch einen solchen auf dem einen Aermel seines Hemdes. Indessen wollte der Fremde nichts von einem begangenen Verbrechen wissen. Aber noch verdächtiger waren die großen, sichtlich irgendwo abgerissenen Stücke Zeug, die von Frauenkleidern herrührten. Zwar waren die Leichen der beiden ermordeten Frauen noch nicht nach Bordeaux geschafft, aber man wußte, daß ihnen die Kleider vom Leibe abgerissen waren, und Zeugen, welche bei Auffindung der Leichen zugegen gewesen, versicherten, daß die Fetzen ihrer Kleidung, die der Mörder noch an den Leichnamen gelassen, mit den ihnen hier vorgezeigten ganz von demselben Stoffe schienen.

Der Gefangene ließ es nicht auf die Vergleichung der Stoffe ankommen. Aus seinem Gefängniß schickte er einige Zeilen an den Untersuchungsrichter, in welchem er bekannte, daß er die Frau und das junge Mädchen erschlagen habe. Die Frau heiße Marie Anizat aus Pau, das junge Mädchen sei ihre Tochter Mathilde, acht Jahre alt. Der Name des Mörders war Pierre Vincent Eliçabide. Er nannte sich Professor.

Darauf vor den Instructionsrichter geführt, wiederholte er nicht allein dieses Bekenntniß mit allen Umständen, unter denen der Mord stattgefunden, sondern bekannte auch aus freien Stücken, daß er der Mörder jenes vor acht Wochen bei Paris ermordet gefundenen Knaben sei. Dieser Knabe sei Joseph Anizat, der Sohn und Bruder seiner letzten beiden Schlachtopfer, gewesen.

Der gegen Eliçabide geführte Proceß ist sehr einfach und eigentlich nur in psychologischer Hinsicht von Interesse. Bei seinem ersten Geständnis verblieb er bis zu seiner Todesstunde, und änderte nur seine Aussage in einzelnen Nebenumständen, welche auf das Motiv der That ein anderes Licht werfen konnten. Aber der Fall gehört zu der Reihe der berühmten Criminalfälle, welche das neuere Frankreich gewissermaßen für die ganze Welt durchmachte, und für welche während der Verhandlungen die Theilnahme in New-York, Neapel und Petersburg fast so lebendig als in Paris und Bordeaux war.

Ueberdem fand hier ein merkwürdiges Zusammentreffen statt. Der Proceß Lafarge war in der Blüte seiner Entwickelung, als der Proceß Eliçabide begann, und als dieser zu Ende ging, klopfte schon ein dritter verwickelter und merkwürdiger, der Proceß Marcellange, an. Die Gazette des Tribuneaux bringt nämlich in den Nummern, welche die Assisenverhandlungen über Eliçabide's Mordthat enthalten, bereits die Nachricht von dem Herrn von Marcellange, der durch das Küchenfenster auf seinem Gute erschossen wurde. Alle drei haben zu dem traurigen Ruhm, den Frankreich seit den Zeiten des alten Pitaval bis heute behauptet, ihren Beitrag geliefert, daß hier die verwickeltsten, zweifelhaftesten, romanhaftesten Processe aus dem socialen Leben sich entwickeln, welche, sei es in Stoff oder Form, oder beidem, von einer Würze sind, die für jedes Klima, jede Nationalität und jeden Bildungsgrad Interesse darbieten.

Ermittelt wurde sehr wenig mehr, als Eliçabide selbst vor seinen Richtern aussagte; und nach seiner Aussage zumeist ist die Anklageacte entworfen. Wir mögen diese daher, was nicht bei allen Criminalfällen räthlich ist, unserm Referat zum Grunde legen.


Pierre Vincent Eliçabide, aus dem Bearnischen, war der Sohn armer Aeltern, von ihnen dem geistlichen Stande bestimmt. Er hatte in den Seminaren von Oleron, Betharram und Bayonne studirt, um später die Weihen zu empfangen. Aber der Dämon eines maßlosen Stolzes, einer Selbstüberschätzung arbeitete in ihm. »Passionirt für systematische Ideen,« heißt es, (von denen wir übrigens in seiner Verteidigung, seinen mitgetheilten Schriften und seinen Antworten im Proceß wenig finden) und sich für einen Mann von überwiegendem Geiste haltend und bestimmt für ein glänzenderes Loos, als das, welches ihm der geistliche Stand in Aussicht stellte, hatte er endlich einer Laufbahn entsagt, die er wol überhaupt nicht aus wahrem Beruf ergriffen hatte.

Er lebte mehrere Jahre als Privatlehrer und Erzieher in verschiedenen Häusern in Bordeaux. Gegen Ende des Jahres 1837 entschloß er sich jedoch, das Directorium über eine Primärschule zu übernehmen, die ein früherer Lehrer von ihm in dem kleinen Ort Lestelle in der Nähe von Pau gegründet hatte.

In dieser Stellung lernte er eine noch junge Witwe, Marie Anizat, in Pau kennen. Sie wollte ihren Sohn, damals einen Knaben von acht Jahren, in jene Schule bringen. Eliçabide kam ihr dabei freundlich entgegen und besuchte sie später mehreremale in Pau.

Marie, mit dem Geburtsnamen Tressarieux, aus dem Departement der Unterpyrenäen, von dürftigen Aeltern geboren, scheint doch eine für ihren Stand gute Erziehung genossen zu haben. Sie hatte, etwa 20 Jahre alt, Pierre Anizat geheirathet, mit dem sie, nach manchen andern Versuchen, einen Broterwerb und ein Vermögen sich zu gewinnen, nach Algier gegangen war und in Oran ein Wirthshaus gegründet hatte. Bei einem Ausfall der Franzosen, um die andringenden Araber abzutreiben, ward Anizat im Jahre 1833 getödtet. Er hinterließ seiner Witwe kein Vermögen, aber zwei Kinder, den Knaben Joseph, der 1829, und Mathilde, die 1831 geboren war.

Aber Marie war ein stilles, frommes, thätiges Weib. Nach Frankreich zurückgekehrt, erwarb sie für sich und ihre, Kinder durch ihrer Hände Arbeit, durch Fleiß und Ordnung nicht allein das tägliche Brot, sondern hob auch ihre kleine Familie über den äußersten Nothstand dermaßen hinaus, daß sie darauf bedacht sein konnte, ihrem Knaben eine bessere Erziehung zu geben. Sie lebte zufrieden, geachtet und gewissermaßen glücklich, bis jener erwähnte Umstand sie mit Eliçabide bekannt machte.

Eliçabide war auch in seiner neuen Stellung nicht zufrieden, man sah ihn häufig wie von Sorgen verzehrt; sein Wesen war unruhig, ungestüm. Gegen seine Schüler war er außerordentlich streng. Er schien sich darin zu gefallen, sie zu mishandeln, ja er sprach es gegen verschiedene Personen als Princip aus, wenn man die Kinder gut erziehen wolle, müsse man sie mit großer Härte behandeln.

Seine Einnahme war im Verhältniß zu seinem Herkommen und dem, was er bis da gehabt, ganz anständig, ihm aber schien sie jammervoll und äußerst gering im Verhältniß zu dem, worauf er bei seinem Geist und seinen Talenten Anspruch habe. Im October 1839 gab er plötzlich die Stelle auf und ging nach Paris. Nicht in der Provinz, nur in Paris kann man sein Glück machen, und jeder Jüngling, der sich für einen ausgezeichneten Kopf in der Provinz hält, glaubt darauf eine sichere Anwartschaft zu haben.

Eliçabide ging mit den kühnsten Hoffnungen nach der Hauptstadt, er zweifelte keinen Augenblick auf dem langen Wege, daß alle seine Entwürfe, eine große Erziehungsanstalt zu begründen, glücken müßten. Seine erste Wohnung war in einem Hotel garni, wo auch ein älterer Bekannter, ein Student, der mit ihm im Seminar von Betharram gewesen, wohnte. Statt diese Wohnung zu erweitern, mußte er bald ein noch kleineres Zimmer mit jenem Studenten Beslay zusammen miethen. Sein Bette hatte ihm der vorige Wirth geliehen, wofür er dem Sohne desselben Unterricht ertheilte. Aber die Schüler zum Unterricht im Französischen und Lateinischen wollten trotz aller Aufforderung sich nicht melden. Die wenigen Mittel, welche er aus der Provinz mitgebracht, waren gänzlich erschöpft. Arbeiten für die Journale, womit gewöhnlich die Anzügler aus der Provinz zuerst ihren Lebensunterhalt sich zu verdienen suchen, scheint er nicht geliefert zu haben, entweder, weil er dort nicht ankam, oder solche Thätigkeit in seinem Stolz verschmähte. Dagegen hatte er ein Werk geschrieben: »Geschichte der Religion, für Kinder erzählt.« Aber es fand keinen Verleger und ist als traurige Reliquie des Verbrechers im Manuscript zurückgeblieben.

Wo er bei angesehenen Personen anklopfte, fand er verschlossene Thüren oder taube Ohren. Von Hause konnte er auf gar keine Unterstützung rechnen; seine armen Aeltern hofften eher auf Hülfe von ihrem Sohne.

Aber eine geistige Trostquelle schien ihm in dem fortgesetzten Verkehr mit der Witwe Marie Anizat zu bleiben. Er stand in Correspondenz mit derselben, und die Briefe lassen von der drückenden Lage und Stimmung, in der er sich befand, nichts ahnen. Im Gegentheil schrieb er, daß eine frohe Zukunft vor seinen Augen lächle, seine Wünsche schienen in Erfüllung zu gehen, und er sei drauf und dran, eine große öffentliche Erziehungsanstalt zu gründen.

In allen, seinen Briefen schimmerte die Absicht hindurch, sie zu heirathen. Indem er ihr mit den lachendsten Farben das künftige Institut, seine Thätigkeit und ihre künftige Lage schilderte, forderte er sie dringend auf, zu ihm zu kommen, aber vorher ihm ihren Sohn zu schicken, für dessen Erziehung er Sorge tragen wolle. Es schien sein dringenster Wunsch, und er wandte seine ganze Beredtsamkeit an, ihr Herz zu bewegen. So heißt es in einem Briefe vom 16. Januar 1840:

»Marie muß mich lieben, sie muß nach Paris kommen. Dennoch wünschte ich für's erste nur, daß Sie mir Joseph sendeten. Wenn mein Institut gegründet ist, soll er die besten Schulen besuchen. Ich werde die Aufsicht über ihn führen, ich werde mit ihm repetiren. Er wird mit mir schlafen, essen; alles werde ich für ihn befolgen.

»Ist Joseph einmal hier, dann werde ich tausend herrliche Gründe finden, um auch Sie nach Paris zu ziehen. Meine Arme werden Sie empfangen, Sie werden mein anderes Ich, mein Rath, meine Hülfe sein, und ich bin der Hoffnung, daß wir in unsern alten Tagen uns ohne Unruhe und Gewissensbisse der vergangenen Zeit erinnern werden; nicht wahr, an einem warmen Kaminfeuer, in einem kleinen, weißen Hause, in unsern lieben Bergen zwischen Moncayolle und Gottine?«

Später, am 29. Februar, nachdem er ihr angekündigt, daß alles nach Wunsche gehe, und daß er ein großes Pensionat in einem der reichsten Quartiere der Stadt zu gründen im Begriff stehe, schreibt er wieder:

»Ach, wie bedarf ich Ihrer hier; aber Sie wollen mich immer noch zur Geduld verweisen. Nun denn, Böse! meinethalben Geduld mit Ihnen; aber Joseph muß bald kommen. Er wird mir ebenso von Nutzen sein, als es ihm wird nützlich sein, daß er herkommt.«

Auf so dringende Bitten entschloß sich Marie Anizat endlich, nachzugeben. Sie vertraute, sie liebte den Mann, der sich schon früher so liebevoll ihres Sohnes angenommen hatte. So schwer es ihr ward, von ihrem Sohn sich zu trennen, geschah es doch. Sie packte seine Habseligkeiten zusammen, entlieh kleine Vorschüsse von ihren Kunden, und nachdem sie 100 Francs zusammengebracht und diese mit den Sachen in einen Mantelsack gepackt, übergab sie den Knaben einer Modehändlerin, der Demoiselle Lenoir, welche in Geschäften nach Paris reiste, um unterwegs ihn zu beaufsichtigen.

Am 11. März nahm die Mutter von ihrem geliebten Kinde Abschied, um es nicht wieder zu sehen. Am 14. März, Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr kam der Knabe mit seiner Beschützerin in Paris an.

Im Hofe der Messagerie stand bereits Eliçabide, als die Diligence ankam. Die sorgsame Mutter hatte nicht versäumt, »dem großmüthigen Freunde, dem gütigen Beschützer und dem zuverlässigsten Führer ihres Kleinen« den Tag seiner Ankunft schon im Voraus anzukündigen. Eliçabide schien außer sich vor Freude beim Anblick des lieben Kleinen. Er schloß ihn in seine Arme, er überhäufte ihn mit Liebkosungen. Er konnte der freundlichen Demoiselle Lenoir nicht Dankes genug für ihre Gefälligkeit und mütterliche Sorgfalt sagen und bat sie, ihm zu sagen, welche Auslagen sie für den Knaben unterwegs gemacht, da er sie auf der Stelle bezahlen wolle. Die Lenoir, zu sehr mit ihrem Gepäck beschäftigt, erwiderte, sie habe noch nicht zusammengerechnet, und wenn es ihm gefällig, möge er ihr nach einigen Tagen die Kleinigkeit berichtigen, zu welchem Zweck sie ihm ihre Adresse gab.

Eliçabide führte den kleinen Anizat nicht in seine Wohnung, sondern nachdem er mit ihm durch verschiedene Straßen und Quartiere der großen Stadt gegangen, kehrte er mit ihm bei einem Restaurateur ein, wo Beide ihr Mittagbrot einnahmen.

Nach dem Essen ging Eliçabide allein aus, indem er den Knaben einige Augenblicke auf ihn warten hieß. Die Anklageacte sagt nun, daß er diese Zeit brauchte, Joseph's kleines Felleisen in seiner Wohnung wegzulegen und einen Hammer einzustecken, mit welchem in der Tasche er zum Restaurateur zurückkehrte.

Hier in der Restauration, mit dem festen Mordvorsatze in der Brust, mit dem Werkzeuge zum Morde schon versehen, ließ er sich Papier und Feder geben und schrieb folgenden Brief an die Mutter, deren Sohn in wenigen Stunden nicht mehr athmen sollte.

»Eben habe ich Joseph in meine Arme geschlossen, nachdem ich von einem Schnellpostbureau zum andern gelaufen bin, indem ich nicht wußte, mit welcher Diligence er ankommen würde.

»Er ist in vollkommener Gesundheit eingetroffen. Sie können auf mich rechnen, daß ich alles thun werde, um Joseph den Aufenthalt in Paris angenehm zu machen. Warum eilen Sie aber nicht selbst, Sie, meine ich, Sie böse Person! Sie bedürfen wir hier, wie unser Augenlicht. Nun wollen wir doch sehen, ob Sie sich beeilen können. O daß Sie doch eben so hastig wären, als Sie indiscret sind. Sie, die Sie, ohne meine Erlaubniß, in meine Briefe blicken. Ich erwarte Sie hier, um Sie zur Rechenschaft zu ziehen, um Sie zu bestrafen für Ihre Bosheit. Adieu, herzlich geliebte Marie, Dein auf ewig.«

Unter diesen Brief mußte auch das zum Tode geweihte Opfer, der kleine Anizat, noch einige Linien schreiben. Sie lauteten, möglicherweise von Eliçabide dictirt:

»Meine liebe Mutter, ich bin 4 Uhr Abends in Paris angekommen. Herr Eliçabide empfing mich und umarmte mich. Ich kannte ihn erst gar nicht wieder, wegen des langen Bartes, den er unter dem Kinn trägt. Paris ist recht schön, meine liebe Mutter, ich glaube, daß es mir recht hier gefallen werde. Ich habe schon das Palais-Royal gesehen und viele schöne Straßen, indem ich mit Herrn Eliçabide ging.

»Adieu, meine liebe Mutter, ich umarme Dich zärtlich, so wie auch meine gute Schwester Mathilde.

Dein Sohn
Joseph.«

Nachdem Eliçabide den Brief zugemacht, adressirt und in einen Briefkasten geworfen, führte er den Knaben durch verschiedene Straßen nach der Porte Saint-Martin. Hier bestiegen sie einen Omnibus und fuhren nach La Villette.

Gegen 8 und 9 Uhr Abends befanden sie sich auf dem einsamen Felde, wo man am Morgen die Leiche des Knaben fand. Kein lebendes Wesen umher war sichtbar. Eliçabide hieß den Knaben still stehen. Plötzlich hat er den Hammer aus der Tasche gezogen, geschwungen und läßt ihn mit furchtbaren Schlägen auf den Kopf des Opfers niederfallen, bis der arme Knabe zu Boden stürzt. Ob er noch ein Wort, einen Laut geäußert, wußte der Mörder nicht mehr zu sagen. Ohne eine Regung von erwachtem Gefühl, ohne Schaudern setzt er die Schläge auf den Dahingestreckten fort. Damit noch nicht zufrieden, zieht er auch ein Taschenmesser hervor und schneidet der röchelnden Leiche auch die Kehle durch. Dann stößt er sie mit dem Fuße in den kothigen Graben.

Was mit dem Leichnam vorgenommen worden, weiß man aus dem Vorangeschickten. In Paris wußte Niemand von der Ankunft des hübschen Knaben aus der Provinz bis auf die Modehändlerin, die ihn selbst mitgebracht. Aber sie hatte ihn gleich nach der Ankunft in den besten Händen gesehen. Schon nach zwei oder drei Tagen hatte Eliçabide die Lenoir aufgesucht und ihr pünktlich die 9 Francs und einige Centimes zurückerstattet, welche sie während der Reise außer den von der Mutter ihr eingehändigten 40 Francs für den Kleinen ausgegeben. Er hatte sie außerdem versichert, daß der Knabe sich vollkommen wohl befinde und selbst mit ihm gekommen wäre, ihr zu danken, wenn er nicht schon sehr eifrig beim Lernen beschäftigt wäre. Die Lenoir hatte also, auch wenn sie von dem aufgefundenen Leichnam gehört, gar keinen Grund, an ihren zeitweiligen Schützling zu denken. Uebrigens war sie in Paris sehr beschäftigt und bald darauf nach Pau wieder zurückgereist.


Eliçabide fuhr, durch das Zwischenereigniß nicht im Geringsten gestört, fort, die zärtlichsten Briefe an seine geliebte Marie zu schreiben. Immer ungestümer drang er in sie, ihre friedliche und glückliche Ruhe zu verlassen und sein Glück in Paris mit ihm zu theilen. Gleich nach dem Morde schrieb er Folgendes: »O eilen Sie doch, köstliche Lügnerin. Packen Sie Ihre Sachen, sprechen Sie aber zu so Wenigen, als irgend Möglich, von Ihrer Abreise, weil meine edeln Aeltern, wenn sie von der Sache Kunde erhielten, und Sie ihnen die Briefe zeigen müßten, sich eigene Gedanken darüber bilden könnten, daß ich mich mit einer Fremden beschäftige, während ich sie leiden lasse. Wenn alles in Richtigkeit ist, wollen wir rechtschaffen darüber sprechen, und dann soll kein Mensch wagen, uns ein Wort zu sagen. Also, Sie ganz für mich und ich ganz für Sie, was kümmert uns dann die ganze Welt. Lassen wir da alle Priester, von Pau, von Moncayolle und von Betharrem. Wir wollen ihnen schon Neuigkeiten aus der Hauptstadt erzählen.«

Mit satanischer Erfindungsgabe wußte er die arglose Frau durch Aufzählen von Ursachen hinzuhalten, weshalb sie keine weitern Briefe von ihrem Sohne erhalte. Zwölf Tage, nachdem er unter seinen Händen verblutet, schrieb er:

»Joseph befindet sich ganz wohl. Er ist schon ganz vertraut mit den schönen Sachen von Paris und scheint sich gar nicht zu langweilen. Seine Handschrift wird recht hübsch. Wir könnten einstens einen allerliebsten Commis aus ihm machen. Ich bin sehr zufrieden mit seinen Fähigkeiten und seiner Aufführung, obgleich sein Kopf immer etwas leicht ist.«

Endlich gelang es ihm, die arme Frau zu überreden. Sie willigte jedoch erst ein, nach Paris zu kommen, nachdem er ihr die Versicherung gab, daß er für sie eine Stelle als Haushälterin in einem der Häuser, der Faubourg Saint-Germain gefunden.

Entzückt über ihren Entschluß, schrieb er ihr, nunmehr zu eilen, er zeichnete ihr die Route vor, die sie zu nehmen habe, und erklärte, die Sehnsucht triebe ihn dermaßen, daß er ihr bis Bordeaux entgegeneilen wolle. Sie solle dort am 6. Mai eintreffen; wenn sie im Wirthshause des Herrn Meunier abgestiegen, werde er noch am selben Tage vor ihr erscheinen. In dem Schreiben heißt es wieder:

»Joseph würde Ihnen auch ein paar Zeilen hinzugesetzt haben, aber bald wird er ja in Ihre Arme fallen, und das ist doch mehr werth. Ich bin sehr mit ihm zufrieden, ich kann wol von ihm sagen: er läßt sich gut an. Dünkt mich doch auch, daß er wächst und stärker wird. Er ist jetzt schon besser hier zu Hause, als ich selbst.

»– – Adieu, Meine herzlich geliebte Marie, keine Thränen mehr, keine Traurigkeit! Wenn Sie mager geworden sind, so verheiße ich Ihnen, daß Sie sehr schnell wieder stark werden sollen. Sie sollen gut und lange schlafen; Sie sollen eine treffliche Luft athmen. Sie sollen im Frühling zu wohlfeilen Preisen gutes Bier trinken, um Ihr Blut zu erfrischen. Aber ich bitte Sie, weit mehr als auf alles dieses, auf die Zärtlichkeit dessen zu rechnen, der Ihnen allein für dieses Leben angehört.«

Marie Anizat war am 6. Mai in Bordeaux angekommen und an dem bezeichneten Wirthshaufe abgetreten. Eliçabide war am 3. aus Paris abgereist, ohne Jemand den Zweck seiner Reise zu sagen; aber da er, um die Kosten der Diligence zu sparen, mit kleinen Zwischengelegenheiten fahren müssen, kam er erst am 7. an. Da er dies voraussah, hatte er schon von Poitiers aus an den Wirth Meunier geschrieben, er möge Marien darauf vorbereiten; denn er fürchtete, sie möchte sonst ohne ihn sich auf den Weg nach Paris machen.

Im Augenblick der Ankunft in Bordeaux war Eliçabide ohne alles Geld. In Ivrec, in der Nähe der Stadt, diente eine seiner Schwestern als Kammermädchen. Er schrieb augenblicklich an sie, ihm doch so viel Geld sie könne, zu bringen, und nannte ihr als Rendezvous eine andere kleine Herberge, die ein Herr Lesquerre hielt. Erst nachdem die Schwester wirklich am 8. Morgens in die Stadt gekommen war und ihm 100 Francs, ihre Ersparnisse, gebracht, eilte er, als sei er eben erst angekommen, in das Meunier'sche Wirthshaus.

Das Wiedersehen zwischen ihm und Marie war herzlich. Der Tag schien in lauter Freude und Herzlichkeit zu vergehen. Sie hatten gar keine Eile, nach Paris zu kommen. Noch am folgenden Tage, am 9., besuchten sie des Morgens zusammen eine gewisse Anna Marmayou, mit der Marie in Pau bekannt gewesen. Den folgenden Theil des Tages verwandte jeder zu seinen besondern Gängen.

Am Abende aber speisten Beide aufs vergnügteste zusammen in ihrem Wirthshause. Justine Cazauran, eine andere Freundin Mariens, die sie vorher zufällig auf der Straße getroffen, war eingetreten, um sie zu besuchen. Sie mußte sich mit an den Tisch setzen. Elicabide war lauter Lust und Lachen und würzte das Mahl durch die pikantesten Erzählungen und Bemerkungen. Marie Anizat schien von seiner Unterhaltung ganz hingerissen. Mit Stolz erzählte sie von dem Briefe, den ihr Sohn ihr gleich nach seiner Ankunft in Paris geschrieben; aber sie war unzufrieden, daß Eliçabide dem Knaben von ihrer Reise und bevorstehenden Ankunft gesagt; sie hatte sich so sehr gefreut, den Knaben zu überraschen.

Die Nacht wollten sie nicht in Bordeaux zubringen, sondern in Ivrec. Die Freundin hatte Eliçabide versprechen müssen, diese Nacht bei seiner Schwester, dem Kammermädchen dort, zu schlafen. Am andern Morgen wollten sie dann die Diligence besteigen, welche unfern von Ivrec vorüberfuhr.

Abends nach 8 Uhr miethete Eliçabide einen Fiacre, der sie vors Thor und bis nach den sogenannten Quatre pavillons fuhr. Hier stiegen sie aus, um den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Nachdem sie einen sich schlängelnden Hohlweg zurückgelegt, kam das ziemlich ausgedehnte Gehölz, welches sich auf eine Strecke links vom Wege fortzieht. Hinter dem Gehölz fließt der erwähnte Bach, welcher später unter der großen Straße fortgeht.

Marie Anizat führte ihre kleine Tochter Mathilde und trug die beiden Kober oder Beutel, Eliçabide trug einen Nachtsack, das einzige Gepäck, welches er von Paris mitgebracht.

Als sie das Gehölz erreicht haben, bleibt Eliçabide um einige Schritte zurück. Er zieht den Hammer aus dem Nachtsack und nähert sich den Opfern, die auf ihn warteten. Ohne ein Wort zu sprechen, wenigstens erinnerte er sich dessen nicht, und wahrscheinlich während sie ihm noch den Rücken zugekehrt haben, schmettert er Schläge zuerst auf den Kopf der Mutter, dann auf den der Tochter; so umschichtig, bis Beide röchelnd ihm zu Füßen stürzen. Dann zieht er, wie bei dem Morde in Paris, sein Messer aus der Tasche und schneidet Beiden die Kehlen durch.

Es war ein trüber Abend, wie zu dem Mordwerk geeignet, dicke, schwarze Wolken zogen sich über den Himmel, ohne doch zum Regen zu kommen. Eliçabide setzte sich nach der That ruhig auf die Erde, unfern der beiden blutenden und noch warmen Leichname nieder und überließ sich, den Kopf in die Arme gestützt, seinen düstern Gedanken!

Endlich erwachte er aus diesem Hinbrüten und ging andern Gedanken nach: wie er für seine eigene Sicherheit nun zu sorgen habe. Er stand auf, um zu einem neuen Schlachtwerk zu schreiten. Noch einmal ergriff er das Messer, um das Gesicht der jungen Frau, die er zu lieben vorgab, zu verstümmeln; sie sollte ganz unkenntlich werden. Er zerriß beiden Opfern die Kleider und ritz sie zum größten Theil vom Leibe. Dann nahm er Mariens blutenden Körper auf und trug ihn in seinen Armen durch das Gehölz nach der andern Seite, wo er ihn in den Bach warf. Zurückgekehrt wickelt er den des Mädchens in den Shawl der Mutter und trägt ihn auf einem andern Wege näher der großen Straße zu, wo er ihn ebenfalls in den Bach versenkt.

Alsdann schleppt er ihre Kleider, ihr Gepäck und was sonst von ihnen zurückgeblieben, weit davon in den Wald, und verscharrt, was er nicht mitnehmen will unter einem Gebüsch. Gelassen kehrt er zurück an den Ort der That, wo noch sein Nachtsack liegt, und macht hier auf dem vom Blute besudelten Grasteppich seine Toilette, in keiner andern Absicht, als um am Morgen anders gekleidet zu erscheinen, als man ihn am Abend gesehen.

Die Nacht brachte er im Freien auf derselben Stelle, ob schlafend, ob wachend, zu und erwartete den Tag, um wieder nach Bordeaux zurückzukehren.

Morgens um 4½ Uhr stand er schon wieder mit seinem Nachtsack und den beiden Beuteln an den Quatre pavillons und stieg, wie wir sahen, in die Diligence, die ihn nach Bordeaux und endlich zur Entdeckung und Verhaftung führte.


Eliçabide hat niemals sein Geständniß, welches er am ersten Tage der Verhaftung ablegte, während der Untersuchung zurückgenommen. Nur hinsichts der Motive zur That hat er sich in Widersprüche verwickelt, und bezüglich darauf wich er in einigen Nebenumständen von der Wahrheit ab, ohne viel Gewicht darauf zu legen, wenn man ihn der falschen Angabe überführte. Er zog sich bei seinen Aussagen immer auf seinen verwirrten, ungewöhnlichen Gemüthszustand zurück, der ihn zum Sklaven des Momentes mache, ohne selbst darauf eine Verteidigung für sich zu bauen, indem er sich eben als ganz unzurechnungsfähig betrachtet wissen wollte.

Er gab vor, vom Augenblicke ab, wo er Marie Anizat überredet, ihm ihren Sohn zu senden, sei es ihm klar geworden, wie unbesonnen und thöricht dieses gewesen. Was habe denn der Knabe bei ihm finden können als Elend? Dennoch aber habe er es nicht über sich gewinnen können, die Sache wieder rückgängig zu machen, hätte er doch alsdann seine traurige Lage aufdecken müssen. Da habe sich denn eine entsetzliche Verwirrung seiner Geisteskräfte bemeistert, als er den jungen Anizat von der Post steigen gesehen. Die Unmöglichkeit, in der er sich befunden, für seine Unterhaltung zu sorgen, habe den Entschluß hervorgebracht, ihn zu tödten. Nachdem dies geschehen, sei es dann auch nöthig geworden, seine Mutter und Schwester umzubringen, um das erste Verbrechen zu verbergen.

Um diese Angabe wahrscheinlich zu machen, nämlich, daß er den Knaben nur in einer augenblicklichen Ueberwallung der Verzweiflung niedergeschlagen, hatte er in den ersten Verhören gesagt, es sei mit einem Steine geschehen, der sich unter seiner Hand zu beleben geschienen habe. Auf dieselbe Weise wollte er denn auch Mutter und Tochter am Waldrande getödtet haben, mit dem ersten besten Steine, der ihm zur Hand war.

Später räumte er jedoch ein, daß es ein Hammer gewesen, und daß er mit ein und demselben Hammer Sohn, Mutter und Tochter getödtet. Dieser Hammer ward auch in der Mistgrube des Chabon'schen Wirthshauses in Bordeaux später aufgefunden, wohinein Eliçabide denselben sammt dem Messer geworfen haben wollte, mit welchem er Mutter und Tochter die Kehle abgeschnitten. Das Messer, mit welchem er in La Villette den Knaben vollends getödtet, behauptete er etwa drei Tage nach der That vom Pont-Rohal herab in die Seine geworfen zu haben.

Die Mutter und Tochter, dies räumte er sogleich ein, hatte er in keiner andern Absicht nach Bordeaux berufen, als um sie alle Beide zu tödten. Zu diesem Zwecke nahm er den Hammer in seinem Nachtsacke mit sich. Bordeaux, eine Stadt, die so weit von seinem und auch von ihrem Wohnort entfernt war, hatte er zur That ausersehen, weil Mutter und Tochter hier fremd waren und somit für ihn die meiste Aussicht vorhanden, daß das Verbrechen unentdeckt bleibe. Am 9., wo er sich Mittags von Marien trennte, benutzte er diese Zeit, sich vor dem Thore auf dem Wege nach Artigues und Ivrec nach dem Platze umzusehen, wo er am Abend den Mord am sichersten ausführen dürfte.

Nach diesen ersten Aussagen stand also schon ein vollkommen prämeditirter Mord hinsichts der beiden letzten Verbrechen fest. Wer auch hinsichts des ersten sprach so vieles dafür, daß er es mit Vorbedacht und nicht in einem Impuls wilder Laune begangen, daß Eliçabide sich in den folgenden Verhören zu einer andern Aussage bequemen mußte. Er räumte ein, daß er den Hammer in Paris schon mehrere Tage vor Joseph Anizat's Ankunft erkauft und – in der Absicht, sich dieses Werkzeugs zu bedienen, um ihn los zu werden. Ja noch später räumte er ein: sein Wille sei gewesen, Marie Anizat zu heirathen und sein Leben der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Dieser Gedanke hatte ihn belebt, ihm Muth und Stärke verliehen. Aber vom Augenblicke an, wo er die Hoffnung verloren, sich und ihnen eine glückliche, unabhängige Stellung zu verschaffen, war in ihm der Entschluß fest, sie alle drei durch eine Mordthat vor einer Zukunft zu erlösen, wo sie nichts als Enttäuschung und Unglück gefunden hätten.


Um Eliçabide zum Tode zu verurtheilen, stand nach diesen Bekenntnissen schon überzuviel fest. Es schien aber dem öffentlichen Ankläger zur Pflicht zu werden, auch den Schein von Heroismus, wenn man das so nennen darf, den der Verbrecher um seine That zu breiten versucht, abzustreifen und ihn in seiner nackten Roheit als einen gemeinen wüsten Verbrecher darzustellen. Wir meinen, daß dieser Zweck sich anders, als es in der Anklageacte geschehen, habe ausführen lassen; es ist indeß nirgend die gebotene Aufgabe eines Anklägers, auch die moralische Scheußlichkeit eines Verbrechers darzuthun, da er seiner ihm obliegenden Pflicht genügt, wenn er nur die Straffälligkeit desselben vor dem Gesetze in das rechte Licht stellt. Die psychologischen Räthsel in einem Verbrechen und einem Verbrecher zu lösen liegt zwar nicht außer der erlaubten Aufgabe eines Anklägers, Verteidigers und Richters; aber es darf nicht von ihnen gefordert werden, wenn man nicht beim Juristen Gaben und eine Bildungsstufe voraussetzt, die über das Verlangen eines Staates an seine Diener hinausgeht.

Der Ankläger hob hervor, wie der Angeschuldigte nicht freiwillig, sondern erst vor der ganzen Wucht und Größe der Beweise und der unwiderlegbaren Wahrheit bekannt habe, daß er mit Vorbedacht alle drei Mordthaten begangen. Aber ein furchtbarer Hohn und eine empörende Heuchelei sei es, vorzugeben, daß er sie nur aus Liebe zu ihnen und in ihrem Interesse umgebracht, gleich als wenn ein Mensch das Recht habe, über das Leben seiner Mitmenschen nach eigenem Wohlgefallen zu disponiren. Eher würde man ihm glauben, wenn er gesagt, daß er im tiefen Schmerz ihnen den Schutz nicht gewähren zu können (dessen sie übrigens nicht bedurft), ergrimmt, weil alle seine Illusionen verschwunden und gedemüthigt vom Gefühl seiner Ohnmacht, gemein grausam geworden und sie habe entgelten lassen die Fehlschläge seines Ehrgeizes.

Aber die Anklage deutete auch noch gemeinere Motive an, als sei es nämlich nicht allein ein Mord aus wilder Verzweiflung, Lebensüberdruß und Ingrimm gewesen, sondern eine raubmörderische Absicht sei mit Hand in Hand gegangen.

Eliçabide's Zustand war, schon lange vor des Knaben Anizat Ankunft in Paris, trostlos. Er mußte irgendwo Hülfe suchen, nur um sein Leben zu fristen. Zur Reise nach Bordeaux, um angeblich Marien abzuholen, hatte er kein Geld; er mußte 40 Francs dazu von seinem Stubengenossen Beslay leihen. Er hatte sich von der Freundin Wäsche und andere zu Wirthschaftseinrichtung nöthige Gegenstände schon früher, als er in sein zweites Quartier einzog, senden lassen; ihr aber immer anempfohlen, davon gegen Niemanden etwas merken zu lassen. Ehe sie Pau verließ und ihre Sachen voraussandte, schrieb er ihr, wie sie dieselben abschicken und an wen nach Paris adressiren solle, damit er sie ja in Empfang nehmen könne.

Es hatte also ganz den Anschein, als betrachte er sich schon als Erben der abzuschlachtenden Familie, und schien eifrig darauf bedacht, daß ihm ja kein Stück derselben entgehe. Und was er wirklich gethan, rechtfertigt diese Annahme.

Er hatte sich der 100 Francs, die der Knabe Anizat mit nach Paris gebracht, bemächtigt und damit wie mit seinem Eigenen geschaltet. Beim Widersehen mit Marien in Bordeaux, ließ er sich von ihr die 140 Francs übergeben, welche sie zur Reise mitgebracht. Als man ihn verhaftete, fand man nicht allein diese Summe bei ihm, sondern auch die Beutel der Mutter und der Tochter, einen Theil ihrer Kleidungsstücke, ihre silbernen und goldenen Ringe und Ohrringe, die er von den Leichnamen abgestreift und abgerissen hatte.

Im Meunier'schen Wirthshause hinterließ er, ehe er mit der Familie Anizat aufbrach, die Weisung, ein Felleisen und eine. Schachtel, welche Marie mitgebracht, sowie drei Ballen, welche später für sie aus Pau ankommen würden, unter seiner, Eliçabide's, Adresse nach Paris zu senden.

Während der Untersuchung wollte Eliçabide sich als das Werkzeug eines unerbittlichen Fatums darstellen, eine dämonische Kraft sei seiner Herr geworden. Es bedurfte keines zu großen Scharfsinns von Seiten des Anklägers, um den Geschworenen zu beweisen, daß sie auf das Fatum keine Rücksicht zu nehmen hätten, daß seine That, drei aufeinander folgende Mordthaten, den logischen Zusammenhang einer wohlüberlegten Handlungsweise an sich trüge, daß die That nicht allein mit Anwendung aller Verstandeskraft ausgeübt sei, sondern auch mit einer klugen Vorausberechnung, wie sie der Entdeckung und Bestrafung ausweichen könne, und endlich mit einer kalten, kannibalischen Grausamkeit, die jeden Affect, jedes unwillkürliche Aufbrausen ausschließe. Wenn solche Vergehen unbestraft blieben, oder wenn die Strafe nicht der Größe des Vergehens entspräche, möchte die Gerechtigkeit nur ihr Richtschwert zerbrechen, es existire dann auf der Erde kein Schutz mehr gegen die Ruchlosigkeit.


Eliçabide war vor den Assisenhof der Gironde gestellt worden, und das Gerichtsverfahren fand zu Bordeaux statt. Die Sitzungen wurden am 9. September 1840 eröffnet, bei der Einfachheit der Sache aber schon am 11. d. M. geschlossen. Der Zudrang von Zuschauern, besonders auch von Advocaten aus der Provinz und auch aus Paris, war, wie bei allen berühmten Criminalfällen, sehr groß, doch diesmal nicht sowol des Interesses um der verwickelten Sache willen, als um das räthselhafte Ungeheuer kennen zu lernen, einen ehemaligen Jünger des geistlichen Standes, einen Lehrer, Professor, einen Mann der Wissenschaft, der ein Buch über die Wohlthaten des Christenthums geschrieben, der sich für ein Werkzeug überirdischer Macht ausgab und kaltblütig, mit entsetzlicher Grausamkeit zwei unschuldige Kinder und eine Geliebte ermordet hatte, um, wie er vorgab, sie glücklich zu machen, d. h. sie vor den Schmerzen eines enttäuschten Lebensglückes zu bewahren.

Alle hatten sich getäuscht, wenn sie eine interessante Erscheinung erwarteten, eines jener düstern, schönen, gefallenen Wesen, auf deren Melancholie ein Dämon seinen Stempel aufgedrückt hat. Zwischen den Gensdarmen trat ein Mann ein, 30 Jahre alt, von ziemlich gemeinen Zügen. Sein Gesicht verrieth gar keine Aufregung. Er schien ruhig bis zur Gleichgültigkeit. Er trug einen braunen Ueberrock, und das einzig Auffällige war, wie er seinen Kopf zuweilen über die schwarze Cravatte mit einigem Selbstgefühl erhob. Dann und wann fuhr er mit der Hand über die Stirn, wie um irgend einen Gedanken, der ihn störte, zu verscheuchen.

Auch seine Antworten und seine Verteidigung entsprachen wenig den Erwartungen, die man, nach seinen Thaten zu schließen, von einem so außermenschlichen Wesen hegte. Die Sentimentalität und die Romantik gingen gleich unbefriedigt aus; es fand sich für die Romantiker nicht einmal Stoff zu einem diabolisch-psychologischen Schauergemälde. Auch wäre es für unsere Aufgabe überflüssig, den ganzen Verlauf des Verhörs vor den Assisen herzusetzen; wir begnügen uns deshalb, den Inhalt der Aussagen des Angeschuldigten in Kürze zusammenzustellen.

Marie Anizat's Bekanntschaft hatte er auf die angegebene Weise gemacht. Er interessirte sich für ihren Sohn, mehr aber bald für sie selbst. »Ich glaubte in ihr die Eigenschaften zu erkennen, die ich schätzte.« Sie ließen einer gegenseitigen Neigung freien Lauf. »Nach einiger Zeit konnte auch sie nicht mehr die Liebe verbergen, die sie für mich hegte. – Zwischen uns waltete ein gegenseitiges Verständniß ob, welches doch vor der Welt verborgen bleiben mußte. – Niemals aber, wie ich Marien kannte, würde ich den Muth gehabt haben, ihr unehrbare Anträge zu machen. – Aber eine Idee gährte in mir, eine Idee (und dabei rieb er sich mit krampfhaft zusammengezogenen Händen mehrmals die Stirn) – so oft ich an Liebe dachte, kam mir das Wort Tod in den Mund« ( amour und mort). Dabei lachte er innerlich auf.

Auf die Sendung des jungen Anizat nach Paris hatte er gedrungen, weil dessen Mutter sich in einer peinlichen Lage zu dem Kinde befand. Er hatte Fehler, die auch andere bemerkt. Er hatte sogar lasterhafte Neigungen. Die Mutter hatte ihm einmal geschrieben: »Wenn das Kind neben mir leben soll, so muß ich sterben.« Wie also sein Charakter sich anließ, so schien keine glückliche Zukunft ihm zu lächeln. Dies bewog ihn, den Knaben nach Paris zu fordern.

Damals hatte er ein Circular entworfen, in welchem er den Familienvätern für eine billige Pension die Aufnahme ihrer Kinder verhieß, und zwar zu einer Erziehung, welche die Vortheile und Annehmlichkeiten der öffentlichen und der Privaterziehung vereinigen sollte. Aber dazu bedurfte er eines neuen Locals und irgend jemandes, der seine kleinen Aufträge besorgte und auch die Thür öffnete. Er hoffte, daß der junge Anizat ihm dazu dienen möchte. Damit könnte er den Unterricht bezahlen. Darauf hingewiesen, daß er ja früher gesagt, er habe ihn berufen, um ihn sterben zu lassen, antwortete er: »Ich bin zuweilen in einem kranken Geisteszustände. Meine Gedanken verwirren sich leicht. Zuweilen fließen sie leicht und glücklich und dann wieder bin ich in die allertrübste Melancholie versenkt. Mein Geisteszustand wechselt mit den Begebenheiten. Nun ja, damals träumte ich von Glück und Aussichten, und da theilte ich denn allen um mich her mit, was ich dachte und vorhatte.«

Aufmerksam gemacht, daß dies keine Antwort auf die Frage sei, antwortete er: »Mich dünkt, daß ich ganz im Geleise bin. Diese Todesgedanken zeigten sich plötzlich meinem Geiste. Wenn sie vorüber waren, dachte ich nicht mehr daran. Mein Vorsatz kann erst eingetroffen sein, als im Augenblick selbst der Mordthat an dem Knaben. Diese Gedanken zücken und springen in mir auf. Ich fühle wohl, jetzt bin ich hier für die Anwesenden ein Gegenstand des Angaffens; aber wenn ich in meinen kranken Zustande bin, dann könnte ich nicht allein meuchelmorden, nein, ich möchte die ganze Welt wie eine gekochte Kastanie in die Luft springen lassen.«

Auf die Frage, ob ihn nicht irgend ein besonderer Umstand auf den Gedanken gebracht, sagte er: »Ja, eines Tages fiel das Gespräch auf das Verheirathetsein und seine Unbequemlichkeiten. Da sagte ein Familienvater, sonst ein ehrenwerther Mann: »Ach was, eine Frau, wenn sie uns Umstände macht, so schneidet man ihr die Kehle ab.« Von dem Augenblicke ab ward es in mir zur fixen Idee.«

Bei der Ankunft des Knaben Anizat in Paris wollte er nach dieser Aussage noch nicht den Vorsatz gehabt haben, ihn zu ermorden; auch leugnete er jetzt, nach Hause gegangen zu sein, um den Hammer zu holen. »Ich verließ Joseph nicht. Er sagte mir, er sei unwohl. Ich ließ ihn etwas spazieren gehen. Während dieser Promenade war es, daß in meinem Geiste etwas arbeitete, ich weiß nicht was. Es rief mir zu, wie das Schicksal. Ich fand das Kind bewunderungswürdig aufgelegt, um zu sterben. Und da tödtete ich es denn mit allen den Umständen, welche Sie gehört haben.«

Diese Erklärung, mit dem Tone der völligsten Gefühllosigkeit und fast lächelnd vorgebracht, erregte in der ganzen Versammlung eine Bewegung des Schauders und Entsetzens.

»Wahrhaftig, Herr Präsident«, fuhr er in demselben Tone fort, »ich bin manchmal in Gedanken versetzt, die wie eine Wolke wieder verschwinden. Oft in meinem Leben passirte es mir, daß ich etwas Böses gethan, dessen ich mich sonst nicht für fähig gehalten hätte.«

»Sie behaupten also einem Fatum zu gehorchen?«

»Ich glaube nicht an das Fatum. Während des Mordes habe ich an nichts geglaubt. Und wie ich mich nun fragte, da war ich ganz erstaunt, mir sagen zu müssen: So weit bist du nun. Diesen Mord hätte ich eben so gut schon im 15. als jetzt im 30. Jahre begehen können.«

Er bestritt vor den Geschworenen, daß er schon vor der Mordthat an dem Knaben den Gedanken gehabt, auch Mutter und Schwester umzubringen. Erst danach habe er sie mit der Absicht, sie umzubringen, wiederholt eingeladen: »Ich täuschte sie mit Hoffnungen, die nie in Erfüllung gehen konnten; denn ich wollte sie vollkommen glücklich machen, ehe ich ihr das Leben nähme.«

Befragt, weshalb er vor dem Instructionsrichter ein anderes Motiv angegeben, sagte er: »Ich wollte nicht so furchtbar erscheinen. Ich hatte mich überredet, daß die Menschen mich nicht verstünden. Wenn sie mich heute nicht verstehen, desto schlimmer. Man hat mich auch daran erinnert, das Elend habe mich zum Morde getrieben; aber damals hatte ich nicht Hunger, nicht Durst. Wenn ich gehungert, hätte ich wol noch manche Börse offen gefunden. Aber eher, als betteln, hätte ich mein Brot in Seinewasser getaucht. Wie konnte man das vorbringen? Uebrigens hatte ja der Kleine 100 Francs; und mit der Summe konnte man schon einige Tage leben. Indem ich meinen Vorsatz ausführte, hatte ich ich eine Idee, die ich nicht auszusprechen wage; mit einem Worte, ich wollte philanthropisch sein, und daß der Mord eine plötzliche Eingebung sei (?). Uebrigens muß ich eine Bemerkung machen: In meiner Jugend habe ich einen, sehr schweren Fall gethan. Ich fiel auf den Kopf, der sich öffnete. Ich blieb lange Zeit liegen, ohne etwas zu fühlen und ohne Schmerzen zu empfinden. Da glaubte ich denn, daß auch Joseph glücklich sein würde, eben so zu sterben. Der arme Knabe! Nun ist er im Himmel!«

Eliçabide erhob beide Arme gen Himmel und blickte nach oben.

»Sie also glauben ihm bestimmt damit einen Dienst erwiesen zu haben?«

»Ganz gewiß. Das ist meine fixe Idee. Auch bin ich es nicht, der meine Sache in die Länge zieht. Ich bin es wahrhaftig nicht, der die Justiz hier verhindert, schneller zu Werke zu gehen. Nach Joseph's Tode war mein erster Gedanke an Marien. – Ich wollte ihr den Tod geben, aber ich wollte sie bis dahin vollkommen glücklich machen.«

» Weshalb aber führten Sie vor dem Untersuchungsrichter eine andere Sprache?«

»Ich wollte das Mitleid erregen.«

»Denken Sie nicht, daß man diese verschiedenen Angaben für das Werk einer Berechnung halten wird?«

»Ich denke es nicht; übrigens hat jeder das Recht und die Freiheit, zu denken, wie er will.«

Die letzten Fragen betrafen die Verwendung der Gelder und Habseligkeiten der Ermordeten. Elicabide räumte ein, sich der 100 Francs des Knaben bedient zu haben, als wären es seine eigenen; auch, daß er Wäsche von der Mutter gefordert; denn das sei zur Einrichtung nöthig gewesen. Die 140 Francs in Bordeaux habe ihm Marie aus freien Stücken zur Aufbewahrung gegeben. Die Leichname habe er nicht geplündert, sondern die Ringe und das Andere nur in der Absicht genommen, daß man die Leichen nicht erkennen möchte.

Die Zeugenaussagen bestätigten nur das, was die Anklageacte besagte und in unserer Geschichtserzählung angegeben ist. Der einbalsamirte Leichnam des jungen Anizat war nach Bordeaux geschickt worden, wo ihn die Modehändlerin Lenoir, aus Pau dahin berufen, als die Leiche des Knaben erkannte, welchen sie nach Paris geleitet und den Elicabide dort in Empfang genommen.

Die über die Familie Anizat vernommenen Zeugen bestätigten, daß Marie »ein wahres Modell von Tugenden« gewesen. Einer behauptete, das es wol am Orte bekannt gewesen, daß Elicabide um Marien's Hand angehalten. Sie habe gezaudert, aber ihre Freunde hätten ihr zugeredet.

Ueber Elicabide bekundeten die Zeugen, besonders die Geistlichen und Lehrer, die ihn früher gekannt, daß man an ihm keine Anlage zum Wahnsinn bemerkt. Traurig, in sich versunken, sei er dann und wann gewesen, aber alle sprachen von dem außerordentlichen Stolz, der ihn beherrscht.

Eliçabide bekräftigte durch einen charakteristischen Zug diese Wahrnehmung. Während er zu jeder Aussage über ihn seine Gegenbemerkungen machte, schien er doch sichtlich vor Vergnügen aufzuleuchten, als ein Zeuge sagte, man habe ihm Eliçabide als ein Original gezeigt.

Die Defension war eine schwierige. Sie konnte sich nur auf den Gemüthsstand, auf die mögliche Unzurechnungsfähigkeit des Verbrechers im Augenblicke der That und vorher stützen. Aber die Antwort des Arztes Canihac auf die Frage eines Geschworenen, ob hier eine Monomanie anzunehmen sei, warf die ganze Vertheidigung über den Haufen.

»Einer, der von einer wirklichen Monomanie befallen ist«, sagte er, »erinnert sich nicht, auch raisonnirte er weder vor noch nach dem Morde. Wenn er aber raisonnirt, so war es keine wirkliche Monomanie.«

Der Advocat général wies mit Energie ein System zurück, welches dahin führen würde, jeden großen Verbrecher unter den Schutz einer krankhaften Fatalitätsneigung zu setzen.

Als die Geschworenen auf der einen, auf der andern Seite der Angeschuldigte abtrat, folgte dieser den Gensdarmen, ohne ein Wort zu äußern. Das nervöse Lächeln, welches man an ihm in beiden Sitzungen bemerkt, war aber verschwunden.

Schon nach einer halben Stunde kehrte die Jury zurück mit einem Schuldig auf alle neun ihr vorgelegten Fragen.

Elicabide, zurückgerufen, hörte die Erklärung ruhig und ohne die geringste Bewegung an.

»Haben Sie noch einige Bemerkungen zu machen?« fragte der Präsident. .

»Keine«, antwortete er.

Der Gerichtshof verurtheilte darauf Elicabide, als schuldig dreier Meuchelmorde mit Vorbedacht, und darauf folgenden Diebstahls, zum Tode.

Als der Präsident mit strengem Tone den Verurtheilten beim Abführen noch einmal anrief: »Elicabide, das dreifache Verbrechen, welches Sie begangen, ist zu schrecklich, als daß Sie auf Mitleid von Seiten der menschlichen Gesellschaft rechnen könnten. Die Heuchelei Ihrer Vertheidigung konnte auf keinen Eindruck und Erfolg bei den aufgeklärten Männern rechnen, die zu Ihren Richtern berufen sind. Gedenken Sie der Grundsätze der religiösen Erziehung, welche Sie empfingen; sie wird ihnen die Mittel angeben, wie Sie versuchen mögen, die göttliche Gerechtigkeit zu erweichen und aus der Religion die nöthige Kraft zu schöpfen, um die Schrecken Ihrer letzten Augenblicke zu versüßen. Gehen Sie.« Bei diesen Worten fuhr Elicabide zum ersten mal zusammen. Man glaubte auch Thränen in seinen Augen zu sehen; aber schnell war auch diese vorübergehende Bewegung überwunden. Er ging, wie er gekommen, mit den Gensdarmen hinaus.

In sein Gefängniß zurückgeführt, ward der Verurtheilte in Ketten gelegt, worüber er zum ersten male in Affect gerieth. Unter dem unleidlichen Gewicht der Eisen brachte er eine schlaflose Nacht zu und beschwerte sich am Morgen heftig über eine Behandlung, die für ihn, welcher sich ja nach dem Tode sehne, nicht paßte, ward aber darauf ruhig, ja kaltblütig. Mit den Geistlichen, die über ihn Zeugniß abgelegt und ihn im Gefängniß besuchten, pflog er eine beide Theile bis zu Thränen rührende Unterhaltung. – Seine Hinrichtung war von keinen besondern Umständen begleitet. Die Aufmerksamkeit der Pariser und ihrer Zeitungscorrespondenten war längst von diesem Gegenstande abgelenkt; Eliçabide war nicht mehr ein interessanter, er war ein gemeiner Verbrecher, und die ganze Theilnahme des für die Criminalprocesse des Tages interessirten Publicums hatte sich einerseits wieder auf den Proceß der Lafarge uud dessen Nachwehen, andererseits auf den politischen des zu Boulogne eingefangenen und vor dem Pairshofe gerichteten Louis Napoleon gerichtet.

So ereilte den Verbrecher auch darin die vergeltende Gerechtigkeit, daß er nicht allein unbedauert, sondern auch ohne das Aufsehen, worauf alles Pikante im Leben und Tode, in der Tugend und im Laster, in Frankreich ein Anrecht hat, sterben mußte; als ein rohes cannibalisches Ungeheuer, für das vorhin eine gewisse Theilnahme empfunden zu haben, man sich beinahe schämte. Wenn gleich, nach den uns vorliegenden Acten, der Diebstahl oder Raub an seinen hingeschlachteten Opfern nicht als ein beabsichtigter erscheint, vielmehr nur als die fast unerläßliche Folge eines Verbrechens, um dessen Ruchbarwerden zu verhüten, so übte er doch nicht das, was wenigstens die Romantugend auch von einem solchen Verbrecher fordert, daß er den ihm durch den Mord in die Hände gespielten Raub mit innerm Entsetzen von sich warf. Er konnte das Blut seiner drei Opfer vergießen, ohne den Gedanken zu fassen, seinem eigenen Leben zu entsagen, und um dies elende Leben noch einige Zeit zu fristen, konnte er das Geld und die Habseligkeiten der Ermordeten sich ohne Gewissensbisse aneignen und benutzen. Dies stempelte ihn vor der seinen pariser Welt als eine gemeine Natur. Er war darum verworfen, ausgestoßen, gleichwie die Lafarge, nicht weil sie von einem plumpen, rohen Ehemann durch Gift sich zu befreien versucht, sondern weil der Diamantendiebstahl sie als ein gemeines Weib darstellte.

Wäre es Aufgabe, seine That vor einem psychologischen Richterstuhl zu beurtheilen, so würde es nicht schwer fallen, auch ohne Zuthat des Diebstahls sie als den Ausfluß einer tiefen Charaktergemeinheit zu verdammen. Wer gab Elicabide das Recht, über das Leben anderer zu disponiren? fragt der öffentliche Ankläger auf die vorgeschützte subjectiv heroisch wohlmeinende Absicht, der ermordeten Familie die Qualen eines verfehlten, jammervollen Lebens und getäuschter Hoffnungen zu ersparen. Aber auch jene Absicht angenommen, hatte er darin nicht heroisch, sondern nur egoistisch gehandelt. Er hatte die Familie aus der ruhigen Sphäre, in der sie beschränkt, aber zufrieden lebte, gerissen; er hatte jene Hoffnungen erregt, die nicht in Erfüllung gehen konnten, weil ihm die Mittel dazu fehlten. Indem er die Familie von der Welt fortschaffte, rettete er sich also nur vor den gerechten Vorwürfen, welche eine unglückliche Mutter mit ihren darbenden Kindern ihm hatten machen können. Wenn das moralische Ungeheuer der Welt eine Zeit lang als Räthsel erschien, so scheint die Lösung desselben sehr einfach. Ein Sohn armer Aeltern aus der Provinz fühlte er ein Bewußtsein von Gaben, Talenten und Beruf in sich, weil seine Umgebung unter ihm stand. In höhere Kreise versetzt, wo er viele gleich und höher Begabte wie sich erblickt, fühlt ein solcher Mensch sich gedrückt. Wenn ein wilder Stolz ohne tiefere sittliche oder religiöse Grundsätze in ihm gährt, findet er die Ursache davon nicht in sich, seinen mangelhaften Kenntnissen und seiner geringern Fähigkeit, sondern nur und allein in den Verhältnissen. Der Unmuth wird zum Grimm, zur Melancholie, und die Zahl der so verkommenen Geister, die in Dürftigkeit, im Selbstmorde oder im Irrenhause endeten, ist nicht klein. Ob in Elicabide überhaupt ein begabter Geist unterging, ist zweifelhaft; nach dem, was wir von ihm hören, steht er nur als ein Mensch da, der nichts für sich hat als den hohlen Dünkel seines eigenen Werthes, der wol eine arme, anspruchlose, hart geprüfte Frau für sich einnehmen konnte durch den Zauber, daß ein Gelehrter ihr, der Bescheidenen, seine Neigung schenkte, der aber selbst in der Provinz unter den ihm geistig näher Stehenden nur durch sein schroffes Wesen, sein in sich Versunkensein die zweifelhafte Achtung eines Originals sich errungen hat. Plötzlich nach Paris versetzt, ist er das nicht mehr, er ist hier nichts. Dies nagende Gefühl mag seinen Stolz schwerer verwundet, seinen Geist tiefer vergiftet haben als die Sorge. Er, der andern eine glückliche Existenz schaffen wollte, kann nicht einmal seine eigene herstellen. Er ist nur einer der zahllosen jungen Männer aus der Provinz, die, von stolzen Träumen gewiegt, nach der Haupstadt kommen, dort ihr Glück und einen unsterblichen Namen sich zu machen. Der Uebergang von den Träumen zur Verzweiflung ist von selbst gegeben. Nur dieser Ausweg ist ein eigenthümlicher. Eine ZwanzigerSiehe Neuer Pitaval Theil II, im Grimm über die bösen Menschen, die sie nicht mehr achteten und pflegen wollten, sie, die einst so glücklich, bewundert gelebt, kochte Gift und schenkte und theilte es aus, wen sie damit erreichen konnte; wenn nicht die Väter und Mütter, so doch die Kinder. Elicabide, im Grimm über die ganze Welt, die so seine Verdienste, seinen guten Willen verkannt, die er wie eine Kastanie ins Feuer werfen möchte, läßt ihn aus, nicht gegen die Welt oder Theile derselben, welche er mit seinen Armen erlangen könnte, er wird kein Aufrührer, Verschwörer, Mörder; nicht gegen sich, er wird kein Selbstmörder; er kühlt seinen kochenden Unmuth an denen, die ihm die Liebsten und – keinen Widerstand zu leisten im Stande sind. Glauben mögen wir ihm, daß er sich dabei überredet hat, er thue ihnen dadurch eine Güte an; mit solchen Selbsttäuschungen wird die Phantasie jedes Verbrechers von einiger Bildung ausgestattet sein; aber das eigentliche Motiv bleibt der dumpfe, hohle Grimm der Verzweiflung, des Ueberdrusses und das niederschmetternde Gefühl der Ohnmacht. Kann ich niemand sonst verderben, so doch die, die mir allein theuer sind, wozu denn der sentimentale Gedanke wie ein Märchentraum sich gestellt, ihnen dadurch eine Wohlthat zu erzeigen. Diesen führt er consequent genug durch; auch Consequenz mögen wir es nennen, daß er bei, zwischen und nach der That keine Regung von Mitgefühl, von Schmerz empfindet, daß das Gefühl, sie von künftigen Leiden erlöst zu haben, ihn dauernd berauscht. Aber daß er selbst kein Bedürfnis empfindet, mit ihnen erlöst zu werden, daß keine Ahnung ihn durchzuckt, wie er für seine freie Handlung dem Gesetze eine Buße schuldig sei, auf diese oder jene Weise, daß er nur dem Gedanken Raum giebt, sich der Strafe zu entziehen und sein derwüstetes Dasein noch eine Weile fort zu fristen, das schließt alle Theilnahme für ihn aus, das reißt ihn von der schlechtgebauten Leiter, auf welcher er zu einem moralischen Heroismus hinanklimmen wollte, in den Pfuhl tiefster sittlicher Gemeinheit herab.

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