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Der neue Pitaval - Band 9

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 9 - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 9
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1859
printrun2
firstpub1845
volumeNeunter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectidf0370978
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Vorwort

Der erste Proceß eines Reformators gegen einen Reformator, der traurig weltberühmte, den Calvin gegen Serveto erhob und den Verurtheilten als Ketzer verbrennen ließ, war bis da nur in den Grundzügen bekannt; auch diese waren dem größern Publicum wenig vertraut. Durch Reillet de Candolle sind in den »Memoires et documens publiés par la société d'histoire« die vollständigen Acten gedruckt worden. Was darüber mit Schauder zu glauben und zu denken war, hat der bewährte Schriftsteller mit eben solcher Wahrhaftigkeit als Lebendigkeit dargestellt, und wir waren bemüht, es in unsere Sprache zu übersetzen. Welche lebensvolle Züge, die niemand ohne die tiefste Erschütterung und Theilnahme, welche Begebenheit, die niemand ohne Interesse lesen kann! Weshalb wir von protestantischer Seite für Pflicht hielten ohne Schleier diesen dunkeln Fleck in der Reformationsgeschichte herauszustellen, haben wir in der Einleitung ausgesprochen; wie de Candolle, welcher in diesem Criminalfall mit dem theologischen auch den politischen Faden Schritt für Schritt fest hält, den großen französischen Reformator zu vertheidigen weiß, wird man aus dem Aufsatze selbst lesen.

Der zweite Fall: Eine erste Conventiklerin, aus Chandler's »Criminal Trials«, ist ein sanftes, die Humanität versöhnendes Gegenstück zum vorigen. Man war der Meinung, daß die Glaubensfreiheit mit den protestantischen Brüdern, namentlich aus England und Schottland, sich vor dem Druck der herrschenden Meinungen, gegen Ende des 16. und das ganze 17. Jahrhundert, nach Amerika gerettet habe, daß dort von Anbeginn vollkommene Freiheit für alle christlichen Sekten geherrscht und unter einer unbedingten Toleranz die religiösen Auswanderer dort wenigstens vor den Verfolgungen der Bigotterie und des religiösen Fanatismus ein vollkommenes Asyl gefunden. Die Geschichte der amerikanischen Freistaaten aus den Zeiten ihres Beginnens hat uns ein Anderes gelehrt. Nur das Privilegium für diese und jene religiöse Meinung, für bestimmt ausgesprochene konfessionelle Systeme, brachten die Auswanderer nach der neuen Welt hinüber, Freiheit für den Buchstaben, der im Mutterlande von einem andern Buchstaben sich verfolgt oder gedrückt fühlte. Mehr nicht. Diese privilegirte Freiheit vertheidigten sie bis aufs Aeußerste, bis wieder zur Verfolgung. Es waren gerade diejenigen Sekten, welche in England unter dem schärfsten Druck der blutigen Unduldsamkeit geseufzt, die im neuen Vaterlande die unduldsamsten Verfolger gegen anders Denkende wurden. Es kostete in der neuen Welt einen gerade ebenso langen Kampf als in der alten, bis die Ueberzeugung siegte, daß kein Mensch ein Recht habe, dem andern um seines Glaubens willen seine Rechte zu verkümmern; ein Kampf, der noch über den für die politische Freiheit und Selbständigkeit hinaus dauerte und erst unter Jefferson's Regiment zu Gunsten der unbedingten Toleranz, welche heute herrscht, entschieden ward.

Die Quäker in Boston, von demselben Verfasser in seinem lehrreichen und interessanten Werke uns mitgetheilt, ist der zweite Gegensatz und Beweisstück der Intoleranz, wie er in Amerika der heutigen Toleranz voranging; grausamer und nicht weniger empörend als in Europa. Aber worin unterscheiden sich diese Greuel, von religiöser Intoleranz dictirt, in ihren Wirkungen von denen, welche früher, gleichzeitig und später die römische Kirche und ihre Inquisitionstribunale gegen die Ketzer verhängte? War der menschliche Dünkel und Hochmuth, der sie dictirte, nicht eben so furchtbar, waren die zugefügten Qualen und Schmerzen minder schmerzlich? Ja jener hatte das noch für sich: eine übertausendjährige Autorität, er glaubte handeln zu müssen, wie die ganze christliche Geschichte ihn lehrte; hier war die Berechtigung und der Glaube oft kaum ein Jahrhundert alt, und doch schon so unerbittlich streng! Und doch warum schaudern wir minder zurück vor diesen Barbareien, im Namen der Religion von Protestanten geübt, als vor denen der römisch-katholischen Ketzerverfolger? – Warum wird der Schauer nicht zum Entsetzen, wenn wir in Paris über die Blutplätze der Revolution fortgehen, während in Venedig es uns überfröstelt und unser Blut im Augenblick stockt, wenn der Führer mit der Fackel in die engen, niedrigen, angeräucherten, halb unterirdischen Kerker des Dogenpalastes leuchtet? Wir athmen erst wieder auf und kein Schauer überfällt uns mehr, wenn er uns oben im Sonnenlichte den Platz zeigt, wo ein Doge sein Haupt auf den Block legen mußte. Es ist die freie amerikanische Luft, das Gefühl der Oeffentlichkeit, daß das ganze Volk es sah, was die Schauer mildert. Auch in Serveto's Kerker, so viel der Arme gelitten haben mag, drangen doch Stimmen von außen; er sah Menschen vor sich, wenn er vor Gericht gerufen ward, mit denen er disputiren konnte, auch seine Stimme ward gehört, und sein Scheiterhaufen loderte mitten in den freien Alpen. Ein schwacher Trost, öffentlich zu leiden, aber ein Trost bleibt es dem Gefühl.

Die drei Fälle: Elitcabide (1840), Contrafatto (1821 – 1846)und Die beiden Markmann (1815 – 1825) sind mit Blut getränkt; von Scheußlichkeit und Brutalität aber nur der mittlere, während die beiden, ersterer und letzterer, etwas dämonisch Räthselhaftes enthalten, was den Richtern zu lösen unmöglich geblieben ist. Eliçabide und Contrafatto, ihrer Zeit durch die ganze civilisirte Welt besprochen, sind aus den vielfach gedruckten und nachgedruckten französischen Actenauszügen der pariser Berichterstatter und besonderen Schriften mitgetheilt; die beiden Markmann konnten wir aus den Acten vorführen, soweit diese über die Thatsachen erzählt haben. Wie mancher Leser in Berlin wird sich noch der Schrecken entsinnen, als die Nachrichten bekannt wurden.

Der Dieb als Vatermörder ist ein psychologisches Cabinetsstückchen aus Feuerbach's Nachlaß, der Sohn des Bettlers ein Raritätenstückchen aus dem des alten Pitaval.

Wilster, genannt Baron von Essen (1809 – 1813, ist einer der hochinteressanten Criminalfälle, welcher seiner Zeit das ganze Publicum in Berlin, zumal die höhern Kreise der Gesellschaft, beschäftigte und in Spannung hielt. Noch heute leben Personen, welche von dieser Spannung zu erzählen wissen, und sie getheilt haben. Manche Züge sind vom Herausgeber in die Erzählung einverwebt, während der actenmäßige Bericht nach Hitzig's Annalen uns zum Grunde lag. Was sonst die Persönlichkeiten betrifft, wird man im Context und der einleitenden Anmerkung nachlesen.

W. Häring.

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