Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Der neue Pitaval - Band 7

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 7 - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 7
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1845
firstpub1845
volumeSiebenter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectid03f5ef80
Schließen

Navigation:

Die Tragödie von Salem

1692

Die moralische Pest, welche in Europa vom Ausgang des 15. bis zu Anfang des 18. Jahrhunderts wüthete, schreckenvoller als der schwarze Tod, als das gelbe, als das Lazarethfieber und die Cholera, weil sie einen unauslöschlichen Makel auf der Geschichte der Menschheit in ihrer edelsten Entwickelung durch das Christenthum zurückließ, das Hexenfieber und die Hexenprocesse, blieben nicht auf die alte Welt beschränkt; das Contagium ging über den atlantischen Ocean, und hat verderblich, furchtbar auch in der neuen Welt gewüthet. Heiden und Muselmänner blieben von dieser Pest verschont, auch der alte Orient, von dem doch das Christenthum die Gestalt des Bösen, des Verderbers, übernommen. Weder die Sanscritvölker, noch die Parsen kannten, wenigstens verfolgten sie nicht die Verbindung des Menschen mit dem bösen Geiste als ein Verbrechen, welches vor irdischem Gerichte angeklagt, erkannt und gestraft werden könne. In den christlichen Völkern allein, und gerade zur Zeit, als das Licht des Evangeliums wieder heller zu scheinen anfing, gerade im Augenblick des großen Durchbruchs durch die Verfinsterung aus Menschensatzungen und erstarrender Tradition, trat die neue Finsterniß eines Wahnes ein, der verzehrender um sich griff, gräslicher wüthete und wo er erschien, fast mehr Opfer foderte, als die Ketzerverfolgungen, die Glaubenskriege alter und neuer Zeit und die Inquisitionsgerichte. Die Hexenprocesse blieben abseits von der Reformation liegen; keine Confession kann der andern darin einen Vorwurf machen; beide warfen sich mit blindem Glauben, mit gräslicher Vertilgungswuth auf die Sache. Und wenn ein Papst, Innocenz VIII., zuerst, 1484, das Bündniß mit dem Satan zum Verbrechen stempelte und zur Verfolgung desselben ermahnte, so griffen die ersten Protestanten die Hexenprocesse dafür mit einem Eifer an und bildeten die Lehre zu einer Vollständigkeit aus, daß sie allein dafür vor dem Gerichte der Humanität und Vernunft aufkommen müssen, ohne die Entschuldigung für sich zu haben, daß sie, vom allgemeinen Strudel fortgerissen, nur die katholische Erbschaft unbesehens übernommen hätten.

Wir nahmen in unsere Sammlung merkwürdiger Criminalfalle noch keinen eigentlichen Hexenproceß auf, und stehen, trotz des reichen Schatzes, der uns vorliegt, auch noch jetzt an, weil jeder einzelne herausgegriffene Fall nur das Glied einer ganzen Kette ist, deren Organismus man kennen muß, um ihn zu würdigen und zu begreifen. Um ihn in seiner Wesenheit zu erfassen, müßte man daher eigentlich bei der Darstellung die ganze Geschichte des Hexenprocesses bis zu seinen Anfängen verfolgen, und bis zu seiner Blüte begleiten, was hier die Grenzen unserer speciellen Aufgabe überschritte. Anregung und Theilnahme findet aber die Sache gerade in diesem Augenblicke so sehr, daß wir bald auf eine erschöpfende Geschichte hoffen können. Die Mittheilungen im Morgenblatt von Rath, die gehaltvollen Schriften von Trummer und Anderen bezeugen, wie die Aufmerksamkeit der Gelehrten sich auf diesen Punkt hingewendet hat; möglicherweise mit in Folge davon, daß die Dichtung vorletzt und jüngst mit Lebhaftigkeit einige der merkwürdigsten Hexenprocesse aufgegriffen oder selbständig sich construirt hat. Und nicht ganz zur Unzeit scheinen Dichtung und Wissenschaft dies Thema vorzunehmen, denn erscheint gleich die Krankheit in dieser speciellen Gestalt so ganz verschwunden, daß sie nur noch in einigen der finstersten Winkel zwischen cultivirten Ländern spukt, so mahnt die Furchtbarkeit und die Contagiosität eines Wahnes, der aus dem blinden Glauben entsprang, doch daran, auf der Wacht zu bleiben, wo der Glaube wieder den Wahn in anderer Gestalt zu Hülfe ruft. In solchen Zeiten ist es wichtig, um gegen die Fortschritte des Feindes gerüstet zu sein, seine Schliche und Wege und seine Strategik in alter Zeit genau zu kennen. Noch ist dieser Wunsch nicht erfüllt, denn nicht alles grauenvolle Absurde, was jene Hunderttausende Unglücklicher von ihrer Verbindung und Vermischung mit dem Teufel vor Gericht eingestanden und was wir mit Schauder wieder lesen, war nur und allein durch die Qualen der Folter erpreßt. Es kam Vieles, wo unser Verstand stille steht, wenn wir es hören, freiwillig heraus, als Selbstanklage, deren unmittelbare Quelle wir in dem dämonischen Fluidum, in der allgemeinen Dröhnung der Zeit suchen mögen; aber der erste psychologische Quell ist noch unentdeckt. Möglich, daß gerade auf diesem Wege die Dichter geeigneter wären, der Wahrheit nahe zu kommen; ihre Wahrheit hat aber vor dem Forum, dessen Acten wir hier mittheilen, leider keine Gültigkeit.

Der eigentliche Hexenproceß ist fast durchgängig sehr kurz und einfach, und wir stoßen nicht allein auf dieselben Fragen, sondern, merkwürdigerweise, auch auf dieselben Antworten, die freilich in der Regel nur der Nachhall Dessen sind, was die Richter den Unglücklichen in den Mund legten. Wenn wir künftig einen oder den andern Hexenproceß aus Deutschland und den Nachbarländern mittheilen sollten, würden wir unser Augenmerk daher vorzugsweise auf solche richten, wo ein besonderes psychologisches Interesse mitspielt, oder die äußern Hergänge ihm ein solches beilegen, wie in dem Fall mit Urban Grandier, wo die Intrigue, wenn nicht den Wahn erzeugte, doch furchtbar in seiner Ausbildung und Entwickelung eingriff. Andererseits haben nur die Fälle für uns Bedeutung, wo die Ansteckung einen Ort, eine Stadt, eine ganze Gegend ergriff und das Trauerspiel durch den Zusammenhang und das Massenhafte einen historischen Charakter gewinnt. Leider entbehren aber alle diese Trauerspiele des Trostes, welchen die Dichter den ihrigen beizulegen wissen, daß die Nemesis die ungerechten Richter ereilt und die Blutschuld gesühnt wird so oder so. Die Tausende und Hunderttausende Unglücklicher starben in den Flammen, ohne daß ihre Unschuld vor den mitlebenden und nächstlebenden Geschlechtern an den Tag, ohne daß ihr Gedächtniß wieder zu Ehren kam, ohne daß die wenn auch zögernde Strafe ihre Ankläger, ihre Richter, ihre unmenschlichen Henker traf. Diese im Gegentheil lebten fort in Ehren und gutem Bewußtsein, gepriesen als die unerschrockenen Vertheidiger des Rechts und unermüdlichen Gegner Satans auf Erden. Erst nachdem die Asche der Opfer in die Winde verflüchtigt, in die Elemente aufgenommen war, nachdem ihre Namen fast vergessen, trat eine späte Nachwelt als letzte Richterin auf, und indem sie ein großes Verbrechen aus dem Strafcodex auslöschte, um das so Viele gerichtet waren, denuncirte sie ein anderes gräßliches Verbrechen, für das noch ein Wort fehlt, und das durch drei Jahrhunderte von Fürsten und Völkern, von Königen und Republiken, von katholischen und protestantischen Christen ungescheut, vor dem hellen Sonnenlichte, kaum angefochten von der Kritik der Vernunft, im Kleide der strahlenden Gerechtigkeit und im Namen des ewigen Gottes mit Lust verübt wurde. Da zittern wir vor uns selbst und wissen uns nicht zu helfen und nicht zu antworten, wie die Idee der ewigen Gerechtigkeit auf Erden festzuhalten.

Einige möchten, um sich und die Geschichte zu retten, sagen: es war doch vielleicht Etwas, was nicht mehr ist. Etwas muß doch gewesen sein, wenigstens das eigene Gefühl der Schuldbarkeit jener Selbstankläger, oder wir müßten annehmen, daß die Richter durch drei Jahrhunderte schändliche gewissenlose Betrüger und Falscher waren, die niederschrieben, was nicht gesprochen worden. Lag doch vielleicht etwas Geheimes zu Grunde, eine Naturerscheinung, die seitdem verschwunden ist. In anderer Gestalt trat sie vielleicht in den Wirkungen des Magnetismus wieder auf. Hellseher gibt es, das läßt sich nicht mehr bestreiten; warum mag es denn nicht Besessene gegeben haben? Unsere Magnetisirte wissen Vieles, was sie nicht angeht, sagen uns aber nur Das, was uns interessirt und wir glauben; die potenzirte Sehkraft jener Besessenen richtete sich auf Das, was sie zunächst anging, und nach dem Glauben der Zeit, auf den Teufel und seine Einflüsse. Sie glaubten sich behext und sie sahen die unmittelbaren Media, durch welche der Böse Kraft über sie gewonnen. Sie sahen die Personen, die es ihnen angethan, und keine weichliche Rücksicht moderner Humanität hielt sie ab, sie laut anzuklagen. Der Glaube, die feste Ueberzeugung war da. Nicht vielleicht auch mehr? Nicht wirkliche Verbrechen? Wer zweifelte damals an der Kraft des bösen Blicks, an physische und psychische Einwirkung gewisser Getränke und Salben? Gab es nicht wirklich Personen, die dergleichen bereiteten und daran glaubten? Die That und der Glaube zugleich waren nach den ausgesprochenen Satzungen der Kirche Verbrechen. Es waren Abgefallene von Gott. Dies Selbstbewußtsein der eigenen Schuld, mußte es nicht zur innern Zerrüttung, zu Gewissensfoltern führen? Und diese entluden sich entweder in Blasphemien, in dem Versuch, Mitschuldige zu gewinnen zu dem großen Sündenbunde, damit die Strafe getheilt sei und durch die große Gemeinschaft ein geringerer Antheil auf den Einzelnen zurückfalle, aber die Angst wurde so unerträglich, daß die Gepeinigte zur Selbstanklage sich gedrängt fühlte, um durch die Strafe wenigstens die unsterbliche Seele zu retten. Die unschuldigsten, albernsten Handlungen, Fragen an das Schicksal über die eigene und Anderer Zukunft galten als verbrecherischer Abfall vom Glauben. Auch da mochte das Gewissen erwachen, peinigen, bis dieselben Wirkungen eintraten. Die Richter mußten richten nach dem Codex, dem Glauben, der im ganzen Volke galt, und wenn die Mehrzahl der Personen nach unserm heutigen Glauben unschuldig sind so waren sie es doch vielleicht in der That nicht nach demjenigen, über dessen Unfehlbarkeit damals Niemand einen Zweifel hatte.

Das ist ein trauriger Trost. Wir finden den einzigen, der in den Hexenverfolgungen zu suchen wäre, in der Warnung, auf der Hut zu bleiben vor der Macht des Wahnes, der ewig und immer in neuen Gestaltungen uns umschleicht und fortreißen möchte, weil Niemand weiß, bis an welchen Abgrund er führt. Die Richter damals folgten und gehorchten nur der Volksstimme. Sie war es, die denuncirte, vor Gericht schleppte und Recht foderte gegen die furchtbaren Wesen, welche dem Gemeinwohl unverwindlichen Schaden brächten. Wenn die Luft heiß war von Furcht und Entsetzen, dann erst überbot man sich, Einer wollte es dem Andern an Eifer zuvorthun, und um nicht zurückzubleiben in dem gottseligen Werke, übergipfelte man sich in der Raserei der Ahnungen und Vermuthungen. Blitzartig zückte die Inspiration durch die fieberhaft aufgeregte Menge. Es mußte doch herauskommen, es mußte doch ein Ende gemacht werden der Schlechtigkeit und Tücke, und wehe den Richtern und Obrigkeiten, welche angestanden hätten, diesem natürlichen, heiligen Verlangen der Menge zu gewähren. Es ist vom Standpunkt unserer Zeit, wenn wir annehmen, daß die große Masse mit innerer Erschütterung, aber schweigend aus Furcht, jenen Gerichten zugeschaut habe. Es dauerte Jahrhunderte, bis dieser Vernunftsieg in die Massen eindrang, und wenn sich hie und da eine Unzufriedenheit über die zahllosen Einkerkerungen, Folterungen, Abschlachtungen und Scheiterhaufen kund gab, war es nur die Wirkung des Massenhaften, die Nachwehen der Exaltation, es war die aufgeschreckte Selbstliebe, die Furcht, daß, wenn Die, welche bis da für gut und heilig galten, verdächtigt wurden, ja Niemand sicher sei, daß auch ihn die Anklage traf. Und mit Recht vielleicht; denn wer kennt alle Krallen des Satans! Schon mag er uns angepackt haben und wir vermeinen noch auf den Fittichen des Seraphs zu wandeln! Sehen wir nicht auch in politischen Glaubensstürmen Aehnliches? Wie selbst der freie Mann, der fest zu stehen glaubte, der fortgerissen ward, weiter und weiter, bis Wille und Ueberzeugung von einer Macht verschlungen ward, der er willenlos folgen mußte, um nicht niedergetreten zu werden. Ist das Dämonische, was vor dem Richterstuhl der Vernunft als absolut dumm erscheint, von der modernen Welt ausgetilgt? Oder kreisen diese Dröhnungen nicht noch heut, aller Philosophie und den Rechtsgefühlen zum Trotz, um die Erde, das Hep-Hep- geschrei mit der Judenverfolgung, die Choleraaufstände mit dem Glauben, daß die Regierungen die Brunnen vergiftet haben, um das arme Volk auszurotten, hörten wir sie nicht noch neulich mit ihrem meuterischen, einstimmigen Geschrei von Madrid bis Moskau? Für möglich hielt man es ein Jahr vorher ebenso wenig als heut die Hexenprocesse in einem cultivirten Staate.

Der große amerikanische Hexenproceß, den wir unsern Lesern hier mittheilen werden, gewährt einen andern Trost. Die Tragödie mit der schreckenvollen Katastrophe läuft nicht ins Unendliche aus; es tritt vielmehr mit ihrer blutigen Vollendung nicht allein das Ende der Verfolgung, sondern auch ein Rückschlag ein. Die Opfer sind dem Wahn erlegen, aber die Leichen fodern nicht, wie Vampyre, neues Blut und neue Leichen. Der Wahn ist gesättigt, die Masse erwacht aus ihrer Raserei, die Vernunft blitzt auf durch die aufgerichteten Trugbilder; man bereut, man sucht sogar das Vergangene zu sühnen, nicht durch eine neue blutige Raserei gegen Henker und Richter, sondern durch gute Thaten gegen die Familien der Hingeopferten, durch Ehrenerklärungen. Es ist ein milder Strom christlicher Humanität, der Gras und Blumen aussäet auf die Gräber und – keine Hexenprocesse fanden mehr statt. Möchte man aus Europa Aehnliches berichten können! Im Uebrigen finden wir dieselben Vorstellungen, Erscheinungen, denselben Wahnsinn und seine erschütternden Folgerungen auch in diesem Processe, der vor hundert und funfzig Jahren jenseits des atlantischen Meeres gegen ganz unschuldige Wesen geführt ward.


Die Indianer in Amerika galten den englischen Einwanderern als Anbeter des Teufels. Ihre sogenannten Zauberer mußten mit demselben in nächstem Verkehr stehen. Aber die mehr oder minder christlichfrommen Ansiedler ließen die rothen Menschen mit dem Urheber des Uebels verkehren, wie es ihnen gefiel, in der Meinung, daß bei ihrer überwiegenden geistigen Kraft über die nackten Bewohner der Urwälder, für sie kein nachtheiliger Einfluß daraus entspringen könne.

Indeß geschah die Uebersiedelung aus dem alten in das neue England gerade zur Zeit, wo der Teufel in jenem seine ganze Macht zeigte. Nicht aus dem lustigen Altengland der goldenen Zeit kamen die Siedler über's Meer, sondern aus dem finstern, sektenreichen, von politischen Glaubenskämpfen erschütterten England. Der Glaube an Hexerei war vorherrschend, und ein König, Jacob I., hatte seine Zeit damit verwüstet, selbst gegen Hexen zu inquiriren und über ihren Proceß in Schriften eine ebenso wüste Gelehrsamkeit zu entfalten. Viele Bücher waren gedruckt worden, berichtende und berathende, die im Volke mit Eifer gelesen wurden und nach der neuen Welt hinüber kamen. Kein Wunder, daß der Wahn auch hier bald das Blut inficirte und seine Opfer foderte. Am Connecticut schöpfte man zuerst 1645 Verdacht gegen eine arme Frau, daß sie verschiedene Personen behext habe, und zur selben Zeit wurden zu Boston drei andere Individuen, als des Verbrechens überführt, hingerichtet.

Zehn Jahre später, 1655, erschien die erste Frau aus höhern Ständen, die Witwe einer Magistratsperson, Anna Hibbins, des greulichen Verbrechens angeschuldigt, zu Boston vor Gericht. Die Jury fand sie schuldig, aber der Magistrat nahm Anstand, sie hinrichten zu lassen. Die Sache kam vor das höhere Gericht (the general court), wo die Volksstimme obsiegte, und Anna wurde hingerichtet. Alle diese Personen hatten ihre Unschuld behauptet, aber schon 1662 fand sich in Connecticut ein Weib, welches wirklich eingestand, daß sie sich mit dem Teufel eingelassen habe. Im Leibe einer andern ließen sich furchtbare Stimmen vernehmen, welche verschiedene Personen in Groton der Hererei anklagten. Da sie indeß auch gegen den Geistlichen des Orts zeugten, untersuchte man die Sache genauer und fand, daß das Weib eine Bauchredende war. Ein angesehener Mann in Hadley fand sich einige Jahre darauf schwer belästigt von einer unsichtbaren Hand. Ein altes Weib gerieth in den dringendsten Verdacht. Man zog es indeß vor, nicht gerichtlich gegen sie einzuschreiten, sondern sich selbst Recht zu verschaffen. Mehre junge Leute rissen sie daher, nach dem noch nicht ausgesprochenen Lynchgesetze, aus ihrem Hause, und hingen sie auf, bis sie beinahe todt war. Dann rollten sie sie in Schnee und begruben sie darin. Aber das Weib lebte auf und der Mann starb. Alles dies waren indeß bis da nur einzelne Fälle. Die Hexenkraft hatte noch kein eigentliches Fieber hervorgebracht; auch arbeiteten verständige Männer ihm hie und da entgegen. So der treffliche William Penn, der als Oberrichter in seiner neuen Colonie zwei der Hexerei angeschuldigte Weiber zwar nicht sofort entlassen konnte, um dem Volksglauben nicht vor den Kopf zu schlagen, aber die Jury doch veranlaßte, das Schuldig über sie nur als »verdächtig der Hexerei« auszusprechen. Wegen des bloßen Verdächtigseins konnten sie nicht hingerichtet werden. Andererseits aber bearbeiteten gelehrte Männer ihrer Zeit, besonders Geistliche, die Hexenmaterie selbst, und das Volk, an dieselbe zu glauben, wie der berühmte Cotton Mather, der im nachfolgenden Proceß eine traurige Rolle spielt, und daraus ein von Gelehrsamkeit strotzendes Werk: »die Wunder der unsichtbaren Welt« geschöpft hat.

In Massachusets hatte seit Anna Hibbins, durch beinahe 30 Jahre, Niemand wegen Hexerei den Tod erlitten, aber die ernste Aufmerksamkeit des Publicums auf die Sache selbst ward um 1685 durch eine Druckschrift aufs Neue angeregt, in welcher alle bisherigen in Amerika vorgekommenen Fälle umständlich erzählt und viele Gründe vorgebracht wurden, weshalb man die Sache nicht zu leicht behandeln dürfe. Alle diese Fälle wären keine Täuschungen oder Betrügereien, sondern die Wirkungen des lasterhaften Umgangs des Teufels und solcher Personen, die er als seiner würdige Instrumente erkannt habe.

Da trug sich in der Familie eines wackern und ernsten Mannes, John Goodwin, der nördlich von Boston angesessen war, Etwas zu, was mehr als jene Schrift auf den allgemeinen Glauben einwirkte. Vier seiner Kinder, alle von guten Anlagen und Gemüthsart, religiös erzogen, denen man keinen Betrug beimessen konnte, erschienen plötzlich behext. Das älteste Mädchen, von etwa 14 Jahren hatte eine Wäscherin beschuldigt, daß sie von der Wäsche der Familie etwas entwandt habe. Die Mutter der Wäscherin, eine gemeine Irländerin von schlechtem Charakter, schalt dafür heftig auf das Kind, und bald darauf fiel dasselbe in Krämpfe, die nur diabolischer Natur sein konnten. Eine ihrer Schwestern und zwei Brüder bekamen dieselben Anfälle. Merkwürdiger Weise litten Alle an denselben Theilen ihres Körpers, und das, obgleich jeder besonders abgesperrt wurde und keine Nachricht von dem andern erhielt. Beachtenswerth war auch, daß sie nur am Tage litten; in der Nacht schliefen sie vortrefflich. Wenn man ihnen gewisse, anerkannt orthodoxe Bücher zeigte, wie den allgemeinen Katechismus und des schon genannten Cottons »Milch für Säuglinge«, so fielen sie in Erstarrung, hielt man ihnen aber Bücher vor, welche den Presbyterianern für ganzes oder halbes Teufelswerk galten, hochkirchliche, papistische oder Quäkergeschichten, so konnten sie darin ohne alle Schwierigkeit lesen. Zuweilen waren sie taub, blind, verdumpft; zuweilen überfielen alle diese Gebrechen sie zusammen. Jetzt verschluckten sie ihre Zungen, dann streckten sie dieselben in unnatürlicher Länge bis über das Kinn. Dazu kamen furchtbare Verrenkungen ihrer Gliedmaßen, und dabei stießen sie herzzerreißende Jammerlaute aus, daß man sie brenne, schneide, beiße. Oft sah man auch nachher die Male solcher Wunden. Die Geistlichen von Boston und Charlestown blieben einen ganzen Tag in dem Unglückshause, betend und fastend. Dies half auch so weit, daß das jüngste Kind nun ruhig wurde. Da die andern aber in ihrer Besessenheit verblieben, sah die Obrigkeit sich genöthigt, die alte Irländerin gefangen zu nehmen. Beim Verhöre kam indeß nichts heraus, und da sie augenscheinlich gestörten Geistes war, mußte man sie endlich entlassen, ohne ihr etwas anhaben zu können. Aber das Aergerniß war zu groß. Man fing sie wieder ein und jetzt erklärten die Aerzte, sie sei zurechnungsfähig. Nun fand man ihre Schuld heraus, und sie ward hingerichtet. Noch am Galgen erklärte aber das boshafte Weib: die Kinder sollten nie erlöst werden! So schien es auch zu werden. Cotton Mather hatte die älteste Tochter in seine Familie aufgenommen, wo sie sich in der ersten Zeit ordentlich betrug; bald aber brach der Teufel wieder heraus, und Baxter, der ihre Geschichte drucken ließ, sagte in der Vorrede: »Der hier geführte Beweis ist so schlagend, daß, wer noch nicht glauben will, ein verhärteter Sadducäer sein muß.« Nach andern glaubwürdigen Zeugnissen wurden die Kinder später doch wieder vernünftig, eins derselben besonders eine sehr anständige, tugendhafte Frau. Sie widmete sich ganz der Religion, wie sie selbst öffentlich erklärte, aus Anlaß des gräßlichen Schicksals, dem sie in ihren Kinderjahren preisgegeben war.

Aber der Glaube war nun lebendig und das Blut erhitzt. Gespenster umschwirrten die Aengstlichen, und es war kein Wunder mehr, daß sie sich festsetzten und furchtbare, erschütternde Erscheinungen zu Tage kamen.

Im Dorfe von Salem, welches jetzt mit der Stadt Danvers eine Stadt bildet, war ein Geistlicher, Namens Samuel Parris. Es muß beiläufig vorausgeschickt werden, daß derselbe in heftigen und bittern Streitigkeiten mit einem großen Theile seiner Parochialen gelebt hatte, und man gab später dem Verdacht Raum, daß der übertriebene Eifer, welchen Parris in der Hexenverfolgung gezeigt, mit in seinem Hasse gegen seine Gemeindemitglieder ein Motiv habe.

Plötzlich, im Februar 1692, fingen eine neunjährige Tochter des Pfarrers, seine Nichte, ein Kind von noch nicht 12 Jahren, und noch zwei andere Mädchen aus der Nachbarschaft an, sich befremdlich unwohl zu befinden. Sie fielen in Verzückungen und litten ganz dieselben Qualen, welche wir bei Goodwins Kindern schilderten. Die Aerzte wußten sich nicht zu helfen und erklärten sie sämmtlich für behext.

In des Geistlichen Hause lebte ein indianisches Weib aus dem spanischen Amerika. Diese versuchte mit den armen Kindern einige Experimente, von denen sie behauptete, daß in ihrem Vaterlande damit die erfolgreichsten Versuche gemacht seien, um die Hexen herauszufinden. Kaum aber hörten die Kinder davon, als sie laut aufschrieen, das indische Weib sei es, sie quäle, stachle, brenne sie. Bei ihrer Erscheinung fielen sie in die heftigsten Verzückungen. Tituba wiederholte, sie wisse zwar, wie man Hexen herausbringe, aber schwur hoch und theuer, sie selbst sei keine.

Es ward nun im Hause des Priesters gebetet und gefastet, aber ohne Erfolg. Dann ward ein öffentliches Beten-Fasten im Dorfe angeordnet, endlich ein allgemeines durch die ganze Colonie, um Gott anzuflehen, daß er des Satans Macht zurückstoße. Die armen Wesen wurden besucht und beklagt; dies mußte sie selbst in ihrem Glauben bestärken, es lockte aber auch verführerisch Andere, sich auch so von den ersten und ausgezeichnetsten Männern besuchen und beklagen zu lassen. Die Zahl der armen Dulderinnen wuchs mit jedem Tage, und unter ihnen waren zwei oder drei Frauen und einige Mädchen, alt genug, um sie als Zeugen gebrauchen zu können.

Diese älteren Besessenen schrieen in ihren Verzückungen laut auf, und klagten nicht allein die Indianerin Tituba an, daß sie von ihr behext worden, sondern auch zwei andere alte Weiber, die Sara Osburn, ein unglückseliges, verstörtes Geschöpf, und die Sara Good, die seit langer Zeit bettlägerig war. Tituba, welche von ihrem Herrn die Peitsche bekommen, bekannte endlich, sie sei eine Hexe und die beiden alten Weiber wären ihre Bundesgenossinnen. Alle Drei wurden ins Gefängniß gebracht und hier fand man nach längerem Nachsuchen auf Tituba's Rücken einige Narben, die man als Teufelsmale erkannte.

Zu diesem glücklichen Resultate war man am 1. März gekommen, schon drei Wochen nachher machte man aber zwei andere Frauen, von gutem Charakter und ehrbare Kirchenbesucherinnen, als der Hexerei verdächtig, ausfindig. Die eine hieß Corey, die andere Nurse. Auch beim Anblick dieser Frauen fielen die Kinder in Verzückungen; ja auch die Mutter eines der Kinder, die Frau des Thomas Putman, schrie mit den Mädchen laut auf: die Nurse quäle sie fürchterlich und ihr Schmerzensgeschrei erschreckte alle Umstehenden. Auch diese Frau wurde, alles Leugnens ungeachtet, ins Gefängniß gebracht; ja des Unsinns und Greuels noch mehr, auch Sara Goods fünfjähriges Kind, weil – eine der Behexten versicherte, das Kind habe sie in den Arm gebissen und das Mal von ganz kleinen Zähnen vorwies!

Am 3. April predigte der hochwürdige Master Parris über den Text: »Habe ich nicht Euch Zwölf erwählt, und Einer von Euch ist ein Teufel.« Da ging Sara Cloyse, der Frau Nurse Schwester, in der Meinung, es sei eine Anspielung auf dieselbe, aus der Kirche. Natürlich war nun auch sie eine Hexe, welche das Wort der Wahrheit nicht vertragen konnte; sie ward gefaßt, befragt und eingesteckt. Eine Frau Elisabeth Proctor ward zur selben Zeit angeklagt. Ihr Mann, von ihrer Unschuld überzeugt und entrüstet darüber, begleitete sie zum Verhör. Es kostete ihm das Leben. Die Besessenen schrieen, als sie ihn kommen sahen: Auch er ist eine Hexe! und der Unglückliche ward mit seiner Frau eingesperrt.

Sara Cloyse und Elisabeth Proctor waren wohlbekannte, achtbare Frauen. Ihr Proceß erregte daher Aufsehen und ward mit einiger Feierlichkeit geführt. Der Gouverneur und fünf andere Magistratspersonen kamen nach Salem. Auch waren mehre Geistliche gegenwärtig, während Parris als erster Beamteter auftrat. Aus den vorhandenen Aktenstücken geht hervor, daß er es war, der die Anklage geleitet und die Anschuldigungen der Behexten selbst vorgelockt hat. Sein erster Zeuge war der Indianer John, der Mann der Tituba. Sara Cloyse verwarf ihn als einen notorischen, entsetzlichen Lügner. Die zweite Zeugin war Parris Nichte, Abigail Williams. Sie warf der Angeschuldigten vor, daß sie beim Hexensabbath zugegen gewesen. Sara Cloyse war darüber so von Entsetzen ergriffen, daß sie um ein Glas Wasser bat und ohnmächtig niedersank. Da schrie die Bande der Besessenen jubelnd auf: »Ihr Geist ging ins Gefängniß zu ihrer Schwester Nurse.« Gegen Elisabeth Proctor sagte die kleine Abigail Dinge aus, die mehr albern als unwahr waren, z.B. die Gefangene habe sie eingeladen, des Teufels Buch zu unterzeichnen, Elisabeth rief in ihrer Todesangst mit rührender Stimme: »Liebes Kind, es ist nicht so. Es gibt noch ein anderes Gericht, liebes Kind!«

Bestürzung verbreitete sich über das ganze Land. Niemand war sicher, wenn Personen von anerkannt untadelhaftem Charakter und der stillsten, einfachsten Lebensweise auf solche Zeugnisse ins Gefängniß gesteckt wurden. Der sicherste Weg, der Anschuldigung zu entgehen, war der, selbst zum Ankläger zu werden. Daher wuchs die Zahl der Besessenen mit jedem Tage, und im selben Verhältniß natürlich die der Angeschuldigten. Es schien zur fürchterlichen Wahrheit zu werden, daß die Galgen aufgerichtet würden nicht für Die, welche sich selbst als Hexen bekannten, sondern für Die, welche die Anschuldigung als freche Thorheit zurückwiesen; also nicht für die Schuldigen, sondern für die Ungläubigen. Man stürmte ordentlich ein mit Angaben, war es doch der Eingang zur eigenen Rettung. Kein Tag verging ohne Nachforschungen, Denunciationen, Arretirungen und Verhöre. Das reinste Leben, der unbescholtenste Ruf, die feierlichsten Betheuerungen der Unschuld, der Anruf Gottes und alles Heiligen half zu nichts, in der neuen Welt wie in der alten. Satans Macht ging so weit, daß er auch in die Worte, Mienen und Handlungen der Kinder Gottes sich kleiden konnte. Bald wurden Ehemänner von ihren Frauen gerissen, Eltern von ihren Kindern, Brüder von ihren Schwestern; ja oft erblickten die unglücklichen Opfer in ihren Anklägern ihre nächsten und liebsten Freunde. Ein Fall kam vor, daß eine Frau und Tochter den eigenen Gatten und Vater anschuldigten, um sich selbst zu retten; und ein anderer, wo ein Mädchen von 7 Jahren gegen ihre eigene Mutter zeugte.

Alle einzelnen Fälle zu verfolgen, liegt nicht in der Aufgabe. Indem wir uns auf einige derselben beschränken, schicken wir Beobachtungen voraus, die schon von glaubwürdigen Zeitgenossen gemacht wurden. Der Geistliche Parris, bei allen Verhören gegenwärtig, war mehr als thätig, durch verfängliche Fragen aus den Zeugen, wie aus den Angeschuldigten Antworten zu entlocken, welche zu seinem Zwecke dienten. Sobald die letzteren sich widersprachen und verwirrten, schrie Alles auf: Seht, sie sind schuldig! Ein Schriftsteller jener Zeit sagt über das Verfahren des Gerichts in Salem: »Nachdem ein Verhaftsbefehl erlassen, die Personen zu ergreifen, welche von den sogenannten besessenen Kindern angeschuldigt sind, werden sie vor die Richter geführt. Die Kinder sind zugegen. Die Richter fragen dann die Gefangenen: warum sie die armen Kinder behext haben? Die Gefangenen antworten: sie hätten sie nicht behext. Die Richter verordnen nun, daß die Gefangenen besagte Kinder anblicken sollen. Dies geschieht, und in demselben Augenblick werden die Besessenen (ich wage nicht zu sagen durch den Blick, wie die Herren in Salem behaupten) in Convulsionen niedergeworfen. Dann verbindet man den Gefangenen die Augen, und befiehlt ihnen, die Besessenen zu berühren, und bei dieser Berührung (ich sage nicht durch die Berührung) kommen die Besessenen wieder zu sich. Die Besessenen erklären dann, daß die Gefangenen sie behext haben, worauf dann die Gefangenen, mögen sie auch des besten Rufes sonst sich erfreuen, augenblicklich ins Gefängniß geworfen und wegen Verdachts der Hexerei zur Untersuchung gezogen werden.«

Ein anderer, nahe betheiligter Mann, Jonathan Carey, aus Charlestown, hat folgende etwas umständliche, aber in ihrer Einfachheit ergreifende Schilderung des Verfahrens niedergeschrieben. Sie gibt uns die deutlichste Anschauung. Sein Weib war auch angeschuldigt und verhaftet worden: »Da ich nun dies gehört, beunruhigte es mich sehr, und da man mir es rieth, ging ich nach Salem, um zu sehen, ob die Besessenen sie denn auch kannten? Und das war der 24. Mai, wo das Verhör stattfand, und Master Hathorn und Master Curwin und die andern Richter kamen in das Versammlungshaus, wo das Verhör war. Die Geistlichen fingen mit dem Gebet an, und ich suchte nur einen Platz zu gewinnen, wo ich Alles sehen konnte, und sah die zwei Mädchen von etwa 10 Jahren, und zwei oder drei, die waren etwa 18 Jahre alt. Eine von den Mädchen sprach erstaunlich viel und konnte mehr erkennen als die andern. Nun wurden die Gefangenen, eine nach der andern, hereingeführt und bei Namen aufgerufen. Sie wurden etwa 7 oder 8 Fuß von den Richtern entfernt vor denselben aufgestellt, und die Ankläger die kamen zwischen den Richtern und ihnen zu stehen. Die Gefangenen mußten gerad aufgerichtet stehen vor den Richtern, und ein Beamter hielt einem Jeden die Hand fest, damit sie nicht damit hexen sollten. Und ihre Augen mußten die Gefangenen immer auf die Richter heften. Denn wenn sie auf die Besessenen geblickt hatten, so würden die in Verzückungen gefallen sein, oder laut aufgeschrieen haben. Nun wurden die Gefangenen gefragt, wer die Mädchen behext hätte, und sie sagten, sie wüßten es nicht. Dann mußten sie das Vaterunser sprechen, als eine Probe, ob sie schuldig wären. Und wie die Besessenen wieder zu sich gekommen waren, da starrten sie auf einen oder den andern und sprachen gar nicht; und die Richter sagten, sie wären vom Starrkrampf gerührt, sie würden aber schon wieder sprechen. Und dann fragten die Richter die Besessenen: Wer will nun 'ran gehen und die Gefangenen anfassen? Wer am muthigsten war, strengte sich nun an, aber ehe er drei Schritte vor gethan, fiel er gewöhnlich nieder und in Verzückungen. Nun befahlen die Richter, daß man sie aufnehmen solle und zu den Gefangenen hintragen, daß die sie berühren sollten. Und sobald die Angeklagten nur die Hand angerührt, sagten die Richter immer, sie waren jetzt wohl, und ich konnte doch gar keine Veränderung bemerken. Da sah ich wol, die Richter mußten das besser verstehen als ich. So weit war ich nur ein Zuschauer. Mein Weib war auch unter den Gefangenen, aber glücklicher Weise nahm keine von den Besessenen von ihr Notiz, außer daß eine oder die andere sie nach ihrem Namen fragte.«

Hierauf berichtet er, wie er mit Hülfe eines Bekannten in Salem den Versuch gemacht, diejenige der Besessenen insgeheim zu sprechen, welche auf seine Frau ausgesagt. Es war die zwölfjährige Abigail Williams, des Geistlichen Nichte. Es blickt in der Aussage hier ein Bestechungsversuch hervor, der aber dem Manne misglückte, indem die Zusammenkunft in Parris Hause nicht möglich war. Dagegen traf er den Indianer John in einem Alehause. Nachdem er ihm Cider vorgesetzt, rühmte sich dieser verschiedener alten Narben, die er ruhmrednerisch für Hexenmale ausgab, und wußte sich auch etwas darauf, daß sein Weib wegen Hexerei eingesperrt sei. Aber im Augenblick, wo Carey von ihm etwas Zweckdienliches zu erfahren hoffte, stürzten die Besessenen zusammen in das Wirthshaus und fingen an sich herumzuwälzen wie Schweine. Drei Frauen wurden zu ihrer Bewachung hereingerufen, aber plötzlich schrieen sie Alle mit einem Tone aus: »Carey, die Carey!« Bald darauf erschien auch schon ein Befehl, die Frau des unglücklichen Mannes vor den Richter zu führen. Wir lassen ihn wieder selbst reden:

»Ihre Hauptankläger waren zwei Mädchen. Meine Frau erklärte den Richtern, daß sie die Beiden nie bis auf den Tag gesehen, noch etwas von ihnen gehört habe. Nun zwang man sie, mit ausgestreckten Armen dazustehen. Ich bat, daß man mir doch erlaube, eine ihrer Hände zu halten, aber man schlug es mir ab. Da bat mich mein Weib, ich möchte ihr doch die Thränen aus den Augen wischen, und den Schweiß von ihrem Gesichte. Das that ich denn. Und dann wünschte sie, daß sie sich an mich anlehnen dürfe, sonst würde sie noch ohnmächtig. Der Richter Hathorn aber sagte: sie hätte ja Kraft genug, um die armen Geschöpfe vor ihr zu quälen, also würde sie ja auch Kraft genug haben, um aufrecht zu stehen. Als ich etwas gegen ihre Grausamkeit sagte, hießen sie mich still sein: sonst würden sie mich zur Thür hinausweisen. Der Indianer, von dem ich vorhin sprach, war auch unter den Anklägern, und kaum stand er vor den Richtern, so fiel er zusammen und taumelte und turkelte wie ein Frosch, aber er sprach nichts. Die Richter fragten die Mädchen, wer den Indianer behext habe, und sie antworteten: die da (meine Frau) hatte es gethan, und jetzt liege sie auf ihm. Die Richter befahlen nun, daß meine Frau ihn anrühren sollte, um ihn wieder gesund zu machen; aber ansehen sollte sie ihn nicht, sondern den Kopf abwenden, sonst mache sie ihn nur schlimmer. Und so führte man ihre Hand, daß sie ihn anfassen solle. Aber der Indianer schnappte zu, faßte sie und riß sie auf eine schändliche und grausame Art zu Boden. Endlich brachte man seine Hand fort und legte ihre auf seinen Kopf, und da war die Cur mit einem Male fertig. Ich war ganz außer mir und konnte mich nicht mehr fassen und rief laut aus: Gott würde schon Rache nehmen an ihnen, und ich wünschte, daß Gott uns aus den Händen so unbarmherziger Menschen befreien möchte.«

Die unglückliche Frau ward nun auf ein so dringendes Zeugniß ihrer Schuld in ein hartes Gefängniß gesperrt und mit schweren Ketten an den Beinen belastet. Sie gerieth außer sich und selbst in Verzückungen; alle Vorstellungen des Mannes dagegen waren vergebens. Als er beim Fortgange des Processes zu Salem sah, daß die Zeugen, welche so Viele zu Tode gebracht, auch seine Frau verderben müßten, wendete er alle seine Mittel an, eine Flucht zu bewerkstelligen, die denn auch endlich gelang, obwol es ihm später einen Theil seines Vermögens kostete. Der Gouverneur von New-York, Benjamin Fletcher, nahm ihn gütig auf, ohne doch im Stande zu sein, ihm offenen Schutz zu gewähren. »Wie sie mit den Gefangenen umgingen,« schließt Carey seinen Bericht, »und die Unmenschlichkeit, die sie noch bei der Hinrichtung zeigten, das kann kein guter Christ mit Ruhe anhören.«

Ein Protokoll über die Vernehmung einer der Angeschuldigten, einer Mary Coffin, hat sich vollständig mit Frage und Antwort erhalten. Nachdem die Besessenen in ihre Verzückungen gefallen waren und Mary als die Hexe genannt, welche sie besitze, lautete die Frage:

Was sagst du dazu? Bist du schuldig oder nicht schuldig?

»Ich kann vor Jesus Christus sagen, ich bin frei von Schuld.«

Du siehst, die dich hier anschuldigen.

»Es lebt ein Gott –«

Was hast du diesen Kindern gethan?

»Ich weiß nichts.«

Wie kannst du sagen, daß du nichts weißt, wenn du siehst, wie sie gepeinigt sind, und sie schuldigen dich an?

»Wollen Sie, daß ich mich selbst anschuldigen soll?«

Ja, wenn du schuldig bist. Wie weit hast du dich mit Satan eingelassen, daß er so viel Gewalt über dich hat?

»Mein Herr! ich habe mich nicht mit ihm eingelassen, vielmehr alle meine Tage gegen ihn gebetet. Ich habe keine Verbindung mit Satan. Ach, was verlangen Sie von mir?«

Bekenne, wenn du schuldig bist.

»Ich will es sagen, und wenn es mein letztes Wort wäre. Ich bin frei von dieser Sünde.«

Die Zeuginnen und Anklägerinnen fuhren wie vom Donner gerührt zusammen und fielen sogleich in ihre Zustände. Wenn die Hand der Gefangenen sich schloß, so schlossen sich auch ihre, und wenn sie den Kopf beugte beugten auch diese ihn. Zuletzt schrieen sie sämmtlich in furchtbarer Weise auf und heulten und klagten, das Weib da quäle sie zu entsetzlich.

Was sagst du dazu? hieß es nun.

»Gott allein weiß es,« erwiderte das arme Weib. »Es ist ein böser Geist; aber ob es durch Hexerei ist, das weiß ich nicht.«

Da sich zeigte, daß ein Bekenntniß Dessen, was der Richter foderte, das sicherste Mittel war, um mit dem Leben davon zu kommen, so bekannten Viele aus Furcht, was man von ihnen verlangte. Andere wurden so lange von ihren Freunden bestürmt, bis sie sich zum Gestehen entschlossen. Bei noch Anderen trat jener Proceß der Selbsttäuschung ein, von dem wir in den Ueberlieferungen der deutschen Hexenprocesse so viele Belege finden. Das Unglück der Behexten zerriß ihr weiches Herz, ihre feierlichen Betheuerungen verwirrten ihren Verstand; sie glaubten an die Geister und Schattenbilder, von denen jene gequält sein wollten, und überredeten sich endlich, daß die bösen Geister, in einer oder der andern Art sich, ihnen selbst unbewußt, ihrer Seelen bemächtigt hätten, und daß sie also Hexen wären. Dann war es eine Art des Heroismus, zu bekennen.

Aber auch eine Art Folter wurde angewandt. Zwei junge Leute wollten durchaus nicht bekennen, da band man sie zusammen, Nacken und Hacken gegeneinander. Vom Schmerz allmälig überwältigt, klagten sie ihre eigene Mutter an. Bei Bekenntnissen, auf diese Weise erpreßt, war es in der Ordnung, daß auch Widerrufe stattfanden. Eine wahrhaft tragische Geschichte ist in dieser Beziehung folgende:

Margaret Jacobs hatte bekannt, daß sie eine Hexe sei. Sie hatte einen Geistlichen, Master Burroughs und ihren eigenen Großvater, als der Hexerei ergeben, angeschuldigt. Bald aber erwachte ihr Gewissen. Lieber wollte sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, als bei der Unwahrheit verharren. Es war zu spät. Burroughs war schon zum Tode verurtheilt. Sie bat ihn unter heißen Thränen um Vergebung, und der edle Geistliche schenkte sie ihr mit vollem Herzen auf seinem Wege zur Hinrichtung. Auch ihren Großvater konnte sie durch den offenen Widerruf nicht mehr retten. Ihr eigenes Leben wurde erhalten, weil man sie für offenbar gestört vor dem Gerichtshofe erklärte; vor dem zweiten Gerichtshofe machte die Arme einen vollständigen formalen Widerruf aller ihrer Eingeständnisse. In demselben heißt es mit dürren Worten: »Sie sagten mir, wenn ich nicht bekennte, würde ich in den Kerker geworfen und gehängt werden; aber wenn ich bekennte, sollte ich am Leben bleiben. Das erschreckte mich denn so sehr, und in meinem elenden, schlechten Herzen entschloß ich mich, um meines Lebens willen, zu der Aussage, die ich gethan, und die, wenn ein hoher Gerichtshof zu gut halten will, ganz und gar falsch und unwahr ist. Die erste Nacht nachher war ich auch in solchem Schrecken und solcher Gewissensangst, daß ich nicht schlafen konnte, und ich fürchtete immer, der Teufel würde niederfahren und mich für die schrecklichen Lügen, die ich ausgesagt, abholen.«


Die Zahl der Gefangenen hatte sich vom Februar bis Mitte Juni ins Ungeheure vermehrt. Die Gefängnisse in den benachbarten Grafschaften waren überfüllt und walteten der großen Gerichtstage, welche sie wieder leeren sollten. Inzwischen war im Mai der neue königliche Gouverneur Sir William Phipps in Boston angekommen, ein Mann, der in strengem Glauben an Hexen und Hexenkraft hielt. Durchdrungen von dem Uebel, welches die menschliche Gesellschaft inficirte, und von dem Uebelstande, daß in den Gefängnissen kein Platz war, verordnete er sogleich eine Specialcommission, welche in den Grafschaften Suffolk, Essex und Middlesex über die der Hexerei Angeschuldigten richten sollte. Dieser Gerichtshof war, nach dem Urtheil der amerikanischen Juristen, ein ganz illoyaler, da der Gouverneur auch nicht den Schatten der Auctorität gehabt, ihn zu bestellen. Außerdem war dieses ganze Tribunal ein reines Volksgericht, da auch nicht ein einziger seiner Beisitzer ein ausgebildeter Jurist war. Es präsidirte William Stoughton, der Vicegouverneur, als Oberrichter; er war als Geistlicher erzogen worden. Jonathan Curwin, John Richards, Bartholomew Gadney, Veit Winthorp, Samuel Sewall und Peter Sergeant; die andern Beisitzer waren Theologen, Aerzte und Kaufleute. Ein einziger in England auf der Universität gebildeter Jurist, Saltonstal, war mit zur Kommission gewählt, hatte den Antrag aber abgelehnt.

Am 2. Juni 1692 wurde dieser Gerichtshof in Salem eröffnet. Thomas Newton agirte als General-Advocat und Ankläger, und der Oberrichter machte der großen Jury bemerklich, sie möchten daran kein Bedenken nehmen, daß in der Anklage von dem »ausgemergelt und verzehrt werden« der Besessenen gesprochen werde. Es komme nicht darauf an, ob ihre Leiber wirklich ausgezehrt und ausgemergelt würden, sondern darauf, ob die Besessenen von Seiten der Angeschuldigten nicht solche Schmerzen erlitten, die ihnen das Gefühl beibrachten, als würden sie ausgemergelt und verzehrt. Dies sei Auszehren und Ausmergeln im Sinne des Gesetzes.

Das Verfahren beim Processe war, nach unserm Sinne, sehr summarisch. Nachdem der Angeschuldigte sich für nicht schuldig erklärt, wurden die Besessenen vorgeführt und darüber vereidet, wer sie behext habe? Dann wurden Die vorgeführt, welche freiwillig bekannt hatten, daß sie Hexen waren, um vorzubringen, was sie von den Angeklagten wüßten. Ein Schriftsteller jener Zeit ruft dabei aus: »Das war doch ein Ding, was in der Welt seines Gleichen sucht! Eine, die selbst bekennt, daß sie eine Hexe sei, daß sie Gott und Christus und alles Heilige verworfen habe, der gestattet man, ja man befiehlt ihr zu schwören, im Namen des großen Gottes!« Endlich wurden auch noch durch Proclamationen Alle aufgefodert, welche etwas von der Sache zu wissen glaubten, zu erscheinen und ohne Furcht und Scheu frei weg zu sprechen.

Die nächste Procedur war das Suchen nach den sogenannten Hexenmalen. Mit wem der Teufel sich einließ, auf dessen Körper ließ er ein Mal zurück, irgend ein Auswuchs, eine Warze, in der Regel aber ein Flecken todter Haut. Ein solches Zeichen am Leibe brachte oft Denen Verderben, gegen welche sonst nicht genügende Zeugenaussagen vorhanden waren. Die Procedur war doppelt empfindlich, moralisch und physisch. Die arme Hexe, jung oder alt, ward von einer Jury von Frauen, an deren Spitze aber ein Arzt stand, ganz entkleidet und aufs strengste untersucht – waren Männer angeschuldigt, so bestand die Jury aus Männern – und fand man ein Mal, so ward es mit Stecknadeln punktirt, um zu erfahren, ob die Hexe Gefühl habe oder nicht. Man erinnere sich dabei des gegen Urban Grandier gebrauchten Verfahrens! Oft wurde diese Untersuchung wiederholt. Einmal fand die weibliche Jury (von der übrigens nur ein Mitglied schreiben konnte) Morgens um 10 Uhr die Brüste der Angeschuldigten ganz voll, und die Brustwarzen frisch und fest; aber als sie um 4 Uhr Nachmittags wieder zusah, war die Brust schlaff und herabhängend. Auch das war ein bedenkliches Zeichen.

Eine gefährliche Anzeige für das Dasein von Hexenzauber war es, wenn die Angeschuldigte sich im Hersagen des Vaterunsers versprach. Eine Unglückliche sprach es vortrefflich, aber statt zu beten: »befreie uns vom Uebel,« sagte sie »von allem Uebel.« Dies hielt man für eine Hinweisung auf Das, was mit ihr jetzt geschah. Von dem Beweise durch die Wirkungen, welche das Auflegen der Hand auf die Besessenen üben solle, ist schon gesprochen. Bisweilen wurden die Angeklagten aber auch genöthigt, die Besessenen starr anzublicken; man wollte dann bemerken, wie ein unsichtbares Fluidum aus den Augen der Hexe auf die Behexte schoß, und ihr bis ins Hirn drang. Wenn jene diese dann berührte, zog sie das böse Fluidum zurück und die Behexte erholte sich. Auch war es ein böses Zeichen, wenn man auf Befehl keine Thräne vergießen konnte.

Von schauerlichem Eindruck war noch eine andere Art von Beweisführung. Die Besessenen fingen, auch wenn die Hexen nicht zugegen waren, plötzlich an, sich zu krümmen, zu weinen und niederzuwerfen. Sie gaben vor, ihre Erscheinungen und Geister zu sehen, welche sich auf sie warfen, ihre Kleider zerrissen, sie kitzelten, stachen, daß sie vor Verzweiflung nicht wußten, wohin. Plötzlich griffen sie in ihre Kleider und brachten die Nadeln hervor, mit welchen die Unholde sie gestachelt. Sorgsam wurden die Nadeln aufgehoben und werden noch bis auf den heutigen Tag bewahrt und in Salem den Fremden als traurige Reliquien aus dem Trauerspiel von vor 150 Jahren gezeigt.


In der ersten Session dieses Commissionsgerichtes ward nur gegen eine Angeklagte verfahren, gegen ein armes, altes, verlassenes Weib, Bridget Bishop. Die Zeugenaussagen sind uns fast vollständig in Cotton Mathers schon genanntem Werke erhalten, und geben uns ein treues Bild vom Glauben der Zeit und der Macht einer aufgeregten Einbildungskraft auf die vielen Zeugen, die in dieser Sache vernommen wurden. Die Anklage lautete, daß Bridget Bishop am 19. April 1692, wie auch an verschiedenen andern Tagen, vorher und nachher geschlagen, ausgeübt und vollbracht verschiedene abscheuliche Künste, genannt Hexereien und Zaubereien, in- und außerhalb des Stadtgebietes von Salem, durch welche ihre schlechte Künste die genannte Mercy Lewis sei gestoßen, gequält, belästigt, ausgemergelt, ausgezehrt, erschöpft und verwüstet worden, gegen den Frieden des gnädigsten Herrn und seiner Frau, des Königs und der Königin und gegen die bestimmt derohalb erlassenen Gesetze. Außerdem waren noch vier Anklagen wegen desselben Verbrechens gegen vier andere Frauen. Bridget erklärte sich für nicht schuldig.

Ueber den Thatbestand des Verbrechens war keine Frage. Daß die fünf Personen wirklich behext seien und durch Jemand, ward als notorisch betrachtet. Nur die Thäterschaft mußte bewiesen werden, und die ersten Zeugen waren die Behexten selbst. Sie sagten, wie gewöhnlich, aus, daß Bridgets Schatten sie entsetzlich gestochen, gekniffen, gebissen und geplagt habe. Dann aber habe er sie auch entsetzlich gequält, ihren Namen in ein Buch einzuschreiben, welches das Gespenst »unsers« genannt. Eine der Besessenen wußte sogar noch mehr. Eines Tages hatte das Gespenst sie vom Spinnrade fortgerissen, an den Fluß geführt und gedroht, sie hineinzustoßen, wenn sie das Buch nicht unterzeichne. Eine Besessene hatte gehört, wie das Gespenst in plauderhafter Weise sich rühmte, so und so viel Personen umgebracht zu haben, und sie Alle bei Namen nannte. Eine Andere hatte sogar die Geister der Umgebrachten zum Geiste der Mörderin schreien gehört: »Du hast uns ermordet!«

Beim ersten Verhör (vor der Criminaluntersuchung) und bei der Confrontation mit den Besessenen hatten sich alle die Wahrnehmungen eingestellt, über die wir im Allgemeinen berichtet haben, heftige Convulsionen der Besessenen beim Anblick der Hexe, das Nachmachen aller ihrer Bewegungen, Schmerzstillung im Augenblick, wo sie ihnen die Hand auflegte u.s.w.

Aber furchtbarer war die ganze Reihe von Zeugenaussagen. Ein Mann hatte einst auf einem Platze mit der Peitsche geschlagen. Er sah Niemand; aber eine Behexte sah, daß die Peitschenspitze den Fleck traf, wo der Schatten der Hexe stand, und ihr ein Stück vom Rocke zerriß. Gerade dasselbe Stück fand man am Rocke der armen Frau abgerissen!

Eine der gefährlichsten und Hauptzeuginnen war Deliverance Hobbs, welche die Erste gewesen, die sich freimüthig als Hexe bekannt hatte, dadurch aller weitern Verfolgung entgangen war und nun als Zeugin gegen die Andern gebraucht wurde. Sie sagte aus, wie entsetzlich Bridgets Geist sie quäle wegen ihres Bekenntnisses, und sie fortwährend versuche, das bewußte Buch von Neuem zu unterzeichnen und abzuleugnen, was sie schon eingestanden. Ja, das Gespenst hatte sie mit eisernen Ruthen gepeitscht, um sie dazu zu bewegen. Auch hatte die Hobbs die Angeklagte selbst bei einem großen Hexensabbath auf dem Felde bei Salem gesehen, wo ein diabolisches Abendmahl in Brot und Wein ausgetheilt wurde.

Merkwürdiger noch John Cooks Zeugniß. Fünf oder sechs Jahre früher wurde er eines Morgens bei Sonnenaufgang von Bridgets Schatten überfallen. Er war allein in seiner Kammer. Sie stierte und grinste ihn an und versetzte ihm plötzlich einen Schlag auf den Kopf. Am selben Tage, gegen Mittag, kam dasselbe Gespenst in das Zimmer, wo er war, und im selben Augenblicke flog ein Apfel aus seiner Hand in die Schürze seiner Mutter, die 6 oder 8 Fuß von ihm stand.

Aus noch älterer Zeit wußte Samuel Gray etwas. Vor etwa 14 Jahren wachte er einmal des Nachts auf. Die ganze Stube, in der er lag, war voll Licht. Da sah er deutlich ein Weib zwischen der Wiege und seinem Bette stehen, welches ihn seltsam anblickte. Er sprang auf, da verschwand das Weib. Alle Thüren waren fest zu. Er machte die Thür nach dem Flure auf, und sah nun dasselbe Weib, in derselben Kleidung draußen stehen. »In Gottes Namen, was machst du da?« rief er schaudernd, warf die Thür zu und kroch in sein Bette. Aber das Weib stand bald wieder vor ihm. Da fing das Kind in der Wiege an kläglich zu schreien, und jetzt endlich verschwand das Weib. Es dauerte lange, bis das Kind wieder zur Ruhe gebracht werden konnte, und obgleich es ein sehr lebhaftes, kräftiges Kind war, fing es doch von der Zeit an zu quinen und starb mehre Monate darauf in kläglicher Weise. Er hatte damals die Bishop weder gesehen, noch von ihr gehört; aber seit er sie zum ersten Male darauf sah, war er auch überzeugt, daß sie es gewesen, deren Gespenst ihm den unheimlichen Besuch abgestattet habe.

John Bly und sein Weib hatten einst von dem Mann der Bishop eine Sau gekauft, aber ihn angewiesen, das Geld dafür einer dritten Person auszuzahlen. Das gefiel der Bridget, seinem Weibe, gar nicht, weil sie das Geld lieber durch ihre Finger gehen lassen wollte. Sie sah sehr scheel zum Kaufe, und kaum hatten die Bly's das Thier in ihrem Hofe, als es unruhig, stätisch, krank wurde, seinen Kopf gegen die Gitter rieb und nicht fressen wollte. Da schon war Niemand in Zweifel, daß die Bridget die Sau behext habe.

Richard Cowan lag, etwa 8 Jahre vor den Vorfällen, einmal wachend in seinem Bette, und ein Licht brannte in der Stube, als ein Weib, Bridget Bishop, ihm erschien, mit noch zwei andern, die ihm unbekannt waren. Sie alle Drei kamen auf ihn zu, setzten sich auf ihn und drückten und klemmten ihn so, daß er sich nicht rühren konnte, und auch Niemand sonst wecken oder um Hülfe rufen. In der folgenden Nacht ward er wieder ebenso belästigt, ja die Bishop drückte ihn an der Kehle und warf ihn beinahe aus dem Bette. Um sich Beistand zu verschaffen, bat er einen Verwandten, bei ihm zu wohnen und zu schlafen. Während sich Beide nun noch in der darauf folgenden Nacht lebhaft unterhielten, waren dieselben Gespenster wieder da, und kaum daß sie da waren, so war sein Verwandter auch schon wie vom Blitz getroffen; er regte nicht die Zunge und bewegte kein Glied. Richard Cowan war ein beherzter Mann. Er glaubte den Degen auch gegen Geister brauchen zu können, und hatte deshalb sein gutes Schwert neben sein Bette gelegt. Auch ergriff er es, aber die drei Geister stürzten sich über ihn los, und wollten es ihm durchaus entreißen. Und es wäre ihnen geglückt, wenn er es nicht gar zu fest gehalten. Jetzt endlich ward er so weit seiner Herr, um die Leute im Hause zu rufen; aber obgleich sie ihn hörten, hatten sie doch nicht die Macht, zu sprechen, oder nur sich zu bewegen, bis endlich Einer losschrie: »Was gibt's denn?« Da verschwanden die Gespenster.

Ein anderer Nachbar von Bishops, Samuel Shattock, hatte ein Kind, bei dem es offenbar nicht mit rechten Dingen zuging. Früher schien es ein gesundes, blühendes, vielversprechendes Kind, bis es allmälig hinsiechte, und man rechnete später aus, daß dies geschehen, seit die Bridget Bishop öfter ins Haus eingetreten war; meist unter nichts sagenden Vorwänden, sodaß man ihr gleich eine böse Absicht angemerkt. Je öfter sie ins Haus kam, um so schlimmer ward es mit dem Kinde. Wenn es vor der Thür stand, so kam plötzlich ein Windzug und warf es gegen die Steine, oder eine unsichtbare Hand drückte es gegen die Mauer des Hauses, daß sein Gesicht jämmerlich geschunden wurde, Shattock war ein Färber. Einst brachte ihm die Bishop ein Stück Zeug zum Färben, wo doch auch Niemand den Grund absah, warum die Fetzen gefärbt werden sollten. Aber noch merkwürdiger war es, daß das Geld, was sie dafür bezahlt, sammt dem Beutel, in welchen Shattock es gethan, aus einer festverschlossenen Lade fortgeflogen waren. Das Kind war inzwischen mit den Jahren durch die immer fortgesetzten heftigen Anfälle ganz stumpf und dumpf geworden, und seit man bemerkte, daß es nichts lieber that als auf einem bestimmten Brete im Garten auf- und abzuspazieren, war darüber kein Zweifel mehr, daß es behext worden. Alle Ermittelungen deuteten darauf hin, daß die Bishop es gewesen, die es dem armen Kinde angethan. Ja, als ein Fremder, der es dem Färber geradezu gesagt, sie und kein Anderer habe den Knaben behext, denselben an die Hand genommen und zur Bishop ins Haus geführt hatte, war diese so aus der Rolle gefallen, daß sie wie eine Furie auf den Jungen losgestürzt war und ihn mit den Worten blutig gekratzt hatte: »Du Range, du, was bringst du mir den Kerl ins Haus, um mich zu plagen?« Dieser Fremde war vermuthlich inzwischen verstorben oder verschollen, denn er selbst trat nicht als Zeuge auf. Der arme Knabe aber war zur Zeit des Processes noch immer die Beute der höllischen Mächte. Er taumelte, wo er nicht auf seinem Brete ging, links und rechts umher, und man mußte ihn immer hüten, damit er nicht ins Feuer oder ins Wasser stürzte.

Noch stärker war das Zeugniß eines andern nächsten Nachbarn der armen Bishop. Ihre und John Louders Obstgarten grenzten an einander. Beide hatten einst einen Streit gehabt über Enten, als Louder in der Nacht aufwachte und im Mondenlichte deutlich das alte Weib, seine Nachbarin, sah, wie sie auf ihm saß und ihn erbärmlich drückte. Er konnte sich nicht rühren und mußte so beinahe bis an den grauenden Morgen liegen. Andern Tags sagte er es der Bishop; sie wollte aber nichts davon wissen, und drohte ihm noch dazu. Bald nachher, und noch dazu am Tage des Herrn, während die Thüren verschlossen waren, sah John Louder eine schwarze Perücke sich ihm nähern. Er wollte sie fassen, aber sie verschwand. Wenige Minuten nachher, während er im Stuhle saß, sprang etwas Schwarzes durch's Fenster, es näherte sich und stand plötzlich vor ihm. Der Leib war etwa wie der eines Affen, die Füße wie die eines Hahns, aber das Gesicht glich zumeist einem menschlichen. Während er noch so erschreckt war, daß er keinen Laut vorbringen konnte, öffnete das Gespenst den Mund und sprach: »Ich bin ein Bote zu dir gesandt, denn wir merken, daß dein Geist verwirrt ist. Wenn du dich aber von uns willst leiten lassen, so soll es dir an nichts in dieser Welt fehlen.« Louder schlug nach dem Teufelchen, aber er konnte keine Substanz finden. Es schlüpfte durch's Fenster fort, um gleich darauf durch die Thür wieder einzudringen, obgleich sie fest verschlossen war, und sprach nur: »Du hättest besser gethan, meinen Rath anzunehmen.« Louder schlug nun mit dem Stock nach ihm, traf aber nur die Schwelle, und sein Arm wurde gleich darauf gelähmt und blieb sichtlich im Schwinden. Noch richtete er sich auf und öffnete die Hinterthür, die nach den Obstgarten hinausging, wo er die Bishop sah, ohne die Kraft zu haben, sie anzurufen. Er mußte zurückkehren, aber kaum in der Stube, umhüpfte ihn wieder das Teufelchen. »Gottes himmlische Heerscharen zwischen mir und dir!« schrie der Geängstigte auf, und der Kobold flog fort. Im Fliegen streifte er durch einen Apfelbaum, wovon viele Aepfel zu Boden fielen. Aber den rechten Schwung zum Fliegen hatte er dadurch bekommen, daß er beim Ansetzen sich gegen den Bauch des armen Mannes mit der ganzen Fußsohle stemmte. Louder blieb davon drei Tage lang stumpf und dumpf.

Cotton Mather erwähnt hierbei, daß die Bishop und dieser Zeuge durch lange Jahre, eben wegen ihrer angrenzenden Gehöfte und Gärten, in Hader und Streit gelebt hätten.

Wer noch zweifeln konnte, wurde durch William Stacys Aussage überzeugt. Die Bishop hatte ihm einst Geld für einen Tag Arbeit bezahlt. Kaum war er drei Schritte fort, so war das Geld unbegreiflicher Weise verschwunden. Später fragte ihn die Bishop: ob sein Vater wol ihr Korn mahlen wolle? Er sagte: Warum nicht? Sie antwortete: Nun weil sie mich für eine Hexe halten! Dazumal glaubte er es noch nicht bestimmt, aber der Glaube ward ihm sogleich in die Hand gegeben. Er war mit seiner schwerbeladenen Karre kaum sechs Schritte weiter gefahren, als das Rad in ein Loch gerieth, abbrach und über Feld rollte. Er mußte Leute herbeirufen, um ihm zu helfen. Da fand sich denn, daß auf dem ganzen Felde kein Loch zu entdecken war, und Niemand begriff, wovon das Rad konnte abgesprungen sein, wenn die Hexe es nicht gethan. Nachmals mußte er noch viele entsetzliche Dinge erfahren. Sie erschien ihm in der Nacht, quälte ihn bis aufs Blut. In seiner Scheune wurde er plötzlich vom Boden aufgehoben und gegen die Mauer geschleudert, dann einmal aus einem Winkel seines Hauses in den andern. Als er bei dem Hause der Bishop mit seinem Einspännner vorbeifuhr, rissen alle Stränge oder das Pferd wollte und konnte nicht weiter ziehen, und dergleichen sichtliche Einwirkungen mehr.

Zwei Arbeitsleute hatten in Bridget Bishops altem Hause eine Kellermauer einreißen müssen, da hatten sie in den Höhlungen seltsame Puppen von Lumpen und Schweineborsten gefunden. Darin staken Nadeln ohne Köpfe, die Spitzen nach außen. Die Gefangene wußte gar keine vernünftige Auskunft darüber zu geben.

Bei der Untersuchung durch die weibliche Jury fand man ein Mal auf ihrem Körper, das aber später wieder verschwunden war.

Bridget Bishops Vertheidigung war nicht glücklich. Sie wurde angeschnauzt, verwirrt gemacht, widersprach sich, und was sie sagte, zeugte vor diesen Richtern gegen sie. Sie scheint eine Frau von heftigem Temperament gewesen zu sein, die mit ihren Nachbarn nicht im besten Einverständnisse lebte und seit langer Zeit bei ihnen als Hexe galt. Was diesen Schlimmes begegnete, wurde ihr in die Schuhe geschoben.

Sie ward für schuldig erklärt und zum Tode durch den Strang verurtheilt. Darin wenigstens war der englisch- amerikanische Proceß milder; Scheiterhaufen kamen nicht vor, alle Hexen endeten am Galgen. Auch finden wir nicht, daß die rothen Augen als dringende Indicien dort eine Rolle, spielten.

Als sie zum Galgen geführt wurde, warf sie einen tückischen Blick auf das große Versammlungshaus und es erfolgte bald darauf ein gewaltiger Knall. Als man zusah, fand man ein starkes Bret, was an der Mauer befestigt war, gespalten, losgerissen und in einen entfernten Winkel geschleudert. Niemand hatte Zutritt dazu; also mußte es ein Dämon in ihrem Dienste, im letzten Auftrag der Sterbenden gethan haben.

Sie starb am Galgen am 10. Juni 1692, feierlich ihre Unschuld betheuernd.


Der Gerichtshof vertagte sich nach dieser Execution bis zum 13. Juni. Inzwischen wurde vom Gouverneur und den Richtern das Gutachten mehrer Geistlichen eingezogen, welche sich in folgenden Artikeln aussprachen. Man meint, daß Cotton Mather zu dem Aufsatz seine Feder hergeliehen.

1) Der beklagenswerthe Zustand unserer armen Mitbürger durch Belästigungen aus der unsichtbaren Welt ist von der Art, daß er unsere ernsteste Aufmerksamkeit, wie ihnen abzuhelfen, in Anspruch nimmt.

2) Wir können mit gerührtem Herzen nur der ewigen Barmherzigkeit Gottes dafür danken, daß es den angestrengtesten Bemühungen unserer Obrigkeiten gelungen ist, diese abscheulichen Praktiken der Hexen bei uns in so weit, als geschehen, aufzudecken, und flehen demüthig, daß die Erkenntniß dieser Frevel vollständig werde.

3) Wir achten für nöthig, daß bei der Verfolgung dieser Hexenkräfte mit Scharfsinn und großer Vorsicht verfahren werde, da bei allzugroßer Gläubigkeit in Dingen, die nur auf Autorität des Teufels vernommen werden, eine lange Reihe kläglicher Folgen eintreten dürfte, wodurch Satan einen Vortheil über uns erzielen könnte. Denn er kennt unsere Schwäche.

4) Da manche Anzeigen sich nicht zu einem wirklich dringenden Verdacht erheben und, wo dringender Verdacht obwaltet, doch noch keine Ueberzeugung gewonnen werden kann, so ist es nöthig, daß bei der Procedur mit äußerster Zartheit gegen die Angeschuldigten verfahren werde, insonderheit gegen Diejenigen, welche sich bis da eines unbescholtenen Rufes erfreuten.

5) Bei der Voruntersuchung wäre es wünschenwerth, daß so wenig Geräusch und Aufsehen als möglich gemacht werde, was die in Verdacht Gerathenen zu schnell dem öffentlichen Urtheil bloßstellt; auch möchte so viel als thunlich die Eidesleistung dabei vermieden werden.

6) Die Beweise, um Jemand zu verurtheilen, sollten stärker sein als die bloße Versicherung, daß das Gespenst oder der Schatten der Angeschuldigten den Behexten erschienen sei; da es ja ein notorisch Ding wäre, daß ein böser Geist die Gestalt eines Unschuldigen, ja sogar eines tugendhaften und frommen Menschen bisweilen annehme; auch sei das kein untrügliches Zeichen, wenn durch Berührung und Blicke der Angeschuldigten im Zustande der Besessenen eine Veränderung vorgehe, da auch dabei der Teufel sein Spiel haben könne.

7) Ob es nicht, wenn man fortan kein so großes Gewicht mehr auf die Anzeichen lege, welche der Teufel selbst darbiete, der ganzen traurigen Sache möglicherweise eine glückliche Wendung geben möchte (soll wol heißen, daß der Teufel sich alsdann nicht mehr so viel Mühe geben werde, seine Anwesenheit darzuthun); wie denn zu hoffen sei, daß die Unschuld mancher der jetzt schwer angeschuldigten Personen ans Tageslicht kommen werde.

8) Nichts destoweniger (schließt das Memorandum wörtlich) können wir der Regierung nur in Demuth die weitere schnelle und thätige Verfolgung aller Derer anempfehlen, welche solcher Sünden sich zu Schulden kommen lassen, die nach Gottes Gesetzen und den Statuten der englischen Nation als Hexerei zu betrachten sind.

Von diesen, für jene Zeit vortrefflichen, Grundsätzen scheinen die sieben ersten Artikel nur als ein Schaugericht für das Publicum gedient zu haben, und nur der achte hatte volle Gültigkeit. Von der Vorsicht und Zartheit kam in Wirklichkeit nichts vor, dagegen trat eine schnelle und kräftige Verfolgung ein.

Am 13. Juni wurden die fünf Weiber vor Gericht gestellt: Sara Good, Rebecca Nurse, Susanna Martin, Elisabeth How und Sara Wildes. Alle fünf wurden verurtheilt und schon am 19. Juli hingerichtet.

Nur die Verurtheilung der Nurse machte einige Schwierigkeit und gibt uns wieder ein entsetzliches Beispiel, wie die Volksrache die Justiz beherrschen kann. Die Jury hatte sie für nicht schuldig erklärt. Die Behexten waren außer sich, und erklärten, die Geschworenen müßten die eigenen Worte der Angeschuldigten misverstanden haben. Es galt ein Eingeständniß, bei einem Hexensabbath zugegen gewesen zu sein. Die Jury ward zurückgeschickt, um sich anders zu besinnen. Sie kam wieder und erklärte, sie verstände den Sinn der Worte nicht. Die Angeschuldigte ward nun befragt, aber sie verstummte, weil auch sie in ihrer Verwirrung und Todesangst nicht mehr wußte, was man von ihr wolle. Darauf endlich sprach die Jury das Schuldig. Noch wollte der Gouverneur in diesem einen Falle Anstand nehmen, da die arme Nurse gegen ihn das Misverständniß, in dem sie geschwebt, aufgeklärt hatte, aber die Opposition war zu heftig, er durfte sie nicht begnadigen. Es scheint, daß sich privatim in der Stadt ein Committee gebildet hatte, welches die Verfolgungen leitete und die Beweise herbeischaffte. Dieser Club war mächtiger als die Behörden. Rebecca Nurse, ein tugendhaftes Weib, deren Andenken später wieder zu vollen Ehren kam, ward in Ketten vor der großen Versammlung von Geistlichen excommunicirt und dann mit den Andern gehängt.

Der Geistliche, Master Noyes, drang in die mitverurtheilte Sara Good mit aller Heftigkeit, zu bekennen, daß sie eine Hexe wäre, sie wisse es ja selbst, daß sie es sei. Sie rief: »Ihr seid ein Lügner; ich bin nicht mehr eine Hexe, als Ihr ein Zauberer seid; und wenn Ihr mir mein Leben nehmt, so wird Gott Euch dafür Blut zu trinken geben.« Man erzählte sich später in Salem, das Wort der Sterbenden sei in Erfüllung gegangen, Noyes sei an einem Blutsturz erstickt.

In der dritten Gerichtssitzung, am 5. August, wurden sechs Personen zum Tode verurtheilt, von denen wir Mehre schon aus den Vorberichten kennen: John Proctor und sein Weib Elisabeth, John Willard, George Jacobs, Martha Carrier und George Burroughs.

John Proctor hatte früher aus seinem Gefängniß in Salem an die Geistlichen in Boston einen flehentlichen Brief geschrieben, sich seiner und der Andern durch ihre Fürbitte zu erbarmen. Es heißt darin: »Obrigkeiten, Geistliche, Geschworene, Alle im Allem, sind so wüthend und entbrannt gegen uns durch das Höllenspiel des Teufels, wir können's nicht anders nennen, denn wir sind Alle unschuldig. Hier haben fünf Personen letztlich bekannt, sie waren Hexen; nun klagen sie uns an, wir wären neulich mit ihnen auf einem Hexensabbath gewesen, und wir sind doch ganz unschuldig, wir saßen im Gefängniß. Zwei von ihnen sind Carriers Söhne, die wollten nichts bekennen. Da band man sie, Nacken und Hacken an einander, bis das Blut aus ihren Nasen stürzte, und da, es ist kaum zu glauben, bekannten sie, was sie nie gethan, der Eine, daß er einen Monat lang eine Hexe gewesen, der andere, daß er fünf Wochen lang es ist, und daß ihre Mutter sie dazu gemacht hatte; die sitzt schon neun Monate lang im Kerker. Meinen Sohn William, der auch nicht gestehen wollte, denn er war unschuldig, schnürten sie auch Nacken und Hacken zusammen, bis ihm das Blut aus der Nase schoß; und sie hatten ihn wol 24 Stunden so gehalten, wenn nicht Einer mitleidiger gewesen, als die Andern und ihn losbinden ließ. Das schmeckt doch wirklich nach papistischen Grausamkeiten. Aus unsern Gütern haben sie uns schon herausgejagt, aber das ist ihnen nicht genug; sie wollen unser unschuldiges Blut.«

Aber vergebens bat der Unglückliche, nach Boston gebracht und dort gerichtet zu werden, vergebens, daß wenigstens die Geistlichen aus Boston nach Salem kommen und Alle, oder doch ein Paar, dem Verhör beiwohnen möchten; es wäre doch möglich, daß das ihm helfe. Er mußte sterben. Auch die Bitte um Aufschub ward ihm verweigert, obgleich er sagte, er sei zum Tode noch nicht gehörig vorbereitet. Selbst sein letztes Anliegen, daß der Geistliche Noyes mit ihm beten möge, ward abgeschlagen, weil er nicht bekennen wollte, daß er eine Hexe sei! Seines Weibes, Elisabeth, Hinrich[typo]ung ward aufgeschoben, weil sie schwanger war.

John Willard war früher ein rüstiger Beamter bei Arretirung der Hexen gewesen. Sein Gewissen war erwacht, er wollte nicht mehr die Hand zu den Greueln bieten. Aber gerade Das machte ihn verdächtig; er entfloh, ward eingeholt und büßte seinen diabolischen Unglauben mit dem Tode.

Martha Carrier ward, wie wir aus dem Obigen wissen, durch das Zeugniß ihrer eigenen Söhne welches man vermittelst der Tortur erpreßt, der Hexerei überführt. Doch fehlte es auch nicht an andern Beweisen. Auch ihr siebenjähriges Töchterlein hatte man gegen die Mutter aussagen lassen! Cotton Mather sagt von ihr, daß ihre Kinder und die andern Zeugen es außer Zweifel gesetzt: daß Satan dieser schändlichen Hexe das Versprechen gegeben, Königin der Hölle zu werden!

Am 19. August erlitt unter den am 5. August verurtheilten fünf Hexen auch George Burroughs die Todesstrafe. Er war der bedeutendste Mann unter allen bis da wegen Hexerei Hingerichteten. Sein Proceß ist der schwärzeste Fleck in dem ganzen Hexenverfahren. Burroughs hatte in Cambridge studirt, war dort 1670 Doctor geworden und eine Zeit lang in Salem als Geistlicher angestellt. Es scheint mehr als eine bloße Vermuthung, daß er früher in Privatzwistigkeiten mit dem Geistlichen Parris, dem Hauptagitator in den Hexenuntersuchungen, gelebt und der schauervolle Gedanke, daß eine Privatrache an seinem Verderben mitgearbeitet, ist nicht ganz weggeräumt worden. Sein Hauptverbrechen aber war, daß er kühn und fest das Dasein eines solchen Verbrechens, ja der Hexerei ableugnete. Mehre Monat hatte er daher schon im Gefangniß gelegen, als er am 5. August vor die Schranken gestellt wurde.

Die Anklage gegen ihn besagte, nach dem schon oben angeführten Formular, daß er Hexerei und Zauberei gegen die ledige Anna Putnam am 9. Mai verübt, wodurch diese gequält, geplagt, abgezehrt und abgemagert worden.

Die Beweisführung war sehr loser Art; denn gegen ihn selbst, was er in der Bindung von Seele und Körper gesprochen oder gethan, ließ sich nichts ermitteln, wol aber gegen seinen Schatten oder Geist, der, vom Körper getrennt, mannichfach umhergespukt, gefrevelt und sogar gemordet haben sollte. Auch war seine ungewöhnliche Leibesstärke ein bedenkliches Zeichen, und ganz besonders sprach gegen ihn der außerordentliche Eindruck, den seine Gegenwart jedes Mal auf die Besessenen machte. Sie fielen immer in die allerfurchtbarsten Convulsionen und lagen dann wie starr und steif da. »Wer hindert diese Zeugen,« sprach der Oberrichter Stoughton, »ihr Zeugniß abzulegen?« – »Ich glaube der Teufel,« antwortete Burroughs. »Der Teufel wird freilich kein Zeugniß gegen Sie begünstigen,« entgegnete Staughton.

Das Hauptzeugniß gegen ihn gab Anna Putnam selbst ab, eine furchtbare Vision:

»Am 9. Mai 1692 erschien mir George Burroughs. Er quälte mich furchtbar und drängte mich, meinen Namen in sein Buch zu schreiben, was ich aber ausschlug. Dann sagte er mir, jetzt würden seine zwei ersten Frauen mir erscheinen, und mir große Lügen vortragen, aber ich solle ihnen nicht glauben. Und augenblicklich darauf sah ich zwei Frauen aus dem Nebel auf mich zukommen, in Leichenhemden und weiße Tücher um den Kopf, was mich furchtbar entsetzte. Sie wandten sich gegen Master Burroughs und sahen sehr roth und erhitzt aus, und sagten ihm, er wäre ein grausamer Mann gegen sie gewesen, und ihr Blut schreie nach Rache gegen ihn. Sie sagten ihm auch, sie würden in schlooweißen Kleidern im Himmel wohnen, während er in die Hölle müßte; darauf verschwand er, und sobald er fort war, sahen die Weiber mich an, und sie sahen so weiß aus, wie die Wand. Sie sagten, sie wären Master Burroughs erste Frauen und er hätte sie umgebracht. Eine, die seine erste Frau war, sagte, er hatte sie erstochen, unterm linken Arm mit einem Messer, und dann habe er Siegelwachs auf die Wunde gedrückt. Sie streifte dann das Leichenhemde fort und zeigte mir die Stelle, und desgleichen erklärte sie mir, daß der Mord in dem Hause geschehen, wo jetzt Master Parris wohnt. Die andere, seine zweite Frau, sagte mir, daß Master Burroughs und sein jetziges Weib miteinander sie umgebracht, als sie gerade ausgegangen wäre, um ihre Freunde zu besuchen, und zwar darum, weil die Beiden sich gerade hätten haben wollen. Und beide Frauen trugen mir auf, ich sollte das vor den Obrigkeiten sagen und Master Burroughs gerade ins Gesicht, und wenn er es nicht wahr haben wollte, dann würden sie selbst an diesem Morgen dort erscheinen. Dann sind auch Mistriß Lawson und ihre Tochter vor mir erschienen und haben mir gesagt, daß Master Burroughs sie Beide ermordet hätte. Und noch diesen Morgen erschien mir noch eine Frau, auch in einem Leichenhemde, und sagte mir, daß sie Fullers erstes Weib sei, und Burroughs habe sie auch umgebracht, von wegen eines Streites, den er mit ihrem Manne gehabt.«

Auf solche Visionen wurde eine Criminaluntersuchung gebaut! Die der andern Zeuginnen war nicht mehr begründet. Sie alle hatten Burroughs Schatten am 9. Mai gesehen, wie er sie und eine Menge anderer Besessenen quälte. Elisabeth Hubbard sah in einer Nacht den »kleinen schwarzbärtigen Mann in dunkler Kleidung« ein Buch aus der Tasche ziehen und ihr zum Unterzeichnen vorhalten. Die Schriftzüge darin waren roth wie Blut. Er biß, stach und kitzelte sie furchtbar. Sie war in ihrem Herzen überzeugt, daß er ein schrecklicher Zauberer sei! – Sara Biber erlebte ungefähr Dasselbe; nur daß er ihr am 9. Mai am hellen Morgen auf dem Wege nach Salem erschien und sie versuchte. Sie kannte den kleinen schwarzen Geistlichen nicht; aber als sie vor Gericht erschien, sah sie, daß es Burroughs war, der dort auf die abscheulichste Weise die sämmtlichen armen Besessenen quälte. – Zu Mercy Lewis hatte Burroughs gesagt, der Teufel sei sein Diener, auch hatte er sie am 9. Mai auf einen hohen Berg geführt und ihr alle Königreiche der Welt gezeigt und versprochen, sie ihr zu schenken, wenn sie sich in das Buch einschreibe, sonst werde er sie kopfüber hinunterstürzen. Sie hatte aber nicht schreiben wollen, und wenn er sie auch auf hundert spitze Mistgabeln stürzen sollte. Auch gegen diese Zeugin hatte er seine Furcht wegen seiner zwei todten Frauen ausgesprochen.

Die andern Zeugen beschränkten sich darauf, seine außerordentliche Körperkraft zu schildern: daß er die schwerste Flinte, die Andere kaum mit zwei Armen gehoben, mit Leichtigkeit in einem Arm geschwungen und gerichtet, daß er die schwersten Fässer mit Cyder gefüllt, vom Boot ans Land getragen, ja spielender Weise oft, indem er den Finger in das Spundloch gethan, und sie so wie einen hohlen Kürbis in die Höhe gehoben. – Was sonst gegen ihn vorgebracht wurde, verfiel in die gewöhnlichen Albernheiten oder war so Alltägliches, daß es eben nur im Zustande der damaligen Bildung in den Colonien und der herrschenden Aufregung zum Verdachtsgrunde werden konnte.

Wie aber konnte er auf solche Zeugnisse verurtheilt werden? Auf diese Zeugnisse und nichts weiter? Bei den früher genannten Personen sprach doch noch irgend etwas sonst als jene Visionen der Verzückten gegen sie, sie waren zänkische Nachbarn, längst gefürchtet, oder sie hatten sich in ihrer Vertheidigung verwickelt, widersprochen. Haftete auf dem ehemaligen Geistlichen von Salem vielleicht ein Charaktermakel, der solche Angaben glaublich machte; war er des Jähzorns, wollüstiger Neigungen, war er vielleicht sogar um deswillen verdächtig, daß seine Frauen schnell hintereinander starben und stets eine andere schon in Bereitschaft war, die er heirathen wollte? Weshalb war er von Salem fortgekommen? Auf alle diese Fragen finden wir keine Antwort. Doch scheint Einzelnes noch vorgebracht zu sein, von dem in den hinterlassenen Papieren nichts erwähnt ist. Dagegen ist das Zeugniß der Geschworenen über die an seinem Körper gefundenen Hexenmale noch im Originalprotokoll aufbewahrt. Burroughs sprach nur wenig vor den Schranken. Beim Versuch, das Gewicht der Zeugenaussagen gegen ihn zu entkräften, stockte er und widersprach sich. Doch übergab er an die Jury eine Schrift, in welcher er die Unwahrheit des angenommenen Hexenglaubens darzuthun suchte. Konnte etwas mehr sein Einverständnis mit dem Erbfeinde beweisen? Die Jury sprach das Schuldig über ihn ohne Zaudern aus.

Er ward in jenem schrecklichen 19. August mit den Andern in einem Karren durch die Straßen von Salem nach dem Richtplatz gefahren. Dort erwachte sein ganzer Muth zum hellen Bewußtsein. Kräftig redete er die Menge an, und betheuerte in so feierlich ernsten Ausdrücken seine Unschuld, daß der Eindruck auf die Anwesenden sichtbar war. Dann betete er still, sprach das Vaterunser ohne Stockung, mit tönender, glockenklarer Stimme und mit einer von Gott erfüllten Inbrunst. Viele wurden zu Thränen hingerissen; ja es schien, als regte sich unter den Zuschauern ein anderes Gefühl, als wollten sie die Hinrichtung hindern. Aber die Besessenen schrieen: Seht, der Teufel steht ihm bei! Man schritt rasch mit der Execution vor. Cotton Mather war selbst zu Pferde bei der Hinrichtung. Als er die Bewegung im Volke sah, redete er es an, und erklärte ihm, daß Burroughs kein ordinirter Priester, daß er gewiß schuldig sei, und daß der Teufel schon oft in der Gestalt eines Engels des Lichtes auf Erden erschienen wäre. Als der Körper abgeschnitten war, zog man ihn an einem Stricke nach einer Grube, die nicht über einen Fuß tief war. Man riß ihm seine Kleider ab, hüllte ihn in die Lumpen einer der andern Hexen, und warf ihn mit noch zwei andern Leichen in das Loch. Ein Theil der Körper blieb unbedeckt von Erde!

Nach Burroughs Tode ward das Gerücht verbreitet, daß noch kurz vor seiner Hinrichtung ein großer Hexensabbath gehalten worden, in welchem er von seinen Genossen Abschied genommen, Brot und Wein Namens des Teufels ausgetheilt und Alle gebeten habe, treu an ihrem Glauben zu halten und keine Geständnisse zu machen.


Von nun ab ging es rasch vorwärts mit den Untersuchungen und Hinrichtungen. Am 9. September wurden sechs Hexen verurtheilt; am 17. wieder neun andere; die Mehrzahl derselben ward am 22. September hingerichtet. Die Schwangerschaft der Frauen war der beste Schutz für dieselben. Ein Hexer, wenn das Wort Gültigkeit hat – der Ausdruck witch, Hexe, galt für beide Geschlechter –, Samuel Wardwell hatte eingestanden, daß er es sei; später gereute es ihn, er widerrief es, und mußte dafür sterben. Bei der Hinrichtung rauchte der Henker Taback. Als der Rauch um das Gesicht des Todescandidaten spielte, schrieen die Besessenen auf: »Seht, wie der Teufel ihn in Dampf einhüllt!«

Ein alter Mann, Giles Cory, dessen Frau schon als Hexe gehängt war, und noch auf der Leiter durch ein herrliches Gebet die Zuschauer in Erstaunen gesetzt hatte, wollte vor Gericht nicht Rede stehen. Er wußte, der Tod war ihm, so oder so gewiß. Bekannte er, oder ward er für schuldig erklärt, so starb er wegen eines Verbrechens verurtheilt, welches die Einziehung seines Gutes nach sich zog. Er wollte es seinen Erben erhalten. Daher unterwarf er sich ruhig dem grausamen englischen Gesetz, welches diejenigen zu Tode zu pressen gebot, welche vor Gericht nicht Rede stehen wollten. Die nähere Beschreibung dieses Verfahrens findet der Leser im 5ten Theile unseres Pitaval, in der Geschichte der Highwaymen. Es soll dies das erste und einzige Mal gewesen sein, daß dies barbarische Verfahren in Amerika zur Ausführung kam. Der alte Mann hielt den Druck der Centner, die man auf seine Brust legte, aus, ohne ein Zeichen zu geben, daß er seinen Entschluß bereue. In den letzten, gräßlichen Augenblicken streckte er seine Zunge weit aus dem Halse. Der Sheriff, der es sah, stieß sie mit der Spitze seines Stockes zurück! Selbst die Richter scheint ein Anflug von Gewissensbissen überkommen zu haben. Man findet in dem Tagebuch des einen eine Art Selbstentschuldigung dafür. Eine der Besessenen, Anna Putman, hatte ausgesagt, der Geist des alten Giles Cory habe ihr gestanden, daß er selbst einmal vor 18 Jahren einen Menschen zu Tode gepreßt hätte!

Unter den am 22. September Hingerichteten war eine Gattin und Mutter, Mary Easty, welche des ausgezeichnetsten Rufes sich erfreute und einen durchaus christlichen und frommen Lebenswandel geführt hatte. Von ihr haben sich zwei Bittschriften an ihre Richter erhalten, welche den ganzen Seelenadel, das zarte Gemüth und die Geistesstärke der Unglücklichen abspiegeln. Zur Zeit, wo ein Bekenntniß das einzige Mittel war, das Leben zu retten, oder die Gunst der Richter sich geneigt zu machen, legte sie ihr Leben freiwillig nieder, ohne Klage, ohne Beschuldigung gegen ihre Mörder, nur mit einem erhebenden Fürwort für die Sache der Wahrheit. Sie, eine treue Gattin, eine zärtliche Mutter, hatte, in der edelsten Resignation, nur das Wohl Anderer vor Augen. Wie ein Lichtstrahl aus einer edlern Welt in der von crassem Wahn umdüsterten Atmosphäre werden diese Briefe heute in Amerika mit Bewunderung gelesen. Wir theilen nur aus dem zweiten eine Stelle mit:

»– Jetzt bin ich zum Tode verurtheilt. Der Herr im Himmel kennt meine Unschuld, und an dem großen Tage wird sie Engeln und Menschen klar werden. Ich flehe zu Euer Gnaden nicht um mein eigenes Leben, denn ich weiß, ich muß sterben und meine Zeit ist abgelaufen; aber ich flehe, der Himmel weiß es, nur darum, daß, wenn es angeht, nicht mehr unschuldiges Blut möge vergossen werden, was doch unzweifelhaft geschieht, wenn Ihr auf dem Wege wie bisher fortgehet. Inständigst ersuche ich Euch, das Aeußerste zu thun, um Hexereien und Hexen zu entdecken, aber um alle Welt möchte ich nicht schuldig sein, unschuldiges Blut vergossen zu haben. Und so wahr ich fühle, daß ich unschuldig bin, weiß ich auch, daß Ihr auf falschem Wege seid. Der Herr, in seiner unendlichen Gnade, leite Euch bei diesem großen Werke, wenn es sein heiliger Wille ist, daß nicht mehr unschuldiges Blut vergossen werde. Demüthiglichst möchte ich Euer Gnaden bitten, diese unglückseligen Besessenen strenger zu prüfen, sie eine Zeit lang jede besonders abzusperren, und auch die, welche sich freiwillig als Hexen bekannt, in ernstere Obacht und Prüfung zu nehmen. Ich bin nämlich der festen Zuversicht, daß Einige unter ihnen sich selbst und Andere belogen haben, wie sich ergeben wird, wenn nicht schon in dieser Welt, doch in der, in welche ich jetzt übergehe. Und ich bin überzeugt, daß auch in Euch selbst darin eine Veränderung vorgehen wird. Sie sagen, ich und die Andern hätten einen Bund mit dem Teufel gemacht. Wir können nicht ja sagen. Ich weiß, und der Herr weiß, und binnen kurzem werden Alle es wissen, was sie von mir sagen, lügen sie, und so wird es auch mit den Andern sein. Der Herr allein, der in alle Herzen dringt und die Nieren prüft, weiß, wie ich ihm antworten werde vor seinem höchsten Gericht, daß ich nicht das Geringste von Zauberei und Hexerei weiß, und um deshalb darf ich, kann ich nicht meine eigene Seele belügen. Darum bitte ich Euer Gnaden, meine demüthige Bitte nicht von sich zu weisen, die Bitte einer armen unschuldigen Frau, und dann zweifle ich nicht, der Herr wird Eure Bemühungen segnen.«

Die ursprüngliche Eingabe ist noch aufbehalten, und, nach der Handschrift zu urtheilen, ist kein Zweifel, daß die ehrwürdige Matrone sie selbst geschrieben. Ein seltenes Weib zu allen, und insbesondere zu jener Zeit. Sie war etwa 60 Jahre alt und Mutter von sieben Kindern. Die Abschiedsscene zwischen ihr und dem Gatten und den Kindern war für alle Zuschauer herzzerreißend, aber von religiöswürdiger Haltung von beiden Seiten.

Dennoch rief der Geistliche Noyes, der Prediger von Salem, beim Anblick der acht Galgen zum Volke: »Da hängen acht höllische Feuerbrände!«


Es war das letzte Mal, daß der außerordentliche Gerichtshof über Hexerei beisammen gesessen. In der neuen Welt war der Sieg der Vernunft über den Wahn schneller, entscheidender, als in unserer alten. Der gesunde Sinn des Volkes machte sich in einem, schon vor der Freiwerdung Amerika's, wohlgeordneten Gemeinwesen Luft. Auch darin ist Amerika glücklicher als Europa, daß der Sieg nicht die Folge einer Reaction war, daß kein neuer Wahn den alten Wahn zurückschlug und neue Opfer foderte; sondern jener verging wie ein furchtbarer Rausch, allmälig, und hinterließ nichts als ein bitteres Schamgefühl, daß man sich je so berauschen können, und den guten Vorsatz, künftig ihn zu vermeiden, und, was an den Menschen war, das Uebel wieder gut zu machen.

Die furchtbaren Grausamkeiten konnten nicht länger geduldet werden. Das Volk fühlte es lebendiger als die Obrigkeiten, als die Richter. Während deren Blutdurst noch lange nicht gesättigt war, weigerten sich die Geschworenen schon, in der greulichen Jury zu sitzen. Zwanzig Personen hatten schon am Galgen geendet; mehr als fünfzig waren durch die Tortur oder moralische Schrecken zum Bekenntniß gebracht, die Kerker waren voll, und noch Hunderte standen in dringendem Verdacht. Wo sollte das enden? Und noch ein anderes, gewöhnliches Uebel, wo die Justiz fanatischer Verfolgung sich hingibt, war schon eingetreten. Betrug und Privatrache suchten im Trüben zu fischen. Wer angab, war frei von der Furcht, angegeben zu werden. Man machte sich sogar dadurch bei den Obrigkeiten beliebt, und noch war keine hingerichtet, die selbst bekannt hatte, daß sie eine Hexe sei. Welche Aufmunterung zu denunciren! Schon merkte man auch, daß Anschuldigungen gegen Freunde und Verwandte der Mächtigen nicht so gern aufgenommen wurden als gegen Feinde oder gleichgültige Dritte. Aber auch diese Gunst der Mächtigen war, wenn das Denunciationsfieber sich in bisheriger Art ausbreitete, kein Schutz mehr. Denn wie viel angesehene Männer und Frauen waren schon angegriffen, verhaftet und verurtheilt worden, und gegen wie Viele konnte sich noch der verborgene Blitzstrahl richten! Die Geistlichen schützte nicht mehr ihre Weihe. Auch ein Prediger, John Bradstreat, war angeklagt – seinen Hund behext zu haben. Er selbst entkam glücklicherweise durch die Flucht; dafür hing man den Hund. Ja selbst auf der Gattin des Gouverneur Phipps ruhte schon ein Verdacht. Sie hatte aus Mitleid durch einen falschen Befehl einer jungen Dame zum Entkommen aus dem Gefängniß in Boston verholfen. Zwar ward einstweilen nur der Gefangenwärter dafür durch Absetzung bestraft; wer aber bürgte dafür, daß nicht auch sie nun durch die Besessenen angegeben werde? Man bemerkte, daß kein Einziger, der vor die Schranken gestellt worden, freigesprochen war!

Jetzt war auch die Gattin des reichsten Mannes in Salem, Philipp English, eines Kaufmanns, angeschuldigt. Niemand genoß eines größeren Ansehens als ihr Gatte in der ganzen Gegend, und auch Das schützte nicht. Der Verhaftbefehl wurde ihr am Abende in ihrer Schlafstube vorgelesen, und Wächter wurden um das ganze Haus gestellt. Sie gab sich verloren. Am nächsten Morgen versammelte sie ihre ganze Familie um sich, gab Anweisungen, wie ihre Kinder erzogen werden sollten, küßte sie, empfahl sie Gott und nahm von ihnen Abschied. Dann übergab sie sich dem Sheriff, indem sie erklärte, daß sie zu sterben bereit sei. Ihr Ehemann verbarg sich zuerst. Dann voll Schmerz und Unruhe übergab er sich selbst dem Gerichte. Später fanden indeß Beide Gelegenheit, zu entfliehen und sich in New-York zu verbergen, bis der Sturm vorüber war.

Dieser Zustand der Dinge konnte nicht länger dauern. Die von Angst gequälten, unglücklichen Bewohner meinten, Neu-England müsse von Gott verlassen sein. Das Gericht hatte sich bis zum nächsten November vertagt; aber bis dahin mußte die große Repräsentativversammlung zusammengetreten sein, und alle Vernünftigern waren der Zuversicht, daß dem Uebel dort gesteuert werden müsse, oder: »Neu-England ist auf immer verloren.« Ihre Hoffnungen wurden nicht getauscht. Vierzehn Tage nach dem letzten Hängen in Salem traten die Repräsentanten zusammen, und die furchtbare Angelegenheit ward vorgebracht. Hier bewährte sich der gesunde Sinn, die weise Mäßigung, der richtige Tact, welcher die anglo-amerikanische Bevölkerung bei allen Berathungen des Gemeinwohls so oft vor andern Völkern ausgezeichnet hat. Sie warfen nicht aus theoretischer Ueberzeugung einen Damm auf, der plötzlich den Strom der öffentlichen Meinung hemmen und zurückstauen sollte. Sie sagten nicht, es gibt keine Hexen und Besessene, wodurch sie, – gesetzt, daß Alle selbst nicht daran geglaubt, – dem Volksgefühl geradezu ins Gesicht geschlagen hätten. Sie suchten nur zuerst den Strom langsamer toben zu lassen, indem sie ihn in Kanäle ableiteten und sein Bette regulirten, bis er unschädlich, ruhig dahinfloß. Sie verzögerten die Sache, so ward Zeit zum Nachdenken gegeben, und Zeit zu dem Umschlage, der sich in der öffentlichen Meinung vorbereitet hatte. Das Statut Jacob I. gegen Hexenkünste galt ja noch (in England verwarf es Wilhelm III., als es ihm zur Bestätigung vorgelegt wurde), also mußten Anklagen darauf angenommen, Gerichte eingesetzt werden. Aber das bisherige Commissionsgericht ward aufgehoben und ein neues eingesetzt, welches sich erst im Januar 1693 versammeln sollte.

Aber die große Jury dieses neuen Gerichtshofs fand unter allen ihr vorgelegten Fällen nur 26 zur Untersuchung geeignet. Von diesen fand die Jury nur 3 Personen schuldig, obgleich die Beweise gegen sie alle eben so stark waren, als gegen die im ersten Verfahren Verurtheilten. Auch bei diesen Dreien trat ein Aufschub der Strafe ein, welchem später die Begnadigung folgte. Zu Charlestown, wo das Gericht zunächst saß, wurde über ein 80 Jahre altes Weib gerichtet. Wenn je eine Hexe in der Welt war, sagte man, so ist es diese. Schon 30 Jahre hatte sie dafür gegolten, und an mannichfachen Beweisen fehlte es nicht. Aber auch sie ward von der Jury freigesprochen.

Während das Gericht zu Charlestown saß, kam die Nachricht, daß wieder eine Anzahl der zu Salem Sitzenden begnadigt worden. Da erhob sich der Oberrichter Stoughton und rief: »Wir waren auf gutem Wege, das Land von ihnen zu reinigen! Wer es ist, der sich dem Laufe der Gerechtigkeit widersetzt, ich weiß es nicht, aber der Herr sei gnädig diesem Lande!« Er verließ die Bank und kam nicht mehr in den Gerichtshof.

Einige wollten den Umschlag der öffentlichen Meinung aus einigen Einzelfällen herleiten. Der Geistliche Beverly war einer der eifrigsten Verfolger der Hexen gewesen, als aber seine eigene Frau angeschuldigt wurde, änderte er seine Ansicht und ward ein ebenso heftiger Gegner der ganzen Sache, Ein angesehener Mann in Boston verklagte Jemand wegen Injurien, der seine Frau in den Geruch der Hexerei brachte, und foderte 1000 Pf. St. Buße dafür. Wenn die Strömung in der Volksmeinung noch dieselbe gewesen wäre, würden zwei einzelne Fälle der Art keine Rückstauung verursacht haben. Man darf vielmehr annehmen, daß auch diese beiden Momente eines Widerstandes, der früher tollkühn gewesen wäre, nur die Wirkungen der schon ganz veränderten Stimmung waren. So rasch und wild das Feuer um sich gegriffen, so thätig und eifrig bemühte sich jetzt ein Jeder, es auszuschlagen, wo die Gefahr noch alle Köpfe erhitzte, daß das ganze Land davon entzündet werden könnte.

Der Grund dieses Umschwungs, sagt Chandler, dessen trefflichen American criminal trlals wir diese Mittheilungen verdanken, ist in den Grundzügen unserer Natur zu suchen und wird zum Theil in den instinctmäßigen Anstrengungen zur Selbsterhaltung gefunden werden, die in allen gesellschaftlichen Verbindungen die Schwachen gegen Unterdrückung verbindet und den Unbeschützten Muth gibt. Der Glaube an Hexenkraft war tief in jener Zeit eingewurzelt, und der Umschlag der öffentlichen Meinung war nicht sowol ein Zeichen, daß man an der Wahrheit des Hexenwesens zweifelte, als die Ueberzeugung, daß es fruchtlos und gefährlich sei, es durch menschliche Gesetze zu bestrafen.

So weit mögen wir ihm unbedingt beistimmen. Sein ferneres Argument kann Zweifel aufregen, die zu beantworten menschliche Weisheit nicht weise genug ist. Ueber die Gründe, woher dieser Spukglaube, sagt er, unter dem verständigen, ruhigen und sittlichen Volke von Neu- England so mächtig sich erheben und so furchtbar wüthen konnte, kann, nach so langem Zwischenraume, keine genügende Aufklärung gegeben werden. Aber ihre Nachkommen mögen im selben Geiste des Vertrauens auf die Vorsehung, der sie auszeichnete, auch an dem Glauben festhalten, daß diese Vorsehung das Uebel nur zuließ zu Zwecken, die ihrer Allweisheit und Allgüte entsprachen, und die auf keine andere Weise zu erreichen waren. Als das Werk gethan war, war es auch vorüber. Solche moralische Verwüstungen streifen oft über das Antlitz der menschlichen Gesellschaft; das Gewitter verrichtet sein Werk. Dann wird die Atmosphäre klar, die Sonne scheint wieder hell und überwindet die Todesschauer und ihre Wirkungen.

Ein heftiges Fieber schüttelt allerdings oft einen verborgenen Krankheitsstoff aus; aber daß ein vorübergehender Wahnsinn dem Körper heilsam sei, ist doch, unseres Wissens, noch von keinem Arzte behauptet worden. Ein anderer amerikanischer Schriftsteller sagt zwar, es sei nicht unwahrscheinlich, daß dieses fanatische Fieber dazu beigetragen habe, die bösen Humore des neu-englischen Volkes zu vertreiben, ihre Bigotterie zu lösen und sie zum freieren Gebrauch ihrer Vernunft anzuleiten.

Der Umschlag war ein vollständiger. Die bittersten Selbstanklagen wurden vernommen über die traurigen Folgen der Selbsttäuschung und rascher Handlungsweise. Der Unwille des Volks war nicht laut, aber tief und ernst. Er richtete sich gegen Die, welche in der Tragödie besonders thätig gewesen waren. Der Geistliche Parris, in Salem, der unstreitig der Urheber der Verfolgung gewesen und den allgemeinen Wahnsinn benutzt hatte, um, boshaften Gemüthes, Privatrachegefühlen zu fröhnen, ward gezwungen, seine Stelle aufzugeben. Er flehte, er erbot sich zu allem Möglichen, es half ihm nichts. Das Volk fühlte die Unschicklichkeit, daß Derjenige noch ferner am Altare des barmherzigen Gottes dienen solle, wo die Gräber der Ermordeten von seinem erbarmungslosen Ingrimm zeugten. Der andere Geistliche zu Salem, Noyes, machte ein vollständiges Bekenntniß seiner Versündigung, und suchte durch Wohlthaten und eifrige Sorge für die Hinterbliebenen der Opfer seine Schuld zu verkleinern.

Cotton Mather schrieb sein berühmtes Werk von den Wundern der unsichtbaren Welt, und suchte noch eine Weile durch künstliche, verdrehte Darstellungen dieser und ähnlicher Vorfälle das Publicum, oder vielleicht sich selbst zu täuschen. Aber indem er unverdrossen die Fahne erhob gegen den höllischen Feind, trat plötzlich, unerwartet, ein Mann als sein Gegner auf, von dem er es am wenigsten erwartet, und trug einen vollständigen Sieg über ihn davon. Dieser Gegner war ein ungelehrter Kaufmann aus seiner eigenen Parochie, Robert Calef mit Namen, der gegen ihn und den ganzen Glauben an Hexenkräfte mit einer so kühnen Sprache, einer so männlichscharfen Forscherkraft und eben so sarkastischen als schlagenden Wendungen schrieb, daß er bald das größere, unterrichtete Publicum auf seiner Seite hatte. Er erklärte alle Hexenkraft nur für ein Werk des Fleisches. Zu behaupten, daß Menschen in ein Bündniß mit bösen Geistern treten könnten, um andern Menschen Schaden zu thun, hieße entweder, Gott zum Teilnehmer an solcher Schändlichkeit machen, oder seine Allmacht leugnen. Das Erste behaupten, hieße Gott zum Lügner machen, das Zweite sei Blasphemie. Umsonst erhoben sich die Geistlichen gegen Calef, umsonst nannte ihn Cotton Mather einen boshaften, verleumderischen, sündhaften Menschen, eine wahre Kohle aus der Hölle. Calef hatte gesiegt, ja sogar einen Sieg über Cotton Mather selbst errungen, den er nicht wollte. Der Zelot gegen Hexen soll, wovon seine Tagebücher Winke geben, in seinen spätern Tagen von atheistischen Anwandlungen nicht frei geblieben sein, und in Augenblicken erschien ihm alle Religion als ein Wahngebilde.

Vollständiger konnte keine Buße für eine große, allgemeine Missethat erfolgen. In einer feierlichen Erklärung betheuerten die Geschworenen ihre tiefe Reue. Es heißt darin: »Wir fürchten, daß wir, nebst Andern, in dieser Sache nur Werkzeuge waren, obgleich sonder Wissen und sonder Willen, um auf uns und dieses Volk des Herrn den Fluch unschuldig vergossenen Blutes zu bringen. – Wir bitten – daß man uns von Seiten der noch lebenden Dulder milde und schonend betrachte, als Menschen, welche dazumal unter der Macht einer starken und allgemeinen Täuschung waren, gänzlich unbekannt und unerfahren in Dingen dieser Art u.s.w.«

Wo ertönten je solche Bekenntnisse nach einem Justizmorde, von Parlamenten, gelehrten Richtern oder Assisen? Es war eine noch lebendige Gerechtigkeit.

Der Staat selbst fühlte, Gott müsse für das begangene Unrecht versöhnt werden. Auf Befehl der Obrigkeit ward am 14. Januar 1696 ein allgemeiner Buß-, Bet- und Fasttag abgehalten. In der öffentlichen Ankündigung hieß es: »um Gottes Zorn abzuwenden, von wegen der neulichen, beklagenswerthen Tragödie zu Salem, die der Satan unter uns aufgeführt, nach dem furchtbaren Gerichte Gottes.«

Einer der Richter, Samuel Sewall, fühlte sich schon damals so zerknirscht, daß er an diesem Bußtage an den Geistlichen eine Schrift sandte, in welcher er ein reuiges Bekenntniß seiner Irrthümer ablegte und bat, sich demüthigen zu dürfen im Angesichte Gottes und seines Volkes. Während die Schrift von der Kanzel verlesen wurde, erhob er sich von seinem Platze und stand als Büßer da vor der ganzen Gemeinde. Er ward wieder zu Gnaden angenommen und starb in hohem Alter und Ehren.

Der Oberrichter Stoughton dagegen bereute nie. Als er von Sewalls Bekenntniß hörte, erklärte er, die Furcht Gottes habe immer ihm vor Augen gestanden, als er auf dem Richterstuhl saß, und er habe seine Meinung nach seiner besten Erkenntniß abgegeben. Und wenn er dennoch geirrt haben sollte, so sehe er doch keinen Grund ab, warum er das öffentlich bekannt machen solle.

Von Staatswegen wurde Manches gethan, um den Hinterbliebenen der Opfer Vergütungen zukommen zu lassen. Die Vermerke der Excommunication wurden in den Kirchenbüchern gestrichen. Auch die böse Anklägerin und Besessene, Anna Putman, ließ in das Kirchenbuch ein Bekenntniß ihres Schmerzes und ihrer Reue vermerken.

Von den andern Zeuginnen und Besessenen bekannten viele ihren Irrthum, mehre sogar gestanden offen ein, daß sie ein betrügerisches Spiel gespielt. Aber man findet nicht, daß eine einzige von diesen Geschöpfen, die so freventlich durch Lug, Trug und falsche Eide ihre Nebenmenschen ums Leben gebracht, deshalb zur Untersuchung gezogen wäre. Einige von ihnen, wird berichtet, ergaben sich als öffentliche Dirnen aller Art Lastern, Andere lebten fort in Verachtung und Verborgenheit. Die Todten ließen sich nicht wieder erwecken, und man schien nicht geneigt, die Aufregung und das Andenken des beklagenswerthen Falles durch Bestrafung der Schuldigen aufs Neue zu erwecken.

Der amerikanische Berichterstatter über diesen merkwürdigsten öffentlichen Proceß, den die neue Welt erlebt, ergeht sich mit schlagender Schärfe über die Illegalität, welche in demselben von Anfang bis Ende, in der Form und im Wesen vorgeherrscht; daß die ganze Einsetzung des Gerichts durch den Gouverneur ungesetzlich gewesen; daß keine gelehrte Juristen zugezogen worden, der Volkswahn also Thor und Thür offen gefunden habe, um Richter und Geschworene zu beherrschen; daß die ganze Beweisführung durch Zeugen über Hörensagen geführt, und daß es endlich auch unerhört in der ältern Praxis sei, Personen von gutem Ruf für Handlungen verantwortlich zu machen, die ihre Schattenbilder begangen, wenn ihre wahrhaften Leiber abwesend waren. Alles dies spricht theils für sich selbst, theils liegt es außer unserer Aufgabe. Dagegen bedauert Chandler, daß er über die moralischen Phänomene, welche bei diesem Hexenproceß zur Erscheinung kamen, nichts Genügendes sagen könne, da die Zeit die Sache eher noch verdunkelt, als Licht darauf geworfen habe. Daß Betrug von der einen Seite im Spiel gewesen und daß von der andern ein vollkommener Glaubenswahnsinn geherrscht, sei außer Zweifel. Aber daß nicht Alles Lug und Betrug war, und daß gewisse Erscheinungen vorgekommen, welche aus den gewöhnlichen physischen Erfahrungssätzen nicht erklärt werden könnten, sei ebenso gewiß als die historische Facta, die er berichtet, und Cotton Mather dürfe darin nicht Unrecht haben, wenn er sagt: »Oberflächliche Leute mögen über diese Dinge ihren Spaß treiben; aber wenn Hunderte des verständigsten, nüchternsten Volkes, in einem Lande, wo sie gewiß ebenso viel Mutterwitz haben, als irgend sonst wo, überzeugt sind, daß sie wahr sind, dann kann nur der absurde, negirende Geist der Sadducäer sie in Abrede stellen.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.