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Der neue Pitaval - Band 7

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 7 - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 7
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1845
firstpub1845
volumeSiebenter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectid03f5ef80
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William Lord Russell

1683

Die Revolutionen gegen die Willkürherrschaft sehen wir in der neuern Geschichte fast alle auf einem ideellen Boden entspringen. Es war nicht der Druck der Tyrannei, welcher im Oriente zuweilen auch die Sclaven aufstehen und ihre Ketten zerbrechen läßt. Unerträgliche Erpressungen, unerschwingliche Steuern, Habgier und Wollust der Herrschenden, welche das Mark der Unterthanen und des Landes aussaugten, diese materiellen Nöthe, als Quell des Freiheitsdurstes und der gewaltthätigen Selbsthülfe gehören im europäischen Völkerleben längst vergangenen Zeiten an. Im Gegentheil gingen fast allen großen Revolutionen in der Neuzeit, welche andere Zustände, eine neue Verfassung zum Resultat hatten, für die Völker materiell glückliche Zustände voraus. Die äußere Noth bewaffnete sie nur in den seltensten Fällen, vielmehr war es ein verletztes Gefühl, welches mitten im sonstigen Wohlbehagen ihnen das Schwert in die Hand drückte. Diese verletzten Gefühle sind mannichfacher Art, denn jedes Volk hat seine besonders verwundbare Seite, aber kein Gefühl hat sich so reizbar, so furchtbar bewiesen, als das religiöse. Wende man nicht ein, daß sich andere Leidenschaften und Absichten oft nur in das Kleid der Religion gehüllt hätten und noch hüllten; denn gerade dadurch gibt man zu, welche Macht dieses Gefühl auf die Menge ausübt.

Viele möchten jenen Satz gern leugnen, Viele die Mächtigen mit der Beruhigung einlullen, daß ein Volk, welches keine Noth leidet, nicht an Empörung denkt; daß, wenn für Essen, Trinken und Vergnügen, für Handel und Gewerbe gesorgt ist, keine Aufstände zu besorgen wären; daß das sogenannte geistige Bedürfniß im Volke eine leere Chimäre, von Böswilligen ihm aufgeredet, sei. Der Beweis scheint ihnen leicht geführt, weil man das Volk wol essen, trinken, in Lustigkeit leben, arbeiten und handeln, aber sein Denken nicht sieht. Die Geschichte sieht und zeigt es in den Thatsachen; sie sieht und zeigt, daß diese Denkenden, die man der Böswilligkeit so gern beschuldigt, weil man es für die bequemste Art hält, sie zu beseitigen, daß sie, wenn auch an Zahl gegen die nicht denkende Masse gering, doch zum Volke mitgehörten, daß sie seine belebende, bewegende Seele waren, ja daß sie die Geschichte allüberall gemacht haben, und machen werden, so lange der Satz Gültigkeit hat: mens agitat molem. Wer befand sich mehr in behaglichem Wohlsein als die Niederländer, als die Engländer vor ihrer Rebellion und ihrer Revolution? Und stockten 1830 Handel und Gewerbe in Frankreich, als in drei Tagen das Werk von 15 Jahren umgestürzt wurde? Es war nur ein tief verletzendes Gefühl, es waren Antipathien, die mit dem materiellen Bedürfniß wenig oder keinen Zusammenhang hatten, welche hier, wie in Belgien und Polen, mitten heraus, aus Genuß und physischer Behaglichkeit, furchtbare Umwälzungen und blutige Bürgerkriege ins Dasein riefen. Aber die Geschichte ist eine unglückliche Lehrmeisterin, man ruft sie an, aber glaubt ihr nicht. Die sich die historischen nennen, citiren ihre Weisheit, wenn sie Institutionen der Gegenwart empfehlen wollen, die einst in einer Vergangenheit gut waren, aber wenn man ihre großen Strafexempel ihnen vorhält, so sollen die nicht für die Verhaltnisse passen. So mußten die Bourbonen, obgleich vielfaltig gewarnt, die Geschichte der Stuarts wieder durchmachen. Und auch die Geschichte der Bourbonen scheint schon wieder die Warnungskraft verloren zu haben. Daß Gott dem Einen die Einsicht allein verliehen, die wahre Wahl, den rechten Weg zum Rechten zu erkennen, und mit der Einsicht ihm den Ruf, das verirrte Volk dahin zu leiten, dieser Glaube ist zu süß verlockend, zu berauschend, als daß die verbleichten Schriftzüge der Vergangenheit dagegen aufkämen. Das wenigstens lehrt die Geschichte den für Lehre Empfänglichen, daß der Geist, wie wir zuweilen fürchten, von der Materie in der Geschichte der Menschheit nicht erdrückt werden könne, daß das Gefühl über die klügste Berechnung unerwartet den Sieg davon trägt, und eine ideelle Macht da siegbewußt über den Massen schwebt, wo wir sie am tiefsten versunken wähnen in Eigennutz, in kaltherziger Berechnung des nächsten Vortheils, in dumpfer sclavischer Furcht und in verzehrender Sinnenlust. Das lehren uns tröstend die Revolutionen in Europa, daß der Blitz, der den Gedanken entzündet, das Licht von oben nicht erdrückt werden kann von der Uebermacht des Stoffes, daß es durch die chaotisch zusammengeworfenen Massen vielmehr fortleuchten wird, und wir nicht zu verzweifeln brauchen, wenn es durch die brausenden Stürme zuweilen zur verzehrenden Flamme geworden scheint.

Es ist unzweifelhaft, daß England zu Ausgang des 17. Jahrhunderts nur durch seine gespensterhafte Furcht vor dem Katholicismus seine Freiheit gerettet hat. Der Parteigeist war ermattet, die kühnen Agitatoren für die Volksrechte waren durch die äußersten, convulsivischen Anstrengungen unter Karl II. völlig niedergeschlagen, und dieselben Parlamente, welche vor Uebermuth sich nicht zu halten gewußt, waren unter Jacob II. so kleinmüthig, daß sie sich Alles gefallen ließen und Schritt für Schritt dem Absolutismus höflich Platz machten. Nur im Meßgewande sollte er nicht erscheinen, nur der Papst sollte keinen Einfluß auf der glücklichen Insel haben. Die Religions-, die Gewissensfreiheit waren leere Worte geworden. Presbyterianer und ihre Sekten mochte die Regierung unterdrücken, nur nicht des Volkes stolze anglicanische Kirche. Ein kluger König wäre zu seinem Ziele gelangt. Aber Jacob der Zweite war nicht sein Bruder. Er war ehrlicher in seinem Fanatismus und Eigensinn. Er wollte vor Allem und zuerst die Meßgewänder und den Papst, und mit raschen Schritten, gerade auf sein Ziel zugehend, verwundete er das innerste Gefühl seines Volkes.

Noch vor zehn Jahren hörten wir in England das dumpfe Parteigeschrei: No popery! (Kein Papstthum!) widerhallen; und wir andern Europäer blickten uns verwundert um, wie es möglich sei, daß noch im neunzehnten Jahrhundert ein solcher gespenstischer Ruf auf die Volksstimme Einfluß haben könne; denn damals war die jüngst erweckte Jesuitenfmcht noch nicht erwacht. Es war nur die letzte Anstrengung einer unterliegenden Partei, das Volk zu fanatisiren. Darüber waren alle Unterrichtete einig. Nur eine politische Intrigue war es; aber wie ein so verrostetes Geschrei noch Klang haben könne unter den hellen Stimmen der Zeit, das war es, was die Welt in Erstaunen setzte. Es war der Nachwuchs einer Saat, die im englischen Volksgefühl tiefe Wurzeln geschlagen; es war die Nachdröhnung des furchtbaren Sturmes aus dem 17. Jahrhunderte. Wenn das papistische Complot nach anderthalb Jahrhunderten noch wirkte, wie mußte es gewirkt haben zu seiner Zeit!

Und doch schien die ganze Pflanze, nachdem ihre üppige Staude verdorrt war, schon in den nächstfolgenden Jahren völlig ausgerottet. Karl, Jacob und die Royalisten hatten, wie wir in der vorhergehenden Erzählung sahen, vollkommen gesiegt, und sie benutzten ihren Sieg rasch und sicher. Wie jener Tarquin hieben sie die Häupter der Mohnköpfe ab; aber die Kapseln streuten im Fallen neue Saat aus. Das bemerkten, das konnten sie nicht bemerken. Sie thaten, was in ihrer Macht stand, sich zu rächen für die erlittene Unbill, sie richteten Schaffotte auf und zerrissen und verbrannten documentirte Volksrechte, aber an den Glauben des papistischen Complots griffen sie doch nicht. Sie zwickten an ihm, wo sie konnten, aber offen wagten sie es nicht auszusprechen, daß es ein Lügenbild gewesen.

Die es angeblasen und mit Blut besteckt hatten, erlagen der Nemesis, und dies ist hier unser Thema. Der Umschlag erfolgte mit reißender Schnelle. Der Wahn hatte sich übergipfelt, und, nach dem ewigen Gesetz von den Polen, stieg die Verfolgung zu derselben Gipfelhöhe, und, nach dem andern Naturgesetz – so möchten wir auch das jus talionis nennen – wurde den Siegern von vorhin mit demselben Maß gemessen, welches sie für ihre Besiegten gebraucht. Man hütete sich vor dem Schein offener Gewaltthat, man rief das Recht zu Hülfe, und in seinen vielen bestaubten Falten fanden sich Vergehen, Formeln und Anklagepunkte, man miethete Zeugen, ohne sich um ihren Ruf und ihre Wahrhaftigkeit zu bekümmern, man brachte Jurys zusammen und setzte Richter ein, von deren Gehorsam man im Voraus überzeugt war, und richtete seine Gegner durch eine Reihe von Justizmorden hin, für die es immer gerechtfertigte Ursachen gab, aber die Ursachen waren zufällige, von der Seite aufgegriffen, nicht die wahren Beweggründe, die Jeder las und wußte, aber Niemand auszusprechen wagte.

Mit der Auflösung des oxforder Parlaments begann die Verfolgung gegen die Männer der Volkspartei. Man ging mit der von ihnen erlernten Taktik zu Werke; man griff zuerst unbedeutende Männer heraus und näherte sich nur allmälig den bedeutendern und den Führern der Partei. Das erste von der Hofpartei erwählte Opfer war ein einfacher Mann, ein londoner Tischlermeister, Colledge. Sein wahres Verbrechen war sein zur Schau getragener Eifer gegen die Papisten und sein naher Umgang mit Shaftesbury, der in seinen Intriguen sich gern der schlichten Bürger bediente, um dadurch Einfluß auf die Massen zu üben. Da dieses Verbrechen nicht zur Sprache kommen durfte, ward ein anderes erfunden: Colledge war mit Schwert und Pistolen (wie die meisten Partisanen der Parteien wahrend jenes stürmischen Parlaments) in Oxford gesehen worden. Man behauptete, er sei in eine Verschwörung verwickelt gewesen, um den König gefangen zu nehmen, und ihn so lange gefangen zu halten, bis er zu den Foderungen der Volkspartei sich verstände.

Dies Verbrechen war so unbestimmt und bestimmt, so unwahr und wahr, wie das papistische Complot. Daß die Volkspartei die Lust dazu gehabt, konnte Niemand bezweifeln; aber wie weit diese Lust zur straflichen Absicht gediehen, ließ sich nur durch die Mittel beweisen, deren jene sich bei jenem Complot bedient, durch willfährige Zeugen. Mit einer furchtbaren Ironie und der naiven Frechheit, die aus dem Gefühl der Macht entspringt, suchte die Hofpartei nicht nach neuen Zeugen, welche sich ihr unter dem verworfenen Pöbel einer großen Stadt leicht geboten hatten, sondern sie zog dieselben Zeugen nun in ihre Dienste, welche vorhin ihre Gegner beim papistischen Complot so vortrefflich bedient hatten. Die ganze Rotte von Spionen, Angebern und Zeugen, als sie merkte, daß der Wind sich gewendet, und Macht, Einfluß und Glück jetzt beim Hofe sei, verließ ohne Gewissensscrupel ihre früheren Patrone und bot sich freiwillig den Royalisten dar. Ein Clarendon, ein Ormond hätten sie zurückgewiesen; dieses edlere Schamgefühl war Karl und seinen neuen Günstlingen fremd. Der König fand es überaus witzig, nunmehr seine Feinde mit denselben Waffen zu schlagen, mit denen sie seine Freunde überwunden hatten, und mit triumphirendem Hohne ward den Gegnern geantwortet: »Wie, sind diese Leute nicht gute Zeugen, welche die Existenz des papistischen Complots zur Evidenz gebracht haben, auf deren Zeugniß Lord Stafford und so viele Katholiken hingerichtet sind, Zeugen, die Ihr selbst so lange gefeiert und gerühmt habt als Männer von Wahrhaftigkeit und vom besten Rufe? Ihr habt sie an Eurem Busen genährt, also sind sie auch mit Eurer Verrätherei am besten bekannt. Jetzt haben sie sich eines Bessern besonnen und wollen ihrem Könige und Vaterlande treu dienen. Ihr könnt Euch daher nicht beklagen, wenn man sie nun als Zeugen gegen Euch vorläßt. Thun wir Euch ja nur Das, was Ihr uns gethan.«

Die Sheriffs von London fanden die Klage unzulässig, ebenso die große Jury in London. Natürlich, ganz London war Partei. Aber das angebliche Verbrechen war in Oxford begangen. Man stellte daher den Tischler vor eine Jury in Oxford, und ganz Oxford, also auch die Jury, war royalistisch gesinnt, also war es unzweifelhaft, daß sie den Angeklagten schuldig finden werde. Ueberdem nahm man ihm, als er zum Verhör gefühlt wurde, Papiere weg, welche zu seiner Vertheidigung gedient hätten. Beim papistischen Complot hatte man mit manchem Angeklagten so verfahren; also war es auch jetzt recht! Dugdale, Turberville, Haynes und Smith, sämmtlich die verworfensten Schufte, deren falsche Eide so manchen Katholiken an den Galgen gebracht, Zeugen, welche also diese royalistischen Geschworenen und Richter aufs tiefste verachten mußten, zeugten gegen den Tischler, und obwol derselbe sich mit Muth, Klarheit und solchen Argumenten vertheidtgte, welche den Kronanwalt selbst in Verlegenheit brachten, ward er doch nach einer halbstündigen Berathung für schuldig erklärt. Es war eine voraus abgemachte Sache. Das Volk jubelte, wie es bei der Verurtheilung der Katholiken gejubelt hatte. Colledge starb, wie er sich vertheidigt hatte, mit männlicher Festigkeit, seine Unschuld, an der später Niemand gezweifelt hat, betheuernd.

Berauscht von diesem Erfolge, griff die Hofpartei kühn weiter. Sie hoffte mit einem Schlage das Hauptquartier der Gegner zu vernichten. Ihr schlauer, unermüdlicher Feldherr, der kühnste Intriguant der Zeit, Shaftesbury selbst ward des Hochverraths angeklagt. An Zeugen fehlte es nicht; außer den oben genannten gegen den Tischler, traten auch andere jüngst aus Irland geworbene gegen ihn auf, und sie bezeugten und beschworen, was der Hof verlangte. Aber Shaftesbury konnte nicht nach Oxford gezogen werden und die Sheriffs von London setzten eine Groß-Jury zusammen, welche an dem berühmten Manne gar keine Schuld finden konnte. So ward die Justiz zum reinen Parteispiele.

Gräßlicher waltete die siegende Partei in Schottland. Dort, in dem ganz geknechteten Lande, von den Launen seiner Befehlshaber, von Soldatenwillkür beherrscht, erholte man sich von dem Zwange, welchen das Gesetz in England auferlegte, wenigstens die Form zu beobachten; man fing ein, folterte, spießte, henkte nach Wohlgefallen, man verdrehte die Gesetze nach Gefallen, denn gegen die fanatischen Sektirer schien Alles erlaubt. Grausamkeiten wurden dort begangen, welche, wie wir vorhin schon andeuteten, denen in der französischen Revolution das Gleichgewicht halten, teuflisch raffinirte Grausamkeiten, gegen Kinder wie gegen Erwachsene, gegen Frauen, wie gegen Manner. Oder ist das kein Seitenstück zu Carriers Noyaden, wenn drei unglückliche Weiber, weil sie einen Eid nicht ableisten wollten, der ihrem fanatischen Glauben widerstand, zum Tode vom Soldatengericht verurtheilt werden? Sie sollten ersäuft werden. Die eine, eine bejahrte Matrone, die zweite ein Mädchen von 18, die dritte von nur 13 Jahren! Selbst diesen Henkerrichtern schien es doch absurd, ein 13jähriges Mädchen zu tödten, weil sie dem Covenant nicht entsagen wollte. Man ließ sie laufen. Die andern Beiden wurden an eine der tief ins Land eindringenden Meeresbuchten geschleppt. Während der Ebbe band man sie an Pfähle, die in den feuchten Sand gesteckt wurden Die Matrone ward am tiefsten hineingestellt, damit das 18jährige junge Mädchen vor ihrem eigenen Tode die Todesqualen der Andern sehen sollte. Die Fluth kam an und erstickte das arme Weib. Das junge Mädchen, die den langsamen Tod der Unglücklichen miterlitten, widerstand der Todesangst nicht länger, als nun das Wasser auch zu ihr heranrauschte. Sie schrie: Gott segne den König! Die Zuschauer riefen: Sie hat sich unterworfen. Sie hat dem Covenant entsagt. Man band sie los. Da verlangte der Befehlshaber der Truppen, sie solle die Entsagung unterzeichnen. Sie schauderte, sie wollte sich nicht von ihren Heiligen trennen, sie konnte nicht unterschreiben. Der Major ließ sie ergreifen, in einen Sack stecken, und mit einem Stein ins Wasser werfen. Der Major hieß Winram. Es ist die Pflicht der Geschichte, solche Namen dem Gedächtniß der Nachwelt zu erhalten.

Auch quantitativ halten diese Grausamkeiten den Vergleich mit den in Frankreich begangenen aus, denn außer den erschossenen, gespießten und durch den Strang hingerichteten Fanatikern, wurden gegen 2000 in wenigen Jahren verbannt, nur deshalb, weil sie mit den sogenannten Rebellen Umgang gepflogen; oft nur, weil sie die unglücklich Gehetzten eine Nacht in ihrem Stalle schlafen gelassen! Auch gegen Vornehmere wurde die Verfolgung mit Lust betrieben, und es waren nicht die Folterknechte und niedere Beamten allein, die Gewalthaber selbst, ja sogar der Thronfolger, der Herzog von York, wohnten den Torturen bei, wie physikalischen Experimenten, um ihre Kenntniß zu bereichern.

Gestützt auf diesen Sieg über den Aufruhr, mit dem vermeinten sichern Hinterhalt in dem sonst gefährlichen Schottland, glaubte König Karl auch in England rascher ans Werk gehen zu können. Er war nicht mehr der König, der über den Parteien stand, er war das Haupt einer Partei.

Es ist nicht an uns, die Geschichte seiner Regierung zu schreiben: wie durch Arglist und Künste jeder Art die Volkspartei aus ihrer mächtigsten und gefährlichsten Burg, dem londoner Gemeinderath, verdrängt wurde, wie der Hof den Lord Maire und die Sheriffs zu ernennen wußte, wie diese fortan nur die dem Hofe gefälligen Personen auf die Geschworenenlisten brachten; wie, beim Stande der Parteiwuth somit der Hof gewiß war, daß Jeder, den er anklagen ließ, verurtheilt werden würde. So ward der ehemalige Sheriff, Pilkington, weil er einst vom Herzog von York geäußert: »Erst hat er die Stadt verbrannt, und nun kommt er, um uns Allen die Gurgel abzuschneiden!« verklagt, und zu 100.000 Pf. St. Schadenersatz verurtheilt, eine Geldstrafe, welche, da sie natürlich nicht bezahlt werden konnte, einem lebenslänglichen Gefangniß gleich kam. Zudem war diese enorme Buße den Bestimmungen der Magna Charta durchaus entgegen, daß Geldstrafen nie zu einer Höhe ausgeschrieben werden sollten, welche den gänzlichen Ruin des Verurtheilten nach sich zögen. Ein früherer Maire, Sir Patience Ward, ward zum Pranger wegen falschen Eides – fand die Hofjury heraus – verurtheilt, weil er für Pilkington Zeugniß abgelegt.

Wir übergehen den langen, merkwürdigen und scandaleusen Proceß, durch welchen der König der Stadt London ihre Verfassung und das Recht, ihren Magistrat selbst zu wählen, um geringfügiger Ursachen willen, absprechen ließ, und ihre uralten Rechte, ihre Charta, ihr erst später aus Gnade und unter Bedingungen wieder zustellte, welche dem freien Bürgerthum alle Bedeutung raubten. Die Dauer des Richteramts hing damals von der Willkür der Krone ab. Was Wunder, daß die Richter nach ihrem Willen sprachen; zumal da sie sahen, daß keine andere Macht vor ihr mehr bestand. Da London so gestürzt war von seiner Höhe und Freiheit, welcher Schutz blieb den andern Städten und Corporationen! Sie beeilten sich, ihre Charten der Krone zu Füßen zu legen, um sie als Geschenk wieder zurück zu empfangen, ein Geschenk, welches durch bedeutende Opfer erkauft werden mußte. Es ward für den König, der immer Geld brauchte, eine sehr vortheilhafte Speculation.

Mit dieser Unterwerfung der Corporationen unter den Willen der Krone war die alte englische Freiheit so gut wie untergraben. Spätere Historiker haben sich gewundert, daß diejenigen Royalisten, welche wol der Krone ihre Macht und ihren Glanz wiedergeben, aber sie durchaus nicht absolut machen wollten, diesen Schritt zuließen und sogar darüber triumphirten, indem danach kein Privilegium mehr fest stand, kein altes Recht, worauf irgend eine Corporation oder eine Familie stolz war, sondern Alles, was bestand, in die Gnade des Königs gelegt war. Aber der Parteigeist war mächtiger geworden auf beiden Seiten als die Vernunft. Es gab keine ruhige Würdigung der Verhältnisse mehr, nur Furcht und Hoffnung; nur ausschweifende Siegesfreude oder der verbissene Schmerz der Besiegten.

Was blieb den Patrioten übrig? Jede Hoffnung, auf gesetzmäßigem Wege zu siegen, war verscherzt. Die Aussicht, durch die Intrigue zu wirken, war dahin. Diese Künste waren entdeckt, ihre Hülfsquellen erschöpft; das Volk ließ sich nicht mehr damit täuschen, daß der König hinsichts des Thronfolgers anderer Ansicht werden und sich den Wünschen der Nation fügen werde. Ringsum prallten die Ränke an der geharnischten Gewalt ab. Die Intriguanten durften sich gestehen, daß ihr verwegenes, frevelhaftes Spiel die Sache zu diesem Aeußersten gebracht. Die redlichen Freunde der alten Freiheit mußten sich auch gestehen, daß sie in übertriebenem Eifer zu weit gegangen waren. Beider Schmerz war gleich groß, beider Aussicht gleich trübe. Der Gewalt gegenüber, konnte nur die Gewalt wirken, und nachdem so viele Verschwörungen und Aufstände fingirt waren, was Wunder, daß die in diesen Künsten Eingelernten nunmehr daran dachten, selbst den Schein zu einer Wahrheit zu machen? Es half nichts mehr als Losbrechen.

Wir sprechen von dem berühmten Rye-Haus- Complot; dem traurigen Nachspiel des furchtbaren papistischen Complots. Ueber seine Wahrheit sind früher, und neuerdings wieder von englischen Schriftstellern Zweifel erhoben worden, und man hat es, auch im Parteiinteresse, in dieselbe Kategorie mit dem papistischen stellen wollen. Aber die Verhandlungen in den States trials, die Todesbekenntnisse einiger der Hingerichteten, die Memoiren mehrer Personen von Ansehen, welche dabei betheiligt waren, sprechen für seine wirkliche Existenz. Nur hat die siegende Partei die Schuld der Theilnehmer vergrößert, oder vielmehr diejenigen ihr gefährlichen und feindlichen Männer, deren Untergang sie wünschte, durch mehr oder minder sträfliche Künste in das engere sträfliche Complot zu verwickeln gewußt, von dem sie vielleicht entfernt geblieben waren. Ja, ob dieses ganze Complot selbst so sträflich gewesen, wie man annahm, ob es nicht mehr in Absichten und Gedanken, als in Planen und Thaten bestanden, ob es nicht eine loose Schleife gewesen, welche die Anklage erst zu einem Knoten zusammenzog, das ist neuerdings wieder stark in Zweifel gezogen. Unsere Aufgabe ist nicht, das zu enthüllen, worüber alle Aufschlüsse der Gegenwart abgehen und was wir hinnehmen müssen, wie es die bewährtesten Historiker uns aufbewahrt haben. Uns liegt hier nur vorzugsweise der Proceß des ausgezeichneten Mannes vor, welcher von der Gewalt in dies Complot hineingezogen wurde, und über den möglichst vollständige Acten uns hinterlassen sind. Bevor wir aber zu diesen gerichtlichen Ermittelungen schreiten, ist es nöthig, das als Vorgeschichte zu geben, was sich nach glaubwürdigen Historikern und den hinterlassenen Schriften der Zeitgenossen als wahrscheinlicher Zusammenhang herausstellt.

Schon im Jahre 1681, kurz vor dem oxforder Parlament, als der König von einer gefährlichen Krankheit befallen wurde, sollen der Herzog von Monmouth, Lord Russell und Lord Grey, auf Antrieb Shaftesbury's dahin übereingekommen sein, daß, falls der König stürbe, man mit den Waffen sich der Thronbesteigung seines katholischen Bruders widersetzen müsse. Der König genas; so ward dieser Vorsatz bei Seite geschoben. Aber dieselben Edelleute sollen sich mit den Grafen Essex und Salisbury später dahin verständigt haben, falls der König das oxforder Parlament auflöse, es fortzusetzen. Sie wollten sogar einige Lords noch nach der königlichen Botschaft im Hause festhalten; als sie aber hörten, daß die Gemeinen, bestürzt und in Unordnung, aufgebrochen seien, mußten sie ihr Vorhaben aufgeben.

Nach Shaftesbury's Gefangensetzung und der Einsetzung royalistischer Sheriffs in London fingen diese Parteihäupter an, für ihre eigene Sicherheit zu fürchten. Sie knüpften neue Verbindungen an mit den Bürgern der City, die ihre Gefühle des Unwillens theilten und man sprach von gefährlichen Unternehmungen. Außerdem ward die Gentry und der hohe Adel in den Provinzen bearbeitet. Monmouth soll den Grafen von Maclesfield, Lord Brendon, Sir Gilbert Gerrard und andere Familien in Cheshire gewonnen haben. Lord Russell correspondirte mit Sir William Courteney, Sir Francis Kowes, Sir Francis Drake, der den Westen zum Aufstand zu bewegen versprach. Trenchard, welcher in der Stadt Taunton viel Einfluß hatte, hoffte von dort her dem Unternehmen Hülfe zu verschaffen. Shaftesbury bediente sich eines Geistlichen, Ferguson, eines unermüdlichen Complottirers, um die Verbindungen in der City von London, auf welche die Verbündenen am meisten rechneten, zu erweitern. Es wird behauptet, daß Alle zu einer Zeit dermaßen eifrig waren, loszuschlagen, daß nur Lord Russell, durch seinen Einfluß auf den Herzog von Monmouth, sie zum Warten bewegen konnte.

Shaftesbury war darüber außer sich. Dieser alte Intriguant, der alle Stellungen eines einflußreichen Lebens durchgemacht, als Höfling, Minister, Demagog und Agitator, sah seine Quellen erschöpft, er erwartete nur noch von offener Empörung ein Heil. Er drang in seine Verbündeten, keinen Augenblick länger zu zögern. Nachdem sie ihr Geheimniß so Vielen anvertraut, werde ihre eigene Sicherheit gefährdet, wenn sie nicht rasch und kühn darauf losgingen.

Zusammenkünfte wurden zu diesem Zwecke in verschiedenen Häusern gehalten, namentlich in dem eines angesehenen Weinkaufmanns der City, Namens Sheppard. Hier geht das historisch Ermittelte in actenmäßig Ermitteltes über. Diese Zusammenkünfte haben stattgefunden. Was dort verhandelt wurde, und welche Personen dahin kamen, weiß man, aber wie weit sie daran Theil nahmen, bleibt zweifelhaft. Man besprach sich über Aufstände, welche in London, Cheshire, Devonshire und Bristol ausbrechen sollten. Plätze, wo man sich vereinigen dürfte, wurden bestimmt. Man besichtigte die Stellungen der Leibgarden des Königs. Monmouth und Sir John Armstrong berichteten darüber, und fanden einen Angriff praktikabel. Man las eine projectirte Proclamation an das Volk, zur Rechtfertigung des Aufstandes vor, und billigte sie. Der Aufstand schien demnach vollkommen vorbereitet, als Trenchard erklärte, der Westen sei noch nicht bereit; man müsse deshalb noch einige Wochen warten.

In diesen Aufschub wollte Shaftesbury sich nicht fügen. Immer heftig, obgleich Intriguant, hatte er jetzt alle Fassung verloren; selbst seine gewohnte Klugheit schien ihn zu verlassen. Ohne sittliche Grundsätze, ohne religiöses Vertrauen, selbst ohne Vertrauen auf die Nothwendigkeit und Rechtlichkeit seiner Sache, wollte er das ganze Glück auf eine Karte setzen und das va tout spielen. Die Verbündeten hatten einen schweren, inneren Kampf mit dem krampfhaft wüthenden Manne. Er allein wollte den Aufstand beginnen, nur mit seinen Freunden in der City; er rühmte sich, über 10,000 kecke Burschen zu gebieten, die, wenn er nur den Finger rühre, zusammen stürmten. Russell und Monmouth zitterten, als, nach einem heftigen Kampf zwischen Wuth, Ingrimm und Furcht, die letztere in Shaftesbury siegte und er eines Tages aus seinem Versteck verschwunden war. Aller Hoffnung entsagend, war er nach Holland entflohen und starb bald darauf in Amsterdam, wo er, der ein Königreich umstürzen wollen, in Angst und Sorge für seine eigene Sicherheit die letzten Tage seines vielbewegten, stürmischen Lebens verbrachte. Einen begabteren, schlaueren, rastloseren Agitator hat England in allen seinen Parteienkämpfen bis auf O'Connel nicht wiedergesehen. Aber Shaftesbury hält an innerer Würde, Ehrlichkeit und Rechtlichkeit den Vergleich mit dem irischen Agitator nicht aus. Ihm waren alle Mittel recht, Trug und Gewalt, und in das Ziel, welches er erstrebte, mischten sich unlautere Motive des gekränkten Ehrgefühls und der Rache. O'Connel ist vielleicht noch heftiger als es Shaftesbury war, aber es ist der Ungestüm seiner Natur, es ist eine offene Heftigkeit, welche die Verhältnisse und Menschen wohl berechnet; er übertreibt, aber er täuscht und verleumdet nicht wissentlich; er complottirt, aber unter offenem Himmel, nicht durch falsche Zeugen; er will durch die Gesetze, nicht durch Gewalt zu seinem Ziele kommen, und dieses Ziel schwebt ihm wenigstens in deutlicheren Umrissen vor, als es wahrscheinlich Shaftesbury vor sich sah. Er war der Leiter seiner Partei, auf den man baute und hoffte; aber die Volkspartei konnte ihn nicht achten und nicht lieben, denn sie konnte nicht vergessen, daß, ehe er der Mann des Volkes wurde, er ein verworfener Höfling gewesen.

Shaftesbury's Entfernung brachte in die Pläne der Verbündeten eine Stockung. Er war die Seele der kleinen Thätigkeit gewesen, er hatte die Fäden zusammengehalten, aber er war nicht die Seele des großen Unternehmens. Sie fanden sich wieder zueinander. Hier muß vorausgeschickt werden, daß das Folgende zwar in allen Geschichtsbüchern als tatsächlich figurirt, daß aber der neueste Geschichtschreiber, Lord John Russell, Charles Fox Beispiel folgend, auch diese Angaben, wenn zwar nicht absolut leugnet, doch in das Gebiet der fabelhaften Composition verweisen möchte, durch welche einer der mit Angeschuldigten, Lord Howard, nachmals als Zeuge wider seine Verbündeten auftretend, sich zu retten versuchte. Allerdings ist Howards Aussage die Hauptquelle für das Folgende. Ein Rath von Sechsen trat zusammen, der das Ganze leiten sollte. Sie knüpften Verbindungen an mit den Misvergnügten in Schottland; der Graf von Argyle sollte die Covenanter ins Feld führen, 10.000 Pf. St. waren dazu bestimmt, Waffen in Holland für sie aufzukaufen. Desgleichen wurden die Aufstände im Westen, in andern Provinzen und in London organisirt. Diese sechs waren der Herzog von Monmouth, Lord Russell, Lord Esser, Lord Howard, Sir Algernon Sidney und John Hambden, der Enkel des berühmten Parlamentsführers. Alle sechs hatten verschiedene Zwecke und wichen ebenso in ihrem Charakter von einander ab.

Monmouth, Karls II. natürlicher Sohn, strebte nach der Krone. Tapfer, ritterlich, galant, beim Volke beliebt, von leichten Sitten und leutseligem Wesen, war er die wohlgeformte Puppe, die man einem kühnen Unternehmen, welches nur durch die Unterstützung des Volkes gelingen konnte, vortragen mochte; aber er war kein Geist und kein Charakter, auf den man in gefährlichen Dingen und Krisen fest bauen konnte. Nicht gemein und unedel, entbehrte er doch der sittlichen Stärke, um die Seele großer Unternehmungen zu sein, oder um auch nur in Widerwärtigkeiten und im Untergange eine Heldengröße zu bewahren. Geschickte Intriguanten hätten ihn als einen guten Figurantenkönig gebrauchen können, es ist aber zweifelhaft, ob die wahren Patrioten wirklich an seine Erhebung auf den Thron dachten, oder ob sie von seiner Regierung das Heil des Landes, eine feste Regierung und feste Verfassung, erwarteten.

Algernon Sidney, auch ein ritterlicher Charakter, aber von anderem Metall, durch antike Studien gebildet, ein Freigeist in der That und in Worten, Schriftsteller von Bedeutung in jener Zeit, war, obgleich aus einer alten, mächtigen Feudalfamilie, ein Sohn des Grafen von Leicester, ein entschiedener Republikaner. Er hatte unter Cromwell gedient, und weder in der langen Verbannung, noch, nach der Restauration begnadigt, die »gute alte Sache«, wie sie von der Partei genannt wurde, aufgegeben. Lord Essex soll sich ebenfalls in letzter Zeit zur Republik hingeneigt haben, obgleich einst Minister und Vicekönig von Irland unter Karl II.

Lord William Russell war ein treuer Anhänger der alten Verfassung seines Vaterlandes; nur sie wollte er wieder in ihrer Kraft und in ihrem Glanze hergestellt sehen. Der Liebling der Nation, der populairste Mann im Volke, war er von einem durchaus unbescholtenen Charakter und von dem mildesten, freundlichsten Wesen. In seiner Jugend hatte er sich wol von dem frechen, ausgelassenen Hofe des restaurirten Königs zu Schwächen hinreissen lassen, die er später bereute; aber die tiefe Verderbtheit dieses Hofes hatte ihm bald die Augen geöffnet und ihn zur strengeren Sitte, zur Häuslichkeit und zur Volkspartei zurückgeführt. Er ward bald nicht ihr glühendster, aber ihr eifrigster Anhänger. Seine Talente waren nicht hervorragender Art; er war nicht beredt, aber von der stillen, sinnenden Natur, welche das Rechte erkennt und darnach handelt, und, vermöge seines anerkannt rechtlichen Charakters, und als Erbe des reichsten Adelsgeschlechts der Insel, von großem Einfluß auf seine Partei und das Volk. Auch er hatte sich vom Eifer für die gefährdete Religion und die Freiheiten seines Volkes während des Parteikampfes zu weit hinreißen lassen, selbst zu grausamen Aeußerungen, die an Aberwitz grenzen; aber das vergab man ihm, denn wer, im Strome der Parteienwuth, hielt sich damals von ihren Thorheiten frei, und auch die Nachwelt mußte in Allem, was er that, seine redlichen Absichten anerkennen. – Hambden stand ihm in politischen Ansichten zur Seite; hinsichts seines Privatcharakters entwirft Bischof Burnet kein so vortheilhaftes Bild.

Lord Howard war der gerade Gegensatz zu Lord William Russell; ein Mann ohne alle Grundsätze in Politik und Sittlichkeit, jeder Partei, zu der Furcht, Hoffnung und Interesse ihn gerade trieb, sich hingebend, ein Diener der Lust und des Augenblickes, aber ein angenehmer Gesellschafter, und, wie Russell schweigsam war, ein allezeit fertiger Redner und Schwätzer. Zu den Verbündeten hatte ihn der Haß gegen den Herzog von York und der Widerwille gegen die Minister des Königs geführt.

Wir wiederholen, daß, was über die Verbindung und die Absichten dieser aristokratischen Verschwörer gesagt ist, mehr das Resultat der geschichtlichen Forschungen und Schlüsse als actenmäßiger Ermittelungen ist. Aber außer dieser noch lockern Verbindung der Großen bestand eine andere festere zwischen Misvergnügten von geringerem Stande, die eigentliche Ryehouse-Verschwörung, wiewol auch bezüglich dieser die Grenzen des Strafbaren zwar im Sinne der royalistischen Richter, doch nicht der unparteiisch richtenden Nachwelt festgestellt sind.

Ein alter Cromwell'scher Republikaner, der Obrist Rumsey, spielte in diesem Kreise die Hauptrolle. Später war ihm noch eine andere, minder ehrenvolle, zu spielen vorbehalten. Er hatte mit Auszeichnung nicht in England allein gedient. Nach tapfern Kriegsthaten in Portugal war er mit Empfehlungen des berühmten Marschalls von Schomberg an den König nach England zurückgekehrt. Zunächst ihm sah man hier den Capitain Walcot, gleichfalls Officier aus den Zeiten der Republik. Goodenough, Untersheriff von London, war ein ebenso eifriger Parteimann, als der Geistliche Ferguson, Shaftesbury's Unterhändler; der Obrist Rumbold, ebenfalls ein Officier aus den republikanischen Heeren, und ein Mann von außerordentlichem Muth und Geisteskraft. Die Namen der Andern waren West, Tyley, Norton, Ayloffe, Rouse, Hone, Keeling, Halloway, Bourne und Lee, meist Kaufleute, einige Juristen. Von allen diesen Bürgern hatten nur Ferguson und Rumsey Bekanntschaft, oder wie es heißt, Zutritt bei den aristokratischen Führern der Partei. Die Partei gleicht in England den Standesunterschied nicht aus. Es ist gewiß, daß alle diese Männer sich in den herbesten, härtesten und wüthendsten Ausdrücken gegen die Regierung, den König und den katholischen Thronfolger gehen ließen. Erwähnt wurde mehrmals der Gedanke, den König umzubringen, und durch Zeugen ist es ausgesprochen, daß sie auch einen Plan dazu entworfen.

Obrist Rumbold hatte durch Verheirathung mit der Witwe eines Mälzers ein Grundstück, das Ryehous genannt, erworben, welches auf dem Wege nach Newmarket lag, wohin der König in jedem Jahre einmal zu dem Wettrennen ging. Es war beschlossen, sagen die Zeugen, bei dieser Gelegenheit Karl aus der Welt zu schaffen. Man wollte, in dem engen Wege, einen Wagen umstürzen lassen. Wahrend der König dadurch gezwungen würde, zu halten, sollten die Verschworenen hinter den Hecken auf ihn und sein Gefolge feuern. Rumbold legte ihnen einen Plan der Gegend vor, um sie zu überzeugen, wie leicht dies ausführbar sei, und wie jeder auf den vielen Nebenwegen und über das Feld entfliehen könne. Doch war, wie sehr der Plan auch zusagte, noch kein fester Beschluß deshalb gefaßt, noch weniger waren die nöthigen Vorbereitungen dazu gemacht. Ein Feuer, welches im Hause, was der König zu Newmarket bewohnte, ausbrach, zwang ihn, den Ort acht Tage früher zu verlassen. So wurde der Plan aufgegeben, und Rumbold, sagen die Zeugen, äußerte den Verbündeten seinen Verdruß, mit dem Bemerken, daß die Ausführung ihres Planes diesmal überaus leicht gewesen wäre, da Karl mit weit geringerem Gefolge als gewöhnlich zurückgekehrt sei. Die Höflinge konnten später nicht genug das wunderbare Walten der Vorsehung preisen.

Die Verschwörung ward verrathen. Der Salzhändler und bankrotte Schenkwirth, Keeling von London, hatte sich in einem gewagten Unternehmen, auch im Parteiinteresse, verstrickt und fürchtete die ganze Rache der royalistischen Partei. Er verlor den Muth, und, um sich zu retten, gab er schnell von der ganzen Verschwörung an, was er davon wußte oder zu wissen glaubte. Aber man glaubte ihm nicht! So viel Verschwörungen und Complote (shame plots, Schwindel- und Schandcomplote) waren in den letzten Jahren denuncirt worden, so viel Denuncianten und verworfene Zeugen drängten sich zu den Mächtigen, weil das ein Gewerbe war, was seinen guten Lohn eintrug, daß man diese Menschen mit verdächtigen Augen ansah, und eine betrügerische Absicht bei jedem vermuthete. Keeling, vom Staatssecretair Jenkins abgewiesen, suchte seine Angabe durch eine neue niederträchtige Handlung zu verstärken. Er ließ seinen halb in die Sache eingeweihten Bruder mit dem Untersheriff Goodenough ein Gespräch anknüpfen. Goodenough verrieth sich ohne Arg, und Keeling erschien nun mit seinem Bruder vor dem Staatssecretair. Aber inzwischen hatten die Verschworenen Wind bekommen. Sie verbargen sich. Nur einer, der Instrumentenmacher Barber, wurde ergriffen, und da er, erschreckt, Geständnisse machte, welche mit denen der Gebrüder Keeling ziemlich übereinstimmten, so verfügte man jetzt ernstlichere Nachsuchungen.

Der Schreck überkam die Meisten und eine jener traurigen Wandelungen trat ein, wo der Charakter nicht stark genug befunden wird vor den Wechselschlägen des Schicksals. Der edle Muth hatte sich in wildem Trotz ausgegeben, und statt der Seelenstärke war auf dem Grunde die Verzagtheit zurückgeblieben. Die vorhin in tollem Uebermuth sich selbst überboten, überstürzten sich, jetzt Verräther zu werden, um ihr Leben zu retten. Der Advocat West und der Obrist Rumsey überlieferten sich der Obrigkeit als Theilnehmer der Verschwörung, mit der Absicht, als Königszeugen zugelassen zu werden. West bestätigte Alles, was Keeling über den Mordplan ausgesagt, aber das genügte der Regierung nicht; denn Beide wußten nur von Dem, was unter den kleinen Verschwörern vorgegangen war. An denen lag der Krone wenig, sie wollte Zeugnisse, welche die großen Verschwörer verderben sollten. Rumsey verstand sich schwer dazu; sein altes militairisches Ehrgefühl sträubte sich. Endlich verrieth er die Zusammenkünfte bei Sheppard. Dieser ward gefangen gesetzt; die Furcht überkam ihn, er bekannte. Schien doch in der ganzen Nation eine moralische und physische Depravation, eine Erschlaffung nach der Ueberspannung eingetreten, welche kein Heroenthum mehr zuließ.

Jetzt wurden Verhaftsbefehle zur Ergreifung der mächtigen Volkshäupter ausgesandt. Monmouth verbarg sich.

William Russell, obgleich gewarnt, wollte nicht entfliehen. Er ward in den Tower gesetzt. Lord Grey ward arretirt, fand aber Gelegenheit zu entweichen. Lord Howard ward aus einem Kamine, in den er gekrochen, vorgezogen. Ohne Grundsätze, verwüstet durch ein ausschweifendes Leben und ohne Mittel, dieses Leben fortzusetzen, kostete ihm die Wandlung zum Verräther und Schurken kein Opfer und keine Ueberwindung. In der Hoffnung auf Begnadigung und Belohnung bekannte er, was er von der Verschwörung wußte, oder, was, die ihn fragten, davon wissen wollten. Auf seine Anzeige wurden Lord Essex, Algernon Sidney und Hambden augenblicklich verhaftet, und ebenso der größere Theil der andern Verschworenen.

Walcot, Hone und Rouse wurden zuerst vor Gericht gestellt, denn auch jetzt fühlte man sich gedrungen, mit Kleinen anzufangen, um mit mehr Sicherheit zu den Größeren überzugehen. Der Capitain Walcot hatte sich immer als ein Mann von Tapferkeit und Ehrgefühl gezeigt; aber so überkam auch diesen alten Republikaner die Todesfurcht, die Liebe zum Leben, daß er an den Staatssecretair Jenkins schrieb und sich erbot, wenn man ihm Pardon gewähre, gegen die Andern als Zeuge aufzutreten. Bald indeß schämte er sich dieser Niedrigkeit und trat muthig vor Gericht auf. Seine eigene Schrift in Verbindung mit den Aussagen von Rumsen, West Sheppard und dem Brauer Bourne überführten ihn wie seine vorhin genannten Mitgenossen. Sie wurden verurtheilt und erkannten später bei ihrer Hinrichtung ihre Schuldbarkeit an. Nach diesem Bekenntnisse und den Ergebnissen im Verhör war der Plan zum Aufstande ordnungsmäßig entworfen; auch von der Ermordung hatte man öfters gesprochen, und nicht ohne Zustimmung Vieler unter den Verschwörern. Walcot und die Andern wurden einen Tag vor William Russell hingerichtet, als Warnungszeichen und Schreckbild für das Publicum.

William Russell, sagten wir, war gewarnt worden, aber wollte nicht entfliehen. Schon war, gleich nach Rumsey's Verrath, eine Wache vor seine Thür gestellt worden, doch hatte er durch eine Hinterpforte seine Flucht leicht ins Werk gesetzt. Aber er erinnerte sich nicht, Rumsey in den Zusammenkünften bei Sheppard gesehen zu haben. Auch hatte er von je an eine tiefe Verachtung gegen den Mann empfunden, und war sich bewußt, daß er ihm wenigstens nichts von Bedeutung vertraut hatte. Im Familienrath wurde beschlossen, daß er nichts von diesen Angaben zu fürchten habe; ja, wenn er fliehe, würde man dies unfehlbar als ein Zeichen seines Schuldbewußtseins auslegen. Dennoch verhehlte er sich selbst nicht das Misliche seiner Lage, und mit völliger Ruhe sagte er zu seinen Freunden: »Ich sehe voraus, daß mein Tod dem der englischen Freiheiten folgen muß. Die Willkürherrschaft wird erst festen Fuß fassen, wenn mein Blut vergossen ist.«

Vor den Geheimrath geführt, sagte der König mit Milde zu ihm, daß Niemand wirklich ihm die Absicht zuschreibe, seinem Fürsten nach dem Leben getrachtet zu haben, aber man werfe ihm feindliche Absichten gegen die Regierung vor. Er ward über die geheime Versammlung bei Sheppard befragt. Daß er dort gewesen, gestand er ein, leugnete aber, daß er etwas von der Botschaft wisse, welche Rumsey im Namen Shaftesbury's an die Versammelten ausgerichtet haben wollte. Als er darauf in den Tower geführt wurde, sagte er zu seinem Diener Taunton, es werde ihm seinen Kopf kosten. Er betrachtete sich hier unfehlbar als Candidat des Todes, und beschäftigte sich nur mit religiösen Gedanken. Seine Freunde bewahrten sich als solche. Lord Essex erklärte, er wolle nicht fliehen, weil seine Flucht ausgelegt werden könne, als sei Russell wirklich schuldig. Der Herzog von Monmouth erbot sich gegen ihn, aus seinem Versteck vorzukommen, und sich der Regierung zu überliefern. Russell ließ ihnen sagen: er sähe keinen Vortheil darin, daß seine Freunde mit ihm stürben.

Im Verhör vor der Commission leugnete Russell alle Anklagepunkte: den Plan zum Aufstande, zur Ueberrumpelung der Garden, die Botschaft nach Schottland, um dort eine Rebellion zu veranlassen. Nur bei Sheppard sei er eines Abends gewesen, und zwar nur, weil ihn der Herzog von Monmouth dahin geführt.

Lord Howard hatte vor seiner Verhaftnahme von dem Complot öffentlich nicht anders gesprochen, als die Höflinge von dem papistischen Complot, er hatte es für eine verächtliche und absurde Fabel erklart, und daß er durchaus nichts wisse, was Lord Russell compromittiren könne. Als er von West's Verrath erfuhr, erbleichte er in Lord Russell's Gegenwart. Howard's Freunde riethen ihm, wenn er sich schuldig glaube oder nicht den Muth habe, dem Gericht zu stehen, möge er entfliehen. Auch dazu schien ihm der Muth gefehlt zu haben. Er versteckte sich und ward, wie angegeben, doch erst nach längerem vergeblichen Nachsuchen, in einem Kamin in seinem Hause entdeckt. Sogleich verrieth er Alles, was er wußte, vielleicht auch, was er sich einbildete. Man sprach auch von einem geheimen Briefe an den König, in welchem alle Einzelschritte der Verschwörung angegeben waren. Der Verräther Howard ward der Hauptzeuge im Proceß, welcher den Männern das Leben kostete, die England seitdem als die Heroen und Märtyrer für seine Freiheit und Verfassung betrachtet.

Am 13. Juli 1683 ward Lord Russell vor die Schranken des Gerichts von Old Bailey gestellt. Seine Anklage lautete: daß, nachdem er sich am 2. November des 35sten Regierungsjahres König Karls II. mit andern Verräthern, unbekannt der ernannten Jury, verbunden, mit denselben complottirt und sich verschworen habe zum Tode des Königs, wie auch, daß er zu diesem Zwecke Theil genommen an einer aufrührerischen Versammlung, allwo man beschlossen, eine allgemeine Rebellion anzustiften und anzugreifen und niederzumetzeln die Leibgarden des Königs, als welche Verbrechen von dem Angeschuldigten überlegt und beschlossen worden gegen seine Pflichten und Obliegenheiten und Schwüre als Unterthan des Königs und gegen den Frieden des Reiches.

Ein furchtbarer Zwischenfall steigerte die Schrecken der Tragödie, welche hier gespielt wurde. Lord Essex war nicht geflohen, er war verhaftet worden, und hatte sich am selben Morgen, wo Russells Verhör begann, mit dem Rasirmesser die Kehle abgeschnitten. Der Unglückliche war schon seit längerer Zeit Anfällen von Spleen ausgesetzt gewesen. Das Zusammenbrechen aller Hoffnungen hatte ihn moralisch vernichtet und er verlor den Muth, Dem, was noch drohte, die Stirn zu bieten. Gerüchte, daß Essex ermordet worden, wurden zwar vom Volke geglaubt, entbehrten aber jedes äußern und innern Grundes. Dagegen machte der Generalanwalt von der Thatsache selbst einen verwerflichen Gebrauch, indem er Essex Selbstmord den Geschworenen sowol als einen neuen Beweis von der Wirklichkeit des Verbrechens, als auch der Straffälligkeit der vor ihnen stehenden Angeklagten vorhielt.

Russell klagte, daß man mit unschicklichem Haß gegen ihn verfahre, daß man ihn in strenger Haft gehalten und die Mittel zu seiner Verteidigung ihm erschwert habe, daß ihm die Anklageacte zu spät vorgelesen worden, daß er sich daher wegen der einzelnen ihm zur Last gelegten Punkte weder gehörig berathen, noch die nöthigen Zeugen citiren können, und bat noch um einen Tag Aufschub. Der Lordoberrichter erklarte, ihm dies nicht bewilligen zu können, übrigens sei er durch die ihm mitgetheilte Information genügend »von der Natur des Verbrechens« unterrichtet, dessen man ihn bezüchtige, und eben desgleichen habe der König befohlen, daß man »Se. Herrlichkeit mit aller Achtung behandele« und die Formen durchaus nicht verletze. Russell erhielt auch nicht einmal die Gunst, um die er bat, daß die Debatten bis auf den Nachmittag verschoben würden. Dagegen ward ihm erlaubt, von einem Privatschreiber Notizen während der Verhandlung aufschreiben zu lassen, welche er zu seiner Vertheidigung benutzen könne. Russell wählte dazu – ein noch nicht dagewesener Fall – seine eigene Gattin, und die hochherzige Frau, die Tochter des Herzogs von Southampton, die wir noch spater kennen lernen werden, saß vor dem Blutgericht als Schreiberin und bereitete die Vertheidigung ihrem Gatten vor!

Rumsey war der erste vorgerufene Zeuge. Er sagte aus, daß er in Shaftesbury's Auftrag zu Anfang Octobers oder Ende Novembers 1682 in des Weinhändlers Sheppard Haus gegangen, wo die Vereinigung der Herren, des Herzogs von Monmouth, Lord Russells, Lord Grey's, Sir Thomas Armstrongs und des Master Ferguson statt finde. Er sollte sich erkundigen, wie es mit der Werbung, welche die Herren in Taunton beschlossen, ginge. Man erwiderte ihm, Trenchard habe sein Wort nicht gehalten. Er habe 1000 Mann zu Fuß und 300 Reiter stellen sollen, und zwar in drei bis vier Wochen; habe aber nun erklärt, das sei so schnell nicht möglich, denn die Verschworenen brauchten mehr Zeit, um ihre Familien auf dieses Ereigniß vorzubereiten. Diese Antwort habe ihm Ferguson gegeben; wenn er sich recht entsinne, habe Lord Grey noch einige Bemerkungen dazu gemacht. Er habe sich übrigens nur eine Viertelstunde in Sheppards Hause aufgehalten, und dann seinem Lord Shaftesbury die Antwort gebracht, welcher in Folge davon England verließ.

Rumsey wollte sich nicht bestimmt entsinnen, ob er selbst in dieser Versammlung von der Proclamation zum Aufruhr gehört, oder nur aus Fergusons Berichten an Shaftesbury. Dagegen hatte er viel über die Mittel sprechen gehört, wie man die Garden überfallen könne. Er glaube: der Herzog von Monmouth, Lord Grey und Sir Thomas Armstrong hatten sich angeboten, selbst zu recognosciren. Man habe viel im Allgemeinen über den Gegenstand gesprochen.

Was den Aufstand selbst anlange, so sei der 19. November zum allgemeinen Losbrechen angesetzt worden. Ihn, Rumsey, habe man bestimmt, mit einer Specialmission Shaftesbury's, nach Bristol aufzubrechen.

Befragt, ob Lord Russell in den Plan, die Garden anzugreifen, gewilligt, erklärte Rumsey: Ja, er stimmte in Alles, was vorgeschlagen wurde, und gab auch feierlich seine Beistimmung zum Plan der Revolte.

Diese Aussage that Rumsey in Gegenwart des Angeklagten und in dessen Gesicht, wahrend Russell behauptete: nur der Zufall habe ihn an jenem Abende in Sheppards Haus geführt, er habe nichts von einem Plane gehört, die Garden aufzuheben und einen Aufstand ausbrechen zu lassen. Er habe keine Verbindungen in der Stadt Taunton, noch mit Trenchard, und habe während der ganzen allgemeinen Unterhaltung der Gesellschaft an einem Tische gesessen, den Rücken den Andern zugekehrt, und sich nur damit beschäftigt, einen von ihm bei Sheppard bestellten Xereswein (Sherry) zu kosten.

Der zweite Zeuge war der Weinhandler Sheppard. An einem Octobertage des vergangenen Jahres hatte Ferguson bei ihm für den Abend ein Zimmer für die obengenannten Lords bestellt, und gewünscht, daß die vornehmen Gäste von keinen Kellnern bedient würden, weshalb er, Sheppard, selbst den Wein holte. Die genannten Herren kamen und der Gegenstand ihres Gespräches war: wie sie die Leibwachen des Königs überfallen könnten, auch daß diese bereits in dieser Absicht von Monmouth, Grey und Armstrong besichtigt worden. Letzterer habe erklärt: es wäre nicht schwer, sie hielten sich nicht wie wirkliche Soldaten. An zwei Abenden waren die Lords bei ihm versammelt. Lord Russell war unter ihnen. Eine Proclamation wurde verlesen, welche die Beschwerden der Nation auseinandersetzte, weshalb ein Aufstand zu rechtfertigen sei. Der Worte erinnerte er sich nicht. Ob Lord Russell zugegen gewesen, als diese Proclamation verlesen ward, konnte Sheppard nicht mit Bestimmtheit sagen, wol aber, daß er zugegen war, als der Angriff der Garden beratschlagt wurde.

Russel erklärte nur ein Mal in Shepherds Hause gewesen zu sein; auch Rumsey konnte sich nur mit Bestimmtheit eines Abends dort entsinnen, und Sheppard mußte einräumen, daß er sich irren möge, da acht bis neun Monat seitdem verflossen wären, aber einmal sei er bestimmt dort gewesen, und er glaube, es sei der Abend gewesen, wo der Angriff auf die Garden besprochen worden. Davon, daß dieser Angriff wirklich beschlossen worden, wußte er nichts.

Der dritte und eigentliche Hauptzeuge war Lord Howard. Er ließ sich weitläufig aus über die ganze Verbindung zwischen Shaftesbury, Monmouth und Russell, die wir bereits kennen, und aus der hervorgeht, daß Russell sowohl wie Monmouth anfangs entschieden den ausschweifenden Entwürfen Shaftesbury's abgeneigt waren – der Herzog sagte geradezu, er sei ein Narr, – und nichts weniger als daran dachten, ihn und des Landes Schicksal so auf einen Wurf zu setzen. Shaftesbury umgekehrt, verwünschte ihre Vorsichtigkeit, die er Verrätherei nannte, und sagte in seinem Unmuth sogar von Monmouth: »Ich glaube, er steckt mit seinem Vater unter einer Decke; um sich zu retten, verdirbt er uns.« Aber Beide wurden mehr und mehr in die Sache hineingezogen und mußten, nach Shaftesbury's Flucht, weiter gehen, weil sie nicht mehr zurückkonnten, bis das Committee der Sechs festgestellt wurde. Howard sprach von zwei Versammlungen, der einen bei Hambden abgehalten, der andern in Russell's Hause. In der ersten Zusammenkunft wurde festgesetzt, den Aufstand in den Provinzen früher ausbrechen zu lassen, als in der Stadt; besonders auf Monmouths Rath, der es für unmöglich hielt, mit rasch bewaffnetem Volke einexercirten Truppen die Spitze zu bieten; in den Provinzen habe man Zeit, die Zusammengetretenen einzuexerciren, bis die Truppen aus London ankämen. Man bestimmte die Orte, wie viel und welche Waffen ausgetheilt werden sollten, und verständigte sich über den ganzen Operationsplan. In der zweiten wurden die schottischen Angelegenheiten verhandelt. Algernon Sidney erhielt den Auftrag, mit dem Grafen von Argyle und den Misvergnügten dort zu unterhandeln, zu welchem Behuf er einen gewissen Aaron Smith mit Reisegeld dahin sandte. In dieser Sache handelten Alle einstimmig und Russell widersprach nicht. – Diese ganze Aussage Howards beruht auf allgemeinen Wahrnehmungen und Schlüssen, und Russell konnte ihm vorwerfen, daß seine Kunde zum großen Theil von Hörensagen herkomme. »Wo sind denn die Thatsachen, die mich betreffen?« Befragt, was bei diesen Verhandlungen Russell speciell gesagt, oder ob er immer stumm dagesessen? antwortete Howard: »Alle Welt weiß, daß Lord Russell ein Mann von Verstand und richtiger Urtheilskraft ist, aber er ist kein Verschwender im Sprechen. Er ward nicht insbesondere über seine Meinung gefragt; aber ich kann versichern, daß alle Personen, welche die Vereinigung bildeten, ihre Einstimmung gaben.« Russell räumte ein, daß zwei solche Versammlungen der genannten Personen bei Hambden und bei ihm stattgefunden, es habe aber keine bestimmte Absicht zum Grunde gelegen, man habe nur von den Angelegenheiten des Tages gesprochen und von den Dingen im Allgemeinen. Er setzte hinzu: »Lord Howard ist bekanntlich ein Mann von sehr geläufiger Zunge, er spricht sehr gut, und wir waren immer vergnügt, ihm zuzuhören.«

Der Mitverschworene und jetzt als Kronzeuge auftretende Advocat West konnte nur von Hörensagen bekunden. Rumsey und Ferguson hatten ihm von dem Aufstande im Westen erzahlt, den Trenchard vorzubereiten habe; Beide aber hätten oft wiederholt: Lord Russell sei der Mann, auf welchen die Verschworenen das meiste Vertrauen setzten wegen seines gemäßigten Charakters und seiner Besonnenheit. – Russell erklärte es für ein verwerfliches Manoeuvre, so unbestimmte Zeugenaussagen vorzubringen, die nichts Anderes bezweckten, als die Jury gegen ihn aufzubringen. Was könne er dafür, wenn Abenteurer seinen Namen misbrauchten?

Die Zeugen für Russell, angesehene Männer, Lords und Geistliche, konnten nichts mehr und nichts Anderes bezeugen, als daß sein Charakter ehrenwerth und loyal sei, und daß Lord Howard vor seiner Verhaftung sich entschieden für Lord Russells Unschuld ausgesprochen habe. Howard vertheidigte sich dagegen, daß er das auch noch heut sagen könne, denn er halte ihn für den rechtlichsten Mann von der Welt, der nie eine meuchelmörderische Absicht gegen seines Königs Leben gehabt haben könne, wovon damals allein die Rede gewesen sei.

Russells Selbstvertheidigung war nicht bedeutend. Er beschränkte sich darauf, den Geschworenen seine Gefühle zu schildern, wenn er sich unter derselben Anschuldigung begriffen sähe, »mit Verräthern, deren Grundsätze und Thaten er verabscheue«. Er sei immer in reiner und loyaler Gesinnung dem König und der Regierung zugethan gewesen, die er als die beste unter allen möglichen Regierungen betrachte; er bete mit aller Inbrunst, deren ein Christ fähig ist, für die Verlängerung der Tage Seiner Majestät. Stets habe er den Meuchelmord für eine verabscheuungswürdige Handlung gehalten, für die entehrendste und schrecklichste, die in der menschlichen Gesellschaft vorkomme, und nun solle er gerade seine Hände, die bis dahin rein geblieben, mit dem Blute seines Souverains haben beflecken wollen! »Der Meuchelmord eines Fürsten,« rief er, »ist ein Verbrechen, welches nur die Verzweiflung und die Thorheit zugleich ersinnen und ausführen können.« Kürzer und mehr umgehend ließ er sich auf die eigentliche Anschuldigung ein, daß er einen Aufstand erregen wollen: auch ein solcher Vorsatz sei seinen Gewohnheiten und Sitten dermaßen entgegen und mit seinem ganzen Wesen unvereinbar, daß er ihm nie in den Gedanken hätte kommen können. »Und wäre ich auch dazu geneigt gewesen,« sagte er, »hätte doch die ruhige Betrachtung mich bald überzeugt, daß mir im Geiste der Nation weder eine Neigung noch eine Tendenz dazu begegnen werde, und daß heut nicht mehr an der Zeit ist, was ehemals möglich war, daß eine kleine Zahl von Großen das Mittel wäre, ein Königreich zu revolutioniren.«

Ueber das Maß von Schuld, welches Lord Russell trifft, sind die Meinungen bis heute getheilt. Er ward, wie wir sehen werden, von einer Jury, zusammengesetzt aus rechtlichen, aber eifrigen Royalisten, verurtheilt. Das will nichts bedeuten. Er wäre von ihnen verurtheilt worden, auch ohne diese Schuld, denn er ward nicht deswegen, weshalb er angeklagt, sondern seiner starren Opposition gegen die Willkürherrschaft wegen verfolgt und gerichtet. Die royalistische Partei verlangte ein großes Opfer für die lange, schwere Unbill, die sie wahrend des papistischen Complots erduldet. Die Köpfe der untergeordneten Personen genügten ihr nicht; sie wollte das Haupt des Lieblings, des populairsten Mannes im Volke. Ueber seine wirkliche Schuld oder Unschuld kann also dieses Verdict eines Parteizwecken huldigenden Gerichtes nichts entscheiden. Aber nach der glorwürdigen Revolution, als das Andenken aller dieser Märtyrer wieder zu Ehren kam, wollte man gern auch jeden Makel von ihrem Namen tilgen. Zur Entscheidung kam es indessen auch da nicht, wie weit sie in eine wirkliche, in die Ryehouseverschwörung, sich eingelassen. Der unbefangenste und klarste Historiker seiner Zeit, Hume, der jede Spur von Phantasie von sich abgestreift hat, sprach ein Urtheil, das uns noch heut, nach Lage der überlieferten Acten, das richtige scheint. Er meint, Rumsey und Sheppard wären sichtlich nur sehr ungern als Zeugen gegen Lord Russell aufgetreten, und, wenn sie gewollt, hätten sie gegen ihn ein weit umständlicheres Zeugniß ablegen können. Dieses innere Widerstreben, in Verbindung damit, daß sie über Gespräche berichteten, die vor acht bis neun Monaten vorgefallen, also dem Gedächtniß entschwunden waren, mache ihr Zeugniß bedenklich. Nach Hume wäre im Ganzen außer Zweifel gesetzt: daß ein Volksaufstand berathen und von Russell nicht gebilligt worden; daß ein Angriff auf die Garden wol berathen, aber nicht vollkommen beschlossen worden; endlich daß ein persönlicher Angriff und Meuchelmord gegen den König weder von ihm gebilligt noch zur Sprache gekommen. Bei genauer Betrachtung der Verteidigungsrede Lord Russells spricht sehr viel für diese Ansicht. Nur gegen den angeschuldigten Mordgedanken vertheidigt er sich mit Entrüstung, die andern Anschuldigungen umgeht er, oder berührt sie nur in einer geschraubten Sprache. Rumsey war ein Schurke, ein Verräther wie Howard; aber Sheppard war dies nicht. Wir sehen ihn mit innerer Scheu seine Stimme gegen den verehrten großen Mann erheben; er nimmt gern zurück, was er nur kann. Er wird nicht mehr ausgesagt haben, als wozu ihn sein Eid zwang. Daß jene Ansicht Hume's auch von der durch Lord Grey in seiner » Secret History« ausgesprochenen unterstützt wird, ist noch kein Beweis dagegen, wie Lord John Russell in seiner entgegengesetzten Darstellung meint, wiewol es unzweifelhaft ist, daß Lord Grey ein Schurke war, im Privat- wie im öffentlichen Leben, wovon Monmouths trauriges Ende einen sprechenden Beweis liefert. Aber daß die Ansicht eines Unwürdigen und Verräthers, der übrigens nur von ihm selbst Erlebtes berichtet, mit den anderweitigen Ermittelungen übereinstimmt, ist an und für sich kein Grund, an deren Richtigkeit zu zweifeln, wenn auch dieser Verräther die geheime Geschichte auf Befehl des Monarchen geschrieben, der ihm für seinen Verrath (an Monmouth) das Leben schenkte. Fox möchte ebenfalls die ganze Ryehouseverschwörung in Zweifel ziehen; aber der große Redner und geniale Parteiführer konnte als Historiker die letztere Eigenschaft nicht verleugnen und Hume nicht aus dem Felde schlagen. Lord John Russell übt außerdem die Pflicht der Pietät; wer mag es ihm verdenken, wenn er in einer zweifelhaften Sache die Schuld vom Andenken seines berühmten Ahnherrn ganz entfernen will. Nach seinem Urtheil beschränkt sich die Thatsache darauf: »daß es damals in den höheren und in den niedrigern Classen eine große Anzahl Mißvergnügter gab; daß dieses Mißvergnügen Beratschlagungen hervorrief über den Zustand der Nation und die Ausführbarkeit eines Widerstandes Seitens der Führer der Volkspartei, und endlich unter gewissen Männern ohne Vermögen und Grundsätze ein wildes Geschwätz (a wild talk) über Maßregeln, den König und den Herzog gefangen zu nehmen; daß aber niemals ein bestimmt ausgebildeter Plan vorhanden war, weder den König zu ermorden, noch das Land zur Empörung aufzurufen, außer in den Köpfen Rumsey's, Wests, und in denen des Lord Howard und Lord Grey selbst.«The life of William Lord Russell. By Lord John Russell. 3 Ed. London,1820. II. p. 148. Er führt als Zeugen für sich die Aeußerung seines unglücklichen Ahnherrn selbst in seiner Vertheidigungsrede auf, der anerkennend, daß im Geiste der (durch die vorigen Bürgerkriege ermüdeten) Nation weder eine Neigung noch eine Tendenz zum Volksaufstande, daß eine Revolution also damals außer der Zeit gewesen, daß wenige Große allein nicht mehr wie ehemals ein großes Reich revolutioniren können; daß, selbst wo der bewaffnete Widerstand gegen die unerträgliche Willkürherrschaft gerechtfertigt erscheine, die erste moralische Pflicht der Führer die Vorsicht und Klugheit sei, nämlich die genaue Abwägung ihrer Mittel und des Widerstandes, den sie zu gewärtigen hätten, daß Der also zum Verbrecher werde, der eine blutige Revolution anfange, ohne die Zuversicht, sie glücklich durchzuführen, weil er das Leben von Tausenden aufs Spiel setze und den schlimmen Zustand, den er verbessern möchte, noch schlimmer machen müsse. Daß also bei William Russells bekanntem, vorsichtigem, humanem Charakter eine solche Absicht, bei solcher Kenntniß der Dinge unmöglich ihm beigemessen werden könne. Endlich führt er als Zeugen für seine Ansicht die Worte der tugendhaften Witwe William Lord Russells an, welche bei dem spätern unglücklichen Aufstande des Herzogs von Monmouth in tiefer Betrübniß an einen geistlichen Freund schrieb: »Dieses letzte wüste Wagestück, lieber Doctor, halte ich für einen ganz neuen Entwurf, der nicht die geringste Verbindung hat mit irgend einem früheren Plane, wenn damals wirklich einer existirt hat, und davon bin ich überzeugt, es war nicht so (mein Gatte hat es mir bekannt), es war nicht mehr als Geschwätz (talk). Und kann Geschwätz denn nicht so weit gehen, daß man, wenn man nach einem Mittel sucht, um vermeintliche Uebel zu heilen, man auch erwägt, wie das Mittel eingerichtet werden soll? Aber, wie ich sagte, wenn auch dieses letzte Wagestück ganz etwas Neues ist, würde doch der Verdacht, der auf meinem Herrn ruhte, sehr groß sein, und manche andere Umstände noch, das muß ich bekennen, würden seine Lage jetzt sehr schwer machen. So daß, da das Herz ein trügerisch Ding ist, und man sich auch irren kann, wenn man das Rechte will (want of true sight in the directive faculty), Gott allein weiß, was daraus gefolgt wäre. Was die Gebrechlichkeit des Willens anlangt, da hätte ich die geringste Furcht gehabt; denn er hatte eine so feste, gerechte und gute Seele, er konnte sich nicht abdrehen (warp) von den Grundsätzen, die ebenso waren, wenn er nicht etwa misleitet wurde von seinem Verstande, aber nur von seinem eigenen, nicht von Anderer ihrem. Denn ich darf wol sagen, wo er recht sah, ließ er sich auf nichts Wichtiges ein nur auf das Urtheil eines Andern. Sein eigenes Urtheil, das weiß ich, hätte ihn nie dahin gebracht, gut von diesen letzten Vorfällen zu denken, deshalb würde er sich höchst wahrscheinlich frei davon erhalten haben. Aber mit Schrecken denk' ich daran, wie sein schönes Herz, wenn er noch lebte, oft verwundet worden wäre von der Zeit an, wo er das Leben verließ, bis auf dies. Aber auf der andern Seite, da ich des Vertrauens bin, daß ich einen genügenden Grund habe, zu glauben, daß er die Gnade gefunden, auf welche er mit der festesten Ueberzeugung gestorben ist, so ist auch eigentlich kein Grund da, meinen Verlust zu betrauern, wenn die Seele, die ich so geliebt, in der Seligkeit lebt und in Ewigkeit leben wird. Ich weiß wohl, daß ich mich an diesen Gedanken allein halten sollte; aber Fleisch und Blut sind in diesem Zwischenzustande solche Sclaven der Sinne, die Erinnerung, wie ich gelebt habe, und wie (so denk' ich wenigstens) ich in der zukünftigen Zeit leben werde, das überwiegt so und schwächt meine christlichsten Entschlüsse, daß ich die Rolle nicht spielen kann, welche die bloße Philosophie – wovon Sie mir so viele Beispiele anführten- – so Manche glücklich spielen ließ, nämlich glücklich und zufrieden zu erscheinen. Ich glaube wirklich, sie waren nicht so heiter und zufrieden wie ich; aber sie gaben sich den Anschein,«Auch diesen rührenden und charakteristischen Brief einer ausgezeichneten Frau verdanken wir der Mittheilung Lord John Russell's aus den Russell'schen Familienpapieren, in dem vorhin angeführten Werke (II, S. 171 u. 172). Er entwirft ein ebenso sprechendes Bild von dem Charakter des Hingerichteten, als von seiner hochherzigen Witwe. In der Uebersetzung bin ich, so viel als möglich, der eigenthümlichen Ausdrucksweise der Schreiberin gefolgt.

Dieses Zeugniß einer tugendhaften und wahrhaftigen Gattin in Ehren, so bekundet es doch nur ihren eigenen Glauben an die Tugend und den gesunden Sinn ihres Gatten. Er hatte, vielleicht noch in der Stunde vor seinem Tode, zu ihr gesagt, daß die Verschwörungsgeschichte ein leeres Geschwätz gewesen. Möglich, daß er es selbst geglaubt, denn gegenüber der gehässigen Anschuldigung gegen ihn, war es nur ein Geschwätz. Aber wie weit er in äußeren Handlungen dieses Geschwätz unterstützt hatte, ob er nur still zugehört, oder durch sein Schweigen es gebilligt, darüber hatte sich Russell weder gegen die Gattin, noch auch eigentlich vor Gericht ausgelassen. Schweigen bei hochverräterischen Plänen, darum zu wissen und sie nicht angeben, stempelt das – allerdings traurige, demoralisirende, die Humanität schändende, aber zur Zeit noch in der Welt, welche ihre Gesetze nach den römischen Kaisergesetzen umwandelte, gültige – Gesetz zur straffälligen Theilnahme am Hochverrat. Was mehr vor einer Partei-Jury, die ihn verurtheilen wollte! Allerdings sind die Anführungen der Zeugen meist vaguer Art; nur Lord Howard gab einen Zusammenhang dieses verlorenen Gewebes, wie er ihn sich gebildet; aber durch alle diese Zeugen wurden doch Hochverrätherische Verabredungen, Vorbereitungen zum Aufruhr, bekundet, es ward bekundet, daß Lord Russell sie mit angehört und an dem geheimen Orte, wo die Verschwörer sich versammelt, daß er nicht widersprochen, von Einigen sogar, daß er eingewilligt habe. Wenn hiernach schon, vorausgesetzt, daß die Zeugen an sich selbst gültig waren, von deutschen Gerichten auf eine außerordentliche Strafe erkannt werden durfte, wie sollte nicht eine englische Jury, welche nur nach ihrer moralischen Ueberzeugung zu sprechen hatte, ihn schuldig finden, umsomehr als er von ihrer Ueberzeugung, auch ohne diese bekundeten Thatsachen, durch Das, was sie sonst von ihm wußten, es war.

Es waren lange Monate vergangen seit jenen Zusammenkünften in Sheppard's Hause und bei Russell und Hambden, Und vor diesen waren auch Wochen und Monate verflossen, seit Russell und Monmouth mit dem ungestümen Shaftesbury verhandelt hatten über die Frage: Rebellion oder Nichtrebellion? Wie viel Wandelungen konnten in den langen Zwischenräumen in dem Gemüthe Lord Russells vorgegangen sein! Der Gedanke macht vor Gericht noch nicht das Werbrechen, aber der ausgesprochene Gedanke kann dazu werden. Der Moment des Aussprechens, der diese furchtbaren äußeren Folgen hat, mag aber im Sinne des Individuums selbst am allerwenigsten strafbar sein. Es ist möglich, daß die Zunge weiter geht als der Gedanke, und daß umgekehrt der Gedanke, wo er vor dem innern Gericht zum Verbrechen wird, sich tief verschließt. Daß Lord Russell seine Gattin versicherte, es sei nicht mehr als ein Geschwätz gewesen, mag seine Richtigkeit haben, er mag gerade damals, als er behorcht und belauscht wurde, am wenigsten mit sich einig gewesen sein, ob er es zum Aeußersten kommen lassen solle. Möglich auch, daß gerade damals eine innere Stimme ihn davon abgerathen; daß er eben nur da war, um mit zu berathen und mit zu hören, wo nichts beschlossen wurde. Daß aber sein Gewissen ihm eine Schuld auch in diesem Punkte (wenn das Schuld war!) vorwarf, das scheint seine Verteidigungsrede zu verrathen, die nur die Anschuldigung der Mordabsicht mit entschiedener Entrüstung abweist, gegen die andern Anschuldigungen aber mit Verstandesargumenten ficht, welche ein so reiner und edler Charakter in dieser Lage, wenn er sich ganz schuldlos gewußt, verschmäht hätte; darauf deutete auch sein Gefühl, daß er dem Tode geweiht sei, als er in den Tower gebracht wurde. Und wenn hinwiederum seine letzten Gespräche vor dem Tode, wie Bischof Burnet sie mittheilt, ihn auch davon freisprechen, so mag ein Sterbender mit Russells Bewußtsein seine Freiheit von der Schuld in diesem erhabenen Momente in ganz andern Betrachtungen gesucht haben. Jedenfalls kommt das nach dem Tode abgelegte Zeugniß eines Geistlichen, in seinen Memoiren niedergeschrieben, ebensowenig in rechtlichen Betracht, als die rührende Aussage einer tiefbetrübten Gattin in Briefen an ihre Freunde.

Nach Russells Verteidigungsrede spielte der Sergeant Jefferies (furchtbaren Andenkens wegen seiner nach Monmouths Aufstande begangenen Grausamkeiten), noch einmal auf Lord Esser Tod an und rief: »Wäre er seiner Schuld sich nicht bewußt gewesen, würde er selbst seinem Leben kein unzeitiges Ende gesetzt haben, um der öffentlichen Gerechtigkeit zu entgehen.«

Wie aber auch der Thatbestand seines Verbrechens, oder seine moralische Schuld beschaffen gewesen, so fanden doch formelle Unregelmäßigkeiten bei seinem Processe statt, welche Lord Russell selbst, wiewol vergeblich, rügte, die aber von der Nachwelt vollkommen gewürdigt sind, und in Folge deren, bei der Revision des Processes unter König Wilhelm und Maria eine Parlamentsacte durchging des Inhalts: »Daß William Lord Russell durch einen unrechten und ungesetzlichen Spruch der Geschworenen, nachdem sein gerechter Widerspruch gegen diese Geschworenen, als nicht freie Grundbesitzer, nicht angenommen, und durch eine parteiische und ungerechte Auslegung der Gesetze, wider besseres Recht überführt, verurtheilt und hingerichtet worden wegen Hochverrath.«

Bei Capitalverbrechen sollten nach einer Acte unter Heinrich V. nur freie Grundbesitzer als Geschworene sitzen, die 40 Schillinge Abgabe zahlten. Die Kronjuristen argumentirten, daß diese Bestimmung durch eine Acte unter der Königin Maria aufgehoben worden. Aber diese Acte bezieht sich auf ganz andere Bestimmungen und läßt die Proceßordnung ganz unberührt. Jene erste Acte existirt daher noch, und Lord Russell ward von einer ungesetzlichen Jury gerichtet.

Ungleich wichtiger waren die Verstöße gegen das Gesetz selbst. Die Gesetze über den Hochverrath, aus alter Zeit herstammend, sind in England die mildesten, welche man sich denken kann. Erst durch die allmälige Auslegung der Kronjuristen haben sie an Strenge zugenommen, und Lord John Russell bemerkt, daß das gegenwartig noch in England geltende Recht in Bezug auf Hochverrath ein Gesetz sei, welches die Richter gemacht und nicht die Gesetzgebung.

In den Statuten Eduard III. lautet es: Hochverrath soll Das heißen, wenn ein Mann trachtet oder beabsichtigt den Tod unseres Herrn des Königs, oder: wenn ein Mann Krieg erhebt gegen unsern Herrn, den König, in seinem Reiche.

Ein Statut, unter der Königin Maria gegeben, aber bestimmte: daß dieses Verbrechen durch das übereinstimmende Zeugniß zweier Zeugen über eine offene Handlung, die zu der Absicht geschehen, bewiesen werden müsse.

In neueren Zeiten gab es aber mancherlei andere Arten von Hochverrath, welche sich nicht unter jene beiden durch die Statuten Eduards bestimmten Kategorien, den Mord des Königs und die Kriegserhebung, bringen ließen. Zum Beispiel konnte sich Jemand in die Verschwörung zu einer Rebellion einlassen, er konnte zu dem Zwecke mit fremden Mächten eine Correspondenz führen, er konnte dazu Waffen anschaffen und Geld vorstrecken, und dennoch beging er dadurch, insofern nicht Rebellion oder Krieg erfolgte, nach den Statuten Eduards keinen Hochverrath.

Um sich über diese Lücke in den Gesetzen zu helfen, erfanden die Juristen, statt ein neues, positives Gesetz zu veranlassen, eine Auslegung, wonach sie einen Jeden, der sich in dieser oder anderer Art nach neuern Begriffen des Hochverraths schuldig machte, unter die erste Kategorie jener Statuten brachten, nämlich, daß er dem Könige nach dem Leben getrachtet. Wer sich also in eine Verschwörung einläßt, um den König gefangen zu nehmen, oder ihn zu einem lästigen Zugeständniß zu zwingen, trachtet ihm nach dem Leben, denn die Gräber der Könige sind nahe an ihren Kerkern (lehrte wenigstens die englische Geschichte). Wer ihn absetzen will, trachtet ihm nach dem Leben, denn Entthronung ist bürgerlicher Tod. Auch trachtet ihm danach, wer ihn nöthigen will, die Regierungsmaßregeln zu hindern, oder böse Rathgeber zu entfernen, weil, wenn man dazu offene Gewalt anwendet, dies nicht ohne augenscheinliche Gefahr für sein Leben geschehen kann. Somit wurde Jeder, der sich einer untergeordneten Handlung, die als Hochverrath ausgelegt werden konnte, schuldig gemacht, in der Regel durch die Anklage als Einer, der dem Könige nach dem Leben getrachtet, aufgeführt. Wie viel Königsmörder rief auf diese Weise die Justiz ins Leben, lediglich um ein verhältnißmäßig geringeres Verbrechen nicht ungestraft zu lassen.

Inzwischen war nun ein wirklicher Königsmord vorgefallen, und denken läßt sich, daß man nach Karl I. Hinrichtung es für unschicklich hielt, Vergehungen, welche dagegen leichterer Art waren, noch ferner in diese Kategorie zu bringen. Wenigstens ging bald nach der Restauration, unter Karl II. ein Gesetz durch, nach welchem schon die Berathschlagungen oder der Versuch einer Rebellion während Karls Regierung als Hochverrath erklärt wurde.

Dieses Gesetz hätte nun am besten auf den vorliegenden Fall gepaßt; aber das Gesetz bestimmte zugleich, daß die Verfolgung wegen dieses Hochverrathes innerhalb sechs Monaten nach der Begehung des Verbrechens stattfinden müsse. In sechs Monaten war es verjährt. Was Rumsey und Sheppard gegen Russell bekundeten, war ein Vorfall, welcher vor länger als sechs Monaten (das Zusammentreffen im Weinhause) sich ereignet. Lord Howards Geschichte lief freilich bis zur Gegenwart aus, aber er war (wenn ein gültiger!) doch nur ein Zeuge, und nach dem unveränderten Statut der Königin Maria bedurfte es zum Beweis des Hochverraths zweier Zeugen. Nach diesem jüngsten Gesetz konnte also Lord Russell nicht gerichtet werden. Aber die Kronjuristen hatten unter dieser Regierung überhaupt nicht viel Notiz von jenem Gesetze genommen; die ältere Praxis, den Königsmord in jeden Hochverrathsproceß zu mischen, war ihnen bequemer gewesen und ließ sich sowol gegen die alten Republikaner als gegen die papistischen Verschwörer so gut in Anwendung bringen. Als das Volk, royalistisch entflammt nach der Restauration, die verhaßt gewordenen Republikaner, als es später, gegen die Papisten entbrannt, auch diese gerichtet sehen wollte, ließ es sich mit Vergnügen jene Interpretation der Gesetze gefallen. Es hatte ein so furchtbares Ansehen, wenn die verhaßten Verbrecher zugleich des Königsmordes angeklagt wurden! Warum nun nicht auch Lord Russell? Er ward angeklagt, nach dem alten Statute König Eduards, dem Könige nach dem Leben getrachtet zu haben und als Beweis dafür wurde die Verschwörung, um eine Rebellion anzustiften, vorgebracht. Was den Zusammenhang noch deutlicher, die Absicht gefährlicher machte, war das Unternehmen, des Königs Leibgarden anzugreifen. Das jüngste Gesetz der Restauration blieb ganz außer Spiel, und das alte Statut erwähnte nichts von einer Verjährung.

Nichtsdestoweniger blieb das Statut der Königin Maria bestehen, welches das übereinstimmende Zeugniß zweier Zeugen über eine offene Handlung erfoderte. Aber auch diese Bestimmung hatten die Kronjuristen längst zu Misgunsten der Verklagten ausgelegt. Sie hatten erklärt, es sei hinreichend, wenn beide Zeugen nur irgend eine offene Handlung, die Hochverrath sei, bekundeten, wenn gleich diese Handlungen nicht ein und dieselbe waren. Umsoweniger aber hatte dieser Einwand des jetzt Angeklagten Gewicht, als im Proceß gegen Lord Stafford dieselbe Praxis beobachtet war. Beide Zeugen gegen denselben bekundeten verschiedene Handlungen, von denen die eine in Frankreich, die andere in England vorgefallen war, beide indeß zu demselben Zwecke.

Aber nichtsdestoweniger bleibt so viel gewiß, daß Lord Russell keine offene Handlung begangen, welche ausgelegt werden konnte als ein Trachten nach des Königs Leben, und die Berathung oder Verschwörung um einen Krieg zu veranlassen, war, selbst wenn erwiesen, nach den Ausdrücken des Statutes König Eduards, kein Hochverrath.

Der Angeklagte machte in seiner Vertheidigung auf alle diese Unregelmäßigkeiten aufmerksam, und verlangte, daß diese Rechtsfragen durch seine Rechtsanwälte erörtert würden. Nach den damals bestehenden Gesetzen konnte ihm dieser Beistand und Rath aber nur dann gewährt werden, wenn er sich hinsichts der Thatsachen für schuldig erklärte. Der Lordoberrichter, welcher den ausgezeichneten Mann sonst mit Schonung behandelte, mußte ihm dieses Gesuch abschlagen. Schon aber daß man ihm zur Vertheidigung die Einsicht und den Gebrauch seiner Papiere gestattete, welche dem unglücklichen Colledge abgenommen wurden, galt für eine außerordentliche Gunst des Richters, weshalb derselbe bald darauf abgesetzt wurde!

Am 14. Juli 1683, also am folgenden Tage, ward der Lord abermals vor die Schranken geführt, um das Schuldig der Jury, welches sie ohne lange Berathung einbrachte, und den Spruch des Gerichtes anzuhören. Das Urtheil in aller seiner abschreckenden Form sprach ein ehemaliger Kampfgenosse Lord Russells, Sir George Treby, aus, der lange Jahre hindurch mit ihm im Parlament gesessen, und mit ihm einer der eifrigsten Verfolger des papistischen Complots gewesen war!

Der König verwandelte das Urtheil nachher, für den Strang das Beil, mit Weglassung der schmachvollen Zuthaten und Folgen. Wie wir im vorigen Falle sahen, hatte Lord Russell bei der Verurteilung Lord Staffords dem Könige dieses Recht, die Strafe zu mildern, bestreiten wollen. Karl sagte jetzt mit einem kalten und grausamen Hohn: »Lord Russell wird doch nun einsehen, daß ich wirklich dieses Vorrecht besitze, welches er mir bei Lord Staffords Fall abstreiten wollte!«

Hume hat diesen Zug in seine Geschichte, nach dem Vorbericht Anderer, aufgenommen. Lord John Russell glaubt ihn bezweifeln zu dürfen, weil Burnet und andere Zeitgenossen ihn nicht erwähnen. Als loyaler Mann hofft er, daß diese Worte die Erfindung des Parteigeistes und nicht aus dem Munde eines Königs von England gekommen seien. Mit Karl II. Charakter lassen sie sich wohl vereinen, wenn gleich er später in Bezug auf Russells Schicksal einiges menschliche Schicklichkeitsgefühl zeigte.

Viele Versuche, den Verurtheilten zu retten, wurden gemacht. Sein Vater, der Graf von Bedford, bot der ersten Maitresse des Königs, der Herzogin von Portsmouth, nach Einigen 50,000. nach Anderen 100,000 Pf. St., wenn sie ihm Begnadigung verschaffe. Der König soll erwidert haben: er wolle weder sein eigenes, noch seiner Unterthanen Blut so billigen Preises verkaufen.

Aus Monmouths Tagebuch geht hervor, daß derselbe (nachdem er aus seinem Versteck hervorgekommen und sich dem Könige überliefert), mit seinem Vater über Russell gesprochen. Karl soll geäußert haben, er hätte ihn gern geschont, aber, um nicht mit seinem Bruder ganz zu zerfallen, sei er genöthigt gewesen, in seine Hinrichtung zu willigen. Als Monmouth ihm die Grausamkeit zu Gemüth führte, mit welcher man gegen den edlen Mann verführe, bat ihn der König, nicht mehr davon zu sprechen. Lord Dartmouth stellte dem Könige vor: wenn er Russell verzeihe, würde er sich eine große und zahlreiche Familie auf ewig verpflichten, dagegen, wenn er ihm das Leben nähme, würde das nie vergessen werden. Noch lebe Russells Vater, und auf die ganze Familie werde die Hinrichtung keinen andern Einfluß üben, als sie zur Rache wecken. Dann sei er doch auch Southamptons Tochter und ihren Kindern einige Rücksicht schuldig. Der König soll geantwortet haben: »Das ist Alles wahr, aber es ist eben so wahr, daß, wenn ich ihm nicht sein Leben nehme, er bald meines fodern wird.«

Seine Freunde und seine Familie drangen so ungestüm in den Verurtheilten, daß er sich zu einem Schritte bewegen ließ, den man nach seiner bisherigen Handlungsweise kaum erwarten durfte. Vor Allem mag es der tiefe Schmerz seiner Gattin gewesen sein, welche den stolzen, festen Mann dazu bewog, zwei Bittschreiben, eines an den König, das andere an den Herzog von York zu richten. »Wenn darin etwas Schwäche lag,« sagt John Russell, »um Gnade zu bitten, so war es doch nichts Entwürdigendes für seinen ehrenwerthen Charakter.«

Der Brief an den König lautete:

»An des Königs Erlauchte Majestät.«

»Die demüthige Petition William Russells: zeigt allerdemüthigst:

Daß der Bittsteller sich noch einmal vor Euer Majestät Füßen niederwirft und mit aller Unterwürfigkeit Dero Gnade und Verzeihung anfleht, noch immer bekennend, daß er nie den geringsten Gedanken genährt gegen Euer Majestät Leben, noch irgend eine Absicht, die Regierung zu ändern: sondern demüthig und kummervoll bekennt, daß er dabei gewesen bei jenen Versammlungen, von denen er überzeugt ist, daß sie ungesetzlich waren und Euer Majestät mit Recht erzürnten; aber von seiner Unwissenheit und Unaufmerksamkeit betrogen, hielt er sich nicht davon fern, wie er gesollt hätte, worüber er aufrichtig und von ganzem Herzen betrübt ist; und deshalb demüthigst Euer Majestät bittet, daß ihm vergönnt werde, in irgend einem Theile der Welt zu leben, den Euer Majestät bestimmen möge, und daß er sich nie und in keiner Art mehr in die Angelegenheiten Englands mischen wolle, außer wenn und wie Euer Majestät darüber bestimmen wollten.«

»Möge es daher Euer Majestät gefallen, Dero königliche Gunst und Gnade auf Dero Bittsteller auszudehnen, wodurch er auf immer sich gedrungen fühlen wird, für Eure Majestät zu beten und sein Leben Dero Dienste zu weihen.

William Russell.«

Der Brief an den Herzog von York wurde von Lady Russell selbst an die Herzogin übergeben; er lautete:

»Möge Eure Hoheit gnädig dies anhören!

Die Opposition, in welcher ich gegen Euer Hoheit Interessen aufgetreten bin, war eine solche, daß ich kaum mir getraue als Bittsteller vor Ihnen zu erscheinen, wenn auch nur um mein Leben zu retten. Sir, Gott weiß, was ich that, entsprang nicht aus irgend einem persönlichen bösen Willen oder Haß gegen Eure Königliche Hoheit, sondern allein, weil ich der Meinung war, daß es der beste Weg sei, um die durch das Gesetz eingeführte Religion zu bewahren; wenn ich darin im Irrthum war, so handelte ich doch aufrichtig und ohne alle böse Zwecke. Und was meine verwerflichen Absichten gegen Dero Person anlangt, so hoffe ich, Eure Königliche Hoheit wird so gerecht sein gegen mich, nicht zu denken, daß ich eines so schlechten Gedankens fähig war. Aber ich bin jetzt entschlossen und verpflichte mich dazu getreulich, daß, wenn es dem Könige gefällt, mich zu begnadigen, und wenn Eure Königliche Hoheit sich für mich verwenden will, so will ich mich in keiner Art mehr einlassen, auch nicht in die geringste Opposition gegen Eure Königliche Hoheit, sondern will bereitwilligst entschlossen sein, in irgend einem Theile der Welt zu leben, den Seine Majestät mir vorschreiben, und will nie unterlassen, in meinen täglichen Gebeten mitzubeten für Sr. Majestät Erhaltung und Ehre und Euer Königlichen Hoheit Glück; und ich will mich gänzlich von allen Angelegenheiten, die England betreffen, losmachen, außer wenn Sr. Majestät Befehle mich rufen, dem Vaterlande zu dienen, und dann will ich niemals fehlen, so weit meine Kräfte reichen. Und wenn Eure Königliche Hoheit so gnädig sein wollen, so wird es, da es mehr ist, als ich eigentlich vernünftiger Weise erwarten kann, den allertiefsten Eindruck auf mich hervorbringen; denn keine Todesfurcht kann so auf mich wirken, als eine so große Verbindlichkeit es thun muß, wenn es Euer Königlichen Hoheit gefällt, mir zu verzeihen. Euer Königlichen Hoheit demüthigster und gehorsamster Diener

Newgate, Juli 16. 1683.
William Russell.«

Zum Bischof Burnet sagte er, als er diesen Brief zusammenfaltete, den er nur auf die dringendsten Bitten seiner Gattin geschrieben: »Das wird gedruckt und als meine Unterwerfung in den Straßen verkauft werden, wenn ich gehängt bin.«

Hume erwähnt dieser Briefe nicht; auch wir wünschten, sie nicht erwähnen zu müssen. Rührender ist der Brief des alten Grafen von Bedford, Russells Vater, er schildert nur seine Vatergefühle, und sagt, »er, sein Weib und seine Kinder würden sich glücklicher dünken bei Wasser und Brot zu darben, als solchen theuren Sohn und um ein so schändliches Verbrechen, als Hochverrath gegen den besten Fürsten (!) zu verlieren.« Aus den Papieren der Familie Russell geht hervor, daß Freunde von nah und fern, auch aus der Umgebung des Königs, Alles thaten, die Familie zu den äußersten Schritten zu bewegen, um ihn zu retten.

Seine beiden geistlichen Freunde, Dr. Burnet und Dr. Tillotson hofften, Russell dahin zu bringen, einen seiner politischen Grundsäatze für Unrecht zu erklären; aber es war ein Grundsatz, dem er sein politisches Leben geweiht hatte. Er konnte und wollte nicht, auch um sein Leben nicht, erklären, daß der Widerstand des Unterthanen gegen seinen König, der vom Rechte abweicht, unrecht sei. Schon glaubten beide berühmte Geistliche, vom Standpunkt der Religion aus, ihn bekehrt zu haben, schon war der König durch Lord Halifax davon unterrichtet und schien, wenn nicht erweicht, doch sehr zufrieden, daß ein Mann, wie Lord Russell, einen Grundsatz abschwören wolle, welcher seinem Königshause so viel schwere Kämpfe, so viel Blut gekostet, und der seinem Bruder den Thron kosten sollte. Aber Russell war zu nichts mehr zu bewegen, als einer schriftlichen Erklärung, die er für seine Hinrichtung aufgesetzt und die so lautete:

»Was mich betrifft, so kann ich nicht leugnen, daß ich der Meinung war, daß eine freie Nation, wie diese, ihre Religion und ihre Freiheiten vertheidigen dürfe, wenn dieselben angegriffen oder ihr entrissen wären, wenn gleich unter dem Vorwande und der Färbung (colour) des Gesetzes. Aber einige ausgezeichnete und würdige Geistliche, welche aus christlicher Liebe mich oft besuchten, und die ich sehr ehre und schätze, haben mir wichtige Gründe vorgelegt, um mich zu überreden, daß Treue und Geduld die wahren Wege sind, um die Religion zu erhalten, und daß es der Sinn des Evangeliums ist, lieber Verfolgung zu dulden, als Widerstand zu leisten. Aber, wenn ich darin gesündigt habe, so hoffe ich, Gott wird es mir nicht zur Last legen, da er weiß, es war nur eine Sünde der Unwissenheit.«

Diese Erklärung genügte natürlicher Weise zu dem Zwecke nicht. Aber zu mehr konnte Russell sich nicht entschließen. Er könne nicht lügen, und wenn er mehr sage, lüge er; übrigens habe er jetzt, in der ernsten Zeit vor seinem Tode, nicht Lust, politische Fragen zu erörtern; seine Kenntniß der Gesetze und der englischen Verfassung seien nun einmal verschieden von der der beiden Geistlichen. – Russells Ansicht hat den Sieg davon getragen, und sein festes Beharren bei derselben in einem so feierlichen Augenblicke und wo ein Abweichen davon vielleicht sein Leben gerettet hätte, löscht den Flecken wieder aus, den jene Briefe auf sein Andenken zurückgelassen haben könnten. Karl war unerbittlich; sein Bruder, der Herzog, war es wo möglich in noch höherem Grade. Beide ließen die Briefe ohne Antwort. Russell sollte einst, ein anderer Brutus, im Parteieifer gesagt haben: wenn sein eigener Vater dem Könige gerathen, die Ausschließungsbill des Herzogs zu verwerfen, so werde er der Erste sein, der auf eine parlamentarische Anklage gegen ihn dringe. Im Angedenken an seine äußerste Heftigkeit, wurden, in Karls Sinne, seine Popularität, seine Menschlichkeit, seine Gerechtigkeit, ja alle seine Tugenden zu eben so viel Verbrechen gegen ihn, sagt Hume. Da die Wuth der Volkspartei es dem Könige unmöglich gemacht, ohne dringende Gefahr für seine Krone, so vielen Katholiken zu vergeben, von denen er fest glaubte, daß sie unschuldig seien, ja die seine treuesten und loyalsten Anhänger waren, so meinte er vermuthlich, daß die Partei, welche ihn zu dieser Grausamkeit gezwungen, nun vernünftiger Weise nicht erwarten könne, daß er ihretwillen von dem Begnadigungsrechte Gebrauch mache.

Hume erwähnt des Versuches, den Russells Gattin gemacht, sich dem Könige zu Füßen zu werfen und unter Thränen, und sich berufend auf die Loyalität ihres Vaters, des Herzogs von Southampton, um Begnadigung für ihren verführten Ehegatten zu flehen. Der König hörte sie ruhig an, und wandte sich dann schnell ab, ohne ein Wort zu erwiedern. In John Russells Buche finden wir nur einen Brief der Lady Ranelaugh, in welchem sie der Lady Russell diesen Versuch zu machen, dringend anräth. Lord Cavendish, Russells bester Freund, bot ihm an, Kleider mit ihm zu tauschen, damit er entfliehen könnte. Russell lehnte es ab, um den Freund nicht in Gefahr zu bringen, und weil man seine Flucht doch als ein Eingeständniß seiner Schuld auslegen könnte.


Wir haben die genaueste Auskunft über Russells letzte Tage. Der Dr. Burnet, nachmals Bischof, sein Seelsorger und Freund, war täglich bei ihm, und hat fast jede Bemerkung des Unglücklichen aufgezeichnet, dergestalt, daß wir hier derniers moments d'un condamné, nicht aus der Dichtung, sondern aus der vollsten Wahrheit geschöpft, besitzen. Aber welches Verurtheilten! Eines ausgezeichneten Mannes, der für sein Vaterland den Tod litt, und mit einer Ruhe, christlichen Ergebung und Festigkeit, wie sie in der Geschichte kaum ein zweites Mal vorgekommen; wenigstens fehlen uns die Berichte über ähnliche Fälle. Russells Benehmen ist so erhebender und beruhigender Art, daß es als Volksschrift bekannt gemacht zu werden verdiente. Wir glauben gegen unsere Leser nicht zu verstoßen, wenn wir davon mehr mittheilen, als die Relation eines Criminalfalles erfodert; erhebt sich doch der gegenwärtige durch seine historische Bedeutung weit über das Niveau derselben, warum nicht auch das Recht ihm einräumen, welches er in seiner humanioren Bedeutung in Anspruch nimmt.

Burnet mußte schon am Tage nach der Hinrichtung sein Tagebuch dem Geheimrathe, dem der König vorsaß, vorlesen, um sich wegen einer Beschuldigung zu rechtfertigen. Die Züge, die Gespräche, die er jeden Abend aufnotirt, waren von so ergreifender Art, daß der Herzog von York in die äußerste Wuth gerieth, und meinte, der Geistliche habe den Hochverräther in straflicher Absicht zu einem Märtyrer erhoben; er sah in der Wahrheit eine neue Verschwörung. Jacob sah sein ganzes Leben hindurch die Wahrheit für eine Verschwörung an und fiel, das Opfer seiner Verblendung. – Seltsam! dieser selbe Burnet, welcher nicht genug den passiven Gehorsam als eine christliche Cardinaltugend des Unterthanen gegen seinen König anempfehlen und seinem unglücklichen Freund den Widerstand gegen einen ungesetzlich handelnden König als eine Sünde gegen die christliche Religion predigen konnte, verfiel wenige Jahre nachher in dieselbe Sünde. Auch er hielt die Tyrannei nicht mehr aus, er floh aus England, und kehrte erst mit Wilhem von Oranien, dem Befreier, zurück. Die Angriffe gegen die Religion zu dulden, war ihm christliche Tugend, aber sie hielt nicht Stich vor den Angriffen gegen die Kirche, deren Prälat er war.

Eine volle Woche verstrich zwischen dem Tage seiner Verurtheilung und seiner Hinrichtung. »Vielleicht war nie eine Periode in dem Leben eines Mannes, sagt John Russell, in welcher so viele Ergebung beim Anblick des annahenden Todes mit einer so eifrigen Betrachtung aller Gegenstände verbunden war, welche zu Anderer Glück beitragen konnte.« Vom Augenblicke an, wo er den Tower betrat, wußte er, was seiner warte; seine ganze Beschäftigung ging also auf die Vorbereitung zum Tode. Weil er voraussah, daß bei seiner Hinrichtung viel Geräusch sein, er also verhindert sein werde, seine Gesinnungen und Ansichten vor dem Volke auszusprechen, beschäftigte er sich, ein letztes Bekenntniß seiner Gesinnungen, Grundsätze und seines Lebens aufzusetzen, welches er als Testament für das Volk zurücklassen wollte. Es ist erhalten und drückt den ganzen frommen, ergebenen und festen Sinn des Mannes in rührender, aber würdiger Sprache aus. So oft er allein war, schrieb er daran, und versagte sich sogar zuweilen deshalb die Gesellschaft seiner geliebten Gattin; er arbeitete so sorgfältig, daß er oft um einzelner Ausdrücke willen sich mit Burnet berieth.

Mit völliger Ruhe sprach er über seinen Tod; er danke Gott, daß er eigentlich nie vor dem Gedanken daran erschreckt gewesen. Was den Schmerz anlange, so betrachte er ihn nicht mit so viel Furcht als das Ausziehen eines Zahnes. Den Muth im Gefechte halte er nicht für etwas Besonderes; es sei etwas ganz Verschiedenes, als Christ mit kaltem Blute zu sterben. Dieser Muth komme aus dem innern Frieden des Gewissens und der Zuversicht auf Gottes Barmherzigkeit. Die Krankheit seines Sohnes, einige Wochen vor seiner Gefangensetzung, sei ihm weit mehr zu Herzen gegangen, und habe ihm mehr Unruhe und Besorgniß gemacht. Auch erinnerte er sich, daß er vor Kurzem an einer Kolik gelitten, die dermaßen seine Geister niedergedrückt, daß er mit Schrecken dachte, wie wenig er da Mannes gewesen, um dem Tode ins Auge zu sehen. Jetzt sei er gesund, ruhig und klar, und nur der Abschied von seinen Lieben und der kurze Schmerz stehe ihm bevor. Uebrigens habe er ja den besten Theil seines Lebens hinter sich, denn von drei Theilen habe er die zwei ersten vollbracht und könne kaum denken, daß der drittletzte so angenehm sein werde, als jene es gewesen. Zu seiner Gattin sagte er, er sei bereit, die Welt und auch sie zu verlassen. Und doch gingen ihm die Augen über, wenn er zu Dritten von ihr sprach. Er versicherte, Gott habe es besonders gnädig mit ihm gemeint, indem er ihm ein solches Weib gegeben, welche durch hohe Geburt, große Glücksgüter, großen Verstand, tiefes religiöses Gefühl und besondere Liebe zu ihm ausgezeichnet sei. Ihr Betragen, jetzt in seinen Nöthen, übertreffe aber Alles. Sein größter Trost sei es, seine Kinder in solcher Mutter Händen zurückzulassen, die ihm versprochen, um der Kinder Wohl wie für ihr eigenes zu sorgen. Nur einmal wünschte er, sie möchte es doch aufgeben, an jeden Busch zu klopfen, um ihn zu retten. Dann aber meinte er, es werde ihr noch nachher ein Trost sein, sich sagen zu können, daß sie nichts versäumt habe. Nicht genug konnte er seine Freude ausdrücken über die Großartigkeit ihres Geistes und versicherte, das Schwerste, was ihm noch bevorstehe, sei von ihr zu scheiden. Aber wenn sie nur erst sehe, daß es unmöglich sei, ihn zu retten, werde die elastische Kraft ihrer Seele bald zurückkehren.

Reich, in Fülle des Wohlbehagens, und mit noch größern Erwartungen als Erbe seines Vaters, hatte er verschwenderisch gelebt, aber er hatte die Beruhigung, daß er nichts zu bösen Zwecken ausgegeben. Er war ein Wohlthater der Armen gewesen, und hatte den Entschluß, wenn er einst seinen Vater beerben werde, nicht größer zu leben, als vorher, aber noch mehr Gutes zu thun. Ueber Alles, was er in den letzten Jahren gethan und ausgegeben, könne er vor Gott, vor sich und Jedermann Rechenschaft ablegen, ohne zu erröthen.

Er vergab allen seinen Feinden, nur konnte er mit seinen Gewissensscrupeln nicht fertig werden, daß er eine tiefe Verachtung, ja einen Widerwillen gegen Lord Howard nicht zu bemeistern im Stande sei. Er wolle für ihn beten, ihm Gutes thun, aber verachten müsse er ihn doch. Nicht allein um deswillen, weil er sein Verräther geworden, sondern weil er von früh an gegen ihn, wie gegen Rumsey, ein geheimes Grauen empfunden. Man habe Howards Charakter zwar schon früher gekannt, aber es sei jetzt um so viel besser, denn jetzt könne er Niemand mehr betrügen. Lord Essex hatte Howard bei ihm eingeführt. Als Russell ihn eintreten sah, fragte er Essex: »Was haben wir mit dem Schuft zu thun?« Ein ander Mal sagte er zu demselben Freunde: »Wenn Du mich betrügst, wird Jedermann Dich verdammen, nicht mich; aber wenn Lord Howard uns betrügt, wird Jedermann uns verdammen.« Wenn er sich über seine Richter zu beklagen hätte, so war es, sagt Russell, um deswillen, daß sie auf seine Entlastungszeugen nicht geachtet, welche Howards Unglaubwürdigkeit dargethan hatten.

Als er seines Freundes Cavendish Vorschlag, Kleider mit ihm zu tauschen, abgelehnt, sagte er, er sei sehr froh darüber, nicht entflohen zu sein, denn er könne nicht ohne Weib, Kinder und Freunde leben. Froh aber sei er, daß Jemand – er meinte Lord Grey – sich durch die Flucht gerettet, weil dieser Jemand nicht so gelebt, um wie er ruhig sterben zu können. Lord Essex bedauerte er, als den würdigsten, gerechtesten, reinsten Charakter, der für das öffentliche Wohl tiefer als irgend Jemand gefühlt. Seinen Selbstmord schrieb er der Reue zu, daß Essex es gewesen, welcher den Verräther Howard bei ihm eingeführt.

Die äußerste Milde und freundliche Rücksicht zeigte er gegen alle Personen, auch denen er sonst hatte zürnen müssen. Der Sheriff Rich, welcher mit ihm im Haufe der Gemeinen für die Ausschließungsbill votirt, hatte die Volkssache verlassen und war zur königlichen Partei übergegangen. Als er mit dem andern Sheriff ins Gefängniß trat, um Russell den Hinrichtungsbefehl zu zeigen, schwebte ihm die scherzhafte Bemerkung auf den Lippen: sie würden wol nun nicht mehr bei einander sitzen, um gegen den papistischen Thronfolger zu votiren. Er unterdrückte es, weil ihm die Stunde zu ernst zu solchem Scherze vorkam, vielleicht auch, um Rich nicht in Verlegenheit zu setzen. Beim Mittagstisch unterhielt er sich gewöhnlich mit der größten Unbefangenheit über den Stand der politischen Dinge in Europa. Er war hier Derselbe, der er immer gewesen.

Am Tage vor seiner Enthauptung empfing er das Abendmahl, zugleich mit seinem Diener, aus den Händen des Dechanten von Canterbury, des Dr. Tillotson, Dr. Burnet hielt ihm darauf zwei Predigten, an demselben Vormittage. Er sagte dem Geistlichen, zu der großen freudigen Seligkeit, von der er gepredigt, könne er sich nicht stimmen, aber in ein vollkommenes Aufgehen in den Willen Gottes und zu einer vollkommenen Heiterkeit des Gemüthes. Hambden, den er sehr schätzte, hatte ihm Barters Todesgedanken ubersandt, welche damals gerade herausgekommen waren. Sie erbauten ihn sehr. Aber die vielen Wolken, welche über seinem Vaterlande schwebten, warfen doch Schatten in seine Heiterkeit. Aber er drückte die Hoffnung aus, die in Erfüllung gegangen ist, daß sein Tod seinem Vaterland von größerem Nutzen sein werde, als sein Leben es gewesen.

Nach Tische unterzeichnete er die Abschrift seiner Todesrede und sandte sie in die Druckerei. Er empfing einige seiner Freunde und nahm von seinen Kindern Abschied. Die Rührung übermannte ihn nicht so, um nicht Mann zu bleiben. Der Abendtisch war aufgetragen. »Bleibe bei mir,« sprach er zu seiner Gattin, »laß uns unsere letzte irdische Mahlzeit zusammen einnehmen.« Er sprach mit ihr lebhaft und liebevoll über verschiedene Gegenstände, besonders über seine zwei Töchter. Mit Freimüthigkeit und Geist erinnerte er an das Benehmen und die Reden mehrer Männer, die ihrem Tode entgegengesehen. Als ein Zettel Lady Russell überbracht wurde, der ein neues Project enthielt, wie er noch zu retten wäre, so machte er sich in einer Weise darüber lustig, daß alle Anwesende, die selbst kaum ihren Kummer fassen konnten, darüber erstaunt waren. Sie konnten es nicht begreifen, wie sein von Natur so zartfühlendes Herz dem Eindrucke ihres Schmerzes widerstehen könne. Er hatte an dem Tage Nasenbluten gehabt. »Ich will heute nicht zur Ader lassen, um es abzulenken, sagte er. Das wird Morgen geschehen.« – Es regnete sehr heftig an dem Abende. Er sagte: »Wenn es morgen auch so regnet, wird es Vielen das Schauspiel verderben.«

Lady Russell wollte gehen. Er ergriff ihre Hand und sprach: »Dies Fleisch, was du jetzt drückst, wird in wenigen Stunden kalt sein.« Um zehn Uhr verließ sie ihn. Er küßte sie vier oder fünfmal, aber sie beherrschte ihren Schmerz und vermehrte den seinigen nicht durch einen herzzerreißenden Anblick ihrer Leiden. So schieden sie, nicht mit Seufzern und Thränen, sondern mit feierlichem Schweigen. Ihr Schmerz war zu groß, um durch laute Aeußerung sich zu lösen oder zu lindern.

»Jetzt ist die Bitterkeit des Todes vorüber!« sagte er, als sie nun fort war und ließ sich abermals mit Burnet in ein langes Gespräch ein, welch ein Segen ein solches Weib für ihn gewesen. Lange verweilte er dabei, ihre Seelengröße zu rühmen, und malte sich die Qualen und innern Kämpfe, wenn sie, im Uebermaß des kleinen Schmerzes, etwas Erniedrigendes von ihm erbeten, wenn sie ihn aufgefodert hatte, um sich zu retten, die Rolle eines Angebers, eines Lord Howard zu spielen. Noch einmal betheuerte er Burnet, daß er nichts wisse, was den Frieden der Nation stören könne, und daß Alles, was er wisse, lose Gespräche gewesen, Embryonen, die niemals zur Gestaltung gekommen.

Er schloß, indem er wieder von sich und seiner eigenen Lage sprach, und welchen großen Wechsel der Dinge der Tod hervorbringe. Seine Phantasie schien erweckt. Er malte die wunderbaren Scenen, die sich vor seiner Seele eröffnen würden. Er verglich sich mit einem Blindgeborenen, von dessen Augen plötzlich die Nebel sänken.

»Wie nun, rief er aus, wenn das Erste, was der Blinde sähe, die aufgehende Sonne wäre!«

Am Morgen um 4 Uhr, wo er geweckt zu werden bestellt hatte, fand ihn sein Diener im festesten, gesundesten Schlafe. Er fragte, wie spät es sei, und drehte sich noch einmal zum Schlafen um, während der Diener seine Kleider zurecht legte. Burnet, der eintrat, mußte ihn von Neuem wecken: »Wie, Mylord, Sie schlafen?« – »Ja, Doctor, ich habe recht fest geschlafen, seit ein Uhr.« Er bat den Geistlichen, zu seiner Frau zu gehen und sie zu versichern, daß er sehr wohl sei, sie möge in Liebe seiner gedenken, wie er für sie beten wolle. Dann zog er sich mit derselben Sorgfalt wie gewöhnlich an.

Die Zeit bis zur Abfahrt verstrich in Gebeten, die er theils allein, theils mit Dr. Burnet und Dr. Tillotson verrichtete. Jenem trug er verschiedene Bestellungen an seine Verwandten auf; einen derselben ließ er besonders dringend ermahnen, keine Rache zu nehmen. Als er Burnet sagte, er wolle vom Schaffot aus einige Worte an das Volk richten, es vor den Gefahren der Sclaverei sowohl als des Papismus zu warnen, bat ihn dieser, es zu unterlassen, da man es ihm als Rache auslegen könne. Er lächelte und versprach es. Indem er seine Uhr aufzog, die er Burnet als Andenken versprach, sagte er: »Jetzt habe ich mit der Zeit abgeschlossen und habe es nur noch mit der Ewigkeit zu thun.«

Als die Sheriffs ihn abriefen, traf er unten an der Treppe seinen liebsten Freund, Lord Cavendish. Er ermahnte ihn dringend, sich mehr zur Religion zu halten; er wisse nicht, welcher Trost und welche Stütze sie ihm in seinen Nöthen sei. Tillotson und Burnet saßen bei ihm in der Kutsche. Er sah sich ruhig nach Bekannten um. Einige, die ihn kannten, starrten ihn an und nahmen doch nicht die Hüte ab. »Sie freuen sich wohl,« sagte er, »aber das rührt mich nicht so als die stillen Thränen, die ich in manchem Auge sehe.« – Er sang für sich eine Weise. Als Burnet ihn fragte, was er singe, antwortete er, es sei der 119. Psalm; aber er werde bald besser singen.

Das Schaffot war in den Lincolns-Inn-Fields errichtet, ziemlich entfernt von seinem Gefängniß. Man wollte, indem man Russell langsam durch so viele Straßen führte, der widersätzigen Stadt ein wirkungsreiches Schauspiel bereiten. So ergeht es deinem Lieblinge; was kannst du noch hoffen? Als Russell bei einer Wendung der Kutsche sein Haus sah, stahl sich eine Thräne aus seinem Auge. Beim Anblick des Platzes von Lincolns- Inn-Fields sagte er: »Hier war es, wo ich manche Jugendsünde beging; Gott macht denselben Platz jetzt zum Ort meiner Bestrafung.« Es regnete stark. Russell wunderte sich, daß trotz dem so viel Menschen in den Straßen waren. Er bat seine Begleiter, den Hut aufzusetzen, sie möchten sich erkälten. Auf dem Schaffot sprach er: »Gentlemen! Ich erwartete, daß hier viel Lärm sein würde, und man mich nicht verstehen dürfte. Ich liebte nie viel zu reden, am wenigsten jetzt. Deshalb habe ich auf diesem Papiere Alles niedergeschrieben, was mir geeignet schien zu hinterlassen. Gott weiß, wie weit ich von jeder Absicht entfernt war, sowol gegen die Person des Königs als davon, die Regierung zu ändern.«

Er fragte dann, ob es wahr sei, daß Capitain Walcot gestern auf dem Schaffot etwas davon geäußert, daß er, Russell, um das Complot wisse. Als man ihn versichert, daß dies nicht der Fall sei, wiederholte er: »Vor Gottes Thron bekenne ich noch einmal, daß ich nichts von einem Complo weiß, weder gegen des Königs Leben, noch gegen die Regierung. Jetzt habe ich mit der Welt abgeschlossen und gehe in eine bessere. Ich vergebe Jedermann von Herzen, und danke Gott, daß ich in Friede mit allen Menschen sterbe. Ich wünsche, daß alle Protestanten einer den andern lieben mögen und durch ihre Feindseligkeiten unter sich dem Papismus nicht den Weg bahnen. Ich bitte Gott, ihnen zu vergeben und die protestantische Religion unter ihnen zu erhalten, damit sie blühen möge, so lange Sonne und Mond scheinen. Jetzt bin ich bereiter zum Tode, als ich es je war.

Der Dechant Tillotson betete für ihn. Russell gab ihm seinen Ring, an Burnet die versprochene Uhr. Beiden trug er Grüße auf. Noch in diesem letzten Moment verrieth er seine große Herzensgüte durch einen freundlichen Gruß, welchen er insbesondere an den Kaplan der Bedford'schen Familie übersandte. Dieser Mann war ein eifriger Anhänger der Doctrin von dem unbedingten Gehorsam und der Ungesetzlichkeit des Widerstandes gegen die Obrigkeit, unter welchem Vorwand es auch sei. Sie hatten oft deshalb gestritten. Russell wollte ihm zeigen, daß er ihm nicht zürne.

Nachdem er niedergekniet und drei Minuten gebetet, zog er sich selbst Rock und Weste aus, löste das Halstuch und setzte sich eine Mütze auf, welche er in seiner Tasche mitgebracht. Als er vor dem Blocke niederknieen wollte, rief Jemand: »Platz! der Herzog von Albemarle will sehen.« Es bildete sich im Volk eine Gasse für den vornehmen Zuschauer. Russell sah ihn ernst an, ohne eine Veränderung seiner Miene.

Burnet hatte ihm gerathen, wenn er seinen Kopf auf den Block gelegt, keine Bewegung mehr zu machen, auch dem Henker kein Zeichen zu geben. Er hob zwar noch seine Hand, aber es war ebensowenig ein Zittern zu bemerken, als vorhin irgend eine Veränderung in seinem Gesichte. Der Scharfrichter berührte leise den Nacken mit der Schärfe des Beils, um die Richtung zu treffen. Russell schien es nicht zu bemerken. Beim zweiten Schlage war der Kopf vom Rumpfe getrennt.


William Lord Russell endete auf dem Schaffot am 21. Juli 1683 im 44sten Jahre seines Alters. Sein Urenkel, Lord John Russell, setzt ihm in seiner Lebensgeschichte folgendes würdige Denkmal: »Wenige Männer haben sich mehr um ihr Vaterland verdient gemacht. Nicht durch glänzende Talente ausgezeichnet, war er ein Mann von gesundem Verstande, und ließ sich nie durch Sophisterei oder die Sucht nach Neuem verführen, Recht mit Unrecht zu verwechseln, Sklaverei mit Pflichtgefühl, oder der Macht die Huldigung zu gewahren, welche nur dem Verdienste gebührt. Er war ein warmer Freund, nicht allein der Freiheit im Allgemeinen, sondern der englischen Freiheit; ein entschiedener Feind nicht allein der Uebergriffe der königlichen Macht, sondern auch stürmischer Neuerungen. Er war ein guter Sohn, ein guter Ehemann und ein guter Vater und vereinigte gleich Andern, die wir in unsern Tagen kennen lernten, Milde und häusliche Tugenden mit dem Ernste und der Strenge politischer Grundsätze. Sein reiner Charakter war so anerkannt und vorleuchtend, daß er ihm die Gewalt über die Gemüther verschaffte, welche in der Regel nur von dem wahren Genius ausgeübt wird. Und obgleich wir Engländer nicht viel Grund haben, stolz zu sein auf die Regierung Karl II., so müssen wir es doch anerkennen als ein Zeichen von moralisch tüchtigem Sinne, daß unsere Vorväter mit Achtung und Vertrauen den Kampf eines rechtlichen Mannes gegen die allgemeine Verderbtheit verfolgten, wo ihm Staatsmänner von ebenso anerkannter und leuchtender Fähigkeit gegenüber standen. Es ist befriedigend, zu finden, daß selbst auf der Scala der Popularität Beredtsamkeit und Witz von gesundem Verstande und Rechtlichkeit überwogen werden.«

Selbst die Schriftsteller, welche später auf Jacob II. Anweisung gegen die Ryehouse-Verschwörer schreiben mußten, wagten die Reinheit seines Charakters nicht anzutasten, und Bischof Sprat, der sich zu einer solchen Schrift hergegeben, mußte sich nach der Revolution überzeugt erklären, daß Russell's große Rechtlichkeit und Abscheu gegen jede Falschheit über allen Verdacht erhaben sei. In seiner Religion war er ein milder und toleranter Christ. Seine Erbitterung gegen die römischen Katholiken überschritt freilich das zu rechtfertigende Maß, aber sie war nur politischer Natur. Diese Erbitterung riß ihn hin bis zur Leichtgläubigkeit, zu einer uns unbegreiflichen Leichtgläubigkeit. Noch in seiner Todesrede drückte er seinen vollständigen Glauben an das papistische Complot aus. »Seltsam!« ruft John Russell aus, »so absurd diese Geschichte ist, so fühlen wir doch mehr Achtung vor Denen, welche in den Wahn verfielen, als vor Denen, welche sich davon frei hielten.«

Wenn je das Andenken eines unschuldig Hingerichteten geehrt und Alles geschehen ist, um die Blutschuld zu sühnen, so war es mit William Russell der Fall. Und wie schnell erfolgte diese Ehrenrettung! Schon gegen seine Hinterlassenen wagte der König nicht mit der Strenge zu verfahren, die das grausame Gesetz der civilisirten Länder gegen die Erben von Hochverräthern gestattet. Er ließ William Russell's Güter seinen natürlichen Erben, die unglückliche Gattin dadurch zu der schweren Pflicht der Danksagung gegen den Mörder ihres Mannes verpflichtend. An Zeichen und Worten der Theilnahme und des Trostes für die Dulderin fehlte es nicht; die Menschenfurcht übte diesmal kein Recht über die Humanität. Der Prinz von Oranien ließ durch seinen Gesandten Dyckvelt der Witwe sein tiefstes Beileid und seine größte Bewunderung für ihren dahingegangenen Gatten versichern, und Alles ihr anbieten, was in seinen Kräften stehe, ihre Lage zu erleichtern. Hatte doch König Karl's eigener Gesandte am holländischen Hofe bei Russell's Tode ausgerufen: »Der König hat Eines Mannes Leben genommen, aber er hat dadurch ein Tausend, oder Tausende verloren!« Wie diese edle Frau den Schmerz ertrug, erwähnten wir schon früher. Es haben sich mehre Briefe von ihrer Hand aus dieser Zeit erhalten, welche von ihrer Geistesstärke und ihrem tiefen Gefühl zugleich Zeugniß ablegen. Obgleich sie den Schmerz um den geliebten Gatten nie verwand, versäumte sie doch nichts, was zum Wohl und der Erziehung ihrer Kinder dienen konnte, noch was der Würde ihrer Stellung, als Witwe Russell's, entsprach. Nach Wilhelm von Oraniens Thronbesteigung wurde Russell's Proceß revidirt. In der eingebrachten Bill hieß es, daß es auf Antrag des Grafen von Bedford und der Lady Russell geschehe. Diese Worte wurden auf einstimmigen Ruf des Parlaments gestrichen; denn es sei Sache der ganzen Nation, nicht Einzelner, des Mannes Ehre zu retten, der für die englische Freiheit gestorben sei. Seine Hinrichtung ward für einen Mord erklärt. Im Jahre 1697 wurde sein Vater zum Herzog von Bedford erhoben. In der Verleihungsurkunde heißt es: »Daß nicht der geringste Grund dieser Auszeichnung wäre, weil er der Vater Lord Russell's sei, der Zierde seines Zeitalters, dessen große Verdienste durch die Geschichte der Nachwelt zu überliefern, nicht genug sei; vielmehr wären sie (König und Königin) des Willens, sie in diesem, ihrem königlichen Patent aufzuzeichnen, welches in der Familie verbleiben solle als ein seiner vollendeten Tugend gewidmetes Monument, deren Erinnerung nie vergessen werden dürfe, so lange als die Menschen irgend Achtung behielten für Heiligkeit der Sitten, Größe des Geistes und eine bis zum Tode treue Liebe für das Vaterland. Deshalb, um seinen Vater für einen so großen Verlust zu trösten, das Andenken eines so edlen Sohnes zu feiern und seinen würdigen Enkel, den Erben so mächtiger Hoffnungen, anzufeuern, dem Beispiele seines erlauchten Vaters nur um so freudiger nachzuahmen, verliehen sie diese hohe Würde dem bisherigen Grafen Bedford und seiner ganzen Nachkommenschaft.« Als einer von Russell's Richtern, der im Parlament saß, bei dieser Gelegenheit sich wegen seines Verfahrens beim Proceß zu rechtfertigen suchte, ließ ihn der allgemeine Unwille des Hauses nicht ausreden.


Nicht Russell allein fiel als Opfer einer rachedürstenden Partei. Es war zu viel Blut im papistischen Complot geflossen, als daß nicht Die, welche damals unterlagen, auch volle Rache verlangen sollten. Durch Jahre wüthete die Parteiwuth und suchte sich die ihr Verfallenen aus den Verstecken und bis über das Meer auf; und wir könnten zu unserm Zwecke, statt dieses einen eine ganze Reihe von Criminalprocessen vorführen, reich an schauerlichem und psychologischem Interesse. Da sie aber einer wie der andere nur auf das eine Resultat auslaufen, daß die Justiz im wüthenden Kampf politischer Parteien zum biegsamen Rohr wird und alle das Motto führen des vae victis! so begnügen wir uns mit diesem einen Processe, der uns nach dem Dichter auf der Menschheit Höhen geführt, den Höhen ihrer Leidenschaft, ihrer Ungerechtigkeit, aber zugleich einer christlich tragischen Erhebung, und wollen die andern Fälle nur in Kürze berühren, so weit sie zur Vollständigkeit der Geschichtserzählung beitragen.

Am unliebsten geben wir unsern Vorsatz auf, den berühmten Mitkämpfer William Russell's, der mit ihm als der Harmodius zum Aristogiton der englischen Freiheit genannt wird (obwol beide Briten sich über den Vergleich nicht zu freuen haben), Algernon Sidney als besondern Rechtsfall unsern Lesern vorzuführen. Wie jener als vollendeter Christ, so trat dieser auf im stolzen Selbstbewußtsein des antiken Heidenthums, wie jener durch Milde, dieser durch Schärfe, Witz und bittern Hohn überzeugend, wie jener als loyaler Unterthan des bestehenden Königthums, dieser als unverholener Anhänger der Republik. Durch das offenkundige unzurechtfertigende Verfahren, durch die Heftigkeit und Brutalität des nunmehrigen Lordoberrichters, Sir George Jefferies, und durch Sidney's ruhige, scharfe und unerschrockene Verteidigung ist dieser Proceß, als solcher, eigentlich noch interessanter, als der gegen William Russell. Doch, beim Reichthum des uns vorliegenden Stoffes zum Maßhalten genöthigt, müssen wir uns auf einzelne Fälle beschränken, wo ganze Gattungen vorliegen, und dürfen daher diesen Proceß nur in kurzen historischen Zügen hier aufnehmen.

Algernon Sidney war, bezüglich des wirklichen Verbrechens, um welches Russell sterben mußte, bei weitem sträflicher als dieser, er war ein unversöhnlicher Feind der Principien des Hauses Stuart und seiner Willkürherrschaft. Nie von dem religiösen Fanatismus der Presbyterianer berührt, hatte sein eiserner Eifer für die Republik den Sohn des Grafen von Leicester doch schon zu Anfang der Bürgerkriege zu hohem Ansehen unter den Republikanern gebracht. Er war zu dem hohen Gericht erwählt worden, das Karl I. richtete, hatte indeß die Wahl abgelehnt. Cromwell's Dictatur hatte er sich mit Muth und Eifer widersetzt; mehr noch der Restauration. Als seine Anstrengungen vergebens waren, zog er eine freiwillige Verbannung der allgemeinen Amnestie vor. So lange der republikanischen Partei nur noch ein Schatten von Hoffnung blieb, war er mit Leib und Seele thätig für dieselbe. Als auch dieser verschwand, und seine Privatangelegenheiten ihn nach England zurückzukehren nöthigten, kam er 1677 um des Königs Begnadigung ein und erhielt sie. Hume will es ihm zum Verbrechen machen, daß er, dieser Begnadigung ungeachtet, seiner Partei und seinen Grundsätzen treu blieb! Er vereinigte sich aber erst wieder mit den Führern der neugebildeten Volkspartei, als die Verfolgungen des papistischen Complots die Freiheitsgedanken neu in ihm anfachten, deren Grundzüge er im Studium des Alterthums eingesogen. Nie seine Vorliebe für die Republik verleugnend, von großem Talent, von unerschrockenem Muthe, war er der Hofpartei ein gefürchteter und verhaßter Gegner.

Sidney ward desselben Verbrechens wie Russell angeklagt; aber die Art der Beweisführung gegen ihn war eine völlig ungesetzliche. Eine Menge Zeugen ward vorgeführt, um zuvor die Wirklichkeit des Complots im Allgemeinen darzuthun. Alle diese Zeugen sagten indeß gar nichts über ihn selbst aus. Wenn Sidney dagegen protestirte, antwortete man ihm, daß dieselbe unregelmäßige Beweisführung auch bei den Verfolgungen des papistischen Complots angewandt, und damals vom Parlament, vom Volk und von den Richtern gebilligt worden. Ein einziger Zeuge trat gegen ihn positiv auf, der berüchtigte Lord Howard; die Andern hatten nur durch Hörensagen vernommen, daß er einer von dem Rath der Sechse gewesen. Aber ein Zeuge genügte nach den klaren Worten des Statutes der Königin Maria zum Beweise des Hochverrathes selbst nicht vor einem Gerichte, welches der blutige Jefferies nach Wohlgefallen lenkte. Wo nahm man den zweiten Zeugen her? – Aus einem Manuscript, welches man in seinem Schreibtisch gefunden! Es enthielt allgemeine Betrachtungen über die Regierungen. Hume sagt: »Er hatte in demselben Grundsätze aufgestellt, allerdings der Freiheit günstige, aber solche, wie sie die besten und getreuesten Unterthanen eines Staates zu allen Zeitaltern mit Wärme vertheidigt haben: Ideen des großen Socialvertrages; daß die Macht ihre Quelle in der Zustimmung des Volkes zu suchen habe; daß der Widerstand gegen Tyrannen gesetzlich sei und ein Freistaat der Regierung eines Einzelnen vorzuziehen.« – »Betrachtungen,« sagt John Russell, »die beweisen, daß er die Verschwörungen gegen einen Nero billigte, auch gegen einen Caligula, wurden den englischen Geschworenen als Beweise vorgelesen, daß er sich zum Tode Karl II. verschworen habe.« In den Gerichten gegen die deutschen sogenannten Demagogen haben wir Aehnliches gesehen, aber vor einem englischen Gerichte, welches nur nach Thatsachen urtheilt, war es und ist seitdem nicht vorgekommen. Vergebens war Sidney's Einwand, daß kein anderer Grund vorhanden sei, ihm diese Papiere zuzuschreiben, als daß die Handschrift in denselben der seinen gleiche, daß aber in Criminalverfolgungen der Vergleich der Handschriften gar keinen Beweis abgebe. Zugegeben, daß er der Verfasser sei, so hätte er sie nur zu seinem Privatvergnügen niedergeschrieben, sie nie durch den Druck publicirt, ja sie auch nicht einem einzigen Menschen nur vorgelesen, oder gezeigt. Ueberdem seien sie, wie die Farbe der Tinte beweise, vor Jahren schon geschrieben, könnten also unmöglich als Beweis dienen einer Verschwörung gegen die Regierung, die jetzt vorliegen solle.

Vergebens! Jefferies erklärte, diese Papiere seien so gut nicht wie ein, sondern wie viele Zeugen. Ja, wenn ein Zeuge nur beweise, daß ein Mann geäußert, er wolle den König mit einem Messer erstechen, und ein anderer Zeuge bekunde, daß dieser selbe Mann ein Messer gekauft, so würden beide zusammen die durch das Statut der Königin Maria erfoderten zwei Zeugen bilden! Vor dieser parteiischen Jury hätte es noch weniger Beweises bedurft; sie hatte doch das Schuldig ausgesprochen. Sidney's muthige, kräftige, auf feste Vernunftschlüsse gebaute Vertheidigung wurde vor tauben Ohren gesprochen, »Sidney's Verurtheilung,« sagt Hume, »ward als eines der größten Schandstecken der Regierung Karl's betrachtet,« und John Russell ruft aus: »Kein Mord, dessen die Geschichte gedenkt seit Cäsar Borgia, übertrifft an wüthender Heftigkeit, an Lug und Trug den, durch welchen Karl dem tapfern und patriotischen Sidney das Leben nahm,« Er starb, bitter zwar über die Ungerechtigkeit des Urtheils sich beklagend, aber indem er sich rühmte, für die gute, alte Sache zu leiden, welcher er seit seiner frühen Jugend an sein Leben gewidmet. Algernon Sidney's Hinrichtung fand am 7. December auf dem Tower-Hill statt. Auf einen Hieb rollte der Kopf vom Rumpfe. Auch sein Urtheil wurde im ersten Regierungsjahre Wilhelms und Mariens cassirt.

Der Herzog von Monmouth hatte auf die dringenden Vorstellungen des Ministers Halifax (der Neffe Sidney's) eine Unterwerfungsschrift seinem königlichen Vater eingesandt. Aber fürchtend, daß diese Schrift seinen Freunden, namentlich Hambden schaden könne, stellte er sich, aus dem Verstecke vorkommend, selbst vor dem Könige und erbat sich die Schrift zurück. Karl gab sie ihm, entließ ihn aber nach einer heftigen Rüge. Er mußte das Königreich verlassen und nach Holland fliehen, um später zu seinem Unglück, an der Spitze eines wirklichen Aufstandes nach England zurückzukehren.

Auch Hambden wollte man durchaus verderben. Aber, außer Howards Zeugniß ließ sich auch nicht der geringste Beweis gegen ihn vorfinden. Man klagte ihn daher nicht des Hochverraths, sondern nur eines misdemeanorSiehe den Fall Warren Hastings. Th. V. an, wo ein Zeuge zum Beweise genügt. Aber es war dasselbe Verbrechen, der Beitritt zum Committee der Sechs, um welches Russell und Sidney hingerichtet worden! Natürlich ward er verurtheilt. Man legte ihm eine Buße von 40,000 Pf. St. auf, welche, da er sie nicht bezahlen konnte, einer lebenswierigen Gefangenschaft gleich kam. Aus einem Gefängniß ins andere geschleppt, drohte ihm nach Monmouths Untergang noch ein herberes Schicksal. Der Verräther Lord Grey, der Monmouth zu Tode brachte, erbot sich auch gegen Hambden noch nachträglich zu zeugen. Jacob II. würde mit Vergnügen die Gelegenheit ergriffen haben, den schon Verurtheilten noch einmal lichten zu lassen, um ihn hinrichten zu können. Da verwandten sich Freunde für den Unglücklichen. Mit 6000 Pf. St. ward des Königs Beichtvater Pater Peter und Jefferies bestochen. Hambden mußte sich schuldig erklären und erhielt nun Begnadigung. Er war moralisch todt; er hatte sich vor einem Jefferies gedemüthigt.

Der Kaufmann Holloway aus Bristol war nach Westindien geflohen. Er wurde verlockt, seine Schuld einzugestehen und zurückzukommen unter dem vorgespiegelten Versprechen der Begnadigung. Er ward 1684 statt dessen gehängt. Vor dem Tode äußerte er, wenn er mehr bekennen wollte, als wahr sei, hätte er wol sein Leben retten können. Mit ähnlicher Treulosigkeit und Grausamkeit wurde Sir Thomas Armstrong in Holland gefangen, nach England gebracht und dort ohne Verhör hingerichtet. Der König haßte ihn besonders, weil er ihn für Monmouths Verführer hielt.

Die Greuel, welche in Schottland gegen die angeblichen Mitverschworenen verübt wurden, übergehen wir als nicht hierher gehörig; Greuel, Treulosigkeiten und offene Verhöhnungen der gesetzlichen Formen, die das Blut noch heute von Empörung aufwallen lassen. Und doch ist dabei etwas Tröstliches. In ganz Schottland fanden sich keine falschen Zeugen, und die dortige Willkürherrschaft mußte zur Tortur schreiten, um Geständnisse zu erpressen. Die Generale Dalziel und Drummond, die bei dem Moskoviter-Zaar gedient, zeigten sich dabei mit Lust thätig durch Marterwerkzeuge, die sie in Rußland kennen gelernt. Auch hier wurden Ehrenmänner, denen man nicht genug beweisen konnte, zuerst nur wegen misdemeanor zu ungeheuern Geldstrafen verdammt, später, wenn man Zeugen zum Bekenntniß gefoltert hatte, wegen Hochverrats gerichtet und gehängt. Ein altersschwacher, kranker und gebrechlicher Mann, der Laird Baillie von Jerviswood, war so schwach, daß man vor den Schranken nur durch stärkende Tropfen ihn lebendig erhalten konnte. Vergebens bot seine Gattin sich an, sich in Ketten selbst schmieden zu lassen, um nur die letzten Stunden ihm zum Troste und zur Hülfe bei ihm zu verbringen. Es ward ihr abgeschlagen; dafür konnte man sich nicht genug beeilen, ihn zu hängen, damit er nicht vorher stürbe.

Alle diese genannten und noch mehre andere Männer starben mit der festen Betheuerung, daß sie nichts von einem Complot gewußt, was zur Absicht habe, den König oder den Herzog zu ermorden. Obrist Rumbold, der Besitzer des Ryehouses (dessen Proceß Hume gar nicht erwähnt), spricht dafür als ein schlagender Zeuge. Rumbold wurde in Schottland, bedeckt mit Wunden, nach einer überaus heftigen Verteidigung gefangen. Gern hätte man ihn nach England gebracht, um ihn dort zu richten, aber der Zustand seiner Wunden ließ fürchten, daß er unterwegs eines natürlichen Todes stürbe. Aber so schwach er am Leibe war, blieb er doch stark und unerschüttert. So betrat er das Todesgerüst. Seine Stimme drang durch das Schmettern der Trompeten und Pauken und feierlich erklärte er dem Volke, er sei unschuldig, sie möchten den Worten eines Sterbenden trauen. Im rührendsten, eindringendsten Tone fragte er: ob nicht sein Charakter zu wohl bekannt sei, als daß Jemand die Unklugheit gehabt haben könne, ihm Vorschläge zu machen, wie die des Königsmordes. Für bürgerliche und religiöse Freiheit habe er sein Leben hindurch gekämpft, aber ein Feind des Königthums sei er nicht gewesen. Im Gegentheil betrachte er es noch jetzt, in der Todesstunde, wenn ihm gehörige Grenzen gezogen würden, als die beste Regierungsform. Aber nie könne er glauben, daß ein Mann geboren sei mit dem Zeichen von Gott ihm auf die Stirn aufgedrückt, daß er über den Andern stehe; »denn Niemand kommt auf diese Welt mit einem Sattel auf dem Rücken, noch ein Anderer mit Stiefeln und Sporen, um ihn zu reiten.«

Die Wuth der siegenden Partei war aber wie ein übergetretener Strom, der auch die von seinem Bette entferntesten Gegenstande ergriff. Wie man zur Zeit des papistischen Complots vor dem Verdacht, einen Jesuiten gegrüßt zu haben, zitterte, durfte man jetzt zittern, wenn man sich nur entfernt mit der damals siegenden Partei eingelassen hatte. Nicht um deswillen wurde man belangt, – denn das papistische Complot bestand noch vor dem Gesetze; Niemand hatte officiell gewagt, es für ein Phantom zu erklären, ja die unglücklichen mit Lord Stafford eingesetzten papistischen Lords saßen noch längere Zeit im Tower, – aber irgend ein leichtes Vergehen, eine polizeiliche Übertretung ward herausgefunden, und die unterwürfige Jury, die gehorsamen Richter straften die schuldig Befundenen mit übertriebener Härte. So ward der Vormann derjenigen Groß-Jury, welche Shaftesbury freisprach, Sir Samuel Barnardiston zur Buße von 10,000 Pf. St. verurtheilt, angeklagtermaßen weil er in aufgefangenen Briefen anstößige Bemerkungen gegen die Regierung sich erlaubt! Gern hätte man Titus Dates an den Galgen gebracht, und gewiß hatte er es verdient. Um was er es verdient, durfte man ihn nicht anklagen; aber er hatte bei einer Gelegenheit den Herzog von York einen papistischen Verräther genannt. Um dieser Injurie willen ward der Vagabund und Bettler zu einer Geldstrafe von 100,000 Pf. St. verurtheilt! Das heißt zu lebenslänglichem Gefängniß. So spielte man mit der Gerechtigkeit, d. h. es war keine Gerechtigkeit mehr da, wo der Verdacht eines politischen Verbrechens auf einem Unglücklichen haftete. Die Greuel bei der Verfolgung der Papisten waren bald reichlich vergolten.

Die Krone hatte Alles gewonnen; Kurzsichtige konnten meinen, es sei auf immer um die Freiheit, um die Rechte des Volkes geschehen. Der Schreck vor dem Mord- und Insurrectionsplan war in die Nation so gut eingedrungen wie der vor dem papistischen Complot. Die Nation wollte keine Papisten, aber ebensowenig einen Bürgerkrieg; die liberale Partei war unpopulair geworden. Loyale Adressen strömten von allen Seiten, wie vordem Adressen gegen die Papisten und den papistischen Thronfolger. Die Doctrin von dem unbegrenzten, passiven Gehorsam ward von Kanzeln und Kathedern gepredigt; die gehorsame Wissenschaftlichkeit der Universität Oxford verdammte alle dem entgegenlaufende Doctrinen als republikanisch. Der Muth war den Kühnsten der bisherigen Opposition gänzlich gesunken; sie zitterten vor dem Throne. Alle Mittel, durch welche der freie Engländer der Krone Widerstand gesetzlich leistet, waren vernichtet oder gebrochen, oder zu Instrumenten geworden, um das Gebäude der Willkürmacht aufzurichten. Das Parlament war aufgelöst, allem Anschein nach mit der Absicht, nicht wieder zusammenberufen zu werden. Karl behalf sich lieber mit der Pension, welche der französische König ihm zahlte. Sollte es ja wieder einberufen werden, so gab die neue Macht, welche die Krone über die Städte und Corporationen gewonnen, ihr so viel Einfluß auf die Wahlen, daß sie ein Parlament aus ihren Creaturen zusammensetzen konnte. So war das Parlament unter Jacob II. eine Spielpuppe des Hofes. Die Gerichtshöfe waren der Krone vollkommen unterthänig; sie konnte jeden Richter absetzen, der nicht nach ihrem Willen sprach. Sie ernannte die Jurys; der Eid der Geschworenen war nur noch eine Formel. Auch die Presse, die letzte Zuflucht der Freigesinnten, war eine Schanze für ihre Gegner geworden. Die Schriften der Whigs wurden auf beliebige Weise unterdrückt, dagegen gedruckte Verleumdungen gegen sie, mit offenbarer Verletzung der Gesetze, geflissentlich verbreitet.

Kurzsichtige, sagten wir, konnten meinen, daß es um die englische Freiheit auf immer geschehen sei. Sie erwogen damals nicht, wie sie jetzt nicht erwägen, daß jede Gewaltherrschaft in gesitteten Nationen sich selbst ihr Grab grabt. Je stärker der Druck, je willkürlicher die Gefühle der Nation verletzt werden, um so gewisser. Die Kurzsichtigen sehen nur die nächsten vernichtenden Wirkungen, nicht die Saat der Freiheitsliebe, welche jede Tyrannei in dem empfanglichen Boden aussäet. Die da noch heut verzweifeln, beobachten nicht, wie jede Willkürherrschaft durch ihre Thaten den ursprünglichen Boden immer weiter in Cultur legt, immer tiefer düngt; sie sehen nicht, wie das Gefühl, das man tödten will, immer mehr wächst, wie es nach jeder neuen gewaltsamen Unterdrückung immer neue Kreise der Gesellschaft berührt, bis Das sich von selbst macht, was nicht zu ändern ist, bis die Krisis kommt, die in den Naturgesetzen liegt, die den reifen Apfel vom Baume fallen läßt, und das Kind zur Welt setzt aus der Mutter Schooß. So lehrt, so tröstet die Geschichte; aber auch von dieser Seite wird ihre Lehre nicht verstanden.

John Russell sagt zum Schluß der Lebensgeschichte seines großen Ahnherrn: »Der Geist, in dem Karls Schlachtopfer fielen, zeigt, wie wenig sie geneigt waren, die willigen und geduldigen Sclaven seines Despotismus zu sein. Russell schlug es aus, seine freieren Meinungen mit der Aussicht auf seine Lebensrettung zu vertauschen. Sidney dankte Gott, daß er für die gute alte Sache starb. Colledge und Rumbold, der erste und der letzte von Denen, welche dafür litten, daß sie der Willkürherrschaft von 1681 sich widersetzten, gaben in ihren letzten Worten ein ehrenwerthes Zeugniß von ihrer Furchtlosigkeit und Aufrichtigkeit. Ihr unerschüttertes Vertrauen sollte Jacob gelehrt haben, daß Engländer nicht davor erschrecken, ihr Leben für ihre Freiheit einzusetzen. Aber statt ihm zur Warnung dienten sie Andern zum Beispiel. Ihrem Geiste, und dem Geiste von Männern, die ihnen glichen, ist es, mehr als irgend einem unveränderlichen Gesetze, zuzuschreiben, daß wir die Erhaltung unserer ausgezeichneten und alten Verfassung verdanken.«

Und nicht England allein ist ihnen Dank schuldig. Es war die Zeit, wo Ludwig XIV. den modernen Absolutismus auf die alten Freiheiten der germanischen Nationen impfte, und diesem Machwerk der Willkür einen alten Nimbus aus dem Orient, aus Byzanz geborgt, aufdrückte, welcher allen Machthabenden so außerordentlich gefiel, daß jeder ihn nachahmen wollte. Auch die Stuart. Englands Freiheit stand am Grabesrande; aber das Blut, das von den Schaffotten Russells, Sidney's und der Andern floß, war nicht umsonst geflossen, es bewahrte die Engländer vor dem französischen Absolutismus. Nicht unmittelbar, denn es kamen noch Zeiten ärgeren Druckes, tieferer Erniedrigung, größerer Schmach; aber als dieser Gefühlsdruck so überreif wurde, daß er sich selbst vernichtete, erwachte mit wunderbarer Klarheit, mit dem edelsten Bewußtsein das gesetzliche Freiheitsgefühl, und ohne neue Blutströme, ohne chaotische Verwirrung ward das Gebäude der englischen Verfassung unter Wilhelm dem Oranier aufgerichtet.

Was das uns geholfen, höre ich fragen, da der Absolutismus auf dem Continent danach erst recht tiefe Wurzeln geschlagen, da er weit über hundert Jahre geblüht und Früchte getragen! Sind denn seine Wurzeln so tief gewachsen, als man vermeint? Geholfen hat es uns, daß auf der glücklichen Insel ein Beispiel wenigstens fortblühte von der Freiheit, wie sie auf altgermanischer Wurzel unter glücklichen Umständen sich entfalten konnte. Hat dies Beispiel nicht gewirkt, und sind denn nicht alle neueren Verfassungen, mit mehr oder minderen Abweichungen, in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, und auch die deutschen, wieder nach diesem geretteten Vorbilde einer lebendig gebliebenen deutschen Verfassung nachgebildet? Freilich will die moderne Doctrin des durch Vernunft und Humanität gemäßigten Absolutismus dies nicht Wort haben, sie spricht, wo die Natur gewaltet und die Geschichte ihr Siegel darauf gedrückt, von theoretischen und willkürlichen Machwerken, sie möchte dafür uns jene Provinzialstände, die als trockene Sträucher aus einem spätern Wachsthum, ohne Wurzeln im Volksboden stehen geblieben sind, als die historische Fortbildung unseres nationalen Wachsthums darstellen, aber vergebens; man mag sie begießen, so viel man will, sie grünen nicht wieder, sie bleiben trockene Sträucher. Wir blicken noch heut hinüber nach dem englischen mächtigen Baume, dessen Wipfel nicht einzelne Stände, der die ganze Nation überschattet, dessen Wurzeln Nahrung saugen aus dem Gesammtboden, und wenn wir ihn anschauen in seiner Kraft, blicken wir mit Wehmuth zurück auf unsere vertrockneten Sträucher. Die deutsche Eiche hätte auch ein solcher Baum werden können.

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