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Der neue Pitaval - Band 5

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 5 - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 5
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1844
firstpub1844
volumeFünfter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectid7408d2e1
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Zur Geschichte der englischen Highwaymen

1.

Spiggot und Phillips

1720

Dem in unserm ersten Theile aufgenommenen Falle des Capitain James Hind konnte man den Vorwurf machen, daß er, selbst bei allem Interesse der Geschichte, doch in der Eigenschaft als Criminalproceß kein Interesse habe, nämlich, weil nicht der eigentliche Proceß, sondern nur die Resultate uns überliefert sind. Wir haben uns seitdem in den Sammlungen berühmter englischer Criminalfälle nach gegen Highwaymen geführten Processen vielfach umgesehen und auch deren in Menge gefunden, aus denen das processualische Verfahren zur Genüge hervorgeht, die aber wieder in ihrem thatsächlichen und historischen Bestande so einfach, ja dürftig sind, daß sie um deswillen im gewöhnlichen Sinne nicht zu den causes célèbres zu rechnen wären. Auch wird wahrscheinlich bei allen diesen Beraubungen auf offener Straße durch berittene Räuber das Thatsächliche sehr einfach und der interessantere Zusammenhang nur in den Zunftverbindungen dieser flüchtigen Ritter und in der Persönlichkeit und den Schicksalen der Beraubten zu suchen sein. Indessen waren die jetzt verschwundenen Highwaymen, als ganze Erscheinung genommen, gewiß eine cause célèbre; sie gehörten zum englischen Volksleben, sie machen einen nothwendigen Bestandtheil der ältern Novellistik aus, ihre Abenteuer geben den Stoff zu vielen Bänkelsängerliedern, und der Volkswitz weiß noch hundert Züge, komische, tragische und galante, von ihnen, dergestalt, daß sie auch wol ein Recht haben, als eine kranke, aber doch bedeutsame Abspiegelung des im englischen Volke Lebendigen in unserm Pitaval aufzutreten, und zwar so, wie sie vor Gericht erschienen sind. Was wir beim vorigen Fall über den Mangel an Fleisch und Blut in den älteren englischen Reports über berühmte Criminalfälle sagten, findet auch auf die von uns hier ausgewählten Processe gegen Highwaymen Anwendung. Doch werden viele Züge daraus den Lesern, auch den juridischen, unbekannt sein und andere dazu beitragen, dem größern Publicum, welches sich, aus den Romanen her, für die Erscheinung der Highwaymen interessirt, eine neue Anschauung derselben und des sittlichen Zustandes der Zeit, wo sie in Blüte waren, zu gewähren.


John Turner, vermuthlich Eigentümer oder Conducteur einer Landkutsche, denn er wird der Wendover Courier genannt, fuhr mit seinem, wahrscheinlich leeren Wagen am 1. November aus London. In der Nahe von Tyburn – selbst dieser verhängnißvolle Ort und Name schreckte nicht ab – ward er von fünf Männern in Masken angefallen.

Vier von ihnen waren zu Pferde, der fünfte zu Fuß. Sie mochten wissen, was in dem Wagen war. Ein Master Neal Sheldon, welcher desselben Weges mußte, hatte sein Felleisen zu schwer für das Pferd seines Dieners gefunden und es John Turner zum Mitnehmen in seinem Wagen übergeben. Die Räuber fielen daher nicht über den Kutscher, sondern über das Felleisen im Wagen her und schleppten es mit sich. John Turner hatte den Muth, ihnen nachzuspringen. Sie schlugen ihn nieder und kehrten darauf wieder zum Wagen zurück, den sie durchsuchten, ohne noch etwas daraus zu nehmen. Doch schwang sich der eine, welcher zu Fuß war, auf eins von Turner's Pferden und die fünf Räuber sprengten von dannen.

In dem Felleisen hatten sich eine goldene Uhr, zwölf Hemden von holländischer Leinwand, eine ganze Partie anderer feiner Wäsche, ein Hut, eine Perrücke und zwölf Guineen befunden. Dem Fuhrmann John Turner selbst waren fünf Guineen von den Räubern abgenommen worden.

Am 12. November desselben Jahres ritt John Watkins mit einem Zuge Packpferde nach Monmouth. Schon in der Nähe von Brentford bemerkte er einen Reiter in einiger Entfernung, der ihm verdächtig vorkam und Schritt für Schritt folgte. Als Watkins die Hounslow-Haide erreicht, welche nicht mehr so einsam ist als zu jener Zeit, sprengten mehre Reiter auf ihn zu, darunter William Spiggot und Thomas Phillips, die er aus früheren Zeiten kannte, und demnach keinen Grund zur Freude hatte, mit ihnen auf der Landstraße zusammenzutreffen. Spiggot's Bekanntschaft hatte er im Gefängniß von Monmouth gemacht. Gerade dieser hielt ihm die gespannte Pistole auf die Brust, damit er stille stehe, und nahm ihm darauf, was er von Werth an sich trug: seine silberne Uhr und etwa 5 Pfund Sterling. Auch drohte er ihm, alle seine Pferde vor seinen Augen niederzuschießen, wenn er ihm nicht das anzeige, auf welches das Geld geladen sei. Phillips hatte inzwischen seinen Stallknecht angefallen und sich an das eine Packpferd gemacht, mit dem er auf und davon ritt, während sein Camerad den Knecht bewachte.

Ob die Räuber von selbst fortritten, weil nichts mehr für sie Werthvolles zu finden war, oder aus Furcht, überrascht zu werden, ist nicht erwähnt. John Watkins behauptete, einen sehr großen Verlust an seinem Gelde, seiner Uhr, seinen Gütern und seinem Packpferde erlitten zu haben. Er gab denselben auf 200 Pfund an und erklärte sich für einen ruinirten Mann.

John Watkins machte bei der Policei Anzeige. Da er zwei der berittenen Räuber erkannt, so kam es zunächst darauf an, den Spuren derselben zu folgen. Die Policeibeamten John Morrit und Bryan unterzogen sich dem Geschäft mit großem Eifer. Spiggot hatte eine Wohnung in London. Als man sie durchsuchte, fand man unter andern verdächtigen und bei andern Anfällen gestohlenen Gegenständen auch die Perrücke des Master Sheldon, welche in dem von ihm auf den Courierwagen gegebenen Felleisen befindlich gewesen. Also war Spiggot auch dringend verdächtigt, unter den maskirten Reitern gewesen zu sein, welche John Turner bei Tyburn angefallen und beraubt hatten.

Spiggot selbst war ausgeflogen. Morrit kannte schon so ziemlich sowol ihn als seine Spießgesellen, auch wo sie Pferde zu miethen pflegten. Er beauftragte den Roßverleiher, wenn Spiggot sich wieder sehen ließe, ihn festzuhalten, oder wenigstens ihn so lange hinzuhalten, bis er ihm, dem Beamten, Nachricht zukommen lassen. Inzwischen hatte er hier oder auch anderwärts erfahren, daß ein gleichfalls berüchtigter Mann, William Heater, der sich zuweilen für Spiggot's Bedienten ausgab, gewöhnlich die Pferde für ihn und seine Gesellen besorge und nachher wieder zurückliefere.

Es galt also, zuvörderst auf diesen William Heater Jagd zu machen, wozu Morrit, außer dem Policeimann Bryan, auch den Constabler Hill und noch andere Personen annahm. Sie schnüffelten ihm nach (we dogg'd, der vielfach wiederholte technische Ausdruck der Zeugen) von Finsbury nach Long-Acre, wo er mit zwei Pferden ankam. Dort nahm er noch ein drittes mit und begab sich damit nach Westminster, wo er im Broadway im Wirthshause des Master Rowlet einkehrte und die Pferde in den Stall brachte.

Morrit, Bryan, Hill und die Andern faßten in einem Hause, dem Wirthshause gegenüber, Posto, um von hier aus die Ankunft und die Bewegungen der Räuber abzuwarten. Indessen überzeugten sie sich bald, daß der Wirth Rowlet drüben nicht in der Diebesgemeinschaft, sondern ein ehrlicher Mann sei. Sie vertrauten ihm ihren Zweck und er lud sie ein, zu ihm ins Haus zu kommen, wo sie in der Schenkstube besser Wacht halten könnten. Wenn es zum Drauflosgehen käme, wolle er ihnen redlich beistehen. Nach einer kurzen Berathung gingen sie in den Vorschlag ein und wachten die ganze Nacht durch.

Morgens um 8 Uhr kam Joseph Lindsey, ein Mann, von dem man wußte, daß er mit Spiggot und Phillips die Reitpartien auf den Straßen mitmachte. Einige der Policeileute wollten ihn sogleich festnehmen; die übrigen waren indeß der Meinung, dies könne sie am Einfangen der Andern hindern. So beschloß man zu warten, bis alle Drei zusammen wären.

Um 10 Uhr kamen Spiggot und Phillips und gingen sogleich darauf mit Lindsey in den Stall. Die Policeimannschaft mit dem Wirthe folgte ihnen.

Als die Räuber sich verrathen und eingeschlossen sahen, erfolgte ein verzweiflungsvoller Kampf. Der Wirth Rowlet, wie beleidigt über die Frechheit, daß die Highwaymen gerade sein Wirthshaus zu ihrer Herberge gemacht, packte voll Ingrimm Spiggot an. Er rang mit ihm, nach seiner eigenen Angabe, fast eine halbe Stunde. Da gelang es Spiggot, seine Pistole zu ziehen; er schoß den Wirth durch die linke Schulter und warf ihn nieder. Phillips drückte seine Pistole gegen den Policeimann Bryan los. Zum Glück versagte sie. Aber der Räuber warf sich auf ihn und schlug ihn nieder. Als Bryan wieder in die Höhe kam, sah er, wie der Wirth mit Spiggot auf dem Boden des Stalles rang und, blutend, nahe daran war, zu unterliegen. Spiggot's Degen war zur Hälfte aus der Scheide. Da griff Bryan, der sich frei gemacht, danach, zog ihn ganz heraus und wollte nach dem Rauber stoßen. Unglücklicherweise fehlte er aber in dem Gedränge und stieß einer andern Person in den Schenkel. Spiggot soll noch eine zweite Pistole abgeschossen, Phillips auch ein Musqueton losgedrückt haben, aber auch hier blitzte nur das Pulver von der Pfanne ab. Das Musqueton fand man mit drei Kugeln geladen. Der Wirth war endlich durch Hülfe Anderer losgekommen, Spiggot aber vertheidigte sich bis zuletzt wie ein Rasender und schwur, er wolle ihrer Tausend umbringen, ehe er sich ergebe. Endlich unterlagen die Räuber der Uebermacht und der blutige Kampf in dem engen Räume des Stalles hatte ein Ende.

Vielleicht auch durch Verrath; denn Joseph Lindsey ließ sich zuerst fangen und trat später als Königszeuge gegen seine Genossen auf.

Zugleich mit diesen beiden Anfällen wurde Spiggot noch eines dritten Raubanfalles auf offener Straße, den er in Gemeinschaft mit dem erwähnten Joseph Lindsey und einem William Burroughs verübt, angeklagt. Die ganze Schilderung, welche der Beraubte, Charles Sybbold, von den Manipulationen entwirft, ist für die Art des Verfahrens der Highwaymen charakteristisch.


Um Bartholomäus, am 25. August, ritt Master Sybbold mit seinem Bedienten auf der Straße nach Finchley-Common, er auf einem weißen, der Diener auf einem grauen Pferde. Drei Reiter sprengten in den Weg und hielten sie an. Der eine hielt den Diener zurück, die beiden andern nahmen den Herrn in ihre Mitte, zielten mit ihren Pistolen auf ihn und nöthigten ihn, abzusteigen. Lindsey nahm dem Pferde des Reisenden den Zügel ab. Die beiden Andern beraubten ihn in aller Schnelligkeit und zugleich, indem der Eine vom Kopfe anfing, ihn zu betasten und nach werthvollen Gegenständen zu suchen, der Andere von seinen Hüften abwärts. Sie waren zu gleicher Zeit mit ihrer Untersuchung fertig und ihre Beute waren 15 Guineen, etwas Silber und einige Schriften.

Sybbold erkannte Lindsey, der im günstigsten Lichte vor ihm stand, deutlich und erinnerte sich auch des Bestimmtesten seiner Stimme. Der eine Andere, wahrscheinlich Burroughs, trug eine lange Perrücke, deren beide Enden er in seinem Munde hielt. Der Dritte, wahrscheinlich Spiggot, hatte seinen Oberrock bis über das Kinn zugeknöpft.

Vor Gericht gestellt, wollten William Spiggot und Thomas Phillips sich auf die Anklage, trotz der überwiesenen Vorgänge im Stalle des Wirthshauses, nicht einlassen, weil – der Gerichtshof, nach altem Herkommen, ihnen vorerst die Pferde, das Geschirr, Geld und andere Dinge, welche ihnen bei ihrer Gefangennahme abgenommen worden, zurückgeben müsse.

Das Gericht erklärte, ihre Foderung könne ihnen nicht bewilligt werden, denn nach der Parlamentsacte König Wilhelm's und der Königin Maria, aus dem vierten und fünften Jahre ihrer Regierung erlassen, um zur Fangung der Highwaymen aufzumuntern, sei verordnet: daß männiglich, wer da fassen, greifen, verfolgen und kriegen sollte gedachte Straßenräuber, als Belohnung dafür überkommen solle zu seinem Lohne in den rechten Besitz und Genuß ihrer Pferde, Geräthschaften, Waffen, wie auch ihres Geldes, das bei ihnen gefunden worden; desgleichen auch derselbigen Gegenstände, welche irgendwo ihnen zu dem Behufe geliehen; unbeschadet jedoch des Rechts eines jeden Andern, dem zuvor diese Gegenstände schlechter oder räuberischer Weise waren abgenommen worden.

Die ältere Praxis der Highwaymen, die wir auch im vorigen Falle noch wiederfinden, bestand also darin, ihre Pferde zu miethen, in der Regel von stillen Complicen, welche sie im schlimmsten Falle vindicirten.

Die Vorlesung jener Acte, welche durch den Gerichtsclerk erfolgte, war umsonst. Die Gefangenen beharrten darauf, sich nicht einlassen zu wollen. Nachdem alle Vermahnungen nichts fruchteten, las man ihnen das Gesetz vor, welches die Behandlung solcher Gefangenen verordnete, welche stumm blieben oder durchaus die Einlassung auf die Klage verweigerten; voraussichtlich nur dann, wenn dringende Indicien oder Beweise, wie in diesem Falle, zu Tage lagen. Das Gesetz lautete:

»Daß der Gefangene zurückgeführt werde in das Gefängniß, von wo er kam, und dann gebracht in einen schlechten Raum, wo kein Licht eindringt, und dort gelegt werde auf den nackten Fußboden, sonder Unterlage, Streue oder Decke über ihn, und ohne irgend ein Kleidungsstück, außer etwas, um seine Schamtheile zu verhüllen. Hier solle er liegen auf seinem Rücken, den Kopf bedeckt, aber die Füße bloß. Einer seiner Arme soll dann gezogen werden mit einem Stricke nach der einen Seite des Gemaches und der andere Arm nach der andern Seite. Und seine Beine sollen gleicherweise gezogen werden. Dann soll auf seinen Leib gelegt werden so viel Eisen oder Stein, als er tragen kann, oder noch mehr. Und am ersten Tage soll er drei Stückchen Gerstenbrot erhalten, aber nichts zu trinken; und am zweiten Tage soll ihm erlaubt sein, so viel zu trinken, als er kann, zu dreien Malen, von dem Wasser, das zunächst der Gefangnißthür ist, nur nicht fließendes Wasser; aber er soll an dem Tage kein Brot haben. Und das soll seine Kost sein, bis er stirbt. Und Der, gegen welchen solcher Spruch ergangen, dessen Hab und Gut ist verfallen dem König.«

Als auch diese Vorlesung ohne Wirkung blieb, befahl man dem Executor, »wie es in solchen Fällen gewöhnlich ist«, den Gefangenen die Daumen zusammenzubinden und die Stricke so fest zu ziehen, als ihm möglich wäre. Das geschah augenblicklich; aber weder der Schmerz, noch alle Ermahnungen des Gerichtshofes brachten sie dazu, sich einzulassen.

Jetzt ward das Urtheil gegen sie ausgesprochen: sie sollten zu Tode gepreßt werden.

In Folge dieses Spruches wurden beide Verbrecher nach Newgate zurückgebracht. Man führte sie in das Preßzimmer. Thomas Phillips wurde bei dem Anblick unwohl. Er bat, man möge ihn vor die Schranken zurückführen, er wolle sich einlassen.

Spiggot blieb standhaft. Er ließ sich entkleiden, hinlegen, festschnüren und das Gewicht auflegen. Ehe er sich niederlegte, trat der Geistliche von Newgate noch einmal zu ihm und wandte seine ganze Ueberredungskunst an, ihn davon abzuhalten, daß er auf diese Weise einen so furchtbaren Tod sich selbst bereite. Dadurch beraube er sich ja selbst der Zeit, welche das Gesetz ihm zugestehe, um zu bereuen. Er antwortete: »Kommen Sie her, um für meine Seele zu sorgen, so nehmen Sie meinen Dank dafür. Kommen Sie aber meines Körpers wegen, so muß ich Sie bitten, mich zu entschuldigen; denn ich kann auch kein Wort weiter anhören.«

Als der Caplan zum zweiten Male in das niedrige Gewölbe zu ihm hinabstieg, fand er ihn auf der nackten Erde ausgespannt und 350 Pfund auf seine Brust drückend. Er kniete neben ihn hin und betete. Mehrmals fragte er ihn, weshalb er auch seine Seele durch solche hartnäckige Art des Selbstmordes auf das Spiel setzen wolle? Spiggot antwortete nur: »Beten Sie, beten Sie für mich!«

Zuweilen lag er still, fast ohne Athem, wie in Bewußtlosigkeit, dann aber athmete er wieder kurz und rasch auf. Zuweilen klagte er bitterlich, daß sie ihm eine so grausame Last gerade aufs Gesicht gelegt hätten, und doch war es nur mit einem dünnen Tuche bedeckt. Ja man legte es, auf seine Beschwerde, nachher leicht und hohl über seine Stirn, und doch klagte er aufs Neue, es erdrücke ihn. Vermuthlich eine Sinnestäuschung; die pressende Wucht auf Brust und Leib verursachte einen Blutandrang nach dem Kopfe, den er für einen äußern Druck hielt.

Eine halbe Stunde ungefähr blieb er trotzig und stumm. Als man aber noch 50 Pfund hinzufügte, so daß jetzt gegen 400 Pfund ihn zusammenpreßten, stöhnte er auf und bat, man möge die Last fortnehmen, er wolle vor Gericht antworten.

Nachdem die Gewichte fortgenommen und die Stricke durchgeschnitten waren, hoben ihn zwei Männer auf. Aber man mußte ihm etwas Branntwein in den Mund flößen, um ihn nur wieder so weit zu sich selbst zu bringen, daß er aufs Neue vor den Gerichtshof geschafft werden konnte.

Der Proceß war kurz. Drei Anklagen lagen vor, von denen der Erweis jeder einzelnen das Verdict und die Strafe, welche jede andere ausschließt, voraussehen ließ. Man scheint daher vor der Jury nur die erste Anklage, welche dahin lautete: »daß William Spiggot und Thomas Phillips den John Watkins auf der Landstraße angefallen, ihn in Furcht gesetzt (ein Ausdruck, welcher bei allen Anklagen gegen Highwaymen wiederholt wird) und ihm eine silberne Uhr und verschiedene andere Gegenstände im Werthe von 209 Pf. St. und 5 Pf. St. in baarem Gelde geraubt,« mit Ernst behandelt zu haben.

Der Beraubte, John Watkins, hatte die Räuber erkannt, die Policeibeamten und der Wirth Rowlet hatten sie im gefährlichsten Widerstande ergriffen und ihr Theilnehmer, Joseph Lindsey, der zum Königszeugen gemacht worden, bekannte die That, wie angegeben, als von ihm, von Spiggot, Phillips und noch zwei Andern, gegen welche die Anklage nicht lautete, vollbracht. Spiggot und Phillips hatten nichts Wesentliches zu ihrer Vertheidigung anzuführen. Die Jury sprach über Beide das Schuldig und das Gericht verurtheilte sie wegen beider Anklagen (John Watkins' und John Turner's Beraubung) zum Tode.

Auch gegen Heater war die Klage mit gerichtet. Aus den Aussagen der Zeugen ging indessen nur hervor, daß er dann und wann als Spiggot's Diener aufgetreten, Pferde besorgt und wiedergebracht und Sachen in seinem Hause, die er von ihm erhalten, verkauft habe. Spiggot und Phillips erklärten Beide, daß Heater ganz unschuldig an den Verbrechen gewesen und nur als ihr Commissionair bei der Anschaffung von Pferden gehandelt habe. In Ermangelung genügender Beweise ward er freigesprochen.

Während man den zweiten Klagepunkt wegen John Turner's Beraubung bei Tyburn vor der Jury fast ganz auf die Seite geschoben zu haben scheint, wurde dagegen der dritte, die Beraubung Charles Sybbold's bei Finchley-Common, vermuthlich, weil hier zu den zwei schon Verurtheilten noch ein dritter neu Angeklagter, William Burroughs, hinzukam, wieder mit Ernst vorgenommen.

Der Beraubte erkannte unter den Räubern nur Joseph Lindsey mit Bestimmtheit. Die andern Beiden seien schlanke Männer gewesen, doch wolle er nicht darauf schwören, daß es dieselben wären, welche ihm vorgestellt wurden. Spiggot und Phillips leugneten, obgleich schon zum Tode verurtheilt, daß sie das Geringste von der Sache wüßten. Aber Joseph Lindsey trat auch hier als Königszeuge auf und erklärte, daß er mit Spiggot und William Burroughs den Raubanfall in der Art, wie ihn Charles Sybbold erzählt, ausgeführt habe. Nur Das hatte er erst durch die Aussage des Beraubten erfahren, daß demselben 15 Guineen genommen worden, indem Spiggot nur 6 Stück gefunden haben wollte und demnächst zur Theilung gebracht hatte.

Für Burroughs' Mittheilnahme sprach außer Lindsey's Zeugniß noch ein anderer Umstand. Lindsey's Frau kam, am Tage nach dem Raubanfall auf Sybbold, erschreckt zu Burroughs' Bruder gelaufen und erzählte ihm, daß Jener am frühen Morgen mit ihrem Manne von der Landstraße in einem furchtbaren Zustande heimgekehrt sei. Er rede irr und geberde sich wie ein Rasender. Der Bruder fand dies bestätigt; er mußte William Burroughs in das Haus seiner Mutter nehmen und bewachen lassen. Später war er nach Bedlam abgeliefert worden.

Die Jury sprach das Schuldig, das Gericht das Todesurtheil über Spiggot und über William Burroughs aus. Beides ohne Wirkung; Jener war schon zum Tode verurtheilt, Dieser wurde für wahnsinnig erklärt.

Thomas Phillips war etwa 33 Jahre alt. Nie zur Schule angehalten, war er früh zur See gegangen und hatte in den berühmten Gefechten der englischen Marine im Mittelländischen Meere unter dem älteren Bing gedient. Er war einer der verwegensten Highwaymen seiner Zeit und setzte etwas darein, seine kühnen Streiche und Ruchlosigkeiten zu erzählen. Einst, in der Nacht gegen 10 Uhr, wollte er mit Spiggot einen Zug von mehren Wagen angehalten und geplündert haben. Sie hätten dabei gegen hundert Passagiere herausgerissen, gebunden und sie der Reihe nach auf der Landstraße hingelegt.

Mit gleicher Ruchlosigkeit benahm er sich während seiner Gefangenschaft und bis zu seiner Hinrichtung. Der Geistliche hatte nicht die geringste Einwirkung auf ihn. Während die andern Gefangenen beteten und christliche Lieder sangen, sang er schmuzige Balladen. Ja, er war so herausfordernd in seiner Ruchlosigkeit, daß er es nicht dulden wollte, daß die Andern sich mit Vorbereitungen zum Tode beschäftigten. Er lachte sie aus, tobte, rasselte mit den Ketten, schlug um sich, brach in die gräßlichsten Flüche aus und trieb einen so abscheulichen und schmuzigen Hohn mit einigen der Schwächern unter ihnen, daß sie endlich Alle bei ihren Aufsehern mit der Bitte einkamen, Phillips von ihnen zu entfernen. Auch dies bändigte seine freche Tobsucht nicht. Noch unter dem Galgen erklärte er: er fürchte den Tod ganz und gar nicht, denn er sei ganz versichert, daß er in den Himmel komme!

William Spiggot war etwa 29 Jahre alt, gleichfalls von geringem Herkommen und sollte als Lehrling bei einem Tischler sich in seiner Jugend gut aufgeführt haben. Wie er zum Räuber wurde, ist uns nicht aufbewahrt. Er hatte sich früh verheirathet und bei seinem Tode lebten drei Kinder von ihm, von denen die älteste Tochter schon acht Jahre alt war. Wie er die Qualen der Presse bis auf einen bestimmten Moment überstand, ist schon oben erwähnt, auch daß er doch einigermaßen hier auf die Zusprüche des Geistlichen hörte. Er war aber von da ab äußerst schwach und blieb zwei Tage lang sprachlos. Er verlangte nach dem Abendmahl und glaubte die Execution nicht erleben zu können. Doch gewann er seine Kräfte nothdürftig wieder und war von nun ab ganz Hingebung gegen die Ermahnungen des Seelsorgers.

Befragt, weshalb er bei dieser guten Gesinnung doch so lange und zu seinem eigenen Schaden verstockt geblieben und die Qualen der Presse ertragen habe, gab er zwei Gründe an. Einmal, damit man seinen Kindern nicht den Vorwurf machen könne, ihr Vater sei am Galgen gestorben. Dann aber, damit Joseph Lindsey nicht den Triumph habe, sagen zu können, er sei es gewesen, der ihn nach Tyburn geschickt. Gegen Lindsey war er aufs Heftigste erbittert; »denn,« sagte er, »ich wurde einst verwundet und war in Lebensgefahr um ihn. Ich hatte Alles daran gesetzt, ihn zu retten, als er nahe daran war, gefangen zu werden, und nun tritt er freiwillig gegen mich als Zeuge auf!«

Zuweilen drückte er den Wunsch aus, daß er doch unter der Presse gestorben wäre; denn er wäre da in eine Art Schlummer verfallen und hätte dann kaum ein Gefühl von der Pein und dem Drucke gehabt. In andern Augenblicken war er aber wieder froh, daß es nicht so gekommen; denn er wäre alsdann als ein hartnäckiger Sünder gestorben, ohne Buße und Reue. Nie erinnerte er sich, in seinem Leben eine Thräne vergossen zu haben, bis auf den Augenblick, als er nach der Verurtheilung von seinem kleinen Sohne Abschied nahm. Auch im Zustande seiner Reue konnte er nicht weinen, meinte aber doch, diese sei so aufrichtig, als die Anderer, welche in Thränen zerflössen.

Alle seine Räubereien und Thaten auf der Landstraße aufzuzählen, hielt er für ganz überflüssig, wenn er sich auch aller wirklich entsinnen sollte. Es möchten so gegen hundert gewesen sein. Sein Hauptschauplatz war die Hounslowreich gestreift und nannte noch Mehre (wie die schon erwähnten Tysen und Coltis), welche zu ihrer Bande (to their gang) gehört, aber noch nicht ergriffen wären. Ueber das Wesen und den Zusammenhang dieser Banden, was uns von Wichtigkeit wäre, ließ er sich nicht aus, oder man hielt es nicht für werth, Das niederzuschreiben, was Allen damals bekannt war.

Spiggot und Phillips wurden am 8. Februar 1721 zu Tyburn gehenkt.

Joseph Lindsey, der Königszeuge, kam mit dem Leben davon, ward aber später nach Amerika transportirt. Gern hätten wir über sein Leben mehr erfahren, denn dieser Highwayman war seines Standes ein Geistlicher und hatte in Cambridge studirt.

2

Gentlemen-Highwaymen. Hawkins und Simpson.

1721 – 1722

Die ersten Zeiten der Regierung des Hauses Hannover scheinen die goldenen Zeiten für den cultivirtern Straßenraub durch berittene Freibeuter gewesen zu sein. Die Policei der Regierung hatte ihr Auge auf andere Dinge, und oft mögen die gewitzigtern Räuber vor sich oder Andern ihr Geschäft in ein politisches Gewand zu kleiden versucht haben. Aus früherer Zeit sahen wir eben ein solches Beispiel im Capitain James Hind. Auch in der Zeit, von der wir reden, gaben sich die Gentlemen unter den Highwaymen gern für heimliche Anhänger der Stuarts aus, und waren es insofern auch de facto, als sie in directer Opposition mit der Regierung standen. Beispiele daß auch Männer aus gebildetem Stande, Söhne angesehener Familien, Offiziere, ja Geistliche, wie wir sahen, sich unter die Reihen dieser flüchtigen Wegelagerer mischten, oder gelegentliche Streifzüge machten, kommen nicht selten vor. »Die londoner Spielhäuser,« sagte ein Räuber in seinem Bekenntnisse, »das sind die wahren Nester und Schulen unserer Highwaymen.« Meist war es Noth, der wilde Ausbruch der Verzweiflung, zuweilen eine Phantasie; man sah es für ein gewagtes Spiel an. Die einsamen Landstraßen, die Haiden, Nebel und Nacht, Masken vor dem Gesicht, schnelle Pferde und die über das ganze Land zerstreueten Diebesherbergen ließen das Spiel nicht für allzu gefährlich erscheinen. Der Gentleman, der in Dürftigkeit gerathen war, hatte nichts zu thun, als zu sehen, wie er sich ein Pferd und Pistolen verschaffe. Ein trüber Tag, eine entfernte Gegend und eine Kutsche ohne Bedeckung, mehr gehörte nicht zur Ausführung. Die Schlinge stand freilich darauf; es gab aber viele Mittel, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, im schlimmsten Falle das, an seinen Cameraden zum Verräther zu werden und als Königszeuge gegen sie aufzutreten.

Der leichte Gewinn lockte ebenso wie der Ruhm, den kühne und glückliche Highwaymen sich erwarben. Sie waren, wie es sich bei ihrem Gewerbe von selbst versteht, nie geizig mit dem Erworbenen, sondern Verschwender. Die Meisten, dem Spiele ergeben, vergeudeten darin ihre Beute so schnell, als sie gewonnen war. In ihren Gelagen, beim Trunk rühmten sie sich ihrer Thaten. Unter den zweideutigen Gesellschaftern, vor denen das geschah, waren sie gewiß, daß Niemand als ihr Angeber auftreten werde, es sei denn selbst um Gewinnstes willen. Eher wirkte die Erzählung verführerisch. Für die That hatte die Gaunersprache schmeichlerische Ausdrücke: »Wir gehen einen Gang machen.« Von Jemand, der auf einen Raub ausging, hieß es: »Er hat sich aufgemacht (he has turned out).«

Geschlossene, durch Eidschwur verbundene Banden scheinen nicht existirt zu haben; noch weniger eine Art monarchische Verfassung. Aber die verdächtigen Gesellen kannten sich und gesellten sich zu einander; mehrere genossen eines weitverbreiteten Ruhmes, und man hielt sich auf Zeit zusammen oder verband sich zu einzelnen Abenteuern. An Spürhunden fehlte es nicht. Es waren die jungen Anfänger, welche ihren Lohn vorher oder nachher erhielten, und die Schenkwirthe, welche durch Diebeshehlerei und Beherbergung der Räuber wahrscheinlich immer den Hauptvortheil davon trugen. Es kommt vor, daß Highwaymen Postillone und Postkutschen anfielen, nicht sowol um sie zu berauben, als um aus ihren Briefschaften Nachrichten zu schöpfen, wann und wo ein Reisender mit guter Baarschaft des Weges ziehen würde. Andererseits brauchte man, bei der notorischen Unsicherheit der Straßen, seltsame Mittel, sich zu helfen. Man bewaffnete sich nicht, nahm aber möglichst wenig Geld mit. Ein Beraubter erzählt, daß er die paar Schillinge und Pence, die er mitgenommen, in Papier gewickelt und mit einem Knoten in die seidene Börse geschlungen habe, damit die Räuber es für Geld hielten und ihn dann höflicher behandelten. Die gewöhnliche Art des Angriffs ersieht man aus den vorigen Fällen. Auf die vorgehaltenen Pistolen mußte der Reiter vom Pferde steigen. Einer nahm dem Pferde Zaum und Gebiß ab und ließ es frei laufen, damit der Beraubte am Nachsetzen verhindert werde. Am Wege gefundenes Pferdegeschirr und ein frei umherlaufendes Pferd waren die sichersten Anzeichen, daß ein Straßenraub in der Nähe begangen war. Die Andern theilten sich in die Arbeit des Durchsuchens und Beraubens, um schneller damit fertig zu werden. Man nahm aber in der Regel nur werthvolle, leicht einzulösende Gegenstände. Seiner Kleider beraubt und ausgezogen wurde der Reisende nur in Ausnahmsfällen; Kleider können zu Verräthern werden, und für einen Gentleman-Highwayman schickte es sich nicht, wie der gemeine Fußräuber zu plündern. In der Nacht wurde gewöhnlich die Diebeslaterne gebraucht; man hütete sich, das eigene Gesicht dabei dem Beraubten zu zeigen, wenn man nicht etwa Masken auf hatte. Oft flogen die Reiter heran, ihre Schnupftücher im Munde und die Perrücke immer tief ins Gesicht gezogen. Ein Eid, die Räuber nicht zu verrathen, ward nicht gefordert; doch brauchte man furchtbare Drohungen. Die Highwaymen hüteten sich, Blut zu vergießen; sie wollten nur durch den Schreck wirken. Obgleich die Wirkung vor dem Gesetze dieselbe war, war es doch oft der Stolz des verhärtetsten Bösewichts, daß er nie einen Mord begangen habe. Doch soll ein Highwayman einer Frau die Zunge ausgeschnitten und über die Hecke geworfen haben, als sie im Wagen so unvorsichtig war, zu äußern, sie habe ihn erkannt. Wenn die Reisenden aus der Kutsche herausfeuerten, ward wol auf sie geschossen. – John Hawkins, einer der berühmtesten Highwaymen jener Zeit, von einer Art chevaleresken Sinnes und Benehmens, dessen Spießgesellen auch fast immer Gentlemen waren, griff einst einen Reisewagen an, in welchem ein General und sein Diener saßen, und als diese in der erwähnten Art sich vertheidigten, feuerte er mit der Pistole hinein, in der Absicht, den Herrn zu treffen, erschoß aber den Bedienten. Diese That gereute ihn sein ganzes Leben hindurch. So oft er mit Geistlichen zusammenkam, stellte er ihnen die Frage, ob Der ein Mörder genannt werden könne, der in der Absicht, seinen Gegner niederzustrecken, einen Dritten, den er nicht im Sinne gehabt, tödte, und war sehr unzufrieden, wenn die Geistlichen versicherten, Der sei doch ein Mörder. Hawkins behauptete, zum Morde gehöre eine bestimmte Absicht und ein bestimmtes Object, die hier nicht zusammenträfen. Abfindungen zwischen Räubern und Beraubten kommen vor. Wenn der Reisende Pretiosen von besonderm Werth hatte, versprach man ihm, gegen eine Einlösungssumme dieselben zurückzuerstatten.

Die Highwaymen waren das Product oder der böse Ausfluß der damaligen socialen Zustände; zerrütteter politischer Verhältnisse nach der Vertreibung der Stuarts, welche ihre Hoffnungen noch nicht aufgegeben hatten; einer kühnen Abenteuerlust, welche in den glücklichen Unternehmungen englischer Piraten in den öffentlichen oder Privatseekriegen neue Nahrung fand; einsamer Landstraßen, verdächtiger Herbergen, deren Wirthe noch den Fluch der römischen caupones trugen, und einer Polizei, deren Uebergriffe in das Privatrecht und die individuelle Freiheit argwöhnisch von dem freien Engländer beobachtet wurden. Das kleine Uebel, daß Einzelne beraubt wurden, ertrug man lieber, als daß man zu dem größern Uebel einer allgemeinen Beaufsichtigung, welche zur allgemeinen Unterdrückung führen konnte, dem Staate gern Mittel in die Hand gegeben hätte.

Dennoch wurde das Uebel lebhaft empfunden. Die Strenge der Gesetze bei der Bestrafung schaffte keine Abhülfe. Ein Highwayman sagte vor seiner Hinrichtung: »Wenn ich nach mir auf Andere schließen soll, so glaube ich, daß die Hinrichtung der Uebelthäter auf ihre alten Cameraden keine Wirkung hat. Auch schreckt sie Andere nicht zurück, die noch nichts begangen haben. Ich selbst war oft am Galgen, wenn Einer gehängt wurde, aber ich weiß nicht, daß ich mich jemals dabei sehr unbehaglich gefunden hätte, oder daß mir eine besondere Furcht vor dem Tode aufgestiegen wäre.«

Man erließ jene Edicte zur Begünstigung Derer, welche bei Einfangung von Highwaymen sich thätig bewiesen, und zugleich zur Abschreckung Derer, welche ihnen durch Leihen von Pferden und Waffen behülflich waren. Aber es scheint nicht, als ob diese Acte von besonderer Wirkung gewesen seien; denn man findet fortwährend, daß die Highwaymen sich fremde Pferde, wahrscheinlich für schwere Bezahlung, zu verschaffen wußten, die sie dann auch redlich ablieferten.

Die Obrigkeit bediente sich daher eines andern Mittels, eines traurigen Mittels, was aber in vielen Criminalprocessen in England noch heute angewandt wird, der Bestechung eines der Complicen durch dessen Begnadigung, damit er gegen die andern als vollgültiger Zeuge auftrete. Unser Pitaval hat über dieses Verfahren der Königszeugen schon bei Anlaß der Processe »Barthelemi Roberts und seine Flibustier« und »Eugen Aram«Siehe Theil IV gesprochen. Was gegen die Immoralitat eines solchen Mittels zu sagen ist, ist so klar, daß es nicht ausgesprochen werden darf; aber es ist in vielen Fällen für die englische Justiz das einzige Mittel, Verbrecher zu überführen, von deren Schuld man überzeugt ist, gegen die aber formelle Beweise fehlen, und die in den starren Formen der englischen Gesetzgebungen überall Winkel finden, sich zu verstecken, Pfeiler, an die sie sich halten können.

Die demoralisirende Wirkung erstreckte sich zunächst auf die Verbrecherkreise selbst. Das Vertrauen unter ihnen hörte auf; denn wer war seines besten Freundes sicher, desselben, mit dem er hundert Raubthaten begangen, dem er das Leben oder der auch vielleicht ihm das Leben gerettet hatte, daß er nicht im Augenblicke der Todesangst, beim Schwimmen auf dem letzten Brette, um sich zu retten, nach dem Naturgesetz den Freund hinunterstieß?

Ein Mann war in einem Anfalle von mehren Raubgesellen erschlagen worden, Jonathan Wild, selbst ein Diebeshehler und Diebeskuppler, damals in Verbindung mit der Policei, ein berühmter Charakter seiner Zeit, dem wir vielleicht später einen eignen Artikel widmen. Wild munterte einen Dieb, dem er wohlwollte und der dabei gewesen, James Reading, auf, daß er Isaak Draw und James Shaw als Hauptthäter des Raubes und Mordes angebe, um vielleicht, als Lohn dafür, zum Königszeugen angenommen zu werden. Leider war schon ein anderer Spitzbube, Burridge, eben so klug, aber schneller gewesen und hatte James Reading wegen eines andern Raubes angegeben, wofür er als Zeuge gegen Reading zugelassen war. Jonathan nahm hierauf den obengenannten Draw und John Dykes, die beim Morde thätig gewesen, gefangen. Jeder von diesen bot sich an, gegen den Andern zu zeugen. Dem Draw gelang es, zugelassen zu werden, und Dykes ward auf sein Zeugniß verurtheilt. Als Shaw gefangen war, bot er sich sogleich an, gegen Draw zu zeugen; aber Draw war wieder geschickter, kam ihm zuvor und klagte Shaw an. »Denn,« sagte er, »da gibt's keinen andern Ausweg; wenn er nicht hängt, so muß ich hängen.« Als der Constabler Shaw fragte, ob er sich denn nicht retten gekonnt, indem er sich zum Zeugen anbot? antwortete er: »Der lange Isaak hat ja schon gegen mich geschworen, und er muß mich wol hängen, weil ich ihn sonst gehängt hätte.«

Die alte ritterliche Lust, allein auf einen Gang auszuziehen, war seltener geworden. Gewöhnlich fanden sich zwei altbewährte Highwaymen zusammen, oder die Erprüften nahmen Neulinge an, welche sich die Sporen verdienen sollten. Immer also war ein Zeuge da für den schlimmen Fall. Die Erfahrung scheint aber gelehrt zu haben, daß die Gefahr für den alten Highwayman, von dem Neuling verrathen zu werden, geringer war, als die für den Novizen von Seiten des Experten. Jener war durch die eine That auf immer an seinen Lehrer gefesselt; er konnte ihn zwingen, auf der Laufbahn des Verbrechens fortzugehen, unter der Drohung, ihn anzugeben, als Zeuge wider ihn aufzutreten; und wenn er das nicht selbst mochte, so übernahm es einer seiner Spießgesellen. So gingen Viele in ihr Verderben, denen ihr Gewissen später lebhaft schlug. Wir finden unter den Highwaymen viel junge Seeleute, die, rastlosen Sinnes, auch auf dem Lande etwas wagen wollten. Nach der That befällt sie die Reue, sie verbannen sich selbst außer Landes, kehren nach langen Jahren zurück, um ein neues Leben, einen ehrlichen Erwerb anzufangen. Sie verheirathen sich, werden zärtliche Ehemänner, gute Väter; sie verbergen sich auch vielleicht unter einem fremden Namen, aber das Auge ihrer ältern Spießgesellen sieht scharf. Man droht ihnen mit der Angabe, denn das alte Indictment gegen sie schwebt noch, und sie müssen sich entschließen, auf neue »Gänge« mit ihnen auszugehen. Ergriffen, werden sie von ihren Verführern und Peinigern verlassen und diese treten als Königszeugen wider sie auf. Rührende Züge von inniger Gatten- und Kindesliebe entfalten sich neben denen einer entmenschten Ruchlosigkeit. Der Räuber duldet unter den Qualen der Presse, um nicht den Fluch des Galgens auf seine Kinder als Hinterlassenschaft zu bringen. Ein anderer läßt sich unter einem falschen Namen für ein Verbrechen, welches er nicht beging, schuldig sprechen und hinrichten, damit Weib und Kind nichts von seinen wahren Verbrechen erfahren sollen. Stoff die Fülle zum craß Romanhaften, dessen sich die ältere englische Novellistik denn auch bemächtigt hat. Der Mann, der als Familienvater in Sitte und Ehren lebt, nur dann und wann geheimnißvoll abwesend, zerstreut, finster, schweigsam, wenn er wiederkehrt, und der die Zwischenzeit zu einem nächtlichen Gange benutzt hat, den seine rohen Spießgesellen alsdann aufsuchen, ängstigen und bedrohen, der in ewigem Zittern und von der Reue unterwühlt lebt, ist daher kein Phantasiebild der Dichter, sondern in seinen Grundzügen aus den Criminalacten von Newgate und Old-Bailey geschöpftBei den bußfertigen Sündern scheint meist, wenigstens nach den Berichten der Seelsorger, die Gnade in den letzten Augenblicken zum stärksten Durchbruch gekommen zu sein. Von einigen hat man Verse aufbewahrt, welche sie vor ihrem Tode gedichtet, die freilich in der Poetischen Würdigung etwas verschieden von denen Eugen Aram's sind. Hier zur Charakteristik derselben ein versificirtes Gebet, welches ein vielfach genannter Highwayman, William Burridge, vor seinem Tode aufsetzte:

O himmlischer Vater, lieber Gott!
Blick' auf mich gnädig nur,
Der vor dir liegt in Sünd' und Roth,
Elend'ste Creatur!

Gieß aus in die betrübte Brust
Von deinem Gnadenöl,
Damit von schnöder Sündenlust
Frei werde meine Seel'.

Ach! diese Seele, tief gedrückt
Von Jammer, Noth und Pein,
Demüthig auf die Bitte schickt,
Du mög'st barmherzig sein!

Ich unterließ, was Gott gefällt,
Und that, was mir gefiel;
So irrt', im Dienste dieser Welt,
Ich lange ab vom Ziel.

Nun seufze ich und schluchze sehr
Und klage Tag und Nacht,
Daß ich mein Leben so vorquer
Und schändlich zugebracht.

Laß aufersteh'n die sünd'ge Seel',
Nicht mit dem Leibe todt!
Ich sing' dein Lob mit voller Kehl
Bis an das Morgenroth.

.

Die demoralisirende Wirkung erstreckte sich aber noch weiter. Durch dies Verfahren, unter den Schuldigen einen herauszugreifen, der für seine Losgebung zum Ankläger und Verderber der andern wurde, entspann sich ein Spionirsystem und eine Speculation, welche möglicherweise zu einer moralisch noch größern Niederträchtigkeit führte, als das Verbrechen selbst es war. Die schlimmsten unter den Raubgesellen standen im Dienste oder doch in nächster Verbindung mit der Policei. Sie waren von allen ausgeführten und auszuführenden Raubanfällen unterrichtet; die Gefängnisse waren damals, wie sie es jetzt sind – und nicht in England allein – die geheimen Bureaus, wo man Alles erfuhr, was man erfahren wollte, wenn man den rechten Schlüssel hatte. Ein gewitzigter Policeibeamter mußte unter den gewitzigsten Spitzbuben seine Vertrauten haben. Diese aber handelten in doppelter Gestalt. Sie sahen sich das Unternehmen an, ob es einträglich war, und machten es dann als Diebe mit; schlug es fehl, so machten sie die Angeber, hatten nur im Dienste der öffentlichen Sicherheit gehandelt und traten, wenn es sein mußte, als Königszeugen auf.

Daß sich auf diesem Wege eine der gefährlichsten und ruchlosesten Verbrecherclassen entwickeln mußte, ist leicht begreiflich. Auch Frankreich hat noch jetzt seine Vidocqs, in Italien wurden die ärgsten Banditen zu päpstlichen Gensdarmen und Carabiniers; in England scheint aber von diesen Bösewichtern zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ein förmlicher Handel mit Verbrechen getrieben worden zu sein. Wenn ein Mann von Ansehen angefallen, ein bedeutender Straßenraub begangen worden, so wußte die Policei in den meisten Fällen, an wen sie sich zu halten hatte. Der Vermittler wußte um die That und hatte immer Schuldbewußte zur Hand, die vor jeder Anklage zittern mußten; denn sie waren berüchtigt und hatten wirklich begangene, noch unbestrafte Verbrechen hinter sich, wenn auch nicht gerade das in Frage stehende. Das war der Moment für jene Schurken, ihre Wichtigkeit zu zeigen und Vortheil zu ziehen. Sie warfen Namen hin und ließen sich von den Genannten schwer bezahlen, um die Namen wieder fallen zu lassen. Und die Gerichtsacten, die uns aufbewahrt sind, lassen es außer Zweifel, daß durch diese Machinationen Personen verurtheilt wurden und um ihr Leben kamen, welche an dem fraglichen Verbrechen gewiß keinen Antheil hatten.

Und dennoch sprach die Jury kein ungerechtes Urtheil, denn ihrem Spruche verfielen nur Solche, die, schon sonst als Knechte der Sünde bekannt, ein anderes Schuldbewußtsein in ihrer Brust trugen. Daß die Commissionaire der Policei indessen nur Solche auswählten, auf die sie einen Groll trugen, oder die ihnen selbst gefährlich werden konnten, und daß dieses Schicksal oft die minder verhärteten Bösewichter traf, scheint ebenso gewiß. Ainsworth hat in seinen von Kerkerluft, Cloakenschmutz und Folterqualen dunstenden criminalistischen Romanen mehre Gestalten aus dieser Zeit zu seinen Helden erwählt und sein Jonathan Wild u. a. sind leider keine Erfindungen einer ausgebrannten Phantasie. Aus der Wirklichkeit schöpfen wir aber den Trost, daß auch diese Verbrecher ihrer Bestrafung nicht entgingen. Ihrer Natur konnten sie, so wenig als der purificirte Vidocq, nicht widerstreben. Sie verfielen immer wieder, bei jeder günstigen Gelegenheit, in die alte verbrecherische Thätigkeit und endeten am Galgen.

Die Criminalberichte von 1720 bis 1723 bilden ein schaudervolles Continuum von immer wiederkehrenden Verbrechen und Personen, wonach der Zustand der englischen Straßen um diese Zeit in der Wirklichkeit ärger war, als ihn die Dichtung nur erfinden konnte. Nur fehlt diesen Thaten und diesen Individuen der rothe Faden, welcher die Wirklichkeit zu einer höhern Wahrheit erhübe. Wir theilen indeß in dem Nachfolgenden die Processe einiger Highwaymen aus den höhern Ständen mit, welche zu dieser Zeit das meiste Aufsehen und die meiste Theilnahme erregten, und lassen ihnen zur Vervollständigung die Selbstbekenntnisse eines ihrer Complicen folgen.


Die Reitpost von London nach Bristol wurde Montag den 16. April in der frühen Morgenstunde angefallen. Der junge Postillon hatte schon früher zwei verdächtige Reiter hinter sich gesehen und war deshalb froh, als ein anderer junger Mensch, den er kannte, auch des Weges geritten kam und sich ihm anschloß. Um sich Muth zu machen, stieß er lustig ins Horn. Dies hinderte indessen nicht, daß er beim Dorfe Colnebrook von zwei Reitern, welche ihre Perrücken und Hüte tief im Gesicht trugen und ihre Schnupftücher im Munde, überfallen und sammt seinem Gefährten abwärts hinter die Hecken geführt wurde. Ein dritter Highwayman, gleichfalls zu Pferde, blieb als Wächter in der Entfernung. Der Postillon und der andere junge Mensch mußten absteigen und Jener wurde von den Räubern scharf inquirirt, ob er nicht der Postillon sei, welcher vor kurzem als Zeuge gegen einen berüchtigten Highwayman, der eine andere Post beraubt, aufgetreten und dadurch dessen Verurteilung und Tod bewirkt habe. Er konnte es mit gutem Gewissen leugnen. Dennoch band man ihn und seinen Gefährten, mit den Händen auf dem Rücken, an einen Baum im Graben und untersuchte Beider Taschen. Die Räuber fanden nur ein paar Schillinge, welche sie verächtlich zurückließen. Dagegen ritten sie mit den Pferden und dem darauf befindlichen Gelde und Brieffelleisen fort.

Dem Postillon und dem Andern gelang es nach einiger Mühe, sich zwar vom Baume loszumachen, nicht aber Einen vom Andern, und sie mußten sich so, den Rücken einander zugekehrt, bis zum nächsten Dorfe schleppen, wo sie Lärm machten. Später fand man hinter den Hecken mehre der Briefe, das Felleisen, die losen Pferde und kam auch, nach der Beschreibung, welche die Beraubten mehr von dem Aussehen der Pferde der Räuber als von diesen selbst entwarfen, den Thätern auf die Spur.

Ralph Wilson, ein junger Mann von feinem Aeußern, wurde ergriffen und, um sein Leben zu retten, erbot er sich zum Königszeugen und machte die vollständigste Anzeige über das begangene Verbrechen, wie auch über die Mittel, seine andern Raubgehülfen zu ergreifen. Es waren dies John Hawkins und George Simpson, schon verdächtig wegen ihres Lebenswandels, besonders der Erstere. Aber als ein Gentleman von vornehmem Wesen hatte er sich bisher allen Verfolgungen zu entziehen gewußt.

Nach Ralph's Aussage hatte er mit den beiden genannten Herren schon seit längerer Zeit darüber berathschlagt, ob man nicht einmal eine Post anfallen solle; nur war man unschlüssig gewesen, welche Post die meiste Aussicht auf einen reellen Vortheil verspreche, bis man sich für die Bristol Mail entschied. Die drei Reiter waren die Nacht durch auf der Landstraße hin und her getrabt, hatten vor den Wirthshäusern auf den Pferden ihr Abendbrot und andere Erquickungen eingenommen und zugleich Erkundigungen eingezogen. Alsdann war der Raubanfall in der erzählten Weise vor sich gegangen, bei welchem indessen Hawkins, weil er, als sehr corpulent und groß, am meisten der Gefahr, erkannt zu werden, ausgesetzt war, zurückblieb und den Wächterposten übernahm. Darauf waren die drei Highwaymen, nachdem sie auf abgelegenen Wegen im unsichern Lichte der Morgendämmerung eine vorläufige Untersuchung der Effecten angestellt und die werthlosen Packete und Briefe ins Felleisen gestopft und über die Hecken geworfen, die anscheinend werthvollen aber in zwei andere Felleisen, die sie mitnahmen, verschlossen, auf Umwegen nach der Stadt zurückgeritten. In einem Wirtbshause der Vorstadt erquickten sie sich durch einen Glühwein, ließen hier ihre Pferde zurück und fuhren mit einer Landkutsche nach einem andern entfernten Wirthshause der Stadt, wo sie sich ein besonderes Zimmer, Schreibzeug und Licht geben ließen. Hier wurden die Briefschaften und Packete näher untersucht, etwa 100 Pf. St. Banknoten herausgenommen und Alles, was sonst verrathen konnte, beim Licht im Kamin verbrannt.

Ralph Wilson, nachdem er einige Tage darauf gefangen war, gab den Ort, wo man Hawkins und Simpson finden könne, richtig an, Abends zwischen 8 und 9 begaben sich die Constabler in das Haus der Hebamme Bowen. Ein Mädchen fragte ängstlich, was sie wollten? – »Keine Angst!« rief man ihr zu. »Zünde ein Licht an! Wir kommen nur, nach gestohlenen Sachen zu suchen.« Aber oben hörten die Spießgesellen das Gespräch und riefen die Treppe hinunter: »Auch keine Angst! Wir sind die Männer, die Ihr sucht. Nur zu! Aber der Erste, der rauf kommt, ist ein todter Mann.« – Die Constabler riefen: »Schießt nur! Wir werden's Euch wiedergeben.« Es kam nicht zum Gefecht. William Hawkins, John Hawkins' Bruder, spielte den Vermittler. Er überredete die Beiden, sich zu ergeben, da jeder Widerstand umsonst wäre, und war der Erste, der herunterkam und sich ergab. Als sie erfuhren, daß sie auf Wilson's Angabe gefangen wurden, rief John Hawkins: »Steht's so, ja dann sind wir todte Leute. Aber besser, sein Leben lassen, als es auf so niederträchtige und infame Weise retten wollen, wie der Schurke Wilson!«

John Hawkins und George Simpson standen vor den Geschworenen. Die Beweise gegen sie waren Wilson's vollständige Denunciation, die Angabe des Postillons und seines Gefährten, welche, ganz mit der Wilson's übereinstimmend, zwar die Personen beider Highwaymen nicht bestimmt recognosciren konnten, doch aber in vielen Nebenumständen, als der Farbe und Gestalt der Pferde, mit den andern Indicien stimmten; die Aussagen der Wirthe und deren Stallknechte auf dem Wege, wo die Räuber Nachts eingekehrt waren und Erkundigungen eingezogen hatten, und endlich die Zeugnisse der Constabler über die Umstände bei der Gefangennahme.

John Hawkins suchte ein Alibi nachzuweisen; es gelang ihm aber nicht. Mit mehr Grund sprach er gegen Wilson's Glaubwürdigkeit, der notorisch in dem schlechtesten Rufe stehe, selbst zugebe, den Raubanfall begangen zu haben und außerdem wegen mehrer Raubanfälle angeklagt sei. Auch die Politik wurde hervorgerufen, Wilson habe im öffentlichen Bierhause einen Geistlichen der hohen Kirche eine Satansbrut genannt, auf die Gesundheit des Teufels und den Untergang König Georg's getrunken und König Jakob III. (dem Prätendenten) alles Heil gewünscht, ja erklärt, wenn es ins Feld ginge, wolle er mit ihm losschlagen gegen König Georg. Man erklärte, es sei ganz unglaublich, daß Jemand solche gefährliche Ausdrücke sich öffentlich erlauben sollte. Der Oberrichter, Lord Montague, aber erwiderte: »Daß Wilson ein schlechter Charakter ist, ist außer Zweifel, und sein eigenes Zeugniß bekundet es. Dennoch ist er ein legaler Zeuge. Die Weisheit der Gesetzgebung fand es nöthig, auch die Zeugnisse von Mitschuldigen zuzulassen, ohne die es in vielen Fällen unmöglich wäre, namentlich bei Raubanfällen, die Schuldigen zu entdecken und zu überführen. Uebrigens seid Ihr nicht auf sein Zeugniß allein, sondern in Uebereinstimmung desselben mit vielfachen Anzeigen und Aussagen bisher glaubwürdiger Männer angeklagt.«

Hawkins berief sich auf den Stand, den er in der Gesellschaft einnehme, und auf seinen guten Ruf und brachte in dieser Beziehung allerdings mehre zu seinen Gunsten sprechende Zeugnisse vor. Seine Erscheinung war die eines Gentleman; er trug sich in der feinsten, elegantesten Kleidung, ebenso Simpson. Die Wirthe, bei denen er eingekehrt, bekundeten, daß er immer seine Rechnungen bezahlt habe. Von achtbaren, wenngleich nicht bemittelten Eltern, hatte er früher bei einzelnen Großen in Diensten gestanden, aber sein kühn strebender Geist dort keine Befriedigung gefunden. Er flog von einem Projecte zum andern und wollte auf schnelle Weise reich und angesehen werden. Er hatte sich auf den Handel geworfen und mit Wein und Branntwein in Holland, Flandern und Frankreich Geschäfte gemacht. Den Transport hatte sein Bruder William, damals Schiffscapitain, auf seinem Schiffe besorgt. Gewöhnlich hatte er, was auch zu Gunsten seiner Moralität angeführt wurde, die Steuern bezahlt. Aber der Erwerb ging ihm zu langsam. Er war ein Stock-Jobber geworden und hatte viel in Südsee- und Colonialpapieren gehandelt. Doch auch diese »bubbles« hatten ihn nicht reich gemacht; es standen indeß keine Zeugen wider ihn auf, welche in diesen Schwindeleien ihm Verbrechen nachwiesen.

Sein Äußeres war das eines vollkräftigen Lebemannes, was er auch war. Er war kaum 30 Jahre alt. Er liebte schwelgerische Mahlzeiten, gute Weine, war ein Mann des Wortes und der That, ein Gesellschafter, dessen Mund von interessanten Erzählungen überfloß, leidenschaftlich dem Spiele ergeben und immer in den ersten Spielhäusern anzutreffen. Sein Benehmen vor Gericht war würdig und anständig.

Waren das die Anzeichen eines gemeinen Straßenräubers? Und doch waren Richter und Geschworene davon überzeugt, und diese sprachen das Schuldig, jene das Todesurtheil aus. Desgleichen über George Simpson, der, von guter Abkunft, einiger gelehrten Bildung, zärtlicher Gatte und Familienvater, sich ebenfalls als Gentleman betrug, nur in stillerer Weise als Hawkins.

Als die Jury das Verdict hereingebracht, richtete sich Hawkins mit mehr als Würde, mit einer Art Hochmuth auf und sprach: »Ich bin ganz unschuldig an diesen Raubanfällen. Dennoch tadle ich meine Landsleute nicht wegen ihres Ausspruches. Ihre Absichten waren ehrenwerth, aber sie wurden durch einen parteiischen Richter misleitet. Man ist schlecht mit mir verfahren. Meinem Freunde hat man auf den Mund geschlagen und kaum gelitten, daß er sich nur verantworte. Ich bin auf den Tod gefaßt und möchte nicht mit dem Schurken tauschen, der sein eignes Leben gerettet hat, um mir meines fortzuschwören; denn besser den Tod als ein so infames Leben. Mein Blut liegt auf seinem Kopfe und noch auf einigen Anderen – ich hoffe nicht, daß Ihro Herrlichkeit darunter mitbegriffen sind.«

Nach seiner Verurteilung ward indessen Hawkins ein ganz anderer Mann. Er war mit vollem Grunde schuldig gesprochen, nur daß dieser eine Fall der geringste Theil seiner Verbrechen gegen die öffentliche Sicherheit war. Er bekannte gegen Geistliche und Andere, so viel er sich von seinen Thaten erinnerte, hielt es aber eben so wenig wie Simpson der Mühe werth, die kurze Zeit mit Erzählung derselben zu verschwenden. Er behauptete, eigentlich auf den Tod so vorbereitet gewesen zu sein, daß er anfangs gar nicht die Schuld ableugnen wollen; dies sei nur auf Rath einiger Rechtsfreunde geschehen, welche ihm vorgestellt, daß es unrecht wäre, so sein Leben fortwerfen zu wollen, wo er doch noch so viel Aussicht habe, durch eine geschickte Vertheidigung, vielleicht einen begangenen Formfehler oder andere Zufälligkeiten, welche sich so oft bei Processen ereigneten, diesmal noch davonzukommen. Er würde doch wie ein wahrer Schuljunge handeln, wenn er sich so das Leben aus der Hand schlüpfen ließe, wo es ihm bei geschicktem Benehmen eben so nahe liege als der Tod. Dies habe seinen Gedanken plötzlich wieder eine ganz andere Richtung gegeben.

Noch gefaßter zeigte sich George Simpson. Auch er erklärte das Urtheil für vollkommen gerecht und bereitete sich, mit religiösem Zuspruch, auf den Tod. Einige seltsame Anträge wurden während der kurzen Zeit bis zu ihrer Hinrichtung den Verurteilten gemacht. So bat sie die Witwe eines gehängten Highwayman, da es ihnen doch auf ein Verbrechen mehr oder weniger nicht ankomme, öffentlich zu erklären, daß sie es gewesen, welche einen bestimmten Raubanfall begangen, und daß ihr deshalb Hingerichteter Mann nicht dabei betheiligt gewesen. Hawkins entgegnete, daß er gern dazu bereit sei, der Frau den Gefallen zu erweisen, die öffentliche Erklärung könnte aber für andere Personen von Nachtheil sein. Andere ähnliche Anträge wies er entschieden ab.

Auf die Vorstellung einer angesehenen Person, daß er gegen Wilson keinen Groll mehr hegen dürfe, da er freilich sein Ankläger, aber auch sein aufrichtiger Freund gewesen, und es nicht aus Bosheit, sondern nur, um sich selbst zu retten, gethan habe, erwiderte Hawkins: das Leben sei wol süß, besonders während man lebe, und doch wolle er lieber tausend Mal sterben, als mit dem Bewußtsein leben, einen Freund um das seine betrogen zu haben. Dennoch entschloß er sich, ihm so aus vollem Herzen zu verzeihen, wie er wünsche, daß der Schöpfer ihm vergebe.

Ein letzter Wunsch wurde Hawkins und seinem Gefährten versagt. Als Gentlemen wollten sie in einer Kutsche zum Galgen fahren. Sie mußten in dem gemeinen Verbrecherkarren fahren.

John Hawkins redete die Zuschauer an und bat sie, als Christen mit ihm um Vergebung für seine Sünden zu bitten. Er versicherte, er habe allen seinen Feinden vergeben, und wünschte, daß sein kläglicher Tod für Andere ein warnendes Beispiel werde. Aber so kräftig er zu reden anfing, um so schwächer wurde der Ausgang. Den starken Mann überfiel eine Schwäche und Verwirrung, daß die Henkersknechte ihn unterbrechen mußten. Auch sein Tod war unglücklich; er quälte sich noch eine Weile am Stricke, während Simpson ruhiger und schneller sein Leben verlor.

Noch an demselben Tage wurden ihre Leichen von Tyburn nach Hounslow-Heath, dem Hauptschauplatz ihrer Thaten, gebracht und dort in Ketten an einen eigens zu diesem Zwecke errichteten Galgen aufgehängt.


Beide Gentlemen-Highwaymen hatten während ihres kurzen Lebenslaufes und dem noch kürzern ihrer Thaten ein ungemeines Aufsehen erregt. Ganz London war damals im Schrecken durch die unerhört kühnen und rasch auf einander folgenden Raubanfälle, welche auch vornehme Personen, und sogar inmitten der volkreichen Stadt, betrafen. Unter dem gemeinern Gesindel gewährten den Erschreckten die oben erwähnten Policeispione und Diebescommissaire, an ihrer Spitze der berüchtigte Jonathan Wild, einigen Trost, indem alle Augenblicke ein Highwayman aufgegriffen, vor Gericht gestellt und gehängt wurde. Auch bekamen die reichen Leute für große Opfergaben an Jonathan bisweilen die ihnen werthvollsten Pretiosen zurück. Aber diese höhere Classe halb ritterlicher Highwaymen scheint außer der Controle jener Diebeskenner gestanden und eine exclusive Gesellschaft unter sich gebildet zu haben. Wenigstens äußerten Einige unter ihnen wie verächtlich, daß sie mit Jonathan Wild und seinen Leuten nichts gemein gehabt.

Je größer der Schrecken vor ihnen gewesen, um so größer war die Neugierde nach ihrer Hinrichtung, von ihnen mehr und Näheres in Erfahrung zu bringen. Fast zu gleicher Zeit erschienen daher nicht weniger als vier Lebensbeschreibungen von Simpson, Hawkins und Ralph Wilson. Am interessantesten ist die, welche den Letztern, den begnadigten Highwayman Wilson, selbst zum Verfasser hat. Sein vielgelesenes Pamphlet führte den Titel: »Ein Bericht über die von John Hawkins, George Simpson und ihren Gefährten begangenen Raubthaten, geschrieben von Ralph Wilson«, und wir halten es der besondern Mittheilung für unsere Leser wol werth, weil es uns unter allen bekannt gewordenen Highwaymen-Bekenntnissen die deutlichsten Blicke in die Werkstatt ihres Treibens und nicht minder psychologische Blicke in die innere Wüstheit ihres Lebens und auf die Fäden thun läßt, welche das lockere Verbrecherband zusammenhielten. Nicht Alles daraus braucht aufgenommen zu werden; aber in einzelnen Details ist es so interessant, daß wir den reuigen Verbrecher selbst sprechen zu lassen keinen Anstand nehmen.

Zur Geschichte der englischen Highwaymen

3.

Ein Highwayman als Memoirenschreiber und ein Highwayman aus Liebe..

Ralph Wilson und William Barkwith.

1721 – 1722

Ralph Wilson war der Sohn nicht unbemittelter Eltern in Yorkshire, welche dem fähigen Knaben einen guten Schulunterricht geben ließen und ihn darauf zu seiner juristischen Carrière nach London schickten. In Lincoln's-Inn wurde er zu einem der ausgezeichnetsten Juristen als Clerk gegeben, lernte aber nicht viel, da, wie er sagte, das Geschäft seines Herrn sehr groß, sein Fleiß aber sehr klein war. Sie trennten sich bald wieder.

Ein Bekannter führte ihn in eins der Spielhäuser von Westminster. Er sah nur aus Neugierde zu, um bald, wie so viele andere junge Leute – Wilson war damals kaum 20 Jahre alt – von den diabolischen Lockungen auf immer verstrickt zu werden. Er macht in seinen Bekenntnissen (der damals 22jährige Jüngling) eine für jene Zeiten, und vielleicht auch noch für die unsere, treffend scharfe Bemerkung: »Mich wundert es, warum die Obrigkeit diese Orte nicht unterdrückt. Aber freilich stehen sie unter dem Schutz sehr mächtiger Bundesgenossen! Unter diesen besteht eine jährliche Alliance, die etwa um Weihnachten aufhört, wo diese mächtigen Herren in moralischem Eifer sich gewaltig aufthun und einige christliche Compagnien wohlschnüffelnder Constabler zusammenwerben. Der Krieg ist beschlossen und mit aller Energie soll er geführt werden. Die erste Attaque erfolgt dann geräuschvoll auf irgend ein Winkelspielhaus, wo 3 Pence der Einsatz sind, und sie arretiren zehn oder ein Dutzend arme Schlucker. Der Lärm erweckt die Gouverneure der größern Spielhäuser. Rasch senden sie ihre Agenten mit großen Geschenken aus an diese furchtbaren Feinde des Lasters. Der Sturm verzieht sich und die Alliance ist auf ein Jahr erneuert.«

In diesen Spielhäusern traf Wilson einen jovialen, liebenswürdigen Mann, dessen offenes, männliches Wesen ihn ganz einnahm, ohne daß er Näheres über seine Beschäftigung wußte. John Hawkins war der Mann dazu, sich selbst geltend zu machen und Neulingen in der Welt den hohen Glauben von sich einzuimpfen, welchen er selbst von sich hatte. Sie trennten sich selten.

Inzwischen rief Wilson's Mutter ihn wieder nach Hause, wo er ein Jahr lang blieb. Die Muße hier langweilte ihn. Die Mutter, froh, daß ihr Sohn sich nach Beschäftigung sehne, schickte ihn abermals, mit 100 Pf. St. in der Tasche, nach London und zu einem andern Rechtsgelehrten. Aber die hundert Pfund wanderten sogleich wieder auf den Spieltisch, die Arbeitslust verschwand und Wilson ward aufs Neue ein Herumtreiber.

Er erneuerte die Bekanntschaft mit Hawkins, ohne zur Zeit noch zu wissen, was sein Geschäft war. Aber er hatte eine Ahnung davon, da Hawkins glänzend lebte, ohne Güter zu besitzen und ohne reiche Verwandte zu haben und im Spiel große Summen verlor. Als die Ahnung in ihm zur Ueberzeugung wurde, zog er sich von ihm zurück, denn noch entsetzte er sich beim Gedanken an ein Verbrecherleben.

Aber Hawkins war in letzter Zeit in einigen Unternehmungen unglücklich gewesen. Ein Genosse hatte ihn verrathen, eine Anklage schwebte gegen ihn und er mußte sich außerhalb London verstecken, wo Wilson ihn abermals in einem der Häuser antraf, wo man von den Früchten des Verbrechens lebt, die Verbrecher also nicht angibt. Sie wurden wieder befreundet wie nur je und Hawkins so von Wilson's Redlichkeit überzeugt, daß die Zunge überfloß und er ihn zum Vertrauten seines ganzen, bereits sehr thatenreichen Lebens machte. Hawkins hatte schon, obgleich selbst erst in der Mitte der Zwanzig, ganze Geschlechter von Highwaymen überlebt, die am Galgen geendet, ohne daß dies seinen Lebensmuth erschüttert oder ihn von neuen, großen Plänen abgebracht hätte. Was Hawkins am Wege verdiente, trug er sogleich an die Spielbank, um das mit Gefahr seines Lebens Erworbene schlauern Räubern preiszugeben, welche nichts wagten und doch immer gewannen. Er war ein großmüthiger Camerad. Als einer der thätigsten Männer aus seiner Genossenschaft, der irländische Capitain Leonard, in der Preston-Rebellion begriffen, als Anhänger der Stuarts gefangen war, wollte er ihn mit Gefahr seines Lebens retten, ward aber bei dem Versuche selbst gefangen und entkam nur mit genauer Noth der Gefahr, für ein politisches Verbrechen bestraft zu werden, welches sehr fern von ihm lag.

Hawkins' Erzählungsweise war so bezaubernd, daß in Wilson der Abscheu vor dem Verbrecherleben verschwand, ohne daß er doch deshalb sich versucht fühlte, auch so zu leben; noch führte ihn Hawkins direct in Versuchung. Seine Geschäfte hatten sich wieder sehr gut gemacht, aber Wilson war in der äußersten Noth. Als er schon Wochen lang hungerte, hatte ihm ein freundlicher Landsmann 10 Pfund unerwartet vorgeschossen. Kaum gesättigt, trug er sie an den Spieltisch und verlor Alles. In voller Verzweiflung, der Raserei nahe, stürzte er fort, er fühlte es, die schwache Beute für jeden Verführer. Bei Hawkins fand er dessen treuen Spießgesellen Wright. Sie tranken tüchtig zusammen; er auf einen leeren Magen.

Hawkins sprach von einem nächsten Abenteuer, wo ihnen ein dritter Mann noth thue. Er fragte Wilson, ob er sich wol getraue, eine Pistole in die Hand zu nehmen? Wilson erwiderte: »Warum nicht, so gut als jeder Andere; denn der Mangel hat mich zu Allem bereit gemacht.« Hawkins, immer froh, wenn er neue Genossen anwerben konnte, versprach sehr freundlich, ihm zur nächsten Nacht ein Pferd zu verschaffen.

Als Wilson am nächsten Morgen aus seinem Rausch erwachte, erinnerte er sich mit Schrecken seines gegebenen Versprechens und hätte sich gern eingeredet, daß das Ganze ein wüster Traum gewesen. Bei Hawkins aber hieß es, ein Mann, ein Wort. Abends saßen sie wieder mit Hawkins beim Trunk zusammen. Um halb zehn Uhr klopfte der freigebige Wirth ihnen auf die Schulter und sagte, Alles sei fertig. »Ich war erhitzt wie gestern und es fiel mir da nicht ein, Einwendungen zu machen. Schlag 10 Uhr saßen wir zu Roß, trabten frisch zu und erwarteten Sir David Dalrymple bei den Wassermühlen von Winstanley. Ich sollte die Kutsche anhalten; sie wollten sehen, ob ich zum Geschäfte tauge. Leider führte ich meinen Auftrag so geschickt aus, daß sich Hawkins von nun an gar nicht mehr von mir trennen wollte.«

Die Beute war nur 3 Pf. St., eine Tabacksdose und ein Taschenbuch. Der Beraubte bot für letzteres an Jonathan Wild 60 Pf. St., wenn er es ihm wiederschaffe; aber die ritterlichen Diebe waren so artig, es ihm gratis unter Couvert ins Haus zu schicken.

»Es ist unmöglich,« sagt Wilson, »die Angst zu beschreiben, unter der ich am nächsten Morgen erwachte, als ich nun darüber nachdachte, daß ich mich in Handlungen eingelassen hatte, welche, wie mir schon damals klar war und wie ich jetzt aus Erfahrung weiß, nichts Anderes als Armuth und Schande zur Folge haben. Kein Leben ist so traurig und dunkel als das eines Räubers. Fremd ist ihm der Seelenfriede; er kennt keinen ruhigen Schlummer. Er hat sich zum Sklaven eines jeden Schurken gemacht, der seine Umstände kennt. Zur Hölle wird es für Den, welcher jemals nur eine Strecke auf einem andern, edlern Wege zurückgelegt hat. Ich war nun auf dem furchtbaren Wege und wußte nicht, wie umkehren. Hawkins, der bis da ganz Liebe und Güte gegen mich gewesen, war nun mein Tyrann. Er ließ mich's fühlen, daß ich nun eben so viel Anwartschaft als er selbst darauf habe, gehangen zu werden, und sprach geradezu seine Zufriedenheit aus, daß er mich nun am Griff habe. Ich will nicht glauben, daß dies Tücke und Bosheit war; sein Wohlbehagen entsprang nur daraus, daß er Einen mehr in seiner Gesellschaft hatte, von dem er bei Gelegenheit Gebrauch machen konnte. Es ist nicht, um mich zu rechtfertigen, daß ich so spreche. In Wahrheit, ich führte von nun an ein Hundeleben, trotz aller glücklichen Unternehmungen, und was das Verdrießlichste war, ich mußte immer bei guter Laune zu sein scheinen und Alles leicht hinnehmen, aus Furcht, daß ein Streit uns in Ungelegenheiten bringen könnte.«

Das Glück der neuverbundenen Gesellschaft war außerordentlich. Selten verging eine Woche, in welcher nicht zwei bis drei erfolgreiche Anfälle ausgeführt wurden, und doch brauchten sie nicht über fünf englische Meilen außerhalb der Stadt zu reiten. Wenn der Fang gelungen war, kehrten sie sogleich zurück und griffen noch in demselben Athem Kutschen in den Straßen an. Es wurde damals, im Sommer 1720, so viel und so offen in London geraubt, daß die Einwohner glaubten, es sei ein Highwayman-Fieber über die Leute gekommen. »In einer einzigen Nacht, im August, beraubten wir eine Kutsche in Chancery-Lane, eine zweite in Lincoln's-Inn-Fields und stießen noch, als wir nach Hause reiten wollten, auf die Kutsche des Lords Westmoreland, hinter der noch dazu drei Bediente zu Fuß als Bedeckung gingen. Die Beraubung Seiner Herrlichkeit wurde uns allerdings etwas schwer, denn die Scharwächter stürzten auf uns los; da wir indessen eine Pistole über ihre Köpfe losfeuerten, zogen sie sich schnell zurück und wir entschlüpften noch glücklich.«

»Diese ununterbrochen glücklichen Unternehmungen versetzten mich allmälig in eine recht hübsche Lage, wäre nur nicht der Spielteufel in mir so vorherrschend gewesen! Was ich an Effecten erwarb, meinen ganzen Beuteantheil überließ ich auf der Stelle an Hawkins und Wright, um nur Geld dafür zu bekommen, und das Geld ward verspielt.«

Hawkins und Wright mochten diesmal solider zu Werke gegangen sein. Sie hatten wirklich Erkleckliches gesammelt und befrachteten für den Erlös, oder vielleicht auch mit einem Theil der Effecten selbst, ein Schiff, um damit nach Holland überzusegeln. Alles war bereit und in Hawkins' Händen, bis auf eine versetzte Uhr, welche Wright auszulösen ging. Man wartete lange auf ihn an dem Versammlungsplatze am Tower-Hill, bis Hawkins ungeduldig einen Kundschafter ausschickte, der mit der Trauerpost zurückkam, Wright sei von Jonathan Wild eingezogen. Einer seiner Freunde hatte ihn verrathen.

Die größte Angst bemächtigte sich der Verbündeten, daß Wright nun auch dieselbe Rolle gegen sie spielen werde; er konnte dadurch sein Leben retten. Aber er sagte zu John Hawkins' Frau, die ihn ängstlich im Gefängniß aufsuchte: sie könne ruhig sein, er werde Niemand wehe thun, am wenigsten aber ihrem Manne, schon der Kinder wegen. »James Wright,« sagt Wilson an anderer Stelle, »war der Sohn redlicher Eltern, ein Mensch von dem besten Temperament und einer Treue gegen seine Cameraden, wie ich sie noch bei keinem Highwayman wiederfand.«

Weshalb die Andern bei dieser Angst nicht das bereit liegende Schiff bestiegen und die versetzte Uhr und den verlorenen Wright im Stiche ließen, ist nicht ersichtlich. Hawkins und Wilson gingen statt nach Holland nach Oxford und hielten sich dort einen Monat in der Stille auf. Doch selbst nicht so ganz still; Hawkins entstellte in seinem Uebermuthe einige Gemälde in der Gallerie über der Bodleyanischen Bibliothek. Die Universität, darüber aufgebracht, bot 100 Pf. St. Belohnung für Entdeckung des Thäters, und ein armer Schneider, der sich durch seine heftigen whigistischen Grundsätze und Reden ausgezeichnet, gerieth deshalb in Verdacht, saß im Gefängniß und war nahe daran, ausgepeitscht zu werden, ohne daß Hawkins sich großmüthig regte, um sich als Frevler anzugeben.

In London waren indessen einige Veränderungen vorgegangen. Wright saß noch im Kerker, indem er für die nächsten Assisen aufgespart wurde, John Hawkins' Bruder, William, war losgesprochen und nur ein anderer Highwayman, der bei den letzten Abenteuern der Verbündeten betheiligt gewesen, Pocock, war gehängt worden. John Hawkins trieb es, seinen Bruder William zu sprechen; aber es war nicht Geld genug da, daß er auch Wilson hätte mitnehmen können. Jedoch versprach er ihm, Geld nachzuschicken, um sich bei seiner Wirthin zu lösen und nachzukommen. Er schickte aber nur den vierten Theil und Wilson mußte sich auf den Weg machen. In London angekommen, hörte er, daß beide Brüder sich nach Holland eingeschifft und des armen Wright ganze Habe mitgenommen hatten, während dieser selbst im Kerker fast verschmachtete.

Im Herbste des Jahres wurde Ralph Wilson 21 Jahre alt, also majorenn, und bekam die freie Disposition über eine väterliche Erbschaft, welche ihn wohl in den Stand gesetzt hätte, unabhängig zu leben. Aber er verkaufte sie schnell für die geringe Summe von 350 Pf. St., um das baare Geld vortheilhafter am Spieltische anzulegen. In wenigen Wochen war Alles verloren, bis auf die Pfunde, welche er den im October aus Holland zurückgekehrten Gebrüdern Hawkins geliehen, um sich eigene Pferde zu kaufen. Aber auch dies Geld war verloren, weil sie es ihm niemals zurückbezahlten.

Sie fingen ihr altes Geschäft mit erneutem Eifer an. Leider aber war John's Bruder, William, ein Stein des Anstoßes, ein unwillkommener Bundesgenosse, den sie doch aber nicht los werden konnten. »Diesen feigen Bramarbas,« schreibt Wilson in Aerger, »mußten wir oft in den besten Unternehmungen zurücklassen. Ehe es losging, wenn wir unter uns waren, konnte er schwadroniren wie Keiner. Ich habe noch Niemand gesehen, der so übermüthig um sich spuckte und voraus war mit seinen Worten; aber auf der Straße selbst hinkte er nach. Das geschah nicht etwa aus Grundsätzen oder aus Gewissen, sondern nur aus heilloser Angst. Deshalb mußten wir ihn oft zurücklassen, bis er endlich sich zu bessern versprach und wieder die Erlaubniß erhielt, mit Theil zu nehmen.«

Zuweilen wurde im Geschäft nach wohlüberlegtem Plane gehandelt, zuweilen folgte man der augenblicklichen Eingebung. Nach einer lustigen Nacht gab man sich das Wort, die erste Kutsche anzugreifen, welche ihnen auf der Landstraße begegnen würde. Nach hundert Schritten schon rollte ihnen eine entgegen. Zwei Herren saßen darin. Man ließ sie vorüber, verhüllte sich mit Mantel und Tüchern, machte kehrt und holte sie ein. Auf das erste Wort hielt der Kutscher an, die Gardinen rauschten nieder und John war auf der einen, Ralph auf der andern Seite. Aber in demselben Augenblick ward auch aus beiden Kutschenfenstern gefeuert. Hawkins' Schulter erhielt drei Schrotkörner, der Schuß auf Wilson ging vorbei. »Sicherlich waren es brave Männer und doch meine ich, daß ihr zu schnelles Abfeuern ein Zeichen von Furcht war. Hätten sie abgewartet, bis wir näher kamen, so hätten sie uns mit ihrem Schrothagel zerschmettert.« Die Genossen waren der Meinung, es sei nun das Beste, Reißaus zu nehmen, um einen Mord von beiden Seiten zu vermeiden.

Nach diesem misglückten Unternehmen folgte ein abscheuliches Wetter. Als es besser wurde, waren die Köpfe der Pferde so geschwollen, daß die Gentlemen sie nicht aus dem Stalle bringen konnten. John und Ralph entschlossen sich, ihr Glück zu Fuß zu versuchen, ein schwerer Entschluß für einen Highwayman, der die tiefste moralische Verachtung gegen den gemeinen Fußräuber empfindet. Auch schlug ihr erstes Unternehmen fehl; der Kutscher des reichen Brauers trieb seine Pferde rasch fort, Wilson schoß zwar nach und traf auch das eine Thier; als er aber die zweite Pistole nach dem andern abdrückte, schoß er sich selbst durch die Hand. Er war genöthigt, zu fliehen, was ihm in dieser Lage sehr schwer wurde, da er über eine ziemlich hohe Mauer klettern mußte.

Seine Verwundung gab Ralph Wilson hinlängliche Muße, über seine beklagenswerthe Lage nachzudenken. »Was war ich einst und was bin ich jetzt! Ich war überzeugt, daß die Vergeltung mich einst ergreifen werde, und solch ein Leben kann nur mit dem schmachvollen Ende zu Tyburn enden. Dies bestimmte mich denn zu dem Entschluß, die Stadt zu verlassen und – meine Thorheiten (follies!). Ich borgte etwas Geld, zog mein Pferd aus dem Stalle und ritt am 1. Februar 1721 nach Yorkshire.

»Gott, wie glücklich und zufrieden war ich, daß ich es ausgeführt! Wie ernsthaft bereute ich da mein Lasterleben! Fest und aufrichtig beschloß ich, nie wieder zurückzufallen, wie auch mein Loos sei. So wahrhaft vorbereitet auf ein ehrbares Leben, kam ich in der Heimat an und wurde herzlich aufgenommen. Ich hielt Wort. Mit Ernst nahm ich mich des Geschäftes meiner Mutter an, welches ziemlich bedeutend war, und blieb beharrlich dabei. Ich spürte keinen Verdruß über das Alltagsleben; im Gegentheil, das Arbeiten war mir eine Lust. Da werde ich eines Tages, im August, durch den Kellner eines Wirthshauses in dasselbe beschieden, weil mich ein Fremder dringend zu sprechen wünsche. Zu meinem unaussprechlichen Erstaunen finde ich meinen alten Freund John Hawkins und seinen neuen Genossen George Simpson!«

Auf einem einsamen Spaziergange entdeckte Hawkins dem Freunde, daß es mit ihm schlecht aussehe. Er und Simpson hätten zusammen nur 40 Schilling in Baarschaft. Wilson fragte ihn, weshalb er denn eine so lange Reise unternommen, und nach einem Orte, wo sie keine Hülfe finden dürften? Hawkins' Augen rollten vor Zorn und er fuhr auf: »Bist Du auch wie die andern Menschen und bist Du nicht so schuldig wie irgend wer sonst?«

Wilson wäre fest in seinem guten Vorsatz geblieben, aber eine Nachricht machte ihn erbleichen. John vertraute ihm, daß sein eigener Bruder William in London den Angeber gemacht und ihn, Wilson, so wie alle übrigen Gefährten, bei der Policei denuncirt habe. In wenigen Tagen werde er abgeholt werden, wenn er sich nicht schleunigst auf- und davon mache. Ihn zu warnen, habe er die weite Reise gemacht.

Wilson war wie vom Donner gerührt. Von William Hawkins' Charakter konnte er das Bubenstück erwarten, und was anders konnte den männlichen, ehrlichen John zu der Reise bewogen haben? Unter diesen Umständen war nur in London selbst für ihn Rettung zu suchen, Wilson mußte Simpson für 20 Pf. St. Güter abkaufen, welche er unterwegs erbeutet hatte, damit er aufs Neue der Hölle verfalle. Hawkins lieh er die gleiche Summe. Sie Alle kauften frische Pferde und machten sich auf den Weg. In London erfuhr Wilson, daß John ihn getäuscht hatte. Sein Bruder William hatte ihn nicht angeklagt, noch saß er gefangen. »Daraus mag man ersehen, welchen Ingrimm solche Leute gegen die ihrer Gefährten haben, welche sich von ihren Schändlichkeiten losmachen wollen und gern ein ehrliches Leben führen möchten.«

Aber man soll den Teufel nicht an die Wand malen. William Hawkins war noch nicht zum Verräther geworden; doch er wurde es. Um eines Raubanfalles auf Sir Edward Lawrence willen ward er eingezogen und denuncirte nun gegen alle und jeden seiner Bekannten. Der wackere Wright, der, von jener Anklage losgesprochen, freigelassen ein ehrliches Leben angefangen hatte, ward auf William's Anzeige um einen vor zwei Jahren begangenen Straßenraub eingezogen, verurtheilt und starb am Galgen am 22. December 1722. Wilson wußte sich zu verstecken. »Wäre ich aber ergriffen worden, so hätte ich mit dem armen Wright an demselben Tage am Strick gehangen, und das war mein Geburtstag! Das war der Lohn für Wright's Großmuth. Er rettete Hawkins, um selbst gehängt zu werden.«

Eine andere »ehrliche« Seele, deren Schicksal Wilson tief bedauert, Buttler For, war um zwei Raubanfälle, die er wirklich begangen, freigesprochen worden »und genoß des vortrefflichsten Rufes«. William Hawkins zeugte aber wider ihn wegen einer Beraubung des Obristen Hamilton, welche allein von John Hawkins und Simpson begangen worden, worauf Wilson schwört, und der unglückliche For wurde gehängt.

Der Gerechtigkeit war nun eine Weile genug gethan; ein paar minder Schuldige waren aufgeknüpft und die Kühnsten und Verwegensten konnten Athem schöpfen und auf neue Thaten sinnen. John Hawkins und Ralph Wilson waren wieder unzertrennlich und machten die besten Geschäfte. Sie quartierten sich beim Gastgeber Carter am London-Wall ein, der für sie der aufmerksamste, freundlichste Wirth von der Welt war. Er kannte alle ihre Verhältnisse und fand dabei seine gute Rechnung. Kein Raub, an dem er nicht den besten Antheil durch seine Wochenrechnung gewann. Er hatte einen Stall voll schneller Pferde, zu jeder Stunde konnten sich daher die Herren beritten machen und, so oft sie wollten, ihre Rosse tauschen.

Es klingt fabelhaft, was Wilson in seiner Treuherzigkeit berichtet: »An einem Morgen beraubten wir die worcester, die gloucester, die cirencester, die bristoler und die Oxford-Landkutschen; am folgenden Morgen die chichester und die Ipswich-Kutsche; am nächsten die von Portsmouth. Bei der Landkutsche von Bury sprachen wir fast täglich an. Im Ganzen, glaube ich, daß wir sie zehn Mal in Contribution gesetzt; und doch ritten wir darum nie weiter aus der Stadt, als bis Stones-End. – Unsere abendlichen Unternehmungen waren gewöhnlich zwischen Richmond, Hackney, Hampstead, Bow und London. Immer war es mit Erfolg, und es ist ganz unmöglich, daß Einer von uns sich aller Vorfälle erinnern sollte. Wahrscheinlich hätten wir auch noch lange auf diesem Wege fortgefahren, wenn unser Augenmerk nicht auf die Reitposten gefallen wäre.«

Um diese Zeit that sich besonders George Simpson hervor, ein treuer Anhänger John Hawkins'. Wilson gibt ihm folgendes Zeugniß: »Ohne Erziehung und ohne besondere Anlagen, war er freilich nicht fähig, Pläne zu entwerfen; aber wenn ihm eine Aufgabe anvertraut war, war Keiner eifriger, rascher und muthiger in der Ausführung, denn er war fest und keck zugleich und immer treu und bescheiden.« So hatte er auch früher einigen vornehmen Edelleuten gedient und den Dienst nur aufgegeben, weil diese Lebensstellung ihm nicht mehr zusagte. Er zog es vor, unter Hawkins' Leitung ein »Einsammler an den Landstraßen« zu werden.

Wilson stellt mitunter praktische Betrachtungen an über das Benehmen der Beraubten, wie der Räuber, aus denen vorleuchtet, mit welchem wissenschaftlichen Ernste er die Sache ansah. Ein Gentleman feuerte aus der portsmouther Landkutsche auf die Highwaymen, ehe sie noch den Kutscher angeredet hatten. Dies mochte einigen seiner Cameraden als ein unloyales Benehmen erschienen sein; Wilson aber vertheidigt ihn. »Ich kann ihn darum nicht tadeln, denn indem wir an der Kutsche vorübergeritten waren und gleich darauf Kehrt machten, hatten wir deutlich genug verrathen, daß wir einen Angriff auf dieselbe beabsichtigten.«

Er hatte noch die Genugtuung, denselben reichen Brauer Green und seine Frau in ihrer Kutsche zu brandschatzen, auf die ein früherer Anfall, als er mit seinem Freunde zu Fuß war, so unglücklich ablief. Er hatte ihm damals nachgerufen, sie würden sich wol noch einmal unter günstigern Umständen treffen. Er hatte sein Wort gelöst.

Die Geschäfte gingen bis in das folgende Jahr glücklich fort und es hatte den Anschein, als werde es noch lange der Fall sein. Aber die Lust nach Veränderungen, nach kühnern Unternehmungen regte sich in Hawkins. Er nahm den alten Plan wieder auf, statt der Landkutschen, deren durch so vieles Unglück gewitzigte Passagiere wahrscheinlich nur sehr wenig Geld bei sich führten, einmal die königliche Mail-Post, die oft bedeutende Geldrimessen brachte, anzugreifen. Ihr Wirth, Carter, ward in die Berathung gezogen. Er schlug die Post, welche nach Harwich geht, vor; aber obgleich sie oft große Summen mit sich führte, war doch ihr Abgang nicht ganz sicher, und man wurde nicht einig. Die bristoler Post schien gelegener; man einigte sich und bereitete sich vor.

Die Sache hatte aber auch ihr Bedenken. Schon einige Anfälle auf die Post hatten die Behörden sehr wachsam gemacht, namentlich die Ober-Postverwaltung. Man konnte erwarten, daß, wie in solchen Fallen üblich, des Königs Pardon für jeden auch Mitbetheiligten bekannt gemacht werden würde, nebst einer Belohnung von 200 Pf. St., wer die Posträuber angebe. Wilson stellte dies seinen Genossen vor. Ihre Sache, ihr Glück und ihre Erhaltung sei bedingt von der innigsten Einigkeit unter ihnen. Die Anklage, welche jetzt auf ihnen Allen hafte, verhindere jeden Einzelnen, zum Angeber zu werden. Jenes Proclama könne und werde aber die Vereinigung brechen. Der Rath wurde verworfen.

In welcher Art der Angriff auf die Post erfolgte, ist aus dem Obigen bekannt. Es war übrigens der zweite Angriff. Wilson trat acht Tage später, am Nachmittage, in Carter's Wirthshaus, wo sie bis da in größter Sicherheit, unbelastigt von Jonathan Wild's Spionen, verkehrt hatten. Er sah drei Männer, deren Blicke ihm nicht gefielen, und machte schnell Kehrt. Durch verschiedene Nebenwege glaubte er unentdeckt nach Moorgate's Kaffeehaus zu kommen, wo nur anständige, nüchterne Gesellschaft sich versammelte. Ein Highwayman konnte also dort, ohne Argwohn zu erregen, verweilen. Auch war er selten dort gewesen und immer in anderer Kleidung; denn die Praxis eines durchgebildeten Highwayman war, die Kleider, so oft es anging, zu wechseln. Ein Quäker erzählte ihm, welches große Aufsehen in der Stadt die Beraubung der bristoler Post errege; mehre Spürhunde der Policei suchten sogar in der Nachbarschaft umher. Wilson lief das Blut kalt durch die Adern; er bezahlte und streifte weiter. Sein Weg führte ihn nach Bedlam. Der Anblick der Wahnsinnigen erschütterte ihn; ihm kam es vor, als durchzucke auch ihn schon ein Fieber ihres Wehs. Er fühlte bei jedem Schritte das Pflaster von London unter sich wanken.

»Ein Gentleman, welcher mehr mein Freund war, als der Freund der Andern,« äußert sich Wilson etwas dunkel, »und die Vermuthung hatte, daß wir es wären, welche die Post angegriffen, rieth mir, zuerst in andeutenden Winken, schnell außer Landes zu gehen; dann sagte er mir offen, ich möge geradezu auf das Postamt gehen und mich angeben. Wenn ich es nicht thue, werde es Simpson thun; denn Simpson habe seltsame Fragen deshalb an ihn gerichtet: Ob Jemand, der schon unter Anklage schwebe, noch gegen einen Andern als Zeuge auftreten könne? Ob eine Person, welche sich freiwillig angebe, festgehalten werde? Ob die ausgebotenen 200 Pf. St. für Den wären, welcher die Thäter angebe, oder für Den, welcher sie verhafte? Anfänglich wollte ich sogleich dem ersten Rathe meines Freundes folgen und nach einem Hafen auf der Stelle abreisen. Aber er widerrieth es mir, und so machte ich mich unschlüssig auf den Weg nach Moorgate's Kaffeehaus. Unterwegs begegneten mir wieder die drei verdachtigen Gesichter und folgten mir, als ich ihnen vorüber war. Ich trat durch Nebengassen von hinten ins Kaffeehaus, um, wenn sie mir folgten, zum vordern Ausgang fortzugehen. Aber gerade dort standen sie und ergriffen mich; ich vermuthe, auf einen Wink unseres Wirthes Carter. Sie brachten mich geradeswegs nach dem Postamte und dort examinirte mich der Generalpostmeister aus allen Kräften, ohne doch etwas herauszubringen. Vier oder fünf Mal nahm er mich vergeblich vor. Endlich kam eine Botschaft von William Hawkins, der im Gatehouse gefangen war, sie möchten sich keine weitere Mühe geben, er habe mich schon angegeben und werde mich überführen. Zuerst hielt ich es für eine List, mich zum Verrath zu bringen; aber alle Postofficianten drangen so sehr und so freundlich in mich, als wäre ihnen viel an meiner Erhaltung gelegen, und einer zeigte mir heimlich einen Brief von Simpson's Hand, worin dieser sich erbot, gegen eigene Sicherheit und die Belohnung die Räuber der Post anzugeben.«

Da endlich entschloß sich Ralph Wilson, selbst als Angeber aufzutreten, um sein Leben zu retten. Wir haben diese seine letzten Argumente umständlicher aufgeführt, wenngleich nur in gedrängtem Auszuge, nicht als wesentlich für den Criminalfall, sondern als charakteristisch für den damaligen Zustand der öffentlichen Meinung. Ralph Wilson war begnadigt, vielleicht, wie es scheint, seiner Jugend, seiner persönlichen Eigenschaften wegen ein Gegenstand der Theilnahme und des Mitleids; aber auch ein Gegenstand der Verachtung und des Abscheues als Verräther an seinen Freunden. Auch unter Verbrechern verlangte der freie Brite eine gewisse Moralität, eine gewisse Treue. Das Geschäft des Angebens, die Treulosigkeit gegen Verbündete war überall mit dem Stempel der Verachtung gebrandmarkt. Wir sahen, daß geachtete Männer sich bei dem Verbrecher in Ketten, dem verurtheilten Hawkins, noch auf der Staffel vor dem Galgen bemühten, daß er Wilson vergebe. Wilson, wenn er in irgend einem Kreise der bürgerlichen Gesellschaft fortleben wollte, war gezwungen, sich vor dem Gericht des Publicums zu vertheidigen, seine That zu entschuldigen, und er that es durch diese von ihm geschriebene und publicirte Schrift. Mit welchem Erfolge vor seinen Zeitgenossen, wissen wir nicht; doch wahrscheinlich mit einem bessern, als der Verräther Deutz sich durch eine ähnliche Schrift für seinen Verrath an der Herzogin von Berry zu vertheidigen unternahm.

Er sagt zum Schlusse seines Argumentes: »Nachdem ich jenen Brief Simpson's gelesen, glaube ich schwerlich, daß irgend Jemand anders in meiner Lage gehandelt hätte. Man spricht im Publicum von gebrochenen Eiden; ich kann beschwören, daß solche zwischen uns nie existirten. Und wären sie geschworen worden, so frage ich, wo es das Wohl des Vaterlandes gilt (?), ob es da schlimmer ist, sie zu brechen, als sie zu halten?«

Ralph vertheidigt sich in der Schrift noch gegen verschiedene nachtheilige Gerüchte, welche von den Zeitungen und Pamphletschreibern gegen ihn ins Publicum gebracht worden. Er habe, trotz seiner großen Verbrechen, nie einen Menschen umgebracht; nie einem Weibe die Zunge ausgeschnitten; nie Menschenblut vergossen; die Gentlemen, welche er unter Händen gehabt, nicht grausam, wie vorgegeben wird, sondern stets mit aller möglichen Höflichkeit behandelt, wie mehre derselben, die ihn in seinem Gefängnisse besucht, ihm aus freien Stücken mit aller Dankbarkeit bezeugt; er habe nie als Hochverräther die Stuarts leben lassen und seinen König zum Teufel gewünscht; nie den von ihm beraubten Damen, wie es allgemein hieße, Gewalt angethan, denn wie sei dazu bei den raschen Morgen- und Abendexpeditionen, wo man kaum Zeit gehabt, die Taschen zu durchsuchen, Zeit geworden, und noch dazu in der Nähe des volkreichen Londons, wo jede Minute genutzt werden müßte, um nicht überrascht zu werden, wie denn das Factum selbst bei der Art des Highwaymanlebens kaum ausführbar sei.

Auch Wilson erhielt im Gefängniß mancherlei seltsame Anträge und Besuche. Als Denunciant berüchtigt, wollte man ihn zum Denunciren auch gegen andere Personen gebrauchen. Jemand, der gern einen eingezogenen verdächtigen Menschen zum Highwayman gestempelt hatte, um die ausgesetzte Belohnung zu erhalten, schlug ihm vor, gegen einen Mann, den er nicht kannte, zu zeugen und die Hälfte des Lohnes dafür zu nehmen. Wilson stand auf und half dem Manne – er selbst erzählt es – etwas schneller die Treppe hinunter, als er vielleicht die Absicht hatte, zu gehen.

»Weshalb ich meine Geschichte niederschrieb?« schließt er. »Ich wünsche, daß sie Andern als Warnung diene, und dann ist ihr Zweck erfüllt. – Man schilt mich einen Atheisten, einen Blasphemisten, einen irreligiösen Menschen, Die erstern beiden Beschuldigungen sind Lügen. Was die dritte anlangt, so kann freilich ein Mann, der einen solchen Lebenslauf voller Schlechtigkeit geführt hat, ohne arge Versündigung nicht behaupten, daß er religiös sei. Um religiös zu werden, muß er einen neuen Lebenslauf anfangen, welches ich, mit Gottes Beistand, von jetzt an zu thun entschlossen bin.«

Ob Ralph Wilson sein Versprechen erfüllt, darüber bleiben uns die Reports des Session House der Old Bailey den Nachweis schuldig. Er war zur Zeit des Processes ein Jüngling von 22 Jahren.

Ralph Wilson's Biographie hatte zu ihrer Zeit großes Aufsehen erregt; aber schon acht Jahre nachher stoßen wir in den Registern wieder auf ein ähnliches Beispiel jugendlicher Verirrung, einen Jüngling von demselben Alter, von guter und noch besserer Herkunft als er, denselben Studien gewidmet, talentvoll, vielversprechend, den auch Ausschweifungen, wenngleich edlerer Natur, zu demselben Verbrechen verleiteten. Scheint es doch fast eine Dröhnung gewesen zu sein, die in der Zeit lag, und die gerade kräftigere Charaktere zum Verbrechen fortriß.

Am 13. November 1730, Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr, wurde auf der vielberüchtigten Hounslow-Haide der Wagen des Esquire Goldsborough Griffin von einem einzelnen Reiter angehalten. Mit vorgehaltener Pistole forderte er, daß das Glasfenster niedergelassen werde, wo nicht, so werde er durchschießen. Er forderte alles Geld des darin Sitzenden. Dieser erklärte, er habe nur Silber, und der Räuber, mit 12 Schillingen zufrieden, machte sich, ohne alle Gewaltthätigkeiten, wieder auf den Weg. Unglücklicherweise für ihn kam wenige Minuten nachher ein Gentleman des Weges geritten und jagte, nachdem er von dem Vorfalle gehört, dem Highwayman nach. Während er in einem bekannten Hause um Beistand ansprach und der Diener eines Lords mit einem Karabiner ihm auch folgte, verlor er den Highwayman aus dem Gesicht. Indessen hatte dieser in einem Parke sich verirrt und war von seinen Verfolgern nur noch durch eine Hecke getrennt. Man hielt die Feuergewehre auf ihn angelegt und forderte ihn auf, sich zu ergeben. Aber er gab seinem Pferde die Sporen und kam, durch eine äußerste Anstrengung, ihnen außer Gesicht. Hätte ihm der Wind nicht den Hut vom Kopfe geblasen und das Aufnehmen ihm Zeit gekostet, so würden sie ihn schwerlich erreicht haben. Aber als er sie wieder hinter sich sah, sprang er rasch vom Pferde, über eine Hecke und lief in die Felder. Ermüdet von Anstrengung und Verwirrung, warf er seinen schweren Mantel ab. Dies machte die Arbeiter auf dem Felde auf ihn aufmerksam. Sie thaten sich zusammen und verfolgten ihn. Als er dies sah, blieb er an einer Hecke stehen, riß eine Pistole aus der Tasche und drückte sie auf seine Stirn ab. Sie versagte. Er griff nach einer zweiten, aber auch diese ging nicht los. Jetzt war er umringt und an kein Entweichen mehr zu denken. In völliger Aufregung gestand er laut ein, ja er habe heute Nachmittag auf der Hounslow-Haide einen Gentleman angefallen, er habe 12 Schilling ihm abgenommen und Jemand auf einem grauen Pferde verfolge ihn; aber es sei seine erste Raubthat, und Gott wisse, daß ihn nur die äußerste Noth dazu verführt. Er beschwor händeringend, auf seinen Knieen, die Leute, sie möchten ihn freilassen; er gelobe bei Allem, was ihm heilig, nie wieder dies Verbrechen zu begehen.

Seine Bitten waren fruchtlos; er ward vor den Friedensrichter gebracht und von dort aus in das Gefängniß von Newgate. Nicht gering war das Erstaunen, als man in ihm einen jungen, wohlbekannten Advocaten der Hauptstadt, William Barkwith, erkannte, der erst vor Kurzem eine eigene Praxis angefangen und des besten Lobes seines frühern Meisters, bei dem er als Clerk gearbeitet, sich erfreute.

Seine Verurtheilung schien zweifelhaft; weder der Beraubte, noch sein Kutscher hatten den Räuber genau erkannt. Sie hatten nur dem nachreitenden Gentleman einen Reiter in der Ferne gezeigt und ihm gesagt, das ist er! Der Reiter, der ihn nun verfolgte, hatte ihn einige Mal aus dem Gesicht verloren; er so wenig als die Beraubten konnten daher die Identität des in den Hecken von den Landleuten ergriffenen Mannes mit dem Kutschenräuber beschwören. Aus der andern Seite traten viele Zeugen für ihn auf, alle vom unzweifelhaftesten Rufe, welche seinem Charakter, seinen Fähigkeiten, seinem Fleiße und auch seinen Sitten das allerbeste Zeugniß ablegten.

William Barkwith, jetzt 22 Jahre alt, war der Sohn angesehener Aeltern in Cambridgeshire, welche ihm die beste Erziehung gegeben und sein Gemüth mit allen Grundsätzen der Religion und Tugend erfüllt hatten. Schon im 14. Jahre hatte er die classischen Studien vollendet, namentlich im Griechischen eine besondere Kenntniß erworben und sprach die meisten modernen Sprachen. In allen Zweigen der schönen Literatur war sein Genius wohlbewandert; seine geistreiche Unterhaltung, seine schönen Aufsätze in Prosa und in Versen gaben davon hinlänglich Zeugniß.

Er besuchte in diesem Jahre London und fiel allgemein durch diese seine seltene Bildung auf. Freunde und Verwandte drangen darauf, daß er dort bleibe, damit sein Genius hier Mittel fände, sich zu entwickeln. Er wurde Clerk in Lincoln's-Inn bei einem namhaften Juristen, Master Levis, wo er sich mit außerordentlichem Fleiß, Geschick und Anstand aufführte. Sein Principal konnte ihm bald die selbständige Führung der wichtigsten Geschäfte anvertrauen. Auch große Geldsummen übergab er ihm, und Barkwith bewährte sich stets nicht allein als der allergetreueste, sondern auch als ein sehr geschickter Verwalter. Später trennte er sich von ihm und führte Geschäfte auf eigene Hand; da er noch nicht dazu autorisirt war, geschah es unter Levis' Namen, welcher, indem er dies zuließ, noch immer und einen neuen Beweis von dem Vertrauen ablegte, welches er in den jungen Mann setzte. Alle Collegen aus Lincoln's-Inn, die Geschäfts- und Blutsfreunde Levis' stimmten in diesem Zeugniß überein; ja dieser selbst, der damals 150 Meilen von London entfernt war, ließ durch seinen Bruder dem Gerichte seine Zufriedenheit mit dem jungen Manne betheuern. Er führte noch speciell an, daß Barkwith, wenn eigennützige, ja räuberische Gedanken in ihm aufgestiegen waren, diese nicht bequemer und besser als in seinen Diensten hätte befriedigen können, da Hunderte von Pfunden ihm täglich zu Gebote gestanden hätten. Nie aber habe er eine Veruntreuung bemerkt und würde noch jetzt ihm in dieser Beziehung das vollste Vertrauen schenken.

Barkwith führte, als ein geschickter Jurist, seine Vertheidigung. Ausgeritten sei er an jenem Tage, aber in Geschäftsangelegenheiten, zu einem Clienten in Denham, Als er auf der Rückkehr über die Hounslow-Haide geritten, wäre ihm ein einzelner Reiter, der ihm sehr verdächtig geschienen, in gestrecktem Galopp nachgeritten; kein Wunder also, wenn er, bei der bekannten Unsicherheit der Gegend, auch seinem Pferde die Sporen gegeben. Noch mehr wäre er in seinem Argwohn bestärkt worden, als zwei Reiter ihm nachsetzten und dort an der Parkhecke ihre Feuergewehre auf ihn angelegt hätten, mit der Drohung, ihn zu erschießen. Als sie ihm aber auf den Hacken gewesen, habe er es für das Gerathenste gehatten, sein Pferd zu verlassen, über die Hecken zu springen und vor den vermeintlichen Highwaymen das Weite zu suchen Weder der Gentleman im Wagen, noch sein Kutscher, noch der Gentleman, der ihm nachgeritten, können behaupten, daß er der Mann gewesen, welcher den Wagen angriff. Auf die Aussagen der Leute im Felde über sein angebliches Benehmen dort in seinen Aeußerungen könne aber nichts ankommen, da diese Leute offenbar zu ihrem eigenen Vortheil sprachen, um den für die Ergreifung eines Highwayman ausgesetzten Lohn einzuziehen. –

William Barkwith selbst konnte nicht an seine Verurtheilung glauben. Dennoch erfolgte das Schuldig der Geschworenen; aber mit dem mildernden Zusatz: »Empfohlen Seiner Majestät Gnade.«

Es war kein ungerechtes Urtheil. Alle Zeugnisse seiner Collegen und Vorgesetzten zu seinen Gunsten waren richtig; er war der ausgezeichnete, begabte Jünger des Rechtes, der fleißige, treue Beamte seines Principals, welcher ihn auch noch im Gefängniß unterstützte, und doch – ein Straßenräuber.

William Barkwith hatte die ernsthafteste Neigung für eine junge Dame gefaßt, welche in seiner Nachbarschaft wohnte. Sie war von guter Abkunft, aber ohne Vermögen und den gesellschaftlichen Vergnügungen sehr ergeben. Sie wies den liebenswürdigen Freier nicht entschieden von sich, wenigstens lockte sie ihn durch die Art, wie es geschah, nur noch mehr an. Daß sie nur aus Eitelkeit und Leichtsinn ein Spiel mit ihm getrieben, ist nicht anzunehmen; aber sie benutzte die Hingebung eines so vollkommen in Verehrung für sie aufgehenden Liebhabers zu ihren Vortheilen und nahm oder forderte mehr Aufmerksamkeit und mehr Geschenke, als er bei seinen Dienstverhältnissen und seinem Einkommen geben konnte. Theater, Gesellschaften, Bälle hatten seine Kasse bereits erschöpft; er mußte noch Schulden machen, um die Wünsche der Geliebten zu befriedigen. Er war nur glücklich, wenn er in ihrer Nähe war oder sie von fern sehen konnte. Dies störte sein bisheriges Einverständniß mit seinem Principal, da der fleißigste und eifrigste Clerk jetzt bei den Acten nur an die Geliebte dachte. Levis sah sich daher genöthigt, als das Uebel aus eine Höhe getrieben war, wo kein Mittel mehr anschlug, ihn zu entlassen.

Doch geschah dies auf die schonendste Weise. Barkwith prakticirte für sich allein, jedoch auf Levis' Namen. Er würde ohne Zweifel sein Glück gemacht haben, wenn nicht die Leidenschaft für die Geliebte mit jedem Tage gewachsen wäre. Sie mochte in seiner scheinbaren Selbständigkeit eine Aufforderung entdecken zu neuen Forderungen an seine Kasse, und während er für ihre kleinen Bedürfnisse mit verschwenderischer Großmuth sorgen sollte, wußte er Das für sich selbst nicht zu erschwingen, was sein Auftreten in der Gesellschaft kostete. Sein Stolz verbot ihm, dies zu gestehen, seine Eitelkeit, aus den glänzenden Kreisen, in denen er sich bewegte, zurückzutreten. Er ging Freunde an, die er früher unterstützt hatte. Sie zuckten die Achseln. Ein ungestümer Gläubiger ließ ihn um eine kleine Schuld von 10 Pf. St. arretiren. Er wußte ihn zu befriedigen; aber nun stürmten seine andern Gläubiger auf ihn ein. Sein Geist verlor alle Ruhe, er konnte nicht mehr arbeiten. Selbst bereit, zu darben, konnte er es nicht übers Herz bringen, der Geliebten etwas abzuschlagen. Er stürzte sich in rauschende Vergnügungen, in alle Sinnenlust, welcher sich die Jugend ergibt, um die innere Zerrüttung zu übertäuben, bis er in der letzten Verzweiflung sich aufs Pferd warf und die Pistolen einsteckte.

Mit dem ersten Ausfluge auf dem verbotenen Wege, mit der Beute von 12 Schillingen hatte er sein Leben verwirkt.

Es existirt ein Brief Williams' an seine Geliebte vom 20. November 1730, ehe er vor Gericht stand. Er drückt noch die Hoffnung aus, daß die Jury ihn nicht verurtheilen könne, da der Beweis fehle. Aber er kann Der, »an deren Treue zu zweifeln er wohl einigen Grund habe, die aber dennoch, auch wenn sie ihn ganz verwerfen und verachten sollte, den ersten Platz in seinen Gedanken ausfüllen und immerdar die Gebieterin seiner Gefühle bleiben wird,« nichts verschweigen. Sie könne sich nicht die düstere Lage seiner Seele malen, denn es sei über alle Macht der Sprache, die entsetzliche Angst, die seinen Geist niederdrücke, und den unerträglichen Schmerz seines Herzens in Worten auszudrücken. Was er für sich fühle, sei nichts, auch das Urtheil, die Verdammung der Welt nicht, auch der Tod mit allen seinen Schrecken nicht; aber sie nicht mehr zu sehen, sei ein unerträglicher Gedanke, und zu denken, welchen Schmerz er ihr bereite, das zerreiße ihn mit tausend Folterqualen. Der Brief schließt mit der dringenden Bitte »des unwürdigsten Dieners an das süßeste, heißgeliebteste Geschöpf«, wenn das herbste Loos ihn treffen sollte, dann noch einmal ihn zu besuchen, um sie in seine Arme schließen zu können zu dem langen Lebewohl, ehe er in die Ewigkeit stürze.

Die Gnade des Königs blieb aus; gewiß nicht aus Mangel an moralischen Motiven, sondern aus höheren politischen Rücksichten. Der bürgerlichen Krankheit, die so zerstörend um sich griff und das Gemeinwesen erschütterte, durfte nicht langer nachgesehen werden, am wenigsten, wo sich die Krankheit in seinen edlern Gliedern zeigte.

Am 18. December 1730 richtete William Barkwith aus seiner Zelle in Newgate einen Brief »an alle junge Leute, besonders die der Stadt London«, worin er ihnen sein Beispiel warnend vorhielt und sie beschwor, ihren Leidenschaften nicht Zaum und Zügel schießen zu lassen. Zumal war er an die jungen Juristen in den Inns (den alten Gebäuden, in welchen die angehenden Juristen ihre Wohnung haben) gerichtet, deren Thorheiten und Ausschweifungen weltbekannt waren, und ermahnte sie, seine Brüder, Tugend, Ehrbarkeit und guten Ruf beständig vor Augen zu haben.

Auf seinem Schreibepulte fand man folgenden Monolog, der später in den Reports veröffentlicht wurde:

Sie naht, die Stunde! Warum schauderst Du,
O Seele, sonst gewiegt in heitre Ruh'?
Was zittert durch die Adern fieberhaft?
Denn Gram zu trotzen, hat das Herz nicht Kraft!
Was bist Du, Leben? Besser als 'ne Kette
Von Qual, Angst, Pein, ein langes Folterbette!
Ein Silberblick auf ewigen Verdruß,
Ein Traum voll Graun und drauf ein flücht'ger Kuß!
Es ist nur grade eine Spanne lang,
Uns dünkt's ein ew'ger Labyrinthengang,
Wer wollte schleichen durch den Wust von Streit,
Wenn Tod das Thor nur ist zur Ewigkeit?
Ein schneller Uebergang aus dieser Wüste
Zu des gelobten Landes goldner Küste?
Wo unauslöschbar glüht das heil'ge Licht,
Der Rosenhain, wo keine Dorne sticht.
Wohlauf denn, Seele, sei voll Freudigkeit,
Nicht zag' und zittre vor vergangnem Leid!
Wir zahlen, was wir schulden, der Natur
Und bitter wird der Tod dem Feigen nur.
Urew'ger Gott, hilf mir in meinen Nöthen,
Mach' frei den Geist und hilf die Furcht mich tödten!
Licht mir, wie Deinen heil'gen Glaubensstreitern,
Und Gnade, von der Sünde mich zu läutern!
Dann nimm mich auf an Deiner Liebe Brust
Und führe mich zu ew'ger Lebenslust!

Noch eine schwere Stunde nahte dem Verurtheilten vor der schwersten. Die Geliebte hatte seine Bitte erhört. Donnerstag den 20. December, Abends zwischen 6 und 7 Uhr, besuchte ihn die junge Dame im Gefängniß, zum letzten Lebewobl. Beide brachen in Thränen aus, als sie sich erblickten. Selbst die Augen der rohesten Zuschauer wurden feucht, als sie sich endlich aus der letzten Umarmung losrissen.

William Barkwith wurde Freitag den 21. December 1730 zu Tyburn gehängt.

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