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Der neue Pitaval - Band 22

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 22 - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 22
publisherF. A. Brockhaus
year1861
firstpub1856
printrun2
volume22
editorAlexis / Hitzig
seriesDer neue Pitaval
senderwww.gaga.net
created20050826
projectid93a4ead7
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Friseur Dombrowsky

1853

In Wolfenbüttel starb am 16. April 1853 die Ehefrau des Friseur Dombrowsky, nachdem sie einige Tage an einem heftigen Brechdurchfall gelitten.

Es entstand sehr bald unter Nachbarn und Bekannten ein dunkles Gerücht, welches sich lauter und lauter aussprach, daß es mit ihrem Tode nicht richtig sei.

Die Ehe zwischen Dombrowsky und seiner Frau war keine glückliche gewesen. Daran dachte man zuerst. Dann entsann man sich anderer Umstände, welche dem Verdacht gegen den Ehemann rasch immer mehr Nahrung gaben.

Dombrowsky hatte sich erst vor kaum 10 Jahren, nachdem es ihm in der Hauptstadt Braunschweig nicht gelungen und er sich anderwärts eine Weile umhergetrieben, in Wolfenbüttel angesiedelt und noch später das Meisterrecht daselbst gewonnen. Er hatte sich verheirathet, aber die erste Frau nach sechs Jahren an der Cholera verloren. Die zweite Frau, welche er bald darauf, wie er angegeben, zur Pflege und Erziehung seiner Kinder geheirathet, war weder schön, noch liebenswürdig, noch, wie er selbst mehrmals ausgesprochen, »gebildet «. – Man meinte, er habe sich ihrer geschämt – er war ein eitler Mann – er hatte sie lieblos behandelt, und sie war heftiger Natur gewesen. Es war daher keine glückliche Ehe, obwol man der Frau sonst keine Pflichtvernachlässigung vorwerfen können. Im Gegentheil hatte sie ihre häuslichen Tugenden, war sorgfältig und liebevoll gegen ihre Stiefkinder, voll Lebenslust, leicht versöhnlichen Temperaments, und der später vorgebrachte Einwurf, daß sie sich wol selbst könne vergiftet haben, stimmte ebenso wenig zu ihrem Sinn und Wesen, als der Vorwurf, daß sie Neigung zum Trunk gehabt, sich aus dem Ermittelten begründen ließ.

Es kam aber noch ein positiver Grund hinzu, welcher dem Verdachte unter den Nächststehenden die meiste Nahrung gab. Nachdem, wie man sich ausdrückte, die Eheleute ihr friedloses Leben vom December 1850 (wo er seine zweite Frau, die Tochter eines Beamten geheirathet) bis zum April 1853 nur nebeneinander hingeschleppt, Dombrowsky seine Frau durch die schamlosesten Scherze, durch Vernachlässigungen aller Art, durch Untreue und Geiz, durch übertriebene Anfoderungen für die Pflege seiner Kinder gequält hatte, schien er in den letzten Tagen sein Betragen gegen sie völlig geändert zu haben. Er war liebevoll und weich gegen sie geworden, hatte ihre außerordentliche Geduld und Treue bei der Krankenpflege des jüngsten Kindes dankbar anerkannt, und am letzten Sonntag (19. April) hatte die Frau ihren Nachbarn mit Entzücken erzählt: Dombrowsky habe ihr ein Theaterbillet geschenkt und wolle sie am nächsten Tage mit auf den Schützenball nehmen. »Wenn Dombrowsky immer so bleibt«, hatte sie froh ausgerufen, »so kann ich mir keinen bessern Mann wünschen.«

Er zwar änderte sein Benehmen gegen sie nicht mehr, aber sie selbst kam nicht mehr auf den Schützenball. Sie ward schon am nächsten Morgen, Montag, nach dem Frühstück von Übelkeit, Schwindel und heftigen Schmerzen befallen. Sie ward seitdem nicht wieder gesund.

Dombrowsky war trotzdem auf den Schützenball gegangen, er war von der heitersten Laune und hatte viel getanzt. Später entsann man sich, daß er zu einem der Anwesenden gesagt: er müsse sich für die Trauerzeit, die bald eintreten werde, im voraus schadlos halten. Ein Anderer wollte gehört haben: »Es wäre mir doch unangenehm, wenn ich nach Haus käme und die Frau schon todt fände.« Zu Mehren sollte er geäußert haben: sie müsse sterben (wie die erste), denn sie habe die Cholera im höchsten Grade.

Schon während der gräßlichen Leiden der Frau am Mittwoch und Donnerstag hörten die ab- und zugehenden Bekannten manche Äußerung aus seinem Munde, welche sie befremdete und »ahnungsvolles Grauen« erregte. Am Freitag Abend hatte Dombrowsky der Kranken eine Schale mit selbst bereiteter Sago gebracht, wovon sie ein heftiges Brennen im Magen fühlte und von nun ab nur Wasser trinken wollte. Er redete ihr zu ganz auszutrinken, es werde ihr gut thun. Als das Glas mit dem Rest Sago, das er, um es warm zu halten, in die Ofenröhre gethan, gesprungen, hatte er das Verschüttete sorgfältig aufgewischt.

Als die Frau am Sonnabend unter entsetzlichen Angstschauern verstarb, war Dombrowsky sehr ruhig gewesen und hatte im Sterbezimmer eine Cigarre geraucht. Eine Viertelstunde darauf hatte er die Leiche schon, mit Hülfe einer Wärterin, auf Stroh gelegt, und dann mit einem Besuchenden sich bei einer Flasche Bier an den Tisch gesetzt. In dem Gespräch hatte er nochmals, und ohne Anlaß, geäußert: »Seciren lasse ich meine Frau nicht.«

Auch sein Benehmen am nächstfolgenden Tage war verdächtig erschienen. Er hatte mit großem Appetit gefrühstückt, erzählt, daß er die Mobilien der Frau verkaufen wolle, denn er brauche einen Haufen Geld. Wenigstens lehnte er den Vorschlag (!?) zu einer dritten Heirath ab, ob er gleich während der Krankheit der Frau seinen Kindern eine »neue Mutter« versprochen haben sollte.

Er galt den Nachbarn und Bekannten als ein Mann, zu dem man sich der That versehen könne.

Am 18. April trug der Vater der Verstorbenen selbst, der Armenregistrator Angelstein, beim Gerichte auf die Section des Leichnams seiner Tochter an. Es geschah damit nur, was die öffentliche Stimme mit Ängstlichkeit erwartete. Die Obduction erfolgte schon am folgenden Tage, und es verlautete, daß man in den Eingeweiden und dem Magen der Todten eine beträchtliche Menge Arsenik gefunden. Dombrowsky war, als er von dem Einschreiten der Gerichte hörte, unwohl geworden und die Gerichtspersonen fanden ihn sehr aufgeregt. Eine zugleich vorgenommene Haussuchung führte zu keinem Resultate; indessen ward er, obgleich er aufs bestimmteste seine Unschuld betheuerte, verhaftet und die Untersuchung gegen ihn eröffnet.

Die Indicien steigerten sich bald, da schon am nächstfolgenden Tage bei einer genauen Haussuchung in seiner Wohnung eine Kruke mit Rattengift, in den Taschen seines Schlafrocks sein pulverisirter Fliegenstein gefunden ward. Seine Lage verschlimmerte sich dadurch, indem er vorhin geleugnet hatte, jemals Gift besessen zu haben: Überhaupt zerstörte er durch unverständiges, hartnackiges Leugnen der unerheblichsten und erwiesensten Thatsachen den Glauben an seine Wahrhaftigkeit, und verwandelte selbst die wenigen Entlastungszeugen durch unvorsichtige Fragen in Ankläger.

Durch das Anklageerkenntniß vom 2. Juli 1853 ward der Friseur Ernst Eduard Dombrowsky wegen des Giftmordes, begangen an seiner Ehefrau Karoline Friederike (gewöhnlich Mathilde genannt) geborene Angelstein in den Anklagestand gesetzt und am 28. Juli vor das Geschworenengericht gestellt, als dessen Präsident der Obergerichtsrath Dr. Trieps fungirte.

Der Schwurgerichtssaal war gedrängt voll, denn der in der Stadt und Gegend unerhörte Fall hatte das ruhige Wolfenbüttel in fieberhafte Aufregung versetzt. Der Angeklagte ward gegen 7 Uhr vorgeführt, ein kleiner Mann, 40 Jahr alt, von schmächtiger Statur, mit einem blassen Gesichte, welches zwar angegriffen war, aber von einer gewissen Fassung sprach. Nur in den etwas lauernden Blicken zeigte sich dann und wann Unruhe.


Die verlesene Anklageacte lautete: Am Morgen des 11. April dieses Jahres ward die Ehefrau des Friseurs Dombrowsky, Karoline Friederike, geborene Angelstein, gewöhnlich Mathilde genannt, welche mit ihrem gedachten Ehemanne zusammen lebte, plötzlich von einem Übelbefinden befallen, welches sich hauptsächlich durch Erbrechen und starken Durchfall äußerte. Noch am demselben Tage ward der Dr. med. Schrader sen. zugezogen und nahm dieser die Dombrowsky in ärztliche Behandlung. Das Erbrechen und der Durchfall dauerte jedoch fort, auch trat ein nach der Angabe des Arztes auffallend rasches Schwinden der Kräfte ein und am 16. April dieses Jahres Abends gegen 10 Uhr verschied die Kranke in dem von ihr und ihrem Ehemann bewohnten Hause.

Nachdem unter dem 18. April von dem Vater der Verstorbenen bei hiesiger herzoglichen Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht war, daß das Gerede gehe, seine Tochter sei keines natürlichen Todes verstorben, und derselbe dieserhalb auf Einleitung einer Untersuchung angetragen hatte, ward am 19. April eine Legalsection des Leichnams der verehelicht gewesenen Dombrowsky vorgenommen und hierauf der von dem Leichnam getrennte Magen nebst dem Dünn- und Dickdarm und der Bauchspeicheldrüse von den Sachverständigen Dr. Schütte und Apotheker Ohme hierselbst einer chemischen Untersuchung unterworfen. Selbige hat zu dem Resultat geführt, daß sowol in dem Magen, wie in den Eingeweiden eine bedeutende Quantität feingepulverten metallischen Arseniks, bekannt unter dem Namen Fliegenstein (Cobaltum minerale), gefunden ist und haben hiernächst die Sachverständigen ihr motivirtes Gutachten über die Todesursache dahin abgegeben, daß die Dombrowsky ihr Leben durch Vergiftung mittelst metallischen Arseniks verloren habe.

Auf diese Weise die Tödtung seiner Ehefrau und zwar mit Vorbedacht und Überlegung oder doch in Folge eines mit Vorbedacht gefaßten Entschlusses absichtlich ausgeführt zu haben, ist der Angeschuldigte Dombrowsky seines Leugnens ungeachtet aus folgenden Gründen dringend verdächtig:

1) Hat derselbe mit der Verstorbenen in einem sehr schlechten ehelichen Verhältnisse gelebt, hat namentlich bei vielen Gelegenheiten zu erkennen gegeben, daß er nicht die gebührende Achtung vor ihr hege und daß ein Gefühl von Neigung zu ihr ihm überall nicht innewohne. Auffälligerweise hat er jedoch in der jüngsten Zeit vor Erkrankung der Verstorbenen sein Betragen wider diese insofern geändert, als er ihr liebevoll entgegengetreten, ihr sogar, was sonst nie vorgekommen, am 10. April ein Billet zum Theater geschenkt und versprochen hat, sie am 11. April auf den Schützenball zu führen.

2) Ist durch die Untersuchung festgestellt, daß in beiden Taschen des Dombrowsky'schen Schlafrocks, welcher bei der am 22. April dieses Jahres in dessen Wohnung stattgehabten Haussuchung mit Beschlag belegt ist, metallischer Arsenik von derselben Beschaffenheit, wie der im Magen der Verstorbenen vorgefundene, namentlich auch in fein gepulverter Form enthalten gewesen ist, und hat Angeklagter sich über den Besitz dieses Giftes nicht zu legitimiren vermocht.

3) Ist bei der vorgedachten Visitation in der Küche der Dombrowsky'schen Wohnung eine Kruke mit gefärbter arseniger Säure aufgefunden; ingleichen hat Angeklagter nach den zu den Acten gekommenen, von ihm unterschriebenen Giftscheinen am 18. August 1844 für 2 Ggr. Arsenik, am 18. Juli 1848 für 1 Ggr. Fliegenstein und am 5. September 1849 gleichfalls für 1 Ggr. Fliegenstein von hiesiger Apotheke entnommen. Gleichwol stellt derselbe verdächtigerweise in Abrede, je Gift gekauft zu haben und überall im Besitze von Gift gewesen zu sein.

4) Ist nach dem Gutachten der Sachverständigen anzunehmen, daß das in so großer Quantität im Leichname vorgefundene Gift – allein im Magen sind 19 Gran Arsenik enthalten gewesen – zu verschiedenen malen in kleinen Dosen der Kranken beigebracht ist, ein Umstand, aus welchem namentlich auf eine mit Vorbedacht oder Überlegung ausgeführte und fortgesetzte Vergiftung geschlossen werden muß. Nun hat aber der Angeklagte fast sämmtliche Nahrungsmittel, welche die Kranke genossen, selbst zubereitet, und auf diese Weise sehr wohl Gelegenheit gehabt, das Gift den Speisen nach und nach heimlich beizumischen.

5) Hat Dombrowsky, gleich nachdem seine Ehefrau erkrankt ist und während des ganzen Laufs der Krankheit, sich stets dahin geäußert, er sei der festen Überzeugung, daß seine Frau sterben werde, eine Thatsache, die jedenfalls verdächtig erscheint.

6) Hat Angeklagter seine Ehefrau am 12. April dieses Jahres dahin bewegen, durch den Dr. Dedekind ein Document aufnehmen zu lassen, in welchem sie ihm ihr Vermögen geschenkt hat.

7) Am 12. April dieses Jahres, während die Ehefrau des Kunstmalers Mühlhahn sich Nachmittags eine Zeitlang bei der Kranken aufgehalten, hat Dombrowsky jedesmal, wenn seine Ehefrau sich übergeben hat, den Topf mit dem Ausbrochenen selbst aus dem Zimmer getragen; dies ist der Zeugin Mühlhahn um so mehr aufgefallen, als die Quantität des jedesmal Ausgebrochenen nur gering und Dombrowsky sonst nicht so aufmerksam gegen seine Frau gewesen ist.

8) Bei derselben Anwesenheit der Mühlhahn im Dombrowsky'schen Hause hat diese an die Kranke die Frage gerichtet, ob sie denn etwas Schädliches zu sich genommen habe? Hierauf hat der Angeklagte, ohne die Antwort seiner Ehefrau abzuwarten, unaufgefodert im heftigen Tone erwidert: »Was wir gegessen und getrunken haben.«

9) Als am 12. April die verehelichte Mühlhahn die Wärterin Lillepop im Beisein des Dombrowsky aufgefodert hat, der Kranken Kaffee mit viel Milch zu verabreichen, hat Dombrowsky geäußert: »Um Gotteswillen keine Milch, Milch schleimt, der Doctor hat gesagt Hafergrütze.« Nun ist aber Milch, wie allbekannt, ein Mittel gegen Arsenikvergiftung, und erscheint daher obige Äußerung verdächtig.

10) Hat die Voruntersuchung durchaus keine Momente ergeben, die etwa zu der Annahme führen könnten, daß die Dombrowsky sich selbst vergiftet habe. Vielmehr bekunden die Zeugen Angelstein, Mühlhahn, Lillepop, Linz und Wolters, daß die Verstorbene lebenslustig und gerade kurz vor ihrer Erkrankung sehr heiter gewesen ist. Auch steht dem der Umstand entgegen, daß nach dem Gutachten der Sachverständigen das Gift zu verschiedenen malen beigebracht ist, was bei einer Selbstvergiftung nicht geschehen sein würde.

11) Ingleichen hat sich nicht die geringste Verdachtsspur herausgestellt, daß etwa durch eine andere dritte Person, als durch den Angeklagten, die Vergiftung ausgeführt wäre. In der Zeit, bevor die Dombrowsky erkrankt, ist Niemand als ihr Ehemann in ihrer Umgebung gewesen, erst nach ihrer Erkrankung sind als Wärterinnen die unverehelichte Just und die unverehelichte Lillepop zugezogen. Es kann also Niemand anders als der Angeklagte, da, wie nachgewiesen, eine Selbstvergiftung nicht anzunehmen steht, der Kranken Arsenik beigebracht haben. Endlich

12) Läßt darauf, daß die Vergiftung mit Vorbedacht und Überlegung verübt ist, auch noch besonders der Umstand schließen, daß das Arsenmetall in fein gepulverter Form im Leichname vorgefunden ist; der im Handel verkäufliche Fliegenstein wird aber stets nur in derben Stücken oder gröblich gestoßen abgegeben; es muß also der hier angewandte vor dem Gebrauche erst eigens präparirt sein.

Demnach wird der Friseur Ernst Eduard Dombrowsky, welcher bereits im Jahre 1835 vom königlichen Stadtgerichte zu Berlin wegen kleinen Hausdiebstahls außerordentlich mit achttägigem Gcfängniß bestraft ist, unter Bezugnahme auf die Voruntersuchungsacten angeklagt:

Den am 16. April dieses Jahres hierselbst erfolgten Tod seiner Ehefrau Karoline Friederike geb. Angelstein (gewöhnlich Mathilde genannt) durch Vergiftung mit Arsenik absichtlich verursacht und die Tödtung mit Vorbedacht, oder Überlegung oder in Folge eines mit Vorbedacht gefaßten Entschlusses ausgeführt zu haben.

Der Staatsanwalt foderte demnächst die Geschworenen auf, ihre Aufmerksamkeit namentlich auf folgende Punkte zu richten: 1) Ist der verstorbenen Ehefrau des Dombrowsky Gift beigebracht worden? 2) Ist dasselbe ihr während ihres Lebens beigebracht? 3) Ist dieselbe in Folge davon gestorben? 4) Ist der Angeklagte der Thäter dieser That und hat er diese That mit Vorbedacht oder Überlegung, oder in Folge eines mit Vorbedacht gefaßten Entschlusses ausgeführt? und begleitete seine Einleitungsworte mit der dringenden Auffoderung: der Beweisnahme die ungetheilte Aufmerksamkeit zu widmen, in einem Falle, wo Alles und jedes, oft eine Andeutung, ein unscheinbares Wort von Wichtigkeit sei, und in einem Falle von einer Schwere, wie er seit Einführung des neuen öffentlichen und Schwurgerichtsverfahrens im Lande noch nicht vorgekommen.

Der Angeklagte hatte sich mit der größten Ruhe benommen, nur in Momenten, namentlich während die Anklage verlesen ward, lief sein Auge unstät über die Bänke der Geschworenen, als wolle er herauslesen, welchen Eindruck das Actenstück auf seine Richter mache.

Es folgte nun die Vernehmung über seine persönlichen Verhältnisse:

Ernst Eduard Dombrowsky war im Jahre 1812 in Dresden geboren, sein Vater war Lakai am sächsischen Hofe, nach andern Mittheilungen Ofenheizer im Schloß. Nach protestantischem Ritus getauft, war er bis zum 14. Jahre in die Schule gegangen. Nach dem Grundsatze seines Vaters, daß man eine Kunst schon früh erlernen müsse, erlernte er schon im 10. Jahre die künstliche Haarflechterei, »und dadurch ward es möglich, daß ich schon vom 10. Jahre an die hohe Schule besuchen konnte.« (?) Dann in die Lehre bei einem Friseur in Dresden gegeben, blieb er daselbst nur ein halbes Jahr, erstens, weil er sich der Haushälterin desselben nicht unterordnen wollte, und dann, weil sein Meister (Springer) von ihm, dem Lehrling, das künstliche Haarflechten ablernen wollte, was er, Dombrowsky, nicht wollte. Beim Hoffriseur Bodenstein, wo er vier Jahr blieb, ward er Geselle und kam dann auf der Wanderschaft von München nach Nürnberg wieder nach Dresden, und endlich nach Berlin. Hier conditionirte er zwar 1½ Jahr, konnte sich jedoch, meinte er, bei den zwei verschiedenen Meistern (Gustav Lohse und Schulz) nicht weiter ausbilden, da dieselben nicht besonders geschickt gewesen.

Der Präsident erinnerte ihn, daß er andere Nachrichten darüber in Händen habe, sowol aus Dresden als aus Berlin, wonach er in Berlin seinem Herrn einen Theil des von ihm aufgenommenen Honorars für eine frisirte Braut vorenthalten, darauf mit acht Tagen Gefängniß bestraft und dann deshalb des Landes verwiesen worden.

Dombrowsky wollte zuerst mit der Sprache nicht heraus, mußte dann die erste Thatsache einräumen, wollte aber von der Ausweisung aus Preußen nichts wissen, wenigstens sei ihm darüber nichts eröffnet worden und er aus freien Stücken wieder nach Dresden und von da 1836 nach Braunschweig gegangen.

Hier betrieb er 2½ Jahr das Geschäft der Witwe Bügelsack, mit der Absicht, es künftig ganz zu übernehmen, indem er die Tochter derselben heirathen wollte; die Gilde und die Polizei waren indessen dagegen, aus welchen speciellen Gründen letztere, wird uns nicht gesagt, er erhielt aber auch hier von derselben den Ausweisungsbefehl und begab sich 1839 nach Wolfenbüttel.

Nachdem er in Wolfenbüttel über vier Jahre lang, wieder im Namen einer andern Friseurwitwe, sein Geschäft geführt, erhielt er endlich 1844 auf seinen Namen das Meisterrecht und die Reception. Sein Verlöbniß mit Demoiselle Bügelsack war inzwischen aufgelöst. (Wie wir anderweit erfahren, hatte er sie im Stich gelassen, weil er schon an die andere Heirath dachte, und ließ sich erst durch ein processualisches Verfahren Sachen, die er zur Aussteuer in Besitz erhalten, abfodern.) Er verheirathete sich 1845 mit einer Wolfenbüttlerin, der Tochter des Buchbinders Eichhorn, die ihm zwei Kinder gebar, aber 1850 an der Cholera starb. Bei Erwähnung dieses Todesfalls verfiel der Angeklagte in ein Weinen und Schluchzen, das ihn noch öfters unterbrach. (Auch Hartung verfiel in elegische Stimmung, wenn er seiner ersten an der Cholera gestorbenen Gattin erwähnte, während er die zweite kaltblütig vergiftet hatte. Dumpfe Gerüchte beschuldigen Dombrowsky auch hier des Giftmordes. Indessen fand sich bei Ausgrabung der Leiche, die im April 1853 verfügt ward, kein Gift vor; auch fehlten hier die Motive zur That. Im Übrigen ward schon damals behauptet, daß die Rührung, welche er hier und bei andern Gelegenheiten zu Tage trug, rein erkünstelter Art war. Seine Praktik, wie man sehen wird, war, die Vermuthung zu erwecken, ohne es deutlich auszusprechen, daß seine Frau, die er in möglichst widerwärtigem Lichte zu schildern suchte, von ihren eigenen Verwandten vergiftet sei. Um bei den Geschworenen für sich persönlich einen günstigen Eindruck hervorzubringen, erheuchelte er eine sentimentale Erinnerung und Zärtlichkeit für die erste Gattin, die er schwerlich empfunden hat.)

Befragt, weshalb er sich so bald wieder verheirathet, antwortete er, weil seine Kinder einer Mutter bedurft. Auf Anderer Rath sei seine Wahl auf die jetzt verstorbene Mathilde Angelstein gefallen. Der Vater derselben, Registrator Angelstein, wäre sehr zuvorkommend gegen ihn gewesen und ihm entgegengekommen »mehr als zu viel.« Seine Bewerbung sei wol um deshalb so günstig aufgenommen worden, weil Angelstein sich wieder verheirathen wollen und die Tochter ihm im Wege war. Er sollte 200 Thaler und einige Möbel als Aussteuer mitbekommen (und hat sie wirklich erhalten).

– Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrer verstorbenen zweiten Frau?

Dombrowsky bemerkte darauf, mit seinem Schwiegervater sei es nicht eben besonders gewesen, er habe sich immer sehr theilnahmlos gegen ihn wie gegen seine Frau gezeigt und sei nie zu ihnen ins Haus gekommen. Was die selige Frau betreffe, so müsse er zwar zugeben, daß ihre Außenseite, nämlich was Bildung und Benehmen betreffe, vernachlässigt erschienen, aber er habe sich doch überzeugt, daß ihr Kern gut gewesen. Sie habe sich als gute Hausfrau und gute Mutter gegen die Kinder bewahrt.

– Glauben Sie, daß Sie Ihre Frau nie vernachlässigt haben?

»Moralisch habe ich sie nie vernachlässigt.«

– Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß das Zeugenverhör Vieles bringen wird, was hiermit im Widerspruche steht.

»Moralisch habe ich sie, wie gesagt, nie vernachlässigt, in physischer Hinsicht habe ich ihr Das vielleicht nicht leisten können, was sie von mir erwartet hat

Vom Präsidenten darauf aufmerksam gemacht, daß verschiedene Zeugen behaupteten, er habe seine Frau zu keinen Vergnügungen mit sich genommen, sagte er, er habe seiner Frau öfters Vergnügen gemacht, in jedes gute Stück habe er sie geführt, welches im Theater gegeben sei, er sei öfters mit ihr auf Bälle gegangen. – Er leugnete seiner Frau Grund zur Eifersucht gegeben zu haben; er sei nur höflich gegen Jedermann gewesen.

– Sie haben früher angegeben, Ihre Frau sei sehr heftiger Natur gewesen und habe die geistigen Getränke geliebt.

Der Angeklagte wiederholte dies auch jetzt wieder. Sie habe nur meist hinter seinem Rücken getrunken. Selbst habe er aber gesehen, wie sie in Gegenwart des Schneiders Winter und Frau fünf Flaschen Lagerbier und zwei Gläser Cognac geschluckt. Vom Präsidenten ward ihm bemerklich gemacht, daß die Auskunftspersonen nichts davon bemerkt haben wollen: »Ich lege kein besonderes Gewicht darauf«, sagte er, »aber bleibe bei Dem, was ich gesagt habe. Meine Frau ist keine entschiedene Trinkerin gewesen, aber sie bezeigte z. B. eine entschiedene Vorliebe für Rum; es war ihr damit wirklich Ernst, sie gab sogar die Personen an, wo sie das Trinken gelernt haben wollte; ich werde jedoch diese Personen nicht nennen.« Durch die hitzigen Getränke sei ihre Zornwuth angefacht worden.

– Wie war die Gesundheit Ihrer verstorbenen zweiten Frau?

Der Angeklagte gab an, sie habe häufig an Kolikanfällen gelitten, aber nie zu einem Arzte schicken wollen. Außerdem habe sie im vergangenen Jahre die natürlichen Pocken überstanden; er habe sie während dieser Krankheit mit Gewalt im Zimmer zurückhalten müssen, ohne ihn wäre sie ausgegangen und hätte sicher sich dadurch den Tod zugezogen. Sie selbst habe nicht gewollt, daß zum Arzt geschickt werde.

Der Präsident bemerkte, daß Zeugen das Gegentheil aussagen würden. Seine Frau habe nichts vom Arzt sagen dürfen.

»Ich bin auch kein besonderer Freund von Ärzten«, entgegnete der Angeklagte in dem leichten, selbstgenügsamen Ton, den er festzuhalten suchte.

Über seine häuslichen Einrichtungen gab er an, daß er keinen Gesellen und keinen Lehrling gehalten; in letzter Zeit habe sich die Frau auch ohne Dienstmädchen beholfen. Er selbst habe die Einkäufe besorgt, auch oft selbst gekocht; ja es sei seine Lieblingsbeschäftigung gewesen. Übrigens bestritt er, auf die Frage des Präsidenten, daß er seiner Frau Gelegenheit zur Eifersucht gegeben, obwol er, oft vom Hause abwesend, nur selten mit Frau und Kindern Morgens den Kaffee trinken können; so sei er mit Geschäften beladen gewesen.

Die letzte Krankheitsgeschichte suchte er so harmlos als möglich, aber mit vielen unbedeutenden Details zu erzählen. Am Sonntag (10. April) habe er seiner Frau das Theaterbillet geschenkt, was sie mit großem Danke angenommen. Es war das Stück »Mathilde« und er habe ihr das Billet mit den Worten gegeben: »Sieh, Mathilde, nun sollst du dich einmal selbst sehen.« Nachmittags ging sie aus und kam munter zurück. Als er in der Nacht aus dem Wirthshaus kam, lag sie schon im Bett. Sie schlief oben in einer Kammer mit dem jüngsten, er unten mit dem ältern Kinde. Montag Morgen waren beide Eheleute wohl und guter Dinge aufgestanden. Abends wollte man ja (schon in Folge längerer Verabredung) den Schützenball besuchen. Darum sollte Mittags nur eine aufgewärmte Suppe gegessen werden, und um das magere Mittagbrot zu ertragen, wollte man sich an einem kräftigen Frühstück stärken. Als drei Lehrbuschen des Schneiders Winter in die Stube kamen, um sich (aus Gefälligkeit des Friseurs) die Haare schneiden zu lassen, foderte Dombrowsky als Gegengefälligkeit, daß einer derselben ihm für vier Gutegroschen ein halbes Pfund (Leber-) Wurst und Branntwein hole. Er gab ihm dazu einen Korb mit, aber keinen Teller. – Er selbst wollte an dem Morgen nicht ausgegangen sein. (Obwol ihn ein Zeuge außerhalb gesehen haben will.) Während er noch die Haare der andern beiden Burschen schnitt, oder während zwei fremde Herren, die er nicht kannte, nach ihnen, um sich verschneiden zu lassen, eintraten, hatte der erwähnte Bursche den Korb zurückgebracht. Dombrowsky stellte ihn, ohne ihn zu öffnen, auf die Dehle (Diele, Hausflur) hinaus, indem er seiner Frau zurief: »Hier, Mathilde, frühstücke erst, sonst wird es zu spät.« Die Frau rief darauf, noch als die fremden Herren da waren: »Ich gehe weg,« – Sie war schon weggegangen, als die Herren sich entfernten, und mußte ihrerseits gefrühstückt haben, denn als der Mann in die Stube hinaufging, fand er nur die Hälfte der Leberwurst auf einem Teller. Vom Branntwein waren nur ein Paar Gläser getrunken. Außerdem lag angeschnittenes Schwarz- und Weißbrot auf dem Tische. Er verzehrte nun das Übrige von Wurst und Brot, gab auch dem Knaben etwas davon, wischte dann mit Papier die Krumen auf dem Tische zusammen, warf sie den Hühnern hinaus und steckte, nach seiner Gewohnheit, das zerriebene Papier in die Tasche. Dies mochte etwa um 9½ Uhr geschehen sein.

Wohin die Frau gegangen, wußte er nicht; sie hatte nur beim Fortgehen gesagt: »Wenn ich zu spät komme, mache Kohlen an.« Dombrowsky that das auch, da Mathilde erst 11½ wiederkam. Sie war, als sie ins Haus trat, blaß, klagte über Unwohlsein, sagte, sie habe sich übergeben müssen, und meinte, es werde wol wieder ihr altes Kolikleiden sein. Sie klagte über Durst. Dombrowsky wollte ihr Thee machen, sie aber griff oben zum Bier, denn sie müsse etwas Kühlendes genießen.

Sie hatte sich aufs Sopha gelegt, während er das Essen besorgte. Ältern und Kinder setzten sich in der obern Stube zu dem frugalen Mahle, aber die Frau hatte keinen Appetit. Der Mann hatte unten Geschäfte, während die Frau oben bis 3½ schlief. Er hatte die Kinder mitgenommen, damit sie die Mutter nicht störten. Als er um 4 wieder hinaufging, fand er sie wach, aber sie sagte, sie hätte sich mehrmals erbrechen müssen, das Ausgebrochene aber immer aus dem Fenster in den Hof gegossen. Sie klagte über Müdigkeit und Übelkeit, nicht über Schmerzen, und »wollte noch immer den Arzt nicht«. Dombrowsky ging nun ab und zu hinauf. Noch während es Tag war, kam Dorette Just, die bestellt war, um auf die Kinder zu sehen, während die Ältern auf dem Balle wären.

Der Angeklagte »glaubte bestimmt«, daß er die Just zum Dr. Schrader geschickt. Er »glaubte«, daß der Doctor kam, als die Dämmerung schon angebrochen war. Er »glaubte«, daß er den Doctor empfangen und mit den Worten: »Nun ist doch alles Unglück über mich reingebrochen, nun ist auch meine Frau krank geworden.« Die Kranke klagte dem Arzt über Übelkeit, Mattigkeit, Erbrechen, ob auch über Diarrhöe, entsann er sich nicht. Er wollte ihn nicht über den Zustand seiner Frau befragt haben, weil »Doctor Schrader wenig spricht«. Der Doctor hätte sich nun erkundigt, wo die Frau gewesen, worauf er ihm Alles gesagt, und daß sie sich wahrscheinlich im Theater erkältet gehabt.

Auf die Bemerkung des Präsidenten: daß er ja sonst nur bei bedeutenden Veranlassungen zum Doctor geschickt, blieb er bei der Erklärung, daß er keine Ursache gehabt, den Doctor speciell zu befragen, er habe geglaubt, es sei der alte Kolikanfall und hatte ihn nur rufen lassen, weil er sich so sehr in die Länge zog. Der Doctor verschrieb ein Pulver, äußerte aber nichts. Die Just trug das Recept in die Apotheke und gab das Pulver auch der Frau ein.

Um 8 Abends ging Dombrowsky, nachdem er die Kinder zu Bett gebracht, noch einmal zu seiner Frau hinauf, sie war ruhig. Ob sie sich wieder übergeben hatte? Wie sollte er das Alles genau behalten haben! – Er sagte, er wolle doch noch auf den Ball gehen, da das Geld einmal bezahlt sei. Die Frau sagte: »Komm nur nicht zu spät nach Hause.«

Um 9 kam er auf dem Balle an. Die Gesellschaft saß schon bei Tisch. Er kam zwischen dem Schneidermeister Winter und Hoke Röber zu sitzen. Warum ohne Frau? – Er sagte, die sei krank, und der Winter machte einen Witz, der ihn verdroß. Darauf sagte er, es müsse doch bedenklich sein; der Doctor habe auf das Recept cito geschrieben. Aber nach Tisch tanzte er lustig fort, blieb bis 3 auf dem Balle und fuhr mit Winter nach Haus zurück.

Er sollte noch mit dem Stadtwundarzt Bodenstedt und dem Lohndiener Voges ein Gespräch geführt haben, dessen er sich nicht entsann. – Ob er viel getrunken, wußte er auch nicht: »Einen Rausch habe ich nicht gehabt; dies ist überhaupt nie meine Mode gewesen.« Am Montag Morgen nach Haus kommend, fand er die Frau wieder ruhig, sie hatte noch einige mal gebrochen, er legte ihr ein Senfpflaster auf den Magen. Er ging nicht zu Bette, sondern legte sich nur unten auf das Sopha, nachdem er die Stube etwas geheizt – er war zu unruhig zum Schlafen.

Vor 6 stand er auf, gab der Just Bohnen, um Kaffee zu kochen, und entließ sie um 6.

– Hat Ihnen die Just nichts von einer Mettwurst gesagt, und daß sie, die Just, davon unwohl geworden?

»Ich kann darüber nichts mit Bestimmtheit sagen.«

Ihm ward vorgehalten, wie diese Dorette Just ausgesagt, daß seine Frau, als sie am Montag Morgen zu ihr gekommen, um sie auf den Abend zu bestellen, unterwegs unwohl geworden, sich bei ihr, der Just, übergeben und geäußert habe: Das sei wol davon, weil sie Leberwurst gegessen, welche ihr Mann ihr ein-(auf)geschmiert hätte. Er habe ihr anempfohlen, am Morgen gerade eine fette Speise zu essen; das würde ihr für den Ball am Abend gut thun und ihren Magen schmeidigen. Dombrowsky erklärte, er müsse das in Abrede stellen: »Ich muß bemerken, daß ich meiner Frau nie etwas ausgeschmiert habe. Ich kann mit Bestimmtheit versichern, daß ich kein Brot an diesem Morgen mit Wurst geschmiert habe.«

Ihm wurden darauf seine verfänglichen Reden auf dem Balle vorgehalten.

– Sie sollen so ausgelassen gewesen sein, daß es auffallen mußte.

»Was soll ich darüber erklären! Vermutlich habe ich die Krankheit meiner Frau nicht für so bedenklich gehalten.«

– Sie sagten aber selbst, daß cito auf dem Recepte stand.

»Vielleicht wollte der Doctor damit nur, daß die Krankheit rasch behoben werden solle. Ich kann das so genau nicht wissen.«

– Zeuge Voges will Sie angeredet, nach Ihrer Frau sich erkundigt haben. Zuerst hätten Sie gesagt: Es hätte nicht viel zu bedeuten; dann: Die Frau hätte sich 20–30 mal übergeben! Voges antwortete: Die Sache scheine doch nicht so unbedenklich. Da hätten sie wieder geäußert: Sie möchten doch, Sie wären nicht auf den Ball gegangen, damit, wenn die Frau stürbe, die Leute nicht sprechen könnten!

Er bestritt, solche Gespräche geführt zu haben, oder könne sich wenigstens nicht darauf besinnen.

– Sie sollen zum Zeugen Bodenstedt in der Ballnacht gesagt haben: Ihre Frau sei sehr krank!

»Dies ist nicht möglich, ohne daß es auch Andere gehört hätten, Bodenstedt ist schwerhörig.«

– Sie sollen zu demselben Bodenstedt gesagt haben: Es sei schon mehrmals zu Ihnen geschickt, Sie sollten nach Hause kommen. Aber Sie müßten erst recht ordentlich tanzen, hätten Sie erwidert, denn wenn Ihre Frau stürbe, müßten Sie Trauer anlegen und dürften dann nicht tanzen?

Dombrowsky leugnete oder entsann sich wieder nicht des Umstandes.


Nach einer zweistündigen Unterbrechung ward das Verhör am Nachmittage fortgesetzt.

Um 8 Uhr am Dienstag Morgen rief die kranke Frau den Mann, sie hatte einen fürchterlichen Durchfall. »Der erinnerte mich ganz an die Leiden meiner ersten Frau!« Gegen 9 kam der Doctor. Dombrowsky »glaubt«, er habe mit ihm vom Durchfall gesprochen. Es ward neue Medicin verschrieben. Dombrowsky ließ die Frau Mühlhahn bitten, zu seiner Frau zu kommen; sie kam nach 9 und er ersuchte sie, bei der Kranken zu bleiben, während er seinen Geschäften nachging. – Bald nachher kam die Mühlhahn herunter und erzählte ihm, wie seine Frau gesagt: Es sei doch schlimm, wenn sie nun mit Tode abginge, ihr Vater (Angelstein) sei ein habsüchtiger Mann, der am Ende Alles wieder zurückhaben wolle, was sie ihrem Mann eingebracht.

Er will zur Mühlhahn gesagt haben: »Madame Mühlhahn, seien Sie so gut und bewegen meine Frau, daß sie ein Document aufsetzt, worin mir für den Fall des Todes das Eingebrachte versichert wird.« – Darauf bestellte er noch eine Krankenpflegerin, die Minna Lillepop, begab sich aber zugleich zum Notar, Dr. Dedekind, um ihn auf den Nachmittag zu bestellen. Dieser machte ihm Vorwürfe, daß er, beim Zustande seiner Frau, auf den Ball gegangen.

Nachdem er die letzt verschriebene Medicin selbst aus der Apotheke geholt, fand er im Hause die Lillepop schon angekommen; die Mühlhahn war noch da. Sie vertraute ihm, daß sie mit der Kranken über die bewußte Sache gesprochen, sie wolle aber am Nachmittag wiederkommen, um sie noch mehr vorzubereiten. »Ich selbst habe über diesen delicaten Gegenstand mit meiner Frau noch nicht sprechen mögen.« – Die Frau hatte bis dahin nichts gegessen, auch nicht den verordneten Hafergrützschleim, den Dombrowsky selbst gekocht.

Nachmittags 2½ kam Dr. Dedekind. Der Mann nahm ihn in sein Geschäftszimmer und ging dann erst mit ihm zur Kranken hinauf: »Mathilde, da unten ist der Doctor Dedekind«, sagte er, »willst du vielleicht mit ihm sprechen!« – Sie nickte: »Ja«.

Beim ersten Gespräch des Notars mit der Kranken will er nicht zugegen gewesen sein, dann aber wurden Tischler Ramke und Linz als Zeugen gerufen und in ihrer Gegenwart die Schenkungsurkunde vollzogen. Bei der Unterschrift mußte die Frau einmal aussetzen wegen Schwindels. – An dem Tage hätte seine Frau über keine Schmerzen geklagt, auch wären Erbrechen und Diarrhöe nicht so heftig gewesen. Sie hatte nichts als Hafergrütze zu sich genommen.

Er ward auf mehre Widersprüche aufmerksam gemacht. Als die Mühlhahn gekommen, habe er, nach deren Aussage, exaltirt gerufen: »Meine Frau hat die Cholera, gerade wie meine erste Frau!«

»Das ist wol möglich.«

– Hat nicht die Mühlhahn da gesagt, es sei wol nicht so schlimm? und haben Sie nicht darauf geantwortet: Sie solle es nur sehen, ganze Stücke Fleisch und Blut wären Ihrer Frau abgegangen. Hat nicht die Mühlhahn in Ihrer Gegenwart Ihre Frau gefragt: Ob sie denn etwas Schädliches genossen? und haben Sie da nicht eilig zwischen gesprochen: »Ei was! Nichts als was wir gegessen haben!«

Dombrowsky wollte sich dessen nicht so genau entsinnen. Der Doctor aber habe streng befohlen gehabt, seine Frau solle nicht sprechen, sondern sich ruhig verhalten.

Man bemerkte ihm, daß er es gewesen sein solle, der zur Mühlhahn geäußert: Sie solle mal denken, was aus ihm werden solle, wenn seine Frau mit Tode abginge, und daß er zuerst die Mühlhahn aufgefordert, die kranke Frau zu einer Schenkungsurkunde zu bereden. – Er blieb dabei, daß die Mühlhahn davon angefangen; sie habe vielleicht geglaubt selbst in Unannehmlichkeiten zu kommen, wenn sie die Wahrheit sage, weil die Frau im Hause der Mühlhahn zuerst krank geworden.

Der Präsident begriff darin keinen Zusammenhang. Dombrowsky mußte zuletzt ebenfalls bemerken: »Ich begreife auch keinen Zusammenhang.« (Uns wird anderweitig zur Erklärung dieser dunkeln Stelle mitgetheilt, daß Dombrowsky für die mit den Verhältnissen Vertrauten ziemlich verständlich angedeutet habe: Wie es wol möglich, daß die Mühlhahn selbst seiner Frau Gift beigebracht habe. Als es verstanden ward, rief es bei den Zuhörern ein heftiges Murren des Unwillens hervor.)

Man warf ihm vor, daß er das von seiner Frau Ausgebrochene nicht schnell genug entfernen können. – Er leugnete es nicht, behauptete aber, es nur gethan zu haben, weil seine Frau über den schlechten Geruch geklagt.

– Die Mühlhahn will die Lillepop aufgefodert haben, Ihrer Frau Kaffee mit vieler Milch zu geben, weil der Haferschleim ihr Brennen verursachte und sie ihn nicht mehr trinken wolle. Da hätten Sie gesagt: »Keine Milch, Milch schleimt, der Doctor hat es verboten, viel Kaffee, wenig Milch!«

Dombrowsky wollte sich gegen beides erklärt haben, gegen Kaffee und Milch, weil der Doctor Haferschleim verordnet.

An den folgenden Tagen will er nicht selbst gekocht, sondern das Essen immer von Angelsteins bekommen haben, die Frau habe aber nur schleimige Sachen genossen, die er selbst zubereitet. »Ende der Woche bekam sie Sago mit Rothwein und Zimmet, die ich auch zubereitet habe, das Kochen hat die Lillepop besorgt. Das Befinden meiner Frau war immer dasselbe: wenig Erbrechen. Der Sago hat ihr am besten behagt. Durchfall habe ich nicht mehr beobachtet. – Dr. Schrader befühlte den Unterleib einmal, meine Frau gab keine Schmerzen an. Sie klagte jedoch über Hitze im Magen, – Über ein Gefühl von Erstickung habe ich sie nicht klagen hören. – Die Schwäche nahm immer mehr zu.«

– Sie sind am Freitage bei Winter gewesen? »Ich weiß es nicht mehr mit Bestimmtheit anzugeben.«

– Es soll bei dieser Gelegenheit davon die Rede gewesen sein, der Dr. Schrader habe sich bei Winters geäußert: Es werde ja mit Ihrer Frau besser. Darauf hätten Sie gesagt: »Ich kann den Dr. Schrader nicht begreifen, sie stirbt, das weiß ich!«

»Vielleicht habe ich gesagt, ich glaubte nicht, daß sie wieder aufkomme, weil die Schwäche zu sehr überhand nähme.«

Am Sonnabend, dem letzten Tage der Kranken, wollte der Angeklagte seine Frau ganz ruhig, aber matt gefunden haben; sie hätte wenig gesprochen. Am Nachmittage kam der Maler Mühlhahn. »Ich war mit ihm auf dem Krankenzimmer, ich sagte mit Bedauern, ich könnte der Frau nicht helfen, da sie schon nichts mehr zu sich nehmen könnte.«

– Der Zeuge Mühlhahn gibt an, in den Gesichtszügen Ihrer Frau habe sich großer Schmerz ausgesprochen; er (der Zeuge) habe Sie darauf aufmerksam gemacht, Sie hätten darauf erwidert: »Sie hat keine Schmerzen, der Doctor hat es gesagt.«

Der Angeklagte gab zu, vielleicht gesagt zu haben, der Doctor habe sich dahin ausgesprochen, die Kranke litte keine Schmerzen.

– Der Zeuge Mühlhahn gibt ferner an, Sie hätten sich darauf weggewandt und ein hämisches Gesicht gezogen.

»Auf diese Angabe des Zeugen Mühlhahn«, rief Dombrowsky heftig, »bemerke ich gar nichts. Ich werde dem Zeugen gegenüber antworten.«

– Sie sollen gegen die Zeugin Sophie Müller in Betreff der Tropfen, welche Ihrer Frau noch zuletzt verschrieben sind, sich geäußert haben.

»Ich habe mit solch einem Mädchen derartige Gespräche gar nicht geführt.«

Auf eine Anfrage: Ob er nicht einen zweiten Arzt zuziehen wolle, habe er erwidert: Er habe zu Schrader ein festes Vertrauen.

– Wie verhält es sich mit den Tropfen?

»Die Tropfen hat meine Frau gar nicht mehr nehmen können; sie rochen wie Chloroform, das mir zuwider ist, deshalb habe ich sie aus dem Fenster gegossen.«

Die Frau starb vor 9 Uhr. Um 10 schickte der Witwer nach Stroh aus, um sie darauf zu legen. Er war so eilig, weil er glaubte, es sei eine ansteckende Krankheit gewesen. Winter und seine Gesellen kamen um 10½, als die Leiche schon auf dem Stroh lag. Sie wollten die Verstorbene noch einmal sehen. Ob sie sich verwundert, sie schon auf dem Stroh zu finden, und was sie gesprochen, erinnerte er sich nicht mehr.

– Winter gibt an, eine Zeit lang wäre von Niemand ein Wort gesprochen; dann hätten Sie aus freien Stücken gesagt: »Öffnen lasse ich sie nicht.« Bald darauf hätten Sie die Worte wiederholt.

Dombrowsky wollte nichts davon wissen, noch warum er das gesagt haben sollte.

Am Sonntag Morgen ging er zu seinem Schwiegervater, um ihm den Tod seiner Tochter anzuzeigen. Angelstein hätte die Nachricht mit lächelnder Miene aufgenommen und sich herzlos betragen. Als er später zum Gärtner Behrens gegangen, sei es wol möglich, daß er dort leichtsinnige Reden geführt. Dann sei die Besorgung des Begräbnisses gekommen, auch Besuche aus Braunschweig. In der Nacht vom Montag zum Dienstag sei er heftig erkrankt an Erbrechen und Diarrhöe, aber ohne Schmerzen. Davon habe er sich am Dienstag Morgen bei der Section sehr schwach gefühlt und noch am Mittwoch, bei der Beerdigung, im Bette gelegen. Donnerstag stand er auf; am Abend eröffnete ihm der Staatsanwalt, daß er verhaftet werden solle; er ward im Schlafrock und Paletot nach dem Gefängniß, aber hinten durch den Garten abgeführt, weil schon eine Menge Menschen sich vor dem Hause versammelt. Am Freitag Morgen ward er wieder, zur Fortsetzung der Haussuchung, in seine Wohnung gebracht, und zwar im Schlafrock. Er mußte ihn und die übrigen Kleidungsstücke ausziehen und abgeben.

Auf die Frage des Präsidenten: ob ihm nicht eröffnet sei, daß in seiner Schlafrocktasche Gift gefunden worden, erwiderte er, daß er davon sprechen gehört. Auf die Frage: Ob ihm nicht auch eröffnet sei, daß in den Eingeweiden der Frau eine bedeutende Portion desselben entdeckt worden, wollte er sich dessen nicht erinnern. Auf die förmliche Erklärung: Es sei ausgemacht, daß seine Frau an Arsenik gestorben, und was er darauf zu sagen habe, erklärte er: Es sei ihm unbegreiflich, wie die Frau Gift bekommen habe. An die Speisen, die er bereitet, könne keins gekommen sein, solange sie in seinen Händen gewesen. Er habe nie Gift besessen, glaube schwerlich je Gift gebraucht zu haben, sondern nur Fliegenvertilgungsmittel. Als ihm die von ihm unterschriebenen und untersiegelten Gutscheine vorgelegt wurden, mußte er deren Richtigkeit anerkennen; aber es sei ihm aus dem Gedächtniß entfallen, und Fliegenstein habe er auch nicht für Gift gehalten.

– Aber in den Taschen Ihres Schlafrocks ward Gift gefunden?

Er meinte, es könne mit den Papieren, womit er den Tisch abgewischt, in die Tasche gekommen sein; es seien länglich viereckige, beschnittene, grobe Löschpapiere gewesen, wie solche in der Apotheke gebraucht würden. Vielleicht war es ein solches, worin Fliegenstein verabfolgt wird.

– Fliegenstein wird nur in Kruken verabreicht.

Das könne er nicht wissen.

– Das Gift im Magen war von derselben Beschaffenheit wie in den Schlafrocktaschen; eine Art, wie es im Handel nicht vorkommt.

Darauf wußte er nichts zu erwidern.

Aufgefodert, ob er auf die Anklage ein Geständniß ablegen oder beim Leugnen verbleiben wolle, erklärte er: »Ich habe nichts hinzuzufügen, ich bleibe dabei.«

Hinsichts seiner Vermögensumstande gab er an, daß er ein eigenes Haus in Wolfenbüttel, zu 850 Thaler versichert, besitze, Hypothekenschulden standen darauf 800 Thaler; außerdem verschulde er auf Wechsel 60 Thaler.


In der nächsten Sitzung am 29. Juli richtete der Präsident an den Angeklagten die Frage, veranlaßt durch seine undeutlichen Erklärungen in der vorangehenden, ob er eine Veranlassung habe anzunehmen, daß seine Frau einen Selbstmord begangen?

Er erwiderte: Er könne es nicht sagen; er könne keinen Grund angeben; er wolle es dahingestellt sein lassen.

Zur Vervollständigung der Untersuchung trug, vor der Zeugenvernehmung, der Vertheidiger Müller darauf an, daß, da aus den Acten hervorgehe, wie am Morgen des Todestages ein Glas mit Sago im Ofen der Krankenstube zersprungen, der Gerichtshof die Untersuchung dieser etwa noch im Ofen befindlichen Reste der Flüssigkeit durch die Sachverständigen verfügen möge. Der Gerichtshof behielt sich die Entscheidung darüber auf später vor.

Zunächst erschienen die Sachverständigen, welche von der Vertheidigung in Vorschlag gebracht worden, der Medicinalrath, Professor Dr. Otto, der Hofmedicus Dr. Günther und der Apotheker Dr. Herzog, sämmtlich aus Braunschweig; der Stadtphysicus Dr. Schütte berichtete über die von ihm am 19. April vorgenommene Leichenöffnung. Wir ersparen unsern Lesern, die schon aus einer hinreichenden Zahl ähnlicher Processe mit der Procedur vertraut sind, deren Einzelheiten und erwähnen nur in Kürze das Resultat.

Äußerlich fand man nichts Auffallendes, es war kein besonderer Leichengeruch zu bemerken. Aus dem Magen kam eine grünliche Flüssigkeit zum Vorschein, mit weißen Flecken vermischt. Die Magenschleimhaut war streifig geröthet, angeschwollen, aufgelockert, mit Schleim überzogen; in der Gegend des Magenmundes war die Entzündung derselben am meisten ausgesprochen, auch waren einzelne sogenannte hämorrhagische Erosionen zu bemerken. Daher der Verdacht, eine scharfe, ätzende Substanz habe auf den Magen eingewirkt. Hierauf wurden der Magen, der Verdauungskanal und die Bauchspeicheldrüse vorschriftsmäßig in besondere, reine Gläser verschlossen und versiegelt. Die Leber, nur heller als gewöhnlich, zeigte nichts Abnormes.

Schütte bekundete noch, daß die aus der linken Schlafrocktasche genommenen Körnchen metallisches Arsenik waren, von der Beschaffenheit, wie es (später) im Magen gefunden worden. Er setzte darauf den Geschworenen auseinander, was man unter Fliegenstein verstehe, was für ein Unterschied sei zwischen dem (metallischen) Fliegenstein (Cobaltum minerale) und dem weißen Arsenik, dem sogenannten Rattengifte, von den Chemikern arsenige Säure genannt, und machte namentlich darauf aufmerksam, daß der an und für sich unwirksame und daher auch nicht giftige Fliegenstein (Arsenikmetall) trotzdem dadurch auf den menschlichen Organismus so nachtheilig wirke, weil er im Magen, durch Verbindung mit Sauerstoff (Oxydation) ziemlich rasch und stetig in arsenige Säure (Rattengift, weißer Arsenik) übergeführt werde.

Medicinalrath Dr. Otto bestätigte in einem glänzenden Vortrage den wesentlichen Inhalt der wissenschaftlichen Erörterungen des Dr. Schütte. Ebenso der Apotheker Dr. Herzog, der außerdem noch mittheilte, daß der käufliche Fliegenstein schon etwa vier Procent arsenige Säure enthalte, daß daher schon gewöhnliches Wasser, auf den käuflichen Fliegenstein aufgegossen, »nach sehr kurzer Zeit die Spuren von aufgelöstem Arsenik enthalte. Versuche, in der Apotheke angestellt, hatten dies bestätigt.

Der Hausarzt der Dombrowskys, Landphysicus Dr. Schrader, bekundete: Als er Montag (11. April) zur Verstorbenen gerufen worden, habe er nur gehört, daß sie an diesem Tage heftiges Erbrechen und Durchfall bekommen habe; er selbst sei aber weder damals, noch später Augenzeuge davon gewesen. Ihr Unterleib war weich, nicht aufgetrieben, nicht schmerzhaft bei der Berührung. Kein Appetit, aber Durst, und durchaus kein Fieber. In den folgenden vier Tagen nahm die Schwäche zu, er bemerkte aber immer kein Fieber. Erst am 16., dem Todestage, trat eine »unerwartete« bedeutende Verschlimmerung des Zustandes, ein bedeutendes Sinken der Kräfte ein. Die Kranke hatte immer nur über Mattigkeit, Durst, Mangel an Appetit geklagt. Die Gesichtszüge waren nicht besonders leidend, nicht livide. Erst am 16. April wurden die Hände kalt. Etwas Besonderes war dem Arzte im Verlauf der Krankheit nicht aufgefallen, bis auf jenes plötzliche Sinken der Kräfte; was aber doch nicht so auffällig ihm erschien, um davon Anzeige zu machen.

– Hat die Kranke denn gar nicht gegen Sie über Schmerzen geklagt?

»Schmerz hat sie nie zugestanden. Ich habe sie immer danach gefragt, habe auch den Unterleib befühlt: sie hat dabei nie das Gesicht verzogen.«

Der Mann gab ihr nicht die Antworten ein. »Die Kranke konnte immer selbst antworten.« Das Ausgebrochene ward ihm nicht vorgewiesen, der Arzt glaubt aber auch nicht, daß er es mit Bestimmtheit verlangt, obwol er danach gefragt habe.

Dann berichtet der Zeuge über die Krankheit, die den Dombrowsky selbst schon am Morgen vor der Section befallen. Es war ein starkes Erbrechen und Diarrhöe, wobei er sich einer »wässerig klaren Feuchtigkeit« entleert, auch etwas Blut sei darin gewesen. Dombrowsky schien für seine Gesundheit etwas ängstlich. – Er hat den Doctor nie gefragt, ob er den Zustand seiner Frau bedenklich halte? Auf das erste Recept hatte Schrader, so viel er sich erinnerte, nicht cito geschrieben, weil er den Zustand nicht für so bedenklich hielt, dagegen auf das zweite Recept. Milch, weil sie schleime, hatte er nicht verboten, glaubte aber, er werde wol gesagt haben, sie solle nur Hafergrütze trinken.

– Waren denn gar keine dringenden und auffallenden Symptome vorhanden?

»Wegen Abwesenheit der Schmerzen im Unterleibe, auch bei Berührung desselben, wegen Abwesenheit des Fiebers, konnte aus den Symptomen ein Verdacht auf eine Vergiftung nicht entstehen. Das plötzliche Sinken der Kräfte, wie gesagt, war mir auffallend, doch sah ich es als das Resultat einer Brechruhr an. – Nichts von einem melancholischen Zustande. Namentlich anfangs war die Kranke noch heiter und schien die Sache nicht so ernst zu nehmen.« Die letzt verschriebenen Tropfen seien zwar ein ziemlich starkes, aber kein ätzendes Mittel gewesen. Der Kranken habe es leicht einige Schmerzen verursachen, und der Geruch einen Laien an Chloroform erinnern können.

Apotheker Ohme berichtete, wie er in Gemeinschaft mit Dr. Schütte die chemische Untersuchung der gedachten Unterleibsorgane vorgenommen. Schon am 21. April Nachmittags hatte er das auf der Magenschleimhaut befindliche, schwarze, zum Theil metallisch glänzende Pulver durch die untrüglichsten Reactionen als Fliegenstein ganz unzweifelhaft erkannt, worauf Dr. Schütte dieses Resultat dem Gerichte mitgetheilt hatte.

Darauf wurde der chemische Bericht von Ohme und Schütte verlesen und zugleich folgende Gegenstände vorgewiesen und den Geschworenen umhergereicht: 1) Ein Arsenspiegel in einer Sublimationsröhre, darüber Krystalle von arseniger Säure, aus einigen Körnchen Fliegenstein des Mageninhalts dargestellt. 2) Ein Porzellanmörser mit Arsenikspiegeln, aus dem Inhalte der linken Schlafrocktasche dargestellt. 3) Die in der Dombrowsky'schen Küche vorgefundene Giftkruke, gefärbte arsenige Säure enthaltend. 4) Ein verschlossenes Glasröhrchen, den Rest des Schwefelarsens enthaltend, welches aus dem Magen und dem Mageninhalte gewonnen und zur Berechnung der im Magen vorgefundenen Menge des Arseniks gedient hat. 5) Mehre feine Glasröhrchen, Arsenikspiegel enthaltend, welche aus dem Inhalte der rechten Schlafrocktasche dargestellt worden.

Auch der Schlafrock des Angeklagten wird vorgewiesen. Die herausgeschnittenen und besonders aufbewahrten Schlafrocktaschen wurden aber aus ihrem Verschlusse nicht herausgenommen, damit eine spätere, etwa nöthig werdende Untersuchung derselben zu jeder Zeit sicher vorgenommen werden könne.

In der Nachmittagssitzung sprach Apotheker Ohme über die in der Wohnung des Angeklagten am Morgen des 22. April vorgenommene Haussuchung. Die ihm vom Staatsanwalt Görtz bezeichneten Körner aus der linken Schlafrocktasche hatte er, durch den Löthrohrversuch, namentlich durch den Knoblauchsgeruch der sich entwickelnden weißen Dämpfe, als metallisches Arsenik unzweifelhaft erkannt. – Bei der weitern Haussuchung in der Küche des Angeklagten sei ihm die Giftkruke überreicht worden. Sie stand, nicht versteckt, auf einem Mauervorsprunge; nicht verkorkt und dick mit Staub bedeckt.

Auf der Etikette, mit Dinte geschrieben, der Preis (2 Ggr.) bemerkt. An der Handschrift habe er erkannt, daß die Kruke zu der Zeit, wo ein früherer Gehülfe von ihm in seiner Officin gewesen, verkauft sein müsse. Er habe in den vorhandenen Giftscheinen nachgesehen und auch wirklich die (gerichtlich deponirten) Giftscheine, von Dombrowsky unterzeichnet, aufgefunden. – In der Kruke fand sich gefärbter weißer Arsenik (entsprechend dem ersten Giftscheine vom 18. August 1844). Die Gefäße mit Fliegenstein (den Giftscheinen vom 18. Juli 1848 und 5. September 1849 entsprechend) seien bei der Haussuchung nicht aufgefunden. – Er erklärte, der Fliegenstein werde immer nur in Kruken, nicht in Papier verabreicht.

Man vernahm nun die Sachverständigen, ob sie sich noch ein Resultat von der Untersuchung am Ofen, auf welchem das Sagoglas verschüttet worden, versprächen? Nachdem sich Professor Otto mit Entschiedenheit dafür ausgesprochen, ward eine Commission zur Untersuchung darüber in die Dombrowsky'sche Wohnung abgeschickt.

Die nächsten Zeugenaussagen, die von Ohme's Lehrling, bestätigend die Aussagen seines Principals, und die einiger Beamten über die Identität der Gefäße mit den untersuchten, Gift enthaltenden Organen, übergehen wir.

Der Staatsanwalt Görtz bekundete über die erste Cognition, die Mittheilung, daß Gift schon bei der ersten Prüfung gefunden worden, wie er darauf zur Captur und ersten Haussuchung geschritten, nur das schon Bekannte; von neuem Interesse wird aber seine Aussage über die zweite Haussuchung: »Ich konnte die Nacht vor innerer Aufregung nicht schlafen, und überdachte mir, wie am andern Tage die Haussuchung am zweckmäßigsten vorgenommen werden könnte. Ich vermuthete damals noch, die Vergiftung sei (wie gewöhnlich zu geschehen pflegt) mit weißem Arsenik ausgeführt, und dann konnte ich mir den langsamen Verlauf der Krankheit nicht anders erklären als dadurch, daß die Darreichung des Gifts successiv stattgefunden habe; dann aber, dachte ich weiter, ist es am wahrscheinlichsten, daß der Thäter das Gift bei sich geführt hat, um so am unbemerktesten dann und wann den Speisen und Getränken etwas davon beizumischen. Ich ging also am andern Morgen in die Apotheke und ließ mir das Arsenikpräparat, wie es im Magen gefunden wurde, vor zeigen, um es mir genau anzusehen. Ich traf die nöthigen Verabredungen mit Apotheker Ohme und verfügte mich sodann in die Wohnung. Der Angeklagte, mit seinem Schlafrock bekleidet, war wieder zur Stelle gebracht, und ich erklärte demselben, er müsse sich umziehen. Die Durchsuchung der Weste und der Beinkleider ergab nichts. Sodann untersuchte ich den Schlafrock, Aus der linken Tasche wurde das Taschentuch genommen und nun die Tasche mit Vorsicht umgestülpt. In der Naht befand sich etwas Wolliges, dazwischen etwas Körniges (Sand u. s. w.) mit Brotkrumen (!) untermischt und einzelnen schwarzen Punkten, welche ich mit einer Lupe besichtigte und für verdächtig hielt. Nun wurde zu Apotheker Ohme geschickt und inzwischen die Tasche nicht aus den Augen gelassen. Wir steckten zur Vorsicht den Zipfel mit einer Nadel zusammen. Als Ohme gekommen war, wurde das Pulver aus der Tasche auf ein weißes Stück Papier geschüttet (in den Taschen wurde kein Papier gefunden). Ohme stellte den Löthrohrversuch mit einem Körnchen des Pulvers an und erkannte dasselbe als Fliegenstein. Ich kann übrigens nicht behaupten, daß ich den Knoblauchsgeruch wahrgenommen habe, da ich mit meinem Kopfe mich nicht so weit nähern konnte. Inzwischen saß Dombrowsky fortwährend ruhig auf dem Sopha. Ich fragte ihn, ob er denn wol bemerkt habe, daß wir das Pulver aus seiner Schlafrocktasche genommen hätten? Er antwortete: ›Nein! die Herren standen herum, ich konnte es nicht sehen.‹«

In der zerrissenen rechten Schlafrocktasche konnte man damals kein Gift entdecken.

Der Polizeicommissar Scholz hatte mit dem Untersuchungsrichter die erste Haussuchung vorgenommen. Er fand den Dombrowsky auf dem Sopha sitzend. Als ihm eröffnet ward, was hier geschehen solle, weil seine Frau unter verdächtigen Umständen gestorben, äußerte Dombrowsky unter Anderm: »Es wäre doch traurig, wenn das gute Frauchen etwas Nachtheiliges bekommen haben sollte.«

Die Aussagen der übrigen Zeugen in dieser Sitzung waren von keiner Bedeutung.


In der Sonnabendsitzung, am 30. Juni, erschien zuerst eine wichtige Zeugin, die Ehefrau des Kunstmalers Mühlhahn.

Als alte Bekannte der Verstorbenen bekundet sie, daß dieselbe, wenn auch nicht gerade liebenswürdig, doch stets liebevoll gegen ihre Ältern, fleißig und häuslich gewesen. Nur war sie etwas »bullerig« und hatte viel und hastig gesprochen.

Nach der Verheirathung fühlte sie sich bald sehr unglücklich und hatte es kein Hehl. Sie klagte, daß ihr Mann sich häßlich gegen sie benehme und sie vernachlässige; die Kinder wären verzogen und sie müsse immer die Schuld tragen. Vor der Verheirathung war sie stets gesund, in der Ehe sah sie elend aus, und schob es auf den vielen Ärger. Vor Michaeli vorigen Jahres fand die Mühlhahn sie in Verzweiflung, ihr Mann hatte zu ihr gesagt: Wenn er gewußt, daß ihr Vater sich wieder verheirathen würde, hätte er sie gar nicht genommen, Neigung zu geistigen Getränken hatte sie nie an ihr wahrgenommen. Ihre Beobachtungen über die Krankheit der Verstorbenen gab sie in Folgendem:

»Am Montag Morgen (11. April) bin ich beim Betten beschäftigt und stehe am offenen Fenster, da kommt die Dombrowsky ganz munter vorbei, es mochte etwa zwischen 9 und 10 Uhr sein; ich rede sie an: ›Mathilde‹, sage ich, ›wo willst du hin?‹ Sie bleibt stehen und sagt ganz vergnügt: ›Ich will nach Dorette (Just), sie soll heute Abend kommen, weil ich mit meinem Manne auf den Schützenball gehen will.‹ Ich hatte sie nun auch gestern im Theater bemerkt und sagte daher im Scherze: ›Sieh! gestern im Theater und heute auf den Ball! Das glaube ich!‹ – ›Ja, Jettchen!‹ antwortet sie darauf, ›ich freue mich recht, nun komme ich doch einmal wieder unter Menschen!‹ – Während wir noch so miteinander sprechen, sagt sie auf einmal: ›Ach Gott! wie wird mir, ich werde so miserabel, so übel, schwindlig!‹ Ich sagte: ›Das kommt wol vor.‹ Darauf antwortet sie: ›Ich will nur machen, daß ich zu Doretten komme‹ – und geht weg. – Als ich eine halbe Stunde oder noch später in meine Stube komme, sitzt sie da; sie sah sehr elend aus, und klagte, daß sie sich habe bei fremden Leuten übergeben müssen. Als sie eine Zeitlang dagesessen, sagte sie: ›Ich will nur weggehen, gebt mir vier Pfennige, ich will von Wolters Semmel mitnehmen.‹ – Ich ging nun aus der Stube; bald darauf ist sie auch fortgegangen. Ich dachte nicht weiter daran. – Am andern Morgen kam der Lehrbursche von Ramkens und bestellte eine Empfehlung von Herrn Dombrowsky und derselbe lasse mich bitten, nach seinem Hause zu kommen, seine Frau wäre krank. Ich ging hin. Als ich ins Haus trete (es mochte etwa um 9 Uhr sein), kommt Dombrowsky mir entgegen; ich frage ihn, was es denn mit seiner Frau sei? Da antwortet er mir: ›Die Cholera, die Cholera im höchsten Grade! Sie stirbt, der Magen nimmt nichts mehr an!‹ – Darauf sage ich: ›Nun, man stirbt ja nicht so gleich!‹ – Da antwortet er: ›Doch, sie stirbt! Sie stirbt sicher!‹ – Darauf gehe ich hinauf und trete in die Stube. Sie lag im Bette und sah so seltsam, so aschgrau im Gesichte aus. Ich trete zu ihr und sage: ›Was ist es denn, Mathilde, wie geht es dir denn?‹ – ›Ach!‹ sagt sie, ›ich bin so elend, ich habe mich immer übergeben müssen!‹ – ›Wo thut es dir denn weh?‹ frage ich. – ›Ach!‹ antwortet sie, ›der Magen brennt.‹ – Ich sage: ›Ich habe auch zuweilen Magenschmerzen, mir hat immer ein warmer Deckel auf den Magen geholfen.‹ – Da sagt Dombrowsky, der auch gekommen war: ›Nein, nein! kein Deckel! Kamillenumschläge!‹ – Ich frage, ob sie denn irgend etwas gegessen habe, was schädlich sei? Da antwortet er (Dombrowsky) rasch: ›Was wir gegessen und getrunken haben!‹ – Damit drehte er sich um. – Bald darauf sagte er, er wolle nach einer Krankenwärterin ausgehen; auch ein Recept nach der Apotheke tragen und Kamillen mitbringen. Ich sagte ihm, er solle nur in unserm Hause vorgehen, mein Mann habe Kamillen, der könne ihm welche geben. – Darauf ging er fort. – Als er sich entfernt hatte, klagte die Frau, ihr Mann sei trotz ihrer Krankeit auf dem Balle gewesen und sei erst so spät zu Hause gekommen.«

Vom Präsidenten befragt, gab die Zeugin an, die Kranke habe Lagerbier zu trinken verlangt; sie (die Zeugin) habe den Angeklagten gefragt, ob sie es ihr geben solle; da habe er erwidert: »Nein! Hafergrütze! der Doctor hat es gesagt! Ich will es ihr selbst zubereiten.«

– »Er bringt es und sie trinkt. ›Es brennt‹, sagt sie. ›Ach! wenn ich doch Lagerbier hätte.‹ Nachher hat sie etwas davon getrunken und Linderung danach gespürt. – Unten auf der Treppe traf ich nachher Dombrowsky; er kam zurück und brachte die Medicin mit. – ›Wo haben Sie die Kamillen?‹ fragte ich. –- ›Ich bin bei Dr. Dedekind gewesen‹, antwortete er. ›Denken Sie einmal, wenn meine Frau stirbt und ihr Vater das Geld wieder verlangt, so käme ich in die größte Verlegenheit.‹ Er habe daher den Dr. Dedekind gebeten, am Nachmittage zu kommen. Ich möchte seine Frau doch darauf vorbereiten und dazu bereden, ein Document auszustellen, für den Fall des Todes. Ich sagte: ›Dadurch wird sie nur ängstlich, so schlimm ist es ja nicht!‹ – Dombrowsky sagte nichts darauf. Ich kehrte zu der Kranken zurück und ging bald darauf zu Haus.«

– Erinnern Sie sich noch daran, daß Dombrowsky bei seiner Rückkehr von dem Documente zuerst angefangen hat?

»Ich erinnere mich genau daran.«

– Hat Dombrowsky zu Ihnen gesagt: »Wenn ich es nur erst angebracht hätte!«

»Ja!«

– In welchem Tone?

»Dombrowsky äußerte sich so, als ob ein Anderer es besser thun könne als er. So verstand ich es und lehnte es stillschweigend ab.«

Als sie einmal zur Lillepop gesagt: sie solle der Madame Kaffee geben, aber recht viel Milch darin, sagte Dombrowsky: »Um Gotteswillen keine Milch, Um Gotteswillen keine Milch! Milch schleimt. Der Doctor hat es verboten.« – Als sie das ihrem Manne erzählt, war es ihm aufgefallen.

Am Nachmittage, bei einem zweiten Besuche der Mühlhahn, fand sie die Kranke etwas besser. »Am Morgen hatte sie über Schmerzen und Brennen im Magen geklagt, jetzt nicht. Dombrowsky zog die Zeugin bei Seite; und jetzt sagte er das: ›Dr. Dedekind ist da, wenn ich es nur erst angebracht hätte.‹ Bald darauf sprach er zur Kranken: ›Mathilde, der Dr. Dedekind ist unten, er hat sich Stangenpomade geholt und sich nach dir erkundigt. Soll er nicht mal reinkommen?‹ Nach einer Weile fuhr er fort: ›Sieh, wolltest du mir nicht den Gefallen thun und etwas aufsetzen lassen, daß dein Eingebrachtes bei mir bleibt!‹ – Sie antwortete: ›Quäle mich doch nicht! Man stirbt ja nicht gleich.‹ – Hierauf sagte er: ›Du könntest es doch thun zu meiner Beruhigung! Nur eine Schenkung unter Lebenden, du kannst es ja ändern lassen! Thu es doch!‹ Darauf geht er weg. – Da richtet sich die Kranke auf: ›Was sagst du dazu?‹ ruft sie mir zu. – ›Was soll man dazu sagen!‹ antworte ich, ›du mußt dich nur nicht deshalb ängstigen! ‹ – ›Ach!‹ sagt sie dann, ›wenn er mich nur lieb hätte! Aber er hat mir nicht ein mal, er hat mir hundert mal Ohrfeigen angeboten! Und doch‹, fährt sie fort, ›wenn ich es nicht thue, so behandelt er mich nur desto schlechter!‹ – ›Höre mal‹, erwidere ich darauf, ›du kannst es ja immer ändern lassen!‹ - ›Ist das wahr?‹ sagt sie. Und dann: ›Denkst du denn, daß Dr. Dedekind zufällig da ist? Den hat er herbestellt, noch ehe er in die Apotheke gegangen ist. Ich kenne ihn besser, du traust immer seinen glatten Worten!‹ Jetzt kam Dombrowsky wieder, ich sage zu ihm: ›Sagen Sie nur, daß Dr. Dedekind heraufkommt!‹ – Nun kam Dr. Dedekind herauf und sprach zuerst über Dieses und Jenes mit der Kranken; diese befand sich ganz gut, sie war sogar ganz vergnügt, es wurde Spaß gemacht. Übrigens weiß ich nicht genau, was Dr. Dedekind mit der Kranken verabredet und gesprochen hat; ich war meist im Nebenzimmer. Es wurden nun zwei Zeugen geholt (Ramke und Linz), Dr. Dedekind schrieb etwas auf. Die Kranke mußte unterschreiben, ich unterstützte sie dabei; als sie so weit geschrieben hatte: Mathilde Dombr....., konnte sie nicht mehr und mußte absetzen. Dann versuchte sie es noch einmal, rief aber: ›Wo ist es denn, ich kann nicht sehen!‹ Endlich unterschrieb sie vollends, war dann aber recht angegriffen. Als sie sich wieder erholt hatte, sagte sie zu mir: ›Höre mal, Jettchen! ich bin nun ganz wieder gut, ich könnte aufstehen, ich habe Alles weggebrochen!‹ – Ich bat sie jedoch, nicht aufzustehen; so blieb sie auch ruhig liegen. Bald darauf ging ich zu Haus. – Am andern Morgen um 9 Uhr ging ich wieder hin. Dombrowsky empfing mich unten mit den Worten: ›Ach so! Sie sind es!‹ Ich fragte, was seine Frau mache. Er antwortete: der Doctor habe gesagt, sie solle Ruhe haben. ›Ich will mich auch nicht lange aufhalten‹, erwidere ich, ›und nicht viel sprechen.‹ Als ich hinaufkam, glaubte ich die Kranke auf dem Sopha zu finden, sie lag aber im Bette, viel kränker als gestern. ›Was machst du für Dinge?‹ sagte ich. Sie klagte, warf sich umher, würgte, klagte über den Magen und sah angegriffen aus. Die Lillepop war da. Ich sagte, ich hätte gestern geglaubt, sie hätte keine Schmerzen mehr, sie sei so ruhig gewesen. ›Ach!‹ antwortete sie, du denkst, wenn ich nicht immer klage, so habe ich keine Schmerzen; ich bin keine Minute ohne Schmerzen, ich beiße die Zähne aufeinander!‹ – Ich sagte darauf: ›Ich freue mich, daß du eine so gute Krankenwärterin hast.‹ – ›Ach, ja, ja‹, antwortete sie, ›die lasse ich auch noch lange nicht fort. Wenn ich auch erst besser bin, so soll sie doch noch bleiben, ich muß mich mal recht wieder erholen.‹ Die Lillepop ging nämlich mit der Kranken sehr gut um.«

»Dombrowsky trug das Ausgebrochene immer selbst fort, sowie sie gebrochen hatte. Es hatte keinen Geruch, war ganz weiß. Ich dachte bei mir, so oft wäre es auch nicht nöthig; wenn er ihr dafür nur den Kopf hielte!«

An den folgenden Tagen hatte Dombrowsky auf die Anfrage der Mühlhahn, was seine Frau mache, ihr antworten lassen, sie sei sehr krank, sie müsse sich ruhig verhalten. Sie dachte: Das soll wol heißen, er will dich nicht haben, und blieb zu Haus. Desto ergreifender ist ihre Schilderung des letzten Tages, die wir mit ihren eigenen Worten wiedergeben:

»Am Sonnabend, etwa um 9 Uhr, kam Dombrowsky zu uns und sagte, seine Frau sei sehr krank, sie wäre sehr unruhig gewesen. Ich sagte, es thue mir leid, daß ich keine Zeit habe zu kommen. Dombrowsky bat mich aber, ich möchte doch mal hingehen. So that ich es denn. Als ich aufs Zimmer komme (hier ward die Zeugin von Rührung überwältigt, sie weinte und bedurfte längerer Zeit, um sich zu fassen. Sie war überhaupt so vom Gegenstande ergriffen, daß man ihr ausnahmsweise einen Stuhl reichen mußte, und sie legte ihr Zeugniß größtentheils sitzend ab) – als ich aufs Zimmer komme, schlägt die Kranke die Augen auf und sieht mich an, ach, so starr! Das Gesicht hatte sich so schrecklich verändert, ihre Gesichtszüge so schlaff, so blaß, so bleifarben! Ich mußte heftig weinen und mich an der Bettsponde halten, so zitterte ich! ›Ich bitte dich um Gotteswillen‹, sage ich, ›was ist das mit dir, du wirst ja, statt besser, alle Tage kränker!‹ Da kann sie kaum einen Laut von sich geben. Ich gehe heraus zur Lillepop und sage zu der: ›Die sieht ja fürchterlich aus!‹ – ›Ach!‹ sagt die Lillepop, ›daß sie es nur nicht sieht, daß Sie weinen!‹ Ich ging wieder ins Zimmer zu ihr; sie wollte mir die Hand reichen, aber der Arm sank ihr kraftlos auf das Bett nieder. Mit schwacher, langsamer Stimme sagte sie mir noch: ›Dein – Mann – hat – mich – noch – nicht – einmal – besucht!‹ Sonst klagte sie über nichts. Ich mußte ihr noch einmal die Hand reichen. – Mich befiel eine so namenlose Angst, es war mir so unheimlich. Ich ging ins Nebenzimmer zur Lillepop und sagte: ›Ich kann der Madame doch nicht helfen, ich will nur weggehen.‹ – Erst als ich wieder in die frische Luft kam, athmete ich wieder frei auf. – Die Dombrowsky habe ich nicht wieder gesehen.«

– Ist der Angeklagte am Sonntag bei Ihnen gewesen?

»Am Sonntage, gleich nach Tisch, kam Dombrowsky zu uns und zeigte mir den Todtenschein; er sagte, er wolle zum Cantor. Ich sagte zu ihm, wenn ich in seiner Stelle wäre, so ließe ich die Leiche öffnen. ›Nein! nein!‹ antwortete er, ›das leide ich nicht, wegen des Geschäfts!‹«

– Haben Sie aus dem Benehmen der Verstorbenen etwas entnehmen können, was auf Selbstmord deuten würde?

»Nein! Nein! Sie äußerte sich, sie sei so froh, daß der Kleine wieder besser wäre, nun müsse sie selbst krank werden, es sei schrecklich. – So sehr nahm sie sich auch ihr unglückliches, eheliches Verhältniß nicht zu Herzen, sie vergaß leicht.«

Auf einzelne Fragen gab sie noch folgende Auskunft: »Wenn die Kranke über Brennen und Schmerzen im Magen geklagt, war er oft zugegen, er mußte es also gehört haben. Als sie zu ihm gesagt: Es sei doch wol nicht so schlimm mit seiner Frau, entgegnete er: ›O doch! Sie wissen nicht, was sie ausgebrochen hat. Ganze Stücken Fleisch und Blut.‹ Daß er geäußert hätte: Seine Frau habe eine Pferdenatur, war ihr so ›sinnlich‹, sie konnte es aber nicht mit Bestimmtheit behaupten.«

– Angeklagter, haben Sie noch eine Frage an die Zeugin zu stellen?

Er behauptete: Es sei vor seinem Gange zum Dr. Dedekind das Gespräch zwischen ihm und der Mühlhahn in Betreff der Urkunde geführt, und die Mühlhahn habe zuerst angefangen. Die Mühlhahn blieb bei ihrer Aussage und erklärte auf die Vorstellung des Richters, ob sie ihrer Sache auch gewiß sei? – »Herr Präsident, ich verweise Sie auf meinen Eid.«

Dombrowsky verlor sich in allerlei Gleichgültiges und Ungehöriges, und warf Ähnliches der Mühlhahn vor, die auch Punkte, die wichtig wären, nicht so genau beantwortet habe, während sie über Anderes, was nicht zur Sache gehörte, lange Redensarten gemacht!

Die Aussage der Mühlhahn, ihre Antworten und ihre freie Erzählung, immer schlicht, einfach und treffend, wurden von allen Anwesenden mit der gespanntesten Aufmerksamkeit angehört und machten einen unverkennbaren Eindruck. Sie sowol als ihr später vernommener Ehemann stehen im Rufe sehr rechtlicher Leute. Dombrowsky's Benehmen, um die Zeugen zu verwirren und einzuschüchtern, war dagegen so angethan, um Mistrauen und Abneigung gegen ihn zu erwecken. Trotz der entschiedensten Widersprüche in den Angaben der Zeugen und seinen eigenen, blieb er bei den seinen, und suchte den guten Leumund Jener wo möglich zu verdächtigen, wenn es ihm nicht gelungen, sie durch seine stechenden Blicke einzuschüchtern, und ging dann in das Manöver über, indem er sich auf Nebendinge stürzte, die Aufmerksamkeit von der Hauptsache abzulenken.

Nach einer so classischen Zeugin, die zugleich ein lebenswarmes Bild der Personen und Verhältnisse gibt, können wir über andere Zeugenauslassungen, welche über dieselben berichten, kürzer weggehen.

Hierauf erschien Professor Otto, um in seinem und dem Namen der übrigen Sachverständigen den Bericht über die chemische Untersuchung des Ofens abzustatten. Die nächst Betheiligten kannten schon das Resultat. Auf das Publicum mußte es einen großen Eindruck machen: Die gestern Nachmittag im Hause des Angeklagten vorgenommene Besichtigung des Ofens und der Stelle, wo das Glas mit Sago gestanden und zersprungen ist (in der untern Ofenröhre), habe erkennen lassen, daß an dieser Stelle der Rost des Eisens locker aufliege; es sei daher leicht gewesen, ziemlich viel abzukratzen. Dies sei geschehen und das Ganze auf ein reines Stück Papier gebracht. Eine an Ort und Stelle vorgenommene vorläufige chemische Untersuchung habe zu keinem Resultate geführt, es sei daher die fragliche Substanz in Verwahrung genommen und von den Sachverständigen in die Wohnung des Apothekers Ohme gebracht.

Sie hätten nun zunächst eine Methode der chemischen Prüfung in Anwendung gebracht, welche am schnellsten das Metall (den Arsenik) erkennen lasse, ohne daß doch das zu prüfende Material verloren gehe. Es sei nämlich der Rost mit Kalilauge gekocht, die entstandene braune Lösung filtrirt und das Filtrat mit verdünnter Schwefelsäure übersättigt; diese Flüssigkeit sei darauf in den Marsh'schen Apparat gebracht, und man habe nun auf einem Porzellanmörser so schöne und so starke Arsenspiegel bekommen, daß die Quantität des im Roste vorhandenen Arseniks jedenfalls eine beträchtliche hätte sein müssen. Mittlerweile sei es dunkel geworden, es seien daher die Gegenstände vom Apotheker Ohme verschlossen. Um 6 Uhr Morgens des heutigen Tages wäre sodann die Untersuchung fortgesetzt: die erhaltenen Arsenspiegel seien noch speciell untersucht: in Chlor-Natronlösung hätten sie sich aufgelöst; ihre salpetersaure Lösung, mit Höllensteinlösung versetzt, habe mit Ammoniakflüssigkeit einen eigelben, im Übermaße des Füllungsmittels auflöslichen Niederschlag gegeben u. s. w. Unter diesen Umständen sei es von den Sachverständigen nicht nöthig erachtet, die Untersuchung noch weiter fortzusetzen; übrigens wäre der Rost noch vorhanden und müsse noch genügend Arsenik enthalten. – Es verstehe sich von selbst, daß alle zu den Versuchen gebrauchten Reagentien vorher auf einen etwaigen Arsenikgehalt geprüft waren. – Somit sei gewiß nie sicherer das Vorhandeni sein von Arsenik bewiesen. Es gehe somit das Gutachten der Sachverständigen dahin, daß, wenn der fragliche Rost durch das Zerspringen des Gefäßes mit Sago verunreinigt wäre, in der Sagoflüssigkeit eine nicht unbeträchtliche Menge Arsenik gewesen sein müsse.

Dombrowsky, aufgefodert, sich zu erklären, hatte nichts dagegen zu erinnern, da er ja selbst den Antrag auf Untersuchung des Ofens gestellt habe. (Welche Verhandlungen diesem wichtigen Momente im Schoose der Parteien vorausgegangen waren, und wie der Angeklagte und die Vertheidigung sich hier selbst geschlagen hatten, darüber am Schluß.) Auf Antrag seines Vertheidigers ward ihm jetzt Bleistift und Papier gestattet, um seinem Gedächtnisse beim Zeugenverhör zu Hülfe zu kommen. Seine an die Mühlhahn darauf gestellten Fragen waren von keiner Erheblichkeit. Sie räumte ein, daß die Verstorbene, als noch im älterlichen Hause, an einem Magenkrämpfe gelitten, von jahrelanger Behandlung dieses Übels durch den Dr. Frank will sie nichts wissen. Ebenso wenig erinnerte sie sich anderer geringfügiger Umstände, um die sie der Angeklagte in der Advocatenmanier befrug, welche schon der Pachter RushSiehe den Fall: »Rush«, Neuer Pitaval, XVI. zur Fröhnung seiner Eitelkeit und zur Ungebühr wider die gegen ihn aufgetretenen Belastungszeugen geübt hatte. Der Präsident mußte ihn erinnern, daß er durch ein solches Verfahren sich nur selbst schade.

Nachdem der Stadtphysicus Schütte verschiedene Fragen an die Zeugin Mühlhahn gestellt, die sie dahin beantwortete, daß die Verstorbene wol schon am Dienstag kalte Hände, gewiß aber einen heftigen Durst gehabt, daß ihr Zustand am Mittwoch noch schlechter geworden mit Schmerzen und Brennen im Magen und heftiger Diarrhöe, wurden die drei Lehrlinge des Schneidermeisters Winter vernommen, die im Allgemeinen nur bestätigten, was Dombrowsky selbst über den Verlauf des Montag (11. April) Morgens angegeben: Der Lehrling Buch war es, welcher von Dombrowsky nach Schnaps und Wurst ausgeschickt ward, während den andern beiden noch die Haare geschnitten wurden. Als er zurückkam, übergab er den Korb an Dombrowsky, welcher denselben, ohne ihn zu öffnen, auf einen Tisch oder eine Commode stellte, wo er während des Haarschneidens ruhig stehen blieb. Was weiter damit geworden, konnte er freilich nicht angeben. Dombrowsky war an dem Morgen in seinem Schlafrock. (Die Aussage der drei Lehrburschen war insofern wichtig und für Dombrowsky gravirend, als daraus hervorging, daß der Korb mit der Leberwurst in die Stube und sofort in seine Hand gekommen war, während er ihn gar nicht in die Hand genommen, oder doch sofort draußen auf den Flur gestellt haben wollte, wobei dann die Möglichkeit blieb, daß hier ein Anderer, vielleicht die Frau selbst, Gift in die Wurst gebracht haben konnte.)

Die Bäckerfrau Wolter hatte die Verstorbene am Sonntag (10.) im Theater gesehen und sehr heiter gefunden. Auch zu dieser Zeugin hatte sie ihre Freude geäußert, daß ihr Mann sie morgen auf den Schützenball mitnehmen wolle. Am Montag Morgen sah sie sie wieder, aber wie verändert! Sie holte für vier Pfennige Weißbrot. »Sind Sie nicht wohl? Wie angegriffen sehen Sie aus!« – »Ja«, antwortete die arme Frau, »ich bin so elend, ich weiß nicht, wie mir ist!« Sie klagte über Schmerzen im Magen und lehnte sich an die Wand. »Ich werde wol nicht auf den Ball gehen können«, sagte sie noch und ging. Die Wolter hat sie nicht wieder gesehen.

Aus früherer Zeit entsann sich die Zeugin noch eines Zuges: Die Dombrowsky äußerte einmal zu ihr, als sie sich Kohlen holte: »Was sagen Sie nun, mein Bruder hat die Apotheke angenommen! Wär' ich nun nicht verheirathet, könnte ich ihm schön den Haushalt führen!« Die Wolter meinte: Es sei doch besser, wenn man verheirathet wäre! – Sie hatte seufzend geantwortet: »Ja, wenn ich glücklich wäre!«

Die Dorette Just, welche als Aufwärterin Zeugin der ersten Krankheitsanfälle gewesen, hatte nach der Verheirathung der Eheleute ein halbes Jahr als Magd bei ihnen gedient. Es war keine glückliche Ehe. Dombrowsky hatte die Kinder immer gegen die Stiefmutter in Schutz genommen. Die Frau war gegen die Kinder sehr gut. Zuweilen war auch der Mann gegen sie gut, öfter hatte er sie zurückgesetzt. Wenn er ausging, nahm er sie selten mit. Heftig waren sie Beide, die Frau ward aber immer bald wieder gut:

»Am 11. April, Montag Morgens gleich nach 11 Uhr, kam Madame Dombrowsky zu mir, um mich auf den Abend zu bestellen, sie wolle mit ihrem Manne auf den Schützenball gehen. Ich fühle mich gar nicht wohl, sagte sie, ich will mich hinsetzen. Sie sah elend und angegriffen aus. Auf meine Frage, was sie gegessen habe? antwortete sie: Mein Mann hat mir ein Franzbrot mit Leberwurst geschmiert und gesagt, das solle ich nur essen, das wäre gut, das schmeidige den Magen. Darauf springt sie auf und muß sich ein paar mal übergeben. Jetzt befand sie sich besser und ging weg. – Als ich gegen Abend hinkam, saß Madame Dombrowsky auf der Fußbank am Ofen. ›Ach!‹ sagte sie, ›ich kann nicht mit nach dem Balle gehen.‹ Darauf kam Dombrowsky und sagte: ›Soll ich einmal nach dem Doctor schicken?‹ – ›O ja!‹ antwortete sie, ›schicke nur nach dem Doctor!‹ Darauf holte ich den Dr. Schrader; die Kranke klagte über Schmerzen im Magen und Brechen. Dr. Schrader verschrieb Pulver, die ich aus der Apotheke holte. Sie brach Alles aus, das erste Pulver in Dombrowsky's Gegenwart, das zweite nicht. Gegen 10 Uhr Abends ging Dombrowsky auf den Ball. Vorher gab er mir ein Brot mit Mettwurst, welches ich aß. In der Nacht wurde ich einmal übel, ich achtete es aber nicht und dachte, es käme davon, weil die Frau so viel brach. Um 6 Uhr Morgens ging ich zu Dombrowsky hinunter, um ihn zu holen, damit er der Madame ein Senfpflaster lege, er that es aber nicht, indem er sagte, er sei marode. Daher that ich es selbst. Dann machte ich Kaffee. Die Madame wollte aufstehen, sie sagte, sie könne es nicht mehr im Bette aushalten. Ich ging nun zu Conrector Buchheisters. Hier wurde mir schrecklich zu Muthe, ich mußte mich zwei mal übergeben; Fräulein Buchheister gab mir Tropfen, darauf wurde es besser. – Als ich von Buchheisters weggegangen war, traf ich Dombrowsky auf der Straße. Er sah, daß ich elend war, und sagte: ›Mach nur keine Streiche!‹ Ich fühlte mich den ganzen Tag unwohl und hatte Schmerzen im Magen, erst am Abend hörten die Schmerzen auf und ich fühlte mich wieder ganz wohl. – Außer der Wurst und dem Franzbrot habe ich nichts gegessen.«

Das Ausgebrochene (in der Wohnung der Dorette) sah grünlich aus; Franzbrot und Wurst ließ sich darin erkennen. In der Nacht vom Montag auf Dienstag hatte die Dombrowsky keinen Schlaf gehabt, sondern war sehr unruhig. Einmal hatte sie gestöhnt: »Da kannst Du nun sehen, daß mein Mann keine Liebe zu mir hat.« – Als Dombrowsky der Just das Mettwurstbrot gab, hatte er den Schlafrock an. Das Weißbrot ward gewöhnlich oben, das Schwarzbrot unten verwahrt; das Frühstück ward abwechselnd oben und unten genossen.

Die Aufwärterin Lillepop, welche zur Krankenpflege bestellt worden, sagte eben nur aus, was wir schon wissen. Zu den classischen Zeugen rechnen wir die nicht, welche nur auf Befragen über jeden Punkt dürftige Auskunft geben, ohne selbst der geistigen Kraft zu sein, aus eigener Überlegung eine Anschauung des Verhältnisses zu gewinnen.

Den Haferschleim, den die Kranke trank, hatte die Lillepop schon zubereitet gefunden. Sonst trank jene nur Wasser. Die Zeugin wußte nichts von der Schenkungsurkunde. Sie hatte auf die wichtigen Gespräche wenig Acht gegeben, oder sie nicht verstanden. Sie hatte nichts vom Krankenexamen des Doctors gehört. Die Mehlsuppe, welche die Kranke am ersten Abend aß, hatte Dombrowsky selbst gekocht und selbst ins Zimmer gebracht. Die Kinder aßen auch Mehlsuppe; aber der Topf für die Kranke war separat. Am Freitag Morgen fand der Doctor Madame ganz gut. Daher erlaubte er am Abend wieder eine Mehl- oder Sagosuppe.

»Herr Dombrowsky sagte, eine Sagosuppe stärke mehr; ich mußte also für acht Pfennige Sago holen; Herr Dombrowsky weichte den Sago in seiner Stube in der Röhre ein und kochte ihn in der Küche. Sodann brachte er ihn in einer Terrine herauf in das Zimmer, wo die Madame lag; er kostete davon und ich auch; ich fand den Sago nicht süß genug, er aber sagte, so wäre er recht. Darauf ging er in ein Nebenzimmer und that ihn in ein Glas, kam dann damit wieder und stellte das Glas auf den Tisch. Sodann ging er wieder weg. Dies war etwa ½8 Uhr Abends, wir hatten noch kein Licht. Das Glas mit dem Sago stellte ich vors Bett, die Madame trank selbst daraus, so lange es warm war. Hernach sagte sie: ›Es brennt in mir Alles so, ich mag nicht mehr! Holen Sie nur Wasser!‹ Sie trank nun Wasser und lobte dasselbe. Gegen 10 Uhr war Herr Dombrowsky noch einmal oben, er blieb aber nicht lange da. – Diese Nacht war die Kranke recht unruhig; sie sagte zu mir: ›Bleiben Sie doch bei mir‹, und klagte über Hitze im Magen und Beklemmung. – Am andern Morgen (Sonnabend) ging ich hinunter und weckte Herrn Dombrowsky. Er ging oben hinauf zu seiner Frau. Als er sah, daß das Glas nicht ausgetrunken war, sagte er, es sei doch Schade, daß der Sago umkomme, sie solle ihn nur trinken, und stellte das Glas in die warme Röhre. Es dauerte nicht lange, so sprang das Glas und der Sago lief in die Röhre und am Ofen herunter auf den Boden. Herr Dombrowsky wischte dann Alles wieder rein. – Diesen Morgen kam der Doctor, ich war aber nicht dabei zugegen. – Etwa ½9 Uhr mußte die Madame auf den Stuhl, dabei bekam sie eine Ohnmacht; ich mußte sie aufs Bett legen, dann erholte sie sich wieder. Ich mußte bitterlich weinen. – Nachmittags holte Herr Dombrowsky den Doctor selbst; ich bin nicht dabei gewesen, als der Herr Doctor oben war. Dr. Schrader ist am Sonnabend vier mal dagewesen. Er verschrieb Tropfen. Dombrowsky gab ihr davon ein, ich hielt ihr den Kopf. Da rief sie: ›Was habt Ihr mir für Zeug eingegeben!‹ Es kam ihr wie Schlämmkreide aus dem Munde. Sie wollte nichts mehr nehmen. Herr Dombrowsky hat darauf die Tropfen aus dem Theelöffel in den Nachtstuhl gegossen. Die Frau krümmte sich vor Schmerzen im Magen, sie rieb sich den Magen. Auch über ihre Augen klagte sie. Sie war unruhig. – Abends war Herr Mühlhahn da und stand am Bette, er sah das Krümmen der Kranken. Sie erkannte ihn nicht mehr. – Die Angelstein war am Nachmittage auch da, diese erkannte sie noch. Er, Angelstein, ist nicht mehr gekommen. Der Zustand der Kranken wurde immer unruhiger. Stille wurde sie gegen 9 Uhr. Da war die Sophie Müller da und sagte: ›Jetzt wird sie ruhig, sie schläft vielleicht so ein!‹ – Dombrowsky rauchte, glaube ich, eine Cigarre. – Nach 9 Uhr schlief sie ruhig ein, Niemand, außer mir und Dombrowsky, war da. Dombrowsky sagte: ›Ja sie ist todt!‹ Ich legte sie zurecht. Gegen 10 Uhr sagte mir Dombrowsky, ich solle nach Linz gehen und ein Bund Stroh holen. Ich that dies und brachte das Stroh auf die obere Kammer. Dann brachten wir Beide die Verstorbene auf das Stroh; Dombrowsky legte sie selbst zurecht. – Als die Frau schon auf dem Stroh war, kam Winter mit seinen Gesellen und wollte sie noch einmal sehen. Sie tranken dann zusammen eine Flasche Lagerbier. Von dem Gespräche habe ich nichts deutlich gehört. Ich blieb am folgenden Tage noch im Hause.«

Die Zeugin erinnerte sich nicht mehr, ob der Doctor verlangt habe, das Ausgebrochene zu sehen. Sie, die Lillepop, hatte es, öfters auf Bitten der Frau, weggebracht und auf den Mist geschüttet. Daß Dombrowsky es selbst gethan, hatte sie nicht gesehen. Dombrowsky sei auch ganz freundlich gegen die Frau gewesen; von den hartherzigen Redensarten, als »Sie stirbt gewiß u. s. w.« wollte sie nichts gehört haben. Dagegen wol, daß er zur Mühlhahn gesagt: »Lieber mehr Kaffee als Milch, Milch schleimt!« – An Selbstmord hatte die Kranke gewiß nicht gedacht. »Die Frau war sehr geduldig. Sie verlangte immer nach dem Einnehmen, und wer nach dem Einnehmen verlangt, verlangt auch nach Besserung. (Ein erstes selbständiges Urtheil!) Kein Gedanke an Selbstmord.« – Als Dombrowsky den Sago bereitete, hatte er den Schlafrock an. Er hatte ihr mehrmals selbst Medicin eingegeben. – Eine Auftreibung des Unterleibs hatte sie während der ganzen Krankheit nicht wahrgenommen.«

Weniger der Aussagen wegen, als um eine Probe zu geben, in welcher Art der Angeklagte selbst das Inquisitoramt übernahm, setzen wir hier eine Stelle aus dem von ihm vorgenommenen Kreuzverhör mit der Zeugin her.

– Ich wünsche, daß die Zeugin über folgende Punkte vernommen werde: Ob sie bekunden könne, daß am Mittwoch oder Donnerstag der Sago bei der Kranken geblieben sei? – »Am Mittwoch waren Körner darin, es war mehr eine Suppe, am Freitag war der Sago durchgegeben. Am Mittwoch behielt die Kranke den Sago bei sich, führte aber dennoch ab: ich trug den Stuhl herunter, Dombrowsky rührte darin herum und sagte: ›Sie hat es gut verdaut!‹ Ich erinnere mich nicht, daß die Kranke am Donnerstag Sago bekommen hat.«

– Ob sich die Zeugin erinnern kann, daß ich jedes mal die Speisen gekostet habe? – »Sie erinnere sich nur, daß er den Sago aus der Terrine gekostet habe, wie sie selbst.« – Ob ich mit der Terrine fortgegangen sei? – »Ja, in das Nebenzimmer.« – Ob die Zeugin ihn habe sehen können? – »Nein!« – Ob die Thüre zum Nebenzimmer offengestanden? – »Sie sei angelehnt gewesen.« – Wo die Kinder waren? – »Das wisse sie so genau nicht mehr.« – Ob er seiner Frau am Freitag Abend den Sago aufgenöthigt habe? – »Das kann ich nicht behaupten.«

Nach der aufgenommenen Localität im Hause war es unmöglich, daß die Lillepop im Nebenzimmer sehen können, was im Krankenzimmer oder dem andern Nebenzimmer vorging, selbst dann, wenn auch die Thüre des Krankenzimmers ganz offen stand.

Auf die Just und Lillepop hat Dombrowsky, als er nach zu verdächtigenden Personen umhersuchte, selbst nicht gewagt, den Verdacht, daß sie die Urheber der Vergiftung seien, hinzulenken. Er hatte sich gegen seinen Vertheidiger gerühmt, vor Jahren, als Beide noch jung und hübsch gewesen, habe er auch mit ihnen zu thun gehabt, und dies veranlaßte denselben zur Frage: Ob wol die Eine oder die Andere im Stillen gewünscht und gehofft, wenn seine Frau gestorben, daß er sie heirathen werde? – Er hatte dies bestimmt verneint.


Der Obergerichtsadvocat Dr. Dedekind, mit dessen Vernehmung am Nachmittage vorgeschritten ward, gab Dombrowsky im Allgemeinen ein günstiges Zeugniß. Er hatte schon länger in Geschäftsverkehr mit ihm gestanden und ihn immer für einen rechtlichen Menschen gehalten, »der zwar windbeutelig, dabei aber gutmüthig und gefällig gewesen.« Über den Tod seiner ersten Frau schien er ihm in wahrhaft tiefer Betrübniß. Auch die zweite Frau habe er wegen ihrer guten Kinderpflege belobt. Auf dem Schützenball hatte Dedekind den Angeklagten lustig und viel tanzen gesehen, um so verwunderter war er, als derselbe schon am nächsten Morgen ganz bestürzt bei ihm eintrat und mit den Worten herausplatzte: »Meine Frau stirbt ganz gewiß noch.« Er erwiderte: »Sie sind nicht recht gescheit, Sie sind ja gestern auf dem Balle gewesen.« Dombrowsky blieb dabei und zog zur Beglaubigung eine Medicinflasche aus der Tasche: »Es steht ja cito, cito auf dem Recept! – Sie können es glauben, es ist just wie bei meiner ersten Frau.« – Darauf kam sein Antrag wegen der Schenkungsurkunde. Er sagte: »Ich will doch meine Frau lieber erst vorbereiten, kommen Sie darum heut Nachmittag um 3 Uhr, als wenn Sie zufällig zu mir kämen.« – Das Übrige stimmt ganz mit dem schon Angegebenen. Dedekind war die Frau nicht so krank vorgekommen, als Dombrowsky sie machte. Als er beim Herausgehen dies gegen ihn äußerte, sagte der: »Doch, Sie haben es nur nicht gesehen.« Auf der Treppe setzte er noch hinzu: »Es ist mir doch lieb, daß die Disposition getroffen ist, sie stirbt gewiß noch.« – Am 16. April, dem Todestage, war Dombrowsky wieder zu ihm gekommen und hatte sich dahin geäußert: »Ach, sie ist so elend, heute stirbt sie ganz gewiß. Ich begreife den alten Dr. Schrader nicht, er soll bei Winters gesagt haben, sie sei nicht so krank, aber sie stirbt ganz gewiß.«

Der Tischlermeister Ramke wußte und bekundete nichts mehr, als daß Dombrowsky ihn am Dienstag zum Notariatszeugen aufgefodert und später dazu berufen hatte. Er hatte den Sarg für die Todte geliefert, war bei der Beerdigung gewesen, welcher der Mann, weil er krank war, nicht beigewohnt, hatte diesen darauf besucht und ihm gesagt, daß Angelstein sich dem Leichenzuge angeschlossen, worauf Dombrowsky geäußert: Sein Schwiegervater wolle ihn in ein schlechtes Licht stellen, nur aus dem Grunde habe er ihn angezeigt, »aber Gott wird meine Unschuld schon zu Tage fördern.«

Schuhmachermeister Linz, ein Nachbar, wußte, daß die Ehe keine glückliche gewesen; schon die erste Ehefrau hatte geklagt, daß Dombrowsky so grob sei. Die zweite hatte gegen den Zeugen oft geklagt und geweint.

»Einmal kam die Frau weinend in mein Haus und klagte, ihr Mann sei die Nacht auf dem Balle gewesen, und nun gehe er schon wieder spazieren, anstatt zu arbeiten. Sie hatte vor Schreck einen Krampf bekommen. Ich sagte, das wäre so schlimm nicht, wenn man die Nacht schwitisirt hätte, so könnte man am Morgen nicht arbeiten; hernach kam sie wieder und weinte und sagte, ich solle nur mal denken, er (Dombrowsky) habe ihr eben sagen lassen, er sei nach Braunschweig, und da habe er doch gar keine Geschäfte. Er habe ihr nicht einmal einen Pfennig Geld im Hause gelassen! Ich bot ihr Geld an, aber sie wollte es nicht nehmen, sie sagte, wenn Dombrowsky das erführe, so schlage er sie todt. Dann weinte sie noch immer zu und bekam Krämpfe und ich mußte Liquor holen.«

Die Frau hat oft geklagt, ihr Mann betrachte sie gar nicht als Frau, er habe sie nur des Geldes und der beiden Kinder wegen geheirathet. Sogar die Dienstmagd der Eheleute sagte einmal zum Zeugen: Sie möchte ja nicht Frau im Hause sein! »Die Dombrowsky bat mich aber, ich sollte ja Dombrowsky nichts davon sagen. Am letzten Sonntage vor ihrem Tode kam die Dombrowsky ganz vergnügt zu mir ans Fenster und sagte: sie sei ganz glücklich, ›Dom‹ sei ganz anders. Er habe ihr ein Theaterbillet geschenkt, morgen wolle er mit ihr auf den Schützenball gehen u. s. w. Am Dienstag Morgen vor 8 Uhr kam Dombrowsky wie außer sich zu mir und sagte: seine Frau sei sehr krank: »Sie stirbt! sie stirbt! sie hat dieselbe Krankheit wie meine erste.« Darauf sagte er (der Zeuge), wenn es so schlimm sei, so solle er doch einen andern Doctor noch annehmen, das sei er seinen Kindern schuldig. Darauf habe aber Dombrowsky nicht eingehen wollen. Nachmittags 3 Uhr kam Dombrowsky und bat ihn, als Zeuge zu dienen; Linz mußte rasch mitkommen, ohne sich nur anzuziehen. Dr. Dedekind sagte ihm ins Ohr: »Die Frau ist gar nicht so krank!« – Die Kranke habe geschlummert, als er gekommen, und elend ausgesehen; als sie aber aufgewacht, habe sie nicht so krank geschienen. Während Dr. Dedekind geschrieben, sei er mit Dombrowsky im Nebenzimmer gewesen. Da hätten sie die Frau brechen hören; Dombrowsky sei ruhig sitzen geblieben und habe ein paar Augen gemacht, als wolle er sagen: »Siehst du nun wol?« Nach 10 Minuten hätten sie wieder das Brechen gehört; auch jetzt sei Dombrowsky ruhig sitzen geblieben und »hätte die Augen gemacht«. – Als der Dr. Dedekind fortgegangen, sei er (der Zeuge) mit Ramke noch zurückgeblieben. Er habe zu der Kranken gesagt: »Sie sehen ja gar nicht so schlimm aus!« Die Kranke habe darauf auf den Magen gewiesen und über Durst geklagt, – Am Sonnabend Abend, ½10 Uhr, habe Dombrowsky zu ihm geschickt: seine Frau sei eingeschlafen, er lasse sich ein Bund Stroh ausbitten. Es sei diese Eile ihm sehr auffallend gewesen.

Von Lebensüberdruß, als ob sie sich selbst umbringen können, sei auch keine Spur an der Frau, auch noch nicht am Dienstag gewesen, »dazu war sie viel zu lebenslustig«.

Dombrowsky sagte: Diese Aussagen schienen aus einem alten Hasse des Schuhmachers gegen ihn hervorzugehen.

– Und Sie liehen von einem Menschen, der Sie haßt, ein Bund Stroh!

Er meinte, so groß sei der Haß denn doch auch nicht gewesen, daß man nicht von ihm ein Bund Stroh leihen sollen.

Der Zeuge Linz bestritt, daß er Gefühle des Hasses gegen Dombrowsky empfunden, brach aber dabei in Worte der Entrüstung aus, die sichtlich aus dem Herzen kamen: ja es habe ihn abscheulich in seinen Gefühlen verletzt und arg sei es gewesen, die Frau, die eben erst gestorben, gleich aus dem Bette auf das Stroh zu werfen. Denn wer ein menschliches Gefühl habe, werfe nicht einmal sein Thier, was eben crepirt, aus dem Stalle auf den Hof, viel weniger gehe man so mit der eigenen Frau um: »So was ist ja ganz gegen die Menschheit!«

Die Mutter seiner ersten Frau, Witwe Eichhorn, war noch als Zeugin geladen und leistete auch den Eid ab, obgleich der Präsident bei ihrem Verwandtschaftsverhältniß ihr frei stellte, ob sie zeugen wolle oder nicht? Sie sagte indessen nichts aus, als daß das Eheverhältniß ihrer Tochter mit Dombrowsky so leidlich gewesen, von dem mit seiner zweiten Frau wisse sie aber nicht viel, und habe sie nur an zwei Tagen auf dem Krankenlager besucht, wo am ersten der Zustand leidlich, am zweiten (Sonnabend) aber kläglich gewesen. Sie gab wenigstens dem Angeklagten Gelegenheit, bei ihrem Erscheinen in Thränen auszubrechen oder wenigstens das Taschentuch an die Augen zu bringen.


In der nächstfolgenden Sitzung am 1. August ward das Dienstmädchen des Registrator Angelstein, Sophie Müller, vernommen, welche während der Krankheit der Dombrowsky Essen zugetragen und in der Wirtschaft einige Hülfsdienste geleistet hatte. Ihre Beobachtungen stimmen ganz mit denen der vorigen Zeugen.

Am Mittwoch fand sie die Kranke schon in einem ziemlich elenden Zustande. Sie horte Äußerungen aus Dombrowsky's Munde, wie: »Meine Frau kommt nicht wieder auf, sie stirbt sicher.« Sie hatte den Wein zum Kochen des Sagos geholt. Als sie am Sonnabend kam, hatte die Kranke keine Besinnung mehr. Sophie wollte die Frau, die ganz bloß lag, zudecken, da sagte Dombrowsky: »Sie können sie zwanzig mal zudecken; es kann Ihnen gar nichts helfen.« Er parlirte außerdem noch vielerlei: Das menschliche Leben sei wie ein Licht u. s. w. Er habe immer betrübt gethan über den Zustand seiner Frau, aber wenn er mit ihr, der Zeugin, gesprochen, sei es ihr immer vorgekommen, als wenn seine Augen hätten sagen wollen: »Glaubst du es auch wol?« – Sie hatte ihn gefragt: Warum er nicht einen zweiten Arzt genommen. Seine Antwort war: Er habe ein so großes Zutrauen zum alten Herrn Dr. Schrader. – Als er darauf (ganz im Widerspruch) zu ihr gesagt, die letzten (vom Doctor verordneten) Tropfen wären der Frau wie Schlämmkreide aus dem Munde gekommen, er habe sie aus dem Fenster gegossen, er wolle seine Frau nicht morden, habe sie ihm geantwortet: Wie er glauben könne, daß der Dr. Schrader so etwas verschreiben werde! – Als sie über die schlechte Luft in der Krankenstube klagte, zündete Dombrowsky eine Cigarre an: »Nun wird's besser.« Darauf warf er sich aufs Sopha mit einem: »Ach Gott!« Da ward es ihr zu fürchterlich, sie konnte nicht länger bleiben. – Dombrowsky's Kleine hatte einmal gesagt: »Meine Mama wird nicht wieder gut, die kommt auf den Kirchhof, mein Vater hat es mir gesagt; ich bekomme eine neue Mama.«

Diese und noch eine andere darüber vernommene Zeugin bekundeten, daß die Kinder sich wol meist im Nebenzimmer aufgehalten, doch aber ins Krankenzimmer freien Zutritt gehabt hatten, und ab- und zugelaufen wären. – Die halbe Flasche Wein, die sie gebracht, war versiegelt; den Zucker hatte sie nicht geholt, Dombrowsky zerstieß ihn selbst in einem Mörser.

Die Zeugin Lillepop, noch einmal befragt: Ob sie nie gehört, daß Dombrowsky die Kinder gewarnt, von den Getränken der Kranken nichts zu trinken, verneinte dies.

Die zunächst vernommene Stiefmutter der Verstorbenen, die verehelichte Angelstein, schien eine sentimentale Vermittlerrolle spielen zu wollen, Sie sagte über keinen Theil etwas ganz Hartes: Ihre Stieftochter habe »nur wenig geklagt«, wenn sie auch darüber geklagt, daß ihr Mann heftig sei, was dann über die Kinder herkomme; er besinne sich aber bald wieder. Sie glaube: die Tochter habe »etwas Eifersucht« gehegt, aber über ihren Mann doch nicht geklagt. Sie habe ihn »unbeschreiblich lieb gehabt«, aber es habe doch geschienen, als »ob sie sich von demselben zurückgesetzt gefühlt habe.« Sie sei wol etwas heftig gewesen, auch aufbrausend, das wäre aber immer nur ein momentanes Auflodern geblieben. Von Ergebenheit zum Trunk habe sie nie etwas bemerkt, wol aber die Leute sprechen hören: Was das heiße, sie sehe ja so roth im Gesicht aus! – Selbst war sie erst am Sonnabend Nachmittag zur Kranken gekommen, da, als sie sich früher anmelden lassen, es geheißen: sie möchte lieber ein ander mal kommen. Als sie am Sonnabend Nachmittag 3 Uhr eintrat, fand sie Mathilden ohne Bewußtsein: sie habe mager und blaß ausgesehen, die Augen wären so verglast gewesen. »Ich verhalte mich ruhig und trete ans Bett. ›Mutter!‹ ruft sie da, indem sie mich erkennt, ›Mutter!‹ Ich antworte ihr und frage, wie es ihr gehe? ›Ach! ich bin so caput!‹ antwortet sie. Nach einiger Zeit sagt sie mit schwacher Stimme: ›Was macht der Vater? Ist er munter?‹ Als ich darauf geantwortet, sagte sie: ›Es ist so dunkel!‹ obgleich die Sonne hell schien; dann drehte sie sich um und hat mich nicht wieder erkannt.«

Die Zeugin mußte hier, in Thränen ausbrechend, schweigen. Sie wußte nichts mehr, am wenigsten davon, ob die Todte von Selbstmordgedanken gepeinigt gewesen. Ihr Ehemann, der Registrator Angelstein, war zwar erschienen, wünschte aber unvernommen entlassen zu werden.

(Man nimmt an, daß die Angelstein mehr sagen können, wenn sie nicht Dombrowsky schonen wollen. Privatim weiß man von ihr: Dombrowsky habe ein Jahr zuvor, nachdem seine Frau die Pocken gehabt, gegen sie geäußert: er schaudere, wenn er daran denke, daß er noch ferner mit seiner Frau leben solle; so widerwärtig wäre sie ihm jetzt!)

Wir übergehen eine Anzahl Zeugen, welche noch über den Leumund der beiden Eheleute vernommen wurden. Sie bestätigen alle das schon Bekannte, er war heftig, sie auffahrend, aber bald wieder gut gestimmt. Zu seiner Schwägerin Eichhorn hatte er gestanden: er fühle sich zu seiner zweiten Frau nicht so hingezogen. Ein Primaner Lerche, der bei Dombrowsky gewohnt und in Kost gewesen, erinnert sich, daß Letzterer einmal auf des Schülers Stube von seiner ersten Frau gesprochen und sie mit seiner jetzigen verglichen habe. Er gab der ersten den Vorzug, sie wäre hübsch gewesen und die zweite schon bei Jahren. Er hätte sie auch nicht aus Liebe genommen, sondern weil sie ihm anempfohlen worden und der Kinder wegen. Als die Dombrowsky die Blatternkrankheit gehabt, habe der Mann es zu verheimlichen gesucht.

Dem Schlossermeister Linz, welcher mit der Familie auf vertrautem Fuß gelebt, hatte die Frau auf seine Frage meist geantwortet: »Ja, munter geht's (bei uns), aber nicht fidel, denn er ist manchmal, als ob er keinen Verstand hätte, zu hitzig.« Sie äußerte sich auch, es sei doch nirgends besser als zu Haus bei den Ältern, und ein ander mal: »Sie wären nicht wie Mann und Frau zusammen.« Einst traf Linz den Dombrowsky im Wirthshaus in einem Liebhabertheater, aber ohne seine Frau: »Die muß zu Hause bleiben.« Aber er wäre doch mit seiner ersten immer ausgewesen. »Ja mit Der, aber mit dieser nicht so gern.« Oft Skandal und Schelten; in der Nachbarschaft hieß es eine unglückliche Ehe. Der Zeuge hatte den Ehemann nicht selten mit Frauenzimmern bescholtenen Rufs sich herumtreiben gesehen, selbst im Spaziergang auf dem Walle. – Er sagte es dem Angeklagten ins Gesicht und dieser scheint darauf geschwiegen zu haben.

Hierauf kamen die Zeugen über Dombrowsky's Benehmen in der Nacht des Schützenballes.

Der Maurermeister Schweinehagen bestätigt, daß Dombrowsky erst gekommen, als sie schon bei Tische saßen. Er fragte, ob Winter schon Wein bestellt habe; er trinke Weißwein. Dann sagte er: »Winter! Winter! meine Frau ist krank geworden!« und wiederholte dies noch einmal. Anfangs sagte Winter nichts, dann sagte er etwas darauf, worauf Dombrowsky erwiderte: »Du kannst es glauben, es steht cito! auf dem Recepte!« Darauf sagte Winter im Spaße: »Cito! das heißt weg damit!« Hierauf ward gelacht; man stieß an. Dombrowsky äußerte: »wenn er nur die Marke für seine Frau verkaufen könne!« – Er verkaufte sie wirklich für 8 gGr. – Das Essen währte eine gute Stunde; Dombrowsky war ausgelassen heiter, besonders aufgeregt, Er trank mit Röber Brüderschaft.

Der Lohndiener Georg Voges kannte den Angeklagten schon längere Zeit. »Nach Tische klopfte ich Dombrowsky auf die Schulter und sagte: ›Dom! Sie sind hier und Ihre Frau ist krank!‹ Darauf erwiderte er, es habe nicht viel zu bedeuten. Hernach sagte er: ›Meine Frau hat sich zwanzig mal übergeben und ebenso oft u. s. w.‹ bediente sich aber gemeinerer Ausdrücke, die ich hier nicht wiederholen kann. ›Dr. Schrader hat aber gesagt, es sei nicht lebensgefährlich!‹ Und dann sagte er wieder: ›er wolle noch einmal ordentlich tanzen, wenn seine Frau sterbe, so müsse er trauern und könne nicht tanzen.‹ – Dann sann er einen Augenblick nach und sagte: ›es sei ihm doch unangenehm, wenn seine Frau am andern Morgen todt sei, daß er auf den Ball gegangen wäre.‹ – Ich sagte dann noch zu ihm, es sei doch ein Widerspruch, erst sage er, es habe nichts zu sagen, und dann spreche er vom Sterben. – Übrigens war er fidel, heiter und lustig. Er ging gegen 4 Uhr Morgens fort.« – Derselbe Zeuge erzählt von einem spätern Gespräche Folgendes: »Am 21. April, Donnerstag, gehe ich des Abends zu Dombrowsky; ich komme herein und sage: ›Ich glaubte, Sie lägen längst auf dem Stroh!‹ Ich hatte nämlich gehört, er sei auch krank geworden. Darauf sagt er: ›Nein! Meine Kinder sollen nicht ganz zu Waisen werden!‹ Dann sprachen wir von den Gerüchten über den Tod seiner Frau und ich sagte, es mache einen schlechten Eindruck auf sein Geschäft. Er sagte: ›er wolle ausgehen, um sich als unschuldig zu zeigen, er wolle sich erkundigen, wer das Gerücht ausgebracht hätte, er glaube, es rühre von Angelstein her.‹ – Darauf kam Kanzlist Ehlers; es ward über Verschiedenes gesprochen, auch von der Section, und daß die Sachen nach der Apotheke gebracht wären. Da sagte Dombrowsky: ›Können sie sehen, ob Gift im Magen ist?‹ Ehlers sagte: ›O ja!‹ und Dombrowsky erwiderte: ›Wenn ich nun nichts einräume?‹«

Von der Verteidigung befragt, erklärt der Zeuge, Dombrowsky sei bei diesem Gespräche nicht gerade ängstlich gewesen?

Der Stadtwundarzt Bodenstedt, der schon am Tisch beim Ball seine Lustigkeit bemerkt, fragte ihn, wie es komme, daß seine Frau nicht da sei? – »Die kann nicht«, sagte er, »die ist lebensgefährlich krank. Ist schon drei mal geschickt! Ich kann doch nicht weg, ich muß erst mit dem Mädchen tanzen. Wenn meine Frau stirbt, komme ich in die Trauer und kann nicht tanzen.« Später tanzte er viel. Bodenstedt sagte im Scherze: Was seine Frau dazu sagen würde, wenn er mit solchem jungen Mädchen tanze? Er erwiderte: »Schönes Mädchen! Schönes Mädchen! Das Mädchen hat die schönsten Augen in der Stadt.«

Die Tochter des Gärtner Behrens, in deren Wohnung vor dem Thore Dombrowsky am Dienstag (12. April) Morgens nach seiner Angabe gewesen war (was mit andern Angaben nicht genau stimmt), um ihrem Vater und Bruder die Haare zu schneiden, bekundete: Bei Gelegenheit eines Gespräches über das Magenleiden und vielfache Erbrechen ihres Vaters habe Dombrowsky geäußert, seine Frau habe auch schon an hundert mal gebrochen, er habe Pech, seine erste Frau sei an der Cholera gestorben, nun habe die zweite dieselbe Krankheit, sie werde und könne nicht wieder gut werden. Man müsse sich darein finden. Dann habe er gleich darauf von einer dritten Frau gesprochen, und er wolle sich schon ein hübsches Mädchen aussuchen. Die Behrens erwiderte: wenn er so spreche, werde er keine finden. Bruder und Vater der Zeugin stimmen mit ihrer Aussage, auch in Bezug auf die Zeit. Dombrowsky wollte sich des Gesprächs nicht entsinnen.


In der Nachmittagssitzung bekundete der Kunstmaler Mühlhahn im Allgemeinen Dasselbe, was wir aus dem Munde seiner Ehefrau wissen und worüber fast alle Zeugen einstimmig sind: Die verstorbene Frau war »mehr sanft«, durchaus, wie er bemerkt, nicht heftig, aber doch, »ein bischen rabbelig«. Auch beim Frühstück wollte sie keinen Schnaps nehmen. Er, Dombrowsky, war »mitunter recht niedlich«, kein Störenfried, und machte »gute Späße«.

Nachdem er die Verstorbene am Montag, 11., bei ihrer Rückkehr in sein Haus, wo sie krank, elend, blaß war und über Übelkeiten klagte, gesehen, ging er am Sonnabend (dem Sterbetage), da die Kranke es doch gewünscht, selbst in die Dombrowsky'sche Wohnung: »Ich fragte Dombrowsky, was seine Frau mache? ›Sie ist sehr schlecht, sie stirbt noch heute!‹ antwortet er mir. Als ich in ihr Zimmer trete, sehe ich sie im Bette, ihr Gesicht war bleifarben, die Züge schlaff, alt, sie sah mir aus wie ihre verstorbene Mutter. Mir kam es vor, als sei das kein natürlicher Tod.«

Der Zeuge wird hier vom Präsidenten ausdrücklich befragt, ob diese seine letzte Aussage wirklich seine damalige Wahrnehmung und sein damaliges Gefühl ausdrücke? – Er behauptete es mit Entschiedenheit und fügte noch von den frühern Tagen nachträglich hinzu: »es sei ihm die Sache schon am Montage verdächtig vorgekommen«, und er habe zu seiner Frau gesagt: »Höre mal, ich glaube, die hat was eingekriegt. Ich meinte das aber damals so, er habe seine Frau krank gemacht, damit sie nicht auf den Ball mitgehen könne.«

Die Wärterin traf er im Zimmer, die hätte geweint, Dombrowsky war auch zugegen gewesen. Die Kranke lag mit halb geschlossenen Augen da. »Im Augenblicke, wo ich an das Fußende des Bettes trete, sieht sie mich starr an, erkennt mich aber nicht. Mit einem mal ruft sie: ›Brust!‹ dann wischt sie sich mit der Hand über die Stirne und wirft sich links und rechts umher. Die Augen rollen wie im heftigsten Schmerze. Ich äußerte dies. ›Sie fühlt keinen Schmerz!‹ sagt darauf Dombrowsky. – ›Wer sagt dir das?‹ erwidere ich darauf. – ›Der Doctor hat es gesagt!‹ antwortet er darauf. – ›Das kann er nicht gesagt haben‹, entgegne ich, ›die muß entsetzliche Schmerzen haben!‹ Als ich das noch einmal wiederhole, geht er hin und her, dann (es ist entsetzlich!) sagt er zu mir: ›Die hat einen Magen wie ein Pferd, sonst könnte sie nicht mehr leben!‹ – ›Gib ihr mal zu trinken‹, bat ich sodann. – ›Nein‹, antwortet er, ›das kann sie nicht mehr herunterkriegen.‹ – ›Mach ihr doch nur die Lippen naß!‹ sage ich. Da geht er hin, holt ein Glas und will es ihr an die Lippen bringen. Da biegt sie sich mit Abscheu, mit Entsetzen zurück, als ob sie sagen wollte: ›Ich will nichts mehr von dir!‹ – Da ging ich hinunter!«

Die Lillepop war stets, am Bette gewesen und hatte geweint.

– Sind die Hände der Kranken kalt gewesen?

»Dombrowsky sagte zu mir: ›Faß mal ihre Hand an, sie ist schon kalt!‹ Ich faßte mit meiner kalten Hand an die ihrige, aber die war eiskalt! – Als ich unten ins Zimmer komme, spielen die Kinder mit Sand. ›Wir begraben unsere Mutter!‹ sagen sie. Ich stand vor dem Spiegel, Dombrowsky stand hinter mir. Als ich mich umdrehe, sehe ich, daß er lacht, wie ein Teufel!! – Da nehme ich meinen Hut. – ›Hast du dir keinen Vorwurf zu machen?‹ sage ich. Er antwortet: ›Ich habe Alles gethan, was ich habe thun können.‹ – Ich ging mit einem schwarzen Verdacht aus dem Hause.«

»Dienstag Morgen (19. April) erfahre ich, Dombrowsky sei auch krank geworden. Am Ende habe ich ihm doch zu nahe gethan, dachte ich bei mir, vielleicht ist es doch eine ansteckende Krankheit gewesen. Also ging ich ein mal zu ihm. Es war um 11, als ich eintrat. Da ruft er: ›Wer ist da? Wer ist da?‹ – Dann sagte er mit schwacher Stimme: ›Mühlhahn, komm her! Mühlhahn, komm her! – Denke dir, was die schlechten Menschen sagen, ich hätte meine Frau vergiftet. Jetzt sind sie oben und seciren sie.‹ Ich sah die Angst auf seinem Gesichte, er schwitzte; es war fingerdicker Schaum auf seiner Stirn. – Ich glaubte einen Sünder vor mir zu sehen.«

Er glaubte anfangs, daß er eine Krankheit affectire; er hätte sich zu würgen angefangen und etwas mit Blut vermischt ausgespuckt. Dr. Schrader aber, der es sah, hatte gesagt: »Das ist ja Blut, ich muß Sie untersuchen.« Der Doctor fragte auch Dombrowsky, ob er etwas zu sich genommen? Er leugnete es. Dann kam Tischler Ramke und brachte die »Anzeigen«. Dombrowsky nahm sie in die Hand, aber zitterte, als er das Blatt hielt. – Ramke flüsterte dem Zeugen zu: »Er sucht seine Frau!« Da sagte Dombrowsky: »Ich bin zu schwach! Ich bin zu schwach!« und legte das Blatt nieder.

Dombrowsky hatte früher mehrmals in Mühlhahn's und Anderer Gegenwart die schamlosesten Reden über seine Frau geführt, auch sich gerühmt: »viel Ankommens bei andern Frauenzimmern« zu haben. Diese frivolen Reden waren allerdings in einer Gesellschaft geführt, wo ein zweideutiger Spaß wol einmal vorkommt, man hatte sie jedoch nicht provocirt und sie erregten auch dort die allgemeine Indignation. Später hatte er einmal geäußert: »Das verdanke ich Alles dem Alten, aber ich will ihn schon fassen.«

– Angeklagter, was haben Sie darauf zu bemerken?

»Ich kann ein Gefühl nicht unterdrücken, daß mir die ganze Erzählung des Zeugen Mühlhahn so phantastisch vorkommt, daß sie der gesunden Vernunft widerspricht. Ich werde meinen Vertheidiger beauftragen, auf diesen Punkt ein besonderes Gewicht zu legen.«

Wenn keine phantastische Auffassung, so wird Niemand in Abrede stellen, daß es ein Bild ist von einer furchtbar erschütternden Wahrheit. Das Zeugniß des Ehemanns Mühlhahn reiht sich vollkommen an das classische seiner Ehefrau. Daß Beide Phantasten gewesen, oder mit Dichterphantasie die gräßliche und doch sehr gemeine Wirklichkeit aufgefaßt hätten, wird wol Niemand annehmen wollen. Wir erfahren aber noch von einem Augenzeugen und Beobachter: daß seine Künstlerphantasie ihn allerdings etwas excentrisch sich aussprechen lassen, die innere Wahrheit der Aussage habe sich aber Jedem aufgedrängt. Alle, besonders die Frauen, wurden aufs tiefste ergriffen und ein Schluchzen ging durch den Saal, als der Zeuge die Worte der Kinder wiederholte. Ein moralisches Moment mehr für Mühlhahn's Wahrheit war, daß er während der ganzen Aussage dem Dombrowsky gerade und fest ins Auge blickte.

Nach so gewichtigen Zeugen fallen die nächstfolgenden kaum ins Gewicht. Von den Schneidermeister Winter'schen Eheleuten erfahren wir sehr viel Einzelheiten, aber kaum einen neuen Zug. Beide scheinen eher zu Gunsten des Angeklagten, d. h. mit einer gewissen Zurückhaltung in der Beschuldigung gegen seinen Charakter zu sprechen.

Von ihm, dem Manne, erfahren wir noch ein mal, wie Dombrowsky am Tage vor dem Montag sein Weib wegen der Kinderpflege ausdrücklich gerühmt, daß er ihr deshalb ein Theater- und Ballbillet geschenkt, worüber sein Geselle Muus verwundert ausgerufen: »Der ist ja ganz umgewandelt!« Wie am Sonntag sie, die Dombrowsky, darüber fröhlich gewesen, »aber doch etwas angegriffen.« – Auf dem Ball hatte Dombrowsky auf Winter's Verwunderung, daß er hier sei, wenn seine Frau krank liege, geantwortet: »Der Arzt hat gesagt, ich könne hingehen.« Als er von dem Recept und dem cito gesprochen und Winter im Scherze gemeint: »Das heißt wol, daß sie cito abgehen soll«, sei Dombrowsky ärgerlich geworden. Während der Krankheitsgeschichte war er gegen Winter auch ärgerlich geworden, als dieser ihm berichtet, der Doctor meine, es werde besser: »Wie kann der Doctor das sagen, sie ist sehr elend.« – Nach dem Tode besuchte er Dombrowsky, fand die Frau schon auf dem Stroh liegen. Das nachfolgende Gespräch erscheint in des Zeugen Munde aber nicht so empörend wie man es aufgefaßt. »Du hast viel verloren, Dombrowsky«, sagte er, »eine gute Mutter für deine Kinder.« – »Ja! nun stehe ich wieder ganz allein da!« erwiderte Dombrowsky und versuchte zu weinen, aber – »ich kann nicht weinen!« – »Fasse dich!« entgegnete Winter. Er habe sich nun auf einen Stuhl im hintern Zimmer gesetzt: »Dombrowsky, wer hat deine Frau aufs Stroh gebracht?« – »Das habe ich selbst gethan.« – »Das hast du selbst gethan?« – Dann hätten sie miteinander eine Flasche Bier getrunken. – In Beziehung auf die Äußerung Dombrowsky's: »Öffnen lasse ich sie nicht!« gibt er an, diese Äußerung sei rundweg gekommen, doch sei es ihm nicht so sehr aufgefallen, Dombrowsky habe oft solche rasche Einfälle gehabt. – Am Sonntag Morgen nach dem Tode sei Dombrowsky bei ihnen gewesen und habe sich geäußert: »Wieder heirathen thue ich nicht!« Er (Winter) habe ihm zugeredet. – Am Abend trafen sie sich im Wirthshause. – Am Dienstage darauf habe er ihn krank gefunden. Es war von der Section die Rede. »Winter!« habe Dombrowsky gesagt, »meine Frau soll geöffnet werden!«– »Das kann dir lieb sein, damit du gerechtfertigt dastehest.« – »Nun ja!« habe Dombrowsky darauf gesagt.

Einmal hatte er ihn darauf aufmerksam gemacht, wie er schwitze! Ein ander mal gesagt: »Glaubst du, daß ich verzagt bin? Wer ein reines Gewissen hat, ist nicht verzagt.« Erwähnt hatte er, daß er Geld brauche und die Mobilien verkaufen wolle.

Dasselbe bekundete Winter's Frau. Längere Zeit vor dem Vorfall hatte die Dombrowsky bei einem Anfalle von Müdigkeit und Schwinden der Kräfte zur Zeugin geklagt: Sie dürfe ihrem Manne nichts vom Doctor sprechen, denn Dombrowsky sage immer, er wisse mehr als ein Doctor. Als sie nach dem Tode gefragt: ob seine Frau ihm, Dombrowsky, vorm Sterben denn keine Mittheilungen gemacht, hatte er geantwortet: »Nein, sie war fürchterlich wüthend auf mich, wenn ich ihr Arznei geben wollte, als wenn sie Schmerzen davon habe.« Die Verstorbene hatte dagegen zur Winter geklagt: »Mit dem Arzte dürfe sie ihrem Manne nicht kommen.« – »Am Sonntag nach dem Tode war er sehr gefaßt, und es schmeckte ihm besser als uns Allen.«

Der Schneidergeselle Muus bestätigte das von den Winters Angegebene, soweit er davon Kenntniß hatte; nur hatte er das Gespräch am Abende im Todtenhause anders aufgefaßt. Dombrowsky's Äußerung: »Öffnen lasse ich sie nicht«, war ihm ganz unverhofft gekommen, da Dombrowsky gar nicht nach dem Seciren befragt worden. Auch habe er die Worte, als noch gar nicht darauf geantwortet war, wiederholt. Winter sagte: »Wie meinst du das?« oder »Wie kommst du darauf!« Da hatte Dombrowsky erwidert: »Weil ich den Vorfall mit den Präparanden schon im Haus gehabt habe.«

Wir übergehen eine Reihe unerheblicher Aussagen von Zeugen, welche nichts Anderes berichten, als daß sie aus dem oder jenem Umstande schon früher den Verdacht geschöpft, daß es nicht mit rechten Dingen zugegangen; daß er schon sonst wie eine rohe Gemüthsart dargethan, z. B. auch schon gleich nach dem Tode der eisten Frau eine Bettsponde abgeschlagen, um ihr Todtenlager zu bereiten, mit dem Tischler sofort gehandelt, und wie er noch gegen manche Andere viel zu früh das gewisse Sterben seines Opfers vorausgesagt.

Doch verdient, wenn auch weniger in Bezug auf diesen Fall, als zur Charakteristik des Mannes das Zeugniß eines Oheims der erst verstorbenen Dombrowsky Erwähnung, wie es uns von einem Augenzeugen nachträglich mitgetheilt wird: Der 71jährige Wattenfabrikant Beyer ward eines Morgens im August zu seiner kranken Nichte gerufen. Sie schien sich erholt zu haben, während der Mann recht unwohl aussah. Nach Tische änderte es sich, er war erholt und sie wurde kränker, Abends noch einmal hinberufen, fand er seine arme Nichte schon im Sterben. Und was that Dombrowsky? Sie lebte noch und er haspelte ihr schon die goldenen Ohrringe los, obgleich sie mit der Hand es abwehrte! Er hatte auch schon den Tischler rufen lassen und verhandelte über den anzufertigenden Sarg – im Beisein der Sterbenden. Beyer bat ihn, er möge doch das noch lassen, es habe ja noch Zeit, da sie noch lebe; solange noch Odem im Menschen sei, sei auch Hoffnung da! Dombrowsky erwiderte ruhig: Sie stirbt doch, und ließ sich in seinem Geschäft weiter nicht irren. Der alte Mann war von dieser Gefühllosigkeit so empört, daß er nichts mehr sagte, im Unwillen fortging und dem Ende der jungen Frau nicht mehr beiwohnte.

Auch diese Erzählung erregte im Saal die tiefste Indignation.


In der Sitzung am 2. August ward vom Professor Otto die Beantwortung der Sachverständigen auf die ihnen vorgelegten chemischen Fragen verlesen. Sie lautete im Wesentlichen dahin:

»Es ist in dem Magen und dessen Inhalt metallisches Arsen und arsenige Säure gefunden worden, unzweifelhaft als Fliegenstein eingebracht. – Es ist in den übrigen Eingeweiden Arsen gefunden worden. – Es ist gefunden worden an Arsenmetall und arsenige Säure zusammengenommen so viel, als annähernd 24 Gran Arsenmetall entsprechen – die Gesammtmenge der vorhandenen arsenigen Säure kann nicht mit Genauigkeit angegeben werden. Aus der Stärke der Reactionen, welche auf arsenige Säure deuten, läßt sich jedoch abnehmen, daß dieselbe in nicht unbeträchtlicher Menge vorhanden war. – Es befindet sich in dem menschlichen Magen Säure, sie befindet sich auch in gewissen Abtheilungen der übrigen Eingeweide. – Wie diese Säure auf den Arsenik als Metall wirkt, darüber liegen keinerlei Erfahrungen vor. – Sollte unter Arenik als Metall Fliegenstein verstanden worden sein (in der vorgelegten betreffenden Frage), so ändern sich die Antworten, weil dieser neben dem Arsenik als Metall arsenige Säure enthält. Die Antworten würden dann folgendermaßen lauten: Die im Magen enthaltene Säure erhöht jedenfalls die Löslichkeit der schon im Wasser löslichen arsenigen Säure, welche in dem Fliegenstein enthalten ist. – Das Aufgelöstwerden dieser arsenigen Säure in der Magenflüssigkeit erfolgt verschieden schnell, nach der Verschiedenheit der Substanzen, mit denen der Fliegenstein eventuell gemengt, eingebracht wurde, oder im Magen zusammentrifft. – 100 Arsenmetall geben 132 arsenige Saure. – Auf die Frage: In welcher Quantität ist die arsenige Säure für den Menschen tödtlich? kann die Chemie keine Antwort geben. – Insofern die chemische Untersuchung in den Eingeweiden das Gift nachgewiesen hat, kann im vorliegenden Falle vom chemischen Standpunkte aus gesagt werden, daß das Gift der Dombrowsky'schen Ehefrau bei ihren Lebzeiten beigebracht worden. Darüber sind die Mediciner die bestimmteste Antwort zu geben im Stande. Was die andern Fragen anbetrifft: Ob es in einem oder zu verschiedenen malen, wie lange vor ihrem Tode oder wie lange vor Auffindung des Gifts im Körper der Entseelten beigebracht worden? so kann die Chemie darüber keine Auskunft geben. – Das in der linken Schlafrocktasche des Angeklagten Vorgefundene ist ein Gift, es ist Fliegenstein – desgleichen das in der rechten Schlafrocktasche, – Die bei der Haussuchung vorgefundene Giftkruke hat gefärbte arsenige Säure enthalten. – Das im Magen, bezüglich dem Mageninhalt, der Dombrowsky gefundene Gift ist identisch mit dem in der linken und rechten Schlafrocktasche gefundenen. – Das an einem Ofen des Dombrowsky'schen Hauses ausgemittelte Gift hat sich als arsenige Säure zu erkennen gegeben. – Nach den Grundsätzen der Chemie ist nicht zu ermitteln, wie lange das in der fraglichen Ofenröhre vorgefundene Arsenik bereits darin befindlich gewesen ist. – Auch unter der Voraussetzung, daß Dombrowsky sofort beim Zerspringen des Glases die Ofenröhre ausgewischt hat, kann die der chemischen Untersuchung unterworfene Substanz die von dem fraglichen Sago herrührende sein.«

Die Parteien hatten gegen diesen Bericht der Sachverständigen keine Einwendungen und Bemerkungen.

Von Wichtigkeit ist noch der letzte Belastungszeuge, welcher hierauf vernommen wurde, der Kanzlist Ehlers, der in vertrautem Verkehr mit dem Angeklagten gestanden haben muß, aber erst auf Erfodern der Jury nachträglich als Zeuge sistirt ward.

Derselbe hatte den Angeklagten am Donnerstag (21. April) nach dem Begräbniß besucht. Es war Abends zwischen 7 und 8. Dombrowsky saß am Tische und arbeitete; der Lohndiener Voges war auch da. Man sprach über Verschiedenes. Plötzlich fragte Dombrowsky ohne alle äußere Veranlassung den Zeugen: »Höre mal, muß man in der Untersuchung Alles sagen?«– Ehlers meinte, das brauche man nun gerade nicht, man thue jedoch am besten, die Wahrheit zu sagen, wenn man sich unschuldig wisse. – »Ich weiß mich völlig unschuldig«, sprach Dombrowsky. Eine Pause. Dann fuhr er aus seinen Gedanken wieder auf: »Es ist nur gut, daß nun Alles vorbei ist.« – Er mußte von dem Andern erfahren, daß noch nicht Alles vorbei wäre, denn die Sachen würden in der Apotheke untersucht. – »Was wollen sie damit?« rief er aus. – Man antwortete ihm, sie suchten nach Gift. – »Kann man das finden?« fragte er. Kanzlist Ehlers antwortete ein deutliches: »O ja!« – Da biß sich Dombrowsky auf die Lippen. Dann aber trumpfte er in seiner Art auf: »Und wenn sie auch einen Klumpen Gift finden, ich habe es doch nicht gethan.«

Die Entlastungszeugen, welche hierauf vernommen wurden, wolfenbüttler Bürger, konnten begreiflicherweise nichts zu seinen Gunsten bekunden, als daß er sich bisher eines leidlich guten Rufs zu erfreuen gehabt. Er sei fleißig in seinem Geschäfte gewesen, liebevoll gegen seine Kinder und gegen seine erste Frau, sparsam; er habe es sich im Anfange sehr sauer werden lassen. Hinsichts seiner Religiosität, oder vielmehr seines kirchlichen Lebens gab sein Schwager, der Buchbinder Eichhorn, an, sein Geschäft als Friseur habe ihm allerdings nicht erlaubt, Sonntags in die Kirche zu gehen. Dagegen habe er aber am Bußtage und an den zweiten Festtagen sie besucht.

Weiter wußte man nichts zu seinen Gunsten vorzubringen. Auch einige noch später erschienene Zeugen konnten nur über Nebendinge aussagen.

Der Hofmedicus Dr. Günther verlas hierauf die Beantwortung der medicinischen Sachverständigen auf die an sie vom Gericht gestellten Fragen. Wir geben auch hier nur das Resultat, da der Schwerpunkt in diesem Processe nicht in einer Zweifel erregenden Beurtheilung über die Wirkungen eines beigebrachten Gifts ruht.

In Erwägung, daß die Ehefrau Dombrowsky, nach unmittelbar vorhergehender vollkommener Gesundheit, jählings entsetzlich von den Symptomen eines äußerst heftigen Magen- und Darmreizes, verbunden mit tiefem Ergriffensein des Nervensystems, ergriffen worden; daß bei der Section sich in der Magen- und Darmschleimhaut Reizungen und Entzündungen vorgefunden, die dem bei Lebzeiten constatirten Symptomencomplexe entsprechen; daß ferner dieser Zustand der Magenschleimhaut der Art ist, daß er nicht als Ausgang einer spontan entstandenen Magen- und Darmentzündung, sondern nur allein als das Resultat der Einwirkung einer ätzenden Substanz angenommen werden muß; daß, dem entsprechend, auf der Magenschleimhaut und im Magen und Darminhalt auch die chemische Untersuchung eine solche Substanz (Fliegenstein und arsenige Säure) vorgefunden, welche, mit der Magen- und Darmschleimhaut in Contact gebracht, erfahrungsgemäß den vorgefundenen Zustand derselben hervorruft; daß dieses Gift im Magen und Darmkanal der Verstorbenen in einer Menge gefunden, die auch ohne Hinzuziehung der durch das Erbrechen und die Diarrhöe wahrscheinlich entleerten Massen des erwähnten Gifts erfahrungsmäßig nicht allein die bei Lebzeiten beobachteten Symptome herbeiführen, sondern auch als eine zur Tödtung eines Menschen hinreichende angenommen werden muß; daß endlich die Section keine andere Todesursache nachgewiesen, die vorliegende aber zur Erklärung des Todes vollkommen ausreicht – muß die Frage: Ist der Tod der Dombrowsky durch Gift herbeigeführt? unbedingt bejaht werden.

Ferner, daß, in Berücksichtigung aller Symptome, anzunehmen, daß eine wiederholte Einführung des Giftes stattgehabt haben muß. – Diese müsse geschehen sein in einer dem ersten Auftreten der Vergiftungssymptome unmittelbar vorhergehenden Zeit, die nicht mathematisch genau zu bestimmen, die weiteste mögliche Entfernung dürfe aber nicht über 12 Stunden, im vorliegenden Falle wahrscheinlicherweise nicht über drei Stunden angenommen werden; dann in einer dem Auftreten der in der Freitag-Sonnabendnacht erfolgten außergewöhnlichen Steigerung der Vergiftungssymptome unmittelbar vorhergehenden Zeit, also wahrscheinlicherweise innerhalb drei Stunden. Ob in der Zwischenzeit ebenfalls Gifteinführungen anzunehmen, darüber ist die Meinung der Sachverständigen getheilt, indem Einer sie mit Bestimmtheit behauptet, die Andern nur die Möglichkeit zugeben, da in den Zeugenaussagen die hinlänglichen Beweise dafür nicht zu finden.

Die ersten Einführungen des Gifts wirkten um deshalb nicht tödtlich, weil sie wesentlich reizend und ätzend auf die Magenoberfläche einwirkten, in Folge davon heftige Entleerungen eintraten, die das Gift größtentheils wieder aus dem Körper ausgeführt haben mögen, während das am Freitag eingeführte Gift in dem schon vorbereiteten Körper sofort Lähmung des Nervensystems herbeiführte, die neue Entleerungen hinderte und den Tod herbeirief.

Das Arsenmetall in Säure verwandelt (arsenige Säure) wirkt, den Säften des Menschen in gewisser Quantität beigemischt, erfahrungsmäßig auf den Körper tödtlich ein. Diese Wirkung ist von den verschiedensten äußern und innern Einflüssen und Zuständen modificirt. Nach der Erfahrung kann eine vier Gran übersteigende Dosis den Tod herbeiführen; unter begünstigenden Umständen kann es aber schon eine weit kleinere Gabe. – Bei Arsenikvergiftungen kommen nicht immer dieselben Krankheitssymptome, gewiß nicht immer in ihrer Vollständigkeit vor; sie zeigen sich in einzelnen Fällen verschieden. – Der Arsenik hat unter andern Wirkungen auch die, daß er paralytisch (es lähmend) auf das Nervensystem einwirkt. – Die in der Leiche der Dombrowsky aufgefundene Quantität Arsenik, bezüglich arsenige Säure, konnte erfahrungsgemäß, wenn diese Quantität auf einmal beigebracht wurde, eine solche Paralyse des Nervensystems herbeiführen.

Auf die Frage des Verteidigers Obergerichtsanwalt Müller: ob die Heilung der Dombrowsky möglich gewesen wäre, wenn der Zustand derselben zeitig genug richtig erkannt wäre, antwortete Dr. Günther: auf eine so allgemein gestellte Frage könne man keine positive Antwort geben.


Der 3. August ward zur Schlußverhandlung angesetzt.

Dombrowsky erschien wohl frisirt, mit weißem Halstuche. Seine Haltung war wie in den vorigen Tagen, seine Stimme ruhig, aber die Blässe seiner Gesichtsfarbe war ins Gelbgraue übergegangen und dies gelbe, eingefallene Gesicht in der weißen Binde hatte etwas Geisterhaftes. Sein Blick verrieth in einzelnen Zuckungen die innere Angst. Er gestand später seinem Vertheidiger, daß die vorangehenden Gerichtstage ihn im höchsten Maße angegriffen und er alle Kraft anwenden müssen, um sich aufrecht zu erhalten.

In dem umsichtigen, auf Richter aus dem Bürgerstande, die vielleicht, in so ernster Sache gewiß, zum ersten mal auf der Geschworenenbank saßen, berechneten Plaidoyer setzte der Staatsanwalt ihnen seine eigenen, dann ihre Pflichten auseinander und verfolgte alsdann in chronologischer Ordnung die sämmtlichen Verdachtsgründe, die sich zu einem vollständigen Beweise gliederten, was den objectiven, wie den subjectiven Thatbestand betreffe.

Über den objectiven Thatbestand, daß die Dombrowsky in Folge der Darreichung von Gift gestorben, könne kein Zweifel sein. Beweis: der ganze Krankheitsverlauf, der Obductionsbericht. Das Siegel drückt darauf das Gutachten der Sachverständigen.

Hinsichts der Thäterschaft liegt nur ein indirecter Beweis vor, durch Indicien, die sich aber vermöge der natürlichsten logisch unbestreitbaren Schlußfolgerungen zu einer solchen starken Kette aneinander reihen, daß es fast unmöglich sei, sie durch andere Schlüsse zu sprengen.

Der Gedanke an Selbstmord ist durch die Beweisaufnahme ausgeschlossen, eben desgleichen der, daß die Verstorbene unvorsätzlich, durch Zufall Gift genommen, ein Gegenbeweis ist schon darin, daß der Todten das Gift zu wiederholten malen beigebracht ist. Ein Anderer muß es ihr also gereicht haben. Die Volksstimme nannte von Anfang an ihren Ehemann. Die Inzichten beweisen, daß es die wahre Stimme war. – Sein Lebenswandel führt zur Vermuthung, wenn man auch nicht unbedingt, allein daraus, schließen darf, daß man sich zu ihm der That versehen müsse. Er war leichtsinnig, genußsüchtig, den Lüsten ergeben, jähzornig. Seine zweite Frau behandelte er schon kurze Zeit nach der Verheirathung lieblos, schämte sich ihrer, konnte sie nicht leiden, sprach öffentlich von ihr in den schamlosesten Worten, welche allgemeinen Skandal erregten. Wie lieblos er seine erkrankte Frau behandelt, wie er sie verlassen, auf den Ball gegangen, dort ausgelassen lustig gewesen, mit dem ausgesprochenen Gedanken an ihren Tod, davon geben die Zeugen ein das Gefühl empörendes Bild. Sie war noch nicht erkaltet, so legte er sie aufs Stroh. Am Sterbeabende wollte er Schmerz erheucheln, aber die Natur versagte ihm die Thränen. Äußerlich abgeschliffen, erscheint er innerlich roh, grausam, unbarmherzig, boshaft.

Von allen den Personen, welche mit der armen Abgeschlossenen von den Tagen vor ihrer Erkrankung bis zu ihrem Tode Umgang gehabt, kann auf keine Verdacht fallen, somit fällt er nur auf ihn, auch wenn er nicht durch die folgenden Inzichten begründet würde.

Aus den Aussagen der drei Schneiderlehrlinge geht hervor, daß er Montag (11. April) Morgens bald nach 9 mit der von einem derselben geholten Wurst und dem Branntwein allein geblieben. Es ist die dringendste Vermuthung, daß er zuerst in dieser Wurst der Frau das Gift beigebracht hat. Vom Kaffee am Morgen hatte die ganze Familie getrunken, Niemand aber war erkrankt. Er trug an diesem Morgen den Schlafrock, worin das Gift in fein gepulvertem Zustande sich befand. Die Kranke hatte selbst von dem Franzbrot, auf welches Dombrowsky die Wurst geschmiert, zur Dorette Just in ängstlicher Weise gesprochen. Das Erbrechen erfolgte aber gerade in der Zeit, welche nach dem Ausspruch der Sachverständigen zwischen der Darreichung von Arsenik und dem ersten Auftreten der Symptome zu verstreichen pflege, nämlich innerhalb drei Stunden.

Zwar widersetzte er sich nicht, daß nach einem Arzt geschickt wurde, er ließ ihn vielmehr selbst holen. Aber er wußte vielleicht, daß die Symptome einer Arsenikvergiftung nicht so leicht zu entdecken sind; er hatte Erfahrungen aus der Cholerakrankheit seiner Frau. Dazu wußte er den Arzt zu täuschen. Ein sorgsamer Angegehöriger hätte selbst dem Arzte Alles vorgewiesen; er goß alle Ausleerungen sofort aus. Hätte er den Arzt nicht gerufen, hätte Verdacht auf ihn fallen können.

Er hatte sich in letzter Zeit liebevoll gegen die Frau erwiesen. Dieser Wechsel aber war erst am 10. April, am Tage vor der Vergiftung, eingetreten. Das Absichtliche darin fiel schon damals Vielen auf, wenn sie auch noch nicht die gelegte Schlinge sahen. – Vom ersten Tage des Krankheitsanfalls an äußerte er gegen Mehre, seine Frau müsse sterben, ehe irgend Jemand, am wenigsten der gerufene Arzt, eine solche Vermuthung ausgesprochen, und schon am zweiten Krankheitstage (Dienstag) äußerte er in der Behrens'schen Familie: seine Frau stürbe, nun wolle er sich ein junges, hübsches Mädchen nehmen. – Man könnte noch einen Grund anführen, weshalb er sich so freundlich gegen die Frau gezeigt, weshalb er sie am Sonntag ins Theater geschickt. Er präparirte einen Grund, weshalb sie könne krank geworden sein, denn er führte später zum Arzt an: Ja, im Theater werde sie sich wol erkältet haben!

Auf dem Balle war er in einer Aufregung, daß es selbst seinen Bekannten auffiel. Nach dem Balle hatte er keine Ruhe – geständlich. Auf dem Balle war er zuerst ausgelassen lustig – um die Gewissensbisse zu übertäuben? Um den Schein eines heitern Bewußtseins zu erlügen? Dann versank er, im Gespräch mit dem Lohndiener Voges, in tiefe Gedanken: »Es wäre doch unangenehm, wenn seine Frau am andern Morgen todt sei, daß er auf den Ball gegangen wäre.« Woher diese Todesgedanken! Niemand dachte an ihr Sterben. Weshalb mußte er auch zu seinen Kindern davon sprechen? die nun, so zu sagen, im kindischen Spiel ihre Mutter noch bei Lebzeiten begruben! Man könnte einwenden, das sei zu plump für den Mann, der sich sonst so klug zu benehmen gewußt, »Aber, meine Herren Geschworenen, der Mord trägt sich nicht in den Gedanken wie ein unschuldiges Märchen, Wie ein Polyp zieht er alle Gedanken des Verbrechers an sich.«

Er hatte sich liebevoll, freundlich in letzter Zeit gegen seine Frau benehmen müssen, einmal weil er den Verdacht fürchtete, wenn sie plötzlich starb, dann aus Berechnung, er wollte sie ja dahin bestimmen, ihn zu ihrem Erben zu machen.

Diese Schenkung auf den Todesfall ist ein ins Gewicht fallendes Indicium. Dombrowsky's Vermögensumstände waren zerrüttet; er hätte auch im Fall eines natürlichen Todes seinem Schwiegervater einen Theil des Eingebrachten herausgeben müssen. Er hatte ein gedrücktes Gewissen in Bezug auf diese Handlung, er suchte sie darzustellen, als wäre der Gedanke dazu von der Mühlhahn ausgegangen. Er ist durch den positivsten Gegenbeweis zu Boden geschlagen.

Diese kleine mögliche Erbschaft konnte nicht das alleinige Motiv sein. Seine Frau war ihm zuwider. In welchem Grade, darüber fehlt der Beweis. Aber er hatte sie öffentlich verspottet und verhöhnt. Ein solcher Gegenstand seiner Verachtung sollte ihm das Leben ferner unangenehm machen. Wenn er sie auch rücksichtslos bei Seite schob, so blieb sie doch an seiner Seite, ein lebendiger Schatten, der ihn hinderte, zumal wenn er unter jungen blühenden Mädchen dem Gedanken an eine angenehmere Ehe nachhing.

Summa: Die Dombrowsky ist an einer Vergiftung gestorben, das Gift ist ihr von einem Andern beigebracht worden, dieser Andere kann kein Anderer sein als ihr Ehemann. Damit stimmt sein Benehmen vor, während und nach der That, und ein Motiv ist gefunden. Aber die positiven Beweise seiner Thäterschaft tauchen mit immer größerer Bestimmtheit auf.

Er führte Gift in seinen Schlafrocktaschen, und dieses Gift ist ganz in Übereinstimmung mit dem im Magen des Opfers gefundenen. – Er hat anfangs entschieden geleugnet, Gift überhaupt besessen zu haben. Er mußte endlich beim Anblick der Giftscheine das Factum einräumen. Nun zog er sich hinter die Schanze seiner Unwissenheit zurück: Er habe geglaubt, Fliegenstein sei kein Gift. Beides Gift, das im Magen und das in der Tasche, war fein und gleichartig präparirt. Man muß also den Schluß ziehen, daß es durch eine und dieselbe Operation präparirt worden. Es kann nur aus seinem Besitz in den Magen der Verstorbenen übergegangen sein.

Das Gift ist zu verschiedenen malen der Kranken beigebracht worden. Die Quantität des im Körper aufgefundenen war so bedeutend, daß, wenn es auf ein mal der Unglücklichen beigebracht worden, eine Paralyse des Nervensystems weit schneller eingetreten wäre. Niemand als er hatte Gelegenheit, der Kranken so zu verschiedenen malen das Gift einzugeben.

Aus dem Zerspringen des Glases im Ofen erhebt sich ein directer Beweis. Die unverwerfliche Zeugin Lillepop hat gesehen, wie er selbst den von ihm gekochten Sago gebracht, ihn der Kranken zu kosten gegeben, selbst gekostet, dann ins Nebenzimmer gegangen, hier (ohne Zeugen) den Sago in ein Glas gegossen, das Glas seiner Frau zum Trinken hingesetzt, wie er besorgt gewesen, daß der Sago nicht umkomme, wie er das Glas dann in den Ofen gesetzt, wo es zersprungen, wie er sorgsam die Reste weggewischt, und – es blieb doch so viel in den eingetrockneten Resten, daß man das Gift in denselben mit Bestimmtheit wieder vorfand. Durch dieses Zeugniß ist also der positive Beweis geführt, daß der Angeklagte selbst und eigenhändig der Verstorbenen eine giftige Substanz zum Trinken gereicht hat.

Endlich zeugte die Verstorbene selbst gegen ihren Gatten. Sie wandte sich in ihrer Todesstunde, nach dem Zeugniß des Malers Mühlhahn, mit Abscheu von ihrem Manne ab, als er ihr Wasser zum Trinken reichen wollte. »Man sagt, daß Sterbenden besondere Offenbarungen kommen.« Mühlhahn sei kein Phantast, vielmehr bringe sein Geschäft es mit sich, daß er genau auf die Gesichtszüge achte.

Zum Schluß ein indirectes Eingeständniß des Angeklagten selbst! Das sind seine verfänglichen Ausrufe und Fragen an Ehlers: »Nun, und wenn sie auch noch soviel Gift gefunden haben, wenn ich nicht eingestehe, so kann man mir doch nichts thun.«

Hinzutritt, wie der Angeklagte zeitig genug bedacht gewesen, die Wirkung des Gifts nicht hemmen zu lassen, wie er verhindert, daß der Kranken Milch gereicht werde, wie er Medicin aus dem Fenster gegossen, um den Erfolg des Gifts zu sichern; – wie er vorsorglich zugleich das Gerücht zu verbreiten gesucht, daß die Cholera in seinem Hause ausgebrochen. – Ein Verdacht ist da, wenn auch die Anklage nicht darauf lautet, daß er auch die Dorette Just mit dem Wurstbrot angegiftet, nicht um sie aus dem Wege zu schaffen, sondern um dem Verdacht Nahrung zu geben.

Einen Selbstmordversuch nimmt der Staatsanwalt in dem nach dem Tode erfolgten Erkranken des Angeklagten ebenso wenig an, als eine leichte Angiftung oder auch nur eine Simulation der Krankheit, sondern daß diese in der That eingetreten, Folge nicht der Reue oder Gewissensbisse, sondern der Seelenangst, daß es herauskommen könnte. Dombrowsky war leicht erregbar. Daß die Section wirklich vorgenommen ward, konnte ihn auch physisch so angreifen, um Erbrechen und Diarrhöe zu bekommen. Seine Ruhe im Gefängniß, die einige Zeugen bekundet, war Simulation: Wenn ich nichts gestehe, kann man mir nichts thun.

Somit sind die Verdachtsgründe zu einer Flut angeschwollen, welche über das Haupt des Angeschuldigten zusammenschlagen. Die Täterschaft ist erwiesen, wenn auch die Motive in Vieler Augen noch zu schwach erschienen. Auch sage man: ein leichtsinniger Mann ist kein boshafter Mann; aber das eben sei die eigenthümliche Natur des Leichtsinns, daß er kein Schrecken kennt. Der Leichtsinn hat mehr Verbrechen geschaffen als die Bosheit, und er schafft sie noch täglich. Aber könne man wirklich noch an Dombrowsky's herzloser Bosheit zweifeln, wenn man die Zeugen über sein Betragen gegen seine Frau höre, so vor, während und nach ihrem Tode! Seine Motive seien combinirter Art gewesen: Leichtsinn, Bosheit, sinnliche Begierde, Geldsucht. Warum ließ er sich nicht scheiden? werfen Einige dagegen ein. Das sei ein leichterer Weg gewesen, einer ihm unausstehlichen Frau ledig zu werden. Wenn dieser Weg der leichtere war, so brachte er ihn doch nicht nach allen den Endpunkten hin, wohin er wollte, z. B. nicht zum Besitz der Erbschaft. Schneller war er auf keinen Fall.

Die Schlußfrage: ob Dombrowsky die Vergiftung mit Vorbedacht und Überlegung ausgeführt, beantworte sich selbst. Aus den angeführten Thatsachen entspringt die Nothwendigkeit, daß er die That nur mit Vorsatz ausgeführt haben kann. Er war es, der überall ausgesprengt: seine Frau werde sterben, als noch kein Mensch an ihren Tod gedacht hatte. Er hat die That zu wiederholten malen begangen. Er hat mit Überlegung gehandelt: Er war verstellt, ruhig, er hat Liebe geheuchelt, wo er auf Mord sann. Er selbst hat das Gift pulverisirt.

In den Schlußworten, durch welche der Staatsanwalt den Geschworenen ans Herz legt, ihr Verdict streng nach ihrem Rechtsgefühl zu fällen, spricht sich die Besorgniß aus, daß sie aus Furcht vor der Todesstrafe in ihrem moralischen Muthe wanken konnten. Sie möchten bedenken, daß, wenn sie aus Mangel an Energie den Verbrecher nicht schuldig erfänden, kein Richter mehr sei und die Gesellschaft dem Verbrechen gegenüber schutzlos dastehe.

Die Vertheidiger hatten eine schwere, eine »verzweifelte« Aufgabe. Bei einer so seltenen Kette aneinander schließender Indicien und der eigenen moralischen Überzeugung von der Schuld des Angeklagten, welchen Weg sollten sie mit gutem Gewissen einschlagen! Es heißt, »sie fühlten sich nicht berufen, das Verbrechen zu bemänteln und mit vernünftigen Überzeugungen ein spitzfindiges Spiel zu treiben«, somit begnügten sie sich, einzelne Punkte in der Anklage zu mildern.

Der Obergerichtsanwalt Müller behauptete: Die Staatsanwaltschaft sei in der Charakteristik des Angeklagten zu weit gegangen, sie habe Argumente aus dem fraglichen Verbrechen selbst hergenommen, welches durch die Charakteristik selbst erst erwiesen werden solle. Wenn der Angeklagte auch leichtsinnig, eitel, genußsüchtig, verliebter Natur gewesen, so constire daraus noch nicht, daß er auch grausam, boshaft und hartherzig sei. Beim Zeugen Mühlhahn, dessen Aussagen ihn dieser Eigenschaften zu bezichtigen schienen, sei Voreingenommenheit und die Phantasie des Künstlers nicht zu verkennen. Schon mit Argwohn sei dieser Zeuge an das Sterbebette getreten, so habe er einen unzufriedenen Blick der Frau, als der Mann ihr Medicin verabreicht, die sie nicht gemocht, als den Vorwurf der Vergiftung aufgefaßt, während es nach des Arztes Erklärung sich von selbst erkläre, daß sie sich nur von der scharfen und übelschmeckenden Medicin abgewandt habe. Über 10 Jahr habe Dombrowsky mit durchaus unbescholtenen Leuten in engen Freundschaftsverhältnissen gestanden, die nie Bosheit oder Grausamkeit an ihm bemerkt. – Er selbst, der Vertheidiger, habe ihn im Gefängniß stets ruhig und in gleichmäßiger Stimmung gefunden, immer in der saubersten Toilette. Er habe nicht an die Möglichkeit einer Anklage glauben wollen. Nur ein mal war er in Schrecken gerathen und hatte die Farbe gewechselt, als er hörte: daß bereits ein anderer Friseur in Wolfenbüttel concessionirt sei. »Nun das wäre doch schrecklich, wenn sie mir mein Brot entziehen wollten!« rief er aus. – Habe er nicht selbst den Antrag auf chemische Untersuchung der Ofenröhre genehmigt, obschon er, der Vertheidiger, ihm die Halsgefährlichkeit des Antrags vorgestellt! – Die Geschworenen würden am Angeklagten auf der sechstägigen moralischen Folter der Angeklagebank nicht eine Zuckung von Buße und Reue bemerkt haben. – Die Motive zur That fehlten: seine Vermögensumstände seien nicht so schlecht gewesen, als die Anklage sie male, seine Sinnlichkeit scheine, trotz der Ehe, bisher immer ihre Befriedigung gefunden zu haben. Die Vertheidigung bescheide sich, das Räthsel eines solchen Charakters zu lösen, die Staatsanwaltschaft habe es gewiß nicht gelöst, die Geschworenen möchten es versuchen. – Den objectiven Thatbestand ließ der Vertheidiger unberührt, die logische Kettenfolge der Indicien suchte er anzufechten und protestirte, daß in einem Criminalfall wie dieser ein Ankläger auf die Volksstimme sich berufen dürfe, die durch Klatschgeschichten erzeugt und durch allzu große Gläubigkeit für alles Schreckliche und Wunderbare genährt werde.

Aus der Replik des Staatsanwalts entnehmen wir nur: daß jene gerühmte Unbefangenheit des Gemüths auf einer Selbsttäuschung beruht habe, weil Dombrowsky geglaubt, er könne nicht überführt werden, wenn er nicht gestehe.

Der zweite Vertheidiger, Obergerichtsanwalt Köpp, verlangte nur eine gründliche Prüfung der Sache, indem nach seiner aufrichtigsten Überzeugung das Räthsel, was über der That schwebe, nicht vollkommen gelöst sei. Da dürfe man auch auf Möglichkeiten Rücksicht nehmen und die Vertheidigung dürfe sich an Zweifelsgründe halten. So sei nicht ermittelt, zu welcher Zeit das Gift in die Schlafrocktasche und ob mit Wissen des Angeklagten gekommen. Es könne aus früherer Zeit stammen und auf unverfängliche Weise dahin gelangt sein. Was die Charakterschilderung Dombrowsky's anlangt, so habe die Staatsanwaltschaft zu rasche Schlüsse gemacht und zu scharf und grell gemalt; denn auch er müsse mit seinem Collegen in der Vertheidigung dahin stimmen, daß Grausamkeit in Dombrowsky's Charakter vor der That nicht erwiesen sei, auf keinen Fall aber, daß er irgend eine Freude am Leiden seiner verstorbenen Frau gehabt habe. Auch hätten nicht alle Zeugen ihm ein schlechtes Leumundszeugniß ausgestellt. Wenn der Angeklagte alle die Äußerungen »seine Frau werde gewiß sterben« u.s.w. in der Absicht gemacht, den Verdacht von sich abzulenken, so müßte er ein grenzenlos dummer Mensch gewesen sein, Dummheit könne ihm aber gewiß Niemand vorwerfen. In einer so ernsten und wichtigen Sache sei aber auch auf jeden scheinbar unbedeutenden Punkt Gewicht zu legen.

Wenn ein Räthsel da war, so löste es Dombrowsky selbst zum wenigsten, als er, auf die Anfrage des Präsidenten: ob er selbst etwas hinzuzufügen habe? sich erhob und Richter und Geschworene anredete. Wir geben die Rede, wie sie in der Schrift »Der Proceß gegen den Friseur Ernst Eduard Dombrowsky zu Wolfenbüttel wegen Gattenmords u. s. w.« (Wolfenbüttel, Holle, 1853) dem Inhalt, nicht den Worten nach, verzeichnet ist. Nachdem er eine anscheinend spöttische oder pikirte Bemerkung voraufgeschickt, da es den Herren Vertheidigern nicht beliebt habe, mehr hinzuzufügen, müsse er schon ums Wort bitten und ersuche nur, ihn nicht zu unterbrechen: Es seien hier sowol von den Herren Geschworenen als vom hohen Gerichtshofe über seinen religiösen Lebenswandel Fragen gethan. Er selbst habe nie gesucht, mit seiner Religiosität zu prahlen; er habe an den Sonntagen, seiner Geschäfte wegen, die Kirche nicht besuchen können, wol aber sei er an zweiten Festtagen sowie am Bußtage zum Gottesdienste gegangen. Durch diese Religiosität geläutert, habe er das schreckliche Loos, welches ihn getroffen, standhaft ertragen: denn man habe ihn an der Wurzel seines Lebens angegriffen, man habe ihn gänzlich vernichtet! Man habe ihn von seinen geliebten Kindern gerissen (der Angeklagte unterbrach sich hier durch Schluchzen), man habe ihn in ein Gefängniß geworfen, wo man nicht nur den Körper, wo man auch den Geist zu verderben bemüht gewesen! – Er habe Jahre lang mit Anstrengungen alle Schwierigkeiten, alle Hindernisse, die sich ihm entgegengestellt, mit unermüdlichem Fleiße, mit Anstrengung aller seiner Kräfte überwunden. Ihm habe dann das Glück gelächelt! Er habe eine liebenswürdige Lebensgefährtin gefunden, ihm seien von Gott zwei liebe Kinder geschenkt; seine Frau sei ihm durch den Tod entrissen, aber seine lieben Kinder habe ihm Gott gelassen! Nun sei es ihm nicht möglich gewesen, den geliebten Kindern die mütterliche Pflege zu ersetzen; so habe ihn die eiserne Nothwendigkeit gezwungen, eine neue Lebensgefährtin zu wählen und diese Wahl habe nicht lange dauern können. Er wolle einen jeden Mann fragen, ob das Herz so für die zweite, als für die erste Frau schlage? Er wolle wiederholen, was er schon einmal gesagt, daß seine zweite Frau einer Frucht mit einer äußern rauhen Schale, aber gutem Kern, geglichen habe; nichts habe ihn abgehalten, auch die zweite Frau, wenigstens moralisch zu lieben! Seine äußere Lage sei nicht von der Art gewesen, daß er dieser seiner Frau viele Vergnügungen habe gönnen können, aber doch habe er sie durchaus nicht vernachlässigt. Habsucht sei fern von ihm gewesen, er habe ja auch damals nicht, geschweige jetzt, in einer bedrängten Lage sich befunden. – Ungalant sei er nie gewesen, am wenigsten gegen Damen, und gegen eine so gute Gattin und Mutter für seine Kinder! Was solle ihn veranlaßt haben, aus diesem Himmel in den Pfuhl des Verbrechens zu versinken? Er habe seine Pflege zu Hause gehabt! – Gewaltthätig habe er seine Frau nicht behandelt, keiner von allen Zeugen habe aus eigenem Augenscheine eine Mishandlung bezeugen können! Er habe seine unglücklichen Kinder zärtlich geliebt und an dieser Liebe könne man ja die Gnade und Barmherzigkeit Gottes erkennen! Er rufe (mit erhobener Rechten) den Allerhöchsten zum Zeugen seiner Unschuld an! Wäre es möglich, daß er (der Angeklagte) auf das schuldige Haupt seiner Kinder nun noch den Fluch des Meineides herabbeschwören könnte?

Es sei eine Person vorhanden, die sich aus der Schlinge gezogen habe, er wolle den Mann nicht anklagen! – Er sei zu Allem bereit! Er habe sein Schicksal mit Gott ertragen! Und nun sei sein einziger Wunsch nur noch der, daß sein Leiden ein schnelles Ende haben möge, damit er vor Gottes Richterstuhle Den anklagen könne, der solch unsägliches Unglück über ihn und seine Kinder gebracht habe! Weinend und schluchzend nahm er darauf wieder seinen Platz auf der Bank ein. Der unnatürliche Pathos, in dem er gesprochen, stach sehr, aber nicht zu seinen Gunsten ab von der Ruhe, welche er im übrigen Proceß und namentlich beim Plaidoyer des Staatsanwalts und den Reden der Vertheidiger beobachtet.

Der Präsident gab keine Übersicht mehr des Verhandelten. Es hätte nach dem Vortrag der Staatsanwaltschaft auch überflüssig erscheinen können; wir erfahren indessen, daß nach dem neuen braunschweigischen Gerichtsverfahren, welches mehr dem englischen nachgebildet ist, dies Resumé überhaupt unterbleibt. Nach einigen ernsten Worten an die Geschworenen übergab er dem Obmann derselben die vom Gerichtshof dahin formulirte Frage:

»Ist der Angeklagte schuldig, im April 1853 die Tödtung seiner am 16. April 1853 verstorbenen Ehefrau, Karoline Friederike, gewöhnlich Mathilde genannt, geb. Angelstein, zu Wolfenbüttcl vorsätzlich durch Beibringung von Gift verursacht, diese Tödtung mit Vorbedacht oder Überlegung oder in Folge eines mit Vorbedacht gefaßten Entschlusses ausgeführt und in dieser Weise das Verbrechen des Mords verübt zu haben? (gez.) Trieps.

Die Geschworenen zogen sich um 3¾ Uhr in ihr Berathungszimmer und kehrten erst nach einer vierstündigen Berathung (!) in den Sitzungssaal zurück.

Der Obmann der Geschworenen (Gymnasialdirector Jeep aus Wolfenbüttel) erhob sich und überreichte mit folgenden Worten das Verdict:

»Wir haben die uns von dem hohen Gerichtshöfe vorgelegte Frage mit Ernst und, soweit es Menschen möglich, ohne Haß und ohne Gunst erwogen und sind zum Schlusse gelangt.«

»Auf unsern Eid versichern wir: Die freie und gewissenhafte Überzeugung der Geschworenen geht dahin, daß die Frage mit Ja zu beantworten sei.«

»Mit Betrübniß und Schmerz sprechen wir dies Ja über einen unserer Mitmenschen aus. Aber durch Thatsachen und Zeugnisse gedrängt, können wir nicht anders und blicken, obgleich unserer eigenen Schwäche und Mangelhaftigkeit uns gar wohl bewußt, mit innerm Grauen in das Leben und Treiben, das vor uns enthüllt liegt.«

»Möge der allbarmherzige Gott, der will, daß allen Menschen geholfen werde, einen Strahl seiner unendlichen Gnade in das Herz des Schuldigen werfen, auf daß Reue, die aufrichtige Reue, welche allein zur Sinnesänderung und Versöhnung führt, in ihm erwache und wirke und seine unsterbliche Seele nicht verloren gehe für Zeit und Ewigkeit.«

Der hereingeführte Angeklagte hörte die Verlesung des Verdicts mit Ruhe an.

Der Staatsanwalt stellte seinen Antrag auf die Todesstrafe nach dem Criminalgesetzbuch, mit dem Hinzufügen, die Richter dürften, dem Buchstaben des Gesetzes zufolge, keine Milderung eintreten lassen.

Dagegen erhob sich der Vertheidiger Müller: »Ich muß anerkennen, daß der Antrag der Oberstaatsanwaltschaft auf Todesstrafe mit dem betreffenden Paragraphen unsers Criminalgesetzbuches im Einklange ist. Nichtsdestoweniger dürften gegen ihre Zulässigkeit im Fragefalle Bedenken zu erheben sein. Die Gerichtspraxis hat es bisher anerkannt, daß beim Mangel des Geständnisses eines Mörders die Todesstrafe nicht erkannt werden könne. Diese Ansicht findet sich auch in den Motiven zu unserm Strafcodex ausdrücklich bestätigt. – Ich verkenne nicht, daß die Einführung des Geschworenengerichts in unserm Lande und die dadurch herbeigeführte wesentliche Veränderung der Grundlagen des strafrechtlichen Beweisverfahrens dieser Praxis vielleicht ihre Stützpunkte entzogen habe, aber es liegt ein schauerlicher Ernst in dem Amte des Richters, auf den Tod eines Mitmenschen zu erkennen, um so schauerlicher, als es nicht an bedeutsamen Zeichen der Zeit fehlt, daß vielleicht in wenigen Jahrzehnden Philosophen und Staatsmänner über die Vermessenheit früherer Menschenalter staunen werden, wo der Arm der Gerechtigkeit sich sogar mit dem Schwerte des Nachrichters bewehrte. Und wenn Sie, meine Herren Richter, außer Stande sein sollten, diesen Erwägungen in Ihrem Erkenntnisse Gewicht beizulegen, so hoffe ich doch, daß dieselben an einem andern Orte nicht unberücksichtigt bleiben werden – am Throne der weltlichen Gnade.«

Der Gerichtshof trat zur Fällung des Urtheils ab und verkündete darauf dasselbe; es lautete: auf Todesstrafe durch Enthauptung.

Unter den Erwägungen war die eine: daß für das richterliche Strafurtheil nur der Wahrspruch der Geschworenen die Grundlage bilde, das Gericht daher nicht befugt sei, weiter zu prüfen, auf welche Beweisgründe, mittelbare oder unmittelbare, der Wahrspruch sich stütze (das deutete doch nicht darauf, daß im Schoos des Collegiums sich Zweifel erhoben hätten?) – die andere: daß von dem Gesetze wegen des Mordes sowol durch Gift, als gegen einen Angehörigen, die Todesstrafe unbedingt angedroht und dem Gerichte jede Milderung untersagt sei.

Der Präsident Trieps, auch als Mitglied des braunschweigischen Landtags, soviel bekannt, ein ausgezeichneter Redner, richtete darauf an den Verdammten ermahnende und erschütternde, an die Geschworenen und die Zuhörer einige würdige Worte und schloß damit um 8½ die letzte Sitzung dieses in der Criminaljustiz des braunschweiger Landes unerhörten Processes.

Dombrowsky hatte auch nicht die geringste Bewegung in seinen finstern Zügen verrathen. Daß der Präsident den jetzt Verurtheilten plötzlich mit Du angeredet, machte ihn bestürzt und verwirrte dermaßen seine Eitelkeit, daß dieser Eindruck alle andern Gefühle in ihm übertäubte.

Der Verurtheilte legte die Nichtigkeitsbeschwerde ein. Sie war von seinem Vertheidiger, Obergerichtsanwalt Müller, abgefaßt, von ihm selbst unterschrieben, und gründete sich besonders darauf, daß einer der Geschworenen die gesetzlichen Eigenschaften nicht besessen. Der Cassationshof wies durch Urtheil vom 20. September, in welchem auch der Sachinhalt einer gründlichen Würdigung unterlag, die Beschwerde zurück.

Bei der Publication des Urtheils soll Dombrowsky zuerst still gewesen sein, dann wie in elegischer Laune geäußert haben: »Ich sehe, daß es jetzt ein tragisches Ende nehmen soll.« Es war nichts weniger als sein Ernst.

Er flehte nun die landesherrliche Gnade an. Sein Gesuch ward durch folgendes auf höchsten Specialbefehl an den Staatsanwalt Görtz erlassenes Rescript vom 3. October zurückgewiesen:

»Wilhelm, Herzog u. s. w. Wir haben mit Ihrem Berichte vom 25. vorigen Monats das Begnadigungsgesuch des Friseur Dombrowsky aus Wolfenbüttel erbalten.«

»Dieses Gesuch wird theils auf Zweifel gegen die Rechtmäßigkcit und Notwendigkeit der Todesstrafe überhaupt, theils auf den Umstand gestützt, daß der p. Dombrowsky das Verbrechen, wegen dessen er verurtheilt worden, nicht eingestanden hat. Jene Zweifel müssen Wir für unbegründet erklären, da bei den wenigen schweren Verbrechen, welchen das Criminalgesetzbuch die Todesstrafe androht, dieselbe ebenso gerechtfertigt als nothwendig ist und Wir diese gesetzlichen Bestimmungen ohne die feste Überzeugung von deren Unerläßlichkeit nicht sanctionirt haben würden.«

»Die rechtliche Bedeutung des Umstandes, daß von dem p. Dombrowsky dessen Verbrechen nicht eingestanden ist, hat in den Entscheidungsgründen des Erkenntnisses des Cassationshofs bereits eine entsprechende Würdigung gefunden und würde in der Begnadigungsinstanz nur von Erheblichkeit sein, wenn über die Schuld des Dombrowsky Zweifel obwalten könnten. Dies ist aber den stattgehabten Verhandlungen zufolge nicht der Fall.«

»Da nun Bestrafung eines der verabscheuungswürdigsten Verbrechen, die eines Giftmords, vorliegt, welcher dadurch noch verabscheuungswürdiger wird, daß er an der eigenen Ehefrau des Verurtheilten begangen ist, da dieser durch die verwerflichsten Motive zu der That bewogen und da er endlich bei deren Vollführung zugleich den verruchtesten Leichtsinn neben einer fortgesetzten kalten Bosheit gezeigt hat, so können Wir es mit den Uns obliegenden landesfürstlichen Pflichten nicht für vereinbar halten, in einem Falle solcher Art den Lauf der Gerechtigkeit zu hemmen.«

»Sie haben daher den p. Dombrowsky abschläglich auf sein Begnadigungsgesuch zu bescheiden und etwaigen fernern Begnadigungsgesuchen eine aufschiebende Wirkung nicht zu geben.«

»Die Berichtsanlagen gehen hierbei zurück.«

Braunschweig, am 3. October 1853.
Auf Höchsten Specialbefehl.
gez. von Schleinitz.

Er legte noch ein zweites Begnadigungsgesuch ein, welches am 10. desselben Monats zurückgewiesen ist, worauf die Hinrichtung des Verurteilten auf den 14. dieses Monats angesetzt ward.


Bis hier sind wir der actenmäßigen Darstellung gefolgt, wie man die protokollarisch getreue Auffassung der öffentlichen Verhandlungen in der oben erwähnten Schrift nennen darf. Nur Einzelnes, da die Druckschrift aus ökonomischen Gründen über Verschiedenes kürzer hinweggehen müssen, haben wir aus andern Mittheilungen ergänzt. Man hat uns aber versichert, daß über den Proceß Mysterien ruhen, die, an Ort und Stelle mehr oder weniger bekannt, demselben ein erhöhtes Interesse verleihen. Durch die Freundlichkeit nahe bei der Untersuchung Beteiligter ist uns Einiges davon, was sich für die Öffentlichkeit eignet, mitgetheilt worden, was, das Bild des Verbrechers vollendend, besonders von psychologischem Interesse ist.

Abgesehen von diesem ist aber auch für Criminalisten der Proceß in mehr als einer Beziehung lehrreich. Selten ist wol, gegenüber einem so hartnäckigen, ausdauernden Lügensystem, ein Indicienbeweis so vollständig und schlagend geführt worden. Ebenso selten wird es vorkommen, daß eine solche Zahl durchaus classischer Zeugen in einem ähnlichen Falle aufgetreten ist. In verwandten aus älterer und neuerer Zeit, wo es an Zeugen freilich nicht fehlt, erregen die unbekannten Eigenschaften der Aufgetretenen oft um so größeres Bedenken, als man weiß, daß die psychologische Kritik der Zeugen von unsern Vorfahren nicht immer zu gewissenhaft oder streng geübt ward, während andererseits das Unwesen der falschen Zeugen vor den alten französischen und auch den englischen Gerichten grassirte. Erinnere man sich nur des Falles BletrySiehe »Bletry oder die Leiche auf der Eisenbahn.« Neuer Pitaval, XI. aus jüngster Zeit, wo die Jury schwerlich das richtige Urtheil fand, aber auch wir, auch der gelehrteste Richter würde es schwerlich gefunden haben, wo dies Gewimmel und Gesindel verdächtiger Zeugen, statt die Verwickelung zu entwirren, sie noch mehr verwirrte und den klarsten Verstand an seinem eigenen logischen Schlußvermögen zweifelhaft werden ließ. Alle in diesem Falle auftretende Zeugen waren in Wolfenbüttel wohlbekannte Personen aus dem Mittelstande, und, als höchst rechtliche, unbescholtene, glaubwürdige Leute, den Richtern und Geschworenen bekannt.

Für die braunschweigischen Lande war die Führung und der Ausgang des Processes speciell wichtig, weil auch hier wie anderwärts die laudatores temporis acti auf der Lauer stehen, um aus jedem verfehlten oder anscheinend ungerechten Spruch eines Geschworenengerichts eine Anklage gegen das ganze Institut zu erheben. Mit musterhafter Ordnung, Ausdauer und Eifer arbeiteten alle Theile zusammen, Richter, Ankläger, Vertheidiger, Zeugen, Geschworene und das Publicum, damit ein gerechtes Urtheil gefunden werde, und man betrachtet mit diesem glänzenden Ausfall einer ersten so ernsten Probe das Geschworenengericht dort für immer gerechtfertigt und stabilirt. – Daß es dieser Proben allüberall in Deutschland noch bedarf, nachdem so viele sprechende Erfolge fast die moralische Unmöglichkeit dargethan haben, zum alten geheimen Actenverfahren zurückzukehren! Der Proceß gegen den Mörder der Gräfin Görlitz, die völlige Ehrenrettung ihres unschuldigen Gatten, des Grafen, die nur und allein auf diesem Wege erreicht ward, hätte doch auch die verhärtetsten Gegner, wenn sie ehrenhaft sind, überzeugen können. Aber es scheint zum Kriterium unserer Zeit zu gehören, daß, wie die Geschichte eine unverstandene Lehrmeisterin bleibt, die evidentesten Erfahrungen dem entmuthigten und an sich selbst verzweifelnden Geschlechte keine Lehren mehr geben. – Wie das Publicum an dem Processe Theil genommen, davon noch später.

Nach dem braunschweigischen Gesetzbuch ist Einstimmigkeit der Geschworenen zum Verbict erfoderlich. Dies mag die längere Berathung der Jury, als man erwarten sollen, veranlaßt haben. Ob diese Überkommenschaft aus der uralt germanisch-englischen Institution, welche das Geschworenenverdict dem Gottesurtheil nahestellt, noch mit unsern Ansichten und Bedürfnissen stimmt, steht in Frage, seit man die barbarische Strenge der Vorzeit, ein solches, übereinstimmendes Urtheil zu erzwingen, nicht mehr aufrecht erhalten kann. In England selbst wird man zweifelhaft; in Schottland, das in seinen Institutionen den deutschen in vieler Beziehung näher steht, fodert man sie nicht, die Stimmenmehrheit bildet das Verdict. Wo sich so Vieles dafür und dagegen sagen läßt, darf man indessen Denen, wo das alte englische Verfahren sich bewährt hat, nicht aus theoretischen Gründen das französisch modificirte preisend entgegenhalten und aufdringen wollen. Eine Fiction ist keine Fiction mehr, wenn der allgemeine Glaube sie trägt und Erfahrung und Sitte sie billigen.

Nach dem bis da in Braunschweig gültigen Rechte bedurfte es eines Geständnisses, um auf die Todesstrafe zu erkennen. Nach dem neuen Verfahren fiel diese Bestimmung von selbst weg. Die Überzeugung geschworener Männer ist der Gegenpol zu der Überzeugung, die man dem unter den Qualen der Folter erpreßten Geständniß beilegte. Eines verträgt sich nicht mit dem andern; das eine hebt das andere auf. Es war aber der erste Fall, wo diese neuen Rechtssätze bei einem Capitalverbrechen zur Anwendung kamen, und um deswillen konnte der Angeklagte und das Publicum zweifeln, die Vertheidigung durfte sich an das alte Recht zu Gunsten des Leidenden klammern. Es kam hinzu, daß die durch die frankfurter Grundrechte aufgehobene Todesstrafe nach Aufhebung der Grundrechte hier zum ersten mal wieder in Anwendung kommen sollte, wo noch so viele Gemüther an dieser Erinnerung festhielten, so viele Stimmen, auch Solcher, die den Grundsätzen der überwundenen Revolution nicht anhingen, sich gegen dies Recht, über das Leben Anderer zu schalten, aus christlichen und philosophischen Gründen erklärten.

Das waren allerdings Motive, welche die Vertheidigung aufzugreifen berechtigt war, die alte Sitte, den Glauben des Volks, den Grundsatz, daß bei zweifelhaften Gesetzen und Rechtszuständen immer die Auslegung den Vorzug hat, welche dem peinlich Angeklagten die günstigere ist. Aber sonst war die Aufgabe der Vertheidiger eine peinlich schwierige. In Wolfenbüttel war, seit den ersten Tagen seiner Verhaftung Niemand, der Dombrowsky nicht für schuldig hielt, und beide Vertheidiger theilten diesen Glauben. Ja der Glaube ward durch den nähern Verkehr mit dem Gefangenen zur Überzeugung. Sie lernten die ganze Verworfenheit und Schlechtigkeit des heuchlerischen Menschen von Grund auf kennen, ein innerer Abscheu gegen ihn erfüllte sie, und doch mußten sie ihrer Pflicht genügen und durften das undankbarste Amt nicht von sich weisen; es wäre ein neues Verbrechen geworden, einem Verbrecher sein gesetzliches Recht, vertheidigt zu werden, entziehen oder verkümmern zu wollen. In welcher Art sich die Ehrenmänner aus diesem Conflict der Pflichten und Gefühle herausgezogen, haben wir oben angedeutet.


Abgesehen von den Motiven, über die wir weiter unten einen Schlüssel erhalten, so erschien Vielen der ganze Mensch Dombrowsky als ein Räthsel. Das mag in der Stadt, wo er gelebt, wo er als munterer, unterhaltender Gesellschafter, als ein Mann überall bekannt war, der nie ein Spiel verdarb, der mit seiner Frivolität und seinem Witze nicht hinterm Berge hielt, sondern sich darin offen gegen Jeden gab, gerechtfertigt sein; uns, die wir ihn nur aus dem Papier, aus seiner officiellen Erscheinung vor Gericht und aus der Zeugen Munde kennen, tritt in ihm wenig Räthselhaftes entgegen; wir glauben vielmehr in ihm einen alten Bekannten wiederzufinden. Nichts weiter als einen jener ruhmredigen, großsprecherischen, eiteln Gesellen, die vom Schaum der Bildung großer Städte genippt haben und ihre innere Roheit und Sittenlosigkeit damit stets zu Überfirnissen bereit sind. Wir sind nie erstaunt, wenn wir einen solchen Menschen, der, unterstützt von etwas Mutterwitz, mit aufgelesenen Brocken den gebildeten Mann spielen will, plötzlich in seine kannibalische Rohheit ausbrechen sehen. Es ist eben nur die alte Natur, die nach Verstellung und Zwang ihr Recht verlangt, unser Gefühl um so verletzender, je geschickter die plattirte Bildung auf den gemeinen Kern aufgetragen war. Daß außer der Roheit auch verbrecherische Gelüste in diesem Deckmantel sich verhüllen mögen, ist ebenso wenig etwas Ungewöhnliches. Wir sahen vollendete Verbrecher im Kleide einer Bildung, gegen welche die des Friseur Dombrowsky gar nicht aufkommt.

Wie er dazu geworden was er ist, zum vollendeten Egoisten, der, um zu seinen Zwecken zu gelangen, die äußersten Mittel nicht scheut, ob früh schon schlechte Beispiele und Erziehung, Mangel an religiösem Sinn, sein Wanderleben, oder was sonst ihn zum Verbrecher reifen ließ, berührt uns hier nicht, da alle Nachrichten darüber fehlen. Es ist denkbar, daß der Keim des Bösen schon so früh unverwüstliche Wurzeln in ihm geschlagen als in jenem Mörder seiner Mutter, dessen widerwärtig schauerliche Gestalt wir im vorvorigen Theile unsern Lesern vorführten. Auch dort laborirte der unreife Bube an der aufgeschnappten Bildung, und während er noch ein Knabe war, der nichts gelernt und nichts lernen wollte, brüstete er sich bereits mit weltschmerzlichen Gefühlen und dem aufzehrenden Grimm über die Macht der Verhältnisse, die ihn und seinen Werth oder sein Recht nicht aufkommen ließen. Auch Dombrowsky wird einen Theil dieser Schule durchgemacht haben, er hielt sich berufen zu einem größern Antheil an den Genüssen dieser Welt, als die Verhältnisse ihm zugetheilt hatten, aber sein Genius war praktischerer Art, er war von Natur fleißig, ämsig, strebsam, daher verschmähte er das unnütze Brüten und Raisonniren, das zu nichts bringt, er lauerte nicht auf Zufälle und Wunder, sondern er sorgte für sich und griff munter zu, wo er etwas fand, das nicht zu sorgfältig gehütet und bewahrt schien.

Mit seinem Gewissen, wenn dessen Stimme je in ihm ertönt, hatte er längst abgeschlossen, er ist ein vollendeter, fertiger Verbrecher in dem Momente, wo wir ihn kennen lernen. Alle die furchtbaren innern Kämpfe, vom ersten Schritte zum Bösen zu den fernern, lagen hinter ihm, und seine Skrupel und Abrechnungen waren nur noch mit der Klugheit, um vor den Leuten als ein rechtschaffener, umgänglicher, liebenswürdiger und feiner Mann bestehen zu können. Hier erst stoßen wir auf etwas Räthselhaftes. Er war eitel und leichtsinnig. Von jener Eigenthümlichkeit werden wir zunächst erstaunenswürdige Proben sehen; aber, wenn wir nicht annehmen, daß er im Verbrechen schon die Meisterschaft errungen und, um uns so auszudrücken, schon ein »coulanter« Giftmörder war, so überschreitet der Leichtsinn, mit welchem er dabei zu Werke ging, allen Glauben. Er rechnete allerdings auch hier ab mit den Verhältnissen, mit dem Maß von Klugheit, welche er den Personen um sich her zutraute, aber in seiner Bilanz setzte er auf ihr Conto das allergeringste Saldo. Er fühlte wohl, daß er die Eventualität präpariren, die Gemüther vorbereiten müsse, daher mußte er mit seiner Frau, die sterben sollte, vorher ausgesöhnt scheinen. Aber nicht ein Vierteljahr, nicht einen Monat, nicht eine Woche setzte er an die Verstellung, sondern er opferte ihr einen einzigen Tag; damit war es genug gethan! Ja auch der war ihm noch zu lang; den Abend schon, nachdem er sie vergiftet, mußte er seiner Natur fröhnen und den Ball besuchen, seine Freuden in vollem Maße genießen. Daß dies nur Maske gewesen wäre, ist unwahrscheinlich, seine ganze leichtsinnige Natur siegte über die präparirte Rolle; ja, er konnte sich so wenig halten, daß er ihren Tod voraussagte, was im Plane lag, und doch lustig blieb. Es gefiel ihm gar zu gut, den starken Geist zu spielen und sich über die häusliche, ihm widerwärtige Frau zu moquiren, selbst auf die Gefahr hin, daß dies den Verdacht erzeuge. Mit gleicher Sicherheit des Leichtsinns sein Benehmen während der ganzen Krankengeschichte, die ihm langweilig wurde; daher suchte er sie zu beschleunigen. Wo ist endlich ein Giftmischer vorgekommen, der das entsetzliche Gift zerkrümelt, ohne Schachtel, Büchse, Papier, in seiner lockern Schlafrocktasche trägt, um gelegentlich mit den Fingern hineinzugreifen und, wo es geht, davon in Arznei oder Speise einzustreuen! Von hochberühmten Personen wird es schon als Curiosum erzählt, daß sie den Schnupftaback auf diese Art bei sich führten, und man betrachtet es als ein äußerstes Zeichen von Genialität, welche nicht Acht, nicht Auge hat für die alltäglichen Lebensregeln, aber Gift in dieser Art mit sich zu führen, auf die Gefahr hin es auszustreuen, daß Andere, die Kinder, davon einathmen könnten, auf die noch näher liegende, daß der Mann mit dem Schnupftuch, das er aus der Tasche reißt, sich selbst vergifte, das verräth einen unerhörten Leichtsinn. Und als er wußte, daß der Verdacht auf ihn gelenkt war, daß eine Anklage ihm drohte, daß die Verhaftung vor der Thür stand, als er noch Mittel hatte, den Schlafrock verschwinden zu lassen, da that er nichts, er verbrannte nicht die Tasche, er schüttelte sie nicht einmal um, er ließ ruhig die Giftkörner darin und rauchte gemächlich und gemüthlich in demselben Schlafrock seine Pfeife!

So zeigt sich uns der Mann nach den Acten; hören wir nun Mitteilungen, welche sein Vertheidiger uns über ihn gibt. Derselbe hatte ihn genau beobachtet, was ihm möglich ward, da er vom 3. August bis zum October jede Woche ein mal, in seinen letzten Tagen wol noch 8 – 10 mal längere Zeit und ohne Zeugen ihn gesprochen hatte.

Die vorherrschenden Züge in Dombrowsky's Charakter waren Eitelkeit, Heuchelei, Egoismus, Wollust und Habgier. Letztere stellte sich jedoch nicht als Geiz dar, noch entsprang sie aus demselben, sondern es galt ihm nur, sich die Mittel zur Befriedigung seiner Wollust und Eitelkeit zu beschaffen. Auch scheint von diesen beiden Eigenschaften die erstere der letztern untergeordnet gewesen zu sein. Er lebte sehr liederlich, aber fern davon, einen ehrbaren Schein anzunehmen, schmeichelte es ihm, daß man ihn für einen Don Juan hielt, und man könnte glauben, daß der Genuß, sich seines Glückes bei Frauen rühmen zu dürfen, ihm noch über den der Sinnlichkeit selbst ging. Sittliches Gefühl war ihm gänzlich fremd. Dafür trat eine kalte Berechnung ein, womit er, bei großer Schlauheit, nach jedem Mittel griff, das ihn zu seinem Ziele zu führen versprach, insofern nur der äußere Schein dabei gerettet blieb. Diese genaue Berechnung und gegenüber der grenzenlose Leichtsinn sind für den Psychologen wenn nicht das Räthselhafte, doch das Merkwürdige, wenn nicht der Schlüssel dafür in seiner bodenlosen Eitelkeit und dein Dünkel auf seine Klugheit und seine Vorzüge gegeben wäre.

Von dieser bodenlosen Eitelkeit werden uns noch charakteristische Züge erzählt. Auf seine Selbstvertheidigung scheint er sich lange vorbereitet und auf den Moment, wo er damit hervorplatzen und einen Eindruck machen werde, gefreut zu haben. Sie erinnert an manche politische Reden aus der tollen Zeit von 1848, und Studien und Reminiscenzen mögen auch daher stammen, wo bei Wahl- und andern Volksversammlungen wol ein ehrbarer Bürger, der vorher nie den Mund aufgethan, seinen Nachbarn unter gerührtem Schluchzen erzählte, ein wie guter Sohn er gewesen, ein wie bedrängter Familienvater er geworden, und wie doch Niemand um deshalb daran zweifeln könne, daß er ein rechtschaffener Volksvertreter sein werde. Zu seiner Rechtfertigung führte er nichts an. Dennoch mußte er oft innehalten und sich besinnen, um den Faden in diesen bombastisch ungeordneten Phrasen nicht zu verlieren, – Dennoch sagte er, als er aus der Sitzung fortgeführt ward, zu einer an der Thür stehenden Frau, seiner Bekannten: »Haben Sie meine Rede gehört? – Nicht wahr, war sie nicht schön?«

Hätte Dombrowsky vielleicht einmal in unserm Pitaval geblättert und gelesen von den Mördern und Verbrechern, welche im Kerker mit Gedichtemachen sich beschäftigten, und hielt er dies für eine Beschäftigung, die den gebildeten vor gemeinen Verbrechern auszeichne? Wahrscheinlich hatte er wenigstens von Bernhard Hartung in dem nahen Magdeburg gehört, der durch seine Lieder so großes Interesse bei zartfühlenden Seelen erweckte. Er hielt sich auch für berufen Gedichte zu schreiben, um seine heroische Stimmung an den Tag zu legen. Am 5. October las er seinem Vertheidiger eine Partie vor, die er Tags vorher niedergeschrieben. Er übergab sie ihm mit den Worten: »Ich habe darin meine Gefühle und meine Gemüthsstimmung ausgedrückt. Sie können jeden Gebrauch davon machen und es auch Damen mittheilen.« Das bedarf keines Commentars. Aber man werfe einen Blick darauf:

1.

Ach, schöne Zeit! vor wenig Monden,
Als still Familienleben mich noch beglückte,
Wo falsche Freunde mich verschonten,
Gab es nichts, was mich bedrückte.
In Freuden und in Wohlergehen
Glaubt ich den Glückstern zu erblicken,
Könnt ich es jemals wol ersehen,
Das fremde Tück mich wollt' bestricken?

2.

Vom Schicksal wunderlich geführt, durch viele Sorgen,
Hab ich bestanden manch feindliches Geschick,
Wehe dem! – der verdarb damit meiner Kinder schönen Morgen,
Den hat die Hölle! ja der Teufel schon am Strick.
Ihn wird das Gott's Gericht doch entlich noch erfassen,
Wenn auch das irdische Gericht nicht strafen kann,
Dafür wird Gott die Seinen nicht verlassen;
Es gab ja nie ein Bösewicht, der Gottes Macht entrann,

3.

Leider, aber oftmals unbedacht,
Hab' ich schon manches Wort leicht hingesprochen,
Nicht ahndent, es sei falsch angebracht,
Dadurch ward mir der Stab gebrochen.
Lassen Reden oder Thaten,
Wenn sie harmloser Art noch sind,
Stets ein schlechtes Herz errathen?
Bin ich doch schuldlos, wie ein Kind.

4.

Doch wenn der Mensch am frohsten ist, voll Zuversicht und Freuden,
Wie leicht trifft hart ein Schicksalsschlag, ihm ernstlich anzudeuten;
Soll er nicht übermüthig sein, nur fromm vom ganzen Herzen,
Was falscher Leumund auserdacht, verursacht große Schmerzen.
So traf auch mich, verhängnißvoll, im Criminalgerichte,
Ein Trugbild, was gut eingehüllt, und fern von allem Lichte;
Das Unglück, was viel größer ist, als alle Elemende
Drum, großer Gott, empfel ich mich in deine Vaterhände,

5.

Doch wehe! – Fürchterlich ist Euer Schlummer
Ruhig schlaft Ihr nicht, das macht der innre Kummer
Ihr konntet schamlos und ohne zu erröthen;
Ein ganz Familienglück moral und phisisch tödten.
Ach gebe Gott, daß das Gewissen in Euch recht bald erwacht,
Dann ist der harte Schicksalsschlag von uns bald weggebracht,
Das räthselhafte Thatgespinst, gar schleunigst zu enthüllen,
So würden alle Zehren sich durch dies Bekenntniß stillen.

6.

Bald ist der Tag, der letzte mir vorhanden,
Gekommen ist die unabwendbar böse Zeit,
Es gab ein Glück, ja! es hat für mich bestanden,
Stets würdig zu empfangen und bereit.
Doch Gott Du Großer, mit Deinem Almachtswalten,
Was bin ich schwacher Mensch, in mein Wirren oder Denken
Du der alles kann, selbst Welten umgestalten,
Zu Dir steigt mein Gebet, Du wirst mein Schicksal lenken.

Wolfenbüttel, am 4. Oktober 1853.
Gedichtet von
G. Dombrowsky.

Es ist ekelerregend, an die Mühe zu denken, mit welcher der Mensch dies Geschreibsel zusammengestoppelt haben muß, um sich in eine neue Rolle, eine, zu der er am wenigsten paßte, hineinzulügen. Ein Mitgefangener hat später unserm Gewährsmann vertraut, daß Dombrowsky das Product aus Zschokke's Stunden der Andacht und Schiller's Gedichten, die beide aufgeschlagen auf seinem Tische lagen, zusammengelesen hat. Es ist schwer zu glauben ohne Injurien gegen beide Schriftsteller und Dichter, indessen wird uns gesagt, daß seine eigene wirkliche Bildung der Art war, daß er ohne solche Beihülfe selbst diese Zeilen, die Verse vorstellen sollen, nicht zu componiren im Stande gewesen wäre. – Zwei Tage vor seiner Hinrichtung überreichte er demselben Manne abermals zwei eben verfertigte Gedichte. Sie haben wenigstens als Documente, wie er sich dem Publicum vorstellen wollte, einige Bedeutung.

An meine Freunde.

Ein Stammblättchen muß ich Euch noch überreichen
Nehmt Ihrs, so ist's für mich ein güns'diges Zeichen
Als ich noch fröhlich unter Euch war,
Auch Eure Laune manch Späschen gebar,
Und ich nicht müde des Tändelns und Scherzens,
Auch immer noch folgend dem Drange des Herzens
O! da hatte ich nimmer geglaubt und gedacht
Das mich dies jemals ins Unglück gebracht.

Freunde vernehmt von mir noch ein recht ernstes Wort
Ich sage es Euch hier und warne Euch noch dort
Und habt Ihr verloren, das Schönste der Güder
Ein liebendes Weib und wurdet hiemit ein Lebensmüder
So nehmt Euch in Acht beim zweiten mal freien
Es dürfte dann dennoch keine ältere sein
Da könnt Ihr Euch plagen und immer abmühen
Ihr werdet sie nimmer nach Eure Hand ziehen.

Auch ich war vom Schöpfer zu diesem Schicksal erkoren
Auch ich hatte das Theuerste, das Schönste verloren
Als Vater gezwungen, von zwei Kindern beglückt
Nahm ich die Stiefmutter, aber ach! mein Herz war bedrückt.
Es wär' mit uns dennoch recht glücklich ergangen
Hätte nicht gierige Habsucht die Menschen umfangen.
Nichts scheuend, zu erhalten das ungerechte Gut,
Und damit hinopfernd mein unschuldig Blut.

Ach Freunde! die fürchterliche Stunde naht
Beendet ist nun bald mein kurzer Lebenspfad
Noch um Eins wollt ich Euch herzlich bitten
Da ich gewiß genug unendlich schon gelitten
In meinen letzten Worten, keinen Zweifel mehr zu stellen
Die göttliche Weisheitsmacht, wird sie einst noch erhellen
Das ich nicht mächtig war zu begehen ein Verbrechen
Was Gott der Allmachtige noch fürchterlich wird rächen.


Nachruf aus den ewigen lichten Höhen.

Geschieden bin ich aus dieser Welt
Gewaltsam durch Tod vom Gerichte bestellt.
Ich sehe es, ich war zu etwas bessern erkoren
Es ging zwar der Leib, doch nicht die Seele verlohren
Hier empfängt Jeder den gerechtesten Lohn
Vor Gott und des Heilandes himmlischen Thron
Wer auf Erden gelebt, stets in göttlicher Zuversicht,
Den verstößt der barmherzige Vater aus seinem himmlischen Reiche nicht.

Wie lieblich ist's hier im himmlischen Höhen
Ach könntet Ihr's von der Erde nur einmal ersehen
Dann würde des Menschen bös dichten und trachten
Verdrängt aus der Brust, die Seeligkeit achten
Die der Herr ihm verheißen, zu jeglicher Zeit
Bußfertige Menschen sind zum sterben bereit
Je härter das Schicksal Euch auf Erden getroffen
Um so viel Schönres habt Ihr im Himmel zu hoffen.

Ein so langer, gewissermaßen intimer Umgang, wie er zwischen einem Criminalgefangenen und seinem Gefangenwärter, oft zwischen ihn, und dem untersuchenden Richter, hier mit dem Vertheidiger, der als eine Art Seelenarzt bei ihm auftrat, einzutreten pflegt, erweckt doch endlich ein Vertrauen, und der Verbrecher gesteht zuweilen aus freien Stücken, was er vordem noch so hartnäckig geleugnet und zu verbergen gesucht; er gibt das gleichsam als Geschenk fort, was, nachdem er es gegen die richterliche Gewalt glücklich vertheidigt und gerettet, ihm nichts mehr nutzt. Indem er aus freien Stücken bekennt, opfert er seinen Stolz: »Du sollst mein Zeuge und Depositar sein, indem ich dir aus freien Stücken vertraue, was Jene mit allen ihren angewandten Zwangsmitteln nicht vermochten.« Aber Dombrowsky, so leichtsinnig er war, neigte nichts weniger als zum Vertrauen, im Gegentheil war er im höchsten Grade mißtrauisch.

Dennoch glaubt sein Vertheidiger, er habe soviel Vertrauen gegen ihn gehegt, als ein solcher Mensch überhaupt haben kann, und er würde ihm endlich ein directes Geständniß seiner Schuld abgelegt haben, wenn er sich nicht fortwährend mit dem Gedanken geschmeichelt, er könne nicht hingerichtet werden und die Begnadigung werde unfehlbar eintreten. Es war das die allgemeine Annahme, weil er ja nicht gestanden hatte, und für ihn erhielt sie noch durch einen beklagenswerthen Umstand Bekräftigung. Einer jener Verehrer des alten Regime, der die neue Gerichtsverfassung und die Jury verwünschte, soll diese Hoffnung in ihm rege erhalten haben, dergestalt, daß die Hoffnung sich bis zum Trotz steigerte und Dombrowsky noch am 11. October, drei Tage vor seiner Hinrichtung, zu seinem Vertheidiger die Worte sprach:

»Die Geschworenengerichte würden durch ihn, Dombrowsky, in ihren Grundvesten erschüttert werden und keine drei Jahre mehr bestehen.«

Der reuelose Verbrecher rechnete demnach, trotz der dringenden Vorstellungen des Defensors, sich zum Tode vorzubereiten, so sicher auf Begnadigung, daß er schon einen bestimmten Plan über seine Zukunft entworfen hatte, den er jenem mehrmals mittheilte. Er nahm nämlich an, daß die Todesstrafe im Wege der Gnade in lebenslängliche Kettenstrafe verwandelt werden müsse. Den Director und Arzt der Strafanstalt hoffte er dahin zu bestimmen, wegen seiner schwächlichen Körperbeschaffenheit (die nicht vorhanden war) vom Einschmieden in die Kette Abstand zu nehmen, und ihn nur zu Arbeiten im Hause zu verwenden. Wenn er sich dann wie ein gebildeter Mann aufführe, müßte ihm doch nach vier bis fünf Jahren die weitere Gnade widerfahren, daß man ihn nach Amerika auswandern lasse.

Daher sein hartnäckiges Leugnen. Dennoch gab es Momente, wo die Kraft der Lüge erschüttert schien. Der Vertheidiger hatte ihm schon während der Verhandlungen offen gesagt, daß er ihn für schuldig halte; er hatte es ihm nach der Verurtheilung wiederholt, und daß er diese für vollkommen gerecht erachte. Dombrowsfy gestand das zwar nicht ein, aber von da ab hatte er auch nie positiv erklärt, daß er unschuldig, daß das Urtheil ein ungerechtes sei. Nur am 5. October, nachdem der Staatsanwalt ihm die abschlägliche höchste Resolution eröffnet, und Köpp ihn scharf und ernstlich ermahnt hatte, jetzt, wo er auf Gnade gar nicht mehr zu rechnen und nur noch wenige Tage zu leben habe, der Wahrheit die Ehre zu geben und reuig an das Jenseits zu denken, rief er aus: »Was soll ich sagen; ich habe nichts gethan.« Nachdrücklich ermahnte ihn der Vertheidiger, ihm gegenüber, den er so tief in sein Inneres blicken lassen, dergleichen doch jetzt nicht mehr vorzubringen, sondern, wenn er die That nicht offen bekennen wolle, lieber ganz zu schweigen. Auch das machte keinen Eindruck. Er erging sich wieder in ganz unhaltbaren Möglichkeiten, daß diese oder jene dritte von ihm genannte Person das Gift in den Sago gethan haben könne. Als ihm das Widersinnige dieser Angaben durch die evidentesten Gründe nachgewiesen ward, schwieg er, war aber keineswegs überwunden, denn plötzlich verfiel er wieder auf die Hypothese, es sei doch möglich, daß die Frau sich selbst vergiftet habe. Als der Vertheioiger sich die Mühe genommen, ihm die völlige Unwahrscheinlichkeit und Thorheit auch dieser Behauptung auseinander zu setzen, brach er in die Worte aus: »Man glaubt mir nicht, man glaubt nichts, was ich sage; ich wüßte wol noch Manches gegen Andere, aber ich will nichts sagen, ich will nobel sein.« Hierbei blieb er, obgleich der Vertheidiger ihm vorstellte, daß, wenn er wirklich Wahres wisse, er ihm dies sagen müsse, und, wo es sich um Kopf und Kragen handle, das »nobel sein« ganz am unrechten Orte wäre. Es ist hier der Platz zur Erläuterung der mysteriösen Schlußworte in seiner eigenen Verteidigungsrede, wo er sagte: »Es sei eine Person vorhanden, die sich aus der Schlinge gezogen habe, er wolle den Mann nicht anklagen,« Er meinte damit seinen Schwiegervater Angelstein; er habe sich aus der Schlinge gezogen, weil er kein Zeugniß ablegen wollte. Dombrowsky hatte mit dem alten Manne in keinem guten Verhältnisse gestanden, und haßte ihn jetzt um so mehr, als er es gewesen, der die erste Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gemacht, und durch sein kürzlich gemachtes Testament fast sein ganzes Vermögen, etwa 3–4000 Thaler, seiner zweiten Frau, der auch als Zeugin erschienenen Frau Angelstein, zuwandte.

Dombrowsky hat öffentlich vor Gericht den alten Angelstein nicht geradezu oder auch nur annähernd der That (daß er die eigene Tochter vergiftet haben solle!) beschuldigt, wie es in Zeitungsberichten erwähnt ist; gegen seinen Vertheidiger hat er aber doch mehr als einmal hingestellt, daß Angelstein der Anstifter sei. Es sollen hier noch andere Mysterien zu Grunde liegen, die, uns nur andeutungsweise genannt, sich nicht zur Veröffentlichung eignen.

In einem der wichtigsten Momente der Untersuchung fing Dombrowsky, trotz aller seiner Klugheit, sich selbst, nicht sowol aus Leichtsinn, als aus allzu kluger Berechnung.

Wir wissen, daß die Untersuchung der Ofenröhre, auf welcher das Glas mit Sago gesprungen war, erst während der öffentlichen Verhandlung in Anregung kam. Seine Vertheidiger machten den Angeklagten zuerst auf den Umstand aufmerksam; sie beriethen sich untereinander darüber, indem ihnen das Gefährliche einer Untersuchung klar war, falls Gift dort gefunden würde. »Wenn sich Arsenik darin findet«, sagten sie ihm, »so ist Ihr Kopf unrettbar verloren; bedenken Sie daher, ob Sie Ihrer Sache auch gewiß sind!« Desto begieriger griff Dombrowsky selbst es auf. Er rief aus: »Herrlicher Gedanke! Herr Notar thun Sie das, thun Sie das.« Er gerade bestand, als das Gericht sich noch nicht darüber entschieden hatte, auf die Untersuchung der Röhre, indem er seinen Anwalten bestimmt versicherte: dort könne kein Gift gefunden werden. Ja er hoffe, daß, wenn es durch das Gutachten der Sachverständigen fest stehe, dies einen Rückschlag auf die andern Ermittelungen zu seinen Gunsten geben müsse. Er hatte ja am 16. April sofort die Röhre rein wieder abgewischt; was Erkennbares konnte da zurückgeblieben sein! So mußten denn die Defensoren darauf antragen und sie thaten es mit erleichtertem Gewissen. Ward nichts gefunden, so war dies allerdings ein erhebliches Dcfensionsmoment; ward Gift auch da entdeckt, so ward die Wahrheit und Gerechtigkeit gefördert, nach der auch sie nur trachten konnten.

Es erhob sich aber darüber als Zwischenfall eine Discussion zwischen den Experten. Der Stadtphysicus und der Apotheker des Orts erklärten eine solche Untersuchung für ganz nutzlos. Sie hielten es nur für ein Defensionsmanöver, um die Aufmerksamkeit der Richter und Geschworenen von der Hauptsache abzulenken und die Sache zu verwirren. Wenn gerade der Angeklagte und seine Rechtsbeistande auf die chemische Untersuchung antrügen, so müßten sie voraus und bestimmt wissen, daß dort kein Gift gefunden werden könne. Dagegen sprach sich energisch und mit leuchtenden Gründen der Chemiker, Professor Otto aus Braunschweig, aus, behauptend, daß, wenn auch nur die geringste Kleinigkeit von Gift auf der Röhre zurückgeblieben, die Chemie es finden müsse und werde. Als daher das Gericht sich endlich für die Untersuchung entschied, war die Spannung unter allen Betheiligten eine sehr große und das Resultat ein überraschendes.

Beide Vertheidiger eilten, nachdem sie von Dem, was zuerst als Gerücht ihnen zu Ohren gekommen, in der Apotheke sich selbst überzeugt, noch spät Abends in das Gefängniß. Sie erklärten dem Gefangenen, daß nunmehr der letzte Glaube an seine Unschuld gewichen sei, daß er unzweifelhaft verurtheilt werden müsse, und daß, nach ihrer Überzeugung, die einzige Möglichkeit, ihm im Gnadenwege den Kopf zu retten, darin bestehe, daß er am folgenden Tage vor Gericht ein offenes, reuiges Geständniß ablege.

Dombrowsky wurde sichtlich bestürzt. Nachdem er die wiederholten dringenden Ermahnungen schweigend angehört, erwiderte er: »Ich will es überlegen.« Für die Vertheidiger war dies ein Eingeständniß.

Am folgenden Morgen erschien er vor Gericht und leugnete mit der vorigen kalten Ruhe, Wer ihn aber schärfer ansah, bemerkte, wie sehr er angegriffen war. Er mußte die vorangängige Nacht nicht viel geschlafen haben. Seine Gesichtsfarbe, schon früher gelblich, schien förmlich todtenähnlich und aus seinem Auge blitzte etwas Diabolisches.

Der Mitgefangene, welcher durch 14 Wochen mit ihm in derselben Zelle gesessen, vertraute den Vertheidigern nachher: er habe Dombrowsky nie so bestürzt gesehen als nach jener Eröffnung. Wenn sie ihn an jenem Abende noch länger zugeredet, würden sie ein Geständniß erlangt haben. Er war im Zimmer auf- und abgegangen und hatte, laut mit sich selbst sprechend, zuweilen ausgerufen: »Sag' ich was, oder sag' ich nichts?« – Endlich habe er laut erklärt: Nein, seiner Kinder wegen könne und wolle er nichts sagen! Nach Andern hatte er heftig mit dem Fuß aufgestampft und gerufen: »Nein, es kann nichts helfen, ich sage nichts.«

Durch denselben Mitgefangenen hat man noch mehre charakteristische Züge, welche Dombrowsky's Eitelkeit und Verworfenheit, wenn es noch der Beweise bedürfte, ans grelle Licht stellen. Jedes Wort, jede Bewegung, jeder Blick waren berechnet, Heuchelei, im Dienst seiner Eitelkeit und Selbüberschätzung. Er rechnete, wie gesagt, bestimmt auf Begnadigung, darum leugnete er; zuweilen vertraute er sich aber auch mit dem Gedanken an die Möglichkeit seiner Hinrichtung und dann schmeichelte er sich mit der Vorstellung, daß das Publicum ihn als einen Märtyrer der Wahrheit, einen »unschuldig Geköpften« betrachten werde. – Der Mitgefangene berichtete auch, wie entrüstet Dombrowsky gewesen, als nach der Verurtheilung der Präsident ihn mit Du angeredet. Während der ganzen Haft moquirte er sich über die Richter, über die Assisenverhandlung und alle Personen, mit denen er dort in Berührung gekommen. Es belustigte ihn, »daß er sie alle in der Dummheit halte.« Unter dem Vorwande, daß er sich Notizen zu machen wünsche, hatte er sich die Erlaubniß erbeten, eine Brille zu tragen, die ihm auch gewährt wurde; in der Zelle hatte er kein Hehl, es sei nur geschehen, um seine Blicke besser verstecken zu können. Er rühmte sich, schon öfters mit Gift umgegangen zu sein. Am 15. April Abends, als er seiner kranken Frau den Sago brachte und diese nicht trinken wollte, habe er sie gestreichelt und zu ihr gesagt: »Liebes Kind, trinke nur, du behältst es bei dir.« – Ob es vielleicht auch eine diabolische Plaisanterie des Ungeheuers war, daß er seine Frau gerade mit seinem eigenen Lieblingsgericht, Leberwurst, vergiftet hatte! – Auch mancherlei früher begangener kleiner Diebereien, die er mit großer List ausgeführt, berühmte er sich, alles zum Beweise seiner Klugheit. So hatte er einst während seiner Haft, als er zum Inspektor der Strafanstalt gerufen ward, sich wie nachlässig mit Rücken und Händen gegen den Tisch gelehnt, aber während des Gesprächs von den Cigarren, die darauf lagen, eine Hand voll in die Taschen praktisirt. Kaum im Gefängniß wieder angelangt, zeigte er sie mit großer Freude und erzählte mit eben solcher Genugthuung sein Heldenstück.

Noch andere Stückchen, welche den gemein niederträchtigen Charakter bekunden. Eine Katze, die genascht, hatte er zuerst abscheulich gequält, dann sie in die Mauerspalte zwischen zwei Häuser geworfen, wo sie nicht hinauskonnte, also verhungern mußte. Triumphirend rühmte er sich gegen Mehre der Brutalität. – Im Vergleich damit wird man ihm die Frivolität zu gut halten, daß er sich in einem Badeschiffe ein Loch durch die Scheidewand gebohrt, um aus seinem das Bad der Damen beobachten zu können. – Seine Frau als Trinkerin darzustellen hatte er schon früher künstliche Operationen gemacht und die Absicht gegen Jemand ausgesprochen, daß er ihr auf dem nächsten (dem Schützen-) Ball so viel zu trinken aufnöthigen wolle, daß sie nicht mehr sehen und hören solle; dann wolle er sich schadlos halten und mit allen hübschen Mädchen tanzen. – Von seinem Gefängniß aus vergnügte er sich mittels eines kleinen Spiegels einen gegenüber wohnenden armen Schneider zu blenden. – Diese Laune begleitete ihn bis zum Tode. Wenige Tage vorher schmeckte ihm das Bier nicht mehr, welches man ihm aus einem Schenklocale sich holen zu lassen vergönnt hatte. Er ließ der Wirthin sagen: Wenn sie ihm nicht besseres Bier schicke, würde er ihr, wenn er hingerichtet, ohne Kopf erscheinen und sie in die Lenden kneipen.

Von jenem Gefangenen hat man dann auch Winke über das eigentliche Motiv zur That. Seine Frau war ihm im höchsten Grade zuwider, und die Abneigung gegen sie war um so großer, weil sie die eheliche Pflicht zu oft von ihm wünschte, »wie gewöhnlich solche alte Jungfern möchten«, hatte er zu seinem Vertheidiger geäußert, »wenn sie heirathen«, und dazu hätte er nun keine Neigung gehabt, obgleich in Bezug auf andere Frauenzimmer diese Neigung ihm keineswegs fehlte. Indessen hatte er sich in dieser Beziehung keinen Zwang angethan, und wenn es dies Verhältniß allein gewesen, so war ihm die Möglichkeit einer Scheidung, um frei zu werden, nicht verschlossen. Auch konnte die geringe Mitgift, die ihm durch die Scheidung verloren ging, weder das Motiv sein, warum er zu diesem Auskunftsmittel nicht griff, als es ihm zur alleinigen Lockung wurde, die Frau zu vergiften, nachdem er sie zur Schenkungsurkunde vermocht. Ohne die letztere hätte er beim Todesfalle nur die Hälfte jener Mitgift, etwa 100 Thaler, eingebüßt. Aber seine Spekulation ging, wenn man jenem Mitgefangenen trauen darf, weiter hinaus. Er dachte an eine neue Heirath, die ihm ein ansehnlicheres Vermögen zuwenden durfte, und dazu mußte zuerst seine Frau sterben, später vielleicht noch eine Person, ein älterer Mann, der als Hinderniß ihm im Wege stand. Wenn dies so war, würde ein Bösewicht von seiner Energie vor den Mitteln nicht zurückgeschreckt sein, um ihn aus dem Wege zu schaffen. Wir erinnern an den genialen Abenteurer und ruchlosen Charakter, den unser Pitaval früher gebrachtWilster, genannt Baron von Essen. Neuer Pitaval, IX., welcher den Ehemann einer schönen, reichen Frau zum Frühstück lud und vergiftete, nicht weil er mit jener im Einverständniß gelebt, oder auch nur die entferntesten Anzeichen ihrer Gewogenheit gehabt, sondern einzig und allein, weil er sich eine unwiderstehliche Anziehungskraft und die Künste zutraute, welche Liebe erzwingen. Nur der Mann und der Ehebund stand ihm im Wege; daß er mit der Frau fertig und einig werden würde, verstand sich für ihn von selbst.

Dombrowsky's Vermögensverhältnisse waren übrigens nicht gerade zerüttet zu nennen, wenn auch in dem Augenblicke nicht günstig. Er hatte einen guten Verdienst, da er der einzige Friseur in Wolfenbüttel war, ließ aber aus Eitelkeit mehr darauf gehen, als er in der Regel einnahm. Er war immer sehr elegant gekleidet und machte in seinen Kreisen gern Alles mit, wobei ihm auch sein Umgang mit den Frauen viel gekostet haben mag. Auf sein Glück bei denselben wußte er sich etwas und erzählte es mit Wohlgefallen, als schon die ernstesten Momente seines Lebens heranrückten. Gegen höher und über ihm Stehende war er sehr devot und respectvoll und suchte sich ebenso dadurch einzuschmeicheln, als er im Kreise gleich oder unter ihm Gestellter den nonchalanten, genialen Geist zu spielen suchte. Sonst im Umgange war er nie gerad und offen, sondern stets lauernd, sodaß man nicht recht wußte, wie man mit ihm daran war. Er hatte kohlschwarzes Haar und Bart, ganz gelbe Gesichtsfarbe und dunkle Augen mit einem boshaften Blick, in dem oft etwas Tigerartiges, Diabolisches aufleuchtete. Sein Vertheidiger sagt: Ich kann nicht leugnen, daß der Mann, den ich von Person kaum früher gekannt, vom ersten Augenblick an, wo ich als sein mitbestellter Defensor mit ihm längere Zeit mich unterhalten mußte, auf mich den widerwärtigsten Eindruck machte, ja er erfüllte mich, je länger ich ihn beobachtete, immer mehr mit wahrem Abscheu, sodaß ich auch seine Hinrichtung in unmittelbarster Nähe mit angesehen habe, ohne besonders davon ergriffen zu werden, obgleich man mich sonst nicht zu den Hartherzigen zählt.


Ehe wir mit dieser, welche auf den 14. October angesetzt war, schließen, einige Worte über die Theilnahme an der Sache im Publicum, Diese war ebenso groß als die sittliche Entrüstung über den Verbrecher.

Der neu und geschmackvoll eingerichtete große Gerichtssaal war stets gedrängt voll Zuschauer und Zuschauerinnen aus allen Rangclassen der Gesellschaft; dessenungeachtet herrschte die größte Stille und der ruhigste Ernst. Beim Anfang einer jeden Sitzung stand auf der Straße eine zahlreiche Menschenmasse versammelt, immer in der Hoffnung, noch Eingang zu finden. Auch hier blieb Alles ruhig und still, bis Dombrowsky nach dem Gefängniß zurückgeführt wurde. Da begleitete ihn dann in den ersten Tagen unter Zischen und Pfeifen noch ein anderes Gefolge und man hörte den Zuruf: »Giftmörder!« An den folgenden Tagen ward das Publicum auf der Straße in Anweisung des Präsidenten zur Stille und ruhigem Auseinandergehen aufgefodert und leistete pünktlich Folge, Sonst war die Indignation gegen Dombrowsky in den untersten bis zu obersten Schichten des Volks so allgemein und groß, daß, wenn er ohne Wache auf der Straße sich zu zeigen im Stande gewesen, sein Leben wol gefährdet erschienen wäre. Es war dies nicht Brutalität, sondern wirklich der gemeinsame Ausdruck des natürlichen Rechtsgefühls. Seiner Schuld hielt Jeder ihn für überwiesen; sein Leugnen und daneben sein scheinheiliges Benehmen empörte um so mehr, als der Glaube im Volke nicht auszulöschen war, daß, weil er nicht gestand, er doch noch mit dem Leben davonkommen werde. Als er aber sogar mit eidlichen Betheuerungen seine Unschuld versicherte und ähnlich wie Hartung den Fluch des Himmels auf seine Kinder herabrief, gab sich der Unwille über eine solche Verleugnung alles sittlichen Gefühls im Publicum dermaßen kund, daß der Präsident sich bewogen sah, ihn an diesem letzten Abende nicht wie gewöhnlich durch drei Mann Polizeimilitär, sondern durch 24 Mann nach dem Gefängniß zurückbringen zu lassen.

Am Nachmittag des 13. October, dem Vortage der Hinrichtung, besuchte ihn der Vertheidiger zum letzten mal im Gefängniß. Er fand ihn zum ersten mal niedergedrückt; die Hoffnung, an der er so fest gehalten, schien entwichen. Er hatte an dem Mittage nichts gegessen, und die Thränen stürzten ihm aus den Augen. Dies waren die einzigen wirklichen Thränen, welche ich ihn vergießen gesehen, sagt sein Anwalt; alles sein Weinen vom 28. Juli bis 3. August waren nur auf den Effect präparirte Thränen. Er weinte bitterlich, aber er war wieder gefaßt, er bekannte nicht, aber er hatte die Hoffnung doch noch nicht ganz aufgegeben.

Als der Vertheidiger einige Tage früher ihm eröffnet hatte, daß seine Enthauptung auf dem Hofe des Gefängnisses stattfinden werde, war ihm dies »sehr unangenehm, weil er gewünscht hätte, daß es öffentlich in der Stadt auf dem Markte geschehe.« Bei Mitteilungen der Art suchte er sich möglichst gefaßt und ruhig darüber zu äußern, und zwar so, als ob die Sache nicht ihn, sondern einen Andern betreffe, – Bei jenem letzten Besuche, am 13. October, hörte man aber in dem Gefängniß das Hämmern und Klopfen von Zimmerleuten draußen. Der Vertheidiger hatte das Geräusch bis da nicht beachtet, desto aufmerksamer hatte Dombrowsky darauf gehorcht, und er war es, der ihn mit den Worten darauf aufmerksam machte: »Sie schlagen jetzt mein Schaffot auf!«

In der Nacht zum 14. schlief er wenig; unter beständigem Händeringen, besonders von Morgens 5 bis 8 Uhr, hatte er heftig geweint und erst in der letzten Stunde sich wieder gefaßt. Sehr unpassenderweise hatte man ihm, zur Stärkung auf seinen letzten Weg, nicht ein Glas kräftigen Weins, sondern eine halbe Flasche gewürzten Glühweins und noch etwas Cognac zum Trinken gegeben.

Ein Prediger begleitete ihn auf dem letzten, sauern Wege. Wir erfahren nichts von Zerknirschung, Reue, Bußfertigkeit. Im Gegentheil versicherte der Geistliche: Dombrowsky habe noch auf dem Schaffot gehofft, daß plötzlich ein Zeichen gegeben, ein weißes Tuch flattern und das Wort Begnadigung ihn aus seinen Ängsten erlösen werde.

Noch Züge seiner Eitelkeit aus diesen letzten Momenten! Zwei mal hatte er von dem Vertheidiger verlangt, daß er in seinem Namen höchsten Orts darum nachsuche, es möge ihm verstattet werden, sich selbst die Todesart zu wählen. Er wollte sich dann selbst zu Pulver und Blei begnadigen, und spiegelte sich das Bild verführerisch vor, wenn er mit unverbundenen Augen den Musketenmündungen entgegenblickte und vielleicht selbst Feuer commandirte. – Natürlich ward es ihm nicht gewährt. Da es ihm nicht verstattet war als Heroe zu enden, wollte er wenigstens als Gentlemm aus der Welt gehen. Er wollte sich elegant ankleiden, wenigstens den Frack anziehen, um so geputzt das Schaffot zu besteigen. Auch dies unterblieb. Man bedeutete ihn, daß ein solcher Anzug dem raschen Entkleiden auf dem Schaffot hinderlich sein würde. Er erschien daher in einem über das Hemde gezogenen Überrock, mit einem wollenen Shawl um den Hals.

Gegen 1200 Zuschauer, die man hereingelassen, erwarteten auf dem Gefängnißhofe den Verbrecher, gespannt, ob nicht die schauerliche Weihe der letzten Stunde das Siegel auf seinen Lippen brechen werde.

Festen Schrittes, das Publicum grüßend, eilte er auf das Schaffot zu. Oben wollte er es anreden, der Staatsanwalt ließ es nicht zu. Dann verlangte er unter den fünf anwesenden Scharfrichtern den zu sehen, welcher ihm den Kopf abschlagen würde. Die Scharfrichter gingen auf den Wunsch nicht ein.

Vergebens wartete man auf das Bekenntniß. In seiner Haltung, seinem Blicke nichts von Zerknirschung, Reue. Er zog den Rock selbst aus, wickelte den Shawl los und reichte beides mit theatralischer, frecher Geberde dem Scharfrichter. Dann schob er die Hosenträger von den Schultern, riß das Hemde bis auf die Hüften hinab und kniete vor dem Blocke nieder. Seine letzten Worte waren: »Nicht so fest!« als ihm der Scharfrichter mit dem Leder den Kopf auf dem Blocke befestigte.

Der Scharfrichter Reindel aus Berlin - Rheinsberg, derselbe, welcher Franz SchallSiehe Neuer Pitaval XX. vom Leben zum Tode gebracht, trennte den Kopf vom Rumpfe. So selten wird diese Kunst, daß die Wenigen, welche die Meisterschaft einmal errungen haben und sich noch dazu verstehen wollen, von Land zu Land verschrieben und geliehen werden müssen! Im Braunschweigischen muß sich keiner zur Vollstreckung haben verstehen wollen. Dagegen sprach sich der Oberscharfrichter am Ort sehr misfällig und bedauernd darüber aus, daß man dem Delinquenten eine so starke Quantität Spirituosa zum Trinken gegeben. Daher sein letztes Benehmen auf dem Schaffot, welches nicht mehr Muth, sondern Aufregung und Frechheit gewesen sei.

Von Dombrowsky's früherm Leben dürften Die, welche es psychologisch interessirt, in den Polizeiacten der Stadt Dresden und später in denen von Berlin Nachrichten finden. Einem Gerüchte nach wären am erstern Orte zwei seiner Brüder als Verbrecher gestorben.

Dombrowsky's Leiche ward in Braunschweig secirt. Man fand die Stellen des Gehirns, in welche die Phrenologen den Mordsinn legen, auf eine höchst auffallende, ans Fabelhafte grenzende Weise ausgebildet; neben dem Mordsinn den Festigkeitssinn und den Geschlechtstrieb auch besonders ausgeprägt, dagegen Kindesliebe fast gar nicht. Ein Anatom, welcher bis da manche Bedenken gegen die Wissenschaft gehegt, soll hiernach ein unbedingter Anhänger derselben geworden sein. In einem Schreiben, dem wir diese Notiz entnehmen, heißt es: »Wo bleibt nun die Zurechnungsfähigkeit? Fängt sie jemals an und wann, oder wo hört sie auf? (Als Antwort verweisen wir auf Das, was im Falle Bernhard Hartung der Geistliche Crusius, auch ein Phrenolog, sagt: Die Organe des Gehirns nehmen den Eindruck der Leidenschaften und Neigungen an, welchen der freie Mensch, wenn die Vernunft ihre zügelnde Macht verloren, sich zügellos hingibt.) Die Strafe muß aufhören, nur von Sicherheitsmaßregeln kann noch die Rede sein bei Verbrechen aus wirklicher oder vermuthlicher Neigung!«

Wenn neue mongolisch-turkomanische Völkerstamme das Abendland und seine Civilisation mit Krieg überzögen, sollten wir Anstand nehmen sie todtzuschlagen und zu schießen, was wir können, wenn Anatomen etwa in ihren Schädeln die Organe des Mordsinns entdeckten, der Eroberungslust, des unüberwindlichen Hasses gegen europäische Gesittung, bürgerliche und geistige Freiheit und den ausgeprägtesten Unterwürfigkeitssinn gegen einen Chan oder Sultan, der zugleich ihr Gott ist und uns auszurotten ihnen befiehlt! Und weil sie unzurechnungsfähig, dürften wir nur zu sanften Sicherheitsmaßregeln schreiten!

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