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Der neue Pitaval - Band 11

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 11 - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 11
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1859
printrun2
firstpub1845
volumeElfter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectid299ce4a0
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Die fünf Mörder auf der Esperance

1817-1820

Bei Goodwinssand, an der Küste von Kent, machte eine Brig unter dänischer Flagge am 27. November 1817 die Nothsignale. Mehre Boote mit Lootsen eilten sofort von Deal aus zu Hülfe, und es gelang denselben, das Fahrzeug vom Sande abzubringen und wieder flott zu machen.

Es war auf dem Schiffe, welches den Namen L'Esperance führte, weder ein Capitain, noch ein Steuermann; aber der Untersteuermann Johannes Lorenzen hatte kaum die englischen Lootsen auf dem Schiffe, als er ihnen das Commando übertrug, und sie bat, Schiff und Mannschaft in den Hafen von Deal zu führen.

Gleich nach der Landung begab sich Lorenzen mit einigen Lootsen zu dem dänischen Viceconsul und machte ihm folgende Anzeige:

Die Brig, mit Ballast beladen, sei von Hamburg nach Messina bestimmt gewesen. Capitain war Jens Nielsen Holst, Obersteuermann der Sohn desselben Niels Hansen Holst. Auf hoher See, bei Beachyhead, brach eine Empörung aus. Die Meuterer, aus sämmtlichen Matrosen bestehend, warfen den Capitain und seinen Sohn, den Obersteuermann, über Bord. Beide ertranken. Auch ihm, dem Untersteuermann, behauptete der Angeber, hätte dasselbe Loos gedroht, dem er nur dadurch entgangen, daß er den Meuterern schwören müssen: nunmehr der Mannschaft treu zu sein, und sie dahin zu führen, wohin sie verlange. – Er gelobte, um sein Leben zu retten, alles, was sie forderten. Widrige Winde zwangen das Schiff zu wenden und nach der Nordsee zu steuern. Aber Lorenzen benutzte absichtlich die Nähe der englischen Küste, und ließ das Schiff auf die Sandbänke von Goodwinsand treiben, um Hülfe von Deal aus zu erhalten, was ihm, wie erwähnt, vollkommen gelang.

Seine Anzeige hatte alle Wahrscheinlichkeit für sich, da auf dem Schiffe Capitain und Obersteuermann fehlten, und außer dem Untersteuermann und dem Cajütenwächter nur noch 7 Matrosen sich befanden. Der Viceconsul schickte sofort noch mehre Lootsen zur bessern Bewachung der Mannschaft auf die Brig, und veranlaßte später, daß alle 7 Matrosen auf ein englisches Kriegsschiff gebracht wurden.

Nachdem über den Vorfall nach London an den dänischen Gesandten und den Viceconsul daselbst berichtet worden, erschien der letztere in Deal und vernahm vorläufig die 7 der Mordthat bezüchtigten Matrosen. Sechs leugneten Alles, aber der siebente, Peter Klever gestand: Alle 7 hätten geholfen, den Capitain und dessen Sohn über Bord zu werfen; er, Peter Klever, sei gezwungen worden, daran Theil zu nehmen, um sein eigenes Leben zu retten, und er glaube, daß auch der Matrose Niels Hendricksen in demselben Falle sei. Nach seiner Meinung waren der Koch, der Zimmermann und noch ein Matrose die Rädelsführer.

Anfänglich waren die dänischen Behörden in England der Meinung, daß die Sache vor die englischen Gerichte, als vor das forum delicti commissi, gehöre; auch in England schien man diese Meinung zu theilen. Die Lords der Admiralität entschieden aber anders: das Verbrechen sei nicht auf englischem Territorium, sondern auf hoher See und in einem dänischen Schiffe verübt, demnächst könne kein englisches Gericht sich damit befassen. Auf einem kleinen englischen Kriegsschiffe wurden die Gefangenen, zugleich mit dem Untersteuermann und dem Cajütenwachter, die als Zeugen dienen sollten, nach Flensburg transportirt, wo Seitens der Schleswig-Holstein-Lauenburgschen Kanzlei eine Gerichtscommission zur Untersuchung niedergesetzt werden sollte.


Als Denuncianten traten der genannte Untersteuermann Lorenzen und der Cajütenwachter Waldvoigt auf. Nach der gerichtlichen Vernehmung des Erstem stellte sich das Sachverhältniß wie folgt:

Das Schiff gehörte einem Hamburger Kaufmann, Holpgreve, und sollte eine Reise nach Messina und von da zurück machen. Lorenzen war zu der Fahrt vom Capitain desselben, dem ermordeten Holst, engagirt worden. Die Brig stach am 30. October 1817 in See. Nachdem sie einige Zeit auf dem Wasser gewesen, versetzte der Cavitain den Matrosen Niels (Hendricksen) und Diedrich (Widow) eine Züchtigung mit einem Taue. Beide hatten sie, nach des Untersteuermanns Meinung, wohl verdient, aber das Tau, mit dem er gehauen, »sei wol zu dick gewesen. Dies war der Anfang des Streites. Der Zimmermann erklärte: kein Seeofficier schlage die Leute am Ruder; zuerst müsse der Capitain den Mann vom Ruder ablösen lassen, alsdann erst könne, er ihn schlagen. Außer diesen Beiden, erinnerte sich Lorenzen nicht, daß der Capitain Jemanden geschlagen, »er habe sie wol gestoßen und sehr stark geschimpft.« Gegen ihn selbst hatte er keine Rauhheit begangen, weil er seinen Pflichten aufs Pünktlichste nachkam.

Der Obersteuermann, der junge Holst, war das Gegentheil seines Vaters, ein guter, stiller Mann. Der Vater selbst war mit ihm unzufrieden, er warf ihm seine Langsamkeit, seine geringe Thätigkeit vor, und stellte ihm den Untersteuermann als Muster vor.

Mangel und schlechte Lebensweise konnten, nach des Denuncianten Meinung, nicht die Ursache der Unzufriedenheit unter der Mannschaft sein, denn die Lebensmittel am Bord waren gut, und wurden, nach Lorenzen's Dafürhalten, reichlich ausgetheilt.

Von einer eigentlichen Zusammenrottung oder den Anzeichen einer Verschwörung hatte der Untersteuermann Lorettzen nichts wahrgenommen. Nur als der Capitain den Matrosen Niels am Steuerruder geschlagen, hatte dieser die andere Mannschaft angerufen: sie möchten kommen und das Steuer für ihn nehmen, er wolle nicht am Ruder stehn und sich schlagen lassen. –

Eines andern Tages, als der Matrose Diedrich auf der Fockraae beschäftigt gewesen, rief der Capitain ihm zu: »er, so wie die Andern, die da beschäftigt wären, sollten sich rappen, (eilen) damit sie fertig würden;! sie wären zu langsam.« Der Zimmermann antwortete ihm darauf: »daß sie ihre Arbeit thäten, daß der Capitain sie nicht zu schelten brauche, sie wollten das nicht immer hören.« Der Capitain erwiderte: »der Zimmermann solle schweigen, sonst wolle er ihn auf eine Stelle setzen, wohin ers nicht glaube, und er werde es ins Journal eintragen.« Der Zimmermann versetzte: er möge es nur thun.

Beide Vorfälle fanden sich umständlich im Schiffsjournal von des Capitains Hand vermerkt.

Eines Abends, am 26. November, als sie im Canal, der Insel Wight gegenüber, sich befanden, und der Untersteuermann in seine Kammer gegangen, um sich mit Essig sein krankes Bein zu waschen, rief ihn der Capitain und sagte ihm: die Mannschaft verlange mehr Brod, er möge es ihr geben. Lorenzen fragte: ob es gleich geschehen solle? Als aber der Capitain antwortete, es habe auch Zeit bis Morgen, dann wolle er ihm schon sagen, wie viel sie haben sollten, ging er wieder in seine Kammer und legte sich zum Schlafen nieder.

Nach 5 Uhr ward er durch ein kurzes, jämmerliches Geschrei aufgeweckt. Er sprang heraus und rief nach dem Capitain und dessen Sohn, erhielt aber keine Antwort. Statt dessen ward er von der gesammten Schiffsmannschaft, mit Ausnahme des Cajütenwächters, der in der Cajüte geblieben, umringt. Wie es ihm geschienen, waren sie unbewaffnet, bis auf den Matrosen Jochim (von Ehren, aus Blankenese), welcher eine Merdelspige (ein gekrümmtes eisernes Werkzeug, wie ein großer gebogener Nagel, gebraucht, um zwei Enden Tau ineinander zu fügen) in der Hand hielt.

Jochim und der Zimmermann (Utterberg) riefen ihm zu: er müsse ihnen Treue schwören, sonst solle er denselben Weg gehn, wie der Capitain und der Dbersteuermann. – »Welchen Weg?« fragte Lorenzen. »Ueber Bord!« lautete die Antwort. Der Untersteuermann wurde darauf ohnmächtig.

Nachdem er sich erhohlt und wieder zur Besinnung gekommen, erklärte er sich bereit. Mit aufgehobenen Fingern leistete er ihnen einen Eid: das Schiff dahin zu führen, wohin sie wollten. Er hatte dabei der Hoffnung Raum gegeben, daß sich wol ein Weg zur Rettung für ihn zeigen werde.

Auf seine Frage: wohin er das Schiff steuern sollte, hatten sie gesagt: nach Amerika. Lorenzen bedeutete sie aber, daß dies, des contrairen Windes wegen, nicht angehe, sie müßten seiner Meinung nach versuchen, nach der Nordsee zu kommen worein sie auch willigten.

Lorenzen selbst war kein Augenzeuge der doppelten Mordthat gewesen, er wußte nicht, ob die Meuterer den Capitain und seinen Sohn lebendig über Bord geworfen, oder vorher getödtet hatten. Er wußte nur, daß der Koch (Wehrpupp), der Zimmermann (Utterberg) und der Jochim von Ehren die Rädelsführer gewesen und eigentlich das Wort geführt hatten.

Gleich nach der That und nach dem Schwüre gingen die Meuterer sammtlich in die Cajüte. Da sie die Schlüssel zu den Schränken des Capitains nicht fanden, welche dieser wahrscheinlich in der Tasche gehabt, erbrachen sie die Thüren, durchsuchten Alles, legten aber die Sachen sämmtlich wieder hinein.

Der Untersteuermann mußte sich mit der Mannschaft zum gemeinschaftlichen Essen hinsetzen; nur glaubte er sich wegen seines schlimmen Beines gegen sie entschuldigen zu dürfen, daß er nicht trank. Die That ward in der Unterhaltung besprochen. Auf seine Frage: was sie eigentlich mit dem Capitain und seinem Sohn gemacht? antworteten sie sämmtlich wie oben: über Bord! – Auf die Frage: warum, wenn sie denn doch einmal Feindschaft gegen den Capitain gehabt, sie auch den Obersteuermann, der ein so netter Mensch gewesen und ihnen nie etwas Böses gethan, auch getödtet hätten? erklärten ebenfalls Alle: daß ihnen das auch leid thue, daß er aber von einem Blute mit dem Vater gewesen. Wäre er ein Fremder gewesen, wie er, der Untersteuermann, so hätten sie das nicht gethan, sondern würden ihn noch eine Weile haben leben lassen.

Aber schon am nächsten Morgen, am 27. November, belauschte er ein Gespräch der Mannschaft und hörte einen Plan, der nicht geeignet war, ihn zu beruhigen: man wollte auch ihn umbringen, wenn man auf der Höhe des Texels war, dann das Schiff versenken und mit Booten ans Land gehen, nachdem man alles Geldwerthe hineingebracht. Der Cajütenwächter vertraute ihm nachher, daß er dasselbe gehört.

Nun galt es, sich selbst zu retten. Mehrmals trieb er unvermerkt das Schiff auf die Küste zu; auch kam ein Mal im Lauf des Tages ein Lootsen - Kutter mit 4 Mann dem Schiffe ziemlich nahe, und fragte: woher und wohin? Der Koch, der gut englisch sprach, antwortete: von Ferrol nach Copenhagen, und der Kutter entfernte sich wieder. Ein ander Mal, als er wieder der Küste nahe steuerte, bemerkte es der Matrose Peter Klever, und er mußte wieder abhalten.

Endlich vor Abend gelang es ihm, das Schiff bei Goodwinssand in eine so gefährliche Lage zu bringen, daß er die Nothsignale geben mußte und zwei Boote mit Lootsen ans Schiff geeilt kamen, deren jedes 8 - 9 Mann enthielt. Noch aber war für den Steuermann die Gefahr nicht vorüber. Die Meuterer wollten mit Handspeichen die Lootsen abtreiben, als diese im Begriff standen, auf das Verdeck zu klettern. Lorenzen redete ihnen gütlich zu, die Lootsen sollten sie ja nur aus den Sandbänken herausbringen, dann wäre es abgemacht und sie könnten weiter fahren, wohin sie wollten. Die Meuterer waren Neulinge im Verbrechen, der scharfe Blick der Entschlossenheit fehlte ihren Anführern. Sie gaben nicht allein das zu, daß ein Lootse aufs Verdeck gelassen ward, sondern fügten sich auch in die vernünftig klingenden Vorstellungen des Untersteuermanns: daß, da sie ihn einmal zum Führer und Capitain erwählt, er auch nothwendig commandiren müsse, damit der Lootse keinen Verdacht schöpfe. Er commandirte, und nachdem er sie in Beschäftigung gesetzt, winkte er heimlich den übrigen in den Booten befindlichen Lootsen, die seine stumme Sprache verstanden, und sogleich, ihrer 14, aufs Verdeck sprangen. Mit wenigen raschen, leisen Worten unterrichtete er sie von Dem, was vorgefallen, ohne daß die Meuterer es merkten, und bat sie, das Schiff in den Hafen zu führen.

Es kam nicht mehr zu Erklärungen, wiewol der Verdacht unter der Mannschaft beim Anblick der neuen Besatzung sich regte. Der Zimmermann ließ den Steuermann in die Cajüte rufen; dieser lehnte es ab, er könne nicht vom Verdeck gehn. Der Zimmermann kam darauf selbst mit einem Beutel Geld und händigte ihn Lorenzen ein, um die Lootsen damit zu bezahlen, auf daß sie fertig würden.

Lorenzen zeigte ihnen auch das Geld und forderte sie laut auf, sich zu hasten. Sie antworteten: das sei schon gut, und führten das Schiff nach Deal, wo es um 9 Uhr Abends Anker warf. Die Unruhe war inzwischen unter den Meuterern gewachsen. Als Lorenzen (das Geld in der Tasche, welches er nachher dem Consul übergab) im Begriff stand ins Boot zu steigen, um nach der Stadt zu rudern, umringten ihn die Meuterer und fragten ihn: was er denn sagen wolle? Er erwiderte, er wisse es noch nicht, er werde Alles aufs Beste machen und unterwegs werde es ihm schon einfallen. Nach einigem Besinnen zogen sie ihn bei Seite und forderten ihn auf auszusagen: Capitain und Obersteuermann wären in einem Sturme über Bord gefallen, während er, der Untersteuermann, geschlafen und der Koch, der Zimmermann und Jochim von Ehren die Wache gehabt. Bei diesem Sturme, solle er weiter sagen, sei auch die Schiffsgalerie abgebrochen und ins Meer gefallen. Dies war kein in dem Augenblicke entworfener Plan zur Rettung, denn die Meuterer hatten wirklich diese Galerie schon vorher ins Meer geworfen. Lorenzen versprach Alles, was sie wollten, mit dem Hinzufügen: daß er nicht viel zu sagen brauche, da sie ja in wenig Stunden wieder fortsegeln dürften.

Es war ihm (was schwer zu glauben) gelungen, den Meuterern allen Verdacht auszureden, und sie waren die Nacht über mit den 14 Lootsen an Bord ganz lustig, besonders da diese ihnen versicherten, ihr Steuermann werde sehr bald wiederkommen. Statt seiner näherte sich am Morgen ein englisches Kriegsschiff der Brig, und die Verschwornen wurden als Criminalgefangene auf dasselbe gebracht.

So die Auslassung des Untersteuermanns Lorenzen, der als der eigentliche Denunciant und Ankläger auftritt, vordem bestellten Criminalgerichte. Nur in einigen nicht wesentlichen Einzelheiten war diese Aussage von derjenigen verschieden, welche Lorenzen in England vor dem Viceconsul abgelegt und darauf in das Schiffsjournal eingetragen hatte.

Der zweite Denunciant, der Cajütenwächter Christian Tobias Johann Waldvoigt, stimmte im Allgemeinen in seiner' Aussage mit dem Untersteuermanne. Ueber die Motive zur That gab er aber genügendere Auskunft als Lorenzen, an dessen Bericht, wenn er allein dastände, man schon um deshalb zu zweifeln geneigt wäre, weil die Beweggründe zu einer solchen That darin nichts weniger als hervortreten. Man ist eher geneigt zu glauben, daß er etwas hinweg gelassen, um eine ihm selbst anhaftende Schuld damit zu vertilgen, wenn nicht ein ganz stumpfer Sinn, der Mangel an aller psychologischen Beobachtungsgabe ihn unfähig gemacht, die Uebergangsglieder und Zustände wahrzunehmen, welche vom Zorn über eine erlittene Strafe bis zur Verzweiflung, zum Complot und zu einer doppelten Mordthat führten. Im engen Räume eines Schiffes, umschlossen von der objectlosen Monotonie des Meeres, ist jeder Mensch zur Beobachtung seiner Kameraden aufgelegt und wie von selbst berufen.

Waldvoigt hatte schon ein Mal, im selben Jahre, mit dem Capitain Holst eine Reise ins mittelländische Meer gemacht, ihn aber als einen Mann von der rohesten, jähzornigsten Art kennen gelernt. Er behandelte seine Leute sehr schlecht, schlug sie bei jeder Gelegenheit (freilich nur wenn sie sich etwas zu Schulden kommen ließen) mit einem dicken Tau oder einem dicken Knittel, der immer an seinem Bette stand. Er prügelte und schlug, ohne zu sehen oder zu denken, wohin er schlug, und seine Lippen sprudelten über von den ärgsten Schimpfworten. Deshalb wollte Keiner von seiner Mannschaft auf dieser zweiten Reise bei ihm bleiben. Waldvoigt, der ebenfalls von ihm mishandelt worden, entschloß sich nur auf heftiges Andringen eines Hamburger Kaufmanns dazu.

Schon auf der Elbe war, nach Waldvoigt's Aussage, der Streit zwischen Capitain und Mannschaft losgebrochen, der die Reise durch fortgedauert. Holst schimpfte und schlug. Namentlich fuhr er mehre Male auf Diedrich los, und schlug ihn mit einem Knittel dermaßen über den Kopf, daß er große Beulen davon trug. Diedrich nahm alles ruhig hin, aber die andere Mannschaft wollte das nicht mehr leiden und erklärte laut: der Capitain solle nicht so schlagen.

Von einer Verabredung oder gar Verschwörung aber wußte Waldvoigt nichts. Er hatte nur selten mit einem unter ihnen sprechen dürfen; anscheinend hatte aber die Mannschaft immer zusammen gehalten. Ueber den Proviant hatte dieselbe auf dieser letzten Reise nicht so wie auf der frühern zu klagen, nur forderte sie mehr Brod.

Am Abende des Mordtages hörte er ein kurzes Jammergeschrei in seiner Cajüte. Er sprang mit dem Untersteuermann, der vor seiner Cajüte schlief, hinaus. Da kam die Mannschaft, so viel er sich entsann, unbewaffnet, ihnen entgegen. Sie verhandelte mit Lorenzen so wie dieser angegeben, der während dieser Verhandlung zu Boden sank. Ihn selbst scheint man nicht sehr beachtet zu haben. Beim Essen zwar verlangte die Mannschaft, daß er ihr treu bleiben solle; sie forderten indessen keinen Eid von ihm und kamen nur überein, daß Alle schwören sollten, wenn sie in der Nordsee wären.

Bei Tische ward von der That gesprochen und Einer wollte immer thätiger dabei gewesen sein als der Andere. In der Seelenangst, selbst über Bord geworfen zu werden, und weil er bei Tische aufwarten mußte, bemerkte aber Waldvoigt nicht, wie die Ausdrücke fielen und was jeder Einzelne sagte; so erinnerte er sich auch nicht, was der Untersteuermann gesagt. Man kam überein: daß Niemand mehr von der Sache spreche, und wer es doch thue, oder sich betrinke, über Bord geworfen werden solle. – Letzteres erhellt auch aus den Ergänzungen zu der Aussage des Steuermannes. Im Laufe dieses oder des folgenden Tages hatte er die Mannschaft behorcht. Sie äußerten: wenn sie nur erst in der Nordsee wären und das Schiff in Stücken, sollten der Steuermann und der Waldvoigt auch über Bord. – Mit jenem konnte dieser auf der ganzen übrigen Fahrt kein Wort wechseln, da sie immer von Einigen belauert wurden. So wußte Waldvoigt also auch nichts von der eigentliche Absicht des Steuermanns.


Diese beiden Aussagen waren das Fundament der Anklage. Beide Männer, angenommen daß sie als unverwerfliche Zeugen gelten konnten, bekundeten zwar nur über zwei Facta, welche sie nicht selbst mit Augen gesehen, nämlich 1) über ein Complot der andern Schiffsmannschaft und 2) über die That des Doppelmordes: ihre in sich übereinstimmenden Aussagen wurden indeß getragen und unterstützt durch eine ununterbrochene Reihe anderer Indicien und Zeugnisse und durch kein Gegenindicium entkräftet, dergestalt, daß, auch wenn die Angeschuldigten die That hartnäckig geleugnet, die moralische Ueberzeugung von einem wirklich verübten Verbrechen, hervorgehen und auch eine richterliche Verurtheilung hätte darauf erfolgen müssen, die nur Schwierigkeit Hinsichts der Vertheilung des Strafmaßes auf die Complicen hätte verursachen können, denn: das Schiff war ohne Capitain und Steuermann im Hafen von Deal angekommen. Es wäre höchst auffällig, wenn bei einem Sturme von der ganzen Mannschaft allein der Capitain und der Obersteuermann, noch dazu Vater und Sohn, verunglückt sein sollten. Von einem solchen Sturme constirte nichts; das abgebrochene Schiffsgeländer hätte ohne begleitende Umstände einen mehr als zweifelhaften Beweis dafür abgegeben. Als der Lootsenkutter sich der englischen Küste näherte, war er mit einer falschen Angabe seitens Eines der Mannschaft abgewiesen worden, ein verdächtigender Umstand. Als das Schiff sich in den Brandungen von Goodwinsand befand, und die Lootsenboote auf das Hülfssignal sich näherten, bemerkten sie eine Abneigung der Mannschaft auf dem Verdeck, sie herauszulassen, ja man machte Miene sie mittelst Handspeichen davon abzuhalten. Sobald sie oben waren, flüsterte ihnen der Untersteuermann zu: daß Mord am Bord begangen und daß er wünsche, das Schiff möge an die Seite eines Kriegsschiffes gebracht werden. So hatten die Lootsen in England bei ihrer Vernehmung ausgesagt. Nach ihrer Meinung war der Untersteuermann Lorenzen völlig unschuldig, und habe von den Sandbänken bei Goodwinsand hinlänglich Kenntniß gezeigt, als daß er jenes Tages anders als mit Absicht sein Fahrzeug zwischen dieselben habe treiben können. Zudem lag gar kein Motiv vor, welches den Untersteuermann habe bewegen können, eine falsche und eine solche Anklage gegen die Schiffsmannschaft zu erheben, und, endlich erklärte die Aussage des zweiten Anklagezeugen, des Cajütenwächters, die eigentliche Motive der That, durch nähere Darstellung der grausamen und empörenden Mißhandlungen, deren der Capitain gegen seine Leute sich zu schulden hatte kommen lassen, wodurch er ihren Zorn gereizt und schon beim Beginn der Reise ein Streit entstanden war, der in seiner Entwickelung bis zum Verbrechen führte.

Aber es bedurfte auch dieses Indicienbeweises zur Feststellung der Hauptthatsachen nicht, denn dem anfänglichen Leugnen der Verschwornen, folgte bald ein Eingeständniß des Verbrechens. Alle stimmten darin überein: der Capitain habe die Mannschaft sehr schlecht gehalten, stets gescholten und geschimpft, einige mit einem ungebührlich dicken Taue und einem Knotenstocke, und sogar am Ruder geschlagen – endlich hätte er ihnen nicht hinlänglich Brod gegeben. Dies hätte sie zum Entschluß gebracht, ihn über Bord zu werfen.

Desgleichen waren Alle einig, daß sein Sohn, der Obersteuermann, ein guter, stiller Mann gewesen, der Keinem etwas zu Leide gethan; er war nur als Sohn, der natürliche Rächer des Vaters, und als zu fürchtender Verräther der That, geopfert worden. Welche besondere Umstände, welcher furchtbare Aberglaube dabei mitspielten, wird sich aus der Folge ergeben.

So vollständig diese Eingeständnisse in der Hauptsache waren, schwankten sie und widersprachen sich doch rücksichtlich der Entwerfung des Plans, also des eigentlichen Complotes, seines Anfangs und des Augenblicks, wo es reif wurde, so wie der Handleistungen und der Beihülfe der Einzelnen bei der Ermordung des jungen Holst. Die verschiedenen Aussagen hierüber, die Confrontation der Complicen – daß es bei Verbrechern aus ungebildeten Classen eine gewöhnliche Erscheinung ist, wenn sie das Wesentliche ihres Verbrechens eingestanden, mit aller Hartnäckigkeit den ersten Schlag und solche Handthätlichkeiten in Abrede zu stellen und auf Andere zu wälzen, welche in ihren Begriffen sträflicher als der Wille und die Beihülfe zur That erscheinen, bedarf nach so viel vorangegangenen Fällen kaum mehr erwähnt zu werden – die Untersuchungen hierüber waren es, welche den Proceß sehr in die Länge zogen; wozu im Verlauf desselben noch ein anderer Umstand hinzukam. Einige der Mitgenossen beschuldigten den Angeber und Hauptzeugen, den Untersteuermann Lorenzen selbst: daß er vor der That von derselben unterrichtet, also Mitwisser, ja daß er, wenn nicht Miturheber, doch »Mitveranlasser« der Mordthat gewesen.

Außer den 7 Complicen, die im Verlauf des Folgenden bestimmter auftreten werden, trat also noch ein achter hinzu, in der Person des Angebers, über den ebenfalls eine Art Untersuchung eröffnet und zu Recht gesprochen werden mußte.

Ueber die Förmlichkeiten dieses Processes kurz hinweg zu gehen, werden unsere Leser uns gestatten und es uns vielleicht danken. Aus dem Ramcke'schen Falle ersahen sie bereits, wie im Schleswig-Holsteinschen die altdeutschen Formen des gemeinen Rechts noch im Gebrauch sind. Das summarische Verhör ward erst im August 1818 geschlossen, und darauf erst vom Obercriminalgerichte zu Gottorf die Einleitung eines förmlichen rechtlichen Verfahrens angeordnet. Als peinlicher Ankläger ward der Ober - und Landesgerichtsadvocat L.A. Gülich bestellt (den wir aus dem Ramcke'schen Processe kennen, neuerdings durch seine Theilnahme beim Schleswigschen Provinziallandtage bekannt), durch dessen Schrift »Schuld und Strafe, oder Ermordung des Capitains Jens Nielsen Holst und dessen Sohnes Niels Hansen u.s.w. ein Auszug aus den Criminalacten u.s.w. Flensburg 1821« dieser Fall, der in den dänischen Staaten, namentlich aber in Holstein und Schleswig, seiner Zeit ein sehr großes Aufsehen erregte und große Theilnahme erweckte, auch im übrigen Deutschland bekannt wurde.

Gülich reichte als Fiscal eine peinliche Anklage gegen jeden einzelnen Inquisiten ein, und ebenso zerlegt er in seinem Werke die Darstellung nach einem kurzen Vorberichte in sieben Theile. Unsere Aufgabe ist es, die That als ein Ganzes aufzufassen, wie sie nach den Aussagen der einzelnen Complicen und anderen Ermittelungen actenmäßig feststeht, wobei aber der psychologische wie der historische Faden nur zu viel Lücken enthält. Es kam dem Ankläger mehr darauf an, die gesetzliche Straffälligkeit jedes einzelnen Angeklagten festzustellen, als den innern Zusammenhang der Motive mit der That in einem anschaulichen Gemälde darzustellen.


Es geht aus allen Aussagen hervor, daß eine Vorberathung zur That stattgefunden, auch daß daraus, aber erst kurz vor der That, ein wirkliches Complot geworden. Peter Klever hatte gestandlich am Nachmittage vor der Ermordung (am 25.) zum Jochim von Ehren gesagt: »wenn der Obersteuermann einmal auf der Rüste säße, könne man ihn leicht über Bord bringen.« Jochim bekundete sogar, Klever habe gesagt: »da wäre eine gute Gelegenheit gewesen, ihn über Bord zu bringen, als er auf der Rüste gesessen, man hätte nur mit einem Stücke Holz ihn auf die Hand zu schlagen brauchen, so hätte er das Tau loslassen müssen.«

Zwei oder drei Tage vor der That will er zuerst von dem Gedanken daran gehört haben. Am Tage der Ermordung, als die Mannschaft, mit Ausnahme des Niels, der am Ruder gewesen, beim Mittagstisch gesessen, sei über die Ermordung des Capitains »berathschlagt« worden. Mann um Mann sei umgefragt worden, da habe denn Jeder seine Einwilligung gegeben, ihn über Bord zu werfen. Der Koch habe zuerst den Vorschlag gemacht, den Obersteuermann auch über Bord zu werfen und da sei nochmals umgefragt worden, und Alle hätten eingewilligt.

Zu Niels Hendricksen hatte der Zimmermann gesagt: ob er wisse, daß der Capitain über Bord solle, und »wenn er in der Hinterhand bleibe, komme er denselben Weg.« Niels hatte nun ja gesagt, aber wollte es nur in der Absicht gethan haben, um den Zimmermann zu dem Glauben zubringen, daß er Theil nehmen werde; selbst aber sei er des Glaubens gewesen, daß nichts daraus werden würde, dies sei der alleinige Grund seiner Zustimmung gewesen und kein Haß gegen den Capitain. Niels, ein Däne, der nur dänisch sprach, bemerken wir in Voraus, genoß wenig des Vertrauens und der Zuneigung der Andern, ja er stand wegen seines beschränkten Geistes und eines anscheinend unangenehmen, lauernden Wesens bei ihnen eine Mißachtung.

Franz Diedrich Widow, der besonders hart vom Capitain misshandelt worden, ein Mal, weil er das Schiff »unverschuldeter Weise über Steg laufen lassen,« mit einem dicken Knittel so über den Kopf, »daß er eine Beule, wie ein Gänseei dick, davon getragen und stark geblutet,« hatte Alle von der Mannschaft äußern hören, »daß es besser sei, ehe man sich Arme und Beine entzwei und todt schlagen lasse, den Capitain über Bord zu werfen.« Dies hatten sie etwa zwei oder drei Tage vor der That gesagt. Er meinte auch, daß es damit Ernst gewesen, nur wollte er gesagt haben: »sie dürften solches nicht thun.« Am Mittage vor der That, als die ganze Mannschaft bei der Mahlzeit versammelt gewesen, hatte, nach diesem Mitschuldigen, der Koch und der Zimmermann zuerst ausgesprochen, daß am Abende der Capitain und sein Sohn über Bord sollten. Alle hatten, stumm oder laut, eingewilligt. Nur Einer, Mathias (Kuhlmann), und er wollten gesagt haben: sie dürften den Obersteuermann nicht mit über Bord werfen.

Jener Kuhlmann, der Mathias genannt wird, erinnerte sich nicht, von wem er zuerst den Gedanken aussprechen gehört, daß der Capitain getödtet werden solle. Peter Klever hatte nur davon gesprochen, ihm das Commando zu nehmen, ihn in eine Kammer zu setzen, und dann mit dem Schiffe in einen Hafen zu segeln. Er wollte sich dem widersetzt haben, weil das strafbar wäre. Dann aber sei der Vorschlag, er wisse nicht wie und von wem, gemacht worden, den Capitain und den Obersteuermann über Bord zu werfen. Das sei schon ausgemacht gewesen vor dem Mittagessen, wo sie die That festsetzten. Er selbst will, wie Diedrich Widow ihm schon bezeugte, gegen die Ermordung des Obersteuermanns protestirt und seine Einwilligung zur Ermordung des Capitains nur darum gegeben haben, weil er geglaubt, daß nichts daraus werden würde; denn Niemand dürfte es wagen wollen, den furchtbaren Mann anzufassen, vor dessen Worten sie schon davon liefen. Endlich räumte er aber doch ein, er habe eingewilligt »weil der Capitain schrecklich gewesen wäre, und die Mannschaft es nicht länger mit ihm hätte aushalten können.« Dagegen blieb er bei seiner Behauptung, gegen die Ermordung des Obersteuermanns protestirt zu haben, wiewol, außer Diedrich Widow, die andere Mannschaft dies bestritt oder nicht gehört haben wollte.

Jochim von Ehren wollte erst, als der Zimmermann und Koch darüber gesprochen, »auf den Gedanken gerathen sein, den Capitain zu tödten. Aber erst am Mitage des Tages der Ermordung sei dieselbe fest beschlossen worden. Die ganze Mannschaft gab ihre ausdrückliche Einwilligung; wer zuerst, wußte er nicht. Er, Jochim, hatte wol bedacht, daß er sich eines großen Verbrechens schuldig mache, aber auch gedacht, daß das Quälen vom Capitain nicht auszuhalten sei; und das, und weil sie nicht hinlänglich Brod erhielten, hatte ihn zum Entschluß gebracht. Niels Hendricksen stellt ihn als besondern, intellectuellen Urheber dar. Als er, Niels, Schläge am Ruder vom Capitain erhalten, habe Jochim zu ihm gesagt: »Du bist ein altes Weib, warum hast du Schläge genommen; schuppe ihn über Bord.«

Jens Janssen Utterberg, der Zimmermann, der unterrichtetste und geistvollste unter Allen, sagte ungefähr dasselbe wie Jochim aus: wer zuerst den Vorschlag gemacht, wußte er nicht. »Im Logis« sei zuerst davon gesprochen worden, den Capitain zu tödten. Als die Sache zur Sprache gekommen, habe er gemeint, (denn unter den Mißhandlungen, welche sie erleiden müssen, war immer von Mangel und Hunger die Rede), es sei besser, die Proviantkammer aufzubrechen. Dies Gespräch war am Tage vor der Ermordung vorgefallen, aber erst bei der letzten Mittagsmahlzeit vor der Ermordung war die Mannschaft über die That einig geworden. Wer das erste Wort gesprochen, wüßte er nicht. Zum Koch wollte er gesagt haben, es dauere ihn um den Steuermann. Der Koch hatte erwidert: »ein Kind verläßt seinen Vater nicht.« Utterberg hatte sich geständlich zum Verbrechen entschlossen: weil man weder bei Tage noch bei Nacht seines Lebens auf dem Verdeck sicher gewesen und weil man hungern müssen; es sei aus Feindschaft gegen den Capitain geschehen.

Janssen Utterberg erscheint aber als der eigentliche Urheber und erste Aufrührer, sogar nach seinem eigenen Geständniß.

Schon 10 Tage vor der That, als der Capitain einem Manne auf dem Fockraae zurief: er solle geschwinder sein, antwortete er: sie arbeiteten, Gott verdamme ihn, Alle, und der Capitain möge, Gott verdamme ihn, nicht denken, daß er ihn schlagen wolle, da es sein, des Capitains, oder des Inquisiten, Leben kosten solle. – Später stellte er den Capitain darüber zur Rede, daß er den Niels Hendricksen geschlagen. Er führte ein sehr loses Maul,« und wollte in Güte nicht gehen, als der Capitain ihn nach seinem Posten commandirte. Der Capitain mußte ihn dahin »schuppen.« Auch nachher, als der Capitain einen Befehl wegen det Schrote ertheilte, raisonirte er, ohne daß ihm ein Wort gesagt worden, gegen den Capitain: »er hätte geglaubt, sich an einen Capitain und nicht an einen Schinderknecht zu verdingen.«- Dies Alles hat er selbst eingeräumt und der Untersteuermann, Lorenzen, bekundet; im Journal fand sich aber noch von des todten Capitains Hand eingetragen, der Utterberg habe geäussert: »es solle Eines Leben kosten, des Capitains oder seines.«

Nach Lorenzen's wiederholter und ihm ins Gesicht gemachter Aussage hatte er, schon 8 Tage vor der Ermordung, fluchend zu Niels Hendricksen gesagt: »wenn der Capitain nicht gegen die Mannschaft besser werde, so wolle er ihn lieber über Bord werfen, als sich von ihm schlagen lassen.«

Hans Diedrich Wehrpupp, der Koch, war auf den Gedanken des Mordes gekommen, weil die Andern davon gesprochen, wer zuerst, wußte er sich nicht zu entsinnen. Zwei Tage vor der That etwa hatte er zuerst davon gehört, und wer bei der Mahlzeit den Antrag gemacht, wußte er nicht anzuzeben. Er leugnete überhaupt jede eigene aufmunternde, oder bestimmt zubilligende Äeußerung im Speciellen, und begnügte sich nur mit dem Eingeständniß, «daß er mit der Ermordung des Capitains und des Obersteuermanns zuftieden gewesen und eingewilligt habe.«

Wehrpupp, der Koch, wird aber nebst dem Zimmermann, von den meisten übrigen Angeschuldigten als derjenige bezüchtigt, welcher den Gedanken, wenn nicht zu allererst, doch am bestimmtesten als Absicht ausgesprochen und die Andern damit vertraut gemacht. Aus den Bezüchtigungen des Zimmermanns und Jochims ging hervor, daß er etwa 6 Tage vor der That mit Niels Hendricksen und dem Zimmermann darüber gesprochen, daß der Capitain über Bord müsse. Als Jochim dazu gekommen, hatte er diesen gefragt: was er dazu sage? Ferner sagte Peter Klever gegen ihn aus, daß, als von der Ermordung des Obersteuermanns die Rede gewesen, Wehrpupp gesagt: er müsse auch über Bord, es komme auf Einen mehr oder wmiger nicht an. Unter allen Angeschuldigten erscheint er der renitenteste im Zugestehen, was das Maß der ihm obliegenden Verschuldung moralisch nicht verkleinert, sondern eher den Verdacht erweckt, daß er sich am schwersten gravirt fühlte.

Dies ist Alles, was mühsam aus den einzelnen Aussagen über die Vorberathung und die Vorbereitungen zur That zusammen zu lesen, war. Es wird noch schwieriger und verworrener, da die Matrosen in den Verhandlungen bei ihren wirklichen Nainen genannt werden, in ihren eigenen Aussagen sich aber theils bei ihren Vornamen, ihren Professionen (Koch, Zimmermann) oder ihren unter sich angenommenen Namen nannten, wobei man vor Verwechselung sich in Acht zu nehmen hat. Eine klare Vorstellung wird man sich schwer daraus bilden. Es scheint nur so viel fest zu stehen: daß dumpfe Drohungen Einzelner, wegen der grausamen Behandlung, der That lange voraus gingen; daß Keiner widersprach; daß es eine Sache für Alle war, die ihren Herzenswünschen entsprach und die sich von selbst dann machte; daß man, wenige Tage vor der Ausführung, ernstlicher darüber redete; daß Einige, der Zimmermann, Koch, vielleicht auch Jochim und Klever, die Andern sondirten, daß sie Drohungen einfließen ließen und daß keiner Opposition machte. Nur Hinsichts der Ermordung des Obersteuermanns mögen einzelne Bedenken geäußert sein, die aber bald beseitigt wurden. Dann erscheinen Alle einig beim Mittagsmahle, welches der That vorausging. Auch über die Form, wie sie sich einigten, wie sie ihre Rollen unter sich vertheilten, erfahrt man nichts. Es war nun ausgemacht, kein Widerspruch und bis morgen sollte der Capitain und sein Sohn todt sein.

Und warum? – Weil er sie grausam behandelt hatte und hungern ließ.

Letzterer Grund ward vor Allem angegeben; das Brod sei zu klein, die Gewichte waren nicht richtig, mit Löchern gewesen, in den Erbsen- und Grützeportionen sei es aber erst gar schlecht hergegangen. Endlich auf ihr immer lauteres Geschrei, daß sie hungern müßten, hatte der Capitain nachgegeben, daß ihnen mehr Brod geliefert,werde, aber – sie warfen ihn über Bord, ehe die Thür der Proviantkammer aufgeschlossen worden. Die genauesten Ermittelungen ergaben nachträglich, daß sie in keiner Art an der üblichen, oder bedungenen Schiffskost verkürzt worden; die Gewichte stimmten bei der Nachwägung mit den Normalgewichten, auch war die Qualität des Brodes und der andern Kost nicht schlecht. Aber sie – glaubten verkürzt zu werden, Einige sogar zu hungern, entweder weil ihr Magen wirklich murrte, oder weil sich das Gerücht von frühern Reisen des Catains auf die neue Mannschaft übergeflanzt hatte, daß er mit falschem Gewicht wöge, daß er seine Leute darben lasse. Sie glaubten um so eher, weil sie haßten.

Seine Grausamkeit bliebe also eigentlich das einzige Motiv. Aber auch Hinsichts dieses wußten die Mörder nicht mehr bestimmte Facta anzuführen, als die schon genannten Fälle eines wilden, rohen Aufbrausens und einer rücksichtslosen, grausamen Züchtigung. Diese Züchtigung hatte nur Einzelne, zwei oder drei getroffen. Sie überschritt auch nicht das Maß Dessen, was wol andere rohe Seecapitaine gegen ihre Mannschaft sich erlauben, ohne daß ihre Mannschaft sie immer darum über Bord wirft. Wie kam es nun, daß diese ganze Mannschaft sich dadurch so gekränkt, im Innersten empört fühlte, daß sie insgesammt zu einer furchtbaren Rachethat schritt, von der sie sich sagen mußte, daß sie nur zu ihrem Verderben ausschlagen könne? Hatte er neue Drohungen gegen die Andern ausgestoßen? – Dies wird zwar bekundet, jedoch sind es Ausdrücke so allgemeiner Art, wie sie bei rohen Gewalthabern überall vorkommen: »Ich will Euch Allen die Knochen zerhauen.« »Ich will Euch kurz und klein schlagen.« – »Es soll Einer daran glauben.« Noch hatte Holst sich an keinen der Muthigern gewagt, weder an den Koch und den Zimmermann, noch an Jochim, nur an den trägen, verachteten Niels, an den unbedeutenden Diedrich. War es wahrscheinlich, daß er seine Drohungen auch gegen jene zur Wahrheit machen werde? – Darauf deutet nichts hin. Auch ein solcher tobender Wütherich hütet sich, an denen sich zu vergreifen, von denen er Widerspruch erwarten kann; er sucht sich lieber die aus, welche seine Gewaltthätigkeiten ruhig hinnehmen. Und hatte er nicht gewissermaßen selbst schon eingelenkt, als er dem Geschrei nach Brod nachgab? Er verschob es nur bis zum nächsten Morgen. Wer einmal nachzieht, giebt auch öfter nach, wenn er ausdauernden Widerstand erblickt. Also darf man annehmen, daß es weniger Furcht war vor dem Kommenden, was sie in Harnisch brachte, als ein stiller Ingrimm und Haß. Die Parole ging schweigend von Einem zum Andern: unter diesem Manne kann man es nicht aushalten! Und plötzlich war es eine ausgemachte Sache: er muß über Bord.

Das psychologische Räthsel wird uns nur theilweise gelöst, wenn wir annehmen, daß der Zimmermann oder der Koch oder Jochim wirklich bedeutende Charaktere gewesen, die ihr Alles daran gesetzt, die Mannschaft aufzuwiegeln. Aber der Zimmermann war ein junger Mensch von 28, der Koch gar von 23 Jahren; dem Richter wie dem Geistlichen erschienen sie, gleich den Andern wie gutmüthige, frische, unverdorbene Kinder der Natur, die nachmals mit den Uebrigen herzlich bereuten, daß sie sich zu dem Verbrechen hinreißen ließen. Alle – wir schöpfen aus dieser spätem Kenntnißnahme – waren gesunde, junge Gemüther ohne Arg, halbe Kinder. Es war ein Dämon, ein Raptus über sie gekommen. Möglich – das ist eine Erklärung – daß der Dämon schon mit auf das Schiff kam – des Capitains Ruf: es kann es Niemand unter ihm aushalten. Nun strafte er und fluchte über daß Maß, sie glaubten, er betrüge sie um das Essen, sie glaubten zu hungern. Einer sprach es aus: es ist nicht zum Aushalten und die Andern glaubten es. Prüfung, Kritik, Berechnung der Verhältnisse, der That und ihrer Wirkungen waren hier nicht vorauszusetzen.

Noch eine Möglichkeit: daß das Dämonische in der Persönlichkeit des Capitains selbst lag, daß seine Blicke, sein Gesicht, der Ton seiner Stimme, sein Lächeln, seine Bewegungen widerwärtiger waren, als seine Grausamkeit empörend. Giebt es doch solche Individuen, deren Anblick allein uns schon ein Unbehagen einstößt. Und auf einem Schiffe eingeschlossen mit einem solchen Unhold, dem man nicht ausweichen kann, der unser unbeschränkter Herr, Oberer ist! Auf rohe Kinder der Natur wirkt dieses Dämonische mehr, als auf andere, die im Leben mit dem Dämonischen in allen Gestalten sich vertraut gemacht haben. Es sind nur Vermuthungen, aber beim Mangel an Gegebenem müssen wir auch zu denen greifen, um das schwer zu Begreifende uns näher zu bringen.


Die Ermordung des Capitains stand fest nach den Aussagen des Untersteuermanns, Lorenzen, der zwar nicht als Augenzeuge dabei gewesen, dem die Mörder aber indirect die That vielfältig eingestanden; durch die des Cajütenwächters, endlich durch das eigene Bekenntniß der Mannschaft.

Wer war bei dieser Ermordung thätig? – Wie erfolgte sie?

Peter Klever erinnerte sich nur, daß verabredet gewesen: er, der Koch, und Niels Hendricksen sollten den Obersteuermann, die Uebrigen mit Ausnahme des Mathias (Kuhlmann) den Capitain über Bord werfen.

Niels Hendricksen hatte nicht gesehen, wer zuerst Hand an den Capitain gelegt und ihn über Bord geworfen, doch glaubte er von Diedrich Widow gehört zu haben, daß Jochim von Ehren und der Zimmermann es gethan; er selbst habe keine Hand angerührt. Aber er hatte Jemanden im Wasser mit den Händen schlagen gehört. Später gestand er, er habe den Capitain im Wasser plätschern gesehn.

Diedrich Widow erklärte, Jochim habe den Capitain zuerst ergriffen, indem er den Kopf desselben unter seinen rechten Arm nahm und ihn darauf in die Mitte des Schiffes schleppte. So sah er ihn angezogen kommen und begegnete ihnen »bei der großen Wand.« Der Zimmermann war auch schon dabei. Dieser schlug den Capitain, ehe er ihn über Bord warf, mit einem Dreher zwei bis drei Mal, daß der Capitain schrie. Jochim, er selbst, und, so viel er sich erinnere, auch der Koch hätten den Capitain über Bord geworfen; das erinnerte er sich aber bestimmt: daß der Capitain im Augenblicke des Ueberbordwerfens einen Schuh verloren. Diesen habe ihm der Koch mit den Worten nachgeworfen; »den könne er auch mitnehmen.«

Jochim von Ehren bestritt zwar, wie Andere aussagten, zur That mit den Worten: »Halloh, Jungens, greift an!« aufgemuntert zu haben, aber er gestand zu, daß er den Capitain angegriffen, den rechten Arm um seinen Hals geschlungen, und daß derselbe darauf von ihm, von dem Zimmermann, dem Koch und – Diedrich (Widow) über Bord geworfen worden.

Da der Capitain wahrscheinlich vor dem Obersteuermänn ins Wasser geschleudert worden, und Jochim der Erste gewesen, der Hand an ihn gelegt, möglicherweise auch, wenn er es nicht gethan, die ganze Mordthat unterblieben wäre, so erscheint er als erster Beförderer und Ausführer derselben. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er, wie Diedrich Widow und der Zimmermann bekunden, vor dem Morde: »Halloh, Jungens, greift an!« gerufen, und desgleichen, daß er, wie Diedrich Widow bekundet, gedroht: wer sich zurückziehe, öder in der Hinterhand bleibe, solle mit über Bord.

Zur Erschwerung dieses Mitschuldigen trägt noch der Umstand bei, daß er, wie der Cajütenwächter Waldvoigt aussagt, diesen am Nachmittage vor der Ermordung gefragt: ob der Capitain viel Geld an Bord habe? Er hatte also auch gewinnsüchtige Absichten bei der That. Nach Peter Klever's Aussage war er beim Morde mit einer Merdelspige bewaffnet gewesen und hatte nachher geäußert: wer noch von des Capitains Tod spräche oder sich gegen seinen Eid verginge und endlich, wer sich betrinke oder an der holländischen Küste noch Furcht zeige, solle über Bord geworfen werden. Endlich war er es, der nach der That die Schränke in der Cajüte erbrach; und den Untersteuermann Lorenzen bei der Brust faßte, um den Schwur von ihm zu verlangen, unter der Androhung, daß er sonst sterben müsse.

Der Zimmermann Utterberg räumte ein, daß er es gewesen, der mit Jochim, dem Koch und Diedrich den Capitain über Bord geworfen; aber geschlagen habe er ihn nicht. Er habe wol die Absicht gehabt und einen Dreher geführt, es aber nicht gethan, weil er sich besonnen. Doch habe er sich allerdings dessen gerühmt. Er bestritt, daß dem Steuermann gedroht worden sei, wenn er nicht Treue schwören wolle, denselben Weg zu gehen, wie er überhaupt alle Drohungen bestritt. Nach vollbrachter That habe er vielmehr Reue gefühlt; »seine Knochen hätten geschüttelt und sein Herz geschlagen.« Doch wird der Umstand, daß er den Capitain, geschlagen, von drei andern Mitschuldigen wiederholt behauptet, nämlich von Peter Klever, Niels Hendricksen und Diedrich Widow. Zu Hendricksen hatte er gleich nach der That gesagt: »ich habe dem Alten noch ein paar gute Schläge gegeben.« Nach Diedrich Widow hatte der Zimmermann, nachdem Jochim den Capitain auf den Schiffsrand gelegt, diesem wenigstens zwei bis drei Schläge mit dem Dreher über Nacken und Kopf gegeben.

Einen Wink über die der Ermordung nächst vorangehenden Angenblicke giebt die Aussage des Kochs Wehrpupp.

Nach dem Mittagessen, wo der Beschluß zur That gefaßt wurde, scheint das letzte Gespräch mit dem Capitain wegen des Brodes stattgefunden zu haben, in Folge dessen letzterer mit dem Untersteuermann Lorenem die erwähnte Abrede wegen der Mehrlieferung pflog, die aber erst morgen stattfinden solle. Darauf ging die Mannschaft nach der Leeseite des Schiffes zurück. Jochim von Ehren ergriff hier das Wort: »nun laßt uns sehen, wen wir nehmen!« Der Koch war angeblich während dessen in der Kabüse gewesen, um das Abendessen für den Capitain zu bereiten. Grade als er jene Worte hörte, war er aus der Kabüse herausgetreten, um einen Kessel Wasser zu holen. Nachdem er den Kessel übers Feuer gehangen, hatte er sich wieder unter die Mannschaft gestellt. Da fing Jochim wieder an: »Nun laßt uns sehen, welchen wir nehmen sollen.« Peter Klever rief: »Ich nehme den Steuermann.« Und der Koch rief: »Den nehme ich auch.« Darauf war er zu seinem Geschäfte in die Kabuse zurückgekehrt und erst wieder hinausgetreten, als die Mannschaft ihr anderes, das Mordgeschäft, bereits angefangen hatte. Als der Capitain bis in die Mitte des Schiffes geschleppt war, legte auch der Koch mit Hand an. Ihm war früher zugetheilt, oder er hatte es übernommen, wie oben gesagt, den Obersteuermann anzufassen, aber – er hatte darüber nachgedacht und darauf den Obersteuermann nicht anfassen wollen, weil der Sohn die Mannschaft nicht schlecht behandelt gehabt. Früher war er der Erste mit gewesen, der diesen auch dem Tode geweiht hatte! Noch wird von Wehrpupp erzählt, was er aber bestreitet, daß er nach der That nach dem Hintertheil des Schiffes gelaufen, um nachzusehen ob auch Keiner von den beiden ins Wasser Geworfenen sich hinten ans Steuer hänge und zu retten suche.


Hiernach kann man als ermittelt annehmen, wer bei der Ermordung des Capitains thätig Hand angelegt und wie sie erfolgt war. Laut Selbstbekenntniß war Jochim der Erste, der zugriff, der Zimmermann und Diedrich (Widow) thaten das Ihre und der Koch sprang auch noch hülfteich dazu. Streitiger ist die Ermittelung hinsichts des am Obersteuermanne verübten Mordes und – ein sehr merkwürdiger Incidenzpunkt taucht dabei auf, ein Punkt, welcher uns zuerst auf diesen Proceß aufmerksam gemacht hat.

Holst's Sohn, der Obersteuermann, war, nach der übereinstimmenden Aussage aller Betheiligten, ein freundlicher, stiller Mensch, ganz das Gegenstück seines Vaters, der Niemand etwas zu Leide that. Er war seinem grausamen tobsüchtigen Vater sogar zu stille und freundlich, weshalb dieser auch ihn gelegentlich hart anfuhr. Er hatte keine Macht, ein gutes Verhältniß zwischen dem Capitain und dem Volke herzustellen. Als Sohn blieb er der natürliche Rächer seines Vaters, der zu fürchtende Verräther. Wenn der Vater umgebracht wurde, mußte auch er das Leben verlieren; darüber wären Alle einig, es war eine traurige Nothwendigkeit.

Bei der Umfrage am letzten Mittagstische hatte, nach Peter Klever's Aussage, der Koch zuerst das Wort ausgesprochen: der Obersteuermann müsse auch über Bord. Alle hatten, nach dem möglichen Bedenken Einiger, ihre Zustimmung gegeben.

Als das Volk vor der That auf der Leeseite stand, um über den Angriff zur That eine letzte Rücksprache zu nehmen, ward, soweit Peter Klever sich erinnert, verabredet: daß er, der Koch und Niels Hendricksen den Obersteuermann auf ihre Part nehmen sollten. Er glaubte auch gewiß, daß, als sie den jungen Holst über Bord warfen, der Koch ihm geholfen.

Gewiß ist, daß sich Klever zu dieser That gedrängt, eine That, vor deren Ausführung wenigstens jedes gesunde Gemüth zurückschrecken mußte. Hier half keine Leidenschaft, die Stimme des Gewissens zu übertäuben, nicht Haß und Wahn; es war nur eine Pflicht der Nothwendigkeit, die auch jeder gern dem Andern überlassen durfte, so lange noch menschliche Regungen in ihm lebten. Aber Klever hatte seinen wolbewußten Beweggrund, einen alten Glauben, der bei der Gelegenheit zur Sprache kam, wir wissen nicht wo er seine Wurzel hat, ob zur See oder zu Lande, und ob nur in Holstein oder auch anderwärts. Klever glaubte: der Mörder nimmt die Sünde des Ermordeten auf sich. Diese Sünde hat er, außer der eigenen, im Himmel zu vertreten. Um deswillen drängte er sich, den unschuldigen jungen Menschen zu töten, wodurch seine Sündenlast jenseits vor dem Richter weit geringer werde, als wenn er den alten Sünder, den Capitain, umgebracht!

Peter Klever steht also geständlich als Mörder des Obersteuermanns da. Zweifelhafter ist, wer seine Mordgehülfen gewesen. Alle Bemühungen bei der General- und Specialinquisition haben diesen Umstand nicht völlig aufklären können. Es war schon ziemlich dunkel als die That geschah. Klever glaubt, daß nur Zwei bei der Ueberbordwerfung des Obersteuermanns wirklich Hand angelegt, er schwankte in seiner Aussage, wer der Andere gewesen. Zuerst meinte er, es sei der Koch gewesen, dann Niels Hendricksen ; aber er hatte ihnen nicht ins Gesicht gesehen. Mathias (Kuhlmann) und Diedrich (Widow) hatten Nichts gesehen. Die Hauptaufmerksamkeit war auf den Capitain gerichtet gewesen. Der Zimmermann wollte bemerkt haben, daß Niels Hendricksen mit Peter Klever »ihn zu fassen gehabt;« dann meinte er: »daß Diedrich (Widow) mit Peter Klever ihn zu fassen gehabt.« Endlich kam er wieder auf Niels zurück und blieb dabei, obgleich dieser es hartnäckig und ihm ins Gesicht leugnete. Niels hätte den Steuermann bei der rechten Lende, Peter beim linken Beine angefaßt und rücklings über Bord geworfen. Er betheuerte zuletzt noch feierlich: daß er sich geirrt, wenn er einmal Diedrich genannt, Peter und Niels seien es gewesen und Keiner sonst, dabei werde er bis zum letzten Augenblicke seines Lebens bleiben. Jochim von Ehren hatte am Abend nach der That aus Niels Munde gehört: daß er geholfen, den Obersteuermann über Bord zu werfen.

Es ist also streitig, wer dem Peter Klever geholfen? der Koch Wehrpupp sollte es nach der Verabredung thun, er bestreitet es aber gethan zu haben und erst dazu gekommen zu sein, als der Obersteuermann über Bord flog. Da er bei der Ermordung des Capitains so sehr beschäftigt gewesen, und selbst nachher noch seinem Unmuthe Spiel ließ, indem er sich Zeit nahm, den Schuh ihm nachzuschleudern, scheint seine thätige Beihülfe auch weniger wahrscheinlich. Diedrich (Widow) scheint nur dabei gestanden zu haben. Die größte Wahrscheinlichkeit bleibt also dafür, daß es Niels Hendricksen gewesen da die meisten auf ihn aussagen, und er es später freiwillig gegen mehre geäußert haben soll; obwol die gravirendste Aussage, die des Zimmermanns um deswillen die verdächtigste scheint, weil derselbe bei der Ermordung des Capitains dermaßen beschäftigt sein mußte, daß er kaum Zeit gehabt, und im Zwielicht, die Gruppe der andern Ringenden genau zu betrachten. Auch kam dem Niels der Umstand zu Hülfe, daß die beiden Hauptzeugen gegen ihn, der Zimmermann und der Koch, sich während der ganzen Untersuchung keinesweges als seine Freunde gezeigt hatten.

Zwischen Niels und dem Koch schwankt also der Verdacht der Thäterschaft. Der Ankläger schließt seine weitläufigen Argumentationen über diesen Umstand mit der Bemerkung: daß der erwiesene Umstand, daß der Koch den Capitain mit über Bord geworfen, die Wahrscheinlichkeit keineswegs ausschließe, daß er auch den Obersteuermann mit getödtet. Der Capitain war früher als sein Sohn ergriffen, aber der Kampf scheint länger gedauert zu haben. Er ward später, als der Obersteuermann über Bord geworfen. Der Koch war nicht beim ersten Angriff auf den Capitain gegenwärtig, wol aber beim Ende der That. Es sei daher sehr möglich, daß er zuerst, der unbestrittenen Abrede gemäß, dem Peter Klever geholfen, den Obersteuermann zu werfen, und dann, des Mordens noch nicht satt, den Mord am Capitain mit vollendet habe. Die Angabe des Kochs: daß er sich anders besonnen, weil der Obersteuermann die Mannschaft doch nie schlecht behandelt, hält er für eine leere Ausflucht, nur angebracht weil, bei ernstem Nachdenken, ihm denn doch wie den Andern (mit Klever's Ausnahme) die Ermordung des jungen Menschen weit strafbarer erschienen, als die des Capitains, und weil – zwei Mordthaten einzugestehen, nach seiner Berechnung, sein Strafmaß ungleich erhöht hätte.


Aber auch auf den Denuncianten, den Untersteuermann, Lorenzen, war im Verlauf der Untersuchung ein Verdacht gefallen.

Diedrich (Widow) hatte in seiner Vernehmung ausgesagt: daß an dem Tage, wo der Capitain den Niels (Hendricksen) geschlagen, der Steuermann Lorenzen gesprochen: wenn der Capitain so bleiben und die Mannschaft quälen wolle, wie bisher, sei es am besten, daß Rebellion im Schiffe gemacht und dem Capitain Arme und Beine entzwei geschlagen würden, wozu er, der Steuermann, Handspeichen und Dreher zurecht legen wolle.

Diedrich wollte die Worte selbst gehört haben, Lorenzen habe damals an der Steuerbordseite, bei der Pumpe, gestanden. Er brachte diese Angabe aber erst später bei der Untersuchung vor, weil – er nicht darum befragt worden und es ihm früher nicht eingefallen sei.

Jochim von Ehren sprach von den Drohungen des Capitains gegen die Mannschaft. Ein Mal hatte er gelobt: er wolle sie Alle in Prison setzen, ihnen Arme und Beine entzwei schlagen, sie caput oder todt schlagen; das könne er verantworten. Er wolle aufpassen, daß die Mannschaft keinen Schilling von ihrer Häuer erhalte; er könne es, auch verantworten, wenn er Einen von der Mannschaft auf dem Decke todt schlage. Da habe er denn auch den Steuermann Lorenzen einen »dummen Jungen und faul« gescholten. Als hierauf Jochim gesagt: es sei hart, sich so was in Gegenwart der Mannschaft sagen zu lassen! habe Lorenzen erwidert: der Capitain sei werth, daß man ihn einmal tüchtig durchprügle, und wenn sie wollten, wolle er ihnen schon die Knittel dazu zurecht legen; der Capitain sei werth, daß man ihm Arme und Beine entzwei schlüge, man müsse Rebellion im Schiffe machen.

Dazu bestritt Jochim von Ehren (und die Andern mit ihm), daß sie nach der That dem Steuermann gedroht, daß er, wenn er ihnen nicht Treue schwören wolle, denselben Weg gehen solle wie die Beiden.

Der Zimmermann Utterberg bezüchtigte Lorenzen ungefähr derselben Aeußerungen, von denen Jochim gesprochen: daß, als der Capitain ihn einen Faullenzer und dummen Jungen genannt, der Steuermann gesagt, er sei werth, daß man ihn tüchtig durchprügle, und er wolle schon die Knittel dazu zurecht legen.

Der Koch Wehrpupp hatte ein Mal, zu wem, erinnerte er sich nicht mehr, gesagt: daß der Steuermann Lorenzen Bescheid (vom Plan) wisse. Er erklärte aber, daß er das nur gesagt, weil von der Mannschaft vorher davon gesprochen sei, daß der Steuermann Lorenzen davon Bescheid wissen müsse, und daß Derjenige, welcher ihm zuerst begegnen würde, ihm Bescheid geben solle. Eine bestimmte Absicht wird dabei nicht klar, denn die: die Mannschaft dadurch zur That zu ermuntern, bestritt der Koch.

Aber es kamen noch erschwerendere Aussagen hinzu.

Der Zimmermann Utterberg behauptete: als am Tage vor der Ermordung die Mannschaft auf dem Deck darüber gesprochen, daß der Capitain über Bord solle, habe Lorenzen nahe dabei gestanden, und sei, ohne ein Wort zu sagen, weggegangen. Utterberg meinte, der Steuermann müsse gehört haben, was sie gesagt; doch habe Niemand grade mit Lorenzen darüber gesprochen.

Er bestritt desgleichen, daß Jemand den Steuermann nach der That angefaßt und ihm gedroht habe, noch sei er erbleicht, als er von der That gehört. Vielmehr meine er, daß der Steuermann ebenso vergnügt gewesen, als sie Alle, daß der Capitain weg sei.

Ja Utterberg behauptete im Verlaufe des Processes: daß der Steuermann nicht allein Bescheid gewußt, sondern daß er selbst ihm auch am Abende vorher auf der Wache Bescheid gesagt, und Lorenzen nichts darauf erwidert, als: es sei doch eine zu schlechte Behandlung und auch er sei satt und müde davon.

Der Koch Wehrpupp wollte an dem Abende zu Lorenzen gesagt haben: »er glaube, wenn sie kein Brod erhielten, werde es verkehrt gehen und der Capitain und Obersteuermann über Bord geworfen werden.« Darauf habe er Lorenzen angerathen, wieder in die Cajüte zu gehen, was dieser auch gethan, während die Mannschaft noch mit dem Capitain im Gespräch gewesen. Als die Mörder nach der That in die Cajüte hinunter kamen, habe Lorenzen auch eingestanden, daß »der Koch ihn gewahrschaut habe, daß er hinuntergehn möge.« Und da habe er sich denn vom Jungen etwas Essig holen lassen, um seine Lenden zu waschen, als damit er ein Geschäft hätte, welches ihn hinderte aufs Verdeck zu kommen.

Peter Klever sagte sogar ausdrücklich: daß am Tage zuvor, als sie über das Ueberbordwerfen des Capitains gesprochen, er allein an den Untersteuermann getreten und zu ihm gesagt habe: »Steuermann Lorenzen, der Capitain soll ja über Bord!« Darauf hätte sich Lorenzen umgedreht, und sei mit den Worten: »das geht nicht« weggegangen.

Der Antheil des Untersteuermanns Lorenzen ist eine der mysteriösen Partien dieses Processes. Wäre alles Das wahr, was die Mitschuldigen ausgesagt, so stände wenigstens so viel fest, daß er um das Vorhaben gewußt, oder es wenigstens ahnen müssen, daß er nichts gethan, es zu hindern, ja daß er es vielleicht im Stillen nicht ungern gesehen, zufrieden, daß es geschehen, ohne daß er nöthig gehabt daran Theil zu nehmen. Aber dem steht entgegen: daß die Aussagen gegen ihn allein von geständigen Verbrechern, und zwar den schuldigsten und strafwürdigsten, herrühren, daher schon nach gemeinem Rechte diese Zeugen zu verwerfen wären, daß sie sich unter einander widersprachen und daß das Motiv der Rache bei ihnen Allen gegen den Mann, der als ihr Verderber, Denunciant und Hauptzeuge auftrat, sehr nahe liegt. Endlich steht das Factum ihnen entgegen: daß Lorenzen das Schiff an den Strand trieb, um die Entdeckung der Mordthat und die Festnehmung der Mörder zu bewirken. Wenn er wirklich schuldbewußt gewesen, wenn er eine Strafe gefürchtet, oder auch nur die Denunciationen der Andern gegen sich, so würde er es nicht gethan haben. So urtheilte der Richter, und sprach ihn, wie wir sehen werden, von dem Verdachte der Theilnahme frei.

Nichtsdestoweniger bleibt auch beim unbefangenen Leser ein starker Zweifel zurück, ob denn an den Aussagen seiner Mitschuldigen über Lorenzen's Betragen gar nichts wahr sein sollte? Diese Leute waren keine Intriguanten, ihnen fehlte der Verstand und vielleicht auch der böse Wille, um Erfindungen zu mächen, damit ein Anderer verdorben werde. Wenigstens scheint, daß sie im Glauben waren, sie könnten sich auf Lorenzen verlassen, daß er, wenn nicht selbst mitthätig sein, doch nichts thun werde, es zu hindern, daß er nicht den Verräther spielen werde. Wenn sie das nicht gedacht und nicht auch gegen ihn einen Mordplan in Voraus gefaßt, wie hätten sie die That wagen sollen? – Sie kannten seine eigene Unzufriedenheit mit dem Wesen des Capitains, daß auch er im Grunde des Herzens zu seinem Verderben nicke, aber seiner Stellung, seinem Charakter nach sich in keine offene Verschwörung einlassen könne. »Er wisse Bescheid,« mit dieser dunklen Vorstellung, die nicht aus nichts entsprungen sein wird, begnügten sie sich. Wir deuteten schon an, daß Lorenzen nur als einer jener indolenten Charaktere erscheint, die, bis es zum Aeußersten kommt, nicht die Kraft haben, sich zu entscheiden. Er hatte nicht die Kraft für das gemißhandelte Volk in gesetzlicher Art zum Capitain zu sprechen und ihn zur Vernunft zurückzubringen. Als er die Empörung des Volkes bemerken mußte, beruhigte er sich vielleicht damit, daß ihn ja das nichts anginge, daß da kommen möge, was da kommen wolle, wenn er es nur nicht zu vertreten hätte. Wußte, rieth er mehr, so fehlte ihm die Kraft, den Empörern zu widersprechen und auch die, seinem Obern Anzeige zu machen. Das empörte Schiffsvolk war jetzt furchtbarer als der Wüthrich. Vielleicht suchte er auch darin Trost, daß es doch möglicherweise nicht zum Aeußersten kommen werde.

Dieser Annahme widerspricht auch nicht seine Handlungsweise nachher. Da war seine Lage eine ganz andere. Mit seinem Bewußtsein war auch die Kraft hervorgerufen, die ein Jeder hat, wo es sein Leben vertheidigen gilt. Er mußte sich sagen, daß seine zweifelhafte Rolle unter den Empörern jetzt unhaltbar war. Er konnte nichts mehr thun, wenn er es auch gewollt, um sich ihnen gleichzustellen. Fuhren sie doch schon mit bösen Drohungen umher gegen die ihrer Mitgenossen, die nicht selbst mit Hand angelegt beim eigentlichen Acte des Mordes. Dieses Mißtrauen, dieser Verdacht mußte mit jeder Stunde wachsen. Er war also in einer verzweiflungsvollen Lage, und ihm blieb nur die Wahl: sich selbst zu opfern oder die Andern. Natürlich wählte er das Letztere. Wie seine Energie und sein Scharfblick sich da, wo es die eigene Rettung galt, schnell entwickelten, haben wir gesehen.

Die Gülich'sche Schrift deutet an, daß man auch damals im Publicum nicht der Ansicht der Richter gewesen, sondern dem freigesprochenen Untersteuermanne einen guten Theil der Schuld, für welche die Andern büßten, beimaß. Gülich sagt darüber in einer Anmerkung:

»Der Steuermann ist von dem Verdachte einer Theilnahme an dem Morde und einer Beförderung desselben durch die Urtel frei gesprochen. Die darüber vor Publication derselben, ziemlich allgemein stattgehabten Vermuthungen müssen also schweigen. Das aber darf Referent zu bemerken sich erlauben. Hätte der Steuermann in vollem Maße seine Schuldigkeit gethan, d. h. hätte er sich eifriger bemüht, den Beschwerden der Mannschaft bei dem Capitain Eingang zu verschaffen, hätte er, der ja zwischen Diesem und Jenen stand, den Mittelsmann gemacht, hätte er, als er auf die Ermordung zielende Aeüßerung gehört, wie er selbst gestanden, sich kräftig widersetzt, hätte er die Sache nicht auf die leichte Achsel genommen, sondern die Mannschaft genau beobachtet und – konnte er der aufrührerischen Stimmung nicht anders wehren – den Capitain und den Obersteuermann aufmerksam gemacht und sie von seinen Beobachtungen unterrichtet, so – wer wollte zweifeln? – wäre das Verbrechen unterblieben!«

Die peinlichen Anklagen und Vertheidigungen wurden auf dem Flensburgischen Rathhause am 27. October, am 2. und 3. November 1819 vor der versammelten Commission, in Gegenwart der Inquisiten und eines sehr zahlreichen Publicums, vorgetragen, wobei alle Defensoren die Sache ihrer Clienten mit Wärme führten, Einige sich auch durch vorzügliche Eloquenz auszeichneten. Aber erst am 14. October 1820 ward auf dem Rathhause, in Gegenwart der fesselfrei vorgelassenen, sämmtlichen Inquisiten, so wie der zu diesem Termine geladenen Defensoren derselben, auch des bestellten peinlichen Anklägers, in, von Zuhörern gedrängt vollem Saale »abgesprochen folgendes Urteil:«

In Sachen des Ober- und Landgerichtsadvocaten L. A. Gülich in Flensburg, als bestellten peinlichen Anklägers,

wider

die vormalige Mannschaft des dänischen Brigschiffs l'Esperance, namentlich die Inquisiten Peter Klever aus der Gegend bei Riga, Niels Hendricksen aus Nord-Ordrup bei Aalburg, Johann Bernhard Kuhlmann, sonst Mathias Andreas Lütgens genannt, aus Bethe im Großherzogthum Oldenburg, Franz Diednch Widow aus Ströhen, Amts Rohden, im Westphälischen, Jochim von Ehren aus Blankenese, Jens Jenssen Utterberg aus Kopenhagen und Johann Diednch Heinrich Wehrpupp, sonst Ludwig Prahl genannt, aus Hamburg, sämmtlich peinlich Angeklagte, wegen gemachten Complots und in Folge desselben beschlossener, auch vollführter Ermordung des Schiffscapitains Jens Nielsen Holst und seines Sohnes des Dbersteuermanns Niels Hanssen Holst, vom Schiffe l'Esperance und deshalb verwirkter Strafe, wird von der zur Untersuchung dieser Sache allerhöchst angeordneten Commission, nach abgehaltener General- und Special-Inquisition, mündlicher Verhandlung der eingelieferten peinlichen Anklagen und Defensionsschriften, auch schriftlicher Verteidigung des Untersteuermanns vom gedachten Schiffe, Namens Johannes Lorenzen, aus Hoe, bei Werde, Amts Ripen, gegen die von einzelnen Inquisiten wider ihn in Hinsicht einer Theilnahme an dem verübten Verbrechen und einer Beförderung desselben vorgebrachten Beschuldigungen, so wie nach reiflicher Erwägung aller Umstände und in Folge Rescripts des Königlichen Schleswigschen Ober-Criminal-Gerichts auf Gottorff, vom 22. September 1820 hiemit für Recht erkannt:

daß die Inquisiten Johann Diedrich Heinrich Wehrpupp aus Hamburg, Jens Jenssen Utterberg aus Kopenhagen, Jochim von Ehren aus Blankenese, Peter Klever aus Riga, Franz Diedrich Widow ans dem Westphälischen und Johann Bernhard Kuhlmann aus dem Großherzogthum Oldenburg, wegen verabredeter und verübter Ermordung des Schiffscapitains Jens Nielsen Holst und seines Sohnes, des Obersteuermanns Niels Hansen Holst, vom dänischen Brigschiff l'Esperance, andern Gleichgesinnten zur Warnung, sich selbst aber zur wohlverdienten Strafe, auf Schinderkarren zum Richtplatze zu führen, daselbst mit dem Rade vom Leben zum Tode zu bringen, und demnächst ihre Körper aufs Rad zu flechten; der Inquisit Niels Hendricksen aus Jütland, wegen Theilnahme an der Verabredung zu dem, an dem Capitain Holst begangenen Verbrechen des Mordes und daher zugleich wegen Meuterei, mit dem Beile zu enthaupten, sein Körper sammt dem Haupte auf dem Richtplatze zu verscharren, auch sämmtliche Inquisiten die Kosten der Untersuchung, so viel ihr Vermögen dazu hinreicht, zu erstatten schuldig; der Untersteuermann Johannes Lorenzen aus Hoe, bei Werde, Amts Ripen, aber von dem Verdachte einer Theilnahme an dem Morde, welcher an dem Schiffscapitain Holst und an seinem Sohne verübt worden und einer Beförderung desselben gänzlich frei zu sprechen sei; alles von Rechtswegen.

Publicatum Flensburg in Curia, den 14. Oct. 1820.

Jedoch wird in Gemäßheit des vorgenannten Rescript den Inquisiten hiemittelst angekündigt, daß das eben abgesprochene Erkenntniß aus allerhöchster Gnade dahin gemildert worden:

daß nämlich die Inquisiten Widow und Klever auf gewöhnliche Art, von Ehren, Utterberg und Wehrpupp auf dem Schinderkarren zum Richtplatze zu führen, diese fünf Inquisiten in der Ordnung, wie sie so eben nach einander genannt sind, mit dem Beile zu enthaupten, ihre Körper aufs Rad zu flechten und ihre Häupter auf den Pfahl zu stecken, daß aber die Inquisiten Kuhlmann und Hendricksen, Elfterer nach vorherigem Staupenschlag, mit lebenswieriger Zuchthausstrafe zu belegen sei.

Der Proceß, das Urtheil und die nachfolgende Exekution hatten in Schleswig und Holstein ein großes Aufsehen, eine ungewöhnliche Theilnahme erregt, wie wir schon oben bemerkt. Der Fall lebt noch heute, als ein ganz besonderer, dort in der Erinnerung, und so einfach die Thatsache auf den ersten Blick auch scheint, ward diese Aufmerksamkeit doch doch mehre Umstände gerechtfertigt und erklärt.

Es war seit lange kein Verbrechen der Art in der dänischen Marine vorgekommen; ein furchtbares, gefährliches in seinen Folgen, wenn es nicht entdeckt, wenn die Thäter unbestraft geblieben wären. Aber wer waren die Thäter? Junge, sittlich unverdorbene Leute, von blühendem Ansehen, von kernigter Gesundheit, wie Augenzeugen versichern. Furchtbare Mißhandlungen, eine canibalische Rohheit, die Verletzung ihrer Menschenrechte, hatte sie zu dem entsetzlichen Entschlusse gebracht; es war eine rasche That roher, entschlossener Naturen. Aber der Fluch der Schuld übte seine Zeugungskraft schon im Augenblicke, wo der Entschluß reif war. Wenn sie den Vater tödteten, mußten sie auch den unschuldigen Sohn tödten, der ihnen nichts zu Leide gethan. Sie thaten es ungern, aber es blieb ihnen kein Ausweg. Und nun drängt sich Einer grade zu dieser unglückseligen That, vor der sie schaudern, aus – einem religiösen Aberglauben! Der Mörder nimmt für das Himmelreich die Schuld des Gemordeten auf sich. Es ist eine Erbschaft der Sünde. Er will der Mörder des Unschuldigsten werden, damit seine Schuld in jener Welt die geringste sei! Schon um dieses merkwürdigen Motivs willen beschäftigte dieser Fall seiner Zeit lange und schmerzlich die denkenden Gemüther. – Aber während man diese jungen Leute, sämmtlich reuig, bußfertig, in geistlicher Erhebung sich zum Tode vorbereitend, und mit Andacht und Erbauung den Beistand der Geistlichen empfangend, als halbe Märtyrer anzusehen geneigt war, die, dem Fluch der Schuld erliegend, durch ihre Erkenntniß und Reue ihr Verbrechen auszutilgen suchten, ohne daß sie doch ihrem Verhängniß entgehen konnten, wenn man nicht eine Gnade anrufen wollte, welche für die Disciplin in der Marine ein unheilvolles Beispiel abgegeben hätte – entging ihr Angeber aller Strafe und Rüge, und im Publicum war doch die Ansicht nicht zu vertilgen, daß er nicht schuldlos sei. Ein Grund mehr des Mitleids, der Theilnahme und Aufregung.

Der öffentliche Ankläger selbst rühmt von den Verurtheilten, daß er solche äußere Fassung und Ruhe, als sie bei Anhörung des Urtheils gezeigt, nie bei Verbrechern in ihrer Lage gesehen. Erklären lasse sie sich nur durch die innere Ruhe, den Frieden mit sich selbst, zu dem sie durch die Kraft der Religion und den Zuspruch ihrer Seelsorger gelangt seien. Alle Anwesenden waren tief erschüttert, der Actuarius selbst verlas das Urtheil mit unsicherer Stimme, es verkündigte ihnen den unwiederruflichen Tod auf dem Blutgerüst; aber bei keinem der Gerichteten konnte Gülich auch nur den mindesten Wechsel der Farbe, das geringste Zittern, auch nur die geringste Veränderung der Mienen bemerken. Nur Diedrich Widow bat um die Erlaubniß etwas sagen zu dürfen, flehte, als ihm diese bewilligt war, wehmüthig um sein Leben, ging aber, nachdem die Commission ihm geantwortet, es stehe nicht in ihrer Macht, den Spruch der höchsten Behörde zu ändern, ohne Klage mit den Uebrigen wieder in den Kerker zurück, den er mit den vier, gleich ihm dem Tode Geweihten, nur, um zugleich vom Leben zu scheiden, wieder verlassen sollte.

Dies stimmt freilich nicht ganz mit dem Aufsatze des Pastor Schutt, welcher die Seelsorge für die Verbrecher übernommen. Auch dieser rühmt den religiösen Sinn, welchen dieselben in den langen Gesprächen mit ihm bewiesen, aber Jochim von Ehren, der sonst voller Festigkeit war, zeigte sich ihm doch nach Publication des Urtheils in voller Trostlosigkeit, weil er sich vom Koch Wehrpupp heimlich einreden lassen, daß es sie nur wenige Jahre Zuchthaus kosten würde. Wie wenigen Eindruck auch scheinbar das Urtheil auf ihn gemacht, zeigte er sich doch, dem Geistlichen gegenüber, äußerst entrüstet und glaubte sich im höchsten Grade ungerecht behandelt. Der religiöse Trost half nichts, der Prediger mußte von dem hohen Grade persönlichen Zutrauens Gebrauch machen, welches Jochim in ihn gesetzt. Das half; er ergab sich in sein Schicksal, sterben zu müssen, wiewol sein Ehrgefühl durch die Art, den Karren, das Liegen auf dem Rade, aufs Tiefste verletzt war. – Bei Wehrpupp wogte es fürchterlich im Innern. Als Schutt ihn bedauerte, rief er: »Ei was bedauern!« und sein Auge rollte furchtbar. Erst am folgenden Tage kam ihm Jochim ruhig entgegen und sprach: »Mein Glaube an Gottes Gnade gibt mir Trost und Stärke.«

Die 5 Todeskandidaten durften den letzten Tag über bei einander sein, was viel zu der Fassung beitrug, mit der sie in den Tod gingen. Sie trösteten sich gegenseitig und beschäftigten sich fast allein mit religiösen Betrachtungen. Als der Geistliche zu ihnen trat, ward er wie ein lieber Freund empfangen; der Eine holte ihm einen Stuhl, der Andere die Decke, sie unter seine Füße zu legen, ein Dritter machte die Fenster im Gange zu, damit keine Zugluft da sei. Der Prediger nennt die zwei Stunden, die er in der Mitte dieser, dem Tode Geweihten zubrachte, zwei der seligsten seines Lebens. Jeder der Todeskandidaten war voll Hoffnung zu Gott und sprach mit Freudigkeit über seine baldige Erlösung. »Wer die Kraft der Religion in den bewegtesten Lebensstunden zu trösten und zu stärken bezweifelt, hätte hier zugegen sein müssen.« – »Die freudige Stimmung Aller ließe sich gar nicht beschreiben. Man mußte es sehen, um sich eine Vorstellung zu machen.«

Montag am 16. October brachten die Todescandidaten eine seltsame Bitte vor. Im selben Gefängnisse befand sich ein anderer Verbrecher, Jürgen Jürgensen, der als Straßenräuber und eines Mordes wegen, obgleich er ihn nicht eingestanden, zum Tode verurtheilt war. Sie baten, daß Jürgen mit ihnen enthauptet werden möchte. Man gewährte die Bitte, ohne zu ahnen, welch einen psychologisch merkwürdigen Zwischenfall dies veranlassen sollte.

Die nunmehr zur Zahl 6 angewachsenen Todescandidaten empfingen zusammen das Abendmahl; alle tief ergriffen, innig erschüttert. Der zweite Geistliche, Pastor Valentiner, der an jeden Einzelnen bei der Absolution eine kräftige Anrede gehalten, fragte Jürgen mit besonderem Nachdruck: ob er das heilige Abendmahl auch würdig feiern könne, oder ob nicht eine Sünde, die er nicht bekannt, noch sein Gewissen belaste? – Ehe er antworten konnte, trat der Koch Wehrpupp, der als der entschlossenste und wildeste unter den Seemördern früher erschien, und redete ihm mit einer Kraft und Wärme zu, die Alle in Erstaunen setzte, daß er keine Sünde auf dem Herzen behalten solle. Da ward das Herz dieses verstockten Sünders, der bis dahin weder durch den Zuspruch des Richters, noch des Geistlichen erweicht werden können, durch die Gewalt des Augenblicks, durch diesen unerwarteten Zuspruch dermaßen ergriffen, daß er Alles bekannte.

Die freudige, fast berauschte Stimmung der Todescandidaten dauerte den Tag über fort. Jochim schrieb geistliche Verse auf einen Brief seiner Mutter, die Hoffnung und Freude athmeten. Alle speisten gesellig zu Abend und schliefen ruhig die Nacht durch. Am Morgen frühstückten sie und tranken den letzten Wein. Sie wünschten die Frau des Oberpolizeidieners zu sprechen, um ihr ihren Dank für deren liebreiche Pflege auszudrücken. Als um 6 Uhr der Geistliche wieder kam, und sie mit einem: »Freuet euch, der Siegestag ist da! Preis, Lob und Dank sei Gott!« begrüßte, stimmten Alle mit fester, freudiger Stimme ein: »Ja Preis, Lob und Dank sei Gott!«

Der 17. October 1820 war der Tag der Hinrichtung. Es war ein trüber Herbstmorgen. Um 7 Uhr wurden die Delinquenten theils auf Wagen, theils auf Schinderkarren, wie das Urtheil es vorgeschrieben, gesetzt. Als man sie bei Besteigung des Karrens trösten wollte, sagte der Eine: »Das ist meine Jakobsleiter, auf der ich zu meinem himmlischen Vater komme.« Als ein Scharfrichterknecht beim Binden etwas Entschuldigendes zu Jochim sagen wollte, antwortete er: »Ach mache was Du willst, für mich ist jedes Erdenleid bald überwunden.« Die beiden Geistlichen Schütt und Valentiner fuhren mit; Abtheilungen von Infanterie und Cavalerie bedeckten den Zug. Es war trotzdem, daß eine unzählige Menge Menschen vor dem Rathhause standen, als der Officier: »Marsch!« commandirte, so still, daß nur der Tritt der Soldaten gehört ward.

Peter Klever, früher der Verzagteste, äußerte beim Hinausfahren: er wünsche, daß ihm vor der Enthauptung Hände und Füße möchten abgehauen werden, denn er wolle gern so viel wie möglich hier büßen, ehe er zu Gott komme.

Eine unzählige Menge Menschen begleitete sie, oder hatte sich am Wege aufgestellt, um den Zug vorbeikommen zu sehen, oder erwartete ihn in der Gegend der Schädelstätte. Männer, Weiber und Kinder weihten den Unglücklichen Thränen, sie aber trösteten die Weinenden und ermahnten sie, ihr Beispiel sich zur Warnung dienen zu lassen. Als sie an den Platz gekommen, wo ihr Blut fließen sollte, trat die Sonne, bis dahin von Wolken verschleiert, vor, als wolle sie noch einmal Die mit ihren Strahlen erwärmen, die nur dies eine Mal noch ihr Antlitz schauen durften. Sie wurden in ein zu ihrer Aufnahme am Fuße des Hügels aufgeführtes Bretterhaus geführt, die Infanterie schloß einen Kreis um den Hügel, die Reiter ritten umher, um etwanigem Andrange zu wehren und die Execution begann mit der Stäupung des Johannes Bernhard Kuhlmann, der gleich, nachdem diese beendigt, zum Zuchthause abgeführt ward.

Das letzte schmerzliche Gefühl für sie war der Anblick der 5 Räder auf der Gerichtsstätte gewesen. Sie hatten geglaubt, daß nur Die, welche auf dem Schinderkarren fuhren, auf dem Rade liegen sollten, sie ergaben sich aber auch darein leicht.

Jürgen Jürgensen ward zuerst hinausgeführt. Alle nahmen herzlich von ihm Abschied, wie es bei Jedem, an den die Reihe kam, geschah. Ein Geistlicher führte diesen auf die Richtstätte, der andere blieb zum Trost der Uebrigen zurück. Als Jochim vom Koch und Zimmermann Abschied nahm, sagte er mit fester Stimme: »Ich komme vor Euch zu meinem himmlischen Vater. Ich will am Throne für Euch beten, daß Ihr eben so stark und fest sein mögt, als ich es bin.« Draußen dankte er mit Händeschütteln dem Oberpolizeidiener für alles Gute, was er bei ihm genossen. Als er entblößt, mit gebundenen Händen vor dem Blocke stand, die schwarze Binde über die Augen, betete er mit lauter, fester Stimme, aus der innersten Tiefe des Herzens:

Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das sei mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich nun werd zum Himmel gehn.

In dieser Fassung blieb er, gleich den Anderen, bis er auf dem Sandhügel niederkniete. – Von den Schrecken der Hinrichtung, die das Urtheil festgesetzt, unterblieb auch keiner. Die Körper wurden vorschriftsmäßig aufs Rad geflochten, die Häupter auf Pfähle gesteckt. Als Alles vorüber, ging die Versammlung so schweigend und ruhig nach Hause, als sie gekommen. Keine Unordnung, kein Exceß, weder vor, während, noch nach der Execution. Das gräßliche, erschütternde Schauspiel hatte, versichern alle Zeugen, eine Beimischung von Erhebendem, welches die freudige Haltung der Delinquenten ihm gab.

Ja diese freudige Haltung, dieser heldenmüthige Tod haben noch nachträglich so gewirkt, daß uns nach dreißig Jahren von mehren Holsteinern die Auftritte bei der Hinrichtung mit derselben Lebendigkeit und Genauigkeit wieder erzählt wurden, als sie nur von Zeitgenossen zu Papier gebracht sind. Ja sie kamen zuweilen schon aus dem Munde einer zweiten Generation. Seiner Zeit aber konnte man von dem merkwürdigen Proceß und der noch merkwürdigem Hinrichtung nicht genug lesen; nicht allein die Zeitungen füllten ihre Spalten damit, es wurden auch besondere Berichte darüber gedruckt und verbreitet. Wir glauben, daß Auszüge aus demjenigen des Pastor Valentiner auch für unsere Leser von Interesse sein werden, da sie uns so interessante als eigenthümliche Züge aus dem Seelen- und äußern Leben der Gefangenen liefern.

Erfahren wir doch aus demselben auch, daß die Geistlichkeit in Flensburg in corpore mit einem Gnadengesuch beim Könige von Dänemark für die Verurtheilten einkam. »Wenn überall Verbrecher zur Begnadigung empfohlen werden dürfen, so ist es uns, als ob diese es besonders verdienten,« heißt es darin. »Sie sind in hohem Grade unglückliche Menschen, reuevolle Sünder, denen schwerlich Jemand, wenn er sie wie wir kennt, sein Mitleid versagen wird, die ihre That längst verwünscht, in ihrer jahrelangen Haft mehr als hundertfachen Tod bereits erlitten, und bei ihrem Sinn und und ihren Jahren für die Welt noch nützlich werden könnten.«

Die That ward von ihnen jedoch nicht von Anfang an verwünscht, vielmehr hatten sie gegen ihre Seelsorger eine eigenthümliche Argumentation, die nach Valentiner's Bericht ein wahres Licht auf die Motive wirft. Er sagt:

»In der ersten Zeit ihrer Gefangenschaft konnten sie es nicht einsehen, daß sie ein schweres Verbrechen verübt hätten. Daß sie Unrecht gethan, gestanden sie willig ein, aber sie begriffen nicht, wie sie sich anders hätten helfen sollen. Der Capitain war in ihren Augen ein höchst verächtlicher Mensch. Mit diesem Vorurtheil waren sie auf sein Schiff gekommen. Bei der Abreise von Hamburg hatten die Weiber der Männer, die früher unter ihm gedient, ihm geflucht und mit Steinen nach ihm geworfen; der Rheder hatte bei der Abfahrt zu ihm gesagt, er möge sich nur gut gegen seine Leute benehmen, da er wisse, in welchem Rufe er stehe. Dessenungeachtet habe er auf der Reise sogleich die feindseligste Stellung gegen sie angenommen. Sie hörten nichts von ihm als Scheltworte und Drohungen – so viele Jahre z. B. habe er darauf speculirt, wie er seine Matrosen peinigen wolle – sie fürchteten unter ihm Hungersnoth, und nach den ihnen vorgewiesenen Instrumenten, so wie nach den schon erlittenen Proben, die schwersten Mishandlungen erleiden zu müssen. Daher hielten sie zu einem Schritte, der so viel Schauder erregt, sich vollkommen berechtigt. Warum sie ihn nicht unschädlich gemacht und nachher auf dem Wege Rechtens gegen ihn verfahren hätten – schien ihnen eine lächerliche Frage, indem, nach ihrer Erfahrung, ein Matrose nie Recht über seinen Capitain erhalten habe – »meine Tasche,« sagte Utterberg unter Anderm, »ist nur klein, des Rheders größer,« und dieser nehme die Partei des Capitains; da hätten sie am Ende bei allem Rechte mit Schimpf ins Gefängniß wandern können. Dieser Mensch wollte in seiner Verkehrtheit von so vielen Bestechungen, Willkürlichkeiten und Gräueln an andern Orten wissen, wo die größten Schandthaten mit Geld zugedeckt, auf unschuldige, aber armselige Menschen geworfen wären, daß es ihm eine wahre Thorheit erschien, in seiner abhängigen Lage Recht beim Richter suchen zu wollen. Oft und noch nachdem er länger als ein Jahr gefesselt gewesen, schwur er, daß er, wenn er könne, den Capitain nicht wieder lebendig machen wolle, er werde, wenn er seinen Kopf hinlegen müsse, noch in dem letzten Augenblicke rufen, daß Holst wie ein elender Mensch, wie ein großer Taugenichts gefallen. Ich erzähle blos, was diese Menschen über den Capitain urtheilten, nicht wie ich urtheile, und Jenes, wenn es auch falsch ist, um die Verblendung zu erklären. Obgleich diese Hitze gemäßigt wurde, so zeigt ein Traum, den Utterberg in der letzten Zeit hatte, seine feste Ueberzeugung. Holst nämlich kommt, um ihn zu einer neuen Fahrt mit ihm zu bereden. Utterberg aber will nicht. Holst thut ihm Versprechungen, Utterberg antwortet:

»Nein, nein, kurz! ich kenne dich. – Holst bittet ihn endlich, er möge wieder zu ihm kommen, denn er habe seinetwegen viel leiden müssen, und wünsche daher mit ihm versöhnt zu sein – – – So gleichgültig er also gegen das Schicksal des Capitains war, der, in seiner Sprache, keine Pfeife Taback werth gewesen, dem er eben darum manches Laster aufheften wollte, so daß er durchaus nicht begreifen konnte, wie das Leben eines so erbärmlichen Menschen so viel Aufmerksamkeit erregen könne: so wenig war ihm der Sohn gleichgültig, dem er das Leben gern wieder gegeben hätte. Diese Aeußerung, aber ebenfalls jene über den Vater, theilten sie mit mehr oder mindern Zusätzen Alle. So wie sie den ersten Schritt gethan und auch nur beschlossen hatten, so folgte der zweite, und obgleich sie diesen mehr bereuten, so glaubten sie ihn gewissermaßen entschuldigen zu können, ja meinten, daß unter solchen Umständen ohne Weiteres alle Theilnehmer des Capitains mit ihm hätten wandern müssen.«

Der Geistliche rühmt Utterberg als einen jungen Mann voll lebendigen Ehrgefühls, der sogar in einem öffentlichen Institute in Kopenhagen eine gute Erziehung als Seemann genossen, später aber im Kriege in schlechte Gesellschaft gerathen war. Aehnliches gilt vom Koch Wehrpupp, der unter den Hanseaten gegen die Franzosen gedient. Sie fühlten sich entrüstet, als sie von dem Gerüchte hörten, daß viel baares Silber an Bord gewesen, daß man also eine Zeit lang geglaubt, sie könnten das Verbrechen aus Habsucht begangen haben.

Valentiner warf eine eigene Frage vor der Communion an sie auf: ob sie wol bei sich einig wären, wer unter ihnen der Schlechteste sei? Einhellig antworteten sie: das wüßten sie nicht. Sie hätten dieselbe Frage schon unter sich verhandelt, könnten aber mit der Antwort nicht fertig werden. Die letzten Tage waren sie in einem Gemache, was ihnen ungemeine Freude machte. In diesen Stunden hat Keiner dem Andern Vorwürfe gemacht, Keiner über den Andern geseufzt. Wer also sollte, schließt der Geistliche, der Verführer sein? – Es wäre doch natürlich gewesen, meint er, daß Einer zum Andern gesagt hätte: daß du auch auf den unseligen Einfall kommen mußtest!

»Während ihrer Gefangenschaft, wo sie gewöhnlich ihrer zwei, nur nicht immer dieselben, beisammen waren, lebten sie unter sich friedlich, und die sich lange nicht gesehen hatten, grüßten sich beim Zusammentreffen sehr freundlich. Der einzige Hinrichsen ward nicht gern gesehen, und ich darf sagen, ward von den Uebrigen allen gehaßt, und am allerwenigsten konnte sich sein Landsmann Utterberg mit ihm vertragen. Diese Beiden durfte man am wenigsten in dem letzten halben Jahre zusammenführen, was allerdings merkwürdig ist, da Hinrichsen kein Deutsch sprechen und also mit Niemand als mit Utterberg sich unterhalten konnte. Jedoch hörte auch dieser Streit in den letzten Wochen gänzlich auf; und so wie man überhaupt mehr seinen Charakter – indem man etwas Schleichendes, Heimtückisches und Kriechendes finden wollte – als sein Betragen in ihrer gemeinschaftlichen Angelegenheit tadelte, so beneidete man ihm auch sein milderes Loos in der Folge keinesweges.

»Die Zeit wußten diese Menschen sich ungeachtet ihrer beschränkten Lage recht gut zu vertreiben, und sie versicherten oft, daß die Langeweile sie nicht plage. Sie genossen aber auch einer guten Gesundheit, und fanden in Absicht auf Wahrung, Kleider und Pflege ihre Wünsche hinlänglich befriedigt. Genau wußten sie nicht nur die Jahreszeit anzugeben, obgleich weder weiß noch grün sie daran erinnerte, sondern auch das Datum jedes Tages, das sie für jede Woche mit Kreide an ihrer Thür zeichneten. Die sich besonders liebten und das Talent scharfer Zähne besaßen, nagten sich Einer dem Andern den Bart ab, und wußten sich auf diese Weise so zu barbieren, daß man den geschicktesten Raseur bei ihnen hätte vermuthen sollen. Andere nahmen zu diesem Be- hufe einen kleinen Westenknopf, von der Größe eines silbernen Sechslings, der, unzähligemal am Fußboden geschliffen, als Rasirmesser dienen konnte. Ihren Körper wie ihre Kammern hielten sie von allem Ungeziefer rein, was abermals Zeitvertreib gewährte. Vor Allem belustigte sie der Mäusefang, und Wehrpupp's Versuch, der aber immer mißlang, die gefangenen zu zähmen. Einmal waren sie nahe daran, Schach zu spielen. Zum Theil kannten sie, wenn auch nicht vollkommen, dies Spiel, und auf einer Bank war das Schachbret, hinreichend zum Spiel, gebildet. Da hätte es nur einiger Nachhülfe und Ermunterung bedurft, um ihnen hier eine große Beschäftigung zu geben. Aber, obgleich kein Vernünftiger dies hätte tadeln können, so war doch zu fürchten, daß ihnen dadurch die Zeit für das Höhere verdorben wäre. Sie sollten ihre Verirrungen und das daraus entsprungene Verbrechen kennen lernen, sie sollten sich auf den Tod vorbereiten, und überall den Nutzen zu erlangen streben, den das Gefängniß dem Sünder geben kann.

»Sie sollten Manches noch erlernen, besser ihren Unterricht benutzen, und besonders mit guten Büchern sich beschäftigen. Man mußte natürlicherweise ihren Geschmack und ihre Fähigkeiten, außer ihrem Bedürfniß, bei der Auswahl dieser Bücher zu Rathe ziehen. Und da war es leicht herauszufinden, was ihnen zusagen mochte. Alles, was blos oder auch nur hauptsächlich für den Verstand geschrieben ist, Alles dabei, was zu künstlich vorgetragen wird, mochten sie nicht. Mehre Schriften der Art, die ihnen Anfangs zur beliebigen Auswahl vorgelegt wurden, verschmähten sie. Dagegen liebten sie, außer der Bibel, Johann Arend, Christian Scriver, Thomas a Kempis, Benjamin Schmolke und andere derselben Art, die ihnen nach Gefallen mitgetheilt wurden. Utterberg zerbrach sich den Kopf mit dem heiligen Kriege, einem mit vieler Mystik angefüllten Buche, was ihm aber, nachdem er den Sinn gefaßt zu haben glaubte, hohen Genuß gewährte. Klever übte sich neben dem Lesen in der letzten Zeit auch im Schreiben, und freute sich, wie schon das Todesurtel hier lag, es bald so weit gebracht zu haben, an seine Angehörigen in Riga selber schreiben zu können. Die Stärkeren, wie Wehrpupp und Utterberg, unterrichteten die Andern, welche noch Anfänger waren, und so verging ihnen bei Essen und Trinken, und Taback, der ihnen zum Kauen reichlich gegeben ward, unter Furcht und Hoffnung die Zeit. Hoffnung hatten sie allerdings, oder vielmehr hegten sie, fast während der ganzen Dauer ihrer Gefangenschaft, und zum Theil noch nach bekannt gemachtem Urtel, Hoffnung, nicht blos aufs Leben, sondern sogar auf eine gänzliche Freilassung. Alle hätten sie eine lebenswierige Gefangenschaft dem Tode vorgezogen; die Meisten jedoch nur in der Hoffnung, daß nach Jahren die Freiheit zu erlangen wäre, denn sonst hätten, so bin ichs gewiß, die Meisten selbst für den Tod gestimmt. Wie hätte man so grausam sein können, ihnen alle Hoffnung für die Zeit zu benehmen, so lange sie das Werk ihrer Bekehrung nicht gradezu verhinderte.

»Sie waren mit Mehren aus der Zahl Derer, die vor Jahren falsche Bankozettel verfertigt, im hiesigen Gefängnisse bekannt geworden, und ebenfalls wußten sie von Kotzebue's Mörder, den sie den Studenten aus Deutschland nannten. Nach diesem wie nach jenen erkundigten sie sich daher oft – schienen doch Alle mit ihnen gleich verdammlich – und welche Freude, als ich ihnen sagte, von jenen seien 14 oder 17 (ich erinnere es mich nicht mehr) zum Tode verurtheilt, und – ich machte hier eine Pause – Alle sind begnadigt. Gewiß ist unsers Königs Gnade nie so gepriesen, als bei dieser Gelegenheit im Flensburger Gefängnisse. Um aber ihrer Ausgelassenheit, die mehre Zeit darauf deutlich, und also für sie nachtheilig wurde, vorzubeugen, trug ich kein Bedenken, kurze Zeit nachher zu sagen, des Studenten Schicksal sei entschieden: er sei zum Tode verurtheilt und das Urtheil sei an ihm vollzogen worden. Einige meinten zwar, hier habe nicht der König von Dänemark zu sprechen gehabt, und wollten sich der alten Hoffnung wieder hingeben, aber dem Leichtsinne war doch dadurch Grenze gesetzt. Widow neigte sich allemal am Ersten zum Ernst, und selbst in jenem Falle, der allgemeine Freude geweckt hatte, wußte er zu sagen, es könne aber auch wol in der Geschwindigkeit für sie Alle das Urtheil des Todes erfolgen.

»Wie nun die Entscheidung für sie herannahte, und ich sie vorläufig erst als Muthmaßung, dann mit voller Gewißheit erfuhr, wurde die Bearbeitung immer ernstlicher, und von meiner Seite dem Gedanken an Lebenshoffnung auch nicht der mindeste Raum gegeben. Die schwerste Aufgabe war es, Klever, der übrigens am ersten und vielleicht am tiefsten die Reue gefühlt hatte, und bei dem jede Härte Grausamkeit gewesen sein würde, zum Tode zu führen. Er hatte eine unbändige Lust zum Leben, die an Raserei grenzte. Dabei hielt er sich durch die milde Behandlung und andere Vorzüge, die man ihm vor den Uebrigen eingeräumt hatte, mehr als irgend einer berechtigt, Gnade zu erwarten, und in seiner Vorstellung war noch immer, wenn der Spruch zum Tode erfolgt sein sollte, eine Appellation oder Supplication möglich. Den Freitag Abend wußte noch Keiner, wie nahe ihr Urtheil sei, und ohne ihnen dies zu sagen, wurden sie doch darauf vorbereitet. Sie hörten, dem Anscheine nach, wie sie des folgenden Tages vor Gericht geführt waren, mit großer Ruhe, was über sie beschlossen war. Widow wagte, vor Gericht zu sagen, er sei der Meinung, daß noch etwas geändert werden könne: ich bitte aber, meine Herren, um mein Leben, und wie ihm von diesen bedeutet wurde, daß eine Aenderung in ihrer Macht nicht stehe, so glaubte er, das Seinige gethan zu haben, und war von dem Augenblicke an eben so weit von aller Furcht als Frechheit entfernt. Er, dem Muth und Worte sonst gefehlt hatten, war jetzt – und blieb es – muthig und beredt. Klever war, so wie er sein Gefängniß betreten hatte, der Ohnmacht nahe. Ich kann aber, sagte er, nicht sterben: mir muß noch eine Hülfe kommen, und sollte sie auch in der letzten Stunde erst kommen. Es war dies ein herzzerreißender Auftritt. Im Todeskampfe, denn diesen kämpfte er schon, fiel er mir um den Hals und bat, ich möchte ihn retten, zum Könige reisen und dessen Gnade fußfällig erstehen u. s. w. In dieser angstvollen Lage blieb er den ganzen Nachmittag und Abend bis den folgenden Sonntag Abend, da er anfing, ruhig zu werden. Es ist nicht zu zweifeln, daß, wenn sein Zustand sich nicht verändert hätte, man ihn mit Gewalt zum Block hätte schleppen müssen, und daß er mit starkem Geschrei und unter den gräßlichsten Verzückungen seinen Geist aufgegeben hätte. Utterberg, von Ehren und Wehrpupp fanden sich in das Schicksal, und Jeder vergaß sich selbst über den bejammernswerthen Klever. Zum Kuhlmann, dem mit Staupenschlag und lebenswierigem Zuchthause begnadigten, sagte man, er würde sie einst, da sie längst vollendet wären, beneiden, wenn er unter harten Zuchtmeistern werde schmachten müssen. Um Hinrichsen bekümmerte man sich wenig. Bei ihrer Trennung, da die Hälfte nach den oberen Gemächern wieder wanderte, schieden sie mit Complimenten, die wenigstens in dem Tone, womit sie vorgebracht wurden, eine nahe Verzweiflung verkündeten: Adieu Herr Widow, Adieu Herr von Ehren u. s. w., wir sehen uns bald wieder! Von dieser Zeit an ward der mit ihnen zum Tode bestimmte und geführte Jürgensen, dem sie schon während ihrer langen Nachbarschaft ihre Liebe oft thätig bewiesen hatten, ob er gleich wegen seiner mannichfachen und mit Vorsatz verübten Verbrechen ihnen nicht an die Seite gesetzt werden durfte, von ihnen vollkommen als Bruder behandelt.«

Ich meine, daß diese Idylle aus einem solchen Gefängnißleben auch für Leser von Interesse sein wird, welche keines für die Personen und die Erinnerung haben. (Als Gegenstück lasse ich Lacenaire's Tod folgen.)

Peter Klever, der, wie wir wissen von dem entsetzlichen Aberglauben geleitet, daß der Mörder die Sünde des Ermordeten auf sich nehme, sich zur Ermordung des Obersteuermanns gedrängt, war selbst in den Todesstunden noch nicht von seinen abergläubischen Vorstellungen geheilt. Er wollte, obgleich er der Bußfertigste unter Allen war, an der Communion nicht Theil nehmen. Der Geistliche drang in ihn um eine Erklärung. Da bekannte er endlich, daß er unter den Einflüssen eines bösen Geistes stehe, der ihn versuchen könnte, in den Augenblicken der Feier selbst des Allerheiligsten zu spotten. Es kostete dem Prediger viele Mühe diesen bösen Geist zu beschwören. Darauf erst nahm er das Abendmahl und von da ab übertraf ihn Keiner an Muth, in den Tod zu gehen. Der Geistliche war so vernünftig, ihre Bitte, die ganze letzte Nacht mit ihnen zu beten, abzulehnen, da sie des Schlafes bedürften, um Kraft zum Sterben zu haben. »Wozu sollen wir schlafen?« antwortete Einer. Diedrich Widow rief: »Wir können nachher genug schlafen.« Indessen schliefen Alle vortrefflich. Einige, die an der Kraft des Glaubens, der sie beseelte, zweifelten, hielten die Heiterkeit und Festigkeit, mit der Alle den Hügel bestiegen, für Frechheit, Verzweiflung oder gänzliche Fühllosigkeit, alle Unterrichtete aber versichern, daß sie ihres Verstandes, wie ihrer Gefühle Vollkommen mächtig gewesen. Sie erkannten das Thor beim Ausfahren wieder, durch welches sie vor drei Jahren in die Stadt gebracht worden, sie freuten sich, als die Sonne durch die trüben Wolken brach, daß sie noch auf ihren Sterbetag herabsehen wollte. Diedrich Widow zeigte wirkliche Ungeduld, bald auf der Richtstätte anzukommen. Es ist schon erwähnt, daß Klever gewünscht: man möchte ihm vorher Hände und Füße abhauen, Diedrich soll, nach Valentiner, denselben Wunsch ausgesprochen haben; wenigstens möchte man ihm doch nicht die Augen verbinden. Klever erklärte noch: er wünsche von unten auf gerädert zu werden. So gleichgültig sie gegen den Schmerz waren, so erfreut schienen sie über die allgemeine Theilnahme. Nur der Allerletzte, seinen Namen nennt der Berichterstatter nicht, schwankte beim letzten Tritte. Er fand nicht, wie er erwartet, die Körper seiner Gefährten, auch die Räder waren leer. »Wo sind die Andern?« fragte er. Ein Funke von Lebenshoffnung mochte ihm aufglimmen. Aber schnell faßte er sich, ließ sich Hals und Schultern entblößen und legte sein Haupt auf den Block.

Noch einen dämonischen Zug haben wir aus mündlicher Mittheilung, der dieses Trauerspiel fatalistisch schließt. Wir geben ihn, ohne ihn verbürgen zu wollen. Der Scharfrichter aus Rendsburg war zur Hinrichtung requirirt. Doch gab man ihm, bei der großen Zahl der Delinquenten, noch einen Gehülfen. Er aber, auf seine erprüfte Geschicklichkeit trotzend, wollte das furchtbare Werk allein vollbringen. Alle 5 oder 6 Missethäter erlitten ihren kurzen Schmerz, ohne daß er durch schwache oder verfehlte Streiche erhöht wurde: aber der Scharfrichter erlag. Auf der Rückreise legte er sich Abends noch gesund ins Bette und ward Morgens als Leiche gefunden.

Witwe Chardon und ihr Sohn bewohnten in der Rue Saint Martin zu Paris, in der Passage du Cheval-Rouge, eine kleine Wohnung; Beide, dem Anschein nach, keine Personen, welche von Dieben, Räubern und Mördern, heimgesucht zu werden pflegen. Indessen sind die Verhältnisse in Paris besondern Gesetzen unterworfen, welche die gesellschaftlichen Beziehungen oft wunderbar verrücken, und wenn wir unter Raubmördern Philosophen und Dichtern begegnen, wie dieser Proceß uns lehrt, warum sollten nicht auch Almosenempfänger und Diebe selbst als Gegenstände, des Diebstahls werth, von ihnen heimgesucht werden! Die alte 66jährige Chardon war im Bureau der öffentlichen Mildthätigkeit eingeschrieben; ihr Sohn, Jean François Chardon, war schon einmal wegen eines Diebstahls und eines Attentats gegen die Sittlichkeit in dem Gefängniß zu Poissy zwei Jahre eingesperrt gewesen. Dies hinderte ihn jetzt nicht den Frommen zu spielen und auf die Frömmigkeit zu speculiren. Er verkaufte Heiligenbilder, nannte sich frére de la charité de Sainte Camille und hatte in einer Eingabe an die Königin der Franzosen darauf gedrungen, daß wieder in Paris ein Hospital für Männer errichtet werde.

Am 24. December 1834 sah der Portier des Hauses Mutter und Sohn zum letzten Male. Sie kehrten von einem Gange in ihre Wohnung zurück, ohne wieder zum Vorschein zu kommen.

Am andern Tage fand man, als die Wohnung geöffnet wurde, ihre Leichname zerfetzt und blutig; den des Sohnes in der Küche, den der Mutter in einer daran stoßenden Kammer. Letzterer war fast begraben unter einer Masse von Decken, Matratzen und Kissen.

Ueber die Motive des Mordes konnte kein Zweifel obwalten, da man nichts mehr von Silberzeug und Geld fand; auch eine kleine Figur von Elfenbein war verschwunden, ein Mantel, eine seidene Mütze. Die Nachforschungen nach dem oder den Thätern fielen vergeblich aus, bis der Räuber und Mörder sich selbst meldete.

Es war ein der Justiz und Polizei wohlbekannter junger Mann – Lacenaire. Zufällig war dieser kühne Verbrecher, auf dessen merkwürdige Persönlichkeit wir noch vielfach zurückkommen werden, grade damals wieder verhaftet worden. Zwei Mordanklagen lasteten auf ihm. Da gefiel es ihm, den Chef der Sicherheitspolizei um eine Unterredung zu bitten, in welcher er ihm ohne weitere Auffoderung Folgendes über die Begebenheit in der Passage du Cheval-Rouge mittheilte.

»Am 14. December gingen Avril (der auch gefangen war) und ich zu Chardon, den wir in der Passage antrafen. Er war in Hemdsärmeln und hatte eine Bürste in der Hand. ›Wir wollten dich besuchen,‹ sagte ich. Nur hinauf, erwiderte er. Oben in der Entrée angekommen, die zur Küche und zum Schlafzimmer zugleich diente, packte ihn Avril am Halse, und ich stieß ihn mit einem Pfriem von Hinten. Dann versetzte ich ihm auch noch einige Stiche von Vorn. Indem Chardon, sich heftig sträubend, fiel, öffnete er, mit den Füßen strampelnd, die Thür eines kleinen Schrankes, worin das Tischgeschirr stand. Avril tödtete ihn vollends mit einer Axt, daß das Blut auf ihn zurückströmte. Ich ging allein in die Kammer, wo die Mutter schlief. Ich schlug sie ins Gesicht, auf die Augen, die Nase und stieß sie mit dem Pfriem. Dabei rutschte der Pfropfen, den ich auf der andern Seite befestigt, hinunter und ich verwundete mir selbst einen Finger. Wir fanden 500 Francs in Geld und etwas Silbergeschirr. Letzteres band ich in ein Packet und übergab es Avril, der es nachher für 200 Francs verkauft haben will. Der erste Kaufmann hatte ihm gar nur 20 geboten. Den Mantel von Bronzefarbe nahm ich und hing ihn mir um; Avril nahm eine seidene Mütze, die er vier Tage bei sich behielt, wie ich ihm auch vorstellte, daß er sich von ihr losmachen sollte. Wir nahmen auch vom Kamin eine kleine Jungfrau in Elfenbein mit, die ich für ein werthvolles Stück hielt; aber da die Antikenhändler nur 3 Francs dafür zahlen wollten, sagte ich Avril, er möchte sie lieber ganz fortwerfen, als für solche Lumperei ein Stück auf der Welt lassen, was uns so leicht gefährlich werden konnte. Unsere Hände waren nach der That blutig, Avril hatte sich auch seine Hosen und seine Weste befleckt. Wir gingen deshalb auf der Stelle nach den türkischen Bädern und reinigten uns dort vom Blute. – Einige Tage darauf ward Avril wegen eines öffentlichen Mädchens verhaftet. Ich ging hin, um ihn loszumachen, aber der Officier sagte mir, daß er Befehl erhalten, Jedermann zu verhaften, der sich nach ihm erkundigen würde.«

Gegen Lacenaire sprach also sein eigenes, freiwilliges Selbstbekenntniß, und es stimmte vollkommen mit dem sonst ermittelten Thatbestande. Gegen Avril, der Alles leugnete, trat er als Ankläger auf, und man mußte gestehen, daß seine Anklage viel für sich hatte. Welches Motiv konnte ihn bewegen, um einen Andern zu verderben, sich selbst zu verderben? Dazu kamen noch die Zeugnisse zweier andern Personen, eines Fréraud und des Mädchens Bastien, Avril's Geliebte, die beide bekundeten: er habe ihnen vorgeschlagen, an dem Mordüberfalle gegen Chardon Theil zu nehmen, man könne dabei wol 10,000 Francs gewinnen.

Gegen Lacenaire und Avril lautete daher die peinliche Anklage: daß sie am 14. December 1834 zwei Meuchelmorde mit Vorbedacht und aus freien Stücken an Chardon und seiner Mutter begangen und darauf einen gewaltsamen Diebstahl.

Es traf sie aber auch noch eine andere Anklage: daß sie am 31. December desselben Jahres einen Mordanschlag gegen den Cassendiener Genevay vorgehabt und des wirklichen Attentats.

Der Cassendiener Louis Genevay, in Diensten bei den Banquiers Maller und Comp., sollte in der Rue Montorgueil Nr. 66 bei einem Negocianten, Mahussier, der daselbst wohnte, eine Tratte von 865 Francs eincassiren. Genevay trug in seiner Geldkatze über 1000 Francs in Thalerstücken und in seiner Brieftasche in Bankbillets über 10,000 Francs. Im Hause war kein Portier, bei dem er sich erkundigen können; der Diener stieg also bis in das vierte Stockwerk hinauf, wo er den Namen Mahussier mit Kreide an der Thür einer Wohnung, die nach dem Hofe hinausging, angeschrieben fand. Er klopfte. Zwei Männer öffneten und führten ihn in ein Vorzimmer, das nicht meublirt war. Kaum aber, daß er über der Schwelle war, als der Kleinste von den Beiden die Thüre wieder schloß, sich hinter ihn stellte und ihn bei den Schultern nach der Thür zu einem zweiten, ziemlich dunkeln Zimmer führte. Auch der Andere hatte sich hinter ihn gemacht und forderte ihn mit der Hand auf, in das dunkle Zimmer zu treten, wo er auf einen anscheinend vollen Geldsack zeigte, der auf dem Tische lag.

Genevay schauderte etwas zusammen, er schlang seine Geldkatze um den Arm und ging auf den Tisch zu, als er fühlte, daß der hinter ihm die Katze ihm wegziehen wollte, aber im selben Augenblicke fühlte er auch schon einen heftigen Stich in der rechten Schulter. Genevay schrie mit aller Kraft aus: »Räuber!« Der Größere von den Beiden wollte ihn daran hindern und das Geschrei ersticken, indem er ihm die Finger in den Mund stecke. Als dies nicht gelang, hielten Beide ihr Stück für verloren, sie stürzten hinaus und schrien selbst aus Leibeskräften: »Räuber! Räuber! Da oben ist Mord!« Die Miether des Hauses erschienen augenblicklich auf der Treppe, aber zu spät oder bestürzt, und ließen die wirklichen Räuber und Mörder, die mit dem denuncirenden Geschrei hinunter liefen, vorüber. Sie entkamen. Genevay wollte ihnen nach, seine Wunde aber hielt ihn zurück. Sie war zwar nicht gefährlich, doch tief und schmerzlich, mit einer dreikantigen Feile beigebracht, die im Aermel stecken geblieben war.

Die ersten Nachforschungen der Polizei hatten keinen Zweifel gelassen, daß der Hauptthäter kein anderer als Lacenaire sei. Als dieser gefangen war, stand er eben so wenig an, dieses Verbrechen offen einzugestehen, als er nur einen Augenblick zauderte Martin François, der gleichfalls eingefangen war, als seinen Complicen zu nennen. Doch wollte er diesen François nicht von lange her kennen, sondern ihn erst am Abende vorher zu dem Abenteuer engagirt haben. – François leugnete hartnäckig und unter heftigen Betheuerungen. Lacenaire, sein Mitangeschuldigter, erscheint auch gegen ihn als Ankläger und zugleich als einziger Zeuge, unter denselben Modalitäten wie oben: was konnte einen Lacenaire bewegen, einen unschuldigen und unbedeutenden Dritten eines solchen Verbrechens zu bezüchtigen, wo er sich selbst, in seiner wunderbar freimüthigen Art, als Hauptthäter angab?

Diese zwei Verbrechen, wegen deren Lacenaire diesmal vor Gericht gestellt wurde, bildeten übrigens nur einen kleinen Theil seiner kurzen, aber so merkwürdigen Verbrecherlaufbahn. Achtzehn bis zwanzig Verbrechen ähnlicher Art waren ihm schon früher zugeschrieben und gegen dreißig Mal hatte er bereits vor Gericht gestanden.

Und Lacenaire war kaum 32 Jahre alt! Aus einer achtbaren Familie, hatte er selbst eine treffliche Erziehung genoffen, und war mit einer merkwürdigen Fassungsgabe, Scharfblick und Kenntnissen ausgestattet. Im Jahre 1829 war er zum ersten Male zu einem Jahr Gefängniß, wegen Diebstahls und Vagabundirens, verurtheilt worden. Im August 1834, also kurz vor den letzten Vorfällen, die ihn jetzt vor Gericht forderten, war er, nach 13monatlicher Haft, aus dem Gefängnisse von Clairvaux entlassen worden. Damals suchte er – durch literarische Arbeiten sich Erwerbsmittel zu verschaffen. Er dichtete politische Lieder und fertigte einige Artikel für Journale. Aber das war ihm ein zu mühsamer, zu langwieriger Erwerb, er kehrte zu dem rascheren, einträglichern des Verbrechens zurück, und die Anklagen von 1834 zeigen, welche Fortschritte er seit 1829 in seiner Laufbahn gemacht.


Am 12.November 1835 standen Lacenaire, Avril und Martin François vor dem Assisenhof der Seine. Die Aufmerksamkeit des gedrängt vollen Saales war natürlich vorzugsweise auf den Ersteren gerichtet, einen Mann, der durch seine außerordentlichen Bekenntnisse, durch seine frühere Stellung zur Gesellschaft, die Nachrichten, welche von Mund zu Munde gingen, bereits einen wunderbaren Ruf erlangt hattt.

Man sah einen jungen, frischen, eleganten Mann, mit einem blühenden Gesicht, einer lachenden Miene, mit einem zierlichen Schnurrbart nach der damaligen Mode. Leicht mit einer gewissen Anmuth saß er auf der Bank der Angeklagten, und pflog alsbald ein lebhaftes Gespräch mit seinem Advocaten, welches er oft durch ein herzliches Lachen unterbrach. Den Debatten, die nun beginnen sollten, schien er ganz fremd, und seine Zuversicht stach in merkwürdiger Weise von dem düstern Schweigen seiner Schicksalsgenossen ab, die durch seine Anklage auf derselben Bank neben ihm einen Platz erhalten.

Während die Anklageacte vorgelesen ward, blieb er in seiner gleichgültigen Haltung, er schien sogar zerstreut. Doch hatte sein Lachen bisweilen etwas Convulsivisches, Gezwungenes. Den Kopf stützte er gewöhnlich im Arme auf die Schranke, aber eine unerschütterliche Heiterkeit schwebte in seinen Zügen. Nur zuweilen warf er rasche, forschende Blicke auf seine Mitangeschuldigten, wenn die Anklage auf ihre Theilnahme an den Thaten sich bezog. Avril blieb ganz niedergeschlagen und theilnahmlos. In Martin François dagegen, dessen Gesicht bleich, dessen Lippen zusammen gekniffen waren, schien eine innere Wuth zu operiren. Zuweilen schleuderte er drohende Blicke auf Lacenaire.

Als die lange Anklageacte zu Ende gelesen war, schien der Hauptangeklagte beinahe eingeschlafen. Er mußte sich aus seiner Schlaftrunkenheit ordentlich aufreißen. Während ihm die lange Liste der von ihm begangenen Mordthaten, Fälschungen und Betrügereien vorgelesen ward, ordnete er sein Haar und der härteste Ausdruck schien ihn nicht zu berühren.

Hierauf begannen die Fragen des Präsidenten. Da sie eine lange Zeit einnahmen, forderte er Lacenaire auf, sitzen zu bleiben, wofür dieser durch eine Verbeugung dankte. Die Fragen berichteten keine neuen Thatsachen, und da sie von Lacenaire sämmtlich bejaht wurden, sind sie in der obigen, der Anklageacte entnommenen Geschichtserzählung schon erschöpft. Nur als der Präsident zum Schluß fragte: ob Lacenaire noch einiger besondern Umstände oder anderer Thatsachen von Wichtigkeit sich entsinne, schien er nachzudenken und sagte nach einer Pause:

»Nein – wirklich nicht. – Doch ja, da fällt mir ein, Avril kam zu mir, als ich in der Rue de Sartine Nr. 4 wohnte. Der Portier muß ihn gesehen haben. Ich nannte mich damals Louis Guérin. Es handelte sich damals um einen Schein, von Rothschild auf Guérin avisirt. Da der Cassendiener nicht kam, sind wir fortgegangen, ohne etwas auszurichten. Ein Freund hatte mir dazu seine Stube abgetreten. Doch wußte er nicht, weshalb ich sie von ihm miethete. Nachdem wir vier Stunden auf den Rothschild'schen Diener gewartet, machten wir uns, wie gesagt, ohne Resultat auf den Weg. Avril nahm nur ein Paar Vorhänge aus der Stube meines Freundes mit.«

Avril, der jetzt wieder vorgefühlt ward, leugnete Alles. Da er leichenblaß war und vor innerer Bewegung zitterte, erlaubte ihm der Präsident sich zu setzen; er zog es aber vor zu stehen und schloß mit den Worten: »Alles, was Lacenaire vorbringt, ist falsch. Ich weiß nicht, warum er mich anklagt, oder – es ist eine Lüge aus Interesse

Als er Letzteres in einem unübersetzbaren Ausdrucke der Gaunersprache vorbrachte, welcher auch dem Gerichte erst erklärt werden mußte, konnte sich Lacenaire vor Lustigkeit kaum halten.

Doch gestand Avril hinsichts des Attentats auf den Cassendiener Genevay Folgendes ein:

»Ich war mit Lacenaire einig, daß wir einen Diebstahl begehen wollten. Er hatte die Mittel in Händen, den Cassendiener anzulocken. Aber er wollte, daß man durch einen Mord sich seiner entledige. Das wollte ich aber nicht.«

Und was waren Euere Gedanken dabei?

»Ich wollte, daß man ihm sein Geld nehme, und schlug vor, ihm ein Pechpflaster aufs Gesicht zu drücken, und dann seine Baarschaft ihm zu entreißen.«

Ihr wolltet kein Blut vergießen, aber ihn ersticken?

»Keinesweges! Sobald wir ihm das Plaster aufgedrückt und das Geld genommen hätten, wären wir fortgelaufen.«

Ueber den Chardon'schen Mord in der Passage du Cheval-Rouge wollte Avril nichts eingestehen, er erklärte hartnäckig: Lacenaire habe geschworen, ihn zu verderben, Im Gefängniß zu Poissy hatten sie mit einander Bekanntschaft gemacht:

»Lacenaire war ein Mann von Geist. Er hatte eine gute Erziehung und ich hatte wirklich die Absicht, als ich aus dem Gefängniß loskam, mich an ihn anzuschließen, indem ich mir sagte, daß uns bei seinen Kenntnissen manche Gaunerei glücken werde. Solche Gaunerstreiche auszuführen, das war meine Absicht. Aber als er mir von andem Dingen sprach, da habe ich mit ihm gebrochen. – Nachdem ich losgekommen, sah ich ihn eines Tages, er schlug mir vor, mit ihm in eine Wohnung, die er sich geliehen, zu gehen, um dort einen Gaunerstreich auszuführen. Wir gingen dahin. Lacenaire ging wieder aus und kam bald zurück, er brachte zwei Pfrieme mit, von denen er den einen auf den Fliesen schärfte, er forderte mich auf, mit dem andern dasselbe zu thun. Da sagte er: »es wird ein Cassendiener kommen, den wollen wir umbringen.« Ich wollte da fortlaufen, aber er hielt mich zurück und sagte: «dann wolle er die ganze Absicht aufgeben.«

Nuch François Martin, der nun vorgeführt ward, verharrte bei seinem Leugnen. Am 31. December 1834 war das Attentat in der Rue Montorgueil vorgefallen; er behauptete, erst am 1. Januar 1835 Lacenaire kennen gelernt zu haben; früher hätte er gar keine Verbindungen mit demselben gehabt.

»Lacenaire hat viel mehr Mittel als ich, ich kann nicht lesen, nicht schreiben; er wird schon seine Vertheidigung so einrichten, daß ich die Schuld tragen muß. Er wird mich wie einen Handschuh umdrehen, aber das sind noch keine Beweise.«

Die erste Sitzung des Gerichtes schloß mit der langen Reihe Fälschungen, deren wegen Lacenaire gleichfalls vor Gericht stand. Er kürzte die Verhandlung ab, indem er sich auf jeden Punkt sofort für schuldig erklärte; dergestalt, daß das ganze Verhör über diese Punkte nicht langer als 10 Minuten dauerte.


Die folgende Sitzung war der Vernehmung der Zeugen gewidmet.

Lacenaire hatte die vorige Zuversicht und Heiterkeit sich erhalten. Er bat seinen Advocaten, mit dem er immer in lächelndem Tone sich unterhielt, ihm doch einige Journalblätter zu geben, in denen die gestrigen Debatten abgedruckt wären. Darauf durchflog der Angeschuldigte die langen Colonnen mit den Zeichen der Aufmerksamkeit und Zufriedenheit. Auch bat er um eine Feder und machte einige Notizen.

Avril und François dagegen waren todtenblaß und niedergeschlagen wie gestern.

Die Zeugenaussagen konnten natürlich bei dem vollständigen Eingeständnisse Lacenaire's, bezüglich auf diesen, von keiner großen Bedeutung sein. Der Arzt, welcher bei der Obduction der Leichen in der Passage du Cheval-Rouge gewesen, erklärte, er habe die Stiche des Messers erkannt und das Messer (welches?) habe vollkommen in die Wunden gepaßt. Lacenaire widersprach ihm mit vollkommener Ruhe: er erinnere sich sehr genau aller Umstände da; aber bei der Witwe Chardon habe man sich keines Messers bedient, und wenn das Messer in der Stube zerbrochen worden, so müsse man doch die Stücke gefunden haben. – Mit einem vergnügten Lächeln ließ er seine Blicke darauf in der Versammlung umherstiegen und beschäftigte sich wieder, seine Haare mit der Hand in Ordnung zu bringen.

Zur Charakteristik des Angeklagten war die Aussage des Chefs des Sicherheitsbureaus, Allard, wichtig:

»Als Lacenaire auf die Präfectur der Polizei geführt wurde, beeilte ich mich ihn zu sehen und begrüßte ihn mit den Worten: Nachdem, was man mir mittheilt, ist Ihre Sache ziemlich bündig. Er erwiderte lachend: »Ja, das weiß ich.« – Sie sind einer beträchtlichen Anzahl Fälschungen angeschuldigt. – »Ach, die Hülle und Fülle! Wer redet von dem Zeuge! Wir haben andere Geschäfte mit einander. Das Starke verschlingt das Schwache.« – Sie müssen Mitschuldige haben. Im Interesse der Gesellschaft müssen wir dieselben kennen lernen. – »Da werden wir schnell mit zu Rande kommen. Sie wissen ja, daß das meine Art und Weise ist.« – Ich weiß, daß Sie sich darin immer auf eine loyale Weise benommen haben. Sie kennen auch meinen Charakter. Wenn ich irgend Etwas, was sich mit meinen Pflichten verträgt, für Sie thun kann, so soll es mit Vergnügen geschehen. – »Dann bitte ich Sie um eine Gunst.« – Wenn es möglich ist, soll sie Ihnen gewährt sein. – »Man hat mich in Ketten gelegt. Das ennuyirt mich, Parole d'Honneur! Ich bin ein guter Gefangener. Ich denke ja nicht daran zu entweichen.« – Ich ließ Lacenaire's Wunsch willfahren und er zeigte sich sehr zufrieden damit. Am andern Tage wiederholte er mir mit Bereitwilligkeit und Aufrichtigkeit alle Bekenntnisse des vorigen Tages.«

Lacenaire hatte das Alles angehört, ohne nur einen Augenblick die Augen von seiner Zeitung aufzurichten.

Allard berichtete noch, daß Lacenaire ihm von seiner Absicht gesprochen, ein öffentliches Mädchen, Namens Javotte, umzubringen, mit der er am Tage nach dem Attentat in der Rue Montorgueil getrunken. Auf Alard's Verwunderung, wie er gegen ein hübsches Mädchen eine solche böse Absicht hegen könne, mit der er sich noch eben vergnügt, hatte Lacenaire lachend erwidert: die Javotte sei eine Hehlerin und er habe ihr von den gestohlenen Sachen verkauft. Aber er und sie hatten sich eines Bessern besonnen. Die Javotte würde sich gehütet haben ihn anzugeben, weil dadurch Manches zu ihrem Schaden hätte ans Licht kommen können.

»Uebrigens,« setzte der Zeuge hinzu, »flößte mir Lacenaire unbedingtes Vertrauen ein. Ich habe mich selbst der Mühe unterzogen, über die Genauigkeit seiner Angaben Nachrichten einzuziehen, und fand Alles bestätigt, sogar in Bezug auf die einzeln von ihm entwandten Uhren, Kleider, Cravatten. Er schien sehr über François' Angaben gegen ihn entrüstet, und rief dabei aus: »Wie, dieser Mensch wagt es, mich zu denunciren, er, der mein Freund und Mitgenosse war!«

Erst bei diesen Worten richtete sich Lacenaire auf und sagte: »Ja, ich leugne nichts davon. Ich habe meine Angaben erst dann gemacht, als ich sah, daß meine Mitangeschuldigten mich verrathen hatten. Es ist aus Rache geschehen, ich leugne es nicht.«

Die meisten der übrigen Zeugenaussagen beziehen sich nur auf Nebenumstände.

Der Cassendiener Genevay konnte sich weder der Kleider, noch der Gesichtszüge der Personen genau entsinnen, welche ihn in das dunkle Zimmer der Rue Montorgueil geführt, daher erkannte er weder Lacenaire noch François. Eine Frau, die unten im Hause wohnte, hatte drei Menschen, mit dem Rufe: »Räuber! Räuber!« fliehen sehen. Einen hielt sie an seiner Redingote fest, da sah er ihr scharf ins Gesicht, als er erkannte, daß sie eine alte Frau sei.

Waren Sie das? fragte der Präsident.

»Wahrscheinlich,« erwiderte Lacenaire und notirte einige Zeilen. Andere hatten nur den Lärm gehört, viele Menschen durcheinander laufen gesehen, und mitgeschrien: »Räuber! Räuber!« ohne zu wissen wem es galt.

Die Aufgabe des Generalprocurators, die Straffälligkeit der Angeklagten, wenigstens des Hauptangeschuldigten, darzustellen, war keine schwierige, in sofern es eben nur die Thäterschaft und die Nothwendigkeit der Bestrafung galt: »Es gibt Menschen,« schloß er, »für die der Mord keine letzte Nothwendigkeit ist, für die der Mord kein eintretender Zufall ist, nein, ein Geschäft, ein Geschäft wie jedes andere, ein Geschäft, wo man vorher ruhig die Mittel zur Ausführung prüft. Menschen gibt es, die, wenn die That an den Tag gekommen, sie diesen Versammeltm hier mit dem allerruhigsten Blute von der Welt erzählen, Menschen, für die der Mord kein unglückliches einmaliges Ereigniß, sondern eine Gewohnheit, eine Profession ist;« eine Rede, zu ihrem Zwecke genügend, durch die aber das psychologische Räthsel, was hier vorlag, nicht erklärt wird. Der Generalprocurator forderte zum Ueberfluß die Geschwornen auf, bei der Bestrafung der Schuldigen eben so viel Muth zu zeigen, als diese bei der Vollführung ihrer entsetzlichen Thaten bewiesen.

Lacenaire's Anwalt dagegen hatte eine schwierige Aufgabe. Ob er sie vollständig gelöst, ist zu bezweifeln, da uns seine vollständige Defensionsrede nicht vorliegt. Er entwarf in scharfen Zügen ein Gemälde von der romanhaften Existenz seines Clienten, und suchte ihn als von einer Monomanie zum Betrügen, Stehlen, Rauben und Morden ergriffen darzustellen. Lossprechung konnte er auch im günstigsten Falle nach solchen Eingeständnissen nicht erwarten, er bat daher die Jury, als einen Act der Gnade, ihn nur zu ewigem Gefängniß zu verdammen. – Lacenaire war mit der Verteidigung zufrieden, er nickte seinem Advocaten über die Schranke, die ihn von ihm trennte, vergnügt zu.

François' Vertheidiger hielt eine sehr lange Rede, in welcher er alle Schuld auf Lacenaire schob, und diesen mit den heftigsten Beschuldigungen überhäufte. Lacenaire hörte sie nicht allein mit vollkommener Zuversicht an und einem spöttischen Lächeln, welches beständig auf seinen Lippen schwebte, sondern, als der Advocat einen Augenblick erschöpft inne halten mußte, bat er um eine kurze Aussetzung zur Erholung, da seine beiden Mitangeschuldigten seit dem frühen Morgen nüchtern wären. Nach dieser bewilligten Ruhe schloß der Vertheidiger seine Rede und beschwor die Jury, der Irrthümer zu gedenken, deren so viele Geschworne sich schuldig gemacht und ihr Gewissen schwer belastet, indem sie auf das Zeugniß von Verbrechern ihre unschuldigen Mitangeschuldigten verurtheilt hätten.

Dieser Proceß, an und für sich sehr einfach, hat durch die Haltung des Hauptschuldigen schon bisher etwas ganz Besonderes. Es ist aber wol selten oder nie vorgekommen, daß der Hauptangeschuldigte die Partie des Generalprocurators oder Präsidenten übernimmt, um die Klage gegen die Einwendungen der andern Angeschuldigten und ihrer Vertheidiger in allen Theilen aufrecht zu erhalten. Befragt nämlich, ob er noch etwas zu seiner Vertheidigung anzuführen habe, erhob er sich und erzählte noch ein Mal in einer wohl gehaltenen Rede und in ruhig vertraulichem Tone, nicht seine Thaten, wie er sie gestanden, sondern alle Momente der Verhandlungen vor Gericht. In einem vollständigen Resumé zählte er alle Anklagepunkte Schritt für Schritt auf, er prüfte die Beweise, die Kraft der Zeugen, die Gutachten der Aerzte, mit einer Schärfe, als wäre er selbst ein gerichtlicher Arzt, und zog endlich den Schluß, daß die Herren Geschworenen sich nach diesen zustimmenden und von ihm ins rechte Licht gestellten Beweisen, von der Nichtigkeit seiner Anschuldigungen und Enthüllungen für überzeugt halten könnten. – »Ich verlange keine Gnade,« schloß er, »mir liegt nichts am Leben. Doch sage ich auch nicht, daß ich Stoiker bin. Wenn die Gesellschaft mir alle Annehmlichkeiten des Lebens, wenn sie mir ein ausreichendes Vermögen böte, so würde ich es annehmen. Ich hänge nicht, meine Herren, wie ich schon sagte, an meiner Existenz; ich lebe in der Vergangenheit. Seit 8 Monaten schon sitzt meiner harrend, der Tod über meinem Haupte. Ich verlange keine Gnade, ich erwarte sie nicht, ich will sie selbst nicht... sie wäre ganz unnütz.«

Avril suchte sich selbst zu vertheidigen, indem er ein Papier ablas, welches, von ihm geschrieben, alle Thatsachen und Indicien gegen ihn zusammenstellte. Es warf kein neues Licht auf die Sache und machte keinen Eindruck.

Dagegen bat François das Wort ergreifen zu dürfen. Er sprach frei, zuerst mit gepreßter Stimme, dann aber, wie sie in Zorn überging, belebte sie sich mehr und mehr und verfehlte nicht des Eindrucks.

»Der Redner Lacenaire hat Ihnen eben den ganzen Proceß erzählt. Aber ich, meine Herren, will Ihnen seine Lügen zeigen.« – Während er sich auf die Details einließ, verlor sich alle Befangenheit, er knirrschte mit den Zähnen und auf seinem Gesichte spielten die Leidenschaften. – »Elender! Du, der Du dem ganzen Menschengeschlechte Haß und Rache geschworen hast, Du fürchtest nicht die Gerechtigkeit der Menschen, aber auf Deinem Wege zum Tode wirst Du vielleicht die Gerechtigkeit Gottes fürchten lernen, vor dem Du, mit Blut besudelt, erscheinen wirst. Auch diese Herren haben Rechenschaft abzulegen von ihren Thaten; sie werden doch zaudern, ehe sie neue Opfer zu denen fügen, die Dich dort schon, mit Blut bedeckt, erwarten! Wenn man mich verdammt, mich, einen ganz Unschuldigen, ach! ich fürchte nicht den Tod. Ich habe ihm hundert Mal ins Auge gesehen. Ich habe gegen edle Feinde gekämpft. Ich bin fünf Mal verwundet worden. Ich habe einem Kanonier am Fuße des Atlas das Leben gerettet, und durch eine ehrenwerthe Wunde habe ich drei Finger verloren! Du, elender Meuchelmörder, Feigling! Du willst Deine Hände in meinem Blute waschen! Aber heute noch kann ich meine Hand erheben, vielleicht zum letzten Male. Aber es geschieht ohne Schreck. Du, Du wirst wie ein jämmerlicher Schuft zucken im Augenblicke des Todes ... Memme Du!« – »Am Donnerstage, meine Herren, als ich vor Ihnen erschien, da war ich noch kein Criminalverbrecher. Heute bin ichs; denn ich habe meinem Vater den Tod gebracht, einem verehrungswürdigen Greise, und meiner Mutter auch, der besten aller Mütter. Die verleumderischen Anschuldigungen dieses elenden Lacenaire haben sie entehrt. Lacenaire ist zu Allem fähig, meine Herren. Er spricht – er ist ein großer Redner. Er hat Sie verstrickt mit seiner Kunst; Viele von Ihnen haben ihm Beifall gespendet.... Er wird aber auch noch andere Mitschuldige angeben... er wird sie für Geld angeben; er wird suchen sein Leben zu verlängern. Sie werden sehen, ob ich lüge... Ich fordere keine Gnade, meine Herren! Ich fordere volle Gerechtigkeit. Um mein Loos, um mein Leben kümmere ich mich wenig; aber in meiner feierlichsten Stunde verlasse ich mich auf das Gewissen meiner Jury.«

Diese energischen Worte aus dem Munde eines Mannes, der noch eben erklärt hatte, daß er weder lesen noch schreiben könne, brachten in der Versammlung einen wunderbaren Eindruck hervor. Man war erstaunt und erschrocken. François Martin aber sank, als er geendet, völlig erschöpft auf seine Bank nieder.

Lacenaire's Heiterkeit hatte ihn auch keinen Augenblick verlassen; er blickte seinen Mitangeklagten mit dem Lächeln des Triumphes an. Die Berichterstatter versicherten, es sei unmöglich gewesen, diese »satanische Scene« zu beschreiben. Mitten in dieser allgemeinen Aufregung erklärte der Präsident die Verhandlungen für geschlossen.

Die Jury kehrte alsbald zurück. Der Vormann beantwortete alle Fragen über die einzelnen Verbrechen der Angeklagten mit Schuldig. Nur hinsichts Martin François' mit dem Beifügen: »Unter mildernden Umständen.«

Jetzt erst ward Lacenaire blaß und schien niedergeschlagen. Doch hörte er den Ausspruch der Jury mit vollkommener Ruhe an. Avril schleuderte einen wüthenden Blick auf die Jury und stammelte dann: »Gnade!« François Martin verbarg sein Gesicht im Taschentuche.

Da erhob sich Avril wieder, noch ehe die Richter die Strafe verkündeten. Mit erhobener Stimme sprach er: »Ich bin von der Jury verurtheilt. Ich verlange nicht Gnade; ich ziehe den Tod der ewigen Kettenstrafe vor. Aber ich schwöre vor Gott: dies ist ein Justizmord.«

François und Lacenaire schwiegen.

Der Präsident sprach nun das Urtheil. Lacenaire und Avril wurden zum Tode verurtheilt, Martin François zu ewiger Galeerenstrafe.


Lacenaire war ein Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit geworden, das wollte er, ein Gegenstand der Bewunderung zu sein, war vielleicht das höher hinausgesteckte Ziel. Ein Gentleman, von guter Herkunft und Erziehung, als gemeiner Gauner, Dieb, Raubmörder, ein Mann, der das Verbrechen mit vollem Bewußtsein, als ein Geschäft betrieben und seine glänzenden Verstandeskräfte zur geschickten Verübung der schändlichsten Frevelthaten verwandt hatte! Und ein Mann, der, wie plötzlich überdrüßig dieses freien Lebens, sich selbst angibt und seine Complicen, der in Kerker und Ketten hier wieder als vollendeter Gentleman, dort als Dandy, als blasirter Lebemann sich benimmt, der aber plötzlich erwacht zur alten Energie seines Geistes, um die vielleicht schwankend gewordene Anklage aufrecht zu erhalten, der mit allen Kenntnissen und dem Geschick eines ausgezeichneten Advocaten gegen sich und seine Genossen plaidirt, der in den entsetzlichsten, haarsträubenden Augenblicken lächeln, spielen, träumen kann, nicht in einem einzigen unbewachten Momente vor dem Loose, welches seiner wartet, zurückschaudernd, und mit einer musterhaften Treue in allen seinen Aussagen bei der Wahrheit bleibend! Ausgestattet mit den Gaben seinerer Bildung, hatte er sich als Schriftsteller und Dichter gezeigt, aber die Freiheit und die Genüsse des Diebes, Räubers und Mörders waren ihm interessanter gewesen; nun er auch ihrer überdrüßig geworden, oder sie ihm mit mehr Beschwerden und Gefahren verknüpft schienen, als das Vergnügen werth war, ging er eben so bereitwillig, gleichgültig der Verurtheilung und dem Tode entgegen. Und freiwillig; – denn wenn er nicht bekannt hätte, nicht als Ankläger gegen seine Complicen aufgetreten wäre, so war bei der Mangelhaftigkeit der andern Beweisstücke der Ausgang des Processes zweifelhaft. Ja bei seiner Begabung als Redner, Intriguant, bekannt mit den Praktiken der Gesetze, den Schwächen der Menschen, der Polizei, der Geschwornen, der Richter, wäre es ihm, wenn er Alles daran gesetzt, nicht möglich gewesen eine Freisprechung auch gegen stärkere Beweise zu ertrotzen, hätte er nicht eine Flucht durchsetzen können? – Also was war das Motiv seiner Handlungsweise? – Gewöhnlicher Lebensüberdruß? Dann pflegt man nicht den Tod auf dem Schaffot zu suchen. Eitelkeit? – Die Eitelkeit kam noch nicht vor, als gemeiner Dieb und Raubmörder Gerede und Ruhm zu erwerben; selbst Herostratus hätte dies verschmäht. – Aber einer seiner Mitschuldigen warf ihm vor: Haß und Rachsucht gegen das ganze Menschengeschlecht! Sein Benehmen gegen die tief unter ihm stehenden armen Sünder, die er verdarb, an deren Todesqualen er seine Freude zu haben schien, schienen dies zu rechtfertigen; aber seine ganze Handlungsweise, wie wir sie aus dem Bisherigen kennen und wie er sie in, seinen Memoiren niederlegte, widersprechen dem. Wenn es wirklich derartige Menschenhasser gibt, würden sie andere großartige Racheplane entwerfen und sich nicht genügen lassen, diesem einen Geldbeutel zu stehlen, jenem armen Teufel die Kehle abzuschneiden und sich an der Todesangst zweier armseligen Verbrecher zu weiden, die in ihrem Ungeschick auch ohne seine Geschicklichkeit dem Gericht in die Hände gerathen wären. Und doch glaubte man im Publicum etwas davon, an eine derartige Philosophie, welche ihn von Anbeginn geleitet und stark gemacht, so in den gewichtigsten Augenblicken senes Lebens aufzutreten. Doch hat schon damals eine gesunde Kritik in Paris das ganze Raisonnement verworfen und Lacenaire, der vergebens gehofft, ein Heros und Götze ganz neuer Art für das Publicum zu werden, ist mit seiner angeblichen Philosophie höchstens in einige Zerrbilder der Marktliteratur übergegangen.

»Man hat Lacenaire nach der Rolle beurtheilen wollen, lautet jenes Urtheil, welche er seit seiner Verhaftung angelegt. Man hat falsch verurtheilt. Nein, Lacenaire war nicht (wie er später den Schein angenommen) ein Mann, welcher sich durch die Schuld seiner Mitmenschen für unglücklich hielt, der zwischen Selbstmord und Verbrechen schwankte und sich endlich in die Arme des letztern warf, weil die Gesellschaft gegen ihn ungerecht und grausam war. Nein, er war kein systematischer Mörder, der etwa einen Wechselbrief gegen die Gesellschaft unterschrieben gehabt, seinen Kopf dafür zum Einsatz gegeben und sich verpflichtet hätte, mit dem Dolche zu arbeiten, wie Andere mit der Feder... Nein, Gott sei Dank, solche Menschen existiren gar nicht. Das ist nur der Lacenaire vor dem Assisenhofe; vielleicht wird es der sein, dessen die dramatischen und romantischen Dichter sich bemächtigen werden. Aber, – sprechen wirs zur Ehre der Menschheit aus, sprechen wir es aus, um die große, ganze Gesellschaft zu beruhigen, das ist auch nicht mehr der Mann, den wir auf dem Schaffotte sterben sahen. –

»Lacenaire,« fährt jene Stimme fort, »hat sich ins Verbrechen gestürzt, weil seine Ausschweifungen, das Spiel, seine Faulheit und Vergnügungslüst es ihm unmöglich machten anderweitig die Mittel zu seiner Existenz zu finden. Er wurde Räuber, dann Meuchelmörder, nicht weil es ihm eine erlaubte Sache schien, sondern weil er den Leidenschaften Nahrungsstoff bieten mußte, den er durch ehrbaren Erwerb nicht beschaffen konnte, und weil er der Hoffnung war, – eine Hoffnung, welcher Alle seines Gleichen nachhängen –daß die Justiz ihn nicht erreichen würde. –

»Aber Lacenaire hatte, trotz seiner großen Eitelkeit, einen gebildeten Geist, geläuterte Kenntnisse, eine seltene Fassungskraft, und vermöge dieser Eigenschaften hat er die Nothwendigkeit begriffen, seinem Leben als Räuber und Mörder einiges Relief zu geben. Daher die Rolle, die er angelegt und die er wacker gespielt, so lange, als der Tod noch fern war, noch Hoffnung geblieben; daher der Charakter, den er sich gemacht hat, der weder der seine war, noch irgend Jemandes sonst. Er konnte sein Verbrechen nicht mehr leugnen, denn er war zu bekannt; er konnte es nicht rechtfertigen, denn die Details waren zu schrecklich. Da erst setzte, machte, componirte er sich zu einem eisernen Logiker, der zu einem Criminalverbrecher geworden, nicht durch moralisches Versinken, sondern aus System, welcher da stiehlt und tödtet, weil ihn sein erschöpfendes Studium der Theorie unserer Gesellschaft dahin geführt hat, Nichts von Wahrheit, ein abscheulicher Charlatanismus!... Und dieser selbe Mensch, den faselnde Berichte als eine Art von Philosophen uns vorgestellt haben, beeilt sich auch, dies Rettungsseil, was man ihm dummer Weise (in den Zeitungen?) zugeworfen, vor dem Untersinken zu ergreifen, und er, der Meuchelmörder, unter den Riegeln der Conciergerie, in dem engen Loche der zum Tode Verdammten, er macht sich zu einem Schriftsteller, er appellirt an die Oeffentlichkeit, er spricht von seinem Talente....er erfrecht sich: seine Memoiren zu schreiben! –

»Und Lacenaire, der Materialist, der lebensfreche und praktische Meuchelmörder, ist zitternd gestorben. Er, der an nichts glaubte und nichts bereute, erblaßte, er schauderte vor der Hinrichtung. Umsonst hatte er versucht, seine Rolle bis ans Ende zu spielen, die Kraft fehlte ihm dazu. Ja, seine Unruhe, seine Angst haben Etwas, was der menschlichen Gesellschaft wieder Vertrauen und Zuversicht einflößt.

»An seiner Seite war ein anderer Schuldbelasteter, ein Mann, der die ganze Größe seines Verbrechens eingestand, ein Mann, der aufrichtig bereute, der da nicht sagte, daß mit diesem Leben Alles aufhöre, dieser Mann ist mit Ruhe und Selbstbescheidung gestorben... Und dieser Avril rief noch von den Brettern des Schaffottes zu Lacenaire, dem Philosophen: – »Wohlauf! heute ists, wo man Muth zeigen muß. Ahme mir nach!«

- Der Verfasser dieser eindringlichen Worte, bald nach der Hinrichtung geschrieben, hielt das Beispiel, welches beide Verbrecher durch ihre so verschiedene Haltung bei derselben gaben, für eine dem Volk gegebene heilsame Lehre. Wo ein Meuchelmörder in dieser Art der ganzen menschlichen Gesellschaft Hohn gesprochen, hätte es eines solchen schlagenden Beweises bedurft, daß ein Leben so ohne allen Glauben, entblößt aller Tugend, aller religiösen und sittlichen Grundsätze, mit solchen grauenhaften Theorien, die nur in einer kranken Einbildungskraft, einem vergifteten Herzen Wurzel schließen können, vor dem nothwendig dadurch bedingten Ende nicht stichhaltig befunden wurde.

Noch aber spielte Lacenaire um einige Wochen seine künstliche Rolle fort.

Am 9. Januar 1836 um 9 Uhr Abends öffnete sich in der Conciergerie die Thüre seines Gefängnisses und man benachrichtigte Lacenaire, daß er nach Bicètre transportirt werden solle. »Wohlan!« sagte er, »ich verlange nur eins: daß es mit Morgen zu Ende sei.«

Avril war in tiefem Schlafe, als dieselbe Meldung ihm kam. Auch er zeigte vollkommene Ruhe und drückte denselben Wunsch aus. Um 10[1/4] kamen Beide in Bicêtre an, man hatte ihnen den Grund, weshalb ihr Gefängniß vertauscht werde, verschwiegen, aber Beide erklärten: das könne sie nicht täuschen, sie wüßten sehr wohl, was ihnen morgen bevorstehe. Sobald sie angekommen, sangen sie die Parisienne. Gleich darauf wurden sie getrennt und Jeder in das für ihn bestimmte Gefängniß zur Aufbewahrung der zum Tode Verurtheilten (cabanon) gesetzt.

Um 11 Uhr Abends kam noch einmal der Chef der Sicherheitspolizei, und ließ Beide, getrennt, im Verhörzimmer vor sich erscheinen, um zu versuchen, ob er vielleicht noch neue Aufhellungen von ihnen erhalten könne. »Ich habe Alles gesagt, was ich wußte,« erklärte Lacenaire, und auch Avril betheuerte nichts mehr zu wissen.

Beider Kammern waren von einander getrennt, aber wenn sie ihre Stimme erhoben, konnten sie sich doch verständigen. Man hörte nichts Bedeutendes; nur rief Lacenaire seinem Schicksalsgenossen zu: »Es ist kalt, es friert. Die Erde wird morgen gefroren sein.«

Am anderen Morgen um 6 Uhr wurden zwei Geistliche, Abbé Montés, Generalalmosenier der Gefängnisse, und der Abbé Azibert, zu den Gefangenen gelassen.

Lacenaire empfing den Abbé mit großer Höflichkeit: »Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Herr, für Ihre Gefälligkeit, aber es thut mir sehr leid, daß Sie sich meinetwegen diese Mühe verursacht haben. Sie wissen nun einmal, daß Alles, was Sie mir sagen können, auf meine Art, die Dinge anzusehen, ohne Einfluß ist ... Ihr mir sehr schätzenswerther Besuch ist daher unnütz.«

Und doch hatte Lacenaire am Abende vorher in der Conciergerie ein Gebet zu Gott gedichtet, dessen Schlußverse, wie sie den Dichter nicht verkennen lassen, noch ein etwas Mehr zeigen, was er in seinem anderen öffentlichen Auftreten zu verbergen gewußt. Es sind die merkwürdigen Verse:

Dieu que j'invoque écoute ma prière!
Darde en mon âme un rayon de ta foi,
Car je rougis de n'être que matière,
Et cependant je doute malgré moi...
Pardonne-moi, sie dans ta creature
Mon oeil superbe a méconnu ta main.
Dieu. – Le néant. – Notre âme. – La nature.
C'est un secret. – Je le sourai demainGott, den ich rufe, höre an mein Beten,
Gieß einen Glaubensstrahl in meine Seele;
Nur Erd und Staub zu sein, macht mich erröthen,
Indeß ich dennoch mich mit Zweifeln quäle...
Vergieb mir, wenn mein Aug' nicht hat erkannt
In dem Geschöpf die Schöpfung deiner Hand.
Gott – und das Nichts – das Alles ist verborgen –
Geist und Natur – ich werd es wissen morgen.
.

La Conciergerie, 8. Janvier 1836

Verse, welche Lacenaire's Andenken vielleicht überdauern werden.

Avril, ganz das Gegenstück zu Lacenaire, hörte mit innigster Ergebung den Abbé Azibert an und bezeugte die lebhaftesten religiösen Gefühle. »Erfüllen Sie mir einen Wunsch, Herr Abbé,« sagte er, »und melden Sie morgen den anderen Gefangenen in Bicetre, daß ich Alles bereue, was ich begangen habe. Sagen Sie ihnen, ich wünschte, daß mein Beispiel ihnen von Nutzen wäre. Ich bin schuldig, ich weiß es. Wäre ich nicht so früh meiner Familie beraubte worden, und als ich noch ganz jung war, so wäre ich nicht, wo ich jetzt bin.« – Uebrigens hatte Avril schon 6 Wochen früher dieselben Gefühle in einem Briefe an seine früheren Cameraden im Gefängnisse zu Poissy ausgedrückt.

Um 6½ wurden die Gefangenen in die Kapelle geführt, um ihr letztes Sterbegebet zu verrichten. Avril war ruhig und gesammelt; Lacenaire war bleich und suchte gleichgülttig für Alles, was da geschah, zu erscheinen.

Nach dem Gebete forderte Lacenaire eine Tasse Kaffee und ein Glas Liqueur; er theilte Beides mit Avril. Avril ließ sich auch ein Glas Liqueur bringen, und bot auch die Hälfte Lacenaire an. Dieser sagte: »In dem Bischen Zeit, was uns noch übrig ist, muß man seine alten Gewohnheiten nicht aufgeben.« Er zog eine Cigarre aus der Tasche und zündete sie an.

In dem Augenblicke zeigte sich der Scharfrichter mit seinen Gehülfen an der Thüre. Lacenaire folgte ihm schweigend bis in die Vorhalle, wo er seine Cigarre auf den Ofen legte und sich auf das verhängnißvolle Tabouret niedersetzte. Er war ganz blaß, seine Züge waren ohne alle Erhebung, matt, schlaff; der Glanz der Augen war erloschen, sie saßen tief in den Höhlen. Er versuchte wol zu lächeln und den Kopf anmuthig leicht zu werfen, aber man sah die Anstrengung. Nachdem er vorhin die noch brennende Cigarre auf den Ofen gelegt, leerte er die Taschen von dem Gelde, was noch darin war, mit den Worten: »suche Jeder, was er findet.«

Als er den Director des Gefängnisses erblickte, sagte er: »Ah, Herr Becquerel, meinen herzlichsten Gruß. Ich hatte Sie zu heut morgen um etwas Papier und Dinte bitten lassen.... Man hat es vergessen.... nun denn auf morgen«... fügte er mit einem gezwungenen Lächeln hinzu.

Dann zum Generalinspector der Gefängnisse sich wendend, sagte er: »Herr Olivier Dufresne, ich bin sehr erfreut, Sie noch ein Mal zu sehen. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen, um mir in meiner letzten Stunde beizustehen.« – Aber er sprach den Satz nicht mehr vollständig aus; die Kehle schien ihm durch eine krampfhafte Zuckung zugeschnürt.

Als sein Anzug fertig war, Hände und Füße herkömmlicherweise leicht gefesselt, ward er in die Gerichtsstube geführt. Auch dort gab er sich noch alle Mühe ruhig zu scheinen und die Stärke seines Charakters zu behaupten. Aber es gelang ihm doch nur mit halb erloschener Stimme die Wünsche und Anordnungen mitzutheilen, welche er in Bezug auf die Herausgabe seiner Memoiren zu machen hatte. Dann überließ man ihn sich selbst und Niemand sprach mehr mit ihm.

Von jetzt ab veränderte sich seine ganze Physiognomie; seine Backen wurden bald roth, bald bleich, die Augen verloren allen Glanz oder gewannen einen stieren Blick. Die Lippen wurden trocken und die Zunge schien umsonst in dem mehr und mehr austrocknenden Munde nach Feuchtigkeit zu suchen. Das innere Gähnen und Zucken, wie man es bei allen Verurtheilten, die nach dem Schaffotte gehen, bemerkt, ward schon sichtbar. Offenbar sank seine Natur bereits zusammen, nur der Wille widerstand noch, aber ohnmächtig. Doch gewann er es noch über sich, als er in den Wagen stieg, der ihn zum Richtplatz führen sollte, auszurufen: »Von nun an ists also Sache der Pferde.«

Avril fragte seinerseits, als man ihn zur Hinrichtung umzog: »Wo ist denn Lacenaire? Ist er schon fort?« Nach dem Herkommen richten die Diener der Gerechtigkeit, wenn es so weit gekommen, keine Worte mehr an Die, welche man als Todte betrachtet. Durch einen Wink zeigte man ihm an, daß Lacenaire in der Gerichtsstube sei. »Gut, gut,« erwiderte er und versank in ein Hinbrüten, während er ruhig mit sich geschehen ließ. Aber als einer der Gehülfen mit der Scheere kam, um ihm die Haare abzuschneiden, rief er: »Ach, ich griff Ihnen ins Handwerk. Vorgestern schon, als ich etwas merkte, traf ich meine Anstalten... ich habe mir selbst die Haare abgeschnitten – da – sehen Sie. – Ach setzen Sie mir die Mütze wieder auf – es ist ein kalter Morgen.« Dann, plötzlich sich aufraffend, sprach er mit Lebhaftigkeit, die Anwesenden grüßend: »Wohlan denn auf den Weg. Adieu, meine Freunde!«

Beide stiegen zugleich in den Wagen. Lacenaire hatte, während er auf Avril wartete, schweigend und unbeweglich in der Gerichtsstube gesessen. Im Augenblicke des Aufbruchs überfiel ihn ein Frostschütteln, mit Ungewissem Schritt folgte er Avril, und gewann es doch noch über sich beim Einsteigen jene Worte vorzustoßen. Es waren die letzten Zeichen von Muth.

Der Weg, ward verlängert durch den schlechten Zustand der Wege. Beide Verdammte beobachteten ein tiefes Schweigen; nur Avril machte eine Bemerkung, daß es fürchterlich kalt sei, aber es dürfte ein schöner Morgen werden.

Es war noch nicht voll 9 Uhr, als der traurige Zug am Fuße der Guillotine ankam, die um 1 Uhr in der Nacht beim Schein der Fackeln aufgerichtet worden. Lacenaire sprang rasch vom Wagen. Seine Blässe war erschreckend, sein Blick leer, unsicher. Seine Zähne schlugen zusammen; er schien Worte zu suchen, aber die Zunge lieh ihm keine Laute mehr. Avril stieg nach ihm mit einem leichten, festen Tritt herunter, und blickte das Publicum ruhig an. Vollkommen und seiner selbst mächtig, näherte er sich Lacenaire und umarmte ihn: »Adieu, mein Alter – ich werde den Marsch eröffnen.« Noch mit festem Tritte besteigt er die Stufen des Schaffottes. Man bindet ihn an das verhängnißvolle Brett... noch ein Mal wendet er sich um und ruft: – »Lacenaire, mein Alter, allons.... Muth.... ahme mir nach...« es sind seine letzten Worte, – das Beil fällt und der Kopf fliegt auf die Bretter.

Lacenaire stand während dessen am Fuß der Treppe. In zu großer Schonung suchte der Abbé Montés ihn umzudrehen, damit er den schrecklichen Augenblick nicht sähe. »Ach was!« erwiderte er mit einer völlig veränderten Stimme. Vergebens sucht er noch Glauben an eine Stärke zu erwecken, die ihn längst verlassen hat. »Ist Herr Allard da?« fragte er mit einer ganz ausgehenden Sprache. Der Souschef der Polizei bejaht es. – »Ach ich... ich bin... sehr zufrieden.« Es waren seine letzten Worte. Er hatte angekündigt, daß er zum Volke reden wolle; aber er hat keine Kraft mehr dazu. Seine Knie sinken zusammen, sein Gesicht ist völlig entstellt. Er muß, von den Gehülfen des Scharfrichters unterfaßt, die Stufen zum Schaffot sich mehr hinauf schleppen lassen, als er geht, und das Fallbeil, das seiner Angst ein Ende machte, schien einen gefühllosen Körper zu trennen.

Das die wahren letzten Momente eines Verurtheilten. Sie scheinen der Aufbewahrung werth.

Lacenaire hat nicht allein seine Memoiren geschrieben, sondern er fühlte sich auch berufen, das Lied selbst zu verfertigen, welches die wandelnden Ausrufer in Begleitung der Portraits großer Verbrecher in den Straßen verkaufen. Eines der Couplets lautete so:

Plus tard enfin, voleur, escroc, faussaire,
Tous les forfaits ne me coutent plus rien.
Pour débuter on chippe une misère
Et, pour finir, on devient assassin.
Petit mioches,
En vos bamboche,
N'oubliez pas ce preécepte moral:
Dans son menage
Faut être sage
Sans vouloir faire en tout temps carneval.

Die Müllerin von Fockendorf

1689

Wie die Bauern im Altenburgischen, fast die einzigen im mittlern Deutschland, ihre uralte Tracht bis zu dieser Stunde beibehalten haben, so hat sich unter ihnen auch noch Manches erhalten, was dem Wechsel des Geschmacks, der Gewohnheit und des Besitzes widerstand. Namentlich läßt sich der Besitz der Bauerngüter bei denselben Familien durch viele Jahrhunderte nachweisen; ja schon zu Ausgang des 17. Jahrhunderts rechnete man nach, daß gewisse Höfe und Mühlen durch dreihundert Jahre in directer Erbfolge von Vater auf Sohn übergegangen waren.

Im Dorfe Fockendorf an der Pleiße, unfern der Leipziger Straße, befand sich eine solche Mehl-Mühle, welche erweislich seit 1450, und wahrscheinlich noch länger der Familie Lange angehört und von ihr benutzt worden. Thomas Lange, ihr Besitzer zu Ausgang des 17. Jahrhunderts, verheirathete sich 1675, indem er sein Weib Marie ebenfalls aus einer alten, ehrbaren und angesehenen Bauerfamilie des Altenburgischen nahm.

Bei der Verlöbniß war der Braut ein Thaler von dem Verlöbnißgelde entfallen, was alle Anwesenden sehr erschreckte, und von ihnen als ein böses Zeichen aufgenommen ward.

Der Thaler hatte nur zu wahr gesprochen. Die Ehe war nicht glücklich, das Hauswesen ging nicht recht vor sich. Der Segen des langen Besitzes mußte entwichen sein, der Mann war träg, die Frau rührig, aber nicht, wie sie sein sollte. Auch die Müllergeschäfte gingen rückwärts. Uneinigkeit und Streit wurden so laut, daß sowol der Pastor als der Amtmann davon Notiz genommen zu haben scheinen. Der Mann schob die Schuld auf die Frau, die Frau auf den Mann. Jener sagte: die Frau halte ihn schlecht, sie behandle ihn verächtlich und laufe den Müllerknechten nach. Diese: der Mann sei dem Mühlen- und Hauswesen nicht gewachsen, und er wolle nie ihrem Rathe folgen.

Die Ehe hatte im Jahre 1689 schon 14 Jahre bestanden und war trotz der Uneinigkeit mit Kindern gesegnet.

Am Abende des Tages Mariä Heimsuchung, nachdem der Nachmittagsgottesdienst zu Ende war, stand Thomas Lange noch eine Weile vor der Dorfschenke und schlenderte dann langsam nach Hause. Er ordnete hier noch an, wie anderen Tages das Holz aus der Leine abgeholt werden solle, aß in der untern Wohnstube mit seinen Kindern und dem Gesinde zu Nacht, zog sich am Ofen Oberrock, Schuhe und Strümpfe aus, und sagte dann, er wolle zu Bette gehen, sie sollten sich auch bald fortmachen und das Licht auslöschen, da nicht viel Oel mehr da sei, und sich aufs Ohr legen.

Zunächst folgte ihm die Müllerin; dann die Magd und das Kindermädchen, die sich in das untere Nebenstübchen zu den 5 Kindern schlafen legte.

Am anderen Morgen, es war der 3. Juli, ein Mitt*woch, standen die Hausfrau und das Gesinde zu rechter Zeit auf, und jeder ging an seine gewohnte Arbeit. Der Pferdeknecht soll Mehl nach dem benachbarten Dorfe Treben fahren, kann aber der Säcke allein nicht mächtig werden. Er rief der Müllerin, ihm beizustehen. Diese aber meint, das sei nicht ihre Sache, und heißt der Kindermagd: sie solle gehen und den Meister rufen und suchen, er werde wol, seiner lieben Gewohnheit nach, noch auf dem Heu liegen.

Das Mädchen suchte vergebens im Heuschuppen und Pferdestall, auf ihr Rufen durch das ganze Haus keine Antwort. Endlich stürzte sie aus der Geschirrkammer zurück und schrie: der Meister hat sich erhenkt. Die Müllerin und die Uebrigen stürzten hinauf und fanden wirklich Thomas Lange in der Geschirrkammer aufgeknüpft. Im Hemde hing er an einem in die Wand geschlagenen Nagel.

Sofort ward Lärm gemacht, die Müllerin lief schreiend zu den Geschwistern und Freunden ihres Mannes im Dorf: ihr Mann habe sich erhenkt; das sei aus Melancholie geschehen. Der Bruder des Müllers, Hans Lange, machte nun sofort Anzeige bei dem fürstlichen Amte, ebenfalls mit dem Bemerken, er glaube, daß sein Bruder aus Trübsinn sich ums Leben gebracht, und vom Amte deputirte Gerichtspersonen verfügten sich sofort in die Mühle und nahmen den Thatbestand auf.

In einer über dem unteren Nebenstübchen, worin die Mägde und Kinder schliefen, befindlichen Kammer, die nach dem Garten hinausging, und nur zur Aufbewahrung einiges Müllergeschirrs gebraucht wurde, fand man an einer Wand, bei dem ein wenig aufgemachten Fenster, den Müller aufgehenkt. Er war im bloßen Hemde; fast auf dem Boden knieend hing der Körper mit einem Strick, einem alten Stück Leine, einfach um den Hals gewunden und auf der rechten Seite des Halses einmal zugezogen, an einer eisernen Zimmermannsklammer. Der Strick war um die eiserne Klammer drei Mal durchgeschlungen und zuletzt in eine Schleife gezogen. Die Hosen und die Mütze lagen neben dem Körper auf der Erde. Mit der rechten Seite des Halses hing der Körper an der Wand; auf der linken Seite, unweit der Kehle fanden sich zwei ziemlich schwarzbraune Flecke, und am übrigen Körper, nachdem er ganz entblößt worden, auf dem Rücken, fast zu Ende desselben, auf dem Rückgrad »sechs kleine Flecklein oder Läschchen,« wo die Haut ganz weg war; sie waren aber weder blutig noch braun. Auch war der übrige Oberleib ganz weiß und unversehrt, der untere Leib aber und die Beine waren vom heruntergetretenen Geblüte »ganz braun angemerket.« Auch lief etwas Geblüt aus dem Munde des Erhenkten, wie es bei allen, durch Strangulation Umgekommenen sich findet.

Vernommen wurden auf der Stelle alle im Hause Wohnenden; auch die nächst Angehörigen des Todten. Jene, seine Witwe, Marie Lange, die Kindermagd Sybille Gangloff, 15 Jahre alt, der Pferdeknecht Christoph Köhler, 18 Jahre alt, und Anna Rüger, die Magd, 34 Jahre alt, hatten sämmtlich in der Nacht kein verdächtiges Geräusch im Hause gehört, sie konnten daher nicht anders glauben, als daß der Müller nur aus Melancholie sich ums Leben gebracht. Desselben Glaubens waren Christoph Kresse, Anspanner zu Fockendorf, welcher am Abende mit dem Müller vor der Schenke gestanden und bemerkt, wie Thomas Lauge träumerisch dem Tanze zugesehen und dann langsam nach Hause gegangen war. Auch der Bruder des Todten und mehre andere Personen hatten keine andere Meinung und keinen anderen Verdacht. Das Gericht verordnete daher, daß der Körper, als der eines Selbstmörders, durch den Caviller vom Strange geschnitten werde. Das fürstliche Consistorium aber verordnete, daß er zwar an einem abgesonderten Orte auf dem Gottesacker zu Treben begraben werde, weil er vom Pfarrer und dem Kirchspiel, seines geführten Wandels wegen, ein gutes Lob erhalten, jedoch – ohne Sang und Klang.

Die Bestattung des Müllers war längst geschehen, als man im fürstlichen Amte anderen Gedanken Raum gab. Das Protocoll über die Befundaufnahme gab zu manchen Bedenken Anlaß, auch lief im Dorfe ein Gerücht um, daß es mit dem Tode des Müllers wol nicht so zugegangen sein möge, als dort geschrieben stehe. Man vernahm verschiedene Personen über vorangehende und spätere Vorfälle und es stellten sich folgende verdächtigende Indicien heraus:

1) Das üble Verhältniß zwischen dem Müller und seiner Frau während ihres ganzen Ehestandes.

2) Die Müllerin stand mehr als im Vedacht, mit allen Mühlknappen immer in sehr vertrautem Verhältniß gestanden zu haben. Der Mann hatte unverholen sein Mißvergnügen darüber geäußert.

3) Namentlich hatte sie mit einem Knappen, Martin Müller von Langen-Leube, der mehre Jahre in der Mühle gedient, in besonderer Vertraulichkeit gelebt. Der Verstorbene hatte sie selbst betroffen, und sich weinend darüber gegen seine guten Freunde geäußert.

4) Dieser Mühlkuappe, Martin Müller, war um Weihnachten vorigen Jahres, 1688, abgezogen, hatte sich aber seitdem immer wieder in der Mühle eingefunden und zur Müllerin gehalten. Besonders verdächtig erschien, daß er am Sonnabend vor der Entleibung sich abermals in Fockendorf sehen lassen und die Müllerin in den Weinkeller geführt hatte.

5) Noch mehr, am 3. Juli 1689, also schon am Tage nach der That, war er der Erste gewesen, der nach dem unfernen Regis die Nachricht gebracht, daß der Müller in Fockendorf sich erhenkt habe.

6) Ja schon in der nächstfolgenden Nacht war er abermals in die Mühle gekommen und war bei der Müllerin in der Kammer geblieben. Noch einmal hatte man ihn auch des Tages dort gesehen.

7) Es stimmte ferner nicht zu der angeblichen Melancholie, daß Thomas Lange grade am Tage seines Todes den ganzen Tag über recht fröhlich gewesen, daß er Anstalten zum Holzabführen getroffen und sich in der Wohnstube ganz gemüthlich und ordnungsmäßig bis auf Hosen und Hemde entkleidet hatte.

8) Es fiel dem Gericht desgleichen auf, daß er deutlich gesagt, er wolle zu Bette gehen, aber des Morgens in einer Kammer gefunden worden, darin weder ein Bett noch er je geschlafen. (Etwas was sich freilich sehr leicht erklärte, wenn er wirklich die Absicht gehabt und ausgeführt, sich ums Leben zu bringen.)

9) Verdächtiger war die Art wie er aufgeknüpft gefunden ward, halb knieend, an einem nachlässig, seltsam umgeschlungenen Stricke, wie kaum Jemand sich selbst aufhängen können, dazu die Flecke auf dem Rücken, welche durch den Act der Aufknüpfung und ihre Folgen schwerlich entstanden sein konnten.

10) Endlich wie kam es, daß die Müllerin ihn des Nachts in ihrem gemeinsamen Bette nicht vermißt hatte, und er hatte doch beim Fortgehen aus der Wohnstube bestimmt erklärt, daß er sich in dies Bette zum Schlafen niederlegen wolle?

Diese Gründe zusammenfassend, hielt sich das Gericht für berechtigt, die Untersuchung gegen beide verdächtigte Personen zu eröffnen und zu deren gefänglicher Einziehung zu schreiten, welche theils von ihm selbst, an der Müllerfrau, theils durch Requisition eines benachbarten adeligen Gerichts an dem Müllerknappen ins Werk gesetzt ward.


Man erwarte hier keinen schwierigen Proceß, wo endlich durch künstliche Ausführung ermittelt wird, daß keine Selbstentleibung, sondern ein Mord stattgefunden hat, wie es beim Condé'schen Proceß versucht worden und noch von Vielen geglaubt wird. Das Interesse dieses an sich einfachen Criminalfalles, der in einer reichen Sammlung grauenhafter Mordgeschichten aus jener Zeit sich erhalten hat, liegt für uns in dem Geständniß selbst, welches sehr bald von Seiten der Müllerin, und dann auch, nach der Confrontation, von Seiten ihres Mitschuldigen erfolgte, und uns als Sittengemälde, von canibalischer Rohheit und Brutalität, die sich mit einer gewissen Gutmüthigkeit paart, zur psychischen Verbrechergeschichte von Werth scheint. In diesem alt achtbaren, reichen, erblichen Bauernstande finden wir schon eine freie Frau, welche mit einem fast kindlichen Unbewußtsein und, wenn man so will, einer naiven Unschuld, sich allen Lüsten und dem scheußlichsten Verbrechen hingibt, ohne daß, dem Anscheine nach, in jener fromm altgläubigen Zeit nur ein Mal vor der Entdeckung eine Regung des Gewissens in ihr erwacht. Desto ausführlicher und unumwundener bekennt sie, durch »die beweglichen Vorstellungen und Ermahnungen« des Inquisitors betroffen, schon im ersten Verhöre Alles, und ermahnt auch ihren Mitschuldigen zum Geständniß. Wenn ein erstes ernstes Wort des Richters diese Umwandelung hervorbringt, so fragt man sich, ob denn in jener Zeit der unerschütterten kirchlichen Autorität nie eine Mahnungsstimme zu ihr gedrungen, welche den so leisen Gewissensschlummer dieses doch sinnlichen Weibes erwecken konnte, die durch das Verbrechen selbst und seine grauenhafte Wirkung sich in ihrem Wollustkitzel noch nicht stören ließ?

Nach ihrem Bekenntniß hatte sie die unglücklichste Ehe mit ihrem Manne geführt. Wenn der Mann auch sonst ein gutes Lob wegen seines Wandels von Andern erhalten, gegen sie habe er sich jederzeit übel erzeigt. Darum – war sie ihm auch nur 4 bis höchstens 5 Jahre treu geblieben, und hatte sich dann mit drei Mühlknappen nach einander eingelassen. Einer derselben hatte sie vor 9 Jahren zum Ehebruche verführt und mit ihr »auf der Treppe zu thun gehabt,« nachher aber nicht mehr, ein andermal war sie mit einem Anderen »hinter dem Ofen durch ihren Mann ertappt« worden.

Mit Martin Müller, welcher Ostern vor zwei Jahren in die Mühle gekommen, fand die erste Vertraulichkeit ein Viertel Jahr nach seinem Anzuge statt. Das ging so zu. Als sie ihres kranken Kindleins wegen in der Stube geblieben, und er da auch auf der Ofenbank gelegen, machte sie sich an ihn, herzte und küßte ihn, ob ihm die Zeit auch lang sei? Da antwortete Martin: Wenn er nur eine Mühle bekommen könnte, er habe auch ein bischen Mittel, und thäte es ihm gar nichts, wenn er auch eine Wittib mit 6 oder 7 Kindern nehmen müßte. So ernsthaft nahm der Knappe das Entgegenkommen, und es scheint, daß die Frau es gewesen, welche ihn vorläufig auf andere Gedanken brachte. In der Mandelkammer ward der Ehebruch zuerst zwischen ihnen begangen, hernach aber »fast unzählige« Mal in des Müllers Ehebette. Für das erste Mal hatte ihr der Müllerknappe Geld »zu einem Pelze spendirt.« Nachmalen aber geschah es immer unter den Wünschen: »daß doch der Müller ein Mal sterben möchte.«

Da nun der Müller gar nicht sterben wollte, war Martin Müller um Weihnachten 1688 abgezogen. Weshalb wird nicht angegeben. Der Meister hatte ihn ein Mal in »verdächtiger Conversation« in der Mandelkammer mit ihr betroffen, aber nichts zu ihnen gesagt, als: was sie da machten? Martin verdung sich als Knappe in der Mühle zu Wolfftitz, dann in der zu Regis.

Da hatten sie die ganze Zeit über (daß sie getrennt gewesen) gar keinen Vorsatz gehabt, den Müller Thomas Lange umzubringen. Aber da wollte es der Zufall, oder wer sonst, daß sie Beide am 29. Juni, als am Sonnabend vor Mariä Heimsuchung, in Altenburg sich treffen mußten. Martin Müller war seiner alten Mutter halber von Langen-Leube, sie die Müllerin, aber um einige Schweine zu verkaufen, nach der Stadt gekommen. Sie trafen sich in einem Bierhause und bestellten sich dann in den Rathsweinkeller.

Hier scheint abermals die Müllerin angefangen zu haben. Sie beklagte sich über ihren Mann, daß er sie übel halte und dem Hauswesen nicht vorstehe. Der Martin aber klagte: daß er gern freien möchte und doch nicht wisse: »wie es der Müllerin wegen werden würde.«

Nachdem sie nun so geklagt, gab Martin Müller den Anschlag: »daß sie den Müller Thomas Lange, weil er fest schliefe, in seinem Bette erwürgen, und, als wenn er sich selbst erhenkt hätte, hinhängen wollten.«

Die Müllerin, heißt es, hatte alsbald darein gewilligt; Beide beredeten sich dahin, die That noch selbigen Abend zu bewerkstelligen. Sie wollten zum Erwürgen des Mannes Flor gebrauchen, da sich aber die Frau erinnerte, daß der zerrissen sei, kaufte sie in Altenburg einen neuen Strick dazu. Dann ging die Frau voraus nach Fockendorf. Martin schlich ihr gegen Abend nach. Nachdem er den ordentlichen Weg an der Pleiße hin umschweift und sich eine Weile am Fockendorfer Wehr Verborgen gehalten, schlich er sich Abends nach 10 Uhr in den Kleingarten hinter der Mühle. Hier sollte er die Frau erwarten.

Sie ließ ihn auch nicht lange warten, berichtete ihm aber, diese Nacht ging es nicht, weil Mahlgäste da wären. Derohalben schliefe ihr Mann nicht in seinem Bette, sondern unten in der Stube auf der Ofenbank. Zum einstweiligen Trost lud sie ihren Liebhaber ein, sich zu ihr hinauf in die Kammer zu schleichen, wo sie im Ehebette die Nacht zubrachten, zwei Mal den Ehebruch begingen, und dann »anderweitig Verlaß genommen:« daß sie den Mord, der nun einmal beschlossen, nicht aufgeben, nämlich zwei Tage darnach, am 2. Juli, als am Tage Mariä Heimsuchung, vollbringen wollten.

In dieser wüsten Nacht scheint zum ersten Mal eine Regung von Gewissensangst in der Müllerin erwacht zu sein, die aber schnell in seltsamer Weise beschwichtigt ward. Martin Müller tröstete sie: daß es keine Sünde sei; habe doch Judith auch dem Holofernes den Kopf abgehauen! Darauf gab sich die Müllerin zufrieden, und sie beschlossen: so wollten sie es denn in Gottes Namen thun.

Die Nacht des 2. Juli kam heran. Als Thomas Lange schon zu Bette war, harrte Martin Müller wieder um 10 Uhr im Kleingarten. Die Müllerin kam, benachrichtigte ihn, wie Alles gut stände, und sie wurden nochmals mit einander eins, daß sie den Mord vollbringen wollten. Die Müllerin hatte das »Eindeckelband zu Wege gelegt,« Martin Müller aber hatte einen Strick mitgebracht. Diesem gab man bei der Prüfung den Vorzug; der in Altenburg gekaufte neue Strick scheint also verworfen worden zu sein. Mit dem Strick des Knappen ging die Müllerin in die Kammer hinauf, zog sich aus, legte sich zu ihrem Mann ins Bette und probirte, ob er auch fest schliefe. Er schlief fest.

Sie huschte wieder aus dem Bette heraus, warf sich den Pelz um, und schlich zu ihrem Geliebten hinunter. Da versprachen sie sich unten im Garten nochmals heilig die Ehe, und bereiteten sich im Namen Gottes zu dem Morde vor. Leise schlichen sie hinauf. Martin blieb vor der Kammerthür stehen, bis die Müllerin sich wieder ins Bett gelegt.

Sie lag auf seiner linken Seite; dann fuhr sie vorsichtig mit dem rechten Arme, in welchem sie das eine Ende des Strickes hielt, ihren Manne unter dem Halse oder Nacken durch. Er regte sich, von der Berührung halb erweckt, ein wenig. Da umfaßte sie ihn, wie aus ehelicher Liebe und zog dabei den Arm wieder zurück, aber der Strick blieb durchgeschlungen. Er war wieder fest eingeschlafen.

Jetzt zog sie beide Strickenden über dem Halse zu einer Schleife zusammen; im nämlichen Augenblicke war auch Martin Müller in die Kammer getreten. Jeder von ihnen ergriff ein Ende des Stricks; sie zogen mit aller Kraft, und davon war denn der Müller, »ohne einiges Zucken, außer daß er sich in den Seiten ein Weniges aufgeblähet,« gestorben. Nur ein Paar Tröpflein Blutes waren auf die Pfülziechen gefallen, sie wußten nicht, ob aus dem Munde oder der Nase. Aus Vorsicht zog die Frau die Ziechen alsbald ab.

Nach dem Morde gingen Beide in die Küche, um Licht anzuzünden. Fürchtete sich der Eine zurückzubleiben? Dann, nach oben zurückgekehrt, faßten Beide die Leiche an, die Frau an den Beinen, der Knappe hinten am Kopf und schleppten sie, die Frau voraus, aus dem Bett und der Kammer, über das etwa 9 Schritt lange Gänglein, nach der Geschirrkammer, wo sie dieselbe anfangs auf eine Lehnbank setzten.

Trotz der langen Prämeditation, wie sie der That einen andern Schein geben wollten, hatten sie das Einfachste und, Nöthigste vergessen, – den Nagel, an den der Körper gehängt werden sollte! Martin mußte erst die eiserne Zimmermannsklammer mit einer Axt in die Wand einschlagen. Auch von diesem Getöse, welches das ganze Haus erschüttern mußte, erwachte Niemand! Sie waren ohne Sorgen bei ihrem schwarzen Werke. Der Körper ward aufgehängt, die Hosen und Mütze nachgeholt und auf die Erde geworfen. Von einer, dem Körper sonst angethanen Gewalt wußten beide Missethäter sich nichts zu erinnern, vermutheten aber, daß die »Läschen« wol beim Hinüberschleppen an der hohen Thürschwelle, oder beim Aufhenken an der hohen Lehnbank entstanden wären.

Wir stoßen noch auf einen canibalischen Zug, der aber nur die alte Wahrheit bestätigt, welche Feuerbach bei mehren Fällen mit seiner psychologischen Divinationsgabe ins hellste Licht setzt, daß Grausamkeit und Blutdurst mit der Wollust aufs Innigste verschwistert sind. Die Mörder statt mit Entsetzen sich anzublicken, statt aufs Schleunigste von der Mordstätte zu fliehen, gingen in die Kammer zurück, um – ihrer Lust zu fröhnen. Doch scheint wenigstens ein Grauen, eine Scheu in ihnen obgewaltet zu haben. Sie mieden das vielleicht noch warme Bett, an dem der Todesschweiß und die Blutstropfen ihres Opfers klebten, sie vollzogen den Ehebruch, wie es in der Druckschrift noch heißt, auf einem zu Fuß des Bettes stehenden Kasten. Dann »nahmen sie den Verlaß,« sie verabredeten, wie man am Morgen zu verfahren habe, daß die Müllerin das Kindermädchen rufen solle, nach ihrem Mann zu suchen, der gewiß aus Faulheit im Heu schlafen werde. Erst zuletzt sollte sie in der Geschirrkammer suchen und dann sei es ein Leichtes, wenn die Magd mit den Worten: der Meister hat sich erhenkt, herunter stürze, dies Allen im Dorfe glaublich zu machen. Einige Tage später sollte Martin Müller wieder als Müllerknappe bei ihr eintreten; dann wollten sie sich nach einiger Zeit heirathen, und Martin die Mühle übernehmen. So trennten sie sich nach Mitternacht.

Wie bereitwillig die Verbrecherin auch ihr Geständniß ablegte, und nirgens mit der Wahrheit zurückhielt, ward es doch zuerst schwer, sie von ihrem Unrecht zu überzeugen. Denn, sagte sie, ihr Mann habe zu übel an ihr gethan, und immer auf sie geflucht. Deshalb habe sie an ihm nicht unrecht, sondern »als wie an einem Vieh« gethan. Erst später ging sie, so wie ihr Mitschuldiger, in vollständige Reue und Zerknirrschung über.

Der Schöppenstuhl in Jena, an welchen die Acten zur Urteilsabfassung verschickt wurden, erkannte, daß auf Grund ihres Eingeständnisses, Marie Lange, als Gattenmörderin in einen Sack gesteckt, ins Wasser geworfen und ertränkt, Martin Müller aber mit dem Rade vom Leben zum Tode gestraft werde.

Die Verurteilten bekannten bei der Publikation nochmals ihre Missethat; sie »stellten sich kläglich an; erklärten jedoch, sie wollten gern sterben und fleißig beten.« Ihrerseits scheint also auf eine weitere Berufung nicht angetragen zu sein; dem Gericht aber kam es bedenklich vor, daß das Weib gesäcket und dann »hiesiger Gewohnheit nach« auf dem Gottesacker, wenn auch an einen absonderlichen Ort, begraben werden solle, während Martin Müller (der wol nur als Verführter des wollüstigen Weibes erscheint) mit dem Rade hingerichtet und auf dasselbe geflochten werden solle, also comparativ härter als das Weib gestraft werde, die doch ihren Ehemann umgebracht. Trotz dieser wesentlichen Bedenken ging aber doch die Rückfrage an den Schöppenstuhl nur dahin: ob die Marie Lange nach der Execution zu begraben und ob Martin Müller auf das Rad geflochten werden solle oder nicht? Worauf die Antwort erfolgte: daß wiewol nach Römischem Rechte die Gattenmörderinnen gesackt und dann ihnen kein Begräbniß vergönnt worden, dazumal auch die Strafe dadurch erhöht worden, daß man in den Sack lebendige Thiere gesteckt; so müsse man es doch billig, nach hiesigen Landesgewohnheiten, dabei belassen, daß so wie keine Thiere in den Sack gesteckt würden, der ertränkte Körper Abends wieder aus dem Wasser gezogen und durch den Scharfrichter unter dem Gericht verscharrt werden dürfe. Was Martin Müller betreffe, so verstehe es sich von selbst, daß wenn Einer zum Rade verurtheilt worden, auch seine Glieder auf das Rad geflochten werden müßten.

Nachträglich kam noch Martin Müller's Vater mit einer Eingabe um weitere Vertheidigung seines Sohnes ein, welche von einem gelehrten Advocaten abgefaßt, in den Spitzfindigkeiten der Jurisprudenz ein Rettungsmittel zu finden versuchte: nämlich es habe keine Section des Körpers des angeblich erwürgten Müllers stattgefunden, somit stände das corpus delicti nicht fest, die wirkliche Tödtung durch Suffocation, denn eine solche verursachte immer das Springen der Blase. Da eine solche nach allen Anzeichen nicht stattgefunden, so sei sogar die Vermuthung dagegen, daß der Verstorbene erwürgt worden. Ferner könne der Umgang seines Sohnes mit der Müllerin nicht als Ehebruch betrachtet werden, da sie notorisch und laut Geständniß eine Prostigata gewesen, die sich mit Jedem eingelassen. Endlich stehe seinem Sohne sein sonstiger, guter Ruf, dessen er sich erfreut, zur Seite; worauf der Vater den Antrag gründete, daß er eventuell mit der Strafe des Rades zu verschonen, und nur mit dem Schwerte vom Leben zum Tode zu bringen sei. – Zwei Schöppenstühle, der von Jena und Leipzig, verwarfen gleichmäßig diese Defension mit vielen gelehrten Gründen, deren kurzer sehr vernünftiger Sinn der war: daß es gar nicht darauf ankomme, ob die Müllerin als öffentliche Person zu betrachten, da Martin Müller nicht wegen Ehebruchs, sondern wegen Mordes zum Tode verurtheilt worden, daß es in diesem Falle aber, nach gesetzlichen Bestimmungen, keiner Obduction bedurfte, das Zerspringen der Blase keine nothwendige Folge einer Erdrosselung sei und endlich, daß bei Zustimmung aller andern Umstände, wenn Einem ein Strick um den Hals gelegt und solcher zugezogen werde, er nothwendig davon sterben müsse. Der beste Ruf eines Menschen sonst, schließe aber die härteste Strafe nicht aus, wenn derselbe vorsätzlich und in gewinnsüchtiger Absicht einen Nebenmenschen umgebracht.

Ungeachtet aller dieser Weiterungen ward der Proceß so schnell erledigt, daß die Hinrichtung schon am 17. August desselben Jahres stattfand. Nachdem beide Delinquenten vor dem öffentlich gehegten peinlichen Halsgerichte bei ihrem freiwilligen Bekenntniß verharrt, ward Marie Lange unweit Fockendorf auf dem Primmelwitzer Anger an der Pleiße in einen Sack gesteckt und ersäuft. Später ward ihr Körper auf der Gerichtsstelle, an der Leipziger Straße vergraben. Martin Müller ward ebendaselbst mit dem Rade von oben gestoßen und sein Körper aufs Rad geflochten neben der Müllerin Grabe. Beide starben bußfertig, unter Bezeugung herzlicher Reue.

Noch am selben Tage der Execution ward aus dem Fürstlich Sächsischen Amte Altenburg ein Actenauszug gefertigt und in Druck gegeben, zur Beglaubigung der wahrhaften Thatsachen und Entfernung von Gerüchten, welche sich dieser viel Aufsehn erregenden Geschichte bereits damals bemeistert und ihre Schrecknisse noch vergrößert hatten.

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