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Der neue Pitaval - Band 11

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 11 - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 11
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1859
printrun2
firstpub1845
volumeElfter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectid299ce4a0
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Georges Cadoudal's Verschwörung

1804.

Die Augen der Welt waren auf das Riesenlager des ersten Consuls in Boulogne gerichtet. Die Axt- und Hammerschläge der Schiff- und Hafenbauer von der eisernen Küste, wie Franzosen und Britten sie nannten, dröhnten über den Kanal, und in England selbst fing man an, an den Ernst Dessen zu glauben, was vorhin, und zum Theil heute noch, als ein ungeheueres Spiel betrachtet ward, um die Aufmerksamkeit von einem andern ungeheuern Ernste abzulenken. Die Brücke über den Kanal schien durch 2000 bis 3000 flache Fahrzeuge geschlagen, und im Februar 1804 erwarteten Napoleon's Vertraute den Versuch, England seine Meeresherrschaft durch einen Einfall in sein Land, durch eine Eroberung, zu entreißen. Dieses Unternehmen, welches der Welt eine andere Gestalt gegeben, mit unberechenbaren Folgen für ihre Geschichte, wenn es gelungen, scheiterte an einer Verschwörungsgeschichte, an einem Criminalprocesse.

Napoleon, dessen Auge überall war, dessen Gegenwart ordnend und belebend den Geist in das chaotische Treiben dieser militairisch industriellen Werkstatt gebracht, war nach Paris zurückgekehrt und hier fesselten ihn bald solche persönliche und politische Sorgen, daß Boulogne und Brest und das eroberte England in den Hintergrund traten.

Fouché, den Napoleon dem Volkswiderwillen bei Uebernahme des lebenslänglichen Consulats geopfert hatte, war nicht mehr Minister, aber sein Polizeigeist fand keine Ruhe in der Ruhe. Er konnte nur leben, indem er Entdeckungen machte. Vortrefflich unterrichtet durch die fortgesetzte Verbindung mit seinen früheren Agenten, brachte ihn das fortdauernde Gehen und Kommen verdächtiger Personen, ehemaliger Chouans und Emigranten, auf die Ueberzeugung, daß ein neues Complot gegen die Person des ersten Consuls im Werke sei. Napoleon hielt sich ebenfalls davon überzeugt. Die gewöhnliche Polizei, unter dem Staatsrathe Réal, wußte zwar nichts darüber, aber die Gensdarmerieberichte stimmten mit Fouché's heimlichen Mittheilungen, und er selbst zog die Schlußfolgerung, daß die ihm feindlichen Parteien der Royalisten und Republikaner den Widerausbruch des Krieges als die günstigste Gelegenheit betrachten mußten, neue Versuche zu unternehmen. Mehre Chouans waren verhaftet worden, es regte sich in der Vendée, wo Coscribirte kleine Banden bildeten. Oberst Savary, mit mobilen Colonnen und einigen Mann der Elitegensdarmerie dahin geschickt, vertrieb sie zwar, doch ohne etwas von Wichtigkeit zu entdecken. Der Kern der Bewegung mußte anderswo sitzen; die Spuren führten auf Paris zurück und die Entdeckungen einer dunkeln, aber furchtbaren royalistisch-republikanischen Verschwörung folgten sich, langsam, aber überzeugend.

Der Criminalfall gehört in seinen Motiven den höchsten Regionen der Geschichte an, die Thatsachen sind längst an ihr Licht getreten; wir dürfen daher bei Aufzählung der Hergänge und Entdeckungen, in den Hauptzügen ihr folgen, ohne uns dabei an die Schranken der actenmäßigen Mittheilungen zu ängstlich zu halten, welche hingegen, wo es Beweisstücke gilt, wieder in ihr volles Recht treten.


Ueber Existenz, Zweck, Ausdehnung der Verschwörung sind nach den Eingeständnissen des einen Theils der Angeklagten keine Zweifel, nur das ist weder actenmäßig, noch historisch erwiesen, von wem sie ausging, welche Mächte daran Theil hatten und wie weit dieselben mit den Mitteln und Zwecken der Verschwörer einverstanden waren.

Die Emigranten in London hielten alle Mittel für erlaubt, um die alte Ordnung und den alten Besitz wieder herzustellen; die Geschichte führt diese Annahme als Thatsache auf. In wie weit die Häupter der alten Bourbonen den Mordplanen ihrer fanatischen Anhänger zugestimmt oder ein Auge zugedrückt, wird nie zur historischen Gewißheit gebracht werden. Wenn man die Erbärmlichkeit der von uns in einem früheren Theile erzählten Verschwörung von den »vergifteten Mohrrüben,« die in Warschau spielt, ins Auge faßt, darf man ihnen viel zutrauen. Und die Bourbonen in Warschau waren der verständigere Theil der Familie.

Aber die französischen Geschichtsschreiber weisen die Schuld auch unmittelbar der britischen Regierung zu. In ihrer Angst, um den drohenden Schlag von sich abzuwenden, habe sie zu allen Mitteln gegriffen, auch zu solchen, welche die Moral wenigsten billigt. Gleichwie sie, während des ersten Krieges, gegen alle Machthaber, die in Frankreich nach einander auftraten, Empörungen angezettelt, alle Anführer der Bendée, der Chouans und der andern Emigranten auch im Frieden besoldet, habe sie auch um die Verschwörung gegen die Person des ersten Consuls, von der wir reden, gewußt, ihr zugestimmt, sie unterstützt und dadurch alle Grenzen des Völkerrechts überschritten.

Als Beweise dafür werden angeführt, was wir vorläufig erwähnen: aufgefangene Briefe einiger untergeordneter englischer Diplomaten und Agenten und die großen Geldsummen, welche man bei den Verschwornen fand. Von den bourbonischen Prinzen, konnten dieselben nicht herrühren,da diese erlauchten Personen sich notorisch jener Zeit selbst in der größtenGeldverlegenheit befanden.

Die englische Regierung und das englische Ministerium sind nie vor ein Criminalgericht deshalb gestellt worden; sie scheiden für uns deshalb aus diesem Processe aus. Ihre Anklage gehört vor das Weltgericht der Geschichte, wo sie sich pure, oder durch Recrimination, zu vertheidigen wissen werden, und es düfte schwer auch dort der Beweis zu führen sein, daß ein Pit oder Wyndham oder Addington Geld aus dem Staatsschatze hergegeben, in der bewußten Absicht, daß Napoleon damit in die Luft gesprengt oder erdolcht werde.

Georges Cadoudal, der furchtbare, talentvolle, einst glückliche, General der Chouans, lebte, nachdem er mit der Republik Frieden geschlossen und Napoleon's Anträge, in der Armee einzutreten, ausgeschlagen, in London. Er lebte in Ueppigkeit von dem Gelde, welches die englische Regierung ihm zufließen ließ für sich und die andern Emigranten. Obgleich Plebejer, Geburt und Gesinnung nach, war er deren Mittelpunkt; auch die Prinzen Artois und Berry suchten seine Gesellschaft.

Der Friede auf dem Continente nahm den Prinzen und andern Emigranten, die Hoffnung, mit der bewaffneten Macht des Auslandes wieder in Frankreich einzurücken. Auch von einem Bürgerkriege war nichts mehr zu erwarten; man konnte nur noch auf Complote hoffen. Sie lebten von Illusionen, die sich, in ihren Augen in Wirklichkeiten verwandelten. Der neue Krieg mit England hatte ihre Hoffnungen wieder belebt. Sie träumten von der gesunkenen Popularität des ersten Consuls; die Legitimen sehnten sich von Natur, die Revolutionaire wegen der Tyrannei des neuen Herrschers nach einem Sturze seiner Macht. Das geringste Ereignis mußte nach ihren Begriffen, denselben herbeiführen. Auch wimmele die Armee von Männern, welche auf Bonaparte's Ruhm eifersüchtig, seine Höhe nicht ertragen könnten, und, eben wie die Jacobiner seien die Generale gegen ihn erbittert. Alle diese sollten und konnten nur eine Partei werden, um Bonaparte zu stürzen und – die Bourbonen wiederherzustellen – das waren deren Träume.

Die Verschwörung ward in London mit altfranzösischem Ungestüme betrieben. Der Graf Artois ging eifrig und hoffend darauf ein. Ludwig XVIII. in Warschau blieb ihr fern; ebenso die Conde's, die zwar in London lebten, aber ohne Vertraulichkeit mit den Prinzen des älteren Zweiges. Sie galten nicht für Politiker, nur als gute Soldaten, stets bereit, die Waffen zu ergreifen und an ihrem Platze zu stehen.

Der Plan war, Bonaparte zu vernichten. Mit ihm stürzte die Consularregierung. Nach Annsicht der Bourbonen blieb für Frankreich dann nichts übrig, als sie selbst. Zu einem offenen Aufstande fehlten die Mittel; die Vendée war erschöpft, entmuthigt, und brauchte es noch des Beweises, daß die Vendée Frankreich nicht umkehren kann? »Eine Höllenmaschine hatte sich als unpraktisch erwiesen, ein vereinzelter Dolchstoß, wenn er glückte, blieb ein Meuchelmord.

Aber man fand ein neues Mittel, eine Art ritterlicher That, Bonaparte auf offenem Felde, in offenem Kampfe, Bewaffnete gegen Bewaffnete, zu erlegen. Dieser Gotteskampf mußte nur so eingerichtet werden, daß die Mehrzahl der Kämpfenden auf Seiten der Angreifenden war, um des Sieges gewiß zu sein. Der erste Consul fuhr gewöhnlich auf dem Wege zwischen Paris und Malmaison in Bedeckung von zehn oder zwölf Cavaleristen. Wenn Georges ihn auf diesem Wege mit hundert entschlossenen Männern angriff, konnte er des Sieges gewiß sein und es war doch ein offener ehrlicher Kampf – redete man sich ein. .

Aber Georges Cadoudal hatte doch noch, in seinem militairischen Ehrgefühle, Bedenken. Um den Gedanken des Meuchelmords ganz zu entfernen, verlangte er die Gegenwart zweier, wenigstens eines Prinzen. Wenn diese, den Degen in der Hand, an seiner Seite standen, war es gewiß kein Meuchelmord, es war ein Kampf um die Krone ihrer Ahnen. Ein Ueberfall von Hundert gegen Zehn, aber geadelt durch die Gegenwart eines Bourbonen!

Georges war ein Meister in der Kunst solcher Ueberfälle; in den Wäldern der Bretagne hatte er sie geübt. Weil er Prinzen zu Mitschuldigen hatte, sagt Thiers, hegte er nicht die Besorgniß, den Werkzeugen gleichgestellt zu werden, deren man sich bedient, um sie nachher wegzuwerfen.

Aber wie nachher? – Alle Parteien hatten sich überlebt. Die Macht war nur noch bei der Armee; sie war der Revolution ergeben und haßte die Emigranten, welche so oft in den fremden Armeen ihr gegenüberstanden. Die Armee mußte gewonnen werden und der Mann dazu fand sich in Moreau, der an militairischem Ruhme Napoleon beinahe gleichstand, an Selbstschätzung vielleicht über ihm. Moreau, ein tapferer Soldat, ein talentvoller, glücklicher Feldherr, ein liebenswürdiger Mann von einfachen Sitten und glühender Republikaner, war mit Bonaparte zerfallen. Der Bruch war öffentlich, die Gründe nicht geheim. Es war die Eifersucht, welche auch an dem ruhmgekrönten Leben eines Paoli nagte. Der Gleiche konnte dem Gleichen nicht vergeben, daß er so weit – durch die Macht der Umstände, durch das Glück, sagten Moreau und die Seinen – sich über ihn erhob. Es war die Abneigung des schlichten, gradsinnigen Republikaners, sagen Andere, gegen die Herrschsucht, gegen die wachsende Tyrannei des ersten Consuls. Wir lassen uns hier nicht auf alle die Erbärmlichkeiten, auf das Weibergezänk – Moreau stand unter dem Ehrgeize seiner Frau und Schwiegermutter – auf die Geschichten von nicht erwiderten Besuchen, nicht erfolgten Einladungen zu Bällen ein; uns genügt, daß Moreau in gekränktem Ehrgeize aus Bonaparte's Freund und Waffenbruder sein Neider, Tadler und Opponent in allen seinen Regierungsmaßregeln geworden und daß um ihn andere Unzufriedene und Republikaner, wie Bernadotte, sich sammelten, die still und laut murrten und Alles schlecht oder verkehrt fanden, was Napoleon begann. Napoleon fürchtete den vom Volke, und der Armee geliebten, berühmten Feldherrn, sagen Moreau's Freunde; er verspottete ihn und behandelte ihn mit Geringschätzung, weil er wußte, daß er ihm nicht gefährlich «war, sagen Thiers und die neueren Vertheidiger der französischen Nationalsache. – In Europa, flossen alle Stimmen zur Zeit des Hasses gegen den Usurpator vor Bewunderung und Begeisterung für den edlen, humanen Charakter Moreau's über; ob die unparteiische Nachwelt den Franzosen recht geben wird, die ihm Größe und Muth nur als Soldat und Feldherrn zugestehen, ihn aber, als Menschen schwach nennen, von mittelmäßigen Gaben, unterworfen den Launen seiner Hausfrauen und eines Ehrgeizes, der von keiner echten Kraft des Geistes getragen war, wird die Geschichte erst später entscheiden. Das entrüstete Nationalgefühl der heutigen Franzosen kann es ihm noch nicht vergeben, daß er den Antrag der Verbündeten annahm und gegen Napoleon 1813 fechtend auch gegen sein Vaterland kämpfte.

Die Mißvergnügten aller Parteien, die ihn umgarnt, nannten ihn den vollendeten Feldherrn, und priesen in ihm den vollkommenen Staatsbürger, während ihm gegenüber Bonaparte zum unbesonnenen aber glücklichen Heerführer ward, ein Usurpator ohne Genie, der die Republik stürzen wolle, um auf den Thron zu steigen. Sein Unternehmen auf England ward ein Thorenstreich genannt; man müsse ihn zu Grunde gehen lassen und sich wohl hüten, um seinem Privatehrgeize zu fröhnen, Degen zu ziehen.

Moreau mußte gewonnen werden; aber wie ihm ankommen, der nur von Republikanern umgeben war? Die Mittelsperson fand sich in Pichegru. Der Eroberer Hollands, dann vom Directorium gerichtet und verbannt, als er die Fahne der Bourbonen aufpflanzen wollte, war geflüchtet, und nach London gekommen. Er hatte die Absicht gehabt, vom ersten Konsul die Rückberufung zu erwirken, aber der neue ausgebrochene Krieg vereitelte diese Hoffnung, die Royalisten umstrickten ihn, und fast wider Willen ward er in die Verschwörung gezogen. Voll Geist, Klugheit und Erfahrung, setzte er wenig Hoffnung in deren Gelingen, aber die Emigranten sahen ihn als das allergeeignetste Werkzeug an; bei seinen Verbindungen mit Royalisten, und Republikanern, bei seiner Freundschaft mit Moreau, durch ihn diesen zu bearbeiten und die gewünschte Verbindung der Parteien ins Werk zu setzen.

Georges sollte zuerst nach Frankreich und in Paris eine Schar Chouans bilden, mit welcher der Ueberfall zu bewerkstelligen wäre; Pichegru zunächst, um Moreau zu gewinnen. Wäre Beides gelungen, sollten erst die Prinzen erscheinen, deren frühere Anwesenheit leicht Verdacht erregt hätte.

Auf einem leichten Fahrzeuge der englischen Marine unter dem Capitain Wright schiffte sich Georges mit einem Trupp wohlbewaffneter Chouans und Wechselbriefen, zum Betrage einer Million! nach Frankreich ein. In der Bretagne konnte er nicht mehr landen, ihre Küsten wurden zu streng bewacht. Aber an der Küste der Normandie befand sich ein geheimer Schleichhändlernweg. In dem steilen Uferabhange zwischen Dieppe und Treport, von Biville genannt, windet sich in einer Felsenspalte 200 bis 300 Fuß hoch eine Art Treppe hinauf, welche der Schleichhändler jedoch nur mit Hülfe eines Taues, das die heimlichen Wächter oben auf das Signal hinunterlassen, erklimmt; die Contrebande trägt er auf dem Rücken. Dies war der Weg, welchen die Royalisien schon länger ausfindig gemacht, um ans England heimlich in Frankreich zu landen; von da aus ging man etappenmäßig über gewisse Schlösser royalistischer Edelleute in der Normandie und abgelegene Höfe, meistens durch Wälder und entlegene Gegenden, bis Paris, ohne die Landstraße zu berühren. Um die Entdeckung dieses Schleichwegs zu verhindern, ward er jedoch nur von den bedeutendsten Männern der Partei benutzt. Georges, der an dieser Schlucht von Biville am 21. August 1803 gelandet, kam auf diesem Wege nach Paris, wo er in einer Vorstadt einen sichern Zufluchtsort fand.

Aber er fand nicht, was seine Partei erwartete: den ersten Consul nicht unpopulair und weder Royalisten noch Republikaner geneigt, sich auf ein tollkühnes Abenteuer einzulassen. Indessen verlor er nicht den Muth. Er schickte Emissaire nach der Vendée, die aber wenig oder nichts ausrichteten. Das Volk hatte Muth oder Lust zum Umstreifen in den Gebüschen verloren; die Priester, welche es früher geleitet, neigten sich zum ersten Consul, der der Kirche sich wieder günstiger bewiesen. Selbst nur hundert alte entschlossene Chouans zu seinem eigenen Unternehmen aufzutreiben, ward ihm nicht möglich. Er brachte kaum 30 zusammen, die er heimlich bewaffnete, uniformirte und besoldete. Keiner wußte vom andern und jeder nur, daß es einen Schlag zu Gunsten der Bourbonen gelte.

Verdrießlich über seine unthätige und darum nicht mit weniger Gefahren verbundene Rolle, hatte Georges durch Dritte selbst Versuche angestellt Moreau zu sondiren, jedoch war das Resultat nicht befriedigend. Inzwischen hatten auch Pichegru's Agenten durch gewisse Proviantbeamte bei Mereau angeklopft. Man fragte ihn, ob er sich seines alten Waffengefährten wol noch erinnere und geneigt sein würde, sich für ihn zu verwenden, damit er die Erlaubniß zur Rückkehr erhalte. Moreau äußerte sich sehr günstig über Pichegru, daß er von Herzen seine Rückkehr wünsche, aber nichts dafür thun können weil er mit Bonaparte zerfallen und nicht mehr die Tuilerien betrete.

Man hatte nun seine feindliche Gesinnung gegen den Machthaber aus seinem eigenen Munde erfahren und arbeitete weiter. Ein General Lajolais, ein Mann voller Intrigue und immer geldbedürftig, war durch Geld und Briefe Pichegru's gewonnen. Diesem Generale gelang es, Moreau's Gedanken und innerste Wünsche abzustehlen. Sie gingen, Thiers zufolge: »auf nichts Geringeres, als die Vernichtung der Consularregierung durch alle möglichen Mittel.« Der Zwischenträger glaubte mehr als er erfahren und berichtete an Pichegru vielleicht noch mehr, als er glaubte. Moreau war für die Verschwornen in London so gut als gewonnen, als Lajolais selbst auf großen Umwegen dahin ging und seine Berichte, vielleicht noch vergrößert, mündlich im Kreise der Vertrauten vortrug. Ja unter diesen befand sich der Graf Artois selbst, der sich von der Freude hinreißen ließ, sein Incognito zu brechen und auszurufen: »Wenn unsere Generale einig sind, werde ich bald wieder in Frankreich sein.« Die Freude der mitwissenden Emigrirten war so groß und ihre Selbstvorspiegelungen so lockend, daß der Agent, der zugegen gewesen, sagte: wenn der König von England auch da gewesen wäre, so hätte er mitreisen mögen. Thiers behauptet, auch dieses Datum mit gewissenhafter Treue aus dem unveröffentlichten Theile der umfangreichen Acten entnommen zu haben.

Beschlossen ward sofort, daß nunmehr Pichegru mit einer zweiten Abtheilung Emigranten nach Frankreich abgehen solle. Unter diesen waren bedeutende Parteimänner, der eine Polignac, der Herr von Niviere. Wenn Letzterer, welcher die meiste Kaltblütigkeit besaß, versichern würde, daß die Unternehmung zur Reife gediehen, sollten auch die Prinzen kommen. Am 16. Januar 1804 landeten auch diese Emigrirten an der Küste der Normandie, kletterten an der Schlucht von Biville aufs hohe Ufer, dort von Georges, der ihnen entgegengekommen, empfangen, und schlichen sich auf dem angegebenen Striche durch die winterlichen Wälder nach Paris.

Georges, obwol ohne großes Vertrauen zur Sache und ohne sein kleines Heer vollständig zu haben, wäre zum Schlage bereit gewesen, aber es bedurfte zuvor einer definitiven Verständigung mit Moreau, einer positiven Erklärung desselben, was er thun wolle. Eine Zusammenkunft zwischen Pichegru und ihm ward verabredet; sie sollte in der Nacht auf dem Boulevard de la Madelaine stattfinden. Pichegru, kalt und vorsichtig, wäre gern allein erschienen, er hätte gern die Unterhandlung mit Moreau unter vier Augen gepflogen. Aber seine ungeduldigen Untergebenen oder ihm im Eifer sich gleichdünkenden Verschwornen wollten Zeugen sein. In der Mitte von Chouans erschien der feine Mann vor dem Republikaner, und Moreau, nachdem die erste Bewegung eines solchen Wiedersehens mit dem alten Freunde vorüber, ward betroffen und zeigte sich plötzlich kalt. Zumal Georges' Gegenwart, der mit eigenen Augen prüfen wollte, wie weit man auf Moreau bauen könne, machte ihn sichtlich misvergnügt und er sprach sein Unbehagen über ein solches Zusammentreffen unverholen gegen Pichegru aus. Man ging ohne Resultat auseinander, um sich anderswo wieder zu sehen.

»Das geht schlecht«, sagte Georges; Pichegru fürchtete zu weit gegangen zu sein. Inzwischen ward die Unterhandlung mit Moreau durch Zwischenträger fortgesetzt. Es handelte sich um ben Sturz des ersten Consuls, ohne daß die Mittel genannt wurden. Dagegen – sagt Thiers – hatte er nichts einzuwenden, nur zeigte er eine unüberwindliche Abneigung, für die Bourbonen zu wirken.

Endlich kamen Pichegru und Moreau in der Wohnung des Letzteren zusammen: »Es wurde Alles gesagt«, sagt der Geschichtschreiber Napoleon's, und wir lassen ihn, der pflichtgetreu alle Documente, Memoiren und Überlieferungen geprüft haben will, hier selbst über diesen vielfach bestrittenen Punkt der Theilnahme Moreau's an der Verschwörung als Zeugen reden:

»Moreau verließ durchaus einen bestimmten Ideenkreis nicht. Er habe, behauptete er, eine beträchtliche Partei im Senate und im Heere. Wenn man dahin gelange, Frankreich von den drei Consuln zu erlösen, werde die Staatsgewalt sicherlich in seine Hände gelegt werden. Dieser werde er sich bedienen, um Denjenigen, welche die Republik ihres Unterdrückers entledigt hätten, das Leben zu retten, aber den Bourbonen werde man die befreite Republik nicht überliefern. Hinsichtlich Pichegru's, des ehemaligen Eroberers von Holland, eines der glorreichsten Generale Frankreichs, werde man mehr thun, als ihm das Leben retten: ihm werde man seinen Rang und seine Würde zurückgeben; ihn werde man zu den höchsten Staatsstellen erheben. Von diesen Ideen eingenommen, sprach Moreau Pichegru sein Erstaunen aus, ihn im Kreise solcher Leute zu sehen. Pichegru bedurfte Moreau's Bemerkungen nicht, um die Gesellschaft der Chouans, in der er lebte, unerträglich zu finden; Moreau war aber selbst ein Beweis, daß Jemand, der sich einmal auf Verschwörungen einlasse, kaum mehr vermeiden könne, sich der elendesten Umgebung preiszugeben; Pichegru war zu verständig, zu einsichtsvoll, um Moreau's Illusionen zu theilen, und er versuchte, ihn zu überzeugen, daß nach dem Tode des ersten Consuls nichts Anderes möglich sei, als die Bourbonen zurückzurufen. Dies war aber Alles zu hoch für Moreau's außerhalb des Schlachtfeldes mittelmäßigen Verstand. Er blieb fest bei dem Glauben, wenn General Bonaparte nicht mehr lebe, werde er erster Consul der Republik werden. Wiewol man vom Tode des ersten Consuls nie sprach, setzte man als Mittel zur Freimachung der Bühne von der Person, die sie einnahm, diesen Tod doch immer voraus. Uebrigens muß, ohne für diese verhängnißvollen Unterhandlungen Entschuldigungen aufsuchen zu wollen, zu ihrer richtigen Würdigung bemerkt werden, daß die Menschen damals so vielfach auf dem Schaffot oder auf dem Schlachtfelde hatten sterben sehen, so oft schreckliche Befehle ertheilt oder erhalten hatten, daß der Tod eines Menschen für sie nicht die Bedeutung und die Gräßlichkeit besaß, welche das Ende der Bürgerkriege und die Sänftigungen des Friedens ihm in unsern Tagen glücklicherweise wieder verliehen haben.«

Pichegru gab alle Hoffnung auf. Auf dem nächtlichen Heimwege in sein Versteck sagte er zu dem Vertrauten, der ihn hingeführt: »Auch der hat Ehrgeiz! Auch er will Frankreich regieren! Der arme Mann! Er würde es nicht 24 Stunden regieren können!« Und Georges hatte darauf ausgerufen: »Wenns doch ein Usurpator sein soll, lieber der jetzt regiert, als dieser Moreau, der weder Kopf noch Herz hat.« – Wir wiederholen, daß dies Thiers berichtet, dessen Aufgabe ist, Napoleon's Genius immer ins hellste Licht zu stellen; doch ist seine Auffassung die jetzt in Frankreich vorherrschende. Zur Zelt und nach dem Befreiungskriege war es die Aufgabe, Napoleon als den Ahriman, Moreau als den Ormuzd der Revolution darzustellen; da war Alles an jenem dunkel und schwarz, an diesem hell und licht.

Es fand noch eine Zusammenkunft mit Moreau statt; ebenfalls erfolglos. Georges, in dessen Hause, wahrscheinlich ohne daß Moreau um diesen Umstand wußte, sie stattfand, verließ sie früher, mit einer bittern Bemerkung. Alle erkannten, daß sie Illusionen sich hingegeben. Riviere war trostlos. Er und Pichegru empfanden das ganze Unbehagen, sich in der Gesellschaft von Chouans zu befinden, sie dachten daran, nach der Bretagne, nach England zurückzukehren; nur Georges, der nicht mehr hoffte, war doch noch immer zum Anfalle bereit. Wenn die That vollbracht, könne man erwägen, was dann geschehen solle. Die Andern fragten sich, wozu ein nutzloses Attentat diene?

Da, im Augenblicke, wo nach sechsmonatlichen fruchtlosen Bestrebungen die Verschwornen im Begriff waren, ihr Vorhaben aufzugeben und zu entfliehen, war die Polizei erst, durch Fouche's Bemühungen, aufmerksam geworden und die Nachforschungen, von denen wir berichtet, traten ein.

Chouans waren in der Vendée, in Paris selbst verhaftet worden. Die Emigranten sind in Thätigkeit, sagt Bonaparte, und wollte, daß einige der Verhafteten ausgewählt und vor eine Militaircommission gestellt würden. Wenn sie verurtheilt würden, dürfte Einer oder der Andere vor dem Erschießen bekennen. Die Kriegsgerichte waren lange außer Anwendung gewesen. Da der Krieg wieder ausgebrochen, glaubte er sie benutzen zu dürfen, insbesondere gegen die Spione, die zur Beobachtung seiner Rüstungen gegen England kamen, von denen wirklich, einige bereits mit dem Leben gebüßt hatten.

Napoleon ließ sich die Lste aller Verhafteten vorlegen und wählte selbst mit dem ihm eigenen Scharfblick fünf Chouans, die um die Sache wissen müßten. Zwei davon wurden von der Commission freigesprochen, drei verurtheilt. Zwei starben, ohne auf Andere zu bekennen, doch unter den heftigsten Verwünschungen gegen den ersten Consul und mit dem Geständnisse, daß sie gekommen, um für die Sache des rechtmäßigen Königs zu arbeiten, die bald auf den Trümmern der Republik siegreich dastehen werde. Der Fünfte, zur Hinrichtung hinausgeführt, bekannte. Es war Der, auf welchen Napoleon besonders gerechnet hatte.

Sein Geständniß war so vollständig, als er es aus eigener Wissenschaft machen konnte. Er war mit Georges im August am Uferabhange von Biville gelandet, er hatte sich mit ihm durch die Wälder nach Paris geschlichen; er gab die einzelnen Lagerstätten an. Er wußte von der Absicht des bewaffneten Anfalls auf den Consul und seine Ermordung. Er nannte auch einige Weinschenken, bei denen Chouans von Georges' Corps wohnten.

Georges war also in Paris. Ein solcher Mann würde sich nicht um eine bedeutungslose Unternehmung sechs Monate in Paris den äußersten Gefahren ausgesetzt haben. Man kannte nun den Landungsplatz der Emigranten, ihre Etappenstraße nach der Hauptstadt.

Noch eine merkwürdige criminalistische Entdeckung. An jenem Landungsplätze von Biville hatte kürzlich ein Gefecht zwischen Gensdarmen und Chouans stattgefunden; es waren Flintenschüsse gewechselt worden und ein aufmerksamer Gensdarm hatte den Papierpfropfen eines der Chouansgewehre aufgelesen, auf welchem sich der Name Troche noch leserlich fand. Troche hieß ein Uhrmacher in Eu, dessen noch sehr junger Sohn, wie sich nach seiner Verhaftung ergab, die Correspondenz mit den Emigranten in London führte. Heimlich verhaftet und nach Paris gebracht, gestand er Alles. Er hatte nicht allein die Correspondenz geführt, sondern war auch bei allen Landungen der Emigranten zugegen und behülflich gewesen. Er wußte von dreien, der Georges' im August, einer spätern im December, der dritten im Januar, bei welcher vornehme Herren gewesen, die er nicht kannte (Pichegru, Riviere und Polignac); er wußte auch noch von einer vierten, die im Februar bevorstehe, wo er die Ankommenden empfangen und als ihr Führer dienen solle.

Die Polizei war in voller Thätigkeit, in der Normandie, auf der ganzen bezeichneten Etappenstraße, in Paris selbst. Hier faßte man einen jungen Bedienten von Georges, den unerschrockenen Chouan Picot, der mit Pistolen und Dolchen bewaffnet, auf die Agenten schoß und erklärte, für seinen König sterben zu wollen; ferner einen der ersten Officiere des Anführers, Bouvet von Lozier. Beide, wie Raubmörder bewaffnet, führten bedeutende Geldsummen in Gold und Silber bei sich. Beide, im Augenblicke der Verhaftung fanatisch, entschlossen sich allmälig zum Bekennen. Picot sagte nicht mehr aus, als was man schon von jenem fünften Chouan wußte.

In Bouvet von Lozier's Gefängnisse hörte man in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar einen Lärm. Der Gefangene hatte einen Versuch gemacht sich zu erdrosseln. Da er ihm nicht gelungen, verlangte er in einer Art Raserei, zu Protocoll vernommen zu werden. Er wolle, bevor er für die Sache seines rechtmäßigen Königs sterbe, den Treulosen entlarven, der rechtschaffene Leute unnützerweise gefährde und ins Verderben stürze. Die »merkwürdige Aussage des Athanasius Hyacinth Bouvet von Lozier, Generaladjutanten der königlichen Armee, wie er sich nennt, abgelegt in Gegenwart des Oberrichters und Justizministers, verdient eine wörtliche Aufnahme, weil sie den aufgeregten Gemüthszustand dieses Zeugen so lebendig schildert.

»Ein Mann, der aus den Pforten des Grabes kommt, noch mit dem Schatten des Todes bedeckt ist, verlangt Rache an Denjenigen, die durch ihre Treulosigkeit ihn nebst seiner Partei in den Abgrund gestürzt haben, in dem er sich befindet.

»Abgesandt, um die Sache der Bourbonen zu unterstützen, sieht er sich genöthigt, entweder für Moreau zu kämpfen oder auf eine Unternehmung zu verzichten, die der einzige Zweck seiner Sendung war.

»Monsieur sollte nach Frankreich kommen, um an die Spitze einer royalistischen Partei zu treten; Moreau versprach sich der Sache der Bourbonen anzuschließen. Als die Royalisten in Frankreich angelangt sind, nimmt Moreau sein Wort zurück.

»Er tragt ihnen an, für ihn zu arbeiten und ihn zum Dictator ernennen zu lassm.

»Die Anklage, welche ich gegen, ihn erhebe, beruht vielleicht nur auf unvollständigen Beweisen.

»Folgendes sind die Thatsachen; sie zu würdigen, ist Ihre Sache:

»Ein General, der unter Moreau's Befehlen gedient hat: Lajolais, wird von diesem an den Prinzen nach London gesandt; Pichegru war die Mittelsperson; Lajolais stimmt im Namen und von Seiten Moreau's den Hauptpunkten des vorgeschlagenen Planes bei.

»Der Prinz rüstet sich zur Abreise; die Anzahl der Royalisten in Frankreich wird vermehrt, aber in den Besprechungen, welche zu Paris zwischen Moreau, Pichegru und Georges stattfinden, macht Ersterer seine Absichten kund und erklärt, nur für einen Dictator, nicht für einen Konig wirken zu wellen.

»Daher die Unschlüssigkeit, die Meinungsverschiedenheit und der fast gänzliche Untergang der royalistischen Partei.

»Lajolais war Anfangs Januar dieses Jahres beim Prinzen, wie mir Georges gesagt hat.

»Gesehen aber habe ich ihn am 17. Januar in der Poterie ankommen, am Tage nach seiner Landung mit Pichegru auf unserm Verbindungswege, den Sie nur zu gut kennen.

»Gesehen habe ich ebenfalls denselben Lajolais am 25. oder 26. Januar, als er Georges und Pichegru an den Wagen, in dem ich mich mit ihnen befand, auf dem Boulevard de la Madelaine abholte, um sie zu Moreau zu führen, der sie einige Schritte von dort erwartete. Auf den Champs Elysees fand zwischen ihnen eine Besprechung statt, die uns schon ahnen ließ, was Moreau in der folgenden, die er mit Pichegru allein hielt, offen vorschlug: es sei nämlich nicht möglich, den König wieder einzusetzen, und er trug darauf an, selbst unter dem Titel eines Dictators an die Spitze der Regierung gesetzt zu werden, sodaß er den Royalisten nur die Möglichkeit ließ, seine Gehülfen und seine Soldaten zu werden.

»Ich weiß nicht, welches Gewicht die Versicherung eines Mannes bei Ihnen hat, der vor einer Stunde dem Tode entrissen wurde, den er sich selbst gegeben hatte, und der den Tod vor sich sieht, den eine beleidigte Regierung ihm in Aussicht stellt.

»Allein ich bin nicht im Stande, den Schrei der Verzweiflung zu unterdrücken und einen Mann nicht anzugreifen, der mich in diese stürzt.

»Ueberdies werden Sie Dem, was ich aussage, entsprechende Thatsachen im Verfolge dieses großen Processes auffinden, in den ich verflochten bin.

(Gez.) Bouvet.
Generaladjutant der königlichen Armee.«

Bouvet glaubte, daß der Plan von Moreau ausgegangen, daß dieser einen seiner Officiere nach London geschickt, um die Verschwörung einzuleiten und daß er sie zu eigenen Zwecken habe benutzen wollen. Bei den Illusionen der Royalisten war dieser Glaube nichts so sehr Befremdliches und in der Art, wie Lajolais selbst darüber gesprochen, hatte er auch wol einen Grund zu diesem Glauben. Für die Regierung aber war die Aussage von ungeheuerer Wichtigkeit, da sie zuerst Pichegru und – einen Woreau als Mitschuldigen bezüchtigte.

Réal überbrachte diese wichtige Botschaft am frühen Morgen in die Tuilerien, als Napoleon sich eben rasiren ließ. Er schien nicht erstaunt, wollte jedoch nicht unbedingt an Moreau's Antheil glauben. Einschreiten gegen denselben könne man wenigstens erst dann, wenn Pichegru's Anwesenheit in Paris constatirt sei, da nur dieser das Bindeglied zwischen den Royalisten und den Republikanern sein könne.

Picot ward noch einmal vernommen. Man redete ihm mit Sanftmuth zu und er sagte Alles aus, was er wußte. Dies war nicht soviel, als Bouvet wußte, aber es bestätigte die Angabe dieses halb Rasenden. Er erklärte in der Nacht des l4. Februars zu Protocoll: daß die Führer, geloost, wer den ersten Consul angreifen solle; daß sie diesen, wenn sie ihn auf dem Wege von Boulogne träfen, entführen, oder ihn, bei Ueberreichung einer Bittschrift auf der Parade, oder wenn er ins Theater führe, ermorden wollten; daß er fest glaube, Pichegru sei nicht blos in Frankreich, sondern auch in Paris, er habe ihn noch vor wenigen Tagen gesehen. Ferner sagte er: er habe Pichegru immer unter dem Namen Charles nennen gehört; man habe oft vom General Moreau gesprochen und die Führer hätten häufig in seiner Gegenwart gesagt, es thue ihnen leid, daß die Prinzen auf Moreau Rücksicht genommen.

Also Pichegru war in Paris und Moreau's Benehmen hatte Verstimmung, wo nicht Verzweiflung bis in die untersten Reihen der Verschworenen gebracht, dies war das positive Resultat der Aussagen.

In der folgenden Nacht ward in den Tuilerieu eine Berathung gehalten, die Consuln, Minister und Fouché waren zugegen. Der Plan, den ersten Consul durch einen Haufen Chouans, Georges an der Spitze, anfallen zu lassen, war außer Zweifel. Zwei Parteien sollten mitwirken, Pichegru machte den Vermittler. Moreau's Schuld war noch nicht ermittelt; aber es war schwer zu denken, daß Bouvet in seiner Raserei und der Bediente Picot in seiner Einfalt den auffallenden Umstand ersonnen hätten: daß Moreau's Benehmen die Plane der Royalisten vereitelt habe. Moreau's Name mußte beim Fortgange der Untersuchung vielfach genannt werden; die Beschuldigungen gegen ihn mußten ruchbar werden. Wenn Bonaparte ihn nicht verhaften ließ, konnte es den Anschein gewinnen, als ob man Moreau heimtückisch verläumde oder sich vor ihm, als der zweiten Größe der Republik, fürchte. Napoleon sagte: Man soll nicht sagen, daß ich mich vor Moreau fürchte und ich will ihn fassen, wie jeden Andern, der sich auf Complote einlässt. – So läßt Thiers Napoleon argumentiren, um Moreau's Verhaftung zu rechtfertigen. Nach den Aussagen der beiden Verhafteten würde sie sich in ruhigen Zeiten vor jedem Criminalgerichte von selbst gerechtfertigt haben, zumal da die andern Hauptbegünstigten noch auf freiem Fuße, unentdeckt waren, ihnen die Communication mit Moreau abgeschnitten werden mußte, sich außerdem denken ließ, daß sie, halb entdeckt, in der Verzweiflung den Mordplan beschleunigen konnten, eine schnelle Justiz daher sie in Schrecken zu setzen verpflichtet war.

Cambacérès wollte Moreau, als Militair, vor eine Militaircommission gestellt wissen, aus den höchsten Personen der Armee gebildet, weil es gefährlich sei, ihn der gewöhnlichen Gerichtsbarkeit zu übergeben. Napoleon wollte es nicht, weil man sagen würde, er habe die Absicht, sich seines Rivalen durch seine eigenen Geschöpfe zu entledigen. Er sollte vor den Criminalgerichtshof der Seine gestellt werden, doch mit Suspension der Jury, ein Mittelweg, der später als Mißgriff erkannt wurde.

Am Morgen darauf ward Moreau verhaftet, als er eben auf dem Wege nach seiner pariser Wohnung war. Zu gleicher Zeit der General Lajolais und die Proviantbeamten, welche als Vermittler bei Moreau gedient.

Moreau's Verhaftung brachte ein ungeheueres, aber das schmerzlichste Aufsehen bei den Anhängern der Regierung hervor, bei ihren Gegnern eine Art boshafter Freude. Ihnen war es eine Erdichtung der Polizei, ein Kunstgriff Bonaparte's, Besorgniß für sein Leben einzuflößen und eines glorreichen, hoch geachteten Nebenbuhlers sich zu entledigen. Der pariser Witz nannte es keine Verschwörung Moreau's, sondern eine Verschwörung gegen Moreau. Das Ganze sei eine Fabel, und Georges und Pichegru gar nicht in Paris.

Napoleon, fest gegen die wirklichen Mordplane, die ihn bedroht, ward wüthend über diese Aeußerung der Gesellschaftsmeinung in Paris. Ob es nicht genug sei, das Ziel gräulicher Complote zu sein, ob er, in Lebensgefahr schwebend, auch noch als Urheber solcher Complote gegen das Leben Anderer gelten solle? Mit Erbitterung warf er sich auf die Entdeckung der Urheber; nicht aus Furcht, sondern um seine Verleumder zu beschämen und sie als Ränkespinner darzustellen.

Sein Zorn warf sich diesmal vorzugsweise auf die Royalisten, obschon er die Wahl zwischen ihnen und den Republikanern hatte. In dem frühern Complote, wo beide zusammen thätig gewesen, hatte er die Letztern seine Strafruthe fühlen lassen. Seitdem war er nur gnädig gegen die Royalisten verfahren, er hatte die Emigranten zurückberufen, sie wieder in Besitz und Ehren eingesetzt; wenn es auch mit der Absicht geschehen, für den neuen Thron, dessen Stufen er schon betreten, altgültige Stützen zu gewinnen, so glaubte er doch auf ihren Dank rechnen zu dürfen. Er hatte es um sie verdient, da er sie gegen Rath und Wunsch seiner Getreuesten begünstigt, gegen das noch lebendige, glühende Vorurtheil im ganzen franzosischen Volke. Er hatte sie so großmüthig behandelt, daß er seine Popularität aufs Spiel gesetzt, daß man ihm schon vorwarf, er denke an Wiedereinsetzung der Bourbonen. Und jetzt – zum zweiten Male – wollten sie ihn auf der Landstraße ermorden lassen.

Der zu mächtige Zorn gegen die Undankbaren ließ nicht viel von Kraft übrig gegen die Republikaner. Thiers liest in Napoleon's Innern, daß es demselben gar nicht unangenehm gewesen, seinen Rivalen Moreau in eine so beschämende Lage gegen sich gebracht zu sehen, daß er aber keinen Haß gegen ihn empfunden, daß er vielmehr von Anbeginn der Entdeckung daran gedacht, ihn durch Großmuth und Gnade zu beschämen. Aehnliche Empfindungen, mit Mitleid gepaart, hätten ihn auch bald gegen Pichegru erfüllt.

Dagegen erhöhten die weitern Aufschlüsse über das wirkliche Complot und dessen Urheber seinen Zorn gegen die Royalisten zu einer Art Leidenschaft. Man fing immer mehr Chouans und Verdächtige ein. Zwar waren keine bedeutenden Personen darunter, noch wußten sie mehr von der Sache, aber aus Picot und Bouvet preßte man in den folgenden Verhören noch mehr heraus. Jetzt erst erfuhr man mit Gewißheit, daß unter den vornehmen nach Paris gekommenen Emigranten auch die Herren von Polignac und Riviere, die den bourbonischen Prinzen so nahe standen, sich befänden, Picot erklärte, die vierte, bedeutendste Landung sollte aus 25 Personen bestehen, und darunter der Herzog von Berry. Bouvet sagte (am 15. Februar) aus: er glaube, Pichegru und Moreau hätten seit langer Zeit in Briefwechsel mit einander gestanden, und nur auf die Gewißheit, welche Pichegru dem Prinzen gegeben, daß Moreau mit allen seinen Mitteln eine Bewegung zu ihren Gunsten unterstützen wolle, sei der Plan dahin im Allgemeinen festgestellt worden: Wiedereinsetzung der Bourbonen; Bearbeitung der. Räthe durch Pichegru; eine Bewegung in Paris, unterstützt durch die Gegenwart des Prinzen; ein gewaltsamer Angriff gegen den ersten Consul; die Vorstellung eines Prinzen bei der Armee durch Moreau, der die Gemüther im Voraus bearbeitet haben sollte.

Also ein, oder gar zwei königliche Prinzen aus dem Hause Bourbon wollten sich, durch Pichegru's Vermittlung, mit den erklärtesten Republikanern verbinden und an der Spitze einer Meuchlerbande in einem Hinterhalte ihn ermorden. In diesem Lichte erschien Napoleon die dunkele Sache; in eine Wuth, die er kaum bis da gekannt, gerathend, ergriff ihn der Wunsch, diesen Prinzen, der die Messer gegen seine Brust schleifen ließ, in seine Gewalt zu bekommm. Thiers läßt ihn sprechen: »Die Bourbonen glauben, man könne mein Blut vergießen, wie das der elendesten Thiere. Mein Blut ist jedoch ganz so gut wie das ihrige. Ich werde ihnen die Angst, die sie mir einjagen wollen, vergelten. Moreau verzeihe ich seine Schwäche und daß er sich von einer einfältigen Eifersucht hinreißen ließ, aber den ersten Prinzen, der mir in die Hände geräth, lasse ich ohne Gnade erschießen. Ich will sie lehren, mit wem sie es zu thun haben.« – Was den Alten für Recht galt, die wahrscheinlichen Gedanken ihrer Helden in positive Reden derselben zu verkleiden, was sollte es den neuern Historikern entstehen. Thiers läßt sogar seinen Helden Aeußerungen der Art beständig während der Untersuchung im Munde führen, er war finster, unstät und arbeitete wenig.

Savary mußte sich verkleidet mit einer Abtheilunq Elitegensdarmen nach der Normandie begeben, um den im Februar erwarteten Prinzen am Felsabhange von Biville zu erwarten und abzufangen. Tag und Nacht sollte er lauern und wenn der Fang ihm gelungen, die ganze Gesellschaft nach Paris senden. Den Prinzen, Berry oder Artois, hätte eine Militaircommission und die Füsillade erwartet.

Inzwischen hatte der verhaftete General Lajolais bekannt, daß er als Mittelsperson gedient, um Pichegru mit Moreau in Verbindung zu bringen, daß er nach London gereist, Pichegru mitgebracht und in Moreau's Arme geführt habe, aber – Alles sei nur geschehen, um Moreau zu bewegen, Pichegru's Nückberufung zu bewirken. Lajolais hatte nur seine eigenen Beziehungen zu Georges verschwiegen und wußte nicht, daß man auf andere Art zur Kenntniß der Verbindungen Pichegru's mit Georges und den Prinzen gekommen, daß also, indem er Moreau's Zusammenkunft und Verbindung mit Pichegru zugab, er auch den Beweis angab, daß Moreau mit Georges in Verbindung gerathen war. Und Moreau, der nichts von Lajolais' Angaben und den Aussagen der Andern wußte, leugnete vor dem Oberrichter Reignier, daß er von Beziehungen zu Lajolais, Pichegru, Georges etwas wisse, und erklärte, er begreift nicht, weshalb man alle diese Fragen an ihn richte.

Dies wäre zu seinem Verderben gewesen. Denn Bonaparte, von dessen milder Gesinnung gegen Moreau wir schon sprachen, habe die Ansicht gehabt, ihn zu einem stillen Eingeständnisse zu bewegen. Wenn er, zu ihm in die Tuilerien gebracht, seine Schuld gebeichtet, würde er seine »durch eine Eifersucht, die weniger ihm selbst, als seiner Umgebung angehörte, veranlaßten Verirrungen« ihm vergeben haben. Aber »Alles eingestehen, d.h. sich dem ersten Consul zu Füßen werfen, war eine Demüthigung, die nicht wol von einem Manne zu erwarten stand, dessen ruhige Seele sich nur wenig hob, aber auch nur wenig erniedrigte.« Zudem wäre ihm von Bonaparte der unrechte Mann, der Oberrichter Régnier, zugesandt worden, der, statt ihm vertraulich zuzusprechen, ihn mit kalter Höflichkeit in aller juridischer Form zu Protokoll vernahm.

Sei dies nun Wahrheit oder nur Vermuthung, das Resultat bleibt, daß Moreau Alles abstritt, Nichts zugestand, und statt nach den Tuilerien zu fahren, ins Gefängniß gebracht ward, wo sein Proceß mit aller juridischen Strenge geführt wurde.

Nun aber galt es, Pichegru und Georges zu ergreifen. Man ergriff auch täglich neue Mitschuldige, die sämmtlich bekannten, aber nur Das, was man schon wußte. Man kannte demnach alle Thatsachen, aber man fand keinen der Anführer und bekannten Großen, deren Arretirung allein die Ungläubigen und Schadenfrohen überzeugt hätte. Savary meldete von der normannischen Küste, daß er Alles in Augenschein genommen, an Ort und Stelle geprüft, daß Alles richtig sei, wie die Verhafteten es angegeben, die Art des Landens, die Schlucht von Biville, der Weg, die Etappenörter nach Paris, daß auch fast jeden Abend ein kleines Fahrzeug an den Küsten entlang fahre, sich nähern zu wollen scheine, aber nie nähere. Wahrscheinlich finden die erwarteten Signale nicht statt, oder man habe sonst Warnungen aus Paris nach London geschickt. – Savary ward aber nicht abberufen, sondern angewiesen zu warten, bis die Prinzen kämen.

In der Hauptstadt glaubte man täglich die beiden Gesuchten zu verhaften. Man fand, so zu sagen, die Betten oft noch warm, in denen sie geschlafen, aber sie selbst waren entschlüpft, um ihr Haupt unter einem andern Dache niederzulegen. Der erste Consul trug beim gesetzgebenden Körper auf ein neues Gesetz an, des Inhalts: daß Jeder, der Georges, Pichegru und 60 ihrer Mitschuldigen, deren Signalement gegeben wurde, verberge, mit dem Tode bestraft werden sollte. Wer sie sähe, oder ihren Versteck kenne und nicht angebe, hätte sechsjährige Kettenstrafe verwirkt. Dieses barbarische Gesetz ward vom gesetzgebenden Körper nicht allein angenommen, sondern auch am selben Tage, wo es eingebracht worden, und – ohne Widerstand! Zu dieser Höhe des Begriffs von Menschenrecht und bürgerlicher Freiheit war man am Schlusse der Revolution gediehen, einer Revolution, zur Erstreitung derselben begonnen, und welcher anderweitigen blutigen Uebergänge bedurfte es noch, bis wir dahin gelangten, wo Alle beim Gedanken an ein solches Blutgesetz ein Schauer ergreift.

Aber, publicirt, hätte das Gesetz vielleicht zur Folge gehabt, daß alle.Verschworene Paris augenblicklich verlassen hätten, und man wollte ihrer habhaft werden, was es auch koste. Deshalb ward im Augenblicke der Publication Paris geschlossen. Jedermann wurde ein, Niemand hinausgelassen. Die Fußgarde besetzte die Thore, die zu Pferde ritt in Patrouillen um die äußern Mauern. Jeder, der hinüberstiege, sollte verhaftet, wer zu entfliehen suche, auf den sollte geschossen werden. Auf der Seine hielten die Gardematrosen in Kähnen Tag und Nacht Wache. Nur die Postboten der Regierung durften hinaus, nachdem sie vorher untersucht worden.

Man glaubte sich in die Zeiten des Wohlfahrtsausschusses versetzt, man sprach es laut aus, und Bonaparte, der es hörte, immer mehr erbittert, ließ sich zu immer neuen, gewaltsamen Maßregeln hinreißen. Sein Geschichtschreiber glaubt hier den Wendepunkt in Napoleon's Leben zu finden, wo er, der »bisher an der Spitze des Staates nur als Weiser sich gezeigt,« sich vom Guten zum Bösen, von der Mäßigung zu Gewaltthätigkeiten gewandt; und Ursache davon die Aufstachelungen, die Intriguen seiner kleinlichen, durch keine Großmuth zu gewinnenden, durch keine Kraft in ihrer Zähheit zu überwindenden Feinde.

Die furchtbare Jagd ging in Paris los. Die Verschworenen irrten, zerfallen unter sich, ein Obdach für jede Nacht suchend und oft nicht findend. Angst und Entsetzen überall, Angst Derer, die verrathen zu werden fürchteten, und Derer, die Verräther zu werden sich gezwungen sahen, um ihr eigenes Leben zu retten. Man zitterte vor jedem fremden Gesichte, das abendlich an die Thür klopfte. Züge der verworfensten Gemeinheit wechselten mit Zügen des aufopfernden Heroismus. Mancher der vornehmen Geächteten »müßte ein Nachtlager mit 6000 bis 8000 Francs sich erkaufen. Georges, an solches abenteuerliche Leben gewöhnt, der oft mit den scharfen Wendepunkten seines Schicksals gespielt, auf der einen Seite der Tod auf dem Schaffot, auf der andern ein Siegerkranz, fand diese Lage, minder gräßlich. Aber die Polignacs, Rivieres, welche ihr feines Hofleben auch in der Emigration, so weit es sich thun ließ, fortgefetzt, welche mit den andern Emigranten von einer noch immer mächtigen, glühend am Alten hängenden Partei im Innern Frankreichs geträumt, denen der Erlöser sich nur zu zeigen brauche, und Alles müsse sich erheben, diese mußten in Trostlosigkeit umher irren, in ihrer dürftigen Verkleidung, in der feuchten Frühjahrsluft ohne Obdach, in schmuzigen Tavernen, begleitet von Mördern und Räubern, und selbst von Denen ihrer Partei mit Kälte, Verlegenheit, oder gar dem Tadel empfangen, welcher bei einer verfehlten Unternehmung immer vorausgewußt hat, daß sie nicht glücken könne. Sie mochten selbst jetzt das Entwürdigende der Lage empfinden, zu der sie sich herabgelassen. Wo keine Partei auf das zu gebende Zeichen aufgestanden wäre, standen sie selbst vor ihrem eigenen Gewissen als Verschworene zu einer Mordthat da.

Pichegru's Lage war,vielleicht die allertraurigste. Dem Verständigsten, Besonnensten unter Allen, stand sie in voller Klarheit vor seinem Auge. Ein Ruhm war verloren gegangen, und statt ihn wieder zu gewinnen, war er noch tiefer gesunken. Das, wofür er gearbeitet, war nicht die Sache seines Herzens, und für sich fand er nicht einmal eine Partei, keine Theilnahme, nur Mitleid. Als er Moreau's Verhaftung hörte, rief er, er sei verloren; der Umgang mit den Chouans war ihm so zuwider als seinen aristokratischen Verbündeten, unter denen er mit dem verständigen Riviere am nächsten zusammenhielt. In Verzweiflung wollte er sich eines Abends erschießen, Riviere entwand ihm das Pistol. – Ein anderes Mal, ohne Nachtlager, erfaßte ihn der ritterliche Gedanke, auf die Ritterlichkeit eines Mannes zu zählen, der nach Stand und Pflicht sein Feind und Angeber sein mußte. Er klopfte bei dem Minister Barbe Marbois an. Beide hatten zu den Geächteten des 18. Fructidor gehört. Marbois ehrte das Vertrauen und nahm ihn auf, freilich ohne ihn schützen zu können. Später bekannte er die That seinem Obern und Napoleon billigte sie. Welche Züge in dieser Geschichte für die künftige Dichtung!

Endlich spielte ein ihm zugetheilter Officier den Verräther. Nachdem er auf seinem Lager die Bücher, von denen er sich nie trennte, zugeschlagen und die Lampe gelöscht hatte, drang die Gensdarmerie in sein Versteck ein und warf sich über ihn, ehe er seine Waffen ergreifen konnte. Nach einem dennoch heftigen Widerstände ward er überwältigt und nach dem Temple gebracht.

Gleich darauf wurden auch Armand von Polignac, Jules von Polignac und von Riviere, nicht von ihren Anhängern verrathen, aber von der Polizei bei dem täglichen Wechsel ihrer Zufluchtsörter entdeckt und arretirt. Jetzt war man von der Wirklichkeit des Complotes überzeugt. So bedeutende Häupter der Emigrantenpartei konnten nicht um Kleines willen nach Paris gekommen sein und ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Georges hielt sich am längsten, aber der Masse Agenten, die ihn Schritt für Schritt verfolgten, mußte auch er endlich erliegen. Mehre hatten ihn erkannt, der Wunsch, daß er verhaftet werde, war allgemein, denn der Chef der Chouans hatte die wenigsten Sympathien für sich; aber Niemand wollte, trotz des Blutgesetzes, sich dazu hergeben, ihn auszuliefern. Am 9. März Abends hatten mehre Polizeibeamte ein Haus umstellt, was durch das Aus - und Eingehen vieler schlecht gekleideter Leute verdächtig geworden. Es war Georges' letzter Zufluchtsort. Sein scharfes Äuge bemerkte es. Um 7 Uhr gelang es ihm unergriffen hinauszugehen. Auch er hatte seine geheime Polizei um sich. Er sprang beim Pantheon in ein Cabriolet, dessen Kutscher ein entschlossener Chouan war. Aber die Polizeibeamten folgten ihm gestreckten Laufes bis zum Platze Bussy. Einer ergriff das Pferd am Zügel. Georges streckte ihn durch einen Pistolenschuß nieder. Indem er hinaussprang, feuerte er auf einen zweiten, der schwer verwundet ward. Aber das Volk umstand ihn, ein Schlächter ergriff ihn. Man erkannte den furchtbaren Georges. – Paris war von einer drückenden Beklommenheit, die durch viele Tage geherrscht, erlöst.


Die ersten Geständnisse Georges' und der Polignacs nach ihrer Verhaftung räumten jeden Zweifel hinsichts der wirklichen Existenz und des Zweckes der Verschwörung hinweg.

Georges Cadoudal erschien am offenherzigsten, er legte sogar mit einem gewissen Stolze sein Bekenntniß ab. Ein junger, kräftiger, breitschulteriger Mann, war sein volles Gesicht eher offen und arglos, als finster und boshaft. Man nahm ihm gegen 60,000 Francs in Gold und Bankbillets ab, die er mit seinen Waffen, Pistolen und Dolch, stets bei sich trug. Seine Antworten im zweiten Verhöre sind charakteristisch:

– Seit wann sind Sie in Paris?

Seit ungefähr fünf Monaten; ich bin im Ganzen nicht vierzehn Tage darin geblieben.

– Wo haben Sie gewohnt? Das will ich nicht sagen...

– Welcher Beweggrund hat Sie nach Paris geführt? Ich bin in der Absicht gekommen, den ersten Consul anzugreifen.

– Worin bestanden Ihre Angriffsmittel?

Der Angriff sollte durch offene Gewalt geschehen.

– Wo dachten Sie diese Gewalt zu finden? In ganz Frankreich.

– Gibt es denn in ganz Frankreich eine organisirte Gewalt, die Ihnen und Ihren Mitschuldigen zur Verfügung steht?

In diesem Sinne darf die Gewalt, von der ich vorher sagte, nicht verstanden werden.

– Was ist denn unter der Gewalt, von der Sie sprachen, zu verstehen?

Eine Vereinigung von Gewaltmitteln in Paris. Diese Vereinigung ist noch nicht organisirt; sie würde es erst geworden sein, sobald der Angriff definitiv beschlossen gewesen wäre.

– Welchen Plan hatten Sie und Ihre Mitverschworenen?

Einen Bourbon an die Stelle des ersten Consuls zu setzen.

– Wer war der dazu bestimmte Bourbon?

Charles Lavier Stanislaus, vormals Monsieur, von uns als Ludwig XVIII. anerkannt.

– Welche Rolle sollten Sie bei dem Angriffe übernehmen? .

Diejenige, welche einer der ehemaligen französischen Prinzen, der sich in Paris befinden sollte, mir anweisen würde.

– Also in Übereinstimmung mit den ehemaligen franzosischen Prinzen ist der Plan entworfen worden und sollte er ausgeführt werden?

Ja, Bürger Richter.

– Sie haben sich also mit diesen ehemaligen französischen Prinzen in England berathen?

Ja, Bürger! – Wer sollte die Geldmittel und die Waffen liefern?

Die Geldmittel hatte ich seit langer Zeit zu meiner Verfügung; die Waffen hatte ich noch nicht....

Georges war fast stolz auf die neue Art der Erfindung seines Complots, auf offener Straße, in einer Art Schlacht, sein Opfer anzugreifen. Die Gegenwart eines französischen Prinzen sollte jeden Gedanken an einen Meuchelmord abwenden. Und doch, als man ihm vorwarf, daß er Saint Réjent (1800) nach Paris geschickt, der die Höllenmaschine springen ließ, antwortete er: »Geschickt habe ich ihn; aber die Mittel, deren er sich bedienen sollte, habe ich ihm nicht vorgeschrieben.« Dagegen war kein Geständniß bezüglich auf seine Mitverschworenen ihm zu entlocken; er wiederholte: »Es sind Opfer schon genug da; ich will ihre Zahl nicht vermehren.«

Die Rivière, Polignacs gestanden, wenn auch mit mehr Umschweifen, den wichtigsten Theil des Planes ein. Einen Mordanfall wollten sie nicht begünstigt haben, aber sie wären »zu einem Etwas,«, zu einer Art Bewegung, nach Frankreich gekommen, an deren Spitze ein französischer Prinz auftreten sollte. Sie seien ihm nur vorausgereist, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob es nützlich und angemessen sei, daß er komme.

Rivière wollte nicht einmal wissen, welche Passagiere mit ihm auf dem Schiffe gewesen, »da das mich nichts angeht, weiß ich es nicht.« – Als Absicht gab er an: »Ich wollte mir über die Lage der Dinge und den politischen wie den innern Zustand Gewißheit verschaffen, um den Prinzen Mittheilungen davon zu machen, die nach meinen Beobachtungen beurtheilt haben würden, ob es in ihrem Interesse liege, nach Frankreich zu kommen oder in England zu bleiben. Ich muß jedoch bemerken, daß ich in diesem Augenblicke keinen besondern Auftrag von ihnen hatte.« Als Ergebniß seiner Beobachtungen führte er an: »Im Allgemeinen glaubte ich viel Egoismus, Apathie und ein großes Verlangen, Ruhe zu behalten, in Frankreich wahrzunehmen.«

Armand von Polignac sagte von dem Prinzen, zu dem er in treuer Anhänglichkeit sich gebunden fühlte: daß der Graf von Artois den Plan gehabt, nach Frankreich zu kommen und dem ersten Consul den Antrag zu machen, daß er die Zügel der Regierung aufgebe, damit er, Artois, sie seinem Bruder einhändigen könne. Erst, wenn der Consul diesen Antrag verworfen, wäre der Graf entschlossen gewesen, einen gewaltsamen Angriff zu beginnen, um die Wiedereroberung von Rechten zu versuchen, die er als das Eigenthum seiner Familie betrachtete. Er, Polignac, sei vorausgereist, um seine Eltern, seine Frau und seine Freunde zu besuchen. Im Augenblicke der Abreise habe er laut erklärt: wenn nicht alle Mittel das Gepräge der Ehrenhaftigkeit trügen, würde er sich zurückziehen und wieder nach Rußland gehen. Er wußte endlich, daß eine ernste Besprechung in Georges' Hause zwischen diesem, Pichegru und Moreau stattgefunden, das Ergebniß habe aber nur unangenehme Ungewißheiten gelassen. . -

Jules von Polignac, der sonst mit seinem Bruder ziemlich gleichlautend bekannte, fügte hinzu: »Da es ihm, sowie auch seinem Bruder, geschienen, daß Dasjenige, was man thun wolle, nicht so edel, wie sie es natürlich erwarten mußten, hätten sie davon gesprochen, sich nach Holland zurückzuziehen.« – »Er habe den Verdacht gehegt, daß es, statt irgend einen Auftrag hinsichtlich einer Regierungsveränderung auszurichten, sich darum handele, gegen eine einzelne Persönlichkeit zu verfahren, und daß es der erste Consul gewesen, den Georges' Partei anzugreifen beabsichtigt habe.«

Alle also sagten auf die Theilnahme eines Prinzen aus, um sich selbst durch diese Gesellschaft in ein bessres Licht zu setzen, als worin sie die Gemeinschaft mit Chouans versetzt, und durch das Factum getröstet, daß diese Prinzen jenseit des Meeres waren, in solcher Sicherheit, daß Bonaparte's Arm sie nicht erreichen konnte. Sie ahneten aber nicht, daß dieser Arm einen derselben dennoch erreichen könne, der durch keinen Canal geschützt war. Sie wußten auch nicht, welche Gefühle der Rache sie in Napoleon gegen diese Prinzen dadurch erweckten, der laut ausgerufen haben soll: ein Boürbon gelte ihm nicht mehr als Moreau und Pichegru, ja sogar weniger. In der Meinung, unverletzlich zu sein, gefährdeten diese eitlen Menschen nach Lust und Belieben eine Menge Unglücklicher jeden Ranges und blieben selbst wohl gesichert hinter dem Meere. Aber er werde schon Einen bekommen und den lasse er erschießen, wie jeden andern Mssethäter und Verräther. – Niemand wagte dem Zornigen zu widersprechen. Nur Cambacérès zeigte eine stumme Mißbilligung. Fouché, um Napoleon für immer mit den Royalisten zu entzweien, stimmte für die Nothwendigkeit eines Beispiels; Talleyrand zuckte die Achseln und sagte, Bonaparte habe zu viel für die Royalisten gethan, daß arge Zweifel bei den Männern der Revolution aufgestiegen seien, daher müsse er endlich streng strafen und ohne Ausnahme. – In diesem Augenblicke – Savary meldete aus der Bretagne, daß kein Schiff mit einem Prinzen landen wolle – fand Bonaparte, indem er sich die Mitglieder der königlichen Familie von Talleyrand aufzählen ließ, den Namen des Herzogs von Enghien, eines bourbonischen Prinzen, der am Rheine, dicht an Frankreichs Grenze, im Versteck zu liegen schien, und es erfolgte Das, was wir im vorigen Falle erzählt haben – eine kurze, rasche, schreckenvolle Episode des großen Processes, der sich noch lange hinzog in die daraus entspringenden Weltbegebenheiten hinein.


Die Wirkungen der Hinrichtung des Duc d'Enghien, in Paris schon in den Hintergrund tretend, dröhnten noch in der europäischen Politik wieder, und bereiteten Bonaparte Verwickelungen, welche die Fortsetzung des ungeheuren Processes gegen Georges, Moreau, Pichegru, die Polignacs und Rivieres nicht zu einem angenehmen Geschäfte machten. Es galt Opfer zu fordern, die unter zwei mächtigen Parteien, Republikanern und Royalisten, hoch geehrt waren, und deren Verdammung unberechenbare Nachrede und Verleumdung ihm zuziehen mußte. Aber auch wenn seiner Rache gegen die Royalisten durch des Prinzen Tod genügt war, mußte doch, auch unbeschadet der politischen Rücksichten, für die zur Sprache gekommenen Thatsachen Gerechtigkeit geübt werden.

Bonaparte's Stimmung war von Anbeginn der Entdeckungen, wie gesagt ist, nicht feindlich gegen die republikanischen Elemente in dieser Verschwörung gewesen. Sie waren durch Unmuth, Neid oder den Fluch der Verhältnisse hinein gerathen; sie erschienen ihm nur als Werkzeuge in den Händen der Royalistm, die allein diesmal die Züchtigung empfinden sollten. Er hatte Moreau wollen Gnade widerfahren lassen und auch Pichegru. Die trübselige Lage dieses von der höchsten Glorie so tief gestürzten Mannes,, mit dem er überdies nie eigentlich in persönliche Conflicte gekommen war, hatten ihn mit Mitleid erfüllt. »Unter Chouans! Ein sauberes Ende für den Besieger von Holland!« hatte er zum Staatsrath Réal gesagt. – Er hatte einen Plan für seine Gnade entworfen. In Cayenne sollte eine Colonie gegründet werden. Pichegru kannte das Land, da er als Verbanntet daselbst gelebt. Er hielt ihn für fähig eine Niederlassung im großen Stile zu gründen und trug Réal auf, Pichegrü im Gefängniß zu besuchen und mit ihm darüber Rücksprache zu nehmen. Réal hatte den Auftrag ausgerichtet, Pichegru zuerst aber nicht daran glauben wollen, oder er hielt es für ein Mittel ihn zu gewinnen, um gegen seine Unglücksgenossen auszusagen. Als er sich überzeugte, daß es Ernst und Großmuth war, daß man keine Enthüllungen von ihm verlange, war er tief gerührt. Seine verschlossene Seele öffnete sich, sagt Thiers, er vergoß Thränen, und ging willig auf den Plan ein, der mit seinen eigenen Gedanken wunderbar zusammentraf, weil er während seiner Verbannung oft gedacht, was man aus dem glücklichen Lande machen könne.

Aber der Staätsrath Réal hatte in diesen Processen ein eignes Unglück. Wie er in Vincennes zu spät gekommen, um möglicherweise den Tod des Duc d'Enghien zu verhindern, so vernachläßigte er auch, durch tausend Sorgen in Anspruch genommen, den Kerker Pichegru's, entweder weil er ihn als einen schon Begnadigten betrachtete, oder weil aus dem kalten, entschlossenen und verständigen Manne doch nichts zu entlocken gewesen wäre, was dem Processe eine neue Wendung geben können.

Pichegru hörte nichts weiter von den Vorschlägen des ersten Consuls, dagegen von Enghiens blutig raschem Ende. Er verfiel in eine bei seiner Lage sehr begreifliche Melancholie. Die Versprechung war eine leere Täuschung, auch ihn erwartete ein so dunkles Ende. Den Tod fürchtete er vielleicht nicht; so, schuldbelastet, jämmerlich, ein so glorreiches Leben zu enden, Das war es, was ihn drückte. Auch, daß er zwischen Moreau und Georges auftreten, zeugen sollte. Er wollte sterben, aber ohne die öffentliche Schande.

Eines Morgens im April hörten die Wächter ein Geräusch in seinem Zimmer. Als sie eintratm, fanden sie ihn erstickt, das Gesicht roth, wie vom Schlage getroffen. Mit einer zusammengedrehten seidenen Halsbinde hatte er sich, durch einen Holzpflock, den er als Würgemittel gebraucht, erdrosselt. Er hatte in dieser Nacht noch mehre Stunden in Seneca's Schriften, die ihm Réal geliehen, gelesen. Das Buch war an einer Stelle aufgeschlagen gelassen, wo vom freiwilligen Tode die Rede ist.

Aerzte und Gerichtspersonen, sogleich herbeigerufen, ließen keinen Zweifel über die Ursache seines Todes, die Parteiwuth wußte es aber anders. Pichegru war auf Napoleon's Befehl durch vier seiner Mamelucken erdrosselt worden und dann in die Lage gebracht, in der man ihn fand. Georges sollte in seinem Kerker, als er von Pichegru's Selbstentleibung gehört, gebeten haben zu Protocoll zu nehmen: daß er sich nicht selbst ums Leben bringen werde; wenn man ihn einmal erhenkt fände, möge man sicher darauf rechen, daß dabei andere Hände im Spiele gewesen. Napoleon's Motiv zu diesem heimlichen Morde war nicht persönlicher Haß gegen Pichegru, sondern Furcht vor seinen Aussagen vor Gericht, durch welche Moreau's vollkommene Unschuld dargethan wäre. Beweis: weil Niemand sich selbst auf die angegebene Art zu erdrosseln die ausdauernde Kraft und den ausdauernden Willen haben könne. Diese von den Royalisten jener Zeit wahrscheinlich ausgehende Deutung ward aber in Europa mit dem wachsenden Hasse gegen den Tyrannen immer bereitwilliger geglaubt; ja wir finden sie noch als eine höchst wahrscheinliche in historischen und biographischen Werken (unter andern in der bald nach dem Befreiungskriege erschienenen Ausgabe des Conversationslexikons) aufgenommen. Nach Napoleon's Sturz, unter der Restauration, wo Alles hervorgesucht wurde, sein Andenken zu beflecken, würde man auch dafür Beweise gesucht und gefunden haben, wenn man sich damit getraut hätte durchzudringen. Es ist nicht versucht worden. Und bedurfte es denn noch einer neuen Blutschuld in diesem Processe, wo der Mord Enghien's mit blutigen Zügen in der Geschichte niedergeschrieben steht, von Niemand geleugnet, ja kaum ernstlich vertheidigt? Daß die Parteiwuth in großen Krisen, um Wuth, Abscheu und Muth in Andern zu erwecken, Verbrechen erfindet, liegt in der Natur der Sache; es ist nur auffällig, daß eine solche Fiction nöthig schien, wo die Wahrheit an Dem, was man bedurfte, reich genug war, und daß ein so grausiges Ammenmährchen, wie von den Erdrosselungen durch die Mamelucken, sich so lange erhalten konnte.

Im Uebrigen ist erwiesen, daß Bonaparte vernünftigerweise durch Pichegru's Tod nicht gewinnen, nur verlieren konnte. Wenn es ihm vor Allem darauf angekommen wäre, seinen Nebenbuhler Moreau zu verderben, so bedurfte er dazu Pichegru's Zeugniß, des einzigen Mannes, der mit ihm umständlich verhandelt hatte, der seine vollen Ansichten kannte. Gegen Georges und die Chouans hatte und konnte ein Moreau sich nicht aufgeschlossen haben. Wenn ferner Bonaparte, ein solches Verbrechen zu begehn, sich damals gedrungen gefühlt hatte, warum verübte er es gegen Pichegru, gegen den er weder alten Haß hegte, noch den er zu fürchten brauchte, weil er von seinen Republikanern verlassen und verachtet, von den Royalisten noch kaum in Gnade aufgenommen war, warum nicht gleich gegen Moreau, der vor den Republikanern noch in unbeflecktem Glanze und voller Achtung dastand?


Napoleon war inzwischen aus einem ersten Consul der Kaiser der Franzosen geworden. Die Complote der Bourbonen hatten geholfen, den Weg zum Throne, in der öffentlichen Meinung ihm zu bahnen. Ein verdrießlicher Rest aus der Revolution und Republik blieb ihm übrig, der Georges'sche Proceß. Mit dem royalistischen Elemente desselben konnte er leicht fertig werden; es waren solche Eingeständnisse da, welche das Urtheil nicht zweifelhaft machten. Die Sympathien für diese Verurtheilten im Volke waren gering. Dagegen waren die Beweise gegen Moreau zweifelhaft und die volle Sympathie, nicht allein der Republikaner, sondern der ganzen Nation, hob und unterstützte diesen Angeschuldigten. Er, der für Napoleon's Rivalen galt, jetzt auf der Bank der criminell Angeschuldigten, mit einer Anklage auf Tod und Leben, während sein glücklicher Nebenbuhler die Krone des Abendlandes auf seine Stirn drückte!

Am 11. Mai 1804 begannen die Gerichtssitzungen vor dem Criminalgerichtshofe der Seine unter dem Präsidenten Hemart. Die Vorlesung der Anklageacte nahm die ganze erste Sitzung hinweg; sie füllte 8 Beilagen des Moniteurs und 350 Seiten der über den Proceß herausgegebenen Bände. – Auf den Bänken der Angeklagten saßen 47 Personen! Wie wir hier nur die Häupter derselben nennen, wird man auch nicht von uns fordern, den ganzen Gang dieser Debatten, die 14 Tage wegnahmen, zu erzählen. In dem vorausgeschickten historischen Theile ist das Wesentlichste der Entwickelungen bereits gegeben. Es ist Das, was diesen Proceß interessant macht; die juridischen Details drehen sich, wo sie für uns wichtig werden, nur um den Punkt, in wiefern Moreau mehr oder weniger von dem Complot gewußt und seine Zustimung gegeben oder nicht. Nicht Alles ist, wie es freilich selten bei einem Processe der Fall sein wird, ans Licht gebracht; nach dem Ermittelten aber wird man schwerlich dem Urtheile des Gerichtshofes in diesem Punkte seine Zustimmung versagen, wie wenig derselbe auch auf der einen Seite dem Kaiser, auf der andern den Verehrern Moreau's genügte.

Diese Hauptangeklagten waren:

Georges Cadoudal, 35 Jahre alt.

Athanaze-Hyacinthe Bouvet de Lozier, 35 Jahre alt, der royalistische Officier, welcher nach einem Selbstentleibungsversuche die erste racheschäumende Aussage gegen Moreau erhob.

Francois-Louis Ruzilion, 52 Jahre alt, aus Yverdun in der Schweiz, welcher die Correspondenz der Royalisten besorgte, ihre Landungen begünstigte, ein sehr thätiger Royalist, welcher diese Katastrophe überlebte, um unter der Restauration seine Belohnung zu empfangen.

Armand Francois Heraclius Polignac, 31 Jahre alt, in Rußland angesessen, der als 16jähriger Knabe Frankreich verlassen.

Jules-Armand-Auguste Polignac, sein Bruder, 23 Jahre alt, derselbe, welcher 26 Jahre später aufs Neue als Hochverräther vor dem Pairshofe erscheinen sollte, der unglückliche, verblendete Minister Karl X. und, wie man jetzt in Frankreich allgemein annimmt, sein natürlicher Sohn.

Charles Francois Marquis de Riviere, 39 Jahre alt, angeblich Oberster in Portugiesischen Diensten.

Louis Picot, 28 Jahre alt, Georges' Bediente, Capitain unter den Chouans, und wegen seiner Grausamkeit so berühmt, daß er den Beinamen »Henker der Blauen« führte.

Jean Rolland, 45 Jahre alt, Lieferant der Armee und der Vermittler zwischen Lajolais und Moreau.

Frederic Lajolais, 39 Jahre alt, Exbrigadegeneral.

Der Abbé Pierre David, 55 Jahre alt, welcher Moreau's erste Verhandlung mit Pichegru in London vermittelt haben sollte.

Jean Victor Moreau, 40 Jahre alt.

Der Gerichtshof war gedrückt voll von Zuschauern. Die Angeklagten saßen in vier Reihen hinter einander. Georges und sein Anhang zeigten eine gesuchte Zuversicht. Sie waren stolz, Opfer, Märtyrer ihrer Ueberzeugung zu werden. Georges benahm sich fast zu energisch, was einigen Unwillen erregte. Moreau, auf dem Aller Blicke theilnehmend hafteten, für den die Bürgerschaft von Paris fast leidenschaftlich Partei nahm, schien unter seinem Ruhme gebeugt, er entbehrte der ruhigen Zuversicht, welche sein großes Verdienst im Kriege war. Sichtlich war es ihm peinigend, mit einer Reihe wilder Chouans auf denselben Anklagebänken zu sitzen. Selbst die Theilnahme der alten Soldaten der Republik, welche ihm Beifallsbezeugungen spendeten, schien ihn zu belästigen, und während die meisten Andern ihren Namen mit Nachdruck sprachen, sprach er seinen so leise aus, daß man es kaum verstand.

In den 6 ersten Sitzungen wurden 139 Zeugen vernommen, in der 7. und 8. die 16 Entlastungszeugen, die 6 letzten wurden mit den Reden der Anwalte, mit dem Requisitorium des kaiserlichen Procurators und mit den Reden der Angeschuldigten selbst gefüllt.

Die Royalisten hatten sich auf den Rath ihrer Vertheidiger, wie es heißt, dahin verständigt: Moreau in ihren Aussagen so viel als möglich aus dem Spiele zu lassen. Sie haßten ihn, aber es lag in ihrem Interesse ihn zu retten; ein Mal, weil Napoleon dadurch ein empfindlicher moralischer Schlag versetzt werde, wenn sein Nebenbuhler als Sieger aus dem Kampfe hervorgehe, natürlich dann ein ihm unversöhnlicher Feind. Zweitens aber, argumentirten sie, wenn Moreau nicht mit ihnen conspirirt habe, könnte eine Conspiration überhaupt in Zweifel gezogen werden, und wo keine Conspiration, sei auch kein Verbrechen, keine Schuldigen und keine Strafe.

So sagten Georges, die beiden Polignacs und der Marquis von Rivière: daß sie blos nach Paris gekommen wären, weil man ihnen die neue Regierung als gänzlich in der Gunst des Volkes gesunken und die Gemüther als den Bourbons allgemein wieder zugewendet geschildert habe. Sie verbargen ihre Anhänglichkeit an die Sache des legitimen Fürsten nicht und ihre Geneigtheit, zu einer Bewegung mitzuwirken, wenn eine möglich gewesen wäre; allein, fügten sie hinzu, Moreau, welchen Ränkemacher als völlig bereit zum Empfange der Bourbons schilderten, dachte gar nicht daran und wollte auf keinen ihrer Vorschläge hören! Seitdem hätten sie nicht einmal ans Conspiriren gedacht. Als Georges über das Eigentliche des Anschlages befragt und ihm seine ersten Aussagen vorgehalten wurden, in denen er eingestanden hatte, daß er gekommen sei, um den Ersten Consul auf dem Wege nach Malmaison, mit einem französischen Prinzen zur Seite, anzufallen, erwiderte er verwirrt, daß man ohne Zweifel später darauf gekommen sein würde, wenn ein Aufstand passend geschienen hätte; allein da für den Augenblick nichts zu machen gewesen, habe man sich nicht einmal mit dem Angriffsplane beschäftigt. Man wies ihm die Dolche, die für seine Chouans bestimmten Uniformen, die neben ihm auf der Bank der Angeklagten sitzenden Chouans selbst; er wurde dadurch nicht gerade aus der Fassung gebracht, verhielt sich aber von nun an schweigsam und schien damit einzugestehen, daß das für seine Mitangeklagten und für Moreau ausgedachte System weder ein wahrscheinliches, noch würdiges sei.

Nur in einem Punkte blieben Alle in Uebereinstimmung mit ihren ersten Aussagen: über die Anwesenheit eines französischen Prinzen unter ihnen. Sie empfanden in der That, daß sie, um nicht in die Classe von Meuchelmördern gestellt zu werden, müßten sagen können, ein Prinz stehe an ihrer Spitze. Es machte für sie nicht viel aus, daß sie die königliche Würde bloßstellten; ein Bourbon gab ihnen das Ansehen von Soldaten, welche für die legitime Dynastie fechten. Da übrigens jene unklugen Bourbons ihr Leben in London in Sicherheit brachten, ohne sich über ihre unglücklichen Opfer zu beunruhigen, so konnten diese Opfer in Paris wol versuchen, wenn nicht ihr Leben, doch wenigstens ihre Ehre zu retten.

Die Angeklagten widersprachen oft den Zeugen, doch ohne große Wirkung für sich selbst. Sie waren fast sämmtlich mit Dolchen und Pistolen in ihren Kleidern oder gar in der Hand ergriffen worden; sie hatten sich Pulver und andere Waffen zu verschaffen gesucht und im ersten Schrecken nur zu deutlich ihre Absicht ausgesprochen. Sie suchten zwar die frühern Zugeständnisse bei oder nach der Verhaftung zurückzunehmen, oder sie anders zu deuten, sie hätten in der ersten Bestürzung gesprochen, oder nur nach Hörensagen; aber die Thatsachen stimmten zu sehr ineinander und der Zeugen waren zu viele. Selbst die Advocaten konnten in den wenigsten Fällen die vollkommene Unschuld ihrer Clienten behaupten, sie begnügten sich, ihre Unerfahrenheit, Jugend, Unkenntniß der Gesetze hervorzuheben und sie der Milde des Gesetzes anzuempfehlen. Alle waren im Solde Englands, und dies war ihr größtes Verbrechen in den Augen des Publicums; es ließ sie strafbarer erscheinen als die Vendéer oder die Straßenräuber, welche, angeblich oder wirklich, im Dienste der Bourbonen plünderten und mordeten.

So war denn die eigentliche Untersuchung nur gegen Moreau gerichtet. Durch die ganze Stadt war es verbreitet, daß Napoleon ihn schuldig befunden, ihn zum Tode verurtheilt wissen wolle, um ihn nachher durch seine Begnadigung zu demüthigen und den einzigen ihm gefährlichen Mann, den Liebling des Volkes, dadurch zu vernichten. Diese Annahme war nicht aus der Luft gegriffen, und die Aeußerungen der Theilnahme waren so lebhaft in Paris, daß der Kaiser es für nöthig hielt, durch eine verstärkte Militairwache die Zugänge zum Palais de Justice während der ganzen Dauer des Processes besetzen zu lassen.

Bouvet de Lozier's erste- Angabe war das Fundament der Anklage gegen Moreau gewesen; man verfolgte sie auch in dem Zeugenbeweise.

Eine Dame Saint Léger hatte in der Vorstadt Chaillot Bouvet ein Haus vermiethet, in welchem Moreau, Pichegru und Georges nach Bouvet's weiterer Aussage eine Zusammenkunft gehabt hatten. Armand Polignac hatte diese Angabe bestätigt.

Bouvet bestätigte vor Gericht seine Aussage, aber er fügte hinzu: »Damals hatte ich geglaubt, daß der General Moreau seine Zustimmung zu dem Plane, dessen ich erwähnt, gegeben. Seitdem aber habe ich mich überzeugt, daß der General Moreau nicht seine Zustimmung zu dem Plane gegeben hatte, und daß der Prinz (Graf d'Artois) darin von einigen Intriguanten seiner Umgebung getäuscht worden.«

Armand Polignac sagte: »Was meine Erklärung hinsichts des Generals Moreau betrifft (seine Zusammenkunft zu Chaillot mit Georges und Pichegru), so hatte ich das nur vom Hörensagen. Ich habe es aber nur sagen hören und ich kann die Thatsache selbst nicht versichern.«

Couchery, einer der Angeklagten, sagte aus, daß er Pichegru in Chaillot in seinem Cabriolet aufgenommen und zu Moreau gefahren habe, wo diese beiden Generale eine Zusammenkunft gehabt hätten. Moreau bestritt das Factum nicht, aber man habe nichts vom Complot bei dieser Zusammenkunft gesprochen. Er sagte:

»Es wäre lächerlich gewesen, Pichegru den Vorschlag zu machen, etwas zu wagen. Von der andern Seite aber noch viel lächerlicher, ausgesprochenen Royalisten und Anhängern des Hauses Bourbon vorzuschlagen, eine royalistische Bewegung ins Werk zu setzen, um mich an die Spitze zu bringen. Das wäre wirklich das äußerste Maß des Lächerlichen. Wenn ich denn aber in der That eine Bewegung für mich beabsichtigt hätte, wo sind denn meine Bundesgenossen? – Wo sind Die, die ich verführt habe, oder hätte verführen wollen? Ich sehe Niemand, ich kenne Niemand, der im Senate sitzt oder im Staatsrathe. Ich habe, seit der Friede geschlossen ist, aller Correspondenz mit der Armee entsagt, mit den constituirenden Behörden. Ich sehe Niemanden in Paris. Wo sind denn meine royalistischen Entwürfe seit 1798? – – Wenn ich zur Macht gelangen wollte, hatte ich eine bessere Gelegenheit. Man hat mir die Dictatur in Frankreich angeboten, vor Bonaparte, und ich schlug sie aus. – – Wenn Pichegru ein Beschützer der französischen Prinzen war, so ist es eine ausgemachte Sache, daß wir nicht einig waren. Ferner, wenn man annähme, daß ich die Partei da ergriffen, um mir eine zu machen, so wäre das so absurd wie lächerlich, daß ich nicht meine, daß irgend ein vernünftiger Mensch es glauben könnte... Da ich seit 10 Jahren, wo ich als Krieger gedient, nie etwas Lächerliches begangen habe, so wird wol die Vermuthung zu meinen Gunsten sprechen, daß ich mich auch auf die Lächerlichkeit nicht, eingelassen habe.«

Bei diesen Worten dröhnte der ganze Saal von lautem Beifall wieder. Georges rief höhnisch aus:

»Moreau kann nur die Bank der Angeklagten verlassen, um die Tuilerien zu beziehen!«

Bald nach seiner Verhaftung hatte Moreau sich bewogen gefunden, in einem Privatbriefe an den ersten Consul sein Benehmen zu rechtfertigen und sein Vertheidigungssystem auseinander zu setzen. Thiers behauptet, er sei unglücklicherweise zu spät gekommen, um auf Bonaparte die günstige Wirkung hervorzubringen. Er habe nun nicht mehr zurückgekonnt, ohne den Schein zu geben, als fürchte er die öffentlichen Verhandlungen. Moreau blieb bei jenem Vertheidigungssysteme vor Gericht. Er gab zu, Pichegru gesehen zu haben, allein in der Absicht, sich mit ihm zu versöhnen und um demselben die Möglichkeit zur Rückkehr nach Frankreich zu verschaffen. Nach Beschwichtigung der bürgerlichen Wirren habe er geglaubt, daß es sich der Mühe verlohne, den Eroberer Hollands der Republik zurückzugeben. Er habe ihn weder in öffentlicher Weise sehen, noch, da er allen Einfluß durch seine Zwistigkeit mit dem ersten Consul eingebüßt, direct um dessen Zurückberufung anhalten wollen. Keinen andern Grund habe die Heimlichkeit gehabt, mit der er sich umgeben. Man habe allerdings diese Gelegenheit benutzt, um von Anschlägen gegen die Regierung zu sprechen, die aber von ihm als lächerlich zurückgewiesen worden wären. Anzeige davon habe er nicht gemacht, weil er sie für ungefährlich hielt und überdies ein Mann seiner Art das Gewerbe eines Angebers nicht treibe.

Bei den Verhandlungen bewährte er überall die wahrhafte Geistesgegenwart, welche ihn im Kriege, in der Gefahr ausgezeichnet. Auf die Frage, wie es ihm hätte einfallen können, mit Pichegru, einem Verräther, den er selbst einst dem Directorium überliefert, sich auszusöhnen und ihn nach. Frankreich zurückzuführen, antwortete er: »Zu einer Zeit, wo Condé's Armee schon die Salons in Paris und die des ersten Consuls erfüllte, konnte ich mich wol damit beschäftigen, den Eroberer von Holland Frankreich zurückzugeben.«

Gegen ihn sprach besonders das Zeugniß des Mitangeschuldigten Rolland, eines ehemaligen Armeebeamten, der in Pichegru's Namen Moreau um eine entscheidende Antwort angegangen war. Mit innerm Widerstreben, aber mit Festigkeit, blieb er dabei, daß Moreau ihm erwidert: »Ich kann mich nicht an die Spitze einer Bewegung für die Bourbonen stellen; sie sind Alle so schlecht berathen, daß ein solcher Versuch nicht gelingen könnte. Wenn Pichegru in einem andern Sinne handeln wollte, in diesem Falle habe ich ihm schon gesagt, daß der Consul und der Gouverneur von Paris verschwinden müßten. Ich glaube, daß ich eine ziemlich starke Partei im Senate habe; ich würde mich derselben bedienen, um seine Leute in Schach zu halten. Dann würde sich schon zeigen, was es zu thun gäbe. Aber schriftlich verpflichte ich mich zu nichts.«

Vor Allem ward in die Wagschale gegen ihn sein anfängliches Ableugnen gelegt: daß er nichts von Pichegru's Anwesenheit in Paris wisse; daß. nie von einer Versöhnung zwischen ihm und diesem, die Rede gewesen. Weshalb hätte er dies leugnen sollen, wenn er sich nicht schuldbewußt gefühlt?

Aus einer Antwort Pichegru's ergebe sich, daß Beide sich verabredet, vor Gericht nichts von einander wissen zu wollen. Denn jener rief, als man ihn nach der Versöhnung zwischen ihm und Moreau fragte, wie unwillig aus: »Eine Versöhnung findet zwischen Militairpersonen nur dann statt, wenn sie sich vorher arrangirt haben, und dazu hatten wir nicht die Gelegenheit!«

Desgleichen hatte er jede Zusammenkunft mit Georges in Abrede gestellt. Sie war aber außer Zweifel gesetzt. Weshalb dies Ableugnen, wenn er nicht die volle Verschuldung gefühlt?

Bouvet de Lozier hatte seine frühere Polizeiaussage vor Gericht allerdings gemildert. Er hatte immer nur ausgesagt, was er selbst von Georges erfahren. Dieser erklärte, er habe falsch verstanden und falsch gehört, folglich einen ungenauen Bericht gemacht. Nichtsdestoweniger blieb die nächtliche Zusammenkunft auf dem Boulevard de la Madelaine übrig, wo Moreau mit Pichegru und Georges zusammen gewesen. Wenn es weiter nichts gegolten, als Pichegru die Rückkehr nach Frankreich zu verschaffen, weshalb diese geheimnißvolle Zusammenkunft bei Nacht, und zugleich mit dem Haupte der Chouans, einem Georges Cadoudal, dem nur ein Royalist, auf keinen Fall ein Republikaner wie Moreau, ohne Gefährdung seines Charakters begegnen konnte?

Moreau war schuldig! sagte damals sein Ankläger im Widerspruche der ganzen Nation, und: Moreau war schuldig! wiederholt heute die Nationalstimme in Frankreich, nicht weil er damals schuldig oder unschuldig war, sondern weil er inzwischen sich den Alliirten angeschlossen und mit ihnen gegen Napoleon, Frankreichs Tyrannen, sagte er, gegen Napoleon, seinen Privatfeind und damit gegen sein Vaterland, sagen die Franzosen, die Waffen getragen hatte. – Ex post führt man den Beweis gegen ihn: weil er 1813 sich zum Verräther gegen den Kaiser Napoleon stempeln ließ, muß er auch 1804 ein Verräther gegen den ersten Consul und Frankreich gewesen sein!

Thiers' Argumentation kennen wir. Ihm galt es, seinen Helden, Napoleon, rein darzustellen; aber auf der Höhe des Historikers mußte er auch Moreau Gerechtigkeit widerfahren lassen und wir glauben, daß er in Darstellung der thatsächlichen Verhältnisse der Wahrheit ziemlich getreu geblieben ist; er galt ihm nicht als ein Opfer Napoleon's, sondern als eins der eigenen Unbesonnenheit und Schwäche. Er schwankt, ob er ihn schuldig nennen soll, aber er möchte es gern.

Ein anderer Referent des Processes aus der Neuzeit (in dem Repertoire général des causes célèbres 1834) spricht gradezu sein Votum: Schuldig! aus.

»War Moreau, alles seines militairischen Ruhmes ungeachtet, ohne Ehrgeiz? Haßte er nicht etwa den Consul?

»Hatte die Freundschaft für Pichegru in ihm die Pflicht gegen sein Vaterland nicht schweigen lassen, als er, im Jahre V der Republik, durch 4 Monate den Verrath dieses Generals der Regierung verbarg? (Auch dieser Umstand der zu späten Anzeige der Unterhandlungen Pichegru's mit den Condés war in der Anklage ihm zum Verbrechen und zu einem Beweismittel gemacht worden, daß er auch jetzt fähig sei Verrath zu begehen.)

»Hatte er nicht auch in jener Epoche die bourbonischen Agenten, die Feinde Frankreichs, die Möglichkeit eines persönlichen Verrathes ahnen lassen?

»Hatte er mit Abscheu von sich gewiesen die Vorschläge des Abbé David (eines angeblichen früheren Un- terhändlers zwischen ihm und Pichegru. Dies Verhältniß scheint nicht klar ermittelt; auch läßt es Thiers in dem ausführlichen Theile seiner Darstellung ganz fallen, der doch Alles aufgenommen, was Moreau graviren konnte), die Lajolais' und den Briefwechsel mit Pichegru?

»Hatte er nicht den ersten dieser beiden Zwischenträger gedrängt, sich nach London zu begeben?

»Hatte sich nicht Pichegru, nachdem er durch Lajolais die letzten Zusicherungen Moreau's erhalten, eingeschifft und auch Georges und die Seinen veranlaßt, sich einzuschiffen?

»War nicht Pichegru, dessen politische Gesinnungen er kannte, den er endlich im Jahre V zu denunciren nicht umhin gekonnt, von ihm empfangen worden, und gleich nach seiner Ankunft?

»Hatte er nicht Pichegru, Georges und einige andere Verschwörer wiederholt gesehen?

»Wenn auch Pichegru, und Georges, und Lajolais, und Couchery, und Rolland, und die Andern ihm das Geheimniß der Verschwörung verborgen hätten, die Ge- genwart aller dieser Verräther in Frankreich und ihre Vereinigung dieser an das Verbrechen gewöhnten Menschen, hätte ihm das nicht schon hinlängliche Nachricht über Das gewähren können, was sie vorhatten?

»Angenommen, daß es ihm an gesundem Menschenverstande gefehlt hätte, was nicht anzunehmen ist, um diese Elenden nicht zu durchschauen, hatte er dann nicht die Pflicht gegen den Staat, den Einbruch von Georges und seiner Bande in Paris anzuzeigen?

»Was er im Jahre V sich zu Schulden kommen ließ, beging er wieder im Jahre XII. In beiden Epochen hätte sein Schweigen sein Vaterland ins Verderben stürzen können.«

Darum verurtheilt ihn der Patriot von 1834, nach dreißig Jahren, als schuldig!

Der nationale Haß, der hierin mitspricht, kann auf uns keinen Einfiuß üben. Wenn es ein Hochverrath in Frankreich damals gewesen wäre, wie es beim blutigen Buchstaben unserer Gesetze, leider ist, die Wissenschaft feindlicher Anschläge gegen die obrigkeitlichen Personen für sich zu behalten und nicht auf der Stelle den Denuncianten zu machen, in diesem Falle wäre Moreau allerdings des Hochverraths wenigstens dringend verdächtig. Aber dies Blutgesetz, aus der Barbarei der römischen Kaiserzeiten, und von den Gesetzgebungen der neueren Zeit aufgefrischt, existirte wenigstens nicht mit der Bestimmtheit wie heut in dem neuen aus den Blutstrudeln der Revolution auftauchenden Frankreich. Was Moreau erfahren, soweit die positiven Zeugenaussagen es darthun, konnte ihn noch nicht unerläßlich verpflichten, den Angeber zu machen. Es waren unbestimmte Plane, die bei Denen, welche sie unternommen (mit Ausnahme des einzigen Georges) wahrscheinlich selbst noch nicht zu einer Klarheit, zu einem festen Entschlusse gediehen waren. Sie waren in der Mehrzahl nach Frankreich gekommen, voll kühnen romantischen Eifers für die königliche Sache, aber ohne Kenntniß der Verhältnisse, ohne einen festen Plan. Dieser sollte sich erst im Verfolg ihrer Erfahrungen machen. Ein dunkler Drang, ein wilder Muth, ein blinder Glaube, Das war es, was sie beseelte, das Uebrige sollte sich finden. Darauf deutet aller Verschworenen übereinstimmende Aussage: daß sie die Prinzen erst rufen wollten, wenn sie wußten, was sie finden, worauf sie rechnen, was sie unternehmen konnten. Wenn sie, in ihrem eignen Innern so unklar, diese unklaren Begriffe gegen Moreau aussprachen, wobei, wenn er den Verräther hätte spielen wollen, hätte er sie fassen, was denunciren sollen! Man bedenke den damaligen Zustand Frankreichs! Durch 15 Jahre hatte ein jedes eine Veränderung in der Verfassung, in den Ansichten von dem Geltenden hervorgebracht. Welcher rechtliche Bürger hielt sich für verpflichtet, wenn er eine dieser kaum aufgerichteten geltenden neuen Ordnungen wanken und in ihrer Geltung verlieren sah, um einer neuen Platz zu machen, sofort zu den Obrigkeiten zu stürzen, um Die anzugeben, welche für das Neue thätig waren? In so bewegten Zeiten wechselt der Begriff von Verschwörungen gegen die bestehende Ordnung. Was heute verbrecherisch ist, kann morgen gesetzlich sein. Wenigstens fällt die moralische Pflicht fort, die in ruhigen Zeiten jedem Gutgesinnten eingeprägt ist, die Obrigkeiten am Ruder vor Dem zu warnen, was morgen vielleicht am Ruder sitzen kann.

Lajolais' Angaben sind der eigentliche Grund zum intensiven Verdacht gegen Moreau. Schon Thiers mußte eingestehen, daß jener Zwischenträger mehr glaubte als er wußte, und, nach der Zwischenträger Natur, die ein Geschäft zum Abschluß zu bringen wünschen, mehr mittheilte, als er selbst glaubte. Und was besagten diese Angaben?

Dieser unzuverlässige Lajolais hatte geglaubt, daß sein Freund Pichegru und Moreau sich versöhnt hätten. Bei mehren persönlichen Zusammenkünften mit Moreau hatte er sich überzeugt, daß die Aussöhnung stattgefunden. Moreau wünschte Pichegru wieder zu sehen. Lajolais hinterbrachte diesen Wunsch dem in London befindlichen Pichegru, und dieser, der denselben Wunsch ausdrückte, schlich sich darauf nach Paris. Nach Lajolais' Wissen hatten nur 3-4 Zusammenkünfte zwischen Beiden stattgefunden; die erste auf dem Boulevard de la Madelaine, nächtlich im Freien, die andern in Moreaus' Pariser Wohnung Rue d'Anjou. Er war bei keiner zugegen. Später hatte er Pichegru verschiedene Wohnungen verschafft. Sein einziger Zweck bei diesen Vermittelungen wäre gewesen, »diese beiden großen Männer zu vereinigen, in Willen und That, um Theil zu nehmen an den Werken, welche die Regierung des Hauptes dieser großen Republik auszeichnen.«

Daß dies schöne Werke waren, daß er andre Zwecke gehabt, konnte freilich jedes Kind begreifen. Aber, nach unsrer Sprache, actenmäßig geht aus Lajolais' Aussage gegen Moreau nichts weiter hervor. Alle Chouans sagten freilich auch gegen Moreau aus, aber was? Sie hätten immer gehört, daß Moreau, Pichegru und Georges die Häupter der Verschwörung wären. Es ist begreiflich, daß man ihren Muth durch diesen Glauben zu stärken suchte.

Die einzige gravirende Aussage bleibt die Rolland's. Wir wiederholen sie: »Ich kann mich nicht an die Spitze einer Bewegung für die Bourbonen stellen; sie sind Alle so schlecht berathen, daß ein solcher Versuch nicht gelingen könnte. Wenn Pichegru in einem andern Sinne handeln wollte, in diesem Falle habe ich ihm schon gesagt, daß der Consul und der Gouverneur von Paris verschwinden müßten. Ich glaube, daß ich eine ziemlich starke Partei im Senate habe; ich würde mich derselben bedienen, um seine Leute in Schach zu halten. Dann würde sich schon zeigen, was es zu thun gäbe. Aber schriftlich verpflichte ich mich zu nichts.«

Das ist ein Zeuge; freilich ein unverdächtiger. Aber was besagt die Stelle anders als von Verhandlungen, die zu keinem Abschluß gekommen sind; eine, freilich starke, Meinungsäußerung, aber von einem Manne, der sich ebenso berufen fühlte als Bonaparte, die Zügel der Regierung zum Wohle des Vaterlandes zu ergreifen, dem die Nation wie jenem zujauchzte, und zu einer Zeit, wo jeder Tag einen neuen Machthaber an die Spitze brachte. Wäre Rolland's Aussage der Schlußstein einer Reihe anderer Beweise, dann hätte sie Bedeutung, aber nicht als Grundstein. Ein Mann kann sich in einem Zwiegespräche verhören, wie der andere im Eifer desselben über seine Absichten und wahre Meinung hinaus sich versprechen. Die flüchtige aufsprudelnde Rede im lebhaften Zwiegespräch zwischen vier Wänden involvirt noch kein consumirtes Verbrechen, wenn sie nicht durch eine entsprechende Thatäußerung gekräftigt ist. Rolland mag alle diese Ausdrücke, auch wörtlich, gehört haben, aber er mag sie anders zusammengefügt, Zwischensätze, die ihm entfallen sind, ausgelassen haben. Wenn wir uns diese Sätze getrennt, einverwebt in ein lebhaftes Gespräch über die Verhältnisse der Zeit denken, so kann auch Alles, was darin verbrecherisch klingt, einen andern Sinn gewinnen. Nehme man nur an, daß der Schlußsatz: »Aber schriftlich verpflichte ich mich zu nichts,« nicht so direct gesprochen worden, daß es nur Rolland's Auffassung sei, der ganz gewiß verstanden und gehört hatte, daß Moreau sich schriftlich zu nichts verpflichten werde, aber nach so vielen Wochen sich die Erinnerung in directe Rede construirte, welchen Nachdruck verliert alsdann schon die ganze Anführung!

Moreau war unzufrieden mit der Consularregierung, mit Napoleon, das ist gewiß. Er beschäftigte sich mit dem Gedanken, wie es anders und besser werden könnte. Aber wer so offen wie er den Unzufriedenen spielt, seinen Mismuth in lauten Reden nicht verhalt, ist kein Verschwörer; oder er müßte denn ein so feiner Intriguant sein, wie es Moreau nach seinem historischen Charakter nun und nimmermehr sein konnte. Daß er seinen ehemaligen Freund Pichegru, einen großen Feldherrn, nach Frankreich zurückwünschte, war kein Verbrechen, daß er dazu that, damit es geschehe, wie die Verhältnisse standen, ebenso wenig. Napoleon hatte sehr viel Royalisten zurückgerufen, die alte Wuth gegen die Emigrirten war mit dem Revolutionstaumel erschlafft. Und Pichegru stand der neuen Zeit weit näher. Daß Moreau hoffte, mit diesem ehemaligen großen Generale der Republik Plane zu entwerfen, wie sein Vaterland von dem neuen militairischen Joche seines Consuls zu befreien wäre, mag man glauben, Beweise dafür fehlen.

Ihre Gespräche blieben vages Gerede, das schwerlich anderswo, unter den damaligen Verhältnissen Frankreichs aber auf keinen Fall zum Verbrechen gemacht werden konnte. Und Moreau sprang von der Unterhandlung ab, als er Pichegru von seinen royalistischen Planen reden hörte.

Der schlagendste Beweis für ihn bleibt Bouvet de Loziers' halb in der Raserei gethane Aussage. Weil Moreau nicht in ihre Plane eingehen wollte, gaben die Royalisten das Unternehmen auf. Er stutzte schon beim ersten Zusammentreffen am Boulevard de la Madelaine bei Georges' Anblick. Mit dieser Sache, mit diesen Leuten wollte er nichts zu thun haben. Er soll noch ein Mal später mit Georges zusammengekommen sein, und da soll Georges ebenso unzufrieden das Zimmer verlassen haben. Ein royalistischer Verschwörer war er nicht. Was aber denn für ein Verschwörer? Mit wem? Mit welchen Mitteln? Zu welchem Zwecke? In Pichegru hatte er einen von royalistischen Netzen umstrickten unfreien, unglücklichen Mann gefunden. Mit ihm konnte er nichts anfangen. Mit den Chouans wollte er nichts anfangen. Factum ist: eine royalistische Verschwörung hatte er entschieden von sich gewiesen, aber, sagten die Royalisten, er hätte wol eine andere für sich selbst gegen Bonaparte gern gestiftet! Beweise dafür? Sie hatten gehört, oder geglaubt gehört zu haben, daß er so etwas ausgesprochen. Ein einziger Zeuge hatte bestimmte Worte gehört, aber nichts als Worte. Die einzige That bleibt, er hatte keine Anzeige gemacht. Wenn das kein Verbrechen ist, würde ihn jeder pflichtgetreue Richter von der Anklage haben entbinden müssen.

Ueber die Aufregung, welche während des Processes in Paris herrschte, sagt Thiers: »Wir haben in unsern Tagen häufig die Aufmerksamkeit des Publicums durch einen Proceß gänzlich in Anspruch nehmen sehen. Dasselbe begab sich hierbei, allein unter Umständen, geeignet, um eine ganz andere Erregung als die der Neugier hervorzubringen. In Gegenwart eines triumphirenden und gekrönten Generals ein anderer General im Unglück und in Fesseln, welcher einer täglich absolutern Gewalt durch seine Vertheidigung den letzten Widerstand entgegensetzte; inmitten des Schweigens der nationalen Rednerbühne die Stimmen der Advocaten, die sich wie im freiesten Lande vernehmen ließen; berühmte Häupter, die einen der Republik, die andern der Emigration angehörend, in Gefahr: darin lag gewiß, was alle Herzen aufregen konnte. Man gab sich einem gerechten Mitleide und vielleicht auch einem heimlichen Gefühle hin, welches der glücklichen Gewalt Nachtheile wünscht, und ohne Gegner der Regierung zu sein, that man Wünsche zu Gunsten Moreau's.«

In der 9. Sitzung, am 19. Mai erhielt Moreau das Wort und vertheidigte sich folgendermaßen:

»Meine Herren! Mein Vertrauen zu den Vertheidigern, welche ich mir erwählt, ist vollkommen. Ich habe ihnen ohne Rückhalt die ganze Sorge, meine Unschuld zu vertheidigen, übergeben. Ich wollte nur durch ihre Stimme zur Gerechtigkeit reden; aber ich fühle das Bedürfnis zur Nation selbst zu sprechen.

»Unglückliche Umstände, herbeigeführt durch den Zufall und vorbereitet durch den Haß, können auf Augenblicke das Leben des rechtlichsten Mannes verdunkeln. Mit viel Geschicklichkeit kann ein Verbrecher den Verdacht von sich entfernen Und selbst die Beweise seiner Verbrechen; aber ein ganzes Leben ist immer der sicherste Zeuge gegen oder zu Gunsten eines Angeschuldigten. So ist es denn mein ganzes Leben, was ich den Anklägern, die mich verfolgen, entgegenstelle. Es ist öffentlich genug gewesen, um bekannt zu sein. Ich werde nur an einige Epochen daraus erinnern, und die Zeugen, die ich anrufen werde, sind das französische Volk und die Völker, welche Frankreich besiegt hat.«

Hierauf ging er in Kürze sein politisches, Leben durch, seine Dienste, welche er dem Lande erzeigt, und wies die Ansichten von sich, welche die Anklage ihm unterlegte.

»Ich bekenne es, schloß er, geboren mit einer großen Freimuth des Charakters, habe ich diese Eigenschaft des Theils von Frankreich, wo ich das Licht der Welt erblickte (der Bretagne), weder im Feldlager eingebüßt, wo Alles ihr vielmehr einen neuen Glanz gibt, noch in der Revolution, welche die Freimüthigkeit immer als eine Tugend des Mannes proclamirte und wie eine Pflicht vom Bürger forderte. Aber tadeln etwa Die, welche conspiriren, laut Das, was sie nicht billigen? Eine solche Freimüthigkeit verträgt sich schwer mit den Mysterien und Unternehmungen der Politik.

»Hätte ich conspiriren wollen, würde ich meine Gefühle zu verstecken gesucht haben und ich würde nach Aemtern und Thätigkeit mich umgesehn haben, die mich wieder in die Mitte des Nationalheeres versetzt hätten. Um mir diesen Weg zu zeigen – bei meinem Mangel an politischem Genie, welches ich freilich nie besessen – hatte ich Beispiele vor mir, die alle Welt kennt, und die durch ihren Erfolg Bedeutung erlangt haben. Ich hätte vielleicht wol wissen können, daß Monk sich nicht von der Armee entfernt hatte, als es ihm einfiel zu conspiriren, und daß Cassius und Brutus sich dem Herzen Cäsar's genähert hatten, um es zu durchbohren.

»Herren vom Gericht! Ihnen habe ich nichts mehr zu sagen. So war mein Charakter, so war mein ganzes Leben. Im Angesicht des Himmels und der Menschen betheure ich meine Unschuld. Sie kennen Ihre Pflichten. Frankreich hörte Sie, Europa hat sein Auge auf Sie gerichtet.«

Von Moreau's drei bestellten Anwalten sprach nur, Einer. So beredt er die Sache seines Clienten führte, hatte man doch kaum darauf Acht, einen so mächtigen Eindruck hatten Moreau's eigene Worte hervorgebracht.

Am 9. Juni wurden die Verhandlungen geschlossen.


In diesen letzten Tagen vor der Fällung des Urtheils gingen Umtriebe vor, die Napoleon nicht im günstigsten Lichte zeigen. Thiers, sein Lobredner, kann sie nicht in Abrede stellen, aber er sucht sie zu beschönigen.

»Napoleon fühlte sich rein von jener niedrigen Eifersucht, deren man ihn zieh und da er sehr wohl wußte, daß Moreau, ohne die Bourbonen zu wollen, seinen Tod gewollt habe, um in seine Stelle zu treten, glaubte er und sprach es laut aus, daß man ihm Gerechtigkeit durch Verurtheilung eines Generals schuldig sei, der ein Staatsverbrechen begangen habe. Er wünschte diese Verurtheilung als seine eigene Rechtfertigung, nicht um das Haupt des Siegers von Hohenlinden auf einem Schaffot rollen zu lassen, sondern um die Ehre zu haben, ihn zu begnadigen. Die Richter wußten das und das Publicum ebenfalls.«

Dann geht er rasch auf andere Bewegungen über. »Nachdem die Verhandlungen vierzehn Tage gedauert und während sich das Tribunal zur Berathung zurückgezogen hatte, verlangten mehre royalistische Angeklagte, die nun inne wurden, daß sie hintergangen waren und daß alle ihre Bemühungen zur Entlastung Moreau's ihnen nichts geholfen hatten, nach dem Instructionsrichter, um demselben wahrheitsgetreuere Eröffnungen zu machen. Sie redeten nicht mehr von drei Zusammenkünften mit Moreau, sondern von fünfen. Real war, davon unterrichtet, zum Kaiser geeilt und dieser hatte auf der Stelle an den Erzkanzler Cambaceres geschrieben, damit man ein Mittel ausfindig mache, um an die Richter zu kommen. Das aber war schwierig, zudem nutzlos, und ohne sich zu neuen Mittheilungen herbeizulassen, fällten sie an demselben Tage, dem 10. Juni, ein Urtheil, das von keinerlei Einflüssen dictirt war.«

Moreau's Biographen sprachen von diesen Einflüssen in anderer Weise, sie waren ebenso von vorgefaßten Meinungen zu Gunsten Moreau's und gegen Napoleon geleitet. Hören wir den neuesten Berichterstatter in den Causes célèbres Politiques par Paul Robert, der nicht eben zu Gunsten Moreau's gestimmt ist:

»Vom Morgen des 9. Juni an zeigte sich eine große Unruhe in Napoleon's Umgebung, der damals in Saint-Cloud war. Hochgestellte und sehr einflußreiche Personen machten viele Demarchen bei dem Präsidenten des Criminalgerichtshofes, und alle Augenblicke flogen Couriere aus Saint-Cloud und dahin zurück. Nachdem der Präsident die Stimmen bezüglich des angeschuldigten Generals eingesammelt, waren 7 für die Freisprechung, 5 für die Verurtheilung zum Tode. Thunot, der Commissair der Regierung, bestand sogleich darauf, daß die Abstimmung noch ein Mal erfolge; er sagte: die Freisprechung des Generals würde das Signal zum Bürgerkriege werden, während seine Verdammung Alle versöhnen würde, weil ihm augenblicklich volle und gänzliche Begnadigung werde geschenkt werden.

»Da rief Einer der Richter aus, sein Ehrenname ist Clavier, ›aber uns, wer wird uns denn Gnade schenken!‹«

Die Berathung dauerte 16 Stunden; endlich am 19. Juni, Morgens 4 Uhr trat der Gerichtshof wieder in den Sitzungssaal und publicirte das Urtheil:

Angesehen, daß nach den gerichtlichen Ermittelungen wirklich eine Verschwörung bestanden, um die Republik durch einen Bürgerkrieg zu beunruhigen und von den Bürgern die einen gegen die andern zu bewaffnen und gegen die Ausübung der legitimen Gewalt, wurden Georges Cadoudal, Bouvet de Lozier, Armalrd Polignac, de Riviere, Lajolais, Picot und noch 13 Andere als Theilnehmer zum Tode verurtheilt, mit Confiscation ihrer Güter.

Jules Polignac, Jean Victor Moreau, Rolland und ein Leridant wurden, als auch schuldig, aber weil viele Umstände, die sie entschuldigten, aus der Untersuchung hervorgetreten, nur zu einer correctionellen Strafe von zwei Jahren Einsparung verurtheilt.

Die andern 21 Angeschuldigten, meist nur deswegen, weil sie die Verschwörer bei sich aufgenommen, wurden freigesprochen, oder wegen Übertretung der Polizeigesetze vor die gewöhnlichen correctionellen Gerichte gestellt.

Das Cassationsgesuch der Verurtheilten ward zum Theil zurückgenommen, zum Theil verworfen.

Das Urtheil war ein unparteiisches zu nennen. Der Barbarei ward es nur von Wenigen angeklagt, Napoleon verursachte es, dagegen, muß selbst Thiers eingestehen, »tödtlichen Verdruß.« Im Zustande seiner Erbitterung schien es unsäglich schwer, Handlungen der Milde von ihm zu erlangen. Doch legte sich diese Aufregung schon während des kurzen Zwischenraums vom Tage des Urtheils bis zu dem des Cassationshofes und er ward den Gnadengesuchen zugänglich. Mit diesen beschließen wir den Proceß, der in seinen Wirkungen doch noch lange nachvibrirte.

Von Moreau später. Die royalistischen Verschwörer durften bei Napoleon's gegenwärtiger Gemüthsstimmung am wenigsten auf Gnade rechnen. Nur Georges flößte ihm, seines energischen Muthes willen, einiges Interesse ein. Aber er war sein unversöhnlicher Feind, ein unermüdlicher Verschwörer, ein Mörder; ihm durfte das Leben nicht geschenkt werden. Auch dachte die eigene Partei Georges Cadoudal's am wenigsten an dessen Rettung. Ihr volles Beileid war auf die Polignacs und Rivières, als Sprößlinge oder Stammhalter illustrer Familien, als dem Hofe der Bourbonen so nahe stehende, so theure Häupter, gerichtet, und wie sie auch deren tollkühnes Unternehmen tadelte, suchte sie doch Alles aufzubieten, ihr Leben zu retten.

Man wandte sich an die neue Kaiserin Josephine, deren Herzensgüte bekannt war, die in der Stille alte Neigungen für feudalistische Treue und sogar für das alte Königshaus im Herzen bewahrt hatte. Man wußte, daß, im Glanze ihrer neuen Würde, die Gedanken ihre Phantasie nicht verließen, wie dieselben Dolche und Schwerter, welche die alte Macht vernichtet, auch gegen ihr neues Glück aufblitzen könnten. Durch Frau von Remusat gelangte man zu Josephinen. Armand von Polignac's Frau ward in St.-Cloud eingeführt. Josephine versprach den Thränen der verzweiflungsvollen Gattin ihre Fürsprache; aber Napoleon wies diese Fürsprache barsch zurück. Da stellte Josephine Frau von Polignac in eine der Galerien des Schlosses, durch die der Kaiser aus dem Rathssaale kommen mußte. Sie warf sich ihm zu Füßen, sie bat unter Thränen um das Leben ihres Gatten. Napoleon warf einen strengen Blick auf Josephinen, aber er ließ sich erweichen. Er äußerte: »Daß es ihn sehr erstaunt, bei einem Mordanschlage auf sein Leben seinen ehemaligen Kameraden von der Kriegsschule, Armand Polignac, wiedergefunden zu haben. Sein Leben solle ihm geschenkt sein, um der Thränen der Gattin willen, doch wünsche er, daß diese Schwäche ihn zu keinen neuen Unbesonnenheiten ermuthige. Die Prinzen sind sehr strafbar,« setzte er hinzu, »die das Leben ihrer getreuesten Diener bloßstellen und ihre Gefahren doch nicht theilen.«

Es scheint nicht, als wäre dies nur ein verabredetes Schauspiel gewesen; man mußte Napoleon auch die Begnadigung Anderer auf verschiedenen Wegen entreißen und die Begnadigung war keine vollständige, obwol sie jener Zeit Thränen der Rührung entlockte, und Armand Polignac's Gattin für einen Augenblick eine Art Bewunderung für den Kaiser im Lager der Emigrirten erweckte.

Das Schicksal der Familie Polignac ist ein großer historischer Roman. Der Parteieifer und die Parteiverblendung, welche Beide in ihrer Jugend hinriß, dauerten auch in ihrem Alter fort und sollten einst der europäischen Welt einen neuen Umschwung geben. Welcher Roman voller Nachtstücke und Abenteuer schon ihre Landung an den Felsenküsten der Normandie, ihr Weg durch die Wälder nach Paris, ihr immer gestörter Versteck daselbst. Beide Brüder fanden eine Zeitlang bei demselben Freudenmädchen eine Unterkunft und machten ihr Beide, sagen die Acten, abwechselnd den Hof. Dann ihre Gefangennehmung, Verurtheilung, die Thränen der treuen Gattin des Aeltern (Armand) zu Napoleon's Füßen; seine Begnadigung und Warnung, die nichts fruchtete. Josephine bewirkte »auch die Milderung der Strafe des jüngeren Bruders (Jules). Die Todesstrafe ward bei Armand Polignac, wie bei dem andern, in die der Deportation verwandelt, welche aber erst nach vierjähriger Einsperrung eintreten sollte. Beide Polignacs wurden im Tempel, in Vincennes und in Ham eingesperrt, endlich erhielt der Jüngere die Vergünstigung, in einem Krankenhause der Rue du Fauboutg Saint-Jaques seine Strafe abzubüßen. Acht Jahre später finden wir den Namen Polignac wieder in die Verschwörung des General Wallet verwickelt. Jules entkam der ihm drohenden Gefahr und war int Jahre 1814 einer der Ersten, der mit der weißen Cocarde in Paris erschien. Er ward Prinz, Mitglied der chambre introuvable und endlich zu seinem und der Bourbonen Unglück Minister. 1830 steht er noch ein Mal, des Hochverraths angeklagt, vor dem höchsten Gerichtshofe, und wird zu ewigem Gefängniß und dem bürgerlichen Tode verurtheilt. Er wandert noch ein Mal in die Festung nach Ham, bis die Gnade Louis Philipp's ihn erlöst und er in Baiern das neuerdings so berühmt gewordene Indigenat erhält. Sein Bruder Armand stieg nicht so hoch nach der Restauration und verlor nach der Julirevolution nur die Pairie. Beide Brüder sind in der Zwischenzeit zwischen dem Schreiben und dem Druck dieses Artikels in Paris gestorben.

Bouvet de Lozier verdankte seine Begnadigung den Bitten seiner Schwester, welche Napoleon, durch die Prinzessin Karoline, später Königin von Neapel, vorgestellt ward. Er verbrachte seine Strafzeit im Schlosse Bouillon, von Ludwig XVIII. ward er 1814 zum Marechal de Camp ernannt und zum Commandeur der Insel Bourbon.

Rouzilion aus Yverdun, ehemals Major in Schweizerdiensten, erhielt nur mit Mühe durch General Rapp's Bemühungen Gnade, und zwar erst am Tage der Hinrichtung selbst. Napoleon war wüthend, als er den Namen hörte, und erklärte: diesen Schweizer für gefährlicher und schuldiger als Georges selbst. Rapp hatte keinen andern Grund für ihn anzuführen, als: weil er Familienvater sei. Der Banquier Scherer war Rouzilion's Schwager und hatte Rapp zur Fürbitte bewogen. Ungestüm entriß Napoleon dem General das Papier und bewilligte die Gnade; ein Courier mußte fliegen, um sie noch früh genug zu bringen. – Merkwürdig ist das Motiv, welches Rouzilion zu solchem Eifer für die Sache des Royalismus vewog – weil Ludwig XVIII. ihm das Ludwigskreuz geschenkt hatte, den Statuten des Ordens entgegen, denn Rouzilion war Calvinist!! Im Schlosse Lourde eingesperrt, erhielt dieser Verurtheilte schon im folgenden Jahre, auf neue Bitten von Frau und Tochter, seine Freiheit. Nach der Restauration ward er zum Obersten ernannt.

Lajolais erhielt Begnadigung auf die Fürbitten seiner ganzen Familie, die sich Napoleon zu Füßen stürzte. Er starb in seinem Gefängnisse, im Schlosse Belle- Garde, am Tage vor dem, wo er seine Freiheit wieder erhalten sollte.

Der Marquis Rivière de Riffardeau erhielt, nach Polignac, durch Josephinen's, Murat's und der Prinzessin Karoline Fürbitte sein Leben geschenkt. Im Fort von Jour eingesperrt, erlangte er erst durch die Restauration seine Freiheit, um sie durch blutige Verfolgungen der Bonapartisten und Liberalen zu beflecken. Ihm schreibt man den Meuchelmord, an Marschall Brune begangen, zu. In Corsica verfolgte er mit Erbitterung denselben Mann, dem er sein Leben verdankte. Erstarb im Juli 1828.

Außer diesen wurden noch Rochelle'de Brecy, d'Hozier und Galliard, Alle auf Fürbitten der weiblichen Familienmitglieder Napoleon's, begnadigt. Einige büßten ihre Strafzeit ab in dem furchtbaren, neuerdings durch einen Roman berühmt gewordenen Felsenschlosse d'If, später gehörig durch die Bourbonen belohnt.

Alle diese waren vornehme Verschwörer, für sie war die Fürbitte, die Gnade thätig. Für die Chouans, an deren Händen Raub und Blut klebte, konnte, sie indeß kaum eintreten. Zwölf Chouans, an ihrer Spitze Georges Cadoudal, wurden, am 24. Juni 1804 auf dem Greveplatze guillotinirt. Alle zeigten bis auf den letzten Augenblick Muth und Unerschrockenheit. Für Georges regte sich ein leises Bedauern; sein Muth und seine militairischen Talente hätten ein besseres Schicksal verdient. Ludwig XVIII. ließ es nach der Restauration sein erstes Geschäft sein, Georges' alten Vater, Joseph Cadoudal, mit allen seinen Nachkommen in den Adelstand zu erheben.

Die bourbonische Gnade erstreckte sich aber zuweilen in seltsamer Weise auch auf andere Gesellen, welche mit den Chouans verwandt waren. Der Gerichtshof zu Rouan hatte im Jahre 1808 Jemanden zu 22 Jahren Einsperrung verurtheilt, weil er an der Beraubung einer Diligence Theil genommen und wissentlich einen Theil dieses gestohlenen Geldes empfangen hatte. Der Sträfling wandte sich nach der Restauration an den König mit der Angabe, daß er ein royalistischer Räuber gewesen – 1808, wo der Bürgerkrieg als längst beendigt anzusehen war. Er erhielt die Freiheit und die Restauration seines guten Rufes durch ein Cabinetsschreiben vom 18. August 1814. »Angesehen, daß diese Diebstähle und Raubanfälle politischen Thatsachen wären, die sich an eine Conspiration knüpften, deren Zweck gewesen, die Bourbonen auf den Thron zu setzen und wiewol 1807 keine königliche Armee in Alençon existirt habe, wo das Verbrechen begangen worden, so sei doch dies Verbrechen keine vereinzelte Thatsache gewesen, sondern habe sich angeknüpft an ein großes Complot zu Gunsten der königlichen Sache. Die Tribunale hätten zwar nicht gefehlt, indem sie nach den damals geltenden Gesetzen verurtheilt, aber die Wirkungen dieser Verurtheilung müßten in einem Augenblicke aufhören, wo man die Sachen besser zu würdigen wisse. Deshalb u.s.w. – Wer kann da noch verargen, daß man in dem Falle der Chaouans von 1804 keine Begnadigung walten ließ.

Auch Moreau ward begnadigt; es heißt auf Bitte der Gattin desselben. Die Bedingung, daß er dafür auf der Stelle Frankreich verlasse und sich nach Amerika begebe, machte die Sache weniger zu einer Gnadenhandlung alos zu einem Vertrage, der beiden Theilen gleich genehm sein mußte. In wie weit Moreau sein Wort eingesetzt, ohne des Kaisers Erlaubniß nicht zurückzukehren, ist eine streitige Frage; schriftlich scheint er es wenigstens nicht gegeben zu haben. Napoleon erleichterte ihm das Geschäftliche seiner Abreise, indem er Befehl gab, Moreau's Besitzungen zum höchsten Preise zu erstehen.

Wie man sich Mühe gegeben, in Frankreich Moreau's Andenken zu verunglimpfen, ist oben erwähnt. Von dem Augenblicke an, wo er auf Alexander's Ruf hotte und nach Europa überschiffte, war in Frankreich alle Erinnerung an seine militairische Große, menschlichen und republikanischen Tugenden verschwunden; weil, er zum Verräther an seinem Vaterlands geworden, war er auch früher ein Verräther gewesen und nur ein mittelmäßiger Feldherr und Charakter, den der Meid gegen Napoleon zum Unerlaubten getrieben. Ob sein Beitritt zu den Alliirten ein Verbrechen war, bleibe hier unentschieden, es ist wenigstens keins geworden, über das zu Recht gesprochen werden konnte. Was ihn bewog, den Frieden in Amerika zu verlassen, ist noch heute nicht bestimmt ermittelt. Nach den Einen hatte er eben mit tiefem Schmerze von der Vernichtung der französischen Armee in Nußland gehört und ausgerufen – »O dieser Mensch bedeckt den französischen Namen mit Schande und Schmach; seine Unwissenheit gleicht seiner Thorheit!« als Alexander's Boten zu ihm kamen. Nach Andern bewogen ihn Geldsendungen vom Fürsten Mtternich oder Alexander dazu, die es ihm möglich machten, seinen lange gehegten Wunsch nach Rache zu erfüllen; auch das Zureden seines Freundes Bernadotte, des Kronprinzen von Schweden. Wie dem auch sei, – gewiß erscheint er nicht so groß und edel, als seine Verehrer ihn malten, und noch weniger so schwach und schwarz, als seine Feinde – man hatte sich getäuscht von Seiten der verbündeten Monarchen (wie der Royalismus an dergleichen Tauschungen sehr reich ist), wenn man geglaubt, daß Moreau's Beitritt zu ihrer Sache einen großen Abfall in den französischen Heeren zur Folge haben werde. Die Veteranen der kaiserlichen Armee sahen den ehemaligen Genossen ihres Ruhmes, den geliebten Feldherrn, mit Entrüstung unter den Reihen der Feinde. Als er am 27. August 1813 auf den Höhen vor Dresden fiel, man behauptet von einet der ersten Kugeln aus den französischen Batterien getroffen, zwangen sich sogar viele Franzosen zu dem Glauben: »darin Gottes Finger zu sehen.«

Ein sonst milderer Berichterstatter sagt: »Die Weisesten schlössen daraus, daß Haß und Rache schlechte Rathgeber sind, und daß die Gunst der Großen dieser Erde unmächtig ist, eine böse Handlung vergessen zu machen.« Im Gegentheil raubten ihm die Bourbonen nach der Restauration durch die seinem Gedächtnisse dargebrachten Huldigungen noch den letzten Rest der Nationalverehrung für seine Großthaten. Zur Rache dafür sammelte man von der andern Seite alle Erinnerungen, die ihm schaden konnten; man brachte ihn nicht allein in Verbindung mit dem französischen Bunde der Philadelphen, mit General Mallet's Verschwörung, sondern auch mit einem chimärischen Plane, den einige Generale Napoleon's gehabt haben sollen, sich Spaniens und Portugals auf ihre Hand zu bemächtigen und kleine Königreiche darin für sich zu gründen, vielleicht unter der Oberherrschaft des Herzogs von Orleans.

Die Huldigungen der Bourbonen waren folgende. Bald nach seiner Rückkehr übersandte Ludwig XVIIl. Madame Moreau (die 1821 gestorben ist) den Marschallsstab, welchen er ihrem Manne bestimmt gehabt; sie solle alle Ehren genießen, deren die Frauen wirklicher Marschälle sich erfreuten!

Lanjuinais machte (1814) folgenden Antrag im Senate: »Der Senat erklärt, daß der General Moreau stets die öffentliche Achtung und den Dank des Vaterlandes verdient hat,« und der Antrag ward angenommen.

Ein feierlicher Gottesdienst ward am 25. Juni zu Paris für die Generale Pichegru, Georges, Moreau und die 11 Personen, welche mit dem General Georges auf der Guillotine geblutet, in der Kirche Saint-Paul abgehalten. Frau von Polignac sammelte mit dem Marquis de Rivière in der übervollen Kirche eine Collecte ein. Die Kosten, welche von den Eltern des General Georges bestritten werden sollten, wurden vom Könige bezahlt, der dadurch seine Theilnahme an der Ceremonie zeigen wollte.

Endlich sollten 1816 Moreau und Pichegru Statuen errichtet werden. Sie waren den Bildhauern Beauvallet und Dumont übertragen. Beauvallet starb (auch darin erkennen die Franzosen ein Omen), nun ward die Arbeit dem Bildhauer Calderari übertragen. Die Sache zog sich hin. Das Ministerium hatte 140000 Francs dafür gefordert; nach langer Debatte in der Kammersitzung vom 22. Juli 1822 ward die Summe bewilligt; aber die Statuen blieben unvollendet im Atelier der Künstler. Die öffentliche Meinung sprach sich zu stark dagegen aus.

So viel erinnerlich, ist auch unter der Juliregierung der Versuch gemacht worden, Moreau's Andenken durch ein Standbild wenigstens in seiner Vaterstadt zu ehren; aber selbst sein Geburtsort protestirte dagegen. So stark ist die öffentliche Meinung in Frankreich gegen jede Handlung geworden, die als Verrath des Vaterlandes ausgelegt wird. »Unsere Ueberzeugung ist in dieser Hinsicht so stark,« sagt ein Schriftsteller, »daß wir keinen Zweifel hegen, daß wenn das Volk darüber befragt würde, es lieber dem Chouan Georges Cadoudal und seiner Bande Bildsäulen votiren würde, denn sie sind ihrem Charakter getreu geblieben als Aufwiegler zum Bürgerkriege und Straßenräuber.«

Wie ungerecht dieser Haß auch in Bezug auf Moreau sein mag, darf doch nicht in Abrede gestellt werden, daß ihm eine sittliche Idee zum Grunde liegt. Nach so vielen Revolutionen fühlt der Franzose, daß er an etwas unerschütterlich fest halten, und etwas unerbittlich hassen muß; jenes die Liebe zum Vaterlande, dieses der Verrath an demselben. Die Emigration war eine große abschreckende Lehre für die Franzosen, und der Nationalgeist ist so erstarkt, daß es 1830 zwar noch einzelne Emigrirte gibt, daß aber Condé'sche Armeen im Dienste des Auslandes gegen Frankreich zur Unmöglichkeit geworden scheinen.

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