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Der neue Pitaval - Band 10

Willibald Alexis: Der neue Pitaval - Band 10 - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorAlexis / Hitzig
titleDer neue Pitaval - Band 10
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
year1859
printrun2
firstpub1845
volumeSiebenter Theil
editorAlexis / Hitzig
senderwww.gaga.net
created20050825
projectid23f9e830
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Don Antonio Perez und die Prinzessin Eboli

1578 -1612

Philipp II. hatte viel von einem jungen Spanier, Don Antonio Perez, dem Sohne des Gonzalo Perez, Staatssecretair unter seinem Vater Karl V., gehört, der nicht allein seine Studien zum großen Theil im Auslande gemacht, sondern auch schon an fremden Höfen durch seine Würde und sein einnehmendes Wesen Aufsehen erregt hatte. Auch sein Minister, der Fürst Ruy Gomez, hatte ihm einen vortheilhaften Bericht über den jungen Aragonesen abgestattet; der König wünschte ihn zu sehen und in seine Dienste zu ziehen.

Philipp's Wünsche waren Befehle für seinen Diener. Für Antonio Perez war aber Das, was Anderen als das höchste Glück gegolten hätte, ein Gegenstand mancher Bedenken. Sein Vater kannte aus eigner Erfahrung den glatten Boden der Hofgunst, zumal an einem castilianischen Hofe und unter einem Fürsten wie der zweite Philipp. Er hatte den Sohn seiner Liebe – Antonio war in einer außerehelichen Verbindung mit Donna Juana De Escobar erzeugt, aber nachher durch ein kaiserliches Rescript legitimirt worden – zwar zuerst in Alcala studiren lassen, dann aber zur Fortsetzung seiner Studien nach Löwen und Venedig geschickt. Gleich dem Vater seines aragonesischen Landsmannes Serveto, sah er für seinen Sohn kein Glück im Vaterlande voraus, wenn gleich nicht aus denselben Gründen.

Antonio mußte gehorchen; aber wie er selbst versichert, trat er in den Hofdienst mit weniger Ehrgeiz als Besorgniß. Ja als schwebe ihm das Schicksal vor, das seiner warte, will er mehrmals Versuche gemacht haben, vom Hofe und seinem Dienste wieder loszukommen. Aber Philipp schätzte seine Talente und liebte, so viel ein Philipp lieben konnte, seinen Umgang.

»Antonio Perez, von Ruy Gomez in den Staatsdienst gezogen«, berichtet ein italienischer Zeitgenosse, »ist bescheiden in seinem Auftreten, liebenswürdig und hat viel Ansehen und Kenntniß. Durch seine angenehme Art und Weise versteht er den übeln Eindruck zu besänftigen und zu verstecken, den Philipp auf so Viele durch seine Zurückhaltung, sein Hinhalten und seine Knauserei hervorbringt. Er ist so geschickt und fähig, daß er der erste Minister des Königs dereinst ohne Zweifel werden muß. Antonio ist schmächtig, von zarter Gesundheit, in seinen Privatangelegenheiten nicht in bester Ordnung, nicht gleichgültig gegen seinen Vortheil und dem Vergnügen ergeben. Schmeicheleien und Geschenken ist er durchaus nicht unzugänglich.«

Statt ihn von sich zu lassen, zog der König ihn immer fester und enger an sich. Er erhob den jungen Mann, »der so lebhaften Geistes war, einen so einschmeichelnden Charakter besaß, nie Gewissensscrupel im Dienste seines Herrn empfand, der überall Mittel und Wege fand, eifrig arbeitete und kräftig und elegant zugleich schrieb«, zu der Würde, welche sein Vater schon bekleidet, zum Staatssecretair mit einem sehr ausgedehnten Wirkungskreise, sowol in der Civil- als in der Kriegsverwaltung. Perez besonderes Geschäft aber war, bei Dechiffrirung der Depeschen Das zu trennen, was dem Staatsrathe vorgelegt werden sollte, von Dem, was zur Privatkenntniß und eigenen Entscheidung des Königs vorbehalten war. Somit ward er der Mitwisser, gewissermaßen der alter ego des Königs in seinen Geheimnissen und Intriguen.

Es fehlt nicht an Zeugnissen dafür, daß der junge Antonio Perez, von dieser Gunst geblendet, sich überhob. Er benahm sich selbst gegen den gefürchteten Herzog Alba, der an der Spitze einer Gegenpartei stand, von der wir später reden werden, übermüthig; mit ihm am Tische des Königs würdigte er ihn keines Wortes. Eine solche Arroganz, so weniges Maßhalten im Glücke, der außerordentliche Luxus, der in seinem Haushalt, für Andere beleidigend, herrschte, seine Lust am Spiel, sein ausschweifendes Leben, seine Verschwendung, die ihn nöthigte, die Hand gegen Jeden zu öffnen, der sich mit Bittgesuchen an ihn wandte, erweckte ihm natürlich viele, zuerst geheime Feinde, die aber später, als seine Ungnade entschieden war, mit unverhohlenem Grimm sich der Zahl seiner Verfolger anschlossen.

Aber seine Gunst währte lange beim Könige; das Vertrauen desselben zu Perez schien unbegrenzt und der Staatsdiener ward zum persönlichen und Leibdiener seines Fürsten.

Wir erzählen hier zunächst die beiden Fäden der Intrigue, welche das nachfolgende Trauerspiel einleiteten, so wie man sie nach den bisherigen Nachrichten aus Perez eigenen Schriften als, wenn nicht für durchaus wahr hielt, doch als der Wahrheit am nächsten kommend.

Die uns Deutschen so wohlbekannte Prinzessin Eboli, Anna aus dem alten Hause der Mendoza und Gattin des Fürsten und Ministers Ruy Gomez, glänzte damals als ein Stern erster Schönheit und von bezauberndem Geiste an dem spanischen Hofe. Philipp II. war nicht gefühllos für ihre Reize geblieben, ohne einen andern Widerstand zu finden, als den sein eigener stolzer, finsterer Charakter ihm entgegensetzte, der vor dem Schein erschrak, seiner Würde etwas zu vergeben. Für Frauen, welche nicht in Art gewöhnlicher Maitressen großer Fürsten ihren Stolz darein setzten, vor aller Welt im Sonnenlicht der Gunst ihre Schande zu zeigen, war dieser König ein Liebhaber, wie sie ihn nur wünschen konnten. Er war in seinen Liebesintriguen so verschwiegen wie in denen seiner verrätherischen Politik. Der Gatte der Prinzessin, obgleich Spanier, Fürst, von altem Adelsgeschlecht, fühlte nichts von Eifersucht, wo ein König die Reize seiner Gattin der Bewunderung würdigte.

Aber zu einem solchen Verhältniß gehörte ein besonderer Vertrauter. Antonio Perez ward dazu gewählt. Er hinterbrachte dem Fürsten Ruy Gomez den Wunsch und Willen des Königs, der sofort seiner Gattin die Ehre und das Glück seines Hauses mittheilte und bei der schönen Frau auf keine Schwierigkeiten stieß. Perez hatte das Ehrenamt, die Prinzessin heimlich in die Gemächer des Königs zu führen.

Obgleich das eigentliche Geheimniß, bei den Verhältnissen so hochstehender Personen, und an einem Hofe, wo die Wände Ohren haben, nicht lange behütet werden konnte, federten Ceremoniel und Anstand doch gewisse Rücksichten nach wie vor, und Antonio Perez, der Staatssecretair, behielt das wichtige Amt, die Zusammenkünfte des Königs und der Prinzessin zu besorgen. Ein reicher Lohn fehlte ihm nicht für diese Verdienste.

Aber die Versuchung für den jungen und liebenswürdigen Mann, wenn er die schöne junge Frau in der Stille der Nacht in die Arme des Königs führen mußte, war zu groß. Seine Blicke oder Seufzer, oder seine kühneren Worte wurden von der glühenden Spanierin verstanden, und die Prinzessin belohnte Antonio Perez Dienste endlich mit einem köstlicheren Solde als der König. Ihr Ehrgeiz war vielleicht befriedigt, für den Dienst in den Armen des alternden, finstern Wüstlings und Tyrannen verlangte ihr Herz oder ihre Sinnlichkeit nach einer Entschädigung.

Nach den neuesten Ermittelungen, von denen wir alsbald reden werden, und die vieles neue Licht in die dunkle Geschichte gebracht haben, kann der Roman, wie er hier erzählt ist, in Zweifel gestellt werden, nicht aber die doppelte Thatsache, daß die Eboli Philipp's Maitresse gewesen und Perez ihr begünstigterer Liebhaber. Wir fahren inzwischen in der Darstellung der Verhältnisse fort, wie bisher daran geglaubt wurde.

Die Sache blieb lange ein Geheimniß, der König hegte keinen Argwohn.

Es war um jene Zeit, daß Philipp's II. natürlicher Bruder, Karl's V. Bastard, der berühmte Feldherr Don Juan d'Austria, mit dem Könige in mehren Punkten in Uneinigkeit gerieth. Don Juan, in den Niederlanden commandirend, foderte, daß die spanischen und italienischen Truppen von dort zurückberufen würden. Zu diesem Zwecke hatte er seinen Secretair Escovedo nach Madrid geschickt, welcher mit Eifer die Sache betrieb. Perez war entgegengesetzter Ansicht und drang mit der seinigen durch. Escovedo, wüthend darüber, suchte sich zu rächen. Es gelang ihm, hinter das Geheimniß zwischen der Eboli und seinem Gegner zu kommen, und er versäumte nicht, den König von seiner Entdeckung in Kenntniß zu setzen, in der gewissen Hoffnung, daß dieser Umstand seinen politischen Gegner unfehlbar stürzen müsse.

Seine Rechnung war zwar richtig, aber nicht vollständig. Philipp vergab und vergaß kein Vergehen gegen seine Person; aber er war ein kaltblütiger Rechenmeister, der bei jeder Operation nach vielen Richtungen hin arbeitete und, wenn er einen Schlag führte, gern zwei Gegner damit traf.

Philipp verbarg die Flamme, welche Escovedo's Entdeckung in ihm entzündet hatte; er verbarg sie für den Augenblick und noch lange nachher. Sein Betragen gegen Antonio Perez ward das Meisterstück seiner Verstellungskunst. Aber an einem Hofe wie der des zweiten Philipp, wo Wort, Blick und Bewegung in beständiger Erstarrung von Devotion verharren mußten, rächte sich die Natur oder sie erholte sich von dieser Beschränkung, indem sie die Wahrnehmungskraft der Sinne schärfte. Nichts geschah im Stillen, nichts wurde so im Verborgenen gesprochen, daß nicht ein Widerhall, ein Widerschein davon zu Denen gelangte, die es betraf, oder nicht betraf.

Perez und die Prinzessin Eboli wußten, daß ihr Verhältniß dem Könige verrathen war und sie strengten alle ihre Kräfte an, um den Schein der Unschuld vor ihm zu behaupten. Es gelang ihnen – glaubten sie! Und nun ging ihr ganzes Bestreben dahin, sich an dem Angeber zu rächen und Escovedo als einen äußerst gefährlichen Mann darzustellen, der, im vollen Vertrauen seines Herrn, ja ihn beherrschend, nicht ablasse, Don Juan d'Austria anzurathen, daß er sich selbst zum Könige der Niederlande erhebe.

Jeder Funke ausgestreuten Verdachtes fand in Philipp's Brust seinen Zunder. Er nährte ihn aber vorsichtig, daß nicht ein Luftzug den Funken unzeitig zur Flamme anfache. Der Verdacht gegen Escovedo fand einen nur allzuvorbereiteten Boden. Philipp fürchtete den Mann, welcher auf den offenen Sinn seines Bruders einen so bedeutenden Einfluß übte, er haßte ihn.

Schon früher hatte der König sich Beweise verschafft, welche ihn über Escovedo's gefährliche Thätigkeit außer Zweifel setzten. Er hatte im Namen seines Herrn in Frankreich und Italien Verhandlungen angeknüpft. Don Juan foderte nicht allein durch seinen Abgesandten die Rückberufung der spanischen Truppen aus den Niederlanden, sondern er selbst foderte immer dringender Geldsendungen und die Rückkehr seines Secretairs, den man unter allerhand Vorwänden in Madrid zurückhielt.

Philipp zweifelte nicht mehr an ehrgeizigen Entwürfen, mit denen sein Bruder umginge; aber die Seele dieser Entwürfe konnte nur der kühne, unverdrossene, unbestechliche Escovedo sein.

Ihn zurückzusenden war deshalb gefährlich; ihn länger zurückzuhalten, war mislich, da Don Juan, der auch schon zu fürchten anfing, immer dringender auf die Rückkehr bestand. Arretiren konnte der König denselben nicht lassen; die Folgen dieses Schrittes wären nicht abzusehen gewesen.

Es blieb dem Despoten, der es nicht gerathen fand, einen offenen Bruch mit einem Bruder zu wagen, welcher die Meinung der Welt für sich hatte und ihm ein Werkzeug schien, das sich noch leiten ließ, also kein Ausweg übrig, als den verdrießlichen, verhaßten und gefährlichen Mann zu verderben.

Aber der Entschluß, Escovedo zu verderben, erschütterte nicht im mindesten den andern Entschluß, auch seinen Gegner Perez zu verderben. Nur war jener dringender, dieser konnte aufgeschoben werden; es eröffnete sich ihm sogar die Aussicht, den Einen zum Verderben des Andern zu gebrauchen und die Möglichkeit, ihn in dem Unternehmen, oder dessen Folgen, untergehen zu sehen. Aber sein Racheplan ging weiter. Die Liebe für die Eboli, wenn man da von Liebe reden kann, war seit jener Entdeckung dem Hasse gewichen, oder dem gekränkten Stolze, daß eine Spanierin die Gunst ihres Königs mit einem Diener theilte. Auch der Untergang der ungetreuen Maitresse war beschlossen, und sollte oder durfte mit dem Sturze des Einen oder Beider von selbst erfolgen.

Philipp trug Antonio Perez auf, Escovedo zu ermorden.

Perez, in seinen später in Frankreich herausgegebenen Relaciones erzählt die Geschichte in folgender Weise.

»Der König, welcher täglich neue Proben von Escovedo's Verräthereien erhielt und ihn nicht mehr zu Don Juan d'Austria, der ungestüm auf seine Rückkehr drang, zurücklassen konnte, ließ Antonio Perez eines Tages im Escurial zu sich rufen. Es war das Garderobezimmer, wo alle die kostbaren Möbel und Schmucksachen für die königlichen Zimmer zusammengebracht waren. Sobald Perez eingetreten war, schloß Philipp selbst sorgfältig die Thüre. Perez war mit Mappen und Papieren angekommen, ob er sich gleichwol sagen mußte, daß die Audienz beim Könige in einem so ungewöhnlichen und entferntgelegenen Zimmer nicht zur Absicht habe, daß über gewöhnliche Staatsgeschäfte conferirt werde. Auch hieß Philipp ihm die Papiere fortlegen und ging mit ihm, anfangs unter gleichgültigen Gesprächen, im Zimmer auf und ab. Endlich ging er zur Sache über und hub an:

»»Antonio Perez, ich habe schon seit lange mit Schmerzen das Treiben meines Bruders mit angesehen, oder besser des Juan d'Escovedo's, wie auch das seines Vorgängers Juan de Soto. Ich habe darüber nachgedacht, daß wir auf der Stelle zu einem Entschluß kommen müssen, oder es ist zu spät. Nun finde ich unter allen Umständen kein anderes Auskunftsmittel, wohlverstanden, wir dürfen die Sache nur als ein Auskunftsmittel betrachten, als daß man Juan d'Escovedo verschwinden läßt. Denn ließe ich ihn nur verhaften, so würde mein Bruder in denselben Zorn gerathen, als wenn ich mich völlig von ihm befreite. Ich habe mich deshalb zum Letztern entschlossen und will keinem Andern als dir die Ausführung meines Willens übertragen, dir, der mir schon so viele Proben seiner Treue und seiner Geschicklichkeit im Dienen gegeben, und der, völlig vertraut mit seinen Ränken, auch die Gegenmittel weiß, ihn zu überlisten. Aber aus den Gründen, die dir bekannt sind, ist es nöthig, rasch zu handeln.««

Antonio Perez' Herz schlug lebhaft bei einem solchen Vorschlag. Er erwiderte:

»»Sennor! ein solches Zeichen des Vertrauens von Seiten Eurer Majestät rührt mich bis in mein tiefstes Herz; aber vergönnen Eure Majestät mir auch, aus meinem Herzen mit offener Hingebung zu sprechen. Ich betrachte Eure Majestät als in dieser Angelegenheit selbst betheiligt, wiewol Dero Weisheit meinen König auch inmitten der schwersten Kränkungen ruhig und besonnen erhalten wird. Möglich auch, daß ich selbst, aus Unwillen und Entrüstung über solche Kränkungen, die meinem König und seiner Krone widerfuhren, persönlich gereizt und auch Partei in dieser Sache bin. Demgemäß halte ich es für rathsam, die Angelegenheit einem Dritten, Unbetheiligten vorzulegen, um sie zu beurtheilen, gutzuheißen und uns über den Ausgang zu versichern. Sonst stehe ich in Allem und Jedem zu Eurer Majestät Verfügung. Ich habe keinen andern Willen als den meines Königs, und bin bereit, Alles zu vollziehen, was er mir befiehlt.««

»Der König erwiderte:

»»Antonio Perez, wenn dein Vorschlag nichts Anderes bezweckt, als einen Dritten hineinzuziehen, weil du es nicht allein wagen willst, so stimme ich ein. Soll er aber nur seinen Rath über meinen Entschluß abgeben, so bedarf ich dieses Dritten nicht. Wir Könige handeln wie die großen Aerzte bei geringeren Kranken. In schwierigen und dringenden Fällen nehmen sie von Niemand Rath an als von sich selbst; obgleich sie bei gewöhnlichen Krankheiten recht gern den Rath ihrer Collegen hören. Du magst mir glauben, denn ich rede von Sachen, die meine Profession sind; in solchen Angelegenheiten ist ein Rath weit mehr gefährlich als nützlich.««

»Philipp schwieg; Antonio Perez verstand ihn. Aber er hütete sich, dem Könige zu verstehen zu geben, daß er ihn verstünde. Dies gebietet oft die Klugheitsregel Königen gegenüber, hier gebot es ihm die eigene Sicherheit. Antonio Perez schien nicht zu verstehen, daß Philipp durchaus nicht die Dazwischenkunft eines Dritten wünsche; um deshalb drang er darauf, daß noch ein Dritter in der mislichen Angelegenheit hinzugezogen werde. Er schlug dazu vor den Marques De Los Velez, Don Pedro de Fayardo; dieser sei ein Mann voller Ergebenheit gegen seinen königlichen Herrn, der zu handeln wisse, Winke verstehe, um zu schweigen.

»Der König ging endlich darauf ein, vielleicht weil er nicht anders konnte. Der Marques de Los Velez ward in das Vertrauen gezogen und sein Rath über die Ausführung des Beschlusses erfodert. Vielleicht geschah es (von Philipp's Seite), um sich selbst während dieses Aufschubs in seinem Entschlusse aufrecht zu erhalten, wie es wol natürlich ist, wenn man von einer Leidenschaft oder einem heftigen Verlangen gestachelt wird; oder es geschah um des Marques willen, damit er, den Eifer und die Ungeduld sehend, mit der man schon von den Mitteln der Ausführung sprach, keine Schwierigkeiten erhebe, den Entschluß selbst durch seinen Rath zu billigen.«

Des Königs Entschluß ging durch im Rath der Drei. Der Marques Los Velez stimmte ein, Antonio Perez' Gewissen fand sich beruhigt, das Todesurtheil über d'Escovedo war gesprochen und – er starb durch Meuchelmord.


So Antonio Perez in seinen Relaciones, welche, auch in Verbindung mit den anderweitigen Nachrichten, große Lücken und Dunkelheiten zurückließen, sowol über die Katastrophe selbst, als über deren wahre Motive, insbesondere aber über das Ineinandergreifen der verschiedenen Räderwerke der Intrigue, der politischen wie der persönlichen. Nach Mignet's neuesten Forschungen und Ansichten, welche er in seinem Werke Antonio Perez et Philippe II. niedergelegt hat und die das Product der eifrigsten Studien in den Archiven und Bibliotheken Madrids, des Haags u. s. w. sind, stellt sich das darum nicht weniger verwickelte Sachverhältniß wie folgt: Bis zur Zeit dieser Geschichte etwa stritten zwei Parteien an Philipp's Hofe um die Herrschaft, d. h. den Einfluß auf die Entschlüsse des Königs. An der Spitze der einen, der strengeren, stand der Herzog von Alba, auf der entgegengesetzten Ruy Gomez de Silva, Prinz von Eboli; jener stolz und fest, dieser geschickt und klug. Beide waren im Rath immer entgegengesetzter Ansicht, eine Plage für Die, welche beim Könige etwas nachsuchten. Wer sich Alba's Geneigtheit und Zustimmung erworben hatte, konnte versichert sein, daß Ruy Gomez gegen ihn stimmen werde, und umgekehrt. Es lag in Philipp's System, diesem Balancirspiel seiner Diener, ohne es zu stören, zuzublicken, obschon es oft in offenbare Feindseligkeiten überging. Doch neigte er mehr zu Gomez, der ihm länger und seiner Person näher diente, auch in seinen Formen ein bequemerer Rathgeber war. Ruy Gomez und seine Partei stimmte in Bezug auf die Niederlande zu versöhnlichern Maßregeln, Alba zum Gegentheil. Dieser siegte; aber nach seiner blutigen und fruchtlosen Henkermission dahin, die Spanien unerschwingliche Summen kostete und den Abfall eines großen, reichen Landes drohte, kam die Gegenpartei wieder auf, und obgleich Ruy Gomez schon 1573 gestorben war, blieb sie, als eine compacte Phalanx, aus den Schülern seiner Politik bestehend, am Ruder. Zu dieser Partei gehörten Antonio Perez und Juan Escovedo gleichmäßig; beide Geschöpfe, Schüler, des verstorbenen Prinzen Eboli. Zu ihr gehörte auch Don Juan d'Austria, der die Partei durch seine großen Siege draußen, zu Land und Wasser, in Spanien über ihre Gegner erhob. Ihre hauptsächlichsten Glieder waren außerdem der Erzbischof von Toledo (Don Gasparo de Quiroga), der schon erwähnte Marques de Los Velez und außer Antonio Perez auch der andere Staatssecretair Mateo Vasquez. Diese Partei herrschte, fast mit gänzlicher Beseitigung der Alba'schen, bis zum Jahre 1579.

Don Juan d'Austria war von seiner Partei nach den Niederlanden geschickt worden, um wieder gut zu machen, was Alba verdorben hatte und Requesens nicht wieder herstellen können. Aber es war schon allzuviel verdorben. Flamänder und Brabanter hatten sich mit den Holländern und Zeländem verbunden zur Aufrechthaltung ihrer alten Rechte gegen das spanische Joch, und Wilhelm's von Oranien Klugheit und Einfluß hatte die Pacification von Gent (8. November 1576) zu Stande gebracht, durch welche 17 Provinzen sich aufs engste zu gegenseitigem Schutz und Trutz verbanden und unter Bedingungen, welche die Oberherrschaft des Königs von Spanien zu einer fast nur nominellen herabsetzten.

Don Juan d'Austria's Lage, als er ankam, war, diesem entschieden ausgesprochenen Willen und dieser Macht der verbundenen protestantischen und katholischen Provinzen gegenüber, eine peinliche. Er durfte und konnte nur unterhandeln, weil der Wille des Königs und seiner Partei jetzt vor neuen Gewaltsmaßregeln zurückschreckte und ihm selbst die Macht über seine Truppen fehlte, welche, auf ihren rückständigen Sold vergeblich wartend, bis zum äußersten Punkt der Meuterei gediehen waren. Als Unterhändler aber stand er schwach, ein Fremder, einer compacten, mächtigen Verbindung gegenüber, welche den Vertrag bereits nach ihrer eigenen Willkür niedergeschrieben hatte.

Für jeden Feldherrn und Fürsten wäre die Lage, in welcher Don Juan sich befand, eine peinliche gewesen, was mehr für den Eroberer von Tunis, den Besieger der Mauren in Granada, den Sieger von Lepanto, den kühnen, ritterlichen, hochstrebenden Sohn Karl's V., auf dessen Angedenken bei den Flamändern Don Juan zu seinem Vortheil so viel bauen durfte. Er, dessen Ehrgeiz nach einem eigenen Throne ausblickte, konnte, in Luxemburg an der Grenze mit seinen wenigen Truppen eingepreßt, mit gebundenen Händen, nichts wirken. Schritt für Schritt mußte er sich in Alles fügen, was die Stände der vereinigten Provinzen dictirten, er, der hingesandt war, sie der Krone Spanien wieder zu unterwerfen, er, der, wenngleich mit edlerem, doch mit demselben Feuereifer als sein königlicher Bruder Philipp für Aufrechthaltung aller alten Rechte des Katholicismus entbrannt war, mußte sich die Antwort gefallen lassen: die Stände würden ihn erst dann als des Königs Statthalter anerkennen, wenn er alle spanischen Truppen von ihrem Gebiet fortzöge, die von Alba errichteten Citadellen schleifen lasse und für Herstellung aller alten Rechte der Provinzen sorge!

Er hatte in Alles willigen müssen, die Pacification von Gent war bestätigt worden, aber – er konnte auch nicht sein Wort halten, ihm fehlte das Geld, um die Truppen zu bezahlen, die er entlassen, die er fortschicken sollte. Wir übergehen Begebenheiten, die der Geschichte allein angehören. Es kommt hier nur darauf an, seine persönliche Lage, seine persönliche Stimmung zu schildern.

An Den, welchen er für seinen Freund im Rathe des Königs hielt, an Perez, hatte er am 21. December geschrieben: »Ich bin doch am Ende nur ein Mensch, und was soll ich allein unter so vielen andringenden Verwickelungen, wenn ich Keinen habe, auf den ich mich verlassen kann, besonders wenn Escovedo mir fehlt... Wahrhaftig, ich lege mich um Mitternacht zum Schlafe und stehe bei Kerzenlicht um 7 Uhr auf, ohne daß ich weiß, ob ich den Tag über Zeit finden werde zum Essen oder was sonst dem Leibe noth thut. Und schon kostet es mich drei Fieberanfälle. Ich bin in Verzweiflung, wenn ich mich hier wie verkauft sehe, und mit so wenig Leuten, und ohne einen Real, und weiß, mit welcher Langsamkeit man da unten bei Allem zu Werke geht.«

Don Juan foderte Geld; Geld um die Truppen zu bezahlen, Geld zu Krieg oder Friede, Geld zur Erhaltung seiner Ehre, und seinen Vertrauten Don Juan d'Escovedo hatte er nach Spanien geschickt, um diese Forderung zu unterstützen. Aber Escovedo war übereifrig; in seinem Eifer ging er bis zur Beleidigung. In einem Briefe an Philipp nannte er dessen Politik: »eine lumpige«. Der König schrieb Dies mit einer bittern Bemerkung an Perez. Perez war wirklich noch Escovedo's Freund; er ermahnte ihn, um Gottes willen in dieser Art nicht fortzufahren, wenn er nicht Alles beim Könige verderben wolle; und mit vollem Recht. Philipp nannte gegen seinen Vertrauten Escovedo's Schreiben: »ein blutiges Papier« und mit allen Zeichen des innern Verdrusses sagte er: »Das sind mir Früchte aus Italien und Flandern... Wenn er mir mit lauter Stimme Das gesagt hätte, was er mir geschrieben, so weiß ich wirklich nicht, ob ich die Fassung behalten hätte.« Perez versuchte den Freund zu entschuldigen, die beleidigende Aeußerung sei doch aus einem achtbaren Eifer hervorgegangen. Philipp antwortete ohne Zorn, aber seitdem war Escovedo der Gegenstand seines geheimen Hasses.

Escovedo verließ darauf Madrid und kehrte zu dem dringend nach ihm verlangenden Don Juan zurück; aber ohne Geld. Neuer Streit wegen Entlassung der Truppen und auf welchem Wege, zu Lande oder zur See? Letzteres wünschte Don Juan, die Stände protestirten dagegen, weil sie eine Hinterlist, eine Expedition gegen die Seeprovinzen fürchteten. Sie erneuerten die Pacification von Gent durch die Union von Brüssel (9. Januar 1577). Endlich mußte Don Juan einwilligen, die Truppen zu Lande nach Italien abführen zu wollen, wozu denn die Stände das nöthigste Geld hergeben wollten. Dieser Vertrag, das sogenannte »ewige Edict«, ward am 12. Februar 1577 unterzeichnet.

In einem Briefe Don Juan's an Perez von diesem Zeitpunkt (16. Februar) nennt er sich einen »unglücklichen Menschen«, einen Verlorenen, weil er eine so lange vorausüberlegte und so wohleingerichtete Unternehmung im Stich lassen müsse. »Ich weiß nicht mehr, an was ich denken soll; das Beste wäre, mich in irgend eine Einsiedelei zurückzuziehen. Ich bin so geschlagen von diesem Schlage, daß ich lange Stunden hinbrüte, ohne zu wissen, was ich eigentlich denken soll.... Ich bin jetzt ebenso unnöthig hier, als ich zu anderer Zeit durch meine Gegenwart hätte nützen können.... Ich bin nicht für die Leute hier gemacht und die Leute sind nicht für mich gemacht (de ningun modo soy para entre estas gentes, y mucho menos son ellas para mi)... Ich sage es gerade heraus, besser als hier noch länger verweilen, als gerade nöthig ist, um eine andere Person zu wählen, ergreife ich jeden Ausweg, selbst den, Alles zu lassen wie es ist, und bei Euch zu erscheinen, wenn man mich am wenigsten erwartet, und sollte ich auch dafür bis aufs Blut bestraft werden, sollte ich auch, Sennor Antonio, den Dienst des Königs preisgebend, meinen eignen Untergang dadurch verwirken und mich verurtheilen und richten lassen zur Warnung für einen so großen Fehler. Seid gewiß, darin ist eigentlich nichts Schlimmeres, als einen Unterthanen zu verlassen, der so unterwürfig war, und den man in der Hand hatte, indem man ihn dahin auswies, wohin sein Herr es verlangte.«

Don Juan rieth, es klingt wie Ironie, aber war Ernst, statt seiner wieder eine Frau, entweder die Kaiserin oder die Herzogin von Parma zur Statthalterin zu ernennen; selbst aber bat er, mit seinen Spaniern (6000 Fußvölkern und 2000 Reitern) statt nach Spanien, nach Frankreich ziehen zu dürfen, um Heinrich III. zur Besiegung der Hugenotten zu verhelfen.

Es galt ihm mit diesem abenteuerlichen Vorschlage nichts, als die Schande seines Abzugs zu bemänteln, wiewol sein Secretair Escovedo in seinen Briefen dem Vorschlage noch einen andern Schein zu geben suchte: wenn Don Juan der Sache des Katholicismus in Frankreich den Sieg verschaffe, so sei dies auch ein mittelbarer Sieg gegen die Ketzer in den Niederlanden, welche die Nachwirkung des Ersteren unfehlbar empfinden müßten.

Zu gleicher Zeit strebte aber Don Juan, im Mismuth über seine Lage, nach einem ganz anderartigen Ersatz für die demüthige Rolle, die er gespielt. In einem Briefe Escovedo's an Perez (3. Februar 1577) vertraute Jener Diesem, daß seine Hoheit (Don Juan) verzweifelnd, als Feldherr noch etwas zu wirken, nur die Ehren und Rechte eines Infanten von Spanien zu erlangen wünsche. Als solcher denke er in den Rath von Spanien zu treten, dort die alte Ruy Gomez'sche Partei zu verstärken und mit ihr die Angelegenheiten des Königreichs zu leiten.

Escovedo mit seinem ungestümen Eifer drückte diese Absicht unvorsichtig genug in einem zweiten Briefe (7. Februar) an Perez aus: »...Wenn das gelingt, muß unsere Meinung im Rathe die Oberhand gewinnen. Der Plan, von weitem eingeleitet, und wenn man hinzunimmt, was uns förderlich sein könnte, muß gelingen; habt deshalb keinen Zweifel. Wenn Ihr und Los Velez jede gute Gelegenheit ergreift, die viele Arbeit zu bedauern, die auf den Schultern des Königs ruht und ihm Sorgfalt anzuempfehlen für seine Gesundheit, von der das Heil der Christenheit abhängt, dann werde ich noch weiter gehen und ihm ohne Umschweife sagen, aus diesen Gründen, und angesehen die außerordentliche Jugend des Prinzen, seines Sohnes, sei es gut, daß er Jemand habe, der ihm die Last (des Regierens) trage, und nachdem ich ihm gehörig den Scharfblick, die Klugheit und Treue gerühmt haben werde, die Seine Hoheit in den Angelegenheiten hier entwickelt, erscheint er von selbst als diejenige Person, der dieser Posten gebührt, und als Derjenige, wie die Schrift sagt, den Gott dem Könige zur Belohnung für seine Frömmigkeit als einen Stab für sein Alter habe zugeben wollen.«

Nicht minder dringend schrieb Don Juan selbst dieserhalb an Perez. Er beschwor ihn, Alles aufzubieten, daß er, aus den Niederlanden fort, nach Madrid komme; dort wolle er es ihm, als sein bester Freund, vergelten. »Im Bündniß mit Euch, Velez und Quiroga, wird es mir nicht allein gelten, Euch aufrecht zu erhalten, sondern auch alle unsere Feinde anzugreifen, und als meinen Feind betrachte ich Jeden, der es von einem Freunde ist wie Ihr.«

Diese Briefe wurden von Escovedo und Don Juan im Vertrauen an Perez geschrieben, und Perez theilte sie in demselben Vertrauen seinem Könige mit, vor dem er nichts verbarg. Ja Philipp hatte ihm eigens den Auftrag ertheilt: diese Correspondenz zu führen, in die Ansichten der Beiden einzugehen, die Miene anzunehmen, als rede er ihnen beim Könige das Wort; ja er hatte ihm erlaubt: sich recht freimüthig über seine eigene, höchste Person auszudrücken, um auch ihnen Muth und Lust zu machen, Alles, was ihnen auf dem Herzen lag, abzuwälzen, und Perez – gehorchte, wie er selbst in seinem Memorial gesteht, diesem Auftrage mit einer unverschämten Unterwürfigkeit. »Ich weiß sehr wohl, was meine Pflicht und mein Gewissen anlangt, daß ich hierin nur Das thue, was ich muß, und ich bedarf keiner andern Theologie, als der meinigen, um es zu verstehen.« Der König erwiederte ihm: »Meine Theologie sieht die Sache gerade so an, wie die deinige, und findet, daß du nicht allein gethan hast, was du solltest, sondern daß du auch vor Gott und Menschen gesündigt hättest, wenn du es anders gemacht.«

Philipp, auf diese Weise von den geheimsten Gedanken seines heißblütigen, misvergnügten Bruders und seines noch ungestümern Rathgebers unterrichtet, empfand begreiflicherweise keine Lust, ihn zurück zu berufen und am Hofe in nächster Nähe, oder in seinem Rathe zu sehen, um sich von ihm beherrschen zu lassen. Perez mußte ihm daher schreiben, daß der König durchaus nicht darauf eingehen wolle, und daß es ihm und seinen Freunden unmöglich gewesen, den Starrsinn des Monarchen zu beugen, der nun einmal glaube, daß es nur dem Prinzen gelingen könne, die aufrührerischen Provinzen zu Ordnung und Gehorsam zurückzuführen. In einem der meisterhaftesten Briefe, in welchem er Escovedo die Unmöglichkeit auseinandersetzt, in der Sache zu Gunsten Don Juan's weiter vorzugehen, und namentlich die Unklugheit, es rasch thun zu wollen, wodurch Alles verdorben werde, übt er die Täuschung so weit, daß er sich selbst mit dem Benehmen seines Königs und Gönners unzufrieden stellt, um des Prinzen volles Vertrauen zu gewinnen. Mit welchen Gefühlen mag Philipp II. Perez' Brief an Escovedo überlesen haben, worin es heißt: »Wolle Gott, daß eines Tages Ihr und ich Velez' und Sesa's Plätze inne haben! Aber hüten wir uns, jemals diesem Manne (Philipp II.) zu verrathen, was wir wünschen, denn dann würden wir es nie erreichen (pero no lo mostremos a esto hombre jamas que lo deseamos). Der einzige Weg zum Ziel ist, ihn zu überreden, daß die Dinge ganz nach seinem Willen gehen und nicht nach dem Sr. Hoheit.« An den Rand des Concepts dieses Briefes hatte der König mit seiner kleinen Handschrift die Worte geschrieben: »So ist dieser Artikel gut, und was du darin sagst, ist auch gut.« (Este capitulo ha muy bien assi y lo que decis' en el tambien.)

Daß ein König wie Philipp II. einen Bruder wie Don Juan d'Austria nicht in seiner Nähe wünschte, war begreiflich, sagten wir, auch wenn nicht alle die kühnen abenteuerlichen Plane, welche Perez, unmittelbar zu seiner Rechtfertigung, diesem Prinzen beimißt, in seinem Kopfe gespukt hätten. Don Juan sollte nach der Eroberung von Tunis daselbst ein eigenes Königreich haben gründen und sich zum König mit Beistimmung des Papstes erklären wollen. Der Beweis für diese Anschuldigung ist nicht geführt. Aber nachdem die Ausführung unmöglich geworden, weil Tunis wieder in die Hände der Türken gefallen war, hatte der Sieger von Lepanto einen noch kühneren, uns chimärisch klingenden Plan entworfen. Nach Unterwerfung der Niederlande wollte er in England landen, die ketzerische Königin vom Throne stoßen und sich selbst als katholischer König auf denselben setzen. Eine Vermählung mit der noch gefangenen Maria Stuart ward dabei in Aussicht gestellt. In Rom war man von dem Plane entzückt und suchte ihn durch Fürsprache und Versprechungen zu unterstützen; in Madrid hatte er Philipp's despotische Eigenliebe verletzt und Alba ihn geradezu für eine Thorheit erklärt. Aber jetzt, wo es galt, den aufgebrachten und verzweifelnden Prinzen von der Rückkehr ab und mit einer Lockspeise hinzuhalten, ward wieder von fern auf die Möglichkeit einer Ausführung hingedeutet. Den abenteuerlichen Condottierezug Don Juan's nach Frankreich durfte Philipp nicht gestatten, und hatte den besten Grund dafür darin, daß Heinrich III. selbst eine solche Unterstützung gar nicht verlangt habe.

Don Juan fügte sich; Perez selbst lobt in einem Briefe »diesen wahren Ritter voller Ehrgefühl und Eifersucht seine Pflicht zu erfüllen, der Alles thue, nur um seinem Könige zu dienen«. Don Juan fügte sich, aber seine Lage ward unerträglich. Geneckt, beleidigt, von Misgunst, Verrath umgeben, falsch rechnend, als er durch edles Vertrauen Vertrauen kaufen wollte und in gerechter Besorgniß, in dem Brüssel, wohin er sich fast ohne Mannschaft freiwillig unter seine Gegner begeben, von den feindlichen Parteigängern aufgehoben zu werden, sah er sich endlich genöthigt, selbst zu den Waffen zu greifen. »Die Insolenz der Uebelgesinnten wächst ins Unglaubliche«, schreibt er an Philipp. »Von den Ständen geht es aus, die Großen nehmen Theil, das Volk ist gewonnen. Rückkehr ist nicht mehr möglich; Alles stürzt zusammen. – Wenn diese Leute hier selbst die Schuldigen sind und gar nichts mehr auf Eure Majestät Gnade geben, so muß der Krieg ein anderer werden, als er bisher war. Er muß mit ihrem eigenen Gelde geführt werden und nicht mit dem anderer Länder. Wer das Uebel veranlaßt, muß es bezahlen. Feuer und Blut über sie, und möge Eure Majestät mich walten lassen.«

Um Hülfe, die Rückkehr der Truppen, Rath und Geld in dieser kritischen Lage sich zu verschaffen, sandte Don Juan zum zweiten Male seinen Escovedo nach Spanien. Philipp II. war über diesen lästigen Besuch höchst aufgebracht. Er misbilligte nicht allein die Absendung, sondern Don Juan's ganzes Verfahren, den Friedensbruch, weil er sich nicht für stark genug zum Kriege hielt. Aber die Umstände waren stärker als sein Wille, der Trotz, die offenen Unternehmungen der Flamänder und Brabanter gegen seine Autorität, ihr Bündniß, welches sie mit Elisabeth von England schlossen, zwang ihn endlich, Don Juan die Erlaubniß zur offenen Gewalt zu geben. Und der junge Feldherr ergriff die Waffe mit Glück; seine Lage hatte sich bald völlig geändert, und mit Ungestüm foderte er in seinen Briefen, daß man Muth fasse, daß man Holz ins Feuer werfe, während es noch brenne. »Läßt man diese Gelegenheit wieder verstreichen, dann soll der König nicht mehr daran denken, Herr von Flandern zu bleiben, auch nicht von seinen andern Reichen, denn er findet keinen Beistand mehr, weder bei Gott noch bei den Völkern. Das ist die Wahrheit; wer ihm Anderes sagt, täuscht ihn. Ich habe es ihm gerade heraus geschrieben und was ich sonst denke ... ich habe vielleicht mehr gesagt, als man wünschte. ... Das nicht zu sagen, halte ich für einen Verrath. ... Jetzt aber, meine Herren, bedarf es des Geldes und des Entschlusses. Wir haben jetzt hier Gelegenheit, unsere Sache glänzen zu lassen, weil wir fechten können, und unser Herr wird Sieger sein. Darum, Escovedo, Eifer, Eifer und schnell zu mir zurück!«

Und im Augenblick, wo dieser Brief in Madrid ankam, ward Escovedo auf offener Straße daselbst ermordet, und es leidet keinen Zweifel, daß Philipp II. ihn ermorden lassen. – Warum?


Der politische Meuchelmord war in jener Zeit nichts Ungewöhnliches; er hat sogar seinen wissenschaftlichen Vertheidiger gefunden. Auch dieser Mord ward so vertheidigt. Philipp's II. Beichtvater, Diego de Chaves, schrieb im September 1589 an Perez:

»Nach meiner Ansicht von den Gesetzen kann der weltliche Fürst, welcher dergestalt die Macht hat über das Leben seiner Unterthanen und Vasallen, daß er es ihnen aus gerechter Ursach und durch Urtel und Recht nehmen darf, dies auch ohne dieses thun (lo puede hazer sin el) weil die Förmlichkeiten allüberall und was sonst zu einem Proceß gehört, für ihn nichts weiter als Gesetze sind, von denen er dispensiren kann. – – Es ist daher keine Verschuldung von Seiten eines Vasallen, wenn er auf Befehl seines Souverains einen andern Vasallen desselben umbringt; weil man denken muß, daß der Fürst diesen Befehl um einer gerechten Ursache willen gegeben hat, weil man nach ernstlichen Grundsätzen annehmen muß, daß eine solche allen Handlungen des Souverains zu Grunde liegt.«

Nach dieser Theorie handelte Philipp II., und es ist nicht das einzige Mal, daß er so gehandelt hat. Aber auch er mußte vernünftige, mächtige Beweggründe haben.

Perez gibt sie laut und deutlich in seinen Schriften an, in dem Memorial, welches er später dem Gerichtshofe von Aragon übergab, und in den Relaciones welche er noch später in Frankreich drucken ließ:

Don Juan d'Austria's ehrgeizige Entwürfe hatten den König beunruhigt: sein Plan zu einem Königreiche Tunis; der, sich auf den Thron von England zu setzen; dann, als er diesen aufgeben und selbst aus den Niederlanden sich zurückziehen müssen, sein heftiges Verlangen, mit den spanischen Truppen in Frankreich einzudringen, wo er in nächster Verbindung mit dem factiösen Hause der Guise gestanden; endlich sein ungestümer Wunsch, zum Infanten von Spanien erklärt zu werden, um im Rathe des Königs das Reich zu beherrschen. – Escovedo, Don Juan's rechte Hand, sein Rathgeber, die Seele aller seiner Entwürfe, sagt Perez, sei noch weiter gegangen. Der Plan desselben sei gewesen, wenn sie Herren von England geworden, sich auch Spaniens mit Gewalt der Waffen zu bemächtigen. Von Santander aus, wo Escovedo um die Gouverneurstelle eines festen Schlosses sich beworben, habe er über Asturien, gleich den alten Spaniern gegen die Mauren, die Halbinsel erobern wollen. Zu diesem Zwecke sei ein geheimes Bündniß zwischen ihm und den Guisen in Frankreich abgeschlossen gewesen unter dem Namen eines: »Bundes zur Vertheidigung beider Kronen.«

Perez spricht als Vertheidiger seiner selbst; es mußte ihm darauf ankommen, die Schuld, welche Escovedo in den Augen des Königs haben konnte, zu vergrößern, um seine eigene, so bereitwillig dem Könige seinen Mordarm geliehen zu haben, vor der Welt zu verkleinern. Die Mehrzahl der Beschuldigungen gegen Don Juan hat die Geschichte als unerwiesen beseitigt. Für seine Absicht auf Tunis fehlen alle Beweise, und wenn er einst von einem Königreich daselbst geträumt hätte, war dies eine Vergangenheit, die nicht mehr in Betracht kommen konnte. Der Entwurf, England anzugreifen, war als Plan im Cabinet des Königs schon lange berathen worden, wie er denn später zu einer weit ungünstigern Zeit, 1588, und zu Spaniens Verderben, zur That wurde. Aber wenn ihn der Gedanke, daß der hochfahrende Prinz nach dem glücklichen Ausgange sich selbst zum Könige des Inselreiches erheben könne, beunruhigte, so würde ein Philipp Mittel gefunden haben, im rechten Augenblicke dagegen zu handeln; der Augenblick, wo Don Juan kaum der Niederländer sich erwehrte, war aber gewiß der allerungeeignetste, um deswillen vor ihm und seinem Rathgeber zu zittern. Der unsinnige Plan, den Perez Escovedo unterschiebt, eventualiter auch Spanien für seinen Prinzen zu erobern, scheint aber rein aus der Luft gegriffen und hat kaum einen Anhalt in einzelnen, Escovedo in der Hitze entfallenen Aeußerungen, welche Perez künstlich zusammenlas. Allerdings war es Don Juan's brennendes Verlangen, in Frankreich einfallen zu dürfen, aber nur, weil er einen unübersteiglichen Widerwillen gegen einen längern Aufenthalt unter den Flamländern und Brabantern empfand und irgend einen glänzenden Streich ausführen wollte, der die Schande seines Rückzuges verdecke. Aber zur selben Zeit begnügte sich der Kaisersohn, der sich nach Thronen umschaute, mit dem kleinen Wunsch, als Infant von Spanien im Rathe des Königs zu sitzen und einigen gesetzlichen Einfluß auf die Regierung auszuüben. In allen diesen wechselnden Wünschen erscheint eine unruhige, ehrgeizige Natur, aber kein Empörer und Verschwörer und kein Seigneur, dessen Entwürfe so gefährlich gewesen wären, um einen Philipp zum Meuchelmorde gegen den Rathgeber desselben zu veranlassen. Am allerwenigsten zu der Zeit, wo Escovedo ermordet wurde. Don Juan dachte nicht mehr an das wieder verlorengegangene Tunis, auch in dem Augenblicke weder an England, Frankreich, noch an den Infantenstuhl im Rathe von Castilien, seine ganze ritterliche Seele ging wieder auf beim Schall der Trompete, beim Rasseln der Pauke in den Niederlanden, wo er im Dienst seines Königs neue Lorbern zu erwerben hoffte.

Um deswillen hatte er Escovedo nach Spanien geschickt, nicht für ihn, sondern zu Gunsten seines königlichen Herrn bei demselben zu negociiren. Und doch hätte grade jetzt in Philipp Furcht und Haß in dem Maße gegen den Unterhändler sich steigern sollen, daß er sich zum Meuchelmorde entschloß, von dem gar kein Vortheil für ihn entsprang?

Und doch war es so. Ein Philipp II. darf nicht mit dem Maßstabe, der für Andere paßt, gemessen werden. Ein Funke Verdacht genügte, um eine verzehrende Flamme in seinem argwöhnischen und furchtsamen Gemüthe anzufachen; nur ließ er ihn lange glimmen. Philipp hegte Besorgniß vor seinem warmblütigen Bastardbruder und haßte seinen Unterhändler, dessen rücksichtsloser Ungestüm seine Würde verletzte.

Auf Escovedo's Brief aus Santander (v. 21. Juli) schrieb er, nach Perez' Angabe, eigenhändig die Worte: »Schon nähert sich uns der Streich, der uns treffen soll; es ist nöthig, uns gegen Alles vorzusehen und alle Eil anzuwenden, ihn zu beseitigen, ehe er uns umbringt.«

Und doch ward Escovedo erst acht Monate nach diesem Briefe umgebracht!

Wer verzögerte die Ausführung? – Aller Wahrscheinlichkeit nach nur des Königs innigster Vertrauter, Antonio Perez, dessen Freundschaft für Escovedo noch nicht erloschen war, für den er fortwährend das Wort geredet, dessen Ungestüm er vor dem Könige als lobenswerthen Eifer mehr als einmal entschuldigt hatte. Perez versuchte den aufzückenden Ingrimm seines Herrn zu besänftigen, indem er seinen Argwohn zu beschwichtigen wußte. Das Motiv lag nahe, auch wenn man nicht geneigt ist, dasselbe in den edlern Gefühlen einer wirklichen Freundschaft zu suchen. Escovedo und Don Juan gehörten zu Perez' Partei. Jenes Gunst, dieses Beistand konnten ihm von wesentlichem Vortheil für die Folge werden; er durfte einen solchen Beistand nicht umsonst fahren lassen.

Welcher neue Umstand, welche neue Motive änderten aber dieses Verhältniß und bestimmten Perez, der damals Philipp's innigstes Vertrauen besaß, den Blitzstrahl gegen Escovedo, welchen er geschickt bis da aufzuhalten gewußt, loszulassen, daß er ihn zerschmetterte? – Hier müssen wir von der Politik, welche so bedeutend bis da in diesen Criminalproceß hineinspielte, zu seinen romanhaften Theilen übergehen, welche von nicht minderem Einfluß auf denselben sind. Aus Beider seltsamem Zusammenfluß wuchs er zu der räthselhaften Größe an, deren Lösung erst jetzt dem neuesten Forscher, Mignet, gelungen scheint.

Man hatte neuerdings an der allgemeinen Annahme gezweifelt, daß Perez mit der Eboli in einem Liebesverständniß gelebt; erst jüngst erklärte Ranke die Sache für einen erfundenen Roman, aus allgemeinen Gründen, welche hier anzuführen überflüssig ist, da sie durch Mignet's thatsächliche Ermittelungen widerlegt sind. Der Staatssecretair Antonio Perez lebte zu jener Zeit mit der Prinzessin Eboli, über deren Verhältniß zum Könige ebenso wenig ein Zweifel obwaltet, in einem sehr innigen Liebesverhältniß. Die noch vorhandenen Proceßacten in der Untersuchung gegen Perez geben darüber eine so vollständige Auskunft, als man sie nur verlangen kann, wenn man nicht an der Gewissenhaftigkeit der vielen darüber vernommenen, beeideten Zeugen einen durch nichts motivirten Zweifel erheben will. Die Eboli war Philipp's Maitresse; Perez stand mit der Eboli und die Eboli mit ihm in einer sträflichen Verbindung; aber Escovedo hat nicht aus Rache gegen Perez dieses Verhältniß dem Könige entdeckt, und dieser, wenigstens nicht allein, um deswillen Perez grausam verfolgt; sondern Perez, in Furcht, daß Escovedo, der dieses Verständniß mit der Eboli entdeckt hatte, dasselbe dem Könige verrathen werde, reizte des Königs alten Zorn gegen Escovedo und veranlaßte den Mordbefehl, und nachdem über dieses Sachverhältniß dem Könige die Augen aufgingen, entzündete sich in Philipp der nachhaltige, folgenreiche Ingrimm gegen den Mann, der so lange sein vollstes Vertrauen genossen und es in der Art mißbraucht hatte. Dies sind Mignet's Schlüsse, welche durch folgende größtenteils aus den Acten geschöpfte Data unterstützt werden.

Das Verhältniß Philipp's II. zur Prinzessin Eboli war weder in Madrid, noch im Auslande, ein Geheimniß, obgleich es in den Schranken des spanischen Anstandes vor officieller Verlautbarung geschützt wurde. Es bestand schon sehr lange vor der Katastrophe, von der wir reden; daß Perez der Unterhändler gewesen, ist weder ermittelt noch widerlegt. Ruy Gomez, Anna Mendoza's Prinzessin Eboli Gatte, wußte nicht allein darum und billigte es, sondern die Vermuthung liegt sehr nahe, daß seine dauernde Gunst und seine Macht ihre Quelle, wenigstens ihre Stütze in dem Bündniß seiner Frau mit seinem Könige gehabt haben. Ein Sohn der Eboli, der Herzog von Pastranna, galt für Philipp's Kind.

Die Prinzessin, obgleich einäugig, galt doch für eine vollkommene Schönheit. Sie war geistreich und stolz, leidenschaftlich und entschlossen; unwiderstehlich, wo sie bezaubern wollte, war sie geboren, um heftige Leidenschaften zu erwecken. Ein spanischer Schriftsteller schrieb von ihr: »Durch das Blut, das in ihren Adern stoß, durch ihre Schönheit und als Erbin eines so edeln Hauses, war sie eine der gesuchtesten Heirathspartien.« Perez nennt sie in seinen Werken: »einen Edelstein, umfaßt mit allen Blumen natürlicher Anmuth und allen Glücksgütern.«

Anna Mendoza, 1540 geboren, war 1578 bereits in ihrem 38. Jahre und einäugig. Dies schienen für den genannten Historiker Gründe, warum er an der Wahrheit eines Liebesverhältnisses mit Perez zweifeln müsse. Wenn aber auch die Erfahrung nicht dafür spräche, daß Frauen von 38 Jahren noch vollen Liebeszauber ausüben mögen, so ist doch auch nicht erwiesen, daß Perez' Verhältniß zur Eboli sich nicht schon aus früheren Jahren herschreibe. Daß dieses Verhältniß damals wirklich bestanden, bekundeten im Proceß viele Zeugen, von denen folgende die bedeutendsten.

Der Erzbischof von Sevilla, Don Rodrigo de Castro, bekundete, daß Perez sich der Sachen der Prinzessin stets bedient, als wären es seine eigenen, und daß diese hinwiederum tausend werthvolle Dinge ihm geschickt habe. – Eine Dame, Donna Cathalina de Herrera, hatte eines Tages gehört, wie Escovedo der Prinzessin lebhafte Vorstellungen machte, welches unangenehme Gerede über Perez' häufige Besuche bei ihr im Publicum umginge. Die Eboli war aufgestanden und hatte ihm stolz erwidert: Simple Edelleute hätten sich nicht darum zu kümmern, was die Frauen der Granden thäten. Damit hatte sie ihm den Rücken gekehrt und das Zimmer verlassen. Noch viele Zeugen bestätigten die häufigen Besuche Perez' im Hause der Prinzessin, und daß dieselben auch nach Escovedo's Tode fortgedauert hätten.

Donna Beatrix de Frias bekundete: wie das Aergerniß so groß geworden, daß mehre angesehene Edelleute, nahe Verwandte der Prinzessin, den Beschluß gefaßt, Antonio Perez zu tödten. Einer derselben, der Marquis de la Febera, gab eine sehr umständliche und naive Kunde darüber.

»Nicht genug mit seinen häufigen, anstößigen Besuchen, führte Perez die Prinzessin auch ins Theater und blieb dort viele Stunden mit ihr zusammen. Eines Tages wollte der Marquis sie besuchen, aber ihre Kammerfrau Bernarda Carrera, ließ ihn an der Thür warten und nicht hinein, weil Perez bei der Prinzessin wäre; »»was der Marquis höchst anstößig fand««. Einer seiner Diener sah oft zu sehr verdächtiger Stunde Perez aus ihrem Hause kommen; und er selbst sah noch weit Schlimmeres. Um deshalb kam 'er auf den Gedanken, Perez aus der Welt zu schaffen, und beredete sich deshalb mit dem Grafen Cifuentes, der auch nicht mehr zur Prinzessin ging, weil ihm deren Vertraulichkeit mit Perez sehr sträflich erschien. Am grünen Donnerstage ging der Marquis in die Kirche, um Gott zu bitten, daß er ihm den Gedanken aus dem Sinn schlüge, Perez umzubringen. Aber dieser Gedanke verfolgte ihn doch immer, wenn er sich daran erinnerte, daß die Prinzessin ihn einmal gefragt, ob er nicht wisse, daß Antonio Perez der Sohn ihres Mannes, des Fürsten Ruy Gomez de Silva sei (!?) und daß er es nur aller Welt sagen möchte. Der Zeuge fügte auch hinzu, daß man im ganzen Hause der Prinzessin nur von ihrer Intrigue mit Perez sich in die Ohren flüstere, und er halte es für außer allem Zweifel, daß sie es gewesen, die Escovedo umbringen lassen, weil er zu ihnen gesagt: das ginge so nicht langer an.«

Mehr als acht Zeugen sagten aus, das sei der allgemeine Glaube in der Stadt und im Lande: »daß Escovedo nur um deswillen umgebracht worden, weil er die Ehre des Prinzen Ruy Gomez vertheidigen wollen, dessen Diener er ehedem gewesen.« ^

Nach Escovedo's Tode führte die Eboli sehr verfängliche Reden. Zur oben erwähnten Donna Beatrix de Frias sagte sie: »Escovedo hatte eine böse Zunge und sprach sehr übel von vornehmen Damen. Die Mönche, die in Santa Maria predigen, hatte er einmal sogar aufgefodert, anzügliche Sachen zu sagen, von denen ich selbst vielen Verdruß hätte haben können.« Nach Escovedo's Tode fragte die Eboli jene Donna Beatrix, was man denn dazu sage, und fügte hinzu: »Sie behaupten ja, ich hätte ihn ermordet.« Beatrix fuhr auf: »Jesus, Ihre Gnaden, wie können Sie so was sprechen!« Sie erwiederte: »Ja, ich sage Euch, die Leute seiner Frau behaupten, daß ich es gethan!«

Rodrigo de Morgado, Antonio Perez' Page und sein Vertrauter, dem er nichts verbarg, zugleich der Unterhändler zwischen ihm und der Prinzessin, hatte im Vertrauen zu seinem Bruder, welcher vor Gericht als Zeuge auftrat, Folgendes mitgetheilt: Escovedo habe einst Dinge zwischen Perez und der Prinzessin gesehen, die ihm nicht recht schienen. Das habe ihn heftig verdrossen und er habe es rund heraus gesagt. Eines Tages betraf, er Beide sogar in unehrbarer Stellung im Bett oder auf dem Sopha. (luntos en la cama, o en estrado en cosas deshonestas.) Da rief er aus, das könne er nicht länger dulden, und er müsse darüber dem Könige Rechenschaft geben. Die Prinzessin erwiderte ihm darauf höhnisch: »Escovedo, thut, wie's Euch gefällt, aber ich liebe mehr Antonio Perez' A .... als den ganzen König!«

Diese Zeugen bekunden mehr als die Existenz des Liebesverhältnisses zwischen Perez und der Eboli, auch das Interesse, vielleicht die Notwendigkeit für Beide, daß der gefährliche, ungestüme Mitwisser ihres Geheimnisses von der Welt verschwinde.

Ein Zeuge, Geronimo Diaz, sagte mit Bestimmtheit aus, daß zu Anfang d. J. 1578, als Escovedo sich in die Intriguen zwischen Perez und der Prinzessin Eboli gemischt, die Freundschaft zwischen beiden Männern erkaltet und Perez daran gedacht habe, sich von ihm zu befreien. Zur selben Zeit erhielt Diego Martinez, Perez Haushofmeister, den Auftrag, die Ermordung Escovedo's zu besorgen.–

– Im Auftrage des Königs. Dieses steht fest; aber wie Perez dies angefangen, darüber schweigen die Nachrichten: ob er nöthig hatte, neues Feuer anzuschüren oder ob er nur den Zaum, die Schranken zurückzuziehen brauchte, mit denen er den schon großen Haß des Königs bisher gehemmt? Zu seiner Unterstützung liefen damals immer neue drängende Briefe Don Juan's ein, mit dem Refrain: »Geld, mehr Geld und Escovedo!« Philipp's Geduld war erschöpft. In seinem Memorial sagt Perez, daß in einer geheimen Berathung mit dem Könige nochmals alle Anschuldigungen gegen Don Juan vorgenommen wären, und am Schluß, gewissermaßen der geheime Urtheilsspruch gegen Escovedo, heißt es: »Aus allem diesen schien hervorzugehen, daß man irgend einen großen Entschluß zu fürchten habe, und daß die Ausführung irgend eines großen Schlages den allgemeinen Frieden und die Ruhe der Staaten Seiner Majestät trüben, ja den Prinzen Don Juan selbst in seinen Untergang verwickeln könne, wenn man den Secretair Escovedo noch länger bei ihm ließ.«

Nur der Marquis de Los Velez ward noch zu Rathe gezogen, und auch er billigte das Urtheil, das durch Meuchelmord executirt werden solle. Ja Velez sprach sich, nach Perez' Angaben, mit einer merkwürdigen Entschiedenheit aus: »Mit der Hostie im Munde wolle er, so Jemand ihn frage, welches Leben wichtiger sei, daß man es zum Opfer bringe, das Escovedo's oder das irgend eines Andern, welche am meisten angeschuldigt wären, laut und feierlich betheuern, daß Escovedo geopfert werden müsse.«

Perez erhielt den Mordauftrag, den Philipp aus Staatsgründen zu geben glaubte, den der Henker empfing und gegen einen alten Freund ausführte, aus persönlicher Rache oder Besorgniß, daß dieser Freund ihn verrathen oder verderben könne! Ein Handbillet des Königs ward für ihn die Beglaubigung. Es lautete: »Gewiß geziemt es, den Tod Verdinegro's (wie Philipp Escovedo in dieser Angelegenheit benannte) zu beschleunigen, bevor er etwas thut, was wir dann nicht mehr im Stande sind zu hindern; denn er wird nicht einschlafen, noch von seinen Gewohnheiten ablassen. Handle denn und thue es mit Eile, damit er uns nicht ermordet.«

Die Ausführung der Mordthat hatte ihre Schwierigkeiten. Zuerst ward Gift versucht, dann erst das Stilet. Perez geht in seinem Memorial kurz darüber weg. Desto ausführlicher berichtet sein Page Antonio Enriquez darüber in den Proceßacten. Seine Aussage verdient als treuer Spiegel einer sittlich tief verderbten Zeit, und mit welcher Naivheit, ja Sorglosigkeit, man bei einer solchen That zu Werke ging, wenigstens in ihren Hauptzügen hergesetzt zu werden:

»Ich stand eines Tages unbeschäftigt im Zimmer, als Diego Martinez, der Haushofmeister meines Herrn, mich fragte, ob ich nicht einen Mann aus meiner Provinz kenne, der gern Jemandem einen Messerstich versetzen würde. Er fügte hinzu: dabei wäre etwas zu verdienen, man würde gut bezahlen, und wenn der Tod auch darauf folge, so schade es auch nicht viel. Ich antwortete, ich würde mit einem Maulthiertreiber von meiner Bekanntschaft darüber sprechen, was ich denn auch that, und der Maulthiertreiber erklärte sich dazu bereitwillig. Später gab mir Diego in etwas umwickelten Reden zu verstehen, daß man die betreffende Person tödten müsse, daß sie von Ansehen wäre und unser Herr die That selbst billige. Als ich das hörte, erklärte ich, so wäre das kein Geschäft für einen Maulthiertreiber, sondern man müsse den Auftrag bessern Leuten ertheilen. Und da sagte mir Diego Martinez, die Person, welche umgebracht werden solle, käme häufig in unser Haus, und wenn man ihm etwas ins Essen oder Trinken thun könnte, so solle man es thun, denn das wäre das beste Mittel, das sicherste und das geheimste. Also entschloß man sich dazu und beeilte nun die Sache.

»Inzwischen reiste ich ab nach Murcia. Vorher sprach ich wieder mit Martinez, der mir sagte, ich könnte in Murcia gewisse Kräuter finden, die zu Dem sehr tauglich wären, was wir vor hätten, und er gab mir eine Liste von diesen Kräutern mit. Ich sammelte auch wirklich diese Kräuter, und schickte sie an Martinez, der sich indessen einen Apotheker aus Molina in Aragon kommen lassen. In meiner Wohnung destillirte, dieser Apotheker, in Martinez' Gegenwart, den Saft aus diesen Kräutern. Um die Probe anzustellen, gab man von dem Product einem Hahn, aber es that ihm nichts, und nun sah man, daß es nichts werth war. Der Apotheker ward zurückgeschickt und bezahlt.

»Einige Tage darauf sagte mir Martinez, daß er nun im Besitz eines gewissen Wassers wäre, vortrefflich, um es Einem einzugeben, daß Antonio Perez sich Niemandem anvertrauen wolle als mir allein, und daß ich bei einer Mahlzeit, die unser Herr auf dem Lande geben werde, nur nöthig hätte, von dem Wasser in Escovedo's Glas zu gießen, der nämlich auch unter den Gästen sein werde, und um dessen willen alle die früheren Versuche angestellt worden. Ich antwortete, nur wenn mein Herr selbst es mir beföhle, könnte ich mich dazu verstehen, Jemanden sterben zu lassen. Da rief mich der Staatssecretair Antonio Perez eines Abends zu sich aufs Land, und sagte mir, wie viel ihm daran läge, daß der Staatssecretair Escovedo stürbe, und daß ich ihm an dem bestimmten Tage während der Mahlzeit den Trank eingeben sollte, und ich möchte mich über die Art der Ausführung mit Martinez verabreden, indem er noch sonst schöne Worte hinzufügte, wie er mich belohnen und schützen wolle.

»Ich war damit sehr zufrieden und verständigte mich mit Martinez, wie wir die Sache ins Werk setzen wollten. Die Ordnung für die Mahlzeit war so: Sobald man durch die Mittelhalle ins Haus trat, fand man im ersten Saale zwei Schenktische, den einen für die Schüsseln, den andern für die Flaschen und Gläser, von wo man den Gästen zu trinken brachte. Aus dem gedachten Saale, zur linken Hand, ging man in den, wo die Eßtische standen und dessen Fenster auf das Feld hinausgehen. Zwischen diesem Eßsaal und dem, wo die Schenktische standen, war ein kleiner viereckiger Raum, der als Durchgang oder Vorzimmer diente. Während der Mahlzeit sollte ich nun dafür sorgen, daß, so oft der Secretair Escovedo zu trinken verlangte, kein Anderer als ich es ihm bringe.

»So hatte ich denn Gelegenheit, ihm zweimal zu trinken zu geben, indem ich zweimal in seinen Wein das vergiftete Wasser goß, das Diego Martinez immer bereit hielt, wenn ich durch das Vorzimmer ging, und ich goß jedesmal ungefähr so viel davon zum Weine, als eine Nußschaale füllen würde, wie mir befohlen war; und als die Mahlzeit zu Ende war, ging der Secretair Escovedo fort, die Andern aber blieben, um zu spielen, und der Secretair Antonio Perez ging einen Augenblick hinaus und traf mich und den Haushofmeister in einer der Hofstuben, wo wir ihm Bericht abstatteten über die Quantität Wasser, die in das Glas des Secretairs Escovedo gegossen worden, worauf er denn auch hinein ging um zu spielen. Man hörte aber nachher, daß der Trank gar keine Wirkung gehabt hätte.

»Einige Tage nachher, daß dieses so verunglückt war, gab der Secretair Antonio Perez ein zweites Mittagsmahl, in dem Hause, welches Cordon genannt wird und damals dem Grafen de Puñonwo unter anderen Gästen wieder der Secretair Escovedo und auch Donna Juana Coello, Perez' Frau, zugegen waren. Jedem wurde eine Schale, ich weiß nicht mehr ob mit Milch oder Creme, hingestellt, und in die für Escovedo schüttete man ein Pulver, das wie Mehl aussah. Ich gab ihm auch Wein, der mit demselben Wasser, wie bei der Mahlzeit neulich, versetzt war. Dieses Mal wirkte das Pulver besser, denn der Secretair Escovedo wurde recht krank, ohne die Ursache zu errathen.

»Während dieser Krankheit fand ich Mittel, daß einer meiner Freunde, ein Sohn des Capitain Rubio, des Gouverneurs der Herrschaft Melfi, der früher Haushofmeister bei Perez gewesen, daß also dieser Sohn, nachdem er Page bei Donna Juana Coello gewesen und jetzt Küchenjunge in den königlichen Küchen, eine Freundschaft schloß mit dem Koch des Secretair Escovedo, welchen Ersteren er jeden Morgen sah. Demnächst, als man einst dem Kranken eine besondere Suppe bereitete und jener Küchenjunge gerade allein in der Küche war, streute er rasch von dem Pulver, was Diego Martinez ihm gegeben, ungefähr einen Fingerhut voll hinein. Als der Secretair Escovedo von dieser Nahrung genommen, fand sich, daß sie Gift enthielt. Eine seiner Sklavinnen, der die Bereitung der Suppe übertragen war, wurde auf diese Anzeichen augenblicklich festgenommen, und man hing sie auf dem Platze von Madrid auf, ohne daß sie schuldig war.

»Da nun der Secretair Escovedo allen diesen Schlingen entgangen war, schritt Antonio Perez zu einer andern Manier: d.h. wir sollten ihn eines Abends mit Pistolenschüssen, mit dem Stilet oder Stoßdegen tödten, und das ohne Aufschub. Ich reiste deshalb in mein Geburtsland, um dort einen meiner vertrauten Freunde aufzusuchen und ein Stilet mit feingeschliffener Klinge mir zu verschaffen, eine Waffe, die weit besser ist als eine Pistole, um einen Menschen umzubringen. Ich reiste mit der Post und man gab mir Wechselbriefe von Lorenzo Spinola aus Genua mit, um in Barcelona einiges Geld zu erheben, was ich auch that.«

Hier berichtet Enriquez umständlich, wie er in das Complot einen seiner Brüder, Namens Miguel Bosque, eingeweiht, unter Versprechungen reicher Geschenke und Verwendungen von Seiten Perez'; wie sie in Madrid am selben Tage angekommen seien, wo man Escovedo's Sclavin aufknüpfte; wie Diego Martinez, während seiner Abwesenheit, zum nämlichm Zwecke aus Aragon zwei Männer kommen lassen, Namens Juan de Mesa und Insausti; wie am andern Morgen nach seiner Ankunft Diego Martinez sie alle Vier zusammenkommen lassen, und auch den Küchenjungen Juan Rubio, und zwar außerhalb Madrid, um über die Mittel und Wege zur Mordthat zu berathen; wie sie endlich darüber einig geworden und Diego Martinez ihnen einen Degen verschafft habe, der sehr breit und bis an die Spitze canellirt gewesen, um damit Escovedo zu tödten, und ihnen überdem Jedem einen Dolch gegeben; und wie Antonio Perez während dessen, in der heiligen Woche, nach Alcala abgereist wäre, ohne Zweifel in der Absicht, um allen Argwohn von sich abzuwenden, der aus Escovedo's Ermordung erwachsen könnte.

»Es war nun unter uns ausgemacht, fährt Enriquez wörtlich fort, daß wir uns jeden Abend auf dem kleinen Platze bei San Jago versammeln sollten, von wo wir auf die Lauer nach der Seite hinausgingen, von welcher der Secretair Escovedo kommen mußte. Das geschah denn auch. Insausti, Juan Rubio und Miguel Bosque sollten ihn erwarten, Diego Martinez, Juan de Mesa und ich sollten in der Nähe spatzieren gehen, für den Nothfall, daß Die, welche es mit ihm zu thun hatten, der Hülfe bedürften. Am Pfingstmontag, am 31. März, zögerten Juan de Mesa und ich länger als sonst, uns nach dem bezeichneten Orte zu begeben, dergestalt, daß, als wir auf dem Platze ankamen, die vier Anderen schon fortgegangen waren, um dem Secretair Escovedo aufzupassen. Während wir nun so umher streiften, Juan de Mesa und ich, kam von der Seite ein Lärm und Geschrei, man hätte Escovedo ermordet. Wir zogen uns da eiligst in unsere Wohnungen zurück. Als ich bei mir eintrat, fand ich schon Miguel Bosque im bloßen Rock, er hatte seinen Mantel und seine Pistole verloren, und Juan de Mesa fand ebenso an seiner Thüre Insausti, der auch seinen Mantel verloren hatte und den er dann in seiner Wohnung verbarg.«

Diese Aussage des Pagen Enriquez wurde durch die des Haushofmeisters Diego Martinez bis auf alle Einzelheiten bestätigt, als derselbe im Lauf des Processes und nachdem Perez das Geständniß abgepreßt worden, zum Bekennen sich verstand.

Insausti war der eigentliche Mörder gewesen. Mit dem Degen, den Diego Martinez ihm gegeben, hatte er das Opfer auf einen Stoß durchbohrt. Sie warfen das Mordwerkzeug nachher in die Mistgrube des Hauses, in welchem sie wohnten.

Noch in derselben Nacht erfuhr Antonio Perez die glückliche Ausführung durch Juan Rubio, der nach Alcala eilte. Seine Freude, daß Niemand ergriffen worden, wurde indessen bald getrübt durch das ungeheure Aufsehen, welches der Mord, begangen an einem Secretair des Königs, durch ganz Madrid verursachte. Die Alcalden waren schon vor Tagesanbruch in voller Thätigkeit, und am folgenden 1. April waren alle Thore besetzt, um Jeden zu verhaften, der sich aus dem Staube machen wollte. Jeder Wirth mußte die Namen der Fremden, die er beherbergte, der Polizei angeben. Perez, der nach Madrid geeilt war, hatte unsägliche Mühe, seine Helfershelfer zu verbergen und den Nachforschungen der Behörden, der Wuth der Familie Escovedo's eine ruhige Miene entgegenzusetzen. Der König, dem er seine Lage klagte, sagte ihm: »Sprich mit Klugheit und so wenig als möglich; sie werden dir Tausenderlei sagen, nicht um zu sprechen, sondern um zu versuchen, auch dich zum Sprechen zu bringen. Verdruß ist da unvermeidlich, aber man muß darüber weggehen, und thue es mit aller Verstellungskunst und Geschicklichkeit, deren du fähig bist.« Endlich nach 19 Tagen, am 29. April 1578, war es Perez gelungen, sämmtliche Mordgehülfen aus Madrid zu entfernen. Sie gingen, reich belohnt, zum Theil mit königlichen Anstellungen, nach Neapel und Sicilien.


Wie Don Juan d'Austria in Flandern die Nachricht von der Ermordung seines Vertrauten aufnahm, ist unbekannt. Die Archive enthalten keine Nachrichten darüber. Nur im Augenblick, wo Philipp die Mörder gegen Escovedo schickte, schrieb er ihm auf seine dringenden Gesuche einen Brief folgenden zweideutigen Inhalts: »Ich werde Sorge tragen, daß man den Secretair Escovedo alsbald abfertige (despachar) und in Allem, was Du sonst mir für ihn schreibst, sowol deswegen, als über Das, was er verdient, so werde ich Alles beschließen, wie es unter diesen Umständen angemessen ist.«

Man darf annehmen, daß Don Juan der wahre Grund der Ermordung nicht unbekannt blieb. Nach des Pagen Enriquez Aussage sprach man in Italien und im ganzen Auslande nur davon, daß es Perez gewesen, der ihn tödten lassen, weil Escovedo sein Liebesverhältniß mit der Eboli entdeckt habe. Don Juan, ohne Hülfe von Spanien, seinen klugen, mächtigen und übermüthigen Feinden gegenüber, von Gram und Krankheit verzehrt, hauchte 1588 am 1. October seine Heldenseele aus. Seine letzten Briefe an den König, von einer zum Herzen sprechenden Wärme und Wahrhaftigkeit des Gefühls, scheinen auch einen Philipp endlich, wenn nicht gerührt, doch von seinem Irrthum überzeugt zu haben. Als er ihm endlich die erbetene Hülfe zu senden sich bereit erklärte, war es zu spät. Doch diese lichten Züge in einer trüben Zeit, die uns Mignet hinzeichnet, gehören nur der großen Geschichte an. Wir kehren zu den persönlichen Bezügen unserer Helden zurück, und stellen die Thatsachen zuerst so auf, wie sie nach der bisherigen Annahme für richtig gelten, das Sachverhältniß, wie es nach Mignet's Forschung sich herausstellt, darauf folgen lassend.


Philipp's Rachegefühl war mit Escovedo's Tode nicht befriedigt; langsam, ruhig und mit der vollkommenen Arglist seines Charakters schritt er in seinem Plane weiter, auch den dienstwilligen Verräther und die ungetreue Geliebte zu opfern. Die Gelegenheit bot sich von selbst.

Es war in dem düster schweigenden Madrid ein öffentliches Geheimniß, daß Antonio Perez' Hände mit D'Escovedo's Blute gefärbt waren. Philipp selbst (sagt Perez) veranlaßte durch vertraute Winke Escovedo's Witwe und Kinder, gegen ihn Klage zu erheben. Die Unglücklichen gingen den König mit lauter Klage an gegen Antonio Perez, der den Tod ihres Vaters und Gatten veranlaßt, und in ihre Klagen mischte sich schon eine Andeutung, daß auch die Prinzessin Eboli bei dem Morde betheiligt sei. D'Escovedo's Sohn betheuerte zugleich, daß, wenn man dem Könige etwa Zweifel gegen die unverbrüchliche Treue seines Vaters eingeflößt, dies ein unwürdiger Betrug gewesen.

Das Spiel, welches Philipp von nun an spielte, steht, wenn es sich so verhält, wie Perez es vorgibt, vielleicht einzig da in der Geschichte politischer Intriguen. Wie voller arglosen Vertrauens theilte er noch am selben Tage, wo sie eingegangen, die Klage seinem getreuen Antonio Perez mit, natürlich ohne den Schein auf sich kommen zu lassen, daß er selbst sie veranlaßt. Antonio Perez aber hatte alte Feinde, die nicht in die Geheimnisse dieses Spiels eingeweiht waren, die aber die Gelegenheit nicht verstreichen lassen wollten, ihren Gegner zu stürzen. Sie drangen lebhaft in den König, Gerechtigkeit zu üben, ohne Ansehen von Stand und Person. An der Spitze der persönlichen Gegner stand der zweite Staatssecretair des Königs, Don Mateo Vasquez. Er hoffte nicht allein in die Stelle eines ersten Staatssecretairs, sondern auch in die Gunst einzurücken, deren Perez sich bis da erfreute.

Aber noch war der Augenblick nicht gekommen, wo Philipp offen seinen Günstling durfte fallen lassen, so heftig er es auch wünschte. Perez war noch die Möglichkeit gegeben, sich zu rächen, indem er den geheimen Mordbefehl bekannt machte. Es galt dem Könige noch Alles, aus den Gemüthern den Gedanken zu verbannen, daß er den geringsten Antheil am Tode des Vertrauten seines Bruders habe. Es kam aber noch ein anderes Motiv hinzu, in Philipp's ganzer Politik, in seinem eigensten Charakter begründet. Während sein Vater Karl V. in allen Dingen nach eigener Meinung entschied, richtete sich der weit despotischere Philipp nach der Meinung Anderer. Geizig auf seine Herrschaft, war er doch eigentlich trägen Geistes, wenig erfinderisch und unentschlossen. Er wußte Alles, er bearbeitete Alles, er regierte Alles, aber er bedurfte dazu der Zeit und der Ansichten Anderer. Um nicht betrogen zu werden, duldete er nicht allein, er förderte und begünstigte die Intriguen, den Haß seiner Günstlinge untereinander. So hatte er, wie wir wissen, durch 20 Jahre – von 1558 bis 1579 – zwei rivalisirende Parteien an seinem Hofe, in seinem Ministerrath unterhalten, zwischen denen er Vertrauen und Macht theilte. So glaubte er sicherer zu gehen. Jeder war der Verräther der verrätherischen Ansichten des Andern. Perez durfte ihm nicht allein noch schaden, er konnte ihm auch noch nützen.

Philipp mußte daher ganz den Schein des alten, vertraulichen Verhältnisses zwischen sich und seinem Getreuen aufrecht erhalten. Es galt ihm, daß Perez selbst noch glaube, es sei Alles beim Alten. Er theilte ihm daher täglich alle Schritte in vollkommener Offenheit und Vertraulichkeit mit, welche seine Feinde gethan, ihn zu verderben. Er lieh ihnen nur sein Ohr, um sie auszuhorchen, zu täuschen und dabei auf den Schutz seines Günstlings bedacht zu sein.

Der König und sein Staatssecretair schienen in so vollkommenem Einverständniß, daß sie sich auch fortwährend schrieben, um sich gegenseitig über Das zu berathen, was man in der Angelegenheit thun müsse. Einige dieser Briefe hatte Perez gerettet, und, wenn sie echt sind, verbreiten sie Lichtes genug über die dunkle Angelegenheit. Einer der Vertrauten des Günstlings, Bartholomeo de Santago, schreibt ihm am 12. April 1578: »Ihr seid überzeugt, daß ich zu Eurem Dienst thue, was mir nur möglich ist, und ich will Euch heute eine Probe davon geben, was es mich auch koste. Mir scheint es, ich thäte sogar unrecht, wenn ich Euch von Dem nicht in Kenntniß setzte, was ich gestern mit angehört. Gestern Abend belauschte ich das Gespräch dreier Cavaliere im königlichen Palast. Wäret Ihr davon schon andererseits in Kenntniß gesetzt, so übe ich doch nur die Pflicht, die ich mir selbst auferlegt habe. Der Eine sagte zu den beiden Andern: »»Wißt Ihr denn, was jetzt vorgeht? Seit zwei Tagen spricht man nur von der Geschichte mit Antonio Perez. Escovedo behauptet, daß er es sei, der seinen Vater ermordet hat.«« – Jeder sprach dann darüber auf seine Weise. Ich hatte mich wie ohne Absicht dem Kamin genähert, um den sie standen, und Der, welcher eben gesprochen, zog mich ins Gespräch und wiederholte gegen mich Dasselbe, was er eben den Andern gesagt. Er fügte hinzu: Mateo Vasquez wisse noch weit mehr davon und beschäftige sich sehr lebhaft mit der Sache. – Es ist sehr möglich, erwiderte ich, daß Mateo Vasquez weit mehr davon weiß als ich, oder Jemand sonst; aber was ich weiß, ist, daß Antonio Perez während der heiligen Woche in Alcala war, wie er jedes Jahr zu thun pflegt; daß das traurige Ereigniß grade in dieser Woche stattfand und daß Don Gasparo de Robles grade bei ihm war, als man ihm die Nachricht brachte. Ich weiß auch, daß Antonio Perez auf der Stelle abreisen wollte, um alle nöthigen Maßregeln zur Ergreifung des Meuchelmörders zu treffen. Gasparo de Robles hat es mir selbst gesagt. Gasparo sagte ihm noch, er möge sich nur selbst in Acht nehmen, denn es verlaute, daß man auch ihn aufs Korn genommen, und daß Warnungen da wären, wie die Meuchelmörder es auf Beide abgesehen hatten. – Ich wiederholte ihnen noch sehr viel Anderes, was Robles mir gesagt hatte, und damit brach die Unterhaltung ab. Ich glaube, daß man anderwärts noch mehr von der Sache weiß. Wie dem auch sei, mich beunruhigen diese Gerüchte von ganzem Herzen, weil sie Euch viele Sorge und Verdruß verursachen müssen. Auf alle Fälle bitte ich Euch, nehmt Euch in Acht, und ich flehe zu unserm Herrn und Heiland, daß er Euch schützen und bewahren möge.

P. S. Verbrennt doch auf der Stelle diesen Brief des allertreuesten Eurer Diener«

Perez, statt ihn zu verbrennen, sandte den Brief sofort an den König. Auf denselben schrieb er mit seiner Hand folgende Zeilen:

»Dies hat die Person an mich geschrieben, deren Name darunter steht. Tag um Tag erhöht es meine Sorgen. Es würde gut sein, mit einem raschen Schritt dieser Geschichte ein Ende zu machen, vorausgesetzt, daß es, aus mir unbekannten Motiven, Eurer Majestät nicht etwa von Nutzen wäre. Aber selbst in diesem Fall sollte ich meinen, daß man noch andere Mittel anwenden könnte, die Euer Majestät und zugleich auch mich weniger einer Gefahr aussetzten.«

Der König schickte den Brief zurück und schrieb am Rande:

»Glaube mir, was mich am meisten eine Ausgleichung wünschen läßt, das ist mein Wille, mich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, welche, das hoffe ich, sich nur glücklich enden kann. Ich bin halb todt, denn diese Nacht hat mir mein Fuß so viel Schmerzen gemacht wie seit zwei Tagen nicht; aber ich schmeichle mir, daß es ohne Folgen sein wird. Inzwischen empfehle ich Dir, wohl auf Dich Acht zu haben.«

War dies Verstellung, so war sie mit satanischer Meisterschaft ausgeführt. Solche Güte, Vertraulichkeit, ja Zärtlichkeit konnte aber in einem Philipp II. nur das Product des Verstandes sein. Ein anderer Brief Antonio Perez' an den König, bezüglich der Eingaben in Betreff Escovedo's Tod, lautete:

»Meines Erachtens dürfen die Eingaben heute noch nicht an den Präsidenten abgehen, ohne daß ich zuvor gehört werde. Ich bitte Euer Majestät, dies zu erwägen, oder wenn der König sie absendet, darf der Präsident nichts vornehmen, bis er Das gehört hat, was ich ihm zu sagen habe. Aber es wäre besser, wenn Euer Majestät selbst mit ihm dieser Tage spräche. Was mich anlangt, so würde ich mich schon mit ihm auseinandersetzen und würde ihm meinen Plan sowol als die Eingaben erklären, wenn Euer Majestät es billigt.«

Der König antwortete darauf:

»Mir scheint es, daß man nicht länger zögern darf, dem Präsidenten die Eingaben zu überreichen, und zwar aus den Gründen, die Du selbst mir heute auseinandergesetzt hast. Aber es wird gut sein, es nicht eher zu thun, als bis Du zurück bist, auch selbst wenn Du nach Azeca gereist wärest, damit Du Zeit hättest, vorher darüber mit dem Präsidenten zu reden. Wenn Dir, wie ich es vorschlage, angemessen scheint, so laß es mir sagen, daß ich es bei meiner Ankunft in Esparaosa erfahre. Ich billige es, daß Du Deinen Plan dem Präsidenten mittheilst und ihm die Eingaben erklärst, wie Du es mir vorgestellt hast.«

Mußte nicht bei solchem Ton seines Monarchen gegen ihn Perez immer sicherer werden? Sein Plan war, die Justiz, was ihn selbst beträfe, gegen sich loszulassen, daß sie ihre Kräfte an ihm versuche, aber keine Verfolgung gegen die Prinzessin Eboli, sowol wegen ihres Geschlechts als Ranges, zu dulden. Dem König versicherte er, daß aus dem Processe keine üblen Folgen erwachsen könnten; denn der Beweis werde ganz unmöglich sein, daß er den Mord befohlen, weil keiner der eigentlichen Thäter ergriffen worden und gar kein Zeugniß sonst gegen ihn existire.

Philipp war damit zufrieden, aber er nahm den Schein an, als sträube er sich dagegen, seinen Günstling den Gerichten zu überliefern. Dieser Widerstand, dies Zaudern aber eben war es, was Perez' Feinde nur immer mehr stählte, und Vasquez. hörte nicht auf, dem Könige in den Ohren zu liegen, daß er den Scandal nicht länger dulden dürfe, einen Mörder ungestraft in seiner nächsten Nähe umhergehen zu lassen.

Endlich schien der König Antonio Perez' Bitten gleichwie den Vorstellungen seiner Gegner nachzugeben. Er erlaubte ihm selbst auf seine Anklage anzutragen, und Perez begab sich mit allen den Eingaben, welche täglich beim Könige gegen ihn und die Prinzessin Eboli einliefen, zu Don Antonio de Pazos, dem Präsidenten des Rathes von Castilien, welcher damals in Spanien die oberste richterliche und administrative Behörde war, mit einer so ausgedehnten Machtvollkommenheit, daß sie eigentlich sich nur an dem königlichen Willen brechen konnte.

Aber Philipp's Wille war es doch noch nicht, daß es schon jetzt zu einer eigentlichen Untersuchung komme. Seine Pläne gingen in die Zukunft hinaus; jetzt wollte er noch laviren. Er veranlaßte ins Geheim den Präsidenten des Rathes von Castilien, den genannten Don Antonio de Pazos, daß er mit Escovedo's ältestem Sohn sprechen und ihm von der förmlichen Klage abreden solle, die für ihn selbst gefährlich ausschlagen könne, wenn er keine gültigen Beweise gegen so hochstehende Personen, wie Antonio Perez und die Prinzessin Eboli, vorbringen könne. Don Pedro d'Escovedo, der in der That gar keine andern Beweise hatte als seinen subjectiven Verdacht und die Reden und Zuflüsterungen der Feinde des verhaßten Günstlings, stand darauf auch wirklich von der Klage ab.

Nicht so Mateo Vasquez, den der König gleichfalls durch Antonio de Pazos anscheinend überreden lassen, sich doch in Ruhe zu begeben. Philipp wußte, daß dies hier nur Oel in die Flamme gießen heiße. Mateo und Antonio's übrige Feinde konnten ihm nie die Gunst des Königs vergeben, und je mehr dieser, grade in solcher Krisis, sich gnädig, besorgt um ihn zeigte, um so mehr mußte ihre Wuth gegen ihn wachsen. Alles dies (sagt Antonio Perez) lag in Philipp's arglistigem Plane.

Wenn auch nun Escovedo's ältester Sohn zum Schweigen gebracht war, so doch nicht die andern Verwandten desselben. Ihre täglichen, immer dringenderen Vorstellungen häuften sich auf dem Tische des Königs, und Antonio Perez selbst hielt diesen Zustand der Ungewißheit nicht mehr aus. Er kam auf seinen alten Vorsatz zurück und drang darauf, daß entweder Gericht über ihn gehalten werde, oder der König ihn aus seinen Diensten entlasse, damit er sich vom Hofe zurückziehen und endlich den Schutz und die Ruhe finden könne, die, so lange die Gunst des Königs ihn ehre und hebe, aber nicht beschütze, er schmerzlich vermisse.

Philipp wollte weder das Eine noch das Andere; er nahm die Miene an, ohne Perez' Dienste nicht leben zu können. Es kam darüber sogar zu Streitigkeiten zwischen ihnen, wie man aus mehren Briefen des Königs an Perez ersieht. Der König gab ihm sein Wort als Cavalier, ihn nie zu verlassen, unter der Bedingung, daß er hinwiederum auch ihn nie verlasse. Philipp zog selbst die Eboli ins Spiel; sie mußte ihn bitten und überreden, am Hofe zu bleiben. Beiden versprach er dafür große Belohnungen. Mit diesem Geschäft eines Unterhändlers zwischen beiden Personen ward eine sehr ehrwürdige Person betraut, der Cardinal-Erzbischof von Toledo, Don Gasparo de Quiroga, der sich für den König und seine gegebenen Versprechungen verbürgen mußte!

Antonio Perez fühlte sich aber um deshalb nicht wohler als vorher. Wie hell und schön man ihm auch den Himmel vormalte, sah er doch nur zu deutlich die Wolken, die ihn wieder verdunkelten. In einem Briefe, den er eines Tages in geheimen Angelegenheiten an den König richtete, schloß er mit den Worten: »Ich fürchte, Sennor, daß meine Feinde einst den Augenblick benutzen werden, wo ich nicht auf meiner Hut bin, um mir den Dolch in die Brust zu drücken, und daß, Euer Majestät Güte und Geduld misbrauchend, es ihnen einmal gelingen wird, sie zu täuschen. Ich spreche nicht ohne Grund so; denn ich weiß, sie hören nicht auf zu wühlen.«

Der König schickte ihm den Brief zurück und schrieb auf den Rand:

»Was Das betrifft, was Du hier andeutest, so habe ich Dir schon sonst gesagt, daß Du nicht bei guter Laune sein mußt; aber glaube mir, wie sie auch wühlen mögen, das wird ihnen zu nichts helfen. Uebrigens kannst Du versichert sein, daß ich nichts Anderes gehört habe, als was ich Dir schon gesagt und gezeigt habe.«

Auch die Eboli, aufs heftigste von ihren gemeinschaftlichen Feinden angegriffen, war von Angst und Besorgniß ergriffen und führte lebhafte Klagen beim Könige. Philipp versuchte Alles, sie zu beschwichtigen und stellte anscheinend Versuche an, sie sowol als seinen Perez mit ihren Feinden, namentlich mit Mateo Vasquez, auszusöhnen.

Dieses Spiel hatte Monate gedauert, als plötzlich im Juli 1579 ein furchtbarer Ernst daraus zu werden und der König seine Maske der Freundschaft für den Staatssecretair wie für die Prinzessin plötzlich abzuwerfen schien.

Das wiederholte Andringen so Vieler, den Tod d'Escovedo's zu rächen, habe plötzlich, hieß es, den Entschluß im Könige gereift. Eines Tages kam er aus dem Escurial nach Madrid und befahl: den Antonio Perez, seinen Staatssecretair, und die Anna de Mendoza, Prinzessin von Eboli, zu verhaften. In einer Nacht, am 28. Juli 1579, ward dieser Verhaftsbefehl an beiden Personen vollzogen.

Philipp hatte nur zwei Vertraute bei diesem Schritte gehabt, seinen Beichtvater, den Frater Diego de Chaves und den Grafen Barajas, Oberintendanten des Haushalts der Königin, Anna von Oestreich. Letzterer war ein vertrauter Freund des Mateo Vasquez. Beide aber waren unbekannt mit den Mysterien in dieser Sache und wußten nichts um den wahren Grund des Todes, den Escovedo gefunden. Ebenso wenig wußte der Präsident des Rathes von Castilien, Antonio de Pazos, der doch sonst in das Vertrauen des Königs gezogen war, etwas davon.

Im Publicum, wo die Begebenheit das größte Erstaunen erregte, schrieben die Einen sie dem noch immer fortdauernden Verhältniß zwischen Perez und der Eboli zu, welches den König herabwürdige; die Andern der Absicht, den Verdacht abzuwenden, welchen d'Escovedo's Tod hervorrief, und der sich schon mehr und mehr dem Throne näherte.

Auch ein Philipp, dem seine Granden sich nur zitternd näherten, vor dem seine Minister das Knie beugten, auch der absolute zweite Philipp hatte Rücksichten zu nehmen. Eine Prinzessin Eboli konnte nicht verhaftet werden, ohne daß man eine Art von Rechenschaft darüber ablegte.

Noch in derselben Nacht ihrer Verhaftung schrieb Philipp an den Herzog von Infantado, einen ihrer Verwandten:

»Mein lieber Vetter (als Grand von Spanien), Ihr kennt ohne Zweifel die Meinungsverschiedenheiten und Zwistigkeiten, welche zwischen Antonio Perez und Mateo Vasquez, meinen Geheimschreibern, obwalten, in welche die Prinzessin Eboli leider verwickelt ist, eine Dame, der ich stets die Achtung erwiesen, welche sie aus vielen Gründen verdient, so um ihrer Familie willen, wie als Gattin Ruy Gomez', der mir, wie Euch bekannt, mit solcher Treue und Ergebenheit gedient hat. Um nun die Ursache dieser verdrießlichen Zerwürfnisse kennen zu lernen und wo möglich ihnen abzuhelfen, und mit dem Wunsche, daß alles Dieses mit dem geziemenden Anstande geschehe, hatte ich meinen Beichtvater Diego de Chaves beauftragt, der des vollsten Vertrauens bei mir genießt, mit der Prinzessin in meinem Namen zu sprechen, ihre Klagen gegen Mateo Vasquez anzuhören und den Grund derselben zu erforschen. Um meinen Absichten gemäß zu handeln und die Sache recht zu ergründen, hatte er sich an verschiedene Personen gewandt, die sie ihm namhaft gemacht, und da er hier nicht die nöthigen Aufschlüsse erhielt, besprach er sich abermals auf das ernsthafteste mit der Prinzessin selbst, ganz nach meinen Anweisungen, um sie zu überreden, daß sie von ihren rachesüchtigen Gefühlen ablasse und zwischen Antonio Perez und Mateo Vasquez die gute Harmonie wieder eintrete, die meinem Dienste und ihnen Allen fördersam ist. Aber mit Schmerzen mußte ich hören, daß die Prinzessin in ihrem Eigensinn beharrte und gegen jede Aussöhnung sich sperrte. Mehrmals hat mein Beichtvater mit ihr darüber gesprochen und sie zu bewegen versucht, daß sie meinen Wünschen nachgebe, die nur Gerechtigkeit wollten. Da ich nun nicht allein sah, daß ich auf diese Weise nicht zu meinem Ziele kam, sondern daß auch ihre ganze Handlungsweise meinen Absichten entgegen war, so sah ich mich genöthigt, sowol in meinem Interesse als in dem der Versöhnung, die ich will, sie in dieser Nacht gefangen nehmen und in die Festung Pinto einsperren zu lassen. Ich hielt es für angemessen, Euch davon in Kenntniß zu setzen, der Ihr so nahe mit ihr verwandt seid, damit Ihr die Beweggründe meiner Handlung kennt und Euch überzeugt haltet, daß Niemand mehr als ich ihre Ruhe wünscht, sowie das Glück ihres Hauses und die Beförderung ihrer Söhne.«

Dieses Schreiben ist datirt: Madrid, den 29. Juli 1579. In demselben Sinne schrieb der König auch an den Herzog von Medina Sidonia, einen andern Verwandten der Prinzessin.

Zwei an sich unbedeutende Umstände, welche aber zu Philipp's Charakteristik beitragen, sind uns bezüglich auf diese Verhaftung erhalten worden.

Als man dem Könige beide Verhaftsbefehle zur Unterschrift in jener Nacht, wo die Arrestation erfolgen sollte, überbrachte, corrigirte er sie mit eigener Hand und ließ sie wieder umschreiben, weil – ein ceremonieller Fehler begangen war. Der Secretair Mateo Vasquez, der zweite in der Rangordnung, war vor Antonio Perez, dem ersten Setretair, aufgeführt worden. Dies durfte nicht sein!

In der Stunde selbst, wo die Verhaftung vorgenommen werden sollte, begab sich Philipp in eine Kirche, die dem Hause der Prinzessin Eboli gegenüber lag. Er wollte mit eigenen Augen, unbemerkt, die Arretirung und Schmach der einst von ihm Geliebten mit ansehen. Ein Beweis allerdings der Leidenschaftlichkeit, welche ihn bewegte. Als er in seine Gemächer zurückkehrte, legte er sich nicht mehr zu Bett, sondern man sah ihn bis 5 Uhr Morgens in heftiger Aufregung in seinem Zimmer auf- und abgehen.

Antonio Perez war der Gatte einer Frau, welche ihm mit treuer aufopfernder Anhänglichkeit liebte, der Donna Juana Coello. Am Morgen des folgenden Tages begab sich der Cardinal von Toledo, im Auftrag des Königs, zu der betrübten Gattin und versicherte sie im Namen seiner Majestät: sie solle sich keiner Sorge hingeben, weder für das Leben noch die Ehre ihres Gatten. Er blieb eine geraume Zeit bei ihr, mit Trostgründen sie aufrichtend: Alles, was geschehen, sei nur zum Besten ihres Gatten selbst geschehen, um ihn den allergrößten Unannehmlichkeiten zu entheben.

Antonio Perez' Gefängniß war ein ehrenvolles, im Hause eines der Alcalden des Hofes. Er blieb hier vier Monate. Der eigene Beichtvater des Königs, Diego de Chaves, besuchte ihn nach 14 Tagen und versicherte ihm mit lachendem Munde: »Ihre Krankheit wird nicht tödtlich sein.« Wenn man diesen Besuch mit dem des Erzbischofs von Toledo bei Perez' Gattin zusammennahm, so konnte man doch kaum an eine Ungnade denken. Der ganze Hof war darüber erstaunt und in Ungewißheit, wie man die Sache nehmen solle. Ja der König schrieb selbst an den Alcalden, daß er seinen Gefangenen mit aller Sorgfalt behandeln solle, auch möge er, zu seiner Zerstreuung, ihm seine Kinder zuführen. Antonio Perez selbst war davon unterrichtet. Ein Diener des Alcalden zeigte ihm alle Briefe des Königs an seinen Herrn.

Als Perez krank wurde, erhielt er die Erlaubniß, in seinem eigenen Hause als Gefangener zu bleiben. Hier besuchte ihn im Auftrage des Königs Rodrigo Manuel, ein Capitain der Garde, um von ihm das Gelöbniß entgegenzunehmen, daß er allem Haß und aller Rache gegen Vasquez entsage und fortan in Friede und Eintracht mit ihm leben wolle. Perez gab dies eidliche Gelöbniß, und wer mochte nun noch zweifeln, daß Alles beigelegt und der ehemalige Günstling wieder in Gnaden aufgenommen sei?

Doch blieb er noch gegen acht Monate als Gefangener in seinem Hause. Aber man zog die Wache, die anfänglich bestellt war, zurück, er durfte in die Messe gehen, spatzieren gehen, Besuche empfangen, aber – keine Besuche machen. Was sollte das heißen?

Der König reiste inzwischen selbst nach Portugal, um von dieser neuen Eroberung Besitz zu nehmen, und schriftliche Verhandlungen, die durch die Hände der Staatssecretaire gingen, fanden nach wie vor zwischen dem Fürsten und seinem Gefangenen statt.

Darüber vergingen nicht Monate, sondern Jahre. Um aus dieser beängstenden Ungewißheit zu kommen, sandte Perez mehre vertraute Personen an den König, um ihn zu einem Entschluß hinsichts seines Schicksals zu bewegen. Philipp empfing auch wirklich den Pater Rengifo, einen alten, sehr würdigen Geistlichen, mehrmals in Lissabon, er hörte seine Vorstellungen zu Gunsten Perez' ruhig an, aber dennoch geschah nicht das Geringste.

Endlich sandte Perez seine eigene Gattin nach Lissabon; er hatte zuvor deshalb mit dem Präsidenten des Rathes von Castilien, Antonio de Pazos, darüber Rücksprache genommen. Aber Philipp, sobald er davon hörte, gab Befehl, die weibliche Abgesandte unterweges gefangen zu nehmen. Sie wurde noch auf dem Meere, zwischen Aldea Gallega und Lissabon arretirt. Damals im achten Monat einer Schwangerschaft, ergriff sie der Schreck so, daß sie auf dem Meere eine falsche Niederkunft hatte. Der mit dem Verhaftbefehl beauftragte Alcalde führte sie nach Aldea Gallega zurück und unterwarf sie in einer dortigen Herberge einem sehr scharfen Verhör, ob sie auf Befehl ihres Mannes und mit welchem Auftrage reise.

Mit dem Protokoll darüber eilte der dienstpflichtige Beamte, seiner Belohnung gewiß, zum Könige nach Lissabon. Aber Philipp nahm das Papier aus seiner Hand, und ohne den Alcalden oder die Schrift eines Blickes zu würdigen, warf er es in das Kaminfeuer und ließ es verbrennen. Bestürzt entfernte sich der Alcalde und wagte nie mehr den Mund hinsichts Antonio Perez' zu öffnen, noch ward er darum jemals befragt.

Aber dem Pater Rengifo trug Philipp auf, Antonio's Gattin zu verkünden, daß sie unverweilt zu ihrem Gatten zurückkehren möge. Er solle sie versichern: »daß er ihr als König verspräche, und er ihr sein Wort als Cavalier gebe, die Angelegenheit ihres Mannes, sobald er nach Madrid zurückgekehrt sei, zu beendigen.« – Der König sprach diesmal nicht selbst mit Rengifo, sondern die Worte gingen durch den Mund des Rodrigo Vasquez, der später den Proceß gegen Antonio leitete. Rengifo sah jedoch die schriftliche Ordre des Königs, in welcher diese Worte verzeichnet waren.


Nach Mignet war Antonio Perez nach Escovedo's Ermordung auf dem Gipfel seines Einflusses und der Gunst bei dem Könige gelangt. Es war der Augenblick, wo Portugal mit der Krone Spaniens vereinigt werden sollte. Er leitete schon die politischen Angelegenheit mit Italien, wie die flandrischen; auch das Departement für Portugal ward ihm übergeben. Perez war Philipp jetzt mehr als je unentbehrlich.

Im Uebrigen stimmen die neueren Ermittelungen in den wesentlichen Zügen mit dem oben Angeführten. Perez' Feinde, Vasquez, sein College, der schon lange nur mit geheimem Grimm den überwiegenden Einfluß desselben ertragen, an der Spitze, waren unverdrossen, die Familie Escovedo zur gerichtlichen Verfolgung gegen den Mann aufzureizen, den das Gerücht als Mörder nannte, und ihre Anklagen berührten auch die Prinzessin Eboli. Philipp hörte gütig in einer Audienz Escovedo's Sache an, und versprach ein gerechtes Gericht, wenn die Sache dazu angethan wäre. Er war zufrieden, daß der Verdacht nur ein Werkzeug traf und von dessen Urheber sich ablenkte, aber er scheute das gerichtliche Verfahren, welches mehr Licht in die Sache bringen konnte, als er ertragen durfte, und spielte ganz das Doppelspiel, dessen Perez ihn beschuldigt. Er horchte mit anscheinendem Vergnügen auf Vasquez' Denunciationen und hinterbrachte Alles, was er gehört, sofort seinem Perez. »So lange ich lebe, sagte er ihm, hast du nichts zu fürchten. Andere mögen wechseln, glaube mir, ich werde nicht wechseln. Wenn du mich in dieser Beziehung studirt hast, wirst du erkannt haben, dessen bin ich gewiß, daß ich nicht gern wechsele.« – Der dritte Mitwisser ihres Geheimnisses, Los Valez, war gestorben. Der König sagte zu dem darüber betrübten Freunde: »Du und ich verlieren viel; indeß hoffe ich, daß du weniger verlierst, weil ich dir niemals fehlen werde.« Aber Philipp that doch nichts, ihn aus seinen immer wachsenden Aengsten zu befreien. Perez, die Gefahr richtig voraussehend, hatte keine Ruhe mehr, er bot dem Könige seine Entlassung an. Philipp weigerte sich, sie anzunehmen.

Nun trug Perez selbst darauf an, daß er vor Gericht gestellt werde, vorausgesetzt, daß die Prinzessin Eboli nicht mit in den Handel gezogen würde; sich selbst wolle er schon vertheidigen, da alle Beweise fehlten. Philipp, unschlüssig, zweifelnd, verwies die Sache an den genannten Antonio Pazos, Präsidenten von Castilien. Dieser, in das Geheimniß gezogen, übernahm es, Escovedo's Sohn von der Klage abzubringen. Er verkündete ihm, daß der König richten werde ohne Ansehen der Person, stellte ihm aber die Gefahr vor, ohne schlagende Beweise zwei Personen von diesem Ansehen anzuklagen. und betheuerte ihm zuletzt auf sein Priesterwort (Antonio Pazos war Bischof), daß die Prinzessin und Perez so unschuldig wären als er selbst! Der treue Diener seines Herrn und – seines Gottes – erkannte keine Schuld darin, wenn der Diener des Königs auf dessen Geheiß meuchelmordet. Wir kennen die spanische Loyalitätstheorie des 16. Jahrhunderts aus Calderon's und Anderer Dramen, welche freilich von der aus dem Jahrhundert des Cid so abweicht als von den heutigen Rechtsbegriffen. Escovedo's Sohn beschied sich auf dies gewichtige Wort und trat von seiner Klage zurück.

Aber Antonio Vasquez beschied sich nicht, und stellte einen andern Ankläger aus der Escovedischen Familie. Philipp befand sich in einer höchst peinlichen Lage. Die hochmüthige Eboli beklagte sich über die Frechheit, die man ungestraft übe, auch ihre Person anzuschuldigen: »Man ist so weit gegangen, schreibt sie an den König, auszusprechen, daß Perez den Escovedo meinetwegen getödtet habe, und daß er solche Verpflichtungen gegen mein Haus habe, daß er es wohl thun müssen, wenn man es von ihm gefodert. – Wenn diese Leute ihre Frechheit und Unehrerbietigkeit so weit treiben, dann ist es Euer Majestät Pflicht, als König und als Edelmann ein Exempel zu statuiren, das widerhalle bis dahin, wo man sich diese Beleidigungen erlaubt hat. Wenn Euer Majestät mich nicht so verständen und zugäben, daß das Ansehen meines Hauses unterginge mit dem Glanz und Glück meiner Ahnen und mit der Gunst, welche der Fürst, mein Gatte, so wohl verdient hatte, wenn Euer Majestät die Dienste derselben, sage ich, auf diese Weise belohnen wollten, dann hätte ich wenigstens, indem ich so zu Ihnen rede, wie ich rede, Das erfüllt, was ich Dem schuldig bin, was ich bin. Ich bitte Euer Majestät, mir diesen Brief zurückzusenden, indem dieser Brief nur an einen Edelmann gerichtet ist, auf dessen Discretion ich vertraue, mit dem ganzen tiefen Gefühl der mir widerfahrenen Beleidigung.« – Zugleich foderte sie die Bestrafung Matheo Vasquez', dieses »maurischen Hundes«.

Des Königs peinliche Lage steigerte sich. In seinem Cabinet war ein offener Krieg ausgebrochen. Die Eboli klagte gegen Vasquez und brachte Zeugen ersten Ranges vor wegen der ihr widerfahrenen Beleidigung; Perez und Vasquez hetzten sich selbst in Staatsangelegenheiten; es kam zu Injurien, und Vasquez warf Perez den größten Schimpf an den Hals, den es damals in Spanien gab: »er sei nicht von reinem Blute«. Perez flog zum Könige, foderte Rache, oder daß ihm vergönnt werde, sie selbst zu nehmen. Philipp versprach und zauderte, und half sich wie immer, indem er die Sache in die Länge zog. Auch Vasquez war ihm ein bequemer Diener, und er trug seinem Beichtvater Diego de Chaves auf, die Parteien zu versöhnen.

Vergebens. Perez, im Vorgefühl seines nahen Falls, schrieb an seinen Herrn: »Ich sehe, nachdem ich mit meinen schwachen Talenten meinem Herrn gedient und eine Treue ohne Grenzen ihm bewiesen, daß mein böser Stern siegt, während diesem Andern Alles gelingt, trotz seiner zahllosen Fehler und seiner Beleidigungen gegen eine große Dame und einen Mann, der nur nützlich sein wollte, und der (leider) ohne es zu sein, sich nur so bloßgegeben hat, wie ich gethan.«

Sein böser Stern siegte wirklich. Matheo Vasquez war es gelungen, dem Könige Zweifel und Argwohn gegen die Rechtlichkeit Perez' in Ausübung seiner Verwaltungsämter beizubringen, und er war es, der ihm zuerst seines Günstlings geheime und innige Verbindung mit der Prinzessin Eboli aufdeckte. Philipp glaubte, und sah sich darüber »enttäuscht, daß ihn Antonio Perez getäuscht in der Art und Weise, wie er ihn dazu bewog, zu thun, wie geschehen.« (Desengañade de que le avia engañado el dicho Antonio Perez.) Er beschloß, sich von Perez loszumachen, als von einem abgenutzten Werkzeuge und zugleich einem gefährlichen Nebenbuhler.

Er berief an des Marquis Los Velez' Stelle einen bis jetzt zurückgesetzten Staatsmann, den Cardinal Granvella aus Rom. Noch mußte Perez die Berufungsordre contrasigniren. Am Tage von Granvella's Ankunft erhielt der Alcalde des Hofes, Alvaro Garcia de Toledo am 29. Juli 1579 den Befehl, Antonio Perez zu verhaften, was noch in derselben Nacht um 11 Uhr geschah.

Die Eboli, welche auf die Versöhnungsvorschläge des Beichtvaters de Chaves stolz geantwortet hatte, daß eine Dame wie sie auf nichts eingehen könne mit einem Menschen, wie der, von welchem es sich handle, und daß eine Beleidigung, wie die, welche sie erfahren, es ihr am wenigsten gestatte, hatte inzwischen mildere Saiten aufgezogen; selbst zur Aussöhnung geneigt, hatte sie auch Perez bestimmt, sich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber zu spät; der Tag, den er dazu bestimmt, den ersten Schritt zu thun, war schon der erste Tag seiner Gefangenschaft. Zur selben Stunde derselben Nacht ward auch die Eboli aufgehoben und nach der Festung Pinto gebracht.

Damit hörte die Herrschaft der alten Partei des Fürsten Eboli auf, die noch mit einer gewissen Milde die Angelegenheit der Monarchie gelenkt hatte; an ihre Stelle kam das Ministerium Granvella, welches, zum Theil durch die Umstände getrieben, einen ganz andern Weg einschlagend, Spaniens letzte Freiheiten gewaltsam zu Grabe trug und den Ruin seiner Macht, dem Auslande gegenüber, vorbereitete. Unter Granvella's Regierung war die erste Handlung: daß auf den Kopf des Prinzen von Oranien ein Preis von 30000 Ducaten gesetzt wurde!

Alles Uebrige, auch von Perez' Verhaftung, Behandlung und den Verheißungen, die ihm gemacht wurden, wird durch die neuen Ermittelungen nicht verändert.

Während Perez noch mit einer gewissen Rücksicht behandelt wurde, verfuhr man mit unverhältnißmäßiger Strenge gegen die Prinzessin Eboli. In dem Briefe eines Franzosen noch vom 13. Januar 1580 heißt es: La princesse d'Evoli est toujours en même état observée et traitée avec toute la rigeur possible. Die Gefangenschaft (in der Festung Pinto) und die üble Behandlung übten bald ihren nachtheiligen Einfluß auf den Gesundheitszustand der Gestürzten aus. Zu Anfang 1581 wurde sie so gefährlich krank, daß die Aerzte versicherten, ihr Leben sei in Gefahr, wenn sie länger in der Festung bleibe. Ihrer Verwandten dringenden Vorstellungen beim Könige gelang es endlich, den Befehl zu erwirken, daß sie aus der Festung auf ihre Güter nach Pastranna gebracht wurde. Der Aufenthalt hier ward ihr als Exil angewiesen, eine spanische Formel der absoluten Justizhandhabung, die sich bis auf die Gegenwart erhalten hat. Auch der Herzog von Alba, seit der Expedition in den Niederlanden in Ungnade, lebte im Exil, um erst später unter dem neuen Ministerium wieder zur Thätigkeit berufen zu werden.

Für die Eboli ging die Sonne des Glückes nicht wieder auf, nicht einmal ein Strahl der Hoffnung brach für sie durch die Wolken, welche immer finsterer den politischen Horizont ihres Vaterlandes umzogen. Der Rest ihres Lebens war sehr traurig. Der König, an den sie umsonst als Cavalier appellirt hatte, nahm ihr auch die Verwaltung ihrer Güter und erlaubte ihr nicht einmal, Besuche zu empfangen. Ihr eigener Sohn, der Herzog von Pastrana, trennte sich, empört wegen ihres Verhältnisses zu Perez, von der Mutter. Laut und ungebührlich sprach er gegen sie, und der Zwist zwischen Beiden soll so weit gegangen sein, daß, wie der Präsident von Castilien dem Könige berichtete, der Sohn einst der Mutter mit dem Tod gedroht habe.

Nichts desto weniger fanden zwischen den beiden Gefangenen und Unglücksgefährten, der Prinzessin und Perez, noch immer geheime Mittheilungen statt. Der König trug deshalb Antonio Pazos' auf, durch Spione der Sache auf den Grund zu kommen und wenn dem so wäre, alle Mittel anzuwenden, die Communication unmöglich zu machen. Der Despot fürchtete indeß, daß auch seine Mittel gegen die Schlauheit eines aufgebrachten, tief verletzten Weibes nichts fruchten würden. Er schlug deshalb einen andern Weg ein, er versprach der Eboli, ihr alle ihre Güter, Ehren, seine Gunst und Gnade wieder zu schenken, wenn sie ihm ihr ritterliches Ehrenwort gebe (palabra de cavallero! assi se la pidió siendo dama), daß, wenn sie in Freiheit und ihren früheren Zustand eingesetzt wäre, nie und nimmermehr mit Antonio Perez eine Verbindung unterhalten wolle. Die Eboli antwortete ausweichend, was Philipp nicht genügte, und, sagt Perez ausdrucksvoll: »der König wandte sich wieder um, um fortzuschlafen in seiner Lethargie der Rache und seinem angebornen Mistrauen.«

Anna Mendoza, Prinzessin Eboli, starb am 2. Februar 1592 im 52. Jahre im Exil, gestraft ohne Untersuchung, Gericht und Urtheil.

Wir kehren zu Antonio Perez zurück. Plötzlich hatte sich die Scene geändert. Der König sprach wieder davon, er müsse Gerechtigkeit üben. Jetzt war aber nur die Rede von Unterschleifen. Philipp befahl eine Untersuchung über die Verwaltung der öffentlichen Gelder in Bezug auf Perez und mehrer anderer Staatssecretaire. Ein solches Gericht hieß in Castilien ein Juicio de visita. Die Untersuchung geschah ganz geheim, und nach verschiedenen Ermittelungen ward Perez angeklagt: er habe Unterschleife begangen, die Staatsgeheimnisse verrathen und das Vertrauen des Königs gemisbraucht, indem er den Depeschen, die er vom Könige zum Chiffriren erhielt, Einiges hinzugesetzt und Anderes davon genommen habe.

Perez vertheidigte sich mit Zurückhaltung. Er ging in die Details nicht ein, wie er sagte, aus Achtung für seinen Herrn und König. Zugleich schrieb er privatim an Philipp, um ihm, was er ausgesagt, mitzutheilen und um seine Vermittelung in einer Sache zu bitten, welche des Königs Autorität angriffe. Unter den Untersuchungsrichtern war auch der schon öfters erwähnte Beichtvater des Königs. Diesem zeigte er verschiedene Briefe und Billette Philipp's, die er noch in Händen hatte, in welchen der König ihm befahl: in den von den Ministern ihm überreichten Depeschen gewisse Dinge abzuändern, wegzulassen, hinzuzufügen, und sie so einzurichten, daß sie im Rathe zu dem bestimmten Zwecke dienlich wären. Der Beichtvater, welcher entweder wirklich von den Geheimnissen bis da nichts wußte, oder sich doch die Miene gab, als wisse er nichts davon, fühlte doch sogleich, welche Unannehmlichkeiten aus der Bekanntwerdung dieser Stücke erwachsen könnten. Er empfahl deshalb Perez, sie nicht zu seiner Vertheidigung vorzubringen, und lieber sich aller Vertheidigung zu enthalten. Er versicherte dabei sowol Perez selbst als dessen Gattin, daß man durchaus nicht die Absicht habe, ihn zu verurtheilen, und daß alle diese Demonstrationen nichts wären, als eine bloße Formalität.

Perez vertheidigte sich zwar auch später in seinen in Frankreich herausgegebenen Relaciones gegen den ersten Vorwurf der Unterschleife nicht ohne Geschick und mit vielen Wahrscheinlichkeitsgründen; man ist indeß nicht geneigt, so allmächtigen Günstlingen mächtiger Herrscher, welche sich noch dazu so willfährig zu entehrenden Diensten hergeben, eine große Integrität zuzutrauen, wo es nur pecuniäre Verhältnisse gilt. Bisher war man indeß des Glaubens, daß diese Anklage nur eine willkürlich aufgegriffene, mit oder ohne Grund, gewesen, um den Mann zu verderben, den man von der Seite, wo eine wahrhafte Schuld ihm anklebte, ernsthaft anzufassen noch immer Bedenken trug. Wie sich die Sache, nach Einsicht der noch erhaltenen Proceßacten, anders gestaltet hat, davon unten.

Gegründeter erschienen bisher die beiden andern Beschuldigungen. Don Pedro d'Escovedo hatte zwei Briefe vorgebracht, die Antonio Perez an seinen ermordeten Vater geschrieben. In dem einen theilte Perez ihm mit, was in dem Rathe des Königs, bezüglich auf Don Juan d'Austria, gesprochen war. In dem andern hatte er ausdrücklich gegen Don Juan d'Austria und d'Escovedo gesagt: daß er gewisse Stellen in mehren Briefen, die Don Juan an den König, seinen Bruder, geschrieben, unterdrückt, andere hinzugesetzt und das Ganze zugestutzt habe!

Ohne Beobachtung der gesetzlichen Förmlichkeiten ward ein Urtheil des Inhalts gesprochen: Antonio Perez solle durch zwei Jahre seiner Aemter entsetzt bleiben, eine Geldbuße von gegen 30000 Dukaten Werth zahlen, zwei Jahre in eine Festung gesperrt und nachher acht Jahre entfernt von der Residenz des Königs bewacht werden.

Die Perez später zugestellte Acte besagte weiter nichts, als daß Seine Majestät ein Juicio de visita über die Verwaltung mehrer seiner Secretaire anbefohlen, unter andern auch über die des Antonio Perez, und daß, nachdem die dazu ernannten Richter ihn zu der und der Strafe verurtheilt, es dem Antonio Marquez, dem Secretair der Commission, aufgetragen worden, ihm, dem Perez, die über ihn verhängte Strafe zu eröffnen.

Diese Acte war mehr als formlos. Sie war von einer fremden Hand geschrieben und ohne Unterschrift eines der ernannten Richter oder des Königs, wie es doch üblich und wie die den andern Secretairen mitgetheilten Acten beglaubigt waren. Auch konnte Antonio Perez niemals, wie oft er auch darum einkam, eine beglaubigte Abschrift erhalten. Die Sentenz ward niemals publicirt; einer der in der Commission sitzenden Richter erklärte, daß er niemals in der Sache mit abgestimmt habe, und die Person, welche die Acte für Perez unterzeichnet hatte, erklärte, daß sie es nur auf ausdrücklichen Befehl gethan.

Die Execution dieses formlosen, noch nicht publicirten Urtheils sollte in dem Augenblicke stattfinden, wo der König nach Aragon abreiste. Ein Alcalde erschien vor Perez' Hause. Dieser war zweifelhaft, was er zu thun habe; er besorgte noch Aergeres. Während er den Alcalden mit Worten hinhielt, sandte er einen vertrauten Diener an den Erzbischof von Toledo, sich Raths zu erholen. Der Diener kam eilends wieder und in Gegenwart des Alcalden gab er ihm durch Finger- und Zeichensprache zu verstehen, was der Prälat geantwortet. Da sprang plötzlich Antonio Perez aus einem Fenster und flüchtete sich in die Kirche von St. Justus. Aber auch dies Asyl half ihm nichts; Philipp's Wille war diesmal mächtiger als das Heiligthum der Kirche. Man riß den Flüchtling mit Staub bedeckt unter dem Kirchendach hervor, und führte ihn nach der Festung Torrejon.

Es entspann sich darüber später ein langer Streit zwischen der geistlichen und weltlichen Justiz. Der geistliche Fiscal drang auf die Bestrafung der beiden Alcalden, weil sie die Freiheit der Kirche verletzt hätten. Sie wurden auch verurtheilt, aber Philipp zwang den Rath von Castilien, dies Urtheil zu cassiren.

Zu gleicher Zeit wurden alle seine Papiere und sein Vermögen mit Beschlag belegt, aber erst 20 Tage nach seiner Verhaftung ward ihm jene Acte in der Festung publicirt. So ward ein Urtheil gegen einen nicht einmal flüchtigen Verbrecher zur Vollstreckung gebracht, noch ehe es ihm bekannt gemacht war.

Widersprüche über Widersprüche. Der König erlaubte seiner Frau, mit ihren Kindern den Gefangenen in der Festung zu besuchen. Die Bewachung wurde milder. Man hob auch das Sequester auf sein Vermögen auf, man – gab ihm auch alle seine Papiere zurück!

Aber es war nur eine List, man wollte ihn glauben machen, daß der König es wirklich nicht böse mit ihm meine. Plötzlich foderte man ihn auf, alle Briefe und Handbillets, die er vom Könige erhalten, einzureichen. Wahrscheinlich hatten sich viele, und muthmaßlich die wichtigern, auf die es ankam, unter den mit Beschlag belegten Papieren nicht vorgefunden. Wenn man so mild gegen ihn verfuhr, daß man ihm seine sämmtlichen Scripturen nach einer flüchtigen Durchsicht zurückreichte, konnte er doch kein Arg haben, die Briefe seines königlichen Herrn demselben zu überantworten, zumal, da man die Versicherung hinzufügte, daß er, zum Preise für seine Willfährigkeit hierin, von nun ab vor aller weiteren Verfolgung geschützt bleiben solle.

Aber Antonio Perez war hinlänglich gewitzigt. Er glaubte keinen Versprechungen mehr; er weigerte sich standhaft, auf den Vertrag einzugehen und gab die Briefschaften nicht heraus. Man schritt zu ernsteren Maßregeln. Auch für diese schien es nothwendig, einen Vorwand aufzustellen. Man behauptete, er habe nach Aragon fliehen und als geborener Aragonese die Fueros seines Vaterlandes anrufen wollen, nach denen kein Eingeborener vor andere Richter und Gesetze gestellt werden durfte als die Aragons. Er ward enger eingesperrt und bewacht. Seine Frau und seine Kinder schleppte man gefangen nach Madrid, die jüngsten von diesen waren kaum vier Jahre alt. Man ging so weit in der Strenge, daß man der Donna Juana den von ihr erwählten Beichtvater verweigerte und ihr nur einen zusandte, den ihre Richter ausgewählt. Man drohte ihr, sie auf Lebenszeit bei Wasser und Brot einzusperren.

Wieder wurden seine Güter mit Beschlag belegt, confiscirt und öffentlich versteigert. Man drohte ihm mit ewigem Gefängniß und mit unerhörten Grausamkeiten gegen sein Weib und seine Kinder. Der Graf Barrejas und der Beichtvater des Königs erhielten das ehrenwerthe Amt, die arme Frau zu erschrecken. Aber Donna Juana de Coallo bewies sich in heldenmäßiger Standhaftigkeit und erklärte, keinen andern Weisungen Folge leisten zu wollen, als die ihr Mann, mit seinem Blute geschrieben, ihr übersende.

Perez schrieb endlich und sie gehorchte. Donna Juana übersandte durch einen Getreuen zwei Kästchen an den Beichtvater Don Diego de Chaves nach Monzon, wo dieser sich damals aufhielt. Sie begleitete die Sendung durch einen Brief, in welchem sie dem Geistlichen schrieb: die Kästchen enthielten die Rechtfertigung ihres Gatten, er möchte einige der Papiere bewahren, die zur Zeit für sie und ihren Gatten von Nutzen sein könnten.

Der Beichtvater empfing beide Cassen wohlverschlossen und versiegelt. Er öffnete sie weder, noch wollte er die Schlüssel annehmen, welche der Diener ihm überbrachte, sondern befahl diesem, sie auf der Stelle dem Könige selbst zu überbringen. Philipp ließ diesen auch wirklich vor sich, hörte ihn an und empfing mit eigenen Händen die betreffenden Schlüssel.

Antonio Perez' Leiden wurden um deswillen nicht geringer. Donna Juana ward aber aus dem Gefängniß entlassen und erhielt von dem zurückkehrenden Diener einen Empfangschein von der Hand des Beichtvaters, in welchem er versprach: »daß er an Niemand, wer es auch sei, diese Papiere verabfolgen werde und daß darin auch keine Zeile fehlen sollte.«

Noch oftmals später wiederholte er in mündlicher Unterhaltung laut und unumwunden diese Versicherung gegen die unglückliche Gattin. Eines Tages, wo sie sich lebhaft über ihr Unglück beklagte und über die immer erneuten Verfolgungen, deren Opfer ihr Gatte würde, trotz aller vom Könige gegebenen Verheißungen, und ihn bat, da ihre Willfährigkeit nun doch nichts geholfen, ihr die Papiere zurückzugeben, rief der Beichtvater aus: »Donna, wenn man den Sennor Antonio Perez noch mehr quält, so werde ich in die Mitte dieses Platzes treten und wie ein Rasender schreien; ich werde alle Mysterien dieser Geschichte enthüllen und Euch die Papiere zurückgeben.«


Der König kam aus Aragon zurück. Abermals einige Aenderung im Schauspiel. Antonio erhielt etwas mehr Freiheit, bald darauf ward er sogar nach Madrid geführt und in eines der besseren Häuser der Stadt gebracht. Hier blieb er wieder 14 Monate, aber nur zur Hälfte als Gefangener. Er empfing Besuch, und es kamen – beinahe der ganze Hof, die Granden, die höchsten Beamten des Staats. Während dieser Zeit führte er wieder einen Briefwechsel mit dem Könige, der seine Briefe gern zu empfangen schien und sie immer selbst aufbewahrte.

Perez bat um die Vergunst, in der heiligen Woche den Gottesdienst besuchen zu dürfen. Man gewährte es ihm unter allerhand seltsamen Formeln. Während dieser Woche durfte Perez frei ausgehen. Die in den Intriguen und Geheimnissen des Hofes wohlunterrichtetsten Personen waren darüber erstaunt und wußten nicht, was sie dazu sagen sollten. War er das Opfer einer Kabale, oder ein Verbrecher, gegen den man nicht den Muth hatte, offen zu verfahren? – Während dieser Zeit erneute die treue Gattin alle irgend möglichen Anstrengungen, um das Loos ihres Mannes zur günstigen Entscheidung zu bringen; aber alle scheiterten an dem unerklärlichen Schweigen des Despoten. Selbst die Fürbitten seiner Schwester, welche Donna Juana zu gewinnen gewußt, vermochten nichts über ihn.

Allen war und blieb Philipp's Benehmen ein Räthsel, das sich nur immer mehr den Blicken verschleierte. Der Ausgang zeigte, daß er schon damals Perez' Verderben beschlossen hatte und daß es nahe bevorstand, aber er schien niemals ruhiger und gütiger. Da sagte einst der Cardinal von Toledo zu Perez' ältester Tochter: »Empfiehl deinem Vater, er soll heiter sein; ich werde ihn dieser Tage besuchen und mit ihm durch die Stadt spazieren gehen.« Durfte ein so hochgestellter Prälat und Günstling des Königs das wagen, wenn er nicht Winke dazu von seinem Gebieter hatte, und zwei Monate nach diesem Tage lag Antonio Perez – auf der Folter. – Rodrigo Vasquez, sein Richter, sagte einst im Gespräch zu Jemand, der ihn über die seltsame Lage des ehemaligen Günstlings befragte: »Was soll ich Euch darüber sagen? Bald drängt mich der König und drückt mir die Hand, bald hält er mich zurück, daß ich nicht fortschreiten kann. Ich kann's nicht rathen und enträthseln, was da vorgeht zwischen dem Könige und seinem Unterthanen.«

Perez' Feinde waren nun allen Ernstes besorgt, daß der vormalige Günstling in seine vorige Stellung und seinen Einfluß zurückkehren dürfte. Wenn der durch das Urtheil anerkannte Unterschleif, Verrath und die Verfälschung der Staatspapiere ihm so hinging, wenn der König darauf noch mit ihm Briefe wechselte, wenn er noch so gütig gegen ihn sein konnte, so war Alles zu fürchten, und man mußte Alles wagen, um dem gefürchteten Ereigniß und seiner Rache zuvorzukommen. Da ward plötzlich wieder die Klage wegen Escovedo's Tod erhoben. Diesmal keine allgemeine, auf Vermuthungen gegründete Denunciation, sondern der Sohn des Ermordeten, Pedro d'Escovedo, reichte eine förmliche Anklage gegen ihn als Mörder seines Vaters ein.

Philipp gab seine Zustimmung, und man darf annehmen, daß er es nicht allein bereitwillig that, sondern daß er auf diesen Schritt gerechnet, daß er ihn erwartet, daß er sein Plan war. Früher hatte er sich widersetzt, aus sehr begreiflichen Ursachen; jetzt, nachdem er Perez' sämmtliche Briefe in Händen hatte, womit wollte der Unglückliche nun beweisen, daß er nur als Werkzeug der Politik des Königs gehandelt?

Antonio Perez, als neuerdings kriminell Angeklagter, ward mit großem Geräusch aus Madrid nach der Festung Pinto gebracht. Erst nach 2[1/2] Monat ward er wieder nach Madrid zurückgeführt; obgleich der Befehl dazu schon früher gegeben war, der Richter hatte es verzögert, muthmaßlich auf des Königs Befehl. Bei den Verhören gab Perez wie vorhin ausweichende Antworten; er beobachtete das strengste Schweigen über Alles, was vor und nach Escovedo's Ermordung zwischen ihm und dem Könige vorgefallen war.

Auch noch während dieses Processes dauerte der Briefwechsel zwischen Antonio Perez und dem Könige fort. Jener berichtete diesem über Alles, was vorging und die Mittel, die seine Feinde anwendeten, ihn zu verderben. Der König suchte ihn zu beruhigen. In einem der königlichen Billette, welche Perez später in Aragonien zu seiner Vertheidigung vorwies, ermunterte ihn Philipp: »sich über nichts zu beunruhigen, was man auch vornähme; daß er nur mit derselben Zurückhaltung wie bisher antworten möge; er seinerseits werde ihn nicht verlassen, und er könne dessen gewiß sein, daß die Leidenschaften nichts gegen ihn ausrichten sollten.« Buchstäblich standen darin die Worte: »Erinnere dich wohl, daß Niemand wissen darf, daß dieser Tod auf meinen Befehl erfolgt ist.« Ja in diesen Briefen ist so viel ausgesprochen, daß, wenn sie vor die Richter gekommen wären, Perez nicht allein freigesprochen worden, sondern auch seine Verfolger vor ihm hätten zittern müssen.

Philipp amusirte sich in kalter Grausamkeit bei den Hoffnungen, die er seinem ehemaligen Günstlinge hinhielt und die er nie in Erfüllung gehen lassen wollte, Perez' Feinde dagegen zitterten vor dem Gedanken, daß alle ihre Arbeit umsonst, daß es ein abgekartetes Spiel zwischen dem Könige und dem Angeschuldigten sein möge, zu ihrem Verderben; und Philipp mochte sich auch vielleicht über diese Angst amusiren. Aber die Feinde ließen darum von ihrem Eifer nicht ab, sondern verdoppelten ihn. Rodrigo Vasquez erlaubte sich Willkürlichkeiten der ärgsten Art. In 10 Tagen sollte der Angeklagte auf die aus 10 Jahren angehäuften Klagen antworten, ohne daß man ihm die Anklageacte selbst mittheilte. Seinen Advocaten gab man nur Bruchstücke daraus und auch diese nicht schriftlich, sondern man ließ sie ihnen flüchtig durch einen Schreiber vorlesen mit Verschweigung der Namen der Zeugen. So war es möglich und wahrscheinlich, daß mehre der Zeugen, auf deren Zeugniß hin er verurtheilt werden sollte, unter seinen eigenen Richtern saßen. Er durfte weder die Zeugen anfechten noch die Richter verwerfen. Seine Protestationen gegen Rodrigo Vasquez selbst, der unzweifelhaft von persönlicher Feindschaft gegen ihn geleitet wurde, blieben ganz vergebens.

Während dieser Instruction prüften der Beichtvater Diego de Chaves und Rodrigo Vasquez die in den zwei Kästen enthaltenen Briefe, welche Perez' Gattin früher ausgeliefert hatte. (Man fragt sich hier: warum hatte Philipp diese für ihn gefährlichen Documente, nachdem sie einmal in seinen Besitz gerathen waren, nicht ganz vernichtet? – Aber noch zweifelhafter wird die Frage: Warum schrieb er überhaupt, nachdem die Sache so weit gediehen war, noch so verfängliche Briefe an seinen tief von ihm gekränkten Günstling, wie der oben angeführte, mit Ausdrücken, durch welche er sich völlig bloßstellte und gewissermaßen in seine Macht gab?) Die beiden Commissare brauchten einen Mönch als Secretair, im Uebrigen beobachteten sie das allertiefste Geheimniß über Das, was sie fanden.

Der Beichtvater schrieb nach dieser Prüfung, und da er sah, daß Perez nur, um dem Könige zu gefallen, in seinem Leugnen hinsichts der Theilnahme an Escovedo's Tode verharrte, folgenden Brief:

»Sennor!

Wohl kennend die Sorge und Angst, denen Ihr wie auch Eure Familie seit so langer Zeit fast erliegt, habe ich bei mir darüber nachgedacht, ob es nicht den Grundsätzen der christlichen Milde gemäß gehandelt wäre, wenn ich Dem einen Rath ertheilte, welcher ihn von mir nicht fodert. Endlich habe ich mich entschlossen, es zu thun, und ich denke nun so: da Ihr einen gebieterischen Entschuldigungsgrund für die Handlung habt, die man Euch vorwirft, so thätet Ihr am besten, einfach Das, was man Euch fragt, einzugestehen, und damit ein Ziel zu setzen allen Euern Verfolgungen; weil darin der Grund von Allem liegt, was Ihr leiden müßt, und weil übrigens Jeder für sich selbst antworten muß.

Gott schenke Euch tausend Jahre und gewähre Euch die Gesundheit und Ruhe, deren Eure ganze Familie bedarf. Ich will hier nicht den ganzen Schmerz aussprechen, den diese Geschichte mir verursacht, weil Gott, unser Herr, es weiß und selbst der König, unser Gebieter.

San Lorenzo, Residenz des Königs (dem Escurial) am 3. September 1589.

Frater Diego de Chaves.«

Antonio Perez berieth sich darüber mit dem Erzbischofe von Toledo. Dann schrieb er wieder an den Beichtvater: er möge doch wohl bedenken, was er ihm rathe. Wenn er sich selbst verdamme in einem so ernsten Falle, wo ohnedem nicht einmal hinreichende Anzeigen da wären, nur um ihn zu verhaften, so hieße das gegen sein Gewissen handeln und gegen das Interesse der Sache selbst. Uebrigens könne er, nach reiflichem Erwägen, Dasjenige nicht erklären, was der König ihm zu verschweigen befohlen. Wenn übrigens Alles darauf hinausliefe, Escovedo (den Sohn) zu befriedigen, so wünsche er lieber, daß das auf seine Kosten geschehe, als daß er dadurch die Geheimnisse und die Autorität Seiner Majestät compromittire und unschuldige Dritte; indem der König ihm befohlen, um nicht zu sagen ihn gebeten, es nicht auszusprechen, daß dieser Tod auf seinen Befehl und Willen stattgefunden, und daß er in jeder Hinsicht lieber mit Escovedo in einen Vergleich sich einlassen wolle.

Er empfing darauf einen zweiten Brief vom Beichtvater, dessen einen Theil wir schon oben mittheilten, ihn hier aber, des Zusammenhangs wegen, nicht auslassen können.

»Ich empfing Euern Brief vom 10. d. M., die Antwort auf den meinigen und habe von Neuem über Das, was ich Euch schrieb, nachgedacht, wie Ihr es wünschtet. Ich denke aber noch immer, daß es am einfachsten und zweckdienlichsten sei, um alle Eure Leiden und Verfolgungen aufhören zu machen, daß Ihr ganz offen und ehrlich erklärtet, was wahr ist, nämlich Eure Theilnahme an Escovedo's Ermordung; auch daß Ihr eben so ehrlich sagtet, auf welchen Befehl Ihr gehandelt, ohne doch von den Beweggründen zu sprechen, die man gehabt haben könnte, Euch diese Handlung zu befehlen, ohne Einzelheiten zu geben noch sonstige Anzeichen. Ihr antwortet mir darauf, daß ein Mann, der Weib und Kinder hat, sich ein Gewissen daraus machen muß, sich selbst und die Seinigen durch sein Geständniß zu verdammen, wenn er vor sich selbst und der Gerechtigkeit unschuldig ist. Die Sache ist allerdings ernst genug, daß sie auch von meiner Seite eine ernsthafte Prüfung in Anspruch nimmt. So beharre ich denn dabei, als guter Christ und nach den gewissenhaftesten Erwägungen, daß der Rath, welchen ich Euch nach Dem, was ich aus dem Munde der Sennora Juana Coello und durch die Papiere, welche sie mir überliefert, vernommen, ertheilte, ganz der heiligen Religion und der gesunden Vernunft gemäß ist. Sein Zweck ist, Euch zu verhindern, daß Ihr keinen Meineid vor der Justiz begeht, noch, für den Fall, daß Ihr ihn schon begangen hättet, daß Ihr in dieser Sünde beharrtet. Weit entfernt davon, daß dieser Weg für Euch und unschuldige Dritte eine ungerechte Verdammung herbeizöge, ist es im Gegentheil das Mittel, Eure Unschuld glänzen zu lassen und Euch zu retten, gleich wie auch die Anderen; denn Diego Martinez, der Eine von ihnen, schmachtet gleich Euch seit seiner Verhaftung in strengem Kerker nun schon durch mehre Jahre und erleidet grausame Verfolgungen, weil er diese Wahrheit nicht eingestanden hat. Darum gebe ich Euch diesen Rath nach der Vorstellung von dem Gesetzen, die ich mir mache. Hat nicht der weltliche Fürst, im Besitze voller Macht über das Leben seiner Unterthanen und Vasallen, und in der Berechtigung, ihnen dieses Leben aus gutem Grunde und in Folge einer Verurtheilung zu nehmen, hat, sage ich, derselbe nicht auch die Machtvollkommenheit, dieses ohne vorangängiges Zeugenverhör zu thun? Denn was bedeuten vor seinen königlichen Prärogativen die Spitzfindigkeiten und die Formalitäten der gerichtlichen Proceduren? Er kann sich immer davon dispensiren. Aber wenn er irgend einen Grund hat, die gewöhnlichen Formalitäten zu vernachlässigen, so ist darum kein Grund da, daß auch der Vasall, der etwa auf seinen Befehl einen Andern getödtet hätte, sich auch davon losmache, weil man vor dem Rechte präsumiren muß, daß dieser Befehl nicht ohne gerechte Ursachen kann gegeben sein, wie das ja der Fall ist bei allen Handlungen des Fürsten. Daher, wo kein Vergehen ist, kann auch keine Rede sein von Strafe und Züchtigung. Daraus mögt Ihr den Schluß entnehmen, daß in diesem Falle, wenn Ihr die Wahrheit erklärt, Niemand Euch verdammen wird. Im Gegentheil, Ihr enthüllt Eure Unschuld und die Eurer Mitangeklagten, von denen die Einen auf der Flucht, die Andern, wie wir den Schmerz haben, auch Euch zu sehen, im Gefängniß sind. Es wird Euch genügen, die Wahrheit zu erklären, um alle diese Unglücksfälle auszugleichen und diese Sache damit zu beenden. Der König wird damit Escovedo Genüge gethan haben, der von ihm so hartnäckig und mit allen Mitteln, die er auftreiben kann, Gerechtigkeit gegen Euch foderte, was eben Seine Majestät nöthigte, den Proceß gegen Euch zuzulassen. Wolltet Ihr dann Eure Erklärungen gegen Seine Majestät richten, so würde man Euch zu schweigen zwingen, und man würde Euch aus Madrid fortschaffen, um Euch zu lehren, wo es zu schweigen sich ziemt, ohne den Grund dieser Maßregeln zu erklären; denn es ist eine Sache, die Ihr ja nicht berühren müßt, wie ich Euch schon gesagt habe. Alles, was ich Euch jetzt schreibe und gestern schrieb, ist mir einzig und allein von meinem Mitgefühl für Eure Leiden eingegeben, und ich thue es nicht, um Euch irgend in Eurem freien Willen beschränken zu wollen. Aber auch wenn Euch mein Rath nicht annehmbar schiene, so glaube ich doch, daß der Weg, den Ihr einschlagen wollt und bis zu Ende behaupten möchtet, Euch noch weniger nutzen dürfte, weil der Richter von den wahren Verhältnissen unterrichtet und überzeugt sein muß, sowol durch die Geständnisse, welche er aus dem Munde der Donna Juana Coello als auch durch den Grafen Barajas erhalten hat. Unter diesen Umständen wird er sich vielleicht mit wenigen Zeugnissen begnügen, und die, welche er hat, dürften mit der Zeit noch wachsen, in Anbetracht, daß die Justiz, welche einmal die Sache unter Händen hat, der Mittel ist, Euch sowol als die Andern durch tausenderlei Chicanen zu quälen und Euer Gefängniß und Eure Leiden noch um ein Bedeutendes zu verlängern.

Das andere Mittel, was Ihr andeutet und was zum Zweck hatte, mit Escovedo sich zu verständigen, scheint mir gut. Der Name des Königs darf dabei nicht genannt werden, denn ihm ist die ganze Geschichte, was den Vater und den Sohn betrifft, bis an den Hals gewachsen. Wenn es Euch also gelänge, hier Frieden zu schließen, so wäre das unter allen Umständen vortrefflich.

Unser Herr bewahre und geleite Euch zum Guten.

San Lorenzo vom Escurial.

Fray Diego de Chaves.«

Auch diese wichtigen Briefe, welche ein so merkwürdiges Licht auf den Charakter des Beichtvaters und auf sein Verhältniß zu Philipp werfen, wurden von Antonio Perez bei seinem nachfolgenden Proceß in Aragon und zwar im Original producirt.

Die von dem Beichtvater mit so teuflischer Schärfe und einschneidenden und einschmeichelnden Worten aufgestellten Doctrinen fanden übrigens auch schon damals Widerspruch, nicht allein die Geistlichkeit verwarf sie, sondern selbst die Inquisition. Ein Prediger hatte zu Madrid, in einer Predigt, die er in der Kirche von St. Hieronymo in Philipp's Gegenwart hielt, gesagt: »daß die Könige eine absolute Macht hätten über das Leben und die Güter ihrer Vasallen.« Er ward deshalb von der Inquisition vor Gericht gestellt. Außer andern Strafen, die man ihm auflegte, ward er verurtheilt: öffentlich, in derselben Kirche und unter allen bei gerichtlichen Acten herkömmlichen Ceremonien zu widerrufen. Er bestieg die Kanzel, sagte, er habe Das und Das gepredigt auf diesem Stuhle, und nun nahm er es als eine irrige Aufstellung zurück. »Denn, fügte er hinzu, indem er von einem Papiere ablas, die Könige haben keine andere Macht über ihre Vasallen, als diejenige, die ihnen durch göttliche und menschliche Gesetze gegeben, und nicht nach ihrer absoluten Willkür

Der Beichtvater mußte doch nicht ganz ohne Wissen und Willen des Königs gehandelt haben; denn Perez' Anschlag einer Privatausgleichung mit Escovedo's Sohn ging durch. Dieser nahm ein Bußgeld für seinen ermordeten Vater an und empfing wirklich 20000 Dukaten. Von wem? – Perez' sämmtliches Vermögen war confiscirt und in seinem Gefängniß fehlten ihm selbst die nöthigsten Lebensbedürfnisse.

Aber Perez' Lage änderte sich darum nicht. Rodrigo Vasquez, d'Escovedo's Verwandter, wurde wüthend über die Ausgleichung. In seinem Ingrimm schrieb er an den König einen Brief, worin er ihm sagte: »Wenn Se. Majestät nunmehr in Folge der Ausgleichung zwischen Perez und Escovedo in die Entlassung des Gefangenen willige, so hieße Das, dem Gerüchte neue Nahrung geben, welches im Publicum umginge und die höchste Person als den Urheber der Mordthat zu bezeichnen wage. Im Interesse ihrer eigenen Autorität müsse die Majestät sich zeigen und Antonio Perez befehlen, daß er die Ursachen und Beweggründe des Mordes ausspreche.« Er fügte buchstäblich hinzu: »Sennor! man gibt Antonio Perez zu verstehen, daß der Meuchelmord durch den Proceß nicht bewiesen ist; wiewol die Beweise mir genügen, wenn ich zu urtheilen hätte. So bitte ich denn Euer Majestät, an mich ein Billet zu richten, welches ich ihm zeigen könnte, in folgender Art abgefaßt: »»Sage dem Antonio Perez, daß er sehr wohl weiß, daß ich es bin, der ihm befohlen, Escovedo umzubringen, um der Ursachen willen, die er kennt, und die ich ihm hiermit befehle, zu erklären.««

Und Philipp zürnte nicht über die Zumuthung. Er schrieb das Billet und es ward dem Angeklagten vorgezeigt.

Die Räthsel dieses Processes überbieten sich von beiden Seiten. Wenn derselbe König drei verschiedene Befehle an seinen ehemaligen Günstling erlassen konnte, die freilich alle auf sein Verderben hinausliefen, so fragt man sich andererseits, wie war es möglich, daß ein mit solchem Grimm Verfolgter, ein gefallener Günstling noch so viel Freunde haben und an einem Hofe, wie der Philipp's, daß er so lange sich über Wasser erhalten konnte, daß er dem Grimm solcher Feinde trotzte, daß er im engsten Kerker mit Allem vertraut war, was draußen vorging? Man fragt sich, wenn Philipp ihn verderben wollte, er, der vor keinem Mittel zu seinem Zwecke zurückschreckte, selbst nicht vor dem Meuchelmorde, wie wir sehen, weshalb diese endlos lange Procedur gegen eine Person, die er in seinen Händen hatte? Warum fand sich grade kein Dolch für Perez' Brust, und wenn dies mislich war bei dem Aufsehen, welches die Sache gemacht, warum kein langsam wirkendes Gift, welches auf anscheinend natürliche Weise ihn von dem verhaßten und dem gefürchteten Mitwisser seiner Geheimnisse befreite? War sein Zweck, ihn langsam zwischen Hoffnung und Verzweiflung zu Tode zu martern, war es diese Qual der Ungewißheit, womit er den Treulosen bestrafen wollte? Aber noch unbegreiflicher erscheint, daß Perez trotz der Gewalt und List, mit der man ihm seine Papiere entlockt, deren noch immer aufbewahren, deren nachmals in Aragon noch so viele und wichtige vorzeigen konnte, ja daß Philipp und seine Anhänger ihn durch ihren Briefwechsel mit immer neuen für des Königs Sache gefährlichen Documenten versehen konnten? Welche wunderbare Macht schwebte über dem Gestürzten? Hielt man ihn für so fest umgarnt, daß man es nicht für nöthig hielt, die Gewalt anzuwenden, welche ihn zwänge, sein Letztes herauszugeben, was ja selbst jetzt noch in gesetzlichen Staaten mit Verfassungen gegen politische Verbrecher geschieht? Und doch gelang es ihm, zu entfliehen? Hielt man ihn für so fest umstrickt und hermetisch verschlossen, während doch Communicationen mancherlei Art mit seinen Freunden dem Hofe und dem Könige bekannt sein mußten? Ein Trost für die Humanität entspringt aus der dunkeln Geschichte, daß es Menschenrechte gibt, gegen die selbst ein Philipp und seine Polizei und seine Inquisition mit Vorsicht agiren mußten, daß selbst ein so vollendeter Despot vor Rücksichten sich beugen mußte und seine Foltern, Kerker, seine Polizei, Inquisition, seine Henker, sein Geld und seine Arglist nicht ausreichten, einen einzelnen Menschen spurlos zu erdrücken. Es gab schon damals und in jenem finstern Spanien eine Meinung, vor der auch der Tyrann leise erschrak.

Perez hatte Freunde, aufrichtige und berechnende. Ein Günstling, mit dem man solche Umstände machte, konnte sich immer wieder einmal erheben; die Klugheit, die Furcht nöthigten also auch die Hofleute zu Rücksichten. Ihre Stellung mag freilich schwierig genug gewesen sein. Andererseits erhoben aber auch bedeutende Personen ihre Stimmen für ihn. Der päpstliche Nuncius erklärte laut seine Meinung, daß er das Verfahren unverantwortlich finde. Der Erzbischof von Toledo ging zum Beichtvater des Königs und verhehlte ihm nicht, daß er es für ebenso thöricht als inconsequent halte. Eines Tages rief er sogar laut aus: »Sagt Perez und seiner Frau, sie sollen nicht immerfort das Wort Gerechtigkeit in den Mund nehmen; sie sollen nur um Barmherzigkeit bitten!«

Vergebene Mühe. Perez war dem Untergange geweiht. Der Richter Rodrigo Vasquez hatte das Bille des Königs, und Perez sollte sich darüber erklären.

Perez hatte nun, wie angeführt, drei verschiedene Weisungen von seinem Könige, wie er sich erklären solle. In den erstern Briefen von seiner Hand befahl ihm der König, zu leugnen und nicht zu erklären, daß der Mord auf sein Geheiß erfolgt sei. Philipp's Beichtvater empfahl ihm im Gegentheil, er solle bekennen, auch daß er auf Befehl gehandelt und nur über die Motive schweigen, die er nicht berühren dürfe. Nach dem königlichen Briefe, den Rodrigo Vasquez ihm zeigte, sollte er aber den Mord eingestehen, daß er auf Königs Befehl erfolgt sei und aus welchen Gründen gegen den Vertrauten Don Juan d'Austria's.

Perez hatte also die Wahl; aber getreu den ersten Befehlen, die er direct von seinem Herrn erhalten, leugnete er, bei dem Morde betheiligt zu sein, dessen Beweggründe ihm auch unbekannt wären. – Jetzt erkannten die Richter auf die Folter.

Die Qualen des Marterbettes entrissen ihm das Geständniß. Man erfuhr nicht mehr als man schon wußte. Der Licenciat Juan Gomez sammelte die Worte, die ihm unter dem Stöhnen und den Wehlauten entschlüpften, während Rodrigo Vasquez in einem anstoßenden Gemach das Resultat abwartete. Als der Licenciat ihm das Niedergeschriebene vorlas, rief der alte Richter so laut, daß der Gemarterte es hören konnte: »Grade wie der König es mir gesagt hat.«

Antonio Perez verbarg sich keinen Augenblick die Folgen seines erpreßten Geständnisses. Er kannte Philipp, er rechnete so wenig auf Gnade und Schonung, als auf die Erfüllung des königlichen Wortes. Er hatte sich selbst als schuldig bekannt, er hatte den König als Mitschuldigen, als Urheber angegeben. Das war ein Majestätsverbrechen, es blieb es vielleicht auch dann, wenn er beweisen können, was er gesagt. Man mußte die Beweise von ihm fordern. Er konnte keine geben. Und hätte er Briefe, die er gerettet, vorgezeigt,so wäre er auf's Neue um deswillen verfolgt worden, weil er nicht alle seine Schriften auf das Verlangen des Königs an dessen Beichtvater abgeliefert hatte. Er hatte also nichts vor sich, als die Aussicht auf Gefängniß, Martern und Verfolgungen, die nur sein Tod beenden konnte. So richtete er alle seine Gedanken und Kräfte auf die einzige Hoffnung, die ihm blieb, auf eine Flucht, und sie gelang ihm durch Vermittelung treuer Freunde und seiner Gattin.


Die Vorstellung der Vorgänge bis hier ist Perez' Relationen gefolgt. Mignet's Forschungen in den Archiven widersprechen ihnen zwar nicht im Wesentlichen, werfen aber doch manches neue Licht auf die Sache.

Am lebhaftesten nahm der Präsident von Castilien Antonio Pazos sich seines ehemaligen Freundes an. Sein Herz konnte die namenlosen Leiden des Unglücklichen während der langen Ungewißheit nicht ertragen. Mehr als einmal drang er in der rührendsten Sprache in den König, Perez' Qualen zu enden, durch eine Gewißheit, entweder ihn richten und verurtheilen zu lassen, oder ihn in volle Freiheit zu setzen. – Philipp antwortete ausweichend nach seiner Natur: »Wenn die Sache von der Art wäre, um einen öffentlichen Proceß zu erlauben, so würde er vom ersten Tage an eingeleitet sein; nun, da man nicht anders handeln konnte, als geschehen ist, muß man für den Augenblick so fortfahren.« – In kleinlich verdrießlicher Weise beklagte er sich darüber, daß Perez in seinem Hause immerfort Karten spiele, daß, wenn er ausgehe (zur Zeit der ihm vergönnten Freiheit), es in Begleitung von 26 Pagen geschehe, die, zum Theil bewaffnet, ihn wie eine Leibwache umgäben. Und allerdings hatte Perez seine Aufführung nicht mit gehöriger Klugheit eingerichtet. Eine bewaffnete Begleitung, wenn er ausging, konnte bei der Wuth seiner Feinde nöthig scheinen, aber gefangen in seinem Hause, führte er dort sein üppiges Leben fort. Während des Winters 1581 hatte er sogar im Theater eine prachtvoll tapezirte Loge gemiethet, und seine Spielpartien waren zu ungeheuern Einsätzen. Die Untersuchung wegen Unterschleife erscheint dadurch schon motivirt. Ein Zeuge sagte: er habe mehr Aufwand gemacht als irgend ein Grande von Spanien, und von seinem Vater hatte er notorisch nichts geerbt. Sein Mobiliar allein war für 140000 Dukaten angekauft. Daß er ungeheure Bestechungen angenommen, namentlich von Denen, welche Aemter suchten, ward durch viele Zeugen dargethan. 4000 Dukaten hatte er für das Commando der italienischen Infanterie von dem Aspiranten erhalten. Andreas Doria zahlte ihm eine jährliche Pension, um sein Interesse beim Könige zu wahren. Auch andere italienische Fürsten erkauften seine Gunst zu hohen Preisen und versicherten, doch Vortheil dadurch zu haben.

Während dieses ersten Processes waren zwei Vertraute von Perez plötzlich gestorben: Pedro de la Hera, sein Astrolog, den er bei allen seinen Unternehmungen consultirte, und Rodrigo Morgado, sein Unterhändler mit der Eboli, und Derjenige, welcher der letzten anstößigen Scene mit derselben beigewohnt haben sollte. Die Brüder beider Todten glaubten, daß Perez sie durch Gift aus dem Wege geschafft, weil sie zu viel wüßten. Ebenso schnell starben im Auslande die meisten der andern Mordgesellen hin, welche Escovedo getödtet. Als auch Miguel Bosque, des Pagen Antonio Enriquez' Bruder, plötzlich in Catalonien starb, erweckte dies in Jenem einen solchen Verdacht und die Furcht, daß er nun an die Reihe kommen würde, daß auch er, dazu von einem Verwandten Escovedo's aufgemuntert, sich nunmehr zu dem Zeugniß entschloß, welches vorhin mitgetheilt ist. Ein Umstand, der dieses sowol als dasjenige Morgado's in seiner Glaubwürdigkeit etwas schwächen könnte. Es war erst, nachdem Enriquez sich gestellt, daß der Criminalproceß wegen Escovedo gegen Perez eröffnet ward. In dem Urtheil wegen Unterschleifs ward er auch zum Ersatz aller der enormen Geschenke verurtheilt, welche er von der Eboli erhalten, ein Spruch, gegen den er sich aufs heftigste beklagte.

Bei dem Criminalproceß leugnete Perez' Haushofmeister, Diego Martinez, der inzwischen eingefangen war, auf das hartnäckigste sowol jede eigene als auch die Theilnahme seines Herrn an der Ermordung. Auch mit dem Pagen Enriquez confrontirt, blieb er dabei und überhäufte diesen mit Vorwürfen, als einen falschen Zeugen, als selbst mit Blut aus früheren Händeln befleckt. Umsonst bestrebte sich der Richter Rodngo Vasquez, die andern Zeugen, den Apotheker und den Küchenjungen Rubio herbeizuziehen. Perez hielt sie durch seine Agenten in Aragon fest, wo die catalonische Justiz nichts zu sagen hatte. Charakteristisch ist's aber, wenn wir hören, wie man einen Criminalgefangenen von dieser Bedeutung und den seine Richter so gern verderben wollten, damals bewachte. Es ermittelte sich, daß er in einem Gefängniß von 16 Gemächern saß, welche von zwei Alguazils so wenig bewacht werden konnten, daß er durch zwei Nebenthüren bequem Ein - und Ausgang fand und sogar bei Tage auf der Straße gesehen ward! Dies ward geändert und Perez in Fesseln gelegt, die ihm aber, gegen eine gute Caution, wieder abgenommen wurden! Als er indessen, aller Rathschläge des Beichtvaters Chaves und des neuerlichen Briefes des Königs ungeachtet, beim Leugnen verharrte, schritt man, bevor man zur Folter sich entschloß, zu strengeren Mitteln. Er ward streng bewacht, durfte mit Niemand sprechen, selbst nicht mit den Alguazils; er ward angekettet und zwei Eisenstangen wurden an seine Füße gelegt.

Auch die Drohung der Folter brachte ihn nicht zum Sprechen. Man schritt darauf sofort zu derselben. Sein Protest dagegen, erstens weil er ein Hidalgo sei, zweitens weil seine Gesundheit durch ein eilfjähriges Gefangniß so angegriffen wäre, daß er sie nicht überstehen könne, ward verworfen. Das Protokoll über die Folter ist erhalten; wir lassen uns nicht auf seine schrecklichen Details ein. Nackend, bis auf dünne Unterhosen, auf die Leiter gespannt, mußte er die Qual der Schnur aushalten. Bis zum vierten Ruck schrie er nur: »Jesus, ich habe nichts zu sagen, ich kann nur sterben auf der Folter, ich kann nichts sagen, ich sterbe.« Als seine Schmerzen fürchterlicher wurden, schrie er: »Ich weiß ja nichts, man bricht mir den Arm. Beim lebendigen Gott, mein Arm ist hin. Die Aerzte wissen es. Ach Herr, bei der Liebe Gottes .. mein Arm .. lebendiger Gott .. Sennor Juan Gomez, Ihr seid doch Christ, mein Bruder, bei Gottes Barmherzigkeit, Ihr tödtet mich, ich weiß doch nichts!« – Erst beim achten Ruck schrie er um Gnade, er wolle Alles sagen, man möge ihn losbinden und ankleiden. Dann bekannte er: daß er der Urheber des Mordes gewesen und aus welchen Staatsgründen derselbe erfolgt sei. Es sind dieselben, die in seiner Relation und dem Memorial aufgeführt, und die zur Genüge in dieser Darstellung erzählt sind. Er ging bis in die kleinsten Einzelheiten, »weil, wie es lautet, man ihn auffoderte, zu beweisen und zu belegen die Wahrhaftigkeit der Beweggründe, die er dem Könige vorgetragen, um Escovedo sterben zu lassen. Er erwiederte, alle seine Papiere wären ihm fortgenommen – – in ihnen würden sich Beweise genug finden für Das, was er Seiner Majestät erklärt. Er würde auch noch sehr viel glaubwürdige Personen gefunden haben, welche den ganzen Vorgang bekunden könnten; da nun aber 12 Jahre seit Escovedo's Tode verstrichen, fehlten dieselben jetzt. Im Uebrigen sei dies eine Sache, wo der Unterthan sich ganz seinem Fürsten unterwerfen müsse.«

Andern Tags, als er hörte, daß sein Herr gestanden, bekannte auch Diego Martinez, und seine Aussage stimmte mit der des Pagen Enriquez.


Mit Hülfe Donna Juana's de Coello, Gil de Mesas' und eines aragonesischen Edelmannes, seines Verwandten, entkam Antonio Perez in der Kleidung seiner Frau aus den Mauern des Gefängnisses. Kaum auf der Straße, begegneten ihnen Gerichtspersonen. Der Freund neben ihm eilte auf diese zu, um mit ihnen ein heiteres Gespräch anzuknüpfen, während Perez hinter ihm zurückblieb, als wäre er sein Diener. Glücklich erreichten Beide darauf den Platz, wo Gil de Mesa die Pferde in Bereitschaft gestellt, und nahmen ihren Weg nach Aragon. Ein anderer Freund von Perez, Mayorini, ein Genfer, reiste mit mehren Wagen und Begleitung hinter ihm her, um überall die Postpferde wegzunehmen und sie zu ermüden, im Fall, daß man ihnen auf diesem Wege nachsetzen sollte. Donna Juana aber trat, als der Tag anbrach, aus dem Zimmer zu den Wächtern und bat sie, sich ruhig zu verhalten, damit ihr Mann nicht gestört werde, der nach einer unruhigen Nacht erst jetzt eingeschlafen sei. Erst als der Schlaf ihnen zu lange dauerte, traten sie ein und entdeckten, daß ihr Gefangener ihnen entflohen sei.

Als Philipp davon Nachricht erhielt, sandte er sogleich mehre Personen dem Gefangenen nach, aber auf dem Wege nach Frankreich; denn dorthin konnte seiner Meinung nach Perez nur geflohen sein, und dort nur glaubte er ihn fürchten zu müssen, wenn er seine Geheimnisse bekannt mache. Die tugendhafte Juana de Coello ward augenblicklich in strenges Gefängniß gesperrt und selbst gegen die unschuldigen und kleinen Kinder des Entflohenen entlud sich der Haß des Despoten. Juana war abermals schwanger. Die Mehrzahl ihrer Kinder waren im Gefängniß geboren!

Wenn Antonio Perez' Eigenschaften als ränkemachender Günstling, als Kuppler für seinen Fürsten und sei es als bestellter Meuchelmörder und Privatscharfrichter desselben, oder als Mordurheber aus Privatinteresse das Interesse für seinen Charakter in soweit schwächen, daß die ganze Größe der gegen ihn geübten Schändlichkeit keinen reinen und ungemischten Eindruck der tragischen Theilnahme für ihn hervorbringt, so macht sich dafür dieses Gefühl bei den Leiden und dem Heroismus seiner unschuldigen Familie desto mehr geltend. Juana Coello hatte Alles versucht, das Schicksal ihres Gatten zu mildern. Unablässig hatte sie den königlichen Beichtvater bestürmt, sich für ihren Gatten bei seinem königlichen Beichtkinde zu verwenden. Aber ihre Klagen und Verwendungen waren umsonst geblieben.

Am Abende vor dem Tage, wo Perez auf die Folter gespannt werden sollte, stürzte sie nach dem Kloster St. Dominico, wo sie und auch Chaves Verwandte hatten. Sie erneute ihr Andrängen bei dem mächtigen Beichtvater. Als er unbeweglich blieb, erhob sie ihre gerungenen Hände zum Heiligen über dem Altare, und Gott zum Zeugen anrufend, flehte sie um Gerechtigkeit. Chaves schien einen Augenblick betroffen und blaß. Plötzlich aber nahm er sich zusammen, rief laut die Diener heran, welche Donna Juana mitgebracht, und hieß sie augenblicklich die Priorin, Donna Juana's Schwestern und seine eigenen Nichten rufen. Als diese sich versammelt hatten, sagte er wieder mit ruhigem Tone: »Frau Priorin, die Sennora Donna Juana wollte meinen Stolz und mein Gewissen durch ihre heftigen Vorwürfe beunruhigen. Sie hat Gott angerufen zum Richter und ihn um Gerechtigkeit gebeten wegen ihres Unglücks und gegen mich. Mich verwundert es nicht, was sie spricht oder thut, mich nimmt mehr Das Wunder, was sie nicht spricht und nicht thut. Aber was kann ich mehr thun? Ich habe zum Könige gesprochen, daß sein Gewissen ihn verpflichte, die Angelegenheit des Sennor Antonio Perez schleunigst zu beenden und dieser Donna ihren Mann wieder zu geben. Bei der nächsten Beichte werde ich ihn bitten, einen Entschluß zu fassen.. Was kann ich mehr thun, Sennora?«

»Was du mehr thun kannst?« rief glühenden Blickes die Spanierin. »Ihm die Absolution verweigern, wenn er nicht im Augenblicke seine Ungerechtigkeit wieder gut macht, und du, du kannst umkehren in deine Zelle. Da wirst du dem Himmel weit näher sein, als wo du jetzt bist. Als Beichtvater bist du höchster Richter; der König ist der Schuldige und ich bin sein unglückliches Opfer. Und hat er auch eine Krone auf seinem Haupte, du bist doch weit größer als er im Gerichtsstuhl der Beichte. Also hast du auch das Recht, ihn zu rügen.« Der Beichtvater verstummte und schien verwirrt.

Eine würdige Tochter dieser Mutter war Donna Gregona. Das junge Mädchen, ein halbes Kind noch, aber in der Schule des Unglücks reif geworden, war ebenso lebhaft thätig gewesen, für ihren Vater zu wirken. Als Alles vergebens war, hatte sie einen letzten, verzweifelten Schritt gewagt. Am selben Tage, wo ihre Mutter den Beichtvater aufsuchte, hatte sie ihre beiden jüngern Brüder an die Hand genommen und war in Begleitung eines Oheims in Rodrigo Vasquez's Haus gedrungen. Nachdem sie ihn eine Weile angeklagt wegen der Versprechungen, mit denen er sie hinhielt, sagte sie: »Nun habe ich's gesehen, daß Ihr nur meine Leichtgläubigkeit täuschen wolltet. O das ist wol eine sehr schwere und ruhmwürdige Aufgabe, ein armes, junges Mädchen zu betrügen! Da Ihr nun einmal einen unersättlichen Durst habt nach unserm Blute, bin ich mit diesen unschuldigen Geschöpfen hier, damit Ihr trinken möget nach Lust. Trinkt denn, sättiget Euch einmal an unserm Blute, aber damit setzet ein Ziel unsern Qualen. Macht fertig, endet mit uns. Wir stehen hier Alle vor Euch.«.

Der siebenzigjährige Greis war betroffen; so hatte noch Niemand, am wenigsten ein kaum aufgewachsenes junges Mädchen, zu ihm gesprochen. Vergebens suchte er sie zu beruhigen. Immer lauter, immer heftiger rief sie: »Hört uns, hört uns an! hebt unsere Klagen, oder trinkt dieses unschuldige Blut und räumt mit uns auf. Reißt die Seelen aus den Leibern dieser Unglücklichen hier, welche, gealtert in Schmerzen seit ihrer frühen Kindheit, nichts weiter wollen, als was ich auch will, das Ende ihrer Leiden.« Alter und Haß hatten Vasquez' Herz stumpf gemacht gegen Töne, die aus solchem Munde unter Seufzen und Schluchzen hervorgebracht, selbst Steine hätten rühren sollen.

Mit Befriedigung hören wir, daß es auch in Spanien und unter der unmittelbaren Herrschaft eines Philipp noch muthige Geister gab, die sich nicht scheuten, öffentlich ihr Urtheil über das unerhörte Verfahren auszusprechen. In der eigenen Kapelle des Königs, in Gegenwart einer großen Anzahl Hofleute, predigte einige Tage nach Perez' Tortur ein Franziskanermönch über die Eitelkeit und Vergänglichkeit aller Fürstengunst: »Weshalb, meine Brüder, darein Euren Stolz setzen, daß Ihr sclavisch im Gefolge der Fürsten einherzieht? Seht Ihr denn nicht, wie thöricht es ist? Habt Ihr denn keine Augen für die Gefahr, in der Ihr lebt? Seht Ihr denn gar nichts? – – Habt Ihr nicht diesen Mann gesehen, der gestern auf dem Gipfel der Gunst stand, und heute auf der Marterbank lag, und ohne daß er weiß, weshalb man ihn seit so vielen Jahren so grausam verfolgt? Was sucht Ihr, was hofft Ihr? – – Ich spreche zu Euch, meine Brüder, mit einer Freimüthigkeit, die Euch erstaunt, aber es ist eine Pflicht, die mein Geist mir auferlegt. Ich weiß, daß ich keinen andern Vortheil davon ziehen werde, als daß man mich von diesem Hofe verjagen wird, sowie manche Andere; aber mich kümmert es nicht mehr, als Euch vielleicht die Wahrheiten kümmern, die heute ans meinem Munde ftießen.«

Mehre Hofleute bekundeten später, diese Worte gehört zu haben, und ausgemacht ist, daß mehre Prediger, unter ihnen ein Frater Francesco de Torres, unter Philipp's Regierung vom Hofe verbannt wurden, weil sie den König bei mehren Gelegenheiten öffentlich wegen Nichtachtung der Rechte seiner Unterthanen getadelt hatten. Auch Philipp's Hofnarr, Onkel Martin genannt, übte sein Privilegium. Am Tage, wo Perez' Flucht bekannt wurde, trat er wie verwundert vor den König und rief: »Sennor, wer ist denn der Antonio Perez, dessen Flucht so allgemeine Freude verursacht? Da er gewiß ohne Schuld war, muß mein König sich doch recht über sein Glück freuen!«

Eben wie Perez' Flucht Freude, hatte die Nachricht von seiner Tortur ein allgemeines Entsetzen erregt, das nirgends größer war, als am Hofe selbst. Welcher Günstling durfte nicht für sich zittern, wenn einem Antonio Perez, den Alle mit Neid betrachtet, Das widerfahren war? Jetzt erst murmelte man laut, und das in den Vorsälen des Palastes, daß Philipp Perez' Theilnehmer gewesen. Ein vornehmer Hofmann rief mit Entrüstung aus: »Der Verrathe des Unterthanen gegen seinen Fürsten hat man viele gesehen, aber daß ein Fürst seinen Unterthanen verrathen hat, war noch nicht vorgekommen.«


Nach zwölfjähriger Gefangenschaft, Verfolgung und Qualen hatte Antonio Perez den freien Boden seines Vaterlandes wieder betreten, frei wegen der den Aragonesen verbrieften und beschworenen Privilegien. Leidend an den Nachwehen seiner Tortur, denn beide Arme waren gelähmt, hatte er schon in dem Grenzstädtchen Calatayud liegen bleiben müssen. Aber schon nach 10 Stunden kam der königliche Befehl ihm nach, der seine Verhaftung foderte. Er war nicht an die Behörden, sondern an eine Privatperson gerichtet, der man vorstellte, von wie wichtigen Folgen für den königlichen Dienst es sei, ihn lebendig oder todt einzufangen.

Perez floh in das Dominicanerkloster. Man achtete das Asyl aber nicht, man ergriff ihn und sperrte ihn als Gefangenen in eine Zelle dort ein. In der Stadt erhob sich der Unwille über diese Rechtsverletzung, und schon hier war es nahe daran, daß ein Aufstand sich erhob.

Perez schrieb einen Brief an den König, in einer Sprache, die, wo ein Herz war, zum Herzen, wo der Verstand unbenommen war von blinder Leidenschaftlichkeit, von eingewurzeltem Hasse, zu diesem hätte reden müssen. Umsonst blieb dieses wie mehre folgende Schreiben, in denen Perez in der unterwürfigsten Sprache eines getreuen Dieners und Unterthans seinen Herrn von einer Verfolgung abzurathen suchte, die nur zur Enthüllung seiner eigenen Schande ausschlagen konnte. Philipp wiederholte den Verhaftsbefehl, unter dem Angeben, es bedürfe näherer Ermittelungen über Escovedo's Tod. Aber Escovedo's Familie hatte sich mit ihm vertragen; nach den Fueros von Aragon konnte er also nicht anders zur Untersuchung gezogen werden, als wenn der König als fiskalischer Ankläger auftrat. Perez rief das Privilegium der Manifestados an, d. h. er appellirte als Aragonese von dem Gericht des Königs an das des Justicia von Aragon.

Er ward nach Saragossa geführt und in das Gefängniß des Königreichs oder der Freiheit, wie es hieß, gesetzt. Die Gefangenen desselben waren geschützt vor der Gewalt des Königs und nur dem Justicia unterworfen. Nur Diejenigen wurden darin aufgenommen, welche sich freiwillig gestellten und die Gesetze des Königreichs Aragon und seine Privilegien anriefen. Ihre Privilegien hier waren, daß sie nicht auf die Folter gebracht und gegen juratorische Caution in Freiheit gesetzt werden konnten. Selbst Der, welcher auswärts schon zum Tode verurtheilt worden, hatte das Recht, sich hier zu gestellen, und der Justicia von Aragon hatte das Recht, zu untersuchen, ob die Verurtheilung nicht gegen eines der Fueros von Aragon verstoße.

Der Justicia war ein unabhängiger Richter, eine Art nationalen Volkstribunes, denn seine Machtvollkommenheit war nicht allein juridischer, sondern auch administrativer Art. Er war der Vermittler zwischen dem Könige und dem Volke und der bestellte Wächter der Fueros. Eine uralte Einrichtung des aragonesischen Volkes, seit der Vertreibung der Mauren, war sie der Stolz desselben und ward mit Eifersucht gehütet. Der Justicia konnte auf sein eigen Dafürhalten und mußte auf den Antrag eines Jeden aus dem Volke erklären: daß der König oder seine Minister und Beamten ihre Gewalt misbrauchten, daß sie die Verfassung und Privilegien des Königreichs verletzten. War diese Erklärung gegeben, so hatte er das verfassungsmäßige Recht, auch die Gewalt der Waffen gegen den König aufzurufen, was mehr gegen dessen Diener und Officiere! Besagte doch ein Artikel der aragonesischen Verfassung, daß das Volk, wenn der König dessen Privilegien verletzte, einen andern erwählen könne, selbst wenn er kein Christ wäre! Und jeder neue König, auch Philipp, hatte, entblößten Hauptes, vor der Krönung die Worte des Großjusticia anhören müssen: »Wir, die wir so viel sind, als du, und mehr können, als du, wir machen dich zu unserm Könige, unter der Bedingung, daß du unsere Privilegien achtest, wo nicht, nicht.«

Weiter auf diese wunderbare, den stolzen Freiheitssinn der Aragonesen athmende Verfassung (auch gegen die Uebergriffe des mächtigen Justicia war gesorgt durch eine alljährige Untersuchungscommission der Cortes und durch die Bestimmung, daß nur ein Hidalgo, niemals einer der ricos hombres, der nachmaligen Granden, Justicia werden konnte) einzugehen, ist hier nicht der Ort; aber das Volk hütete bis zu Philipp's II. Zeiten diese Verfassung, so alt wie ihr Königthum selbst, mit argwöhnischen Augen und dem ganzen Eigensinn und der ganzen Feuerglut seines Charakters. Selbst die Scharten, welche diese Verfassung unter Karl V. erlitten, hatten nur dazu gedient, die Eifersucht aufs Neue zu beleben. Genügt es doch, um den ganzen Grad heiliger Verehrung zu begreifen, in welcher die Constitution gehalten ward, an die eine bekannte Stelle im Eingang eines dieser Fueros zu erinnern, wo es heißt: die Unfruchtbarkeit des Bodens und die Armuth seiner Bewohner wären so groß, daß sie das Land verlassen würden, um anderswo sich niederzulassen, ohne die Freiheiten, deren sie sich erfreuten und deren Genuß sie an den armen Boden fessele.

Vergebens ging der König Philipp die genannte Deputation des Königreichs Aragon, den Rath, welcher den Justicia umgab, an, Perez auszuliefern und nach Madrid zu schicken. Der allmächtige Philipp sah sich also genöthigt, klagbar zu werden vor dem Justicia von Aragon gegen seinen eigenen Staatssecretair; er schickte eine Anklageakte und von den bisherigen Proceduren nach Saragossa, was ihm, zweckdienlich schien; Anderes behielt er zurück. Die Anschuldigung nahm jetzt die Wendung: 1) Antonio Perez habe den Escovedo tödten lassen, indem er sich fälschlich des königlichen Namens bedient; 2) er habe ihn selbst verrathen, indem er die Geheimnisse des Staates verrathen und die Depeschen geändert, und 3) er sei davon gelaufen.

Noch ein Mal schrieb Perez an den König, er stellte ihm die Gefahr, die auf sein eigenes Haupt zurückfalle, vor, wenn er ihn zwinge, zu seiner Rettung die Briefe vorzubringen, die er in Händen habe. Er sandte damit einen Geistlichen nach Madrid, der Philipp beweisen sollte, wie er sich rechtfertigen müsse und könne. Der König hörte den Prior an, er prüfte die Briefe, er schien milden Gedanken Raum zu geben. Aber absichtlich ward die Sache in die Länge gezogen, in der Hoffnung, daß Perez die von den Gesetzen Aragons streng vorgeschriebenen Fristen, in denen ein Angeschuldigter sich rechtfertigen kann, versäumen möchte. Perez war so klug wie seine Verfolger, er ließ sich nicht überlisten. Kurz vor Ablauf der gefährlichen Frist schritt er zu dem letzten, für ihn verzweiflungsvollen Schritte, er legte dem Gericht des Justicia alle ihm gebliebenen Papiere vor.

Es waren Briefe des Königs; andere von ihm an den König gerichtet, Concepte, im Namen des Königs aufgesetzt und mit Marginalien desselben; Briefe Don Juan d'Austria's an Perez und Antworten darauf; Briefe des Juan d'Escovedo; einige im spanischen Originale, andere in Chiffern mit der Uebersetzung; auch Briefe des königlichen Beichtvaters und ein eigener, Alles zusammenfassender Aufsatz, das berühmte: Memorial del hecho de su causa. Es wurde fast zur selben Zeit eingereicht, wo Philipp in Madrid ein bizarres Todesurtheil gegen Perez publiciren ließ, wonach er zum Galgen geschleift und aufgehängt werden sollte.

Nach dem Memorial erschien Perez' Rechtfertigung so schlagend, daß Jedermann sich verwunderte, wie es möglich, das der kluge Philipp es so weit habe kommen lassen können. Philipp hatte die Schwäche, an den Referenten des Processes zu schreiben und ihn um seine Meinung über den Ausgang des Processes zu befragen. Sie lautete: daß seiner Ansicht nach Perez nur freigesprochen werden könne. Die fiscalische Anklage wurde sofort zurückgenommen (am 20. Septbr. und 18. August), aber die Ausdrücke, unter denen es geschah, setzten alle Welt noch mehr in Verwunderung: »Der König bescheide sich dieser Sache, alle seine Rechte sich bewahrend, um sie wieder da vorzubringen, wo es ihm gut scheinen werde. Aber er erkläre zugleich, daß Antonio Perez ihn beleidigt, sich überdem vergangen und seine Gnade verwirkt habe, und wiewol es ihm leicht sei, Beweise gegen die von Perez vorgebrachten Documente zu führen, so wolle er es doch nicht thun aus Rücksicht für mehre ausgezeichnete Personen.« In diesem merkwürdigen Documente voll gleißender Sprache, wagt selbst ein Philipp II. zu sagen: »Ich habe die Wahrheit immer beschützt und muß sie beschützen, wie es meine Pflicht als König ist.«!!!

Aber auch nach einer solchen Kränkung öder Demüthigung, welche der absoluteste Despot seiner Zeit von den Gerichten seines eigenen Landes erfahren, beschied er sich nicht in Stolz oder kluger Großmuth. Perez sollte nicht freikommen. Noch ein Mal trat der König als Criminalankläger vor dem aragonesischen Gerichtshofe gegen seinen Diener auf. Anfänglich war beabsichtigt, ihn nur der Vergiftung seines Astrologen Pedro de la Hera und seines Stallmeisters Nodrigo de Morgado anzuklagen; aber die Aerzte waren zu gewissenhaft, das Gutachten auszustellen, was man wünschte. Sie erklärten, Einer wie der Andere wären eines natürlichen Todes, an einer bekannten Krankheit gestorben. Nun klagte der König 5 fünf Tage später Perez wegen derselben Vergehungen an, über welche er in dem Juicio de visita gerichtet worden.

Zu diesen uns im Allgemeinen bekannten Klagepunkten kam nun noch eine Beschuldigung, welche der Sache eine Wendung gab, die in der Folge von Wichtigkeit wurde: Antonio Perez habe, so oft Neuigkeiten aus Frankreich angekommen wären, welche für den König jenes Landes günstig gelautet, sich immer sehr gefreut, sich aber hingegen betrübt, wenn sie ungünstig für ihn gewesen; demnächst, daß er die Absicht gehabt habe, nach Béarn oder gar nach Holland zu gehen, oder in andere, dem katholischen Könige feindlich und protestantisch gesinnte Lande.

Bei dem Gerichtsverfahren über diese Anschuldigung wurden ganz die Formen gebraucht, welche der klagende Theil vorschrieb.

Perez vertheidigte sich würdig: über den letzteren Anklagepunkt habe er gar nichts zu sagen. Gott sei Zeuge und Richter der Kränkungen, welche Menschen ihm zufügten, indem sie sich zu Richtern seiner Gedanken und geheimen Wünsche aufwürfen, deren Herr und Richter er allein bleiben müsse. Ueber die andern Punkte habe er genug in der Procedur in Castilien ausgesagt und bewiesen; er habe nichts hinzuzufügen, wenn er nicht abermals Entdeckungen vorbringen wolle, die aufs Neue den Zorn der Mächtigen auf ihn herabziehen müßten.

Aufs kräftigste protestirte er gegen dieses neue Verfahren: seine Richter möchten doch wohl überdenken, was sie thäten. Endlich möchten sie den Beleidigungen gegen den König ein Ziel setzen und nicht immerfort von ihm Rechenschaft über dieselben Dinge fodern. Da er schon in Castilien deswegen verurtheilt worden, so sei es unerhört, wegen ein und desselben Vergehens ihn zwei Mal zu richten. Nach den Fueros Aragons könne eine solche Verfolgung gar nicht Platz greifen. Wenn er aber alle Papiere, die über jene Angelegenheiten sprächen, nach seinem natürlichen Rechte sich zu vertheidigen, so gut es ginge, vorbringen wollte, so würden Geheimnisse von der größten Wichtigkeit und andere sehr zarte Sachen enthüllt werden. Um dies zu vermeiden, aber doch zu beweisen, daß er nur die Wahrheit sage, erbiete er sich, der ihm vom Könige dazu ernannten Person im Geheimen alle die darüber sprechenden Documente vorzulegen. Wolle man keins von beiden, dann, im Interesse seiner Frau und seiner sieben Kinder, werde er sich gezwungen sehen, auch vor Gericht alle diese Papiere vorzulegen, welcher Schade auch daraus dem Könige, der Autorität desselben und dritten Personen, und welcher Scandal allüberall daraus erwachse.

Aller Gewaltmittel Philipp's ungeachtet, war es Perez doch gelungen, mehre Privatbriefe des Königs vor ihm zu verstecken oder bei Seite zu schaffen, die hinreichten, um ihn auch in diesen Punkten von Schuld frei darzustellen. Er ließ auch Copien davon an mehre vertraute Anhänger des Königs in Aragon gelangen, um durch sie Philipp zur Rücknahme seiner Anträge zu vermögen. Doch kam es nicht dazu, denn der unermüdliche, kluge Mann griff nach einem neuen Mittel der Vertheidigung.

Er behauptete, der König von Spanien habe gar kein Recht, nach der aragonesischen Verfassung wegen dieser Vergehen ihn zu richten. In Aragon bestand für den König allerdings das Recht, seine Diener nach Wohlgefallen wegen ihrer Uebertretungen richten zu lassen; es hatte einen historischen Ursprung. In den ersten Zeiten des Königthums dort soll ein König, als er sah, wie die Nation sich alle Freiheiten vorbehielt und ihm so wenig Macht ließ, gesagt haben: »Aber welche Macht bleibt mir denn über meine Diener und Beamte?« – Man antwortete ihm: »Was die anlangt, so macht mit ihnen, was Ihr wollt.« – Auf diese Bestimmung der Fueros hatten sich die Procuratoren des Königs gestützt: Auch in Aragon hat der König, und grade kraft der Fueros, die Macht, seine Diener wegen Uebertretungen in ihrem Dienste richten zu lassen, wie ihm gefällt. Da nun Antonio Perez als Staatssecretair ein Diener des Königs sei, und in der Pflicht der Treue gegen seinen Herrn gefehlt, könnte er gradesweges von seinem Könige wegen der Unterschleife und Veruntreuungen gerichtet werden. Antonio Perez führte nun aus, daß seine Stelle als Staatssecretair ein öffentliches Amt und keine Hausdienerschaft sei, als welche die Bestimmung der Fueros allein gemeint habe. Ueberdies sei er Staatssecretair des Königs für das Königreich Castilien gewesen, wogegen der König einen besondern Staatsdiener für Aragon habe, gegen welchen allenfalls jene Bestimmung Gültigkeit haben möchte.

Demnächst beschwerte er sich laut über die Nachlässigkeit und den Mangel an Energie des Justicia von Aragon, daß er nur die Einleitung eines solchen Verfahrens zugelassen. Er führte Klage darüber vor den Siebzehn, welche die stehende Deputation des Königreichs bildeten, und die Siebzehn erklärten auch wirklich, daß die Anklage wegen Unterschleif und Veruntreuung gegen Antonio Perez nicht Platz greifen könne, und der König demzufolge gar kein Recht über ihn habe.

Philipp ergrimmte; aber auch ein Philipp II. durfte noch nicht wagen, offen, ohne einen scheinbaren Vorwand, die bestehende Verfassung und ihre Vertreter anzugreifen. Er sann auf ein neues Mittel – er wollte ihn der Inquisition überliefern. Abermals tritt der Proceß in ein neues Stadium.

Dies war schwierig; der geschmeidige Günstling hatte bis dahin dem Anschein nach sich eher alles Andere zu schulden kommen lassen, als theologische Meinungen und ketzerische Tendenzen. Aber der Wille eines intriguirenden Despoten wie Philipp weiß Flecken auch auf dem frisch gefallenen Schnee zu entdecken.

Perez, so muß man annehmen, hatte um jene Zeit, nach der für ihn günstigen Entscheidung der Siebzehner, einen Plan zur Flucht entworfen, weil sein Antrag, ihn auf sein Ehrenwort zu entlassen, abgelehnt worden. Mit seinem Freunde Mayorini, der ihm schon zur Flucht nach Aragon behülflich gewesen, hatte er eine neue Flucht nach Béarn verabredet. Das Geheimmß war indeß zu Vielen vertraut gewesen, sodaß der Plan im Augenblick der Ausführung gescheitert war.

Dieser Umstand ward von Philipp's Agenten zur Anklage vor der Inquisition benutzt. Indem man unter Perez' Mitgefangenen und Dienern Zeugen suchte und gewann, fand man endlich gegen ihn den Stoff zu einer Denunciation. Der Regens der königlichen Audiencia schrieb am 19. Februar 1591 an den Inquisitor Molina!

»Man hat entdeckt, daß Antonio Perez mit Juan Francisco Mayorini das Complott geschmiedet, sich miteinander nach Béarn und andere Orte Frankreichs zu begeben, wo sich Ketzer finden, mit der Absicht, Das zu thun, was Ihr aus den Declarationen der Zeugen, von denen ich Euch authentische Copien übersende, entnehmen möget. Und da es sich hier um eine Sache handelt, welche Gottes und der Sache des Königs zum größten Nachtheil gereichen könnte, habe ich für nöthig erachtet, Euch Alles mitzutheilen, damit Ihr und Eure Collegen davon Kenntniß nehmet und die Sache wohl erwäget:

Der Regens Ximenez de Aragues.«

Die beigefügten Anklagen lauten im Allgemeinen:

»Antonio Perez und Juan Francisco Mayorini hatten daran gedacht, aus ihrem Gefängniß auszubrechen, indem sie dabei geäußert, sie wollten nach Béarn gehen zu dem Vendôme (so ward Heinrich IV. im damaligen Curialstil des spanischen Hofes genannt; man gewährte ihm nicht einmal den Titel eines Königs von Navarra) und seiner Schwester (Katharina von Bourbon) oder in andere Theile des Königreichs Frankreich, wo sie viele Ketzer finden, Feinde Seiner Majestät; daß sie auch hofften, dort wohl empfangen und aufgenommen zu werden, weil Perez die Staatsgeheimnisse kenne und sie enthüllen könnte; daß sie auch diesen Aeußerungen noch andere beigefügt, nicht weniger sträflich oder minder verletzend gegen die Majestät unseres Königs, und entschlossen wären, ihm alles mögliche Uebel zu verursachen.«

Die Zeugen waren:

Don Juan Luis de Luna, ein aragonesischer Edelmann, ein Gefangener des Königreichs. Er hatte Mayorini sagen gehört: wenn er auch entschlüpfen könne, werde er es doch nicht allein thun; aber er würde nicht zaudern, es mit Perez zu thun, weil der ihn zum Prinzen von Béarn führen werde, und das könne ihm viel Geld einbringen.

Ein anderer Zeuge hatte aus Mayorini's Munde ungefähr Dasselbe gehört.

Diego Bustamente, seit 18 Jahren in Perez's Dienst, hatte seinen Herrn äußern gehört: wenn seine Appellation nicht wirke, wolle er nach Frankreich gehen, um von Madame von Béarn (Katharina von Bourbon, Heinrich IV. Schwester, seine Vicekönigin über Béarn und Navarra, während Heinrich's Abwesenheit) ein Asyl sich zu erbitten; er wolle dann dahin gehen, wohin die Prinzessin ihn schicke. Zu diesem Zwecke habe Perez durch ihn eine geheime Correspondenz mit Mayorini, der in einem andern Zimmer saß, gepflogen. Eines Tages habe Perez ihm, dem Diener, aufgetragen, an den Grafen! (Mayorini) zu schreiben: er solle nun endlich zeigen, was er könne, und wenn er auch den Teufel zum Beistand anrufe. Doch sei diese Aeußerung seines Herrn wol nur eine Plaisanterie gewesen. Zu einem andern seiner Diener, einem Holländer, Namens Wilhelm Stars, habe er eines Tages gesagt: wenn er nach Frankreich gehe, wolle er ihn auch mit einem Auftrage in sein Vaterland schicken, nämlich an seinen Oheim, daß er ihm ein Schiff ausrüste, mit welchem er nach Holland überschiffen könne.

Dies, nicht mehr, waren die Anklagepunkte, um deren willen Antonio Perez der Inquisition wegen Ketzerei übergeben werden sollte! – Llorente, der die Acten zuerst vor Augen hatte, versichert es und Mignet hat nicht mehr herausgefunden. Vielleicht hätte man ihn darum nicht verdammen können, aber, wenn man ihn einmal erst in Händen hätte, so hoffte man schon mehr aus ihm zu erpressen oder in ihn hinein zu pressen. Es galt fürs erste, ihn auf ewig der Freiheit zu berauben, und ihm erst dann das Leben zu nehmen, wenn man irgend einen scheinbaren Grund dafür finde. Der Präsident der Audiencia, Ximenez d'Aragues, handelte, ganz als devoter Diener des Königs und im Einverständniß mit dessen Statthalter in Aragon, dem Marquis d'Almenara, dem er sogleich seine Berichte abstattete.

Die Inquisitoren von Saragossa waren der erwähnte Don Alonzo Molina de Medrano und Don Juan Hurtado de Mendoza, letzterer ein naher Verwandter d'Almenara's, aber ein Mann von ruhigem Charakter und wenig zur Stelle eines Verfolgers geneigt, weshalb er so viel als möglich sich zurückzog und noch während dieses Processes sich in eine andere Provinz versetzen ließ. Molina war der Mann, wie Philipp ihn brauchte, ein Intriguant, depravirt und nach einem Vischofshut begierig.

Kaum daß er die erwähnten Schriften erhalten, als er, ohne sie dem Tribunal der Inquisition in der Stadt mitzutheilen, dieselben sofort nach Madrid sandte und sich Verhaltungsbefehle vom Generalinquisitor Quiroga, dem Cardinal von Toledo, erbat. Dieser selbe Prälat, welcher während Perez' Leiden in Castilien sich so theilnehmend gegen ihn bewiesen und den Perez, merkwürdigerweise, auch noch nach seiner Errettung in Frankreich nicht genug loben kann, erscheint hier nur als das gefällige Werkzeug seines königlichen Feindes. Er schrieb an das Inquisitionstribunal von Saragossa, daß in dieser Angelegenheit der Inquisitor Molina ganz allein die Zeugen vernehmen und die Inquisitoren demnächst die Aussagen ohne die sonst übliche Zuziehung der Diöcesanen und der Rechtsbeistände prüfen und mit ihren Anträgen nach Madrid senden sollten.

Nachdem gegen 10 Zeugen, dieser Vorschrift gemäß, vernommen und ihre Aussagen dem Generalinquisitor nach Madrid übersandt worden, zog nicht dieser, dem es zukam, sondern Diego de Chaves, der noch gefälligere Beichtvater des Königs, vier Punkte heraus, die als Grund der Anklage gegen Perez, und vier, die gegen Mayorini ihre Dienste thun sollten.

Mayorini, um diesen in voraus, abzuthun, hatte, wenn er im Spiel verlor, den unanständigen Fluch oder Ausruf gebraucht, dessen die Italiener in übler Laune sich zu schulden kommen lassen: pote de Dio oder pota de Madona! Weiter konnte man gegen ihn nichts vorbringen, aber der Ausdruck ward als ketzerische Blasphemie herausgehoben, was zu seiner Einkerkerung genügte, und man hoffte, indem man seinen Proceß mit dem gegen Perez in einen Topf würfe, ein befriedigendes Resultat zu gewinnen.

Gegen Perez entwarf der Qualificator, d. h. der von der Inquisition ernannte Theologe, um aus Schriften und Handlungen die irrgläubigen Meinungen der Verdächtigten zu constatiren, diesmal des Königs Beichtvater selbst, folgende Propositionen mit ihren Qualificationen:

Erste Proposition, aus Bustamente's Aussage entnommen.

Als Jemand zu Perez sagte: er solle doch nicht übel von Don Juan d'Austria sprechen, erwiderte er: »Nachdem mir der König den Vorwurf gemacht, daß ich den Sinn der Briefe, die ich geschrieben, verkehre und die Geheimnisse seines Geheimrathes verriethe, so ist es nicht anders als recht und mir erlaubt, mich zu rechtfertigen, ohne daß ich auf irgend Jemand deshalb Rücksicht zu nehmen hätte, und wenn Gott, der Vater, mich hindern wollte, so würde ich ihm die Nase abschneiden, weil er es zugelassen, daß der König sich gegen mich so wenig als loyaler Cavalier gezeigt.«

Hieraus folgende Qualifikation:

»Dieser Ausdruck ist nicht allein eine Blasphemie, scandalös und alle frommen Ohren beleidigend, sondern schmeckt auch nach der Ketzerei der Waldenser, welche annehmen, daß Gott der Vater auch einen Leib habe. Man kann es auch nicht in der Art zu seinen Gunsten auslegen, daß man sage, Christus habe doch einen Leib, und daher auch eine Nase, weil er sich zum Menschen gemacht; denn es ist ausgemacht, daß es sich hier von der ersten Person der allerheiligsten Dreieinigkeit handelt, welche der Vater ist.«

Zweite Proposition aus Juan de Basante's Auslassung entnommen.

Antonio Perez rief eines Tages in seinem Schmerz über die traurige Lage, in der er sich befand, zornig aus: »Ich möchte bald nicht mehr an Gott glauben. Man möchte sagen, er schläft, während sie mir den Proceß machen. Wenn er nicht zu meinen Gunsten ein Wunder thut, so fürchte ich, allen Glauben zu verlieren.«

Die Qualification daraus:

»Diese Rede ist scandalös, fromme Ohren beleidigend und der Ketzerei verdächtig, weil sie annimmt, daß Gott schlafen könne, auch hat sie einen innigen Zusammenhang mit der vorigen, welche andeutet, daß Gott einen Körper habe.«

Dritte Propvsition, entnommen aus Diego de Bustamente's zweiter Aussage:

Eines Tages rief Perez, von Kummer und Angst gepeinigt, wie das öfters kam, besonders wenn er sich in den Sinn rief, was seine Frau und Kinder für ihn leiden müßten, aus: »Was ist Das nun! Gott schläft, oder Alles, was man uns von ihm erzählt, ist eine Täuschung. Gibt es denn wirklich einen Gott?«

Die Qualification theilte diesen Satz in drei Theile:

»Der erste Theil riecht nach Ketzerei, denn er leugnet, daß es eine Vorsehung in Gott gebe und daß er sich um die Dinge dieser Welt kümmere. Der zweite Und dritte sind geradezu Ketzereien.«

Vierte Proposition, aus derselben Aussage entnommen.

Antonio Perez, gereizt durch die Ungerechtigkeit, die man, nach seiner Ansicht, gegen ihn beging, und insonderheit dadurch, wie verschiedene Personen, die, ihrem Charakter nach, anders hätten handeln sollen, sich gegen ihn betrugen, und doch um deswillen in der allgemeinen Achtung nicht verloren, rief eines Tages aus: »Ich fluche dem Schooß, der mich genährt hat. Heißt das katholisch sein? Wenn Das wäre, glaubte ich nicht mehr an Gott!«

Die Qualifikation:

»Der erste Theil ist scandalös; der zweite blasphemirend, beleidigend für fromme Ohren und, verbunden mit dem Vorangegangenen, der Ketzerei verdächtig, da es den Gedanken andeutet, als sei Gottes Dasein ein Betrug.«

So die Anklagen. Es scheint überflüssig, heute ein Wort darüber zu verlieren; aber auch damals konnten die hier incriminirten Reden, und selbst vor dem Inquisitionstribunal, nicht als strafbare Verbrechen gelten, denn die Instruction für die Inquisitionsgerichte, datirt vom 17. Juni 1500, Sevilla, sagt im 5. Artikel ausdrücklich: »Desgleichen, wenn die Inquisitoren zuweilen verhaften lassen um geringfügige Dinge und die keine eigentliche Ketzerei sind, angesehen, daß es sich nur um Worte handelt, die eher Blasphemien sind als Ketzereien und nur ausgestoßen in der Wuth oder im Zorne, so verordnen wir, daß fortan Niemand um solcher Ursach halber verhaftet werde.«

Außerdem bestimmte die Instruction von Toledo, von 1498: »Auch befehlen wir den Inquisitoren, mit Klugheit zu Werke zu gehen, wenn es sich darum handelt, Jemanden zu verhaften, auch die Arrestation nicht eher zu verfügen, als nachdem man genügende Beweise des Verbrechens der Ketzerei gegen den Verdächtigen gesammelt hat.«

Was kümmerten einen Philipp II. diese klaren Bestimmungen von Gesetzen, die er überhaupt nur zu seinen politischen Zwecken anrief? Niemand in Spanien glaubte an die Möglichkeit einer Ketzerei bei Antonio Perez, und die Inquisition war nur die gefällige Dienerin des Despoten in einer ihr vielleicht gleichgültigen Angelegenheit, um in andern, die sie näher angingen, dem König sich geneigt zu machen.

Man erklärte, daß man genügende Beweise des Verbrechens der Ketzerei gegen Perez und Mayorini gesammelt, weil sie eine Correspondenz mit der Prinzessin von Béarn gepflogen, einer Ketzerin; weil sie in dieses ketzerische Land fliehen wollen, oder nach Holland, einem ganz protestantischen Lande; weil sie Heinrich IV. Glück und Erfolg gewünscht und daß er auf Frankreichs Thron

möge erhoben werden gegen den Wunsch des Papstes.

Zum Ueberfluß beschuldigte man Perez der Magie und Zauberei, und somit gehöre er vor die Inquisition, und seine Appellation an den Großjusticia von Aragon müsse suspendirt bleiben, bis sein Proceß vor dem Inquisitionstribunal abgeurtheilt wäre.

Der oberste Inquisitionsrath von Spanien, unter dem Vorsitz des Großinquisitors, billigte nach kurzer Prüfung diese Resolution und verordnete am 21. Mai, daß beide Angeschuldigte in die geheimen Gefängnisse der Inquisition abgeführt würden. Diese Maßregel sollte schnell und geheim ins Werk gesetzt werden. Der Courier flog in zwei Tagen von Madrid nach Saragossa, und schon am 24. Mai erschien der Alguazil vor dem Thore des Gefängnisses des Königreichs Aragon und foderte die Auslieferung der beiden Gefangenen.

Der Castellan des Gefängnisses aber erklärte: das könne nicht geschehen ohne einen Specialbefehl des Großjusticia von Aragon oder eines seiner Lieutenants. Augenblicklich schrieben die Inquisitoren an die Lieutenants des Justicia: sie sollten ihnen die beiden Gefangenen ausliefern bei Vermeidung der Excommnnication, einer Geldstrafe von 1000 Ducaten und anderer Nachtheile, und zwar binnen 3 Stunden: »sintemalen das Fuero der Manifestation kein Hinderniß abgeben könne, denn es finde auf einen Proceß wegen des Verbrechens der Ketzerei keine Anwendung; falls dies aber behauptet werde, so widerriefen und annullirten sie, die Inquisitoren, hierdurch eine solche Auslegung des Fuero, dieweil es ein Hinderniß würde für die freie Ausübung der Pflichten des heiligen Tribunals.«

Der Groß-Justicia, Don Juan de la Nuza, empfing dieses Schreiben in öffentlicher Sitzung, im Beisein seiner fünf Lieutenants, welche seinen Rath ausmachten, und aller Officiere seines Tribunals. Aber diese Feierlichkeit gab ihm nicht den Muth, der Foderung zu widerstehen. Einer der Lieutenants mußte sich in das Gefängniß begeben und die beiden Gefangenen dem Alguazil gegen Quittung überliefern. Ganz in der Stille wurden sie, Jeder in einem besonderen Wagen, nach der Aljaferia, dem ehemaligen Schlosse der maurischen Könige, das, außerhalb der Mauern gelegen, jetzt der Inquisitionspalast war, gebracht.

Auch dieses Verfahren war den Gesetzen und dem Herkommen entgegen. In mehren namhaften ähnlichen Fällen hatte auch die Inquisition sich vor dem Privilegium der Fueros zurückziehen müssen. Aber es waren ganz besondere Umstände vorangegangen, welche den Conflict des Groß-Justicia und der die Rechte Aragons vertretenden Deputation mit der Inquisition dieses Mal sehr kitzlich machten. Ein anderer Spanier, Antonio Gomir, der auch im Gefängniß der Manifestados saß, war von der Inquisition abgefodert worden. Der damalige Lieutenant des Groß-Justicia, dem die Prüfung der Sache übertragen war, verweigerte, im Einverständniß mit den andern Mitgliedern seines Collegiums, die Auslieferung. Die Inquisitoren excommunicirten den Lieutenant, und als seine Collegen sich desselben annahmen, auch diese. Die Excommuninrten appellirten an den Papst. Dieser verwies sie an den Großinquisitor. Darüber starb der Papst und die Appellation an den anderen hatte noch immer keine eigentliche Wirkung gehabt. Inzwischen war der mitexcommunicirte Groß-Justicia gestorben und die Inquisitoren untersagten das kirchliche Begräbniß. Die Deputation des Königreichs ließ ihr Oberhaupt dafür einbalsamiren, um den Körper, nach Beendigung des Streites, ordnungsmäßig begraben zu können. Nach langen Verhandlungen in Rom, die ihnen schon über 50000 Dukaten gekostet, erhielten sie denn auch endlich durch ein päpstliches Breve die Gestattung des Begräbnisses, welches 1573 mit großer Feierlichkeit begangen war. Inzwischen war die Hauptfrage unentschieden geblieben und sollte 1585 von den Cortes von Aragon in der Stadt Monzon ausgemacht werden.

Hier waren denn viele Klagen über die Eingriffe der Inquisition vor dem Könige angebracht worden, und man hatte kein anderes Auskunftsmittel gefunden, als daß Schiedsrichter, von beiden Theilen gewählt, sich zu verständigen suchen sollten; wenn es nicht gelänge, sollte man an den Großinquisitor gehen; führe auch dies nicht zum Zwecke, sollten Commissarien nach Rom sich begeben.

In diesem Stadium lag der alte Streit, als Perez' Fall eintrat. In jenem stand der König anscheinend außer der Partei, in dieser Sache war er Partei mit der Inquisition, und Perez hatte gegen beide zu kämpfen. Der Justicia des Königreichs Aragon, der mit Mühe die alten Rechte gegen die Inquisition, wo Philipp nicht als Partei gegen ihn auftrat, zu erhalten gesucht, durfte nicht so ohne Weiteres die Partei der Gegner durch den König verstärken. Man wußte, daß zur selben Zeit, wo die Befehle an die Inquisitoren von Saragossa angelangt, auch andere vom Grafen von Chinchon, Philipp's Minister, an den Marques d'Almenara gelangt waren, und daß dieser hierauf ein geheimes Gespräch mit dem Groß-Justicia gepflogen, in welchem er ihn bestimmte, in diesem Falle keinen Gebrauch vom alten Rechte zu Gunsten der Angeschuldigten zu machen!

Aber Perez' Freunde ließen sich nicht einschüchtern. Sie bearbeiteten das Volk: Das heiße ein Bruch der Privilegien des Königreichs. Lasse man ein Mal zu, daß Jemand, der sich dem Gericht ihres Groß-Justicia unterworfen, in ein anderes Gefängniß und auf Befehl einer andern Autorität geschleppt werde, so sei es um die Fueros des Landes geschehen! Das Wort Fuero hatte eine magische Kraft in Aragon. Erinnerte man sich doch, welchen Widerstand schon die Einführung der Inquisition unter Ferdinand dem Katholischen veranlaßt, wie man damals schon darin einen Bruch und Eingriff in die alten, verfassungsmäßigen Freiheiten gewahrte; und jetzt galt es, das noch Gerettete angreifen und retten.

Aber ehe man zum Aeußersten schritt, zu einer öffentlichen Demonstration, versuchte man noch einen gesetzlichen Weg. Antonio Perez' Rechtsbeistände erschienen vor dem Zalmedina von Saragossa, einer Art Friedensrichter, aber mit ausgedehnter juristischer Machtvollkommenheit, und trugen auf eine Untersuchung gegen die Denuncianten und Zeugen an, welche Antonio Perez' Anklage vor dem Inquisitionstribunal bewirkt, indem diese ganze Angelegenheit auf Intriguen und Corruption beruhe. Sie forderten, daß der Zalmedina, Galacian Cerdan, darüber ad futuram rei memoriam die betreffenden Personen vernehmen lasse.

Dem Antrage wurde gewillfahrtet. Das Resultat war gewichtig, denn die ganze Anklage, wie frivol sie auch schon an und für sich erscheint, fiel dadurch zusammen. Einer der Zeugen erklärte: daß er durch den Alcalden des Gefängnisses (Antonio Lopez de Ores) und die Diener des Marques von Almenares vermöge Versprechungen, Geschenke und Drohungen zu seinem Zeugnisse bewogen worden. Man habe ihm ein Billet des Inquisitor Molina vorgezeigt, um ihm Muth zu machen, und ein Papier, welches er unterzeichnen sollen. Er that es, ohne den Inhalt zu kennen, und nachher erst las man ihm vor, was er auszusagen und zu beeiden hätte. Indem er, um seinem Gewissen zu genügen, die Aussage zurücknahm, erklärte er, Antonio Perez nicht einmal von Person zu kennen! – Einem Zeugen, der sich bei einem Aufstande im Gefängnisse vergangen, hatte man Verzeihung und Freiheit versprochen, wenn er aussage, daß Perez den Aufstand angestiftet habe. Noch andere Zeugen bestätigten diese Intriguen, indem man mit ihnen ebenso verfahren.

Diese Ermittelungen blieben, wie man sich denken kann, kein Geheinmiß; die Entrüstung in Saragossa wuchs. Perez hatte Mittel gefunden, als er in das Inquisitionsgefängniß abgeführt wurde, seinen Freund Diego Fernandez de Heredia davon zu benachrichtigen. Dieser und Andere säumten nicht, die Nachricht in der Stadt zu verbreiten. Das Volk sammelte sich, angestachelt durch die Mehrzahl des höheren und niederen Adels, der es mit Perez hielt, und lief durch die Gassen mit dem Geschrei: »Sie verletzen unsere Fueros!« - »Tod den Verräthern!«- Man umringte das Haus des Marques von Almenara, der als die Seele der Intrigue gegen den unglücklichen Perez, wenigstens als der Hauptagent des Königs galt. Vergebens suchte der Justicia das Volk zu besänftigen. Es drang mit seinen Leuten zugleich in das Haus, schleppte den Marques hinaus und mißhandelte ihn dermaßen, daß er nach 14 Tagen an den Folgen seiner Verwundungen starb.

Die Haufen zogen darauf vor den Paläst des Erzbischofs, dann vor den des Vicekönigs, des Bischofs von. Teruel, mit Feuer und Tod drohend, wenn sie nicht bewirkten, daß Perez und Mayorini freigelassen würden. Zu etwa Dreitausend verstärkt, rückten sie endlich vor die Aljaferia selbst und schworen hoch und theuer, das Haus mit allen Inquisitoren zu verbrennen, wenn sie nicht auf der Stelle die Gefangenen herausgäben. Da erschienen mehre vornehme Edelleute, der Herzog von Villa-Formosa, die Grafen Aranda und Morata, der Erzbischof Vicekönig und Andere, und suchten zwischen dem Volk und den Inquisitoren zu vermitteln. Der Vicekönig ging mit den beiden genannten Grafen selbst in das Schloß, und nach mehren heftigen Verhandlungen erschien er mit den Gefangenen wieder an der Thür. Lauter Jubel empfing sie. Man wollte Perez auf ein Pferd nöthigen, um ihn im Triumphzug durch die Stadt zu führen. Mit Mühe gelang es dem Erzbischof, ihn in einen Wagen zu bringen, der ihn in das Gefängniß der Manifestation zurückführte. Dieser erste Sieg des Volkes gegen die Inquisition, d. i. gegen Philipp's Politik, ward am 21. Mai errungen.

Molina hatte nur nach äußerstem Widerstreben und nur mit Einlegung eines Protestes nachgegeben. Den Berichten über den Tumult an das obere Inquisitionsgericht waren schon verschiedene Zeugen vorausgeeilt, Agenten und Anhänger Almenara's, die ihr Leben bei der Volkserhitzung in Saragossa nicht mehr für sicher hielten. Der Aufstand erschien danach in Madrid natürlich in den schwärzesten Farben und als geleitet von den ersten Notabilitäten des aragonesischen Adels, als dem Grafen Aranda, Morata, den Baronen Barboles (Don Diego de Heredia), De Biescas und Sallen (Don Martin de la'Nuza), De Purroy (Don Juan de la Luna), De la Leguna, die sämmtlich das Volk unter dem Vorgeben, daß ihre Fueros verletzt wären, in Aufstand gebracht hätten.

Die Inquisitoren verloren indessen, auch unter den Schrecken eines wüthenden Volkes, nicht den Muth. Sie hatten ja nur gesetzlich gehandelt, indem sie zwei Angeschuldigte auf den schriftlichen Befehl des Großjusticia aus dem Gefängnisse des Königreichs in das ihre abgeführt, und eine Bulle Pius' V. vom 1. April 1569 verordnete: daß Diejenigen, welche sich der Execution eines Befehls der Inquisition widersetzten, als Begünstiger und selbst verdächtig der Ketzerei gerichtet werden sollten. Deshalb foderten sie öffentlich die Theilnehmer an dem Tumulte auf, sich freiwillig anzugeben und andere Schuldige anzuzeigen, um auf diese Weise auf Begnadigung Anspruch zu machen. Die Deputirten des Königreichs erklärten dagegen, auf den Rath der Juristen, daß sich Niemand vor der Excommunication zu fürchten habe, da Alles, was geschehen, nur zur Aufrechthaltung der Fueros geschehen wäre, und daß die Kirche selbst so schwere Rügen auf Die schleudere, welche die geheiligte Verfassung angriffen oder ohne Vertheidigung sie angreifen ließen.

Irgendwie mußte die Erhitzung der Gemüther abgekühlt werden. Die Deputirten von Aragon ernannten 13 Juristen, um zu untersuchen, ob der Proceß gegen Perez dem heiligen Officium oder dem Gericht des Groß-Justicia zustehe. Diese Juristen erklärten sich anfänglich entschieden zu Gunsten des Letzteren, ja es sei eine offenbare Verletzung der Rechte und der Verfassung von Aragon, wenn die Inquisition sich der Sache bemächtigen wolle. Aber Menschenfurcht, Bestechung oder Intrigue, wie sie diesen ganzen politischen Proceß durchädern, machten sich auch hier geltend. Eine vorsichtige Partei, welche gern Aragons Privilegien wollte erhalten wissen, aber doch auch fürchtete, offen gegen einen so mächtigen König wie Philipp aufzutreten; Patrioten vielleicht, welche mit regstem Eifer für ihre Rechte und Freiheiten wachten, aber erkannten, daß Aragon zu Ausgang des 16. Jahrhunderts zu schwach sei, im Kampfe, nicht mehr mit einem castilianischen Könige, sondern dem Beherrscher eines Weltreiches, zu siegen, daß darum ein offener Bruch vermieden werden müsse, diese vermittelnde Zwischenpartei fand einen Ausweg, welcher wenigstens den Schein retten sollte. Plötzlich änderten auch die 13 ihre Gutachten dahin ab: daß, weil Perez eine geheime Correspondenz mit dem Könige von Frankreich, einem Ketzer, geführt, es der Inquisition allein zustehe, darüber zu erkennen, indem es Religionsangelegenheiten wären! Allerdings hatten die Inquisitoren ihre Machtvollkommenheit überschritten, weil sie die Manifestation des Angeklagten annullirt, wozu Niemand auf der Erde ein Recht habe, als der König in Uebereinstimmung mit den Cortes; wenn aber die Inquisitoren vom Groß-Justicia es erlangt hätten, daß ihnen die Gefangenen ausgeliefert würden, und das Privilegium der Manifestation während der Untersuchung suspendirt bleibe, so könne man ihre Person denselben überlassen, ohne daß dadurch die Gesetze von Aragon verletzt würden,

Man legte dieses den Gesetzen und dem Herkommen Aragons so ganz widerstrebende Gutachten besonders dem vielleicht schon altersschwachen Groß-Justicia zur Last. Er mußte sich rechtfertigen lassen, weil er einmal in Perez' Auslieferung gewilligt hatte; aber auch die Mehrzahl des Adels und selbst eine Anzahl von Perez' Freunden erklärten sich für dieses Auskunftsmittel. Die Form war doch gerettet, wenn auch das Wesen verloren ging. Denn Perez, interimistisch der Inquisition ausgeliefert, war so schlimm daran, als wenn er definitiv ihr übergeben war!

Der Intriguenkampf dauerte indeß von beiden Seiten fort. Die Volkspartei, schwächer an Mitteln, war stärker durch ihre Zahl. Auch die Presse ward damals schon zu Hülfe gerufen und in vielen Pamphleten, die man überall austheilte, viele aus Perez' Feder, bittersatirische, heftig anklagende, aufstachelnde, wurden die geheimen Drohungen und Intriguen der Gegner denuncirt und das Volk ermahnt, für seine Fueros aufzustehen.

Perez selbst, wohlgeübt in solchen Kämpfen, hatte inzwischen, obwol vom Fieber geschüttelt, das die Aufregung veranlaßt, und im Kampf mit Feinden und Freunden, den Muth nicht verloren. Wer siegen will, muß angreifen, und er ging von der Defensive zur Offensive über. Den Lieutenant Micer Torralba, einen seiner Richter, verklagte er bei den Siebzehn wegen der gegen ihn verübten notorischen Ungerechtigkeit und Heftigkeiten. Torralba ward verurtheilt zur Amtsentsetzung und Verbannung aus Aragon. Sieben Stimmen hatten sogar für den Tod votirt. Die Siebzehn aber waren der höchste Gerichtshof für das Königreich. Niemand, selbst der König nicht, durfte von ihren Sprüchen appelliren; durchs Loos erwählt waren sie somit ein starkes Glied der Verfassung und der Schutz gegen Die, welche sich über den Druck seiten der Lieutenants oder ihrer untergebenen Beamten zu beklagen hatten. Ja diese zur Rechenschaft zu ziehen, war ihre eigentliche Bestimmung und Befugmß, eine Macht, die selbst dem Könige nicht zustand.

Dieser Urthelsspruch der Siebzehn setzte das Siegel der Autorität auf die Theilnahme, welche das aragonesische Volk Perez' Sache bis da gewidmet hatte, er rechtfertigte gewissermaßen das Vorangegangene, er erklärte und leitete ein Das, was es von da ab für ihn that. Ihn zu unterstützen war längst nicht mehr allein Sache seiner Freunde, es war durchaus Volkssache geworden, an der alle Stände Theil nahmen. Die Aragonesen durften den Unglücklichen nicht mehr verlassen, der sich unter ihren Schutz gestellt, nachdem er von seinem Könige 12 Jahre aus einem Gefängniß ins andere geschleppt worden und Alles erduldet hatte, was eine politische Verfolgung von Gehässigem und Grausamem an sich tragen mag, eine Verfolgung, die nicht ihn allein, sondern auch die unschuldigen Kinder und die beklagenswerthe, treue Gattin aufs härteste traf.

Und was konnte denn dieses Antonio Perez' Verbrechen sein? So mußte das Volk, so durfte jeder Vernünftige denken, der in Castilien bald um dieses, bald um jenes beschuldigt worden, den man endlich, mitten in seinen Ketten und Banden, theilweise das Vertrauen seines Königs hatte wieder gewinnen sehen; den Philipp wieder in wichtigen Staatssachen zu Rathe gezogen, um ihn gleich darauf unter einer neuen Anschuldigung abermals mit der grausamen Laune der Tyrannei zu quälen. Entweder war er schuldig oder unschuldig; in beiden Fällen hatte er das Recht, zu fodern, daß man ihn nicht länger im Gefängniß schmachten lasse, daß man ihn richte. Auf keinen Fall durfte der aragonesische Stolz dulden, daß man ihn seinem Verfolger ausliefere.

Welche Wichtigkeit auf der andern Seite Philipp, durch seine kritische Lage dem Ausland gegenüber damals noch genöthigt, mit den rebellischen Aragonesen zu laviren, auf die Sache legte, geht aus seinen Briefen an den Civilgouverneur von Aragon, Don Juan de Herera, hervor, den er anwies, allen seinen Credit aufzubieten, damit Perez verdammt würde, wie es auch sei, wenn nicht zu ewigem Gefängniß, so doch wenigstens auf eine Reihe von Jahren, weil man in diesem Falle schon Mittel finden würde, neue Anschuldigungen gegen ihn vorzubringen, um ihn nach und nach auf immer im Kerker festzuhalten. In einem dieser Briefe setzte der König mit eigener Hand hinzu: »Wenn alles Das, was er ihm aufgetragen, nicht zu erlangen wäre, so möge er wenigstens dahin wirken, daß Perez nicht gestattet werde, das Königreich Aragon zu verlassen, denn das sei die Hauptsache.« Wie konnte das besser geschehen, als daß er der Inquisition überliefert ward? Der Urtelsspruch der Siebzehn hatte nur in einer Nebensache zu Perez' Gunsten entschieden; in der Hauptsache bestand nach den Gutachten der Rechtsgelehrten zu Recht: daß das Privilegium der Manifestation suspendirt bleiben und Perez dem heiligen Officium, unbeschadet der Privilegien Aragons, ausgeliefert werden solle.

Und doch wagte man nicht, den Spruch offen zu vollziehen. Perez' Protestationen, daß eine Suspension der alten Privilegien so gut wie eine Annullation sei, fruchtete zwar nichts, denn mit dem aragonesischen Volke durfte man nicht scherzen. Man schlug daher den Weg der Intriguen und der Gewalt zugleich ein. Philipp II. zeigte auch hier seine Kunst, zu warten. Als wisse er nichts von dem Antheil, den jene Großen an Perez' Befreiung genommen, schrieb er an den Herzog von Villa Hermosa, an die Grafen Aranda, Moreta, und Andere die verbindlichsten und liebenswürdigsten Briefe, um sie aufzufodern, daß sie mit ihrem ganzen Einfluß auf ihre Verwandten und Freunde die königlichen Behörden unterstützen möchten. Schon war es ausgemacht, daß die Inquisitoren noch einmal die Auslieferung der Gefangenen fodern sollten, aber ohne herausfodernde Sprache und Drohungen, sie sollten ihre Anfoderung allein auf die Suspension der Wirkungen des Privilegiums begründen, als Perez, die drohende Gefahr wohl kennend, abermals einen Fluchtversuch machte. Schon hatte er, drei Tage feilend, die Gitterstäbe seines Fensters durchbrochen, als ein falscher Freund und Mitgenoß, Juan de Basenta, ihn einem Jesuitenpater, Romano, verrieth. Die Flucht ward vereitelt.


Am nächsten 20. August sollte nunmehr die Verhaftung erfolgen; aber die Miene des Volkes war zu drohend. Man entschloß sich deshalb, zuvor die Consistorien des Königsreichs zu berufen, um die Stimmung und die Mittel zu prüfen; die Consistorien aber waren eine Versammlung aller Corporationen so weltlicher als geistlicher Art, um im Conferentialwege über streitige Angelegenheiten sich zu berathen und Entschlüsse zu fassen.

Im Hause des Vicekönigs kam diese Conferenz zusammen; alle Notabilitäten des Reiches erschienen, zum unverhohlenen Misvergnügen der großen Mehrheit der Nation. Sie sah darin keinen andern Zweck, als einen Bruch der Fueros. Die Mitglieder erschienen wie zu einem polnischen Reichstage gerüstet, die Großen in Mitte ihrer wohlbewaffneten Vasallen, und alles Das, um – zwei Menschen aus einem Gefängniß in ein anderes zu bringen! Aber die Wirkung schlug fehl. Als man die Notabeln in Waffen einrücken sah, griff auch ganz Saragossa zu den Waffen. Der Lärm wurde groß. Das Volk erfüllte Gassen und Plätze mit Geschrei und Waffenklang, und die alten Kriegsfahnen flatterten von beiden Seiten in den Lüften. Des großen Schaugepränges ungeachtet, kam es indeß zu nichts.

Zwar drang der König mit Höflichkeit auf eine Entscheidung, zwar boten mehre Große ihre ganzen Mittel an und wollten Gewalt mit Gewalt vertreiben, während Andere ängstlicher vorschlugen, man solle Perez ausliefern, um durch dieses Opfer die Fueros zu retten; aber – die Rücksichten siegten. Man beschloß, und zwar einstimmig, einen neuen Aufschub, bis zum 29. September, in Hoffnung, daß bis dahin die Hitze des Volkes sich abgekühlt haben werde.

Keine Mittel wurden unversucht gelassen, die Einen zu erschrecken, die Andern zu beschwichtigen; das Volk aber antwortete: Gegen die Gesetze werde es nichts unternehmen, wenn man aber Etwas gegen seine Fueros unternehme, werde es für seine Freiheiten zu sterben wissen.

Inzwischen starb der Großjusticia Don Juan de Nuza, und sein Sohn folgte ihm in der Würde. Der König aber sammelte ein ansehnliches Heer unter dem Commando Alonzo's de Vargas an der Grenze Castiliens und Aragons, mit dem ostensibeln Zwecke einer Expedition gegen Frankreich; in der That aber nur, um die Gefangensetzung der beiden Männer zu bewirken.

Der Tag der Entscheidung brach an, Don Ramon Cerdan, der Militairgouverneur von Saragossa, hatte alle Vorsichtsmaßregeln getroffen. Gegen zweitausend Bewaffnete waren es, auf die er rechnen konnte. Ihrerseits hatten die Inquisitoren eine gute Anzahl ihrer Familiaren, der sogenannten Miliz Christi, Freiwilliger, die zu ihrem Dienst sich geweiht und dafür großer Privilegien sich erfreuten, aus den benachbarten Städten nach Saragossa kommen lassen. Achthundert Mann und einige Cavalerie ward auf dem Marktplatz und in den Straßen umher aufgestellt. Die übrigen mußten schon in der vorangehenden Nacht auf den Straßen patrouilliren. Alles schien am Morgen in Ordnung, das ergrimmte Volk beobachtete ein finsteres Schweigen.

Als der Rath zusammen saß, begaben sich die Officiere der Inquisition dahin und überreichten ihren schriftlichen Antrag, gemäß dem Gutachten der dreizehn Juristen abgefaßt, daß man ihnen Antonio Perez und Mayorini überliefere. Nur wenige Räthe widersprachen, durch große Mehrheit ward, wie es längst voraus abgemacht war, der Beschluß gefaßt, sie ihnen auszuliefern.

Der Vicekönig, Bischof von Teruel, ein Lieutenant, ein Abgeordneter, zwei Geschworene begaben sich nun mit einem großen bewaffneten Gefolge und allen Insignien ihrer Würde, in Begleitung der Diener der Inquisition, nach dem Gefängniß. Auch der Herzog von Villa Hermosa, die Grafen Aranda, Morato und andere Herren hatten sich angeschlossen; es ward nichts versäumt, um die Abfoderung so feierlich als möglich zu machen und dadurch dem Volk zu imponiren.

Bei der Abfoderung im Gefängniß wurden alle Formalitäten auf das genaueste beobachtet. Perez wurde von demselben Alcalden herabgeholt, welcher die falschen Zeugen gegen ihn früher instruirt hatte. Der Lieutenant sprach mit lauter Stimme: »Die Herren Inquisitoren fodern, daß man ihnen Antonio Perez und Juan Francisco Mayorini ausliefere aus Gründen, den heiligen Glauben betreffend. Sie haben es erwirkt, daß man ihnen diese betreffenden Personen überläßt, demgemäß deren Appellation suspendirend.« – Perez entgegnete: was denn aus seinem Recht der Appellation werden solle, was doch allem Andern vorginge, ebenso wie das Recht, erst gehört und dann gerichtet zu werden? – Man entgegnete ihm, er habe sich nicht zu beklagen, denn es seien alle Formen der Gesetze, beobachtet worden.

Dann kam Mayorini; Beide wurden in Ketten gelegt und Jeder in einen besonderen Wagen gesetzt. Diese Formalitäten hatten ziemlich viel Zeit gekostet.

Während der Bischof Vicekönig aus einem benachbarten Hause mit seinem Gefolge der Procedur zusah, hatte sich eine ungeheure Volksmenge gesammelt, bis dahin schweigend. Jetzt als die Thore des Gefängnishofes sich öffnen sollten mit den Wagen, in ihnen die Gefangenen, mit ihrer Freiheit meinten die Aragonesen mit ihren Rechten, brach der lang verhaltene Unmuth hervor. Martin de la Ruza, Perez' Freund, ein glühender Anhänger seiner aragonesischen Freiheit, brach das Schweigen. Er führte den ersten Schlag, indem er einen der Officiere der Gerechtigkeit niederwarf. Das Signal war gegeben, der Funke hatte gezündet.

»Es lebe die Freiheit!« rief es aus tausend Kehlen, und der Ruf brauste durch die ganze Stadt. Bald war der Kampf allgemein, vor dem Gefängniß, in den Gassen, auf dem Markte, wo der Gouverneur, die Truppen, die Cavalerie stand. Man focht mit blanken Waffen und Feuergewehr. Aus seinem Versteck brach Gil de Mesa, der alte Freund und Anhänger von Perez, hervor, und stellte sich an die Spitze der Volkshaufen, die auf dem Markt den Gouverneur und seine Macht angriffen. Nach heftigem Widerstande flohen die Truppen, endlich, nach einem verzweifelten Kampf, auch der Gouverneur mit den Herren. Der Wagen des Ersteren ward in tausend Stücke zertrümmert. Er selbst floh mit mehren Großen in ein Haus in der Nähe des Gefängnisses. Es ward belagert, man schoß mit Arkebusen hinauf und aus den Fenstern heraus. Da schleppte das Volk die Trümmer des Wagens vor das Gebäude und zündete sie an. Um nicht zu verbrennen, mußten die Eingeschlossenen durch die Schornsteine, die Fenster, mit Gefahr ihres Lebens ihre Rettung suchen.

Auf Seiten der Inquisition und der Behörden wurden in diesem Kampfe über 200 Personen getödtet oder verwundet, darunter der Zalmedina von Saragossa und mehre angesehene Personen. Auch die Vertheidiger der Fueros zählten viele Opfer in einem Gefecht, welches des Ruhmes würdig schien, den Saragossa in alter und neuer Zeit durch den Muth seiner Bürger in der Geschichte sich erworben. Daß aber nicht allein das niedere Volk mit einigen vornehmeren Anführern daran Theil genommen, bewies der allgemeine Jubel nach dem Siege. Alle Fenster, die Thüren zu den Balconen wurden aufgerissen, man schwenkte Fahnen, man wehte mit den Tüchern. Es war ein Sieg des Nationalgefühls, der Freiheit, nicht zu theuer erkauft mit dem Blute, das noch auf der Straße rauchte, aber ein Sieg des Augenblicks, der mit der Freiheit für immer bezahlt werden sollte.

Die Diener der Inquisition und des Königs, die noch im Hofe des Gefängnisses eingeschlossen sich befanden, waren inzwischen in der äußersten Angst. Einige versuchten, ihre Waffen fortwerfend, zu fliehen, andere foderten ihren Gefangenen auf, sich zu zeigen, um die Wuth des Volkes, das laut ihren Namen rief, zu beschwichtigen. Anfangs weigerte sich Perez, weil er Verrath fürchtete, dann foderte er, daß man ihm die Ketten abnehme. Als er sich endlich am Fenster zeigte, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Diese Sprache war für die Inquisitoren zu deutlich, als daß sie es länger für gerathen fanden, an dem Orte zu verweilen; einer nach dem andern entschlüpfte wie er konnte. Am Ende baten die Gefangenwärter, die fast allein zurückgeblieben waren, Perez und seinen Gefährten, nur hinunter zu gehen, um das Volk zu besänftigen, damit es sie nicht Alle ermorde.

Perez aber verweigerte es, er wollte eine schriftliche Acte darüber haben, damit es nicht heiße, daß er eigenmächtig das Gefängniß verlasse. Doch war kein Notar, keine obrigkeitliche Person zu finden, die eine solche Schrift aufsetzen konnte; die noch da waren, hatten den Kopf verloren. Endlich mußten auch die wenigen von den Beamteten, die zurückgeblieben waren, ihn ersuchen, doch zum allgemeinen Besten von seiner Freiheit Gebrauch zu machen. Man besorgte, daß das Volk auch alle übrigen Gefangenen in Freiheit setzen könne.

Endlich gab Perez nach und erschien durch eine kleine Seitenpforte vor dem ergrimmten und jubelnden Volke, das drauf und dran war, das Gefängniß zu erbrechen und Alles niederzumachen. Der Enthusiasmus, ihren Helden gerettet zu sehen, ließ sie die Rache vergessen.

Aber es war kein Held, dessen Anblick zur Begeisterung hinriß. Krankheit und Leiden hatten unverkennbar ihren Stempel ihm aufgedrückt; er war blaß, sein Gang unsicher. Entblößten Hauptes zeigte er sich dem Volke, ihm seinen Respect und Dank zu zeigen, und man umringte ihn mit Betheuerungen der Liebe und Theilnahme, mit der Versicherung, er solle sich nicht mehr fürchten, unter ihren Armen sei er in Sicherheit, wobei sie ihre entblößten Arme über dem Kopfe schwangen. So ward er in das Haus des Diego de Heredia geführt, wo er aber noch keine Ruhe fand, sondern immer von Neuem den sich vorüberwälzenden Haufen am Fenster zeigen mußte. Da erst fiel es dem Volke ein, daß auch Mayorini noch zu befreien sei. Man stürzte nach dem Gefängniß, aber da war weder Kerkermeister noch Gefangenwärter. Man erbrach die Thüren und ließ ihn heraus. Freudenschüsse, Gesang, Jubelgeläut überall, aber dazwischen, wie eine Mahnung des Kommenden, wallte eine Procession von Mönchen um, vor sich tragend die Monstranz, das Crucifix und Reliquien, und mit lauter Stimme singend: »Paz, señor; misericordia, dios señor!« – Das Volk hörte die ernsten Mahnstimmen mit einigem Schauer an, seine Hitze kühlte sich ab, und der Tag des Sieges und der Rettung verging ohne irgend einen Exceß, der nicht zur Sache gehörte.


Aber für den Geretteten war in der Stadt keine dauernde Rettung. Schon wenige Augenblicke, nachdem er sich in Heredia's Hause erholt hatte, zog er öffentlich mit Gil de Mesa, einem Freunde und zwei Dienern, begleitet abermals vom Jubelrufe des Volkes, aus dem Thore. Unterweges mußte er alle Begleiter, bis auf Gil de Mesa, wieder verlassen, mit dem er sich in die Gebirge flüchtete. Nachdem er hier mehre Tage umhergeirrt, ohne Obdach und Speise, erfuhr er, daß der Gouverneur, obgleich selbst noch krank von dem Auftritte in Saragossa, ihm auf der Spur sei. Er mußte sich entschließen, nach Saragossa zurück zu kehren, Martin de Nuza's Rath billigend, daß ein Verfolgter wie er sich leichter in einer volkreichen Stadt als in den Schluchten eines Berges verstecken könne. In Martin de Nuza's eigenem Hause fand er dieses Versteck. Martin zeigte sich bei Tage wie gewöhnlich, an öffentlichen Orten, Abends leistete er dem Freunde Gesellschaft und besprach mit ihm, was zu thun sei.

Entdeckt ward er nicht, aber man vermuthete seine Anwesenheit. Die Macht der Behörden, wenigstens die der Inquisitoren, schien wieder hergestellt; die siegende Volkspartei hatte sich ja mit Perez' Befreiung genügen lassen. Man stellte Haussuchungen bei allen bekannten Freunden des Entflohenen an. Der an Martin's Stelle eingetretene Inquisitors – Molina selbst war schon nach Madrid gegangen, um den Lohn für seine Dienste einzuernten – Don Antonio Morejon versuchte Unterhandlungen mit Don Martin, der um Perez' Aufenthalt wissen mußte. Er verhieß ihm, wenn Perez sich freiwillig stelle, solle es ihm gut gehen. Don Martin aber foderte eine bestimmte Zusicherung, daß Perez, wenn sein Proceß beendet wäre, nicht mehr nach Madrid geschleppt werde.

Von der Aljaferia herab, dem Inquisitionsschloß vor den Thoren der Stadt, die mit Truppen besetzt war, wurden die Unterhandlungen mit Don Martin de Nuza gepflogen, doch ohne ihn zu täuschen. Nur zu bald erkannten Perez' Freunde, daß man auf nichts mehr ausginge, als seinen Aufenthalt zu entdecken, oder die Zeit hinzuhalten bis Alonzo Vargas mit seinem Heere anrücke. Ein aufgefangener Brief des Inquisitors Morejon setzte sie über dessen Absichten ins vollste Licht. Derselbe rieth dem Könige, nicht länger mit der offenen Gewalt zu zaudern, weil sonst die Aragonesen zu einem Widerstände sich rüsteten, welcher einen längern blutigen Krieg veranlassen könne. Er nannte ihm die Namen der Seigneurs, welche Perez in seinem Gefängnisse besucht, den Spion, welcher ihm zum Theil ihre Gespräche hinterbracht, den Lohn von 100 Ducaten, den er ihm dafür gezahlt, der diesem aber nicht hinlänglich scheine, und daß er selbst, Morejon, für die außerordentlichen Dienste, welche er in dieser Angelegenheit geleistet und noch leiste, wol auch eines angemesseneren Lohnes werth sei, wobei er nicht undeutlich merken ließ, daß sie mit dem Erzbisthum Toledo nicht zu hoch bezahlt würden. – Für Antonio Perez' Charakteristik, den wir bis da nur als Dulder, und wo er handelnd aufgetreten, nur als schlauen Intriguanten oder in nicht lobenswürdiger Dienstunterthänigkeit zu seinem Fürsten erblickt, ist eine Mittheilung des Inquisitors wichtig. Er rieth dem Könige, Perez' Gattin und Kinder in recht enger Haft zu halten, denn das sei es, was ihm die meiste Pein verursache. Ja sein Spion hatte die Worte aus Perez' Munde gehört: »Hab' ich denn nicht Unrecht, daß ich mich nicht ruhig Dem unterworfen, was man mit mir will, damit endlich die Leiden meiner Frau und Kinder ein Ende nehmen?«

Zur Charakteristik der Gegner des Unglücklichen ist der Brief gleichfalls charakteristisch. Morejon wie Molina, beide Diener der Inquisition, handelten nur im eigenen Interesse, nur um vom Könige Gunstbezeigungen zu erhalten. Molina hatte eine ansehnliche Rathsstelle im Rath über die geistlichen Ritterorden erhalten Morejon hatte nicht seine Pflicht, sondern ein Erzbisthum im Auge.


Aber die Angelegenheiten gewannen bald ein viel ernsthafteres Ansehen. Es konnte Niemand mehr verborgen bleiben, daß die Truppen unter Alonzo de Vargas einen Einfall und Angriff in das Königreich Aragon beabsichtigten. Es galt die offenbare Vernichtung der heiligen Fueros Aragons. Waren sie Philipp doch schon längst ein Dorn im Auge, ein Hinderniß seiner Plane gewesen! Dies weckte jedes Gemüth aus der Schlaffheit und Erstarrung, alle Geister, wie auch sonst getrennt, schienen einig.

Auch die Obrigkeiten und Seigneurs, welche bis da aus Schwäche mit der Hofpartei es gehalten, erschraken und gingen in sich; sie fingen an ihren Fehler zu bereuen, es war die höchste Zeit, Maßregeln gegen die dringende Gefahr zu ergreifen, und man that es in voller gesetzlicher Form.

Eine große Anzahl Personen von allen Ständen kamen bei der Deputation des Königreiches ein, daß sie Protest einlege gegen solche Verletzung der Privilegien seines Großjusticia und seiner Lieutenants, als dasjenige Tribunal, welches souverain und absolut über alle Streitigkeiten zu entscheiden hatte, welche zwischen dem Könige von Aragon und seinen aragonischen Unterthanen sich erhöben.

Die Deputirten des Königreichs zogen die Männer des Gesetzes zu Rathe, und nach deren Gutachten ging ihr Antrag an das Tribunal des Justicia dahin: daß der Justicia das Volk zu den Waffen rufe und gegen diejenige castilianische Armee marschire, an deren Spitze Don Alonzo de Vargas sich Aragon nähere, und zwar in Kraft des zweiten Fuero de generalibus privilegiis regni Aragonum.

Sie waren in vollem gesetzlichen Rechte. Dieses Fuero bestimmte, daß Niemand das Recht habe, fremde Truppen über die Grenzen von Aragon zu führen, noch mit bewaffneter Hand irgend eine Jurisdiction zu üben, noch Jemand gefangen zu setzen, noch irgend eine Greuelthat, welche es auch sei, zu vollbringen, selbst dürfe er nicht einmal ein Feld mit Olivenbäumen abhauen lassen.

Alle Könige Aragons mußten dies Privilegium bei ihrem Regierungsantritt beschwören, alle hatten es beschworen, auch Philipp II. Bei aller seiner zur Schau getragenen Frömmigkeit scheute er sich aber niemals ein Königliches Wort zu brechen, wenn es zu seinem Vortheil war. Und doch hatten selbst die Päpste diese Fueros bestätigt und die strengsten Strafen gegen Die ausgesprochen, welche sie zu verletzen wagten.

Von dem Tribunal des Großjusticia ward die Sache nicht minder ernst und mit Beachtung aller Formalitäten und jeder Rücksicht für das Recht und die Würde des Königs geprüft. Man vernahm Zeugen darüber, in welcher Absicht Vargas an den Grenzen stehe, und erst nachdem bewiesen war, daß der Feldherr in einer Proclamation an seine Soldaten ihnen freie Plünderung versprochen, wenn sie nur die Klöster und Kirchen schonten, entschied das Tribunal dahin, daß der Justicia die Waffen ergreifen dürfe und die Aragonesen gegen die castilianische Armee aufbrechen sollten.

Aber bevor man dazu schritt, versuchte man noch ein in unsern Augen und Verhältnissen seltsames Mittel. Der Geist der Gesetzlichkeit hielt sich streng an den Buchstaben. Ein Todesurtheil ward gegen den Feldherrn und seine Armee gefällt. Officiale und Notare wurden nach seinem Hauptquartier gesandt, es ihm zu publiciren, mit der Androhung, daß es vollstreckt werde, wenn er es wage, die Grenze zu überschreiten. Als Don Alonzo die Abgesandten nicht vor sich lassen wollte, erklärten sie, so würden sie das Urtheil an die Thüren schlagen. Darauf wurden sie empfangen und der Feldherr entließ sie mit der Bescheinigung der Insinuation seines Todesurtheils, ohne ihnen etwas anzuhaben.

Jetzt erst rüstete man sich ernsthaft in Saragossa und dem ganzen Königreich. Der Justicia erhielt eine Art Regentengewalt, er berief ein Heer aus dem allgemeinen Aufstande, ernannte Generale und andere Officiere, meist aus den ersten Seigneurs des Landes, die willig ihre Bestallungen annahmen. Eine derselben, an Don Martin de la Nuza, hat sich noch erhalten, und zeigt, wie auch hierin der formelle, ordnungsmäßige Gang einer wohleingerichteten Regierung beobachtet ward. Deputirte durchreisten das Land, die allgemeine Bewaffnung anzuordnen, was kaum nöthig schien. Auch von allen Kanzeln ertönte der Aufruf, für das Vaterland zu kämpfen oder zu sterben. Die Nationalfahne von Sanct Georg, nur bei solchen wichtigen Angelegenheiten gebraucht, ward entfaltet und Hülfe nachgesucht bei den stehenden Deputationen von Catalonien und Valencia, die sich gegenseitig mit denen von Aragon zur Absendung von Hülfstruppen verpflichtet hatten, für den Fall, daß eines oder das andere Reich angegriffen würde.

Alles vergebliche Arbeit. So laut und glänzend der Anfang, so still, kläglich, schmählich der Ausgang. Zwar zog der Justicia aus Saragossa mit großem Pomp und Heere, mit Schlachtmusik und rauschenden Fahnen und umtummelt von der Mehrzahl des aragonesischen Adels, darunter der Herzog von Villa Hermosa, der Graf Aranda und viele der Großen, welche am 24. September die Partei des Hofes und der Inquisition genommen; aber schon am zweiten Tage wurden die Meisten andern Sinnes. Der Rausch, der Traum, war ausgeschlafen. Was sollte das bündigste Recht gegen die Willkür eines Despoten helfen, was vermochte das kleine Aragon gegen das große Spanien, was das Aufgebot des Landsturms einer Provinz, wie auch fanatisirt von Freiheitsliebe und Haß, gegen Philipp's wohlorganisirtes und bewaffnetes Kriegsheer? Nicht in den engen Straßen Saragossa's, nicht aus den hohen Häusern und hinter Mauern, auf offenem Felde sollten diese Volkshaufen Philipp's' Artillerie und taktisch geleitetem Fußvolk und Reiterei die Spitze bieten! – Einer nach dem Andern von den Seigneurs schlich davon und entfloh, den Andern es überlassend, wie sie sich herausziehen wollten. Es war kein Heer mehr da.

Auf der andern Seite focht Philipp hier wie überall nicht mit den Waffen allein, sondern auch mit teuflischer List. Als wisse er nichts von der Theilnahme mehrer vom Adel an den früheren Vorfällen, schrieb er an diesen und jenen Großen, um ihnen zu danken für ihr loyales Benehmen auch bei den beklagenswerthen letzten Ereignissen. Sein Feldherr Alonzo aber schrieb an Andere: daß sie darauf bauen dürften, wie er seinen Marsch durch Aragon nur mit dem Ziele nach Frankreich richte, auf dem Wege werde er, höchstens zwei oder drei Personen züchtigen, um sie Ehrfurcht vor dem Gesetz zu lehren. Aber nie habe er im Sinn gehabt, die Fueros, oder die Freiheiten Aragons anzutasten; er sei im Herzen mehr Aragonese als irgend wer, und er bitte Gott, ihn vor solchen Gelüsten zu bewahren. – Diese Versicherungen täuschten Niemand. Aber den Muth zum Widerstand hatte man aufgegeben, man setzte sein Vertrauen auf die Flucht, auf das Verborgensein.

Es war kein Heer, es war kein Widerstand mehr da. Vargas zog in Saragossa ein. Noch behielt er die Sanftmuthsmaske vor. Ja auf Befehl des Königs publicirte er in den benachbarten Provinzen die gütigen und versöhnlichen Gesinnungen des Monarchen: die Flüchtlinge möchten zurückkehren, Philipp werde ihnen nicht die Strenge seines Angesichts zeigen und nur die Urheber des Aufstandes bestrafen. Auch begnügte man sich im Anfange damit, einige Wenige zu arretiren und einen Preis auf Perez' Kopf zu setzen. Nur zu Viele, die sich für nicht schuldig hielten, sondern, daß sie nicht mehr gethan, als ihrem Eifer und ihrer Pflicht nachgekommen zu sein, gingen in die Falle. So kehrten der Herzog von Villa Hermosa, der Graf Aranda zurück. Auch der Groß-Justicia, Don Juan de la Nuza, der wirklich nicht mehr gethan, als daß er streng den Vorschriften der uralten Verfassung seines Landes gehorsamt, vielleicht mit innerer Bangigkeit, und nur durch die Umstände gedrängt, vertraute, kehrte zurück und übergab sich seinen Feinden.

Das Netz ward zugezogen, Philipp warf die Maske ab. Gomez Vasquez erschien als königlicher Befehlshaber in Saragossa mit dem Befehl, den Groß-Justicia, den Herzog von Villa Hermosa und den Grafen d'Aranda sofort zu verhaften, dem ersten binnen 24 Stunden den Kopf abschlagen und die Andern dahin schaffen zu lassen, wo es dem Könige gut dünken würde.

Don Juan de la Nuza ward arretirt im Augenblick, wo er aus der gewöhnlichen Rathsversammlung ging. Als er in den Wagen stieg, setzte sich sogleich ein Jesuit mit hinein, um ihn zum Tode vorzubereiten. Durch den Beichtiger erfuhr er also zuerst, daß er verurtheilt war!

Beim Eintritt in sein Gefängniß sagte man ihm militairisch officiell, daß er sterben müsse. »Wie? Wer hat das Urtheil ausgesprochen?« – Der König selbst, lautete die Antwort. Einige Zeilen, an Alonzo de Vargas gerichtet, die man ihm vorwies, lauteten:

»Beim Empfang dieses arretirst du Don Juan de la Nuza, Justicia von Aragon. Handle so, daß ich die Nachricht seines Todes, zugleich mit der seiner Verhaftung erhalte. Du wirst ihm auf freiem Platze den Kopf abschlagen lassen, und diese Worte soll man ausrufen: Also ist die Gerechtigkeit, so der König, unser Herr, verordnet hat gegen diesen Cavalier, wegen des Verbrechens des Hochverraths und des Aufrufs zur Empörung, wie auch daß er die Fahne des Königreichs erhoben hat gegen seinen König. Deshalb ist es, daß der König befiehlt, daß ihm der Kopf abgeschlagen werde, seine Güter confiscirt und seine Häuser und Schlösser zerstört von Grund aus. Wer ein solches Verbrechen begangen, der werde so bestraft!«

Das die ganze Form des Urtheils: ein Streifen Papier mit des Königs Unterschrift. Umsonst rief der Unglückliche, daß er nur von den Cortes, die vom Könige und dem Königreiche versammelt worden, gerichtet und verurtheilt werden könne. Die Diener der Gewalt hatten darauf keine Antwort, als vielleicht ein mitleidiges Lächeln. Ohne weitere Formalitäten ward er auf den Marktplatz geführt, wo man in der Schnelligkeit ein Schaffot aufgeschlagen, und im Angesicht des Volkes enthauptet. Erst der laute Schrei des Ausrufers sagte Vielen, daß etwas schon geschehen war, was sie vorhin als eine baare Unmöglichkeit würden bestritten haben.

So starb der letzte Justicia von Aragon, und mit ihm diese Würde, eine der merkwürdigsten, die je vom menschlichen Scharfsinn erfunden wurden zur Beschirmung der Rechte und Freiheiten des Unterthanen gegen die Willkürmacht in einer Monarchie; eine Würde, von der wir in allen Verfassungen der alten Zeit und des Mittelalters nichts Aehnliches finden; denn an Machtvollkommenheit, zugebilligt durch positive, klare Gesetze, stand der Justicia weit über den Volkstribunen der Römer; eine Würde mit einer Macht verbunden, die vielleicht mit einem Königthum im vollendeten Sinne sich nicht vertrug, gewiß wenigstens nicht mit der Idee des modernen Staates, weil einer Persönlichkeit (und nicht der durch die Fiction der Geburt geheiligten monarchischen) eine uns gefährlich dünkende Macht anvertraut war; aber eine Würde, die durch mehr als dreihundertjährigen Bestand ihre Tüchtigkeit und Wirksamkeit in dem aus Bürgerkriegen erwachsenen Feudalstaate sich bewährt hatte. Mit der absoluten Monarchie eines Philipp II. vertrug sie sich nicht mehr; auch unter seinen Nachkommen kam sie nicht wieder auf. Auch in der neuesten Geschichte, wo der Freiheitssinn und die alte Tapferkeit der Aragonesen wieder in großen blutigen Zügen sich in deren Tafeln eingeschrieben hat, ist die Würde nicht wieder ins Leben gerufen worden. Sie paßt um Vieles nicht zur Gegenwart; auch um deswillen nicht, weil sie eine antike Tugend und Selbstverleugnung fodert, damit die Würde auch von moralischer Autorität unterstützt sei, Eigenschaften, in denen der aus langen Sklavenketten rasch emporgerissene Spanier seine große Vorzeit noch immer beneidet, ohne mit ihr zu rivalisiren.

Don Juan de Nuza's Körper ward noch mit allen seinem hohen Range gebührenden Ehren zur Erde bestattet; seine Güter wurden consfiscirt, sein Haus der Erde gleich gemacht.

Der Herzog von Villa Hermosa und der Graf d'Aranda wurden in zwei verschiedene Schlösser gesperrt, wo man sie sechs Monat später sterben ließ. Dies hinderte aber nicht, sie doch für loyale und treue Unterthanen Seiner Majestät des Königs zu erklären. Philipp ließ sie, um seiner eigenen Ruhe willen, sterben, um ihrer Familien willen restituirte er ihre Ehre, als sie ihm nicht mehr schaden konnten.

Nachdem die Schleusen so geöffnet, ergoß sich seine Rache über Alle; von den Höchsten ging er zu den Niedrigsten über, bis zu Denen, welche auch nur den geringsten Antheil am Aufstande genommen. Sie traf die Rechtsgelehrten, weil sie ihr Gutachten dahin gegeben, daß man die Waffen gegen die Castilianer ergreifen dürfe; die Deputirten, weil sie, ihrer Pflicht getreu, vor dem Justicia die Wünsche und die Furcht des Volkes vertreten hatten, die Lieutenants, weil sie nach den Fueros Recht gesprochen. Obrigkeiten, der Adel, auch Geistliche wurden verfolgt, selbst solche darunter, welche angerathen, Perez der Inquisition auszuliefern. Ihre Häuser wurden zerstört, ihre Güter confiscirt, ihre Schlösser geschleift. Noch mehr, auch deren Mütter, Gattinnen, Kinder mußten für die Thaten der Verwandten leiden; ihre Güter und ihr Vermögen wurden, wie auch durch die Gesetze gesichert, confiscirt, wenn überhaupt dort noch von Gesetzen die Rede sein konnte, wo die von Aragon positiv jede Confiscation untersagten.

Und noch mehr: die Zeugen, welche bei der Untersuchung vor dem Zalmedina ihre Aussage gegen Perez zurückgenommen, wurden vor das Inquisitionsgericht gestellt, und zu 6 Jahr Galeeren und 200 Peitschenhiebe verurtheilt; der Zalmedina, welcher als Richter seine Pflicht erfüllt, zu 6 Jahren Festungsstrafe in Oran. Außerdem ward nicht er allein, sondern auch seine Söhne für unfähig erklärt, je ein Amt zu verwalten. Der ausgestoßene und verurtheilte Lieutenant Torralba ward in alle Ehren eingesetzt.

Und noch mehr des moralisch Empörenden: Nach solchen Greueln konnte Philipp in Publicationen seine Milde rühmen! Er konnte eine Amnestie proclamiren, in welcher er Allen Gnade verhieß, bis auf Diejenigen, welche er ausnehme. Es waren aber nicht allein Alle, welche das geringste Maß von Schuld trugen, sondern auch alle Unschuldige, die ihm misfielen.

Das war die Saat von Willkür, Ungerechtigkeit, Despotismus, von frecher Verhöhnung der verbrieften und natürlichen Menschenrechte, welche, von Philipp ausgesäet; so reiche Früchte an Unwissenheit, Aberglauben, Elend und Demoralisation jeder Art in der spanischen Nation getragen, eine Saat, die bis auf die Gegenwart furchtbar gewuchert hat.

In Erfüllung war gegangen der Wunsch der alten Königin Isabella, die einst geäußert: »O, daß die Aragonesen doch einmal aufständen, um eine Gelegenheit zu haben, ihre Fueros zu zerstören!«


Antonio Perez war nicht mehr Zeuge dieser Schreckenstage in Saragossa's Mauern. Zwei Tage vor Vargas' Einzug hatte er, verkleidet, am 10. November 1591, die Stadt verlassen. Der ihn hinaus ließ, Don Martin de la Nuza, blieb selbst zurück, theils um nicht durch seine Abwesenheit die Flucht seines Freundes zu verrathen, theils um durch seine Anwesenheit den wankenden Muth der Bürger aufrecht zu erhalten, was an ihm war. Don Martin war ein hochgeachteter Mann.

Am Morgen nach Perez' Entweichung hatte er offen vor den versammelten Consistorien gesprochen: Niemand möge sich täuschen über Das, was ihnen bevorstände. Er selbst wolle seine Maßregeln nach ihrem Entschlusse fassen. Wollten sie Saragossa vertheidigen, so biete er Gut und Blut dar für die gerechte Sache. Wenn nicht, wolle er sich auf sein Schloß in den Bergen zurückziehen. Im letztern Falle bat er noch, daß man die Thore für Alle öffne, welche sich entfernen wollten.

Man war zu muthlos und geschlagen, um anders zu antworten, als durch die schweigende That. Man schloß die Thore auf für Die, die fliehen wollten. Don Martin zog selbst aus zu Roß, an der Spitze seiner Freunde, begleitet durch ein Ehrencomitat aller Corporationen, die einen solchen Mann mit Schmerzen von sich scheiden sahen. Da wiederholte er ihnen, was er schon vor den Consistorien gesagt: Wenn er ihnen nützen können, wäre er gern in ihrer Mitte gestorben; aber die allgemeine Sache sei zu einem solchen Zustand von Schwäche und Jammer gediehen, daß das nicht mehr heiße, als mit Schande sterben wollen. Wie es nun stehe, müsse er Allen rathen, nur auf ihre Sicherheit bedacht zu sein, und auf keine Gerechtigkeit in diesem Augenblick von Wirrniß und Erregung zu rechnen.

Don Martin fand seinen Freund an der Grenze Aragons. Perez hatte mit Gil de Mesa traurige Tage in den Höhlen der Felsgebirge verbracht, von Brot und Wasser lebend, in der Nacht von der Kälte gemartert. Er nahm Beide in sein Bergschloß auf, von wo – uns freilich unbegreiflich – neue Unterhandlungen zwischen dem Könige und Perez stattfanden. Man versprach Perez: daß er ganz zu seiner Zufriedenheit gerichtet werden solle; daß man seine Frau und Kinder, wenn er sich ergebe, weniger eng einsperren, auch ihnen Bequemlichkeiten zuwenden und ihnen Alles geben wolle, was ihnen nöthig wäre.

Wie mußten sie bis da behandelt sein! Die unschuldigen kleinen Kinder waren, jedes besonders, eingesperrt gehalten worden. Es fehlte ihnen das Allernöthigste zum Lebensunterhalt.

Don Martin de la Nuza kam mit seinem Freunde überein, daß es für sie am gerathensten sei, Spanien ganz zu verlassen. Perez sandte Gil de Mesa mit einem Briefe an Heinrich's IV. Statthalterin und Schwester, Katharina von Bourbon,, nach Navarra, um ein Asyl für sich zu erbitten; es ward ihm bereitwillig zugestanden. Das Executionsheer, welches Perez aufsuchen sollte, war schon auf dem Marsch nach den Bergen unter der Anführung zweier sehr anrüchiger Personen – eines Schleichhändlers und eines verurtheilten Empörers, denen Beiden Philipp und die Inquisition Gnade und hohen Lohn zugestanden, wenn sie des Gefürchteten sich bemächtigten – als Perez in stürmischer Jahreszeit, von zwei Dienern begleitet, den sauern Weg über die Pyrenäen antrat.

Gedrückt von schweren physischen und moralischen Leiden, die seine Gesundheit untergraben hatten, schleppte er sich mühsam zu Fuße, in der Mitte der Nacht über die beschneiten Berge. Ermattung und Frost bewältigte ihn oft so und die Wege waren so schlecht, daß er an manchen Stellen nicht weiter konnte; er mußte sich tragen lassen auf den Armen seiner beiden Gefährten.

Als Schäfer verkleidet, kam er endlich, am 26. November, in Pau an, fand seinen Gil de Mesa, und bei der Prinzessin die wohlwollendste Aufnahme, königliche Freigebigkeit und den Trost, den nur ein menschliches Wesen einem solchen Leidenden gewähren konnte.

Bald folgte ihm auch Martin de la Nuza. Er hätte sich in den Bergen auf seinen Schlössern vertheidigen können; er wollte nicht unnütz Blut vergießen und das unglückliche Land nicht um seinetwillen die Schrecken eines Bürgerkrieges büßen lassen. Aber an der Grenze hatte er noch eine Zusammenkunft mit den beiden oben erwähnten Anführern der Executionstruppen gehabt. Sie knirschten vor Wuth, daß Perez ihren Nachstellungen entgangen, und wagten noch einen Versuch der Güte, Perez zu einer freiwilligen Rückkehr unter lockenden Bedingungen zu bewegen. Perez hatte Philipp's Versprechungen endlich zur Genüge kennen gelernt. Er widerstand der Lockung.

Einige Zeit nachher machten die Verbannten, denn es waren Viele Martin gefolgt oder vorangegangen, einen Einfall in Spanien. Er mislang, trotz der Unterstützung, welche die Prinzessin von Béarn auf Heinrich's IV. Beistimmung ihnen gewährte; Philipp's Schreckensregierung hatte den Stolz und den Muth entwaffnet. Ihre Zahl war beim Vorrücken nicht gewachsen. Alonzo de Vargas' Macht umzingelte sie, die Mehrzahl der Unglücklichen wurde gefangen. Von den Angesehenen entkam fast nur Martin de la Nuza, ihr Anführer. Don Diego de Heredia, Don Juan de Luna, Ayerbe, Riego Perez und noch viele edle Aragonesen, wurden gefangen, litten auf der Folter, um ihre Mitschuldigen zu nennen, und endeten unter dem Henkerbeil, oder erdrosselt am Pfahl der Garrota. Ihre Köpfe wurden in Saragossa an das Haus der Deputation des Königreichs, an Brücken und Thore angenagelt, und blieben dort, gräßliche Schreckbilder für Alle, die noch Lust hatten, für Recht und Freiheit aufzustehen, so lange der christliche König Philipp II. in Spanien lebte und regierte. Es ward still in Aragon.


Mit Aragons Freiheiten war Philipp's Rache nicht gesättigt, obwol es eine Beute war, auf die er beim Beginn des Kampfes mit seinem Staatssecretair schwerlich gerechnet und gehofft. Er wollte, er mußte ihn persönlich verderben. Er und die Inquisitoren dungen Meuchelmörder; man versprach ihnen Begnadigung wegen früherer Mordthaten, Geld, Anstellung, Ehren, je nachdem sie Perez tödteten, oder lebendig nach Spanien lockten. Einer, dieser von Philipp ausgesandten Banditen ward in Bordeaux ergriffen und bekannte. Nur Perez' Fürbitte bei der Prinzessin von Béarn rettete ihm das Leben. Dieses und die folgenden Beispiele, wie Philipp seine Justiz durch Banditen im Auslande executiren wollte, sind nicht blos Angaben von Perez selbst; sie werden auch von Mignet als erwiesene Thatsachen noch mit mehren Umständen aufgeführt. Wie nöthig Perez des Schutzes bedurfte, beweist auch der Umstand, daß Heinrich IV. ihm anfangs 50 Bewaffnete als Wache und tägliche Begleitung zulegte; später waren täglich zwei Schweizersoldaten zur Bewachung seiner Person commandirt. Man rechnete auf Perez' galante Neigungen. Eine sehr schöne Dame aus Béarn sollte ihn in Pau in ihre Stricke locken und in der Nacht seinen Verfolgern übergeben oder ermorden lassen. Sie war auf den Antrag eingegangen, man weiß nicht recht weshalb, aber ihr Herz siegte über den Reiz der ungeheuern, ihr verheißenen Belohnung. Bald sterblich in Perez verliebt, war sie selbst es, die ihm den Anschlag entdeckte und sich ihm mit Allem, was sie besaß, zu seiner Unterstützung darbot.

Bei seinem spätern Aufenthalt in England wurden zwei Irländer gehängt. Man fand in ihren Taschen den Auftrag, Perez umzubringen, unterzeichnet von Philipp's Agenten. Diese Waffen, seiner Feinde sich zu entledigen, waren in jener Zeit keine ungewöhnlichen. Man liest in dem Journal l'Estoile, was unter Heinrich's IV. Auspicien erschien, daß am 6. Januar 1596 ein Spanier auf dem Greveplatze gerädert ward, als der Absicht überführt, Antonio Perez zu ermorden. Dieser Spanier war Don Rodrigo de Mur, Baron de la Penilla, einer der begnadigten Verbrecher und Schleichhändler, welche die Executionstruppen gegen Perez in den aragonesischen Bergen anführten. Vor seinem Tode bekannte er, daß er von Don Juan de Idyaquez, Philipp's II. neuem Minister, gedungen worden.

Heinrich IV. empfing natürlich mit offenen Armen den ehemaligen Staatssecretair seines politischen Todfeindes, der im Besitz aller Staatsgeheimnisse desselben, alle Listen, Hinterlisten und Mittel kannte, mit denen Philipp gegen ihn und seine Feinde operirte. Die französischen Schriftsteller behaupten, daß der tief ergrimmte Perez diesen Auszeichnungen ebenso wenig als dem sehr natürlichen Rachegefühl widerstanden habe. Sie datiren Heinrich's wachsende politische Macht und sein endliches Uebergewicht über seine Feinde von der Zeit her, wo Perez ihn in Besitz der spanischen Staatsgeheimnisse gesetzt habe. Antonio Perez selbst hat immer gegen diese Zumuthung protestirt, selbst noch auf dem Todtenbette; er habe, wie auch von dessen Tyrannen gekränkt, sein Vaterland niemals einem Fremden verrathen.

Philipp wüthete gegen ihn nach wie vor durch Grausamkeiten gegen seine Familie und durch ohnmächtige Verdammungen, welche die Inquisition gegen Percz schleudern mußte. Denn dieser sein Proceß vor der Inquisition als Ketzer ward, sobald der bürgerliche Krieg beendet war, mit unglaublichem und uns lächerlichem Eifer fortgesetzt. Wir wollen nicht unsere Leser mit allen den faselnden Anklagepunkten ermüden, die Zorn, Ingrimm und Ohnmacht gegen ihn zu Tage brachten, und nur einige andeuten.

Man wollte ihn durchaus zum Abkömmling eines getauften Juden machen, der als rückfälliger Ketzer vor langen Jahren verbrannt worden. Zu diesem Zwecke übte man das Unrecht, Alle des Namens Perez in Aragon von jüdischem Ursprung zu stempeln; obwol dies so wenig gelang als Perez eigene Abstammung von daher nur einigermaßen glaubwürdig zu machen. Alle seine in Zorn und Mismuth ausgestoßenen Reden, alle seine Schriften, die er in Frankreich drucken ließ, wurden in der Art zu Ketzereien qualificirt, wie wir dies schon aus dem früheren Proceß kennen. Unter den 43 Artikeln warf ihm der siebente insbesondere vor: »daß er den Vendôme (Heinrich lV.) gelobt und gesagt, daß die Königin von England, der Großherzog von Florenz und selbst der Papst Sixtus V. Heinrich geneigt wären und ihn zum König von Frankreich wünschten, weil er die Eigenschaften eines guten Fürsten besitze; daß er diese Politik für vernünftig erklärt und daß alle Fürsten Italiens wohlthäten, wenn sie seine Sache unterstützten, um Philipp's II. Macht zu schwächen und die Heinrich's zu kräftigen, welcher wohl verdiene, der Herrscher der ganzen Welt zu werden.« – Ja er hatte sogar, wie der 18. Artikel ihm zum Verbrechen machte, gesagt: wenn er der nächsten Versammlung der Cortes zu Monzon beiwohnen sollte, würde er die Vernichtung des Inquisitionstribunals in Vorschlag bringen, weil es eine empörende Ungerechtigkeit sei, zu sehen, wie es diejenigen Spanier als Ketzer bestrafe, welche nichts weiter gethan, als Pferde ausführen nach Frankreich, Ausdrücke, welche sehr deutlich Perez' Geneigtheit andeuteten, die Ketzer zu unterstützen, und nach den Bullen des heiligen Vaters, alle Diejenigen, welche den Feinden der heiligen Kirche Zufuhr schaffen, mit Excommunication belegt würden.

Und dies sind noch die gewichtigsten jener albernen Beschuldigungen, denn die eine, die ihn naturwidriger Geschlechtssünden beschuldigte, an und für sich durch nichts bewiesen, scheint schon durch seinen galante Charakter und durch seine nebenher musterhafte Ehe, in welcher er sieben Kinder erzeugte, ebenso widerlegt wie die Präsumtion, daß er ein Ketzer sein dürfe, weil er von Juden abstamme, nur im Gehirn eines von Wuth verblendeten Inquisitionsrichters entsprungen sein konnte.

Am 15. Februar 1592 hatten die Inquisitoren Antonio Perez für flüchtig erklärt. Durch einen Anschlag an die Metropolitankirche von Saragossa hatten sie ihn vorgefordert, binnen Monatsfrist sich zu seiner Verantwortung zu gestellen, eine selbst den Gesetzen der Inquisition zuwider ungebührlich kurze Frist, wenn auf eine Ungesetzlichkeit mehr oder weniger hier etwas ankäme. Da Perez nicht erschien, trug der Fiscal am 18. August darauf an, ihn in contumaciam zu verurtheilen. Am 20. October wurde, unter Bestätigung des höchsten Gerichtshofes, vor einem Collegium von 20 Richtern das Endurtheil dahin gefällt: daß Perez als förmlicher Ketzer, als überführter Hugenot, als halsstarrig Unbußfertiger zur Todesstrafe verurtheilt werde, sobald man ihn fange. Inzwischen ward er in effigie, das San Benito um den Hals, mit 79 andern lebendigen Schlachtopfern der Inquisition, verbrannt. Diese Unglücklichen, aus dem Aufstande von Saragossa, waren zum größten Theil nicht mehr der Ketzerei schuldig als Perez. Die weltliche Gerechtigkeit hatte in Folge der Amnestie ihr blutiges Schwert niedergelegt, aber es waren Viele aus dem Volk übrig geblieben, mit denen man fertig werden wollte. Der Scheiterhaufen erstickte ihre Klagen. Das Autodafé dauerte von acht Uhr Morgens bis neun Uhr Abends. Perez' Bild, in Rauch aufgehend, schloß dieses Fest. Seine Güter waren schon confiscirt; aber das gräßliche Urtheil erreichte ihn doch noch an einer Stelle, wo er verwundbar war. Zu seinen Kindern und Kindeskindern brandmarkte es seinen Namen mit ewiger SchmachHinsichts dieser lautete es: «Auch erklären wir die Söhne und Töchter besagten Antonio Perez, wie auch seine Nachkommen in männlicher Linie, für unfähig, irgend ein Amt, Stelle oder Würde zu besitzen und bekleiden, sei es geistlich oder weltlich, ein wirkliches Staats- oder Ehrenamt; erklären ferner, daß sie nichts am Leibe oder an sich tragen sollen von Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen, Korallen, Seide, Camlot oder feinem Tuche; daß sie nicht zu Pferde reiten sollen, noch Waffen tragen, noch irgend etwas thun und vornehmen, was durch die allgemeinen Gesetze und die der heiligen Inquisition Denen untersagt ist, die sich mit ihnen in gleicher Lage befinden.«.

Als alle Teilnehmer des aragonesischen Aufstandes bestraft schienen – auch Martin de la Nuza, der später unvorsichtiger Weise noch einmal in sein Vaterland zurückgekehrt war und seinen Kopf auf dem Schaffot lassen müssen – erschien ein allgemeines Gnadenedict Seitens der Inquisition für Diejenigen, welche entfernt dabei betheiligt, mit einer Rüge belegt gewesen und nun reumüthig um ihre Begnadigung einkommen wollten. Mehr als 500 Personen meldeten sich – um welcher Vergehen willen?!

Die Einen thaten es: nur um ihr Gewissen zu beruhigen, das ihnen übrigens nichts vorwarf. Ein Arzt: weil er Antonio Perez in seinem Gefängniß als Patienten besucht. Ein Notar und Advocat: weil er in Geschäftsangelegenheiten ihn bedient hatte. Eine Frau: weil sie geschrieen, als Perez ins Gefängniß abgeführt wurde: »Der arme Unglückliche! Nachdem sie ihn so lange im Gefängniß schmachten gelassen, haben sie noch nicht den Ketzer herausgefunden!« – Ein Garkoch: weil er während Perez' Gefangenschaft Speisen für ihn gekocht, die sein Diener für ihn holte. – Ein Kaufmann: weil er Blei, Kugeln und Pulver Jedem verkauft, der in seinen Laden trat; zwar an die Leute der Inquisition im Schlosse der Aljaferia, aber auch an Die, welche die Waffen gegen das castilianische Heer ergriffen hatten. Ja ein Mitglied der Deputation des Königreiches kam zum Palast der Inquisition und beugte sein Haupt, um Verzeihung bittend, daß er vor den Repräsentanten des Reiches seine Meinung geäußert seiner Pflicht gemäß, und sein Votum abgegeben!

Das war der Anfang einer neuen Zeit, eines Absolutismus mit dem Heiligenschein der Religion sich umkränzend, eines usurpirten, göttlichen Rechts der Könige, von dem das angefeindete Mittelalter nichts gewußt. Dieses freie stolze Mittelalter hatte sich überlebt, es mußte einer Uebergangsepoche zu einer andern Freiheit Platz machen. Sie ward eine furchtbar lange für Spanien! – Doch wird nicht vergessen, uns aufmerksam zu machen, daß auch damals noch einzelne freie, kräftige Stimmen für die Menschenrechte sich erhoben, und, wie bei der früheren Gelegenheit, gerade aus dem geistlichen Stande. Der Dr. Gregor de Aretin, Vicar der Parochie zu St. Paul in Saragossa, rief, als er vernahm, daß ein anderer Priester gegen 200 Personen das Abendmahl verweigert, weil sie von der Inquisitionsrüge sich noch nicht losgemacht: »Der Priester ist ein Ignorant. Mögen Alle, und wer an der Revolution Theil genommen, zu mir kommen, ich werde ihnen mit Vergnügen die Absolution ertheilen und ohne mich vor Jemand zu fürchten.« Er büßte die freie Rede in den Kerkern der Inquisition mit Hunderten Anderer, die nichts verbrochen: als daß sie geäußert: sie würden, wenn der Prinz von Asturien in den Cortes erscheine, ihm nur dann als Thronfolger huldigen, wenn er die Fueros wieder in ihr Recht einsetze.

Die Kerker, die Festungen Spaniens, blieben während Philipp II. Leben angefüllt mit Schuldigen und Unschuldigen. Dort schmachtete noch lange nach der Prinzessin Eboli, Donna Juana Coello und ihre Kinder. Vergebens strengte Heinrich IV. alle seine politischen Kräfte und Verbindungen an, um ihre Freiheit für Perez zu erhalten. Das Loos seiner Familie blieb für ihn der schmerzlichste Stachel seines kummervollen Lebens, den weder die Ehren und Auszeichnungen, die Heinrich IV. und Elisabeth von England ihm zukommen ließen, noch die eigene unüberwindliche Lust zu galanten Zerstreuungen abzustumpfen vermochten. Wie er in diesem letztern Punkte verrufen war, zeigt der Brief einer englischen Dame, der Mutter des berühmten Francis Bacon, welche an ihren zweiten Sohn Anton voll Entsetzen schrieb: »Ich habe mehr Mitleid mit deinem Bruder, als er selbst mit sich hat, wenn ich weiß, daß er in seinem Hause, seinem Wagen, diesen mit Blut befleckten Perez hat, den hochmüthigen, ungöttlichen Menschen, einen zügellosen Verschwender, der, fürchte ich nur zu sehr, durch seine Gegenwart unsern Herrgott erzürnen wird, daß er seinen Segen, die Ehre und Gesundheit, von meinem Sohne abziehen wird ... Ein Elender wie der hat niemals deinen Bruder geliebt, als blos wegen seines Ansehens und um auf seine Kosten zu leben.« – In London war es, wo Perez zuerst 1594 seine Relaciones unter dem angenommenen Namen Raphael Peregrino herausgab. Ein Werk, welches Philipp's II. moralischem Ansehen in Europa einen letzten Stoß versetzte. Es ward sofort ins Holländische übersetzt, damit die Niederländer sähen, wie Philipp seine eignen Diener belohnte, und, am Beispiel der Aragonesen, wie er Die bestrafe, welche für ihre Rechte und Freiheiten aufzustehen gewagt. Philipp's Haß war demnach, wo möglich, noch im Wachsen und es war jetzt, daß er die erwähnten beiden Irländer, Perez zu ermorden, absenden ließ. Zugleich suchte er, durch Zwischenhändler ihn der Königin Elisabeth verdächtig zu machen. Wenn wir, nach den Vorangängen seiner öffentlichen Laufbahn, an ein sittliches Fundament seines Charakters mehr als zu zweifeln berechtigt sind, wenn die Aeußerungen über Heinrich's IV. Regententugenden und Regentenberuf, die ihm von der Inquisition vor Allem vorgeworfen wurden, und die allerdings eine klarere Einsicht in die Weltverhältnisse bekunden, als man sie von einem depravirten Günstlinge erwarten sollte, wenn endlich sein vertrauter Umgang mit Heinrich IV., mit Staatsmännern wie Sully, Leicester, Essex, noch nicht hinreichen, ihn über seine Vergangenheit, als durch das Unglück geläutert, zu erheben, so zeigen ihn wenigstens seine Briefe an und über seine Familie als einen Mann, in dem weder die Niederträchtigkeit seines Hofdienstes, noch die Intriguen, denen er diente, um sich ihrer zu bedienen, die heiligsten menschlichen Gefühle erstickt haben. Er gewinnt als Gatte, Vater unsere ganze volle Theilnahme. Er sorgt für Gattin und Kinder, wie er kann, er ertheilt ihnen Rath, wie sie ihre traurige Zeit benutzen sollen, wie ihre Gesundheit pflegen. Vor Allem ist seine Liebe auf die zwar älteste, aber noch im zartesten Jugendalter schon allen Entbehrungen und Härten des Schicksals ausgesetzte Tochter Donna Gregoria gerichtet. Sie war durch die Grausamkeit ihres Peinigers von der Mutter getrennt; selbst halb Kind mußte sie Mutterstelle an den jüngern Kindern vertreten. So vieler Sorge und der feuchten Luft in einem Festungsthurme erlag diese junge Heroine.

Mit Philipp's II. Tode, 1598, schien endlich die Härte des Schicksals nachzulassen und ein Hoffnungsstern für ihn aufzugehen. Philipp III. begnadigte alle Diejenigen, welche noch wegen des Aufstandes in Aragon litten. Donna Juana Coello und ihre Kinder waren freigelassen und durften eine Klage erheben gegen den Gouverneur Rodrigo Vasquez, der seine schwere Hand die unglückliche Familie fühlen lassen. Der über 80jährige Heuchler entging den Folgen des Processes durch seinen Tod. Aber Antonio Perez selbst, was er sehnlichst wünschte, zu gestatten, seine Rückkehr, so weit ging des absoluten Königs Macht in Spanien nicht mehr. Die Inquisition gestattete es nicht.

Der Dolch des Meuchelmörders, der so oft gegen Perez' Brust gefehlt, traf den König, der ihm seinen Schutz geweiht, in dessen Dienst, vermittelnd gegen ihn und Elisabeth, er die Luft des Hofes und der Intriguen wieder eingeathmet, ohne die er nicht leben konnte. Er hatte sie aber auch in diesem Doppeldienst zwischen Frankreich und England wieder in einer Art eingeathmet und an beiden Höfen eine solche Doppelrolle gespielt, daß er an beiden am Ende die Achtung verloren. Ränke machen war ihm zur andern Natur geworden, und selbst der von der Folter Gebrochene fand und suchte nirgends Ruhe als in neuen diplomatischen Intriguen. Man traute, man glaubte ihm nicht mehr, und suchte seiner Dienste sich zu entledigen. Der Minister Villeroy sagte von ihm: »Es ist wahr, daß seine Leiden ihn nicht weiser und discreter gemacht haben, als er in seinem Glücke war.« Er ward seinen Gönnern in England wie in Frankreich am Ende zur Last, und selbst seine Pension ward ihm zurückbehalten, die von Heinrich IV. selbst nach dem heutigen Geldwerth überreich ihm gewährt war, aber nie zu seinen Bedürfnissen ausgereicht hatte. Doppelt verlassen, unglücklich sich (1610) in Frankreich fühlend, wandte der Flüchtling neue Anstrengungen an, die Erlaubniß zur Rückkehr zu erhalten. Er supplicirte in den allerdemüthigsten Briefen, klagend, daß ihm, der vor Kurzem noch über eine Rente von gegen 20000 Dukaten geboten, selbst die Mittel zum täglichen Brote fehlten. Der Erzbischof der canarischen Inseln, selbst Rath der Inquisition, verwandte sich dafür, aber Alles vergebens. Das Verdammungsurtheil der Inquisition von 1592 bestand zu Rechten. Von allen Freunden verlassen, legte er sich auf die Schriftstellerei und auf das Gebet. Er besuchte täglich die Kirche, und einige seiner Staatsschriften, die er jetzt herausgab, enthalten Lichtblicke, die den einst tiefblickenden Staatsmann verrathen. So rieth er dringend Spanien an: die Unabhängigkeit der Vereinigten Provinzen Hollands anzuerkennen; seine seit 1588 zerstörte Marine wieder herzustellen und – er wagte auszusprechen, daß für Spanien kein Heil aus der Entdeckung und Eroberung seiner Colonien erwachsen sei! Er ermahnt den Minister Lerma, nicht den reichen Klerus und den unersättlichen Ehrgeiz des Adels vor Allem zu berücksichtigen, sondern für das Volk zu regieren, welches nichts fodere, als strenge Rechtspflege, gleich für Alle, und eine gute Verwaltung! So predigte er mit wahrem Ernst gegen die Willkürherrschaft: »Weil ich die Erhaltung der Königreiche wünsche, wünsche ich die Erhaltung der Könige, und weil ich die Erhaltung der Könige wünsche, wünsche ich, daß die Könige sich in den erlaubten Grenzen halten. – Er spricht von einem ernsten Rathe Philipp's II., der einst zu ihm prophetisch gesagt habe: »Señor Antonio, ich fürchte sehr, wenn die Menschen sich nicht mäßigen, und wenn sie fortfahren, sich zu Göttern auf Erden zu machen, daß Gott nicht am Ende, dieser absoluten Könige überdrüssig, sie stürzt und der Welt eine andere Form gibt.«

Da starb Perez selbst, von Alter, Armuth, Krankheit und Schwäche niedergeworfen, am 3. November 1611, in seinem 72. Jahre, in der Fremde. Sein treuer Gil de Mesa schrieb das Testament nieder, welches er ihm dictirte.

Seine sechs überlebenden Kinder, mit ihrer kranken Mütter, versuchten nunmehr eine Revision seines Processes zu erlangen. Die traurige Geschichte dieser ihrer Kämpfe mit der furchtbaren Macht der Inquisition würde einen neuen Rechtsfall liefern, wenn der Gegenstand unsere Aufgabe sein könnte. Vergebens waren anfänglich alle ihre Anstrengungen, vergebens die schlagendsten Zeugnisse von ihnen zum Beweise dargebracht, daß ihr Vater als guter Katholik gelebt und gestorben, von der Sorbonne, den angesehensten Theologen und Juristen in Paris, vom päpstlichen Nuncius daselbst, ja ein Breve des Papstes selbst vom 26. Juni 1607, welches ihn von allen über ihn ausgesprochenen Censuren freisprach. Auch sein in rührender Sprache abgefaßtes Testament, worin er den Kindern nichts als seine Ehre vermachte, zeigte ihn ohne Erfolg vor den Inquisitoren als guten Katholiken. Perez' Kinder waren in die äußerste Armuth versunken und die Inquisition durfte nicht bekennen, daß sie geirrt habe. Nur die Gunst des Königs und minder vorurtheilsvolle Beisitzer des obersten Inquisitionsgerichts, welches nicht mehr den Befehlen eines Philipp II. zu gehorchen hatte, vermochte endlich, daß auf den Antrag eingegangen würde. Auch da erhoben sich noch unendliche Schwierigkeiten und eine ungebührliche Verzögerung. Kein Advocat wollte anfänglich die Sache der heruntergekommenen Familie annehmen, man stieß Perez' ältesten Sohn, Gonzalo Perez, der als Bevollmächtigter der Familie handelte, verächtlich fast von der Schwelle des Gerichts, man machte es ihm zum Verbrechen, daß er anständig gekleidet erscheine, für den Sohn einer gebrandmarkten Familie zieme sich das nicht. Die Zeugen aus der Ferne konnte er, wegen Geldmangels, nicht citiren lassen. Trotz der Zeugen aus der Nähe, die alle günstig aussagten, fiel das Erkenntniß des Inquisitionstribunals zu Ungunsten der Antragsteller aus. Es mußte von dem unparteiisch die Sache betrachtenden obersten Gerichte erst umgestoßen werden, und da erst, nachdem der Proceß am 21. Februar 1612 begonnen, wurde unterm 1. April 1615 von dem letzteren erklärt, daß Antonio Perez nicht von einem Juden abstamme, nicht Ketzer gewesen, daß sein Andenken gereinigt werde und seine Kinder und Nachkommen in ihre Rechte wieder eingesetzt würden, und fähig Ehrenstellen im Staate zu bekleiden. Selbst dieser, durch eine Randbemerkung von des Königs Hand gebilligte Entscheid erlitt noch lange Verzögerungen, bis er die gehörige Rechtsform durch das Inquisitionstribunal von Saragossa erhielt.

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