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Gutenberg > Willibald Alexis >

Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF.A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeVierter Band
editorDr. A. Vollert
year1869
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060211
projectidbd48d1d4
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Timm Thode, der Mörder seiner Familie.

(Schleswig-Holstein. Achtfacher Mord.)
1866 bis 1868.

In der Nacht vom 7. zum 8. August des Jahres 1866 wurden die Gebäude eines zum adelichen Gute Groß-Kampen in Holstein gehörigen, nahe dem Ufer der Stör gelegenen Hofes ein Raub der Flammen. Herzugeeilte Nachbarn fanden die Scheune bereits in lichten Flammen stehend, sie drangen, da von den Bewohnern niemand zu sehen war, durch ein Fenster in das äußerlich von dem Feuer noch nicht ergriffene Wohnhaus und schleppten vier der Insassen, welche durch den dichten, das Schlafzimmer erfüllenden Rauch erstickt oder doch betäubt zu sein schienen, aus ihren theils stark glimmenden, theils bereits in lichten Flammen stehenden Betten in das Freie. Weitere Rettungsversuche wurden durch das rasche Umsichgreifen des durch den Luftzug angefachten Feuers vereitelt. Als man jene vier Personen näher besichtigte, machte man die Entdeckung, daß dieselben nicht allein bereits entseelt, sondern auch eines gewaltsamen Todes gestorben waren.

Der Hof, zu welchem die eingeäscherten Gebäude gehörten, hatte seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts im eigenthümlichen Besitze einer Familie Thode gestanden und war zuletzt bereits seit mehr als 30 Jahren in den Händen eines gewissen Johann Thode gewesen. Dieser bewohnte und bewirthschaftete den Hof zur Zeit des fraglichen Ereignisses mit seiner Familie, bestehend aus seiner Ehefrau, fünf Söhnen im Alter von 14 bis 24 Jahren, und einer achtzehnjährigen Tochter. An Dienstleuten wurde nur eine Magd im Alter von 18 Jahren gehalten. Der Besitzer Johann Thode, ein mit außergewöhnlicher Körperkraft begabter Mann, stand um die fragliche Zeit im rüstigen Mannesalter von reichlich 50 Jahren. Seine ebenfalls etwa 50 Jahre alte Ehefrau war von schwächlicher Constitution. Die Bewirtschaftung des Hofes konnte für gewöhnlich von den vier erwachsenen Söhnen mit Leichtigkeit ohne fremde Leute besorgt werden, während die Tochter mit Hülfe der Mutter und einer Dienstmagd das Hauswesen leitete. Der Umstand, daß man fremde Arbeitskraft selten bedurfte, trug wesentlich dazu bei, die Vermögenslage des alten Thode, welche schon von Haus aus gut war, in raschem Wachsen von Jahr zu Jahr günstiger zu gestalten. Sein Besitzthum bestand zur Zeit des Brandes in einem schuldenfreien Hofe im Werthe von etwa 60000 Thlrn. und Kapitalien im Betrage von mindestens 40000 Thlrn. Die Lebensweise der Familie war eine außerordentlich eingeschränkte und sparsame, der jährliche Aufwand für den Hausstand ein sehr geringer. Sämmtliche Kinder waren mit Ausnahme des zweitältesten Sohnes, welcher wiederholt eine Zeit lang auswärts gedient hatte, stets im älterlichen Hause geblieben. Das Verhältniß zwischen Vater und Söhnen und das der letztern untereinander trug zwar keinen herzlichen Charakter, doch war dasselbe, soweit man im Publikum davon Kenntniß hatte, im Vergleich zu dem in andern Bauerfamilien herrschenden Tone nicht gerade als auffallend schlecht zu bezeichnen. Mutter und Tochter bildeten dagegen das weichere Element im Hause, sie suchten, wenn auch oft ohne Erfolg, die zwischen den männlichen Familiengliedern vorkommenden Differenzen nach Kräften auszugleichen. Der Umgang der Familie Thode beschränkte sich auf gelegentliche Besuche bei den Nachbarn. Auch die Söhne verkehrten wenig mit ihresgleichen, indeß pflegten sie die öffentlichen Lustbarkeiten in dem nahen Dorfe zu besuchen. Diese zurückgezogene Lebensweise hatte ihren Grund in der Sparsamkeit der Aeltern sowol als der Kinder.

So standen die Dinge auf dem Thode'schen Hofe bis zum 8. August des Jahres 1866. Die Nacht von diesem auf den nächstfolgenden Tag war eine außerordentlich stürmische.

Eine Stunde nach Mitternacht wurde der Besitzer des dem Thode'schen zunächst benachbarten, etwa 3-400 Schritt entfernt gelegenen Hofes durch ein lautes Stöhnen geweckt, welches von einem neben dem Fenster seines Schlafzimmers liegenden Wesen herzurühren schien. Er stand auf und trat mit seiner Frau und seinem Sohne vor die Thür, hier erblickten sie einen Menschen, welcher mit dem Ausrufe: »Ach Gott, unser Haus brennt«, zusammensank. Es war der zweitälteste Sohn des Johann Thode mit Vornamen »Timm«; die Nachbarn trugen den anscheinend Leblosen in das Haus und setzten ihn vorläufig im Wohnzimmer auf einen Stuhl. Die Frau bemühte sich, den vermeintlich Bewußtlosen in das Leben zurückzurufen, Vater und Sohn aber eilten auf die Brandstätte. Am nächsten Tage wurde der Vorfall dem competenten Gerichte angezeigt und es fand infolge dessen die Obduction der vier dem Feuer entrissenen Leichen statt. Die Todten waren der alte Thode, seine Ehefrau, die Tochter und der jüngste Sohn; es fehlten mithin vorerst noch der älteste, der dritte und der vierte Sohn, sowie die Dienstmagd. Auch ihre Leichen wurden im Laufe des Tages unter den Trümmern vorgezogen. Die Obduction ergab, daß sechs der umgekommenen Personen unzweifelhaft eines gewaltsamen Todes gestorben waren, an der Leiche des nächstjüngsten Sohnes dagegen sowie an der der Dienstmagd ließen sich durch Menschenhand zugefügte Verletzungen wegen der weit fortgeschrittenen Verbrennung mit Sicherheit nicht constatiren. Sämmtliche Leichen waren theilweise bekleidet, die Leiche des alten Thode mit der seiner Ehefrau, die der Tochter mit der des jüngsten Sohnes zusammen in den beiden im Familienschlafzimmer befindlichen Betten gefunden worden; den Leichnam der Dienstmagd und den des nächstjüngsten Sohnes fand man innerhalb der Betträume, resp. in der Mägde- und Knechtekammer, während die Leichen des ältesten und des dritten Sohnes im Pferdestalle übereinanderlagen.

Der Leichnam des alten Thode zeigte an der rechten Seite des Kopfes eine Hautwunde von reichlich 1½ Zoll Breite mit scharfgeschnittenen Rändern und unter derselben eine weitgehende Schädelfractur, vermöge deren das rechte Schläfenbein, nach hinten zu bis in den Felsentheil desselben, sowie das Seitenwandbein mit einem Theile der obern Wand der Augenhöhle derart gespalten war, daß die gespaltenen Theile des Felsenbeins, des Schläfenbeins und des Augenhöhlentheils des rechten Stirnbeins drei leichtbewegliche Knochenfragmente bildeten. Weitere äußere Verletzungen fanden sich an der Leiche nicht. Das Gesicht und ein Oberschenkel waren theilweise verkohlt.

Am Körper der Ehefrau Thode bemerkte man außer einer großen Anzahl Hautwunden, namentlich am Ohr und an den Händen, ebenfalls mehrere Schädelbrüche und eine völlige Zertrümmerung der Gesichtsknochen, insbesondere des Nasenbeins. Auch diese Leiche war an der einen Seite, am Gesicht und Arme stark verkohlt; in der linken Hand fand man einige schwarze Röhrchen, welche man für Glasperlen hielt. Mit noch weit mehr Wunden war der Körper der Tochter bedeckt. Außer einer gewaltigen Fissur des Schädels ließen sich am Kopf, Hals, Armen, Schultern und Händen nahezu vierzig verschiedene Verletzungen nachweisen.

An der Leiche des jüngsten Sohnes fand sich an der rechten Seite des Kopfes ohne Verletzung der äußern Kopfhaut eine doppelte gewaltige Fractur des Schädelknochens.

Der eine der beiden im Pferdestalle gefundenen Leichname, welchen man an den Resten eines Backenbartes als den des ältesten Sohnes erkennen wollte, war am Kopf, Hals und an den Extremitäten in hohem Grade verbrannt, an der linken Seite des Schädels nahm man eine ausgedehnte Zersprengung bis in die Grundfläche hinein und außerdem mehrere dreieckig gestaltete Defecte des Schädelknochens wahr.

An der zweiten innerhalb des Pferdestalles gefundenen Leiche, deren Gesicht und Extremitäten fast vollständig verkohlt waren, zeigten sich eine Zerschmetterung der vordern Schädelpartie und der Grundfläche des Schädels, sowie eine vollständige Zertrümmerung der obern Hälfte des Gesichts. Eine Recognition dieses Leichnams war unmöglich. Ebenso wenig konnten die beiden in der Mägde- und der Knechtekammer aufgefundenen Leichname recognoscirt werden, der Verbrennungsproceß war so weit fortgeschritten, daß von den Körpern nur noch Reste des Schädels sowie ein Theil des Rumpfes unversehrt geblieben waren. Uebrigens ergab sich aus dem Knochenbau der in der Mägdekammer gefundenen Leiche, sowie aus einigen Kleidungsstücken, daß dieselbe eine weibliche, und aus dem Umstände, daß sie in der Mägdekammer gefunden wurde, daß sie die der Dienstmagd sein mußte.

In Betreff des in der Knechtekammer gefundenen Leichnams ließ sich aus den Ueberbleibseln einer Sammtweste und aus den Resten der Geschlechtstheile schließen, daß es ein männlicher Körper war.

Auf der Brandstätte wurde bei Wegräumung des Schuttes an Sachen, welche für die Entdeckung der Mörder wichtig werden konnten, aufgefunden: ein Beil, anscheinend alt, jedoch außerordentlich scharf, mit einer etwa sieben Zoll langen Schneide und 1½ Zoll breitem Rücken, an dessen Rückseite auffallender Weise ein Charnier angeschweißt war. Das Beil lag in der Knechtekammer, in welcher drei der Thode'schen Söhne geschlafen hatten. Außerdem fand man im Pferdestalle eine silberne Cylinderuhr, und neben derselben einen preußischen Thaler, ferner in dem Zimmer, in welchem der überlebende Sohn geschlafen hatte, verschiedene Geldstücke.

Weiter wurde eine goldene Brosche und Kette, sonst jedoch von Geld oder Wertsachen auf der Brandstätte nichts gefunden. In dem Garten neben dem Hause lagen ein vollständiges Bett und eine Anzahl männlicher Kleidungsstücke, ohne daß man ermitteln konnte, von wem diese Sachen dorthin getragen sein möchten.

Unter dem Schutte in der Nähe der Knechtekammer entdeckte man den Cadaver eines großen Hundes. Es waren jedoch notorisch zwei Hunde auf dem Hofe gewesen; der Leichnam des zweiten war verschwunden und der des ersten so stark verbrannt, daß sich Spuren von Gewaltthätigkeit nicht nachweisen ließen.

Das Gutachten der Gerichtsärzte über die Todesart der acht Personen, deren Leichen sie obducirt hatten, ging dahin: Sechs dieser Personen seien unzweifelhaft eines gewaltsamen Todes durch Menschenhand gestorben, während sich diese Todesursache an der Leiche des einen der Thode'schen Söhne sowie an der der Dienstmagd infolge der starken Verkohlung nicht habe constatiren lassen. Es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß mindestens zwei Mordwerkzeuge gebraucht worden seien, ein stumpfes und ein schneidend und stechend wirkendes. Jedoch sei nicht an jeder Leiche die Anwendung der beiden Instrumente nachzuweisen, vielmehr könne man nur so viel behaupten, daß an sämmtlichen sechs Leichen sich sichere Spuren eines stumpfen und an den Körpern der Thode'schen Tochter und der Ehefrau Thode Spuren eines schneidenden und stechenden Werkzeuges fänden. Ob die an sämmtlichen Leichen gleichmäßig wahrgenommenen, von der Einwirkung eines stumpfen Instruments herrührenden Schädelfracturen durch ein und dasselbe stumpf wirkende Werkzeug hervorgebracht wären, sei ungewiß, es bliebe trotz der auffallenden Aehnlichkeit sämmtlicher Schädelverletzungen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß noch ein zweites stumpfes Instrument zur Anwendung gekommen sei. Ueber die Beschaffenheit der Mordwerkzeuge sprachen sich die Gerichtsärzte dahin aus, daß der Mörder wahrscheinlich eine langgestielte schwere Axt mit scharfer, rechtwinkelig begrenzter Schneide von nicht viel über 3 Zoll Länge, und einer scharfkantigen Rückenfläche von etwa 1½ Zoll Breite benutzt und als Hülfswerkzeug zur Ermordung der Tbode'schen Tochter und der Ehefrau Thode vermuthlich ein scharfes, spitziges Messer verwendet habe.

In Betreff der Lage, in welcher sich die umgekommenen acht Personen zur Zeit ihres Todes möchten befunden haben, ging das gerichtsärztliche Gutachten dahin, daß dieselben sämmtlich, mit Ausnahme der Dienstmagd, welche im Bette liegend ihren Tod gefunden zu haben scheine, wahrscheinlich außerhalb des Bettes um das Leben gekommen seien. Derjenige, von dem hauptsächlich Aufklärung über die grauenhafte, in Dunkel gehüllte That zu erwarten stand, lag auf dem Nachbarhofe nach Angabe des Arztes bewußtlos danieder, das Untersuchungsgericht that daher auf eigene Hand die nöthigen Schritte, um den Mördern auf die Spur zu kommen.

Es hatte sich der Bewohner der umliegenden Marschen ein beispielloser Schrecken bemächtigt, welcher einen Ausdruck fand in der an das Obercommando der in Holstein befindlichen Truppen gerichteten Bitte der Eingesessenen des dem Thode'schen Hofe zunächstgelegenen Dorfes Beidenfleth und Umgegend: zeitweilig eine Abtheilung Militär dorthin zu commandiren. In Gewährung dieser Bitte wurde zum Zweck thunlichster Beruhigung der Gemüther die achte Compagnie des dritten westfälischen Landwehrregiments Nr. 16 vorläufig nach Beidenfleth verlegt. Ueberdies setzte das Oberpräsidium für Schleswig-Holstein eine Belohnung von 400 Thlrn. preuß. Courant auf die Entdeckung der Mörder der Familie Thode. Die Bauern selbst durchstreiften die Umgegend; der den Thode'schen Hof umgebende Graben wurde abgelassen, verdächtige Individuen wurden eingezogen, die Besitzer der Schiffe und Kähne, welche während der Mordnacht auf der Stör in der Nähe des Thode'schen Hofes gelegen hatten, sowie Nachbarn und Verwandte vernommen; indeß alles ohne den geringsten Erfolg. Das Publikum hatte sich, wie das bei schweren Verbrechen jederzeit zu geschehen pflegt, rasch und entschieden eine Meinung in Betreff der Thäterschaft gebildet, jedoch wurden in diesem Falle gleich anfangs zwei verschiedene Ansichten laut und mit lebhaftem Interesse, ja mit Gereiztheit verfochten. Die Mehrzahl glaubte, daß eine Bande von Räubern den Wasserweg eingeschlagen und den Thode'schen Hof überfallen habe; der einsichtigere und mit den Thode'schen Verhältnissen näher vertraute Theil der Bevölkerung war dagegen geneigt, den überlebenden Timm Thode nicht für ganz unbetheiligt an der That zu halten. Die Anhänger der letzten Meinung waren indeß darüber wiederum unter sich uneinig, ob Thode das Verbrechen allein, oder ob er es mit Hülfe anderer ausgeführt habe.

Timm Thode war in der Mordnacht, wie wir wissen, anscheinend bewußtlos am Hause seines Nachbars aufgehoben worden. Dicht bei ihm standen zwei Kästen und um ihn herum lag ein Haufen von bessern männlichen Kleidungsstücken. Der sofort vom nächstgelegenen Dorfe herbeigerufene Arzt fand den Timm Thode auf einem Stuhle sitzend, mit nach vorn geneigtem, stark geröthetem Gesichte, die Kiefer fest aufeinander geschlossen, anscheinend in tiefen Schlaf versunken, aus welchem er durch kein Rütteln und Stoßen zu erwecken war. Der Puls zeigte eine Frequenz von 112–120 Schlägen in der Minute, die Augen waren geschlossen und beim Oeffnen der Lider starr und ausdruckslos, jedoch reagirten die Pupillen, wenngleich schwächer als im Normalzustande. Dem Patienten gewaltsam eingeflößtes Wasser floß unverschluckt wieder heraus. Man zog dem Kranken die Oberkleider aus und brachte ihn ins Bett, dann wurden ihm auf Anordnung des Arztes in der Schläfengegend Blutegel gesetzt, indeß ohne sichtliche Einwirkung auf seinen Zustand. Der Arzt entfernte sich und ließ eine Wärterin zur Beobachtung des Patienten zurück. Inzwischen kamen mehrere Personen aus der Nachbarschaft, die neugierig waren, den Timm Thode zu sehen; sie besprachen, ohne Rücksicht auf ihn zu nehmen, die Vorgänge auf der Brandstätte. Als am folgenden Tage mittags der Arzt in Begleitung des Physikus seinen Besuch wiederholte, hatte sich im wesentlichen bei dem Patienten nichts geändert, nur beobachtete man, daß er sich wiederholt willkürlich bewegte, namentlich ohne Hülfe sich von der einen Seite auf die andere legte, Schlingbewegungen machte und mit den Mundwinkeln zuckte.

Uebrigens aber war er durch keine Mittel aus seinem lethargischen Schlafe zu erwecken. Die Bekleidung des Thode bestand zu der Zeit, als man ihn in das Haus trug, in einem gestreiften baumwollenen Oberhemde, einem unter diesem befindlichen leinenen Hemde, einer auf bloßem Leibe getragenen wollenen Jacke, einem schmuzigen, geflickten Beinkleide von englischem Leder, aus Strümpfen und ledernen Pantoffeln. Außerdem trug er gehörig angeknöpfte lederne Tragbänder und eine mit einer Litze um den Hals geschlungene silberne Cylinderuhr. In den Taschen der Beinkleider staken zwei Taschenmesser und ein ledernes, 12-13 Thlr. preuß. Courant enthaltendes Portemonnaie. Bei einer Untersuchung seines Körpers und seiner Kleider fanden sich an der Innenseite des auf bloßem Leibe getragenen Hemdes einige etwa Erbsen große Blutspuren, und an der linken Seite des Beinkleides ein größerer Fleck wie von abgewischtem Blute. Erstere erklärte Thode später von kleinen Geschwüren herstammend, an welchen er häufig leide. Letzterer sollte nach seiner Angabe daher rühren, daß er im Laufe des Sommers beim Mähen sich in den Finger geschnitten und das Blut an seinem Beinkleide abgewischt habe. Am Hinterkopfe des Thode fanden die Aerzte eine etwas erhabene, kahle Stelle von geringem Umfange, jedoch ohne eine Spur von Sugillation, über deren vermuthliche Entstehung sie sich dahin äußerten, dieselbe könne möglicherweise daher rühren, daß Thode vor dem Nachbarhause ohnmächtig niedergeschlagen sei. Während der Besichtigung seines Körpers, ja selbst während ihm das Haar an der gedachten Stelle des Hinterkopfes abgeschoren wurde, schien der Patient von allem, was mit ihm und um ihn vorging, durchaus nichts zu empfinden. Dieser Zustand anscheinender vollständiger Bewußtlosigkeit dauerte ohne merkliche Veränderung bis zum Morgen des 9. August, also im ganzen etwa 30 Stunden. Um diese Zeit schlug Timm die Augen auf und antwortete deutlich und klar, nur mit etwas schwerfälliger, tonloser Sprache, auf alle ihm von den Aerzten vorgelegten Fragen, indem er nur noch über Schwindel, Schwäche in den Beinen und heftige Schmerzen im Hinterkopfe, namentlich in der Gegend der von den Aerzten untersuchten Stelle klagte. Nachdem er sodann eine für ihn bereitete Suppe gegessen und danach wieder bis zum Nachmittage etwa gegen 4 Uhr anscheinend geschlafen hatte, war in seinem Befinden eine augenscheinliche Besserung bemerkbar. Die Augen hatten den Ausdruck der Starrheit fast gänzlich verloren, er antwortete mit völliger Klarheit auf alle Fragen. Jetzt erst erkundigte sich Thode, woher es komme, daß seine Aeltern und Geschwister ihn nicht besuchten, beruhigte sich aber sofort, als man ihm antwortete, daß er erst vollkommen genesen sein müsse, ehe er Besuche empfangen dürfe. Von da ab schritt die Genesung des Patienten rasch vorwärts.

Inzwischen waren die beiden Kästen, welche man in der Mordnacht mit Thode zugleich aufgehoben hatte, geöffnet und in dem einen derselben Werthpapiere im Belaufe von 16 – 17000 Thlrn. preuß. Courant, in dem andern eine beträchtliche Anzahl von Silbersachen gefunden worden. In dem erstern Kasten lagen außer den Wertpapieren noch ein Beutel, ungefähr 200 Thlr. preuß. Courant in Silber enthaltend, und mehrere Portemonnaies. Die ebenfalls in der Nähe von Thode gefundenen Kleider bestanden in Röcken, Beinkleidern und Westen, anscheinend seine und seiner Brüder Sonntagskleider.

Am 12. August erfolgte die erste gerichtliche Vernehmung des Thode. Sie war sehr kurz und man ging mit Rücksicht auf den noch immer etwas angegriffenen Gesundheitszustand des Comparenten äußerst schonend zu Werke. Thode gab an:

»Etwa um 1 Uhr in der Nacht gewahrte ich, plötzlich erwacht, auf dem zwischen Wohnhaus und Scheune befindlichen freien Platze einen hellen Feuerschein und vernahm zugleich einen geheulartigen Lärm wie von Menschen und Hunden untermischt mit starken Donnerschlägen. Erschreckt sprang ich auf, zog rasch meine Hosen an, knöpfte die Tragbänder an, fuhr in die vor dem Bette stehenden Pantoffeln, raffte zuerst mein Bett zusammen und legte dasselbe auf zwei in der Nähe des Fensters stehende Stühle. Dann trug ich eine Anzahl Kleidungsstücke, welche in meinem Schlafzimmer auf dem Tische lagen, ebenfalls an das Fenster, nahm aus einem neben meinem Bette befindlichen Wandschranke die beiden von mir mit hierher gebrachten Kästen und stellte sie auf die Fensterbank. Darauf öffnete ich das Fenster und sprang hinaus. Hier sah ich sofort, daß die Scheune in hellen Flammen stand und daß bereits das Dach eingestürzt war; ich ergriff, von außen durch das Fenster hineinlangend, einen Theil der bereit gelegten Bett- und Kleidungsstücke und trug dieselben in den etwa 12 Schritt entfernten Obstgarten. Als ich damit fertig war, raffte ich die Kleider, welche in der Eile liegen geblieben waren, zusammen, nahm die beiden Kästen unter die Arme und schickte mich an, das Haus zu verlassen. Plötzlich sah ich neben der Scheune fünf bis sechs Männer hintereinander nach dem Damme zu gehen. In der Meinung, daß jene Leute mein Vater und meine Brüder seien, rief ich sie an mit den Worten: »Jungens, seid ihr das?« statt der Antwort wandte sich einer der Männer um, und trat an das neben der Scheune befindliche Stacket, streckte beide Hände vor und feuerte einen Schuß auf mich ab. Soviel ich in der Eile sah, war der Mann maskirt, auch die übrigen schienen mir verkleidet zu sein, wenigstens hatten alle ein auffallend dunkles Aussehen. Der auf mich abgefeuerte Schuß muß ein Schrotschuß gewesen sein, denn ich vernahm in den Kronen der in der Nähe stehenden Bäume ein Prasseln wie von Hagelkörnern. Aufs höchste erschrocken ergriff ich die Flucht dem benachbarten Hofe zu, die Räuber schickten mir noch eine Kugel nach, welche ich dicht am Ohre vorüberpfeifen hörte. Außer Athem und einer Ohnmacht nahe, langte ich endlich auf dem Nachbarhofe an, ich hatte noch gerade so viel Kraft, um an die Küchenthür zu klopfen und zu rufen: »Könnt ihr denn nicht hören, unser Haus brennt«, dann brach ich zusammen. Was von diesem Augenblicke bis zum Morgen des 9. August mit mir und um mich vorgegangen ist, weiß ich durchaus nicht.«

Als Thode am Schlüsse des Verhörs damit bekannt gemacht wurde, daß seine sämmtlichen Angehörigen ums Leben gekommen seien, rief er in großer Aufregung aus: »Haben sie sie denn erschlagen?« Diese Aufregung, welche sich in heftigem Weinen und Schluchzen, begleitet von starker Röthe des Gesichts und erheblich gesteigerter Frequenz des Pulses äußerte, legte sich indeß schon nach Ablauf ungefähr einer halben Stunde.

In einem zweiten, zwei Tage später abgehaltenen Verhöre ergänzte Thode seine Angaben auf Befragen dahin:

»Als ich in der Nacht erwachte, war ich so erschrocken und verstört, daß ich nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob ich irgendetwas gethan habe, um mich über das Schicksal meiner Angehörigen zu vergewissern, indeß glaube ich aus der Thür meines Schlafzimmers gerufen zu haben, es sei Feuer im Hause. Nach der Begegnung mit den fremden Männern, welche ich anfangs für meine Brüder hielt, nahm ich an, daß meine Familie bereits in Sicherheit wäre.«

Den Umstand, daß er die beiden früher erwähnten Kästen mit ihrem werthvollen Inhalte sowie die mitgebrachten Kleidungsstücke habe retten können, erklärte Thode folgendermaßen: »Einige Zeit, etwa 14 Tage bis 3 Wochen vor der Nacht, in welcher das Verbrechen verübt worden, habe ein Blitzschlag sein väterliches Haus getroffen, jedoch ohne zu zünden. Infolge dieses Ereignisses habe sich ihrer aller eine große Angst vor Feuersgefahr bemächtigt. Sein Vater habe einen Kasten zeitweilig in das neben dem Wohnhause befindliche Backhaus gebracht und angeordnet, daß niemand davon sprechen solle; ein anderer Kasten mit dem Silberzeuge sei auf 9-10 Tage einer benachbarten Familie zur Bewahrung übergeben worden. Ueberdies habe sein Vater befohlen, daß für die nächste Zeit allnächtlich einer der Söhne wachen und sämmtliche Hausgenossen nachts nur die Oberkleider ablegen sollten. Diese letztere Vorsichtsmaßregel sei noch zur Zeit der Mordnacht beobachtet worden, und es erkläre sich daraus der Umstand, daß die Leichen theilweise bekleidet gefunden worden seien. Am Sonntage den 5. August habe der Vater sich in seinem Schlafzimmer mit Umpacken von Papieren und Silbersachen aus drei verschiedenen Kästen beschäftigt, dann zwei dieser Kästen in einen Wandschrank gestellt und zu ihm gesagt: «Wenn etwas passiren sollte, so weißt du, wo die Kästen stehen.» An demselben Tage habe sein Vater im Wohnzimmer Geld gezählt und dann eine Summe von etwa 2000 Thlrn. in Silber, in zwei Beuteln in einen unter seinem Bette befindlichen Verschlag gethan. Die von ihm theils in den Garten gebrachten, theils auf der Flucht mitgenommenen Kleidungsstücke seien seine und seiner Brüder Sonntagskleider, welche noch vom letzten Sonntage her wie gewöhnlich in seinem Schlafzimmer gelegen hätten.« Befragt, was er über die Motive und Ausführung des Verbrechens denke, erwiderte Thode: »Er könne sich die Sache nicht anders erklären, als daß eine größere Bande in der Absicht zu rauben den Hof überfallen, seine Angehörigen, mit Ausnahme der beiden ältern Brüder, welche ja wach geworden und aufgestanden sein müßten, in ihren Betten erschlagen und die Gebäude angezündet habe, um ihre Unthat zu verbergen. Daß seine Schwester mit so vielen Wunden bedeckt gefunden worden, möge daher kommen, daß man sie gepeinigt und gemishandelt habe, damit sie den Ort angebe, wo das Geld liege. Ihn selbst müßten die Räuber ganz und gar vergessen haben. Jedenfalls sei es auf einen Raub abgesehen gewesen und vermuthlich sei auch wirklich das Geld geraubt worden, welches sein Vater in den Verschlag unter seinem Bette gethan, denn von diesem Gelde habe man keine Spur entdeckt.«

In Betreff der auf der Brandstätte gefundenen Art äußerte Thode: Er glaube nicht, daß dieselbe eine von den auf dem Hofe gebrauchten Aexten sei. Darauf hingewiesen, wie es doch fast undenkbar sei, daß er von dem Lärm bei der Ermordung seiner Angehörigen nicht aufgewacht sein sollte, gab Thode an: er habe schon bevor er durch den Feuerschein gänzlich munter geworden, im halbwachen Zustande einen undeutlichen Lärm vernommen, jedoch vor Entsetzen keinen Laut hervorbringen können.

Die über das frühere Leben des Timm Thode angestellten Erhebungen ergaben Folgendes: Timm hatte sich nach Aussage seines Lehrers in der Schule als ein kaum mittelmäßig begabter, träger Knabe, von etwas rohem, störrischem Charakter gezeigt, und war häufig bestraft worden. Die Kenntnisse, welche er sich erworben, beschränkten sich auf Lesen, Schreiben und den Inhalt des Kleinen Luther'schen Katechismus. Ein rechtes Verständniß der Religionswahrheiten hatte er nach der Meinung seines Lehrers nicht gehabt. In seinen Knabenjahren schwindelte er auf dem Wege von der Schule nach dem älterlichen Hause einem Bäckerjungen einmal ein Brot ab, indem er vorgab, es kaufen zu wollen, das Brot an sich nahm und weglief. Ueber Thode's Betragen in den Vorbereitungsstunden auf die Confirmation sprach der betreffende Geistliche sich lobend aus. Nach der Confirmation blieb Timm zunächst auf dem väterlichen Hofe und wurde gleich seinen Brüdern zu den landwirthschaftlichen Arbeiten herangezogen, er stellte sich jedoch so ungeschickt an und war so träge, daß er sowol von seinem Vater als von dem ältesten Bruder häufig Vorwürfe hören mußte und zu den ländlichen Arbeiten, welche mehr Umsicht erforderten, niemals zugelassen wurde. Diese Zurücksetzung und der Spott darüber, daß er von Kindheit an mit dem Leiden des nächtlichen Bettnässens behaftet war, veranlaßten ihn, bei fremden Leuten als Knecht in Dienst zu treten. In den Jahren 1860–66 diente er an verschiedenen Orten, jedoch so, daß er nur auf einer einzigen Stelle ein halbes Jahr aushielt, während er im übrigen seinen Dienst gewöhnlich schon nach einigen Wochen wieder verließ und inzwischen in das älterliche Haus zurückkehrte. Im Jahre 1864 entschloß er sich, das Müllerhandwerk zu erlernen, er trat zu diesem Behufe auf einer nicht weit vom Hofe seines Vaters entfernt liegenden Mühle in Dienst, kam jedoch, da diese kurz darauf abbrannte, schon nach einigen Wochen wieder nach Hause.

Thode's Dienstherrschaften gaben ihm keine günstigen Zeugnisse. So wurde er namentlich von einer derselben, auf deren Zeugniß man vorzüglich Werth zu legen berechtigt war, als träge, roh, naschhaft und gefräßig bezeichnet; von anderer Seite ward indeß sein Charakter harmlos und gutmüthig genannt.

So oft er sich in der Zwischenzeit zu Hause aufhielt, gab es in der Familie Zank und Streit.

Ueber seine vermeintliche Zurücksetzung bei den Arbeiten erzürnt und durch Neckereien sowie dadurch, daß man ihn mehrerer Diebstähle, welche gegen seinen Vater und seine Brüder verübt wurden, bezichtigte, gereizt, gerieth er häufig mit seinen Brüdern in Zwist, welcher nicht selten sogar in Tätlichkeiten ausartete. Sein Vater schalt ihn sehr oft heftig wegen seiner Trägheit. Uebrigens prügelten sich nach Thode's Angabe die Brüder ebenso häufig untereinander als mit ihm, und auch sie lebten in Unfrieden mit dem strengen und wortkargen Vater. Die Angaben seiner Verwandten über Timm Thode fielen ebenso verschieden aus als die seiner Dienstherrschaften. So erklärte namentlich der Großvater mütterlicher Seite in Uebereinstimmung mit seinen Söhnen, er glaube an die Erzählung des Timm Thode nicht, und könne ihn nicht für ganz unbetheiligt an dem Verbrechen halten. Das Verhältnis desselben zu seinen Angehörigen sei ein sehr schlechtes gewesen; namentlich habe Timm's Mutter noch vor nicht langer Zeit ihrer Schwester geklagt: »es sei so schlimm mit Timm, daß sie es gar nicht sagen könne.« Sein Enkel sei heimtückischer und rachsüchtiger Natur; seine Erzählung sei unglaubhaft, weil es ganz undenkbar sei, daß sein Schwiegersohn, ein in Geldsachen sehr vorsichtiger und verschlossener Mann, die beiden werthvollen Kästen aus den Händen und dem Sohne in Verwahrung gegeben haben sollte, zu welchem er entschieden das geringste Vertrauen gehabt habe.

Im Gegensatze hierzu sprachen die Verwandten väterlicher Seite sowie die Nachbarn sich dahin aus, daß sie den Timm Thode eines solchen Mordes nicht für fähig, ihn vielmehr für einen gutmüthigen und harmlosen Menschen hielten. Ein Bruder des alten Thode behauptete, daß vor etwa 30 Jahren ein Beil wie das auf der Brandstätte gefundene auf dem Hofe vorhanden gewesen sei. Eine Nähterin, welche am 7. August bis zum Abend auf dem Thode'schen Hofe gearbeitet hatte, gab an, daß Timm Thode an diesem Tage dasselbe Oberhemde und Beinkleid getragen habe, mit welchem er nach dem Ereignisse bekleidet gewesen sei. Eine Versendung des Beils an die Schmiede verschiedener benachbarter Districte führte zu keinem Resultat. Von Schüssen hatte in der Nacht des Verbrechens niemand etwas gehört. Ueber den Zustand des Timm Thode während der nächsten 30 Stunden nach seiner Ankunft auf dem Nachbarhofe lautete das ärztliche Gutachten dahin: die Frage, ob der Zustand des Timm Thode auf eine wirkliche Bewußtlosigkeit, eine Folge des Schreckens, oder auf Simulation zurückzuführen sei, lasse sich mit völliger Sicherheit nicht entscheiden, doch sprächen für die Annahme, daß seine Bewußtlosigkeit eine wahre, natürliche gewesen sei, weit gewichtigere Momente als für die Simulation.

Am 18. August wurde Timm Thode zum letzten male von der Untersuchungscommission vernommen. Die Ergebnisse dieser Vernehmung haben wir bereits mitgetheilt. Die Commission war von vornherein von der Ansicht ausgegangen, daß das Verbrechen von Fremden verübt worden sei. Der größere Theil des Publikums theilte diese Meinung, denn man hielt es für unmöglich, daß ein Mensch, der keine verbrecherische Vergangenheit hinter sich habe, mit einem male zu einem solchen Grade sittlicher Verworfenheit herabsinken könne, wie sie eine solche That voraussetzte, und ferner glaubte man, die physische Kraft eines einzigen sei einer solchen Blutarbeit nicht gewachsen. Daneben freilich fehlte es keineswegs an Stimmen, welche dabei stehen blieben, daß Timm der Mörder sei. Diese Stimmen fielen um so schwerer in die Wage, als sich unter ihnen sowol die des Großvaters mütterlicher Seite als die des Müllers befanden, bei welchem Thode gedient hatte. Das stärkste Verdachtsmoment gegen Timm fand man allgemein in dem Umstande, daß er in den erwähnten beiden Kästen eigentlich das ganze Thode'sche Vermögen gerettet hatte, und außerdem trug seine Erzählung, von den Ereignissen der Mordnacht den Stempel der Unglaubwürdigkeit an der Stirn.

Allein die Commission sah sich nach den Ergebnissen der Untersuchung nicht bewogen, gegen Timm weiter vorzuschreiten. Da man es indeß doch nicht für gerathen hielt, ihn ganz aus den Augen zu lassen, so wurde er zunächst bei einem Polizeidiener in Itzehoe untergebracht. Hier lebte er unter steter Aufsicht, jedoch nicht als Gefangener. Nach einigen Monaten zog er zur Miethe in ein nahe bei der Stadt gelegenes Dorf, und der Hausherr verpflichtete sich, sofort dem Gerichte Anzeige zu machen, wenn er irgendetwas Verdächtiges wahrnähme. Während seines Aufenthalts in Itzehoe gab Thode nicht allein keinerlei Veranlassung zum Mistrauen, sondern verhielt sich so still und ruhig, so den ganzen Umständen angemessen, daß die letzte Spur von Verdacht auf seiten des Untersuchungsgerichts verschwand. Auch im Publikum machte es einen vortheilhaften Eindruck, als Thode zu der von der Regierung ausgesetzten Belohnung noch eine Prämie von 1400 Thlr. für die Entdeckung der Mörder seiner Angehörigen aussetzte, und überdies einen mit Bibelsprüchen geschmückten Denkstein für die Gräber seiner »durch ruchlose Mörderhand gefallenen« Aeltern und Geschwister anfertigen ließ.

Die Untersuchung, jedes sichern Anhalts beraubt, wurde nunmehr zu einer eigentlichen Vagabundenjagd. Hin und wieder tauchte wol einmal ein hoffnungsreiches Licht auf, aber nur, um sich bei näherer Betrachtung als trügerisch zu erweisen, um das Dunkel, welches das grauenhafte Verbrechen umhüllte, noch zu erhöhen. So fand man in nicht allzu großer Entfernung von Groß-Kampen ein Bündel anscheinend blutiger Kleidungsstücke, allein im Besitze der Familie Thode waren nach Aussage der Zeugen solche Kleider nicht gewesen; die Uhr des alten Thode, welche auf der Brandstätte nicht zu finden gewesen war, meinte man entdeckt zu haben, indeß man hatte sich getäuscht; ein Schmied glaubte das auf der Brandstätte gefundene Beil zu erkennen, die als derzeitige Eigentümer desselben bezeichneten Personen bewiesen jedoch ihr Alibi. Auf den untrüglichsten Vernunftschlüssen, ja selbst auf göttlicher Inspiration beruhende schriftliche Ausführungen gingen der Commission zu, durch welche zweifellos dargethan wurde, daß Timm Thode der Mörder sei und deshalb dem Autor des betreffenden Schriftstücks die ausgelobte Prämie gebühre, aber die Untersuchung kam damit keinen Schritt vorwärts.

So sah sich endlich im März des Jahres 1867 die Untersuchungscommission in der Lage, die Acten an das zuständige Obercriminalgericht mit einem Berichte einzusenden, in welchem sie neben ihrem Bedauern, daß die Untersuchung zu keinem positiven Resultat gediehen sei, die Ansicht aussprach, daß ihres Erachtens zu weitern Vernehmungen des Timm Thode kein Anhaltepunkt vorliege. Die Acten wurden demnächst zwei Mitgliedern des Obercriminalgerichts zur Relation, resp. Correlation überwiesen. Diese waren mit der Untersuchungscommission darin einverstanden, daß die augenblickliche Lage der Untersuchung eine ziemlich trostlose sei; aber sie führten weiter aus, daß das Verfahren keineswegs als abgeschlossen betrachtet werden dürfe, vielmehr von einem neuen Gericht wieder aufzunehmen und gegen den überlebenden Thode'schen Sohn fortzusetzen sei. Als gravirend für Timm Thode wurde hervorgehoben: Zwei Motive der That seien nur denkbar: Rachsucht und Habsucht. Erstere sei, wenn man von der Annahme ausgehe, daß Fremde die Urheber des Verbrechens seien, fast mit Gewißheit auszuschließen, da niemand von Feinden, welche die in äußerster Abgeschlossenheit lebende Familie sollte gehabt haben, zumal von so grausamen und unversöhnlichen Feinden, etwas gehört, und der überlebende Sohn selbst erklärt habe, daß ihm von etwaigen Feinden seines Hauses nichts bekannt sei. Uebrigens aber sei es, selbst wenn ein Mitglied der ermordeten Familie einen unversöhnlichen Feind gehabt habe, kaum denkbar, daß der Haß eines solchen nur in der Vernichtung der ganzen Familie seine Befriedigung sollte gefunden haben. Nehme man aber Habsucht als das Motiv des Verbrechens an, so sei, vorausgesetzt, daß Fremde die Urheber sein sollten, nicht minder unerfindlich, wie sie dazu gekommen sein sollten, gerade den Thode'schen Hof sich auszuersehen. Der alte Thode nämlich sei nach den übereinstimmenden Angaben aller, welche ihn gekannt, nicht allein in Geldsachen selbst seinen nächsten Angehörigen gegenüber sehr heimlich und wenig mittheilsam, sondern auch immer besorgt gewesen, niemals überflüssige Gelder im Hause zu haben. Wie hätten unter solchen Umständen Fremde auf dem Hofe eine der Grausamkeit der That entsprechende, für fünf bis sechs Theilnehmer lohnende Beute erwarten können? Von bedeutenden Summen, welche der alte Thode in der letzten Zeit vor dem Verbrechen vereinnahmt habe, sei nichts bekannt, sondern im Gegentheil constatirt worden, daß er im Juli ein Kapital von 2000 Mark bei der itzehoer Sparkasse angelegt habe. Allerdings habe der überlebende Thode'sche Sohn behauptet, daß noch am Sonntage vor der That sein Vater etwa 2000 Mark in den unter seinem Bette befindlichen Verschlag gethan habe und an der Ausführung seiner Absicht, diese Summe auf die Sparkasse zu tragen, nur durch schlechtes Wetter verhindert worden sei; allein nach den Aussagen anderer Zeugen schienen nur einige hundert Mark Baarvorrath im Hause gewesen zu sein und man müsse glauben, daß Timm Thode gelogen habe. Wenn er an dem Verbrechen betheiligt sei, so habe er auch ein wesentliches Interesse daran gehabt, die Existenz jener 2000 Mark und deren Raub vorzuspiegeln, zumal das ganze übrige Vermögen von ihm gerettet worden sei. Ferner könne man kaum begreifen, daß Räuber gerade den durch fünf starke Männer und zwei wachsame Hunde beschützten Thode'schen Hof hätten überfallen sollen. Außerdem wurde hervorgehoben, Timm's Erzählung sei unwahrscheinlich und voll Widersprüche. Zunächst sei es unbegreiflich, daß derselbe durch den mit der Ermordung seiner Angehörigen verbundenen Lärm nicht aufgeweckt worden sein sollte, obgleich zwischen dem Zimmer, in welchem vier der ermordeten Personen und unter ihnen die Thode'sche Tochter schliefen, und seinem eigenen Schlafzimmer nur die Küche lag. Angenommen aber auch, Timm Thode sei wirklich nicht wach geworden, so müßte man fragen, wodurch er denn wach geworden sei. Die in den Acten auf diese Frage enthaltene Antwort: der Feuerschein habe ihn geweckt, sei offenbar eine ungenügende. Thode's Unschuld vorausgesetzt, sei es unerklärlich, daß er, der robuste Mann, den Kopf vollständig verloren und seine Familie ganz vergessen haben sollte. Das Vorgeben Thode's, es sei ihm nicht erinnerlich, ob er gerufen, klinge unwahrscheinlich; die Behauptung, er habe geglaubt, daß seine Aeltern und Geschwister sich bereits gerettet hätten, sei keine genügende Entschuldigung. Auffällig sei es, daß Thode Bett und Kleidungsstücke nach dem Garten geschleppt habe, obschon das Haus, als er es verlassen, noch gar nicht gebrannt, der Wind aber von demselben abwärts gestanden habe. Es müsse befremden, daß Thode trotz seiner angeblichen sehr großen Bestürzung nicht allein seine Beinkleider angezogen, sondern auch die Tragbänder gehörig angeknöpft und sich mit Pantoffeln versehen habe. Räthselhaft bleibe, warum die angeblichen Mörder den Flüchtling, der doch schwer bepackt und leicht einzuholen gewesen sei, nicht verfolgt hätten? Ganz besonderes Gewicht aber legte die Relation auf die Versicherung der Verwandten mütterlicher Seite: es sei nicht denkbar, daß der alte Thode die beiden werthvollen Kästen seinem Sohne Timm anvertraut haben sollte. Es wurde gesagt: wenn zu beweisen sei, daß jene beiden Kästen nicht in Timm Thode's Schlafzimmer gestanden hätten, so werde sich dessen Unschuld kaum noch vertheidigen lassen. Als unverbesserliche Thatsache beklagte die Relation den Umstand, daß dem Thode, wenn seine Bewußtlosigkeit etwa doch eine simulirte gewesen sei, durch die Gespräche der während der Nacht des Verbrechens in seinem Zimmer aus- und eingehenden Personen der Befund auf der Brandstätte bekannt und damit seine spätere Aussage suppeditirt worden sei.

Es wurde nun ein neues Untersuchungsgericht, bestehend aus den beiden Referenten und einem Protokollführer, zur Wiederaufnahme der Untersuchung committirt, welches sich im Mai des Jahres 186? nach Itzehoe begab.

Die Untersuchung richtete sich von jetzt an ausschließlich und mit ganzer Energie gegen den überlebenden Timm Thode, der bereits nach dem ersten Verhör verhaftet wurde.

Der Angeschuldigte brachte genau dieselbe Erzählung vor wie früher, allein die neue Commission unterwarf, was er angab, einer scharfen Kritik. Es gelang, ihm in Betreff seiner Aussage über die Art und Weise, wie er Kleider und Betten aus dem Hause geschafft haben wollte, einen Widerspruch nachzuweisen. Er mußte in einem Verhör vom 16. Mai einräumen, daß er gelogen habe. Er bat deshalb um Verzeihung und versicherte, in allen andern Punkten die Wahrheit gesagt zu haben. Thode klagte zwar über sein unverdientes herbes Geschick, gab aber sonst im Gefängniß keine Unruhe oder Besorgniß kund. Er erfreute sich des besten Appetits und des gesündesten Schlafes.

Als ihn die Unterfuchungscommission einige Stunden nach jenem Verhöre besuchte, hielt er sein Mittagschläfchen. Auf die ernste Ermahnung, in sich zu gehen und der Wahrheit die Ehre zu geben, entgegnete er: »Mein Gewissen ist rein, ich kann ruhig schlafen.« Zwei Tage später nach einem abermaligen Verhör fand der Gefangenwärter den Timm Thode in einem sonderbaren Zustande. Der Gefangene hatte sein Mittagbrot mit Lust verzehrt, sich dann wie gewöhnlich zum Schlafen niedergelegt und noch um 4 Uhr nachmittags der Frau des Gefangenwärters seine Schüssel gereicht. Als der Kerkermeister ihm das Abendessen brachte, lag Thode stöhnend und schnarchend in seiner Zelle, er schwitzte stark und war weder durch Rufen noch durch Schütteln zu ermuntern. Der Arzt ward gerufen, aber auch seine Versuche, den Schläfer zu wecken, waren vergeblich. Der Arzt hob die Augenlider auf und bemerkte, daß sich die Augen vor den auf sie eindringenden Lichtstrahlen unruhig hin- und herbewegten. Er ließ Wasser und Siegellack bringen, spritzte von dem erstern dem Schläfer etliche male in das Gesicht und siehe da, er schlug die Augen auf, griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und rief jammernd: Mein Kopf, mein Kopf! Es wurde ihm Eis auf den Kopf gelegt und der Gefangenwärter angewiesen, bei ihm zu wachen. Die Nacht verging unruhig, der Patient schlief keinen Augenblick und fiel gegen Morgen aus seinem Bett auf die Erde. Er wurde wieder auf sein Lager gelegt, fiel aber bis früh 11 Uhr noch vier- bis fünfmal heraus.

Der Rest des Tages verlief leidlich, in der folgenden Nacht schlief Thode und die Krankheit schien gehoben zu sein. Am 21. Mai nachmittags 4 Uhr meldete der Gefangenwärter: Thode liege wieder neben seinem Bett auf der Erde und sei durchaus nicht zu bewegen, sich aufzurichten. Die Commission begab sich in das Gefängniß. Der Angeschuldigte war vollständig angekleidet, er lag längelang auf dem Boden, athmete schwer und rührte sich nicht. Gegen Rütteln und Schütteln zeigte er sich unempfindlich, als ihm aber die Lampe vor die Auyen gehalten wurde, zuckte er mit den Augenlidern. Zufolge eines gemeinsamen unwillkürlichen Impulses versetzte der eine Commissar dem Gefangenen einen Fußtritt und der andere zog ihm mit dem Stocke einen Hieb über den Hintern. Diese ebenso drastischen als zweckmäßigen Mittel schlugen an, der angeblich Ohnmächtige erhob sich, schaute um sich, und erzählte, ohne daß man ihn gefragt hatte: er sei beim Anziehen seines Rockes bewußtlos niedergefallen. Die Commissare befahlen ihm, sich gerade aufzurichten und nicht mit so weinerlicher Stimme zu reden. Er gehorchte sofort. Der Uebergang von der tiefsten Ohnmacht zum klaren Bewußtsein hatte kaum mehr als eine Minute in Anspruch genommen.

Am nächsten Morgen rapportirte der Gefangenwärter: die Krankheit sei bis auf etwas Kopfschmerz verschwunden. Das ärztliche Gutachten ging dahin, daß Timm Thode Bewußtlosigkeit und Krankheitserscheinungen nur erheuchelt habe. Beim Hinausfallen aus dem Bette hatte Thode die Füße gegen die untere Bettwand stemmend und den einen unter den Körper geschobenen Arm gewissermaßen als Hebel gebrauchend, zunächst den Oberkörper der Bettkante nahe gebracht und, nachdem er sodann mittels eines Ruckes den Steiß ebenfalls über die Kante hinausgeschoben, sich fallen lassen. Beim Hineinlegen hielt der anscheinend Ohnmächtige den Körper völlig steif, und erleichterte hierdurch das Aufheben. Im Bette ließen sich die Beine, welche anfangs über dasselbe hinausreichten, bequem unter die Decke krümmen. Hauptsächlich in diesen keineswegs automatischen, sondern auf einem geordneten zweckmäßigen Zusammenwirken der betheiligten Muskelgruppen beruhenden Bewegungen fanden die Sachverständigen den Beweis für die Simulation. Ueberdies entsprachen auch die verschiedenen an Thode beobachteten und von demselben angegebenen Symptome keineswegs einem einheitlichen, selbständigen Krankheitsbilde; sie waren von ganz verschiedenen Krankheitszuständen gleichsam zusammengeborgt. In der Aufeinanderfolge der Krankheitserscheinungen fanden sich nach dem Gutachten der Aerzte verbindungslose, den Naturgesetzen widersprechende Sprünge.

Man that dem Inculpaten Vorhalt und wollte von ihm das Zugeständniß haben, daß er simulirt habe. Er räumte indeß zuerst nur so viel ein, daß er die Herren Commissare schon beim Kommen an ihren Stimmen erkannt habe und folglich damals nicht bewußtlos gewesen sei. Er betheuerte, daß es ihm nicht in den Sinn kommen könne, solche Ehrenmänner zu hintergehen, gestand aber am Tage darauf zu, er habe sich bereits nach dem Verhör vom 18. Mai entschlossen, sich ohnmächtig zu stellen, damit man ihn in eine bessere Zelle bringe. Er blieb dabei, daß er in der Nacht des Verbrechens wirklich bewußtlos gewesen und an dem Verbrechen unschuldig sei.

Am 24. Mai kam man wieder einen Schritt vorwärts: Thode gab zu, er habe sich in der Mordnacht absichtlich an dem Nachbarhause niedergeworfen – aber unmittelbar darauf das Bewußtsein verloren und nicht bemerkt, daß man ihn hereingetragen habe. Nach etlichen Vorhalten corrigirte er sich: Ja, er habe sich nur »schlaff« gestellt und sich vorgenommen, im Nachbarhause so lange zu schlafen, als es ihm möglich gewesen sei. Er habe alles, was um ihn herum vorgegangen sei, vernommen. Der Trotz und die Verstocktheit des Gefangenen waren gebrochen, er hatte die Kraft nicht mehr, sein schreckliches Geheimniß festzuhalten. Auf die Frage: ob er das Verbrechen allein, oder mit Hülfe anderer verübt habe? antwortete er zwar noch: »Ich habe es nicht gethan, ich bin unschuldig«, aber auf die weitere Frage, wer es denn gethan habe? nannte er die Namen zweier Einwohner des seinem väterlichen Hofe zunächst benachbarten Dorfes, indem er folgende Erzählung daranknüpfte: Einige Zeit vor der That, an einem Sonntage, habe er auf der Kegelbahn mit den beiden Männern verabredet, daß die letztern gegen eine Belohnung von 10000 Thlrn. seine sämmtlichen Angehörigen ermorden und zur Verdeckung der That die Gebäude anzünden sollten. Sie seien übereingekommen, daß die That am Dienstag den 7. August abends vollbracht werden solle. Abends halb 11 Uhr hätten die beiden Mörder an das Fenster seines Schlafzimmers geklopft und wären von ihm durch den Pferdestall in das Haus gelassen worden. Im Stalle sei einer seiner Brüder, in der Knechtekammer seien die beiden andern im Schlafe mit starken Knitteln erschlagen worden. Dann seien die beiden Gesellen in das Schlafzimmer gegangen und hätten seine Aeltern, seine Schwester und den jüngsten Bruder in ihren Betten ermordet. Die Schwester habe sich gewehrt, sei aber mit einem Beile und einem Messer endlich stillgemacht worden. Zuletzt hätten sie die Dienstmagd mit dem Beil getödtet, dann in der Scheune und im Wohnhause Feuer angelegt und sich nachher entfernt. Er habe seine Hände nicht in Blut getaucht, sei aber in der Nähe geblieben und darauf bedacht gewesen, die beiden Kästen mit ihrem werthvollen Inhalte, Kleider und Betten zu retten. Auf dem Wege nach dem Nachbarhofe habe er noch eine Zeit lang auf dem Deiche gesessen, um zu warten, bis die Gebäude in hellen Flammen ständen und um sich zu überlegen, was er thun und was er sagen wolle. Es habe ihm in der Einsamkeit gegraut, deshalb sei er, noch ehe das Wohnhaus von der Flamme ergriffen worden, zu dem Nachbarhofe geeilt und habe sich mit den Worten: »Könnt ihr denn nicht hören, unser Haus brennt!« zur Erde niedergeworfen.

Die Commission schenkte dieser Erzählung natürlich nicht den geringsten Glauben, sie ermahnte den Inquisiten, er solle nicht unschuldige Leute bezichtigen, und machte ihm bemerklich, es sei unmöglich, daß das Verbrechen auf die von ihm angegebene Weise verübt worden; er, und zwar er allein, habe es ausgeführt. Nach einem letzten schwachen Versuche, die Wahrheit seiner Geschichte aufrecht zu halten, ging Thode mit einem offenen Geständniß heraus. Auf die Frage, ob er nicht seinen Bruder Johann zuerst erschlagen habe? erwiderte er: »Ja! Ich habe überhaupt alles allein gethan!« Nachdem er den Hergang in unzähligen Variationen dargestellt und immer wieder selbst in den unwichtigsten Punkten gelogen hatte, blieb er endlich bei der folgenden Aussage stehen, die im wesentlichen auch mit den anderweitig ermittelten Thatsachen übereinstimmt:

»Seit der Zeit, daß von uns Brüdern mehrere erwachsen waren und an den auf dem Hofe vorkommenden Arbeiten theilnehmen mußten, hat in meinem älterlichen Hause ewiger Unfrieden und Streit geherrscht. Mein Vater, ein strenger, verschlossener und wortkarger Mann, kümmerte sich wenig um uns, solange wir unsere Arbeiten ordentlich besorgten; meine Mutler dagegen, welche immer gut gegen uns war, hatte wenig oder nichts im Hause zu sagen. Mein ältester Bruder nahm, eben weil er der älteste war, eine gewisse Autorität über uns jüngere in Anspruch, welche wir uns indeß nicht gefallen lassen wollten. Von unserer Confirmation an haben wir streng arbeiten müssen, wogegen es von unserm Vater sehr ungern gesehen wurde, wenn wir einmal an einer Lustbarkeit theilnahmen. An eine gemüthliche, freundliche Unterhaltung war, auch wenn wir nach Feierabend in der Stube beisammensaßen, nie zu denken. Die meisten Streitigkeiten zwischen uns Brüdern kamen über die Vertheilung der Arbeiten her, bei welcher jeder den andern zu übervortheilen suchte. Ich war von jeher meinen Brüdern in der Arbeit nicht gewachsen, einmal weil ich nicht so stark war als jene und dann weil ich in ziemlich erheblichem Grade an Kurzsichtigkeit litt. Aus diesem Grunde wurde ich denn auch bei Vertheilung der Arbeiten immer gegen die andern zurückgesetzt, indem man mir die Tagelöhnerarbeiten anwies und namentlich mich niemals mit Pferden umgehen ließ.

»Dieser Umstand war am häufigsten der Anlaß zu Unzufriedenheit und Aufsässigkeit von meiner Seite und führte in der Folge fast täglich zu Streitigkeiten und oftmals auch zu Schlägereien. Dazu kam, daß ich von Jugend auf mit dem Leiden des nächtlichen Bettnässens behaftet war, was meinen Brüdern Anlaß zu häufigen Neckereien und Spöttereien gab. Durch diese Misverhältnisse wurde ich zunächst bewogen, bei fremden Leuten in Dienste zu treten. Wenn ich später von auswärts wieder nach Hause kam, ging es jedesmal anfangs eine Zeit lang besser, weil ich mich zusammennahm, bald indeß fingen die alten Geschichten von neuem an, sodaß die Spaltung zwischen meinen Brüdern und mir immer ärger wurde. Ich fing au, meinen Vater sowol als die Brüder zu hassen, weil ich mich unverdienterweise von ihnen zurückgesetzt glaubte. Als sie mir überdies wiederholt Diebstähle, welche meinem Vater und meinen Brüdern zugefügt wurden, schuld gaben und mich öfter «Spitzbube» nannten, erreichte diese Erbitterung den höchsten Grad. Im Sommer des Jahres 1866, nachdem ich im November 1865 von meinem letzten auswärtigen Dienste nach Hause zurückgekehrt war, kam mir, da alle bereits erwähnten Misverhältnisse wieder im höchsten Grade herrschten, zuerst der Gedanke: wie es sein würde, wenn ich meine sämmtlichen Angehörigen umbrächte. Von da ab hat mich dieser Gedanke eigentlich unausgesetzt verfolgt. Wohl trat derselbe einmal längere Zeit in den Hintergrund, jedoch nur, um bei jedem Anlasse mit neuer Kraft sich mir wieder aufzudrängen, bis er endlich eine solche Herrschaft über mich gewann, daß ich mich desselben gar nicht mehr erwehren konnte und er mich selbst in der Nacht nicht schlafen ließ. Im Juli, als wir alle im Zimmer beieinander saßen, traf ein Blitzschlag unser Haus. Dieses Ereigniß machte auf mich einen so lebhaften Eindruck, daß ich den bösen Gedanken völlig zu verbannen beschloß; allein jener Eindruck wurde bald verlöscht und der Gedanke kehrte in ganzer Stärke wieder. Ich malte mir aus, wie schön es sein würde, wenn ich Herr über das ganze Vermögen wäre, wie ich dann thun und lassen könnte, was mir beliebte, und nicht gezwungen wäre, wie ein Sklave zu arbeiten. Unter dem Eindrucke dieser verlockenden Bilder reifte der Gedanke zum Vorsatz. Am Sonntag vor der That auf dem Heimwege von einer Lustbarkeit entschloß ich mich, bei der nächsten günstigen Gelegenheit den Mord zu vollbringen. Diese Gelegenheit fand sich bald. Am Montag den 6. August nachmittags war mein Vater ausgefahren, ich und meine drei erwachsenen Brüder draschen auf der Hausdiele. Als wir damit fertig waren, stieg ich, mit einer schweren Handspake (ein keulenartiges hölzernes Instrument, welches man zum Heben und Stampfen benutzt) bewaffnet, in der Scheune auf den Hilgen (der über den Viehställen befindliche schmale Boden), lockte unsere beiden Hunde ebenfalls hinauf und forderte dann zunächst meinen ältesten Bruder auf, hinaufzusteigen, indem ich ihm vorspiegelte: die Hunde hätten da etwas. Wäre mein Bruder dieser Aufforderung gefolgt, so hätte ich zunächst ihn erschlagen und sodann der Reihe nach meine übrigen Brüder hinaufgelockt und sie getödtet. Mein ältester Bruder leistete indeß meiner Aufforderung keine Folge und ich gab deshalb meinen Plan für diesen Tag auf, oder richtiger, ich verschob die Ausführung auf den folgenden Tag. Ich hatte erfahren, daß meine Aeltern am Dienstag einen Besuch bei einem etwa eine Stunde von uns entfernt wohnenden Bekannten machen wollten und wußte, daß wir Brüder wieder dreschen sollten. Darauf baute ich meinen Plan.

»Als wir am Dienstag beim Mittagessen saßen, ordnete mein Vater an, daß mein nächstjüngster Bruder am Nachmittage für einen in dem nächsten Dorfe wohnenden Thierarzt Steine fahren, wir andern Brüder aber Roggen dreschen sollten. Etwa um 1 Uhr nachmittags, nachdem wir bereits unsern Mittagsschlaf gehalten hatten, fuhr der Wagen unsers Nachbars vor, um meine Aeltern abzuholen. Uebrigens habe ich den Wagen, weil ich mich auf der Dreschdiele befand, nicht selbst gesehen, sondern nur bemerkt, daß meine Aeltern und meine Schwester aus der Stube kamen, über die Vordiele gingen, und daß nur die letztere nach Abfahrt des Wagens zurückkehrte. Nicht lange nach meinen Aeltern verließ auch der Bruder, welcher Steine fahren sollte, den Hof. Ich wußte nicht, wann er zurückkehren würde, aber da der Vater zu ihm gesagt hatte, er sollte versuchen, ob er noch an demselben Tage fertig werden könnte, mußte ich annehmen, daß er mindestens bis zum Feierabend wegbleiben würde. Der jüngste Bruder war ein Stück mit den Aeltern gefahren, wir drei Aeltesten tranken gemeinschaftlich Kaffee und gingen dann an die Arbeit. Das Stroh von dem Roggen, welchen wir ausdroschen, sollte im nächsten Frühjahr zum Decken des Hauses verwendet werden und wurde daher erst rein gedroschen, dann zugestutzt abgeschnitten und in ziemlich große Bunde zusammengebunden in die Scheune getragen. Abends gegen sechs Uhr waren wir mit dem am Nachmittag gedroschenen Quantum so weit, daß es in die Scheune geschafft werden konnte. Nachdem jeder von uns vier Brüdern (mittlerweile war nämlich der jüngste Bruder, ein sehr kräftiger Junge von 14 Jahren zurückgekommen) eine starke Tracht auf den Nacken genommen hatte, gingen wir dem Alter nach, ich als der zweite, mit den Strohbunden in die Scheune. Hier angekommen warf ich meine Ladung rasch ab und beeilte mich, an meinem ältern Bruder vorüber und vor den andern wieder ins Haus zu kommen. Ich sah, daß höchstens noch drei Trachten Stroh übrig waren, daß also nur noch zwei Brüder mir nachkommen würden; nahm darauf rasch eine Ladung auf den Nacken und sah im Abgehen, daß der ältere Bruder gerade beschäftigt war, seine Tracht auf den Nacken zu nehmen, während der mittlere vor der Thür der Dreschdiele wartete, um mich vorübergehen zu lassen, und der jüngste erst aus der Scheune kam. Mit meiner Tracht in der Scheune angelangt, warf ich das Stroh hin, ergriff die von mir bereit gestellte Handspake und trat hinter die Thür. Mein ältester Bruder kam herein, ich ließ ihn an mir vorüber und versetzte ihm, als er im Begriff war, seine Last abzuwerfen, mit aller Kraft einen Hieb über den unbedeckten Kopf, infolge dessen er, nur noch mühsam die Worte ausstoßend: »Wat wullt du«, zusammenbrach. Ich gab ihm noch einige kräftige Schläge und bedeckte dann den leblosen Körper leicht mit Stroh. Kaum war ich damit fertig, als mein jüngster Bruder mit dem Reste des Strohs in die Scheune trat. Ich schmetterte die Handspake auf seinen Schädel nieder und er stürzte lautlos zu Boden. Ich deckte etwas Stroh über den Leichnam, begab mich in das Haus und forderte den dort anwesenden Bruder auf, mit in die Scheune zu kommen und uns das Stroh in den Hilgen schaffen zu helfen. Ich eilte voraus und stellte mich, die Waffe in der Hand, auf meinen frühern Posten. Mein Bruder ging an mir vorüber, ich holte zum Schlage aus, er bemerkte indeß meine Bewegung und duckte sich mit den Worten: «Wat schall dat!» Infolge dessen traf ihn die Handspake nicht auf den Kopf, sondern in den Nacken, er fiel jedoch nieder und ich wiederholte die Schläge, bis er todt war. Ich verbarg auch diesen Leichnam unter Stroh. Als mein Werk so weit gediehen war, ging ich ins Haus und zog alte Beinkleider an. Ich wollte meine Hosen bei der Arbeit, die ich vorhatte, nicht beschmuzen und sie später wieder anziehen, damit die an jenem Tage in unserm Hause arbeitende Nähterin bezeugen könnte, daß ich meine Alltagsbeinkleider getragen hätte. Ich ging wieder in die Scheune zurück, verschloß sämmtliche Thüren und machte mich dann daran, die Leichen auf den Hilgen zu schaffen. Zunächst indeß durchsuchte ich die Taschen meiner Brüder und nahm dem einen Schlüssel, Uhr und Messer, dem andern eine Geldtasche mit reichlich 12 Thlrn. ab. Um mir das Hinausschaffen der Leichen auf den Boden möglichst zu erleichtern, machte ich aus dem Stroh, welches neben dem Kuhstalle lag, eine schiefe bis an den Hilgen reichende Ebene und kenterte die Leichen eine nach der andern, indem ich sie bei den Beinen anfaßte, so weit hinauf, daß die Füße die Höhe des Hilgens erreichten, dann stieg ich hinauf und zog die Körper auf den Hilgen. Dies war ein äußerst saures Stück Arbeit, bei welchem ich stark in Schweiß gerieth. Nachdem es vollbracht war, verschloß ich die sämmtlichen Thüren der Scheune und kehrte ins Haus zurück. Hier zog ich über meine namentlich an den Knien stark mit Blut beschmuzten Hosen eine meinem ältesten Bruder gehörige grauleinene Ueberziehhose, sogenannte Pumphose, legte Rock und Stiefeln an, setzte meine Mütze auf und begab mich hierauf mit einem Spaten versehen nach dem Außendeiche, als ob ich dort etwas zu thun hätte, in Wirklichkeit aber, um mich auf diesem Gange etwas zu erholen und darüber nachzudenken, was ich nun weiter beginnen sollte. Auf der Diele begegnete ich meiner Schwester, ich log ihr vor, daß die Brüder sich zu den Schafen begeben hätten. Am Außendeiche vergrub ich die Uhr meines ältesten Bruders und die Geldtasche, welche ich dem andern Bruder genommen hatte. Meine Absicht war, so lange fortzubleiben, bis die Nähterin das Haus verlassen haben würde. Als ich gegen 8 Uhr wieder hineinkam und durch das Fenster blickend die Nähterin noch immer im Wohnzimmer sitzen sah, trat ich an die auf der andern Seite des Hauses befindlichen Stachelbeerbüsche. Das Nähmädchen sollte mich beim Herauskommen sehen und denken, daß ich Stachelbeeren pflückte. Sie kam auch bald darauf, ich wünschte ihr Gute Nacht, zog dann, wie ich dies immer zu thun pflegte, meinen Rock aus und aß mit meiner Schwester und dem Dienstmädchen Abendbrot. Ich aß wenig, weil es mir nicht danach zu Muthe war. Während des Essens erzählte ich meiner Schwester nochmals, daß die Brüder zu den Schafen gegangen wären, sie erwiderte: «Der Vater wird böse sein, wenn er das erfährt.« Nach dem Abendbrot verließ ich das Zimmer, zog die Ueberziehhosen, welche das Blut verdeckten, aus und meinen Rock wieder an, nahm aus der in meinem Schlafzimmer stehenden Kommode ein reines weißes und ein flanellenes Hemd, welche ich in meinem Bette verbarg, setzte mir auf der Diele ein Paar reine, ganz neue Pantoffeln bereit und ging in das Wohnzimmer zurück. Hier saß ich mit meiner Schwester noch etwa eine halbe Stunde im Halbdunkel, über die weitere Ausführung der That nachsinnend, bis ich endlich einen Wagen kommen hörte. Ich begab mich darauf hinaus, um den in der Nähe unsers Hauses befindlichen Schlagbaum zu öffnen; mein Bruder, der vom Steinefahren zurückkehrte, war jedoch schon hindurch. Dicht hinter ihm her kam auch der Wagen unsers Nachbars, welcher meine Aeltern bei unserm Hause absetzte und dann sogleich wieder fortfuhr. Auf das Geheiß meines Vaters schloß ich den Baum. Während mein Bruder noch bei seinem Wagen beschäftigt war, gingen die Aeltern in das Haus. Ich öffnete eine Seitenthür der Scheune, hakte von innen die große Thür los und rief meinem Bruder zu, er möge mir helfen, den Wagen etwas weiter zurückschieben, weil ich sonst die Thür nicht zumachen könnte. Als er meiner Aufforderung entsprechend auf die Scheune zukam, stellte ich mich, mit der früher von mir gebrauchten Handspake bewaffnet, hinter die geschlossene Hälfte der Thür und gab ihm beim Eintreten einen Hieb über den Kopf, er stöhnte und pustete, deshalb schlug ich noch mehreremal auf ihn ein. Sodann faßte ich ihn an den Beinen und schleppte ihn bis an die Stelle, wo die übrigen auf dem Hilgen lagen, damit er nachher zur Hand wäre. Er athmete zwar noch, konnte aber nicht mehr schreien. Er hatte, als er in die Scheune kam, eben seine Pferde auf die Weide gebracht und hielt noch die beiden Halfter in der Hand. Ich nahm einen dieser Halfter und ging nach der hinter der Hofstelle gelegenen Weide. Hier fing ich mir eins der Pferde ein, band es an einem in der Wand des Hauses befindlichen Ringe fest und zog es in den Pferdestall. Darauf rief ich über die Diele meinem Vater, welcher sich in der Wohnstube entkleidete, zu, er möge doch einmal in den Stall kommen: der Hartwig (das war der Name des Pferdes) sei über den Graben gesprungen, habe sich mit dem Hengste geschlagen und zittere nun so stark, daß ich fürchtete, er habe Verletzungen davongetragen. Meine Absicht war, den Vater mit der Handspake zu erschlagen, während er das Pferd untersuchte. Dieser Plan wurde indeß vereitelt, denn der Vater kam nicht allein, sondern meine Schwester begleitete ihn mit einem Lichte in der Hand. Der Vater besichtigte das Pferd und befahl mir, da er natürlich nichts Verdächtiges fand, dasselbe wieder auf die Weide zu bringen. Offenbar hatte er jedoch meiner Geschichte vollen Glauben geschenkt. Bevor ich mit dem Pferde fortging, sagte ich zu meinem Vater, er möchte nur sämmtliche Hinterthüren zumachen, ich wollte noch nach den Ochsen sehen, welche in das Korn gegangen wären; die andern Jungen wären auch schon dort. Nachdem ich mein Pferd wieder auf die Weide gebracht hatte, trieb ich mich so lange auf der Hofstelle umher, als erforderlich gewesen wäre, um nach den Ochsen zu sehen. Dann trat ich an das Fenster des Zimmers, in welchem meine Aeltern schliefen, und rief von außen meinem Vater zu: wir könnten die Ochfen nicht aus dem Korne kriegen, er sollte uns helfen und gleich ein Bret mitnehmen, um die Einfriedigung wieder auszubessern. Mutter und Schwester schienen schon zu Bette gegangen zu sein, denn ich sah nur meinen Vater im Zimmer, Er gab mir zur Antwort: «Ja, dann muß ich ja mit», kam durch die Küchenthür heraus und nahm eins von den Bretern, welche auf der Hofstelle lagen, unter den Arm. Ich ließ ihn an mir vorübergehen und folgte ihm, die Handspake auf der Schulter. Wir gingen über die Hofstelle und den Düngerplatz, wo ich des schlüpfrigen Bodens wegen mein Vorhaben nicht auszuführen wagte, nach der Weide zu. Hier angekommen, warf ich das Bret, welches ich trug, zur Erde und versetzte meinem Vater, der sich durch das Fallen des Bretes erschreckt, umsah, einen Schlag auf die rechte Seite des Schädels. Er sank nieder, ohne einen Laut auszustoßen. Ich gab ihm noch etliche Schläge, dann ging ich zurück und holte mir einen Spaten und einen Schubkarren. Ich lud den Leichnam auf den Karren, stach mit dem Spaten die Grasnarbe aus, soweit sie blutig geworden war, warf das ausgestochene Stück nebst dem Spaten und der Handspake ebenfalls in den Karren und schaffte meine Ladung in den Pferdestall. Nun beschloß ich, die beiden Hunde umzubringen. Sie waren mir sehr zugethan und kamen auf meinen Lockruf zu mir. Den einen hing ich an einem Stricke auf, dem andern brachte ich mit einem Messer einen Schnitt in die Kehle bei. Er stieß ein entsetzliches Geheul aus, sodaß ich ihn loslassen mußte. Meine Mutter und meine Schwester eilten in die Hausflur und frugen mich, was denn vorginge? Ich antwortete: »Es ist nichts los.« Sie gingen wieder fort. Aus dem Eisenschranke auf der Diele nahm ich hierauf eine zum Zerlegen des Fleisches benutzte sehr scharfe Axt und begab mich in das Schlafzimmer, dessen Thür ich hinter mir zuschloß. Die Mutter stand neben dem Tische am Ofen und sah durch das Fenster hinaus. Sie drehte mir den Rücken zu, sodaß ich mich unbemerkt nähern und sie von hinten mit der Axt über den Schädel hauen konnte. Schwer getroffen sah sie sich um und fiel mit den Worten: »Wat wullt du!» nieder. Meine Schwester hatte den Vorgang bemerkt, wie der Blitz sprang sie aus dem Bett und faßte mich unterhalb der Arme um den Leib. Ich wandte mich nun zunächst gegen meine Schwester Anna, welche mir viel zu schaffen machte. Die Axt mit der linken Hand haltend, stieß ich sie zunächst mit dem Stiel von mir und hieb dann vielemal mit der Schneide auf sie ein. Sie hielt sich trotz aller Wunden auf den Beinen, packte mich wiederholt an dem Oberhemde und an den Armen. Ich nahm deshalb aus einem auf dem Tische stehenden Brotkorbe ein starkes, spitzes Messer und stach und schlug nun abwechselnd mit Axt und Messer auf sie ein. Nach verzweifelter Gegenwehr erlag sie endlich. Während des Kampfes rief sie fortwährend in den jammervollsten Tönen: «Ach laß mich doch leben; du machst mich ja todt, ich habe dir ja nichts gethan; mein bester Timm.« Als ich mit der Schwester fertig war, bemerkte ich, daß meine Mutter noch lebte. Sie lag röchelnd an der Erde und stieß die Worte heraus: «Ach Timm, laß mich doch, ich habe dir ja nichts gethan, laß mich doch leben!» Ich machte sie durch einige Schläge mit der Axt stumm und verließ das Zimmer. Außer mir war nur noch eine einzige Person im Hause am Leben, die Dienstmagd. Sie lag in ihrer Kammer und schlief. Ich schlich mich leise an ihr Bett, fühlte mit der Hand, wo der Kopf lag und schlug dann mit der Axt zu. Das Mädchen wimmerte leise und verschied, ohne zum Bewußtsein zu kommen.

»Der Mord war vollbracht, es galt nunmehr der Entdeckung vorzubeugen.

»Ich beschloß, die Leichen meiner Brüder in das Wohnhaus zu schaffen, stieg zu diesem Zwecke auf den Hilgen und warf die dort oben liegenden todten Körper kopfüber hinunter auf das Stroh. Dann schleppte ich den einen nach dem andern in das Haus, indem ich sie um den Leib faßte und die Beine nachschleifte. Den jüngsten Bruder legte ich in das Bett im Wohnzimmer, den ältesten in die Knechtekammer, die beiden andern in den Pferdestall. Eigentlich wollte ich alle in ihre Betten schaffen, damit sie vollständig verbrennen sollten, aber es fehlte mir an Zeit und an Kraft. Beim Fortschaffen des zuletzt erschlagenen Bruders bemerkte ich noch schwache Regungen, ich ergriff deshalb einen vor dem Fenster liegenden Hammer und zertrümmerte ihm den Schädel. Ich nahm aus der Tasche seiner Kleider ein Messer und die Geldbörse und legte ihn dahin, wo das Stroh in bedeutender Menge aufgehäuft war. Die Leiche meines Vaters, die sich noch auf dem Schubkarren befand, schleppte ich in das Wohnzimmer und legte sie in das Bett. Vorher hatte ich aus den Hosentaschen den Geldbeutel und die Schlüssel genommen. Den Leichnam meiner Mutter warf ich über den meines Vaters und den der Schwester zu dem des jüngsten Bruders in das Bett. Nach dieser äußerst anstrengenden Arbeit ging ich daran, mich gründlich zu reinigen. Zu dem Ende begab ich mich in die Küche, wo 4–5 Eimer Wasser standen. Mit einer hölzernen Schale aus den Eimern schöpfend wusch ich mir zunächst den Oberkörper gründlich rein, zog dann in meinem Schlafzimmer das am Nachmittage bereit gelegte flanellene Hemde an und wusch mir die Beine, die Füße und die Hände. Zum Abtrocknen benutzte ich zwei in der Küche hängende Handtücher. Als ich fertig war, warf ich die blutigen Kleider auf einen Haufen und deckte Stroh darüber. Ich zog die Hose an, welche ich am Nachmittage abgelegt hatte, warf das weiße Hemde über das flanellene, band ein reines Halstuch vor und überzeugte mich vor dem Spiegel, daß ich ganz rein war. Nun überlegte ich, was ich alles mitnehmen wollte. Ich öffnete den Schrank, in welchem mein ältester Bruder sein Geld aufzuheben pflegte, und nahm einen Beutel und eine Börse heraus, aus dem Kleiderschranke holte ich die beiden Blechkasten und eine Pappschachtel. Mit allen diesen Sachen begab ich mich, ein brennendes Licht in der Hand, in die Knechtekammer. Ich verschloß Fenster und Thüren und packte in den Kasten, in welchem die Dokumente lagen, das baare Geld, in den andern das in der Pappschachtel befindliche Silber. Die Geldtaschen meiner Brüder und die Messer warf ich weg, die Schachtel ließ ich liegen, die Kasten aber schloß ich fest zu. Während ich mit dieser Arbeit beschäftigt war, schien es mir, als ob jemand mit dem Finger an das Fenster pochte, ich erschrak und blies das Licht aus. Ich trug die beiden Kästen in mein Schlafzimmer und legte noch die Sparbüchsen meiner Schwester und meines jüngsten Bruders hinein, die in einem Secretär standen. Da ich bemerkte, daß meine Uhrlitze entweder vom Wasser oder vom Blute naß geworden war, vertauschte ich sie mit einer andern und schickte mich nun an, die Kleider in Sicherheit zu bringen. Ich holte auf zweimal so viele aus den Schränken im Wohnzimmer, als ich tragen konnte, räumte auch den Schrank in meinem Schlafzimmer aus und legte die ganze Masse auf den Tisch.

»Im Wohnzimmer lag ein Bund Streichhölzer, ich nahm es an mich, ging in die Scheune, brannte mit einem Zündholz das Stroh an und verschloß die Scheune. Hierauf warf ich eine Tracht Stroh, welche auf der Diele lag, auf das Bett in der Knechtekammer und zündete es an.

»Im Wohnzimmer zog ich das Stroh unter den Betten vor, holte noch etliche Bunde von der Diele, warf sie neben die Betten und legte Feuer an. Die Thüren verschloß ich, damit der Feuerschein nicht so schnell hervorbrechen sollte. Nun kehrte ich in mein Schlafzimmer zurück, vertauschte die alten blutigen Pantoffeln mit den neuen, die ich parat gesetzt hatte, und legte mich in mein Bett. Aber es graute mir vor mir selbst; als ich von der in Flammen stehenden Scheune den Hof erhellt sah, öffnete ich ein Fenster, warf Bett und Kleider hinaus, stellte die beiden Kästen auf die Fensterbank und sprang dann hinunter. Einen Theil der Kleider sowie das Bett trug ich in den Obstgarten, die übrigen Kleider und die beiden Kästen nahm ich zu mir und verließ den Hof. Auf dem Wege nach dem Nachbarhofe saß ich eine Zeit lang auf dem Deiche, ich wollte warten, bis das Wohnhaus in Flammen stünde, hielt es aber doch nicht so lange aus, weil es mich unwiderstehlich trieb, zu Menschen zu kommen. Am Nachbarhause angelangt, klopfte ich zweimal an die Küchenthür, rief: »Unser Haus brennt, könnt ihr denn nicht hören?« und warf mich dann zur Erde. Während ich anscheinend bewußtlos im Bette lag, habe ich aus den Gesprächen der Leute, welche aus- und eingingen, erfahren, was sich später auf der Brandstätte ereignet und was man auf derselben gefunden hatte.«

So lautete im wesentlichen das Geständniß des Mörders. Es stimmte, wie wir schon sagten, mit den sonst bewiesenen Thatsachen überein, indeß wurde es nicht in allen Punkten bestätigt, z.B. in Betreff seiner Angabe über das Vergraben einer Uhr nebst Geldtasche im Außendeiche. Anfänglich behauptete Thode, er könne die Stelle, wo er die Sachen vergraben, nicht mehr genau bezeichnen, weil er damals zu sehr von seinen Mordgedanken eingenommen gewesen sei und nicht darauf geachtet habe. Endlich ließ er sich herbei, den Ort genau zu beschreiben. Es wurde nachgegraben, man fand jedoch nichts und der Angeschuldigte gestand, daß er gelogen habe, und gab eine andere Stelle als die richtige an. Er wurde selbst dahin geführt und man erkannte sofort, daß dort im letzten Sommer nicht gegraben sein konnte, denn das Gras war fest mit dem Boden verwachsen. Er blieb dabei, man solle nur suchen. Als eine Strecke von 1 ½ Ruthen Länge und 2 Fuß Breite aufgegraben war, erklärte er, er müsse sich doch geirrt haben, die Sachen müßten an dem und dem Orte liegen. Man grub von neuem, aber wieder umsonst, Thode sagte: man solle nur aufhören, er habe sich eben nochmals geirrt. Alle Versuche, ihn zur Angabe der Wahrheit zu vermögen, waren umsonst.

Thode wurde auf die väterliche Hofstätte geführt und bezeichnete daselbst mit vollkommener Ruhe die Stellen, an welchen er Vater und Brüder erschlagen. Es ergriff ihn nicht im mindesten, daß er den Schauplatz seiner schrecklichen Thaten wiedersah, vielmehr benutzte er jeden unbewachten Augenblick, um nach den Arbeitern, welche beim Neubau des Wohnhauses beschäftigt waren, und nach den vorübergehenden Leuten zu schielen. Noch an demselben Tage räumte Thode, nachdem er nach Itzehoe zurückgebracht worden war, ein: er habe die Commission nach dem Außendeiche genarrt und sehr wohl gewußt, daß die Uhr sich dort nicht befinde. Er nannte einen Ort im Obstgarten als denjenigen, wo er die Sachen verscharrt habe, unmittelbar darauf aber widerrief er auch diese Angabe und war zu keiner andern Aussage zu bewegen, als daß er nicht wisse, wo er mit der Uhr geblieben sei. Die Commission nahm an, der Inculpat habe mit der Uhr noch andere Gegenstände vergraben, an deren Nichtauffindung ihm gelegen sei, und überhaupt müsse er noch etwas zu verbergen haben, vor dessen Bekenntniß ihm selber graue.

Im Laufe der Untersuchung bekannte sich der Inculpat noch zu einer ganzen Reihe von Verbrechen. Das schwerste derselben war die Brandstiftung in der Mühle, auf welcher er im Jahre 1864 einige Wochen gearbeitet halte. Während sein Principal einen Tag abwesend und nur das Dienstmädchen mit den Kindern zu Hause war, schlich er aus der Mühle, in welcher er mit einem Lehrling beim Behauen eines Mühlsteins beschäftigt war, unter dem Verwände, nach dem Mehlsack sehen zu wollen, in das Wohnhaus, setzte das auf dem Boden lagernde Stroh mittels eines Zündhölzchens in Brand und begab sich dann in die Mühle und an die Arbeit zurück. Als Motiv für diese That gab er an, daß er es auf der Stelle nicht habe aushalten können, weil der Mehlstaub seine Lungen belästigt habe. Ohne einen plausibeln Grund habe er seinen Dienst nicht verlassen wollen, einen solchen Grund nicht gehabt und deshalb Feuer angelegt. Bei der Richtung des Windes sei es nothwendig gewesen, daß die Mühle zugleich mit dem Wohnhause habe abbrennen müssen. Timm Thode rettete die ihm gehörigen Sachen, sein Dienstherr dagegen, der nicht versichert war, verlor fast alles.

Weiter gestand der Angeschuldigte, im Jahre 1865, als er auswärts diente, einem Fleischergesellen eine Summe Geldes, circa 50-60 Mark, entwendet zu haben. Dies führte er so aus, daß er abends unbemerkt einen an der Hinterthür des ihm wohlbekannten Nachbarhauses befindlichen Riegel zurückschob, dann kurz vor Mitternacht, nachdem er seine Schuhe mit einem alten Sacke umwunden hatte, vom Hause seines Dienstherrn aus durch die geöffnete Thür in die Kammer des daselbst schlafenden Gesellen schlich und hier mittels des Schlüssels, welchen er vorher aus dem vor dem Bette liegenden Beinkleide genommen hatte, aus einem auf dem Tische stehenden Kasten das Geld entwendete. Der Verdacht der Urheberschaft an diesem Diebstahle fiel auf eiuen Nebengesellen des Bestohlenen.

Außerdem räumte der Inculpat ein, daß er sowol seinen Vater als seine Brüder wiederholt bestohlen habe. So bekannte er namentlich, um Weihnachten 1865 einem seiner Brüder eine Summe Geldes in folgender Weise entwendet zu haben: Er kehrte in der Nacht von einem Gelage heim, stieg durch das Fenster, und nahm aus der daselbst stehenden Lade seines Bruders die Summe von 40 Mark und erzählte, es sei ihm dicht vor dem Hause ein Mann begegnet, welcher in sein Schlafzimmer eingebrochen sein müsse, denn er habe daselbst die unzweideutigen Spuren eines Diebstahls entdeckt. Um sein Märchen glaubwürdiger zu machen, hatte er Kleider zusammengerafft, sie in Bündel gebunden und in das Zimmer geworfen, als ob jemand beim Stehlen überrascht worden wäre.

 

Nach dem Morde, in der Zeit vom August 1866 bis zum Mai 1867 lebte Thode, wie uns bekannt ist, theils in Itzehoe, theils in einem Dorfe nahe bei der Stadt. An den ländlichen Arbeiten seines Hauswirths nahm er theil, soviel er Lust hatte. Er besuchte die Märkte und die Lustbarkeiten in der Umgegend und schaffte sich an, was ihm gefiel. Das Vermögen wurde zwar administrirt, aber Timm holte sich vom Administrator Geld, so oft er dessen bedurfte. Er lebte so still und so gleichmüthig, daß alle, die mit ihm verkehrten, darin übereinstimmten: so benehme sich kein schuldbeladener Mensch. In den ersten Tagen seiner Haft klagte er über sein herbes Geschick, indeß er fand sich schnell in seine Lage. Bis an sein Ende erfreute er sich eines vortrefflichen Appetits und eines gesunden Schlafes, seinen Gleichmuth verlor er nur auf Augenblicke. Nicht selten hörte der Gefangenwärter aus Thode's Zelle einen lustigen Gassenhauer herüberklingen und auf seine Vorstellungen, daß dergleichen Gesänge für ihn sehr unschicklich wären, erwiderte der Gefangene: »Freuet Euch des Lebens etc.« seien doch ganz hübsche, anständige Lieder. Von Niedergeschlagenheit oder gar von Zerknirschtsein nahm niemand etwas wahr.

 

Die Untersuchung wurde mit dem letzten Tage des Juni geschlossen, sie hatte nur acht Wochen gedauert. Am 1. September 1867 trat die Verordnung betreffend das Strafrecht und das Strafverfahren in den neuerworbenen preußischen Provinzen in Kraft, und am 25. Januar 1868 wurde das erste Schwurgericht in Itzehoe gehalten. Nahm dieses neue Institut schon an sich das Interesse der Bevölkerung in hohem Grade in Anspruch, so wurde die Theilnahme noch beträchtlich dadurch gesteigert, daß zwei Mörder vor die Schranken gestellt wurden, namentlich zog der letzte Tag, wo der Proceß Thode verhandelt wurde, ganze Scharen von Neugierigen nach Itzehoe.

Der Andrang zum Schwurgerichtssaale war so stark, daß die Eintrittskarten, welche am Tage vorher auf dem Bureau der Staatsanwaltschaft ausgegeben werden sollten, aus dem Fenster auf die Straße hinabgeworfen werden mußten, weil zu befürchten stand, daß unter dem Anstürmen der Bewerber Thüren und Treppen brechen würden. Am Tage der Sitzung selbst war früh morgens nicht blos der Saal mit Menschen angefüllt, sondern auch der vor dem Hause befindliche freie Platz von einer zahllosen Menge besetzt, welche bis zum Schlusse der Verhandlung aushielt.

Der Angeklagte, ein starker, robuster Mann, mit plumpen Händen und Füßen, auffallend starken, wulstigen Lippen und kleinen Augen, in allen Bewegungen wie im Sprechen äußerst schwerfällig, hatte durchaus nichts von dem Helden einer Criminalnovelle; jeder Unbefangene mußte ihn für einen äußerst beschränkten, plumpen, übrigens aber harmlosen Bauerburschen ansehen. Er saß in schwarzes Tuch gekleidet, mit stark geröthetem Gesichte, augenscheinlich unbehaglich berührt von den vielen auf ihn gerichteten Blicken, auf der Anklagebank. Beim Verlesen der Anklageschrift hörte er mit gespannter Aufmerksamkeit zu und erklärte auf die Frage, ob er sich dessen schuldig bekenne, was ihm in der Anklageschrift zur Last gelegt sei: Abgesehen von einigen unwesentlichen Unrichtigkeiten in Betreff der Ausführung der That, verhalte sich alles so, wie es in der Anklage angegeben sei. Die ihm weiter im speciellen vorgelegten Fragen beantwortete der Angeklagte bald in kürzern Antworten, bald auch in längerer Rede mit vollkommener Ruhe. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob ihn nicht außer dem Hasse gegen Vater und Brüder auch der Wunsch, sein väterliches Vermögen und namentlich den Hof allein zu besitzen, mit zu dem Verbrechen getrieben habe, erwiderte er: »Ja, darum habe ich es ja gerade gethan!« Am Schlusse seiner Vernehmung beantwortete Thode die Frage, ob er nun nichts mehr auf dem Herzen und dem Gerichte zu offenbaren habe, dahin: »In allen wichtigen Punkten habe ich die Wahrheit gesagt, wenn aber in Nebendingen sich nicht alles so verhält, wie ich angegeben, so ist dies Wider meinen Willen geschehen.«

Während des Verhörs zeigte sich in seinem Benehmen keine Spur, aus der man auf eine innere Unruhe oder gar Erschütterung hätte schließen können, nur schien er über die Schilderung des Kampfes mit Mutter und Schwester möglichst kurz hinwegkommen zu wollen. Er äußerte, es habe ihm wehe gethan, auch diese beiden tödten zu müssen, allein es sei ihm keine Wahl geblieben.

Der Vertheidiger hatte nichts Erhebliches vorzubringen, das Verdict der Geschworenen lautete auf » schuldig des achtfachen Mordes sowie der wiederholten Brandstiftung«, und das Erkenntnis; des Gerichtshofes auf » Todesstrafe durch das Beil«. Die Verkündigung des Urtheils machte, wie es schien, keinen sonderlichen Eindruck auf den Angeklagten. Bei seiner Abführung aus der Sitzung in das Gefängniß sagte er zu dem Gefangenwärter: » Das war 'ne böse Tour

Die Stimme des Volkes forderte gebieterisch, daß die Todesstrafe nicht allein erkannt, sondern daß sie auch vollzogen würde. Schien es doch eine kaum genügende Sühne, wenn diesem Ungeheuer der Kopf vor die Füße gelegt würde.

Der König bestätigte das Urtheil und der Delinquent wurde nach Glückstadt transportirt, um dort im Gefängnißhofe hingerichtet zu werden.

Bis zur Schwurgerichtssitzung hatte Timm Thode geistliche Zuspräche sich zwar gefallen lassen, aber was ihm gesagt wurde, ohne alles Verständniß mit angehört. Als er zum Tode verurtheilt war, legte er ein lebendigeres Interesse für religiöse Dinge an den Tag und überraschte den Geistlichen oft durch seine Aeußerungen und seine Fragen.

Er bewahrte bis zum letzten Moment seine merkwürdige Ruhe, genoß noch wenige Stunden vor der Execution seinen Morgenkaffee nebst Brot mit Appetit und schlief auch in der letzten Nacht einige Stunden. Je näher sein Tod herbeikam, desto mehr beschäftigte er sich mit der Heiligen Schrift; die Tröstungen der Religion wurden sein liebstes, fast einziges Gespräch. Er versicherte dem Gefangenwärter zu wiederholten malen: er wisse, daß er mit seinem Gotte ausgesöhnt sei und völlig ergeben der letzten Stunde entgegensehe. Die Hinrichtung war auf den 13. Mai 1868 angesetzt. Timm Thode wusch sich früh morgens und sagte zum Gefangenwärter: er wolle sich nicht erst weiter anziehen (er war nur mit Hemde, Hosen und Pantoffeln bekleidet), das sei ja unnöthig und er könne gleich so hinuntergehen. Auf Zureden zog er jedoch Strümpfe und Stiefeln an und betrat in Begleitung zweier Geistlichen und unter dem Geläute des Armensünderglöckchens den Richtplatz, wo das Gericht, der Staatsanwalt, die als Zeugen deputirten Bürger, der Scharfrichter und dessen Knechte seiner warteten. Der Delinquent sah roth aus, wie gewöhnlich, man spürte keine merkliche Erregung an ihm. Er war offenbar im vollen Besitze seiner Seelenkräfte. Von Gerichts wegen wurde ihm noch einmal das Erkenntniß vorgelesen. Auf die Frage, ob er noch etwas auf der Seele habe, was er mittheilen möchte, antwortete er: »In der Hauptsache habe ich die volle Wahrheit gesagt; sollte ich in Nebendingen nicht alles so angegeben haben, wie es geschehen ist, so ist das wider meinen Willen geschehen. Ich weiß, daß mein Gott mir vergeben hat, und hoffe auf meinen Erlöser.« Hierauf kniete er zwischen den beiden Geistlichen nieder, es wurde ein lautes Gebet gesprochen und Timm Thode fing an stark zu zittern, wir wissen nicht, ob infolge der Stellung, ob vor Kälte oder vor innerer Aufregung. Der Staatsanwalt übergab den Missethäter unter Vorzeigung der königlichen Namensunterschrift dem Scharfrichter. Timm Thode warf die Oberkleider ab, war den Knechten behülflich, seinen Körper festzuschnallen, dann legte er ruhig den Kopf auf den Block, das Beil zischte durch die Luft und das Haupt war vom Rumpfe getrennt.

 

Wenn wir es zum Schlusse dieser Darstellung noch für unsere Aufgabe erachten, uns auf Grund der Acten und zuverlässiger mündlicher Mittheilungen thunlichst klar zu werden über die Persönlichkeit des Timm Thode, über die Motive seiner That und eine vor seinem Ende etwa eingetretene innere Umwandlung, so hoffen wir, dadurch den Wünschen unserer Leser zu entsprechen. Erfahrungsmäßig liegt für die menschliche Natur ein eigenthümlicher Reiz darin, sich selbst in ihrer Entartung anzuschauen. Die gleiche Art bringt von selbst die Möglichkeit gleicher Entartung mit sich; das ist der Grund jenes geheimnißvollen Reizes: jeder fühlt, bewußt oder unbewußt, den Anreiz in sich, nach irgendeiner Richtung hin die dem Menschen durch das Gesetz, durch das Recht und die Sittlichkeit gezogenen Schranken zu überschreiten, und ist eben darum, wenn er alle eine verbrecherische Handlung begleitenden Umstände kennt, befähigt, den Vorgang in der Seele des Verbrechers von der ersten, kaum bewußten Regung bis zur Ausführung der That zu verfolgen, das Verbrechen in seiner Entstehung psychologisch zu begreifen. Dieses allgemein menschliche, nicht so sehr das juristische Interesse ist es auch gewesen, welches in so weiten Kreisen die Aufmerksamkeit auf den Proceß »Thode« gezogen hat. Um unsere Aufgabe lösen zu können, ist es unerläßlich, zunächst mit einigen Worten auf Lebensweise und Charakter unserer ländlichen Bevölkerung überhaupt und speciell der Klasse einzugehen, welcher Thode angehörte.

Das Leben unserer Bauern sieht in der Wirklichkeit ganz anders aus, als es sich in der Phantasie der Novellisten spiegelt, der Charakter unserer Landbevölkerung ist oft idealisirt worden. In der neuesten Zeit kann überhaupt von einem eigenartigen Charakter der Bauern im allgemeinen kaum mehr die Rede sein. Vor dem nivellirenden Streben der Jetztzeit schwindet sowol das Originale des Individuums wie das Charakteristische des Standes mehr und mehr. Wo alle Kräfte des einzelnen in Anspruch genommen werden, fehlt es dem Individuum an der Muße zur eigenartigen Entwickelung. Jede Arbeit dient jetzt dem Weltverkehr, jeder Stand mit seinem Schaffen ist nur noch ein ununterschiedener Factor in der Gesammtkraft der Production. Wo aber die Arbeit nicht mehr eigenartig ist, da kann dieselbe auch in ihrer Rückwirkung auf den Arbeiter nicht mehr eigenartig bilden. Das zeigt sich ganz besonders bei dem Stande, welcher sich am längsten seine Eigenthümlichkeiten bewahrt hat, bei dem Bauernstande. Auch dieser begnügt sich nicht mehr mit der bloßen Production, sondern tritt allmählich dem Handelsstande, dem eigentlichen Apostel des allgemeinen Menschenthums, immer näher. Allein es lebt doch immer noch ein ansehnlicher alter Stamm im Bauernstande, welcher sich mit ganzer Zähigkeit gegen alles Neue, in welcher Form es auch bei ihm einzudringen sucht, wehrt und seine Eigenart sich bewahrt hat. Im Bauernstande selbst heißen diese Vertreter der »guten alten Zeit« die »alten Bauern«, wobei indeß das Wort »alt« sich nicht auf die Lebensjahre bezieht. Auch von einem jungen Manne heißt es nicht selten: »Der ist noch ein echter, alter Bauer.« Diese sogenannten »alten Bauern« haben sich ein gutes Maß von Eigenart erhalten, aber von ihnen gilt auch die oben aufgestellte Behauptung, daß ihr Charakter nur zu oft von Novellisten idealisirt worden ist. Es ist wahr, der »alte Bauer« hat einen tiefen Respect vor Religion und Recht, aber diese Scheu hat mehr ihren Grund in einer traditionellen Anschauungsweise als in einem lebendigen Verständnis;. Der »alte Bauer« scheut sich ängstlich, etwas zu thun, was offenbar und nach jedermanns Urtheil den Vorschriften von Religion und Recht widerspricht, aber er ist durchaus nicht scrupulös darin, sich mittels einer sittlich nicht zu rechtfertigenden Handlung einen Vortheil zuzuwenden, wenn nur die Unsittlichkeit nicht in die Augen fällt. Das Gewissen des »alten Bauern« ist nicht minder hart und schwielig als seine Hände; es gehört bei beiden schon ein tüchtiger Stich dazu, um zu verwunden.

Der eigentlich charakteristische Zug, welcher den Bauer der alten Zeit vor dem Hofbesitzer, dem Oekonomen unserer Tage auszeichnet, ist der stark hervortretende Familiensinn, das Gentilbewußtsein, könnte man es nennen. Aus diesem stießen naturgemäß zwei Eigenschaften: eine oft zum Geiz ausartende Sparsamkeit und eine fast ängstliche Abgeschlossenheit gegen alles Fremde. Die Familie und das, worauf das Ansehen derselben beruht, der Familienbesitz, ist die Welt des Bauern der alten Zeit, die Erhaltung des Besitzes in der Familie seine Lebensaufgabe. Man kann nicht mit Grund behaupten, daß der »alte Bauer« nichts von Liebe zu seinen Kindern wüßte, allein er liebt sie nicht sowol, weil sie sein Fleisch und Blut sind, als weil er in ihnen diejenigen erblickt, welche die Familie in ihrem Besitz fortpflanzen und erhalten. Ein ähnliches Verhältniß ist das des Bauern der alten Zeit zu seiner Ehefrau. Er ist ihr treu und ehrlich zugethan, jedoch nicht als dem Weibe seines Herzens, sondern weil er in ihr die Hausfrau achtet und ehrt. Diese unsere Meinung wird bestätigt durch die Art und Weise, wie der »alte Bauer« seine Angehörigen dritten, namentlich den Dienstleuten gegenüber, zu bezeichnen pflegt. So nennt er seine Frau nicht »meine Frau«, sondern »die Frau«, den Sohn, welcher den Hof übernommen, nicht »meinen Sohn«, sondern »den Bauer«, die verheirathete Tochter nicht »meine Tochter«, fondern »die« mit dem Namen ihres Mannes. Eine natürliche Folge dieser eigenthümlichen Auffassung ist, daß die rein individuelle Liebe des Vaters zu dem Kinde in weit geringerm Grade entwickelt wird, als das in andern Ständen der Fall ist. Das Individuum tritt zurück gegenüber der Familie, das einzelne Glied gilt nur so viel, als es für die Erhaltung der Familie und ihres Ansehens bedeutet. Das Verhältniß der Kinder zu dem »alten Bauern« beruht nicht auf hingebender Kindesliebe, wohl aber auf dem Respect und dem Gehorsam gegen den Hausherrn und das Familienhaupt. Diese Stellung von Aeltern und Kindern wiederholt sich analog in den Beziehungen der jüngern Kinder zu dem ältesten Sohne. Die Erhaltung des Ansehens der Familie fordert die Übertragung des Besitzes auf einen Repräsentanten. Die jüngern Kinder erkennen unbewußt diese Notwendigkeit an und übertragen einen Theil dieses Respects von dem gegenwärtigen Familienhaupt auf das künftige. Dieses Verhältniß der Familienglieder zueinander ist, wo es in seiner Reinheit und Ungetrübtheit erscheint, ein ebenso schönes und gesundes, als es für das Allgemeine wichtig und bedeutungsvoll ist. Allein jede Ausartung desselben, jedes Eindringen einer andern, mehr dem Leben höher gebildeter Stände entlehnten Anschauung wird gefährlich, um so gefährlicher, wenn der Träger derselben nicht das Familienhaupt ist. Tritt einmal, was in neuerer Zeit immer häufiger zu geschehen pflegt, ein jüngerer Sohn, z. B. als Handwerker, aus der Sphäre seines bisherigen Lebens und damit auch aus dem Kreise des herkömmlichen Denkens und Empfindens hinaus, so fängt er an zu vergleichen, und was er bis dahin für recht und nothwendig hielt, erscheint ihm nur zu leicht als unrecht und willkürlich.

Achtung und freiwilliger Gehorsam gegen das Familienhaupt wird zu widerwilliger Unterwerfung unter die Befehle des Herrn; stillschweigende Anerkennung des herkömmlichen Vorrechts des Aeltern zu Neid und Misgunst. Dagegen, daß diese Empfindungen nicht ausarten, fehlt es an jedem Zügel, denn es fehlt die kindliche und die brüderliche Liebe, welche den Menschen opferfähig und opferfreudig macht.

Die Familie Thode bietet uns durchaus das Bild einer Bauernfamilie der alten Zeit dar, nur daß die Familienglieder nicht so zusammen lebten und verkehrten, wie es hätte sein sollen. Namentlich war der Vater, also derjenige, welcher das Leben der Familie nach seinem Willen gestaltete, durchaus ein Bauer der alten Zeit, und unterschied sich von seinen Gesinnungsgenossen nur dadurch, daß er sich um religiöse Dinge auch äußerlich wenig oder gar nicht kümmerte. Er selbst war nicht sehr für den Verkehr mit andern Familien und sah es ungern, wenn seine Kinder an öffentlichen Lustbarkeiten theilnahmen. Mit allen Kräften strebte er nach Erhaltung und Vermehrung des Familienbesitzes und verlangte von seinen Söhnen, daß sie ebenfalls in der Erreichung dieses Zwecks ihre ganze Lebensaufgabe finden sollten. Im Hause war er der Herr, der, wortkarg und mürrisch, unbedingten Gehorsam verlangte, in anderer Beziehung aber niemals seinen Angehörigen zu nahe trat. Von einem Besprechen oder Berathen der Fragen, welche die Familie angingen, mit den Seinigen war nie die Rede und am wenigsten gestattete er ihnen einen Einblick in seine Vermögensverhältnisse. Was die Söhne an Taschengeld gebrauchten, mußten sie sich durch einen Handel mit Schafen verdienen; der Vater bewilligte ihnen nur freie Weide für die Thiere. Sparen und Erwerben, das war der Lebenszweck des alten Thode, und zwar nicht etwa um seiner Kinder willen, sondern weil es so sein mußte, weil er es nie anders gekannt hatte. Die Mutter war allerdings andern Sinnes, allein wie sie körperlich schwach war, so hatte sie auch nicht die Kraft, der Autorität ihres Mannes mit Erfolg entgegenzutreten. Von Liebe der Kinder zu ihrem Vater war nicht die Rede. Sie gehorchten, solange sie Kinder waren, unbedingt und arbeiteten auch als Erwachsene wie Knechte in seinem Dienste. Auch sie wollten vor allen Dingen erwerben. Allein die Söhne hatten sich doch bereits zum Theil von den Anschauungen des Vaters emancipirt. Sie gehorchten zwar insofern, als sie sich nicht weigerten, alle Arbeiten auf dem Hofe zu verrichten, allein in Betreff der Art und Weise der Bearbeitung und in Bezug auf die Theilnahme an öffentlichen Vergnügungen fügten sie sich den Anordnungen des Vaters entweder nicht ohne Widerspruch oder mitunter auch gar nicht. Timm Thode sagte: »Wenn Vater uns hätte zwingen wollen, so würden wir uns gewehrt haben.«

Es gab zwischen dem Vater und den Söhnen oft Zank und Streit, und das Verhältniß der Söhne war nicht besser. Wenn sie auch gegen den Vater zusammenhielten, so lagen sie sich doch untereinander fortwährend in den Haaren, und suchten sich das Leben gegenseitig zu verbittern. So ärgerten beim Düngerfahren diejenigen von den Brüdern, welche fuhren, die andern, welche aufluden, dadurch, daß sie möglichst rasch mit ihren Wagen zurückkehrten, und ebenso war es beim Abladen von Korn; die, welche die Garben von dem Wagen auf den Boden warfen, strengten sich möglichst an, damit der auf dem Boden Stehende mit ihnen nicht gleichen Schritt halten konnte. Dergleichen boshafte Streiche verfeindeten die Gemüther und veranlaßten nicht gerade selten Schlägereien. Die einzige Tochter, ein kräftiges, lebenslustiges Mädchen, schloß sich eng an die Mutter an und bemühte sich im Verein mit dieser, die unter den Männern obwaltenden Streitigkeiten zu schlichten. Daß in einer solchen Häuslichkeit von einem innigen, das Gemüth weckenden und befriedigenden Familienleben nicht die Rede sein konnte, leuchtet ein. Timm Thode äußerte treffend: »Vergnügt waren wir höchstens einmal im Hause, wenn eins unserer Thiere auf der Thierschau eine Prämie erhalten hatte.«

Dies also war der Boden, welcher den herzlosen und grausamen Mörder hervorbrachte. Wie im Hause der Aeltern jede Wärme, jeder Strahl der Liebe fehlte, so mangelte auch dem Sohne jede Wärme des Gemüths, in seiner Brust war kein Funke von Liebe zu Vater und Mutter und Geschwistern. Sie standen ihm im Wege, sie waren seine Feinde. Von der Natur mit mittelmäßigen Geistesanlagen ausgestattet, an Körper kräftig und plump, wuchs Timm Thode zu einem rohen, störrischen Knaben heran, der indolent und träge war, aber wo es sich um die Befriedigung seiner sinnlichen Wünsche und Bedürfnisse handelte, kein Mittel scheute. Rohe Kraft dem Schwächern, feige List und Lüge dem Stärkern gegenüber, das waren seine Waffen. In der Schule verübte er heimlich schlechte Streiche, hatte aber vor dem Stocke des Lehrers gewaltigen Respect. Nach seiner Confirmation sollte Timm Thode gemeinschaftlich mit dem ältern Bruder auf dem väterlichen Hofe die Arbeiten eines Knechts verrichten, allein das sagte ihm durchaus nicht zu, Faulheit brachte ihn auf den Gedanken, bei fremden Leuten in Dienst zu treten. Er sah jedoch bald genug ein, daß er sich in dem Glauben, anderswo sei weniger zu thun, getäuscht hatte, und kehrte wieder heim. Während der folgenden drei Jahre waren Timm's Faulbeit, Störrigkeit und Lügenhaftigkeit eine fortwährende Quelle des Haders mit dem Vater und den Brüdern. Je mehr Söhne heranwuchsen, desto größer wurde der Unfriede; jeder von den Brüdern wollte den andern bei der Arbeit sowol als bei dem gemeinsamen Schafhandel übervortheilen, nur wo es galt, dem Vater zu opponiren, standen alle zusammen. Timm wurde von den übrigen verhöhnt, gescholten, geschlagen, er rächte sich durch kleine Diebereien und das Uebel wurde immer schlimmer. Sein Herz verstockte sich mehr und mehr, er haßte seine Quälgeister ingrimmig, wiederum verließ er den väterlichen Hof, allein die Arbeit in der Fremde war auch diesmal nicht nach seinem Geschmack. Er kam zurück und es ward ärger denn zuvor.

Der Wunsch, sein eigener Herr zu sein und ein bequemes Leben nach seiner Neigung zu führen, erzeugte den Gedanken des Mordes. Wie ein Blitz zuckte es durch seine Seele. Wie, wenn die Deinigen todt wären, wie, wenn du sie umbrächtest und der Hof dann dein Eigenthum wäre!

Wir glauben ihm, daß er vor dem Gedanken zurückbebte. Seine Trägheit und noch mehr ein Rest von Gewissen schreckten ihn ab von der Ausführung der blutigen That. Aber er hatte die bösen Geister heraufbeschworen, sie ließen ihn nicht wieder los. Jeden Tag fühlte er den Druck der Arbeit und immer verführerischer malte er sich aus, wie köstlich es sein müßte, wenn er genießen könnte, ohne sich anzustrengen. Endlich war er entschlossen und mit schaudererregender Energie verübte er den Mord.

Timm Thode war ein völlig normal entwickelter Mensch trotz seiner entmenschten Verbrechen, aber freilich ein Mensch ohne Gottesfurcht, ohne Gemüth, ohne Herz. Er liebte niemand auf der Welt als sich selbst. Die entsetzlichste Selbstsucht gepaart mit grausamer Roheit brachten ihn dahin, daß er mit einer gewissen Berechnung acht Menschenleben opferte und über die Leichen von Vettern und Geschwistern wegschritt, um in den Besitz eines großen Vermögens zu gelangen. Er that das Böse nicht um des Bösen willen, er hatte nicht seine Lust am Mord, sondern dieser war ihm nur Mittel zum Zweck. Schwerlich würde er noch andere Missethaten begangen haben, wenn er unentdeckt geblieben wäre und die Frucht des vergossenen Blutes in Ruhe hätte genießen können.

Timm Thode war aber nicht blos ein kaltblütiger, gewaltthätiger Bösewicht, er war auch ein Lügner ersten Ranges. Dies beweist die Verstellungskunst, mit welcher er den Ohnmächtigen und Kranken zu spielen und das Untersuchungsgericht zu täuschen verstand.

Der hervorstechendste Zug in dem furchtbaren Gemälde, welches wir aufgerollt haben, ist die völlige Gefühllosigkeit des Mörders, und es ist eine wirkliche Befriedigung, wenn man in einzelnen Aeußerungen des Mörders den Menschen erkennt. Grauenhaft ist es, daß er einen nach dem andern umbringt, grauenhafter noch, daß er Mutter und Schwester niedermetzelt, am grauenhaftesten aber, daß er die Leichen kopfüber vom Boden hinunterwirft, in das Haus schleppt und in die Betten wirft. Man vermag es kaum zu begreifen, daß er sich, umgeben von Blut und Leichen, niederlegen und warten kann, bis der Hof in Flammen steht. Es ist gewiß wahr, wenn er sagt: »Mir graute vor mir selbst, ich mußte zu Menschen.«

Wie es möglich war, daß ein Mann mit solcher Blutschuld auf dem Gewissen ruhig schlafen, mit Lust essen, singen und scherzen konnte, bleibt ein unlösbares Räthsel. Nicht minder räthselhaft ist es, daß er vom October 1866 bis zum Mai 1867 ein so behagliches Leben zu führen im Stande war. Er stürzte sich nicht etwa in einen Strudel von Genüssen, um die innere Stimme zu übertäuben, nein er verbrachte einen Tag wie den andern im süßen Nichtsthun, arbeitete nur so viel, als ihm bequem war, und aß und trank und schlief wie ein harmloser Bauerjunge. An öffentlichen Lustbarkeiten nahm er zwar einigemal theil, aber nur, um sich vor dem Publikum zu zeigen und Verdacht von sich abzuwenden. Den Schauplatz seiner Mordthaten betrat er mit vollkommener Ruhe; als er den Nachbarhof, wo er in jener Nacht Aufnahme gefunden hatte, zum ersten mal wieder besuchte, benutzte er einen Augenblick, wo er allein war, dazu, mit der Dienstmagd Unzucht zu treiben. Wie er in der frühern Zeit gefühllos die Mühle seines Dienstherrn angesteckt hatte, um aus dem ihm verhaßten Dienste zu kommen, so mordete er später grausam und gefühllos alle die Seinigen, weil er unabhängig und wohlhabend werden wollte. Ein weitaus charakteristisches Merkmal ist der unerhörte Leichtsinn, die Dummdreistigkeit, mit welcher das Verbrechen ausgeführt wurde. Timm Thode hatte zwar berechnet und gesonnen, aber doch nur, wie es ein höchst beschränkter Mensch thut. Wie wäre es geworden, wenn einer der Brüder ihm nicht in die Scheune oder wenn der erste Bruder dem zweiten auf dem Fuße gefolgt, wenn einer von ihnen nicht auf den ersten Schlag gestürzt, oder wenn der während des Nachmittags abwesende Bruder unerwartet früh nach Hause zurückgekehrt wäre! Wie leicht war es denkbar, daß der Vater der Aufforderung des Mörders, hinauszukommen, nicht Folge leistete, oder daß die Schwester während des Kampfes mit der Mutter die Flucht ergriff! Timm Thode scheint an alle diese Möglichkeiten nicht gedacht zu haben. Er äußerte in der Voruntersuchung und in der Hauptverhandlung: » Ich habe viel Glück dabei gehabt

Zur Ehre der menschlichen Natur wollen wir annehmen, daß der Entschluß dem Mörder Ueberwindung gekostet hat, daß es wahr ist, wenn er sagt: »Zuweilen wurde ich wieder Herr über meine Natur«, und wenn er namentlich von dem Blitzschlage, welcher nicht lange vor der That sein älterliches Haus traf, so sehr erschüttert worden sein will, daß er für einige Tage seinen Plan völlig aufgegeben habe.

Der Mörder hat als Motiv für die Ermordung seiner Angehörigen bald den Haß gegen Vater und Brüder, bald den Wunsch, das väterliche Vermögen allein zu besitzen, angegeben; offenbar war er darüber selbst nicht im Klaren. Und allerdings haben beide Motive eine Rolle bei der That gespielt. Wir möchten indeß glauben, daß die Begierde, die Mittel zu gewinnen, um seiner Arbeitsscheu und seinem auf grobsinnliche Genüsse gerichteten Hange zu fröhnen, die Haupttriebfeder gewesen ist. Es scheint zwar dieser Auffassung zu widersprechen, daß er auch die Leichen seiner Angehörigen plünderte und sein Bett und eine Masse von Kleidungsstücken zu retten bemüht war, allein, wie wir glauben, ist dieses Verfahren dadurch erklärlich, daß Timm von Jugend auf daran gewöhnt worden war, nichts umkommen zu lassen. Es ward ihm leid, daß die guten Sachen verbrennen sollten, nicht sowol weil er sie dann verlieren, als weil das doch schade sein würde. Er selbst sagte darüber: »Ich wollte nicht, daß die Sachen verbrennen sollten.«

Thode hat später die geretteten Kleider zum größten Theile verschenkt und auch andere zum Theil kostbare Sachen, z. B. goldene Uhren, an Verwandte weggegeben. Wir erklären dies einfach so: er hatte so viel, als er brauchte, das Mehr achtete er nicht. Ein Vermögen, um ohne Arbeit seinen Wünschen gemäß zu leben und Ruhe vor den Quälereien im älterlichen Hause, das waren die Zwecke, welche durch das Verbrechen erreicht werden sollten, der Haß gegen Vater und Brüder erleichterte den Entschluß, die roheste Gefühllosigkeit und Muskeln und Nerven von Stahl machten es ihm möglich, das Unerhörte zu vollbringen. Mutter und Schwester, den jüngsten Bruder und die Dienstmagd hätte Thode gern geschont, aber dann wäre sein Unternehmen verfehlt gewesen und folglich wurden auch sie geopfert.

Wenn wir uns endlich zum Schlusse noch mit der Untersuchung beschäftigen, ob man annehmen darf, daß die Ruhe, welche der Delinquent im Angesichte des Todes gezeigt hat, auf eine wahrhafte innere Umwandlung, auf eine Erkenntniß seiner selbst, auf die Größe seiner Schuld und auf wahre, aus dieser Erkenntniß geborene Reue und Versöhnung zurückzuführen ist, so geschieht dies nur gegenüber einer aus ebenso tüchtiger als competenter Feder geflossenen Schrift, in welcher diese Frage zuversichtlich bejaht wird. Wir sind uns wohl bewußt, wie bedenklich es ist, eine solche Frage mit einiger Sicherheit zu entscheiden, und sind deshalb weit entfernt davon, unsere Ansicht als die richtige hinzustellen, allein wir halten es für geboten, auch in diesem Punkte unsere Ueberzeugung auszusprechen und zu begründen. Ist unsere Auffassung, wie wir sie dargelegt haben, zutreffend, so war der Grundzug im Charakter Thode's eine maßlose Selbstsucht, d.h. eben das Gegentheil alles dessen, was wir gut und fromm nennen. Jene Selbstsucht war nicht entstanden aus Haß und Verbitterung gegen die Menschheit infolge eines wirklich oder vermeintlich unverdienten harten Schicksals, sie war eine ursprüngliche, auf natürlicher Anlage beruhende, durch seine Erziehung und seine Umgebung genährte und großgezogene. Die Umwandlung eines Menschen, der in einem solchen Grade selbstsüchtig und zugleich roh und gefühllos ist, erfordert eine unermüdliche Arbeit und viel Zeit. Ohne Zweifel haben sich diejenigen, welche dazu berufen waren, mit redlichem Eifer und warmer Theilnahme bemüht, in Thode das Gefühl der Schuld zu wecken, ihn zur Buße hinzuleiten; allein bis zur Sitzung des Schwurgerichts bemerkte man nicht, daß der gute Samen in den steinharten Boden eingedrungen war. Thode hörte zwar die Ermahnungen und Belehrungen an, ohne zu widersprechen, allein Eindruck machten sie nicht. Erst mit seiner Verurtheilung änderte sich sein Benehmen: er wandte sich von da an mit Fleiß und Aufmerksamkeit dem religiösen Troste zu und erklärte sich mit Gott versöhnt. Von einem eigentlichen Kampfe, von einem aus der lebendigen Erkenntniß seines Selbst entsprungenen Ringen, von einer vollständigen Zerknirschung und einem allmählichen Erfassen der Gnade Gottes hat niemand von denen, welche in jener Zeit mit Thode verkehrten, etwas wahrgenommen. Wenn er, wie er sagt, wirklich mit seinem Gotte versöhnt gestorben ist, so hat er sich, wie wir fürchten, die grause Schuld spielend vom Gewissen gewälzt. Wir können uns eine solche Umwandlung nicht denken ohne gewaltige, auch äußerlich erkennbare innere Kämpfe und uns des Zweifels nicht erwehren, ob nicht die Ruhe im Angesicht des Todes doch aus derselben Quelle stammt wie diejenige, welche er nach vollbrachter That, nach Ablegung des ersten Geständnisses, bei Anhörung des Todesurtheils an den Tag legte. Wir besorgen, Thode hat den Trost und die Verheißungen der Religion ohne wahre Buße, zu der es ihm an sittlicher Kraft gebrach, sich angeeignet, er hat diesen Stecken und Stab im Thale des Todes nur äußerlich als eine Stütze erfaßt, aber nicht mit zerknirschtem Herzen im lebendigen Glauben ergriffen. Jetzt steht er vor dem ewigen Richter, und es ist nicht an uns, zu entscheiden, ob er in furchtbarer Selbsttäuschung sich selbst für versöhnt erklärt hat, oder als ein bußfertiger Sünder zu Gnaden angenommen worden ist.

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