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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF.A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeVierter Band
editorDr. A. Vollert
year1869
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060211
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Die Fenier-Verschwörung.

1867 und 1868

Der berühmte englische Geschichtschreiber Macaulay sagt in der Einleitung seines großen Werks, »Geschichte von England seit dem Regierungsantritte Jakob's II.«: »Man wird sehen, wie Irland, belastet mit dem Fluche der Herrschaft eines Volksstammes über den andern, einer Confession über die andere, freilich ein Glied des Reichs blieb, aber ein welkes und verrenktes, welches dem politischen Körper keine Kraft verleiht, und auf welches alle diejenigen mit vorwurfsvollen Blicken zeigen, welche die Größe Englands fürchten oder beneiden.« Es ist nicht möglich, die Stellung beider Nationen zueinander in wenigen Worten schärfer und richtiger zu zeichnen, als der berühmte Historiker es in diesem oft citirten Satze gethan hat. Die Ursachen dieses traurigen Verhältnisses erörtern, hieße eine Geschichte Großbritanniens schreiben; es sei nur gestattet, einiger Hauptmomente zu gedenken, welche gewisse Wendepunkte in der englisch-irischen Geschichte kennzeichnen.

Seit Papst Hadrian IV. im Jahre 1154 mit billiger Freigebigkeit Irland dem Könige Heinrich II. von England geschenkt hatte, begann eine Invasion englischer Ansiedler, welche den ihnen vom Könige verliehenen Grund und Boden mit der Schärfe des Schwertes den damals halbwilden Iren abringen mußten. Lange und erbitterte Kämpfe wurden mit wechselndem Glücke geführt, und erst Jakob I. erlebte den von ihm nicht verdienten Triumph, daß alle irischen Häuptlinge seine Oberhoheit anerkannten. Nach kurzer Zeit entbrannte der Krieg von neuem; unter Karl I. richteten die Iren ein furchtbares Blutbad unter den Engländern an, da der Rassenhaß jetzt noch durch die Religionsverschiedenheit verschärft war, und der Bürgerkrieg, der die Kräfte Englands lange Zeit in Anspruch nahm, gestattete erst der unbeugsamen Energie Cromwell's, mit schonungsloser Grausamkeit die Aufständischen niederzuwerfen. Er führte Krieg wie Israel gegen die Kanaaniter, sagt Macaulay, und in der That, wie in den Kämpfen des Alten Testaments wurde die ganze Bevölkerung großer Städte niedergehauen, andere wurden zu Tausenden in die Wälder und Moräste getrieben, oder nach Westindien deportirt, ihre Ländereien aber unter englische Soldaten oder Colonisten vertheilt. Von Karl II. erhielten die Iren einen Theil des ihnen entrissenen Grundbesitzes zurück, und Jakob II. machte den Versuch, das Verhältniß beider Nationen zueinander geradezu umzukehren; er machte den Irländer und Katholiken Tyrconnel zum Lord-Statthalter, und dieser that, was in seinen Kräften stand, um die Engländer unter die Füße zu treten. Aber Jakob's irische Politik diente nur dazu, seinen Sturz zu beschleunigen, und irische Dankbarkeit vermochte nicht, ihm wieder auf den verlorenen Thron zu helfen. Zwar landete er 1689 mit 5000 Mann französischer Hülfstruppen in Irland, es strömte ihm in kurzer Zeit ein zahlreiches Heer zu, und er war bald Herr fast der ganzen Insel, mit Ausnahme der Städte Londonderry und Enniskillen, die von ihrer protestantischen Einwohnerschaft mit seltenem Heldenmuthe vertheidigt wurden. Fast ebenso schnell wurde er aber von Wilhelm III. durch die blutige Schlacht am Boyneflusse (1. Juli 1691) wieder vertriebenOberst Sarsfield, einer von Jakob's tapfersten Offizieren, äußerte nach der Schlacht bei Gelegenheit einer Unterhandlung zu einem Offizier König Wilhelm's: »Könnten wir nur die Könige tauschen, dann solltet ihr sehen, wo ihr bleiben würdet!«, und nun fanden abermals umfassende Confiscationen von Ländereien zu Gunsten der Protestanten statt; außerdem aber verfuhr man mit bisher unerhörter Härte gegen den Katholicismus, und die Katholiken wurden allen erdenkbaren, theilweise selbst lächerlichen Beschränkungen unterworfen. Verschiedene Aufstandsversuche dienten nur dazu, den gegenseitigen Haß rege zu halten, und erst 1782 wurden die Religionsgesetze etwas gemildert und dem bisher ganz abhängigen irischen Parlament größere Selbständigkeit zugestanden. Ein späterer, von der französischen Republik 1796 mit Waffengewalt unterstützter Aufstandsversuch scheiterte völlig, und 1800 wurde durch Vereinigung des irischen Parlaments mit dem englischen die Union beider Länder vollendet. Irland sollte im englischen Oberhause durch 32 Peers, im Hause der Gemeinen durch 100 Deputirte vertreten werden, aber noch galt die Testacte von 1673, wonach alle Personen, welche irgendein öffentliches Amt annehmen oder ins Parlament eintreten wollten, den König feierlich als ihr geistliches Oberhaupt anerkennen, eine Erklärung gegen die Transsubstantiation unterzeichnen und das Abendmahl nach anglikanischem Ritus nehmen mußten. Dadurch war den katholischen Irländern der Zutritt zum Parlament thatsächlich verschlossen, und erst infolge der Katholikenemancipation, 1829, konnte Irland sein Recht auf Vertretung im Parlament vollständig ausüben.

Vom Jahre 1832 an, dem Beginn der parlamentarischen Laufbahn O'Connell's, datiren lebhafte Kämpfe im englischen Parlament, ja oft zwischen Parlament und Ministerium, über die irischen Angelegenheiten. Die Lage des Landes war traurig genug: der Grundbesitz befand sich in den Händen protestantischer Familien und durfte nicht an Katholiken veräußert werden, die Grundbesitzer lebten meist in England und suchten eine möglichst hohe Einnahme von den ihnen gegenüber fast rechtlosen Pächtern zu erpressen; der Landbau war dadurch im schlechtesten Zustande. Daneben war eine Bevölkerung von sieben Millionen Katholiken genöthigt, an die protestantische Kirche, der etwa eine Million der Einwohner angehörte, Zehnten zu zahlen, während sie ihre eigene Geistlichkeit, ohne jede staatliche Beihülfe, ebenfalls unterhalten mußte. Man sah auch in England die Notwendigkeit durchgreifender Reformen ein, aber die Parteien konnten sich nicht verständigen.

Dies veranlaßte O'Connell, völlige legislative Trennung von England zu fordern, und diese Idee ward in ganz Irland mit Begeisterung aufgenommen. Während O'Connell bis zu seinem 1847 erfolgten Tode dem Princip, die Trennung auf friedlichem Wege durchzusetzen, treu blieb, bildete neben ihm Smith O'Brien eine Partei, welche dasselbe Ziel mit Waffengewalt erzwingen wollte, und 1848 in der Hoffnung auf französische Hülfe eine bewaffnete Erhebung vorbereitete. Die englische Regierung kam dem Ausbruche zuvor, und arbeitete gleich darauf mit Ernst daran, den berechtigten Beschwerden Irlands abzuhelfen. Von 1849 ab erging eine Reihe von Gesetzen, welche den Uebergang des Grundeigenthums an Katholiken gestatteten, die Rechte der Pächter wahrten, Universitäten für Katholiken und Protestanten stifteten; ja durch die vielbesprochene Maynooth-Bill wurde ein bedeutender Staatszuschuß für ein katholisches Priesterseminar in Maynooth bewilligt.

Dessenungeachtet bestand die O'Brien'sche Partei im Stillen fort; sie fand einen bedeutenden Rückhalt in den während der Hungersnoth der Jahre 1846 und 1847 massenhaft nach Nordamerika ausgewanderten Irländern, welche den ganzen Haß gegen England mit in die neue Heimat genommen hatten. Und so tauchte denn 1862 ein neuer Geheimbund, die fenische Brüderschaft, auf.

Ihren Namen wollte man ursprünglich von den alten Phöniziern herleiten, die nach einer irischen Sage in Irland zuerst Colonien gegründet haben sollen. Später wurde man belehrt, daß es in etwas mythischer Zeit dort eine Kriegerkaste gegeben habe, deren Mitglieder sich nach einem berühmten Häuptlinge Namens Finn die Finna, d. h. Männer Finn's, genannt hätten; endlich behauptet ein Vertheidiger in einem der zahlreichen Fenierprocesse: die Fenier seien im 6. Jahrhundert eine Art royalistischer Landwehr zum Schütze von Thron und Verfassung gewesen, und es sei daher traurig, daß ihr ehrenwerther Name bei einer so unsinnigen republikanischen Schilderhebung gemisbraucht werde.

Die Verschwörung wurde sehr offen in Amerika unter John O'Mahony, etwas versteckter in Irland unter James Stephens betrieben, und ihre erste, sozusagen officielle Kundgebung war ein Congreß der obersten Leiter des Bundes in Chicago im November 1863, auf welchem folgende Resolutionen gefaßt wurden: 1) Der Congreß erkennt die irische Republik als proclamirt an; 2) die Central-Executivgewalt in Irland ist die Repräsentantin der fenischen Brüderschaft in Europa; 3) der Congreß verpflichtet sich, Stephens nach Kräften zu unterstützen. Das Jahr 1864 wurde dazu benutzt, die militärische Organisation des Bundes möglichst zu vervollkommnen, und am 8. September 1865, nachdem der amerikanische Krieg beendet war, erklärte Stephens durch Circularschreiben: die Stunde des Handelns sei gekommen. Diese Ansicht schien die englische Regierung vollkommen zu teilen, denn am 15. September verhaftete sie mit Einem Schlage eine große Anzahl der Führer des Bundes und nahm die Papiere und Pressen der Verschworenen in Beschlag, während sie gleichzeitig zu Land und zu Wasser eine Kriegsmacht entfaltete, die jeden Aufstandsversuch unmöglich machte. Ende Oktober wurde Stephens verhaftet, er entkam jedoch mit Hülfe der Gefängnißbeamten; die andern Gefangenen wurden zu langjährigen Zuchthausstrafen verurtheilt. Als sich darauf im Frühjahr 1866 abermals verdächtige Symptome zeigten, suspendierte die Regierung mit Genehmigung des Parlaments die Habeas-Corpus-Acte für ganz Irland. Alle etwaigen Insurrectionsplane waren hierdurch für den Augenblick mühelos unterdrückt, denn die besonders aus Amerika zahlreich angelangten Anführer suchten infolge dieser Maßregel schleunigst das Weite.

Die amerikanischen Fenier wagten im Mai eine Invasion in Canada. Die Regierung der Vereinigten Staaten aber, weit entfernt, ihnen die gehoffte Unterstützung oder wenigstens eine wohlwollende Neutralität zu gewähren, besetzte die Grenzen von Canada und verhinderte, soweit als möglich, den Übertritt bewaffneter Scharen; diejenigen, die dennoch eingedrungen waren, wurden von den Canadiern selbst mit leichter Mühe wieder aus dem Lande gejagt.

Im Jahre 1866 hörte man, abgesehen von einigen Verhaftungen, nichts mehr von den Feniern. Die Regierung glaubte, die Gefahr sei beseitigt. Es hieß deshalb in der bei Eröffnung des Parlaments am 5. Februar 1867 gehaltenen Thronrede: »Die beharrlichen Anstrengungen und die gewissenlosen Verheißungen auswärtiger hochverrätherischer Verschwörer haben während des letzten Herbstes in Irland die Hoffnungen einiger Misvergnügten, die Befürchtungen der loyalen Bevölkerung erregt, aber die feste, wenn auch gemäßigte Handhabung der der dortigen Regierung anvertrauten Gewalt, und die von Leuten jedes Standes und Glaubensbekenntnisses gegen die Verschwörung an den Tag gelegte Feindseligkeit haben mächtig dahin gewirkt, daß das allgemeine Vertrauen wiederhergestellt ist und jeden Versuch, die öffentliche Ruhe zu stören, zu einem hoffnungslosen gemacht. Ich bin überzeugt, dass Sie demgemäß im Stande sein werden, die für diesen Theil meines Reichs erlassenen Ausnahmegesetze wieder aufzuheben.«

Wenige Tage später sollte Ihrer Majestät Regierung eines andern belehrt werden; sie sollte die sehr unangenehme Entdeckung machen, dass nicht nur in Irland selbst, sondern auch in England die Verschwörung bei weitem mehr Boden besaß, als sie für möglich gehalten hatte.

Mehrere Eisenbahnlinien aus Nord-, Süd- und Ostengland treffen in der an der nordöstlichen Grenze von Wales gelegenen volkreichen Stadt Chester zusammen. In Chester befindet sich eine Citadelle, in welcher damals, außer den Waffen der Freiwilligen, etwa 9000 Gewehre, 4000 Säbel und gegen eine Million Patronen aufbewahrt wurden. Von Chester zieht sich die Eisenbahn an der nördlichen Küste von Wales entlang über den Menaikanal nach dem etwa 15 deutsche Meilen entfernten Holyhead am Sanct-Georgskanal. Ein Eilzug befördert täglich die Post von Chester nach Holyhead, wo ein Postdampfer die Ankunft des Zugs erwartet, um dann fofort nach Dublin abzufahren. Hierauf hatten die Leiter der Verschwörung einen Plan gegründet, dem selbst englische Beurtheiler eine gewisse Genialität der Conception nicht absprechen. Am 11. Februar sollten von Sheffield, Leads, Manchester, Liverpool mit verschiedenen Bahnzügen zusammen etwa 2000 Verschworene in Chester eintreffen, die von etwa 50 Mann bewachte Citadelle überrumpeln, sich der Waffenvorräthe bemächtigen, den Bahnhof besetzen, mit dem Schnellzuge nach Holyhead fahren, den Postdampfer in Besitz nehmen und auf demselben nach Irland übersetzen. Vor Verfolgung hoffte man sich durch Zerschneiden der Telegraphendrähte und Aufreißen der Schienen hinter dem Zuge zu sichern. Alles war zur Ausführung vorbereitet, und in der That trafen am 11. Februar große Scharen verdächtiger Gestalten in Chester ein. Aber in der Nacht vom 10. zum 11. war der ganze Plan von einem fenischen Führer der Polizei in Liverpool verrathen, und von dieser waren die Behörden von Chester gewarnt worden. Mit Tagesanbruch wurden etwa 500 Bürger als Specialconstabler vereidet, und als im Laufe des Nachmittags dessenungeachtet die Scharen der Ankömmlinge verdächtige Bewegungen gegen die Citadelle machten, rückte mit klingendem Spiel, telegraphisch von Manchester herbeordert und mittels Ertrazugs befördert, ein Bataillon schottischer Gardefüsiliere in Chester ein. Natürlich unterblieb jeder Angriff, der designirte Anführer M'Afferty und etliche seiner Gefährten wurden festgenommen, die meisten kehrten in ihre Heimat zurück.

Nach der von den Verschworenen getroffenen Uebereinkunft follte gleichzeitig eine Schar von 800 Feniern Killarney, an der Südostküste von Irland, besetzen, aber auch dieser Plan wurde verraten, eine Abtheilung Marinesoldaten kam ihnen zuvor und verhaftete ihren Anführer, Kapitän Moriarty.

Auf die ersten Tage des März wurde ein allgemeiner Aufstand in Irland festgesetzt, es kam jedoch nur zu einer Anzahl kleiner Scharmützel.

In Drogheda rückten etwa 1000 Insurgenten, gut bewaffnet, ein, und wurden von 36 Constablern mit einer Salve empfangen. Mehrere stürzten, die andern ergriffen die Flucht, und die nachsetzenden Constabler machten die tröstliche Entdeckung, dass die meisten der Gefallenen, wie der Goethe'sche Schneider, nicht »von der Schroten« getroffen, sondern völlig wohlbehalten waren.

In Killmallock verbarrikadierte sich eine Hand voll Constabler in ihrem Wachthause und wechselte mehrere Stunden lang Kugeln mit einer ganzen Schar von Feniern. Letztere erschossen einen Bürger, der sich geweigert hatte, seine Flinte auszuliefern, die Constabler aus Versehen einen jungen Arzt, der jenem Hilfe zu leisten versucht hatte, sonst taten sich beide Teile sehr wenig Schaden.

In Tallaght-Hill schlugen etwa 20 Constabler einen starken, gut bewaffneten Insurgentenhaufen mit einer einzigen Salve in die Flucht.

Einige kleine Polizeiposten wurden, meist nach tapferer Gegenwehr, von starken Feniertrupps aufgehoben und die Beamten als Gefangene fortgeführt. Der grausame Vorschlag, sie zu erschießen, kam infolge des Einspruchs eines amerikanischen Anführers nicht zur Ausführung. Schließlich zerstreuten sich auch diese siegreichen Scharen. Das nachrückende Militär hatte fast nichts anderes zu tun, als die fortgeworfenen, zum Teil recht guten Waffen zu sammeln, und die zahlreichen Gefangenen nach Dublin zu transportiren.

Ein im April von Neuyork aus von etwa funfzig Feniern unter General Nagle und Oberst Warren unternommener Landungsversuch endete damit, dass beide Führer und 26 Theilnehmer gefangen genommen wurden; die andern waren auf dem Schiffe geblieben und kehrten schleunigst nach Amerika zurück.

M'Afferty und Moriarty wurden zum Tode verurtheilt, aber zu Zuchthaus begnadigt; über die andern Gefangenen wurden langjährige Zuchthausstrafen verhängt.

Der Aufstand war somit in Irland völlig gescheitert, und was noch mehr, er hatte sich als vollkommen hoffnungslos gezeigt. Außer den Verschworenen selbst hatte niemand Theilnahme für denselben an den Tag gelegt, geschweige denn sich daran mit Rath oder That betheiligt, ja die Bürgerschaft der meisten Städte hatte sich ihm entschieden feindselig erwiesen, und die in Irland außerordentlich einflussreiche katholische Geistlichkeit hatte die Verschwörung einstimmig verurtheilt. Die Regierung hätte mithin allen Grund gehabt, mit den leichterreichten Resultaten zufrieden zu sein, wenn nicht bei dem Attentat auf Chester eine unerwartete Thatsache plötzlich zu Tage getreten wäre: daß nämlich die fenische Organisation unter der sehr starken irischen Arbeiterbevölkerung englischer Städte feste Wurzeln geschlagen hatte. Man kann der englischen Polizei das Zeugniß nicht versagen, daß sie, sobald dies einmal feststand, eine bewundernswerthe Thätigkeit entwickelte. In fast allen großen Städten Englands gelang es, einzelne der Häupter der Verschwörung unschädlich zu machen; freilich hat auch nie eine Verschwörung eine so große Anzahl erbärmlicher Subjecte, von beiden Parteien Sold nehmend und jeden Augenblick bereit, die eine oder die andere zu verrathen, in ihren Reihen gezählt. Dennoch vermochte alle Wachsamkeit der Behörden nicht zu verhindern, daß in England selbst noch zwei blutige Katastrophen stattfanden, welche das ganze Land in Aufregung versetzten und die Regierung nöthigten, zu »der äußersten Härte des Gesetzes«, zum Schaffot, ihre Zuflucht zu nehmen, während seit mehr als Menschengedenken jeder Engländer mit Stolz die Hinrichtung politischer Verbrecher für eine nur der despotischen Regierungen, der geknechteten Völker des Festlandes würdige Barbarei erklärt hatte.

 

Am 13. September 1867 wurden in Manchester zwei Männer verhaftet, in denen die Polizei bald den Colonel Kelly und den Obersten Deasy, zwei der hervorragendsten Mitglieder des Fenierbundes und sehr thätige Theilnehmer an den Märzereignissen in Irland, erkannte. Sie blieben natürlich in Untersuchungshaft und wurden am 18. September 1867 dem Richter vorgeführt. Ihr Rücktransport nach dem außerhalb der Stadt gelegenen Belviewgefängniß erfolgte um 3 Uhr nachmittags in einem Zellenwagen, dessen Einrichtung die gewöhnliche dieser unheimlichen Fuhrwerke war: auf jeder Längsseite des Wagens befanden sich acht verschließbare Zellen, die von einem in der Mitte angebrachten schmalen Gange aus zugänglich waren. Dieser Gang diente zugleich dem Polizeibeamten, der den Transport zu begleiten hatte, zum Aufenthalt; die Thür des Ganges befand sich auf der Hinterseite des Wagens und war während der Fahrt verschlossen; die Schlüssel hatte der beaufsichtigende Beamte in Verwahrung, und mußte sie, sollte der Wagen geöffnet werden, durch eine in der Thür angebrachte Klappe hinausreichen.

Am 18. September nun waren Kelly und Deasy in je einer der Zellen eingeschlossen, und auf dem Gange befanden sich außer dem Polizeisergeanten Brett noch einige verschiedener Vergehen beschuldigte Frauenzimmer. Irgendwelche Andeutungen, die der Behörde über einen beabsichtigten Befreiungsversuch zugegangen waren, hatten veranlaßt, daß dem Wagen diesmal eine besonders starke Bedeckung mitgegeben wurde; vier Polizeibeamte saßen vorn neben dem Kutscher, zwei standen auf dem hintern Tritt des Wagens und vier folgten in einer Droschke. Die Entfernung vom Gerichtsgebäude bis zu dem Belviewgefängnisse beträgt dreiviertel deutsche Meilen. Ungefähr eine Viertelmeile vor dem Gefängnisse wird die Straße von der Sheffielder Eisenbahn überbrückt; vor dieser Brücke, von der Stadt aus, stehen zu beiden Seiten noch einzelne Häuser, hinter derselben ist linker Hand ein zur Anfertigung von Ziegeln benutzter freier Platz, rechts zieht sich der Eisenbahndamm an der Straße entlang.

Unmittelbar hinter dieser Brücke wurde mit einer von der Polizei nicht geahnten Energie ein Angriff auf den Wagen gemacht. Auf die Einzelheiten des Hergangs wird unten näher einzugehen sein; der Verlauf desselben war kurz, der Erfolg vollständig. Eine Schar von Männern stürzte sich auf den Wagen, die Pferde wurden erschossen, die Polizeibeamten sowie die ihnen zu Hülfe eilenden Personen durch Steinwürfe und Revolverschüsse fern gehalten. Der Sergeant Brett wurde aufgefordert, die Schlüssel herauszugeben, und da er sich weigerte, durch einen durch die gewaltsam erbrochene Klappe auf ihn abgefeuerten Schuß, der ihn mitten in die Stirn traf, zu Boden gestreckt. Einer der Insassen des Wagens reichte die Schlüssel heraus, die Angreifer schlossen den Wagen auf, Kelly und Deasy wurden aus ihren Zellen befreit, sie ergriffen über das freie Feld die Flucht, und als endlich Hülfe kam, war alles vorüber. Brett aber starb nach zwei Stunden, ohne zuvor wieder zum Bewußtsein gekommen zu sein.

Natürlich priesen alle irischen und irisch gesinnten Zeitungen diesen Vorfall ziemlich unumwunden als eine der größten Heldenthaten aller Zeiten, in ihrem Gewissen vollkommen beruhigt, wenn sie einige Worte kühlen Bedauerns für den in unerschrockener Erfüllung seiner Pflicht getödteten Sergeanten Brett einfließen ließen, während ganz England in einen Schrei der Entrüstung über dieses unerhört freche Verbrechen ausbrach, die Thäter eine Bande feiger Mörder nannte und einstimmig die strengste, unerbittlichste Gerechtigkeit, die vollste und umfassendste Sühne für das verletzte Gesetz und das vergossene Blut verlangte. Die Polizei setzte alle Kräfte in Bewegung, die Regierung machte von ihrem Rechte Gebrauch, eine Specialcommission – deren Verfahren übrigens in nichts von dem anderer Gerichtshöfe abweicht – zur Aburtheilung des Falles nach Manchester zu senden, und schon am 28. October 1867 konnte der Anklagejury die gegen sechsundzwanzig Personen wegen Mordes erhobene Anklage vorgelegt werden, welche gegen eine Gruppe von fünf der Beschuldigten noch an demselben Tage, gegen die andern Tags darauf als begründet anerkannt wurde. Der Proceß gegen jene ersten fünf würde auch bereits am 28. October vor der Urtelsjury seinen Anfang genommen haben, wenn die Vertheidiger nicht um Vertagung gebeten hätten, um die Geschworenenlisten einsehen und sich über Ausübung ihres Ablehnungsrechts verständigen zu können, ein Verlangen, welches sowol der als Vertreter der Krone fungirende Attorney - General als die Richter als gerechtfertigt anerkannten.Nach deutschem und französischem Recht müssen bekanntlich die Angeklagten stets vor der Verhandlung eine Liste der Geschworenen erhalten. Wir würden den Zwischenfall nicht erwähnt haben, wenn er nicht mit einem bei Gelegenheit des folgenden Processes zu berührenden Vorgänge in auffallendem Widerspruche stände.

Zum Verständnisse dieser und der folgenden Anklage müssen wir hier erwähnen, daß nach englischem Recht der Begriff des Mordes und der Theilnahme am Morde ein ganz anderer ist, als ihn die deutsche Rechtsauffassung stets hingestellt hat. Die Rechtsbelehrung, welche der vorsitzende Richter der Anklagejury zutheil werden ließ, lautete etwa wie folgt:

»Mord ist Tödtung mit vorbedachter Bosheit, aber die Absicht des Thäters braucht nicht auf die Tödtung eines bestimmten Menschen gerichtet gewesen zu sein. Wenn sich Personen zur Verübung einer ungesetzlichen Handlung verbinden, zu welcher eine Anwendung von Gewalt erforderlich ist, die ein Menschenleben gefährden kann, und wenn durch die angewendete Gewalt der Tod eines Menschen erfolgt, so liegt das Verbrechen des Mordes vor, wennschon vielleicht niemand gewünscht hat, daß derjenige getödtet werde, welcher den Tod gefunden hat. Wenn Personen ausdrücklich oder stillschweigend übereinkommen, an der Verübung einer ungesetzlichen Handlung theilzunehmen, so ist jede bei der Handlung betheiligte Person des Mordes, wenn ein solcher begangen worden, ebenso schuldig als derjenige, welcher den todbringenden Schuß abfeuerte.«

Am 29. October begannen die Verhandlungen gegen die erste Gruppe von Angeklagten: William O'Meara Allen, Michael Larkie, William Goulb, Thomas Maguire und Edward Shore. Treu dem alten Sprichwort vom zu spät zugedeckten Brunnen, waren imposante Vorkehrungen getroffen worden, um eine Wiederholung der Scenen vom 18. Sept. unmöglich zu machen. Vor und hinter dem Zellenwagen, mittels dessen die Gefangenen in die Sitzung gebracht wurden, ritt je ein Zug Husaren mit gezogenen Säbeln, auf beiden Seiten bildete je eine Compagnie Infanterie, schußfertig und mit aufgepflanztem Bajonnet, die Escorte, und sieben bewaffnete Polizeibeamte waren auf dem Wagen vertheilt, während auf allen das Gerichtsgebäude umgebenden Straßen und Plätzen Constabler, paarweise patrouillirend, den Revolver im Gurt, jede Ansammlung größerer Volksmassen zu verhindern hatten. Es fand denn auch keine Ruhestörung statt. Nur einen loyalen Versuch machten die Angeklagten, sich dem Verfahren vor der Specialcommission zu entziehen, indem sie durch einen ihrer Vertheidiger den Antrag stellten, es möchte der Proceß vor den Central-Criminalgerichtshof in London verwiesen werden. Der Vorsitzende erklärte dies von vornherein für völlig unmöglich, weil die Specialcommission einmal eingesetzt worden sei, gestattete jedoch, daß die eidliche Erklärung eines Anwalts, wodurch das Gesuch unterstützt werden sollte, verlesen wurde. Sie lautet:

»Ich, William Roberts u. s. w., schwöre und sage: 1) daß ich ernstlich und aufrichtig glaube, daß vor dieser Commission ein ehrliches, unparteiisches Verfahren nicht stattfinden kann; 2) daß ich unter anderm durch folgende Erwägungen zu diesem Glauben gedrängt worden bin: daß seit dem traurigen Vorfalle, welcher Anlaß zu dieser Anklage gegeben hat, eine stets zunehmende Aufregung und Unruhe sich der Gemüther der Einwohner von Manchester und Umgegend bemächtigt hat; 3) daß die ausschweifendsten Befürchtungen und Gerüchte von bevorstehenden Revolutionen in den Bezirken, aus denen die Geschworenen einberufen sind, circulirt haben und noch circuliren; 4) daß die außerordentlichen von den Behörden getroffenen Vorsichtsmaßregeln darauf berechnet sind, das Gefühl der Unsicherheit und Unruhe zu steigern; 5) daß die Mittheilungen der Localpresse darauf hingewirkt haben, die erwähnten Gefühle zu verschärfen und! ein feindliches Vorurtheil gegen die Angeklagten zu erwecken; 6) daß die vorherrschende Richtung der öffentlichen Meinung sich, außer auf anderm Wege, auch durch feindselige Demonstrationen gegen die Angeklagten während der Voruntersuchung kundgegeben hat; 7) daß noch nicht hinreichende Zeit seit der Begehung des Verbrechens verflossen ist, um diesen Gefühlen zu gestatten, sich zu beruhigen. 8) Aus diesen und andern zu demselben Schlüsse führenden Gründen erkläre ich: daß meiner Ueberzeugung nach die Angeklagten weder in Manchester noch sonst wo in Lancashire auf unparteiisches Urtel hoffen können, und 9) daß die einstimmige Meinung der Vertheidiger der Angeklagten dahin geht, daß die Verweisung der Sache vor den Central-Criminalgerichtshof zu London im Interesse der Angeklagten liegt, und am sichersten zur Erreichung der Zwecke der öffentlichen Gerechtigkeit führen würde.«

Diese Erklärung ist höchst interessant, weil sie in wenigen Worten für diesen Einen Fall alles ausspricht, was die Gegner des Schwurgerichtsverfahrens, und namentlich der Zuziehung von Geschworenen in politischen Processen, allgemein geltend zu machen pflegen. Der Gerichtshof erklärte jedoch, selbst wenn jedes Wort wahr sei, so sei doch kein Grund vorhanden, das Verfahren der Specialcommission zu entziehen, und einer der Vertheidiger bemerkte darauf: er halte es für seine Pflicht, zu erklären, daß er das Verzeichniß der Geschworenen genau geprüft habe, aber gegen die Zusammenstellung derselben auch nicht die mindeste Einwendung zu machen vermöge.

Es erfolgte nun ohne weitere Zwischenfälle die Bildung der Jury, die Verlesung der Anklageformel, in welcher die Angeklagten und besonders Allen des Mordes des Sergeanten Brett beschuldigt werden. Die Inculpaten erklären sich sämmtlich für nichtschuldig; hierauf folgt der Vortrag des Staatsanwalts, welcher mit der ernsten Mahnung an die Geschworenen beginnt: Alles zu vergessen, was sie außerhalb der Wände des Gerichtshofs gehört haben, und lediglich nach dem ihnen vorzuführenden Beweise zu urtheilen. Aus seiner Darstellung des Falles ersehen wir, daß Allen angeklagt wird, den tödlichen Schuß abgefeuert zu haben. Mit der Vernehmung des Polizeibeamten Harwood, welcher zu den bei der verhängnißvollen Fahrt auf dem Bocke des Zellenwagens postirten Mannschaften gehörte, fängt die Beweisaufnahme an.

Harwood sah schon, ehe der Wagen die Durchfahrt erreicht hatte, einen Haufen Menschen auf der andern Seite versammelt, und kaum waren die Pferde unter dem Bogen der Durchfahrt hindurch, als Larkie aus dem Haufen hervorsprang, den Pferden in die Zügel fiel, das eine niederschoß und dann auf die vorn sitzenden Polizeibeamten, anscheinend ohne zu zielen, Feuer gab. Gould schoß auf das andere Pferd. Harwood sprang vom Wagen, Larkie trat ihm mit vorgehaltenem Pistol und mit den Worten: »Was wollen Sie?« entgegen. Er erwiderte: »Zum Teufel, ich will Ihnen zeigen, was ich will!« und suchte ihm den Revolver zu entwinden, dies gelang ihm jedoch nicht, er warf ihm nunmehr einen Stein ins Gesicht und ergriff die Flucht, von Larkie verfolgt, der dreimal hinter ihm her feuerte, ohne ihn jedoch zu treffen. Zeuge warf sich in die nächste Droschke, und fuhr so rasch als möglich nach dem Belviewgefängniß, von wo er mit acht Gefangenwärtern erst zurückkehrte, als der Angriff schon vorüber war. Allen und Maguire hat er auch in dem Haufen der Angreifer gesehen, aber nur ganz flüchtig.

Neben ihm hatte der Constabler Georg Shaw gesessen; als der Wagen die Durchfahrt passirt hatte, hörte er aus dem Haufen den Schrei: »Haltet den Wagen an – schießt die Pferde todt!« Dies geschah, er weiß nicht von wem, und er sprang gleich nach Harwood vom Wagen. Von den Angeklagten hat er unter den Angreifern Allen, Larkie, Gould und Shore bestimmt, und, wie er glaubte, auch Maguire gesehen. Larkie, Gould und Shore versuchten den Wagen zu erbrechen. Allen stand mit dem Revolver in der Hand dabei, um etwaige Angreifer zurückzuhalten, dann trat er selbst hinten auf den Tritt, während die andern die Polizeibeamten mit Steinwürfen zurücktrieben, und schoß in den Wagen; Zeuge glaubte von seinem Standpunkt aus, er schieße ins Schlüsselloch, um das Schloß zu sprengen, hörte aber gleich darauf einen Schrei im Innern des Wagens: »Er ist todt!« Bei einem Angriffe der Polizeibeamten schloß sich ihnen ein Civilist, Henri Sprossan, an; sie wurden aber durch Schüsse und Steinwürfe zurückgetrieben und Sprossan von Allen in den Fuß geschossen.

Der Ziegeleiarbeiter Patterson, in der Nähe beschäftigt und durch den Lärm des Angriffs angelockt, hatte hinter einer etwa 20 Schritt von dem Wagen entfernten Mauer Posto gefaßt, und sah nach seiner Angabe zuerst Allen auf dem Dache des Wagens, und Maguire, der ihm von unten Steine zureichte. Mit diesen versuchte Allen die Wagendecke – die, wie ein anderer Zeuge bekundet hat, aus festem Holz mit eisernen Schienen bestand – zu zertrümmern und schlug auch wirklich ein kleines Loch in dieselbe, dann stieg er hinab und stellte sich an die Seite des Wagens, in jeder Hand einen Revolver, mit denen er jeden zu erschießen drohte, der sich nähern würde. Plötzlich rief eine Stimme: »Schießt den Hund todt, er ist drinnen!« und alsbald lief Allen an die Thür des Wagens und steckte beide Revolver durch die Luftklappe. Gleich darauf hörte Zeuge einen Schuß und Weibergeschrei im Innern des Wagens, die Thür wurde geöffnet, Sergeant Brett stürzte leblos heraus, dann stiegen zwei mit Handschellen gefesselte Männer aus und liefen querfeldein, gefolgt von Allen, welcher jeden niederzuschießen drohte, der ihnen nahe kommen würde, und in der That wiederholt schoß. Zeuge hörte, wie Allen zu einem der Männer sagte: »Hurrah, Kelly, ich sterbe für Sie, ehe ich Sie ausliefere!« Larkie und Gould, welche sich bis dahin an der Seite des Wagens aufgehalten hatten, folgten mit Allen den beiden Männern.

Unter den Weibern, die sich im Wagen, und zwar nicht in den Zellen, sondern mit Brett auf dem Gange befanden, war auch Emma Holiday, schon mehrmals bestraft und damals wieder unter Anklage; doch scheint ihre Glaubwürdigkeit von keiner Seite angefochten worden zu sein. Nach ihrer Erzählung sah Brett, als der Wagen plötzlich hielt und Steinwürfe gegen denselben dröhnten, durch die Luftklappe, und rief aus: »O mein Gott,« Fenier!« Die Weiber fingen an zu schreien, er gebot Stille, und bemühte sich, die Klappe des Luftlochs zuzuhalten; als aber ein Loch in die Decke geschlagen worden war, trat er zurück, um nicht von oben mit einem Steine getroffen zu werden; in diesem Augenblicke wurde die Klappe, welche sich um ein in ihrer halben, Höhe angebrachtes Charnier dreht, geöffnet und ein Stein in die untere Oeffnung geschoben, sodaß sie nicht wieder geschlossen werden konnte. Ein Mann forderte von Brett die Schlüssel, dann, sagte er, wollten sie nur die zwei Männer herauslassen und niemand etwas zu Leide thun. Brett entgegnete: »Nein! komme was will, ich bleibe bis zuletzt fest auf dem Posten!« Zeugin sah währenddessen durch die untere Oeffnung und bemerkte, daß durch die obere Oeffnung ein Pistol in den Wagen gehalten wurde; in dem Manne, der dies that, hat sie Allen mit Bestimmtheit erkannt. Mit den Worten »Karl, fort! sehen Sie hier!« suchte sie Brett aus allen Kräften niederzuziehen, als aber sein Kopf in gleicher Höhe mit dem Pistol war, wurde dies abgefeuert, und Brett stürzte sofort zusammen. Nun forderte ein Mann von den Weibern die Schlüssel, sie erklärten zuerst, sie dürften sie nicht geben; als ihnen aber mit Todtschießen gedroht wurde. reichte eins der Weiber sie heraus, die Thür wurde geöffnet, Zeugin sprang heraus und eilte sofort ins Gefängniß, ohne daß sie unter den Angreifern noch einen erkannt hätte. Sie versichert, daß sie von der ausgesetzten Belohnung von 200 Pfd. St., da sie in Haft war, erst erfahren habe, nachdem sie Allen bereits recognoscirt hätte.

Eine ihrer Gefährtinnen, Ellen Cooper, erzählt den Vorfall im wesentlichen ebenso, nur nimmt sie für sich das zweifelhafte Verdienst in Anspruch, Brett von der Thür zurückgerissen zu haben, und bezeichnet Allen als den, der den Weibern mit vorgehaltener Pistole die Schlüssel abgefordert habe.

Der Knabe Georg Mulholland, ein vorlauter, naseweiser Bursche von 12 Jahren, erzählt: »Allen oder Larkie schossen auf den Kutscher, Allen gab Larkie eine Axt, mit welcher dieser die Wagenthür zu erbrechen suchte, und Maguire kletterte auf Allen's Befehl auf das Dach des Wagens, und suchte es mit einem Steine durchzuschlagen. Endlich brach Allen mit einem Hammer die Klappe auf und schoß in den Wagen.« Einer der Vertheidiger hält dem Zeugen einige Widersprüche zwischen seinen jetzigen Angaben und denen in der Voruntersuchung vor, und bemerkt auf eine etwas dreiste Antwort: »Wahrhaftig, Du bist ein schlauer Bursche!« »Ich will mal Jurist werden«, erwiderte der Junge, ohne indeß die wirklich vorhandenen Abweichungen in seinen Aussagen rechtfertigen zu können.

Es hieße die Geduld unserer Leser ungebührlich in Anspruch nehmen, wollten wir die Menge der übrigen Zeugenaussagen anders als mit wenigen Worten wiedergeben, zumal eigentlich erst die spätern hinter der Beweisaufnahme liegenden Stadien dieses Processes ein hervorragendes Interesse in Anspruch nehmen dürfen. Auch in diesem Falle bewährte sich die jedem Criminalisten geläufige Erfahrung, daß es bei allen einigermaßen tumultuarischen Vorgängen, von der gewöhnlichen Wirthshausschlägerei bis zu so ernsten Ereignissen wie das hier vorliegende, fast unmöglich ist, ein ganz treues Bild durch völlig übereinstimmende Zeugenaussagen zu erhalten. Selbst der unbetheiligte Zuschauer geräth in Aufregung und nimmt unwillkürlich Partei für oder gegen einzelne der mitwirkenden Persönlichkeiten, die Reihenfolge der einzelnen Acte, aus denen sich der ganze Hergang zusammensetzt, ja die Personen der Mitwirkenden verschwimmen mehr oder weniger ineinander, und soll er über das Gesehene Rechenschaft geben, so hilft, ihm unbewußt, die Phantasie dem Gedächtnisse mehr als billig nach; glücklich noch, wenn, wie hier, wenigstens einzelne Hauptmomente unzweifelhaft festgestellt werden.

Der Ziegeleiarbeiter Pickuy und der Barbier Griffiths, der Bahnschreiber Beek und der Krämer Knowles, der Kutscher Munn, der Glaser Thomas, der Constabler Trueman, der Arbeiter Hunter haben gesehen, wie Allen durch die Luftklappe in den Wagen schoß. Griffiths sah Maguire in dem Haufen, weiß aber nicht, daß er sich irgendwie thätig gezeigt hätte, dagegen sah Beek, wie Gould und Maguire mit Steinen auf die Polizeibeamten warfen, während Larkie sich bemühte, die Decke des Wagens zu zertrümmern, und der Maschinist Hughes sah, wie Maguire dem auf dem Dache des Wagens thätigen Allen Steine zureichte und nachher mit Larkie auf die Polizei schoß. Der Zeuge James Mager sah Allen und Larkie an der Wagenthür hämmern, und Allen auf Sprossan schießen, doch schien es ihm, als zielte er auf die Erde, um zu schrecken, nicht um zu treffen. Herr Batty sah Larkie Steine werfen, uud Shore in sitzender Stellung an der Thür des Wagens, als ob er Steine aufhöbe; dabei schien ihn ein schwerer Stein zu treffen, denn er stand auf und ging wankend auf die Seite; nach der Richtung seiner Blicke und der Bewegung seiner Hand schien er einigen auf der Straße stehenden Männern Befehle zu ertheilen. Der Constabler Bromley saß rechts vom Kutscher des Zellenwagens; als er herabsteigen wollte, zielte und schoß Allen auf ihn und traf ihn in den rechten Oberschenkel. Später sah er Allen auf dem Wagendache, Gould reichte ihm einen Stein, dann stieg Allen herab und suchte die Wagenthür mit einer Axt zu erbrechen. Während dessen kam der Constabler Trueman auf den Wagen zu, Gould zielte und schoß auf ihn, doch erhielt er nur eine leichte Contusion an der Schulter. Die Constabler Thomyson und Trueman haben Shore unter denen erkannt, die mit Steinen auf die Polizei warfen, der Glaser Thomas hat sogar gesehen, daß er ein Pistol aufs Gerathewohl abschoß. Thomas' Angaben sind weit ausführlicher, als sie es in der Voruntersuchung waren, was den Vertheidiger zu der Bemerkung veranlaßt, die ausgesetzte Belohnung habe sein Gedächtniß wunderbar geschärft. Den Zeugen Knowles fragt ein Vertheidiger: ob er nicht einmal geäußert habe, er werde sich freuen, wenn er dazu beitragen könnte, daß ein Fenier gehängt werde. Knowles entgegnet, er würde sich schämen, so etwas zu sagen.

Sobald die Gefangenen, Kellh und Deasy, befreit waren, gingen sie, wie die in diesem Zeitpunkt ankommenden Gefangenwärter Powell und Baxter, der Eisenbahnbeamte Sherry und der Arbeiter Barlow, im wesentlichen übereinstimmend, aussagen, von Allen, Gould, Larkie und einigen andern Männern begleitet, über das Feld nach dem Bahnhofe der Midlandbahn, wo Sherry sah, wie einige derselben einem Manne, über dessen Hände ein Rock gedeckt war, über die Mauer halfen. Allen scheint sich hierauf von Larkie und Gould getrennt zu haben; er wurde alsbald verfolgt, schoß seinen Revolver in den Fußboden ab und lief schließlich einem halben Dutzend von Männern in die Hände, welche ihn festhielten und ihm den Revolver entrissen. Zwei Läufe desselben waren noch geladen, doch waren keine Zündhütchen auf den Pistons. Larkie und Gould wurden unter anderm von Baxter verfolgt; Larkie zielte auf diesen mit dem Revolver und drohte ihn niederzuschießen, wenn er näher käme, drückte auch zweimal ab, beide Läufe versagten jedoch und Baxter schleuderte einen schweren Stein nach ihm, der ihn verfehlte, dafür aber Gould zu Boden streckte. Dieser sowol als Larkie wurden nunmehr festgenommen, und konnten kaum von den Beamten vor Mishandlungen geschützt werden. Shore wurde am selben Abend in Manchester von dem Constabler Hurt verhaftet, welchem die dick mit Lehm beschmuzten Stiefeln Shore's auffielen; er fragte ihn nach seinem Namen, Shore weigerte sich, denselben zu nennen, und ergriff die Flucht. Hurt eilte ihm nach, holte ihn in einer Sackgasse ein und schlug ihn mit dem Constablerstab zu Boden. Maguire wurde spät abends in seiner Wohnung verhaftet, dagegen sind Kelly und Deasy nicht wieder ergriffen worden.

Ueber die erste Verhaftung dieser beiden gewaltsam befreiten Gefangenen wird der Constabler Dicken vernommen. Er patrouillirte in der Nacht vom 10. zum II. September in den Straßen von Manchester, und sah vier Männer, die sich leise miteinander unterhielten; unter ihnen befand sich Gould. Dieser entfernte sich darauf mit einem zweiten, den beiden andern folgte er bis an den Laden des Kaufmanns Henri Wilson. Sie klopften an die Thür mit den Worten: »Alles in Ordnung! Oeffnen Sie und lassen Sie uns ein!« Hierauf gab Dicken das Alarmsignal und verhaftete die beiden auf Grund des Gesetzes gegen Landstreicher wegen Umhertreibens auf den Straßen. Sie nannten sich John Whita und Martin Williams; jeder führte einen schußfertigen sechsläufigen Revolver bei sich. Tags darauf wurden sie als die wegen Verdachts der Betheiligung an der Fenier-Verschwörung bereits verfolgten Personen, Kelly und Deasy, erkannt.

Die folgenden Verhandlungen beweisen, daß bei Erlaß der Haftbefehle gegen beide die gesetzlichen Formalitäten nicht streng beobachtet worden sind; die Einzelheiten, zu deren Verständniß eine genauere Kenntniß der englischen Strafgesetze und Polizeivorschriften erforderlich wäre, als wir bei unsern Lesern voraussetzen dürfen, können wir übergehen, nicht aber die Debatte, die sich hierüber zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Vertheidigung entspinnt. Alle sind nämlich darüber einig, daß Kelly und Deasy selbst vollständig berechtigt gewesen wären, sich der formell ungesetzlichen Verhaftung selbst unter Anwendung von Gewalt zu entziehen, und daß, wenn sie hierbei einen Beamten getödtet hätten, dies entweder gar nicht oder doch nur als manslaugthter zu bestrafen wäre, worunter das englische Gesetz jede ungesetzliche Tödtung eines Menschen, selbst wenn sie aus Fahrlässigkeit erfolgt, im Gegensatze zum Morde, versteht. Die Verteidigung behauptet nun, daß diese mildere Auffassung auch dritten Personen zu statten kommen müsse, welche die Befreiung ungesetzlich Verhafteter unternehmen; die Staatsanwaltschaft stellt dies in Abrede, da der Verhaftete selbst zwar entschuldigt werde, weil er durch das ihm widerfahrene Unrecht gereizt sei, dies aber bei dritten Personen, denen noch dazu die Ungesetzlichkeit des Verfahrens gar nicht bekannt gewesen sei, nicht zutreffe. Der Vorsitzende schließt sich zunächst für seine Person dieser Ansicht an, da aber gerade eine Pause behufs des Mittagessens gemacht wird, verspricht er, inzwischen die Frage noch mit seinem gelehrten beisitzenden Collegen zu berathen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung erklärt er, sie seien beide darüber einig, daß dritte Personen die Ungesetzlichkeit der Haft der von ihnen befreiten Personen nicht für sich geltend machen dürften, und der Vertheidiger bittet nunmehr, falls es ihm noch später gelingen sollte, eine Autorität für seine Ansicht ausfindig zu machen, möge es ihm gestattet werden, dieselbe nachträglich anzuführen. Der Vorsitzende entgegnet: »Das steht Ihnen nicht nur frei, Herr Vertheidiger, sondern ich würde Ihnen dafür äußerst dankbar sein. Nicht allein den bei der Sache beteiligten Vertheidigern, sondern jedem beliebigen gelehrten Herrn, welcher mir irgendeine noch nicht zur Sprache gebrachte Autorität über diesen Punkt namhaft machen könnte, würde ich für die Belehrung verpflichtet sein!« Diese nach unsern Begriffen etwas befremdliche Bitte um Belehrung bleibt nach allen Seiten hin erfolglos, und auch die Vertheidigung kommt später auf diesen Punkt nicht mehr zurück.

Die Angeklagten Gould, Shore und Maguire hatten ein Alibi behauptet, d. h. sie wollten beweisen, daß sie zur Zeit der That nicht am Orte derselben gewesen seien. Zunächst tritt für Gould eine Erzieherin, Miß Flanagan, in die Schranken, welche zwar anfänglich Bedenken trägt, den Namen der Herrschaft, bei welcher sie engagirt ist, zu nennen, dann aber angibt, sie sei seit längerer Zeit bei dem Kaufmann La Compte engagirt, habe indeß gewünscht, bis zu Erledigung dieser Angelegenheit anderswo zu wohnen, und wohne demgemäß jetzt bei Frau Wilson, der Frau desjenigen Kaufmanns Wilson, vor dessen Thür Kelly und Deasy verhaftet wurden, und der jetzt ebenfalls der Teilnahme am Morde des Sergeanten Brett angeklagt ist. Sie ging am Nachmittag des 18. September zufällig Hyderoad entlang, und kam zehn Minuten vor 4 Uhr an das Belviewgefängniß, in dessen nächster Nachbarschaft ein Wirthshaus steht. Vor der Thür sah sie den ihr bis dahin unbekannten Gould; er sprach, wie sie glaubte, mit Wilson, und spielte mit dessen Kinde. Wilson kennt sie seit etwa zwei Monaten; sie kam damals in seinen Laden, um etwas zu kaufen, und wurde durch einen Herrn Jones, der, wie sie glaube, Handlungsreisender war und jetzt in Amerika sich aufhält, mit ihm bekannt gemacht.

Ihre etwas fragwürdige Aussage wird unterstützt und ergänzt durch Frau Mary O'Leary, Wilson's Schwägerin, Sie fuhr an jenem Nachmittage bald nach 3 Uhr in einem Omnibus mit Wilson, dessen Frau und Kind Hyderoad entlang; Wilson wollte aufs Land, um sich zu erholen. Leider brach vor der Thür des Belviewgefängnisses ein Rad des Omnibus, sie mußten aussteigen und begaben sich in das erwähnte Wirthshaus, um etwas zu trinken. Auf dem Wege dahin trafen sie Gould, der einige Minuten mit ihnen sprach. Währenddessen fuhr eine Droschke vor dem Gefängnisse vor, ein Polizeibeamter stieg aus und klopfte heftig an die Thür. Der Angriff auf den Wagen war gerade während dieser Zeit erfolgt. Auch Miß Flanagan ging vorüber, und sprach einige Worte mit Wilson.

Den Angeklagten Shore wollen der Wirthssohn Joseph Fee und der Schneider Kelly etwa um 4 Uhr in der Fee's Mutter gehörigen Bierstube zu Manchester gesehen haben, wo er sich längere Zeit aufgehalten haben soll. Auch Frau Fee, eine alte Dame, glaubt sich dessen zu erinnern, kann es aber nicht beschwören.

Thomas Maguire, Seesoldat in der königlichen Marine, hielt sich auf Urlaub bei seiner Schwester Elise Parkins auf, deren Wohnung etwa eine halbe deutsche Meile von Hyderoad entfernt liegt. Die Perkins versichert, ihr Bruder habe am 18. September nach seiner Gewohnheit bis halb 4 Uhr nachmittags geschlafen und sei erst um 7 Uhr ausgegangen; ihre Nachbarin Mary Ingham ging um halb 4 Uhr bei seinem Schlafzimmer vorüber, er kam in Hemdärmeln an das Fenster und fragte, ob er sie auf ihrem Gange begleiten dürfe, sie zog aber vor, allein zu gehen. Eine andere Nachbarin, Witwe Hancock, sah ihn im Vorübergehen, gerade um halb 5 Uhr, wie er sich eben wusch; auf die Frage des Staatsanwalts, woher sie sich der Stunde so genau erinnere, entgegnete sie: »Ich hatte beim Fortgehen nach der Uhr gesehen; ich könnte gar nicht fortgehen, ohne nach der Uhr zu sehen; Sie können gelegentlich kommen und sich's ansehen.« »Ich muß danken«, erwiderte der Attorney- General unter großer Heiterkeit des Publikums. Noch eine andere Zeugin sah ihn zwischen 4 und 5 Uhr, ruhig eine Pfeife rauchend, und unterhielt sich mit ihm über das Wetter. Eine sah ihn um 4 Uhr im Hofe seiner Schwester, eine zwischen 3 und 4 Uhr die Treppe hinabkommen. Ein Constabler hat ihn, als er auf Urlaub kam, kennen gelernt, und schildert ihn als einen ruhigen Menschen, der des Abends etwas über den Durst zu trinken pflegte.

Hiermit schloß die Beweisaufnahme.

Von den Vertheidigern spricht zuerst Mr. Seymour für Allen, Gould und Shore. Nach einigen Bemerkungen über die Pflichten des Vertheidigers und über die Ruhe und Unparteilichkeit, die der Attorney-General während der ganzen Dauer der Verhandlungen an den Tag gelegt habe, »würdig nicht nur seines edeln und männlichen Charakters, sondern der britischen Justiz selbst«, spricht er die Befürchtung aus, daß die Geschworenen vorweg gegen die Angeklagten eingenommen sein könnten. »Schon die Thatsache selbst, daß in dem friedlichen Manchester, der Heimat und in vieler Beziehung dem Mittelpunkte des Handels, ein solcher Angriff möglich war, verbreitete durch ganz England einen panischen Schrecken. Nun hat selbst Ihrer Majestät Regierung es für angemessen gehalten, eine Specialcommission, ausgerüstet mit allen Förmlichkeiten und allen Schrecken des Gesetzes, an Ort und Stelle zu senden. Die Gefangenen werden durch Fußvolk und Reiterei bewacht, fast jeder zweite Mann, den wir in den Hallen des Justizpalastes sehen, ist ein Constabler in Uniform, Gewehrkolben dröhnen auf dem Estrich seiner prachtvollen Gänge, ja im Gerichtssaale selbst sehen wir Vorkehrungen getroffen, um den in ganz unbestimmter Weise gefürchteten plötzlichen Ausbruch eines AufstandesWörtlich: eine Feuersbrunst, Conflagration. Wir wissen nicht, ob die Anstiftung einer solchen wirklich befürchtet wurde; daß man den Feniern Aehnliches zutrauen durfte, hat die nächste Folgezeit gelehrt. augenblicklich dämpfen zu können. Ich tadle den Schritt der Regierung nicht; hat sie zu rasch gehandelt, so werden Parlament und Volk ihre Meinung hierüber aussprechen; ich tadle auch die Vorsichtsmaßregeln nicht, die die Behörden zur Sicherung der Rechtspflege ergriffen haben. Ich bitte nur die Geschworenen, unbeirrt von dem Eindrucke, den die so hervorgerufenen Ahnungen möglicher unsichtbarer Gefahren auf Sie machen könnten, besonders sorgfältig in Ihren Erwägungen zu sein. Folgen Sie treulich dem Ausspruche Ihres Gewissens, dann wird Ihnen für alle Zeit die wohlthuende Erinnerung bleiben, bei einer großen Veranlassung, in einer Zeit gewaltiger Aufregung würdig gehandelt zu haben – handeln Sie im Geiste jenes unglücklichen, höchst ehrenwerthen Beamten, dessen Tod die Veranlassung zu diesem Processe gegeben hat – seien Sie fest entschlossen, was für Furcht, was für Schrecken auch außerhalb dieser Hallen herrschen mag, unbeeinflußt von allen Gedanken daran Ihre Pflicht zu thun bis zum letzten Augenblicke.

»Gestatten Sie mir noch einige Worte über die politische Seite der Frage. Ich stehe hier als Landsmann einiger, wenn nicht aller Angeklagten. Aber möge niemand im Saale, mögen meine Clienten selbst nur ja nicht annehmen, daß ich mit ihnen in politischer Beziehung sympathisirte! Von allen Plagen, von denen mein unglückliches Vaterland heimgesucht worden ist, ist das Fenierthum die schwärzeste und schlimmste! Mag Hungersnoth es entvölkern und veröden, mögen Seuchen Hunderte und Tausende niedermähen – der wiederkehrende Frühling wird der Erde neue Aehren entsprießen lassen, ein erfrischender Luftstrom wird die Pest endlich verscheuchen. Das Fenierthum aber ist ein schwerer Fluch, ein Krebsschaden, der sich an den schönsten Theilen dieser schönen Insel eingefressen hat, der seinen vernichtenden Einfluß auf ihre lebensfähigsten Theile ausübt. Gewiß, Irland hat Unrecht erlitten, es hat verständige Reformen zu fordern. Religiöse und sociale Streitigkeiten, die politischen Spaltungen der Gesellschaft trüben das Antlitz, verunstalten die Schönheiten des Landes. Aber wird das Fenierthum jemals diese Schäden heilen? Wird es dem Lande Kapital, den verödeten Gestaden Schiffe zuführen, den Gewerbfleiß neu beleben? Wird es Irland je fähig machen, eine seiner würdige Stelle zur Seite Englands einzunehmen, wozu es doch Natur und Geschichte bestimmt haben? Ich werde ängstlich bemüht sein, meine Pflicht gegen meine Clienten zu thun, ich wünsche aus vollstem Herzen, daß meine Bestrebungen, sie zu vertheidigen, von Erfolg gekrönt sein mögen, aber alle die Theilnahme, die mir mein Beruf für sie einflößt, soll mich nicht hindern, jede mögliche Gelegenheit zu benutzen, um zu erklären, daß weder ich für jene Bestrebungen Theilnahme hege, noch irgendjemand, der sein Vaterland liebt, sie billigen oder ermuthigen sollte!«

Der Vertheidiger knüpft hieran die Bitte, die Geschworenen möchten vergessen, daß sie mit fünf muthmaßlichen Feniern zu thun haben, und den Fall entscheiden, als ob sie über fünf ihrer eigenen Landsleute zu richten hätten, und geht dann zur Sache selbst über. Die Geschworenen möchten, bittet er, doch zunächst prüfen, ob nicht die Ausdehnung und die Heftigkeit des Angriffs auf den Wagen sehr übertrieben dargestellt worden seien. Nach den Aussagen der meisten Zeugen führten nur einzelne der Angreifer Revolver, die andern warfen nur mit Steinen, und über die Zahl der abgefeuerten Schüsse schwankten die Angaben zwischen drei und hundert! Und welches seien die Resultate gewesen? Brett getödtet, Bromley und Sprossan verwundet, Trueman gestreift. Weiteres Unglück sei nicht angerichtet worden, und die Scharen von Verfolgern, welche den Angreifern vom Schauplatze der That an nachgeeilt seien, hätten doch nur einen Revolver, den von Allen, gefunden. Sollten da nicht die Zeugen in ihren Schilderungen, nicht absichtlich, aber in leichterklärlicher und durch Zeitungsnachrichten täglich genährter Aufregung, zu weit gegangen sein? Die Krone habe aber auch nicht alle Zeugen vorgeführt, wie man wol hätte erwarten dürfen. So sei z. B. der Kutscher des Zellenwagens nicht vernommen worden, und von den mitfahrenden Constablern auch nur eine geringe Zahl. Hiernach könne wol nicht als er- wiesen gelten, daß die Angeklagten tödliche Waffen mit der Absicht zu tödten gebraucht hätten. Allen schoß freilich auf Sprossan, aber er zielte nach dessen Füßen; er soll in den Wagen geschossen haben, aber der Constabler Shaw versichert, es habe ausgesehen, als wolle er nur das Schloß sprengen.

Er macht dann auf die Unglaubwürdigkeit einzelner, die widersprechenden Angaben anderer Zeugen aufmerksam, und führt aus: wenn Allen nun auch wirklich das Pistol auf Brett gerichtet habe, so sei es doch sehr wahrscheinlich, daß derselbe gar nicht tödlich getroffen sein würde, wenn ihn Emma Holiday nicht zurück- und niedergerissen hätte, sodaß sein Kopf in gleiche Höhe mit der Schußwaffe kam. Allen's wahrer Charakter zeige sich auch darin, daß er, als er verfolgt wurde, die beiden noch geladenen Läufe seines Revolvers nicht auf die Perfolger, sondern in die Erde abgefeuert habe. Einem Manne, der so handle, könne man einen vorsätzlichen Mord nicht zutrauen. Schließlich seien in Betreff Gould's die Alibizeugen nicht widerlegt, und wenn das Alibi für Shore nicht völlig erwiesen sei, so werde die Schwäche dieses Beweises durch die des Belastungsbeweises völlig aufgewogen.

Er wiederholt dann die frühern Ermahnungen an die Geschworenen, und schließt seine Rede, welche über drei und eine Viertelstunde gedauert hat, etwa folgendermaßen:

»Lassen Sie sich durch das scheußliche Uebel des Fenierthums nicht in Schrecken setzen, machen Sie sich, keine übertriebene Vorstellung von dessen Gefahren. Es ist nichts dahinter, es ist ein reines Schwammgewächs, eine Misgeburt, erzeugt von irischem Misvergnügen und amerikanischem BummlerthumYankee rowdyism. Der Ausdruck ist eigentlich unübersetzbar; der deutsche »Bummler« von Profession pflegt glücklicherweise seinem Berufe nicht wie der amerikanische Rowdy, mit Todtschläger, Revolver und Bowiemesser ausgerüstet, und jeden Augenblick zu deren ausgedehntestem Gebrauche bereit, nachzugeben., und findet im Herzen keines loyalen Protestanten oder Katholiken in ganz Irland Anklang. Kein Politiker ist in meiner Heimat, sein Standpunkt sei welcher er wolle, der es nicht anklagte, kein Kapitalist, der es nicht fürchtete, keine Kanzel, von der herab es nicht verflucht wäre. Wie die Priester des Ostens zur Zeit der alten levitischen Priesterschaft, hat die Geistlichkeit über dasselbe ausgerufen: «Hinaus mit dir in die Wüste, du Aussätziger! Unrein, Unrein!» Ich weiß, daß ich hiermit gewissen geflissentlich verbreiteten Darstellungen geradezu widerspreche, aber ich hoffe, meine Worte werden vielleicht manchen verleiteten Thoren erweichen und bekehren. Hoffen wir, daß dieser Proceß, abgesehen von seinem unmittelbaren Ausgange, große moralische Wirkung habe. Und sie kann nicht ausbleiben, wenn Sie ein freisprechendes Verdict abgeben! Hoffen wir, daß es der milden Hand friedlicher Gesetzgebung gelingen möge, die Uebel zu beseitigen, an denen Irland leidet! Hoffen wir, daß der Tag nicht fern ist, an dem Ihre Majestät ein anderes Balmoral in den romantischen, grünen Hügeln von Karry findet, daß Ihre Majestät bald ihren Fuß vertrauensvoll in ihre eigene irische Wohnung setzen und daß man mit den Worten des irischen Barden von einem solchen Besuche sagen kann: «Sie kam, und ihr königliches Lächeln leuchtete ihr sicher durch die grüne Insel.» Das ist ein Bild, wie ich es als Ire und als Patriot gern entwerfe, und in dem Augenblicke, wo es einst ins Leben tritt, werden die Thorheiten jener Betrüger verschwinden, zu Schatten, zu vergangenen Dingen werden!«

Kürzer und prosaischer entledigt sich Mr. O'Brien seiner Aufgabe als Vertheidiger von Larkie und Maguire. Auch er ermahnt die Geschworenen, unbeirrt von äußern Einflüssen zu urtheilen, und dankt dem Attorney-General für sein unparteiisches Auftreten. Er macht sodann auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die selbst dem gewissenhaftesten Zeugen entgegenträten, wenn er die Einzelheiten eines so tumultuarischen Vorganges genau wiedergeben solle, und führt aus, daß Maguire von keinem einwandsfreien Zeugen in irgendwelcher Thätigkeit bei dem Angriffe gesehen und daß ihm noch weniger irgendwelche Verbindung mit dem Fenierthum nachgewiesen sei, während Larkie, wenn man wirklich für erwiesen halten wolle, daß er an dem Angriffe thätigen Antheil genommen, doch keineswegs des Mordes schuldig erachtet werden könne, denn es sei weder dargethan, daß er sich überhaupt mit den andern Theilnehmern zur Ausführung des Angriffs vorher verbündet, noch daß es in dem Plane der Angreifer gelegen habe, Handlungen zu begehen, welche das Leben eines Menschen gefährden könnten; wäre nämlich der Zellenwagen wie gewöhnlich nur von einem Beamten begleitet worden – und die Verschworenen konnten nicht wissen, daß eine stärkere Bedeckung mitgesandt worden sei – so würde, meint der Vertheidiger, die bloße Schaustellung der physischen Uebermacht der Angreifer ohne Anwendung tödlicher Waffen zur Befreiung von Kelly und Deasy genügt haben. Daß Larkie, wenn die Zeugenaussagen richtig seien, schwere Strafe verdient habe, wolle er nicht bestreiten, eines todeswürdigen Verbrechens habe er sich aber nicht schuldig gemacht. Auch Mr. O'Brien spricht seine Entrüstung über das unselige Treiben der Fenier aus, welches nur den Erfolg haben könne, die heilsamen Maßregeln, welche englischerseits für Irland im Wege der Gesetzgebung beabsichtigt und vorbereitet würden, auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben.

Zum Schlusse nimmt der Attorney-General das Wort; es bildet einen eigenthümlichen Gegensatz zu der nach unsern Begriffen oft fast zu weit gehenden Sorgfalt, mit der im englischen Strafverfahren die Interessen deö Angeklagten gewahrt werden, daß stets, wenn die Anklage durch den Attorney-General in Person vertreten wird, dieser das letzte Wort hat.

Nach einer kurzen Geschichtserzählung führt er aus, daß es ganz gleichgültig sei, wie viele Personen an dem Angriffe theilgenommen, wie viele derselben mit Schußwaffen versehen gewesen seien, und ob sie von vornherein beabsichtigt hätten, einen Menschen zu tödten; es genüge, daß sie nach gemeinsamer Verabredung gehandelt, daß sie tödliche Waffen geführt hätten, um von denselben im Nothfalle Gebrauch zu machen, und daß durch deren Gebrauch wirklich ein Mensch getödtet worden sei. Er dankt den Vertheidigern für die Anerkennung seiner Unparteilichkeit, bedauert aber, daß ihm der Vorwurf gemacht worden, er habe nicht alle Zeugen vorgeführt, die man hatte erwarten können. Der Vertheidiger wisse recht wohl, daß alle in Bereitschaft gewesen seien und nur des Aufrufs gewartet hätten, und hätte also nur deren Vernehmung zu beantragen brauchen; er seinerseits habe gefürchtet, dem Gerichtshofe und der Jury schon zu viel Zeugen vorgeführt zu haben. Richtig sei – worauf ein Vertheidiger Gewicht gelegt hat – daß viele Schüsse nur aufs Gerathewohl abgefeuert worden; dies sei indeß ganz systematisch geschehen. Zuerst habe man geschossen, um die Beamten vom Bocke des Wagens herunterzutreiben, und dabei, gewissermaßen um die Sache zu beschleunigen, einen in den Schenkel geschossen; dann sei geschossen worden, um die Beamten und die ihnen zu Hilfe kommenden Personen vom Wagen zurückzutreiben; darauf sei Brett erschossen, um die Oeffnung des Wagens zu ermöglichen; schließlich habe man geschossen, um die Flucht von Kelly und Deasy zu decken.

Höchst befremdend findet er den von Gould geführten Alibibeweis. Zehn bis zwölf Zeugen bezeichneten denselben als thätigen Theilnehmer am Angriff, dessen ungeachtet solle er während dessen, eine Viertelmeile vom Orte der That entfernt, mit Wilson's Kinde gespielt haben, und schließlich sei er wieder unbestrittenermaßen gleich nach dem Angriffe Arm in Arm mit Allen von dannen gegangen und ganz in der Nähe des Kampfplatzes verhaftet worden.

Auch das Alibi von Maguire und Shore hält er nicht für erwiesen, beantragt gegen alle fünf Angeklagte das Schuldig, und schließt, indem er die Hoffnung ausspricht: das Urtel werde alle diejenigen, die sich in die wahnwitzige Fenier-Verschwörung eingelassen, belehren, daß Thaten, wie sie hier verübt worden, nicht möglich seien, ohne daß ihnen die strengste Strafe auf dem Fuße folge, und ohne daß die ernstesten Maßregeln unverzüglich getroffen würden, um Ihrer Majestät Unterthanen vor der Wiederholung solcher Verbrechen zu schützen.

Die Zuhörer brachen hier in laute Beifallsäußerungen aus, die aber von den dienstthuenden Beamten sofort unterdrückt wurden.

Nach dem Schlußvortrage des Vorsitzenden zogen sich die Geschworenen zurück, und verkündeten nach zweistündiger Berathung das Schuldig gegen alle fünf Angeklagte. Der Vorsitzende richtete die übliche Frage an diese: ob sie etwas anzuführen hätten, weshalb das Todesurtel nicht gegen sie ausgesprochen werden dürfe – und nun folgte eine der interessantesten Scenen, die jemals in den ernsten Hallen englischer Gerichtshöfe gespielt haben – fast ohne Vorgang, aber nicht ohne baldige Nachahmung.

Die Angeklagten waren den Verhandlungen mit ruhiger, anständiger Haltung gefolgt; sie hatten ohne Zeichen von Misbilligung die Verwünschungen angehört, die ihre eigenen Vertheidiger gegen die Fenier-Verschwörung schleuderten, sie hatten mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört, als der Staatsanwalt kurz, aber emphatisch den wilden, verzweifelten Charakter des begangenen Verbrechens schilderte und die Zuhörer unwillkürlich in Beifallsrufe ausbrachen, und als der Vorsitzende in seiner Schlußrede sich misbilligend über das System, Belohnungen für Belastungszeugen oder Angeber auszusetzen, äußerteDessenungeachtet bleibt man der alten Praxis treu. Im August 1868 setzte die Regierung selbst, als in Tipperary ein Verbrechen begangen war, dem, der die Thäter entdecken würde, 500 Pfd. St., dem, der als Kronzeuge gegen sie auftreten würde, 300 Pfd. St. Belohnung aus., hatten sie durch ihre ganze Haltung gezeigt, wie sehr sie mit ihm einverstanden seien. Niemand hatte erwartet, daß sie nach dem Wahrspruche der Geschworenen die Maske so vollständig, so trotzig abwerfen würden.

Der neunzehnjährige Allen antwortete zuerst auf die Frage des Vorsitzenden:

»Mylords und Gentlemen! Ich beabsichtige nicht, Ihre Zeit lange durch meine Antwort in Anspruch zu nehmen. Ihre Frage ist leicht zu stellen, aber sie fordert eine Antwort, die ich zu geben außer Stande bin, ja, die fähigere und beredtere Männer nicht zu geben vermocht haben. – Jetzt will ich, mit Ihrer Erlaubniß, einen Theil des Beweises durchgehen, der gegen mich vorgebracht worden ist.«

Vorsitzender. Dazu ist es zu spät. Wahrscheinlich haben Sie die Frage nicht verstanden. Ueber den Beweis ist gesprochen und die Jury hat ihren Wahrspruch gefällt. Wir haben weder die Macht noch das Recht, ihn zu ändern oder zn prüfen. Wenn Sie einen Grund anzuführen haben, weshalb, aus technischen oder moralischen Rücksichten, das Urtel gegen Sie nicht gesprochen werden könnte, werden wir Sie hören, aber es ist zu spät, den Beweis durchzugehen, um dessen Schwächen zu zeigen.

Allen. Nun Wohl, Sir; kann dies vielleicht morgen geschehen?

Vorsitzender. Es kann nie geschehen, nachdem der Wahrspruch verkündet ist. – Wir können denselben nur als richtig hinnehmen, und die einzige Frage ist, warum darauf hin kein Urtel ergehen sollte.

Allen. Ja, Sir, ich habe viel zu sagen.

Vorsitzender. Gut; wir werden Sie hören.

Allen. Niemand in diesem Saale beklagt den Tod des Sergeanten Brett mehr als ich, und ich erkläre auf das bestimmteste, im Angesicht des allmächtigen und ewigen Gottes, daß ich unschuldig bin – ja, so unschuldig als nur irgendeiner in diesem Saale. Ich sage dies nicht, um Gnade zu finden; ich brauche, ich will keine Gnade. Ich will sterben, wie so viele Tausende für die Sache meines theuern Vaterlandes. Ich will stolz und triumphirend sterben zur Vertheidigung republikanischer Grundsätze und der Freiheit eines unterjochten, zur Sklaverei verdammten Volkes. Ist es möglich, daß wir gefragt werden, warum kein Urteil gegen uns ergehen sollte – wir, die wir überführt sein sollen durch das Zeugniß öffentlicher Gassendiener, arbeitsloser Burschen, verurteilter Verbrecher – die wir als irische Männer zum Strange verurtheilt sind, wo ein englischer Hund freigekommen wäre? Ich sage frei und bestimmt: mir ist keine Gerechtigkeit widerfahren, seit ich verhaftet bin.

Er beklagt sich nun über die Art, wie die Zeugen veranlaßt worden seien, ihn als einen der Angreifer zu recognosciren, und erklärt, auch vor diesem Gerichtshofe sei ihm in keiner Art und Weise Gerechtigkeit widerfahren, »ich mußte den Ueberrock ablegen, die andern durften ihn anbehalten; was war der Grund hiervon? es lag dem etwas zu Grunde, und ich sage bestimmt, mir ist nicht Recht zutheil geworden«. Dann schließt er:

»Was mich selbst betrifft, so fühle ich die Gerechtigkeit jeder Handlung, die ich zum Schutze meines Vaterlandes unternommen habe. Ich fürchte nichts – ich fürchte die Strafe nicht, die über mich verhängt werden kann – und hiermit, Mylords, bin ich fertig! (Nach einer kurzen Pause:) Ich bitte um Entschuldigung. Noch eine Bemerkung! Ich danke den Herren Seymour und Jones herzlich für ihre beredte Vertheidigung, und ebenso Herrn Roberts. – Meinen Namen, Sir, wünsche ich noch bekannt zu machen. Ich heiße nicht William O'Meara Allen, sondern William Philipp Allen. Ich bin in Bandon in Cork geboren und erzogen, und stolz auf meine Heimat und meine Anverwandten. Mylords, ich habe nichts mehr zu sagen!«

Hierauf hebt der Angeklagte Larkie an:

»Ich habe nur wenige Worte in Betreff des Sergeanten Brett zu sagen. Wie mein Freund, so beklage auch ich dessen Tod aufs tiefste. Ferner rufe ich Gott zum Zeugen an, daß ich an jenem Tage weder Pistolen, noch Revolver, noch irgendeine Waffe geführt habe, womit man auch nur ein Kind, geschweige denn einen Mann hätte tödten können. Mylords, ich will gewiß nicht leugnen, daß ich hingegangen bin, um den beiden edeln Helden, welche im Wagen eingeschlossen waren, Kelly und Deasy, zu helfen; ich ging hin, um alles zu thun, was mir möglich sein würde, um sie aus der Gefangenschaft zu befreien; aber weder ich, noch, Mylords, irgendein anderer beabsichtigte jemand zu tödten. Es ist ein Unglück, daß jemand getödtet worden ist, aber vorsätzlich ist es nicht geschehen, und den, der es gethan hat, haben Sie nicht ergriffen! Ich war auf dem Schauplatze der That, als sie vorüber war; damals standen etwa hundertfunfzig Menschen dort. Ich bedaure sehr, daß ich es sagen muß, Mylords, aber ich hatte die Leute, die als Zeugen gegen mich auftreten, für ehrenwerth gehalten; sie waren es nicht, doch ich mag mich nicht so aussprechen, wie mein Freund gethan hat; ich will keine weitere Bemerkung hierüber machen. Alles, was ich zu sagen habe, Mylords und Gentlemen, ist, daß ich, was das Verfahren gegen mich und dessen Leitung betrifft, überzeugt bin, ehrlichen Proceß gehabt zu haben. Meine Herren Vertheidiger haben ihr Möglichstes gethan, mein Leben zu retten, ebenso mein würdiger Anwalt, Herr Roberts, aber ich glaube, das alte Wort ist ein wahres Wort: wie eines Menschen Geschick einmal bestimmt ist, so muß es sich erfüllen, sei es Tod am Galgen oder Ertrinken, sei es ein schöner Tod im Bett oder auf dem Schlachtfelde. Ich rechne auf Gottes Gnade. Möge Gott allen vergeben, die mein Leben hinweggeschworen haben. Als ein Sterbender vergebe ich ihnen von Herzensgrund. Möge Gott ihnen vergeben!«

Gould. Zuerst erkläre ich, daß alle Zeugen, die etwas gegen mich beschworen haben, falsch geschworen haben. Ich habe, so weit ich mich erinnere, keinen Stein geworfen, seit ich ein Knabe war. Ich hatte an dem Tage, da das Verbrechen – Sie nennen es ein Verbrechen, ich nicht – begangen sein soll, kein Pistol im Besitz. Ich sage ferner: Mein Name ist Michael O'Brien. Ich bin in der Grafschaft Cork geboren, und habe die Ehre, aus demselben Kirchspiel herzustammen als Peter Crawley, der im letzten März zu MitchellstownEin ganz unbedeutendes Scharmützel in Irland. gegen die britischen Truppen kämpfte, und im Kampfe gegen die britische Tyrannei in Irland fiel. Ich bin Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, und hätte Charles Francis AdamsDer amerikanische Gesandte. seine Pflicht gegen mich gethan, so säße ich nicht auf dieser Bank, um Ihre Fragen zu beantworten. Herr Adams ist nicht gekommen, obschon ich an ihn geschrieben habe. Er ist nicht gekommen, um zu sehen, ob ich nicht Beweise zur Entkräftung der Anklage finden könnte. Ich hoffe, das amerikanische Volk wird von diesem Theile der Angelegenheit Kenntniß nehmen.«

Den Rest der Rede liest Gould von einem Zettel ab. »Der Mensch ist zur Freiheit geboren. Der große Gott hat ihm Neigungen geschenkt, um davon Gebrauch zu machen, nicht um sie zu unterdrücken, und eine Welt, um ihrer zu genießen. Wenn ein Mann überzeugt ist, daß er recht handelt, und in dieser Ueberzeugung etwas unternimmt, muß er auch willens sein, alle Folgen zu tragen. Irland mit seinen schönen Gegenden, seinem angenehmen Klima, seinen reichen und fruchtbaren Ländereien könnte mehr als das Dreifache seiner jetzigen Bevölkerung leicht und behaglich ernähren. Aber niemand, außer bezahlten Söldlingen der britischen Regierung, kann sagen, daß dort ein Schatten von Freiheit, ein Funken frohen Lebens unter der geplünderten und verfolgten Bevölkerung zu finden ist. Man muß hoffen, daß seine thörichten, tyrannischen Herrscher unter den Verwünschungen der Welt von seinem Boden für immer verjagt werden. Wie schön moralisiren die englischen Aristokraten über den Despotismus der Herrscher von Italien und Dahomey – mit welcher Entrüstung sprechen sie über die Vernichtung neapolitanischer Familien durch die Einkerkerung des Familienhauptes oder einiger, geliebter Mitglieder! Wer hat sie nicht die Tyrannei verdammen hören, welche brave, ehrenwerthe Männer zwingt, ihr nützliches Leben in hoffnungsloser Verbannung zu verbringen?«

Vorsitzender. Ich bedauere, Sie unterbrechen zu. müssen, und thue es nur in Ihrem eigenen Interesse. Was Sie jetzt sagen, kann auch nicht im mindesten hindern, daß das gesetzliche Urtel gegen Sie gefällt wird. Sie scheinen etwas vorzulesen, was andere für Sie aufgesetzt haben, und dessen Wirkung auf Ihre Richter nur eine ungünstige sein kann. Ich rathe Ihnen, in Ihrem eigenen Interesse, nichts derart mehr zu sagen.

Gould (obgleich auch sein Vertheidiger sich augenscheinlich bemüht, ihn zum Schweigen zu bringen): Sir, ich ziehe es vor, weiter zusprechen. (Liest weiter:) »Sie können keine Worte finden, um ihren Schauder vor den Grausamkeiten des Königs von Dahomey auszudrücken, weil er jährlich zweitausend Menschen opfert; aber warum sehen diese Leute, welche eine so tugendhafte Entrüstung über die Misregienmg anderer Länder und Völker an den Tag legen, nicht auf ihre Heimat, und prüfen nicht, ob nicht größere Verbrechen, als sie andern Regierungen zur Last legen, von ihnen selbst oder mit ihrer Genehmigung begangen werden? Mögen sie auf London blicken, wo Tausende kein Brot haben, während diese Aristokraten in Wollust und Verbrechen schwelgen! Sehen Sie nach Irland, sehen Sie die Hunderte und Tausende, die dort in Noth und Elend schmachten! Sehen Sie die vor wenigen Jahren noch so tugendhaften, schönen, fleißigen Weiber, welche jetzt ihre Kinder Hungers sterben sehen! Sehen Sie die sogenannte Majestät des Gesetzes auf der einen, das lange, tiefe Elend eines edeln Volks auf der andern Seite! Auf welche Seite soll sich die irische Jugend stellen? Auf die des Gesetzes, welches ihre Landsleute mordet und verbannt, oder auf die Seite derjenigen, welche Mittel suchen, der erbarmungslosen Tyrannei Widerstand zu leisten und ihr Elend für immer unter einer einheimischen Regierung zu enden? Ich brauche diese Frage nicht zu beantworten, ich bin überzeugt, daß das irische Volk bald zu eigener Zufriedenheit darauf antworten wird. Ich wundere mich nicht über meine Verurtheilung. Die Regierung dieses Landes hat die Macht in Händen, jeden zu verurtheilen. Sie ernennt den Richter, sie wählt die Geschworenen, und durch die sogenannte Patronage, das Mittel zur Bestechung, hat sie die Macht, die Gesetze ihren Zwecken dienstbar zu machen. Ich habe das Vertrauen, daß mein Blut hundertfach wieder aufgehen wird gegen die Tyrannen, welche solche Verbrechen zu begehen wagen!« Hier scheint das Konzept geendet zu haben; er fügt nur noch hinzu: »Ich behaupte, dass ich nicht richtig recognoscirt worden bin, da ich zur Zeit der Wiedererkennung Ketten an Händen und Füßen trug, und die Zeugen, welche beschworen haben, dass ich geschossen und Steine geworfen, haben falsch geschworen, denn ich war, wie jene Damen sagten, am Thore des Gefängnisses. Ich danke meinen Verteidigern für ihre tüchtige Verteidigung, und Herrn Roberts für seine Bemühungen.«

Gould übergibt das Konzept seiner Rede seinem Verteidiger, »augenscheinlich zum Zweck der Veröffentlichung« sagt der Berichterstatter, und ihm folgt Maguire, der königliche Seesoldat, der sich während der ganzen Verhandlung abgesondert von seinen Genossen gehalten, und dessen Verurteilung die Zuhörer einigermaßen überrascht hat. Er spricht aus einem ganz andern Tone: »Wenn je ein Mensch unschuldig vor Gericht gestanden hat, so bin ich es; ich weiß nichts von Fenierthum; ich habe der Königin stets treu gedient und gute Zeugnisse von meinen Vorgesetzten erhalten. Als ich verhaftet wurde, glaubte ich, es geschehe, weil ich in Zivil ausgegangen war, und, Mylord, glauben Sie nicht, dass ich, wenn ich mich wirklich bei dem Angriffe beteiligt hätte, schleunigst nach Hause gegangen wäre und die Uniform angezogen hätte, um jede Wiedererkennung zu vermeiden? Die Zeugen, die mich erkannt haben wollen, haben falsch geschworen! Kann gegen mich ein Urteil ergehen, da ich doch unschuldig bin?«

Durch die letzte Rede, die von Shore, klingt ein eigentümlicher Zug melancholischer Resignation. Er greift einige Zeugenaussagen an, spricht sein Bedauern über Brett's Tod aus und versichert, völlig unschuldig an demselben zu sein. Wären sie angeklagt gewesen, ein altes Weib ermordet zu haben, um ihr das Geld aus der Tasche zu stehlen, so würden sie bei so schwachen Beweisen freigesprochen sein; bei einem politischen Processe dieser Art war das nicht möglich. Ja, wäre Jefferson Davis in irgendeiner nordamerikanischen Stadt, wäre Garibaldi aus irgendwelcher Gefangenschaft, oder wären die Gefangenen des Königs Theodor von Abyssinien befreit worden, so wäre ein Sturm begeisterten Beifalls in ganz England ausgebrochen; zufällig ist dies nun aber in England geschehen, folglich ist es etwas Schreckliches. »Wäre ich ein Engländer gewesen und am Orte der That betroffen worden, so hätte man mich als Belastungszeugen vorgeladen; da ich aber ein Irländer bin, so nahm man an, daß ich mit jenen sympathisire; wegen des Verdachts dieser Sympathie wurde ich verhaftet, und die Folge der Verhaftung und der ausgesetzten Belohnungen war, daß ich recognoscirt wurde. Die Zeugen haben alle falsch geschworen; im Begriff, vor Gott zu treten, vergebe ich ihnen. Die Jury klage ich nicht etwa an, mit dem überlegten Wunsche, uns zu verurtheilen, ans Werk gegangen zu sein; sie war nur in Vorurtheilen befangen, die durch die Zeitungen immer mehr Nahrung erhielten, und dadurch vorweg gegen uns eingenommen. Ich sterbe in Frieden mit aller Welt, und fürchte den Tod nicht.« (»Ich auch nicht!« rufen einzelne Mitangeklagte.) »Was die andern Angeklagten betrifft, gegen die noch verhandelt werden soll, so hoffe ich, daß es an unserm Blute genug, daß die Gier nach Blut damit gestillt sein wird. – Ich bin amerikanischer Bürger, heiße nicht Shore, sondern Edward O'Meagher Connor, stamme aus Cork und bin in Ohio zu Hause, wo liebende Herzen meinen Tod beweinen werden; ich kann ihnen nur meine besten Grüße und den Trost senden, daß ich als Christ und Ire sterben werde. – Die unglücklichen Spaltungen zwischen unsern Landsleuten in Amerika haben alle unsere Anstrengungen zur Befreiung unsers Vaterlandes durchkreuzt und erfolglos gemacht, und wir müssen uns natürlich unserm Schicksal unterwerfen. Sie werden uns bald vor Gott senden; ich bin ganz bereit zu gehen, und kann nur sagen: Gott segne Irland!«

Nachdem einzelne der Angeklagten diesen Ausruf wiederholt haben, erhebt sich nochmals Gould: »Ich wünsche noch ein oder zwei Worte hinzuzufügen. Es gibt nichts am Schlusse meiner politischen Laufbahn, worüber ich Reue empfände. Ich weiß von keiner Handlung, welche die Röthe der Scham auf meine Wangen treiben, oder mich fürchten lassen könnte, Gott oder meinen Landsleuten gegenüberzutreten. Am glücklichsten, am frohesten würde ich sein, wenn ich auf offenem Schlachtfelde für die Freiheit meines Vaterlandes sterben könnte. Das kann ich nun nicht, aber ich hoffe auf dem Schaffot zu sterben als Soldat, Mann und Christ!«

Hiermit war die Beredsamkeit der Angeklagten erschöpft. Die Richter bedeckten ihr Haupt mit dem schwarzen Baret, und der Vorsitzende hielt eine kurze, ernste Ansprache an die Angeklagten:

»Sie sind nach einer vollständigen und unparteiischen Beweisaufnahme des vorsätzlichen Mordes schuldig befunden worden. Niemand, der dem Verfahren beigewohnt hat, kann an der Richtigkeit des Wahlspruchs zweifeln. Ihr Verbrechen ist unter Umständen begangen, die von besonderer Verwegenheit zeugen. Am hellen Tage, in unmittelbarer Nähe dieser volkreichen Stadt, ist es Ihnen gelungen, Gefangene aus dem Gewahrsam des Gesetzes zu befreien. Dies ist ein Verbrechen, welches recht eigentlich die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft erschüttert, und könnte es begangen werden, ohne schwere Strafe auf die Thäter herabzuziehen, so würden die Bürger des Staates Leben und Eigenthum nicht mehr für gesichert halten; wir würden völlig unter die Herrschaft der Gewalt und des Schreckens zurückgeschleudert werden; der unglückliche Brett, den Sie getödtet haben, war kein gewöhnlicher Bürger, er war ein Polizeibeamter und mit der Bewachung von Personen betraut, welche wegen ernster Verstöße gegen das Gesetz in Haft waren; Sie haben ihn durch Ihre Gewaltthätigkeit geopfert, weil er in muthiger Pflichterfüllung Ihren gesetzwidrigen Drohungen nicht nachgab. Ich bin überzeugt, daß niemand unter Ihnen irgendwelchen Haß gegen die Person des Brett hegte, und bezweifle nicht, daß es Ihnen bei weitem angenehmer gewesen wäre, wenn er die Schlüssel ausgeliefert und Sie die Befreiung der Gefangenen, zu der Sie sich verschworen hatten, hätte vollbringen lassen. Nicht weniger überzeugt bin ich aber, daß Sie alle entschlossen waren, auf jede Gefahr hin und durch jede Gewaltthat, jedes Verbrechen Ihr Vorhaben auszuführen, und daß Brett gemordet wurde, weil dies zur Ausführung Ihres gemeinsamen Planes nöthig war. Für das öffentliche Interesse existirt kein schwereres Verbrechen, keins, das eine strengere Strafe forderte. Das Gesetz kennt für dieses Verbrechen nur Einen Urtelsspruch; ich kann ihn nicht mildern, noch kann ich unterscheiden zwischen den verschiedenen Teilnehmern des Verbrechens. Ich würde Sie durch falsche Vorspiegelungen hintergehen, wenn ich irgendeinem von Ihnen Hoffnungen machte, daß sein Leben verschont werde oder daß er aus den von Ihren Vertheidigern hervorgehobenen Rechtsfragen Nutzen ziehen könnte. Ich bitte Sie auf das ernstlichste, bestreben Sie sich mit allem Eifer, Gott zu versöhnen. Nehmen Sie in Buße und Gebet ihre Zuflucht zum Kreuze Christi, von dem noch kein reuiger Sünder zurückgestoßen worden ist! – Ich habe nur noch die ernste Pflicht zu erfüllen, das Urtel über Sie zu sprechen. Es lautet: daß Sie, und jeder von Ihnen, von hier nach dem Platze gebracht werden sollen, von wo Sie gekommen sind, und von da zu dem Hinrichtungsplatze, und daß Sie dort am Halse aufgehenkt werden sollen, bis Sie todt sind, und daß Ihre Leichname nachher innerhalb der Mauern des Gefängnisses, in welchem Sie zuletzt in Haft waren, je nach Ihren verschiedenen Glaubensbekenntnissen begraben werden sollen; möge Gott in seiner unendlichen Gnade Ihnen gnädig sein!«

Die Verurtheilten hörten den Spruch in lautlosem Schweigen. Ehe sie abgeführt wurden, schüttelten sie ihren Vertheidigern warm die Hand, und sahen scharf in den Zuhörerraum, als wollten sie befreundete Züge aufsuchen. Ihr Blick haftete lange auf einzelnen der Anwesenden, aber kein Zeichen des Wiedererkennens wurde gewechselt. Larkie rief, ehe er hinausging: »Gott mit euch, Irländer und Irländerinnen!«

 

Es waren nun noch einundzwanzig Personen des Mordes angeklagt; es scheint aber, als hätte man allgemein angenommen, daß der Tod des einen durch das Todesurtel gegen fünf ausreichend gesühnt sei. Gleich die nächste Gruppe von sechs Angeklagten wurde von den Geschworenen nach vierstündiger Berathung freigesprochen, obschon der Beweis gegen sie nicht viel schwächer, der Vertheidigungsbeweis bei einzelnen nicht viel stärker war als im ersten Verfahren. Gegen andere Angeklagte ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage wegen Mordes fallen und behielt sich nur die Verfolgung wegen Tumults, Angriffs auf Polizeibeamte u.a. vor, worauf dann theils Verurteilung, theils Freisprechung erfolgte. Kurz, die Verhandlungen zogen sich noch fast anderthalb Wochen in ermüdender Wiederholung der Darstellungen jenes Angriffs hin, ohne daß es sich hier eines nähern Eingehens auf dieselben verlohnte.

Natürlich concentrirte sich auch das allgemeine Interesse ausschließlich auf die fünf zum Tode Verurtheilten. Alle Zeitungen besprachen das ergangene Urtel, und während die irischen und irisch gesinnten Blätter dasselbe als einen ewigen Schandfleck der britischen Justiz, die Richter und Geschworenen als feile Schergen einer tyrannischen Regierung, die Belastungszeugen als eine meineidige Bande erkaufter Halunken brandmarkten, pries die gesammte englische Presse das Urtel als rettende That und hatte nicht Lobes genug für alle Betheiligten.

Wird der Minister des Innern die Verurtheilten der Gnade Ihrer Majestät empfehlen? Das war die nächste Frage nach der über die Richtigkeit des Urtels. Hören wir die »Times»«, sie repräsentirt bekanntlich einen sehr großen Theil der gesammten öffentlichen Meinung in England.

Nachdem sie ihre Ueberzeugung von der Schuld aller Angeklagten ausgesprochen, aber anerkannt hat, daß vielleicht bei Shore und Maguire Umstände obwalten könnten, welche eine Begnadigung gerechtfertigt erscheinen ließen, stellt sie die Frage auf: ob Allen, Larkie und Gould die Todesstrafe wirklich erleiden sollen? »Wir antworten, im vollsten Bewußtsein unserer Pflicht gegen alle, welche durch die schließliche Entscheidung betroffen werden, daß es nach unserer Meinung ein Act verbrecherischer Schwäche sein würde, das Leben von Menschen zu schonen, welche bei einer die Schuld des Mordes noch erschwerenden Unternehmung unschuldiges Blut vergossen haben. Es ist hervorgehoben worden, daß keiner von ihnen von Haß gegen den Tapfern erfüllt war, dem sie das Leben raubten, weil er seinen Posten nicht schnöde verlassen wollte. Dasselbe können fast alle Straßenräuber und Einbrecher, wenn sie einen Mord verübt haben, für sich geltend machen. Ihr Zweck ist Raub, nicht Rache, aber sie sind entschlossen und vorbereitet, diesen Zweck durch todbringende Gewalt zu erreichen, und sie sind dem Schaffot geweiht durch das übereinstimmende Gesetz aller Staaten, in denen die Todesstrafe noch zu Recht besteht. Ob die Beweggründe derer, welche ihre Mitmenschen hinschlachten, um das Gesetz Englands zu brechen, und auf der Anklagebank ihre Bereitwilligkeit erklären, für Irland zu sterben, vor dem Angesichte des Allmächtigen mehr oder weniger verwerflich sind, als Habsucht, Wollust oder Eifersucht, haben wir nicht zu untersuchen. Die menschliche Gerechtigkeit fragt nicht nach den Motiven, sie fragt nur und kann nur fragen nach der Absicht. Ist die Annahme zulässig, daß der TodtschlägerManslayer. Wir erinnern an die obige Erörterung über Mord und Todtschlag nach englischen Begriffen. einen Mord nicht beabsichtigt hat, dann mag die Krone ihr Recht der Begnadigung walten lassen. Ist es gewiß, daß Mord beabsichtigt war, und daß nur ein Zufall bewirkte, daß nicht mehr als ein Mord vollbracht wurde, dann darf das Recht der Begnadigung nicht zu Gunsten der Verbrecher angerufen werden, oder besser gesagt, ein höheres Gesetz der Gnade gebietet, daß es vergeblich angerufen werde. Der Minister des Innern, der mit Ausübung dieses Rechts betraut ist, ladet keine Verantwortlichkeit auf sich, wenn er dem Gesetze seinen freien Lauf läßt, während er eine schwere Verantwortlichkeit übernimmt, wenn er denselben durchkreuzt. Gnade gegen die Mörder Brett's ist Ungnade gegen Beamte, die, wie Brett, zwischen Tod und Pflichterfüllung zu wählen habenBetween death and duty. Klingt recht hübsch, müßte aber natürlich heißen: zwischen Tod und Pflichtverletzung., und selbst gegen die, welche in Versuchung gerathen sollten, die fenische Heldenthat von Manchester nachzuahmen. Wenn der Mord eines Polizeibeamten als ein verhältnißmäßig verzeihliches Verbrechen angesehen werden soll, weil derselbe im öffentlichen Dienste ermordet ist, so kann man von Polizeibeamten nicht erwarten, daß sie das Publikum gegen die »Bürger von Amerika« wie sie sich nennen, und die sich in Irland wie in jenem Welttheile zu vermehren scheinen, beschützen. Es ist ein Geist mitten unter uns, den nichts als ein schreckenerregendes Beispiel zu bannen vermag. Jeder Tag bringt neue Kunde von brutalen Angriffen auf die Polizei, und die Worte: »Schuß auf einen Polizeibeamten«, sind stereotype Ueberschrift von Zeitungsartikeln geworden. Die Zeit ist gekommen, Achtung für Menschenleben und gesetzliche Obrigkeit durch strenge und schnelle Handhabung des Gesetzes zu erzwingen, auf daß jeder, der solcher Lehre bedarf, die Ueberzeugung gewinne, daß die englische Justiz, obschon sie Unterschiede zu machen weiß, unerbittlich ist wie die Beschlüsse der Vorsehung.«

So die »Times«. Andererseits bildete sich zunächst ein Comité, um für die Begnadigung des Seesoldaten Maguire zu wirken, von dessen Schuld sich das Publikum nun einmal nicht überzeugen konnte; ein Schiffskapitän von der königlichen Marine, unter dessen Commando er auf dem Schiffe Princeß Royal mehrere Jahre gedient hatte, gab ihm in der »Times« öffentlich das beste Zeugniß und machte zugleich darauf aufmerksam, wie unwahrscheinlich es sei, daß er, der einem Corps von sprichwörtlich gewordener Loyalität angehöre und sich während einer langen Dienstzeit tadelfrei geführt habe, eine kurze Urlaubszeit dazu benutzt haben sollte, sich bei einer so wahnsinnigen Verschwörung zu betheiligen. Maguire wurde in der That völlig begnadigt und trat sofort wieder in Dienst; bald darauf wurde das gegen Shore gefällte Todesurtel zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe gemildert.

Nun wurden die Bemühungen, auch für Allen, Larkie und Gould Gnade zu erwirken, verdoppelt. Colonel Kelly drohte in der dubliner Zeitung »The Irishman«, Repressalien zu üben, wenn die drei nicht als Kriegsgefangene behandelt würden, bespricht nebenbei die Möglichkeit, den englischen Handel durch Kaperschiffe zu Grunde zu richten, und schließt mit der Phrase: »Der Hölle, der Regierung und allen seinen andern Feinden zum Trotz ist Kelly noch ein freier Mann.« Ob er selbst oder irgendjemand sich von diesem Unsinn Erfolg versprochen hat, ist zweifelhaft. In vielen Städten fanden Meetings statt, um über Schritte gegen die Hinrichtung zu berathen; selbst in London wurde ein angeblich von 25000 Personen besuchtes Meeting zu diesem Zwecke abgehalten, auf welchem »einstimmig« der Beschluß gefaßt wurde, eine Deputation an den Minister des Innern zu senden, um die Begnadigung zu erbitten. Der Minister weigerte sich, die Deputation zu empfangen; eine zweite Deputation aber, unter Führung eines Mr. Finley, drang gewaltsam in sein Zimmer und verlas dort, aller Proteste der Dienerschaft ungeachtet, die mitgebrachte Adresse. Erst als Polizei anrückte, entfernten sie sich unter drohenden Reden. Auf einem zweiten Meeting wurde beschlossen, der Königin selbst eine Bittschrift zu überreichen. Eine Deputation begab sich zu diesem Zwecke nach Windsor Castle, erhielt aber von einem Beamten des Hofmarschallamts den schriftlichen Bescheid, daß Ihre Majestät Gesuche in öffentlichen Angelegenheiten nur aus den Händen ihrer verantwortlichen Minister entgegennehme. Als die Deputation das Schloß verließ, wurde sie von einer zahlreichen Menschenmenge empfangen und unter Pfeifen, Grunzen und Zischen bis zum Bahnhofe geleitet; die Haltung des Volks wurde schließlich eine so feindselige, daß die Polizei den Bahnhof bis zum Abgange des Zugs bewachte. In Birmingham fand dagegen ein Meeting im entgegengesetzten Sinne statt, nach welchem der Pöbel nicht übel Lust zeigte, seine Loyalität durch Plünderung katholischer Kirchen an den Tag zu legen. Die Polizei jagte die Tumultuanten mit leichter Mühe auseinander. Am unbehaglichsten fühlten sich die Einwohner von Manchester, welche durch massenhafte Branddrohungen so eingeschüchtert waren, daß fast jedes größere Haus allnächtlich besonders bewacht wurde.

Die bei der Parlamentseröffnung am 19. November verlesene Thronrede machte allen Hoffnungen auf Begnadigung ein Ende. Es hieß darin: »Die unter dem Namen Fenierthum bekannte hochverrätherische Verschwörung, welche in Irland niedergeworfen ist, hat in England die Gestalt organisirter Gewaltthaten und Meuchelmorde angenommen. Diese Verbrechen müssen auf das strengste geahndet werden, und ich vertraue in Betreff der wirksamen Unterdrückung derselben auf die feste Handhabung des Gesetzes und die Loyalität der großen Masse meiner Unterthanen.«

Die Gefangenen schwankten indeß noch zwischen Furcht und Hoffnung, bis ein am Abende des 22. November eingegangenes Telegramm sie belehrte, daß alle Bemühungen zu ihren Gunsten vergeblich gewesen seien, und die Hinrichtung daher an dem schon dazu bestimmten Tage, dem 23. November, stattfinden müsse.

Die Regierung traf umfassende Vorkehrungen, um nicht nur jeden Befreiungsversuch, sondern jede Ruhestörung unmöglich zu machen. Zweitausendfünfhundert Einwohner von Manchester leisteten den Eid als Specialconstabler. Die Ausgänge der nach dem Gefängnisse führenden Straßen wurden mit Barrikaden, die immer nur wenigen Personen den Durchgang gestatteten, versperrt, und Truppen aller Waffengattungen in den Straßen, im Gefängniß und besonders auf dem Eisenbahndamm postirt, welcher hart an dem tiefer liegenden Gefängnisse vorüberführt und dasselbe vollständig beherrscht. Das Publikum wurde vom Schaffot möglichst fern gehalten, und zum Ueberfluß hatte der Mayor noch eine Proclamation erlassen, in der er alle anständigen Menschen bat, zu Hause zu bleiben. So kam es, daß in der That die Volksmenge eine verhältnißmäßig geringe war; man schätzte sie auf etwa 10000 Personen, von denen höchstens 3000 von der Hinrichtung etwas sehen konnten.

Die Gefangenen wurden auf ihre Bitte schon um 4½ Uhr morgens geweckt, hörten eine Messe, beichteten und empfingen das Abendmahl. Um 7¼ Uhr begann der Nachrichter seine schrecklichen Vorbereitungen an ihnen, und gleichzeitig postirte sich eine Compagnie Hochländer mit aufgepflanztem Bajonnet zu beiden Seiten des Schaffots, während ein starkes Detachement sich auf einer in gleicher Höhe mit dem Schaffot, aber innerhalb der Gefängnißmauern angebrachten Plattform aufstellte. Jetzt hörte man durch den dichten Nebel einen eintönigen Gesang und unterschied bald die Worte der katholischen Litanei für Sterbende: »Gott, sei uns gnädig! Christus, sei uns gnädig«, unter welchem die Gefangenen, ein jeder von einem Priester begleitet, das Schaffot bestiegen. Zuerst Allen, fast noch Knabe, mit einem unaussprechlich schmerzlichen Ausdruck in dem wachsbleichen Antlitz; seine Lippen bewegten sich zu den vorgeschriebenen Responsen der Litanei, aber kein Ton wurde hörbar. Dann Gould, laut betend, ruhig, festen Schrittes, die Augen voll ernster Andacht auf ein kleines Crucifix geheftet, das er in den gebundenen Händen hielt. Endlich Larkie, der, obschon er mit weithin tönender Stimme betete und keine der Responsen versäumte, körperlich völlig gebrochen war, sodaß ihn auf jeder Seite ein Wärter unterstützte. Nunmehr betraten alle drei das verhängnißvolle Bret; Allen zuerst, nach ihm Gould; beide küßten sich durch die Weiße Kappe, mit denen Allen's Haupt schon verhüllt war, und drückten sich die gebundenen Hände. Während Gould die Kappe übergeworfen wurde, verließen Larkie die letzten Kräfte, er taumelte schwer gegen Gould, sodaß er gehalten werden mußte, bis auch sein Haupt verhüllt und ihm die Schlinge um den Hals gelegt war. Jetzt sprang der Henker zurück, zog einen Riegel – das Bret fiel, und im selben Augenblicke ertönte vom Bahndamme her ein heftiger Knall, gleich darauf ein zweiter. Die Soldaten machten sich im Nu schußfertig, tausend bleiche Gesichter starrten in athemloser Spannung nach oben, nur die feierlichen Sterbegebete der Priester unterbrachen die Stille. Der Schrecken war unbegründet; es waren nur Nebelsignale auf dem Bahndamme explodirt. In diesen Augenblicken aber waren Allen und Gould ohne jede Bewegung, Larkie nach furchtbaren Zuckungen aus dem Leben geschieden.

 

Unzweifelhaft war der Wahrspruch der Geschworenen, der die drei dem Schaffot überliefert hatte, richtig, das Urtel nach englischem Rechte völlig gerechtfertigt. Unzweifelhaft muß man ferner vielem, was die »Times« in dem oben wiedergegebenen Artikel anführt, beistimmen, und auch das ist wol nicht zu bestreiten, daß ein Act der Gnade vielen loyalen Unterthanen als strafbare Schwäche erschienen sein würde, ohne andererseits auf Dank von seiten der verblendeten Parteigenossen der Verurtheilten rechnen zu dürfen. Aber es ist auch bedenklich, Verbrechern zum Martyrium zu verhelfen, und es war nicht zu verkennen, daß es selten so leicht gewesen sein mag, Männer, die mit vollem Rechte zum Tode verurtheilt worden, zu Märtyrern zu stempeln. Sie hatten ihr Leben unbedenklich aufs Spiel gesetzt, um gefangene Genossen zu befreien; sie hatten vielleicht gehofft, diesen Zweck ohne Blutvergießen zu erreichen, sie waren schließlich mit Mannesmuth, und, soweit ihre physischen Kräfte reichten, in würdiger Haltung in den Tod gegangen, den sie für ihr Vaterland gern erleiden zu wollen erklärt hatten. Kein Wunder, daß neben den Stimmen, die ihre That verdammten, die Strenge der Regierung priesen, sich auch vielfach Sympathien für sie geltend machten, die keineswegs verborgen, sondern durch feierliche Trauerprocessionen, wie sie fast in allen größern Städten nicht nur Irlands, sondern auch Englands und Schottlands stattfanden, offen zur Schau getragen wurden. Natürlich machte sich hiergegen wieder an vielen Orten die heftigste Opposition geltend, und die gegenseitige Erbitterung erreichte eine Höhe, die wir am besten nach den Erzeugnissen der damaligen Tagespresse abmessen können. Gemeine Schmähartikel, offene Aufforderung zur bewaffneten Erhebung gegen die Regierung, unverhüllte Drohungen blutiger Rache wechselten mit schwungvollen Klagen über das Los der »Hingemordeten«, über das tiefe Elend des unglücklichen Irland. Der nachfolgende Artikel der dubliner Zeitung »The Irishman« möge als Beispiel dieser unblutigen, aber gefährlichen Polemik gegen die Regierung dienen:

»Das Brandopfer.

»Taub gegen alle, auch die unheilverkündendsten Warnungen, taub gegen die Beweisgründe der Gerechten und die Bitten der Barmherzigen, hat heute die Regierung von England eine blutige That vollbracht, die vor aller Welt einen finstern Schatten auf ihren Namen werfen wird. Nichts kann deren Ausführung entschuldigen, außer die Blindheit, mit welcher der Himmel dünkelhaften Stolz schlägt. Wolken von Leidenschaft und Vorurtheil haben ihre Rathsversammlungen umzogen, dicht, finster und schrecklich, wie nur die schwarze Nacht, die auf Aegypten fiel, weil, sprach der Herr, der Gott Israels, ihr mein Volk nicht wolltet ziehen lassen. Unglückliches Volk! Glücklich allein im Schütze eines Herrschers, des Königs der Könige, des Richters der Richter, des Rächers unterdrückter Unschuld, der gewiß von allen Verbrechern Buße einfordern wird mit Zinsen bis auf den letzten Pfennig. Unglückliches Volk! Sie wurden gepreßt zu bauen ohne Steine und Ziegel zu machen ohne Stroh, und wenn ihre Vögte die Zahl nicht voll fanden, so fiel die Geisel schonungslos auf ihre Rücken.Vgl. 2. Mose, Kap. 5. Man beraubte sie ihres Landes und strafte sie, weil sie arm waren; man beraubte sie der Freiheit und schmähte sie, weil sie Sklaven waren; man beraubte sie ihrer Lehrer und schlug sie gleichmäßig, wenn sie lernten und wenn sie unwissend waren. »Diese Zeiten«, rufen sie aus, »sind vergangen und vorüber. Wir haben längst gewünscht, euch milde und gut zu regieren!« Seit wann, fragen wir, ist dieser Umschwung erfolgt? Sollen wir ihn finden in der Gnade der Herrscher, deren Antlitz wir nie gesehen, aber deren Schwerter wir oft gefühlt haben? Sollen wir ihn darin finden, daß man uns das Recht abspricht, eine Stimme in unserer eigenen Regierung zu haben, wie Ungarn, wie Oesterreich, wie Canada, wie jede andere Colonie des Reichs, sei sie noch so klein, nur nicht Irland?

»Auf Grund eines gefälschten Wahrspruchs, eines erkauften Zeugnisses, eines Beweises durch Meineidige, eines eingestandenermaßen irrigen Urtels sind zwei Männer und ein Jüngling, in den Augen des Gesetzes ein Kind, einem grausamen Tode überantwortet. Seht da die Gerechtigkeit Englands in der Ueberführung und Verurtheilung, seht da die Gnade Englands in der Hinrichtung der politischen Verbrecher Allen, Larlie und Gould! Da, lest, was wahrhaftig mit großen und tiefen, mit unzerstörbaren, mit blutigen Lettern geschrieben steht von der Gerechtigkeit und Gnade Englands! Sie starben fern von dem Lande, das sie liebten, fern von dem Volke, dem sie dienen wollten, schmählich verleumdet durch die Organe einer blutdürstigen Aristokratie, inmitten von 5000 Bajonneten. Man sagt zur Ent*schuldigung, sie waren Verbrecher gegen die Gesellschaft; aber ein Heer mußte zwischen sie und das Volk treten, um ihre Befreiung zu verhüten. Man sagt, sie waren gemeine, nicht politische Verbrecher; aber sie hatten ihr Leben darangesetzt, das zweier Landsleute zu retten, und sie starben, das Antlitz gegen Westen gekehrt, im Herzen Vertrauen auf Gott, und auf den Lippen den patriotischen Ruf: Gott segne Irland! Todt, todt, todt! Aber es sind, die da glauben, daß sie im Tode stärker sein werden, als im Leben! Es sind, die auf ihren Gräbern das Gebet lesen werden, daß ein Rächer aus ihren Gebeinen erstehen möge – exoriare aliquis ex ossibus ultor – und wir sehen Wirren und Erschütterungen voraus, welche durch eine menschliche Politik hätten abgewendet werden können, welche wir abgewendet wünschten, und vor denen, wie wir flehen, noch jetzt die Völker durch weise Beschlüsse behütet werden mögen! Mögen jene Märtyrer gefehlt haben, so soll man ihrer doch in ihrer Heimat gedenken, wie derer, die ihnen vorangegangen sind, und ihr Tod soll weder die Sehnsucht nach legislativer Unabhängigkeit, noch die Hoffnung auf deren schleunige Herstellung erschüttern. Von der Morgenwache bis zur Nacht soll Israel hoffen auf den Herrn. Denn bei dem Herrn ist Gnade, bei ihm ist Erlösung in Fülle! Und er wird Israel befreien von allen, die Ungerechtes schaffen!«

Seit zwanzig Jahren hatte in Irland, seit Menschengedenken in England kein politischer Preßproceß stattgefunden. Der vorstehende Artikel aber und verschiedene andere des »Irishman«, welche ganz offen zu blutiger Rache aufforderten, veranlaßten die Regierung, gegen den Eigenthümer der Zeitung, Mr. Pigott, ein Strafverfahren einzuleiten. Natürlich erscholl in allen irischen Blättern ein Schmerzensschrei über Unterdrückung der Preßfreiheit, und auch einige englische Literaten schüttelten bedenklich das Haupt. Da trat eine londoner Zeitung »Daily Telegraph« in einem geharnischten Leitartikel für die Regierung in die Schranken:

»Wäre der Sturm von Verwünschungen, die gegen die Regierung wegen der gegen Mr. Pigott erhobenen Anklage gerichtet worden; wäre das Geschrei, daß die Minister einen Angriff gegen die Freiheit der Presse unternommen haben, irgendwie begründet, so müßten wir Engländer je eher je besser an die Seite der irischen Schriftsteller treten. Lieber mag die Freiheit die Gestalt der Zügellosigkeit annehmen, als daß Ordnung eintritt, wie sie einst in Warschau herrschte! Lieber mag etwas aufrührerischer Unsinn ungestraft bleiben, als daß der Regierung gestattet wird, einen Präcedenzfall zu schaffen, der in Zukunft vielleicht als Vollmacht benutzt werden könnte, die Wahrheit zu unterdrücken. Für ministerielle Cominuniqués, ministerielle Verwarnungen, ministerielle Verfolgungen wegen Aeußerung von Zweifeln an der Unfehlbarkeit der Minister paßt das Klima von England nicht.

»Die Wahrheit aber ist, daß selten ein thörichteres Geschrei erhoben worden ist. Sowenig es der Redefreiheit Eintrag thut, daß derjenige bestraft wird, der seinen Nachbar mündlich verleumdet, sowenig ist die englische Presse deshalb unfrei, weil kaum eine Woche ohne einen Verleumdungsproceß gegen irgendeine Zeitung vergeht, weil das Gesetz überhaupt jeden für seine Veröffentlichungen verantwortlich macht. Die französischen Tagesschriftsteller genießen weit geringere Freiheit als die unserigen. Dennoch ist es keinem von ihnen eingefallen, sich einzubilden: weil er die Leitartikel im »Journal des Débats« oder dem »Temps« schreibe, müsse es ihm freistehen, einen Senator zu beschuldigen, daß er Löffel stehle, einen Minister, daß er den Markt unsicher mache, oder einen Souverän, daß er in seinen Handlungen die Verworfenheit aller Cäsaren vereinige. Sie verlangen weiter nichts, als daß bei politischen Vergehen die Regierung so handle wie die unserige jetzt in Irland, das heißt, daß sie den Schriftsteller, der sich vergangen hat, vor einem Gerichtshofe verklage, die Gesetze, gegen die er verstoßen hat, einzeln aufführe und die Entscheidung einer Jury anheimstelle.

»Die Frage, um die es sich handelt, ist nicht, ob der Freiheit der englischen Presse engere Schranken gesteckt werden sollen, sondern ob die irischen Organe des Fenierthums das Gesetz verletzt haben. Sie haben nicht nur ihr unbestrittenes Recht geübt, die wegen des gemeinen Verbrechens der Ermordung eines Polizeibeamten hingerichteten Männer Märtyrer zu nennen, sondern Aufruhr, Niederbrennung der Landhäuser, Niedermetzelung des einen Voltsstammes durch den andern im klarsten Englisch gepredigt, kurz, ihr Möglichstes gethan, die ganze Nation in Anarchie und Blutvergießen zu stürzen. Haben sie hierdurch das Gesetz verletzt oder nicht? Nur um diese Frage handelt es sich in dem Processe gegen die dubliner Zeitung, und angesichts dieser prosaischen Streitfrage sind heroische Tiraden über die Freiheit der Presse, das Palladium unserer Freiheit, so wenig am Platze, als es oratorische Ergießungen über englische Freiheit im Processe gegen einen Taschendieb sein würden. Wird der Herausgeber des »Irishman« freigesprochen, so mag das Publikum fragen, ob es weise sei, daß das Gesetz so schwach ist, die Veröffentlichung directer Aufforderungen zum Aufruhr zu gestatten. Wird er verurtheilt, nun, so mag seine Partei versuchen, die Aufhebung eines Gesetzes zu bewirken, welches sie in der angenehmen Beschäftigung stört, Verrath, Anarchie, Rebellion, Blutvergießen und Mord zu predigen, und wenn sie einen parlamentarischen Kämpen findet, der den Gegenstand vor das Haus der Gemeinen bringt, ist sie völlig ebenso berechtigt hierzu als der Straßenräuber, für Aufhebung der tyrannischen Bestimmungen zu agitiren, welche den Raub mit Zuchthaus und Strafarbeit bedrohen.«

Mr. Pigott wurde vom Schwurgericht zu Dublin schuldig befunden und zu einjährigem Gefängniß verurtheilt, jedoch nach einigen Monaten begnadigt.Mr. Pigott versuchte seinerseits, den Redacteur des »Daily Telegraph« wegen Libells vor der Queens-Bench zu belangen. Soviel bekannt, ist dieser Proceß in den Vorverhandlungen stehen geblieben; wer das in mancher Beziehung interessante Verfahren kennen lernen will, findet das Nähere in einem Aufsatz: »Zwei englische Preßprocesse«, in Nr. 10 der »Grenzboten« für 1868. Wir haben aber der Geschichte vorgegriffen; zur Zeit, als »Daily Telegraph« mit vernichtender Satire die Regierung vertheidigte, fanden keine Trauerprocessionen für die Hingerichteten Fenier mehr statt; wer sie Märtyrer nennen wollte, wagte schwerlich, es öffentlich zu thun, und von dem Fenierthum wurde nicht leicht anders als mit tiefem Abscheu selbst da gesprochen, wo man früher sich nicht gescheut hatte, seine Sympathien mehr oder weniger offen an den Tag zu legen, oder wenigstens die ganze Erhebung als etwas Unbedeutendes, fast Lächerliches behandelt hatte. Und diesen Umschwung der Meinung der einen, diese Rechtfertigung und Verstärkung des Hasses, den ihnen die andern schon früher entgegengetragen hatten, hatten die Fenier selbst verschuldet durch ein aus ihrer Mitte hervorgegangenes neues furchtbares Verbrechen.

 

Am 23. November wurden zu London ein gewisser Burke und Casey verhaftet: ersterer weil er der Polizei längst als einer der Obern des Fenierbundes denuncirt war, letzterer, weil er bei Burke's Verhaftung den Polizeibeamten hartnäckigen Widerstand geleistet und sich nach Kräften bemüht hatte, jenen zu befreien. Beide wurden im Clerkenwallgefängnisse, mitten in London, untergebracht. Ein Theil der zu dem Gefängnisse gehörigen Höfe wird von einer 25 Fuß hohen, etwa zwei Fuß dicken Mauer umschlossen. Nordwestlich vom Gefängniß bildet diese Mauer die eine Seite einer schmalen Straße, Corporation Lane, deren andere Seite durch eine Reihe alterthümlicher Häuser, meist von Handwerkern bewohnt, gebildet wurde. Man übersah aus den obern Stockwerken einzelner dieser Häuser den Hof des Gefängnisses, in welchem die Gefangenen, unter ihnen Burke und Casey, alle Nachmittage von 3–4 Uhr spazieren geführt wurden. Jedoch war am 12. December der Regierung von Dublin aus mitgetheilt worden, daß ein Complot zur Befreiung der beiden Gefangenen existire, und die Freistunde derselben wurde deshalb am Freitag, 13. December, verlegt; ihr Spaziergang fand früh um 9 Uhr statt, sodaß nachmittags der Gefängnißhof leer war. Weitere Vorsichtsmaßregeln wurden nicht für nöthig gehalten, doch patrouillirte eine größere Zahl von Polizeibeamten als gewöhnlich in der nächsten Umgebung von Clerkenwall.

Nachmittags gegen 4 Uhr sahen verschiedene Personen, daß zwei Männer ein Fäßchen auf einem Handwagen Corporation Lane entlang fuhren; die Männer luden dasselbe ab und stellten es gegen die Gefängnißmauer, einer von ihnen zündete eine anscheinend an dem Fäßchen befindliche Lunte an – und wenige Augenblicke später erfolgte eine gewaltige, weithin gehörte Explosion, deren Folgen schrecklich waren. Freilich war, wie unzweifelhaft beabsichtigt worden, eine breite Bresche in die Gefängnißmauer gelegt, durch welche Burke und Casey, wären sie auf dem Hofe gewesen, in der ersten Verwirrung ihre Flucht bequem hätten bewerkstelligen können; gleichzeitig aber waren die nächstliegenden Häuser in einen Trümmerhaufen verwandelt, entferntere der Dächer beraubt; Wände waren eingeschlagen, Fußböden eingestürzt, – und mehr als funfzig Personen lagen blutend und verstümmelt unter den Trümmern. Kinder, die, wie die Verbrecher gesehen haben mußten, dicht an der Stelle, wo das Fäßchen gelegen, gespielt hatten, Männer und Weiber, die theils auf der Straße ihren Geschäften nachgegangen waren, theils in den Häusern gearbeitet hatten, wurden mit großenteils schweren Verletzungen, gebrochenen Gliedern, verbrannten oder durch Glassplitter zerfleischten Gesichtern aus dem Schutt hervorgezogen oder aus den Häusern, deren Eingänge verschüttet, deren Treppen und Seitenwände zusammengestürzt waren, gerettet; Berichterstatter versichern, nur wer in Südamerika ein Erdbeben erlebt habe, könne sich ein Bild der herrschenden Verwüstung machen, und die Abbildungen, welche die londoner illustrirten Zeitungen von dem Schauplatze der Schandthat brachten, lassen diese Behauptung nicht übertrieben erscheinen. Merkwürdigerweise scheint niemand auf der Stelle getödtet zu sein, doch starben in den nächsten Tagen vier der Verwundeten, und mehrere andere folgten ihnen bald nach; die Zahl der Menschenleben, welche in so verruchter Weise geopfert worden, beläuft sich auf acht, weit größer ist aber die derjenigen, die auf Lebenszeit zu Krüppeln geworden sind. Vier sind des Augenlichts auf immer beraubt.

Natürlich rief dieses Attentat, so frech in seiner Ausführung, so schrecklich in seinen Folgen, im ganzen Lande die tiefste Entrüstung hervor. Selbst Burke fand sich veranlaßt, mit dreister Heuchelei den Gefängnißbeamten seinen Abscheu vor der That auszusprechen; in Irland wurden Meetings über Meetings, gehalten, in denen begeisterte Redner nicht Worte genug finden konnten, ihre Misbilligung an den Tag zu legen, und in London marschirte das irische freiwillige Schützenbataillon in geschlossenen Reihen, über 500 Mann stark, in voller Uniform, mit klingendem Spiel, aber ohne Waffen, nach dem Amtslocale der betreffenden Beamten, und jeder einzelne, die Offiziere an der Spitze, ließ sich als Specialconstabler »zur Hülfeleistung bei Unterdrückung der fenischen Verbrechen« vereidigen.Interessant ist ein kriegsministerielles Rescript vom 3. Juni 1867, betreffend die bekanntlich überall entstandenen Freiwilligencorps. Es heißt darin etwa: »Alle Unterthanen Ihrer Majestät, Freiwillige und andere, sind verpflichtet, nach besten Kräften Aufstände zu unterdrücken. Die Civilbehörde darf die Freiwilligen nicht als bewaffnetes Corps hierzu aufrufen, wohl aber sie als Specialconstabler vereiden, wo sie dann zwar in militärischer Ordnung auftreten, jedoch keine andere Waffe als den Constablerstab führen dürfen. Hat indessen der Aufstand den Zweck, die Regierung zu stürzen, dann können die Behörden alle Unterthanen, Freiwillige und andere auffordern, sich zu bewaffnen. Von der Feuerwaffe ist zuletzt Gebrauch zu machen. Die Freiwilligen sind stets berechtigt, von den Waffen Gebrauch zu machen, wenn ihre Waffendepots oder Versammlungslocale angegriffen werden.« Die Advocaten und Anwälte zu Dublin sprachen in öffentlicher Versammlung aus, für wie verwerflich sie das Fenierthum hielten, und verhießen der Regierung ihren Beistand zu allen Maßregeln, die sie zur Unterdrückung desselben für nöthig halten würde, und etwas später, Anfang Februar 1868, überreichten die in London lebenden Irländer der Königin eine mit 22600 Unterschriften bedeckte Loyalitätsadresse. Gleichzeitig gaben freilich die Fenier auch einige Lebenszeichen von sich. Am 26. December wurde ein sogenannter Martellothurm, einer der während des französischen Kriegs an der Seeküste erbauten Wachtthürme, dessen Besatzung aus zwei Artilleristen bestand, überfallen und es wurden einige alte Musketen aus demselben geraubt; wenige Tage nachher plünderte eine Bande von etwa acht Mann einen Waffenladen in Cork, indem sie den Eigenthümer mit vorgehaltenem Revolver zum Schweigen zwangen; nebenbei wurde hin und wieder auf einen vereinzelten Constabler oder eine einsame Schildwache geschossen, und in Cork wurde einem Manne, der in Verdacht stand, Enthüllungen gemacht zu haben, eine Flasche »griechischen Feuers«Eine Flüssigkeit, die beim Zutritt der atmosphärischen Luft sich entzündet. Bei verschiedenen verhafteten Feniern sind Gefäße voll derselben gefunden worden; ob sie damit wirklich Schaden angerichtet, ist nicht bekannt. an den Kopf geworfen, die indeß erst auf dem Steinpflaster unschädlich erplodirte. Verschiedene Versuche von Brandstiftungen in London und andern großen Städten wurden natürlich ebenfalls den Feniern zur Last gelegt.

Selbstverständlich waren diese und ähnliche zweifelhafte Heldenthaten nicht geeignet, neue Sympathien für das Fenierthum zu erwecken oder erloschene wiederzubeleben; desto mehr schürten sie die allgemeine Erbitterung und veranlaßten die Behörden, alle Kräfte anzuspannen, um der Verschwörung endlich Herr zu werden. Vor allem aber concentrirte die londoner Polizei ihre ganze Thätigkeit auf die Ermittelung der Urheber jener Explosion. Daß man dieselben in den Kreisen der Fenier zu suchen habe, darüber herrschte von vornherein kein Zweifel, die ausgesetzten Belohnungen verschafften der Polizei sehr bald einige Anknüpfungspunkte, unter den zuerst Verhafteten meldeten sich Kronzeugen (wir werden über dieses eigenthümliche Institut noch später zu sprechen haben) und im April wurde es möglich, der Anklagejury eine Anklage wegen Mordes gegen sieben Personen vorzulegen; einer von diesen, O'Neill, wurde von der Jury außer Verfolgung gesetzt, unter Anklage blieben: der Schuhmacher William Desmond, die Schneider Timothy Desmond (nicht verwandt mit dem vorigen), English und O'Keeffe, der Güterverlader Michael Barret aus Glasgow und Anna Justice.

Die Verhandlungen begannen am 21. April vor dem Central-Criminalgerichtshofe zu London. Den Vorsitz führte, der Lord-Oberrichter, nächst dem Lord-Kanzler der höchste englische Justizbeamte; Beisitzer war Baron Bramwell; den Titel Baron führen die Mitglieder eines der höchsten Gerichtshöfe, des Court of Exchequer. Für die Krone erschien der oberste Staatsanwalt, der Attorney-General, von verschiedenen andern Beamten unterstützt. Die städtischen Behörden ließen sich bei der Eröffnung durch den stellvertretenden Lord-Mayor, dem die Symbole seiner Amtsgewalt, Schwert und Keule, vorgetragen wurden, und durch eine Anzahl von Aldermen, alle in Amtstracht, vertreten; auch andere hohe Beamte nahmen die Ehrenplätze auf der Bank der Richter, ihnen zur Seite, ein.

Der Gerichtsschreiber verkündete den Angeklagten:

daß sie unter der Anklage stehen, Anna HodgkinsonEins der ersten Opfer der Explosion. verbrecherischerweise, vorsätzlich und mit vorbedachter Bosheit, am 13. December zu Clarkenwell, im Kirchspiele von Saint-James, innerhalb der Gerichtsbarkeit dieses Gerichtshofs, ermordet zu haben.

Alle Angeklagte erklärten sich für nichtschuldig. Ein Vertheidiger rügte, daß keinem der Angeklagten oder ihrer Rechtsbeistände vor dem Termin die Einsicht der Geschworenenliste gestattet worden sei, sodaß sie außer Stande seien, ihr Ablehnungsrecht auszuüben, und berief sich auf ein Gesetz aus der Zeit Georg's IV. Der Vorsitzende entgegnete aber: »Dieses Gesetz beziehe sich nur auf den Civilproceß, in Strafsachen sei es nie üblich gewesen, den Angeklagten das Verzeichniß der Geschworenen vorzulegen, der Vertheidiger werde keinen Präzedenzfall hierfür anführen können.« Wie dies mit der wenige Monate vorher in Manchester geübten Praxis zu vereinigen, vermögen wir nicht aufzuklären.

Nach Bildung des Schwurgerichts begründete der Staatsanwalt die Anklage in einem längern Vortrage, dessen thatsächlicher Inhalt etwa folgender war:

Sämmtliche Angeklagte waren Mitglieder des Fenierbundes. Nachdem am 23. November die Fenier Burke und Casey verhaftet worden, kamen etwa zehn Tage später Barret, unter dem Namen Jackson, und Kapitän Murphy, auch Hastings genannt, nach London. Barret wohnte in Pultenay-Hof Nr. 8 mit einem gewissen Fallon zusammen. Barret und Murphy traten bald mit dem Schneider Mullany und durch diesen mit den andern Angeklagten in Verkehr. Burke wurde im Gefängniß oft von seiner Schwester, Frau Barry, besucht, und diese ist auch bei Mullany gesehen worden. Der Plan, die Gefängnißmauer zu sprengen, scheint von Burke selbst ausgegangen zu sein. In dieser Mauer hatte sich früher ein Thorweg befunden, der vor kurzem zugemauert worden war. Es wurde beschlossen, an dieser Stelle, die man für die schwächste hielt, zur Zeit des täglichen Spazierganges der Gefangenen ein Fäßchen Schießpulver explodiren zu lassen und so eine Bresche in die Mauer zu sprengen, welche Burke, dem vorher durch einen über die Mauer geworfenen Ball ein Zeichen gegeben werden sollte, zur Flucht benutzen könnte. Alle Angeklagten, außer etwa Anna Justice, hatten Kenntniß von diesem Plane und mußten natürlich auch wissen, daß dessen Ausführung nicht ohne Vernichtung von Menschenleben möglich war. Die Leiter des Fenierbundes, die sogenannten Centra, hielten nun Zusammenkünfte im Hause eines gewissen O'Donnell ab, in welchen beschlossen wurde, Geld zum Ankaufe von Pulver zu sammeln. Bei einer derselben, wahrscheinlich in den ersten drei Tagen des December, waren Barret und William Desmond zugegen. Am 4. December bestellte ein Unbekannter in der Fabrik von Curtis und Harvey 200 Pfd. Sprengpulver. Dies wurde am 6. December in vier Fäßchen in Pultenay-Court Nr. 8 abgeliefert und von einem Manne, der sich Smith nannte, in Empfang genommen; der abliefernde Fuhrmann trug auf dessen Anweisung ein Fäßchen in das Haus, die drei andern wurden auf einen schon bereit stehenden Karren gelegt und anderswohin gefahren.

Am 11. December fand eine Zusammenkunft bei William Desmond statt, in welcher die Ausführung des Complots auf den 13. December, kurz vor 4 Uhr nachmittags, verabredet wurde. Zur festgesetzten Zeit wurde auch in der That von einem oder mehrern Männern ein Fäßchen Pulver an die beschriebene Stelle der Gefängnißmauer gebracht; es wurde ein Ball über die Mauer geworfen, Burke verließ die Reihe der spazieren gehenden Gefangenen und begab sich an die entlegenste Stelle des Hofs, man versuchte auch das Pulver anzuzünden, dies mislang jedoch, und das Fäßchen, welches mit Leinwand verhüllt auf einem Karren lag, wurde wieder abgefahren. English, Timothy Desmond und anscheinend O'Keeffe waren damals ganz in der Nähe des Gefängnisses. Noch an demselben Abende kamen die Verschworenen wieder zusammen, und Barret sagte Mullany: Es sei fehlgeschlagen, aber morgen wolle er anzünden.

Am Freitag, den 13. December, kam Timothy Desmond mittags zwischen ½2 und 2 Uhr betrunken zu dem Zeugen Vaughau und theilte diesem mit: das Ding müsse zwischen ½4 und 4 Uhr gemacht werden, Anna Justice habe im Gefängnisse ausgekundschaftet, wann die Gefangenen spazieren gingen; er werde beim Anzünden helfen und wol selbst mit auffliegen. Anna Justice hatte an diesem Tage Casey, für dessen Tante sie sich ausgab, im Gefängnisse besucht und blieb auch später in der Nähe, aber auf der dem Orte der Explosion entgegengesetzten Seite. Dort sah man sie kurz vor der Explosion mit Timothy Desmond sprechen.

Kurz vor 4 Uhr wurde das Pulver angezündet. Man hat verschiedene Personen in der Nähe des Fäßchens, welches wieder, wie tags zuvor, an die Mauer gebracht worden, gesehen, in demjenigen aber, der das Pulver anzündete, ist Barret erkannt worden. Ueber die Mauer war zuvor wieder ein Ball geworfen worden, doch waren die Gefangenen zu jener Zeit nicht im Hofe.

Barret und ein gewisser Patton kamen am Abend zu Mullany, letzterer mit blutendem Ohr, ersterer mit ganz geschwärztem Halse, den er dort wusch. Er hatte bis dahin einen langen Backenbart getragen; kurz darauf erschien er glatt rasirt, um nicht wiedererkannt zu werden. Am Abend nach der Explosion forderte English Geld von Mullany »um sie fortzuschicken«. Tags darauf trafen diese beiden wieder zusammen. English las gerade einen die Explosion betreffenden Anschlag mit der Ueberschrift »Teuflisches Verbrechen« und äußerte: »Wir werden noch vor Weihnachten ganz London verbrennen, das wird noch viel teuflischer sein.« Bald darauf begegnete Vaughan dem Angeklagten O'Keeffe. Er äußerte, es sei doch schrecklich, daß bei der Explosion so viel Menschen verunglückt seien. O'Keeffe entgegnete: so was gehe nun einmal ohne große Opfer nicht ab! William Desmond kam hinzu und bemerkte über die inzwischen erfolgte Verhaftung von Timothy Desmond: »Zum Teufel, das ist ihm ganz recht, wir hatten ihn nach Hause schlafen gehen heißen, er hatte dort gar nichts zu thun.« Er war nämlich nach Hause geschickt worden, weil er betrunken war. Barret verließ bald darauf London und wurde erst am 14. Januar in Glasgow verhaftet.

Zum Schlusse dieser Darstellung der ganzen Sachlage bemerkt der Attorney-General noch zunächst: Die Aussagen von Vaughan und Mullany bildeten allerdings einen sehr erheblichen Theil des Beweismaterials, er verlange aber keineswegs von den Geschworenen, daß sie diesen beiden Zeugen Glauben schenkten, insofern ihre Angaben nicht anderweit unterstützt würden. Ferner führt er aus: für die Entscheidung komme es nicht etwa darauf an, ob die Angeklagten alle in dem Augenblicke, als das Pulver entzündet wurde, zugegen gewesen seien; diejenigen von ihnen, welche erweislich in die Verschwörung verwickelt und mit dem, was geschehen sollte, bekannt gewesen seien, welche Pulver gekauft, Zusammenkünfte besucht oder sonst irgendwie thätig Hülfe geleistet, seien in den Augen des Gesetzes schuldig, auch wenn sie bei der Explosion selbst nicht anwesend waren.

Darauf beginnt die Beweisaufnahme.

 

Zunächst wird den Geschworenen ein Modell des Gefängnisses vorgezeigt und von einem Ingenieur erläutert; derselbe schildert auch die Wirkungen an den Häusern von Corporation-Lane, deren nächstes nur 24 Fuß vom Herd der Explosion entfernt war. Sodann tritt der Kronzeuge Militärschneider Patrick Mullany auf.

Er sympathisirte, sagt er, mit den Feniern, ohne gerade ein besonderes Interesse an der ganzen Bewegung zu nehmen, und trat dem Bunde nur bei, weil so viel Schneider dabei waren. Etwa vor 15 oder 16 Monaten leistete er, von English eingeführt, vor Kapitän Kelly den Eid, und zwar gleich als ein Centrum (Vorgesetzter über neun Mitglieder), weil man fälschlich annahm, er sei bereits Fenier, und weil English ihn für »einen sehr anständigen Kerl« erklärte. Bald nachdem Burke verhaftet war, kamen Murphy und Barrel zu ihm; letzterer erklärte, etwas für Burke thun zu wollen. Eines Tages fand sich auch Burke's Schwester, Frau Barry, bei ihm ein. Nachdem sie fortgegangen, zeigte ihm Murphy einen mit gewöhnlicher Tinte geschriebenen Brief, wie er sagte »vom armen Burke«, und bestrich denselben dann mit einer Kupfervitriolauflösung, worauf zwischen den Zeilen eine andere braune Schrift und ein Situationsplan zum Vorschein kamen. Die Schrift, die Murphy vorlas, lautete nach Mullany's Erinnerung:

»Theurer Freund, Sie kennen meine Lage. Nahe hierbei ist ein Haus, genannt «das berühmte Bierhaus», und in dessen Nähe ein Kanal und eine schwache Stelle in der Mauer. Wenn Sie dort ein Fäßchen Pulver anbringen, können Sie die Mauer zum Teufel sprengen. Lassen Sie das Pulver in kleinen Quantitäten kaufen, und es muß zwischen ½4 und 4 Uhr gethan werden. Wenn Sie es nicht thun, verdienen Sie erschossen zu werden!«

Murphy zeigte tags darauf auch Barret diesen Brief und sammelte in einer an demselben Tage stattfindenden Versammlung Geld, um Pulver zu kaufen; am nächsten Abend erklärte er, er habe schon viel Pulver gekauft, und am 11. December fand eine Zusammenkunft bei William Desmond statt, in welcher die Ausführung auf den 12. December festgesetzt und verabredet wurde, man wolle sich bei Desmond versammeln und in kleinen Trupps nach dem Gefängnisse gehen. William Desmond und English forderten auch am 12. December Mullany zum Mitgehen auf, er hatte aber zu viel zu thun, fand auch »das sei kein Geschäft für einen Familienvater«, und blieb zu Hause. An diesem Abend traf er English und Barret in einer Restauration, wo ihm letzterer sagte, daß der Versuch fehlgeschlagen sei, daß er aber tags darauf anzünden werde. Barret bot ihm auch an, er wolle ihm das Pulverfaß zeigen, er war aber »nicht neugierig darauf«.

Am 12. December abends kam Patton mit blutendem Ohr zu ihm, auch Barret soll bei ihm gewesen sein. wie er später gehört hat, er hat ihn aber nicht gesehen. Nachher traf er ihn aber in einer Schenke. Er war glatt rasirt, und Mullany scherzte hierüber, Barret entgegnete aber: er solle nicht so laut sprechen; er habe das Pulver angezündet, und den Bart abgeschnitten, um sich unkenntlich zu machen.

Vertheidiger. Hat Sie die Furcht, als Sie verhaftet waren, zum Angeben bewogen?

Mullany. Ich wußte, daß English angeben wollte.

Vertheidiger. Erwarten Sie Geld?

Mullany. Ich habe keins verlangt und man hat mir auch keins versprochen. Nur meiner Familie und meiner Gesundheit wegen bin ich Angeber geworden.

Vertheidiger. Nun, Herr, was erwarten Sie?

Mullany. Nichts, und ich weiß auch nicht, was ich bekommen soll!

Vertheidiger. Sind Sie nicht in Untersuchung wegen Hochverraths?

Mullany. Ich glaube.

Vertheidiger. Erwarten Sie, bestraft zu werden, wenn Sie schuldig befunden werden?

Mullany. Die Regierung kann mit mir machen was sie will. – Ich traf eines Tages, als wir beide zum Verhör geführt waren, im Vorzimmer mit English zusammen; dieser sagte, er wolle sich als Angeber melden; möchten die andern zum Teufel gehen, er wolle nicht ihretwegen eingesperrt werden. Ich kenne English und traute ihm das sehr wohl zu, darum beschloß ich, ohne auf Belohnung zu rechnen, ihm zuvorzukommen, da ich wohl wußte, daß dies für mich der einzige Weg zur Rettung war.

Mullany's Aussage trägt im allgemeinen den Stempel der Wahrheit. Er antwortet ruhig auf die ihm gestellten Fragen, es sind ihm nirgends erhebliche Widersprüche gegen die früher gemachten Angaben nachzuweisen, und es zeigt sich nirgends das Bestreben, möglichst viel gegen die Angeklagten vorzubringen, um dem entsprechend belohnt zu werden. Anders Vaughan, der nun folgende Zeuge, auf den schon die ihm von der Vertheidigung abgenöthigten Details aus seinem frühern Leben ein ziemlich unzweideutiges Licht werfen. Er war 1861 Soldat, brachte es bis zum Corporal, wurde wegen »Abwesenheit ohne Urlaub« kriegsgerichtlich zum Gemeinen degradirt, desertirte, war zweimal im Arbeitshause, kann sich nicht erinnern, ob er einmal dort in der Station für Geisteskranke war, erinnert sich aber, »daß Dr. French ihm sagte, er solle nicht trinken, und Dr. Jefferson, er solle trinken«. Er sah eines Tages ein Plakat, in welchem Belohnung für Angaben über die Anstifter der Explosion versprochen wurde, las dasselbe nicht, meldete sich aber drei Stunden später bei der Polizei als Angeber. Seitdem arbeitet er nicht mehr, sondern lebt nur von dem ihm von der Polizei ausgezahlten Gelde; wenn die Angeklagten verurtheilt werden, so erwartet er einen Antheil von der ausgesetzten Belohnung. Als Fenier ist er 1865 von Timothy Desmond vereidigt.

Barret hat er in der ersten Woche des December, und dann etwa vier Wochen später gesehen. Er trug beidemal einen langen Backenbart und kleinen Schnurrbart.

Seine weitere Aussage können wir übergehen; er bestätigt lediglich, was der Staatsanwalt in seinem einleitenden Vortrage über die verschiedenen Unterredungen zwischen den Zeugen, Timothy und William Desmond, English und O'Keeffe erwähnt hat.

Nachdem der Commis Ewen bei Curtis und Harvey, und der Fuhrmann Purchase die obigen Angaben über die Bestellung von 200 Pfd. Pulver und deren Ablieferung in Pultenay-Court Nr. 8 bestätigt haben, folgen einige Zeugen über den allgemeinen Verkehr der Angeklagten. Martha Kensley wohnte im December Pultenay-Court Nr. 8 bei Frau Martins, und hat Barret oft bei dieser gesehen; er trug einen Backenbart, keinen Kinnbart, sehr kleinen Schnurrbart.

Ihr Bruder Thomas Kensley bestätigt ihre Angaben; er kennt Barret an seinem eigenthümlichen Blick wieder.

Mary Page wohnt gegenüber von Pulteney-Court Nr. 8 und hat William Desmond ein- oder zweimal, English oft gesehen.

Clarissa de Poix hat William Desmond, English und O'Keeffe öfters bei Frau Martins gesehen.

Anna Stringfellow glaubt, Barret oft am Cler- kenwell-Gefängniß gesehen zu haben, kann dies aber nicht beschwören.

Dann folgt eine Gruppe von Zeugen über den fehlgeschlagenen Versuch am 12. December.

Sarah Smithers hat eine Schankwirthschaft nahe am Gefängniß. Am 12. December, nachmittags 3 Uhr, kamen vier Männer zu ihr, forderten Bier, Brot und Käse und verweilten etwa 20 Minuten. »Nach ihrem besten Glauben« waren unter diesen Barret und English.

James Stratton stand etwa 3½ Uhr an seiner Thür, sah English in die Smithers'sche Schenke hineingehen und wieder herauskommen. Dann kamen zwei Männer mit einem Handwagen, auf dem ein Fäßchen lag. Sie hielten an, hoben das Fäßchen herab unb lehnten es da, wo tags darauf die Explosion erfolgte, an die Gefängnißmauer. Zeuge ging sodann auf einige Minuten in sein Haus. Als er wieder vor die Thür trat, waren die Männer mit dem Karren und dem Fäßchen verschwunden. Einer der beiden war Timothy Desmond.

Richard Walls ging um 3½ Uhr an der Mauer vorüber und sah dort zwei Männer bei einem Fäßchen, das neben dem Karren stand; die Männer entfernten sich nach verschiedenen Seiten. Einer von ihnen wendete sich um, als er bei dem Zeugen vorübergegangen war, und lachte, Zeuge drehte sich auch gerade um und sah flüchtig das Gesicht des Fremden; seiner Ueberzeugung nach war dies O'Keeffe. Plötzlich brannte aus dem Fäßchen ein blaues Lichte empor, verlosch aber in dem Augenblicke, als er vorüberging. Er kümmerte sich weiter nicht um den Vorfall; ein Mangel an Neugier, den der Vorsitzende mit Recht bedauert.

Gefangenwärter Clifford sah bald nach 4 Uhr einen Handwagen mit einem Fäßchen bei seinem nahe gelegenen Hause in der Richtung vom Gefängnisse her vorüberfahren; zwei Männer zogen den Karren, wie er glaubt Timothy Desmond und English, doch kann er dies nicht beschwören.

Gefangenwärter Cape. Etwa um 4 Uhr, als die Gefangenen, und unter ihnen Burke, im Hofe spazieren gingen, flog ein weißer Ball über die Mauer; Zeuge hob ihn auf und gab ihn seinen Kindern.

Gefangenwärter Maskell beaufsichtigte die Gefangenen bei ihrem Spaziergange, bei welchem sie im sogenannten Gänsemarsch, einer hinter dem andern, gehen müssen. Burke trat plötzlich aus der Reihe, ging in den hintersten Winkel des Hofes, bis wohin tags darauf keine Steine geflogen sind, zog dort einen Schuh aus und machte sich etwas am Fuße zu schaffen. Erst nach längerer Zeit trat er wieder in die Reihe.

Die nun folgenden Aussagen beziehen sich auf den Tag der vollendeten That, den 13. December.

Obergefangenwärter Moore. Die Gefangenen gingen sonst täglich von ½4 – ½5 Uhr spazieren. Am 13. December waren sie aus gewissen Gründen früh, einige Stunden vor der Anwesenheit von Anna Justice im Gefängnisse, spazieren geführt worden. Noch nie wurden sie an einem Tage zweimal spazieren geführt.

Constable Ranger that Dienst im Gefängnisse, Um 12¼ Uhr kam Anna Justice, die sich für Casey's Tante ausgab, in das Gefängniß, wo sie früher noch nie gewesen war, erhielt Zutritt zu ihm und ging kurz vor 1 Uhr wieder fort. Vor der Thür einer nahen Schenke sprach sie längere Zeit mit einem gewissen Allen.Allen war geheimer Polizist, oder stand wenigstens in intimer Verbindung mit höhern Polizeibeamten. Den dienstthuenden Beamten war dies unbekannt, er wurde verhaftet und war selbst nicht ganz unverdächtig, wurde aber auf Verwendung des Polizeiinspectors Brennan entlassen. Dann kam Frau Barry zu Burke. Sie blieb bis 1 Uhr 40 Minuten. Zehn Minuten vor 3 Uhr sprach Anna Justice vor dem Bierhause mit Timothy Desmond. Zwanzig Minuten vor 4 Uhr gingen beide in der Richtung nach Corporation-Lane fort, in diesem Augenblicke erfolgte die Explosion. Nach derselben liefen sie nach verschiedenen Seiten fort, wurden aber verhaftet.

Polizeiinspector Thomson sah ebenfalls Anna Justice und Timothy Desmond sich vor dem Gefängnisse, umhertreiben; letzterer schien betrunken. Er konnte von der Stelle, wo ihn Zeuge fast unmittelbar vor der Explosion gesehen hatte, inzwischen nicht bis an den Ort derselben gelangt sein.

Constable Sutton patrouillirte ohne Uniform in der Gegend des Gefängnisses, sah Timothy Desmond um 3 Uhr sich mit Anna Justice unterhalten, sie aber nach einiger Zeit verlassen und nach Corporation-Lane gehen. Zeuge folgte ihm, verlor ihn aber auf kurze Zeit aus den Augen, und als er selbst nach Corporation- Lane kam, kehrte Desmond von dort zurück. Zeuge sah ein Fäßchen und einen Karren an der Mauer stehen, bemerkte an beiden nichts Verdächtiges, und Timothy Desmond entfernte sich in der Richtung nach der Gegend, wo er vorher mit Anna Justice gesprochen. Etwa eine Viertelstunde darauf erfolgte die Explosion.

Mit dem folgenden Zeugen, Stellmacher Allum, gelangen wir endlich an den Ort der That selbst.

Allum passirte zwischen 3–4 Uhr Corporation-Lane. Ein Mann kam ihm entgegen, welcher auf einem Handwagen ein Fäßchen fuhr und den Wagen plötzlich gegen die Gefängnißmauer schob. Gleichzeitig kam ein anderer Mann über die Straße und half dem erstern das Fäßchen abladen und dicht an die Mauer stellen. Der eine fuhr nun den Wagen fort, der andere deckte ein Stück Wachsleinwand über das Fäßchen und ging dann in einen gegenüberliegenden Durchgang, Saint-James-Passage. Dies war Barret, der damals einen langen rothen Backenbart, keinen Kinnbart und einen sehr kleinen Schnurrbart trug. In der Passage standen noch zwei Männer. Als den einen glaubt er William Desmond zu erkennen, kann dies aber nicht beschwören; als den zweiten hat er vor der Polizei Allen bezeichnet und hält ihn auch jetzt noch dafür. Zwei Minuten, nachdem er bei diesen Männern vorübergegangen, erfolgte die Explosion.

Noch ausführlichere Auskunft gibt der Milchmann Henry Bird. Er sah, als er etwa um 3¾ Uhr seine Kunden in Corporation-Lane mit Milch versorgte, zwei Männer mit einem Handwagen kommen; ein dritter ging nebenher. An der Mauer wendeten sie den Wagen, es fiel ein Fäßchen herab, wurde von dem einen an die Mauer gestellt und mit Wachstuch umhüllt, der zweite fuhr mit dem Handwagen nach der Gegend zurück, von der sie gekommen waren. Bei dem Fäßchen standen noch zwei Männer, die nun nach Saint-James-Passage gingen. Jetzt erschien vom andern Ende der Straße her ein gentlemanartig gekleideter Mann, trat an das Fäßchen, dessen obere Seite er sich genau ansah, als sähe er einen Namen oder eine Nummer darauf, zog einen Zünder oder ein Streichholz aus der Tasche, setzte es in Brand und brachte es oben an das Fäßchen; dann deckte er das Wachstuch darüber und ging in die Passage. Bird bediente nun zwei Kunden am Ende der Straße, kehrte zu seinem Wagen zurück, erzählte dem Constable Moriarty, den er dort traf, was er gesehen, und fuhr mit dem Milchwagen ab, während Moriarty nach dem Fäßchen ging. In diesem Augenblick, volle fünf Minuten, nachdem das Fäßchen vom Wagen gefallen war, erfolgte die Explosion.

Der Zeuge erkennt Barret bestimmt als denjenigen wieder, der angezündet hat. Er trug damals einen langen braunen Rock und hohen Hut, hatte einen sehr schönen, langen Backenbart und eine gesunde Gesichtsfarbe. Als er ihn im Gefängnisse wiedersah, hatte er keinen Bart, auch hatte er ihn damals nur im Profil gesehen und sah ihn nun von vorn; so kam es, daß ihn unter den neun oder zehn Gefangenen, die in der Zelle waren, nicht gleich erkannte, sondern erst O'Neill als den, der angezündet habe, bezeichnete.

Es folgt Charles Moseley, Sohn eines Uhrmachergehülfen, ein intelligenter Knabe von 12 Jahren. Er spielte in Corporation-Lane, sah am Eingange von Saint-James-Passage drei Männer stehen, einer von ihnen warf etwas wie einen Ball über die Mauer, dann liefen sie in die Passage, kamen aber bald zurück. Der Knabe ging nun in die zwei Treppen hoch belegene Wohnung seiner Aeltern, von wo aus er sonst immer die Gefangenen spazieren gehen sehen konnte, um dies wieder zu sehen. Es waren keine Gefangenen im Hofe; dafür sah er aber vom Fenster aus ein Fäßchen auf der Straße liegen; einer von den drei Männern steckte eine Lunte hinein und versuchte sie anzuzünden, was ihm erst mit dem zweiten Streichholz gelang. Ein Constable näherte sich aber dem Fäßchen, als die Explosion erfolgte; der Knabe wurde schwer verwundet und mußte mittels einer Feuerleiter aus dem Hause geholt werden. Er erkennt Barret als den, der angezündet hat, an seinem eigentümlichen Blick. Derselbe trug damals einen Backenbart und einen Kinnbart.

Auch der zwölfjährige Thomas Wheeler, der nahe bei dem Fäßchen spielte, und dem durch die Explosion eine Hand zerschmettert ist, hat Barret anzünden sehen. Bei der ersten polizeilichen Vorstellung hat er sich von ihm abgewendet, und erst nachher erklärt, er erkenne ihn. Er meint, er habe sich anfangs nur vor ihm gefürchtet.

Henry Morris, 18 Jahre alt, Lehrling bei Mullany, kennt Barret seit etwa 4 Wochen vor der Explosion, da er seit dieser Zeit öfters mit einem gewissen Hastings zu Mullany kam. Er wurde Jackson genannt. Am Nachmittage des 13. December, nachdem die ersten Nachrichten von der Explosion sich verbreitet hatten, verließ Mullany den Arbeitstisch und ging auf etwa eine halbe Stunde aus, dann kam er wieder in die vorn heraus belegene Werkstatt. Bald darauf trat Patton, ein Schneider, der oft bei Mullany verkehrte, aus dem hinten heraus gelegenen Wohnzimmer in die Werkstatt und ließ sich Nadel und Zwirn geben, um sich einige Knöpfe an die Hosen zu nähen. Sein Hals war gewaschen, sein Hemdkragen naß und blutig, und ein Stück seines rechten Ohrs »war ab«. Patton ging in die Hinterstube, Mullany folgte ihm gleich nach, und der Zeuge ebenfalls, letzterer um ein Plätteisen ins Feuer zu legen. Dort war außer den Mullany'schen Eheleuten und Patton auch Barret, der Rock und Weste abgelegt hatte und sich den mit Schmuz beschmierten Hals wusch. Er trug damals noch seinen langen Backenbart. Mullany ging bald wieder in die Werkstatt zurück. Zeuge hat von dieser seiner Wissenschaft der Polizei erst im Januar, nachdem Mullany schon verhaftet war, und auf den Wunsch seines Vaters Anzeige gemacht, obschon er von den ausgesetzten Belohnungen längst Kenntniß hatte.

Jane Koeppl, welche bei Mullany arbeitet, hat Barret, unter dem Namen Jackson, seit etwa vier Wochen vor der Explosion häufig dort gesehen; auch Burke, welcher anfangs Brown, dann Winslow genannt wurde, verkehrte häufig dort. Mullany hat am 13. December den ganzen Nachmittag gearbeitet. – Den Vorfall mit Patton erzählt sie wie Morris, dann fährt sie fort:

»Als ich den Abend nach Hause ging, traf ich unterwegs Mullany und Barret, welche eben aus einem Wirthshause kamen. Beide waren stark angetrunken. Ich bat Mullany um etwas Geld, er sagte, wir wollten zum Wechseln ins Wirthshaus gehen, dies thaten wir, und Barret kam mit. Er war mir zwar von Anfang an bekannt vorgekommen, ich erkannte aber erst im Wirthshause, als wir miteinander sprachen, daß es Barret war, denn er hatte den bis dahin stets getragenen Backenbart abgeschnitten, und trug nicht, wie sonst gewöhnlich, einen langen braunen Rock, sondern ein Jaquet. Wir tranken noch etwas Grog zusammen, und unterhielten uns dabei, wie Bekannte pflegen.« –

Nachdem schließlich noch der Polizeiinspector Thomson bekundet hat, daß er bei Burke, als er diesen verhaftet, ein kleines versiegeltes Fläschchen gefunden und dem Dr. Odling zur Untersuchung übergeben habe, der Gefangenwärter Cape, daß in der Wäsche, die Frau Barry dem Gefangenen Burke gebracht, ein Stück Kupfervitriol versteckt gewesen, und Dr. Odling: daß das Fläschehen Goldchlorid enthalte, welches zur Photographie gebraucht werde und in verschiedenen Büchern als Sympathetische Tinte erwähnt sei, daß das damit Geschriebene durch Bestreichen mit einer Kupfervitriollösung am schnellsten lesbar werde – erklärt der Attorney-General den Anklagebeweis für erschöpft.

Der Vorsitzende äußert: er zweifle, ob gegen Anna Justice etwas erwiesen sei; der Staatsanwalt entgegnet, gegen sie liege nicht mehr vor, als was er in seiner ersten Ansprache gesagt habe: sie sei am Tage der Explosion im Gefängniß, und nachher längere Zeit in Gesellschaft von Timothy Desmond gewesen.

Vorsitzender. Sie sei aber an jenem Tage zum ersten mal im Gefängniß gewesen, und man dürfe nicht vergessen, daß schon tags zuvor ein Versuch gemacht worden sei, die Mauer zu sprengen. Hätte sie mit den Verschworenen in Verbindung gestanden, so würden diese durch sie erfahren haben, daß die Spazierstunde der Gefangenen verlegt war. Er sei mit seinem gelehrten Collegen einverstanden, daß der Jury kein Beweis von Anna Justice's Schuld erbracht worden sei.

Die Geschworenen sprachen hierauf in Betreff ihrer das Nichtschuldig aus. Sie erhob sich rasch, küßte den neben ihr sitzenden Barret, schüttelte den andern Angeklagten die Hand und verließ die Anklagebank. Nunmehr bat O'Keeffe's Vertheidiger, gegen seinen Clienten ebenso zu verfahren, da gegen diesen nur das Zeugniß des Angebers Vaughan vorliege. Der Vorsitzende erklärte: Der Vertheidiger gehe zu weit, indem er Vaughan einen Angeber nenne, denn in die gegenwärtige Verschwörung sei derselbe nicht verwickelt gewesen, auch könne er mit O'Keeffe, gegen den doch immerhin einiger Beweis vorliege, nicht so verfahren wie mit Anna Justice, sondern müsse dem Attorney-General überlassen, ob er glaube, gegen ihn die Anklage aufrecht erhalten zu können. Letzterer eröffnete beim Beginne der nächsten Sitzung den Geschworenen, daß er nach Prüfung des Beweises nicht genügendes Material gefunden habe, um das Schuldig zu beantragen, und der Vorsitzende forderte sie demgemäß auf, O'Keeffe freizusprechen, was auch sofort geschah.

Die nun folgenden Vertheidigungen von English, William und Timothy Desmond sind ohne hervorragendes Interesse. Die Vertheidiger greifen die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugen Mullany und Vaughan an, machen auf theilweise sehr unbedeutende Widersprüche der verschiedenen Zeugen aufmerksam, ergehen sich in Tiraden über die Scheußlichkeit des verübten Verbrechens und die Pflicht der Geschworenen, sich dadurch und durch die Entrüstung über die ganze Verschwörung nicht beeinflussen zu lassen, und bitten schließlich, durch Freisprechung der Angeklagten zu zeigen, daß auch Irländer in England auf ein gerechtes Verdict sicher rechnen können. Schließlich nimmt Barret's Vertheidiger, Mr. Greene, das Wort, fast überwältigt, wie er sagt, von dem Gefühle der auf ihm lastenden Verantwortlichkeit, da er zum ersten male in einem Strafprocesse, in welchem das Leben des Angeklagten auf dem Spiele steht, vertheidige: »Verschiedene Umstände wirken zusammen, meine Aufgabe zu einer außergewöhnlich schwierigen zu machen. Seit vielen Jahren hat weder in diesem Lande noch vielleicht in irgendeinem andern ein Verbrechen eine allgemeinere und gerechtere Entrüstung hervorgerufen, und leicht kann in den Herzen der Geschworenen das Verlangen, ihre Ansicht über dieses Verbrechen zur Geltung zu bringen, das Gefühl der Menschlichkeit ersticken. Die Angeklagten, arm und freundlos, wie sie sind, haben nur mit Mühe Vertheidiger. Ein großer Theil des Belastungsbeweises ist von der Polizei beschafft worden, welche sich darin von der übrigen Menschheit unterscheidet, daß sie Schlüsse macht und daraus Thatsachen herleitet, statt auf Grund von Thatsachen Schlüsse zu ziehen. Der Belastungsbeweis ist doppelter Art; ein Theil stammt aus einer schmuzigen Quelle, von Leuten wie der Angeber Mullany, und, hätte ich fast gesagt, wenn ich mich nicht der gestrigen Aeußerung des Herrn Vorsitzenden erinnert hätte, der Angeber Vaughan, der andere von unabhängigen Zeugen.«

Der Vorsitzende unterbricht ihn: Er habe nur sagen wollen, daß Vaughan's Betheiligung an der Verschwörung zu diesem besondern Verbrechen nicht erwiesen sei; er müsse aber die Geschworenen ermahmen, dessen Aussage mit größter Vorsicht aufzunehmen.

Barret's Vertheidiger fährt nun fort; er kritisirt den Belastungsbeweis, hält die Identität Barret's mit Jackson für durchaus unerwiesen, und schreitet dann plötzlich zu der überraschenden Erklärung:

beweisen zu wollen, daß Barret zur Zeit der Explosion nicht in London, auch nicht einmal in England, sondern als Güterverlader in Glasgow gelebt und seit Monaten Schottland, ja bis zu seiner Verhaftung Glasgow nicht verlassen habe.

Zuerst erscheint der Schuhmacher M'Nulty aus Glasgow und bekundet Folgendes:

»Ich habe Barret zum ersten mal am Donnerstag, 12. December, abends gesehen. Er kam mit dem mir persönlich bekannten Schuhmacher Mullan zu mir, und Mullan fragte, ob ich ein Paar Stiefeln für Barret besohlen wolle. Ich sagte Ja und versprach sie zum nächsten Abend. Am 13. abends kam Barret, ich hatte aber mit eigener Arbeit zu viel zu thun gehabt und noch nicht angefangen; auf Befragen versprach ich sie zum nächsten Abend. Am Sonnabend kam Barret wieder, ich hatte aber noch nicht angefangen; er nannte mich alles andere als Gentleman (Heiterkeit) und ich sagte, wenn es nicht Mullan's wegen wäre, würde ich ihn sammt den Stiefeln hinauswerfen. Er kühlte sich nun etwas ab, und da kamen zwei meiner Bekannten, die Schuhmacher Peake und Welsh, die ich bat, mir zu Gefallen die Stiefeln zu repariren. Sie machten sich, jeder an einem Stiefel, an die Arbeit, und Barret schickte inzwischen nach der Zeitung, aus der er den Artikel von der Explosion in London, die an demselben Morgen zuerst in Glasgow bekannt geworden war, vorlas. Er wartete, bis die Stiefeln fertig waren, und ging dann fort, seitdem habe ich ihn, bis gestern im Gefängniß, nicht wiedergesehen. Er trug damals einen etwa drei Tage alten Bart und dasselbe Jaquet wie jetzt. Mullan hat mir bald darauf die Arbeit bezahlt; er ist inzwischen nach Amerika gegangen. Er arbeitete bei einem Meister im Laden, und konnte also die Arbeit nicht selbst machen. Es kann sein, daß meine Frau einmal ins Zimmer gekommen ist; mein kleiner Sohn lief ab und zu.

»Ich kenne O'Neill. Am Sonntag, nachdem Barret und O'Neill verhaftet waren, kam Kapitän M'All zu mir. Ich habe ihm nicht gesagt, daß ich nie Stiefeln für Barret reparirt hätte. Er erwähnte den Namen Barret oder Jackson öfters, ich sagte, ich kenne beide nicht.

»Drei oder vier Tage, nachdem Kapitän M'All bei mir gewesen war, kam M'Manus zu mir. Er fragte, ob ich mich erinnerte, ein Paar Stiefeln besohlt oder reparirt zu haben. Ich sagte, ich erinnerte mich nicht. Darauf las er mir einen Brief vor und infolge dessen erinnerte ich mich wieder an den Vorgang.«

Der fragliche Brief wird verlesen. Er ist von Barret an einen Freund in Glasgow gerichtet und aus dem Millbankgefängnisse datirt. Barret schreibt: Er müsse zu seinem Kummer sagen, daß eine Reihe von Unglücksfällen ihn betroffen habe, er wisse nicht warum. Er sei in die Schlingen des Gesetzes gerathen, und, einmal darin, sei es schwer sich herauszuwickeln. Sein Freund möge doch einen Schuhmacher M'Nulty aufsuchen und fragen, ob derselbe sich nicht erinnere, eine kleine Arbeit für ihn gemacht zu haben. Wenn dieser es vergessen habe, so möge er ihn an folgende Umstände erinnern: er sei am Donnerstag mit Mullan zu ihm gekommen, am Freitag seien die Stiefeln noch nicht fertig gewesen, am Sonnabend hätten sie deshalb Zank gehabt, darauf habe jener zwei Männer angenommen, welche die Arbeit gemacht hätten. Währenddessen habe er, Barret, den Leuten den Bericht über die Explosion in Clerkenwell, von der sie noch nichts gewußt, vorgelesen. Das werde M'Nulty die Sache ins Gedächtniß zurückrufen, und dieser werde auch die beiden andern, die die Arbeit gemacht, ausfindig machen können. Er bittet schließlich, sein Freund möge ihm einige Kleidungsstücke, die er in Glasgow gelassen, und sein rothes Hemd schicken und ihm schreiben, doch würden alle Briefe vom Gefängnißgouverneur gelesen.

Es folgen die beiden Schuhmacher Peake und Welsh. Peake, der für Meister Makintosh arbeitet, lieferte Sonnabend, 14. December, seine Arbeit schon früh um 9 Uhr ab, besuchte dann nacheinander seine Freunde Macann und Finnis, nahm etwa um 2 Uhr sein Wochenlohn, bestehend in 15 Shilling, in Empfang und traf nun zufällig auf der Straße mit Welsh zusammen, dem er vorschlug, ihren gemeinschaftlichen Freund M'Nulty zu besuchen. Sie thaten dies, trafen dort Barret, der ebenso gekleidet war wie vor Gericht, besorgten die Reparatur seiner Stiefeln und hörten von ihm den Bericht über die Explosion vorlesen, von der Peake, wie er bestimmt weiß, am Morgen desselben Tages in der Werkstatt zuerst gehört hatte. Welsh bestätigt alle diese Angaben; er hatte an demselben Tage früh ein Extrablatt mit der Nachricht von der Explosion gesehen, von den Einzelheiten aber nichts erfahren, ehe Barret die Zeitung vorlas.

Der Hufschmied Arthur Burgoyne lernte im verflossenen August Michael Barret kennen und traf seitdem öfters mit ihm zusammen; er schien in der Gegend des Kais zu arbeiten, doch hat Zeuge ihn hiernach ebenso wenig als nach seiner Wohnung gefragt. Wenn sie sich trafen, pflegten sie miteinander einen Spaziergang zu machen oder ein Glas Bier zu trinken. Barret trug die ganze Zeit hindurch einen hellen, schmalen, dünnen Backenbart. Am 21. November, zwei Tage vor der Hinrichtung der in Manchester Verurtheilten, fand in Glasgow ein Meeting bei Fackellicht statt, um eine Petition an den Minister des Innern um deren Begnadigung zu beschließen. Nach demselben, bei dem Barret und Zeuge sich betheiligt hatten, klagte ersterer, es sei ihm jemand mit der Fackel ins Gesicht gerathen; in der That war sein Backenbart auf der einen Seite versengt. Er mußte ihn deshalb abschneiden, und trug seitdem keinen mehr. Nach der Hinrichtung sollte eine Demonstration, bestehend in einem Trauerzuge nach dem Glasgower Friedhofe, stattfinden. In einem am Freitag, den 13. December, abends stattgehabten Meeting sollten die letzten Arrangements dazu besprochen werden, als der Vorsitzende, Redacteur M'Corrie, mittheilte, der katholische Bischof von Glasgow wünsche nicht, daß dieser Zug stattfinde, und erbiete sich, wenn er unterbliebe, eine feierliche Seelenmesse für die drei Hingerichteten zu lesen. Während des Meetings sah Zeuge Barret nicht, nach demselben aber blieben noch einige Personen im Gasthofe zum Thee zurück, unter ihnen Zeuge, M'Corrie und Barret, der sich seit einigen Tagen nicht rasirt zu haben schien.

Auf Befragen des Staatsanwalts erklärte der Zeuge: Ich war nicht Fenier. Ich konnte mit den zu Manchester Hingerichteten sympathisiren, ohne Fenier zu sein.

Glasbläser M'Manus. Er kannte Barret seit langer Zeit, und hat ihn auf dem von Burgoyne beschriebenen Meeting gesehen. Den Brief Barret's erhielt er durch einen gewissen Hughes und las ihn M'Nulty vor.

Schließlich erscheint der Redacteur M'Corrie. Er sagt aus: »Ich redigire die Wochenschrift ›Das Irisch- Katholische Banner‹. Ich habe Barret vor etwa neun Monaten kennen gelernt. Er trug einen schwachen, hellen Backenbart. Er war bei dem Fackelmeeting zugegen, und ihm, wie mir selbst, wurde der Backenbart versengt. Dann sollte der Trauerzug stattfinden. Ich protestirte vergeblich gegen dieses Vorhaben. Am Donnerstag, 12. December, erhielt ich die Nachricht, daß der Bischof diese Demonstration mißbillige. Auf der unter meinem Vorsitz am 13. December stattgehabten Versammlung wurde deshalb beschlossen, sie zu unterlassen. Barret war dabei zugegen, wie ich deshalb bestimmt weiß, weil er mich sehr thätig unterstützte, als ich Mühe hatte, die Comitémitglieder zum Eingehen auf den Wunsch des Bischofs zu bewegen, und weil wir noch im Gasthofe Thee znsammen tranken. Der Bericht über dieses Meeting ist in der nächsten Nummer meiner Wochenschrift, die am 20. December erschienen ist (und vorgelegt wird) enthalten.«

Staatsanwalt. Ich sehe in diesem Blatte einen Artikel mit der Ueberschrift: »Schottische Sympathien für die in Manchester Ermordeten.« Ich vermuthe, er bezieht sich auf die dort Hingerichteten?

M'Corrie. Ja, und ich habe ihn selbst geschrieben.

Staatsanwalt. Ich sehe ferner mit Trauerrand: »Feierliches Requiem für die Ruhe der Seelen von Allen, Larkie und O'Brien.« Ferner: »Vorschlag einer Trauerdemonstration für die drei Märtyrer Allen, Larkie und O'Brien.« Es ist darin von »unsern ermordeten Brüdern« die Rede.

M'Corrie. Das habe ich geschrieben.

Staatsanwalt. In Ihrer Zeitung vom 14. December findet sich ein Artikel über einen als Fenier angeklagten gewissen Thompson. Es heißt darin: »Wenn man noch weitern Beweis dafür brauchte, daß die drei Irländer nicht wegen Mordes, sondern aus Rachegefühl und um Schrecken in den Reihen der Fenier zu verbreiten, gehenkt worden sind, so würde der Thompson'sche Fall diesen Beweis liefern.«

M'Corrie. Diesen Artikel habe ich erst nach dem Drucke gelesen. Er ist nicht von mir. – Ich sympathisire nicht mit dem Fenierthum, im Gegentheil, ich habe manchen Arbeiter vom Beitritt abgehalten. Die Artikel meines Blattes sind im irisch-nationalen Sinne geschrieben.

Gegen den Zeugen M'Nulty führt der Staatsanwalt nunmehr den Polizeiinspector M'All aus Glasgow ins Feld. M'All bekundet:

»Nachdem ich den Brief Barret's in Abschrift durch den Oberconstable aus London erhalten hatte, ging ich zu M'Nulty, stellte mich ihm in meiner amtlichen Eigenschaft vor und richtete verschiedene Fragen an ihn; seine Antworten schrieb ich sofort nieder. Auf Befragen erklärte er, daß er von der Explosion zu Clerkenwell zuerst durch O'Reill erfahren habe, der am Sonnabend früh zu ihm gekommen sei und ein Zeitungsblatt bei ihm zurückgelassen habe, welches ein gewisser James Lewis ihm nachmittags 2 Uhr vorgelesen und worin der Bericht über die Explosion gestanden habe. Er habe nie jemand für sich arbeiten lassen, und gewiß nicht damals. Er erinnere sich nicht, daß jemand zu ihm gekommen wäre, um Stiefeln repariren zu lassen.«

M'Nulty wird nochmals vorgerufen und muß im wesentlichen zugeben, daß er sich so ausgelassen hat, wie von M'All bekundet worden ist.

Hiermit schließt die Beweisaufnahme.

 

Zunächst nimmt Barret's Vertheidiger das Wort:

»Ich fürchte, meine Herren, daß ich in meinem gestrigen Vortrage außerordentlich weitschweifig gewesen bin. Heute haben Sie nichts Derartiges zu befürchten. Sie haben die Entlastungszeugen gehört. Sie haben zu prüfen, ob Sie ihnen Glauben schenken wollen oder nicht. Ich habe Ihnen sechs Zeugen vorgeführt, von denen drei Barret seit längerer Zeit kannten, und daher am besten über die Identität urtheilen können. Ich bitte sie nur, den Verdacht zu verbannen, daß zwischen diesen ein Complot bestanden habe, um Sie zu täuschen. Die Staatsanwaltschaft muß von der Ansicht ausgehen, daß diese Zeugen nicht nur alle fähig waren, sich bestechen zu lassen, sondern daß sie auch alle Fenier waren, und daß Barret einen hohen Rang unter ihnen einnahm. Jedoch nichts Derartiges ist erwiesen, und nur Mullany's Zeugniß spricht dafür, daß Barret überhaupt Fenier war. Hätte Barret's Brief den Zweck gehabt, Zeugen zu verführen, so würde er ihn nicht durch den Gefängnißgouverneur abgesandt, sondern mit diesen Personen durch seinen Anwalt verkehrt haben, da er wußte, daß jener den Brief öffnen würde. So aber ist der Brief ein Beweis von dem guten Glauben, in welchem Barret mit seinen Freunden in Glasgow verkehrte.

»Der Staatswalt hat versucht, Mistrauen gegen Burgoyne und einen oder zwei andere Zeugen wegen ihrer Sympathien mit den zu Manchester Hingerichteten zu erregen. Mit diesen sympathisirte aber eine große Menge von Personen, und hiervon bis zum Fenierthum ist noch ein weiter Schritt. Vergleichen Sie, meine Herren Geschworenen, die Belastungszeugen und Entlastungszeugen. Letztere sind nicht aufgetreten mit dem Strick um den Hals wie Mullany, mit den Fesseln an den Füßen wie der Deserteur Vaughan, oder wie einige andere mit einer ihren Augen vorschwebenden Aussicht auf reiche Belohnung; freiwillig sind sie aus Glasgow gekommen; nur getrieben von dem Verlangen, das Leben eines Unschuldigen zu retten. So überlasse ich den Fall ruhig der Entscheidung der Jury. Beeilen Sie sich, meine Herren, durch eine ehrenvolle Freisprechung einen Mann, der drei Monate lang in Haft war, der Stellung wiederzugeben, die er einnahm, bevor diese Anklage gegen ihn erhoben wurde!«

Der Attorney-General wiederholt nach einer längern Einleitung, daß die Jury den Angaben Mullany's nur so weit Glauben schenken möge, als sie in den Hauptpunkten anderweit unterstützt würden. Dann hebt er die Verdachtsmomente gegen die einzelnen Angeklagten hervor und geht zuletzt auf Barret's Alibibeweis über:

»Es gibt keine leichtere Art der Vertheidigung als einen Alibibeweis, und keine, die schwerer zu widerlegen ist, zumal wenn damit so lange hinter dem Berge gehalten wird, bis es für die untersuchungsführende Behörde und den Vertreter der Anklage zu spät ist, Ermittelungen über Charakter und Glaubwürdigkeit der Zeugen anzustellen. Ich erkläre den ganzen Alibibeweis unbedenklich für falsch, für ein Machwerk Barret's! Hatte er wirklich seit Monaten vor der Explosion nur in Glasgow gelebt, warum ließ er die Zeugen denn nicht vor die untersuchungsführenden Beamten laden, zumal durch Parlamentsacte bestimmt ist, daß die Regierung alle Kosten für die in diesem Processe erforderlichen Zeugen trägt?«

Er hält es für unwahrscheinlich, daß Mullan, selbst Schuhmacher, Barret bei M'Nulty eingeführt haben sollte, und findet einen Widerspruch zwischen den Angaben von Peake und Welsh: ersterer sagt nämlich, sie seien mit M'Nulty und Barret allein gewesen, letzterer, Frau Nulty sei zweimal ins Zimmer gekommen. Dann erwähnt er die Angaben, die M'Nulty vor M'All gemacht hat, und geht demnächst auf Herrn M'Corrie über: »Ein Mann von glatter Zunge, den die Vertheidigung ›diesen höchst ehrenwerthen Journalisten‹ nennt. In Wahrheit aber steht er mit einer Zeitung in Verbindung, in welcher die verabscheuungswürdigsten, aufrührerischsten Artikel gewohnheitsmäßig zu Tage gefördert werden, und wenn der römisch-katholische Theil der Bevölkerung von Glasgow seine politische Richtung von diesem Blatte bestimmen läßt, dann ist es nicht zu verwundern, daß er sich an Fackelzügen und ähnlichen Demonstrationen betheiligte, denn etwas Scheußlicheres als diese den armen Arbeitern gebotene politische Nahrung kann man sich kaum denken. M'Corrie ist ein Mann, der die Stellung eines Tagesschriftstellers buchstäblich entwürdigt, indem er Artikel veröffentlicht, welche das Gesetz bezichtigen, Männer ›ermordet‹ zu haben, während er wohl weiß, daß sie mit Recht für begangene Verbrechen hingerichtet worden sind, und indem er alles thut, was in seinen Kräften steht, um Haß gegen die Regierung zu schüren, einfach um seine Taschen mit Geld zu füllen. Wenn elende, schaudervolle Verbrechen begangen worden sind, so sind solche Männer, wie M'Corrie, daran ganz ebenso schuldig als die, welche den Zünder ans Pulverfaß gebracht oder einen Polizeibeamten bei Ausübung seines Amts ermordet haben.«

Burgoyne's und M'Manus' Zeugniß erklärt er gegenüber den bestimmten Angaben von Morris und Frau Koeppl für ebenso unglaubhaft. Barret war Arbeiter – warum ließ er nicht seine Arbeitsgenossen, seine Arbeitgeber, seine Quartierwirthe vorladen? »Es würde«, so schließt der Attorney-General, »ein Act strafbarer Schwäche gewesen sein, wenn ich mich durch solche Zeugnisse hätte bestimmen lassen, die Anklage gegen Barret zurückzuziehen.«

Nachdem Barret's Vertheidiger noch auf den Vorwurf des Staatsanwalts: warum Barret sich nicht auf das Zeugniß seiner Arbeitgeber berufen habe, entgegnet hat: es sei erwiesen, daß derselbe außer Arbeit und augenkrank gewesen und von einem der Zeugen mit Geld unterstützt worden sei, nimmt der Vorsitzende zu einem langen Schlußvortrage, der sogenannten Charge, das Wort. So interessant derselbe ist, müssen wir uns doch auf einige Hauptpunkte desselben beschränken, denn natürlich enthielt er auch wieder im wesentlichen nur dasselbe, was Staatsanwaltschaft und Vertheidigung bereits erschöpfend vorgetragen haben.

Zunächst erfahren wir hier zuerst, was nach deutschen Begriffen an die Spitze der Verhandlungen zu stellen gewesen wäre, nämlich wie die unglückliche Anna Hodgkinson, um deren Tödtung es sich formell allein handelt, ums Leben gekommen istDer sehr vollständige Sitzungsbericht der »Times« ergibt nichts, daß hierüber irgendwie verhandelt worden wäre.: sie wohnte in einem der durch die Explosion am meisten beschädigten Häuser, eine Glasscherbe aus einem der zerschmetterten Fenster traf ihren Hals, zerschnitt die Schlüsselbein-Arterie, und sie starb an Verblutung und an Erstickung durch das in die Luftröhre eingedrungene Blut. Sodann ertheilt der Lord-Oberrichter der Jury folgende Rechtsbelehrung:

»Wer einen wegen einer strafbaren Handlung gesetzlich Verhafteten zu befreien versucht, begeht ein Verbrechen. Wer bei der Verübung oder dem Versuch eines Verbrechens, wenn auch unabsichtlich, einen Menschen tödtet, begeht nach englischem Gesetz einen Mord. Man hat behauptet, es sei ein hartes Gesetz, welches eine Handlung als Mord bestrafe, auch wenn der dadurch herbeigeführte Todesfall nicht vom Handelnden beabsichtigt war. Aber der Gerichtshof und die Geschworenen sind dazu da, das Gesetz anzuwenden, nicht es zu machen oder zu mildern, und das Gesetz ist so, wie ich Ihnen gesagt habe. Es liegt aber noch aus einem andern Gesichtspunkte Mord vor. Wenn nämlich jemand eine Handlung, und ganz besonders eine ungesetzliche, vornimmt, und wenn es zwar nicht seine Absicht ist, einen Menschen zu tödten, wenn er aber weiß oder glaubt, daß dadurch Menschenleben gefährdet werden, und wenn dann wirklich ein Mensch getödtet wird, so ist dies nicht blos nach englischen, sondern wahrscheinlich nach den Gesetzen aller Staaten (?) Mord. Wenn Sie also glauben, daß diejenigen, welche die Mauer mit Pulver sprengten, wußten, daß dies nothwendig Gefahr und Unglück, und wahrscheinlich den Verlust von Menschenleben zur Folge haben mußte, so sind sie moralisch und gesetzlich des Mordes schuldig.«

»Unzweifelhaft«, fährt der Lord-Oberrichter fort, »sind Geschworene berechtigt, auf Grund des Zeugnisses eines Mitschuldigen, wenn sie demselben Glauben schenken, zu verurtheilen, selbst wenn es nicht anderweit unterstützt würde. Seit einer langen Reihe von Jahren pflegen aber die Richter den Juries zu empfehlen, nicht auf die Aussage eines Mannes hin zu verurtheilen, der auftritt, um sein Leben auf Kosten anderer zu retten, wenn diese Aussage nicht bestätigt wird. Es bedarf dieser Bestätigung, wenn Personen durch einen Mitschuldigen als schuldig bezeichnet werden, und wenn ihre Schuld nicht durch ein unabhängiges Zeugniß bestätigt wird, so würde keine Jury Wohl thun, auf Grund eines so unsaubern, haltlosen Beweises zu verurtheilen. Nur muß die Jury berücksichtigen, daß sie nicht für jede Einzelheit in der Aussage eines Angebers eine Bestätigung verlangen darf; denn wenn eine solche überall möglich wäre, so brauchte man das Zeugniß des Angebers gar nicht. Leider war es nöthig, zu einem Beweise dieser Art zu greifen. Zum Glück für die Gesellschaft sind Menschen, die in Verbrechen dieser Art verwickelt sind, wenn Gefahr und Entdeckung drohen, sehr geneigt, sich gegeneinander zu wenden und einander der Polizei zu denunciren. Könnte man doch hoffen, daß die Theilnehmer an so verrätherischen Planen endlich beherzigten, was die Erfahrung sie längst gelehrt haben sollte – daß die größte Gefahr ihnen stets von denen droht, mit denen sie am innigsten verbündet waren!«

Von diesem Gesichtspunkte aus prüft er nun Mullany's Angaben, und findet, daß sie meist anderweit bestätigt sind, beispielsweise die Erzählung von dem mit Sympathetischer Tinte geschriebenen Briefe, die an sich höchst romanhaft klingt, durch das Auffinden von Goldchlorid bei Burke und von Kupfervitriol in der ihm überbrachten Wäsche. Dagegen warnt er nochmals vor Vaughan's Zeugniß.

Wir übergehen, was er über die Schuld der einzelnen sagt; von William Desmond's Schuld scheint er nicht überzeugt: er gehöre zwar jenem ruchlosen Fenierbunde an, doch müsse zur Ehre der Menschheit in Betracht gezogen werden, daß nicht alle, die sich in ein so wahnwitziges Unternehmen einlassen, deshalb auch mit solcher Nichtachtung von Menschenleben handeln. Seine Ansicht über English ist nicht recht ersichtlich; dagegen legt er den Geschworenen die Freisprechung Timothy Desmond's ziemlich nahe. In Betreff Barret's findet er, daß Mullany's Angaben in allen wesentlichen Punkten unterstützt werden, besonders durch Morris und Frau Koeppl, und geht dann auf den Alibibeweis über.

Diesen Alibibeweis bezeichnet er als den merkwürdigsten, der ihm in seiner ganzen Erfahrung vorgekommen sei. »Glauben Sie den Entlastungszeugen, dann hat der Proceß gegen Barret ein Ende, dann aber haben entweder Morris, Frau Koeppl und die andern Anklagezeugen unter der seltsamsten Sinnestäuschung gelitten, oder es liegt das scheußlichste Complot vor, welches je vor einem Gerichtshofe gespielt hat, um einen Menschen zu vernichten.« Die Jury möge aber prüfen, ob der Alibibeweis nicht auch sehr bedenkliche Seiten habe. Zuerst sei es höchst befremdend, daß man erst vor drei Tagen davon gehört habe. Was wäre natürlicher, als daß jemand, der eines so entsetzlichen Verbrechens beschuldigt werde, ganz einfach von vornherein sage: aber ich war ja damals und lange vorher in Glasgow und kann Leute namhaft machen, die mich gesehen haben? Barret aber hat früher kein Wort hiervon gesagt.

In Betreff der Angaben der drei Schuhmacher sei ihm Folgendes eingefallen: Wie, wenn dieselben richtig wären, nur daß sich der ganze Vorfall acht Tage später zugetragen?

Barret habe seine Anwesenheit bei den verschiedenen Meetings in dem Briefe an M'Manus selbst nicht einmal erwähnt.

Die Jury werde zu prüfen haben, ob diese Angaben nicht etwa rein erdichtet seien, um Barret zu retten. Die in dem von einem Zeugen redigirten Journal enthaltenen Artikel seien so verbrecherisch und abscheulich, daß sie von gänzlicher Verkehrtheit alles moralischen Gefühls zeugten.

Der Lord-Oberrichter schließt mit den Worten:

»So wichtig es im Interesse des Gemeinwohls ist, daß ein so schweres Verbrechen nicht ungestraft bleibe, so ist doch der heilige Grundsatz der Gerechtigkeit noch wichtiger, daß es besser ist, ein Schuldiger entgeht der Strafe, als daß ein Unschuldiger bestraft werde. Niemals, dessen bin ich gewiß, haben Geschworene bei einem Processe mehr Aufmerksamkeit an den Tag gelegt, als Sie, meine Herren, und Sie werden nach gehöriger Ueberlegung ein richtiges Urtel fällen. Ich bin überzeugt, daß niemand, mögen wir nun übereinstimmen oder nicht, die Gewissenhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit Ihres Spruches in Zweifel ziehen wird!«

 

Nach zweieinhalbstündiger Berathung erscheinen die Geschworenen wieder im Saal und es beginnt die in England noch von fast dramatischer Feierlichkeit umgebene Verkündung des Spruches.

Gerichtsschreiber. Meine Herren von der Jury sehen Sie auf die Angeklagten! Angeklagte, sehen Sie auf die Herren Geschworenen. Was sagen Sie, Gentlemen von der Jury, ist William Desmond schuldig oder nicht schuldig?

Obmann. Nicht schuldig!

Ist Nicolas English schuldig oder nicht schuldig?

Nicht schuldig!

Ist Timothy Desmond schuldig oder nicht schuldig?

Nicht schuldig!

Ist Michael Barret schuldig oder nicht schuldig?

Schuldig!

Sie sagen, daß William Desmond, English und Timothy Desmond nicht schuldig sind, und daß Michael Barret schuldig ist, und das ist Ihrer aller Wahrspruch?

Er ist es!

Die drei Freigesprochenen werden von der Anklagebank entfernt.

Gerichtsschreiber. Michael Barret! Sie waren des Mordes der Anna Hodgkinson angeklagt, Sie erklärten sich für nicht schuldig, und beriefen sich auf das Urtel Ihres Landes. Dasselbe findet Sie schuldig, und Sie sind jetzt des Mordes überführt. Haben Sie etwas anzuführen, weshalb das Todesurtel nicht gegen Sie ergehen sollte?

Gerichtsdiener. Hört! Hört! Hört! Mylords, die Richter der Königin, befehlen allen Anwesenden aufs strengste, zu schweigen, während das Todesurtel gegen den Angeklagten ausgesprochen wird, bei Strafe der Verhaftung!

Lord-Oberrichter, das Haupt mit einem schwarzen Baret bedeckend: Michael Barret, Sie sind nach einer höchst eingehenden Untersuchung des Mordes, und zwar eines unter besonders schrecklichen Umständen begangenen Mordes schuldig befunden worden. Nicht zufrieden, einer hochverräterischen Verschwörung gegen die Regierung dieses Reiches beigetreten zu sein, haben Sie gewagt, zwischen das Gesetz und einen Mann, der wegen Hochverraths in Haft ist, zu treten, und dessen Befreiung durch eins der schrecklichsten Verbrechen versucht, von denen man in neuerer Zeit gehört hat. Ihr Vorhaben auszuführen, haben Sie ein Mittel verbrecherischster, entsetzlichster Art ergriffen, unbekümmert, wie viel Verlust an Eigenthum und an Menschenleben, wie viel Verstümmelung, wie viel Elend das vernichtende Werkzeug, das Sie gewählt, über alle bringen mußte, die in dessen Bereiche waren. Ich hoffe, wenn Sie das ganze Unheil, die Zahl von Menschenleben, die Sie geopfert haben, die Zahl der Unglücklichen, die, auf ihren täglichen Verdienst angewiesen, verstümmelt und dadurch mehr oder weniger hülflos geworden sind, alles durch Ihre schreckliche That, betrachten, werden Sie bereuen, was Sie Böses gethan haben. Ich kann nur sagen, daß ich mit dem gegen Sie gefällten Spruche völlig einverstanden bin. Es ist nicht möglich, zu einer andern, als zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß Sie an allen Vorgängen betheiligt waren, und daß es Ihre Hand war, die das unheilvolle Fäßchen Schießpulver angezündet hat. Ich wünsche nicht irgendetwas zu sagen, was das Elend Ihrer jetzigen Lage noch steigern könnte. Ich kann nur hoffen, daß alle, welche die Versuchung fühlen sollten, einen so ruchlosen Weg einzuschlagen, die Warnung daraus entnehmen mögen, daß das Gesetz streng ist und früher oder später diejenigen überwältigt, die ihm Trotz bieten, und daß Gesetz und Ordnung durch eine Strafe wie die Ihrige gesühnt werden. Ihre Zeit wird kurz sein. Lassen Sie sich ermahnen, sich auf den Tod vorzubereiten, der schnell über Sie hereinbrechen wird. Ich erklärte schon, daß ich die durch Ihre Lage bedingten Gefühle nicht erschweren möchte, ich will Ihnen nur rathen, Trost an dem einzigen Orte zu suchen, wo er zu finden ist. Ihr Verbrechen ist von seltener Schwere, und ich kann Ihnen keine Hoffnung machen, daß das Urteil gemildert werden wird. Mir bleibt nur noch übrig, den Spruch des Gesetzes über Sie zu fällen, welcher ist: daß Sie von hier nach dem Platze, von wo Sie hierher gekommen sind –

Barret. Mylord, ich möchte noch einige Worte sprechen!

Vorsitzender. Was wollen Sie sagen?

Barret. Ich will keinen weinerlichen Ton anschlagen, oder um Gnade flehen, sondern ich spreche zu Ew. Lordschaft als ein demüthiges Individuum, dessen Lebenslauf unbarmherzig angegriffen worden ist, und ich wünsche ihn zu vertheidigen, da ich mir bewußt bin, niemals vorsätzlich, böswillig oder absichtlich ein menschliches Wesen gekränkt zu haben.

Barret geht nun zu den Einzelheiten des Processes über; er findet nicht zwei Zeugen, die einander nicht widersprochen hätten. Die Polizei habe ihn schleunigst von Glasgow nach London geschafft, wo er, ohne Freunde, ohne Geld, völlig hülflos gewesen. Ich mache den höhern Behörden in Glasgow keinen Vorwurf, ich meine das niedrige, erbärmliche, gemeine Gesindel, welches an den Polizeibehörden hängt und zu den scheußlichsten Kunstgriffen seine Zuflucht nimmt, um nur sich einen Vortheil oder doch ein gnädiges Lächeln der Vorgesetzten zu erwerben. Sie mögen sich jetzt zum Erfolge ihrer Ränke Glück wünschen! Der Knabe Wheeler sei von der Polizei so lange eingeschüchtert worden, bis er ihn zu erkennen vorgegeben habe, Bird habe erst O'Neill erkannt, dann aber auf einen Wink der Polizeibeamten vorgezogen, ihn zu erkennen, um seinen Antheil an der Beute nicht zu verlieren. »So wahr ich hier stehe, und angesichts des Grabes, erkläre ich auf das feierlichste, daß ich zu der Zeit, wo ich nach der eidlichen Aussage dieser Leute hier gewesen sein soll, in Schottland war. Ich komme nun zu dem Fürsten der Verworfenen, Mullany, und seinen Schranzen. Morris war ängstlich besorgt, zu beweisen, daß ich der Explosion so nahe gewesen, daß ich von Pulverdampf geschwärzt worden. Solche Lächerlichkeit bedarf keines Commentars, so etwas kann nur ein schwachsinniger Schneiderbursche erfinden. Morris und Frau Koeppl sollten Mullany's Aussage bekräftigen. Wie haben sie das vollführt? Morris schwor, ich sei an jenem Abend in Mullany's Hause gewesen, Mullany, er habe mich nicht gesehen – das nennt Ihrer Majestät Attorney-General Bestätigung! Mullany schwor, ich habe einen vollen Bart getragen (?), Frau Koeppl, ich habe keinen gehabt, das nennt der Attorney-General Bestätigung! Eins will ich noch erwähnen, was der Attorney-General, trotz allen Scharfsinns, nicht zu erklären vermocht hat. Mullany hat behauptet, ich sei mit Murphy nur zur Befreiung Burke's nach London gekommen, Morris und Frau Koeppl, ich sei seit sechs Wochen vor der Explosion häufiger Gast bei Mullany gewesen, Burke war aber nur drei Wochen zuvor in Haft!«

»Ich stand so gewagten Unternehmungen ganz fern, und wenn man sie dem Fenierbunde zuschreibt, dann wird jene Annahme noch lächerlicher; in London sollen, wie Sir Richard Mayne und die Zeitungen behaupten, 10000 bewaffnete Fenier leben, und diese sollten einen Mann von meiner niedrigen Stellung und meinen schwachen Fähigkeiten zu diesem Zwecke aus Glasgow haben kommen lassen? Auf so überspannte Gedanken kann doch nur die ungeordnete Phantasie erschreckter Beamten gerathen!«

Er behauptet, der Polizei in Glasgow den Meister, bei dem er seit Jahren gearbeitet, namhaft gemacht zu haben; sie habe ihn auch gefunden, aber sorgfältig vermieden, dies bekannt zu machen. Er erwähnt den Alibibeweis, und erklärt es für die Krone der Entwürdigungen, die tiefste Erniedrigung Irlands, daß auf den Eid eines Irländers von einem englischen Gerichtshofe kein Gewicht mehr gelegt werde, wenn es sich um das Leben eines Mitmenschen handle. Nach einer Pause, in der er seiner Gefühle Herr zu werden versucht, erwidert er auf die Frage des Lord-Oberrichters: ob er noch etwas zu sagen habe? »Noch wenige Worte und ich bin fertig. Wie ich schon sagte, will ich jetzt jenes andere Land aufsuchen, wo ich Gerechtigkeit zu finden hoffe. So wahr ich Gnade und Vergebung von dem höchsten Richter, vor dem ich zu erscheinen haben werde, und vor dem wir alle eines Tages erscheinen müssen, Richter und Geschworene, wie Verbrecher, um von jeder unserer Thaten Rechenschaft zu geben, so wahr ich auf Erlösung durch den ewigen Vater hoffe, und auf einen Platz in jenen Wohnungen, da Freude ohne Ende herrscht und Leid unbekannt ist, so wahr will ich auch dort an das arme, unglückliche Irland denken! Vor dem Throne, vor dem das Gebet des Bauern wie das des Fürsten erhört wird, will ich um Erlösung dieses unglücklichen Landes flehen, und hier spreche ich es als meinen glühendsten Wunsch aus, daß dessen Kinder nie nachlassen mögen in ihren Versuchen, das Joch abzuschütteln, welches sie so lange verschlechtert und erniedrigt hat. Ich verlange keine Petitionen und Demonstrationen zur Rettung meines Lebens! Nein, mit dem Brandmal Kain's auf der Stirn will ich nicht weiter leben. Niemand möge mich dadurch beleidigen, daß er mir zutraut, ich wünsche eine Existenz mit dieser Schmach. Man lasse mich aufs Schaffot und ins Grab gehen, dort werde ich die Gerechtigkeit finden, die man mir hier verweigert.

»Ich habe die Zeit des Gerichtshofes schon länger beansprucht, als ich beabsichtigte. Ich danke Ew. Lordschaft für die Güte und Nachsicht, mit der Sie mir zugehört haben. Ich danke meinem Herrn Vertheidiger für seine Bemühungen. Es mag hart scheinen, daß ich so früh aus dem Leben scheiden sollBarret war 27 Jahre alt., aber da es Gottes Wille ist, mich so früh abzurufen, will ich ohne Murren den Tod erleiden, und da er in seiner Allweisheit alles zum Besten lenkt, wage ich zu hoffen, daß es ihm gefallen möge, mein armes, werthloses Leben als ein Opfer für mein armes, duldendes Vaterland anzunehmen. Festen Schrittes will ich das Schaffot besteigen, gestärkt durch die trostreiche Ueberzeugung, daß der Schandfleck des Mordes nicht auf mir haften bleiben wird, und mit den Gebeten für meine Seele die für die Wiedergeburt meines Vaterlandes verbindend.«

»Ich bin fertig.«

Lord-Oberrichter. Ich kann über den Beweis oder den Wahrspruch nichts mehr sagen. Alles dies ist reiflich erwogen worden. Das Verfahren gegen Sie war so erschöpfend, so unparteiisch, als nur je gegen einen Mann, dessen Leben auf dem Spiele stand. Die Jury hat ihren Wahrspruch nach reiflicher Ueberlegung abgegeben, und ich bin mit demselben völlig einverstanden. Es mögen Widersprüche im Beweise vorliegen, wie es deren in solchen Fällen immer gibt, die Hauptpunkte des Falles aber sind bis zum Ueberfluß erwiesen, und es freut mich, daß Sie bei allen Betheuerungen Ihrer Unschuld doch auf den Theil Ihrer Verteidigung nicht zurückgekommen sind, der sich auf Ihre Anwesenheit in Glasgow zur Zeit der Explosion bezog. (?) Ueberzeugt, daß Sie bei der Explosion zugegen waren, kann ich nur bedauern, daß Sie, statt Reue und Zerknirschung über Ihre That auszudrücken, die letzte Gelegenheit, die Sie hatten, zu diesem Gerichtshofe oder überhaupt zu einer Versammlung zu sprechen, dazu gemisbraucht haben, die gegen Sie aufgetretenen Zeugen zu beschuldigen und harte Schmähreden gegen sie auszustoßen. Eins glaube ich Ihnen gern: daß Sie mit Reue und Bedauern daran denken, wie viel Tod, Leid und Unglück Sie veranlaßt haben; ich glaube wohl, daß Sie sich den Erfolg nicht so schrecklich vorgestellt haben mögen. Aber es ist unmöglich, daß jemand ein solches Werkzeug der Zerstörung, als ein Faß Schießpulver ist, anwenden sollte, ohne die Folgen ziemlich klar voraussehen zu können. Unschuldige Kinder spielten dicht bei dem Fasse, auf der andern Seite der Mauer waren Menschen, die, wenn sie beim Spaziergange gewesen wären, zermalmt worden sein würden – wer solche That begeht, dem ziemt es nicht, von Ungerechtigkeit zu reden. Es ist schmerzlich und beklagenswerth, unbeschadet des Gefühls von Schrecken und Abscheu, welches die That hervorruft, einen Mann von Ihrer Stellung und Ihren Fähigkeiten, der so Gutes in seinem Leben hätte leisten können, durch eine trostlose Verschwörung auf Abwege geleitet und in die Lage gebracht zu sehen, in der Sie sich befinden. Sie sagen – und ich hoffe, es ist Ihnen Ernst damit – Sie wollen die Mittel, die Ihnen geboten werden, benutzen, sich zum Tode vorzubereiten. Ich habe nichts mehr zu sagen. Ich habe nur noch den schrecklichen Spruch des Gesetzes zu verkünden, welcher lautet: daß Sie von hier dahin, von wo Sie gekommen sind, und von da zum Richtplatze gebracht, und dort am Halse aufgehenkt werden sollen, bis Sie todt sind, und daß Ihr Leichnam innerhalb des Gefängnisses begraben werden soll, in dem Sie zuletzt in Haft waren; Gott sei Ihrer Seele gnädig!

Der Gefängnißgeistliche von Newgate spricht ein lautes, herzliches Amen. Barret, der den Urtelsspruch ruhig und unbewegt, mit einem Ausdrucke bescheidener Resignation angehört hat, entfernt sich festen Schrittes.

 

Die Hinrichtung Barret's wurde auf den 12. Mai 1868 festgesetzt. Wie er gewünscht, scheinen keine Demonstrationen, um dieselbe zu verhindern, stattgefunden zu haben; sein Vertheidiger aber überreichte dem Minister des Innern, Mr. Hardy, ein Promemoria, in welchem alle gegen das Urtel erhobenen oder zu erhebenden Bedenken zusammengestellt waren, und welches mit dem Antrage schloß: »der Minister möge Ihrer Majestät rathen, besagtem Barret Strafaufschub zu gewähren, damit die Richtigkeit besagter Thatsachen gebührend festgestellt werden könne; wenn sie aber festgestellt werden sollten, möge der Minister Ihrer Majestät empfehlen, Barret vollständig zu begnadigen«. Das Promemoria enthält von neuen erheblichen Thatsachen nur die Behauptung, daß noch zwei Männer, Young und Abbot, das Anzünden der Lunte aus der Nähe gesehen haben, und daß von diesen ersterer den mehrerwähnten O'Neill, letzterer William Desmond als den, welcher angezündet, vor der Polizei erkannt hat; ferner, daß Barret am 20.–21. November von glaubhaften Personen in Glasgow ohne Backenbart gesehen worden sein soll.

Am 25. Mai interpellirte Mr. Bright im Unterhause den Minister: ob nicht, da von vielen Seiten Zweifel an der Richtigkeit des Urtels geäußert worden seien, ein weiterer Aufschub der Hinrichtung geboten erscheine, und schlug einen seltsamen, aber nach englischem Recht ganz zulässigen Ausweg vor: die Regierung möge Barret nochmals wegen Mordes, verübt an einem der andern Opfer der Explosion, anklagen, das gesammte Material für Anklage und Vertheidigung nochmals vorbringen, und vom Spruche dieser Jury den Ausgang abhängig machen. Der Minister erklärte: es sei ein Beamter des Generalfiscals nach Glasgow geschickt worden, um an Ort und Stelle Ermittelungen über die Glaubwürdigkeit sowol des frühern als des nachträglich angetretenen Alibibeweises anzustellen. Das Ergebniß derselben sei dem Lord-Oberrichter und Baron Bremwell vorgelegt und von ihnen mit der peinlichsten Sorgfalt geprüft worden, beide seien aber zu der Ueberzeugung gelangt, daß kein Zweifel an der Nichtigkeit des Wahrspruches möglich sei, und er, der Minister, stimme ihnen vollkommen bei.

Barret nahm die Eröffnung, daß die Hinrichtung fest beschlossen sei und am 26. Mai stattfinden werde, mit der ruhigen, ergebenen Fassung, die ihn seit seiner leidenschaftlichen Schlußrede auch nicht einen Augenblick verlassen hatte, entgegen. Er brachte einen großen Theil seiner Zeit mit dem Gefängnißgeistlichen zu, der ihm in Betreff des Ernstes, mit dem er sich zum Tode vorbereitete, das beste Zeugniß gegeben hat. Den verschiedenen höhern Beamten, die ihn im Gefängnisse besuchten, begegnete er höflich und anständig; auffällig war es denselben, daß er nie seine Schuld ganz und bestimmt in Abrede stellte, sondern nur wiederholt äußerte: er sei auf unzureichenden Beweis hin verurtheilt und des Mordes nicht schuldig.

Der verhängnißvolle Morgen fand eine ungeheuere Volksmenge versammelt, die sich die Zeit in der bei solchen Gelegenheiten hergebrachten Weise, mit Boxen und Predigen, mit Absingen von Hymnen und Zotenliedern, mit Verübung von Taschendiebstählen und Austheilen von Tractätchen vertrieb, und es als höchst willkommenes Intermezzo begrüßte, wenn ein Weib in den dichtgedrängten Volkshaufen ohnmächtig wurde und über die Köpfe der Menge hinweg von Hand zu Hand auf einen freien Platz befördert werden mußte.

Barret war am Abende zuvor um 10 Uhr zur Ruhe gegangen, hatte in der Nacht wenig Schlaf genossen, war um 6 Uhr früh aufgestanden und hatte die nächsten zwei Stunden im Gebet mit dem Gefängnißgeistlichen zugebracht. Um 8 Uhr begannen die Glocken des Gefängnisses zu läuten; bei ihrem ersten Tone entstand unter der Volksmenge ein entsetzliches Gebrüll, aus dem nur die Worte »Hut ab!« zu unterscheiden waren; gleichzeitig wurde das Drängen nach vorn so stark, daß von allen Seiten lautes Weibergeschrei ertönte – in diesem Augenblicke betraten erst der Priester, dann Barret das Schaffot, und letzterer erstieg ruhig und mit sicherm Tritt die Leiter, obschon an Händen und Armen gefesselt. Er wurde mit einem betäubenden Gemisch von Bravorufen und Flüchen empfangen, die erst im letzten Moment einem tiefen Schweigen wichen. Seine Haltung blieb bei alledem die gleiche, ohne Spuren von Prahlerei wie von Furcht; er schien nur auf das zu hören, was der Priester ihm zusprach, bis der Henker ihm die Kappe über den Kopf und die Schlinge um den Hals warf. Er wendete sich um und bat, die Schlinge anders zu legen, dies geschah, und im nächsten Augenblicke war er ohne sichtbaren Todeskampf ans dem Leben geschieden. Die Volksmasse zerstreute sich langsam, die Mehrzahl wartete, bis um 9 Uhr der Henker die Leiche abnahm, um ihn mit einem Sturm von Verwünschungen zu begrüßen. Der Pöbel aller Stände hatte freilich gerechten Anlaß, dieses Fest mit aller Hingebung zu feiern und seine Genüsse bis auf die Neige auszukosten: es war die letzte öffentliche Hinrichtung, die ihm geboten wurde, denn nach einem kurz zuvor ergangenen Gesetze finden in Zukunft die Executionen innerhalb der Gefängnißmauern statt.

 

Wenige Tage nach der Verurtheilung Barret's feierte Anna Justice ihre und ihrer andern Mitangeklagten Freisprechung dadurch, daß sie von einem Fenster ihrer Wohnung aus Reden an einen zusammengelaufenen Haufen irischer Arbeiter hielt und diese aufforderte, Hurrahs auf den »Sieg der Fenier« auszubringen. Zu derselben Zeit wurde Burke wegen Hochverrats zu funfzehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, es folgten noch andere Verurteilungen fenischer Anführer, die von früher her in Haft waren; andererseits wurde noch hin und wieder, immer auf Rechnung der Fenier, auf einen Constable geschossen, im ganzen blieb aber alles ruhig, sodaß es in der Thronrede, mittels deren am 31. Juli 1868 die Kammern geschlossen wurden, wieder hieß:

»Das Aufhören der lange fortgesetzten Anstrengungen, einen Aufstand in Irland zu schüren, hat seit einiger Zeit die Ausübung der Ausnahmegewalt, die der Execution zustand, unnöthig gemacht. Ich freue mich, zu erfahren, daß niemand mehr auf Grund der Bestimmungen betreffend die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte sich in Haft befindet, und daß kein Gefangener mehr in Irland das Strafverfahren wegen eines mit der fenischen Verschwörung zusammenhängenden Verbrechens erwartet.«

Die »Times« behauptete freilich, einer der Art sei noch in Haft gewesen, und wünschte ihm Glück, daß er der Thronrede zu Liebe entlassen worden sei. Wenige Wochen darauf wurde in London ein ziemlich umfangreiches anscheinend fenisches Waffenlager entdeckt, und in Cork in Irland von einer wohlbewaffneten 60 Mann starken, von einem Amerikaner befehligten Bande die Waffensammlung eines Privatmannes geplündert!

So unbedeutend diese Vorfälle an sich sind, so beweisen sie doch, daß die Verschwörung nur niedergeworfen, nicht erstickt ist. In Zeiten innern und äußern Friedens hat das freilich nicht viel zu bedeuten. Jeder Engländer weiß aber, daß im Fall eines äußern Krieges sowol als irgendwelcher innerer Unruhen sofort ein zahlreiches, wohlorganisirtes Contingent im Lande selbst auf die Seite des Feindes, sei es des Landes, sei es der bestehenden Ordnung, treten würde, und zwar ein Contingent von Personen, die zur Genüge gezeigt haben, welche Mittel sie im Kampfe gegen die Regierung für erlaubt halten. Dies kann nicht verfehlen, in den einzelnen ein Gefühl von Unbehagen, von Unsicherheit hervorzurufen. Macaulay sagt: »Das 17. Jahrhundert hat in dem unglücklichen Irland dem 19. eine verhängnißvolle Erbschaft böser Leidenschaften zurückgelassen. Bis auf diesen Tag ist ein mehr als spartanischer Hochmuth der Bundesgenosse der vielen edeln Eigenschaften, welche die Kinder der Sieger auszeichnen, und ein helotisches, aus Furcht und Haß zusammengesetztes Gefühl ist nur zu leicht erkennbar in den Kindern der Besiegten.« Jetzt hat der Hochmuth der Sieger allenfalls einen starken Zusatz von Furcht und Haß bekommen – und das ist, nach menschlicher Berechnung, der einzige, beklagenswerte Erfolg der unseligen Verschwörung, von welcher wir durch kurze Skizzirung ihres ganzen Verlaufs, durch eingehendere Darstellung zweier ihrer Hauptepisoden ein Bild zu geben versucht haben.

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