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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF. A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeBand 18
editorA. Vollert
year1883
firstpub1883
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070510
projectide6841bae
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Die Rinderhirten im Südwesten von Nordamerika

1883

Wir haben das Räuberwesen in den westlichen Unionsstaaten geschildert und wollen nun auch einer andern Klasse von wilden, gesetzlosen Menschen gedenken, welche den Südwesten der Vereinigten Staaten unsicher machen und nach und nach zu einer Geisel und Landplage geworden sind. Es sind dies die Rinderhirten, die Cowboys im Territorium Arizona, deren gewaltthätiges Treiben in den ersten Monaten des Jahres 1882 so gefährlich wurde, daß der Gouverneur des Territoriums in Washington militärische Hülfe gegen sie erbitten mußte.

In den südwestlichen Staaten und Territorien gibt es viele Meilen weit sich erstreckende, mit üppigem Grase bestandene Weiden, auf denen Rindvieh- und Schafzucht im größten Maßstabe getrieben wird.

In Texas, Colorado, Neumexico und Arizona findet man Ranchos, in denen 10–20000 Stück Rindvieh gehalten werden. Für die Heerden, die in kleinen Abtheilungen weiden und von einem Platze zum andern ziehen, ist eine bedeutende Anzahl von Hirten nothwendig. Diese Rinderhirten heißen Outlaws, Geächtete, sie bestehen aus jungen Leuten, welche in ihrer Heimat mit dem Gesetz in Conflict gerathen und in jene noch uncivilisirten Gegenden gegangen sind, wo sie ein ungebundenes, abenteuerliches Leben führen können. Sie gelten allgemein für faul, verwegen, bösartig und dem Trunke ergeben. Vor dem Eigenthum und dem Leben anderer Menschen haben sie nicht den mindesten Respect.

Um jeder Witterung Trotz bieten zu können, kleiden sich die Cowboys in Hirschleder, auf dem Kopfe tragen sie einen breitkrämpigen Hut, der die Ohren und das Genick schützt und durch ein starkes Band unter dem Kinn festgehalten wird. Im Gürtel stecken zwei schußfertige Revolver von schwerem Kaliber, im Schafte des rechten Stiefels hat ein dolchartiges Messer seinen Platz.

Selten erreicht ein solcher Hirt ein Alter über 30 Jahre. Gewöhnlich stirbt er vorher eines gewaltsamen Todes oder gibt seinen Beruf auf und wird Eisenbahn- oder Posträuber von Profession. In den Ranchos findet man junge Leute aus allen Staaten der Union, es find der Regel nach geborene Amerikaner, welche die verschiedensten Beweggründe in das gefährliche Leben hineingetrieben haben. Man findet unter ihnen fast alle Stände vertreten. Die Heerden sind ihrer Aufsicht und Obhut anvertraut, sie leben unter und mit ihnen, kaum besser als das liebe Vieh. Sie kochen sich selbst, sie sind ihre eigenen Schneider und Schuster, sie curiren sich selbst und halten in jedem Jahre ein- oder zweimal Wäsche, d.h. sie ziehen, wenn sie an einen Fluß kommen und das Wetter freundlich ist, ihr einziges Hemd aus, waschen und flicken es und ziehen es wieder an, sobald es trocken geworden ist. Wenn die Zeit der Verkäufe da ist, treiben sie die Thiere zur nächsten Eisenbahnstation und sorgen dafür, daß sie verladen und forttransportirt werden. Dieses Geschäft ist keineswegs gefahrlos, die Hirten sind inmitten ihrer aus vielen Hunderten von Thieren bestehenden Heerden in beständiger Gefahr niedergetreten oder gespießt zu werden, und müssen große Geistesgegenwart und Gewandtheit besitzen, um die Heerden vollzählig an dem bestimmten Orte zur rechten Zeit abzuliefern. Ist dieses Geschäft besorgt, so sieht man die Cowboys in den Grenzorten von Nebraska, Kansas und Colorado, Sie pflegen dort ungeheuere Quantitäten von schlechtem Whisky zu trinken und ein zügelloses Leben zu führen. Abends stürmen sie halbberauscht in die Tanzsäle, schießen mit ihren Revolvern die Lichter und Lampen aus, nehmen die Mädchen in die Arme und walzen mit ihnen herum.

Am Morgen, wenn sie müde sind vom Tanzen, fangen sie in der Regel an zu raufen, und selten geht es ohne Blutvergießen ab, denn sie sind stets bereit, ihre Waffen zu gebrauchen. Bei solchen Gelegenheiten halten die Cowboys fest zusammen, und niemals wagt es die Polizei, sie zu verhaften. Es kommt nicht selten vor, daß eine solche wilde Schar beschließt, einen Ort zu überfallen. In Scharen von 20 und 30 Manu reiten sie unter Geschrei die Straßen auf und nieder, wer sich am Fenster zeigt, wird zum Ziel ihrer Kugeln genommen. Finden sie einen Laden oder ein Haus offen, so dringen sie ein und nehmen mit, was ihnen gefällt. Dann versammeln sie sich in einem Trinkhause, aus welchem sich die etwa anwesenden Gäste so schnell wie möglich entfernen, und fangen an zu trinken, zu singen und sich auf ihre Manier zu vergnügen. Gewöhnlich wagen es die Einwohner des Ortes nicht, Widerstand zu leisten, indeß kommt es doch vor, daß sie sich bewaffnen, und wie es zu Anfang des Jahres 1882 in Coldwell in Kansas geschehen ist, die Bande mit den Waffen in der Hand vertreiben.

Besonders gefährlich sind die Cowboys von Arizona. Kein wilder Indianer schätzt das Leben eines Menschen geringer als sie. Wenn sie als Hirten ihr Brot nicht mehr verdienen, ziehen sie im Lande umher und rauben und morden, wo sich die Gelegenheit darbietet. Wer ihnen begegnet, wird überfallen und ausgeplündert. Der Schrecken, den sie verbreiten, ist größer, als die Furcht vor einem Angriff der Indianer je gewesen ist. Sie üben über die Ansiedler einen unerhörten Terrorismus aus und niemand wagt es, eins ihrer zahlreichen Verbrechen zur Anzeige zu bringen oder sich zu rächen für eine ihm widerfahrene Unbill. Auch die Zeitungen gehen äußerst vorsichtig zu Werke, die Redacteure wissen recht gut, daß sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein würden, wenn sie die Schandthaten der Cowboys mit den rechten Namen bezeichneten. Die Presse in den Grenzstaaten hütet sich sogar, das Wort »Mord« zu gebrauchen, denn die Mörder nehmen dies übel und sind jeden Augenblick bereit, eine Beleidigung durch ihre Kugeln zu rächen. Wenn über einen Mord berichtet wird, so geschieht es etwa in folgender Weise: »Schwarzfuß schoß gestern Abend den Jim Brown auf Carry's Farm nieder. Es wurden mehrere Kugeln gewechselt, aber niemand weiter verletzt.«

Der Cowboy ist in jenen Gegenden der eigentliche Freiherr, dem kein Mensch etwas abzuschlagen wagt. Kürzlich lud ein solcher Raufbold einen Fremden, den er nie in seinem Leben gesehen hatte, ein: »Take a drink« (Trinken Sie). »Danke, nein«, war die Antwort. »Nun nimm das, verdammter Hund!« rief der Cowboy und zerschmetterte dem Manne den Kopf mit einem Schusse aus dem Revolver.

Ein anderer Rinderhirt ließ sich in einer Ansiedelung eine Büchse mit Pökelfleisch geben, setzte sich auf die Straße und begann zu essen. Einen in der Nähe stehenden Mann lud er ein, ihm Gesellschaft zu leisten, und als derselbe ablehnte, legte er die Hand an den Revolver und sagte in barschem unwilligem Tone: »Aber Ihr sollt essen,« Nun kam der so brutal zu Gast geladene Mann näher und aß mit. Sein Wirth nöthigte ihn immer mehr und amüsirte sich köstlich über den Spaß, den er sich gemacht hatte.

Ein dritter trat um die Mittagszeit in ein Hotel und setzte sich einem jungen Menschen, den er dort zufällig traf, gegenüber. Er fing an, ihn zu hänseln, nahm ihm die Teller und die Schüsseln mit den Speisen weg und setzte sie auf die Erde. Als der junge Mann remonstrirte und sich diese Unziemlichkeiten verbat, gerieth der Cowboy in Wuth, nahm den Revolver und schoß ihn todt.

Derartige Vorfälle sind in Arizona alltägliche Ereignisse. Die Territorialregierung ist durchaus unfähig, mit dem Gesindel fertig zu werden und Leben und Eigenthum der Bürger zu schützen. In einzelnen Fällen hat die Bevölkerung sich selbst geholfen und die Cowboys mit blutigen Köpfen in die Flucht geschlagen, aber aus vielen andern Orten sind die Einwohner nach Utah und Colorado ausgewandert, weil sie es in Arizona nicht mehr aushalten können. Wenn nicht durch die militärische Gewalt mit eiserner Hand Ordnung geschafft und Arizona von diesen wilden Banden gesäubert wird, werden Ackerbau, Viehzucht und Gewerbe in diesem Territorium niemals zur Blüte kommen.

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