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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF. A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeBand 18
editorA. Vollert
year1883
firstpub1883
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070510
projectide6841bae
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Vorwort.

Der Aufsatz »Straßen-, Eisenbahn- und Bankräuber in Amerika« enthält eine Reihe von Culturbildern aus dem Westen der Vereinigten Staaten und charakterisirt die dortigen Zustände. Das Bild wird vervollständigt durch den zweiten Aufsatz: »Die Rinderhirten im Südwesten von Amerika.« Wir dürfen nicht deutschen Maßstab anlegen an amerikanische Verhältnisse, auch nicht an die amerikanische Justiz und das amerikanische Proceßverfahren. In den westlichen Staaten und Territorien ist vieles noch unfertig; neben einer aufblühenden Industrie, fleißigem Ackerbau und einer großartigen Viehzucht Unsicherheit des Lebens und des Eigenthums, Roheit und Gewaltthätigkeit, kleine und große Banden, die sich an kein Gesetz binden und offenen Krieg gegen die Gesellschaft führen. Das Räuberwesen erinnert an das Mittelalter und ist nicht ohne Züge von Heldenmuth und Ritterlichkeit. Die beiden Hauptpersonen Jesse und Frank James sind ungewöhnliche Personen und hätten Bedeutendes leisten können, wenn sie nicht schon in früher Jugend infolge des Bürgerkriegs in die Gemeinschaft von Räubern und Mördern getrieben worden wären.

Jesse James ist von seinen Genossen ermordet worden, Frank James hat sich, wie wir erst vor kurzem erfahren haben, selbst gestellt. Der Proceß wider ihn wegen Mordes und Beraubung der Eisenbahn sollte bereits im Januar dieses Jahres verhandelt werden, wurde aber bis zum Mai vertagt. Die Anklage wegen Mordes ist inzwischen zurückgenommen worden und Frank James hat viele gute Freunde. Er empfängt in seinem Gefängniß Besuche, die ihn bewundern und ihm den Hof machen. Sogar der Gouverneur hat in Gesellschaft seiner Frau dem Gefangenen seine Visite abgestattet. Wir hoffen den Verlauf und den Ausgang des Processes später mittheilen zu können,

»Ein Lynchgericht« und »Ein sonderbarer Geschworener« sind zwei kleine Beiträge, welche unsere Schilderungen der amerikanischen Justiz vervollständigen.

»Der Proceß Nicotera« hat seinerzeit großes Aufsehen in Italien erregt. Nicotera war Minister und ist noch jetzt eine politische Persönlichkeit, die jedermann kennt. Erst kürzlich haben sich die öffentlichen Blätter wieder viel mit ihm beschäftigt. Er wurde unter den Führern der Opposition genannt, welche das Ministerium Depretis stürzen wollten, Nicotera gehört im Parlament der Linken an, hat aber nach unserer Ueberzeugung gegen seine ehemaligen Gefährten, mit denen er im Jahre 1857 den Versuch machte, Neapel zu insurgiren und die Herrschaft der Bourbonen zu stürzen, keinen Verrath begangen. Er ist kein Held, aber auch kein Verräther; aus dem Processe, den er gegen die »Gazzetta d'Italia« wegen des ihn verleumdenden Artikels: »Der Held von Sapri. Autobiographie Giovanni Nicotera's«, anstrengte, ist er mit Recht als Sieger hervorgegangen.

»Der Proceß Szedlaczeck« ist ein neuer Beitrag zu der alten Streitfrage: Mord oder Todtschlag? Wir möchten glauben, der Angeklagte habe es seinem sehr geschickten und gewandten Vertheidiger zu verdanken, das er nicht als Mörder zum Tode, sondern als Todtschläger zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurtheilt worden ist.

»Eine Lotteriespielerin«, die zur Betrügerin wird, weil sie abergläubisch ist und fremdes Geld im Lotto verspielt, ist in Wien mit drei Jahren schweren Kerkers bestraft worden. Wir halten die von dem Vertheidiger aufgeworfene Frage nach der Zurechnungsfähigkeit für eine sehr zweifelhafte und würden dieselbe nach dem Eindrucke des Referats kaum bejahen können.

Ob die Geschworenen im Processe Pokorny richtig geurtheilt haben, ob die Angeklagte ihr Kind erst in einem Bache zu ertränken versucht und später in einem Brunnen wirklich ertränkt hat, müssen unsere Leser selbst entscheiden. Wir tadeln es nicht, daß sie unter dem Eindrucke der sehr bedeutenden Vertheidigungsrede des Professors Zucker in Prag das Nichtschuldig gesprochen haben.

Der Proceß wider Marie Köster aus Bremen ist in mehr als einer Beziehung von großem Interesse: wegen der Persönlichkeit der Mörderin, wegen der Grausamkeit und Roheit, mit welcher das schwächliche Mädchen ihre Mutter erschlagen und ihren Vater verdächtigt hat, wegen der Frage nach der Zurechnungsfähigkeit und der Kunst, mit welcher Marie Köster die Aerzte getäuscht hat.

Das letzte Stück stellt auf Grund zuverlässiger Quellen und gestützt auf die ersten Autoritäten, insbesondere auf die Untersuchungen des in Leipzig verstorbenen Geheimraths Dr. von Waechter »die Femgerichte und Processe vor den Femgerichten« dar, um die Leser mit diesem merkwürdigen Stück mittelalterlicher Justiz, über welches so viele unrichtige Vorstellungen und Mythen verbreitet sind, bekannt zu machen.

Gera, im October 1883.

Dr. A. Volkert.

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