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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF.-A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeZweiter Band
editorFortgesetzt von Dr. A. Bollert
year1867
firstpub1867
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060211
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Der Giftmörder Dr. Eduard William Pritchard

(Glasgow)
1864-1865

Dr. Eduard Pritchard lebte seit dem Jahre 1859 als praktischer Arzt in Glasgow. Er war im Jahre 1825 im Southsea in England geboren und seit 1846 Mitglied des Königlichen Collegiums der Wundärzte zu London, hatte vielfache Reisen in den Nord- und Südpolarmeeren, nach Aegypten und andern Küstenländern des Mittelmeeres gemacht und erfreute sich infolge verschiedener Schriften über Krebsgicht, die Wirkung vegetabilischer Arzneien u.a. eines bedeutenden Rufes in der wissenschaftlichen Welt. Die Popularität, die ihm seine ausgedehnte ärztliche Thätigkeit erworben, wurde noch erhöht durch seine Wirksamkeit an verschiedenen öffentlichen Instituten. Er wird als ein großer, starker, wohlgewachsener Mann mit auffallend scharf gezeichneten Zügen geschildert; ein uns vorliegendes Porträt zeigt ein ausdrucksvolles, einnehmendes Gesicht mit hoher kahler Stirn, langem, leichtgelocktem Haupthaar und starkem, buschigem Bart.

Seit 1850 war er mit Mary Jane Taylor, der Tochter eines Seidenhändlers zu Edinburgh, verheirathet, er hatte mit ihr fünf Kinder gezeugt, von denen die älteste Tochter Jane 14, die jüngste, Ailie, 5 Jahre alt war. Die Eheleute lebten, wie man allgemein annahm, miteinander sehr glücklich. Niemals, sagt Dr. Cawon, ein Vetter seiner Frau, hörte man ihn anders als voll Liebe und Achtung über sie, niemals sie anders über ihn sprechen. Ebenso günstig hatte sich sein Verhältniß zu seinen Schwiegerältern gestaltet, namentlich wurde er von seiner Schwiegermutter fast vergöttert. Frau Pritchard war 1865 39 Jahre, ihre Mutter 71 Jahre alt.

Im November 1864 fing Frau Pritchard an zu kränkeln, sie litt häufig an Uebelkeit und Erbrechen, und begab sich, da ihr Gatte eine Luftveränderung für rathsam hielt, auf einige Zeit zu ihren Aeltern nach Edinburgh, von wo sie zwar nicht ganz genesen, aber doch bedeutend gebessert kurz vor Weihnachten nach Glasgow zurückkam. Hier kehrten jene Leiden in erhöhtem Grade wieder und steigerten sich mit Beginn des Februar 1865 zu den heftigsten von Krämpfen begleiteten Anfällen. Ihr Zustand wurde so bedenklich, daß ihre Mutter, um sie zu pflegen, nach Glasgow reiste. Auch Frau Taylor wurde am 13. Febr. von einem Unwohlsein, dessen Symptome viel Aehnlichkeit mit dem ihrer Tochter hatten, befallen, sie erholte sich zwar bald, starb aber ganz plötzlich in der Nacht vom 24. zum 25. Febr. an einem Schlagfluß nach vorhergegangener Lähmung, wie Dr. Pritchard dem mit Registrirung der Todesfälle beauftragten Beamten anzeigte. Ihre Leiche wurde nach Edinburgh geschafft und dort in der Familiengruft beigesetzt. Leider sollte die Tochter ihr bald folgen. Ihre Krankheit, welche Dr. Pritchard für ein gastrisches Fieber hielt, verschlimmerte sich mehr und mehr, und am 18. März starb auch sie in den Armen ihres Gatten, der voll der tiefsten, von Augenzeugen wahrhaft ergreifend geschilderten Betrübniß ihre Leiche ebenfalls nach Edinburgh zur letzten Ruhestätte begleitete.

Wir wissen nicht, was inzwischen in Glasgow geschah. »Der so kurz hintereinander erfolgte Tod der beiden Damen und gewisse erhaltene Winke brachten die Polizei in Alarm«, sagt unser Berichterstatter lakonisch – kurz, als Dr. Pritchard vom Begräbnisse seiner Frau nach Glasgow zurückkehrte, wurde er auf dem dortigen Bahnhofe verhaftet, die Leichen seiner Schwiegermutter und seiner Gattin wurden ausgegraben und geöffnet, und das Ergebniß dieser und der anderweiten Untersuchung war, daß der liebende Gatte, der zärtliche Schwiegersohn unter der Anklage des Giftmordes der strafenden Gerechtigkeit überliefert wurde. »Er, der Arzt, soll seine Kunst zum Morde gemisbraucht, er soll in seinem eigenen Hause zwei wehrlose, vertrauensvolle Frauen, die Mutter seiner Kinder und seine ihn vergötternde Schwiegermutter, langsam, Schritt für Schritt hingemordert haben! Wahrlich! schwarz genug sind die Annalen menschlichen Verbrechens, aber dennoch würde der Angeklagte, wenn die Anklage erwiesen würde, als der verworfenste Verbrecher erscheinen, der je gelebt hat!« – so ungefähr leitet der Vertheidiger seinen Schlußvortrag ein, und er hat ebenso recht, als der StaatsanwaltDer Solicitor-General, der oberste Beamte der Kronanwaltschaft für Schottland und Irland, tritt in dieser Sache selbst »für die Interessen Ihrer Majestät« auf. Er möge verzeihen, wenn wir ihn schlechtweg mit dem uns geläufigen Titel bezeichnen; daß seine amtliche Stellung eine etwas andere ist, ergibt schon sein Amtseinkommen, welches nach Gneist etwa 60000 Thlr. Gold jährlich beträgt., wenn er erklärt, der Angeklagte sei wohl befugt, zu fordern, daß solche Anklage gegen ihn nicht auf schwachen Grundlagen hätte erhoben werden dürfen.

Aus einem offenbar mit Benutzung gerichtlicher Documente und auf Grund stenographischer Aufzeichnungen redigirten Berichte über die vom 3. bis zum 7. Juli 1866 vor dem Schwurgerichte zn Edinburgh stattgehabten Verhandlungen, welche in dramatischer Entwickelung ein herzerschütternd treues Bild des ganzen schauerlichen Herganges gewähren, entnehmen wir die nachstehende Darstellung.

Dr. Pritchard bewohnte nach englischer Sitte ein Haus in der Sauchinhallstraße zu Glasgow allein mit Familie und zwei Kostgängern, den Studenten der Medicin King und Connell. Im Erdgeschosse des dreistöckigen Hauses befanden sich Küche, Speisekammer und die Schlafzimmer der Mägde, im ersten Stock ein Speisezimmer, das Sprechzimmer des Doctors und eine zweite Speisekammer (diejenige, von der ausschließlich die Rede sein wird). Im zweiten Stock lag ein Gesellschaftszimmer, ein sogenanntes Fremdenzimmer und eine von King bewohnte Stube. Der dritte Stock enthielt das Schlafzimmer des Pritchard'schen Ehepaares, eine Kinderstube und ein Zimmer, welches der Student Connell innehatte Die Dienerschaft bestand zur Zeit, in welcher unsere Erzählung beginnt, im October 1864, aus der Köchin Catharine Lattimer, welche bereits seit zehn Jahren bei Pritchard in Dienst stand, und dem Haus- und Kindermädchen Mary M'Leed, die erst Pfingsten 1863, damals 14½ Jahre alt, ihren Dienst angetreten hatte.

Catharine Lattimer reiste im October 1864 in Familienangelegenheiten nach Carlisle und blieb etwa 14 Tage dort. Sie hatte ihre Herrin im besten Wohlsein verlassen, aber schon während ihrer Abwesenheit erkrankte die letztere. Mary M'Leod, welche beständig um ihre Person beschäftigt war, gibt an, sie habe häufig, bald vor, bald nach dem Mittagessen, Anfälle von Uebelteit und Erbrechen gehabt, habe auch mehrere Tage zu Bett gelegen, sei aber auch hin und wieder einen Tag frei von jenen Leiden geblieben, und dieser Zustand habe den November hindurch angehalten. Dies stimmt mit dem, was die Leidende selbst Catharine erzählt hat, überein, auch sind beide darüber einig, daß es gegen Ende des Monats etwas besser wurde. Um diese Zeit reiste sie zu ihrer völligen Herstellung nach Edinburgh zu ihren Aeltern und blieb bis wenige Tage vor Weihnachten dort.

Wie es ihr dort ergangen, wissen wir nicht genau. Sie selbst äußerte später, im März 1865, gegen die Schneiderin Janet Hamilton, es sei seltsam, daß sie in Edinburgh stets gesund und zu Hause stets krank sei, welche Erscheinung diese ihr mehr wohlmeinend als richtig daher zu erklären versuchte, daß sie in Edinburgh die Luft ihres Geburtsorts athme. Taylor's Magd Margaret Dickson versichert, sie sei recht krank gewesen, als sie angekommen, »aber bei uns wurde sie besser«, sie sei »hübsch wohl« gewesen, habe, soviel der Zeugin bekannt geworden, nie an Uebelkeit gelitten, ihre Mahlzeiten mit der Familie eingenommen, und nicht nöthig gehabt, des Tages auch nur zeitweise das Bett zu hüten. Ihr Vater Taylor dagegen sagt, sie habe wenig Appetit gehabt, in der Zeit ihres Aufenthalts bis gegen 11 Uhr morgens zu Bett gelegen, und damals auch zwei- oder dreimal wegen Uebelkeit den Mittagstisch verlassen müssen. Auch er bestätigt indeß, daß es ihr zuletzt besser gegangen.

Seltsamerweise erkrankte während ihrer Abwesenheit der Student Connell in Glasgow, Kostgänger im Pritchard'schen Hause, nach einer Mahlzeit gleichfalls an heftigem Erbrechen und zugleich an Krämpfen in den Händen, welches Leiden sich im Laufe des Monats so steigerte, daß es stets eintrat, wenn er etwas genossen hatte. Sobald er konnte, reiste er zu seinen Aeltern, woselbst er völlig frei von derartigen Anfällen blieb. Er bekundet, daß auch Dr. Pritchard in derselben Art erkrankt sei, ohne jedoch Näheres hierüber angeben zu können.

Als Frau Pritchard nach Glasgow zurückkam, fand Catharine sie »ein gutes Theil besser«. Aber schon sehr bald nach der Rückkehr hörte Mary M'Leod, daß ihre Herrin in der Speisekammer von heftigem Erbrechen befallen wurde, und brachte ihr unaufgefordert heißes Wasser. Von da ab klagte sie sehr häufig gegen Catharine, daß ihr so oft übel sei, ohne daß sie wisse wovon. Das Erbrechen trat, wie Marh M'Leod angibt, fast täglich ein, meist zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags, eine Stunde nach dem Mittagessen, bisweilen auch mittags um 1 Uhr oder in der Nacht.

Am 1. Febr. erkrankte Frau Pritchard heftiger. Nachdem sie an dem genannten Tage zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags mit ihrem Gatten gegessen hatte, begab sie sich in die Speisekammer. Dort erbrach sie sich. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer. Eine halbe Stunde später ertönte die Schelle, Catharine eilte hinauf und fand Frau Pritchard angekleidet auf dem Bett liegend und sehr krank. Sie fagte: »Catharine, ich habe die Besinnung verloren, ich bin noch nie so krank gewesen als jetzt!« Gleich darauf trat ein heftiger Krampfanfall ein. Die Finger beider Hände waren gestreckt, die Daumen nach unten gebogen, die Sprache aber nur wenig behindert, dabei fühlte sie heftige Schmerzen im Unterleibe. Ohne daß sie den Wunsch danach ausgesprochen hätte, rief Catharine den Dr. Pritchard, den sie in seinem Sprechzimmer antraf. Er erklärte, der Krampf sei sehr heftig, rieb seiner Frau die Hände und reichte ihr etwas Branntwein mit Wasser. Nach etwa einer halben Stunde, als der Krampf gewichen war, trug er sie in das inzwischen geheizte Fremdenzimmer hinab, in welchem sie über eine Woche zu Bett lag. Catharine bemerkte, daß sie von diesem Anfalle an bleich und kraftlos wurde. Das Erbrechen wiederholte sich fast täglich und trat meist ein, nachdem sie etwas genossen hatte, besonders nach Thee und andern Getränken.

Am 6. Febr. schrieb Dr. Pritchard an den Vetter seiner Frau, Dr. Cowan zu Edinburgh, daß sie seit einiger Zeit krank und er ihretwegen sehr besorgt sei, auch einen andern glasgower Arzt zu Nathe ziehen wolle, und bat ihn, sie zu besuchen. Dr. Cowan kam am 7. Febr. nachmittags in Glasgow an und traf in Pritchard's Hause zuerst den Doctor, von welchem er erfuhr, daß es seiner Frau viel besser gehe. Sie kam auch bald darauf aus ihrem Schlafzimmer herunter in das Gesellschaftszimmer. Dr. Cowan fand sie viel wohler, als er erwartet hatte. Auf seine Fragen nach ihrem Befinden klagte sie, ihr Magen sei so reizbar, daß sie keine Speise bei sich behalte, und daß sie sich vor kurzem wieder erbrochen habe. Er sagte, es sei unrecht, daß sie herabgekommen sei, und rieth ihr, ein Senfpflaster auf den Magen zu legen, und Eis, oder wenn sie sich noch schwächer fühle, kleine Quantitäten Champagner mit Eis zu genießen. Dr. Pritchard war bei dieser Unterredung zugegen.

Als Dr. Cowan am Abende mit den Kindern im Speisezimmer saß, bat ihn Dr. Pritchard, in das Schlafzimmer zu kommen, da seine Frau wieder an Erbrechen leide. Sie klagte ihm, sie habe das Bedürfniß nach Speise, und könne doch nichts vertragen. Er verordnete Klystiere von Rinderbrühe. Am nächsten Abende reiste Dr. Cowan ab, zuvor hatte er mit Frau Pritchard besprochen, daß er ihre Mutter bitten wolle, zu ihr zu kommen.

In der Nacht nach seiner Abreise trat abermals ein heftiger Krankheitsanfall unter eigentümlichen Erscheinungen auf, der erste, bei welchem ein fremder Arzt zugezogen wurde, denn Dr. Cowan erklärte ausdrücklich, er sei mehr als alter Freund denn als Arzt gekommen.

Catharine hörte Frau Pritchard um Mitternacht heftig schreien und ging, von Mary M'Leod gefolgt, in das Schlafzimmer der Herrschaft. Frau Pritchard lag im Bette, war sehr aufgeregt und litt augenscheinlich heftige Schmerzen. Sie sagte, sie habe Chloroform genommen, sie tadle den Doctor nicht, aber sie möge durchaus kein Chloroform, und rief: »Ich will Dr. Gairdner sehen, hole Dr. Gairdner!« Ihrem Verlangen wurde entsprochen und Dr. Gairdner fand sich nachts zwischen 12 und 1 Uhr an ihrem Bette ein. Er bekundet Folgendes:

»Ich traf im Hause zunächst Dr. Pritchard, der mir mittheilte, daß seiner Frau sehr übel gewesen sei, und daß ihr Magen keine Speise vertrage. Darauf führte er mich in ihr Schlafzimmer. Sie lag im Bett, auf dem Rücken, mit stark geröthetem Gesicht, und war sehr aufgeregt. Er sagte, sie habe Champagner getrunken und Chloroform genommen. Sie fing an, sich zu entschuldigen, daß nicht früher nach mir geschickt worden sei, und erzählte mir, daß sie wisse, ihr Bruder Dr.Michael Taylor zu Penrith und ich seien Schulfreunde. Sie war erschöpft, aber nicht eben bedeutend; der Puls war gut und kein Symptom unmittelbarer Gefahr vorhanden; die auffallendsten Erscheinungen waren die heftige Aufregung und der Krampf in den Händen, deren Gelenke nach innen gedreht und deren Daumen gegen das Handgelenk gebogen waren. Dr. Pritchard bezeichnete dies als Katalepsie. Ich hielt sie für berauscht infolge des Chloroforms und Champagners. Als ich zurücktrat, um mir behufs einer Untersuchung ihres Unterleibes die Hände am Kamin zu wärmen, schrie sie so laut sie konnte: »O Sie grausamer Mann, verlassen Sie mich nicht!« Sie sprach noch Verschiedenes, worauf ich absichtlich nicht Acht gab, weil ich sie für unzurechnungsfähig hielt.

»Darauf erklärte ich dem Dr. Pritchard, daß ich die Anwendung aufregender Mittel für sehr ungeeignet hielte, und daß dieselben ausgesetzt werden müßten. Er erwiderte, sie seien von Dr. Cowan verordnet, und schien anzudeuten, daß er mit mir in Betreff des Champagners gleicher Ansicht sei, fragte aber, ob sie Chloroform auch in Zukunft nicht mehr nehmen solle. Ich verbot es und versprach am folgenden Tage wiederzukommen.

»Am nächsten Vormittag fand ich sie im Bett, ganz ruhig, nur noch mit etwas Krampf in den Händen. Ich ordnete an, daß sie nichts Aufregendes und keine Arznei nehmen und, wenn sie Hunger fühle, ein weiches Ei, Milch, Brot, sonst aber nichts genießen solle. Mir schien ihr Zustand so sehr die ernsteste und beständigste Anfmerksamkeit zu erfordern, daß ich, wäre ich behandelnder Arzt gewesen, sie täglich, auch wol zweimal, besucht haben würde. Es war aber ein Arzt im Hause, und ich betrachtete mich mehr als nur zu einer Consultation zugezogen. Fieber war durchaus nicht wahrnehmbar. Später bin ich nicht mehr gerufen worden.

»Nach meinem zweiten Besuche schrieb ich an ihren Bruder, den Dr. Taylor.«

Vertheidiger. Deuteten Sie ihm an, daß hier etwas mehr vorliege als ungeeignete Behandlung? – Daß ein schändliches Spiel gespielt worden sei?

Sie meinen Gift?

Ja!

Gewiß nicht!

Vor der Vernehmung des Dr. Gairdner war auf die Reden der Frau Pritchard in jener Nacht viel Gewicht gelegt worden. Catharine bezeugt, daß sie gerufen: »Weine nicht! Wenn du weinst, bist du ein Heuchler!« und bald darauf: »Ihr seid alle zusammen Heuchler.« Ihr Mann hatte aber damals nicht geweint. Mary M'Leod hat sie sogar ausrufen hören: »Weine nicht du Heuchler! Wenn du weinst, so warst du es, der es gethan hat!« Nach der Erklärung des Dr. Gairdner aber wird diesen Exclamationen einer Trunkenen von keiner Seite mehr Bedeutung beigelegt.

Am 10. Febr. kam ihre Mutter aus Edinburgh, sie übernahm die Leitung des Hauswesens und schlief mit ihrer Tochter zusammen in deren Schlafzimmer, während Pritchard im Gastzimmer seine Schlafstätte aufschlug. Frau Pritchard lag nunmehr fast immer zu Bett, hatte fast jeden Tag Anfälle von Uebelkeit und Erbrechen und klagte über heftigen Durst und Hitze im Kopf. Auch einen stärkern von Krämpfen begleiteten Anfall hatte sie in diesen Tagen, doch war derselbe, als Catherine sie sah, schon fast vorüber, und sie äußerte: »Ich war lange nicht so schlecht als neulich.«

Am 13. Febr. bekam Frau Taylor einen ganz ähnlichen Anfall wie ihre Tochter, nachdem sie etwas Sagowasser getrunken hatte, welches für diese zubereitet war. Sie theilte dies dem Studenten Connell mit und sprach ihre Freude darüber aus, daß Frau Pritchard nichts von dem Getränk genossen habe, da dies bei ihrem leidenden Zustande sehr nachtheilig auf sie gewirkt haben würde.

Connell selbst hatte in den ersten Tagen des Februars und dann wieder kurz nach der Ankunft der Frau Taylor ähnliche Anfälle, die diesmal indeß immer nur nach dem Frühstück, nicht nach andern Mahlzeiten eintraten, und nicht regelmäßig, wie im November, von krampfhaften Erscheinungen begleitet waren. Dr. Pritchard sprach die Befürchtung aus, daß er ein gastrisch-typhöses Fieber habe. Auch Pritchard selbst erkrankte von neuem, wie Connell angibt, in ganz ähnlicher Art. Näheres über seine Krankheit weiß Connell auch diesmal nicht anzugeben.

Am 16. Febr. verließ Catharine Lattimer den Dienst, was schon am 1. Febr. hatte geschehen sollen, damals aber aufgeschoben werden mußte, weil ihre Nachfolgerin noch nicht eingetroffen und Frau Pritchard gerade schwer erkrankt war. An ihre Stelle trat Mary Patterson, welche ihre Herrin aber in der ganzen ersten Woche nicht sah, weil sie fortwährend das Bett hütete und Frau Taylor allein dem Hauswesen vorstand. Von dieser erfuhr sie, daß Frau Pritchard sehr oft an Uebelkeit und Erbrechen und fortwährend an Schlaflosigkeit litt.

Am 20. Febr. ließ sich Frau Taylor durch Mary M'Leod eine Flasche »Batley's Beruhigungstrank« aus der Handlung der Gebrüder Murdoch holen. Es ist dies ein sehr starkes Opiat, von dem später vielfach die Rede sein wird, und welches sie nach der Angabe ihres Ehemannes gegen nervösen Kopfschmerz und starken Schweiß anzuwenden pflegte. Sonst erfahren wir über die Vorgänge dieser Woche, bis zum Freitag, 24., nichts besonders Erwähnenswerthes.

Die Geschichte dieses Freitags, soweit sie uns bekannt ist, beginnt damit, daß Catharine ihre frühere Herrschaft etwa um 11 Uhr morgens besuchte, um das jüngste Kind zu einem Spaziergange abzuholen. Sie traf Frau Taylor und fragte nach dem Befinden der Frau Pritchard. Die Mutter entgegnete: »Ach, Catharine, ich verstehe ihren Zustand nicht; einen Tag ist sie besser und zwei schlechter!« Sie sah betrübt und nicht so wohl aus, als sonst; klagte aber über ihre eigene Gesundheit nicht.

Am Nachmittage etwa um 5 Uhr, so erzählt Mary M'Leod, sagte sie, daß ihr übel sei und sie sich nicht erbrechen könne; sie werde wol ebenso krank werden als ihre Tochter.

Dieses Unwohlsein kann indeß nicht von langer Dauer gewesen sein, denn etwa um 7 Uhr trank sie im Eßzimmer mit Pritchard, den Kindern und Connell Thee, und Connell, dem sie stets als eine gesunde kräftige alte Dame erschienen war, bemerkte keine Veränderung an ihr. Von da begab sie sich in das Schlafzimmer: zwischen 7 und halb 8 Uhr aber sah sie der Student King im Sprechzimmer, anscheinend im besten Wohlsein, Briefe schreiben. Etwa um 9 Uhr kam sie aus dem Sprechzimmer und befahl Mary M'Leod, die gerade die Treppe herabkam, Wurst zum Abendbrot einzukaufen. Als diese nach kurzer Zeit zurückkehrte, stieg Frau Taylor die Treppe zum Schlafzimmer hinauf.

Kaum eine halbe Stunde später wurde von dort aus geschellt. Mary M'Leod ging herauf und fand Frau Taylor auf einem Stuhle sitzend; sie verlangte heißes Wasser, damit sie erbrechen könne. Mary brachte es und rief dann den Dr. Pritchard, der eben mit einem Patienten sprach. Mary mußte noch einmal heißes Wasser bringen, welches Frau Taylor trank, jedoch ohne den gewünschten Erfolg. Als endlich zum dritten mal geschellt wurde, fand M'Leod die alte Frau bewußtlos auf dem Stuhle sitzend; das Haupt hing auf die Brust herab. Mit Hülfe des inzwischen hinzugekommenen Dr. Pritchard wurde sie auf ihr Bett gelegt, und Connell gebeten, den Dr. Paterson zu rufen, der auch sofort kam.

Seine in vieler Hinsicht sehr merkwürdigen Beobachtungen werden wir später ausführlich mittheilen, für jetzt begnügen wir uns mit dem, was die Köchin Mary Patterson wahrgenommen hat. Als sie die Treppe hinaufstieg, hörte sie rufen: »Mutter, liebe Mutter, kannst du nicht zu mir sprechen?« Beim Eintreten sah sie, daß Frau Pritchard im Bett neben der Leiche ihrer Mutter kniete und ihre Hände rieb, Sie fragte ihren Mann: »Eduard, kannst du nichts thun?« »Nein«, entgegnete er, »was kann ich für eine todte Frau thun? Kann ich das Leben zurückrufen?« Darauf erzählte er seiner Frau, Dr. Paterson habe erklärt, Frau Taylor sei auf der linken Seite gelähmt, und redete ihr zu, das Zimmer zu verlassen. Sie bat erst, noch etwas bei ihrer Mutter bleiben zu dürfen, ging aber doch bald in das inzwischen geheizte Fremdenzimmer hinab.

Nun entkleidete die Patterson mit Hülfe der hinzugerufenen Waschfrau Jessie Nabb die Leiche, wobei ihr die dunkelrothe Färbung der ganzen linken Seite auffiel. In der Tasche des Kleides, welches die Verstorbene getragen, fand sie eine Flasche mit einer Etikettte: »1 Tropfen gleich 2 Tropfen Laudanum«, etwa halb gefüllt mit einer braunen Flüssigkeit.

Nach kurzer Zeil kam Dr. Pritchard in das Sterbezimmer und verlangte die Flasche, welche, wie Mary M'Leod ihm gesagt habe, gefunden worden sei. Als die Patterson ihm dieselbe gab, schlug er die Hände zusammen, blickte gen Himmel und rief: »Guter Gott, so viel hat sie seit Dienstag getrunken! Hätte sie mir davon gesagt, so hätte ich gewußt, was sie trank! Noch dazu, solch ein Mädchen danach zu schicken!« Dann sagte er, seit Jahren habe sie die Gewohnheit gehabt, davon zu nehmen; seit einigen Tagen habe sie zuviel Liqueur getrunken und nun eine übermäßige Dosis Opium genossen. Er entfernte sich darauf mit der Flasche, zuvor verbot er jedoch, davon zu sprechen, weil dies für einen Mann in seiner Stellung nicht gut sein würde.

Dieses Verbot wiederholte er am nächsten Tage gegen Jessie Nabb, die er im Sprechzimmer mit Heizen beschäftigt fand, indem er hinzufügte, es sei das ein gefährliches Getränk, und Gift, wenn jemand zuviel davon nähme.

Frau Pritchard war tief betrübt über den Tod ihrer Mutter. Ihr eigener Zustand verschlimmerte sich immer mehr; Catharine sah sie am nächsten Dienstag und erschrak über ihre Magerkeit und Hinfälligkeit. Sowol ihr Mann, wie sie selber Catharine erzählte, als ihr Bruder, der Dr. Taylor, der sie wenige Tage nach dem Tode der Mutter besuchte, redeten ihr auf das dringendste zu, eine Wärterin anzunehmen, sie wollte aber keine Fremde um sich haben und war somit auf die Pflege ihres Mannes und der Magd Mary M'Leod allein angewiesen, da die Patterson meist in der Küche zu thun hatte. Pritchard sagt in einem Briefe, den er am 9. März an ihren Vater schrieb: »Ich bin sehr müde, da ich die Nacht bei der lieben Mary Jane gewacht habe, die gestern viel schlechter war und eine jämmerliche Nacht verlebt hat. Sie ist äußerst abgemattet und hat gar keinen Appetit. Dr. Paterson hat starkes dubliner Bier und eine sehr einfache Medicin verordnet.« Mary M'Leod erzählt, daß ihre Herrin zwar gewöhnlich das Bett um 1 Uhr verlassen und sich bis zum Abend im Gesellschaftszimmer aufgehalten habe, daß sie aber fast täglich, und oft zweimal, von Erbrechen befallen worden sei, meist zwei Stunden nach dem Frühstück und eine Stunde nach dem Mittagessen.

Am 17. März vormittags wurde dreimal hintereinander geschellt. Mary Patterson ging hinauf, zunächst an die Thür des Sprechzimmers, um ihren Herrn zu fragen, wer geschellt habe. Die Thür war ein wenig geöffnet, weiter konnte die Zeugin sie nicht aufmachen, und es schien ihr, als sei etwas dahinter, was das Oeffnen verhinderte. Auf ihre an der Thür gethane Frage erhielt sie keine Antwort und stieg nun die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Währenddessen kam der Doctor aus dem Sprechzimmer und fragte sie: »Wie geht es Frau Pritchard jetzt?« Sie entgegnete, sie wisse es nicht, da er ihr verboten habe, hinaufzugehen, um sie nicht im Schlafe zu stören (was er in den letzten Tagen öfters gethan hatte), und stieg die Treppe weiter hinauf; der Doctor folgte ihr, und ihm folgte Mary M'Leod. Woher die letztere kam, weiß die Zeugin nicht, in der Küche war sie aber nicht gewesen. Frau Pritchard beauftragte sie, ein Nachtgeschirr auszugießen. Daß sie damals einen Anfall von Erbrechen gehabt hätte, hat die Zeugin nicht wahrgenomen.«

Etwa 20 Minuten später ging sie wieder in das Schlafzimmer, um mit Frau Pritchard wegen der Hemden des jüngsten Kindes etwas zu besprechen. Der Doctor stand neben dem Bette seiner Frau, welche eben aus einem Porterglase etwas trank. Er nahm ihr das leere Glas aus der Hand, und sie gab der Zeugin mit aller Ruhe und Umsicht die gewünschte Auskunft. Nachmittags um 5 Uhr wurde heftig geschellt und Mary M'Leod rief der Patterson sehr laut zu, sie solle heraufkommen. Sie fand Frau Pritchard, wie sie eben mit Mary's Hülfe zu Bett ging, sehr erregt und von ihrer Mutter sprechend, als ob diese zugegen wäre. Sie sagte: »Laßt mich, sorgt für meine Mutter, reibt sie, schafft ihr Athem!« Sie verlangte nach einem der Kopfkissen und streichelte es; es schien, als halte sie es für ihre Mutter. Die Patterson rieb ihre Hände, welche kalt waren; sie bat, sie noch mehr zu reiben, sie fürchte sich so vor dem Krampf. Dann wurde sie ruhiger und sagte: »Ich wußte nichts davon, bis die Knaben angekleidet hereinkamen.« Es war aber kein Knabe da. Bald darauf trat die jüngste Tochter ins Zimmer. Sie fragte, wer da sei, die Zeugin erwiderte, es sei Ailie. »Ist Ailie noch nicht zu Bett?« fragte sie weiter, worauf die Patterson entgegnete, es sei noch nicht Schlafzeit. Sie hatte geglaubt, es sei schon 11 Uhr. Ihre Sprache war sanft und nicht lauter als gewöhnlich. Als bald darauf Dr. Pritchard ins Zimmer trat, ging Mary Patterson wieder herab in die Küche, und erhielt etwas später den Befehl, von dem Huhn, welches vom Mittag übriggeblieben war, für die Frau zum Abend zuzubereiten. Als sie es hinauftrug, begegnete ihr der Doctor, nahm es ihr ab und erklärte, er wolle es selbst hinaufbringen.

Im Laufe des Abends kam er einmal in die Küche und sagte, Dr. Paterson habe seine Frau gesehen und gemeint, sie habe zu viel Wein getrunken. Die Patterson entgegnete, das wäre ja traurig, wenn sie so etwas thäte.

Etwa um 1½ Uhr nachts wurde sie von Mary M'Leod geweckt und beauftragt, schleunigst ein Senfpflaster für Frau Pritchard zurechtzumachen. Sie that dies und die M'Leod trug es hinauf; die Patterson folgte ihr, da gleich darauf geschellt wurde.

»Der Doctor und seine Frau lagen zu Bett«, erzählt die Zeugin weiter, »und es schien, als hätten sie zusammen geschlafen. Ich sah die Frau an, befühlte sie, und fand, daß sie fast ganz kalt war. Sie war todt. Der Doctor öffnete ihr Nachtkleid und befahl mir, das Senfpflaster aufzulegen, ich entgegnete aber, es nütze nichts, einer Leiche ein Senfpflaster aufzulegen. Er fragte: »Ist sie todt, Patterson?« Ich erwiderte: »Doctor, Sie sollten das besser wissen als ich.« Er meinte, sie könne nicht todt sein, sie sei nur ohnmächtig, und trug mir auf, heißes Wasser zu holen; ich entgegnete aber wieder, es nütze nichts, einer Leiche heiße Umschläge zu machen. Darauf rief er aus: »Komm zurück, geliebte Mary Jane, verlaß deinen lieben Eduard nicht! Ferner: »Welch ein Vieh! welch ein Heide! – so sanft, so liebreich zu sein!«What a brute; what a heathen – to be so gentle, so mild. Endlich bat er mich, Herrn King's Büchse zu holen und ihn zu erschießen. Ich erwiderte: Doctor, reizen Sie den Allmächtigen nicht durch solche Reden. Wenn der gerechte Gott jetzt Ihren und meinen Mund schlösse, so weiß ich nicht, wie wir vorbereitet sein würden, vor Ihm zu bestehen! »Wahr, Pattersen«, entgegnete er, »du bist das klügste und beste Weib, das ich kenne!« Nun forderte ich ihn auf, das Zimmer zu verlassen, damit ich die Leiche ankleiden könne, was er auch that. Später rief er mich und erzählte: er habe Briefe zur Post gebracht; seine Frau habe ihn die Straße hinab begleitet und ihm gesagt, er solle für Ailie und Fanny sorgen; von den Knaben habe sie nicht gesprochen. Dann habe sie ihn geküßt und sei verschwunden.«

So hatten Mutter und Tochter geendet. Als der Sarg, in dem die irdischen Ueberreste der Frau Pritchard nach Edinburgh geschafft waren, dort geöffnet wurde, um den Taylor'schen Dienstboten, die die Entschlafene sehr geliebt, die Leiche noch einmal zu zeigen, ließ Pritchard, wie Dr. Cowan versichert, den aufrichtigsten Schmerz blicken, ja er küßte sie noch einmal auf die bleichen Lippen, ehe der Sarg wieder geschlossen ward. Und als er nach Edinburgh zurückkehrte, wurde er als Mörder verhaftet!

Wir sagten schon, daß wir nicht genau wissen, was den ersten Anlaß zum Verdacht gegeben hat. Nur muthmaßen können wir, daß derselbe dem Dr. Paterson seine Entstehung verdankt, dessen Aussage wir jetzt im Zusammenhange und fast wörtlich mittheilen.

Er sagt:

»Am Freitag, 24. Febr., abends zwischen halb und dreiviertel elf, wurde ich zu Dr. Pritchard gerufen, in dessen Hause ich früher nie gewesen war und dessen Ehefrau und Schwiegermutter ich meines Wissens nie gesehen hatte. Ich traf ihn in einem Vorzimmer, wurde von ihm in das Sprechzimmer geführt, und dort erzählte er mir, seine Schwiegermutter sei etwa eine Stunde oder halbe Stunde vor meiner Ankunft plötzlich, während sie einen Brief geschrieben, erkrankt und vom Stuhle zu Boden gestürzt, weshalb sie die Treppe hinauf in das Schlafzimmer gebracht worden sei. Auf meine Frage, ob er gar keinen Anlaß zu diesem plötzlichen Krankheitsanfall wisse, sagte er, seine Frau und seine Schwiegermutter hätten beim Abendessen zusammen etwas Bitterbier getrunken, seien beide darauf von Uebelkeit und Erbrechen befallen worden, und hatten sich beklagt, daß das Bier bitterer als gewöhnlich geschmeckt habe. Später zeigte er mir auch eine auf dem Tisch stehende, nicht ganz geleerte Bierflasche. Ich erklärte, ich hielte es nicht für möglich, daß Bier von Allsopp oder von Bass, die beiden einzigen, die mir augenblicklich einfielen, diese Wirkung haben könnte, und fragte nunmehr nach dem frühern Gesundheitszustand und der Lebensweise seiner Schwiegermutter. Er gab deutlich zu verstehen, daß sie gelegentlich einen Tropfen zu sich zu nehmen pflegte.«

Vorsitzender. Spirituosa?

»Ja! Er sagte ferner, daß seine Frau längere Zeit an einem gastrischen Fieber gelitten und daß er deshalb vor einigen Tagen an seine Schwiegermutter telegraphirt habe, daß diese zur Pflege zu ihr kommen möge. Darauf gingen wir hinauf in das Schlafzimmer. Als wir eintraten, lag Frau Taylor auf dem Bettrande mir zunächst, auf der rechten Seite, vollständig bekleidet, eine Haube auf dem Kopfe, ganz als ob sie plötzlich erkrankt wäre; Frau Pritchard saß in demselben Bett aufrecht, dicht neben ihr, im Nachtkleide, mit bloßem Kopf und aufgelöstem Haar, mit der Bettdecke zugedeckt.

»Mrs. Taylor machte mir den Eindruck, als müsse sie zuvor ganz gesund gewesen sein. Sie sah weder angegriffen noch abgemagert aus. Eine gesund aussehende alte Dame, von mehr als gewöhnlicher Größe, wohlgebildet, alles zusammengenommen eine für ihr Alter vorzüglich aussehende Person, und wahrlich ohne den geringsten Anschein, als neige sie zum Genuß geistiger Getränke. Das Gesicht war etwas blaß, der Ausdruck ruhig und sanft, die Augenlider theilweise geschlossen, die Lippen bleich, der Athem schwer und langsam, die Haut kühl und mit klebrigem Schweiße bedeckt, der Puls fast unfühlbar, sie schien völlig bewußtlos. Beim Oeffnen der Augenlider fand ich beide Pupillen sehr stark verengert. Ich war nach dem allen überzeugt, daß sie Opium oder ein anderes stark betäubendes Gift genossen habe, und sprach meine Meinung dahin aus, daß sie im Sterben liege. Pritchard sagte, sie habe schon oft ähnliche Anfälle gehabt, aber keinen so schweren. Ich erklärte, es werde zwar nichts mehr helfen, was wir auch thäten, doch möchten wir als letztes Mittel Senfpflaster auf Sohlen, Schenkel und Waden legen und so schnell als möglich ein Klystier von Terpentin anwenden. Pritchard machte dies zurecht, und theilte mir mit, er habe ihr kurz zuvor eins, in welches er ein Glas Branntwein gethan, gegeben. Als wir die alte Dame, welche augenscheinlich schlafsüchtig oder bewußtlos war, ein wenig aufgerichtet und Kopf und Schultern leicht gehoben hatten, zeigte sich ein schwacher Grad von Bewußtsein, und der Puls am Handgelenk wurde fühlbar. Ich machte Pritchard hierauf aufmerksam. Er klopfte ihr auf die Schulter und sagte: »Es geht besser, Liebe!« Ich sah ihn an und schüttelte bedeutungsvoll den Kopf, um auszudrücken: In dieser Welt nicht mehr! Sie fing darauf an schwach zu röcheln, etwas schaumiger Schleim kam zum Vorschein, die Schlafsucht oder Bewußtlosigkeit trat wieder ein und der Athem wurde schwerer. Ich hielt den Fall für völlig hoffnungslos, und ging herab in das Sprechzimmer, wohin mich Pritchard begleitete. Er sagte, die alte Frau habe regelmäßig Batley's Beruhigungstrank gebraucht, habe vor wenig Tagen nicht weniger als ein halbes Quart davon gekauft und er zweifle nicht, daß sie einen guten Schluck davon genommen haben möge. Mir hatte sie jedoch nicht den Eindruck gemacht, als ob sie eine Opiumesserin wäre; ihre Erscheinung sprach nicht dafür.

»Während ich mit Frau Taylor beschäftigt war, fiel mir die Erscheinung der Frau Pritchard in hohem Grade auf. Sie schien außerordentlich schwach und erschöpft. Ihre Züge waren scharf, ihre Wangen hektisch geröthet, ihre Stimme sehr schwach und eigenthümlich ähnlich der einer Cholerakranken im letzten Stadium, der Ausdruck wie bei einer halb Blödsinnigen. Zuerst war ich geneigt, diese ihre äußere Erscheinung dem vor kurzem erlittenen schweren Anfall gastrischen Fiebers zuzuschreiben, von dem der Angeklagte mir erzählt hatte und dessen Symptome natürlich durch die Bestürzung über den plötzlich eingetretenen beunruhigenden Zustand ihrer Mutter erschwert sein mußten. Aber gleichzeitig konnte ich den Gedanken oder vielmehr die Ueberzeugung nicht los werden, daß sie sich unter der erschlaffenden Wirkung von Antimon befinde. Diesen Eindruck gewann ich nur aus ihrer äußern Erscheinung, denn ich habe keine einzige Frage an sie gerichtet.

»Etwa um 11½ Uhr ging ich nach Hause. Kurz vor 1 Uhr wurde ich wieder gerufen, weigerte mich jedoch, Folge zu leisten, weil ich ermüdet und außerdem überzeugt war, nichts mehr helfen zu können; ich ließ also Dr. Pritchard fagen, wenn er wirklich glaube, daß ich noch von Nutzen sein könne, möge er es mich nochmals wissen lassen, dann würde ich kommen. Ich erhielt aber keine weitere Nachricht, bis am Sonnabend Morgen, um 10 Uhr, ein ältlicher Herr, wie ich erfuhr Herr Taylor, wegen des Todtenscheins zu mir kam. Ich sprach meine Verwunderung darüber aus, daß Dr. Pritchard nach einem Todtenschein schicke; als praktischer Arzt müsse er gewußt haben, daß derselbe nicht den Verwandten, sondern dem Districtsregistrator gegeben werde. Von diesem erhielt ich dann am 3. März durch die Post ein Formular mit der Bitte, Todesursache und Dauer der Krankheit der Frau Taylor hineinzuschreiben. Ich lehnte dies ab und sandte das Formular mit einem Schreiben zurück, welcher den Beamten auf den Fall aufmerksam machen sollte.

»Am Mittwoch, 1. März, traf ich mit Dr. Pritchard zufällig in der Sauchinhallstraße, nahe bei meiner eigenen Wohnung, zusammen. Er kam auf mich zu, sagte, meine Meinung über seine Schwiegermutter sei ganz richtig gewesen, uud bat mich, seine Frau am nächsten Tage, vormittags 11 Uhr, zu besuchen, da er nach Edinburgh reisen wolle.

»Ich that dies und fand Frau Pritchard zu Bett. Sie war noch sehr schwach und niedergeschlagen und fragte mich sehr ernst: ob ich wirklich, als ich ihre Mutter gesehen, geglaubt habe, daß dieselbe im Sterben liege. Ich sagte Ja, und ich hätte auch zu Pritchard so gesagt. Sie schlug die Hände zusammen, blickte auf, rief mit schwacher Stimme: »Guter Gott, ist es möglich!« und brach in einen Strom von Thränen aus. Darauf fragte ich sie einiges über das frühere Befinden ihrer Mutter und besonders, ob sie Batley's Trank zu brauchen pflegte. Sie entgegnete, die Gesundheit ihrer Mutter sei im ganzen gut gewesen, nur bisweilen habe sie an nervösem Kopfschmerz gelitten und dagegen etwas Batley'schen Trank genommen, doch könne man nicht sagen, daß sie diese Arznei gewohnheitsmäßig gebraucht habe. Nun fragte ich sie über ihren eigenen Zustand. Sie sagte, daß sie seit geraumer Zeit sehr stark an Uebelkeit, Aufstoßen und Erbrechen mit heftigen Schmerzen in Magen und Eingeweiden gelitten habe; gleichzeitig habe sie Durchfall, große Hitze, unbehagliches Gefühl in Mund und Kehle und fortwährenden brennenden Durst gehabt. Ihre Zunge war unrein, hellbraun, ihre Züge waren scharf und tief geröthet, der Puls weich und sehr schnell, die Haut feucht, aber kalt, die Augen wässerig, aber klar und verständig. Ich verordnete ihr Champagner und Brandy in kleinen Quantitäten und kurzen Zwischenräumen, um ihre Kräfte wiederherzustellen, ferner kleine Stückchen Eis, um den Durst und die Reizbarkeit des Magens zu beseitigen. Wenn sie dieses Mittels überdrüßig würde, solle sie zu citronensaurer Magnesia als einem kühlenden moussirenden Getränk übergehen, und ein Senfpflaster auf den Magen legen. Sodann empfahl ich kleine Portionen leichtverdaulicher, nahrhafter Speisen, Rindsbrühe, Arrowroot u.s.w., und schrieb ein Recept auf, welches ich ihr mit der Anweisung gab, sie solle es dem Dr. Pritchard zeigen.

»Am Sonnabend kam dieser in meine Wohnung. Er theilte mir mit, daß die von mir angeordneten Mittel seiner Frau sehr wohl gethan hätten, daß sie aber noch sehr schwach und ihr Magen noch reizbar sei.

»Am 17. März, Freitag, etwa 8 Uhr abends holte Pritchard selbst mich zu seiner Frau. Ich fand sie zu Bett, sitzend, mit Kissen gestützt und erschrak über ihr schrecklich verändertes Aussehen. Sie schien bei vollem Bewußtsein, ergriff meine Hand und lächelte, als ob sie mich wiedererkenne. Sie klagte, daß sie Erbrechen gehabt; Pritchard stand hinter mir und sagte ungefragt: sie habe nicht erbrochen, sie rede nur irre. Sie klagte über Durst, und Pritchard gab ihr deshalb etwas Wasser zu trinken. Ihr Gesicht war sehr verändert, seit ich sie zuletzt gesehen. Der Ausdruck war eigenthümlich unstet, die Augen brennend roth und tief liegend, die Wangen hohl, eingefallen und sehr geröthet, der Puls schwach und außerordentlich rasch, die Zunge sehr belegt und dunkelbraun; gleich darauf fing sie an, mit der Hand umherzugreifen, als suche sie einen eingebildeten Gegenstand auf der Bettdecke zu fangen. Sie murmelte etwas von der Uhr; Pritchard sagte, er glaube, sie meine die Stutzuhr auf dem Kaminsims im Gesellschaftszimmer. Im Schlafzimmer war keine Uhr. Ich sprach meine Ueberraschung über diese beunruhigenden Erscheinungen aus, und fragte, seit wie lange sie schon zu Bett habe liegen müssen. Er entgegnete: erst seit dem Morgen, gestern habe sie sich noch im Gesellschaftszimmer mit den Kindern unterhalten. Ihr Zustand war beunruhigend. Piitchard sagte, seit vier oder fünf Nächten habe sie nicht geschlafen. Ich meinte, wir müßten uns bemühen, etwas zu ihrer Erleichterung zu thun, und ihr womöglich zu etwas Schlaf verhelfen. Wir gingen hinab, und ich schlug eine Arznei vor, die Pritchard gleich machen sollte, da sie sehr einfach war, er bat mich jedoch, ihm das Recept zu dictiren, da er keine Arzneimittel im Haufe habe, außer etwas Chloroform nnd Batley's Trank. Dies wunderte mich, da ein Arzt mit ausgedehnter Praxis Arzneimittel vorräthig haben muß, besonders für nächtliche Vorfälle. Er schrieb darauf das Recept, welches ich ihm dictirte, und ich ging nach Hause. In der Nacht, etwa um 1 Uhr, wurde an meiner Thür geschellt, und ich fand einen jungen Mann vor, der mich bat, sogleich zur Frau Pritchard zu kommen, da sie viel schlechter geworden sei und man glaube, daß sie im Sterben liege, wenn sie nicht schon todt sei. Während ich mich ankleidete, drei Minuten später, meldete mir ein Dienstmädchen, ich brauche nicht mehr zukommen, Frau Pritchard sei todt.«

Staatsanwalt. Haben Sie jemals dem Angeklagten gesagt, Sie glaubten, seine Frau habe zu viel Wein getrunken?

Niemals!

Staatsanwalt. Wissen Sie bestimmt, daß Sie ihr niemals dubliner starkes Bier angerathen haben?

Nein, ich habe das nie gethan!

Dr. Paterson wird hierauf von der Vertheidigung einem äußerst scharfen Kreuzverhör unterworfen. In demselben erklärt er zunächst wiederholt, er glaube nicht, daß Frau Taylor dem gewohnheitsmäßigen Opiumgenuß ergeben gewesen sei, weil bei solchen Personen die Züge schlaff, die Augen hohl zu sein pflegen, was bei Frau Taylor nicht der Fall war. Obgleich ihm also Dr. Pritchard gesagt habe, sie pflege Opium zu nehmen, habe er dies doch, nachdem er sie gesehen, für unwahr gehalten. Er habe zwei bis drei Fälle von Antimonvergiftung bei Kindern – keinen bei einem Erwachsenen – beobachtet. Er habe zwar, als er zu Frau Taylor gerufen worden sei, an Frau Pritchard keine Frage gerichtet, aber doch aus ihrer ganzen Erscheinung, ihrem Aussehen und allen Symptomen die Ueberzeugung gewonnen, daß ihr Zustand dem lange fortgesetzten Genusse von Antimon zuzuschreiben sei. Zu weitern Besuchen habe er sich nicht für verpflichtet gehalten, da er kein Recht habe, sich unaufgefordert in eine Familie einzudrängen, auch gegen Dr. Pritchard seine Ansicht nicht ausgesprochen, was er aber unfehlbar gethan haben würde, wenn er zu einer Consultation mit einem andern Arzte berufen worden wäre. Durch Verweigerung des Todtenscheins, wodurch er den betreffenden Beamten habe aufmerksam machen wollen, habe er alles zum Schutze der Frau Pritchard gethan, was er zur Verhütung der fernern Anwendung von Antimon habe thun können, und hätte eine Leichenschau bei Frau Taylor stattgefunden, so würde aller Wahrscheinlichkeit nach die Vergiftung der Frau Pritchard wenigstens für jetzt nicht fortgesetzt worden sein.

Obgleich er, als er am 2. März Frau Pritchard besucht, an ihr noch dieselben Symptome wahrgenommen, auch mit ihr allein gewesen sei, habe er dennoch gegen sie nichts von einer Vergiftung erwähnt, weil die von ihm angerathene Behandlung, vorausgesetzt, daß sie streng innegehalten worden wäre, sie gerettet haben würde. Gegen Dr. Pritchard selbst etwas zu erwähnen, würde aber nicht sehr zweckmäßig gewesen sein.

Er würde, davon sei er überzeugt, von Dr. Pritchard nicht wieder gerufen worden sein, wenn dieser ihm nicht zufällig begegnet wäre, und habe seinen Besuch mehr im Lichte einer freundschaftlichen Condolenzvisite denn als ärztlichen Besuch aufgefaßt. Allerdings sei er früher durchaus nicht mit Frau Pritchard bekannt gewesen, habe indeß geglaubt, von Dr. Pritchard zu diesem Beileidsbesuch aufgefordert zu sein, weil er sie am Sterbebett ihrer Mutter gesehen habe.

Nach abgehaltener Consultation habe der consultirte Arzt nicht das Recht, den Kranken nochmals zu besuchen; es würde dies ein Verstoß gegen die Standesetikette sein.

Staatsanwalt. Sie sagten, es würde für Sie nicht zweckmäßig gewesen sein, Ihren Verdacht dem Dr. Pritchard mitzutheilen?

Dr. Paterson. Es wäre gewiß nicht eben natürlich gewesen!

Staatsanwalt. Sie meinen, daß Ihr Verdacht ihn selbst betraf?

Dr. Paterson. Diese Frage möchte ich lieber nicht beantworten!

Dr. Paterson gibt dann: »litteratim et verbatim«, wie er sagt, den Inhalt des von ihm an den Registrator Struthers gerichteten, von diesem nicht aufbewahrten Schreibens an. Es lautet:

»Geehrter Herr. Ich bin überrascht, daß ich in diesem Falle aufgefordert werde, die Todesursache zu bescheinigen. Ich sah die Person nur wenige Minuten lang, kurz vor ihrem Tode. Sie schien etwas Narkotisches genossen zu haben; aber Dr. Pritchard, welcher vom ersten Augenblick der Erkrankung bis zu dem in seinem eigenen Hause erfolgten Tode zugegen war, mag dessen Ursache bescheinigen. Der Tod war gewiß plötzlich, unerwartet und mir räthselhaft. Ich bin u.s.w.«

Vertheidiger. Das war der ganze Brief?

Dr. Paterson. Ich glaube!

Vertheidiger. Und kein Postscript?

Dr. Paterson. Nein!

Vertheidiger. Als ich Sie fragte, ob Sie irgendwelche Maßregeln zum Schütze der Frau Pritchard getroffen hätten, da war dies die Mittheilung, auf die Sie sich bezogen?

Dr. Paterson. Ja und ich hatte drei Gründe, sie zu machen.

Vertheidiger. Lassen wir die Gründe; sagen Sie nur, ob dies die einzige Mittheilung war? Dr. Paterson. Die einzige!

Vertheidiger. Sie machten keinem aus Frau Pritchard's Familie, und auch sonst niemand Mittheilung?

Dr. Paterson. Nein, ich sprach über die Sache in meiner eigenen Familie, das war alles.

Lord-Oberrichter. Auf eine Frage des Vertheidigers erklärten Sie, wie ich glaube, daß Frau Pritchard, als Sie sie zum ersten male, und nachher, als Sie sie am 2. März sahen, auf Sie den Eindruck machte, als sei sie mit Antimon vergiftet worden. Sagten Sie nicht so?

Dr. Paterson. Ja!

Lord-Oberrichter. Nun wünschte ich genau zu wissen, was Sie damit meinten; meinten Sie, daß Sie glaubten, irgendjemand sei beschäftigt, ihr Antimon beizubringen, um ihren Tod herbeizuführen?

Dr. Paterson. Aber ein mir Unbekannter.

Lord-Oberrichter. Aber das war Ihre Meinung?

Dr. Paterson. Ja, das war meine Meinung!

Dem Dr. Paterson hat diese seine Meinung wie sein ganzes Zeugniß die heftigsten Angriffe zugezogen. Er habe mit augenscheinlicher Erbitterung gegen den Angeklagten gesprochen, behauptet der Vertheidiger in seinem Schlußvortrage; es sei gar nicht denkbar, daß er wirklich bei seinem Besuche die Ueberzeugung gewonnen, die unglückliche Frau werde langsam durch Gift hingemordet, und sich dennoch durch Rücksichten für seine Person, für seinen Geldbeutel, für die Etikette seines Standes hätte abhalten lassen, in irgendeiner Weise, sei es durch einen der Frau Pritchard ertheilten Wink, sei es durch Mittheilung an ihren Vater oder an sonst irgendwen dem Verbrechen zu steuern; man müsse zu seiner Ehre annehmen, daß er zwar nicht gerade absichtlich die Unwahrheit gesagt, aber unwillkürlich seinen am Krankenbett gemachten Wahrnehmungen die Ergebnisse spätern Nachdenkens über den Fall untergeschoben habe.

Unzweifelhaft liegt hierin sehr viel Wahres. Aus der bloßen äußern Erscheinung der Frau Pritchard, wie Dr. Paterson sie beschreibt, sofort die Ueberzeugung zu gewinnen, daß eine langsame Antimonvergiftung stattfände – das setzt eine bisher wenigstens noch unerhörte Feinheit der Diagnose voraus; hatte er aber diese Ueberzeugung wirklich gewonnen, fand er sie durch spätere, eingehendere Beobachtungen noch bestätigt, so sind die Vorwürfe des Vertheidigers, daß er dessenungeachtet nichts gethan, um die Unglückliche zu retten, sehr gerechtfertigt. Sein Verhalten wird denn auch vom Lord-Oberrichter in seinem Schlußvortrage ziemlich schonungslos verurtheilt. »Was über die Erbitterung des Zeugen gegen den Angeklagten gesagt worden, scheint mir nicht von besonderm Gewicht. Richtig ist zwar, daß er seine Gefühle gegen denselben in unangenehmer Deutlichkeit zu erkennen gab; ich glaube aber nicht, daß ein Zeuge, der einmal von dem in diesem Falle wol sehr erklärlichen Gefühle der Erbitterung gegen den Angeklagten beseelt ist, dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnen würde, wenn er dasselbe verheimlichte. Aber eine andere Frage ist es, wie wir sein Verhalten zu beurtheilen haben. Er hatte die Ueberzeugung, daß irgendjemand der Frau Pritchard Gift beibringe, und hielt es dennoch für vereinbar mit seinen Pflichten als Arzt – und, muß ich hinzufügen, als Bürger dieses Landes – diese seine Meinung für sich zu behalten. Ich kann nicht sagen, daß er recht handelte. Ich frage nicht nach Standesetikette, nach Standesregeln. Hoch über ihnen steht die allgemeine Pflicht jedes Bürgers, jedes wohlgesinnten Mannes, der Zerstörung eines Menschenlebens vorzubeugen – und gegen diese Pflicht hat er schwer gefehlt. Dennoch muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß jemand, der seine Pflichten gegen seine Mitmenschen so falsch aufgefaßt hat, dadurch noch nicht als Zeuge unglaubwürdig wird.«

Dies ist richtig. Soweit die Angaben des Dr. Paterson Thatsächliches betreffen, liegt kein Grund vor, ihnen zu mißtrauen. Seine Ansicht aber, möge er es nun mit seinem Gewissen ausmachen, wann und wodurch er dieselbe gewonnen hat, wird, durch die nun zu erwähnenden Ermittelungen nur zu sehr bestätigt.

Zunächst wurde am 21. März die Leiche der Frau Pritchard ausgegraben und von Dr. Maclagan, Professor der gerichtlichen Medicin (englisch: der medicinischen Jurisprudenz), und Dr. Littlejohn, Polizeiwundarzt zu Edinburgh, geöffnet. Sie fanden die Schleimhaut des Magens an ihrer hintern Seite, nahe am Herzen, in einer Ausdehnung von 2 Quadratzollen punktförmig geröthet, die Schleimhaut des Mastdarms in ziemlicher Ausdehnung schwarz verfärbt; außer diesen Zeichen einer leichten, den Tod durchaus nicht erklärenden Entzündung der Speisegänge fanden sie nichts Abnormes und insbesondere keine Spuren einer vor kurzem erlittenen Krankheit.

Dr. Maclagan schritt nunmehr zur chemischen Analyse der einzelnen Körpertheile. Von den wichtigsten derselben überließ er einzelne Partien dem Professor der Chemie Dr. Penny zu gleichem Zwecke.

Beide fanden im Urin, in der Galle, dem Blute, der Leber, der Milz, den Nieren, dem Gehirn, der Muskelsubstanz des Herzens eine bedeutende Menge von Antimon. Dieses starke mineralische Gift (Spießglas) kommt, wie Dr. Maclagan angibt, nur in zwei in Wasser lösbaren Formen in den Handel. Die eine, Antimonchlorid, ist eine stark ätzende schwarzbraune Säure, für den innern Gebrauch ganz ungeeignet, die andere, wissenschaftlich unter dem Namen: weinsteiniges Antimon, im gewöhnlichen Leben als Brechweinstein bekannt, ist eine farblose, schwach schmeckende Substanz, und als Arzneimittel im täglichen Gebrauch.

Die größte Menge dieses Giftes – etwa 4 Gran – fand Dr. Maclagan in der Leber; ferner unterwarf er einen Theil des Inhalts der Eingeweide einer sogenannten quantitativen Analyse, und berechnet daraus die Gesammtmenge des in den Eingeweiden enthaltenen Antimons auf etwa 6 Gran.

Er gab danach sein schriftliches Gutachten dahin ab:

daß Frau Pritchard eine große Menge Antimon in Gestalt von Brechweinstein genossen habe;

daß, da die Section keine Krankheitserscheinungen ergeben habe, die den Tod erklären könnten, und bei dem Vorhandensein einer großen Menge jener tödlich wirkenden Substanz ihr Tod der Wirkung von Antimon zugeschrieben werden müsse;

daß es sehr unwahrscheinlich sei, daß dieses Gift in einer einzelnen großen Dosis genossen worden sei, da sich sonst in Mund, Brust und dem Speisegange entschiedenere Spuren von Entzündung gezeigt haben würden;

daß es ihr vielmehr wahrscheinlich in wiederholten kleinen Dosen längere Zeit hindurch beigebracht worden sei.

Nachdem er die Geschichte der Krankheit der Frau Pritchard gehört, findet er in derselben die Bestätigung der in seinem Gutachten ausgesprochenen Ansicht. Uebelkeit, Erbrechen, Lähmung der Muskeln, Krämpfe in den Extremitäten sind Symptome der Antimonvergiftung, und alle Erscheinungen derart, daß sie sich nur aus einer fortgesetzten Beibringung von Antimon erklären lassen, während es keine Krankheit gibt, die sich in dieser Weise geäußert haben würde.

Dr. Littlejohn tritt diesem Gutachten vollständig bei, und Dr. Pennh bestätigt das reichliche Vorhandensein von Antimon in den von ihm untersuchten Körpertheilen.

Die bezüglich der Frau Pritchard so glänzend bewährte Diagnose des Dr. Paterson erlitt in Betreff der Frau Taylor eine kleine Niederlage. Die alte Dame war in der That dem Opiumgeuusse mehr ergeben als heilsam und dienlich. Sie nahm Opium, wie schon erwähnt, in der Gestalt von Batley's Trank zu sich, eine Mischung, welche etwa um ein Drittel stärker sein soll, als Laudanum. Ihr Mann bemerkte an ihr oft, wenn sie diese Arznei gegen ihre nervösen Kopfschmerzen angewendet hatte, große Neigung zum Schlaf, was immerhin auf nicht gan; unbeträchtliche Dosen schließen läßt. John Simpson, Mitinhaber der Handlung Duncan und Flokhart in Edinburgh, erinnert sich, daß bei ihm seit etwa vier Jahren häufig von einem ihm unbekannten Manne Batley's Trank auf den Namen des Dr. Pritchard gekauft worden ist; der Trank wird an Aerzte etwas billiger verkauft als an Privatpersonen. In dem Unbekannten erkennt er den Zeugen Thomson wieder, welcher früher im Taylor'schen Geschäft gearbeitet hatte, und auch nachher noch allerlei kleine Geschäfte für Frau Taylor besorgte. Dieser bekundet, daß er früher etwa alle zwei bis drei Monate, in letzter Zeit aber alle zwei bis drei Wochen die zu dem Behuf gehaltene Flasche im Duncan'schen Geschäft füllen lassen mußte, und zwar gewöhnlich auf den Namen des Dr. Pritchard. Die von Mary Patterson in der Tasche der Verstorbenen gefundene Flasche erkennt er fast mit Bestimmtheit als die so oft in seinen Händen gewesene. Zuletzt brachte er sie der Frau Taylor gefüllt am Abende vor ihrer Abreise nach Glasgow. Die Verstorbene kaufte aber auch inzwischen selbst bei dem Apotheker Fairgrieve kleinere Quantitäten ihrer Lieblingsarznei, so am 18., am 29. Jan. und am 4. Febr. 1865 je zwei Unzen. In Glasgow ließ sie die erwähnte Flasche, welche 5½ Unzen faßte, am 20. Febr., also vier Tage vor ihrem Tode, in der Murdoch'schen Handlung neu füllen, wie Mary M'Leod und der Commis Millan übereinstimmend bezeugen. Als die Patterson sie fand, war sie etwa noch halb voll.

Die Leiche der Frau Taylor wurde am 29. März ausgegraben und von denselben Aerzten secirt. Außer einer geringen Erweiterung des übrigens ganz gesunden Herzens zeigte sich durchaus nichts Abnormes, insbesondere keine Ueberfüllung des Gehirns mit Blut, und, wie bei Frau Pritchard, wurde nunmehr zur chemischen Prüfung geschritten. Auch hier fanden sowol Dr. Penny als Dr. Maclagan in allen untersuchten Theilen Antimon, wenn auch in bedeutend geringerer Quantität als bei Frau Pritchard, und Dr. Maclagan gab demgemäß folgendes schriftliche Gutachten ab:

1) Frau Taylor hat eine beträchtliche Quantität Antimon in Form von Brechweinstein genossen.

2) Ihr Tod muß bei dem Fehlen anderer zu dessen Erklärung ausreichender krankhafter Erscheinungen und bei dem Vorhandensein dieser tödlich wirkenden Substanz dem Genüsse von Antimon zugeschrieben werden.

3) Dasselbe ist wahrscheinlich nicht in einer einzelnen großen Dosis genossen worden, weil sich dann bei der entzündlichen Wirkung des Giftes krankhafte Erscheinungen gezeigt haben würden. Jedoch konnte eine einzelne reichliche Dosis, wenn auch nicht groß genug, um eine örtliche Entzündung hervorzubringen, doch bei einer einundsiebzigjahrigen Frau, die an Herzerweiterung litt, allgemeine Entkräftung bewirken.

4) Da in Leber und Blut reichlich und im Magen etwas Antimon vorhanden war, hat sie wahrscheinlich innerhalb der letzten Stunden etwas Brechweinstein genossen.

Dr. Penny untersuchte aber auch den Inhalt der bei der Leiche gefundenen Flasche chemisch. Er fand in derselben eine Unze fünf Drachmen Batley's Trank und eine halbe Drachme Brechweinstein. Als er einen Theil der Flüssigkeit verdampfen ließ, brachte der so gewonnene Rückstand auf Zunge und Lippen das eigenthümliche, erst prickelnde, dann betäubende Gefühl hervor, welches ein charakteristisches Merkmal des Aconit, eines aus Eisenhut gewonnenen starken vegetabilischen Giftes bildet. Hierdurch veranlaßt, machte er eine Reihe von Experimenten an Kaninchen, diesen unglücklichen Geschöpfen, die der Wissenschaft in ganzen Hekatomben geopfert werden. Zuerst wurden einer Anzahl Kaninchen verschiedene Quantitäten unvermischten Batley'schen Trankes zwischen der Haut und den Muskeln des Rückens eingespritzt. Die Thiere wurden auf einige Zeit an allen Gliedern gelähmt, schienen mit offenen Augen zu schlafen, genasen aber nach wenigen Stunden vollständig. Andere wurden in derselben Weise mit Batley's Trank geimpft, dem Flemming's Tinctur, ein starkes Aconitpräparat, zugesetzt war. Die Thiere verfielen in Zuckungen, schrien erbärmlich, versuchten mit augenscheinlich gelähmten Gliedern einige Sprünge und sanken dann ermattet zusammen, bis schließlich nach erneuten starken Convulsionen der Tod unter augenblicklicher Erschlaffung aller Glieder erfolgte. Endlich wurde einer dritten Reihe von Kaninchen etwas von dem Inhalt der Flasche eingeimpft, worauf der Tod genau unter denselben Erscheinungen erfolgte wie bei denjenigen, welchen eine Mischung von Batley's Trank und Flemming's Tinctur eingespritzt worden war. Hieraus schließt Dr. Penny, daß sich in der Flasche, außer Batley's Trank und Antimon, auch Aconit befand, dessen Menge er, gleichfalls auf Grund der angestellten Experimente, auf 5–10 Proc. der ganzen Flüssigkeit schätzt. Ein Gutachten über die Todesursache der Frau Taylor zu geben, lehnt er ab, da er nur Chemiker sei, und gibt nur an, daß das beobachtete Erbrechen den Wirkungen von Antimon entspreche.

Auf die Frage des Vertheidigers erklärte er noch, daß Aconit nicht bitter schmeckt, daß Antimon einen metallischen Nachgeschmack hat, daß er aber von einem brennenden Gefühl im Halse nichts verspürt hat. »Wie aber der Geschmack ist, wenn es die Kehle in einer zur Vergiftung hinreichenden Menge passirt, weiß ich nicht«, schließt er zur Erheiterung des Publikums.

Dr. Maclagan gibt hiernach und nachdem er die Krankheitsgeschichte gehört hat, an, daß wahrscheinlich noch ein anderes Gift als Antimon, und zwar ein starkes lähmendes Gift, zum Tode mitgewirkt habe. Die Symptome, sagt er, können durch Aconit hervorgebracht sein, welches die Circulation des Blutes hemmt, die Muskeln lähmt und schließlich durch seine Wirkung auf die Herzmuskeln den Tod herbeiführt. Hiermit stimmen die beobachteten Erscheinungen überein: das Herabsinken des Kopfes auf die Brust, der kaum bemerkbare Athem, der fast ganz unfühlbare Puls, der schläfrig-betäubte Zustand.

Vorsitzender. Schlafsucht, nicht wahr?

Dr. Maclagan. Ich bin nicht sicher, ob es Schlafsucht war, ich glaube eher, es war Betäubung des Gehirns infolge des gehemmten Blutumlaufs. Alles das sind Folgen, welche Aconit hervorzubringen pflegt, und würden sich durch den Genuß von mehr als 5 Gran Aconit, wenn sie so viel genossen hat, erklären lassen. Daß man das Gift im Leichnam nicht vorgefunden hat, ist nicht auffallend, sondern pflegt bei vegetabilischen Giften meist der Fall zu sein, während mineralische sich in den bei weitem meisten Fällen chemisch nachweisen lassen.

Antimon wird durch Erbrechen, Stuhlgang und Urin aus dem Körper rasch ausgeschieden. Dadurch wird der Patient geschwächt und schließlich dessen Tod herbeigeführt. Opium kann dem Antimon insofern entgegenwirken, als die Neigung zum Erbrechen und die Wirkung auf die Eingeweide dadurch geschwächt wird, der lähmende Einfluß auf die Muskeln bleibt aber derselbe. Die an Frau Taylor beobachteten Symptome sind so, wie man sie nach dem Genüsse einer Mischung von Opium, Aconit und Antimon erwarten durfte, da hierbei Aconit, als das stärkste Gift, vorherrschen muß. Daß Frau Taylor kein Opium genommen hätte, kann man nicht behaupten, Symptome von Opiumvergiftung waren aber nicht vorhanden, denn bei einer solchen würde der Puls langsam und voll, der Athem schwer und schnarchend gewesen sein.

Auf Anregung des Vertheidigers wird festgestellt, daß der Athem von Dr. Paterson als schwer bezeichnet worden ist.

Dr. Maclagan. Das ändert meine Ansicht nicht wegen der Beschaffenheit des Pulses, welche von der Wirkung des Aconits auf das Herz zeugt. Schwerer Athem kann Opium, aber auch manches andere anzeigen.

Verteidiger. Dr. Paterson brauchte das Wort Schlafsucht. Zeigt dies Opium an?

Dr. Maclagan. Ja.

Vorsitzender. Nicht Aconit?

Dr. Maclagan. Im allgemeinen nicht, aber hier war mehr Betäubung als wahre Schlafsucht. Manche brauchen dieses Wort, um Bewußtlosigkeit zu bezeichnen.Dr. Paterson hat auch stets von »Schlafsucht oder Bewußtlosigkeit, coma or insensibility«, gesprochen.

Die Zusammenziehung der Pupillen, wie sie bei Frau Taylor beobachtet worden, gilt als Merkmal der Opium- wie der Aconitvergiftung. Ob sie bei letzterer immer eintritt, ist noch fraglich. Wahrscheinlich tritt sie zuerst regelmäßig ein und läßt dann, wenn alle Muskeln erschlaffen, das heißt im Augenblick des Todes, nach. – Nach der Berechnung des Dr. Penny müßte Frau Taylor, um 7 Tropfen Aconit zu genießen, etwa 100 Tropfen aus der Flasche genommen haben.

Vorsitzender. Sind 100 Tropfen von Batley's Trank eine ungewöhnliche Quantität für eine Person, welche an den Genuß desselben gewöhnt war?

Dr. Maclagan. Nein Mylord, es gibt viele Opiumesser, welche Ihnen für 100 Tropfen noch nicht danken würden. (Heiterkeit.)

Vorsitzender. Ich meine eine Person, welche an den mäßigen Genuß gewöhnt war. Würden 100 Tropfen für eine solche zu viel sein?

Dr. Maclagan. O, sie kann ganz gut 100 Tropfen nehmen.

Dr. Littlejohn nimmt unbedenklich an, daß Frau Taylor an Gift gestorben ist, hält aber für schwierig, zu bestimmen, welches Gift ihren Tod herbeigeführt hat. Die Symptome scheinen ihm gemischt aus denen der Antimonvergiftung und der durch ein narkotisches Gift bewirkten. Das Stocken des Blutumlaufs, die Entkräftung, die Krämpfe und die Bewußtlosigkeit sprechen für eine Antimonvergiftung. Es ist jedoch nicht unmöglich, daß Opium zu der Herbeiführung jener Erscheinungen beigetragen hat.

Zum Schluß wird Dr. Paterson nochmals vernommen. Er war, wie er angibt, als er Frau Taylor sah, überzeugt, daß sie durch Opium vergiftet sei, da alle Erscheinungen hierfür sprachen. Er hält auch die genossene Dosis für ausreichend, den Tod herbeizuführen. Hätte sie aber, wie das Auffinden von Antimon in der Leiche ergibt, vorher Brechweinstein genossen, so mußte die Wirkung des Opiums auf den dadurch schon erschöpften Körper um so heftiger sein, und durch den Zusatz von Aconit konnte der tödliche Ausgang nur beschleunigt werden.

»Sie haben zu prüfen«, sagt der Lord-Oberrichter den Geschworenen, »ob es nach den Umständen möglich ist, zu bezweifeln, daß Frau Taylor an Antimon, entweder allein oder in Verbindung mit Aconit und Opium, gestorben ist.« Auch wir müssen diese Prüfung dem Leser überlassen, gestehen aber, daß wir die Möglichkeit eines Zweifels nicht in Abrede zu stellen wagen. Doch ihr Tod war, wie der Staatsanwalt richtig sagt, nur eine Episode in dem Trauerspiele; unzweifelhaft ist, daß Frau Pritchard vergiftet, und zwar, wenn nicht seit noch längerer Zeit, so doch seit ihrer Rückkehr von Edinburgh langsam, durch kleine Dosen von Brechweinstein, vergiftet worden ist; unzweifelhaft, daß weder an Selbstmord noch an einen unglücklichen Zufall hier auch nur gedacht werden kann – unzweifelhaft folglich, daß an ihr, um mit Shakspeare zu reden:

schnöder Mord, wie er aufs beste ist,
Doch dieser unerhört und unnatürlich!

verübt worden ist!

Und dieser Mord mußte verübt sein von jemand, der beständig freien Zutritt zu ihr hatte – von einem Hausgenossen. Unter diesen kommen die Kinder, deren ältestes 11 Jahre zählte (die vierzehnjährige Tochter lebte zu Edinburgh im Hause der Großältern), außer Betracht, ebenso die beiden Mägde Catharine Lattimer und Mary Patterson, von denen die erstere nur bis zum 16. Febr., die zweite erst von da ab im Hause war; es bleiben also nur der Ehemann, Dr. Pritchard, und die Magd Mary M'Leod übrig. Diese beiden waren fortwährend um Frau Pritchard beschäftigt, sie waren es fast ausschließlich, wie die Zeugen übereinstimmend angaben, welche ihr, wenn sie Zimmer und Bett hüten mußte, Speisen und Getränke reichten. Nur Catharine Lattimer brachte ihr bisweilen eine Kartoffel, welche sie gern aß, weil sie ihr am besten bekam, oder ein weiches Ei, sonst wurden ihr die in der Küche zubereiteten Speisen, der im Eßzimmer eingeschenkte Thee entweder von Mary M'Leod in ihr Zimmer getragen, oder von ihrem Gatten, der sie noch außerdem ärztlich behandelte. Gelegenheit also hatte er, den Mord zu vollbringen, und auch die Mittel zur That standen dem Angeklagten zur Verfügung.

Bekanntlich sind die meisten englischen Aerzte gleichzeitig Apotheker und dispensiren einen großen Theil ihrer Arzneien selbst. Dr. Pritchard that dies nur sehr selten. Catharine Lattimer sagt, er habe meist Recepte gegeben, der Student Connell hat nie gesehen, daß er Arzneien zubereitet oder seinen Patienten zugesendet hat, dem Dr. Paterson sagte er selbst, er habe außer etwas Chloroform und Batley's Trank keine Medicamente im Hause. Dessenungeachtet fand der Polizeibeamte M'Call im Sprechzimmer des Angeklagten, in einem unverschlossenen Schranke, eine Anzahl von Flaschen und Schachteln, welche, wir Dr. Penny bekundet, unter anderm Folgendes enthielten:

13½ Gran Morphium,
Gran Brechweinstein,
35 Gran Brechweinstein,
15½ Gran einer Mischung von Brechweinstein und Arsenik,
4 Tropfen Aconit.

John Campbell, Apotheker in Glasgow, weist aus seinen Büchern nach, daß Pritchard seit September 1864 große Quantitäten Gift bei ihm gekauft hat. Unter anderm ist aufgezeichnet:

am 19. Sept. 1864: 10 Gran Strychnin,
"  16. Nov.    "    1 Unze Brechweinstein,
"  24. Nov.    "    1 Unze Aconit,
"   8. Dec.    "    1 Unze Aconit,
                    1 Unze Flemming's Tinctur,
"   7. Febr. 1865:  1 Unze Brechweinstein,
                    1 Unze Aconit,
"   9, Febr.   "    1 Unze Aconit.

Die Menge von Giften, die der Angeklagte kaufte, war dem Zeugen in hohem Grade befremdend. Er erinnert sich nicht, daß je ein Arzt so viel Gift gekauft hätte, und versichert, daß er für seine ganze andere ausgedehnte Kundschaft jährlich nur etwa 2 Unzen Brechweinstein und ebenso viel Aconit gebraucht habe.

Der Chemicalienhändler Currin zu Glasgow hat dem Angeklagten, außer andern giftigen Stoffen, am 18. Febr. 1865 2 Unzen Morphium und 1 Unze Aconit und am 13. März ½ Unze Flemming's Tinctur verkauft.

Allerdings erklären dagegen die Apotheker Simpson und Fairgrieve aus Edinburgh, daß in ihren Geschäften jährlich etwa 50–80 Unzen Flemming's Tinctur abgesetzt werden, und daß es nichts Auffallendes habe, wenn ein Arzt 1 Unze auf einmal kauft. Antimon aber wird, wie Fairgrieve angibt, in neuerer Zeit, seit dem Aufkommen des Krotonöls, fast nur noch von Thierärzten gekauft; der anderweite Bedarf beträgt bei ihm jährlich 2 – 3 Unzen.

Der Angeklagte besaß also Aconit und Antimon in ausreichender Menge, ja seine Vorräthe an letzterm Gifte überstiegen jedenfalls, wenn wir den Aussagen der Zeugen Glauben schenken, seinen Bedarf als Arzt.

Der Schrank, in dem diese Vorräthe aufbewahrt wurden, war freilich, wie die Lattimer angibt, nicht immer verschlossen. Mithin hatte auch Mary M'Leod Zutritt, die einzige Person außer dem Angeklagten, die fast ebenso viel Gelegenheit zum Verbrechen hatte als dieser.

Lassen wir sie einstweilen aus dem Spiele und fragen wir zunächst: »Hatte der Angeklagte, der die Gelegenheit, der die Mittel zur That besaß, auch einen Beweggrund zu derselben?«

Seine Vermögenslage war keine günstige. Bei der Städtischen Bank zu Glasgow war sein Conto am 9. Jan. 1865 mit 114 Pfd. St. belastet, und diese Schuld bis zum 20. März erst bis auf 62 Pfd. St. allmählich abgetragen. Bei der Clydesdaler Bank hatte er im Laufe des November 1864 131 Pfd. St. entliehen. Bei der Schottischen Lebensversicherungsgesellschaft hatte er sein Leben mit 1500 Pfd. St. versichert, auf die Police aber sich bereits 255 Pfd. St. vorauszahlen lassen. Sein Wohnhaus hatte er zu Pfingsten 1864 für 2000 Pfd. St. gekauft, darauf aber erst 400 Pfd. St. angezahlt und den Rest auf dem Hause sichergestellt.

Der zu Portsmouth verstorbene David Cowan hatte seiner Schwester, der Frau Taylor, 3000 Pfd. St. hinterlassen, die in Eisenbahnpapieren angelegt waren. Hiervon realisirte sie, wie der Testamentsexecutor Macbrair bekundet, im Juni 1864 500 Pfd. St., die sie ihrem Schwiegersohne Pritchard zu seinem Hauskaufe zukommen ließ. Nach ihrem Tode fand eine Besprechung zwischen den Erben statt, bei welcher Dr. Cowan erklärte, er habe verstanden, daß Pritchard die 500 Pfd. St. auf dem erkauften Hause sicherstellen solle. Dr. Pritchard entgegnete, er habe dies nicht so verstanden, glaube vielmehr, die Summe ohne jede Bedingung erhalten zu haben; er zeigte sich jedoch bereit, die gewünschte Sicherheit für seine Frau und Kinder zu bestellen.

Frau Taylor hatte nämlich schon am 5. Sept. 1855 ein Testament errichtet. Darin bestimmte sie, daß ein Drittel jener 3000 Pfd. St. ihrem Sohne, dem Dr. Taylor, ausgezahlt, zwei Drittel nach bestem Ermessen der Testamentsvollstrecker zinsbar angelegt werden sollten. Die Zinsen sollte ihre Tochter, Frau Pritchard, erhalten. Sollte diese vor ihrem Ehemanne sterben, so sollten die Zinsen an diesen mit der Verpflichtung, sie zum Besten der Kinder, bis diese das 21. Jahr erreicht hätten, zu verwenden, und von da ab zum eigenen Gebrauch gezahlt werden.

Ob dieses bei jener Zusammenkunft in Edinburgh publicirte Testament dem Dr. Pritchard schon früher bekannt war, weiß Herr Macbrair nicht.

Der ganze durch den Tod der Schwiegermutter zu hoffende Vortheil bestand also für den Angeklagten in den Zinsen von 1500 Pfd. St.; wäre seine Frau am Leben geblieben, so würden die Zinsen allerdings an diese gezahlt worden sein, denn der ehemännliche Nießbrauch daran war testamentarisch ausgeschlossen. Es würde ihm indeß bei den glücklichen Verhältnissen zwischen ihm und seiner Gattin schwerlich das Geld jemals vorenthalten worden sein. Daß dieses Verhältnis ein liebevolles, ja zärtliches war, wissen wir aus der im Eingange unserer Erzählung erwähnten Schilderung des Dr. Cowan, wir wissen es vom alten Herrn Taylor, der allmonatlich mehrere Tage im Pritchard'schen Hause verlebte; wir hören es bestätigt durch die scharfe Beobachterin Catherine Lattimer, die insbesondere anerkennt, wie aufmerksam der Angeklagte sich gegen seine Frau während ihrer Krankheit benommen hat, wir sehen es endlich aus zwei Briefen, die Frau Pritchard im November 1864 aus Edinburgh an ihren Gatten geschrieben hat, mit der liebkosenden Abkürzung in der Ueberschrift: »Mein lieber Tod«, und der Unterschrift: »Immer deine Minnie« – ebenfalls irgendein Liebesname statt ihres wirklichen Vornamens Mary Jane.

War dieses Verhältniß nie getrübt worden?

Wie Mary Patterson, so schildert auch Mary M'Leod den Schmerz des Angeklagten, als seine Gattin für immer die Augen geschlossen. Auch sie erzählt, wie er in der Nacht sie zu sehen, mit ihr zu sprechen gewähnt habe. In diese ergreifende Darstellung des tiefsten bis zu Sinnestäuschungen führenden Seelenleidens fällt wie ein greller Miston die Frage des Staatsanwalts:

»Hat Frau Pritchard jemals gesehen, daß der Doctor sich Vertraulichkeiten gegen Sie erlaubte?«

Die Vertheidigung protestirt gegen die Stellung dieser Frage. Sie finde keine Begründung in der Anklage, und sei in Betreff der Zeit zu unbestimmt.

Sie beziehe sich auf den letzten Sommer, entgegnet der Staatsanwalt.

Dann sei ihre Verbindung mit der Anklage, welche einen viel spätern Zeitraum umfasse, nicht ersichtlich. Der Zweck scheine zu sein, Motive zu einem etwaigen Verbrechen darzulegen. Dies aber hätte in der Anklage erwähnt sein müssen. In ähnlichen Fällen habe der Gerichtshof solche Fragen für unzulässig erachtet.

Nach kurzer Berathung verkündet der Lord-Oberrichter: die angeführten Fälle seien ganz anderer Art gewesen, und da es zur Beurtheilung des vorliegenden Falles sehr erheblich sei, wenn bewiesen werde, daß Angeklagter seiner Ehefrau Anlaß zur Eifersucht gegeben, könne dem Staatsanwalt dieser Beweis nicht abgeschnitten werden.

Mary M'Leod erzählt nun unter Schluchzen und Thränen, oft erst durch wiederholte Fragen und ernste Ermahnungen des Vorsitzenden zur Antwort bewogen, daß ihr Dienstherr sie im Sommer 1864 verführt hat – sie, die damals 15½ Jahre alt war! – und daß Frau Pritchard einmal, als sie unerwartet ins Schlafzimmer trat, sah, wie er sie küßte. Mary selbst sagte nachher der Frau, sie wolle fortziehen, diese erwiderte, sie wolle mit dem Doctor sprechen, er sei ein gemeiner, unanständiger Mensch, ließ sie aber nachher doch nicht ziehen. Mary mußte bald darauf, im Herbst, dem Doctor mittheilen, daß sie schwanger sei! Er entgegnete, er werde alles in Ordnung bringen.

Staatsanwalt. Gab er Ihnen irgendeine Arznei?

Vertheidiger. Soll die Frage dahin gehen, ob er ihr ein Abtreibungsmittel gegeben hat?

Vorsitzender. Erst möchte ich gern wissen, ob ein Kind geboren ist. (Auf dreimalige Frage keine Antwort.) Haben Sie eine Fehlgeburt gethan? – Ja!

Wann? – Im Herbst.

Nach kurzer Debatte erklärt der Gerichtshof die Stellung von Fragen darüber, ob der Angeklagte der Zeugin ein Abtreibungsmittel gegeben, für unzulässig.

Mary erzählt dann unter tiefer Bewegung weiter, daß Pritchard den ehebrecherischen Umgang mit ihr auch nach der Entdeckung durch seine Frau, und insbesondere während diese in Edinburgh war, fortgesetzt hat, stellt aber in Abrede, daß das auch noch nach deren Rückkehr geschehen sei. Ehe Frau Pritchard erkrankte, äußerte er gegen Mary: »wenn sein Weib stürbe, werde er sie heirathen.« Schon 1863 schenkte er ihr einen Ring, später ein Armband mit seiner Photographie, im März 1865 eine Brosche in Gestalt eines Ankers; sein Bild hat er ihr mehrmals geschenkt.

Vertheidiger. Hielten Sie es für Scherz, als Angeklagter mit Ihnen von Heirathen sprach? – Ja!

Vorsitzender. Sie sagen, Sie hätten dies für Scherz gehalten. Nun müssen Sie uns genau mittheilen, was er gesagt hat! – Keine Antwort.

Das ist die letzte Frage, die Sie zu beantworten haben. Wenn Sie aber nicht antworten, so muß ich Sie verhaften lassen. Nun wählen Sie!

Mary M'Leod. Er sagte: Wenn Frau Pritchard vor ihm stürbe, würde er mich heirathen!

Diese von häufigen, oft mehrere Minuten anhaltenden Pausen unterbrochene Aussage machte, wie der Berichterstatter angibt, einen tiefen und schmerzlichen Eindruck auf alle Anwesende. Natürlich! Ein Mann, der bis dahin in allgemeiner Achtung gestanden, unterhält in seinem eigenen Hause, unter den Augen seiner Frau, ein Liebesverhältniß mit seiner Magd, ein Verhältnisß, das nicht in einem kurzen Sinnentaumel beginnt und endet, sondern jahrelang, selbst nach der Entdeckung, fortgesetzt wird! Geschenke werden gegeben und genommen, die nur das Zeichen einer ernsten Neigung zu sein pflegen – Ring und Bild – ja der Tod der Ehefrau wird ins Auge gefaßt, und für diesen Fall sogar die eheliche Verbindung verabredet! Und währenddessen steht er als liebender Gatte, als treuer aufmerksamer ärztlicher Berather am Krankenlager, am Sterbebett der betrogenen Frau, ist seine Mitschuldige deren einzige Pflegerin!

Doch nicht mit der Sittlichkeit des Angeklagten, der hiernach wenigstens als ein vollendeter Heuchler erscheint, haben wir es zu thun, sondern mit der Frage: ob der zu hoffende geringe pecuniäre Vortheil und sein ehebrecherisches Verhältniß zu Mary genügende Beweggründe für den Angeklagten sein konnten, die ihm zur Last gelegten Verbrechen zu begehen. Der Staatsanwalt sagt, derjenige, der überhaupt im Stande gewesen, mit kaltem Blut und ruhiger Ueberlegung zwei Menschen hinzumorden, müsse so verworfen sein, daß seine Gefühle, seine Beweggründe sich der Berechnung entziehen. Der Vorsitzende erinnert daran, daß in der Criminalpraxis nicht selten die Motive zu einem Verbrechen fehlen oder, richtiger gesagt, nicht entdeckt werden, daß, wie Geschichte und Erfahrung lehren, die Motive menschlicher Handlungen oft unerforscht bleiben. Beides ist richtig. Aber auch dem Vertheidiger können wir nicht unrecht geben, wenn er hervorhebt, daß, wenn das Verhältniß zwischen Pritchard und Mary M'Leod einmal einen Beweggrund zum Morde abgegeben haben soll, die letztere mindestens ebenso verdächtig erscheint als der Angeklagte.

Jedenfalls ist dem letztern die Maske als treuer, liebender Gatte vom Antlitz gerissen, hinter der er ungeachtet der vorerwähnten bedenklichen Umstände über jeden Argwohn erhaben dastand, und es ist nun ein Verdachtsmoment hervorzuheben, auf welches der Staatsanwalt mit Recht großes Gewicht legt, und welches den Angeklagten allein belastet.

Dies sind die falschen Angaben, die er über Krankheit und Tod beider Frauen wider besseres Wissen gemacht hat.

Die Krankheit seiner Ehefrau bezeichnete er bald nach deren Rückkehr aus Edinburgh gegen die Studenten King und Connell, und am Sterbebette seiner Schwiegermutter gegen Dr. Paterson als ein gastrisches typhöses Fieber. Dem entsprechend gab er in dem Todtenscheine als Todesursache »gastrisches Fieber, welches zwei Monate gedauert«, an.

Dr. Maclagan und Dr. Littlejohn erklären aber, daß die gesammten Krankheitserscheinungeu nicht den mindesten Anhalt für diese Annahme darboten, ja der erstere versichert, daß kein Arzt von gewöhnlicher Bildung und Intelligenz ein gastrisches oder irgendein anderes Fieber hätte annehmen können.

Der Vertheidiger sucht nachzuweisen, daß hier immerhin ein Irrthum möglich gewesen sei. Aber auch diese Entschuldigung fällt bei dem Tode der Frau Taylor fort. Als Dr. Paterson die Ausstellung des Todtenscheins verweigert hatte, schrieb der Angeklagte in denselben:

»Primäre Todesursache: Lähmung. Dauer: 12 Stunden. Secundäre: Schlagfluß. Dauer 1 Stunde.«

Frau Taylor starb etwa um Mitternacht; am Abend vorher, zwischen 7 und 8 Uhr, hatte er mit der angeblich gelähmten Frau Thee getrunken. In Betreff des Schlagflusses erklärt Dr. Maclagan, daß niemand, der die von Dr. Paterson beschriebenen Erscheinungen gesehen, daraus auf einen Schlaganfall hätte schließen können, und Dr. Littlejohn sagt, nach der Beschreibung des Dr. Paterson sei kein einziges von den charakteristischen Merkmalen der Apoplexie vorhanden gewesen.

Der Vertheidiger hält auch in letzterer Beziehung einen Irrthum für möglich und schreibt die wesentlich falsche Angabe, oder sagen wir kurzweg Lüge, in Betreff der Lähmung einer zarten Rücksicht auf die Gefühle des alten Herrn Taylor zu, der nicht erfahren sollte, daß seine Gattin an übermäßigem Opiumgenuß gestorben sei. Kleinere Unwahrheiten, deren sich Pritchard erweislich schuldig gemacht hat: daß Frau Taylor einige Tage vor ihrem Tode zu viel Liqueur getrunken, daß Dr. Cowan seiner Frau Chloroform angerathen, daß Dr. Paterson ihr starkes Bier verordnet und geäußert habe, sie habe zu viel Wein getrunken, endlich die geheuchelte Ueberraschung nach dem Anblick der Flasche mit Batley's Trank, von der er dem Dr. Paterson schon vorher erzählt hatte – übergehen wir, und haben nur noch auf drei einzelne Vorfälle näher einzugehen, deren ersten der Staatsanwalt selbst für räthselhaft erklärt.

Am 13. Febr. ließ Frau Pritchard durch Mary M'Leod die Köchin, damals noch Catharine Lattimer, anweisen, etwas Sagowasser für sie zu bereiten. Es wurde durch eins der Kinder Sago aus dem Laden von Burton und Henderson geholt, und, wie Mary behauptet, zuerst ihr übergeben, von ihr auf einen Tisch im Vorsaal niedergelegt und kurz darauf von Frau Taylor der Köchin gebracht. Catharine kochte eine halbe Tasse voll; Mary nahm sie in Empfang und sagte, sie wolle sie ins Speisezimmer tragen, da Frau Taylor sie von dort aus ihrer Tochter hinaufbringen wolle. Sie erzählte nachher Catharine, die Tasse habe etwa ½ Stunde im Speisezimmer gestanden. Später fragte diese Frau Pritchard, wie der Sago geschmeckt habe. Letztere und Frau Taylor entgegneten, er habe schlecht geschmeckt; Catharine, welche versichert, nichts als Sago und Wasser verwendet, auch weder Salz noch Zucker hinzugethan zu haben, schob dies darauf, daß das Getränk zu lange gestanden, und legte die Düte mit dem Sago in einen Küchenschrank. Nach der Verhaftung des Angeklagten von einem Polizeibeamten danach gefragt, fand sie dieselbe anscheinend unverändert dort vor.

Wir haben schon erwähnt, daß Frau Taylor in diesen Tagen – und, wie die Lattimer versichert, ist nur einmal Sago gekocht worden – dem Studenten Connell klagte, sie sei nach dem Genusse von Sago, der für ihre Tochter bestimmt gewesen, von Uebelkeit und Erbrechen befallen worden.

Der Inhalt der Düte wurde von Dr. Penny untersucht. Dieselbe enthielt 2850 Gran Sago, dem Brechweinstein in einer Menge von 4,62 Gran aufs Pfund beigemischt war.

Ein Polizeibeamter kaufte bei Burton und Henderson eine Quantität Sago, wie Henderson versichert von demselben Vorrath als der an Pritchard verkaufte. Diesen fand Dr. Penny frei von jeder fremdartigen Beimischung.

Hier bemerkt nun freilich die Vertheidigung mit Recht, es fehle jeder Beweis dafür, daß Pritchard irgendetwas mit dem Sago zu thun gehabt, ja daß er sich nur zu jener Zeit zu Hause befunden, dagegen stehe fett, daß das Material sowol als das zubereitete Getränk durch Mary M'Leod's Hände gegangen sei. Wenn er außerdem rügt, daß vom Staatsanwalt wol an Catharine, nicht aber au Mary die Frage gerichtet worden: ob sie etwas in den Sago gethan, so wissen wir freilich nicht, ob nach englischem Recht einem vereideten Zeugen eine Frage vorgelegt werden darf, deren Beantwortung ihm vielleicht nur die Alternative läßt, entweder einen Meineid zu begehen oder sich selbst eines Verbrechens schuldig zu bekennen!

In zwei andern Fällen lassen sich nach der Ansicht des Staatsanwalts »vergiftete Gegenstände von der Hand des Angeklagten bis zu seinem Opfer verfolgen«.

Am 13. März aßen, wie Mary L'Leod angibt, Pritchard, die Kinder, King und Connell zusammen Abendbrot. Pritchard schnitt ein Stück Käse ab und schickte es durch Mary seiner Frau hinauf. Diese kostete davon und forderte auch Mary auf, dies zu thun. Mary nahm ein ganz kleines Stück davon; es »schmeckte heiß«, d.h. wie sie ans Befragen erklärt, es brannte wie Pfeffer in der Kehle, auch hatte sie etwas Durst danach. Frau Pritchard aß nichts mehr davon. Am nächsten Morgen fand Mary Patterson ein kleines Stück Käse in der Speisekammer. Sie aß davon etwa so viel als eine große Erbse. Es schmeckte bitter, sie fühlte Brennen in der Kehle und nach etwa 20 Minuten traten Uebelkeit und Erbrechen sowie Schmerzen im Magen ein, die mehrere Stunden anhielten.

Dr. Littlejohn hat sich durch Versuche überzeugt, daß Antimon stets Brennen in der Kehle hervorbringt.

Am 15. März, abends zwischen 10–11 Uhr, rief Dr. Pritchard Mary Patterson aus der Küche herauf, gab ihr ein Ei und wies sie an, für seine Frau ein Glas Eierflip (ein Getränk aus Bier, Whisky, Wasser, Ei und Zucker) zu bereiten. Nach seiner Anweisung schlug sie in der neben dem Eßzimmer belegenen Speisekammer das Ei in ein Porterglas und quirlte es. Darauf sagte er, er wolle etwas Zucker holen, ging aus der Speisekammer in das Eßzimmer, von da in das Sprechzimmer, kam dann wieder in die Speisekammer und that zwei Stücken Zucker in das Glas. Den Whisky, sagte er, wolle er oben aufgießen. Inzwischen kam Mary M'Leod mit der Nachricht, Frau Pritchard wolle noch nicht trinken. Die Patterson ließ das Glas in der Speisekammer stehen und ging in die Küche. Nach einer Viertelstunde kam Mary M'Leod mit dem Glase herab und sagte, die Patterson solle nun heißes Wasser aufgießen und dann kosten. Diese nahm etwa einen Theelöffel voll und äußerte alsbald: es habe einen schrecklichen, oder einen bittern Geschmack. Die M'Leod brachte nach ihrer eigenen Angabe das Getränk der Frau Pritchard, die etwa ein Weinglas voll davon genoß, und sehr bald darauf von Erbrechen befallen wurde. Die Patterson aber erzählt, sie habe dasselbe Brennen in der Kehle verspürt wie nach dem Käse, habe während der Nacht mehrmals erbrechen müssen, und sich so krank gefühlt, »daß sie glaubte, sie werde allein in ihrem Zimmer sterben müssen, ohne eines Menschen Antlitz zu sehen«.

Käse und Flip sind durch die Hand des Angeklagten, aber, wie der Vertheidiger richtig hervorhebt, auch durch die von Mary M'Leod gegangen. Auch darin müssen wir ihm recht geben, daß der Angeklagte den Käse wol kaum im Beisein seiner Kinder und Kostgänger vergiften konnte!

Hiermit ist das Beweismaterial gegen den Angeklagten erschöpft. Er selbst hat im Laufe der Voruntersuchung zwei Erklärungen zu Protokoll gegeben. Die erste, wonach er seine Frau ärztlich behandelt, und ihr vor mehrern Jahren einmal Antimon als Arznei verabreicht, neuerdings aber ihr weder Antimon noch einen andern tödlichen Stoff beigebracht habe. Die zweite geht dahin, er sei noch immer der Meinung, daß Frau Taylor an Lähmung und Schlagfluß gestorben, und habe ihr niemals Gift beigebracht. Auf den Rath seines Vertheidigers hat er es abgelehnt, weitere Fragen zu beantworten.

Ein Verhör des Angeklagten in der Schwurgerichtsverhandlung ist nach dem englischen Verfahren, wie unsere Leser aus andern Fällen wissen, nicht gestattet.

Nach dem Schlusse der Beweisaufnahme, deren Ergebnisse wir in Vorstehendem in übersichtlicher Anordnung darzustellen versucht haben, ergreifen Staatsanwalt und Vertheidiger das Wort, Ihre Erklärungen sind theilweise schon vorweg, bei den einzelnen Theilen des Beweisverfahrens, angeführt, und es wird eine ganz kurze Darstellung des Hauptinhalts ihrer Reden genügen.

Der Staatsanwalt hält es für erwiesen, daß beide Frauen vergiftet wurden. Er führt aus, daß in beiden Fällen der Mörder ein Hausgenosse, der beständigen Zutritt zu den Opfern gehabt, gewesen sein müsse, daß aber andere Personen, bei denen dies zutreffe, nicht vorhanden seien, als der Angeklagte und Mary M'Leod.

»Aber wenn Sie zunächst den Mord der Frau Pritchard ins Auge fassen – ist der Angeklagte dessen nicht unwiderleglich überführt? Dies ist ein Mord, bei dem Sie die Hand eines Arztes erkennen! Eine allmähliche Vergiftung, stark genug, nicht um zu tödten, aber um zu schwächen; einen Tag unterbrochen, dann wieder aufgenommen – einen Tag besser, zwei schlechter. Während der ganzen Zeit zeigen sich an der Patientin die Wirkungen einer Antimonvergiftung, Erbrechen uud Abführen. Dies dauert einen längern Zeitraum hindurch und zwar unter den Augen eines Arztes, des Ehemanns des Opfers, der sie stets aus nächster Nähe beobachtet. Glauben Sie, daß das ein siebzehnjähriges Mädchen gethan hat? Sie wußte nichts von Antimon! Wenn aber Mary M'Leod es nicht gethan hat, so muß es der Angeklagte gethan haben.«

Der Staatsanwalt deutet an, daß er den Beweggrund zur That in dem Verhältnisse zwischen dem Angeklagten und Mary M'Leod finde, er erwähnt, daß diesem die Gelegenheit und die Mittel zur That zur Verfügung standen, und erörtert dann die beiden Vorfälle mit dem Käse und dem Flip.

Das Motiv zur Vergiftung der Frau Taylor erblickte er darin, daß Pritchard in schlechten Vermögensverhältnissen war und durch ihren Tod als jährliche Rente die Zinsen von 1500 Pfd. St. erbte. »Wer immer den Mord vollbracht haben mag, der muß jedes menschlichen Gefühls bar gewesen sein. Bei einem solchen kann man auch ein so niedriges Motiv als bestimmend annehmen.«

In der Flasche fand sich Antimon und Aconit, dem Opium beigemischt. »Hier können Sie wieder die Hand des Arztes nicht verkennen. Ein Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren wird gewiß der Flasche nicht Aconit und Antimon beigemischt haben. Das ist kunstvoll bewerkstelligt. Und es muß vor dem Tode der alten Dame geschehen sein, denn alle Symptome ihrer Krankheit lassen sich nur durch den Genuß dieser Gifte erklären.«

Nach Anführung der falschen Angaben, deren der Angeklagte sich wiederholt schuldig gemacht hat, erwähnt der Staatsanwalt noch die Vergiftung des Sago, er behauptet, derselbe sei für Frau Pritchard bestimmt gewesen; wenn aber ein anderer zufällig davon genossen hatte, so würde dies eben nur ein unangenehmer Zufall, nicht mehr, gewesen sein, da die einzelne Dosis nur ein vorübergehendes Unwohlsein herbeiführen konnte. So haben auch der Student Connell, ja der Angeklagte selbst einmal vergiftete Speisen genossen, was in diesem Hause sehr leicht vorkommen konnte, ohne daß es den Angeklagten irgend beunruhigt hätte.

Er schließt mit der Ermahnung an die Geschworenen: »nachdem sie die kräftige, und, wie er überzeugt sei, ebenso anständige als tüchtige Vertheidigungsrede, welche sein Freund, Herr Clerk, für den Angeklagten halten werde, gehört haben würden«, gewissenhaft ihre Pflicht zu thun.

Der Grundgedanke der Verteidigung läßt sich dahin zusammenfassen: daß Mary M'Leod die eigentlich Verdächtige sei.

Die unbedeuteude Erbschaft konnte den Angeklagten unmöglich zum Morde verleiten. Daß zwischen ihm und Mary von Heirath gesprochen worden, mag wol das Motiv zum Verbrechen gewesen sein, aber nicht das des Dr. Pritchard. Es ist nicht richtig, daß die Art der Vergiftung die Hand des Arztes verräth: ein solcher würde nicht mineralische Gifte angewendet haben, die stets im Körper nachweisbar, sondern vegetabilische, die unentdeckbar sind. Daß Pritchard Gelegenheit zum Morde gehabt, folgt aus seinem Verhältnis zu den Gemordeten, kann ihn aber so wenig verdächtigen, als der Besitz von Giften, die er als Arzt haben mußte und öffentlich in den Apotheken gekauft hat. Dieselbe Gelegenheit hatte aber auch Mary, und die Gifte waren ihr, da der Schrank unvorsichtigerweise häufig offen gelassen wurde, auch zugänglich.

Es ist nicht erwiesen, daß Frau Taylor durch Antimon- oder Aconitvergiftung gestorben ist. Nimmt man es aber auch an, so fehlt doch jeder Beweis dafür, daß Pritchard die Flasche mit Batley's Trank jemals in Händen gehabt hat, während Mary sie im Laden hat füllen lassen und der Frau Taylor überbracht hat.

Alle Speisen und Getränke sind durch Mary's Hände gegangen. Nachgewiesen ist dies besonders vom Sago sowie vom Flip und Käse, wenn man hier überhaupt eine Vergiftung als erwiesen annehmen will.

»Der Fall ist völlig unglaublich! Die Krone erkennt ihre Verpflichtung, den allerklarsten Beweis zu führen, an. Und doch beschränkt sich die durchdachte Rede des Solicitor-General darauf, daß es nur zwei Personen gab, die das Verbrechen verüben konnten – den Angeklagten und Mary. Mary's Hand ist in Verbindung mit jedem der Fälle, in denen vergiftete Speise verabfolgt wurde, und dennoch verlangt die Krone von Ihnen, daß Sie sie für nicht schuldig und demgemäß den Angeklagten für schuldig halten sollen. Wenn von zwei Personen eine das Verbrechen verübt hat, hat die Krone ganz gewiß die Pflicht, eine von diesen beiden von der Möglichkeit der Verübung auszuschließen, und diese Pflicht erfüllt sie durchaus nicht durch Abstellung der Ansicht: es sei unwahrscheinlich, daß ein Mädchen von 17 Jahren dieses Verbrechen verübt hätte.«

Der Vertheidiger schließt mit dem Antrage auf Freisprechung. Es beginnt nun das meisterhafte Résumé des vorsitzenden Lord-Oberrichters, welches in einer etwa vierstündigen Rede alles erschöpft, was zu Gunsten und zum Nachtheil des Angeklagten zu sagen ist, ohne dabei zu verbergen, daß er an dessen Schuld nicht zweifelt.

Wir heben nur zwei Punkte daraus hervor. Erstens macht er in Betreff der Frau Taylor darauf aufmerksam, es sei wol kaum als erwiesen anzunehmen, daß die Aussicht auf deren geringe Erbschaft den Angeklagten zum Morde veranlaßt habe, wenn man aber annähme, daß ihn das unerlaubte Verhältniß zu Mary M'Leod zum Morde seiner Ehefrau bewogen habe, erkläre sich hieraus auch die Ermordung der Schwiegermutter, denn ihre Anwesenheit war für ihn ein großes Hiuderniß auf dem Pfade des erstgedachten Verbrechens.

Das ist unzweifelhaft richtig. Mutter und Tochter waren beständig zusammen; der letztern konnte keine Speise gereicht werden, ohne daß zu befürchten war, auch die erstere werde davon genießen. Traten aber wiederholt bei beiden nach dem Genüsse derselben Nahrungsmittel die gleichen krankhaften Erscheinungen ein, so mußte schließlich das vertrauensvollste Gemüth Verdacht schöpfen. Deshalb mußte die Mutter beseitigt oder der schon so schrecklich weit durchgeführte Mordplan gegen die Tochter aufgegeben werden.

Zweitens geben wir seine Ausführung über den gegen Mary M'Leod aufgestellten Verdacht wörtlich wieder. Sie erschöpft alles, was hierüber zu sagen ist:

»Wenn ich die Ansicht des Verteidigers richtig aufgefaßt habe, so hält er Mary M'Leod für die Urheberin beider Mordthaten, und fordert Sie auf, zwischen ihr und dem Angeklagten zu wählen, und nach Abwägung der Wahrscheinlickkeitsgründe zu entscheiden, wer von diesen beiden der Thäter war. Meine Herren, dies bringt Sie in eine sehr schwierige Lage. Wenn es nöthig ist, daß Sie zwischen diesen beiden bestimmt entscheiden, so muß es geschehen. Aber der Vertheidiger scheint mir die Möglichkeit nicht genügend ins Auge gefaßt zu haben, daß beide in die Sache verwickelt sein könnten, und, wenn dem so wäre, so würden wir, wie ich glaube, nur geringen Zweifel hegen, wer der Meister, wer der Gehülfe war, und, obschon einer die thätige Hand gewesen sein mag, die das Gift verabreichte, könnten Sie doch sehr wenig zweifeln, wer der Urheber war und wer die andere Rolle spielte. Und in der That, sollten Sie zu diesem Schlüsse gelangen, so würde jedes Moment, welches der Vertheidiger zum Beweise der Schuld von Mary M'Leod anführt, zu einem Beweismoment gegen den Angeklagten werden. Meine Herren, ich fordere nicht von Ihnen, daß Sie diese Ansicht annehmen. Im Gegentheil, ich halte es für vollkommen recht, daß Sie auf der Wagschale der Wahrscheinlichkeitsgründe, wie sehr richtig gesagt wurde, erwägen, welcher von den beiden das Verbrechen vollbracht hat, und wenn Sie dies erwägen, müssen Sie nothwendig beachten: daß die Vergiftung, wenn sie überhaupt bewiesen ist, sich über einen beträchllichen Zeitraum erstreckt hat – daß das Gift in Dosen beigebracht ist, deren jede, ungenügend den Tod herbeizuführen, genügend war, durch das bewirkte Leiden, durch die allmähliche Schwächung des Opfers schließlich zu dem verhängnißvollen Ende zu führen. Ist es denkbar, daß ein Mädchen von 15–16 Jahren, eine Dienstmagd, solchen Plan erdacht und ausgeführt haben sollte? und, wenn sie ihn erdacht, konnte sie ihn ausführen in diesem Hause, unter den Augen des Gatten ihres Opfers, der noch dazu Arzt war? Meine Herren, das ist in der That schwer zu glauben! Wenn Sie dagegen annehmen, daß der Angeklagte derjenige war, der diesen verruchten Plan ersonnen hat, ist es nicht so schwer zu glauben, daß Mary M'Leod das unbewußte Werkzeug zu diesem Zwecke gewesen sein kann, nichts argwöhnend, nichts wissend von dem, was geschah, nur große Aufmerksamkeit in dem Benehmen des Angeklagten gegen ihre Herrin erblickend, und beide sterben sehend, Frau Pritchard nicht plötzlich, Frau Taylor zwar plötzlich, aber in einer Art, die der Angeklagte als Arzt zu erklären wußte.«

Die Anklage war von vornherein weit genug gefaßt, um die Geschworenen der Nothwendigkeit zu überheben, sich über die Alternative: ob der Angeklagte der Thäter, ob er nur der Anstifter war, klar zu werden. Sie lautet, wie wir hier nachholen, so: »Eduard William Pritchard! Sie werden angeklagt, obschon nach den Gesetzen dieses und jedes andern gut regierten Staats Mord ein scheußliches und höchst strafbares Verbrechen ist, sich dessen dennoch als Urheber oder Theilnehmer schuldig gemacht zu haben, insofern, als Sie der verstorbenen Frau Taylor in Sago, Porter, Bier und einer Arznei, genannt Batley's Trank, oder in einem oder mehrern hiervon, oder in einer andern dem Staatsanwalt unbekannten Arznei, oder in andern dem Staatsanwalt unbekannten Getränken oder Speisen, oder auf andere dem Staatsanwalt unbekannte Art, Brechweinstein, Aconit und Opium, oder eins oder mehreres hiervon, oder ein anderes Gift oder andere Gifte, die dem Staatsanwalt unbekannt sind, beigebracht haben oder veranlaßt haben, daß es von ihr genossen ist.« Ganz ähnlich war die Anklage in Betreff des Mordes seiner Ehefrau gefaßt.

Die Geschworenen sprachen nach einstündiger Berathung in Betreff beider Anklagepunkte das Schuldig gegen den Angeklagten aus. Mehrere von ihnen weinten, als sie in den Saal zurückkamen. Hierauf wandte sich der Lord-Oberrichter mit folgenden Worten zum Angeklagten:

»Eduard William Pritchard, Sie sind durch den einstimmigen Spruch der Geschworenen der beiden Mordthaten schuldig befunden, deren Sie angeklagt sind, und der Spruch ist auf Grund eines Beweises gefällt, der, wie ich glaube, keinem verständigen Menschen den geringsten Zweifel an Ihrer Schuld verstattet. Sie wissen, daß auf diesen Spruch nur Ein Urtheil gefällt werden kann. (Der Angeklagte verneigt sich.) Sie müssen zur schwersten gesetzlichen Strafe verurtheilt werden. (Der Angeklagte verneigt sich abermals.) Ich bin weder verpflichtet noch geneigt, ein Wort zu sagen, welches das Schreckliche Ihrer Lage noch erschweren könnte. Ich überlasse den Dienern der Religion, Ermahnungen zur Reue an Sie zu richten, welche, wie ich hoffe, durch Gottes Segen guten Erfolg haben werden. Lassen Sie mich Sie nur erinnern, daß Sie nur noch sehr kurze Zeit zu leben haben, ich bitte Sie dringend, dieselbe zu benutzen und um Vergebung für Ihre schrecklichen Verbrechen zu flehen. Hören Sie nun das Urtheil, das ich zu verkünden habe!«

Der Lord-Oberrichter setzt das schwarze Baret auf und verliest folgendes Urtheil:

»In Anbetracht des vorher vorgetragenen Wahrspruchs urtheilen und erkennen der Lord-Oberrichter und die beisitzenden Lords:

Daß der Angeklagte, Eduard William Pritchard, von hier nach dem Gefängniß von Edinburgh zurück, von da unter sicherer Bedeckung nach dem Gefängniß von Glasgow zu bringen, darin in Haft bei Wasser und Brot bis zum 28. Juli d. J. zu halten, und an diesem Tage, zwischen 8 und 10 Uhr vormittags, aus besagtem Gefängniß auf den öffentlichen Hinrichtungsplatz der Stadt Glasgow, oder auf den von den Behörden von Glasgow zum Hinrichtungsort bestimmten Platz zu bringen, und dort durch die Hand des öffentlichen Nachrichters am Halse aufzuhängen, bis er todt ist;

und verordnen, daß sein Leichnam innerhalb des Gebiets des Gefängnisses zu Glasgow beerdigt werde;

und verordnen ferner, daß sein ganzes bewegliches Hab und Gut der Krone verfallen ist.«

Dann nimmt der Lord-Oberrichter das schwarze Baret ab und schließt: »Gott sei Ihrer Seele gnädig!«

Der Angeklagte verneigte sich tief vor den Geschworenen und dem Gerichtshofe. Er war sehr bewegt und stützte sich schwer auf den Arm des neben ihm sitzenden Polizeibeamten.

 

Etwa vierzehn Tage später brachte eine londoner Zeitung die Nachricht, Pritchard habe, dem Vernehmen nach auf die Bitten seiner ältesten Tochter, gestanden, daß er seine Frau, aber bestritten, daß er Frau Taylor vergiftet habe. Dagegen habe er zugegeben, daß er nach dem Tode der letztern in ihre Flasche mit Batley's Trank Aconit gethan habe.

Das wäre die Handlung eines Wahnsinnigen gewesen! Wer aber weiß, wie schwer es hält, selbst von Verbrechern, die in allen wesentlichen Punkten geständig sind, ein ganz unumwundenes Geständniß zu erlangen, und wie sie fast ausnahmslos wenigstens in einem, oft ganz nebensächlichen Punkte von der Wahrheit abweichen, wird diese Angabe ganz erklärlich finden.

Dieselbe Zeitung bringt später die kurze Notiz: »Pritchard wurde am 28. Juli in Glasgow hingerichtet. Er erkannte die Gerechtigkeit des Urteils an.«

Wir hätten dem nichts mehr hinzuzufügen, wenn unser Gewährsmann nicht seinem Bericht eine Vorrede vorangeschickt hätte, die wir absichtlich dem unserigen erst zum Schlusse anfügen. Sie lautet, nach den im Eingang gegebenen Notizen über Pritchard, folgendermaßen:

»Während er des durch Thätigkeit und Verdienst erworbenen allgemeinen Vertrauens genoß, wurde die Aufmerksamkeit des Publikums durch einen schrecklichen Vorfall auf ihn gelenkt, der sich am 5. Mai 1863 in seinem Hause, damals Barkeleystraße Nr. 11, zutrug. Der »Glasgow Herald« erzählt das Ereigniß folgendermaßen:

» Unglücksfall – ein Mädchen verbrannt.

Gestern früh ereignete sich ein trauriger Vorfall in der Wohnung des Dr. Pritchard, Barkeleystraße Nr. 11. Das Haus, auf der Nordseite der Straße belegen, hat zwei Stockwerke und Bodenräume; das Schlafgemach der Mägde ist im obern Stock, nach der Straße heraus. Um 3 Uhr sah einer der in der Nähe des Hauses stationirten Constabler durch eins der Bodenfenster einen Feuerschein, er eilte sofort an die Hausthür und zog die Schelle. Die Thür wurde von Dr. Pritchard geöffnet, der in einem Zimmer des ersten Stockwerks geschlafen hatte und wenige Minuten vorher von seinen Söhnen, die in einem Nebenzimmer schliefen, durch den Ruf: Papa, Papa! geweckt worden war. Er stand auf und fand, als er die Stubenthür geöffnet, zu seinem Schrecken den Flur voll Rauch. Augenscheinlich war Feuer im Hause, Er eilte in das oberste Stockwerk hinauf, stieß die Thür zum Mädchenzimmer auf und rief: Elisabeth! erhielt aber keine Antwort. Das Zimmer war so vollständig mit Rauch angefüllt, daß er nicht eindringen konnte. Als er hinabeilte, um Lärm zu machen, wurde geschellt, er ließ den Constabler ein und sagte demselben, daß die Magd oben schlafe. Die schleunigst durch den Telegraphen alarmirte Feuerwehr löschte das Feuer. Als man die Mägdestube betrat, hatte man einen schrecklichen Anblick. Das arme Mädchen, Elisabeth M'Gire mit Namen, wurde todt in ihrem Bett gefunden; ihr Körper war eine verkohlte Masse. Das Bett stand in der nordwestlichen Ecke des Zimmers, der Körper lag auf der Vorderseite des Bettes, das Haupt gegen Westen. Der Leichnam lag auf dem Rücken, der linke Arm dicht an der Seite, der rechte schien gebogen gewesen zn sein, an dieser Stelle hatte das Feuer so heftig gewüthet, daß der Arm von der Hand bis zum Einbogen völlig verzehrt war; der Kopf war eine verkohlte Masse, von der Brust das Fleisch dergestalt verbrannt, daß die Rippen sichtbar waren. Die durch die Strümpfe und die Bettdecke geschützten Beine waren verhältnißmäßig wenig beschädigt, nur die Zehen waren verkohlt. Das Feuer war augenscheinlich am Kopfende des Bettes ausgebrochen, denn an dieser Stelle des Zimmers waren der Fußboden durchgebrannt und die die Decke des Gesellschaftszimmers bildenden Balken stark verkohlt. Das Dach war, bis auf eine Stelle der Rückseite, völlig zerstört. Dr. Pritchard sah, als er am Montag Abend um 11 Uhr nach Hause kam, Licht im Mägdezimmer. Er trat ins Haus und unterließ, gegen seine sonstige Gewohnheit, sich bei der Magd zu erkundigen, ob jemand nach ihm gefragt habe. Nachdem er noch im Schlafzimmer seiner Söhne gewesen, legte er sich um 12 Uhr zu Bett. Man sagt, daß das arme, auf eine so furchtbare Weise gestorbene Mädchen gewöhnt war, im Bett zu lesen, und vermuthet, daß, nachdem sie eingeschlafen, die nahe am Kopfende des Bettes befindliche Gasflamme die Bettvorhänge entzündet hat, und daß die Verstorbene durch den Rauch erstickt ist. Dieses wird noch wahrscheinlicher durch die Lage des Körpers, denn wenn die Verstorbene nicht im Schlafe erstickt wäre, würde sie einen Versuch zur Flucht gemacht haben und der Körper in anderer Lage gefunden worden sein. Die andere Magd war zufällig mit Frau Pritchard verreist, und möglicherweise hat in deren Abwesenheit die M'Gire länger als gewöhnlich gelesen und ist eingeschlafen, ohne die Gasflamme auszulöschen. Der Schaden am Hause ist, soviel wir wissen, durch Versicherung gedeckt.»

»So erzählten die Zeitungen den Vorfall, und zwar in Betreff des im Hause vor dem Erscheinen des Polizeibeamten Geschehenen, natürlich nach Mittheilungen des Dr. Pritchard selbst. Dazu wurden später Zusätze gemacht, welche die Sache noch räthselhafter erscheinen ließen. Man sagte, die Versicherungsgesellschaft verweigere die Zahlung für den erstandeneu Schaden, aber worauf diese später zurückgenommene Weigerung beruhen sollte, wurde nicht bekannt. Ebenso erzählte man, das Mädchen sei schwanger gewesen, allein wir haben weder eine amtliche Gewähr für diese Angabe noch wissen wir, ob eine gerichtliche Leichenschau stattgefunden hat.

»Aber, abgesehen von diesen Angaben, welche, wären sie richtig gewesen, zu weiterer Nachforschung seitens der Behörden geführt haben würden, kann wol niemand die Erzählung, die wir mitgetheilt, lesen, ohne zu fühlen, daß danach die über die Todesart des Mädchens aufgestellte Ansicht nicht haltbar ist. Uebergehen wir gewisse Incidenzpunkte als lediglich auffallend – daß z. B. Dr. Pritchard erst an die Hausthür kommt (angekleidet, wie man annehmen muß, denn das Gegentheil ergibt sich nicht aus dem Bericht), als der Polizeibeamte schellt, obschon er bereits einige Zeit vorher oben gewesen zu sein angibt; die Abwesenheit der Frau Pritchard und der andern Magd; die gerade in dieser Nacht vorgekommene Abweichung von seiner täglichen Gewohnheit, die Magd zu fragen, ob jemand ihn habe sprechen wollen; schweigen wir von der Unwahrscheinlichkeit, daß ein Buch so verbrennen sollte, daß jede Spur desselben verschwindet; die Versicherung endlich ist etwas zu Gewöhnliches, um viel Beachtung zu verdienen. Aber es erfordert ein starkes Maß großer Leichtgläubigkeit, anzunehmen, daß das Mädchen unter den angegebenen Umständen nicht durch die nur wenige Fuß vom Bett entfernte Thür entflohen sein oder nicht wenigstens einen VersuchSehr wahr. Dem Erstickungstod geht stets ein Todeskampf voran; die Leichen Erstickter findet man fast ausnahmlos vor dem Bette auf dem Fußboden liegend. hierzu gemacht haben sollte, oder daß schlimmstenfalls nicht die Lage des Körpers, die Zusammenziehung oder Verdrehung der Muskeln die gewöhnlichen Anzeichen des Schmerzes dargeboten hätten. Wir können leicht Fälle denken, in denen jemand durch die plötzliche Einwirkung starken Qualms, wenn er in tiefem Schlafe liegt, so plötzlich ohnmächtig wird, daß er erstickt, wo er liegt, aber selbst dann würden sich immerhin Zusammenziehungen und Verdrehungen zeigen; in diesem Falle aber entsteht der Rauch in dem Zimmer, und man kann kaum glauben, daß ein junges, kräftiges Weib nicht bei der ersten Anwandlung von Erstickung entweder einen Fluchtversuch oder eine willkürliche oder unwillkürliche Muskelbewegung gemacht hätte. So vollständige Ruhe, wie angegeben ist, scheint an physische Unmöglichkeit zu grenzen. Die einzige Vermuthung, nach welcher die Geschichtserzählung mit den Naturgesetzen in Einklang kommt, ist, daß das Mädchen, ehe das Feuer ausbrach, todt oder durch irgendein Einschläferungsmittel betäubt war. Welches die todbringenden Mittel waren, welche Hand die Flamme entzündet habe, muß dem Urtheil oder der Einbildungskraft des Lesers überlassen bleiben.«

Der Bericht läßt an Vollständigkeit vieles zu wünschen. Aber er zeigt doch, daß schon früher schwerer Verdacht gegen Dr. Pritchard rege geworden ist – und Elisabeth M'Gire war die unmittelbare Vorgängerin von Mary M'Leod, die zu Pfingsten 1863 ihren Dienst im Pritchard'schen Hause antrat!

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