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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF.-A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeZweiter Band
editorFortgesetzt von Dr. A. Bollert
year1867
firstpub1867
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060211
projectiddf8434fe
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Die Meuterei aus der Insel du Levant.

1866 und 1867

Nach französischem Strafrecht werden Personen, welche das 16. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben, insofern überhaupt festgestellt wird, daß sie mit Unterscheidungsvermögen gehandelt haben, mit Einsperrung in ein Besserungshaus, deren Dauer bis zu 20 Jahren steigen kann, bestraft. Wenn der Angeklagte ohne Unterscheidungsvermögen gehandelt hat, so muß er für nicht schuldig erklärt und kann seiner Familie zurückgegeben, aber auch auf bestimmte Zeit, höchstens bis zu seinem 20. Lebensjahre, zur Erziehung in ein Besserungshaus gebracht werden.

Man verwendet die jugendlichen Verbrecher vorzugsweise gern in Ackerbaucolonien. Nach einem Gesetze von 1850 dürfen solche Colonien auch von Privatpersonen errichtet werden, jedoch müssen sich dieselben zur Bewachung, Erziehung und sittlichen Hebung der Sträflinge verpflichten, und der Staat übt natürlich die Oberaufsicht aus.

Eine derartige Colonie wurde 1860 vom Grafen Pourtalès auf einer der Hyèrischen Inseln, der Insel du Levant, im Mittelmeere unweit Toulon gegründet. Die Insel war früher nur von wenigen Fischern bewohnt; sie umfaßt etwa 1400 Hektaren fast durchweg culturfähigen Bodens, von dem bisher 80 Hektaren bebaut sind; der Rest ist mit Wäldern von Myrten, Mastixbäumen, Schirmtannen bedeckt. Einige neuangelegte Weinberge liefern vorzüglichen Wein. Das Klima wird als außerordentlich günstig geschildert, ein Berichterstatter nennt die Insel geradezu »den schönsten Ort der Welt«. Wichtiger als seine etwas überschwengliche Schilderung ihrer landschaftlichen Schönheit ist seine Versicherung, daß die sämmtlichen dort detinirten Knaben und Jünglinge sich der besten Gesundheit erfreuten, ihre Arbeiten mit Lust und Liebe verrichteten und sich ohne besondere Anstrengung noch einen namhaften Ueberverdienst erwerben konnten, der ihnen bei der Entlassung eingehändigt wurde. An der Spitze der Anstalt stand Herr Fauveau, Unser Gewährsmann sagt – wohl zu merken vor Beginn der Gerichtsverhandlungen –, »der Director versteht sich ganz wunderbar auf Erziehung und Besserung von Kindern. Er hat seinen Beruf als den eines Apostels aufgefaßt, er mischt sich täglich unter die Schar der ihm anvertrauten Kinder, denen er eben soviel Sanftmuth als Festigkeit zeigt. Der Staat scheint eingesehen zu haben, daß er die schwere und undankbare, aber edle und wichtige Aufgabe, verdorbene jnnge Naturen zum Guten zurückzuführen, nicht zu lösen vermag. Um diese verwahrlosten Kinder sittlich zu heben, dazu reicht der trockene Geschäftsgang und die kalte Verwaltung nicht aus, dazu ist das heilige Feuer des Missionars nothwendig.«

Wir wissen nicht, ob Herr Fauveau schon 1862 an der Leitung der Anstalt Antheil hatte, ersehen aber aus der Anklage, daß die Colonie schon damals der Schauplatz ernster Unordnungen war. Man gab sich alle Mühe, der Wiederkehr solcher Scenen vorzubeugen, die Zucht ward strenger, die Ueberwachung schärfer. Die Mehrzahl der Sträflinge zeigte sich fleißig und gehorsam, man hoffte, der Geist der Anstalt sei ein neuer geworden. Dennoch war, ohne daß der Director Fauveau es ahnte, Zündstoff genug vorhanden. Es bedurfte nur einer günstigen Gelegenheit, um den glimmenden Funken zur hellen Flamme emporlodern zu lassen.

Auf der Insel Corsica befand sich eine ähnliche, aber vom Staat geleitete Anstalt, die »Gartenbaucolonie des heiligen Antonius«. Hier war alles aus Rand und Band. Die Zöglinge arbeiteten nicht, sondern streiften im Lande umher, plünderten die benachbarten Wohnungen und hatten erst kürzlich einen ihrer Genossen, der im Verdacht der Spionage stand, an einen improvisirten Galgen gehenkt. Die Anstalt mußte geschlossen und von den Sträflingen sollte eine Anzahl nach der Insel Levant übergesiedelt werden. Als dies bekannt wurde, schwoll den Verbrechern auf Levant der Kamm. Sie schmiedeten Plane zu einem allgemeinen Aufstande und beriethen deren Ausführung. Die Rädelsführer sprachen offen aus, welche Hoffnungen sie auf die neuen Ankömmlinge setzten. »Wenn die Corsen kommen, dann wehe den Spionen! Und was die Wächter betrifft, laßt sie nur ihre Säbel ziehen, wenn sie Lust haben, das soll uns nicht hindern, ihnen den Hals zu brechen! Dem Pfaffen wird es ebenso gehen; es gibt keinen Gott, der ihn schützte! Wir werden ihn todtschlagen, wo er auch sein mag!« Diese und ähnliche freche Reden wurden ausgestoßen.

Am Freitag, 28. Sept. 1866, kamen die Corsen, 65 Mann stark, an. Ihr Auftreten war ein unverschämtes, ihr Einfluß ein höchst nachtheiliger. Sie fanden das Essen schlecht und die Arbeit zu schwer, sie forderten Fleisch zu allen Mahlzeiten, Taback, Kaffee und täglich sechs Freistunden.

Schon nach drei Tagen hatten sich viele der alten Sträflinge den Corsen angeschlossen, die letztern gingen auf die von den erstern beschlossene Revolte bereitwillig ein, beide Parteien verständigten sich sehr schnell und beschlossen, sich gewaltsam zu befreien und an denjenigen Genossen, die für Spione galten, furchtbare Rache zu nehmen.

Dienstag, 2. Oct., brach die Meuterei aus. Gegen Abend wurden aufrührerische Lieder gesungen, die Lampen gelöscht, die Fenster zertrümmert, einzelne Zellen demolirt und die Wächter in die Flucht geschlagen. Dann stürzte die ganze Rotte mit Geschrei in den Hof, eine Schar wandte sich nach der nahen Privatwohnung des Directors, um diese zu plündern, gab diese Absicht aber auf, als der Sträfling Coudurier den Vorschlag machte die Gefangenen zu befreien. Voll Jubel stimmten alle zu, mit Aexten und Beilen stürmten sie wieder hinauf und brachen neun Zellen auf, in denen einzelne Züchtlinge ihre Disciplinarstrafen verbüßten. Verstärkt durch sie drang der Haufen in die Keller, rollte die dort lagernden Fässer voll Wein in den Hof, schlug die Boden aus und jeder betrank sich nach Belieben.

Inzwischen hatten die Führer ihre finstern Rachepläne nicht aus den Augen verloren. Sie traten zusammen in eine Ecke des Hofs und beriethen über den Tod der Spione. Anfänglich wollte man sie in ein nahes Gesträuch schleppen und dort erschlagen, bald aber kam man davon zurück, weil sich ein noch sichereres, furchtbareres Mittel darbot.

Das Proviantmagazin sollte geplündert werden. Etliche Züchtlinge schlugen die drei Thüren des Ganges ein, der in das Magazin führte, die vierte, die eigentliche Eingangsthür, leistete stärkern Widerstand. Endlich gelang es, die obern Felder zu zertrümmern. Nun kletterten die Kühnsten über den untern Theil der Thür weg und versorgten sich mit Zucker, Speck, Würsten, Branntwein und andern Lebensmitteln; reich beladen verließen sie das Magazin, um andern Beutelustigen Platz zu machen. Coudurier, wie es scheint der Chef der Bande, nahm zwei seiner Genossen, Allard und Ferrendon, beiseite und sagte zu ihnen: »Die Spione müssen in das Magazin gebracht und dort verbrannt werden. Ich will dafür sorgen, daß sie hineingehen, du Ferrendon, wirst anzünden und du, Allard, wirst ihnen den Ausgang mit deinem Messer wehren.« Coudurier kannte seine Leute, er wußte, daß Ferrendon und Allard seine Befehle ausführen würden. »Ferrendon, der gern Böses thut, wird seine Sache gut machen, und Allard, der betrunken ist, wird sie auch gut machen«, soll er zu einem Mitverschworenen, Lecocq, gesagt haben. Coudurier munterte alle, die noch nicht in dem Magazin gewesen waren, auf, hinzugehen und ihren Antheil am Raube in Empfang zu nehmen. Er selbst stellt sich an der Thür auf, nachdem er vorher einen Haufen Papier hat zurecht legen und eine Flasche voll Petroleum hat auf den Boden gießen lassen. Er mustert nun die Sträflinge, die in das Magazin steigen wollen, genau durch, alle, denen der Tod zugedacht ist, laßt er hinein, andere weist er zurück; als 14 Mann darin sind, befiehlt er Ferrendon, das Feuer anzulegen. Dieser gehorcht und im Nu züngeln die Flammen empor. Zwei Sträflinge, welche den tückischen Streich nicht ahnen, wollen löschen, aber Allard und Ferrendon verhindern es, letzterer ruft stolz auf sein Werk aus: »Seht, wie schön es brennt.«

Die Fenster des Magazins waren mit starken Eisenstangen fest verwahrt, der einzige Ausgang, durch die halbzerbrochene Thür, wurde durch das schnell um sich greifende Feuer nach wenig Minuten unmöglich. Die Unglücklichen in dem Magazin waren dem Feuertode geweiht. Nur einer von ihnen, der junge Garibaldi, der die Gefahr noch rechtzeitig entdeckte, machte einen Versuch, sich zu retten, er stieg über die Thür und erreichte den Gang, den die Flamme noch nicht völlig versperrte, aber hier stürzte sich Allard, der als Wächter dort stand, auf ihn, versetzte ihm drei Messerstiche in Schenkel und Brust und schleuderte den von Blut überströmten Knaben zurück in die tödliche Glut. Die Scene in dem Magazin war über alle Begriffe gräßlich, die dort eingeschlossenen Sträflinge sahen, daß die feurige Lohe ihnen den Weg zur Rettung verlegte und daß das Feuer ihnen immer näher rückte. Sie drängten sich zu den Fenstern, klammerten sich an das Gitter und schrien um Hülfe. Mit der Kraft der Verzweiflung rüttelten sie an dem Eisen, aber es spottete ihrer Anstrengung, mit heißen Thränen flehten sie ihre Genossen an, sie zu befreien – aber die Rädelsführer kannten, so jung sie waren, kein Mitleid, mit unerbittlicher Grausamkeit sahen sie dem entsetzlichen Schauspiele zu und keiner durfte es wagen, die Opfer dem Tode in den Flammen zu entreißen.

Wohl regte sich bei etlichen Sträflingen ein barmherziges, menschliches Gefühl und der Wunsch zu helfen, aber die Häupter der Verschwörung scheuchten durch ihre Drohungen jeden zurück, und als ein Fremder, der Leuchtthurmwächter Lepelletier Ducoudray, es dennoch wagte, den Unglücklichen beizuspringen und mit einer Decke, die er ins Wasser getaucht hatte, herbeieilte, warfen sie sich in voller Wuth auf ihn und nahmen ihm die Decke ab! er fühlte sich, wie er später sagte, wie eine Feder in die Luft gehoben und ward in einen 4 Meter (20 Fuß) tiefen Graben gestürzt. Der Sturz war so heftig und der Fall so tief, daß er den Fuß brach und eine Zeit lang halb bewußtlos und unfähig sich zu bewegen liegen blieb.

Der Sträfling Trouin bemächtigt sich der nassen Decke und macht, durch Ducoudray's Beispiel angefeuert, den Versuch, sie seinen Kameraden durch das Gitter zu reichen, auch er wird gepackt und in den Graben geworfen. Glücklicher als Ducoudray kommt er unverletzt in der Tiefe an, steigt auf der andern Seite des Grabens empor und ergreift die Flucht. Der Untergang der angeblichen Spione ist unvermeidlich. Vom Hofe aus sieht man die geschwärzten Gestalten mit dem Tode ringen, wild rollen die Augen, die Wangen sind aufgesprungen durch die furchtbare Glut, ihre Kleider, ihre Haare brennen, einzelne gellende Töne dringen noch heraus und nun hat die Flamme gesiegt, es ist alles ein Meer von Feuer, vierzehn jener Knaben und Jünglinge haben den letzten Seufzer ausgehaucht. Ihre Leiber brennen zu Asche, man hat nur einzelne unkenntliche Theile der Leichen wiedergefunden.

Das schreckliche Ende ihrer Kameraden besänftigte die Wuth der trunkenen, aufrührerischen Rotte. Auch der Stumpfsinnigste fühlte, daß hier etwas Entsetzliches geschehen war, einer nach dem andern schlich davon und manchen überkam die Reue über die grausige That. Einige suchten sich zu betäuben und ihr Gewissen zum Schweigen zu bringen, indem sie von neuem tranken, bis sie, ihrer Sinne beraubt, am Boden lagen.

Am folgenden Morgen schienen die Verschworenen neue Kraft und neuen Muth bekommen zu haben, ihr Werk fortzusetzen. Sie ließen das Feuer, welches noch immer Nahrung fand, fortbrennen, zerstreuten sich über die Insel und trieben jeden erdenklichen Unfug. Als die Familie des Directors und der Geistliche in See stachen, um einen Zufluchtsort zu suchen, verfolgten sie das Boot mit schmuzigen Reden und Todesdrohungen, aber das Fieber ließ doch nach, innerlich war der Aufruhr gebrochen, schon am Abend kehrte ein nicht unbeträchtlicher Theil der Sträflinge freiwillig in das Gefängniß zurück.

Am 4. Oct. kam Hülfe von außen. Das Feuer ward gelöscht, die Insel mit Militär besetzt und der Justiz lag nun das schwierige Amt ob, die Anstifter und Hauptschuldigen von denen zu sondern, die nur fortgerissen waren, zu ermitteln, was einem jeden zur Last fiel, und das Maß der Schuld festzustellen. Im ganzen wurden 16 Sträflinge angeklagt. Zunächst Coudurier, der die Seele des Aufstandes gewesen zu sein scheint. Er war Aufseher über die Küche der Anstalt und benutzte diese Stellung, um die Speisen recht schlecht zuzubereiten, und dadurch Unzufriedenheit zu errregen. Er war es, der die Meuterei zuerst vorschlug und dann leitete, er hatte den Hauptantheil an Mord und Brand und gab sogar hinterdrein dem Allard den Befehl, er solle Ferrendon, weil dieser sie sonst verrathen würde, erstechen. Allard gehorchte und zückte schon das Messer, zum Glück gelang es Ferrendon, dem Stoße auszuweichen und sich in Sicherheit zu bringen.

Was Ferrendon und Allard verbrochen, haben wir bereits angegeben. An dem Mordversuch gegen Ducoudray waren jedenfalls eine große Menge betheiligt, aber nur vier Sträflinge: Laurent, Michelon, Béroud und Fouché, konnten förmlich überwiesen werden.

Neun andere Sträflinge wurden wegen der Theilnahme an der Meuterei und Plünderung angeklagt.

Am 3. Jan. 1867 erschienen die 16 jugendlichen Verbrecher vor den Geschworenen des Departements du Bar zu Draguignan. Der uns vorliegende Bericht schildert sie als wenig intelligent aussehend, nur eine kleine Zahl, und zwar die am wenigsten Belasteten, sind bewegt, die andern ruhig, theilweise stumpf. Den ersten Platz nimmt Coudurier ein, ein großer Bursche von 16 Jahren, kräftigen Formen, mit scharfen verschlossenen Gesichtszügen. Ihm folgt Ferrendon, 13½ Jahre alt, mit durchaus nicht grausamen, eher sanftem Ausdruck des Gesichts, ein petit bonhomme, wie unser Gewährsmann sagt; er spricht nicht mit seinen Nachbarn, und seine Haltung ist ziemlich gut. Der dritte ist Allard, erst 13 Jahre alt, eine der häßlichsten, widerwärtigsten Erscheinungen, ein Knabe mit dickem Halse, starker Muskulatur, die Stirn gewölbt, die Schläfen hervorstehend, die Augen eingesunken, der Mund groß, die Nase klein, das Kinn hervorragend.

Das Alter der übrigen Angeklagten, unter denen Perison als pariser Kind, mit seinen Zügen, schönen Augen und zierlichem Wuchs auffällt, schwankt zwischen 16 und 19 Jahren; nur einer, Guenau, ist 20 Jahre alt.

Das Verhör beginnt mit der Vernehmung von Ferrendon.

Er gesteht, auf Coudurier's Befehl Feuer an das Magazin gelegt zu haben, behauptet aber, trunken gewesen und gleich darauf weinend fortgegangen zu sein. Kürzlich wurde er von seinen Kameraden mit einem Hagel von Steinwürfen angegriffen, Coudurier hatte sie dazu aufgestachelt, um sich eines unbequemen Mitschuldigen zu entledigen. Später schickte er ihm Allard, mit einem Küchenmesser bewaffnet, nach, mit der lakonischen Weisung: »Tödte ihn, oder er wird uns verrathen.« Allard war sogleich hierzu bereit, Ferrendon aber wich aus und rettete sich.

Allard gesteht fast zu viel. Er beschuldigt sich selbst und alle seine Kameraden und klagt Ferrendon an, daß er das Feuer angezündet, Coudurier, daß er ihn und Ferrendon mit Glühwein betrunken gemacht habe.

Der Präsident fragt ihn, wie viel Gläser er getrunken.

Vier Gläser, antwortete er mit der Miene eines Mannes, der gern zeigt, daß er etwas vertragen kann.

Coudurier leugnet in der weinerlichsten Art alles. Wir waren recht schlecht in der Colonie aufgehoben, sagte er, hätte einer uns besser behandelt, uns arme, von ihren Familien verlassenen Kinder, so würden wir uns ruhig verhalten haben.

Aber, wirft der Vorsitzende ein, Sie wurden doch in der Anstalt besser erzogen als in Ihrer Familie! Sie erhielten Unterricht, moralische und religiöse Unterweisungen!

Ccudurier schweigt. Das ist ihm augenscheinlich Nebensache, die Hauptsache die Beköstigung.

Die Opfer des Brandes sind nach seiner Angabe freiwillig in das Magazine gegangen. Wenn er den einen den Eingang gestattet, andere zurückgestoßen hat, so geschah dies »um ein wenig den Herrn zu spielen«. »Ich kann mich durchaus nicht erinnern, daß ich Allard den Rath gegeben hatte, Ferrendon zu tödten!«

Er leugnet natürlich auch, daß er dem letztern befohlen habe, Feuer anzulegen.

Ein Zeitungsbericht enthält hier eine Andeutung, die wir wörtlich wiedergeben:

»Alle diese Vernehmungen haben den Krebsschaden enthüllt, welcher sich in diese unseligen Anhäufungen von Wesen einschleicht, deren Instincte krankhaft und verkehrt sind. Man trifft selbst inmitten dieser Kinder jene schändlichen Laster, welche aus unsern Centralanstalten schmuzige Kloaken machen. Man vermuthet, daß Coudurier in den Flammen die Opfer seiner Unsittlichkeit, oder vielleicht diejenigen hat verschwinden lassen, die ihm Widerstand geleistet haben.«

Die Verantwortlichkeit für diese Notiz überlassen wir dem Berichterstatter, bemerken jedoch, daß der unserer Darstellung hauptsächlich zu Grunde liegende Sitzungsbericht des »Moniteur« nichts enthält, was jene Vermuthung rechtfertigte.

Laurent ist des Mordversuchs gegen Ducoudray und einer scheußlichen Handlung beschuldigt. Er soll Steine gegen die Fenstergitter des brennenden Magazins geschleudert haben, um den Unglücklichen, die sich dort anklammerten, die Finger zu zerschmettern. Er, Fouché, Béroud, Perison werden auch beschuldigt, an der Berathung teilgenommen zu haben, in welcher die Spione zum Feuertode verurtheilt wurden. Alle leugnen, alle wollen vom ersten Augenblick an betrunken gewesen sein.

Zuletzt werden diejenigen verhört, welche nur des Aufruhrs und der Plünderung angeklagt sind. Ihre Angaben stimmen überein, alle behaupten, daß sie nichts gesehen, nichts gethan haben; man merkt Wohl, sagt der Berichterstatter, daß sie durch einen schrecklichen Schwur gebunden sind. Sollte es, fragen wir, dieses romantischen Apparats bedurft haben, um bei einer Schar junger Verbrecher die praktische Anwendung der alten und nur zu bekannten Regel: Si fecisti, nega! begreiflich zu finden? Weit merkwürdiger ist es uns, daß mehrere erklären, sie hätten den dringenden Wunsch gehabt, nach Cayenne geschickt zu werden!

Es folgt die Vernehmung der Zeugen, und zwar zuerst die des Anstaltsdirectors Fauveau. Er gibt eine kurze Darstellung der Einrichtungen. Die Sträflinge arbeiteten im Sommer täglich 9, im Winter 7 Stunden, und hatten 2½ Stunde Unterricht. Sie erhielten wöchentlich zweimal, am Sonntag und Donnerstag, Fleisch, an den andern Tagen Hülsenfrüchte oder Fisch, Brot jederzeit nach Belieben. Die Aufseher hatten kein Züchtigungsrecht, über Vergehen der Sträflinge wurde eine Art Gericht gehalten, an welchem der Director, der Geistliche, der Arzt und der Oberaufseher theilnahmen. Die Strafen bestanden bei den ältern in Einzelhaft, bei den kleinern in Ruthenhieben.

Director Fauveau kann sich nicht überzeugen, daß die Opfer des Brandes vorsätzlich hingemordet worden seien. Nach seiner Ansicht befanden sie sich zufällig im Magazin, um zu plündern. Die Verbrannten waren keine Spione, während ein anderer, der als ein solcher gelten konnte und aus eigenem Antriebe in das Magazin gegangen war, dasselbe ohne jeden Widerstand von seiten Coudurier's wieder verlassen durfte.

Der Zeuge fährt fort:

»Als das Feuer ausgebrochen war, eilte ich nach dem Anstaltsgebäude, aber ich traf unterwegs mit dem von dort kommenden Arzte zusammen, der mir sagte: ›Es verbrennen Kinder im Magazin! Man hat Herrn Ducoudray in einen Graben geworfen! Es ist nichts mehr zu machen! Gehen Sie nicht hin!‹ Darauf kehrte ich wieder um! Gewalt wollte ich zur Unterdrückung der Revolte nicht verwenden. Man hätte in finsterer Nacht auf gutes Glück einhauen oder schießen lassen müssen, und vielleicht Unschuldige statt der Schuldigen getroffen. Wer weiß, ob nicht, wenn ich Befehl gegeben hätte, von den Waffen Gebrauch zu machen, jetzt statt der Sträflinge die Wächter auf der Anklagebank säßen.«

So der Director selbst über sein pflichtvergessenes, feiges Verhalten. Seine Untergebenen, die Aufseher, gingen mit großer Hingebung auf die Ideen ihres Principals ein. Einzelne saßen, während Mord und Brand in der Anstalt verübt wurden, in der nahen Schenke und tranken Kaffee, einer zechte – hoffentlich aus Furcht – mit den Meuterern, sie gestanden mit vollkommener Gewissensruhe ein, welche schmachvolle Rolle sie gespielt, denn, sagten sie, man hat uns ja keine Befehle gegeben!

Die ganze Erbärmlichkeit des Directors und der Wächter erhellt erst, wenn man erfährt, daß von den etwa 300 Sträflingen keineswegs alle am Aufstande theilnahmen. Mehrere weigerten sich entschieden, ihre Zellen zu verlassen, etwa 14 thaten sich zusammen, um das sogenannte Schloß, die Wohnung des Directors, zu bewachen und schlugen im Laufe der Nacht zweimal Banden von Aufrührern zurück. Man muß sich daran erinnern, daß die Meuterer größentheils Kinder oder halberwachsene Burschen waren, und daß der Aufruhr nicht ganz plötzlich ausbrach, sondern daß ihm Vorzeichen vorausgingen, die bei nur mäßig aufmerksamer Beobachtung unmöglich übersehen oder unterschätzt werden konnten, wie beispielsweise das Singen aufrührerischer Lieder, die unvermeidliche Einleitung jeder Rebellion in Frankreich – und man wird es außerordentlich mild finden, daß der Vorsitzende und der Staatsanwalt sich darauf beschränkten zu sagen: »Man hätte mit mehr Energie und Schnelligkeit verfahren müssen.« Freilich, nachdem man ruhig zugesehen, wie das Gefängniß demolirt, wie vier Thüren zu dem Magazin nacheinander gesprengt worden, nachdem man der Rotte Zeit gelassen, sich nach Belieben zu betrinken, war ein Versuch, wenigstens die unglücklichen Kinder aus den Flammen zu retten, nicht ganz ohne persönliche Gefahr!

Herr Lepelletier-Ducoudray hat dies leider erfahren, er, der einzige, der in Erfüllung allgemeiner Menschenpflicht dorthin eilte, von wo er ohne Tadel, ohne Amtsverletzung hätte fern bleiben können.

Er wird auf einem Bett in den Sitzungssaal getragen, denn sein Zustaud erforderte noch immer die größte Schonung. Er sagt aus:

»Als man mich zu Hülfe rief, entgegnete ich: Herzlich gern, aber mein Amt, mein Amt ist heilig! (Er war bekanntlich Leuchtthurmwächter.) Ich werde mich mit meinem Oberwächter besprechen, einer von uns wird kommen! Mein Oberwächter sagte: Ich habe zwei kleine Kinder, eins hat meine Frau noch an der Brust, ich möchte lieber hier bleiben! Gut erwiderte ich, warten Sie des Dienstes, ich stehe allein, ich werde hingehen!«

Zeuge erzählt nun die aus der Anklage bekannten Einzelheiten. Unterwegs trifft er den Angeklagten Galaret, der eine Eisenstange trägt und halb betrunken ist. Er macht ihm Vorstellungen. Galaret antwortet: »Es ist weiter nichts; sehen Sie, ich will gut zu essen haben.«

Er erkennt Laurent, Fouché und Béroud bestimmt als diejenigen wieder, die ihn in den 20 Fuß tiefen Graben gestürzt haben.

»Als ich unten im Graben lag, hörte ich die Opfer rufen: Mutter! Mutter! Einer sagte: Der liebe Gott läßt uns viel leiden! Ein anderer sah mich und rief: Retten Sie mich, Herr Ducoudray! Ich versuchte aufzustehen, aber es ging nicht. Bald darauf waren nur noch zwei an das Fenster geklammert. Eine große Flamme raffte sie hinweg, die Füße fielen nach außen, die Körper nach innen. – Ich sah, wie sie in die Eisenstangen bissen, wie sie die Wand mit den Nägeln zerkratzten. Ich, der in meinem Leben nie geweint, der ich 19 Jahre auf der See zugebracht und den Tod hundertmal ganz nahe vor Augen gesehen habe, ich setzte mich auf einen Stein und weinte wie ein Kind. Endlich ertrug ich den Anblick nicht länger. Mit zerbrochenem Schenkel schleppte ich mich 50 Schritte weit – ich wälzte mich auf der Erde, ich litt nicht mehr, ich war wahnsinnig!«

Der Staatsanwalt richtet einige anerkennende Worte an Ducoudray, die einen Sturm des Beifalls hervorrufen. Vom Staate ist derselbe mit einer goldenen Medaille belohnt worden. Leider erklärt der behandelnde Arzt, Dr. Hericourt, daß er infolge des Schenkelbruchs wahrscheinlich lahm bleiben wird.

Sollte er indeß nicht, trotz seiner Verstümmelung, trotz des gewiß unverlöschlichen Bildes jener Schreckensscene, mit ruhigerm Herzen an jene Octobernacht zurückdenken als – manche andere?

Die Aussagen der übrigen Zeugen sind von geringerm Interesse. Wir heben daraus nur noch hervor, daß Ferrendon als ein gutmüthiger Knabe geschildert wird, dem man eine solche That nicht zugetraut, daß er Reue empfunden uud deshalb habe über die Seite geschafft werden sollen.

In Betreff des Angeklagten Béroud ist noch zu gedenken, daß er einem Sträfling in jener Nacht noch einen Messerstich versetzt und dem Gensdarmen, der ihn arretirte, einen Fußtritt gegeben hat. Als dieser ihm ein Pistol entgegenhielt, sah er ihm dreist ins Gesicht und sagte höhnisch: »Schießen Sie, schießen Sie doch, wenn Sie Herz haben.«

Nach dem Schlusse der Beweiserhebung legt der Gerichtshof der Jury 112 Fragen vor, von denen sie 60 bejaht, 52 verneint.

Coudurier, Fouché, Laurent, Béroud werden, da die Geschworenen in Betreff der Tödtung der verbrannten Knaben zwar Todtschlag – Tödtung mit Vorsatz – nicht aber Mord – Tödtung mit Vorsatz und Ueberlegung – annehmen, und außerdem das Vorhandensein mildernder Umstände anerkennen, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit, Michelon wird zu 10 Jahren Zuchthaus, Allard zu zehnjähriger Haft in einer Besserungsanstalt verurtheilt. Ferrendon wird freigesprochen, weil er ohne Unterscheidungsvermögen gehandelt habe, soll jedoch bis zum 20. Lebensjahre in einer Besserungsanstalt detinirt werden. Galaret erhält 5 Jahre Zuchthaus, fünf andere kommen mit 3 Jahren Gefängniß davon. Drei werden freigesprochen, unter ihnen ein gewisser Guenau. Er nimmt die Kunde keineswegs mit Freuden auf, sondern ruft aus: »Meine lieben Herren, ich weiß nicht, wo ich schlafen soll!« Nach diesen »herzerschütternden Worten« (paroles navrantes) wird schleunigst im Zuhörerraum, auf der Journalistentribüne und unter den Geschworenen für ihn gesammelt, eine ziemlich bedeutende Summe zusammengebracht und ihm übergeben. Sehr menschenfreundlich – und sehr unzweckmäßig. Einem zwanzigjährigen, völlig mittellosen, der Freiheit lange entwöhnten Burschen eine namhafte Summe Geldes zu eigener Hand übergeben, heißt in den meisten Fällen, ihm zu einem kurzen Wohlleben und darauf wieder zu einem Platze auf der eben verlassenen Anklagebank verhelfen.

Der Fortbestand der Anstalt ist gesichert. Graf Pourtalès hat den entstandenen, sehr beträchtlichen Schaden repariren lassen, neue Gebäude werden aufgeführt, die Insel ist durch eine Telegraphenleitung mit Toulon verbunden, und vor allem: der Sitzung hat ein Generalinspector der Gefängnisse, Herr Calona, beigewohnt, dessen Anwesenheit, wie der ersterwähnte loyale Berichterstatter (dessen Enthusiasmus für Herrn Fauveau sich übrigens während der Verhandlungen merklich abgekühlt hat) versichert, die Gewähr dafür bietet, daß man in Zukunft keine der Vorsichtsmaßregeln vernachlässigen wird, welche die Achtung vor der Autorität sicherstellen.

Das Trauerspiel jener Nacht hatte ein blutiges Nachspiel. Eine Anzahl der Sträflinge wurde nach dem Aufstande nach Fort Lamalgue bei Toulon übergesiedelt, unter ihnen Bernguy und Moysen, letzerer einer der sogenannten Corsen. Moysen warf Bornguy wiederholt vor, daß er am Tage nach dem Aufstande bei dem Einfangen der auf der Insel zerstreuten Sträflinge Hülfe geleistet und im Laufe der Untersuchung die Hauptschuld an den begangenen Verbrechen, wie er sagt mit Unrecht, den Corsen zur Last gelegt habe. Am 17. Nov. 1866 stieß Moysen im Hofe des Gefängnisses beim Frühstück Beleidigungen aus, die Bornguy auf sich bezog und für welche er Rechenschaft fordern zu wollen erklärte, wenn sie erst wieder in der Kasematte sein würden. Dort angelangt, wirft Moysen seine Jacke ab und geht auf und ab, die rechte Hand in der Hosentasche Endlich, nach dreiviertel Stunden, hält es Bornguy durch die herausfordernde Haltung Moysen's für geboten, eine Erklärung von ihm zu fordern, um nicht feig zu scheinen. Er thut dies und gibt ihm zugleich einen leichten Stoß. Sogleich stürzt sich Moysen auf ihn und versetzt ihm mehrere Schläge, bis sie sich endlich fassen und, Bornguy zu oberst, zu Boden stürzen. Alle Zuschauer glauben, es habe ein gewöhnlicher Faustkampf stattgefunden, Borngny aber fühlt plötzlich seine Kräfte schwinden, läßt Moysen los und sinkt auf ein Bund Stroh mit dem Ausruf: »Ich glaubte, du hättest dich ehrlich geschlagen! Du bist bewaffnet! Das ist niederträchtig von dir!« »Gleichviel«, entgegnete Moysen; »ich will nach Cayenne, womöglich gleich!« Die andern Sträflinge sehen Bornguy mit Blut überströmt und in Moysen's rechter Hand ein Messer. Mit Mühe halten sie ihn zurück, sich nochmals auf sein Opfer zu werfen. Die Aufseher werden gerufen. Moysen läßt sich ruhig abführen und liefert sein Messer ab.

Bornguy hatte 10 Stichwunden, darunter zwei tödliche in Brust und Unterleib, davongetragen und starb am folgenden Tage.

Die Geschworenen, welche am 7. Jan. 1867 zu Draguignan über das Verbrechen zu urtheilen hatten, verneinten, daß ein Meuchelmord, nahmen aber an, daß vorsätzliche Körperverletzung mit tödlichem Erfolge, unter mildernden Umständen, vorliege. Moysen wurde zu zehnjähriger Zwangsarbeit verurtheilt.

Fälle wie der letztgenannte sind in jeder Gefangenanstalt möglich. Dennoch können wir uns des Gedankens nicht erwehren, daß weder die vom Staate geleitete Besserungsanstalt in Corsica, noch die unter Privatleitung stehende aus der Insel du Levant bisher besondere Resultate erzielt haben!

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