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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF.-A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeZweiter Band
editorFortgesetzt von Dr. A. Bollert
year1867
firstpub1867
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060211
projectiddf8434fe
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Karl Friedrich Masch, sein Räuberleben und seine Genossen

(Königreich Preußen)
1856-1864

Mancher unserer Leser wundert sich vielleicht darüber, daß wir in der Ueberschrift von einem Räuberleben in Deutschland aus den letzten Jahren sprechen. Deutschland ist ja, wie man uns täglich versichert, civilisirt, es kommen wol einzelne Raubanfälle vor, aber nirgends existiren organisirte Räuberbanden, wie kann es denn ein Räuberleben geben, was zu beschreiben sich der Mühe lohnte? Italien, wo das Stilet des Meuchelmörders in den Geschicken der Familien und in der Geschichte der Staaten von jeher eine Rolle gespielt hat, und das Brigantenthum unter einer politischen Maske noch jetzt in leider nur zu hoher Blüte steht; Ungarn, wo noch vor wenig Jahren der gefürchtete Rosza Sandor hauste, Griechenland, dessen Regierung die Räuber durch eine Verordnung vom Januar 1866 förmlich klassificirt und auf den Kopf eines Räubers erster Klasse einen Preis von 8000 Drachmen gesetzt hat; die Türkei und ihre Nebenländer, vor allen Montenegro, das Land der Schwarzen Berge und der Czernagorzen, welches treffend ein veredelter Räuberstaat genannt worden ist – das sind die Länder, in denen man etwa noch Helden findet, die, im Zwiespalt mit dem Gesetz, Krieg gegen die bürgerliche Gesellschaft und an der Spitze einer kühnen Schar ein abenteuerliches Leben führen, reich an grausamen, reich an edelherzigen Zügen.

Nun freilich, pikante Situationen, romantische Scenen zwischen dem Räuber und seinen Opfern stellen wir nicht in Aussicht, unsere Aufgabe ist, ein treues Bild von einem Menschen zu entwerfen, der in einem christlichen Staate und von christlichen Aeltern geboren, in einer christlichen Schule erzogen und trotzdem so tief gesunken ist, daß er zuletzt dem Raubthiere gleich jahrelang in den Höhlen des Waldes lebte und von dort im Dunkel der Nacht die friedlichen Dörfer und Städte der benachbarten Kreise überfiel. Das Bild ist ein furchtbar düsteres, denn die Hände des entmenschten Räubers triefen von Blut, er hat sich niemals weich und mild, niemals großmüthig oder edel gezeigt, unser Gemälde würde unwahr sein, wenn wir auch nur einen einzigen hellen, freundlichen Zug anbrächten.

Es handelt sich diesmal nicht um einen oder mehrere Criminalfälle, sondern um einen Kampf gegen die Menschheit. Der Mann, von dessen grausigen Thaten wir berichten, hat sich zwar hier und da Genossen zugesellt, indeß ist dies nur ausnahmsweise geschehen, seine Mitschuldigen sind Nebenpersonen, die unsere Aufmerksamkeit in weit geringerm Grade auf sich ziehen.

Gewöhnlich hat er allein und auf eigene Hand operirt. Wir müssen wie bei der Darstellung eines Feldzugs das Auge bald auf diesen, bald auf jenen Punkt lenken, erst am Schlusse wird die Einheit des Ganzen klar werden.

Der Räuber, der in den Annalen des Criminalrechts neuester Zeit eine unerhörte, schreckliche Berühmtheit erlangt hat, heißt Karl Masch, der Schauplatz seiner Verbrechen ist die Neumark, das südliche Pommern, die preußische Hauptstadt und ihre Umgegend. Masch hat mehr als 300 gewaltsame Diebstähle verübt, sechsmal den Feuerbrand in bewohnte Häuser geschleudert, einige zwanzigmal die Mordwaffe geschwungen und zwölf Menschen erschossen, erschlagen und erwürgt!

 

Im Anfange des Jahres 1856 wurde das pommersche Dorf Dertzow durch mehrere Diebstähle beunruhigt und unter andern auch der Getreideboden des Gutshofes heimgesucht. Die Diebe hatten die eisernen Traillen vor der Bodenluke herausgebrochen und eine bedeutende Quantität Getreide entwendet. Karl Masch, welcher damals im Hause seines Bruders, des Handarbeiters Martin Masch, in Dertzow wohnte, gerieth in den Verdacht, an dem Einbrüche teilgenommen zu haben, er wurde verhaftet und in die Gefängnisse der Kreisgerichtscommission Lippehne eingeliefert. Die Untersuchung zog sich mehrere Wochen hin, dem Gefangenen behagte es nicht in seinem Gewahrsam, und eines Morgens fand man seine Zelle leer. Masch hatte eine Fensterscheibe eingedrückt und war mit der Gewandtheit einer Katze zwischen den Eisenstäben hindurchgeschlüpft.

Noch in derselben Nacht wurden aus den Pferdeställen des Gutshofes verschiedene Effecten gestohlen. In der folgenden Nacht ward in dem benachbarten Dorfe Hohenziethen ein Einbruch verübt. Der Dieb schien entweder einen ganz bedeutenden Appetit oder die Absicht gehabt zu haben, sich für die Zukunft mit Lebensmitteln zu versorgen. Er hatte aus der Speisekammer des Herrenhauses mehrere Schinken, gekochtes Fleisch, Braten, Butter und Schmalz geholt. Am Kammerfenster stand noch der Pfahl, mit welchem das eiserne Gitter auseinandergebogen war.

Schon in der nächsten Nacht wurden die Einwohner von Dertzow durch ein bedeutend schwereres Verbrechen in Schrecken gesetzt. In einem zum Gutshofe gehörigen Wirtschaftsgebäude brach Feuer aus, die Flammen schlugen lichterloh empor und verbreiteten sich mit rasender Schnelligkeit über die mit Stroh gedeckten Scheunen und Ställe. Als der Feuerruf des Nachtwächters erscholl, war das Unglück nicht mehr abzuwenden, drei Scheunen und mehrere Ställe brannten nieder, es gelang nicht einmal das Vieh zu retten, an Rindvieh allein kamen 50 Stück um, der Schade betrug im ganzen gegen 20000 Thaler. Das Feuer war kurz vor Mitternacht aufgegangen, an einer Stelle des Daches, die im Berufswege von niemand betreten wurde. Es mußte vorsätzlich angelegt sein. Jeder Zweifel darüber schwand, als man früh morgens am hintern Fenster der Inspectorwohmmg ein Pfluggestell angelehnt und dabei einen Sack liegen sah. Offenbar hatte der Brandstifter die Verwirrung auf dem Hofe benutzen wollen, um einen Diebstahl auszuführen, das Hin- und Herlaufen der Leute mochte ihn jedoch bedenklich gemacht und bewogen haben, sein Vorhaben aufzugeben.

Im Publikum sprach man erst leise, dann immer lauter davon, daß Masch der Verbrecher sei. Der Flüchtling wurde seit seinem Ausbruch ans dem Gefängniß verfolgt, aber nirgends war er gesehen worden. Schon glaubte man, er habe das Weite gesucht und sei auf immer verschwunden, da erschien er eines Tags plötzlich beim Kreisgericht in Soldin und erklärte, in Lippehne habe es ihm nicht gefallen, die Kost sei schlecht und nicht ausreichend gewesen, er wünsche, daß die wider ihn anhängige Untersuchung wegen des Getreidediebstahls in Dertzow hier in Soldin beendigt werde, und stelle sich deshalb freiwillig. Nach wie vor betheuerte er seine völlige Unschuld an jenem Diebstahle und versicherte, daß er auch in der Zwischenzeit nichts Böses begangen habe. Er wollte in Gesellschaft von Handwerksburschen umhergezogen sein und von der Mildthätigkeit der Menschen gelebt haben. Der Mangel an Legitimationspapieren hätte ihn bestimmt, dem lustigen Wanderleben zu entsagen. Masch wurde vom Kreisgericht Soldin an die Kreisgerichtscommission Lippehne, als an die zuständige Behörde, zurückgeliefert und nun mit doppelter Vorsicht bewacht. Einige Tage ertrug er die Gefangenschaft mit Geduld, dann aber erwachte die Sehnsucht nach Freiheit mit desto größerer Heftigkeit, Lippehne war nun einmal nicht der Ort, wo er sich behaglich fühlte, kurz in der Nacht vom 20. zum 21. Mai schwang er sich wieder mit einer wunderbaren Geschmeidigkeit durch das eng vergitterte Fenster und kehrte seitdem nicht mehr aus freiem Antriebe in den Kerker zurück.

Dem Gericht entging es natürlich nicht, wie gefährlich Masch der öffentlichen Sicherheit zu werden drohte, es wurden energische Maßregeln getroffen, ihn festzunehmen, man setzte eine Prämie auf seine Wiederergreifung, allein weder in Dertzow noch in den umliegenden Ortschaften war eine Spur von ihm zu entdecken. Man beobachtete seinen Bruder Martin und dessen Treiben auf das genaueste, es zeigte sich jedoch nichts Verdächtiges; man verdoppelte, verdreifachte, ja endlich verzehnfachte man die ursprünglich ausgeworfene Belohnung, dennoch fand sich niemand, der sie verdienen wollte oder konnte. Im Volke glaubte man unerschütterlich fest daran, daß Masch in der Nähe sei und sich mit Hülfe seiner Verwandten verberge, bei jedem neuen Diebstahl wurde sein Name genannt, und leider folgten sich die verwegensten Einbrüche in immer kürzern Zwischenräumen. Nicht blos Hohenziethen uud Dertzow, auch die umliegenden Ortschaften Marienwerder, Cremlin, Kerkow, Eichwerder, Beyersdorf und andere wurden von den unheimlichen Gästen heimgesucht, in Beyersdorf allein zählte man in weniger als zwei Jahren mehr als zwanzig gewaltsame Diebstähle, ja nicht selten geschah es, daß in der Nacht die Feuerzeichen erklangen, eine verruchte Hand hatte die Brandfackel geschwungen, um dann in der allgemeinen Bestürzung desto leichter Beute machen zu können. Allmählich bemächtigte sich der gesammten Bevölkerung des soldiner und pyritzer Kreises ein Gefühl der Unsicherheit, Raub- und Mordgeschichten waren das Tagesgespräch, zu den wirklichen Gefahren kamen eingebildete, einer überbot den andern, hier behauptete man, daß in den Wäldern der Umgegend eine Bande mit einem riesenstarken Hauptmann ihr Wesen treibe, dort setzte man alles auf das Conto des entsprungenen Masch, der mit dem Teufel im Bunde sei und die Kunst verstehe, sich unsichtbar zu machen. Holzarbeiter hatten in der Dämmerung finstere Räubergestalten in der Tiefe des Forstes gesehen, Furchtsame waren ihnen sogar auf den Landstraßen uud in der Mitte der Dörfer begegnet.

Im März 1858 erzählte man sich, im Walde bei Pyritz, vier Meilen von Soldin, habe man eine Räuberhohle entdeckt. Die meisten schüttelten ungläubig die Köpfe, sie glaubten ein Märchen zu hören, wie deren damals so viele die Runde machten. Bald stellte sich indeß die Wahrheit des seltsamen Gerüchts heraus.

Der Mühlenbesitzer Ebel aus Veversdorf hatte im pyritzer Stadtforst Holz gekauft, in den ersten Tagen des März fuhr er in Begleitung eines Knechtes hinaus, um das Holz wegzufahren. Während der Knecht mit dem Geschirr einen geladenen Wagen nach Hause schaffte, blieb der Müller einstweilen an Ort und Stelle. Er sah sich nach einem Busche um, aus dem er sich einen Spazierstock zurechtschneiden könnte, und kam suchend auf hügeliges, mit jungen Buchen bestandenes Terrain. Am Abhänge eines Hügels, etwa 200 Schritte von dem vielbefahrenen Wege und ebenso viel von dem Heiderande entfernt, bog er das Gesträuch auseinander und bemerkte, daß der Schnee daselbst so glatt gedrückt war, als ob sich Wild gelagert hätte. Um die Sache näher zu untersuchen, arbeitete er sich durch die Aeste hindurch und weiter in das Strauchwerk hinein. Hier sah er einen Haufen Laub ohne alle Schneebedeckung. Der Wind konnte den Schnee an einem so geschützten Platze nicht so vollständig weggeweht haben, das Laub konnte nicht so regelmäßig auf diese eine Stelle gefallen sein. Wer hatte es also zusammengetragen? und zu welchem Zwecke war dies geschehen? Der Müller dachte zunächst daran, daß sich irgendein Thier eine ganz besondere mühsame Arbeit gemacht haben möchte; da er zufällig nichts zu versäumen hatte, wollte er sich noch genauer überzeugen, steckte einen Ast in das Laub und rührte darin herum. Das Laub fiel nicht auseinander, sondern rollte in die Erde hinein wie in einen Trichter. Aha, sagte Ebel vor sich hin, da hat sich ein Dachs oder ein Fuchs eine Höhle gegraben und sie sorgfältig mit Laub zugedeckt. Aber was mußte denn das sein? Nicht weit von dem einen Loch war ja wieder ein anderes, größeres, und der Erdboden klang so sonderbar, wenn er mit dem Fuß stampfte, gerade so, als wenn darunter ein Keller wäre. Der Müller überlegte sich, daß die Löcher unmöglich von Thieren gewühlt sein könnten, denn Thiere bauen ihre Höhlen nicht so, daß Laub und Reisig hineinkollern wie in einen Schornstein. Was er beobachtete, wurde ihm immer unbegreiflicher, er schickte sich an, das Erdloch nochmals mit der größten Aufmerksamkeit zu besichtigen, und bog zu diesem Zwecke die Zweige eines Strauches von neuem auseinander, da fährt plötzlich dicht vor seinem Gesicht ein mindestens sechs Fuß langer, gewichtiger Knittel aus dem Loche empor und gleich darauf taucht der Kopf eines finstern bärtigen Mannes aus der Erde auf. Der Müller bleibt, furchtbar erschrocken, wie angewurzelt stehen und richtet das Auge starr auf den Höhlenbewohner, der vor seinen Blicken der Tiefe entsteigt und drohend auf ihn zukommt. Ebel zieht sich langsam zurück, er lehnt sich mit dem Rücken an einen Baum und faßt den Entschluß, sein Leben so tapfer als möglich zu vertheidigen. Der Fremde zeigt indeß keine Lust, den Kampf zu beginnen, er droht nur mit dem Knittel, dann wendet er sich seitwärts und eilt mit raschen Schritten in den Wald.

Der Müller erholt sich allmählich von seinem Schrecken, er begibt sich auf den Rückweg und findet in der Nähe den Förster und mehrere Holzschläger. Als er ihnen sein Abenteuer mittheilt, wird er anfänglich weidlich verspottet. Erzählungen von Erdmenschen, die ihr Reich in der schattigen Unterwelt aufschlagen und sich nur dann und wann dem Menschen zeigen, hatten sie wol an langen Winterabenden in ihrer Jugendzeit gehört, jetzt aber, wo die arbeitsschwiele Hand ein sehr deutlicher Beweis von der harten Wirklichkeit des Lebens war, besaß keiner der Zuhörer Phantasie genug, um an die Gnomen- und Koboldwelt zu denken. Ueberdies sprach ja auch der Mühlenmeister von einem Manne mit stechenden Augen und rauhen Zügen, der einen sechs Fuß langen Knittel geschwungen, das konnte unmöglich einer von jenen schalkhaften Geistern sein, welche die Menschen wol necken, ihnen aber eher Gutes als Böses thun. Als Ebel bei seiner Geschichte blieb und man einsah, daß er nichts weniger beabsichtigte, als etwa den Holzhauern etwas aufzubinden, machten sich alle, mit den wuchtigen Aexten bewaffnet, auf, um die Höhle zu durchsuchen. Man entdeckte Folgendes: Ein Bret, dergestalt mit Erde bedeckt, daß es sich von dem übrigen Boden durch nichts unterschied, verschloß die unterirdische Behausung. Ein mannsbreiter Gang führte sechs Fuß senkrecht in die Tiefe. Das Bret war mit einem kleinen Loche versehen, durch welches man von unten Hindurchgreifen und den Deckel je nach Bedürfniß abheben oder auch mit demselben die Höhle schließen konnte. An den Eingang stieß seitwärts ein Gang von ungefähr fünf Fuß Höhe, hier war mit Hülfe von Eisenstücken ein förmlicher Kamin angelegt. Das Loch, welches der Müller wahrgenommen hatte, als er das Laub durchsuchte, bildete den Abzugskanal für den Rauch, die Mündung des Kamins. Hinter dem ebenerwähnten Gange lag der Raum, der als Wohnzimmer diente. Die Höhle war sieben Fuß lang, sieben Fuß breit, fünf Fuß hoch und allem Anschein nach schon lange Zeit bewohnt, denn man fand alle möglichen Geräthschaften, die für die Besorgung des Haushalts nothwendig sind. Außerdem lagen daselbst in buntem Wirrwarr eine Menge offenbar entwendeter Sachen: Kleidungsstücke, Wäsche, ein Dolch, ein Beil, ein Hammer, ein Bund Schlüssel und verschiedene Brechwerkzeuge. Die Bauart zeugte von dem Geschick des Erbauers. Er hatte die Seitenwände des Ganges und die Höhle selbst durch starke Balken gestützt, die Wände sorgfältig mit Lehm ausgestrichen, und alle Zwischenräume durch Laub und andere Stoffe verstopft. Auf den Balken waren Querhölzer angebracht, welche die Decke, eine etwa zwei Fuß hohe Erdschicht, trugen. Die nach außen gekehrte Seite der Decke war der Erdoberfläche völlig gleich und mit jungen Buchenstämmen bepflanzt. Auch das geübte Auge des Jägers konnte nicht auf den Gedanken kommen, daß unter den Bäumen eine menschliche Wohnung sei, so künstlich war sie versteckt. In die Pfosten der Höhle hatte Masch Nägel und Pflöcke eingeschlagen, an denen er seine Garderobe und seine Vorräthe: Speck, Schinken und Würste, aufhing, als Stuhl diente ihm ein behauener Klotz, als Tisch ein an der Wand befestigtes Bret, eine Vertiefung an der einen Seite war sein Weinkeller, als Liebhaber und Kenner edler Sorten sorgte er dafür, daß ihm ein guter Rothwein, feuriger Rheinwein und Champagner nicht ausgingen. Auf der andern Seite sah man eine Schicht junger Birkenreiser übereinandergelegt und darauf trockenes Heu ausgebreitet. Die Reiser schützten vor der vom Boden nach oben dringenden Feuchtigkeit und gaben dem Lager jene Elasticität, die dem Ruhenden so angenehm ist.

Wie die Gerippe und Ueberreste verspeister Thiere den Horst eines Geiers kennzeichnen, so kamen beim Nachgraben auch hier eine Masse Knochen zu Tage, die von Schweinen, Hammeln, Gänsen und andern Hausthieren herrührten.

Der Förster, welcher die Durchsuchung leitete, sandte ungesäumt Botschaft an die Behörde und setzte mit so vielen Personen, als er in der Eile zusammenbringen konnte, dem flüchtig gewordenen Masch nach. Man verstärkte die Gensdarmerie, bot die nächsten Gemeinden auf und durchforschte die Wälder, aber vergeblich, der Höhlenbewohner war von neuem spurlos verschwunden. Seine Behausung ward zerstört und der dort zusammengeschleppte Raub an das Gericht abgeliefert. Es ergab sich, daß man die Früchte von zahllosen Diebstählen in verschiedenen Dörfern vor sich hatte, aber freilich war, was man gefunden, nur ein sehr unvollständiges Register von der Thätigkeit des Räubers. Die Bestohlenen wurden ermittelt, der Dieb war auf und davon, er kam, einmal vertrieben, nie mehr zurück in die pyritzer Höhle.

 

Wir führen unsere Leser nun in den an den soldiner grenzenden landsberger Kreis, in das Dorf Wormsfelde. Eines Tages im Monat April 1858 begab sich die von dort gebürtige Tagelöhnersfrau Buchholz nach dem nahen See, um Wäsche zu reinigen. Sie ging auf einem in den See hineingebauten Bretersteig bis ans Ende und schöpfte Wasser. Kaum hatte sie ihre Arbeit angefangen, da erblickte sie vor sich im Wasser den Leichnam eines Weibes. Schnell rief sie die Nachbarn herbei, der entseelte Körper wurde ans Land gebracht und die erforderliche Anzeige erstattet. Die Verstorbene war eine Witwe Namens Wall aus dem Dorfe Altenfließ. Man erfuhr, daß sie weder Angehörige noch einen festen Wohnort gehabt, und sich seit Jahren bettelnd herumgetrieben habe. Noch wenige Tage zuvor hatte sie im Kruge von Wormsfelde Branntwein gekauft, das Nachtlager war ihr daselbst verweigert worden. Bei der gerichtlichen Leichenschau zeigten sich am Halse rothgefärbte, blutrünstige Stellen, am Kinn und am Unterkiefer unbedeutende Wundflecken. Die unerheblichen Verletzungen konnte sich die Witwe Wall recht gut bei Lebzeiten selbst zugefügt haben, Spuren eines gewaltsamen Todes waren weiter nicht vorhanden, auch erschien es im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß ein dritter sich an einer Landstreicherin, bei welcher nichts zu finden war, vergriffen haben sollte. Man nahm daher allgemein an, daß die alleinstehende alte Frau in einer Anwandlung von Lebensüberdruß sich selbst in den See gestürzt und dort das nasse Grab aufgesucht habe. Auffallend war nur daß Eine, daß man in einem Backofen unweit des Sees noch etliche der Witwe Wall zugehörige Kleider und eine Branntweinflasche fand. Eine Obduction wurde nicht für nöthig gehalten, sondern der Leichnam ohne weiteres der Erde übergeben. Die Sache war hiermit abgemacht und nach wenigen Wochen vergessen.

Im Anfange des Monats August 1858 erzählte man sich in den zum soldiner Kreise gehörigen Dorfe Albertinenburg, das Stubenmädchen des Gutsbesitzers Neumann, Henriette Fehlhaber, sei auf eine völlig unerklärliche Weise ganz plötzlich gestorben. Noch am Abend des 5. Aug. war die blühende, erst zweiundzwanzigjährige Jungfer frisch und gesund gewesen und um die Mitternachtsstunde in ihre parterre gelegene Schlafstube gegangen, um sich zu Bett zu legen. Die Herrschaft war verreist, deshalb schlief die andere Magd, Sophie Schimmel, nicht wie gewöhnlich mit ihr zusammen, sondern in den obern Räumen des Hauses. Als die Fehlhaber am andern Morgen nicht aufstand, wollte die Schimmel sie wecken. Sie öffnete die Schlafkammer, wich aber entsetzt zurück, denn das gebrochene Auge einer Leiche starrte ihr entgegen. Während sie sanft schlief, hatte der Tod ein junges Leben dahingerafft. Der Mund, der noch am Tage zuvor so munter gescherzt, war auf immer verstummt, sie fand einen kalten, entseelten Körper. Die Verstorbene war nicht ohne Kampf aus dem Leben gegangen, denn sie lag entblößt, mit emporgerichteten Knien im Bett, die Decke war bis an das untere Ende der Bettstelle zurückgeschoben, am Kehlkopfe und an den Armen bemerkte man mit Blut unterlaufene Stellen. Allein kein Mensch hatte einen Schrei gehört, das vergitterte Fenster war unbeschädigt, nicht die geringste Kleinigkeit wurde vermißt. Das alles sprach gegen die ohnehin kaum glaubliche Annahme, daß ein Mörder in dem bewohnten, gut verwahrten Hause sein schreckliches Gewerbe verrichtet habe. Der herbeigerufene Arzt untersuchte die Leiche und kam zu dem Resultat, »das Mädchen sei infolge eines Schlaganfalls gestorben, welcher ihr das Genick abgestoßen habe«. Er gab die Erlaubniß zur Beerdigung, die in Blankensee wohnenden Aeltern wurden von dem bittern Verlust, der sie betroffen, in Kenntniß gesetzt, sie kamen nach Albertinenburg, nahmen die todte Hülle ihres Kindes in Empfang und betteten sie, tief betrübt, in das kühle Grab.

Wir verlassen nun die Neumark für eine kurze Zeit und begeben uns auf die Landstraße, die von Berlin nach Freienwalde führt. Der Fuhrmann Wattrow war von Neutornow mit einem Fuder Heu nach Berlin gefahren, er hatte das Heu verkauft und machte sich am 10. Sept. 1858 auf den Rückweg. Bis Werneuchen, wo er im Kruge rastete, fuhr er in Gesellschaft, von dort brach er abends um 10 Uhr allein auf und befand sich in der zwölften Stunde zwischen Tiefensee und Heckelberg. Die Chaussee geht hier etwas bergab, zu beiden Seiten ist Wald. Der leichte Wagen rollte auf der glatt gefahrenen Straße so gleichmäßig fort, und die Pferde trabten so lustig vorwärts, daß ihr müder Herr die Augen schloß und sich sorglos dem Schlummer überließ. Auf einmal wird er rauh geweckt, er hat die Empfindung, als ob er einen heftigen Schlag auf den Nacken bekommt, gleichzeitig ziehen die Pferde scharf an und gehen mit dem Wagen in schnellem Laufe davon. Der Fuhrmann greift mit der Hand nach dem Genick, er fühlt einen starken Schmerz, die Hand ist blutig. Er weiß zwar nicht, auf welche Weise er verwundet worden, aber die Unruhe seiner klugen Thiere belehrt ihn, daß er das Schlimmste zu befürchten hat. Er läßt ihnen die Zügel schießen und hofft, binnen kurzer Frist ein Dorf zu erreichen. Plötzlich wird seine Lage kritischer als zuvor, eins der beiden Vorderräder hält die stürmische Fahrt nicht aus, es schwankt und hängt bald darauf nur noch lose an der Achse. Der Fuhrmann erschrickt, er wagt es nicht, anzuhalten und das Rad zu befestigen, wenn der Wagen nur noch eine Viertelstunde Zeit in so rasender Eile vorwärts fliegt, so ist er gerettet, er spornt die willigen Rosse zu neuen Anstrengungen an, aber nach wenig Secunden rollt das Rad in eine Schlucht neben der Chaussee, der Wagen wird mühsam an drei Rädern eine Strecke fortgeschleift, dann bleiben die Pferde stehen. Wattrow faßt sich ein Herz, birgt sein Geld in den Schaft des Stiefels und geht, einen tüchtigen Stock in der nervigen Faust, scharf nach rechts und nach links blickend, zurück, das verlorene Rad zu suchen. Er findet es nicht, sieht indeß auch nichts von dem Räuber, der ihn im Schlafe gestört. Langsam schleppen die Pferde den Wagen bis nach Lauenburg. Nachdem der Fuhrmann für die treuen Thiere gesorgt hat, untersucht er die eigene Wunde und ist nicht wenig erstaunt, als er statt eines Schlages eine Menge von Schußwunden entdeckt. Jetzt erst erkennt er die Größe der überstandenen Gefahr, er hat es mit einem zur frechsten Gewaltthat entschlossenen Menschen zn thun gehabt, sein Glück war gewesen, daß er dem nächtlichen Wegelagerer nicht zum zweiten mal beim Suchen des Rades begegnete; vermuthlich hatte derselbe den Angriff aufgegeben, als der Wagen so rasch aus seinen Blicken schwand, und war in das Dunkel des Waldes zurückgekehrt. Der Schuß würde den Fuhrmann unbedingt getödtet haben, wenn nicht der dickgefütterte hochaufgeschlagene Mantelkragen die Kraft gebrochen und den Kopf geschützt hätte. Eine beträchtliche Anzahl von Rehposten und Schrotkörnern saß im Rock und in der Weste, man zählte im Genick und im Rücken 18 Wunden. Die Bleistücke wurden herausgenommen, Wattrow mußte sich dem Arzte anvertrauen und konnte sich erst nach vier Wochen von seinem Krankenlager erheben und sein Gewerbe fortsetzen.

Der Meuchelmörder blieb trotz aller Nachforschungen unentdeckt.

Vier Wochen später hörte man von einem ganz ähnlichen, nur noch weit frechern Ueberfall im soldiner Kreise. Zwischen Bernstein und Dölitz, unweit der pommerschen Grenze, ist eine Chausseegeldhebestelle, welche damals ein gewisser Schmidt verwaltete, ein ehemaliger Soldat, der 1848 im Kriege gegen Dänemark ein Bein verloren hatte. In der Nacht vom 7. zum 8. Oct. 1858 lag Schmidt zusammen mit seinem vierjährigen Kinde im Bett und schlief, in einem zweiten Bett ruhte seine Ehefrau. Eben hatte es 12 Uhr geschlagen, da krachte ein Schuß, die Fenster klirrten, die drei Schläfer fuhren in die Höhe, Schmidt sank mit einem Schrei zurück, er fühlte, daß er getroffen war. Noch hatte sich der Pulverdampf nicht verzogen, als am Fenster das Gesicht eines Mannes sichtbar wurde. Die erschrockenen Eheleute glaubten, daß jetzt der Mörder herannahe, und befahlen ihre Seelen Gott; doch siehe, der Mann winkte ihnen freundlich zu und gab sich als einen Briefträger aus Bernstein zu erkennen, der einen expressen Brief nach dem jagower Forsthaus zu tragen hatte. Auf dem Wege dorthin mußte er an dem Chausseehause vorüber, etwa 100 Schritt davon entfernt sah er das Aufflammen des Pulvers und hörte den Knall eines entladenen Gewehrs. Anfänglich fürchtete er, der Schuß habe ihm gegolten, er war indeß unverletzt und lief nun nach dem Chausseehause hin, dem Orte zu, wo der Schuß gefallen war. Hier bemerkte er die dunkeln Umrisse eines Menschen, der vom Hause weg flüchtigen Schrittes dem Felde zueilte.

Ein Fenster des Hauses war durch das im Zimmer brennende Licht erleuchtet gewesen, man konnte es daher von außen überschauen und nicht blos die Betten, sondern auch die Lage der dort schlafenden Personen erkennen. Der Mörder hatte, um sicher zu zielen, eine Art von Schießstand errichtet, nämlich mehrere von einem Anbau des Hauses losgerissene Breter über den Chausseegraben gelegt, auf dieselben einen Karren gestellt und diesen wieder mit Bretern bedeckt. Von dem improvisirten Gerüste aus wurde es ihm möglich, das auserkorene Opfer genau aufs Korn zu nehmen; der unheimliche Schütze hätte unfehlbar seinen Angriff erneuert und seinen Zweck, sich die Chausseegeldkasse anzueignen, erreicht, wäre er nicht von dem Briefträger verscheucht worden.

Das Bett, in welchem Schmidt und sein Kind lagen, schwamm im Blute, das Kind war jedoch nicht verwundet, der Vater hatte es mit dem eigenen Leibe gedeckt. Dem unglücklichen Manne war die ganze aus Rehposten und Schrotkörnern bestehende Ladung in die eine Seite gedrungen. Er mußte sich einer schmerzhaften Operation unterwerfen und wurde monatelang auf das Siechbett hingestreckt. Endlich schlossen sich die 14 Schußwunden, Schmidt wurde wieder gesund, allein sein Wohlstand war durch die Kosten der langwierigen Krankheit hart beschädigt.

Die Gerichte und die Polizei begannen ihre Thätigkeit schon am Morgen nach der blutigen That, es wurden etliche Personen eingezogen, andere scharf inquirirt, aber der Verdacht bestätigte sich nicht, die Untersuchung mußte eingestellt werden.

Im nächsten Monat, also im November 1858, beging der Förster Topp aus Marienbrück sein Revier und traf bei dieser Gelegenheit im tankow-wildenower Forst einen verwildert aussehenden Menschen, der, im Gebüsche versteckt, auf der kalten Erde sich ein Lager zurechtgemacht hatte und fest schlief. Die Beschaffenheit der Lagerstätte deutete darauf hin, daß sie nicht zum augenblicklichen vorübergehenden Gebrauche bestimmt war. Der Förster sah sich den Mann an, der in so tiefem Schlafe lag, als wenn er nachholen wollte, was er in mehrern Nächten versäumt. Ein Freund der Natur, der im Sommer aus Liebhaberei im Walde sein Domicil aufschlägt, um sich von den Vögeln einsingen und von den rauschenden Zweigen in den Schlummer wiegen zu lassen, konnte es nicht sein, denn die Bäume waren fast kahl, die gefiederte Schar hatte ihre Wanderung nach dem warmen Süden längst angetreten, ein rauher Nordost Pfiff durch den Forst. Topp faßte den Schläfer an und rief ihm zu: »Hollah, aufstehen!« Der Fremde dehnte sich, warf sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Nun griff der Forstmann derber an und rüttelte ihn so kräftig, daß er erwachte. Er warf dem Störenfried einen bösen Blick zu, dann sprang er bestürzt in die Höhe. Topp eröffnete ihm, es sei nothwendig, daß seine Persönlichkeit festgestellt werde, deshalb solle er ihm folgen. Der Unbekannte erklärte sich dazu ohne Zögern bereit, nahm einen ihm zur Seite liegenden Sack über die Achsel und schritt anscheinend gleichgültig einige Minuten neben dem Förster einher, dann aber warf er den Sack von sich und sprang leichtfüßig in das Dickicht. Topp mußte es sehr bald aufgeben, den Flüchtling einzuholen, er hob den Sack, der eine ziemlich vollständige Sammlung von Diebsinstrumenten: Brecheisen, Bohrer, Sägen, Meißel, Dietriche u. dgl. enthielt, auf und lieferte denselben an das Kreisgericht in Landsberg a. d. W. ab. Diese Behörde erließ eine öffentliche Bekanntmachung und theilte darin die Begegnung des Försters mit; es meldete sich jedoch niemand, der über die genau signalisirte verdächtige Mannsperson Auskunft gab.

Die kurz vor der Entdeckung der phritzer Höhle hart gebrandschatzten Districte des soldiner und des phritzer Kreises hatten sich seitdem einer fast ungestörten Ruhe erfreut, und das Vertrauen war nach und nach zurückgekehrt. In den letzten Monaten des Jahres 1858 und zu Anfang des folgenden Jahres nahmen indeß die Verbrechen gegen das Eigenthum von neuem überhand. Ein Einbruch folgte auf den andern, der zweite immer dreister als der vorhergegangene. Heute tauchte der Unhold im Norden, morgen im Süden auf. Die Art und Weise, wie er sich den Weg bahnte, war fast stets dieselbe, überall brach er durch die festesten Verschlüsse und raubte im Dunkel der Nacht. Keine Eisenstange war fest, kein Schloß sicher genug, man erkannte, daß man es nicht blos mit einem entschlossenen, sondern auch mit einem überaus starken Bösewicht zu thun hatte. Er plünderte die Orte Warsin, Klorin, Plönzig, Garz, Brietzig, Lettnin, Craatzen, Alt-Mellenthin, Cremlin, Marienaue, Naulin, Rohrsdorf, Loist, Köselitz, Batow und fand sich abermals auf dem Schauplatze seiner frühern Thaten in Dertzow und in Hohenziethen ein. Auf seinen weitern Ausflügen stahl er in Adamsdorf, Giesenbrügge, Görlsdorf und in Stölpchen bei Bärwalde.

Im Frühling 1859 wurden umfassende energische Maßregeln angeordnet, um den zur Landplage gewordenen Räuber endlich zu fangen. Das Militär in Soldin und in Phritz bekam den Befehl, zu manövriren, das zwischen beiden Städten liegende Terrain ward auf mehrere Meilen in die Runde durchsucht, unter Zuziehung der Gemeinden die Waldung durchforscht, an verschiedenen verdächtigen Stellen nahm man zu derselben Stunde Haussuchungen vor. Und dennoch war alle Mühe umsonst, von dem berüchtigten Masch und seinen etwaigen Helfershelfern fand man auch diesmal keine Spur. Schon gab man sich der Hoffnung hin, daß die Geisel des Landes doch vielleicht verjagt sein möchte, als die Kunde erscholl, im königsberger Kreise, in der Nahe von Bärwalde, sei ein gräßlicher Mord verübt worden, den kein anderer als Masch begangen haben könne.

Am Ausgange des Dorfes Stölpchen, an der nach Mohrin führenden Straße, liegt die dem Gutsherrn gehörige Krugwirthschaft. Das Schankgewerbe brachte nicht viel Gewinn, denn Fremde pflegten sich nicht lange aufzuhalten, insbesondere nur selten über Nacht zu bleiben. Die Haupteinnahmequelle waren die Gäste aus dem Orte selbst, die den Krug besuchten. Der Pachtzins betrug 60 Thlr. für das Jahr. Das Haus stand mit der Giebelseite au der Straße, es war gemäß der Gewohnheit jener Gegend an der Vorderseite mit einem Ueberbau versehen, indem mehrere freistehende Balken den vorgebauten Dachstock trugen. Dieser Ueberbau, ein vor den Regengüssen geschützter Raum, heißt in der Volkssprache Löwing, bei ungünstigem Wetter fanden die Fuhrleute ein Obdach daselbst, in der heißen Jahreszeit war der Platz von allen gesucht, die kühl sitzen wollten.

Machen wir uns nun mit den Localitäten im Innern bekannt, soweit es zum Verständniß des Folgenden nöthig ist.

Das Haus wird links von der Straße von dem Garten umschlossen, rechts sind Wirthschaftsräume und Stallungen, die Rückseite stößt an das freie Feld. Wenn man vom Löwing durch die Hausthür eintritt, so gelangt man in den Hausflur, von da führt zur Linken eine Thür in die Schenkstube, an diese stößt die Schlafstube, die erste hat zwei Fenster, eins nach dem Garten, das andere nach dem Felde zu, die letztere ist einfensterig. Die Schlafkammer wird durch eine Thür mit der Wohnstube verbunden, die Fenster von beiden sind dem Felde zugekehrt, aus der Wohnstube kommt man in die Häckselkammer; diese, eine Küche, eine finstere Vorrathskammer und eine Polterkammer nehmen die rechte Seite des Hauses ein. Vom Felde aus führt eine Hinterthür direct in die Häckselkammer, von hier passirt man einen Durchgang, der zugleich den Feuerungsraum enthält, und befindet sich dann in der Hausflur. Im Jahre 1860 hatten die Brandt'schen Eheleute den Krug gepachtet, sie waren erst seit kurzem veiheirathet, Frau Brandt erwartete ihr erstes Kind. Am 9. Sept. ging der Meier Zimmermann aus Stölpchen, ein Bekannter von Brandt, der den Krug öfter besuchte und im Hause genau Bescheid wußte, morgens zwischen 5 und 6 Uhr nach dem bärwalder Holze. Vom Felde aus sah er, daß die Hinterthür offen war. Da er wußte, daß die Krügersleute erst ziemlich spät aufzustehen pflegten, daß sie Dienstboten nicht hielten und einkehrende Fremde fast nie dort nächtigten, fiel ihm dies auf, um so mehr, da er sich erinnerte, daß schon früher ein Dieb durch das Fenster der Hinterstube eingestiegen sein sollte. Er ging näher heran und fand seinen Verdacht bestätigt. Das Fenster der Häckselkammer war erbrochen, eine Menge Geräthe lagen zerstreut herum, es schien, als wenn der Dieb sich einen erhöhten Tritt zurechtgemacht hatte, um dann bequemer als vom Boden aus eindringen zu können. Zimmermann rief, an der Hinterthür stehen bleibend, mit lauter Stimme: »Brandt!« Keine Antwort erfolgte, nur ein Hund fing im Innern des Hauses an zu bellen. Vielleicht war der Krüger in einem Stalle beschäftigt, Zimmermann rief in die Ställe hinein, alles blieb stumm. Nun ging er um das Haus herum und bemerkte, daß die hölzernen Traillen, welche das Küchenfenster verwahrten, zerbrochen waren. Unter dem Löwing lehnte eine Bank am Fenster der Polterkammer, dieses Fenster war vollständig herausgenommen, die Hauptthür weit geöffnet. In immer größerer Spannung begab sich Zimmermann in die Schenkstube und rief noch lauter: »Brandt! Brandt!« Die schauerliche Stille wurde durch nichts unterbrochen. Jetzt ahnte ihm, daß hier etwas Schreckliches vorgegangen sei, mit zitternder Hand berührte er den Drücker zur Thür der Schlafstube. Die Thür ließ sich nicht ohne weiteres öffnen, weil sich ein schwerer Gegenstand dagegenstemmte. Sie wich dem stärkern Druck, und das erste, was Zimmermann erblickte, war der auf dem Boden liegende mit Blut bedeckte Körper seines Freundes. Die junge Frau lehnte todt am Bett, der Oberleib war über die Bettstelle zurückgebogen, mit den Füßen stand sie auf den Dielen. Dem Meier rieselte es eisig durch die Adern, als er die beiden Leichen sah, entsetzt floh er von der Stätte des Mordes und berichtete athemlos im Dorfe die grausige Blutthat. Die muthigsten Männerherzen erbebten, denn solch ein verwegener Anfall war unerhört. Schon nach wenigen Stunden erschienen die Gerichtspersonen aus Bärwalde und nahmen die gesetzlich vorgeschriebene Besichtigung vor. Die beiden Eheleute waren erschlagen worden, man fand die Schädel zertrümmert, am Halse klafften breite Wunden. Die Haupthaare starrten, mit Blut getränkt, wirr durcheinander, die Betten und die Dielen unter den Bettstellen schwammen im Blute. An einem Fäßchen lehnte ein blutiges Beil, an welchem noch die blonden Haare von dem Haupte der Frau Brandt klebten. Das Beil gehörte dem ermordeten Brandt, es wurde gewöhnlich im Küchenraume, niemals in der Schlafkammer aufbewahrt. Der Mörder hatte es jedenfalls in der Küche mitgenommen, und dann mit der Rückseite die Köpfe der beiden Schläfer zerschmettert; was das Beil nicht ganz gethan, das hatte das Messer, mit dem er die Kehlen durchschnitten, vollendet. Daß ein Raubmord in Frage war, lehrte der Augenschein, die Kommodenkästen waren durchwühlt, Kleider und Wäsche herausgerissen, Papiere umhergestreut, mehrere Schränke aufgeschlossen. Es fehlte eine silberne Taschenuhr und der größte Theil des baaren Geldes, allerdings waren noch einige Groschen in einer Tasche, die an der Thür hing, aber diese mochte der Mörder übersehen haben, die Summe von 24 Thlrn., die der Krugwirth vor wenigen Tagen für verkauftes Getreide gelöst hatte, war geraubt.

Die allgemeine Meinung ging dahin, daß der Mörder im Hause bekannt gewesen sein müsse. Er war nicht den kürzesten Weg durch die Fenster der Schenkstube oder der Schlafstube gegangen, sondern zuerst auf der andern Seite des Hauses durch das Fenster der Häckselkammer eingestiegen. Von hier konnte er in die Küche zu dem Beil kommen, dessen er sich zunächst bemächtigen wollte. Zufällig war der Durchgang zur Küche abgesperrt, der Räuber schritt deshalb zu dem umständlichern Erbrechen des Küchenfensters, konnte aber wieder nicht in den Hausflur gelangen, weil die Thür dorthin verschlossen war. Nun brach er an einer dritten Stelle ein, vom Löwing aus in die Polterkammer, von hier erreichte er ohne Schwierigkeit den Hausflur und konnte nun, mit dem Beil bewaffnet, zu seinem Werke schreiten. Die Ansichten, ob einer allein oder ob zwei Personen die That verübt, waren getheilt. Merkwürdigerweise zeigte die durchsuchte Wäsche keine Blutflecke, diese hätten aber vorhanden sein müssen, wenn dieselbe Hand, die das Beil schwang, dann auch die Wäschstücke angefaßt hätte. Der Körper des Mannes war, wie wir wissen, vollständig, der der Frau zur Hälfte aus dem Bett gezogen, die Betten und das Bettstroh aufgewühlt. Ohne mit Blut besudelt zu werden, konnte der Mörder dies nicht gethan haben, und dennoch waren die bunt durcheinandergeworfenen Sachen völlig rein. Hatte etwa der eine die Opfer abgeschlachtet, während der andere die Beute auswählte? In jedem Falle war nur Ein Beil benutzt worden, denn die sämmtlichen Schlagwunden zeigten die gleichen Dimensionen und rührten von demselben Instrument her. Ein Kampf hatte nicht stattgefunden, namentlich hatte der Krüger den Todesstreich im Bett, und nicht etwa außerhalb des letzteren, empfangen, wie sich daraus ergab, daß im Bett, aber nicht auf dem Fußboden, wo der Leichnam lag, eine Blutlache gefunden wurde. Waren es zwei Räuber, so mußte man annehmen, daß sie schon die Rollen vorher unter sich getheilt, und daß nur einer den Brandt'schen Eheleuten mit Beil und Messer den Garaus gemacht hatte.

In der Regel wurde im Brandt'schen Hause eine Oellampe gebrannt, nur in ganz seltenen Fällen, wenn ein Tanzvergnügen oder sonst eine Festlichkeit stattfand, brannten Lichter, und zwar billige Talglichter. In der Mordnacht dagegen war ein Stearinlicht gebrannt worden, und der Mörder hatte dieses Licht in der Hand gehalten, denn auf den Dielen und dem Beile hafteten kleine weiße Perlchen und Scheiben, die offenbar bei dem hastigen Hin- und Herbewegen des Lichtes heruntergetröpfelt waren. Vorsichtig wurde die Stearinmasse, die sehr bald zu eiuem kostbaren Beweismittel werden sollte, abgelöst und in gerichtliche Verwahrung genommen. In der That gelang es, die Person desjenigen zu ermitteln, welcher das verrätherische Stearinlicht entweder selbst in den Krug gebracht oder doch dem Mörder zur Ausführung des Mordes zugestellt hatte. Es war kein anderer gewesen als Karl Ludwig Liebig, der leibliche Bruder der verehelichten Brandt. Ihn bezeichnete die Volksstimme sofort als den Thäter, er war mit allen Oertlichkeiten genau vertraut und ihm vor allen mußte es ein Leichtes sein, den wachsamen, an ihn besonders anhänglichen Hund zu beschwichtigen.

Liebig ist 1832 in Steinbeck bei Wriezen a. O. geboren und der Sohn eines Ackerwirths, der später nach Bärwalde übersiedelte und daselbst eine Wirthschaft übernahm. Der Knabe ging in Steinbeck und in Wriezen zur Schule, nach seiner Confirmation wurde er zu einem Schmied in Bärwalde in die Lehre gebracht. Er war roh und hart wie das Eisen, welches er hämmerte, und gab schon frühzeitig Beweise eines leidenschaftlichen, jähzornigen Charakters. Seiner Schwester Marie versetzte er gelegentlich mit dem Messer einen Stich, daß sie zeitlebens eine Narbe davontrug, seinen lahmen Bruder mishandelte er so unbarmherzig, daß das Blut aus mehrern Wunden floß. Der Zunge ließ er rücksichtslos freies Spiel, er war frech in Reden, verstand es aber, hinter Geschwätz seine wahren Gedanken zu verbergen. Sein schwacher Gliederbau und seine geringe Körperkraft ließen ihn zum Schmiedehandwerk nicht recht tauglich erscheinen, er hatte auch überhaupt keine Lust zur Arbeit und brachte es zu nichts Rechtem. Als Geselle blieb er nicht lange bei einem Meister, sondern kehrte dem Hammer und dem Amboß gewöhnlich schnell den Rücken und half dem Vater in der Wirthschaft. Höchst willkommen war es ihm, als seine Aeltern den Krug in Stölpchen pachteten. Im Kruge sitzen, mit den Gästen plaudern und trinken, das behagte ihm weit besser, als im Schweiße seines Angesichts vor den Schmiedebälgen hantieren. Er blieb in Stölpchen und knüpfte ein Liebesverhältniß mit Helene Brandt, der Tochter des Kirchenlandpachters Brandt, an. Ihr Vater wollte jedoch von dem Herumtreiber, den er einen liederlichen Taugenichts nannte, nichts wissen und verbot dem Mädchen jeden Verkehr mit ihm. Dies war um so empfindlicher für Liebig, als seine Angehörigen bald darauf in sehr freundschaftliche Beziehungen zu der Brandt'schen Familie dadurch traten, daß der junge Martin Brandt sich um Emilie Liebig bewarb und sich mit ihr verlobte. Der Groll des verschmähten Freiers stieg, je wahrscheinlicher es wurde, daß Martin Brandt und nicht er die Krugwirthschaft vom Vater erhalten würde. Der alte Liebig starb und setzte im Testament Emilie zur Erbin ein, ihre Geschwister hatte sie mit baarem Gelde abzufinden. Bis zur Erbtheilung führte Karl Liebig das Regiment, dann aber kam der Bräutigam seiner Schwester, die Hochzeit wurde gefeiert und dem Bruder die Thür gewiesen. Hatte er schon vorher gedroht: »Meine Schwester hat mich betrogen, aber ich räche mich an ihr«, und: »Wenn die beiden sich verheirathen, so schneide ich ihnen den Hals ab«, so war er nun noch mehr erbittert. Er stattete zwar etlichemal einen Besuch im Krug ab, kam aber immer seltener. Den jungen Pachtersleuten wurde Geld gestohlen, der Verdacht fiel auf Liebig, es entstand ein Wortwechsel, der mit Tätlichkeiten endigte, Martin Brandt warf seinen Schwager zur Thür hinaus.

Liebig gab in der Folge seinen Beruf als Schmied auf und zog nach Alt-Blessin. Er heirathete die Witwe Wegner, die ihm drei Kinder zubrachte, und nährte sich kümmerlich vom Tagelohn. Sein Erbtheil, welches gegen 100 Thlr. betrug, hatte er bald zugesetzt; seine und seiner Familie Lage wurde immer trauriger.

Am Morgen des 9. Sept. verließ er das Haus und kehrte erst nach mehrern Stunden zurück. Die Nachricht von dem Morde im Kruge nahm er gleichgültig auf. Er sprach mit seiner Frau über die Kränkungen, die er von Schwager und Schwester erfahren, hin und her, endlich schickte er sich an, selbst nach Stölpchen zu gehen. Unterwegs begegnete er etlichen Leuten, die von der blutigen That redeten. Er sagte zu ihnen, es sei ihm so bange zu Muthe, als wenn er seinem Unglück entgegenliefe, sein Benehmen machte den Eindruck der größten Unruhe und Hast. In Stölpchen angekommen, geberdete er sich noch auffälliger. Er warf nur einen einzigen flüchtigen Blick auf die Leichen, dann wandte er sich ab und schluchzte laut, indeß bemerkte man, daß er keine Thräne hervorbrachte. Zwei Tage später äußerte er zu seinem Dienstherrn, dem Gutsbesitzer Mießling: »Es wäre leicht möglich, daß er nicht wieder zur Arbeit käme«, und antwortete auf dessen Frage nach dem Grunde: »Die Leute halten mich für den Mörder, und wenn mich das Gericht auch dafür hält, dann ist es gewiß, daß ich nicht wiederkomme.« Mießling verwies ihn auf den reuigen Schächer, der einst neben dem Erlöser am Kreuze starb, und ermahnte ihn, vor allem auf sein Seelenheil bedacht zu sein und zu bekennen, wenn er sich schuldbewußt fühle. Liebig hörte aufmerksam zu, dann brach er verzagt in die Worte aus: »Nein, nein, ich sterbe den Tod, den die gestorben, selig kann ich nicht werden.« In diesem Augenblick kam ein dritter herbei, und sofort rief er wie umgewandelt: »Wenn ich es gewesen bin, dann soll mich die liebe Sonne nicht mehr bescheinen!«

Wirklich sah er die Sonne nur noch wenige Stunden als freier Mann. Er wurde verhaftet. Sein ingrimmiger Haß gegen die Geschwister, seine genaue Bekanntschaft mit den Oertlichkeiten und die Anhänglichkeit des Hundes an seine Person machten ihn verdächtig. Es wurde eine Haussuchung in seiner Wohnung angeordnet und ein Stemmeisen gefunden, welches in die Eindrücke an den Fenstern der Häckselkammer und der Küche paßte. Kurz darauf kam ein Umstand zu Tage, der noch entscheidender für seine Ueberführung werden sollte. Sein dreizehnjähriger Stiefsohn Fritz hatte im Auftrage des Vaters von der Handelsfrau Töpfer ein Fünfdreierlicht verlangt. Die Töpfer besaß dergleichen nicht und bot ihm eins für einen Groschen an. Der Knabe nahm es indeß nicht und ging in den Laden des Kaufmanns Pätsch, wo er ein Stearinlicht für 1 Sgr. 3 Pf. erhielt. Drei Tage später kam er wieder und sagte, wenn man behaupte, er habe hier ein solches Licht geholt, so sei das eine Lüge. Vor Gericht räumte er erst nach vielfachem Leugnen den Ankauf des Lichtes ein, dann widerrief er, gestand es aber nochmals zu und entschuldigte sich damit, sein Stiefvater habe ihm mit körperlicher Züchtigung gedroht, wenn er davon etwas verlauten lasse. Die Stearinmasse der von dem Kaufmann Pätsch geführten Lichter wurde von Sachverständigen untersucht und mit derjenigen verglichen, die in der Brandt'schen Schlafstube abgetröpfelt war. Die Masse stimmte vollkommen überein, während in den Bestandtheilen des nicht aus einem und demselben Erzeugungsproceß hervorgegangenen Stearins sehr leicht merkliche Unterschiede wahrnehmbar sind.

Die verehelichte Liebig bestritt, daß ein derartiges Licht gekauft worden sei, sie gab an, in ihrem Hause würden nie Lichter gebrannt, sie besäßen nicht einmal einen Leuchter. Nach dem Aufenthalt ihres Mannes in der Mordnacht gefragt, versicherte sie, sie habe fest geschlafen und wisse nur so viel, daß ihr Gatte des Morgens, als sie noch im Bette gelegen habe, aufgestanden sei und sich entfernt habe. Die andern Hausbewohner konnten keine Auskunft geben, jedoch war es recht wohl möglich, daß Liebig, da die Hausthür nicht verschlossen gehalten wurde, ohne Geräusch hinausgegangen war.

Die verehelichte Liebig gestand übrigens gegen Privatpersonen zu, ihr Mann könne allerdings aufgestanden und eine Zeit lang auswärts gewesen sein. Dem einen Nachbar sagte sie gesprächsweise: »Wenn ihr Mann der Mörder sei, müsse er einen Mitschuldigen haben«, sie stellte also seine Betheiligung nicht direct und unbedingt in Abrede. Der Witwe Klepsch erzählte sie: »Ihr Mann habe weiter nichts gethan, als sich durch den Jungen ein Stearinlicht holen lassen, in der Nacht sei er mit dem Lichte fortgegangen.« Endlich bekannte sie einem Polizeibeamten, »daß ihr Sohn eines Abends vor dem Morde ein Stearinlicht gebracht und es vor ihren Mann hin auf den Tisch gelegt habe«.

Der Angeschuldigte setzte allen Verdachtsgründen das consequenteste Leugnen entgegen. Er bestritt, daß er mit seinem Schwager und seiner Schwester jemals in Feindschaft gelebt habe, daß er auf dem Wege nach Stölpchen ängstlich und unruhig gewesen sei, er wollte von dem Gespräche mit Mießling und von dem verrätherischen Lichte nichts wissen. Vom Gefängnisse aus machte er den Versuch, sich mit seiner Frau in Verbindung zu setzen, er schrieb ihr einen Brief, der in die Hand des Gerichts kam, und forderte sie darin auf, den Fritz zu überreden, daß er den Ankauf des Lichts widerrufen sollte. Da er einfältig genug war zu glauben, er könne seine Richter und die Gefängnißbeamten täuschen, spielte er den Frommen. Er sprach in biblischen Ausdrücken und brachte Phrasen an, die Bruchstücke von dem waren, was er in der Kirche gehört und behalten hatte. Nicht schlau und gewandt genug, seine Rolle durchzuführen, machte er sich durch seine Frommthuerei nur noch verdächtiger. Von Geduld, Demuth, Feindesliebe, Selbstverleugnung und allen echten Kennzeichen eines wahrhaft frommen Herzens bemerkte man bei ihm nichts, er blieb derselbe starrsinnige freche Leugner, der er vorher gewesen war, lehnte sich auf gegen die Gefängnißordnung und brach häufig in förmliche Wuthanfälle aus, zwischendurch faltete er die Hände, sagte lange Gebete her und citirte Bibelsprüche und Liederverse. Der Heiligenschein, den er um sich zu verbreiten bestrebt war, glich einem durchlöcherten Mantel, überall blickten Bosheit und Tücke hindurch.

Man kann es kaum listig, man muß es schlechthin unverschämt nennen, wenn er schließlich mit einer kindischen Fabel hervortrat, die seine Unschuld beweisen sollte und dafür Glauben verlangte. Er behauptete, Gott habe ihm in nächtlichen Visionen die Mörder, an deren Stelle er unschuldig im Gefängniß schmachte, offenbart. Ihm hatte geträumt, so gab er an, er wäre Brandt, und Emilie, seine Schwester, wäre seine Frau gewesen, sie hätten beide im Bett gelegen und geschlafen, durch ein Geräusch aufgeweckt, habe er Personen aus dem Kreise seiner Bekannten, die er mit Namen nannte, in die Schlafstube treten sehen. Sie hätten auf ihn und auf seine Frau blutgierige Blicke gerichtet, ihre langen Messer an einem Feuerstahl gewetzt und sich über sie gebeugt, um sie beide abzuschlachten. Schon sei das Messer gegen ihn gezückt gewesen, da habe er sich aufgerichtet, es ergriffen, sich aber die Hand so aufgeschlitzt, daß ein rother Blutstrahl hoch aufgesprungen sei. Der jähe Schmerz habe ihn aufgeweckt.

Er blieb steif und fest dabei, die Männer, welche ihm im Traume erschienen wären, müßten die Mörder sein, und forderte alles Ernstes, das Gericht solle sie einkerkern und ihn freilassen.

Das gleisnerische Benehmen des Inculpaten bestärkte alle, die davon hörten, in dem Glauben an seine Schuld, und man erwartete mit Bestimmtheit, daß er demnächst unter der Anklage des Mordes vor die Geschworenen gestellt werden würde. Da trat plötzlich die Hauptperson in unserm Drama hervor und betheuerte: »Ich allein habe den Mord verübt, niemand hat mir beigestanden, das Licht, bei dessen Scheine Brandt und seine Frau ihr Leben aushauchten, habe ich selbst an Ort und Stelle gebracht.«

Wir werden später hören, daß Liebig's Hoffnung, dieses Geständniß werde die Thür seines Kerkers öffnen, umsonst war, und daß er trotzdem als der Gehülfe des Mörders erkannt und verurtheilt wurde; jetzt thun wir vorerst einen Schritt zurück und müssen von neuen Mordthaten des Menschen berichten, der noch immer in jener Gegend hauste, dessen Blutdurst noch lange nicht gestillt war.

Karoline Hipperling, die Tochter eines Tagelöhners in Adamsdorf bei Soldin, stand mit einem jungen Burschen Namens Karl Friedrich Behling in einem zärtlichen Verhältnis. Behling diente auf einem eine Viertelmeile entfernten Gute als Knecht, besuchte aber seine Verlobte regelmäßig jeden Sonntag, die Aeltern des Mädchens hatten dagegen nichts einzuwenden, und es entspann sich sehr bald ein nur allzu vertraulicher Verkehr. Die Braut gebar infolge dessen ein Kind, und der Bräutigam konnte vorläufig nicht daran denken, den eigenen häuslichen Herd zu gründen, denn er war erst 20 Jahre alt und hatte seiner Militärpflicht noch nicht genügt. Im Herbst 1860 wurde er als Soldat ausgehoben und erhielt den Befehl, sich am 18. Oct. mit den übrigen Rekruten in Soldin zu stellen, um dem Garnisonsorte zugeführt zu werden. Die letzten Wochen vorher waren eine schwere trübe Zeit für seine Geliebte, die nun den Vater ihres Kindes von sich lassen mußte und die Hochzeit in ungewisse Ferne gerückt sah. Sie überhäufte ihren Verlobten mit Beweisen ihrer Liebe, beide versicherten einander, daß sie sich treu bleiben würden, und als die Abschiedsstunde nahte, gab sie ihm das Geleite nach Soldin.

Die Aeltern warteten vergeblich auf die Rückkehr ihrer Tochter; als die Nacht hereinbrach und sie noch immer nicht zu Hause war, trösteten sie sich mit dem Gedanken, sie werde auf Zureden Behling's oder aus eigenem Antrieb in Soldin geblieben sein, und erst nach dem Abmarsch der militärpflichtigen Mannschaft, der am 19. Oct. in der Frühe stattfinden sollte, den Heimweg antreten. Allein auch am Morgen des 19. Oct. stellte sie sich nicht ein und noch im Laufe des Tages erzählten Einwohner aus Adamsdorf, daß sie die Unglückliche seitwärts neben der Chaussee in einem Graben liegend gefunden hätten, sie war todt, der Mörder hatte sie überfallen, erwürgt und beiseitegeschleppt. Unterhalb des einen Ohres bemerkte man einen auffallenden Flecken, von dort aus lief um den Hals ein gerötheter Streifen. Der Nacken war hochroth gefärbt. Die Aerzte begutachteten, der Tod sei durch Erstickung unter Hinzutritt eines Blutschlags erfolgt. In Betreff der Lage des Körpers ist zu erwähnen, daß die Leiche bis zu den Knien herauf entblößt war; an der Kleidung konnte man keine Spur eines vorausgegangenen Kampfes wahrnehmen, auch schien nichts geraubt zu sein. Das baare Geld, was sie besessen, lag unversehrt in ihrer Lade, es fehlte von allen den Sachen, die sie mitgenommen, nicht ein einziges Stück. Ueberhaupt war es nicht wahrscheinlich, daß ein Räuber das einfach ländlich gekleidete Mädchen, bei dem er gewiß keine lohnende Beute erwartet haben konnte, ermordet haben sollte. Dicht neben dem Leichnam lag ein Krückstock mit Zinkblechzwinge, nicht weit davon das Umschlagtuch der Ermordeten und ihr Handkorb, an dessen Henkel ein Paar Mannsstiefeln hingen. Der Stock war senkrecht in die Erde gesteckt worden und dann umgerissen oder umgefallen. Der Mörder hatte ihn also nicht zu seinem Vorhaben benutzt, sondern jedenfalls beiseitegestellt, um die Arme frei zu haben und sich ungestört mit der Frauensperson zu beschäftigen. Die Stiefel und der Stock waren das Eigenthum des Rekruten Behling, welcher mit Karoline Zipperling die letzte Wanderung angetreten hatte. Er allein zog von dem Tode des Mädchens Gewinn, denn dadurch wurde er frei von einer übernommenen Verpflichtung, von einem Bande, welches ihm vielleicht jetzt, da er ins Leben hinausging, recht lästig wurde. Es stieg der Verdacht auf, daß er sich der Geliebten, deren er überdrüßig geworden, durch eine rasche That entledigt und, nach Vollendung des Mordes durch andere verscheucht, seinen Stock und seine Stiefeln zurückgelassen habe.

Behling wurde in Untersuchung genommen, man forderte von ihm, daß er Auskunft geben sollte über das Schicksal seiner Braut. Er erzählte eine ziemlich unwahrscheinliche Geschichte. »Karoline begleitete mich«, so gab er an, »bis Soldin, sie war äußerst gedrückt und niedergeschlagen; um ihr Trost zuzusprechen und sie nicht den ganzen Rückweg allein machen zu lassen, kehrte ich wieder mit ihr um und ging mit ihr die Straße, die wir eben gekommen waren, nochmals zur Hälfte zurück. Als es anfing zu dunkeln, trennten wir uns, sie nahm mir meinen Stock und die Stiefeln, die ich doch nicht mehr brauchte, ab, um sie einstweilen für mich aufzuheben; ich eilte nach Soldin, sie auf dem Wege nach Adamsdorf weiter.« Der Punkt, wo das Paar nach Behling's Behauptung auseinandergegangen sein sollte, war nur etliche hundert Schritte entfernt von der Stelle, wo man die Leiche gefunden. Hiernach hätte der Mörder das Mädchen nur wenige Minuten nach dem Abschied überfallen, der Bräutigam hätte ihren Hülferuf beinahe noch hören müssen. Dies schien fast unglaublich zu sein – und dennoch war es die Wahrheit, zum Glück für den jungen Soldaten hatte eine dritte Person der Abschiedsscene beigewohnt. Ein Mädchen war an jenem Abend am Felde beschäftigt und sah von weitem, daß Behling und seine Braut auf der Chaussee standen, sich umarmten und dann Lebewohl sagten, er ging nach Soldin, sie nach Adamsdorf zu, beide wendeten sich noch mehreremal um und winkten und riefen sich zu. Was aus Karoline Zipperling geworden, wußte das Mädchen nicht, sie war ihrem Gesichtskreis rasch entschwunden, der Soldat aber konnte ihr nichts zu Leide gethan haben, denn die Zeugin hätte es sehen müssen, wenn er umgekehrt und seiner Geliebten nachgegangen wäre.

Hierdurch ward die Unschuld des Inculpaten allerdings unwiderleglich bewiesen, allein er hatte nicht nur die Braut verloren, auch sein guter Ruf war untergraben und er schuldlos monatelang in eine peinliche Untersuchung verwickelt worden. Den wahren Mörder hatte kein menschliches Auge gesehen als das für immer gebrochene seines Opfers, es blieb ein Geheimniß, wer diesem jungen Leben ein gewaltsames Ende gemacht.

Haben wir schon in dem Bisherigen schwere Thaten geschildert, so kommen wir jetzt zu einer Begebenheit, welche alles Frühere weit überbietet und in den Regesten der Criminalistik beinahe einzig dasteht, wir meinen den seinerzeit von der Presse aller Länder berichteten sechsfachen Raubmord in der chursdorfer Mühle. Hören wir das Nähere über diese grauenhafte Menschenschlächterei!

Der Müller Baumgart zu Chursdorf bei Soldin war ein wohlhabender Mann, er betrieb neben der Müllerei schwunghaft ein Bäckergewerbe, und lieferte regelmäßig ganze Wagen voll Brot in die benachbarten Ortschaften, wofür, wie er selbst sagte, manchen Tag an 100 Thlr. in seine Kasse flossen. Sein Gehöft lag nicht im Dorfe selbst, sondern zehn Minuten davon, an der von Chursdorf nach Carzig führenden Straße. Rechts an der Straße standen das Wohnhaus und die Wirtschaftsgebäude, links auf einer Anhöhe die Windmühle, und noch etwas mehr seitwärts eine Tagelöhnerwohnung. Trat man von der Straße in den Flur des Wohnhauses, so hatte man rechts vorn ein Wohnzimmer und hinten hinaus die Backstube, links an der Straßenseite eine Stube und eine Eckkammer, und an der Hofseite die Schlafstube der beiden Eheleute, neben welcher sich die an die Hausflur stoßende Küche befand. Aus der Küche führte eine Thür in die Schlafstube, aus dieser gelangte man durch zwei andere in derselben Wand befindliche Thüren nach den beiden Räumen an der Vorderfronte, der Stube und der Eckkammer. Die Fenster der Schlafstube gingen nach dem Garten. An der entgegengesetzten Seite, von der Straße durch einen Thorweg abgesperrt, war der sich von dort um die Hinterfronte herumziehende Hofraum. Der letztere wurde nach dem Felde zu durch Scheunen, Stallgebäude, dazwischenliegende Zäune und zwei verschlossene Thorwege eingefriedigt. Auf dem Hofe waren drei Hundehütten, in jeder ein Hund. Endlich ist zu erwähnen, daß in der Mauer des Hauses drei Luken, eine jede durch zwei eiserne Traillen verwahrt, angebracht waren, durch welche Licht in die unter dem Hause befindlichen Keller fiel.

Das Haus wurde von den Müllersleuten, ihren fünf Kindern, einer Dienstmagd und dem Bäckergesellen Großmann bewohnt. Baumgart und seine Frau schliefen in der obengedachten Schlafstube, das siebzehnjährige Dienstmädchen Karoline Hartmann und der zwölfjährige Emil neben ihnen in der Kammer, Ottilie und Rudolf, 10 und 5 Jahre alt, in der an diese Kammer stoßenden Stube. Der Gesell Großmann hatte seine Schlafstelle in einer Kammer des Dachstocks, zu welchem vom Flur aus eine Treppe führte, er schlief auch in der Nacht vom 10. zum 11. Mai daselbst. Berthold Baumgart, 15 Jahre alt, lernte die Müllerei und brachte jene Nacht wie gewöhnlich in der Windmühle zu, die bereits erwachsene Tochter Henriette war vom Hause abwesend und in Lippehne geblieben, wo sie Nähunterricht gab.

Großmann hatte sehr fest geschlafen, er war nicht ein einziges mal aufgewacht und machte sich, als er am 11. Mai aufgestanden war, an seine täglichen Geschäfte. Er holte vom Hofe Wasser und Holz herbei, dann ging er in die Küche, brannte auf dem Herde Feuer an und wartete nun, daß der Meister und die Magd erscheinen und ihm beim Backen helfen sollten. Da sich niemand blicken ließ und der Tag immer weiter vorrückte, öffnete er die Thür zum Schlafzimmer des Müllers, um die Langschläfer zu wecken. Entsetzt fuhr er zurück, das war ja doch nur eine böse Vision, die er hatte; er sammelte sich und schaute genauer hin, aber nochmals rieb er sich die Augen, er konnte nicht glauben, was er sah. Die muntere lebensfrische Ottilie lag mit eingeschlagenem Schädel in einer Blutlache auf den Dielen und aus den Betten starrten ihm die bleichen,blutigen Leichen des Meisters und der Meisterin entgegen, beide kaum zu erkennen, so waren die Züge entstellt. Während er oben sanft und im Gefühle der größten Sicherheit schlummerte, hatte unter ihm der Tod seine blutige Sichel geschwungen. Er vermochte den furchtbaren Gedanken nicht zu fassen, jetzt schreckte er auf: was war aus den andern, was war aus der Magd, aus Emil und Rudolf geworden? Zitternd trat er in ihr Schlafgemach, aber neues Entsetzen, auch hier fand er die Stille des Todes, die nur durch das Rieseln des Blutes unterbrochen wurde. Uebermannt von allen den fürchterlichen Eindrücken floh er aus dem Hause und eilte in die Windmühle, wo er den Berthold Baumgart antraf und ihm mittheilte, was er soeben gesehen. Beide gingen zusammen in das Wohnhaus und überzeugten sich hier, daß der erst fünf Jahre alte Rudolf noch röchelte. Schleunigst wurden ein Arzt und die Ortsbehörde herbeigerufen, der erstere erkannte sofort, daß Lebensrettungsversuche umsonst, daß auch die Wunden des kleinen Rudolf tödlich waren, das Kind verschied nach wenig Minuten, und es lagen nun sechs Leichen im Hause, deren frevelhaft vergossenes Blut gen Himmel schrie und die Mörder verklagte.

Wie die gerichtliche Besichtigung ergab, hatten sich die Räuber mit großer Gewalt und Keckheit den Eingang erzwungen. Sie waren über das eine vom Hof nach dem Felde führende Thor, an welchem man noch Schmuzspuren bemerkte, in den Hof gestiegen und zunächst in den Keller gedrungen. Ein Baumstamm stak unter der einen der drei Kellerluken, welche durch die Herausbrechung der Traillen geöffnet war, die Traillen in den beiden andern Luken waren verbogen, vermuthlich hatten sie zu fest in der Mauer gesessen; durch die dritte Luke in den Keller gelangt, konnten die Räuber die Treppe hinaufsteigen, von innen das Schloß der Thür zur Hausflur aufmachen und dann in alle Zimmer kommen. Möglich auch, daß der schmächtigste und gewandteste durch die nur 12 Zoll hohe und 15 Zoll breite Luke eingestiegen war und daß er seinen Spießgesellen die Thür geöffnet hatte. Die beiden Räume rechts vom Flur, vorn das größere Zimmer und die Backstube nach dem Hofe zu, waren in der alten Ordnung, insbesondere stand in der Vorderstube ein Schrank wohlverschlossen und unversehrt, in welchem unter anderm eine Geldkatze mit 450 Thlrn. baares Geld aufbewahrt wurde. Die Räuber hätten sich eine solche Beute gewiß nicht entgehen lassen; da sie an den Schrank nicht gedacht und die Stube nicht einmal betreten hatten, so mußte man folgern, daß sie überhaupt mit der Einrichtung und der Eintheilung der Räumlichkeiten nicht recht bekannt gewesen waren. In der Meinung, Baumgart werde sein Geld in der Schlafkammer, als dem sichersten Orte, aufheben, hatten sie nur die Zimmer links vom Hausflur durchstöbert und daselbst alles durcheinandergekramt. Die Schränke, Truhen und Kommoden standen offen, Kleider und Wäsche, Leinwand und Papiere waren herausgerissen und zum Theil auf den Boden geworfen. Das in einem verschlossenen Kasten in einem Beutel steckende Ausgabegeld fehlte, von dem Kasten war der Deckel mit Hülfe eines Stemmeisens abgesprengt. Was außerdem geraubt worden sein mochte, ließ sich nicht ermitteln.

In der Küche hatten zwei Leuchter mit Lichtern gestanden, am Morgen fand man den einen in der Magdkammer, den andern zwar noch in der Küche, aber auf einem andern Platze.

Unzweifelhaft war Baumgart selbst, ein kräftiger Mann von 50 Jahren, das erste Opfer gewesen, denn er als der gefährlichste Gegner mußte zunächst beseitigt werden. Wahrscheinlich hatten die Räuber den Weg zu ihm durch die Küche gefunden, denn wenn sie durch das Vorderzimmer gegangen wären, so würden die Kinder erwacht sein und den Vater geweckt haben. Man vermuthete, daß der Müller im Bett oder dicht daneben den tödlichen Streich empfangen habe, daß seine Ehefrau zugleich mit ihm oder unmittelbar nach ihm ermordet worden, daß Ottilie, durch den Lärm aufgeschreckt, in die Schlafstube der Aeltern gekommen und hier neben ihren Betten zu Boden gestreckt sein mochte. Ob die beiden andern Kinder und die Magd, um den Hülferuf, den sie ausgestoßen, zu bestrafen, oder um einen solchen zu verhindern, stumm gemacht worden waren, ob der Tod sie wachend oder schlafend ereilt hatte, wer konnte es wissen? Links vom Hause im Gartenlande bemerkte man die Abdrücke nackter Füße, vermuthlich hatte einer der Mörder einen Recognoscirungsgang gehalten und sich von der Lage der Zimmer, der Stellung der Betten und der Zahl der dort schlafenden Bewohner unterrichtet. Auf dem Boden des Kellers sah man genau dieselbe Spur; der Räuber, welcher dort eingestiegen war, mußte also zuvor im Garten das Haus umschlichen haben. Nach dem Felde hin auf dem weichen Acker entdeckte man ferner die Spuren von zwei mit Stiefeln bekleideten Mannspersonen, von denen die eine größere, die andere kleinere Füße gehabt hatte. Die Spuren zeigten die Richtung, in welcher die Räuber geflohen waren, sie wiesen vom Hause wegwärts, verloren sich aber bald, weil das Erdreich fester wurde und man auf betretene Wege kam.

Die Besichtigung der Mordstätte war ein furchtbares Geschäft. Der Anblick, den das Todtenhaus im Innern darbot, war über alle Beschreibung gräßlich. Man konnte das Auge nicht aufschlagen, ohne daß es auf ein verstümmeltes Menschenantlitz, eine Blutlache, eine Mischung von Gehirn und Blut fiel. Wandte man sich ab von der einen grinsenden Leiche, dann traf man auf die ebenso verzerrten Züge einer andern. Eiskalt rieselte es durch die Adern bei dem Gedanken, daß hier in der kurzen Spanne Zeit von gewiß nur wenigen Minuten sechs Menschen meuchelmörderisch erschlagen waren; unter den tückischen Streichen der unbarmherzigen ruchlosen Hand hatten sechs wehrlose Opfer, zum Theil vom süßen Schlummer umfangen, vielleicht von heitern Traumbildern umgaukelt, ihr Leben ausgehaucht, ein thätiger Mann in der Vollkraft seiner Jahre, die tüchtige Hausfrau, drei blühende Kinder und ein soeben erst zur Jungfrau entwickeltes Mädchen! Die Mörder hatten kein Alter, auch nicht das zarteste verschont, man befand sich in einem Schlachthaus der unheimlichsten Gattung. Die Betten, die Bettstellen und der Fußboden schwammen im Blut, alle Gegenstände waren mit Hunderten von Blutflecken und Blutperlen bedeckt, an den Wänden und auf den Dielen klebte das unter den wuchtigen Schlägen hervorgespritzte Gehirn, an mehrern Stellen nahm man rothfarbige Abbildungen von einzelnen Fingern, ja hier und da der Hand wahr. Die helle Wand hatte den Mördern, wenn sie die vom Blute rauchenden Hände reinigen wollten, zu dem Zwecke dienen müssen, zu welchem der Metzger die weiße Schürze benutzt!

Zwei volle Tage waren die Aerzte mit der Obduction der Leichen beschäftigt. Die Schlüsse, zu denen sie kamen, waren von großer Bedeutung für die Ausführung der unerhörten That, wir müssen deshalb das Wesentliche aus den sehr umfangreichen Gutachten mittheilen.

Der Müller Baumgart lag halb auf dem Rücken, halb mit der rechten Seite der Wand zugekehrt, im Bett, den Kopf flach auf dem Kopfkissen, nicht eingedrückt in das letztere. Er war mit einem Hemd, einer Unterjacke und Unterbeinkleidern bekleidet, an den Sachen zeigte sich nirgends ein Merkmal, daß sie etwa bei einem Handgemenge angefaßt worden wären, namentlich war nichts zerrissen – ein negativer Beweis dafür, daß kein Kampf stattgefunden hatte. Das Deckbett war über das Bettende hinausgezogen, die Brust entblößt, die Hände dagegen lagen noch unter der Decke. Vor dem Munde lag ein schaumiger, röthlicher Gischt, die Farbe des Gesichts war nicht wie gewöhnlich bleich, sondern dunkelroth. Am Kopfe zeigten sich zwei Wunden, die eine an der linken Schläfe, 1½ Zoll lang, die andere auf der linken Seite der Stirn bis zur Grenze des behaarten Kopftheils, einen Zoll lang, quer verlaufend. Nach Abtrennung der Kopfhaut sah man einen von der Höhe des Schläfenbeins quer über den Scheitel bis in die Tiefe der rechten Schläfengrube sich hinziehenden klaffenden Spalt von der Stärke einer Linie, sowie mehrere Knochensplitter, vom zerschmetterten Schläfenbein herrührend.

Am Halse war dem Verstorbenen ein bis zur hintern Schlundwand dringender Schnitt beigebracht.

Endlich fand man auch die Brust durch drei Stiche verletzt, zwei davon, etwa einen Zoll voneinander entfernt, waren zwar durch das Brustfell gegangen, aber trotzdem nicht gefährlich, da sie nur einen kleinen isolirten Bluterguß im vordern obern Theil des Mittelfellraumes bedingten, der dritte Stich hatte die Brustwand, die Lunge, den Herzbeutel und die Aorta durchbohrt.

Es waren also dem Kopfe zwei Schläge zugefügt, der erste hatte die einzöllige Wunde hervorgerufen, jedoch den Schädel nicht verletzt, sondern nur das Gehirn erschüttert und den Müller bewußtlos und wehrlos gemacht, vom zweiten Schlage rührte der Schädelbruch her, dieser Schlag war absolut tödlich; indeß trat der Tod nicht sofort ein, weil die Erschütterung das Centrum der Athembewegung, das Verlängerte Mark, nicht erreicht hatte. Die Herzschläge hörten noch nicht auf, und der Kreislauf des Blutes war noch nicht unterbrochen. Aus den Schädelverletzungen konnte sich daher, wie auch geschehen, noch reichliches Blut ergießen.

Der Halsschnitt schien dem Müller erst nach den Kopfwunden beigebracht zu sein. Das mit dem Athemholen eingesogene Blut war in den Kehlkopf und die Luftröhre eingedrungen, diese Blutansammlung hatte eine Stauung des nach dem Herzen zurückfließenden Blutes, mithin Athemnoth, äußerlich aber die dunkle Farbe des Gesichts hervorgerufen. Durch Vermischung des Blutes mit der Luft bildete sich der röthliche Gischt vor dem Munde. Der Schnitt war an und für sich tödlich, weil er durch die Schlundwand ging. Baumgart würde ohne schleunige geschickte Hülfe erstickt, und wenn der Erstickungstod abgewendet wurde, verhungert sein. Einiges Leben war auch nach diesem Schnitte noch in dem Unglücklichen, wie jener erwähnte Gischt bewies. Die beiden leichtern Stiche in der Brust hatten kein größeres Blutgefäß berührt und wären durch ärztliche Kunst zu heilen gewesen, der dritte Stich dagegen hatte den Tod zur unmittelbaren Folge, mit der Durchstoßung der Aorta, der Herzschlagader, mußte das Leben nach wenig Secunden erlöschen. Dieser Stich war der letzte mörderische Act, wäre er der erste gewesen, so hätten die Kopf- und Halswunden nicht bluten können. Wir haben vorhin darauf hingewiesen, daß der Schnitt in den Hals dem schon durch die Schläge auf den Kopf betäubten Müller zugefügt sein müsse. Dafür spricht auch die Situation, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Baumgart den Hals gerade schnittrecht hingehalten, ebenso wenig, daß der Mörder erst lange an dem Schlafenden herumgetastet hat, wo er das Messer einsetzen könne. Noch im Vollbesitze seiner Kraft würde der Müller, sowie ihm die Kehle geritzt wurde, erwacht, aufgesprungen sein und Hülfe herbeigerufen haben. Nach allem war es viel glaublicher, daß der Hals erst durchschnitten wurde, als das Opfer bereits bewußtlos dalag. Die einzöllige Stirnwunde zog sich quer über die Stirn und stand senkrecht auf der Mittellinie. Hieraus folgte mit Gewißheit, daß der Schlag dem Getroffenen nicht in liegender Stellung beigebracht war, auch in dem Moment, wo sich Baumgart etwa im Bett aufgerichtet hatte, konnte er nicht gefallen sein, denn vom Fußende des Bettes her ließ sich der Kopf mit einem Beile nicht erreichen, am Kopfende konnte sich der Schlagende nicht aufstellen, da das Bett dicht an der Wandecke stand und zwischen Kopfende und Wand der Platz zu beschränkt war, um ein Beil zu schwingen, auch würde der Schlag, von oben nach unten geführt, den Schädel zerschmettert haben, eine Wirkung, welche der erste, die Stirnwunde erzeugende Schlag nicht gehabt hatte. Sonach kam man zu dem Resultat, daß Baumgart diesen Schlag außerhalb des Bettes, dem Mörder gegenüberstehend, empfangen habe. Zahlreiche Blutflecken von seinem Bette nach der Küchenthür bildeten eine Straße, auf welcher ein blutender Körper hingeschleppt zu sein schien. Die Masse des Blutes war zu bedeutend, als daß sie von dem Mörder, der sich Hände und Füße besudelt hatte, herrühren konnte. Diese Umstände wiesen darauf hin, daß Baumgart, durch ein Geräusch geweckt, aufgesprungen und nach der Küche geeilt, dort aber von den eindringenden Räubern zu Boden geschlagen und blutend in sein Bett zurückgebracht war. Das Deckbett hatten sie dann über ihn geworfen; die Hände hingen in diesem Moment bereits unbeweglich herab, deshalb fand man sie unter der Decke; hätte Baumgart den ersten Schlag im Bette schlafend erhalten, so würde er die Hände unwillkürlich erhoben haben, beim Niedersinken würden sie nicht von selbst unter die Decke gekommen sein.

Die zweite Kopfwunde hatte Baumgart nach dem Befunde in liegender Stellung empfangen. Beide Wunden waren augenscheinlich durch die stumpfe Seite (Rückseite) eines Beils oder eines ähnlichen harten Instruments entstanden. Die äußern Flächen beider wichen indeß voneinander ab; da nun die Fläche der Spur, welche ein Instrument beim Herabfallen zurückläßt, bis auf eine mögliche Differenz von wenigen Linien die gleiche ist, hier aber Form und Größe der Verletzungen verschieden waren, so mußten zwei Mordinstrumente benutzt, und folglich auch zwei Mörder thätig gewesen sein.

Die drei Stichwunden waren mit einem und demselben Dolche oder dolchartigen Messer zugefügt, zu dem Halsschnitt konnte jedes beliebige scharfe Messer gedient haben.

Frau Baumgart war im Bette erschlagen, sie lag auf der linken Seite, bis an den Hals zugedeckt, an jeder Schläfe klaffte eine breite Wunde, der Kopf war durch die Schläge in die Kissen förmlich eingekeilt.

Die Magd hatte vermuthlich von mehr als Einer Person Streiche empfangen, ihr Kopf blutete aus acht Wunden von einem bis anderthalb Zoll Länge.

Emil Baumgart, der älteste Knabe, war noch auffallender verunstaltet, zwei breite und tiefe Wunden, die eine in der Wirbelgegend, die andere am linken Schläfenbein, hatten dem Leben ein Ende gemacht, das Schädelgewölbe war zerschmettert, das Gehirn völlig aufgelöst, Theile des Stirnbeins waren abgesprengt.

Das schrecklichste Bild bot das jüngste Kind, der bei Ankunft des Arztes noch lebende Rudolf dar. Aus einer Wunde an der rechten Seite des Kopfes war das Gehirn herausgetreten, zum Theil auf das Kissen geflossen, der Vorderkopf klaffte von links nach rechts zwei Linien breit auseinander, das Stirnbein und das rechte Schläfenbein waren zersprengt und Stücke davon durcheinandergeschoben.

Die Mordscene hatte zwischen 2 und 3 Uhr des Nachts stattgefunden, wie sich daraus ergab, daß beide Stubenuhren, jedenfalls von den Mördern bei ihrer Plünderung berührt, um diese Zeit stehen geblieben waren. Der unglückliche Knabe lebte trotz der schweren Verletzungen bis früh um 9 Uhr. Die Aerzte erklärten diese merkwürdige Thatsache durch die Beschaffenheit der Schädelknochen. Der menschliche Schädel, welcher sich gleich einer schützenden Kapsel um das Gehirn wölbt, vereinigt die Festigkeit des Steins mit der Elasticität des Metalls. Der Schädel des Kindes ist dünn und gibt der Gewalt der Schläge leicht nach, infolge dessen war die Erschütterung des Gehirns hier eine verhältnißmäßig geringere, die Schwingungen ergriffen das Verlängerte Mark nicht so schnell und so nachhaltig, daher war es möglich, daß der Tod erst nach mehrern Stunden eintrat.

Endlich Ottilie Baumgart; ihr Bett sah aus, als wenn sie es eben verlassen hätte, es war nicht mit Blut befleckt, sie hatte in der Schlafkammer der Aeltern, an deren Betten, den letzten Athemzug gethan. Ihr Kopf war zerschmettert, der Mittelfinger und die innere Fläche der linken Hand, die sie jedenfalls zum Schutze des Hauptes erhoben, waren gestreift, ein klaffender Kopfspalt zog sich von der Mitte des Hinterhauptbeins bis zum rechten Schläfenbein, die Kopfhaut glich einer zerfetzten Masse, die um den ausgelaufenen Schädel hing.

Dies die Hauptzüge des Mark und Bein erschütternden Gemäldes in dem zur Mördergrube gewordenen Hause.

Im Volke erhoben sich einige Stimmen, welche den Bäckergesellen Großmann der Mitwissenschaft um das Verbrechen bezichtigten. Man machte geltend, die Hunde würden gebellt und die dem Tode geweihten Schläfer geweckt haben, wenn Fremde allein und ohne die Beihülfe eines Hausgenossen eingebrochen wären; dagegen ließe sich der Vorfall erklären durch die Annahme, daß die Hunde von Großmann beschwichtigt oder eingesperrt worden und daß er seinen Spießgesellen von innen die Thüren geöffnet habe. Ueberdies fragte man, wie es denn möglich sei, daß Großmann trotz der doch gewiß mit großem Lärm verbundenen sechsfachen Mordthat und des Raubes nicht aufgewacht sei, daß er ungestört geschlafen habe, während unter ihm ein so gräßliches Blutbad angerichtet wurde. Und doch sprachen noch gewichtigere Gründe für seine Unschuld. Sein Benehmen war das eines völlig unbetheiligten, auf das äußerste erschrockenen Mannes. Er wußte, wo der Müller sein Geld aufbewahrte und hätte ohne Schwierigkeit die Räuber zum Fenster hereinlassen und ihnen den Weg zum Geldschranke, der ja unangetastet geblieben war, zeigen, sodann aber, um jeden Verdacht von sich abzuwälzen, durch Eindrücken einer Scheibe einen Einbruch fingiren können. Die Mörder waren mit Anwendung bedeutender Gewalt in den Keller und von da in das Haus gedrungen, das lehrte der Augenschein, und Großmann war sicher nicht derjenige gewesen, der sie auf diesem für das Unternehmen so gefährlichen Umwege hereingeführt hatte. Er erfreute sich eines tiefen, festen Schlafes, sein Schlaf war in jener Nacht um so tiefer und fester, weil er zuvor mehrere Nächte am Backtroge gestanden und in großer Ermüdung sein Lager gesucht hatte. Er würde das schreckliche Los der andern getheilt haben, wenn er erwacht und hinabgegangen wäre, um sie zu retten. Die Hunde hatten, so mußte man demnach glauben, in den verhängnißvollen Stunden ihre Pflicht versäumt, und infolge ihres Mangels an Wachsamkeit waren Baumgart und die Seinigen ungewarnt überfallen worden.

Das Augenmerk der Behörden richtete sich auf etliche Einwohner aus Nachbarorten, die mit Baumgart's Verhältnissen bekannt waren und nach dem Morde ungewöhnlich viel Geld ausgegeben hatten, allein auch diese Spur mußte man fallen lassen, weil sich die Unschuld der Verdächtigen klar herausstellte.

Der ganzen Sachlage nach waren die Räuber, welche ein so blutiges Drama aufgeführt hatten, in ihrem Handwerk ergraute, hartgesottene Sünder; Neulinge in dem Geschäft des Mordens wären vor solchem Wagniß zurückgebebt, so Furchtbares konnten nur verhärtete Verbrecher verübt haben, deren Augen daran gewöhnt waren, klaffende Wunden, gespaltene Köpfe und verstümmelte Leichen zu sehen. Der Mord und namentlich der Kellereinbruch deuteten auf Masch, den Höhlenbewohner aus dem pyritzer Walde, der sich durch diese seine Lieblingsmethode, in die Häuser zu dringen, längst gefürchtet gemacht hatte.

Die Maßregeln, die man zur Entdeckung der Mörder ergriff, waren so mannichfaltige, weitverzweigte und umfangreiche, daß wir uns darauf beschränken müssen, das Wichtigste kürzlich zu erwähnen.

Die Polizei wurde durch bewährte Kräfte vermehrt, insbesondere erhielten gewiegte Criminalbeamte aus Berlin, Stettin und Frankfurt den Befehl, sich dem Staatsanwalt beim Kreisgericht in Soldin zur Verfügung zu stellen. Der ebengenannte Staatsanwalt forderte die Ortsobrigkeiten und das Publikum in einer öffentlichen Bekanntmachung auf, ihm alle diejenigen Fälle anzuzeigen, in denen auf ähnliche Weise gestohlen worden sei.

Am Abend des 13. Mai wurde das in Soldin garnisonirende Bataillon alarmirt. Die Truppen umzingelten die Waldungen in der Nähe des zwei Meilen entfernten Dorfes Dertzow und suchten sie ab. Erst nach ihrer Rückkehr erfuhr man, daß sich daselbst zwei schlecht gekleidete Individuen, von denen der eine Masch gewesen sein sollte, gezeigt hatten.

Die sämmtlichen Polizeibeamten bekamen die Anweisung, keine Person passiren zu lassen, ohne daß sie sich zuvor vollständig legitimirt habe. Die königlichen Oberförster und die Besitzer von Privatforsten wurden beauftragt, die Dickichte und Schonungen mit der nöthigen Mannschaft abzupatrouilliren.

Die Vermuthung, daß Masch, dieser zum blutlechzenden Thiere verwilderte, schreckliche Mensch im Dunkel des Waldes hausen möge, bestätigte sich. Er hatte einen neuen Zufluchtsort gefunden, war an so manchem friedlichen Wanderer, an so manchem harmlosen Arbeiter unerkannt vorübergegangen, und hatte in finsterer Nacht sein schauerliches Gewerbe nun schon jahrelang getrieben. Wir erzählen demnächst eine dieser Begegnungen und knüpfen daran den Bericht über die Entdeckung seines Verstecks.

Nicht weit von der soldiner Kreisgrenze im pyritzer Kreise liegt das Rittergut Warsin. Zwischen dem Gute und den Ortschaften Jagow und Kleintatzkow streckt sich ein Forst hin, welcher dem Besitzer von Warsin gehört und unter anderm eine etwa fünfzig Morgen große, mit fünfzehnjährigem Holze bestandene Schonung umschließt. Durch diese Schonung zieht sich in einer Entfernung von einer halben Meile vom Dorfe eine Anhöhe hin, 60 Schritte unterhalb des Kammes ist ein Dohnenstrich, 600 Schritte davon läuft der Fahrweg. Eines Tags kam der Arbeiter Schröder an jene Stelle, er wollte sich einen Peitschenstiel schneiden und sah sich deshalb im Holze um. Dabei bemerkte er zwischen jungen, anscheinend frisch gepflanzten Fichten ein Loch in der Erde, in welches ein kaum einige Linien über die Erdfläche hervorragendes Rohr eingesetzt war. »Der Förster mag wol Iltisse damit fangen wollen«, dachte er, und ging weiter, da trat er auf ein zweites Loch, es bröckelte etwas Erde ab und rollte in die Tiefe. Ohne sich darüber den Kopf zu zerbrechen, schlenderte er fort, setzte sich arglos am Rande der Schonung hin und schnitzelte an einem Peitschenstocke. Es fiel ihm nicht im Traume ein, daß jenes Blechrohr der Schornstein eines unterirdischen Feuerherds sein könnte. Nach einigen Minuten hörte er hinter sich Schritte, er wendet sich um und siehe da, es kam ein fremder Mann mit schwarzem Barte, dunkeln Haaren und bleichem Gesicht auf ihn zu. Der Unbekannte fixirte ihn scharf und prüfend. Schröder glaubte in seiner Gutmüthigkeit, der Mann fürchte sich vielleicht gar vor ihm, er rief deshalb: »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, ich thue Euch nichts«, dabei winkte er ihm, näher zu treten. Der Fremde schien indeß der freundlichen Ansprache nicht zu trauen, er blieb etliche Secunden stehen, dann ging er, den Holzschnitzler immer im Auge behaltend, langsam zurück und verschwand im Walde. Schröder war der Meinung, daß es ein Holzdieb oder etwas dergleichen gewesen sei. Er kehrte zurück nach Warsin, erst später erfuhr er, daß er sich eine Räuberhöhle angesehen und deren entmenschten Bewohner eingeladen hatte, seine Bekanntschaft zu machen.

Am 17. Mai 1861 suchten die Bauern Pötter und Rühe aus Warsin unter den dichtstehenden Bäumen der von uns beschriebenen Schonung Schutz vor dem strömenden Regen. Hier fiel ihnen ein anderthalb Fuß langes Erdloch auf, neben welchem ein augenscheinlich zum Verschluß desselben bestimmter Deckel und ein handfester Knüppel lagen. Was sie sahen, kam ihnen nicht recht geheuer vor, es beschlich sie das Gefühl, hier drohe Gefahr, nach einigem Zögern traten sie indeß näher, hielten sich aber immer noch in einer respectvollen Entfernung von mindestens zehn Schritten von dem verdächtigen Loche; nachdem sie eine Zeit lang dort gestanden hatten, wandte sich Rühe, der nicht die mindeste Lust verspürte, der geheimnißvollen Sache auf den Grund zu kommen, zum Rückweg, auch Pötter ging zurück, beobachtete aber das ihm unerklärliche Loch. Da tauchte plötzlich ein Menschenkopf mit schwarzen Haaren, blassen, verstörten Zügen und stechenden Augen aus dem Schose der Erde empor. Die gespenstische Gestalt zeigte sich bis an die Schultern, dann tauchte sie wieder unter und verschwand. Der Bauer hätte vor Schreck selbst in die Erde sinken mögen, er entfloh so schnell, als ihn die Füße tragen wollten, und verkündigte, was er geschaut. Von allen Seiten strömten Leute herbei, man zog hinaus in die Schonung und fand nun endlich die Behausung des lange gesuchten Räubers.

Das Loch, aus welchem Kopf und Schulter emporgestiegen waren, bildete den Eingang zu einer Höhle, die derjenigen, welche man drei Jahre früher im pyritzer Stadtforst entdeckt hatte, sehr ähnlich war. Den Deckel hatte der Bewohner entweder beim Niedersteigen in den Bau vergessen einzusetzen, oder soeben abgehoben, weil er im Begriff gewesen war, bei dem Regenwetter, wo er sich sicher fühlte, einen Ausflug in den Wald zu machen.

Die Höhle war geräumiger als die pyritzer, sie maß 14 Fuß in der Länge und 10 Fuß in der Breite. Die ganze, um vieles comfortablere, allen Bedürfnissen entsprechende Einrichtung bewies, daß der Baumeister in der Kunst, unterirdische Wohnungen anzulegen, Fortschritte gemacht hatte. Der Kamin war regelrecht von Steinen gemauert und wurde durch eine eiserne Thür verschlossen, in den Ecken des Baues waren armstarke Luftleitungsröhren nach außen gebohrt, sie mündeten an Baumstämmen und unter ausgewachsenen Wurzeln, und versorgten die Höhle mit frischer Luft. Der als Pforte dienende Deckel glich täuschend der Erdoberfläche, so kunstvoll war er mit Thon, Erde, Pflanzen, Wurzelfasern beklebt. Wie früher hatte der Höhlenbewohner junge, grüne Bäume auf sein unsichtbares Haus gepflanzt.

Thun wir nun einen Blick in das Innere. Wenn man hineintrat, so konnte man glauben, daß man in einen Victualienkeller oder in einen Trödelladen käme. Pfähle waren in die Erde gerammt, Breter darauf genagelt und so eine ansehnliche Tafel hergestellt, auf welcher Töpfe mit gekochtem Reis, Speck, Schinken, Brot, Salz, Käse und andere Eßwaaren standen, ein kühles Plätzchen diente als Weinkeller, es lagen daselbst 30 Weinflaschen mit verschiedenen Etiketten, eine davon war noch gefüllt. In der Höhle lagen, standen und hingen die verschiedensten Gegenstände: Kleidungsstücke aller Art, Damenputzsachen, Mäntel, einer derselben mit kostbarem Pelz besetztzt, Wäsche, Tonnen, Fässer, Eimer, Töpfe, Tassen und ähnliche Geräthe, in einem Käse stak eine werthvolle Taschenuhr. Außer verschiedenen Diebswerkzeugen war hier ein kleines Waffenarsenal, Messer von jeder Gattung, Dolche, Gewehrtheile, Pulver, Blei, Zündhütchen und Spitzkugeln. Auch an einer kleinen Bibliothek fehlte es nicht, der Räuber mochte sich die langen Winterabende mit Lektüre vertrieben haben und hatte außerdem die Bücher zu andern Zwecken benutzt, die eine von den zwei Bibeln, die an diesem höllischen Orte lagen, war vielfach durchstochen, Masch hatte die Schärfe seiner Dolche und Messer an dem heiligen Buche erprobt. Die Bände eines Conversations-Lexikon zeigten eine Menge brandige Löcher, die von Kugeln herrührten, sie waren von dem mordlustigen Schützen als Scheibe, wenn er sich im Pistolenschießen übte, benutzt worden.

Der wichtigste Fund, den man machte, waren drei Beile. Wir kommen später auf ihre Bedeutung zurück.

Im Volke hörte man unmittelbar nach der Entdeckung die Fragen aufwerfen: Wie ist es möglich, daß ein solcher mühsamer Bau ohne Vorwissen der Waldwärter und der Forstbeamten hat angelegt und vollendet werden können? Wo ist die Masse der aus dem Innern herausgegrabenen Erde hingeschafft worden? Wie konnte der aus der Röhre emporsteigende Rauch beständig unbemerkt bleiben? Wie kam es, daß niemals die Fußspur, die der Räuber namentlich im Schnee zurücklassen und die stets in sich selbst enden mußte, entdeckt worden ist? Eine völlig genügende Antwort auf alle diese gewiß berechtigten Fragen erhalten wir nicht, fest steht nur so viel, daß keiner von den betreffenden Forstofficianten eine Ahnung von der Existenz der Höhle hatte. Die Oertlichkeit war mit großer Schlauheit gewählt, denn die Schonung bot Wild- und Holzdieben kein sonderlich ergiebiges Feld, und wurde deshalb von den Waldwärtern nur selten, von den Förstern fast niemals betreten. Der Rauch stieg wegen des dichten Gehölzes nicht in dicken Säulen in die Höhe, sondern wurde, gewöhnlich vom Winde unterhalb des Höhenzuges hingetrieben, bald verflüchtigt, auch mochte der Räuber nur bei günstiger Windrichtung und niemals am Tage Feuer unterhalten haben. In der Höhle war es ja leidlich warm und seinen Bedarf an Nahrungsmitteln kochte der Höhlenbewohner in Vorrath. Die Höhle war geräumig genug für zwei Menschen. Während der eine am Herde stand, konnte der andere in den Wald hinauslugen und sobald sich etwas Verdächtiges zeigte, dem Kameraden ein Zeichen geben, daß er das Feuer lösche. Uebrigens fand man keine sichern Anzeichen, daß wirklich zwei Personen dauernd daselbst gehaust hatten.

Masch war also zum zweiten mal aus seinem Schlupfwinkel vertrieben, aber dennoch dem Arme der rächenden Justiz entgangen. Niemand wußte, wohin er sich gewendet haben möge. Hier und da wollte man den bereits zur Fabel gewordenen Banditen gesehen haben, angehalten wurde er nirgends. Jetzt hieß es, daß er in der Nähe der Stadt Bernstein spuke, die Bürgerschaft rückte, durch die Bewohner etlicher nahe gelegenen Dörfer verstärkt, aus und durchstreifte die Umgegend, indeß sie kehrte unverrichteter Dinge wieder zurück. Bald darauf wollte man wissen, daß Masch in Verbindung mit einer zweiten Person von kleinerer Statur zusammen operire, es kamen mehrere Fälle zur Anzeige, wo zwei verwegene Männer auf öffentlicher Straße Raubanfälle ausgeführt hatten. Der eine sollte Masch sein, der andere ein ehemaliger Schornsteinfeger aus Pyritz, der später Mitglied einer Seiltänzergesellschaft geworden war, mehrfach in Untersuchung gerieth und bei Gelegenheit eines Transports entsprang. Beide Räuber wurden steckbrieflich verfolgt und auf ihre Ergreifung ein hoher Preis gesetzt, dennoch war alles umsonst, ja neuere Vorgänge bewiesen, daß Masch doch wol allein agirte und sich frecherweise noch in der Nähe seiner Heimat aufhielt. Eines Tages kam ein bejahrter Tagelöhner gegen Abend aus dem jagower Busche, wo er mit Holzfällen beschäftigt gewesen war, er sah einen ihm unbekannten Mann vor sich, der ein Terzerol hervorholte und in die Luft schoß. Das kam ihm nun zwar sonderbar vor, er nahm indeß keine Notiz weiter davon und ging, mit der Axt über der Schulter, seines Wegs. Der Fremde näherte sich ihm und sagte, er wundere sich, daß der Gutsbesitzer so alte Leute noch in den Wald schicke, dann gab er ihm einen Groschen mit dem Bemerken, er solle dafür seine Gesundheit trinken, und ging in den Forst zurück. Der Alte nahm das Geld, er wußte nicht, daß es Blutgeld war, welches ihm Masch in einer seltenen Anwandlung von Freigebigkeit geschenkt hatte.

In dem Dorfe Hohenziethen waren die Einbrüche so häufig, daß außer den besoldeten Nachtwächtern abwechselnd noch einige Einwohner auf die Nachtwache zogen. In einer Nacht im Monat Juli 1861 gingen ein Bauer, an dem die Reihe war, und ein Wächter an der Gartenmauer des Kruggutes vorüber. Sie unterhielten sich über das Thema, welches damals stets besprochen wurde, wo zwei in der Nacht zusammen waren, über die Räuber, und ob sie auch Schießgewehre bei sich trügen. »Na, wegen des Schießens braucht man sich nicht zu fürchten«, äußerte der Wächter, der seinen Muth kundgeben wollte. Als Antwort knallte dicht in seiner Nähe ein Schuß, eine dunkle Gestalt richtete sich hinter der Gartenmauer auf und rief hohnlachend: »Ihr Töffel! Euch hätte ich das Licht schon längst ausblasen können!« Mit den Worten: »Wir hören alles, die Bäume haben auch Ohren«, verschwand der Mensch in dem Garten. Ein Hund setzte ihm nach, wurde jedoch durch einen zweiten Schuß zurückgescheucht. Durch das Schießen war die gesammte Einwohnerschaft munter geworden, eine Verfolgung in der Finsterniß konnte indeß zu nichts führen, man beruhigte sich allmählich und hoffte, daß der Räuber wenigstens in dieser Nacht nicht wiederkommen würde. Aber weit gefehlt, er kam doch wieder. Der Lehrer des Orts war ebenfalls aufgestanden und verweilte ohne Licht in seiner Stube, plötzlich sah er einen Menschen leise und unhörbar unter seinem Fenster die Straße entlang schleichen. Er riß das Fenster auf und schrie hinaus: »Räuber! Räuber! Wächter, zu Hülfe!« Jetzt mochte sich Masch denn doch überzeugen, daß diesmal nichts zu machen sei, er sprang in großen Sätzen zum Dorfe hinaus, warnte aber durch Abfeuerung eines Schusses, daß man ihm nicht zu nahe kommen möchte. Am Ende des Ortes schoß er nochmals und nach einer kurzen Pause fielen noch zwei andere Schüsse in der Richtung nach Mellenthin, wohin der übermüthige Flüchtling seinen Weg genommen hatte.

Zwei Monate waren seit der Zerstörung der warsiner Höhle verflossen und noch hatte man den neuen Zufluchtsort des Vertriebenen nicht entdeckt. Da half wieder der Zufall. In dem Forste bei Colbatz, mehrere Meilen von Warsin entfernt, war das Gras verpachtet worden. Der Pachter wollte es schneiden und fand an einer Stelle, wo die jungen Buchen recht dicht standen, eine Art Hütte. Die Gipfel der biegsamen Stämme waren aneinander gebogen und so befestigt, daß sie ein Dach bildeten, welches, mit Laub überkleidet, den Regen abhielt. In der Hütte, die offenbar nur eine provisorische Sommerwohnung sein sollte, hatte der Bewohner Nahrungsmittel und Kleider aufgespeichert. Masch war nicht anwesend, er mußte aber doch in Erfahrung gebracht haben, daß er dort nicht mehr geborgen war, und kehrte nicht wieder dahin zurück.

In der Zwischenzeit hatte die Untersuchung des Raubes in der Höhle bei Warsin wichtige Resultate geliefert. Die sämmtlichen in Beschlag genommenen Effecten wurden dem Berthold Baumgart vorgezeigt mit der Anfrage, ob sich darunter Gegenstände befänden, die seinen verstorbenen Aeltern gehört hätten. Der Knabe besah alles genau, er war indeß nicht im Stande, irgendetwas zu recognosciren. Dennoch sollte er derjenige sein, der zuerst auf das Mordinstrument hinwies. Als er eins der drei Beile aus der warsiner Höhle betrachtete, rief er, auf mehrere dunkle Flecken zeigend: »Ist das nicht Blut?« In der That bemerkte man auf den drei Beilen verdächtige Flecken. Zwei Sachverständige, der Dr. med. Lender und der Apotheker Mylius in Soldin, wurden beauftragt, die Sache zu prüfen. Sie nahmen zuerst eine mikroskopische, dann eine chemische Untersuchung vor und sprachen sich hierauf gutachtlich dahin aus: daß an allen drei Beilen Blutflecken hafteten, und daß dieselben zwar nicht ganz frisch, aber auch nicht sehr alt wären. Diese Zeitbestimmung rechtfertigten sie in folgender Weise: Frische Blutflecken sind matt, erst nach mehrern Tagen oder Wochen fangen sie an zu glänzen, nach Verlauf eines längern Zeitraums bemerkt man ein theilweises Abblättern und Abspringen der Blutscheiben, noch später tritt Zersetzung durch Rost ein. Die hier fraglichen Flecken waren glänzend, sie stellten sich indeß noch als zusammenhängende, von äußern Einflüssen unberührt gebliebene organische Gebilde dar.

Die Untersuchungen wurden fortgesetzt, die Sachverständigen benutzten dabei ein von dem Geheimrath Frerichs in Berlin, einer Autorität auf dem Gebiete der Mikroskopie, als zu dem betreffenden Zwecke besonders geeignet empfohlenes zusammengesetztes Mikroskop vom Optikus Schieck. Sie präcisirten später ihr Urtheil, indem sie erklärten, daß die Blutspuren recht wohl vom 10. Mai 1861, dem Tage des chursdorfer Mordes, datiren könnten. Wir geben aus der ausgezeichneten Begründung die Hauptsätze wieder: »Blut an und für sich besteht aus drei Bestandtheilen, zunächst und zumeist aus kleinen Blutscheiben, dann aus dem Blutwasser, in welchem die erstern schwimmen, und endlich aus einzelnen farblosen Blutzellen. Die Blutscheiben sind so zahlreich, daß sie eigentlich allein die Blutmasse bilden. Der Raum, den jede von ihnen einnimmt, ist winzig klein, das Blutscheibchen ist kaum ein Dreihunderttheil einer Linie breit und nur unter dem Mikroskop erkennbar. Der Form nach erscheint es wie ein kreisrundes Bläschen, der Farbstoff haftet an einer schwachgelblichen Masse, welche das Scheibchen umschließt und dem Blut sein rothes Aussehen gibt. Bei blassem Blute ist der Rand der Blutscheiben ziemlich farblos. Ihre Menge ist in Zahlen kaum auszudrücken, ihr Auffinden, ist ein sicherer Beweis, daß die zur mikroskopischen Untersuchung ausgestellte Flüssigkeit Blut ist, denn ihre Gestalt ist so eigenthümlich, daß sie nur bei den Bläschen im Blute, niemals bei Bläschen, vielleicht Luftbläschen, in andern flüssigen Stoffen vorkommen. Sie sind für sich bestehende kleine Körperchen und legen sich, ohne daß ein Kitt vorhanden ist, dergestalt zusammen, daß die runden Ränder völlig unsichtbar werden. Ein praktisch geübtes Auge kann sie an zwei bestimmten Merkmalen erkennen: einmal daran, daß sie zu einer verschiedene gelbe und rothe Farbe zeigenden Scholle aufgeschichtet erscheinen, und dann daran, daß sie sich mit eintretendem gänzlichen Verluste des Wassergehalts unter Beibehaltung des gesammten Farbestoffs in kugelförmige, tiefgelb und roth gefärbte Körperchen verwandeln. Die Blutscheiben bleiben, durch ihr Zusammenlagern regelmäßige Platten auf einem harten Gegenstande bildend, monatelang unverändert. Sind sie dann in die kugel- oder körnerförmige Masse zerfallen, so sind sie auch in dieser neuen Form noch wochenlang erkennbar, und je nachdem das Eintreten dieses oder jenes Stadiums sich früher oder später beobachten läßt, kann das Alter des an einem Gegenstande haftenden Blutes, wenigstens annähernd, angegeben werden. Was den zweiten Bestandtheil des Blutes, das sogenannte Blutwasser, betrifft, so ist dieses farblos und besteht aus einer Eiweißlösung. Die ebenfalls farblosen Blutzellen, der dritte Bestandtheil des Blutes, kommen im Verhältniß zu der Masse der ersterwähnten Blutscheiben mit blaßgelben Rändern nur in sehr geringer Zahl vor, und zwar läßt sich auf 3- bis 500 farbiger Blutscheiben nur eine farblose Blutzelle, auch Blutbläschen genannt, rechnen. Diese letztern haben eine vollkommen kugelige Gestalt und einen mehr oder weniger kernigen Inhalt.«

Da andere Sachverständige in andern Fällen aus dem Auffinden der letztgedachten, seltener vorkommenden, farblosen Blutzellen den Beweis, daß eine zur Untersuchung gestellte Flüssigkeit Blut wäre, geliefert haben, während hier jener Beweis durch das Auffinden der in überwiegender Zahl vorhandenen farbigen Blutscheiben geführt wird, so weisen die Sachverständigen zur Rechtfertigung, daß das hier angewendete Verfahren das richtige sei, auf die Symptome hin, welche die Blutscheibe, sowol in den Flecken an den Beilen, als in den von ihnen selbst gemachten Blutflecken bei ihrer Umwandlung zeigt, und unter welchen sie zuletzt dieselbe Gestalt des farblosen Blutkügelchens (der Blutzelle) annimmt. In dieser von ihnen gewonnenen Ueberzeugung, daß die farbigen Blutscheiben zuverlässig die Existenz des Blutes darthun, erachten sie das nach andern erforderliche Auffinden von Faserstoffgerinsel, Blutfarbestoffen und Blutsalzkrystallen nicht für nothwendig, und erklären das Nichtauffinden solcher Gehalte für unerheblich.

Bei der chemischen Untersuchung verfuhren die Sachverständigen nach bekannten und bewährten Grundsätzen, namentlich brachten sie die vom Professor Dr. Heinrich Rose in Casper's »Vierteljahrschrift« von 1859 veröffentlichte Methode zur Anwendung, selbstverständlich mit Rücksicht darauf, daß ein Theil der zu prüfenden Blutsubstanzen auf Eisen geklebt hatte und deshalb eine Modification in der Wahl der Reagentien eintreten mußte.

Die Chemie bestätigte durchgängig die Resultate der Mikroskopie, es stand sonach das Vorhandensein der Blutflecke an den Beilen unerschütterlich fest. Die Frage, ob es das Blut von Menschen oder von Säugethieren war, vermochte die Wissenschaft nicht zu lösen. Allein es wurden in dem Blute Haare entdeckt und diese Haare rührten von den Köpfen des Müllers Baumgart, seiner drei Kinder und der Dienstmagd her. Wiederum war es das Mikroskop, welches für diese Thatsache die Gewißheit lieferte. Mikroskopische Abbildungen von Haaren, die einem und demselben Kopfe entnommen sind, sehen sich stets ähnlich, Haare von verschiedenen Menschen gewähren dagegen unter dem Mikroskop gewöhnlich wesentlich voneinander unterscheidbare Bilder. Schauen wir ein auf dem menschlichen Haupte gewachsenes Haar mikroskopisch an, so finden wir, daß es sich mit einem schwachen, vom Stamme abgebrochenen Aestchen vergleichen läßt. Wie an diesem an der Außenseite hier und da mehr oder weniger hohe Astknorpel (Augen) hervortreten, so zeigt sich auch an den Seiten des Haarbildes ab und zu eine Art Auswuchs, welcher für sich allein allerdings mehr noch als dem Astauge dem abgebrochenen Zahne ähnlich sieht, der im Zahnfleische fest sitzen geblieben ist. Wie das vom Stamme abgebrochene Aestchen an dem stärkern Ende, dem Bruchende, in der Regel etwas zersplittert ist, wie statt der gleichen und glatten Rundfläche dem Bruchende eine dickere, keulenartige Form eigen ist und Theile der Verwurzelung an demselben hängen, so ist auch im Bilde des Haupthaares die Wurzelmasse und die stärkere Basis, die in und auf dem Schädel ruhte, zu sehen. Schon für das bloße Auge sind außer der Farbe des Haares Unterschiede in Stärke und glattem oder krausem Längenverlauf erkennbar, und diese Unterschiede treten nicht nur unter dem Mikroskop um vieles deutlicher hervor, sondern es lassen sich unter demselben auch die Unterschiede in der Bauart wahrnehmen. Was die Bauart des menschlichen Kopfhaares überhaupt betrifft, so ist die Oberfläche mit einer mehrfachen Lage von Hornschüppchen, die dachziegelförmig übereinandergeschichtet sind, umkleidet, darunter liegt eine Schicht bandartiger Fasern, die Rindensubstanz genannt, und in der Mitte dieser Einkleidung liegt das Mark, aus kugeligen Zellen bestehend. Ob ein Haar ein Menschenhaar, ein Thierhaar oder eine vegetabilische Faser ist, läßt sich, wenn von den physikalischen und anatomischen Eigenschaften abgesehen wird, unter dem Mikroskop bei aufmerksamer Anschauung der Gebilde mit Zuverlässigkeit ermitteln. Das Haupthaar des Menschen liefert aber auch wieder ein anderes Bild als ein Haar, welches nicht dem Haupte, etwa dem Barte oder der Brust, angehört. Nimmt man Haare letzterer Gattung in voller Länge mit Wurzel und Spitze und daneben ein Haupthaar, so findet man, daß ersteres in seinem Verlaufe an Umfang weit schneller abnimmt, als ein gleich langer Theil des Haupthaares, ja das dem kurzen Barte eines Mannes entnommene Haar zeigt sogar statt der Spitze des seltener oder niemals beschnittenen Haares die Schnittsfläche, welche sich infolge des öftern Beschneidens bildet. Eben diese Schnittfläche findet sich an den Enden oft kurz geschorener Haupthaare. Je nachdem nun die Hornsubstanz auf dem äußern Haare anderer Art ist, je nachdem insbesondere die Aufeinanderschichtung der Hornschüppchen dichter und mehrfacher ist und die Schüppchen in ihrer Ziegeldachform näher oder entfernter voneinander liegen, ist auch das Bild der Haare ein verschiedenes. Schwarze Haare sind fast undurchsichtig, je weniger dunkel ein Haar ist, desto mehr ist es durchscheinend, in heller Farbe ist es meist vollkommen durchsichtig und läßt die innere Bauart, die Zusammensetzung der Marksubstanz, erkennen. Sind Haare ähnlich miteinander oder demselben Kopfe entstammend, so erscheinen unter dem Mikroskop nicht nur die auch äußerlich mit bloßen Augen erkennbare Färbung, sondern insbesondere der Abfall der Schattirung von beiden Seiten nach dem Innern, die Beschuppung und die Größe der Zwischenräume der über die Rundfläche hinausragenden Zähne (letztere fehlen übrigens an manchem Haarbilde ganz) übereinstimmend. Ein klarer Unterschied ist ferner in den Bildern zu finden, welche ein abgeschnittenes, ein mittels der Hand ausgerissenes und ein mittels stumpfen Instruments heruntergeschlagenes und dabei zerschlagenes, zertrümmertes oder doch am Wurzelende zersplittertes Haar liefern. Das auf gewöhnliche Art vollständig mit der Verwurzelung dem Schädel entnommene Haar ist, je mehr nach dem Wurzelende zu, desto dunkler in Färbung, und die Wurzel erscheint als eine compacte, mit allerlei Ausläufern versehene Masse. Das in seinem Verlaufe zerschlagene Haar hingegen zeigt die Zersplitterung, ohne daß die Färbung als jene dunklere sich darstellt, gleich dem mittendurch gebrochenen Aste, während endlich die durch einen scharfen Schnitt verursachte Trennung die gewöhnliche glatte Schnittfläche zurückläßt. Die menschlichen Haupthaare an den drei Beilen erwiesen sich meist als solche, welche abgeschlagen waren. Da sie im Blute an den Beilen klebten, mußten sie in dasselbe gekommen sein, als es noch flüssig war; die Haare hätten sich nicht so fest, als es der Fall war, mittels des Blutes an die Beile gekittet, wenn letzteres bei ihrem Herankommen schon geronnen gewesen wäre. Nach alledem kann der Hergang also nur folgender gewesen sein: Die Beile, als sie gegen die menschlichen Häupter geschwungen wurden, empfingen von diesen frisches Blut und schlugen ihnen Haare ab, und Haare und Blut trockneten zusammen an auf den Beilen. Baumgart mit seinen schwarzen, die Kinder mit ihren schlichten dunkelblonden und die Magd mit ihren hellblonden Haupthaaren kennzeichneten sterbend die Beile, unter deren Streichen sie das Leben aushauchten.

Keins der in der Höhle gefundenen Beile zeigte dagegen ein Haar, welches im mikroskopischen Bilde mit dem schwärzlich blonden Haupthaar der ermordeten Frau Baumgart übereinstimmend gewesen wäre. Die gegen ihren Kopf geschwungene Waffe konnte aber auch nicht mit dem behaarten Theile in unmittelbare Berührung gekommen sein, weil sie nicht entblößten Hauptes, wie die übrigen Personen, sondern mit einer wollenen Mütze bekleidet im Bette gelegen hatte. Die Schläge fielen also nicht auf die äußere Schädelhaut, sondern auf den wollenen Stoff der Nachthaube, der Abprall des harten Gegenstandes von dem ebenfalls harten Schädel war wegen des dazwischenliegenden weichen Stoffes ein weniger jäher und infolge dessen das Weichen des getroffenen Gegenstandes ein bedeutenderes. Der Kopf der Frau Baumgart lag besonders tief in das Kopfkissen eingekeilt, die beiden Seiten desselben klappten fast zusammen, und dazwischen sah man kaum mehr als eine aus dunkeln Haaren und Blut bestehende Masse. Der Bezug des Kopfkissens enthielt blaßblaue und farblose Baumwolle, die wollene Nachtmütze war von violetter Farbe und hatte einen grünen Rand. An den Beilen des Höhlenbewohners entdeckte man keine Spur davon, daß sie mit der Mütze oder dem Kopfkissen der Frau Baumgart in Berührung gekommen waren, es schien also noch ein anderes Instrument bei dem Morde benutzt worden zu sein, wahrscheinlich hatte der zweite Mörder es geführt, denn nach den zurückgelassenen Fußstapfen waren, wie wir uns erinnern, zwei Räuber in die Mühle gedrungen.

Die Einrichtung der warsiner Höhle, die Menge des daselbst aufgespeicherten Raubes und der Umstand, daß andererseits von sehr vielen Diebstählen nur einzelne, unbedeutende Beutestücke gefunden wurden, während der größte Theil des gestohlenen Gutes fehlte, machten es wahrscheinlich, daß Masch schon Jahre dort gewohnt und in der Nähe Helfershelfer gehabt hatte, an welche er die Früchte seiner Verbrechen absetzte, von denen er vielleicht auch, wenn der Rückweg in seine Höhle zu weit war, beherbergt und benachrichtigt wurde, so oft ihm besondere Gefahren drohten. In der Umgegend wohnten mehrere Verwandte von ihm, insbesondere sein Bruder Martin Masch, der von Dertzow nach Schönow bei Pyritz gezogen war. Martin Masch galt für einen fleißigen Arbeiter, er kam nicht viel vom Hause weg und mußte sich bei spärlichem Verdienste jeden Genuß versagen, für Weib und Kind und die hochbetagte Mutter das tägliche Brot zu schaffen. Mit der Zeit kehrte ein gewisser Wohlstand bei ihm ein, man munkelte, daß er um das finstere Treiben des Bruders wisse und sich mit unrechtem Gut bereichere; wiederholt wurden Haussuchungen bei ihm vorgenommen, man beobachtete seine Gänge bei Tag und bei Nacht, lange Zeit war alles vergeblich, endlich im Juli 1861 gelang es, einen sichern Anhaltspunkt zu gewinnen. Handtücher und Bettbezüge, welche die Seinigen im Gebrauche hatten, verriethen ihn als den Mitschuldigen des gefürchteten Räubers. Im Jahre 1860 war bei einem Bauer in einem Nachbardorfe eingebrochen worden, nach den Fußspuren, die um das Haus herumgingen, hatten zwei Männer, ein größerer und ein kleinerer, den Diebstahl ausgeführt, auch war eine so bedeutende Menge von Sachen entwendet worden, daß einer allein sie nicht hätte fortbringen können. Unter anderm vermißten die Gestohlenen Leinwand und Bettzeug; jetzt ergab es sich, daß die Handtücher und die Bettbezüge in Martin Masch's Wohnung von der damals gestohlenen Leinwand und dem Bettzeug gefertigt waren.

Martin Masch, seine Frau und seine Mutter wurden gefänglich eingezogen und dem erstern namentlich von den Polizeibeamten auf den Kopf schuld gegeben, daß er den Aufenthalt seines Bruders Karl kennen müsse. Anfänglich leugnete er, sehr bald aber bequemte er sich zu wichtigen Geständnissen. Hiernach hatte er in fortdauerndem Verkehr mit seinem Bruder gestanden, dieser war der Bewohner der pyritzer und der warsiner Höhle, er kam öfters des Nachts zu ihm, brachte ihm dann gestohlene Sachen, die er gegen Lebensmittel und anderes, was er gerade brauchte, umtauschte, ließ sich aber mitunter auch viele Wochen lang nicht blicken. Wenn Karl Masch seinen Bruder besuchte, war er stets mit Schußwaffen versehen. Seit dem Mai hatte sich der Räuber nicht wieder gezeigt, zum letzten mal war er wenige Tage nach der Zerstörung der warsiner Höhle bei Martin gewesen, wohin er sich dann gewendet, wollte dieser nicht erfahren haben. Er stellte bestimmt in Abrede, mit Karl zusammen ein Verbrechen ausgeführt zu haben, und behauptete, von einem Morde des Bruders nicht die mindeste Kenntniß zu haben.

Daß Martin Masch mehr auf dem Gewissen hatte, als er einräumte, daß er und die Seinigen nicht blos die Hehler, sondern die Mitschuldigen des Räubers waren, erkannte man deutlich an dem aufgeregten, von Gewissensangst zeugenden Benehmen der Gefangenen. Die verehelichte Masch insbesondere gab alles verloren und überließ sich der völligsten Verzweiflung. Eines Morgens fand man sie todt in ihrer Zelle; sie hatte von einer wollenen Decke mit den Fingern einen Streifen losgetrennt, aus demselben eine Schlinge gemacht, diese am Fensterwirbel befestigt und sich daran aufgehängt, indem sie sich auf den Zehen ein wenig erhob und dann sinken ließ.

Mit der Zeit bekannte Martin Masch noch mehr; er gestand nicht blos, daß er seinem Bruder bei mehrern Diebstählen geholfen, sondern auch, daß er ihn in der warsiner Höhle etlichemal besucht habe; er hatte bei solchen Gelegenheiten an einer bestimmten Stelle ein bestimmtes Zeichen gegeben, auf welches die Höhle von innen aufgethan wurde. Die Mitwirkung an einem Morde und namentlich an dem chursdorfer Morde leugnete der Inquisit hartnäckig; er sollte aber dennoch überwiesen werden. In einer von ihm getragenen Lederhose bemerkte man Blutflecken, über deren Entstehung er allerlei voneinander abweichende Angaben machte. Ferner fand sich in seiner Behausung ein Beil vor, dessen Helm an der Rückseite anderthalb Zoll lang war, gerade so lang wie die Kopfwunden der verehelichten Baumgart. Die Sachverständigen untersuchten auch dieses Beil chemisch und mikroskopisch, und auch an diesem Beile klebte Blut. Masch wußte zur Aufklärung dieses Umstandes nichts weiter zu sagen, als daß das Beil zwar der Regel nach zum Holzspalten und ähnlichen Verrichtungen, mitunter jedoch auch beim Schlachten von Hausthieren benutzt worden sei. Die Männer der Wissenschaft entgegneten hierauf: Wäre das Beil beim Schlachten eines Thieres gebraucht worden, dann hätte es unter die Oberfläche eines thierischen Körpers dringen und mit dem Blute zugleich aus dem Innern des Thieres eine Fettmuskel- oder Knochensubstanz zu Tage fördern müssen, es war jedoch keine dieser Substanzen in dem Blute enthalten. Es hafteten auch nicht, wie es nach der Benutzung beim Thierschlachten der Fall gewesen wäre, die größern Blutflecke an den beiden Seiten des scharfen, schneidigen Theils, sondern an der Rückseite und namentlich dort, wo das Heft (der Stiel) in das Oehr eingefügt ist; an den Seiten des Schneidetheils war nur Blut in höchst geringfügiger Masse, und zwar in kleinern unzusammenhängenden Punkten vorhanden. Das Beil war also in jedem Falle zum Schlage gegen ein blutführendes Wesen mit der stumpfen Seite gebraucht und im Auffallen von jenem Blut ausspritzenden Körper besudelt worden. An und in den Blutflecken saßen aber auch, und dies ist das Wichtigste, Fragmente pflanzlichen Stoffes, Baumwoll-und Wollfasern und Federn. Erstere, die rein vegetabilischen Theile, mochten beim täglichen Gebrauche an das Beil gekommen sein, denn sie waren mehr äußerlich vorhanden und nicht wie die übrigen drei genannten Arten von Körperchen innerhalb des Blutes, fest mit demselben verkittet. Jene letztern drei Körpergattungen lieferten den sichern Beweis, daß Frau Baumgart mit diesem Beile erschlagen war. Die Faser der Baumwolle, theils farblos, theils blaßblau, zeigte sich unter dem Mikroskop ganz übereinstimmend mit derjenigen Baumwolle, welche der Bezug des Baumgart'schen Kopfkissens enthielt. Die Wollfasern waren von meist violetter, theilweise auch grüner Farbe, gerade wie die Wolle der violetten Nachthaube mit dem grünen Rande, welche die Frau Baumgart auf dem Kopfe trug, als die Mörder ihr den Schädel zerschmetterten.

Dr. Lender verweist zur Erläuterung seines Gutachtens auf die Unterschiede zwischen den mikroskopischen Gebilden einer Woll- und einer Baumwollfaser. Nach seiner Schilderung liefert die Wollfaser im großen und ganzen unter dem Mikroskop das Gebild eines Haares, und dennoch ist es abweichend von dem eines Haares; die Baumwollfaser dagegen gibt eine in auswendiger und innerer Gestaltung ganz anders erscheinende mikroskopische Abbildung, welche mehr derjenigen einer leinenen gleicht und nicht die Aehnlichkeit mit dem Haare, wie die Wollfaser, zeigt, insofern namentlich nicht die innern Querstreifen von der eingeschlossenen Substanz gebildet werden und auch an der Außenfläche nicht die einzelnen gezahnten Stellen in früher beschriebener Art vorkommen.

Was die in dem Blute am Beile festsitzenden Federn anbetrifft, so rührten sie von einem mittels des Beiles getödteten Vogel aller Wahrscheinlichkeit nach nicht her, weil die Zahl der Blutflecke eine so bedeutende war, daß letztere in jener Zahl bei Erschlagung eines Vogels, vielleicht einer Ente oder Gans, nicht entstanden sein konnten. Auch ist es nirgends gebräuchlich, genanntes Federvieh mit der Rückseite eines Beiles todtzuschlagen, man benutzt zu seiner Tödtung jedenfalls immer ein spitzes oder schneidendes, in das Innere dringendes Instrument. Es mußten also in der Nähe eines andern Blut enthaltenden Körpers Federn befindlich gewesen sein. Auf einen Bettsack war das blutige Beil nicht gelegt, auch war es nicht in ein mit Federn gefülltes Behältniß geworfen worden, denn in diesem Falle hätte gewiß jeder Blutfleck irgendeine kleine Federfaser an sich gekittet, während solche nur in einzelnen derselben saßen. Hieraus entsprang die weitere Folgerung, daß das Beil, während das Blut an ihm noch frisch war, mit einem mit Ueberzug versehenen Bette in Berührung gekommen sein mußte, denn auf der Oberfläche eines bezogenen Bettes sind stets solche kleine durch den Bezug gedrungene Federchen zu finden, wie sie in einzelnen der Blutflecke saßen. Zugleich mit den Federchen und ohne Zeitverstrich mußten aber auch die Woll- und Baumwollfasern in das Blut sich gemischt haben, denn letzteres bildete nur Scheiben von ganz dünner Schicht, welche sehr bald antrocknen.

Ist nun das Beil wirklich, wie Martin Masch behauptet und der Sachverständige wegen des Vorhandenseins der aufgefundenen rein vegetabilischen Fasern als wahrscheinlich hinstellt, für gewöhnlich zum Holzspalten benutzt worden, dann ist es allerdings auffallend, daß die Blutspritzen, welche der Dr. Lender an den beiden Seiten des Schneidetheils des erst nach Monaten seit dem chursdorfer Morde aufgefundenen Beiles wahrnahm, durch jenen Gebrauch nicht völlig abgescheuert worden sind. Es läßt sich dies indeß dadurch erklären, daß Blut einer der besten, den äußern Einflüssen am schwersten erliegender Klebstoff ist.

Martin Masch war trotz dieser für seine Schuld so überzeugenden Ergebnisse der Sachverständigen-Gutachten nicht zu bewegen, mit der Sprache herauszugehen. Er betheuerte nach wie vor seine Unschuld.

Wir kehren nun zurück zu der Hauptperson, zu Karl Masch, der noch immer aller Versuche, ihn zu ergreifen, spottete und Verbrechen auf Verbrechen häufte, ohne daß man ihn dafür zur Verantwortung ziehen konnte.

In der Nacht vom 22. auf den 23. Juli saß die Wirthschafterin auf dem Gute in Neuendorf, einem Orte an der Straße von Soldin nach Bahn, in ihrem Zimmer und stopfte Strümpfe. Es war schon 12 Uhr, das dreiundzwanzigjährige Mädchen Namens Therese Dräger wurde vom Schlafe übermannt, sie schlummerte, am Tische sitzend, ein. Plötzlich ward sie durch einen heftigen Schlag auf den Kopf geweckt und zu Boden geworfen. Sie fühlte, daß ihr jemand den Hals zuschnürte, besaß aber noch Kraft genug, laut um Hülfe zu rufen. Ihre Lage war gefährlich, der Räuber hatte sie wieder gepackt und würgte sie, daß ihr der Athem ausging. Mit Aufbietung aller Kräfte machte sie sich noch einmal los und stieß ein gellendes Geschrei aus. Der Mörder ließ von ihr ab und verschwand durch die Thür nach dem Hofe. Therese Dräger riegelte nach seiner Entfernung die Thür ab, dann warf sie sich aufs Bett, um sich von dem gräßlichen Schrecken zu erholen. Jetzt erst bemerkte sie, daß ihr das Blut in Strömen vom Kopfe herunterlief, sie fing von neuem an zu schreien, allein die nebenan schlafenden Mägde wagten sich nicht heraus, sie stimmten nur ein in das Geschrei und setzten es so lange fort, bis die Bewohner des obern Stockwerks erwachten, herunterkamen und der schwerverwundeten Wirthschafterin den erforderlichen Beistand leisteten. In der Stube fand man einen ziemlich schweren Hammer, den der Fremde dort zurückgelassen hatte. Der jedenfalls von ihm beabsichtigte Raub war übrigens nicht zur Ausführung gekommen. Die Verletzte wurde wiederhergestellt, Masch aber war wiederum auf und davon und seine Verfolgung umsonst.

Der Gang der Ereignisse führt uns nunmehr 15 Meilen weiter nach Frankfurt an der Oder. Hier wurde der Polizeiassistent Räck am Nachmittag des 23. Aug. 1861 an der Ecke der Richt- und Jüdenstraße eines ihm unbekannten Mannes ansichtig, welcher unmittelbar vor einer Restauration sein Wasser abschlug. Er trat an ihn heran und verwies ihm sein unschickliches Betragen. Der offenbar betrunkene Mensch antwortete mit ungebührlichen Redensarten und ging zurück in das Wirthschaftslocal. Räck folgte und fragte nach seinem Namen. Der Fremde weigerte sich, ihn zu nennen und Räck gebot nun, daß er ihn nach der Polizei begleiten solle. Zwei anwesende Handwerksburschen schlugen sich ins Mittel und gaben an, es sei ein harmloser Bauer aus Müncheberg, der mit ihnen zusammen von seinem Wohnorte nach Frankfurt gegangen sei. Der Betrunkene war trotz alles Zuredens nicht zu bewegen, über seine Person irgendwelche Auskunft zu ertheilen. Der Polizeidiener arretirte ihn deshalb, und beide verließen das Local. Die Handwerksburschen bemerkten, daß ihr Reisegefährte seinen Kober hatte liegen lassen, sie durchsuchten denselben und riefen, als sie ein Rasirmesser darin entdeckten, scherzend: »Da ist ja ein Messer zum Halsabschneiden,« Den Kober gaben sie der Wirthin, verzehrten, was vor ihnen auf dem Tische stand, und entfernten sich dann ebenfalls.

Der angebliche Bauer war inzwischen mit dem Beamten bis zum Markte gekommen, dort warf er seinen Stock auf das Steinpflaster und lief die Scharrenstraße entlang, den Polizeiassistenten laut verhöhnend. Räck eilte ihm nach, holte ihn ein und packte ihn am Rockkragen. Der Arrestant machte sich jedoch mit einem kräftigen Ruck wieder los und griff mit den Worten: »Mit Ihnen werde ich bald fertig werden«, unter die Brusttasche. Räck sah die beiden Läufe eines Doppelpistols unter dem zurückgeschlagenen Rock hervorblinken, ein Faustschlag zwang den Arrestanten, die nach der Waffe suchende Hand sinken zu lassen, es entspann sich ein heftiger Ringkampf, infolge dessen der wüthende Mensch, welcher sich wie ein Verzweifelter wehrte, um sich schlug, seinen Gegner blutig biß und trat, zu Boden geworfen wurde und in einen Rinnstein fiel. Jetzt kam ein Packträger dem Polizeidiener zu Hülfe, den vereinigten Kräften beider gelang es, den frechen Burschen zu entwaffnen und in das Gefängniß zu bringen.

Der Unbekannte sagte nun zwar, wie er heiße, und wollte aus dem Orte Trampe gebürtig sein, es stellte sich indeß heraus, daß er in Trampe keinen Bescheid wußte, man schloß daher, daß man es mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun habe. Der Polizeibeamte revidirte die Steckbriefe und verglich seine Person mit denen, die dort beschrieben waren. Sein Aeußeres paßte auf das Signalement von Masch. Nun gab ihm Räck auf den Kopf schuld: »Sie sind ja aus der Räuberhöhle bei Soldin. Sie sind Masch!« Der Gefangene machte große Augen und blieb die Antwort schuldig. Mittlerweile kam der Gefängnißaufseher hinzu und setzte mit Räck zusammen das Examen fort. Da knirschte der Gefangene mit den Zähnen und stieß die Worte heraus:

»Meinen Kopf muß ich doch verlieren! Ich heiße M – a – s – ch!«

Er sprach die Buchstaben seines gefürchteten Namens einzeln aus, um sich an dem mit Entsetzen gemischten Staunen seiner Zuhörer zu werden.

Masch hatte keineswegs das Aussehen eines Banditen, er sah in dem gutgehaltenen Rocke wie ein Mann aus, der in die Stadt gekommen war und vielleicht eine bessere als die gewöhnliche Arbeitskleidung angelegt hatte. In den Taschen fand man eine silberne Cylinderuhr und an Geld 37 Thlr. und etliche Groschen. Das Pistol hatte er sich aus einem am Schafte und den Läufen verkürzten Doppelgewehr zurechtgemacht, als zweite Waffe führte er ein scharfes Schlachtmesser. Im Rocke waren inwendig Taschen aufgenäht, links eine für den Stutzen, rechts eine schmälere für das Messer. Der Kober enthielt Kugeln, Pulver, Zündhütchen, das Rasirmesser, mehrere Diebsinstrumente und andere Gegenstände.

Die ausführliche Vernehmung des Räubers konnte an dem Tage der Verhaftung nicht erfolgen, weil er noch zu berauscht war, am nächsten Morgen aber wurde in Gegenwart des aus Soldin herbeigeeilten Staatsanwalts ein umständliches Verhör angestellt. Masch gestand ohne weiteres eine ungeheuere Menge von Eigenthumsverbrechen zu und man überzeugte sich, daß die Hunderte von Diebstählen in jener Gegend, insbesondere die sämmtlichen Kellereinbrüche, für die er eine gewisse Vorliebe gehabt hatte, mit vollem Recht auf sein Schuldregister gebracht worden waren. Er gab ferner zu, daß er die Höhlen bei Pyritz und Warsin erbaut und bewohnt habe, leugnete aber seine Beziehung zu der Familie seines Bruders rundweg ab, wollte die letztere seit 1856 gar nicht gesehen, noch weniger sein Haus besucht, überhaupt keinen Mitschuldigen gehabt haben. Als man ihn frug, weshalb er denn zu Räck gesagt habe, er müsse seinen Kopf verlieren? bekannte er einen Mord, von welchem bis dahin noch niemand Kenntniß besaß. Masch hatte in der Nacht vom 21. zum 22. Aug. unweit Neustadt-Eberswalde auf der Chaussee zwischen Heckelberg und Tiefensee einen Fuhrmann erschossen und ihm 42 Thlr. Geld geraubt. Den Rest der Beute trug er noch bei sich. Am Morgen nach seiner letzten blutigen That war er nach Müncheberg gegangen und dort mit zwei wandernden Handwerksburschen zusammengetroffen, die nach Frankfurt reisten. Masch schloß sich ihnen an, er war in der freigebigsten heitersten Laune, und wollte, wie es schien, einmal recht vom Herzen mit den Fröhlichen fröhlich sein. Daß er die Nacht zuvor einen Menschen umgebracht hatte, daß das Geld, welches er jetzt verjubelte, Blutgeld war, störte ihn keinen Moment, er war der Lustigste von allen dreien. Zunächst wurde in Müncheberg gut gelebt und ein Vorrath von Erfrischungen mitgenommen, dann zog die Gesellschaft, zu welcher sich noch ein vierter gesellte, in der lauen Sommernacht auf der Straße nach Frankfurt weiter. Masch zeigte seinen Begleitern das Doppelpistol, welches er in seiner Rocktasche trug, und machte ihnen das unschuldige Vergnügen, es von ihnen selbst abfeuern zu lassen. Hatte der eine den Schuß abgebrannt, so lud er es willfährig von neuem und gab es dem andern, um abzudrücken. Dazu stimmte er das bekannte Räuberlied »In des Waldes tiefsten Gründen« an, in welchem Rinaldo Rinaldini und sein letztes Erwachen vor dem Kampfe besungen wird. Die Gesellschaft fiel volltönig in den Gesang ein, dazwischen knallten die Schüsse, leuchtete das aufflammende Pulver, und der Flasche wurde fleißig zugesprochen. Die Handwerksburschen ahnten nicht, daß ihr splendider Reisegefährte der gefährlichste Räuber war, dessen Hände von dem eben erst vergossenen Blute fast noch feucht waren, und Masch selbst, der muntere Sänger, dachte nicht daran, daß dies die letzte Nacht sein würde, in der er als freier Mann sein Haupt auf den Rasen legte. Gegen Mitternacht wurden die Wanderer müde, alle vier streckten sich in den Chausseegraben hin und schlummerten etliche Stunden. In der Morgenkühle erhoben sie sich von dem luftigen Lager und gingen zusammen nach Frankfurt. Hier wurde Masch, wie wir wissen, arretirt. Seine Gefährten hielt man anfänglich für Mitschuldige seiner Verbrechen, sie wurden verfolgt und zwei von ihnen in Posen, der dritte in Schlesien angehalten, es ergab sich indeß, daß sie mit Masch nur ganz zufällig in Berührung gekommen waren und mit ihm nur den Weg von Müncheberg nach Frankfurt gemacht hatten.

An demselben Tage, an welchem Masch sich selbst vor Gericht der Ermordung eines Fuhrmanns bei Heckelberg bezichtigte, wurde die That entdeckt. Ein Waldwärter traf im Forste auf einen zwischen den Bäumen festgefahrenen Wagen. Er glaubte, der Fuhrmann wäre eingeschlafen und das Pferd hätte, sich selbst überlassen, einen falschen Curs eingeschlagen. Der Fuhrmann saß im Wagen auf einem Sacke. Die rechte Hand unter den Kopf stützend, die Peitsche lag neben ihm. Der Waldwärter, immer noch meinend, der Fuhrmann schlafe, trat näher heran; es fiel ihm die bleiche Farbe auf, dann sah er auch Blut im Gesicht, nun wurde ihm klar: der Mann schlief den ewigen Schlaf. Der ohne Weg und Steg an diesen Ort gebrachte Wagen mußte schon geraume Zeit daselbst stehen, denn das Pferd hatte die Erde um sich herum tief aufgescharrt und von einem Fichtenbaum, den es mit den Zähnen erreichen konnte, alle Rinde abgenagt. Aus eigener Wahl war es zwischen den dichtstehenden Fichten hindurch gewiß nicht dorthin gedrungen, die Räderspuren und die von den Rädern hier und da abgeschabten Stämme zeichneten die Schlangenlinie, in welcher der Wagenlenker das Pferd von der Straße weg in das Dickicht geleitet hatte, bis er sich auf einen Baumstamm, der zwischen Vorderachse und Runge gerieth, festfuhr. Das Pferd war abgesträngt und nur mit den Aufhaltern in der Deichselschere festgebunden. Wagen und Pferd wurden zurück auf die Chaussee geschafft, der Herr des Geschirrs aber, der Fuhrmann Piper aus Altgersdorf, konnte nicht wieder ins Leben zurückgerufen werden. Er war in den Kopf geschossen, die Mütze mit Blut gefüllt, im linken Rockärmel stak noch eine Kugel. Man vermuthete, daß der Mörder den Fuhrmann auf der Chaussee erschossen und dann den Wagen in den Wald gelenkt habe.

Piper besaß, als er von Berlin wegfuhr, etliche 40 Thlr., den Erlös für verkauftes Getreide. Bei dem Todten fand man kein Geld mehr und mußte also annehmen, daß der unbekannte Mörder es geraubt habe. Die Obduction ergab, daß eine Kugel vom linken Ohr nach der Mitte des Schädels durch das Gehirn gedrungen war, den Schädel zerschmettert und so den augenblicklichen Tod verursacht hatte. Im linken Schultergelenk bemerkte man eine starke Blutung, die Folge einer zweiten Kugel, die aber vor der ersten abgefeuert sein mußte, weil sonst jene Blutung nicht hätte entstehen können. Das Nähere über die That wird uns der Mörder selbst mittheilen, für jetzt weisen wir darauf hin, daß er gerade diesen Mord gestand, weil er sich vorgenommen hatte, seine Verwandten nicht mit ins Verderben zu ziehen. Heckelberg ist weit von Soldin entfernt, er hoffte, daß er in Frankfurt bleiben und hier abgeurtheilt werden würde, daß sein Bruder und dessen Familie mithin unangefochten bleiben sollten. Seine Berechnung schlug indeß fehl, er wurde an das Kreisgericht Soldin abgeliefert, weil die Untersuchung des chursdorfer Mordes zur Competenz dieser Behörde gehörte, und jedermann davon überzeugt war, daß Masch dieses Blutbad angerichtet habe. Er leugnete jedoch hartnäckig. Auf den Vorhalt, daß in der warsiner Höhle drei Beile gefunden worden seien, an denen Haare der Erschlagenen klebten, frug er, sich vergessend: »An allen dreien?« und fügte darauf, sich schnell sammelnd hinzu: »Das ist doch nicht möglich!« Erst nach mehrern Wochen räumte er die Verbindung mit seinem Bruder Martin ein, er bestätigte Martin's Aussage, daß sie sich gegenseitig besucht, daß er seine Geschwister mit gestohlenem Gute bereichert und von ihnen manches, was er gebrauchte, empfangen hatte. Seine verstorbene Schwägerin war am Bußtage 1861, also kurz vor dem Ueberfall der Mühle bei Chursdorf, bei ihm in der Höhle gewesen, er selbst hatte seinen Bruder in der Nacht nach dem Morde besucht und von ihm erfahren, was die Leute sprachen. Dennoch beharrten beide Brüder dabei, sie wüßten nicht um die Sache. Wenn es darauf ankam, von Karl Masch weitere Geständnisse über beliebige Diebstähle zu erhalten, so war er immer bereit, zu erzählen, nur richtete er seine Erzählung stets so ein, daß er allein die That ausgeführt hatte. Bei Verbrechen, wo nach den Umständen mindestens zwei Personen thätig gewesen sein mußten, wollte er nie mitgewirkt haben. Masch hatte sich eine bestimmte Grenze gesetzt, über die er nicht hinausschritt. Den eigenen Kopf gab er verloren und versicherte sehr oft, mit dem Gedanken, auf dem Schaffot zu enden, habe er sich längst vertraut gemacht, das Sterben sei ihm nicht schrecklich, dagegen foltere ihn die Angst, daß man ihm nicht glauben, daß man seinen Bruder mit in die Untersuchung verwickeln werde, und daß um seinetwillen Unschuldige leiden müßten. Das Bestreben, den Bruder zu retten, ist beinahe der einzige menschliche Zug, den wir entdecken, und auch dieser Zug ist nicht frei von Selbstsucht. Abgesehen davon, daß es dem Angeklagten schmeicheln mochte, wenn es ihm glückte, das Gericht hinter das Licht zu führen, lebte er sich auch in die Idee ein, daß ihm Gott eher vergeben würde, wenn er ein gutes Werk vollbrächte und den Vater von sechs hülflosen Kindern durch consequentes Lügen vom Tode durch Henkershand befreite. Allmählich begriff er, daß es nichts half, wenn er trotz der überwältigenden Verdachtsgründe allen Fragen in Betreff des Mordes in Chursdorf ein unmotivirtes Nein entgegensetzte. Er fing an unruhig zu werden. Schon nach seiner Verhaftung hatte er viel geweint, jetzt flossen seine Thränen in Strömen, er ging gebeugt in seiner Zelle umher, überlegend, was er thun solle. Wie gesagt, die Thränen galten nicht seinem eigenen Geschick, er selbst war vielmehr jeden Augenblick bereit, das Haupt auf den Block zu legen, aber sein Bruder sollte frei werden. Wenn er nach wie vor leugnete, so mußte er fürchten, daß er und Martin zugleich der Ermordung des Müllers Baumgart und seiner Hausgenossen für schuldig erklärt würden. Vielleicht war der Bruder eher zu retten, wenn er den Mord zugab. Er wußte nicht, daß man auch in Martin's Wohnung ein Beil gefunden hatte, welches den Mörder der Frau Baumgart anklagte, und gab sich der Hoffnung hin, daß er das letzte Ziel seines Lebens leichter erreichen würde, wenn er das Attentat auf die Mühle zugestände und die gesammte Blutschuld auf sich allein nähme. Er schwankte mehrere Wochen, was er thun sollte, endlich war er entschlossen; durch den vor seinem Fenster stehenden Posten ließ er den Gefangenwärter rufen und erklärte ihm: »Ich muß mein Gewissen erleichtern, ich will jetzt die Mordthaten in Chursdorf und Stölpchen eingestehen.« Zu dem Inspector, der von diesem wichtigen Vorgange sofort in Kenntniß gesetzt wurde, äußerte er: »Ich kann meine gegenwärtige Lage nicht länger ertragen, ich möchte gern alle Mordthaten zugestehen, wenn mir nur geglaubt würde, daß ich allein der Thäter gewesen bin.« Der Inspector eröffnete ihm, er müsse nun dem Untersuchungsrichter Anzeige machen. Masch schlug die Augen nieder und sagte nach einigem Besinnen: »Nein, ich kann doch nichts gestehen.« Vor den Untersuchungsrichter geführt, wollte er von jenem Gespräch keine Silbe mehr wissen.

Masch ging zurück in seinen Kerker und sann weiter nach. Er wurde noch unruhiger als zuvor, das Gewissen war erwacht und vermöge einer seltsamen Verirrung kam er immer wieder darauf zurück, er müsse bekennen, was auf seiner Seele laste, aber einen andern dürfe er nicht verrathen, am wenigsten seinen Bruder. Es schien, als wenn er sich ein eigenes System zurechtgelegt hätte, um die innere Qual los zu werden, und dieses System beruhte eben auf den beiden Sätzen, daß er verpflichtet sei, die Wahrheit zu sagen, wenn man ihn nach seiner Verschuldung früge, daß er aber einen Kameraden nicht ins Unglück stürzen dürfe, sondern den Himmel nur dann versöhnen könne, wenn er ein gutes Werk vollbringe, und als ein solches stellte sich ihm die Rettung seiner Mitschuldigen dar.

Ehe wir berichten, wie er dieses System praktisch durchführte, werfen wir einen Blick auf seine äußere Erscheinung und auf seinen Verkehr mit den Gefängnißbeamten. Masch war von hoher schlanker Gestalt (5 Fuß 6 Zoll), hatte breite Schultern, aber eine sehr flache Brust, die es ihm möglich machte, die Schultern zusammenzulegen und sich durch die engsten Vergitterungen hindurchzuschmiegen. Der Kopf war nicht unedel geformt, gewissermassen charakteristisch zu nennen, die Gesichtsbildung regelmäßig, länglich, die Stirn zwar nicht hoch, aber etwas hervorragend, das volle schwarze Haupthaar trat in der Mitte der Stirn in einer Spitze hinab, ein dunkler Bart bedeckte die Backen, das Kinn und die Oberlippe, der starke Hinterkopf und der ganze Ausdruck der Züge ließen auf Ausdauer und eisernen Willen schließen. Die grauen Augen, die von schwarzen Brauen überschattet wurden, vermochten nicht frei und geradeaus zu sehen. Masch schlug sie fast immer nieder, er schaute auch, wenn er zum Verhör geführt wurde, nicht um sich. Wenn er dann vor Gericht den Blick zu dem Richter, der mit ihm sprach, erhob, so bekam sein Auge einen lauernden Ausdruck. Man bemerkte, daß er die Mienen des Fragenden scharf beobachtete, um daraus zu errathen, was nun etwa kommen würde. Außerdem hatte er die Gewohnheit, mit dem einen der tief unter den dunkeln Wimpern liegenden Augen zu zwinkern, es schien, als wollte er die Sehkraft in möglichst hohem Grade ausnutzen. Sein jahrelanges Räuberleben mochte die Veranlassung sein, daß das Lauern und Beobachten nicht blos ein Theil seines Wesens geworden, sondern auch in seinen Blick übergegangen war. Masch ging im Gefängniß nie mehr in aufrechter Haltung, sondern immer den Blick auf die Brust gebeugt, er war gebrochen und dachte nicht daran, dies zu verhehlen. Gegen die Beamten betrug er sich bescheiden. Da er sich, wie wir noch hören werden, in der Welt viel umgesehen und auch gebildetere Kreise kennen gelernt hatte, so war er verständig genug, einzusehen, was die Pflicht der Gefängnißaufseher erforderte. Sie hatten in Wahrheit mit diesem Räuber, der in der Verhöhnung der menschlichen Ordnung das Unglaubliche geleistet, weniger ihre Noth und ein viel leichteres Umgehen als oftmals mit andern Gefangenen, die wegen eines geringen Vergehens auf kurze Zeit der Freiheit beraubt waren. Masch prahlte weder mit Todesverachtung, wie rohe Naturen zu thun pflegen, noch hörte man von ihm heftige, ungestüme Klagen über sein Geschick, er blieb natürlich und bemühte sich, die selbstverschuldeten Leiden geduldig zu ertragen. Wohl sah man ihm an, daß es in seinem Innern oft heiß kochte, daß das erwachte Gewissen ihm keine Ruhe ließ und daß er sich abquälte, den innern Kampf zu verbergen, aber äußerlich zeigte er sich nicht sonderlich aufgeregt. Seine Sprache war durchdacht und besonnen, zornig wurde er nur, wenn man ihm nicht glauben wollte, daß er alle Verbrechen allein begangen habe; dann verriethen Geberde und Ton der Stimme, welcher Leidenschaft und Wuth er fähig war. Uebrigens sprach Masch gut und gewählt, er hatte sich durch sein bewegtes Leben eine Gewandtheit und Bildung angeeignet, die über die gewöhnliche Sphäre der Leute seines Standes weit hinausging.

Gefängnißbeamte machen die Erfahrung, daß die Haft und insbesondere das Tragen der Fesseln je nach der Individualität der Gefangenen von sehr verschiedener Wirkung ist; man kann aus der Art und Weise, wie sie sich dabei geberden, auf ihren Charakter schließen. Wer ein noch lebendiges Ehrgefühl besitzt, dem sieht man an, daß er sich schämt und innerlich empört ist über die ihm widerfahrene Beschimpfung; der in den Strafanstalten bereits heimische Verbrecher pflegt das Eisen zu verhöhnen und zu renommiren mit einer erheuchelten Gleichgültigkeit; der rohe stumpfsinnige Mensch trägt die Kette als etwas, woran man sich eben gewöhnen muß; Gefangene, bei denen die sinnliche Natur vorherrscht, beklagen sich über den Schmerz, denn der physische Schmerz ist es, der sie am meisten beschäftigt. Masch gehörte eigentlich in keine dieser Kategorien. Er hatte sich gewiß häufig gesagt, was seiner wartete, wenn der Arm der Gerechtigkeit ihn ereilte. Nun war es geschehen, und so trug er denn die Ketten und Eisen als einen nothwendigen Theil der Gefangenenkleidung. Er schämte sich nicht, er prahlte aber auch nicht, er war nicht unempfindlich gegen die physischen Leiden, sparte sich aber auch unnütze Klagen. Da er ein so äußerst wagehalsiger und gefährlicher Verbrecher war und man überdies befürchten mußte, er werde den Versuch machen, sich selbst den Tod zu geben, so hatte man besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Hände staken in einem Armsprenger, einem Eisenstabe mit einer Handschelle an jedem Ende. Von der Mitte des Stabes ging ein zweiter die Brust hinauf bis dicht unter das Kinn, wo sich ein eisernes um das Genick gelegtes Halsband anschloß. Durch diese Vorrichtung war es ihm unmöglich, den Hals unter den hochgehobenen Armsprenger zu stecken und sich im Ueberwerfen das Genick zu brechen; von den Händen konnte er so gut wie gar keinen Gebrauch machen. Um die Füße waren Schellen gelegt und diese durch eiserne Ringe verbunden, sodaß er nur winzig kleine Schritte zu thun im Stande war. Bei jeder Bewegung mußte er darauf bedacht sein, die Richtung des Körpers der veränderten Lage des Eisengerüstes anzupassen. Anfangs gelang ihm dies nicht, er fühlte sich hier und da gedrückt und wund gerieben; er bat dann jedesmal in der bescheidensten Weise um Linderung des Schmerzes und um eine zweckmäßige Aenderung in der Anlegung des Schließzeugs. Eine solche Bitte fand selbstverständlich stets williges Gehör. Mit der Zeit gewöhnte sich Masch an die Fesseln und lernte sie so geschickt tragen, daß sie ihn verhältnißmäßig nur unbedeutend belästigten. Dem Wärter, der ihm beim Essen und bei Befriedigung seiner Bedürfnisse behülflich sein und ihm die eine Handschelle oft losschließen mußte, erleichterte er den unangenehmen Dienst in der zuvorkommendsten und verständigsten Weise.

Die Unruhe des Geistes drückte sich in der körperlichen Unruhe deutlich aus; wer ihn durch das kleine Fenster in der Zellenthür beobachtete, der sah ihn beständig, einen Fuß vor den andern setzend, langsam umhergehend, sinnend und brütend, was er vor Gericht angeben sollte, um zu seinem Zwecke zu kommen: sein Gewissen zu entlasten durch ein Bekenntniß dessen, was er gesündigt, und seine Gefährten, namentlich seinen Bruder, zu befreien.

Endlich war er entschlossen. Er ließ sich melden und warf sich weinend und schluchzend vor den Untersuchungsrichter auf die Knie, ihn anflehend, daß er ihm doch glauben möchte, er wollte alles gestehen. Masch, der seine Diebstähle, sein Leben in der Höhle mit der größten Seelenruhe erzählt und von der Ermordung des Fuhrmanns Piper wie von einem gewöhnlichen Geschäft gesprochen hatte, war in einer unbeschreiblichen Aufregung; er fürchtete, daß seine Enthüllungen den Untergang seines Bruders zur Folge haben würden, und dies schien ihm ein weit entsetzlicheres Unglück zu sein als der Verlust des eigenen Kopfes. Jetzt kam es an den Tag, daß die in dem wormsfelder See gefundene alte Frau nicht durch Selbstmord, und daß Henriette Fehlhaber, das Stubenmädchen in Albertinenburg, nicht, wie alle Welt glaubte, eines natürlichen Todes gestorben war. Masch hatte beide erwürgt und die Braut des jungen Rekruten, Karotine Zipperling aus Adamsdorf, erdrosselt. Masch war der Mörder der Brandt'schen Eheleute in Stölpchen, des Müllers Baumgart und seiner Hausgenossen in Chursdorf. Masch hatte alle die Mordversuche, von denen wir gesprochen: auf den Fuhrmann Wattrow zwischen Tiefensee und Heckelberg, auf den Chausseegelderheber Schmidt zwischen Bernstein und Dölitz, auf Therese Dräger, die Wirthschafterin in Neuendorf, und außerdem noch mehrere andere unternommen, welche bis dahin gar nicht zur Kenntniß der Behörden gekommen, resp. von den auserkorenen Opfern nicht einmal geahnt worden waren. Masch bekannte jetzt alles, auch die Brandstiftungen und Diebstähle, die er vorher noch geleugnet, nur dabei blieb er unverrückt stehen, daß kein anderer theilhabe an seinen Sünden, daß seine Verwandten nur von etlichen Einbrüchen, aber nichts von Mord, Raub und Brandstiftungen erfahren hätten.

Abgesehen von diesem Punkte, in welchem Masch unzweifelhaft gelogen hat, darf man seinen Angaben trauen, wir lassen ihn daher selbst reden und uns von ihm seine Verbrecherlaufbahn schildern. Dabei wird es, kaum nöthig sein, zu bemerken, daß es nicht streng seine eigenen Worte sind, die wir geben. Wir haben seine Aussagen zusammengefaßt, das Unwesentliche ausgeschieden und das Ganze in der Form abgerundet. Das Lebensbild wird hierdurch nicht an Treue verlieren, an Anschaulichkeit aber gewinnen.

Lebensbild von Karl Friedrich Masch.

Ich bin der jüngste Sohn des Handarbeiters Martin Masch und am 28. April 1824 zu Forsthaus Brunken bei Berlinchen geboren. Meine Aeltern zogen bald nach meiner Geburt nach Hohenziethen, wo ich in die Schule gegangen und confirmirt worden bin. Mein Vater trank, war aber fleißig und kam selten den Tag über nach Hause. Die Sorge für die Erziehung der Kinder überließ er der Mutter. In die Schule ging ich ungern, das Lernen wurde mir zwar leicht, aber ich hatte keine Freude an den Büchern und sprang lieber in Feld und Wald herum. Ich fing Tauben ein und verkaufte sie, stellte Sprenkel, nahm Vogelnester aus und plünderte mit meinen Kameraden die Obstgärten der wohlhabenden Bauern. Die Mutter strafte mich zwar mitunter, aber ihre Züchtigungen waren mir meistens sehr gleichgültig; wenn sie ja einmal derb zuschlug, lief ich davon und hielt mich tagelang verborgen, damit sie sich recht ängstigen sollte. Der Vater kränkelte viel und starb, nachdem ich eingesegnet war. Im Jahre 1838 trat ich auf dem Rittergute Hohenziethen in Dienst; anfangs mußte ich die Ochsen hüten, als meine Körperkräfte zunahmen, wurde ich zu den gewöhnlichen Arbeiten der Knechte herangezogen. Es verdroß mich, daß mein Herr nicht zufrieden mit mir war, am liebsten wäre ich bei dem ersten unfreundlichen Worte weggelaufen, denn Tadel vertrug ich einmal nicht. Vier Jahre hielt ich aus, dann wurde ich weggeschickt, weil ich mich betrunken und im trunkenen Zustande unbesonnene Streiche gemacht hatte. Bei einem Bauer in Beyersdorf fand ich ein Unterkommen. Mein Bruder Johann Gottlieb diente in demselben Orte und richtete sich damals durch seine Leidenschaft, die er nicht beherrschen konnte, zu Grunde. Er hatte mit der Tochter seines Dienstherrn eine Liebschaft angeknüpft und überwachte das Benehmen seiner Geliebten mit den eifersüchtigsten Augen. Es fiel ihm auf, daß sie auch gegen andere Burschen freundlich war, er bildete sich ein, daß er von ihr betrogen werde und schwur ihr Rache. Als er sie eines Tages bei der Arbeit allein traf, stieß er ihr ein Messer in die Brust und sprang darauf in den nahen Brunnen, um sich den Tod zu geben. Allein das Wasser litt ihn nicht in sich, immer wieder trieb es ihn an die Oberfläche, und nachdem er sich viermal versenkt hatte und viermal in die Höhe gehoben worden war, ward er ergriffen. Das Mädchen starb infolge des Messerstichs, mein Bruder wurde als ihr Mörder zum Tode durch das Rad verurtheilt, aber zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt. Ich war eben so sehr zum Jähzorn geneigt wie Johann, und wundere mich jetzt noch darüber, daß mir sein Geschick nicht zur Warnung gedient hat. Ich kann indeß nicht anders sagen, als daß der Eindruck der ganzen Sache ein sehr vorübergehender gewesen ist, ich schlug mir das Unglück des Bruders aus dem Sinn und am wenigsten fiel es mir ein, daß mir mein heißes Blut je einen ähnlichen Streich spielen könnte. Im Dienste behagte es mir gar nicht, ich überwarf mich mit meinem Herrn und wollte mich dafür rächen, daß er mich schalt. Am Abend war die Rede davon, es sollte am nächsten Morgen Getreide in der Scheune ausgedroschen werden; dabei stieg in mir der Gedanke auf, daß ich dem Bauer alle Unbilden vergelten könnte, wenn ich die gefüllte Scheune in Asche legte. Der Gedanke wurde mir immer süßer und reifte allmählich zum festen Entschluß. Mit dem Grauen des Tages machte ich das mir anvertraute Gespann zur Abfahrt nach dem Felde zurecht, ehe ich den Hof verließ nahm ich ein Stück glimmenden Schwamm, umwickelte es mit einer beträchtlichen Menge Flachs und steckte das Bündel unter das Strohdach. Ich rechnete darauf, daß der Flachs erst allmählich in Brand gerathen, und daß das Feuer erst in mehrern Minuten aufgehen würde. Ich hatte mich nicht geirrt, denn ich war schon auf dem Felde, als die Lohe emporstieg; schnell eilte ich mit den Pferden nach Hause und half retten. Kein Mensch hatte Verdacht auf mich und doch schwebte ich in einer entsetzlichen Angst. Der Bauer dauerte mich, denn der Schaden war größer geworden, als ich gewollt, in jedem Augenblick dachte ich, man würde kommen und mich festnehmen. Als das Gericht zur Feststellung des Thatbestandes eintraf, war meine Unruhe so stark, daß ich glaubte, man müßte mir das böse Gewissen ansehen, mehreremal nahm ich einen Anlauf, freiwillig alles zu gestehen, die Furcht vor der Strafe hielt mich indeß ab, nach einigen Tagen war ich bereits sicher geworden und machte mir nun Vorwürfe über meine Dummheit, daß ich mich selbst hatte anzeigen wollen. Ich wußte jetzt aus Erfahrung, daß nicht alles Unrecht an den Tag kommt, und schritt deshalb muthiger vorwärts auf dem einmal betretenen Wege. Zunächst entwendete ich einem meiner Mitknechte etliche Groschen aus der Lade, dann wechselte ich den Dienst und zog nach Neuendorf; auch hier blieb ich nur kurze Zeit, ich wurde fortgeschickt und wurde auf dem Rittergute in Hohenziethen, wo ich schon früher gedient hatte, wieder aufgenommen. Von dort schlich ich mich eines Nachts nach Neuendorf in das Gehöft meines frühern Brotherrn. Ich schnitt den Pferden die Schwänze ab, nahm die Messer von der Häckselschneidebank mit und warf sie ins Wasser. Ich war hocherfreut darüber, daß ich mich auf diese Weise an dem Bauer hatte rächen können. Auf dem Rittergute war meines Bleibens nicht lange, der Herr jagte mich vom Hofe, weil er nicht zufrieden mit meiner Arbeit und Führung war, ich befand mich in Noth, verschaffte mir aber Geld, indem ich eine Gans stahl und diese in Pyritz verkaufte. Inzwischen kam die Zeit heran, wo ich Soldat werden mußte; ich wurde im Jahre 1844 bei dem damals in Soldin garnisonirenden zweiten Bataillon des 14. Infanterieregiments eingestellt und hatte eine zweijährige Dienstzeit zu bestehen. Ich war klug genug, um einzusehen, daß es für mich vortheilhafter war, wenn ich mich der strengen Disciplin ohne Murren fügte. Ich fühlte den eisernen Zwang, zu gehorchen, und war daher auch gehorsam. Geldmittel besaß ich außer der Löhnung nicht, folglich mußte ich auf die Theilnahme an öffentlichen Vergnügungen verzichten; ich blieb meist in meinem, Quartier und vertrieb mir die Zeit durch Lesen. Schon in Hohenziethen hatte ich mit einem dort dienenden Mädchen ein Verhältniß angeknüpft. Meine Geliebte kehrte zu ihren Vettern nach Soldin zurück, und wir setzten hier den Umgang fort. Meine Vorgesetzten waren mit mir zufrieden, ich wurde als Soldat nur ein einziges mal wegen Malpropreté mit Arrest bestraft. Vom Militär entlassen trat ich wiederum auf dem Rittergute in Hohenziethen in Dienst und wurde zum dritten mal angenommen, weil man glaubte, daß ich nun gefügiger geworden wäre. Ich blieb indeß nicht lange, sondern vermiethete mich bald darauf als Knecht in der Brennerei zu Dertzow, später bei einem Fleischer in Soldin und zuletzt auf dem Gutshofe in Naulin, wo ich einem andern Knechte aus der Lade etliche Thaler entwendete. Im März 1848 wurde mobil gemacht, ich trat als Reservist in das 9. Infanterieregiment und marschirte mit nach Berlin. Der Aufstand war bei unserm Eintreffen schon vorüber, es kam nicht zum Gefecht, wir blieben in der Hauptstadt und mir gefiel es daselbst sehr gut. Im Herbst wurde ich ausgekleidet und fand in meiner Heimat, in der Brennerei zu Mellenthin, Beschäftigung. Nach wenigen Monaten als Landwehrmann einberufen, zog ich mit dem 8. Landwehrregiment nach Schlesien und von da nach Dresden. Auch in dieser Stadt war der Kampf bei unserer Ankunft vorüber, das Regiment verweilte nur kurze Zeit daselbst und trat den Marsch nach Baden an. In Erfurt wurde ich in das Lazareth geschickt, um von einem Flechtenübel geheilt zu werden. Nach etlichen Wochen bekam ich den Abschied, das Leiden war indeß nicht völlig gehoben und ist bis jetzt immer wieder einmal aufgetreten.

Die militärische Disciplin hatte mich genöthigt, meinen Willen unterzuordnen und ohne Widerspruch zu thun, was mir befohlen ward; nun war ich wieder ein freier Mann und suchte mich schadlos zu halten für alles, was ich entbehrt. Ich wollte zwar Dienstbote sein, aber mir nichts gefallen lassen, so kam es, daß ich mich mit dem Oberinspector auf dem Gute in Dertzow, wo ich eine Stelle erhielt, sehr bald überwarf und abziehen mußte. Ich überlegte mir nun, daß das Dienen auf dem Lande doch eine harte Plage sei und sehr wenig Gelegenheit darbiete, sich zu vergnügen. Das Leben in den großen Städten, von welchem ich einen Begriff bekommen hatte, schien mir weit verlockender zu sein, namentlich reizte es mich, daß man daselbst so leicht und so frei mit dem weiblichen Geschlecht verkehren konnte.

Ich machte mich auf den Weg nach Berlin und wurde dort von einem Gärtner angenommen, für den ich Gemüse feilhalten mußte. Diese Beschäftigung war mir gerade recht, denn ich konnte stundenlang an den Straßen sitzen, mich mit den Käufern unterhalten und brauchte mich nicht im geringsten anzustrengen. Zufällig wurde ich mit einem Restaurateur bekannt, der öfter von mir Gartenfrüchte bezog. Meine Persönlichkeit gefiel ihm und er bot mir die Stelle eines Hausdieners an. Ich griff mit Freuden zu, siedelte in die Restauration über und trat zu meinem Herrn nach und nach in ein sehr intimes Verhältniß. Wir verschafften uns durch uns selbst sinnliche Genüsse, wie sie auf natürlichem Wege nur bei Verschiedenheit der Geschleckter möglich sind. Er konnte nicht ohne mich leben und behandelte mich mehr als Freund denn als Diener. In der Folge gab er die Gastwirthschaft auf und übernahm die Stelle eines Siedemeisters in einer Zuckersiederei bei Magdeburg, mich aber brachte er dort zuerst als Arbeiter, später als Aufseher unter, weil er sich nicht von mir trennen wollte. Da er mit dem Besitzer der Siederei uneinig wurde, löste sich das Verhältniß bald, wir gingen nach Berlin zurück und von hier nach Potsdam, wo wir kurze Zeit in einer Destillation arbeiteten. Ich begleitete meinen Herrn unter dem Namen seines Bedienten überall hin, sogar nach Hamburg, wo er sein Glück versuchen wollte. Bei der Rückkehr in die Residenz traf ich mit meiner alten Geliebten zusammen, die mir nachgereist war. Dies bestimmte mich, meinen Dienst, der mir ohnehin nicht mehr zusagte, zu quittiren. Ich wanderte mit meiner Verlobten nach Soldin und beabsichtigte, sie zu heirathen und mich daselbst häuslich niederzulassen. Wir zogen in eine und dieselbe Wohnung, ich arbeitete als Tagelöhner, sie besorgte den Haushalt und wir waren im Begriff uns trauen zu lassen, da kam mir plötzlich ein von fremder Hand an sie adressirter Brief zu Gesicht. Die Aufschrift ließ mich vermuthen, daß ein Nebenbuhler ihn geschrieben habe, ich gerieth darüber in heftigen Zorn und verließ das Mädchen, weil ich fest daran glaubte, daß sie mir untreu geworden sei. Später sah ich freilich ein, wie grundlos meine Eifersucht gewesen war, allein das Band zwischen uns hatte ich einmal gelöst und es gelang mir nicht, es von neuem zu knüpfen. Wenn ich die Geliebte geheirathet und mit ihr den eigenen Hausstand gegründet hätte, so wäre ich vielleicht ein braver, tüchtiger Mensch geworden. Nun ich mich von ihr betrogen wähnte, trieb es mich fort aus der Gegend von Soldin, ich ging nach Berlin, von da nach Potsdam, wo ich bei einem Kaufmann, und dann nach Buckow, wo ich bei einem Bauer diente. Hier wurde ich krank, man duldete mich nicht länger, ich mußte mich, vom Fieber geschüttelt, in meine Heimat betteln und nahm in Dertzow die Hülfe meines Bruders Martin in Anspruch. Er hatte zwar Frau und Kinder und die Mutter zu erhalten, aber dennoch wies er mich nicht ab, der schmale Bissen wurde bereitwillig mit mir getheilt, ich fand bei ihm ein gastliches Obdach. Nachdem ich genesen war, gab mir meine Schwägerin zu verstehen, daß es nun wol an der Zeit sei, ihr Haus zu verlassen und ihnen nicht länger lästig zu fallen. Sie sprach ihre Meinung eines Tages ganz unverhohlen aus und dies brachte mein Blut so in Wallung, daß ich ein Tischmesser ergriff und in voller Wuth auf sie losstürzte. Ich hätte sie unfehlbar erstochen, wäre nicht meine Mutter schützend dazwischengetreten. Sie warf sich dem gezückten Messer entgegen und trug eine leichte Verwundung davon, ich aber mußte mir nach dieser Scene ein anderes Unterkommen suchen.

Der Dienst als Knecht war mir im höchsten Grade zuwider, ich hielt nirgends aus und fing an im Lande herumzustreichen und zu betteln. Den Sommer über arbeitete ich bei Wriezen an der Oder, mit dem Winter hörte jedoch die Arbeit auf und es blieb mir nichts übrig, als mich abermals nach Dertzow zu wenden und die Meinigen um Verzeihung zu bitten. Sie nahmen mich auf und nun war ich wieder auf einige Zeit versorgt. Freilich sah ich ein, daß ich nicht monatelang auf Kosten meines Bruders leben konnte, indeß hatte ich auch keine Lust, schwere Arbeit zu verrichten, ich wollte eben ein bequemes Leben haben wie ehemals in Berlin, Da hörte ich zufällig von dem Kriege, den England und Frankreich gegen Rußland führten und daß englische Fremdenlegionen gebildet würden. Mir war im Vaterlande kein Glück beschieden, ich hoffte es in der Ferne auf den Schlachtfeldern zu finden, Muth besaß ich, das Leben war mir nicht mehr so theuer, daß ich es nicht hätte riskiren sollen, und nach überstandenen Gefahren stand reicher Lohn in Aussicht. Ich beschloß, mich anwerben zu lassen. Ohne Geld und in dürftiger Kleidung trat ich bei rauhem Wetter die Wanderung nach Hamburg an. Die nothwendige Nahrung heischte ich vor den Thüren, die Nächte verbrachte ich meist im Freien, im glücklichsten Falle schlief ich in einer Scheune oder auf einem Boden. Ich hatte unsägliche Anstrengungen zu überstehen. Das kalte nasse Wetter und der Mangel an kräftigen Speisen erschütterten meine Gesundheit, ich kam auf das äußerste erschöpft in Hamburg an. Die Werber überwiesen mich den Depots auf Helgoland und voll freudiger Hoffnung bestieg ich das Schiff, welches mich dem Ziele meiner Wünsche zuführen sollte. In Helgoland gelandet, mußte ich mich einer ärztlichen Untersuchung unterwerfen und wurde – man denke sich meinen furchtbaren Schrecken! – als untauglich abgewiesen. Diese Stunde war die schwerste meines Lebens, ich fühlte, daß ich mit jedem Schritte rückwärts meinem Verderben näher kam, und doch mußte ich zurück auf den deutschen Boden, von dem ich schon für ewig Abschied genommen hatte. Zum Glück war ausgemacht worden, daß jeder, der in die Fremdenlegion eingestellt würde, zum Besten der Zurückgewiesenen 1 Thlr. bezahlen sollte. Mit Hülfe dieser Unterstützung erreichte ich Hamburg und gelangte auf dieselbe elende und klägliche Weise wie auf der Hinreise wieder nach Dertzow. Es war dies im Januar des Jahres 1856. Mein Bruder Martin wies mich auch diesmal nicht von seiner Thür und ich lebte von neuem mit ihm und seiner Familie zusammen. Um mir ein Anrecht auf den Platz im Hause und am Tische zu erwerben, sann ich auf Gelegenheit zum Stehlen. Martin, den ich von meinen Planen unterrichtete, war damit einverstanden, ich brach ein in den Getreideboden des Gutshofs, entwendete Getreide und gab es meinem Bruder als Zahlung für Kost und Wohnung. Ich gerieth in Verdacht und wurde verhaftet, aber das Gefängniß war nicht fest genug verwahrt, ich kroch mit Leichtigkeit durch das Eisengitter. Ursprünglich hatte ich gar nicht die Absicht zu fliehen, ich wollte mir nur ein Brot holen, weil ich von der Gefangenenkost nicht satt wurde. Im Freien besann ich mich jedoch anders, ich nahm aus den Ställen des Gutshofs eine Partie Brot und Kleider und flüchtete in den Wald. Hier kam ich zu einer Köhlerhütte, der Köhler schlief, neben ihm stand ein mit Eßwaaren gefüllter Kober. Ich ergriff den Kober und schlich mich davon. In der folgenden Nacht brach ich auf dem Rittergute in Hohenziethen in die Speisekammer und holte mir Fleischvorräthe.

Ich befürchtete, daß man mich verfolgen, festnehmen und zu langwieriger Freiheitsstrafe verurtheilen würde, deshalb beschloß ich, mich ins Ausland zu begeben, vorher aber die Kasse des Oberinspectors in Dertzow zu plündern. Ich zerschlug eine Fensterscheibe, stieg ein und holte vom Feuerherd eine glühende Kohle, die ich im Kopfe meiner Pfeife verbarg. Mit meiner Beute entfernte ich mich aus dem Hause und stieg auf einen Zaun, von welchem aus ich das Strohdach erreichen konnte. Ich steckte die Kohle hinein und erwartete nun, daß das Feuer aufgehen und der Inspector sein Zimmer verlassen würde. Ich lehnte ein Pfluggestell an sein Fenster, um jeden Augenblick bequem hineinkommen zu können, und hoffte, daß ich in der durch den Brand entstehenden Verwirrung das Geld ohne große Schwierigkeit rauben könnte. Nach wenig Minuten schlugen die Flammen empor, der Nachtwächter aber machte einen Strich durch meine Rechnung, denn er gab das Feuerzeichen erst, als das Dach lichterloh brannte und die Umgebung des Hauses so erhellt war, daß ich nicht länger auf meinem Platze bleiben durfte. Ehe noch der Inspector durch den Feuerruf geweckt war, mußte ich um meiner Sicherheit willen die Flucht ergreifen. Ich lebte etliche Wochen im Walde, verlor aber den Muth und stellte mich freiwillig vor Gericht. Wider mein Erwarten wurde ich nach Lippehne zurückgebracht und auch wegen der Brandstiftung in Untersuchung genommen. Das machte mich doch bedenklich, ich brach zum zweiten mal aus und verließ nun ohne Zaudern die dortige Gegend. Ich stahl an verschiedenen Orten, verkaufte das gestohlene Gut und schlug mich nach Hamburg durch. Hier ging ich von einem Schiffe zum andern und bat, mir Arbeit zu geben, aber meine Bemühungen waren umsonst, ich hatte keine Legitimationspapiere und sah heruntergekommen aus, deshalb wiesen mich die Kapitäne, bei welchen ich mich meldete, ab. Nun stahl und bettelte ich mich durch nach Glückstadt, auch hier nahm man mich nicht an. Ich war in einer verzweifelten Lage. In meiner Heimat wagte ich mich nicht zu zeigen, in der Fremde war ich keinen Tag sicher vor der Polizei, denn ich besaß weder Geld noch einen Paß. Ich wünschte mir den Tod und machte einen Versuch, mich mit Gift umzubringen. Ich kochte eine gehörige Menge Schwefelhölzer in Wasser und genoß den stark nach Phosphor schmeckenden Trank. Mir wurde infolge dessen übel, ich bekam Leibschneiden, aber nach einigen Tagen wurde ich wieder völlig gesund und die Lust zum Leben erwachte von neuem. Ich dachte an die Wälder, in denen ich als Knabe herumgestreift, und beschloß endlich, mich dort zu verbergen, mein Leben auf jede mögliche Art zu fristen und es jedenfalls so theuer als möglich zu verkaufen, wenn man mich verfolgen sollte.

Hätte ich früher den Muth gehabt, die verdiente Strafe zu leiden und einige Jahre Gefängniß zu überstehen, so wäre ich nicht zum Brandstifter, hätte ich mich nachher nicht vor dem Zuchthause gefürchtet, so wäre ich nicht zum Mörder geworden.

Zunächst wanderte ich fechtend und stehlend durch Mecklenburg nach Pommern. In den Wäldern, die sich von Stettin bis über Pyritz hinaus erstrecken, verbrachte ich den Sommer. Um mich vor dem Unwetter zu schützen, wühlte ich an einsamen Stellen im Dickicht Löcher in die Erde und schlug dort mein Lager auf. Des Nachts machte ich Streifzüge in die benachbarten Dörfer. Allmählich gewöhnte ich mich daran, im Freien zu schlafen, nur bei anhaltendem Regen lag ich so gut wie im Wasser. Dieser Uebelstand brachte mich auf den Gedanken, mir eine ordentliche Höhle zu bauen. Ich stahl mir nach und nach alle dazu nöthigen Werkzeuge, Breter u.s.w. zusammen, und begann nun den Bau. Ich legte Breter in ein etwa zwei Fuß tiefes Erdloch und deckte es mit Erde, die ich sorgfältig planirte, zu. Die Oberfläche konnte man von dem anstoßenden Boden nicht unterscheiden, so vorsichtig war ich zu Werke gegangen. Nachdem ich nun eine Decke für die darunter auszugrabende Höhle hatte, fing ich an zu wühlen und die Erde unter der Breterlage hervorzuholen. Diese Arbeit erforderte geraume Zeit, denn ich konnte in einer Nacht immer nur eine geringe Quantität Erde ausgraben und durfte in der Nähe keine Spur davon zurücklassen. Wenn ich eine bestimmte Masse Erde vor mir liegen sah, füllte ich sie in ein Gefäß, ging abwechselnd nach verschiedenen Richtungen weit fort und verstreute sie in kleinen Brocken. Nach nicht geringer Anstrengung war ich so weit, daß ich Seitenpfosten einsetzen konnte, die als Stütze für die Decke dienten. Ich grub und minirte fort, bis der Raum groß genug war, dann ging ich an die innere Einrichtung. Schon vor dem Eintritt des Winters hatte ich einen Feuerherd und den Kamin fertig, den Rauch leitete ich durch eine blecherne Röhre, die an der Erdfläche mündete, ins Freie und sorgte dafür, daß sich weder außen an der Mündung noch im Rohre Ruß ansetzen konnte. Ich lebte nun ungleich behaglicher als vorher, ein Dorf um das andere wurde geplündert, meist machte ich werthvolle Beute und kehrte mit dieser beladen in meine unterirdische Wohnung zurück. Wenn die Windrichtung günstig war und ich mich überzeugt hatte, daß sich kein Mensch in der Nähe befand, brannte ich Feuer an und kochte mir Speisen in Vorrath. Heizung bedurfte ich nicht, denn es war ziemlich warm in der Höhle, und so oft heftige Kälte eintrat, deckte ich mich mit Kleidungsstücken zu, die ich in großer Menge besaß. Bei allen Diebstählen nahm ich Bedacht darauf, mir Licht und Oel zu verschaffen; war ich so glücklich gewesen, dergleichen zu finden, dann erleuchtete ich meine Behausung, oft mußte ich freilich im Finstern sitzen. Der Aufenthalt wurde wegen der Stickluft unangenehm, wenn Schnee fiel und ich mich tage- ja wochenlang, um meine Spur nicht zu verrathen, nicht hinauswagte. In solchen Zeiten wurde auch die Kost knapp und mein Lager an Wein und Branntwein ging auf die Neige; dann schaute ich sehnsüchtig ins Freie und war sehr erfreut, sobald ich nur Wildfährten in meiner Nähe erblickte. Ich folgte mit den Fußspitzen der Fährte und gab so genau Achtung, daß gewiß auch der geübteste Jäger, den Fuß eines Menschen nicht zu erkennen vermochte. Mit der Zeit wurde ich dreister, meine Höhle hatte ich mit jungen Buchen bepflanzt und sie so gut versteckt, daß zu wiederholten malen Leute in die Nähe gekommen und darüber weggegangen waren, ohne etwas Auffälliges zu bemerken. Bei dem Anbruche des Frühlings athmete ich leicht auf, nun konnte ich Abstecher in die Ferne machen, mich dort verproviantiren, an einer beliebigen einsamen Stelle des Waldes übernachten und brauchte nicht immer an demselben Tage in die Höhle zurückzukommen.

Ich hatte mich nach und nach an diese Lebensweise gewöhnt und entbehrte eigentlich nur das Eine schmerzlich, daß ich niemals Gelegenheit fand, mich dem weiblichen Geschlechte zu nähern. Ich sann oft darüber nach, ob es kein Mittel gäbe, diesen meinen heißesten Wunsch zu befriedigen. So lag ich eines Tags im Frühsommer 1857 im Walde zwischen Soldin und Bahn unfern der Landstraße, als ich ein junges, blühendes Mädchen erblickte. Es war die siebzehnjährige Tochter des Försters Frank, die in Neuendorf diente. Ich rief ihr zu, sie möge doch ein wenig warten, gesellte mich zu ihr und begleitete sie eine Strecke durch den wildenbrucher Wald. Anfänglich sprachen wir über gleichgültige Dinge, bald aber wurde ich gegen sie zudringlicher und trug ihr meine Liebe an. Sie wies mich mit kurzen entschiedenen Worten ab, ich aber, von rasender Leidenschaft ergriffen, stürzte mich auf sie, schnürte ihr mit der einen Hand den Hals zu, umfaßte sie mit der andern und trug sie seitwärts unter die Bäume. Ich legte sie auf die Erde und holte dann den Korb, der auf der Straße stehen geblieben war. Das Mädchen hatte die Besinnung verloren, sie kam aber wieder zu sich, als ich, den Korb in der Hand, an ihre Seite trat. Ich war nicht dreist genug, die Gewaltthat zu erneuern, und da ich überdies einen Wagen rollen hörte, zog ich mich in den Wald zurück und überließ meine Gefährtin ihrem Schicksal.

(Sie ist, wie wir hier erwähnen wollen, glücklich in ihrer Heimat angekommen, aber infolge der erlittenen Mißhandlung in schwere Krankheit gefallen und dem Rande des Grabes nahe gebracht worden. Ihr Leben wurde zwar erhalten, indeß war sie noch im Jahre 1863 so leidend, daß man nur wenig Hoffnung auf völlige Genesung hatte.)

Den Winter von 1857 - 58 überstand ich in der Höhle bei Pyritz, im März 1858 wurde sie durch einen Zufall entdeckt und ich sah mich nun gezwungen, mir einen andern Wirkungskreis zu suchen. Ich ging in die Gegend von Friedeberg in der Neumark und grub in dem tankow-wildenower Forst ein Loch in die Erde, jedoch ohne es zu einer förmlichen Wohnung auszubauen. Den Tag über hielt ich mich theils im Walde, theils in einem beliebigen Heuschober oder einer Scheune auf, die Nacht verwendete ich zum Stehlen. Im Monat April hatte ich ein prächtiges Heulager in einem Schafstalle bei Wormsfelde und konnte daselbst ungestört den Tag über schlafen.

Als ich eines Nachts das Dorf umkreiste, um eine Gelegenheit zu einem Diebstahl zu erspähen, kam ich in die Nähe eines verlassenen Backofens. Ich trat hinein, um die Mitternachtsstunde abzuwarten, und dann meine Arbeit zu beginnen, allein ich fand den Platz schon besetzt. Zuerst erschrak ich, bald aber verwandelte sich mein Schrecken in Freude, denn ich befand mich in weiblicher Gesellschaft. Die Frau war eine Bettlerin, sie nannte sich Wall aus Altenfließ und erzählte mir, im Kruge habe man sie nicht beherbergt, deshalb sei sie hierher gegangen. Wir kamen dahin überein, daß wir den warmen Platz im Backofen für diese Nacht theilen wollten, und legten uns nieder. Nach einiger Zeit machte ich der Witwe Wall Anträge, von denen ich hoffte, daß sie bereitwillig darauf eingehen würde, wurde aber schnöde abgewiesen, ich faßte sie liebkosend an, um sie mir geneigter zu machen, sie sträubte aber sich desto hartnäckiger. Nun übermannte mich der Zorn, ich war entschlossen, da mich Güte nicht zum Ziele führte, Gewalt zu brauchen, packte sie an der Kehle und würgte sie zu Tode. Sie leistete nur geringen Widerstand und stöhnte: »Mann! Mann!« dann ergab sie sich. Den entseelten Körper lud ich auf meine Schultern und warf ihn in den See. Unruhe habe ich nach dem vollbrachten Morde nicht empfunden, der einzige Gedanke, der mich beherrschte, war der, daß es allgemein heißen würde: das unnütze, liederliche Weibsbild hat sich ertränkt und daran sehr recht gethan. Die ganze Sache kam mir wie ein unvorhergesehener interessanter Zwischenfall vor, ich schlug sie mir schnell aus dem Sinn, führte noch in derselben Nacht den beabsichtigten Diebstahl in Wormsfelde aus und begab mich dann aus der Nähe des Dorfes eiligst hinweg. Gewissensbisse hatte ich auch in der Folge nicht, vielmehr faßte ich, durch das glückliche Gelingen meiner That kühn gemacht, den Plan, in Zukunft auch das Leben nicht zu schonen, wenn mir bei meinen Raubzügen jemand in den Weg träte.

Nach einigen Monaten, es war im August 1858, recognoscirte ich das herrschaftliche Wohnhaus in Albertinenburg; ein Fenster war erleuchtet und in der Stube sah ich ein junges Mädchen, welches ich für die Wirthschafterin hielt. Ich vermuthete, daß die Person im Besitz von Geld sein würde, und überlegte mir, daß es für mich ein Leichtes sei, einzusteigen, sie zu tödten und zu berauben. Nachdem ich mich von der Lage der Zimmer und der Oertlichkeit genau unterrichtet hatte, wartete ich die Nacht ab. Das Licht erlosch, ich stieg durch ein offenes Fenster und fand durch mehrere unverschlossene Zimmer den Weg in jene Stube. Hier schlich ich auf den Zehen zu dem schlafenden Mädchen und tastete leise an ihrem Körper herauf bis zum Hälfe, dann setzte ich beide Daumen an und drückte ihn zu. Mit einem langgedehnten »Hu!« und dem Rufe »Herr Gott!« hauchte mein Opfer sein Leben aus. Ich durchsuchte alles, fand aber nur 1½ Sgr. in einer Kleidertasche, hierauf büßte ich an dem noch nicht erkalteten Körper meine sinnliche Lust und verließ dann das Haus. Mein Gewissen regte sich auch nach diesem Verbrechen nicht, ich zog gleichmüthig meine Straße weiter.

Bei einem meiner nächsten Diebstähle erbeutete ich ein Schießgewehr, mit diesem versehen machte ich einen Ausflug über Bärwalde und Wrietzen nach Berlinchen. Der heidekruger Forst bot einen versteckten Lagerplatz dar, von wo aus ich einzelne Touren in die Umgegend unternehmen konnte. Auf einer derselben kam ich nach Berlin und verübte dort einen Einbruch im Keller eines Hauses in Moabit, wo mein früherer Herr wohnte. Die Localität war mir bekannt und ich kehrte, reich mit Lebensmitteln, namentlich mit Würsten beladen, in den Wald zurück.

Von meinem damaligen Quartier aus konnte ich die Landstraße nach Berlin ohne Mühe erreichen, ich lauerte daselbst den Fuhrleuten auf, welche Getreide nach der Hauptstadt fuhren und gewöhnlich mit vollen Beuteln heimkehrten. Einen Angriff habe ich nur gegen einen einzigen Fuhrmann, einen gewissen Wattrow, gewagt und dieser misglückte, weil die Pferde, durch die Abfeuerung des Schusses erschreckt, sich in vollen Lauf setzten, und der Wagen meinem Gesichtskreis entschwand. In jener Zeit, wo ich mich nahe bei Berlin aufhielt, versuchte ich noch einen zweiten Raubanfall in dem Dorfe Hasselberg bei Wrietzen, der jedoch ebenfalls fehlschlug. Am Ende des Dorfes wohnte ein jüdischer Handelsmann, ich wußte, daß er stets baares Geld liegen hatte, und machte ihm deshalb eines Nachts einen Besuch. Zunächst zerbrach ich eine Fensterscheibe, dann griff ich durch die Oeffnung, hob das Fenster aus und stieg ein. In dem Zimmer, wo ich mich nun befand, lagen ein Mann, eine Frau und mehrere Kinder in den Betten und schliefen. Ich öffnete, um mir den Rückzug zu sichern, die Stubenthür und die Hausthür, trat an das Bett des Mannes und erhob das Beil, welches ich bei mir trug, zum Schlage, da hörte ich im Nebenzimmer husten. Schnell ließ ich den Arm sinken und entfernte mich. Wie ich erst nachträglich erfahren habe, bin ich gar nicht am Lager des Handelsmannes, sondern in der Schlafstube des Tischlermeisters Lauersdorff und seiner Familie, die mit jenem zusammenwohnen, gewesen, und das Husten des nebenanschlafenden Juden hat mich vertrieben.

Auf bekanntes Terrain und in Districte zurückgekehrt, die meiner Heimat näher lagen, wanderte ich im October 1858 eines Abends durch Bernstein und weiter auf der nach Dölitz führenden Chaussee. An einem Chausseehause vorübergehend, sah ich durch das erleuchtete Fenster in das Zimmer, der Chausseegeldeinnehmer lag im Bett und schlummerte. Rasch entschlossen machte ich mir einen Schießstand zurecht, indem ich mehrere lose Breter über den Chausseegraben legte und eine Karre darüberstürzte. Nun stand ich hoch genug, um den Mann auf das Korn nehmen zu können, ich ergriff mein mit Rehposten und Schrot geladenes Gewehr und feuerte es ab. Ehe ich mich von der Wirkung des Schusses überzeugen konnte, vernahm ich Schritte auf der Chaussee und hielt es nun doch für gerathener, querfeldein das Weite zu suchen. Meine Absicht, den Chausseegelderheber zu erschießen und mir die Chausseekasse zuzueignen, war somit vereitelt.

Ich irrte zwar noch immer unstet und flüchtig umher und hatte nach der Zerstörung meiner Höhle bei Pyritz noch keine neue Wohnung gefunden, aber der Zufall ließ mich doch wenigstens einen Schlupfwinkel entdecken, welcher mir als Speicher für meine Beute und als Hauptquartier für meine Unternehmungen diente. Es war dies ein nicht mehr benutzter Ziegelbrennofen bei Trampe. Eine Oeffnung in dem alten Gemäuer war von innen mit morschen Hölzern zugesetzt. Ich schob sie beiseite, stieg ein und rückte das Holz dann wieder so zurecht, daß kein Mensch von meinem verborgenen Eingang etwas merken konnte. Der Brennofen war vom Eigenthümer offenbar vergessen und ich fühlte mich daselbst allmählich ganz wohnlich und sicher. Feuer anzünden und kochen durfte ich freilich nicht, das würde mich verrathen haben. Ich that es an einer einsamen Stelle des tangow-wildenower Waldes. Im November 1858 betraf mich ein Förster daselbst und arretirte mich, ich entsprang ihm zwar, aber meine Lage war nun doch sehr bedenklich, denn in den Forst wagte ich mich nicht, und zu meinem Bruder erst recht nicht. Als ich noch die pyritzer Höhle bewohnte, besuchte ich ihn mitunter, von meiner Vertreibung gab ich ihm Nachricht und verabredete mit ihm eine Zusammenkunft auf dem Markte in Bernstein. Seitdem hatte ich ihn nicht wiedergesehen. Ich dachte wol daran, ihn um ein Obdach anzusprechen, indeß überwog die Besorgniß, daß ich ihn und mich dadurch ins Unglück stürzen würde. Meine Hoffnung, durch einen glücklichen Fang eine hübsche Summe Geld zu erwerben und noch vor dem Winter über das Meer nach Amerika zu kommen, war bisher immer getäuscht worden. Ich kam nun auf den Einfall, einmal in eine Kirche einzubrechen und zu sehen, ob ich in den geweihten Räumen des Gotteshauses einen Schatz heben könnte. In Großlatzkow ging ich ans Werk, öffnete gewaltsam die Thür zum Thurm und gelangte von da in das Innere der Kirche. Es war todtenstill, höchstens eine Eule oder eine Fledermaus sah mir aus der Mauernische zu, ich nahm mir daher mehr Zeit als gewöhnlich, alles recht gründlich zu durchstöbern. Auf dem Altar stand nichts Werthvolles, wohl aber entdeckte ich hinter demselben einen Kasten, der gut verschlossen war. Bei dem Gedanken, daß er voll klingender Münze sein könnte, durchzuckte mich ein wonniges Gefühl, ich war förmlich aufgeregt und stieß das Stemmeisen mit kräftiger Hand in den Deckel, daß er aufsprang. Aber neue Täuschung! Nur der Altarkelch und das übrige Abendmahlsgeräth blinkte mir entgegen. Was frommte mir das Silberzeug? Ich hatte ja doch keine Gelegenheit, es zu verkaufen. So ließ ich es ruhig an seinem Orte und nahm mir fest vor, meine kostbare Zeit niemals wieder mit dem Besuche einer Kirche zu verschwenden.

Der Winter brach herein und ich hatte kein Geld zur Reise, keinen Zufluchtsort gegen die Kälte. Erst dem harten Froste verdankte ich ein Asyl in dem Kanal, welcher bei Neumellenthin zur Entwässerung des Bermlingsees angelegt ist. Der Kanal geht durch einen aus Feldsteinen gebauten Tunnel, der Eingang ist durch enge Eisenstäbe verschlossen. Daran gewöhnt, mich nach Art der Katzen zu recken und schmal zu machen, kroch ich hindurch und machte mir auf dem festgefrorenen Eise ein Lager zurecht. Bevor Schneefall eintrat, versah ich mich mit Eßwaaren, Wein, Branntwein, Kleidungs- und Bettstücken, dann mußte ich mehrere Wochen in meinem Versteck bleiben, um mich nicht durch die Fußspuren im Schnee zu verrathen. Der Aufenthalt war fürchterlich; da der Kanal nicht so hoch ist, daß man darin in aufrechter Haltung stehen kann, war ich genöthigt, mich kriechend und rutschend fortzuschieben. Die Knie hatte ich nun zwar durch Lederstücke geschützt, die ich um die Beine wickelte, indeß wurden die Glieder doch stark angegriffen durch diese ungewohnte Bewegung. Das Stillsitzen auf dem Eise war fast noch unangenehmer, die wagerechte Lage der Beine auf die Dauer beim Sitzen geradezu unerträglich. Ich hackte mir nun ein Loch in den gefrorenen Schlamm und schob die Beine hinein, allein das Blut erstarrte in den rings vom Eise eingeschlossenen Gliedern, ich würde sie erfroren haben, wenn ich sie nicht bald wieder herausgezogen und gehörig umhüllt auf dem Eife ausgestreckt hätte. Dazu kam noch, daß ich mich nirgends mit dem Rücken anlehnen konnte als an die eiskalte Steinmasse des Tunnels, und daß die Luft, die ich athmete, dick und dunstig war. So oft die Fluren schneefrei wurden, entrann ich meinem schrecklichen Gefängniß und erholte mich im Freien, leider mußte ich meiner Sicherheit willen immer wieder hinein. Und doch wäre ich einmal beinahe entdeckt woroen. Der Besitzer des nahe bei dem Tunnel gelegenen Gutes und sein Sohn gingen eines Tags mit ihren Hunden vorüber. Die letztern sprangen nach dem Eingange des Kanals und schnupperten dort umher. Ihre Herren wurden dadurch aufmerksam und schickten sie in den Tunnel hinein. Ich kauzte, das geladene Gewehr in der Hand, darin und lugte durch die Eisenstäbe. Wäre einer von den Hunden mir nahe gekommen, so hätte ich losgedrückt, glücklicherweise weigerten sich die Thiere vorwärts zu gehen, vermuthlich hatten sie wegen des starken Dunstes die Spur verloren. Sie entfernten sich und ich blieb in meiner Kellerwohnung unbelästigt bis zum Frühling.

Als das Eis schmolz und der Schlamm weich wurde, räumte ich mein Winterquartier. Ich hatte so unsäglich viel ausgestanden, daß ich mich ohne Verzug daran machte, eine neue Höhle zu bauen, die mir im Vergleich mit dem Kanal ein Paradies dünkte. Zuvörderst suchte ich mir in einer zum Gute Warsin gehörigen Waldung einen passenden Platz aus, dann stahl ich mir alles zusammen, was ich zum Bau und zur Einrichtung brauchte. Ich verfuhr gerade wieder ebenso wie bei der pyritzer Höhle und beobachtete dieselben dort schon bewährten Vorsichtsmaßregeln. Ich verwendete jede Nacht, wo ich nicht gerade gezwungen war, Nahrungsmittel zu stehlen, auf die Arbeit, im Herbste stand das im Frühjahr begonnene Werk ziemlich vollendet da; es fehlte mir indeß noch manches an dem Comfort, den ich mir wünschte, ich legte mich daher wieder eifriger auf den Diebstahl und schleppte eine große Menge von brauchbaren Sachen in meine Behausung. Leider hatte ich mir kein Wasserbehälter verschaffen können und sah mich deshalb genöthigt, die kalten Monate meist in dem luftigern Brennofen bei Trampe zuzubringen, in dessen Nähe ich Wasser fand. Den Ofen verwahrte ich möglichst gegen die Einflüsse der Witterung und saß jedenfalls diesen Winter ungleich wärmer als das Jahr zuvor in dem Eisloche bei Neumellenthin. Kaum war die ungünstige Jahreszeit vorüber, so glückte mir der Diebstahl eines großen Fasses mit eisernen Reifen. Ich transportirte es mit Aufbietung aller Kräfte in meine weit davon abgelegene Höhle und hatte nun ein Wasserreservoir, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte. Ich wohnte abwechselnd bald im Brennofen, bald in der Höhle, mußte mich aber nach kurzer Zeit auf die letztere beschränken, denn ich brachte in Erfahrung, daß der erstere abgebrochen werden sollte. Eilig schaffte ich in den folgenden Nächten die in dem Brennofen aufgespeicherten Sachen in die Höhle, dann häufte ich Holz und andere brennbare Stoffe um den Ofen und zündete an. Die Flammen ergriffen die Holztheile des Gebäudes und äscherten es ein. Mein Hauptzweck bei dieser Brandstiftung war, daß niemand den Rest meiner im Brennofen zurückgelassenen Beute finden und mir auf die Spur kommen sollte. Es war dies das fünfte mal, daß ich Feuer anlegte, schon zwei Jahre früher hatte ich nämlich eine zum Gute Eichwerder gehörige Ziegelscheune in Brand gesteckt, um die Leute herauszulocken und dann im Gute zu stehlen. Es entstand auch großer Lärm und alles eilte nach der Brandstätte, aber der Gutsherr ließ im Wohnhause einen Wächter mit einem Hunde als Wache zurück. Ich sah den Mann auf seinen Posten ziehen und stand deshalb von meinem Vorhaben ab.

Bald darauf zündete ich in Hohenziethen ein Bauergehöft an, damit das Nachbarhaus von den Flammen ergriffen und verzehrt werden sollte. In diesem Hause wohnte die Frau des Tagelöhners Becker, ihr hatte ich Rache zugeschworen, weil sie durch ihr Gerede daran schuld gewesen war, daß man den Verdacht des Diebstahls, wegen dessen ich in Dertzow arretirt wurde, auf mich warf. Frau Becker war damals krank, sie rettete sich und ihre Kinder mit genauer Noth, das Wohnhaus, eine Scheune, mehrere Ställe und sieben Stück Rindvieh verbrannten, meine Rache war gesättigt.

Meine erste Brandstiftung in Beyersdorf bei meinem Dienstherrn und die zweite in Dertzow, wo ich die Kasse des Oberinspectors stehlen wollte, habe ich bereits gestanden, zum letzten mal legte ich Feuer in Lebbehne im Kreise Pyritz an. Mein Plan war auch hier der, die Leute mit Löschen zu beschäftigen und in der Verwirrung zu stehlen. Das Feuer verbreitete indeß einen so hellen Schein, daß ich wieder nicht zu meinem Zwecke gelangte.

Von der warsiner Höhle aus machte ich im Jahre 1860 Streifzüge nach allen Richtungen. Schon früher war ich in die Gegend von Bärwalde gekommen und hatte auch die Krugwirthschaft in Stölpchen besucht. Es kannte mich dort niemand von Person, deshalb wagte ich mich hinein. Als ich in den Krug trat, fand ich es sehr unruhig. Gerichtsbeamte waren anwesend, es gingen Leute ab und zu, ich hörte, daß der Pachter gestorben sei, und daß ein Verzeichniß seines Nachlasses aufgenommen würde. Da alle hin- und herliefen, machte ich auch einen Gang durch das Haus und sah mir die Lage und den Zusammenhang der Stuben und Kammern genau an. Einige Zeit nachher wollte ich meine Bekanntschaft in dem Kruge verwerthen. Ich schlich um das Gebäude herum, bis das Licht erloschen war, dann öffnete ich mittels eines Bohrers und eines Stemmeisens die nach dem Felde führende Thür zur Häckselkammer und begab mich von da in die Wohnstube. Ich war im Begriff, das Spind zu öffnen, es entstand aber dadurch ein Geräusch, die in der anstoßenden Kammer schlafenden Menschen regten sich und ich ergriff die Flucht. Als ich ein Jahr später im September 1860 wieder dorthin kam, erinnerte ich mich an das fehlgeschlagene Unternehmen und beschloß, es noch einmal zu probiren. Ich trug einen doppelläufigen Gewehrstutzen, ein Taschenmesser, ein Stemmeisen und eine zum Dolch umgearbeitete Feile bei mir und dachte mir schon, daß ich die Krügerleute erst ermorden müßte, ehe ich sie berauben könnte. Eines Abends legte ich mich auf die Lauer, wurde aber durch den Hund des Wirthes verscheucht, am folgenden Tage jagte mich der Hund eines Feldwächters weg, am dritten Abend endlich war ich ungestört, ich sah, wie Brandt und seine Frau zu Bett gingen, und wartete noch etliche Stunden, bis ich annehmen durfte, daß sie fest schliefen. Nun erbrach ich mit Hülfe des Stemmeisens das Fenster zur Häckselkammer und stieg ein. Die Thür zum Hausflur war indeß verschlossen, ich mußte mir daher einen andern Eingang bahnen und versuchte es, von der Längenseite des Hauses aus durch die Küchenkammer einzudringen. Ich zerbrach einen vor dem Fenster angebrachten Holzstab, öffnete beide Fensterflügel und schwang mich hinein. Die Thür zum Flur war von außen verriegelt, ich mußte deshalb zum zweiten mal den Rückzug antreten. Ich stellte nun im Löwing eine Schneidebank unter das Fenster der Polterkammer, hob es heraus und sprang in die Kammer. Die von hier nach dem Hausflur gehende Thür war unverschlossen, ich machte vor allen Dingen auch die Hausthür von innen auf, damit ich jeden Augenblick den Rücken freihatte, dann schlich ich leise nach der Küche, zündete daselbst meine Pfeife an und erblickte beim Scheine des Schwefelhölzchens ein Beil, welches ich an mich nahm. Durch die Gaststube kam ich in die Schlafkammer. Hier brannte ich wieder ein Schwefelholz an, erhob das Beil und zerschmetterte erst dem Mann und dann der Frau den Kopf. Brandt rief: »Spitz, komm her!« in diesem Augenblick fuhr ein Hund auf mich los, ich versetzte dem Krüger einen zweiten Schlag und scheuchte den Spitz unter das Bett zurück. Hierauf hing ich die Fenster zu, zündete ein Stearinlicht an, welches ich mitgebracht hatte, schnitt dem Mann und der Frau mit einem Messer die Kehle ab und durchsuchte die Kleider, die Wäsche und die Schränke. Der Pachter mußte Michaelis seinen Pachtschilling von 60 Thlrn. bezahlen, und ich hoffte, daß er diese Summe vorräthig haben würde; diese Hoffnung wurde indeß getäuscht, ich fand nur etwas über 6 Thlr.; das Geld, eine Flasche mit Branntwein, eine Pistole und etliche Cigarren nahm ich zu mir. Ich räume ein, daß ich die Leichen aus den Betten gezogen, das Bettstroh durchwühlt und den entseelten Körper der Frau geschändet habe. Wenn eine Taschenuhr in jener Nacht abhanden gekommen ist, so vermag ich es nicht zu erklären, ich habe eine solche nicht entwendet. Ich versichere, daß ich allein und ohne die Hülfe eines Gefährten den Mord verübt habe, insbesondere ist der Bruder der Frau Brandt, Karl Liebig, nicht dabei gewesen. Ich war viel zu sehr darauf bedacht, das Geheimnis; über mein Thun und Treiben zu bewahren, als daß ich irgendjemand in meine Plane eingeweiht hätte. Auch würde ich in Gegenwart eines Zeugen meiner Sinnenlust an der weiblichen Leiche nicht haben fröhnen können.

Nach vollführter That eilte ich zurück in meine Höhle, ich brach so zeitig auf, daß ich den Wald bereits erreicht hatte, ehe noch der Morgen graute.

Im October 1860 richtete ich mein Augenmerk auf das zwischen Soldin und Lippehne liegende Dorf Adamsdorf. Den Tag über verbarg ich mich im glasower Busche, am Abend wagte ich mich heraus und begegnete auf der Chaussee einer Frauensperson, die einen Korb trug, an dessen Henkel ein Paar Stiefeln hingen. Ich knüpfte ein Gespräch an und gab ihr zu verstehen, daß ich Wohlgefallen an ihr fände und daß mich ihre Reize entflammt hatten. Da sie mir nicht gutwillig ihre Gunst gewähren wollte, packte ich sie an, drückte ihr mit beiden Händen den Hals zusammen, schleppte sie eine Strecke seitwärts und erdrosselte sie mit einem Stricke, den ich in der Tasche hatte. Die Todte mußte mir gestatten, was mir von der Lebenden verweigert worden war. In ihrem Korbe fand ich einige Pflaumen, diese verzehrte ich mit dem größten Appetit und schritt dann unverweilt dazu, den Diebstahl, den ich mir für diese Nacht vorgenommen hatte, auszuführen.

Im nächsten Winter wohnte ich in meiner Höhle, die ich mir immer bequemer einrichtete, ganz erträglich, sie war erträglicher als die erste und die Luft darin weit besser, weil ich durch zahlreiche Löcher, die außen unter Wurzeln und Bäumen mündeten, eine genügende Ventilation hergestellt hatte. Meine Vorräthe schützten mich vor Hunger und Durst, gegen den Frost deckte ich mich durch wärmere Kleidungsstücke, an die Einsamkeit und an das freie unstete Räuberleben war ich gewöhnt und wünschte kaum eine Aenderung in meiner Existenz herbei. Nur Eins fehlte mir: weibliche Gesellschaft! Es war mein sehnlichstes Verlangen, daß ich einmal einem weiblichen Wesen begegnen möchte, welches ich mir geneigt machen, in mein Geheimniß ziehen und mit in meine Höhle nehmen könnte. Ich baute mir oft Luftschlösser und malte mir mit den schönsten Farben aus, wie glücklich ich an der Seite einer Frau in meiner unterirdischen Residenz sein würde. Ich fand indeß niemals eine Gelegenheit, zur Verwirklichung meines schönen Traumes einen Schritt zu thun, er blieb ein leeres Phantasiegebilde. Und dennoch empfing ich in meiner Häuslichkeit einigemal weiblichen Besuch. Meine Schwägerin, mit der ich längst wieder ausgesöhnt war und sogar recht freundschaftlich stand, kam mit Vorwissen ihres Mannes von Zeit zu Zeit zu mir. Wenn sie in der Nähe der Höhle angelangt war, gab sie das zwischen Martin und mir verabredete Zeichen, ich stieg dann auf der Leiter, die mir als Treppe diente, empor, hob den die Eingangspforte verschließenden Deckel ab und geleitete meinen Gast hinab in meine dunkle Behausung. Sie brachte mir stets etwas mit, namentlich versah sie mich mit gekochten Speisen; nachdem sie etliche Stunden mit mir geplaudert hatte, beschenkte ich sie mit Geld und andern Dingen, und führte sie auf dem Wege, den sie gekommen war, zurück. Mit meinem Bruder zusammen ist sie niemals bei mir gewesen.

In Schönow, wohin Martin gezogen war, stattete ich gelegentlich meine Gegenbesuche ab. Ich ging immer nur des Nachts, nachdem ich genau recognoscirt hatte, und mit dem geladenen Gewehr dorthin. Außer meinen Verwandten hat niemand etwas von der Höhle gewußt.

Als der Winter vorüber war und der März des Jahres 1861 herankam, machte ich einen Angriff auf das Haus eines jüdischen Kaufmanns in Dobberphul, welches ich mir bei frühern Patrouillen angesehen hatte. Ich war darauf gefaßt, daß ich, um zum Gelde des Mannes zu kommen, einen oder mehrere Menschen ermorden müßte, und versah mich deshalb mit Beil und Gewehr, als ich ausrückte. In Dobberphul angelangt, holte ich aus der Nachbarschaft eine Leiter, lehnte sie an der Giebelseite des Hauses an ein Fenster, stieg ein und suchte nun vor allen Dingen die Hausthür auf und öffnete, um mir den Rückzug zu sichern, dieselbe. In der einen Hand trug ich das Beil, die andere legte ich schon an den Griff der Stubenthür, da vernahm ich ein Geräusch. Ich hatte mir zum Grundsatz gemacht, mich nie muthwillig in Gefahr zu begeben, und wenn ich mich nicht ganz sicher wußte, stets die Flucht zu ergreifen. So that ich auch hier und wandte mich zurück in den Wald. Um jene Zeit hatte ich außer meiner Höhle noch ein zweites Absteigequartier: das unbewohnte Försterhaus zwischen Deetz und Trampe. Die Fenster waren herausgenommen und das Gebäude etwas verfallen. Wenn mir der Weg bis Warsin zu weit war, suchte ich das Forsthaus auf und logirte den Tag über auf dem Boden. Anfang Mai blieb ich fast immer dort, um näher an Chursdorf zu sein, welchen Ort ich mir zu meinem Hauptcoup ausersehen hatte. Sonntag den 5. Mai ging ich am hellen lichten Tage frank und frei durch Chursdorf und auf dem Wege weiter bis zum Gehöft des Müllers Baumgart. Da ich seit fünf Jahren unter der Erde gelebt hatte, so glaubte ich, auch einmal im Sonnenschein einen Gang riskiren zu können, und überdies lag mir daran, recht gründlich zu beobachten und mich genau zu orientiren. An den nächsten Abenden schlich ich unausgesetzt um das Mühlengehöft herum und prägte mir die Localitäten fest ein. Ich sah immer nur den Müller, seine Frau und die Magd. Ein Kind bemerkte ich nicht und war der Meinung, daß jene drei Personen das Haus allein bewohnten. Baumgart sollte ein reicher Mann sein, mich lockte seine gefüllte Kasse, und ich beschloß, die Mühle zu überfallen, die Müllersleute und das Dienstmädchen zu erschlagen und dann Kisten und Kasten zu plündern. Den 10. Mai bestimmte ich zur Ausführung der That. Im Försterhause bei Trampe hatte ich eine kleine Niederlage von Wein und Cognak, ich trank davon eine tüchtige Portion, steckte Messer, Zange, Bohrer und Stemmeisen in die Tasche, nahm meinen doppelläufigen Stutzen zur Hand, an dessen Ende ich meinen Dolch als Bajonnet befestigte, und steckte das Beil in einen als Gürtel um den Leib gebundenen Strick. Die Fenster der Mühle waren bei meiner Ankunft noch erleuchtet, ich wartete deshalb einige Zeit und begab mich nach dem nahen Taglöhnerhause, um dort Recognoscirung zu halten.

Als die Mitternachtsstunde da war, zog ich meine Stiefeln aus und stieg an der hintern Seite des Hofes auf einen Zaun. Eine Hundehütte lag vor mir und der Hund schlug an, eilig sprang ich herab, steckte eine Partie kleine Steine in meine Tasche und kletterte über den Thorweg, den ich von innen öffnete, um die etwa nöthig werdende Flucht zu decken. Einer der Hunde knurrte, ich brachte ihn indeß durch Steinwürfe zum Schweigen und wurde dann nicht weiter gestört. Vom Hofe aus suchte ich zunächst in den Hausflur zu kommen, weil die meisten Zimmer durch Thüren mit ihr verbunden zu sein pflegen und man gewöhnlich von da aus jeden beliebigen Ort im Innern ohne Schwierigkeit erreichen kann. Die Hausthür zu erbrechen hütete ich mich, sie war von festem Holze und mit starkem Verschlusse versehen. Ich bahnte mir daher den Weg in die Hausflur, wie ich dies schon früher in sehr vielen Fällen gethan hatte, durch den Keller. Die Kellerluken waren mit eisernen Traillen verwahrt; ich holte von einem Holzstoße einen Hebebaum, mit welchem ich die Eisenstäbe auseinanderzubiegen gedachte. Bei der einen Luke glückte es, ich steckte mein Gewehr unter den Gürtel zu dem Beile, schob die Füße in die Oeffnung und zog den Körper langsam nach. Es war sehr eng, indeß brachte ich mich doch durch, indem ich die Brust zusammendrückte. Vom Keller tappte ich leise die Treppe hinauf, riegelte die Thür auf und stand in der Flur. Nachdem ich die Hintere Hausthür aufgemacht hatte, tastete ich mich in die Küche; vor mir war eine Thür, ich legte die Hand an den Drücker, die Thür ging auf und ich stand vor den Betten des Müllers und seiner Frau. Schleunig zog ich mich in die Küche zurück, brannte an dem glimmenden Taback meiner Pfeife ein Schwefelhölzchen und an diesem ein in der Küche stehendes Licht an. Ich nahm das Beil in die rechte Hand und trat in die Schlafkammer. Mit zwei schnell hintereinander geführten Schlägen schlug ich dem schlafenden Manne den Schädel ein, dann brachte ich mit mehrern Streichen die aus dem Schlafe aufgeschreckte, laut schreiende Müllerin zum Schweigen. In diesem Moment öffnete sich die Thür nach dem Wohnzimmer, ein Kind schritt über die Schwelle. Ich war nicht wenig betreten, denn ich hatte keine Ahnung davon, daß Kinder im Hause waren; indeß durfte ich mich nicht lange besinnen, jede Minute des Zauderns konnte mich verderben. Mit einem Satze war ich bei der Kleinen, das hocherhobene Beil fiel auf ihr Haupt, sie brach zusammen und that keinen Athemzug mehr. Jetzt erst hörte ich, daß Baumgart noch röchelte, schnell ergriff ich mein Messer und durchschnitt ihm den Hals. Um ganz sicher zu sein, erhob ich auch noch das Gewehr und stach ihn mit dem Bajonnet noch zweimal in die Brust. Mehr als zweimal habe ich meiner Erinnerung nach nicht gestochen. Ich verließ nun die Kammer und ging in die Stube, fest entschlossen, jedes lebendige Wesen darin umzubringen, damit ich nicht verrathen würde. Ich fand ein Bett und in demselben einen Knaben von etwa fünf bis sechs Jahren, der sich unter die Decke verkrochen hatte. Als ich das Deckbett aufhob, schlug das Kind die Augen auf und sah mich recht freundlich lächelnd an. Rührung erfaßte mich, es that mir weh, daß diese hellen lieblichen Augen brechen sollten, eine Secunde lang war ich zur Milde und Barmherzigkeit geneigt. Gleich darauf rief ich mir ins Gedächtniß zurück, daß Weichheit mein Unglück sein würde, daß ich keinen Zeugen verschonen dürfte, ich tödete das Kind mit mehrern Beilhieben und stürmte fort nach der Kammer der Magd. Bei meinem Eintreten schrie sie laut auf, ich gab ihr mehrere Schläge und würgte sie mit ihrem Nachthalstuche vollends todt. Die Blutarbeit war indeß noch immer nicht zu Ende, es stand noch ein Bett in der Kammer und in demselben schlief noch ein Kind. Ich beförderte es mit einigen Streichen in die Ewigkeit und hatte nun das Feld frei. Ich kann nicht sagen, daß ich mich über das Blutbad entsetzt, oder daß mich inmitten der Leichen Grausen ergriffen hätte, ich durstete nach dem Gelde des Müllers und hoffte auf eine reiche Ernte. Ohne Zeit zu verlieren durchsuchte ich den Kasten mit Wäsche in der Magdkammer, dann das Schlafzimmer Baumgart's und die Wohnstube; in einer Kommode, die ich erbrach, fand ich zwei Blasen mit Geld, diese und einen Kalender steckte ich zu mir, die Kleider und Wäschstücke ließ ich liegen, wie ich sie herausgezogen und durcheinandergeworfen hatte. Den Rückweg nahm ich durch die Hofthür und um das Haus herum nach der Straße. Hier überlegte ich mir, daß ich gewiß nicht gründlich genug gesucht hätte, und daß ich am Ende noch mehr Geld finden würde. Ich kehrte nochmals um und entdeckte wirklich in jener Kommode noch eine dritte Blase voll Geld. Vor dem Hofthor zog ich meine Stiefel wieder an und eilte, da der Morgen schon zu dämmern anfing, mit möglichster Schnelligkeit nach dem Försterhause, wo ich den geraubten Schatz hervorholte und mich an dem Anblick des Geldes erfreute. Ich hatte übrigens nicht mehr als 30 Thlr. erbeutet.

Ergänzend muß ich noch bemerken, daß ich auch in Chursdorf an den Leichen der Müllerin und der Dienstmagd gefrevelt habe. Ich ließ mir diesen Lohn niemals entgehen, wenn ich ein Weib ermordet hatte.

Mein Bruder Martin hat mir in keiner Weise Beihülfe geleistet, er ist nicht mit in der Mühle gewesen und weiß von der ganzen Sache nichts, vielmehr habe ich allein den Plan erdacht und allein den Ueberfall ausgeführt. Einige Tage vorher besuchte ich meinen Bruder zwar in Schönow, sagte ihm aber nichts von meinem Vorhaben; in der Nacht nachher ging ich wieder zu ihm und schenkte ihm 16 Thlr. und eine Flasche Rum. Von Schönow begab ich mich in meine Höhle. Das Beil, welches mir als Mordwerkzeug gedient hat, ist später dort in Beschlag genommen worden. Wenn man mir vorhält, daß an drei von meinen Beilen Blutflecke und Menschenhaare entdeckt, und daß auch an einem Beile meines Bruders Blutspuren und Fasern wie von der Nachthaube und dem Kopfkissen der Frau Baumgart gefunden sein sollen, so kann ich das nicht aufklären. Ich wiederhole, daß ich keinen Mitschuldigen und nur ein einziges Beil benutzt habe. Am Freitag nach dem Morde, am 17. Mai, mußte ich meine mit so unendlicher Mühe angelegte Wohnung verlassen, weil mich zwei Bauern, deren Herankommen ich überhört hatte, aus der Höhle emportauchen sahen. Das war der härteste Schlag, der mich treffen konnte, ich flüchtete mit meinem unter den Rock geknöpften Gewehr in den Wald und theilte in der folgenden Nacht meinem Bruder mit, was mir passirt war. Wir nahmen auf unbestimmte Zeit Abschied voneinander, denn so viel war uns beiden klar, daß ich nicht in der Nähe bleiben durfte. Ich ging zunächst nach dem dammschen Forst und nach einem Rasttage daselbst weiter bis Stettin. Ich kehrte in der Vorstadt jenseit der Oder in mehrern Schenklocalen ein und lebte lustig und guter Dinge. Unter anderm betheiligte ich mich auch an einem öffentlichen Tanzvergnügen, bei welchem ich viel Geld daraufgehen ließ und mich tüchtig betrank. In nicht geringe Verlegenheit gerieth ich, als mir die Füße den Dienst versagten und etliche der Anwesenden, die mich nach Hause bringen wollten, nach meinem Namen und nach meiner Wohnung fragten. Ich bat, man sollte mich nur ruhig im Saale liegen lassen, schlief ein und wendete der Stadt Stettin am andern Morgen schleunigst den Rücken. Da ich kein Geld mehr besaß, war ich genöthigt, mich von neuem aufs Stehlen zu legen. Ich baute mir in der Nähe von Colbatz im Walde eine Laubhütte und unternahm von da aus Raubzüge in die nächsten Dörfer. Freilich sagte ich mir, daß ich hier nicht lange unentdeckt hausen würde, indeß konnte sich kein Mensch nähern, ohne daß ich ihn sah, auf jeden Fall war also meine Flucht gesichert.

Wirklich wurde ich bald von einem Manne, der Gras in der Heide schnitt, vertrieben und gelangte spät abends am 22. Juli nach Neuendorf. In einem Zimmer des Gutsgebäudes war Licht, am Tische saß ein schlafendes Mädchen, welches mir die Wirthschafterin zu sein schien. Rasch entschlossen zu Mord und Raub trat ich durch die offenen Thüren in die Hausflur und in das Zimmer,schlug die Frauensperson mit einem Hammer auf den Kopf und schnürte ihr den Hals zu. Sie leistete jedoch heftigen Widerstand und erhob ein durchdringendes Geschrei, ich erschrak und zog unverrichteter Sache ab.

Nun wanderte ich über Neustadt-Eberswalde in die lauenburger Waldung. Ich nahm mir vor, den von Berlin heimkehrenden Fuhrleuten aufzulauern, wie ich es schon in frühern Jahren gethan. In der Nacht vom 21. zum 22. Aug. lag ich mit geladenem Gewehr an der Chaussee zwischen Tiefensee und Heckelberg, als ein Planwagen, nur mit einem Pferde bespannt, dahergerollt kam. Ich ließ ihn vorüber, schlich dann leise nach, hob vorsichtig von hinten die Plane auf und sah, daß der Fuhrmann allein darinsaß. Ich legte meinen Stutzen auf dem Wagenkerbe auf, zielte nach dem Kopfe und drückte ab. Die Kugel war tödlich; schleunigst fiel ich dem Pferde in die Zügel und lenkte den Wagen seitwärts in den Wald. Der Fuhrmann regte sich nicht mehr, ich schnallte ihm die Geldkatze ab, in welcher ich 42 Thlr. fand, nahm die silberne Taschenuhr mit, vergrub die leere Geldkatze und entfernte mich.

Ich wollte nun nach Frankfurt an der Oder und von dort mit der Eisenbahn weiter reisen. Wohin? hatte ich mir noch nicht überlegt, das sollte von den Umständen abhängen. In Müncheberg traf ich lustige Gesellschaft, ich gesellte mich dazu und verlebte den letzten Tag vor meiner Verhaftung in Herrlichkeit und Freuden. Ich war schon oft daran gewesen, meine Freiheit einzubüßen, und doch immer glücklich davongekommen. Mehreremal waren Leute an meinem Lager im Walde vorübergegangen, ohne es zu entdecken; wenn die Polizei und die aufgebotenen Gemeinden Jagd auf mich machten, lag ich mitunter unter Strauchwerk versteckt und sah meine Verfolger an mir vorüberziehen, ja einmal war ich im Hause eines befreundeten Tagelöhners sogar erkannt worden und wurde doch nicht ergriffen. In der Hausflur stand eine Tonne von ziemlicher Größe, in welcher eine Henne brütete. Da man das Haus umstellt hatte, stieg ich in die Tonne, ließ Stroh über mich decken und die Henne mit ihren Eiern in ihrem alten Neste daraufsetzen. Das zahme, um seine Brut besorgte Thier brütete ruhig weiter; alle Winkel wurden ausgeforscht, aber es kam niemand darauf, daß ich unter den Flügeln jener Henne verborgen sein könnte. Durch mein Glück war ich dreist geworden, ich glaubte, es würde mich niemals verlassen. In Frankfurt wich es indeß von mir, im trunkenen Zustande bekam ich Händel mit der Polizei und wurde festgenommen. Ich habe nichts Erhebliches verschwiegen und sehe dem Tode getrost entgegen, ausgesöhnt mit mir werde ich den letzten Gang gehen. Ich versichere, den Frieden gefunden zu haben, ich besaß ihn nicht, als mein Gewissen noch belastet war. Wenn ich mordete, so that ich es nicht aus Blutdurst und weil das Morden mir Freude machte, sondern theils aus Sinnenlust, theils um mir die Mittel zu meiner Existenz zu erwerben. Ich wollte meine Freiheit nicht aufgeben und deshalb mußte ich zum Mörder werden.

 

Die Voruntersuchung war geschlossen und die Gefangenen wurden nach Küstrin überführt, wo Karl Masch in einer besonders sichern Zelle eines neuerbauten Militärgefängnisses Aufnahme fand. Am 2. Oct. 1862 trat das Schwurgericht zusammen, welches unter der größten Theilnahme der Bevölkerung eröffnet wurde. Der Einlaß in den Zuhörerraum war nur gegen Karten gestattet, der Zudrang ein ungeheuerer. So oft der furchtbare Räuber aus seinem Gewahrsam in das Gerichtslocal und wieder zurückgeführt wurde, mußte eine ansehnliche Militärmacht aufgeboten werden, um die andrängende Masse abzuwehren. Jeder wollte den schrecklichen Menschenschlächter sehen, am liebsten hätte ihn das Volk ohne weiteres zerrissen. Masch ging still und mit niedergeschlagenen Augen durch die Menge und nahm gleichmüthig seinen Platz auf der Anklagebank ein. Außer ihm saßen daselbst sein Bruder Martin, seine hochbetagte Mutter, der Schmiedegeselle Karl Liebig aus Altblessin und der Handarbeiter Kohlschmidt aus Wilhelmsburg. Werfen wir nun noch einen Blick auf seine Mitschuldigen.

Martin Masch ist am 28. Mai 1821 geboren, also drei Jahre älter als Karl, er hat in Dertzow und Hohenziethen die Schule fleißig besucht, ist nach der Confirmation in Dienst gegangen und frühzeitig in den Ehestand getreten. Mit seiner Ehefrau, die sich, wie uns bekannt ist, in der Untersuchungshaft selbst entleibte, hat er sechs Kinder gezeugt, fünf Knaben und ein Mädchen. Er hat in der Gesichtsbildung Aehnlichkeit mit seinem Bruder Karl, eine niedrige Stirn, schwarzes Haar, kleine tiefliegende Augen, von Gestalt ist er kleiner, er mißt 5 Fuß 2 Zoll.

Martin Masch ist ein Mann von ungewöhnlicher Schlauheit und Vorsicht. Er hat eine ansehnliche Reihe von Jahren mit seinem Bruder in Verbindung gestanden, mit ihm zusammen gestohlen und von ihm gestohlenes Gut angenommen, dennoch sind die Polizei und Gerichtsbehörden nicht im Stande gewesen, dem gefährlichen Verbrecher die Maske des redlichen, fleißigen Arbeiters abzureißen. In der Untersuchung hatte er erst nach hartnäckigem Leugnen eingeräumt, daß er um die Höhlen bei Pyritz und Warsin gewußt, daß er seinen Bruder wiederholt gesehen und von ihm öfter einen Antheil der Beute erhalten habe, die thätige Mitwirkung an einem Diebstahl stellte er beharrlich in Abrede; daß Karl Masch ein Mörder sei, wollte er durchaus nicht wissen, und noch entschiedener betheuerte er seine eigene Unschuld am chursdorfer Mord. Kurz und karg in seinen Antworten, ging er auf die Vorhalte des Richters am liebsten gar nicht ein. Er gab zu erkennen, daß alle die Verhöre unnütze Mühe wären, daß man ihn nur in Ruhe lassen sollte. Seine Taktik bestand in der größten Zurückhaltung, er zeigte sich niemals überrascht oder verlegen; so oft ein neues Verdachtsmoment gegen ihn hervortrat, begnügte er sich, statt eine Widerlegung zu versuchen, mit einem höhnischen Lächeln. In seinen Mienen las man: »Bemüht euch nicht, überführen könnt ihr mich ja doch nicht.« In der felsenfesten Ueberzeugung, daß sein Bruder ihn nicht verrathen würde, behielt er guten Muth und pochte förmlich darauf, er müsse freigesprochen werden, im unglücklichsten Falle könne ihn nur eine geringe Strafe treffen, denn es sei etwas sehr Natürliches, daß er den Bruder aufgenommen und nicht zurückgewiesen habe, was er von jenem als Lohn für seine brüderliche Unterstützung erhalten. Gegen die Gefängnißbeamten betrug er sich ungeziemend, er wollte sich rächen, weil er darüber grollte, daß er entlarvt war. Seine Mitschuld an der Ermordung der Baumgart'schen Familie ließ sich kaum bestreiten, wenn man die ineinandergreifende Kette der Indicien unbefangen erwog. Er kannte die Wohlhabenheit des Müllers, während sein Bruder, der Höhlenbewobner, davon nicht so genau unterrichtet sein konnte; beide waren kurz vor und nach dem Morde zusammengetroffen; am Hofthor waren die Fußspuren von zwei Menschen zurückgeblieben, eine größere und eine kleinere; Karl Masch wollte nur einen Leuchter aus der Küche genommen haben, es wurden aber zwei an einem andern als dem gewöhnlichen Standpunkt gefunden; die Wunden der Ermordeten entsprachen der Länge und Breite nach theils den Beilen des Karl, theils dem des Martin Masch; an dem letztern wurden Blutspuren und Fasern entdeckt, die mit dem Stoffe der Nachtmütze der Frau Baumgart und des Kopfkissens genau übereinstimmten; die Lederbeinkleider Martin's waren innen und außen blutig, er vermochte es nicht, diesen Umstand genügend zu erklären; endlich hat er von dem geraubten Gelde 16 Thlr. empfangen und ist am Morgen nach der Mordthat ungewöhnlich spät an die Arbeit gekommen.

Auf Grund dieser Belastungsmomente wurde Martin Masch der Theilnahme an jenem Morde angeklagt.

Die Mutter der Gebrüder Masch, Marie Elisabeth, ist am 7. März 1790 geboren; in dem faltenreichen Antlitz sind Spuren der Leidenschaft noch immer sichtbar, in ihren jungen Jahren soll sie hübsch gewesen sein und besonders recht lebhafte feurige Augen gehabt haben. Jetzt ist ihr Blick finster und ausweichend, ihre Züge verrathen Unzugänglichkeit und Verstellungskunst. Die Gefängnißbeamten schildern sie als eine eigensinnige unlenksame Person, die trotz ihres hohen Alters leicht heftig wird. Sie ist klein von Gestalt und gebrechlich, der Geist hat die Kraft des Körpers überdauert. Die Anklage beschuldigt sie der gewohnheitsmäßigen Hehlerei.

Von dem Schmiedegesellen Karl Liebig haben wir schon früher gesprochen. Es wird ihm zur Last gelegt, daß er zusammen mit Karl Masch seinen Schwager Brandt und seine Schwester Emilie in Stölpchen ermordet habe. Wir erinnern uns der vielen und schweren Inzichten gegen Liebig: er haßte seine Geschwister bitterlich und war in großer Noth, sein Benehmen bei der Nachricht von dem Morde und beim Anblick der Leichen fiel auf; der bissige wachsame Spitzhund im Kruge schien sich ganz ruhig verhalten zu haben, was darauf schließen ließ, daß ein Bekannter des Hauses unter den Mördern gewesen war. Liebig war ein solcher, und der Hund hatte gerade an ihn große Anhänglichkeit.

Die Ehefrau des Angeklagten that verschiedene verdächtige Aeußerungen, aus denen zu entnehmen war, daß ihr Mann in der Mordnacht das Bett verlassen hatte. Hierzu kam noch, daß ein ihm gehöriges Stemmeisen in die Eindrücke an den Thüren und Fenstern des Brandt'schen Hauses paßte, ferner daß die Masse des abgetröpfelten, am Orte der That gefundenen Stearins mit der Masse des Stearinlichts identisch war, welches der Stiefsohn Liebig's für seinen Vater kurz zuvor geholt hatte, und daß Liebig die erdenklichsten Anstrengungen machte, den Lichtankauf zu verheimlichen.

Masch erklärte, seinem System getreu, er kenne den Karl Liebig gar nicht, das Licht habe er beim Kaufmann Krüger in Berlinchen gekauft und selbst mit an Ort und Stelle gebracht. Es war indeß ein früheres Zusammentreffen der beiden Angeklagten bereits erwiesen, und die Masse der von Krüger geführten Lichter war eine andere als die der abgetröpfelten Scheiben und Perlen. Liebig leugnete nach wie vor, spielte den Unschuldigen, verdrehte die Augen und that fromm. Der Eindruck des Mannes mit dem kalten, herzlosen Intriguantengesicht und den scheinheiligen Geberden war ein äußerst widerwärtiger.

Der Tagelöhner Kohlschmidt endlich sollte im Jahre 1857 zusammen mit Masch ein Mastschwein gestohlen haben. Die Sache bietet kein sonderliches Interesse dar, wir gehen deshalb nicht näher darauf ein und notiren nur den charakteristischen Zug, daß Masch, um Kohlschmidt zu entlasten, auch den Diebstahl an diesem 2 - 3 Ctr. schweren Schweine ganz allein ausgeführt haben wollte.

Die Verhandlungen vor dem Schwurgericht dauerten vom 2. bis 14. Oct., es wurden über 100 Personen als Zeugen und Sachverständige vernommen, indeß kam nichts wesentlich Neues an den Tag.

In Betreff des Angeklagten Karl Masch wurden der Jury Fragen nicht vorgelegt, da er eine Reihe von Mordthaten gestanden und mithin der Gerichtshof nach preußischem Gesetz das Urtheil ohne weiteres zu fällen hatte.

Martin Masch wurde wegen des Mordes in Chursdorf, Karl Liebig wegen des Mordes in Stölpchen, die Witwe Masch wegen gewohnheitsmäßiger schwerer Hehlerei, Kohlschmidt wegen eines gewaltsamen Diebstahls, resp. der Theilnahme an diesem Verbrechen, für schuldig erklärt.

Der Gerichtshof verurtheilte die Gebrüder Masch und den Schmiedegesellen Liebig zum Tode. Keiner von allen dreien verrieth durch eine Miene, was in seiner Seele vorging, als der Spruch, der ihm das Leben abschnitt, verkündigt wurde; Karl Masch hörte finster und gleichgültig das schon längst erwartete Erkenntniß an; von Martin's Lippen verschwand das stereotype ungläubige Lächeln auch in diesem Augenblick nicht; Liebig schien seiner Frömmigkeit zu vertrauen und einen Lieder- oder Bibelvers vor sich hinzuflüstern.

Die Witwe Masch ward mit fünf Jahren, Kohlschmidt mit drei Jahren Zuchthausstrafe belegt; die erstere stieß die Worte hervor: sie fürchte nicht, ihr gebrochenes Leben noch so lange hinschleppen zu müssen, und in der That ist sie in dem Zuchthause zu Sonnenburg gestorben.

Die drei Mörder wurden in das Gefängniß zurückgebracht. Karl Masch beschäftigte sich sehr ernsthaft mit den Vorbereitungen zum Sterben, er las viel und gern in der Heiligen Schrift und hörte andächtig auf die Reden seines Seelsorgers. Seine Thränen flössen unaufhörlich, er äußerte öfter, daß er seine Thaten verabscheue, und beklagte namentlich, das ihn so freundlich anlächelnde Kind in der Mühle zu Chursdorf umgebracht zu haben. Eine wahre tiefe Reue scheint er jedoch nicht empfunden zu haben, insbesondere entsagte er der Lüge nicht und betheuerte bis zuletzt, sein Bruder wisse von keinem Morde. Er war eben in der groben Täuschung befangen, daß sein Geständnis; der eigenen Verschuldung ein Rechtstitel sei, der ihm die Gnade Gottes erwerben müsse. Die Rettung des Bruders erschien ihm nicht als Sünde, sondern als Pflicht, ja als Buße und Märtyrerthum, weil seine irdische Qual sich dadurch verlängerte, daß er seine Richter in Bezug auf die Betheiligung seiner Gefährten hinterging.

Man hat ihn nicht ohne Grund mit einem blutgierigen Tiger verglichen. Wie der Tiger im Käfig, wenn man ihn darben läßt und die Züchtigungen nicht spart, allmählich von seiner Wildheit verliert, die Nähe des Wärters und seine Herrschaft erträgt und sich begnügt mit der ihm zugetheilten Nahrung, aber die alte Natur wieder annimmt, sobald man ihm die Freiheit zurückgibt, so gab auch Masch in seiner dreijährigen Gefangenschaft, durch die Ketten und die Einsamkeit mürbe gemacht, Zeichen eines sanftern Wesens und der Besserung, indeß hätte keiner es gewagt, dem Ungeheuer die Fesseln abzunehmen und mit dem angeblich gebesserten Masch eine Wanderung durch das Dickicht des Waldes anzutreten oder in einer abgelegenen Herberge zu übernachten. Jeder hätte das Erwachen der Räubernatur gefürchtet. Wir sind demnach der Ueberzeugung, daß der entmenschte Verbrecher sich nicht wahrhaft bekehrt hat, sondern in einer für ihn verhängnißvollen Selbsttäuschung, daß er versöhnt sei mit dem Richter, welcher die ewige Wage hält, dahingefahren ist.

Martin Masch tröstete sich damit, daß sein Kopf ihm zwar abgesprochen, aber noch nicht verloren sei, er blieb völlig unnahbar und wies alle Versuche des Seelsorgers und der Beamten, sein felsenhartes Herz zu erweichen, mit einem Lächeln zurück.

Karl Liebig führte seine gleisnerische Rolle fort; der Charlatan behauptete, es habe ihm, wie einst dem Mundschenken des Pharao, ein Traum verkündigt, daß er nicht hingerichtet, vielmehr frei aus dem Gefängniß hinausgehen werde. Allein er schien denn doch der nächtlichen Vision nicht recht zu trauen, wenigstens war er bei der Nachricht, daß die landesherrliche Entscheidung eingetroffen sei, äußerst verzagt.

Nachdem die von Martin Masch und Karl Liebig eingewendete Nichtigkeitsbeschwerde vom Obertribunal in Berlin verworfen worden war, verging noch eine lange Zeit, ehe die Entschließung Sr. Majestät des Königs bekannt wurde. Das höchste Rescript lautete dahin, daß das Todesurtheil über die Gebrüder Masch zu bestätigen, der Schmiedegeselle Liebig aber zu lebenslänglichem Zuchthaus zu begnadigen sei.

Am 16. Juli 1864 wurde dem Martin Masch eine Zusammenkunft mit seinen Kindern gestattet, er sprach noch bei dieser Gelegenheit aus, daß er auf Gnade hoffe. Am 17. Juli erhielten er und sein Bruder die Bestätigung des auf den Tod lautenden Erkenntnisses bekannt gemacht. Martin war tief erschüttert, er mußte sich niedersetzen und konnte in den ersten Minuten kein Wort sprechen. Später versuchte er eine nochmalige Rechtfertigung und sagte: »Daß es so weit gekommen, daran ist mein Bruder schuld.«

Karl Masch blieb ruhig und gefaßt, er erklärte: »Ich bin schuldig, ich habe den Tod verdient und will die verdiente Strafe hinnehmen.« Auf die Frage, ob er noch einen besondern Wunsch habe, bat er darum, es möchten ihn ein Gefangenwärter aus Soldin und ein Hauptmann von dem zum Wachtdienst herangezogenen Militär auf seinem letzten Gange begleiten, weil er diese beiden Personen besonders liebgewonnen habe, und es möchte ihm noch eine Unterredung mit seinem Bruder gestattet werden, damit er ihn um Verzeihung bitten könne. Beide Wünsche wurden gewährt. Als Karl des Bruders ansichtig ward, warf er sich vor ihm auf die Knie und frug in höchster Erregung: »Martin, kannst du mir verzeihen?« Als dieser schwieg, flehte er noch dringender: »Bruder, willst du mir nicht vergeben?« Jetzt schien das Eis zu schmelzen; Martin erwiderte: »Ich habe es dir ja immer gesagt, daß du durch dein Morden uns alle noch ins Unglück bringen wirst«, und räumte mit dieser Aeußerung ein, was er und sein Bruder bis dahin bestritten hatten, daß er allerdings um die Mordthaten wußte.

Am 17. Juli stattete der Geistliche den Gefangenen noch mehrere Besuche ab und reichte ihnen das heilige Abendmahl. Der andere Morgen war zur Vollstreckung des Urtheils anberaumt. Noch in der Nacht ging indeß der telegraphische Befehl ein, die Hinrichtung des Martin Masch aufzuschieben. Ein durchreisender Kaufmann aus Bremen hatte in Küstrin von der Sache gehört, er nahm lebhaftes Interesse daran und wandte sich durch den Telegraphen an den König mit der Bitte um Aufschub. Die Bitte fand Erhörung, der König forderte einen abermaligen Bericht und verwandelte am 9. Sept. 1864 die Strafe in lebenswieriges Zuchthaus.

Karl Masch schritt in der Frühe des 18. Juli allein zum Richtblock, er war gebeugt, aber ergeben in sein Geschick. Ohne Zaudern stieg er auf das Schaffot und wurde dort festgebunden; das Beil fiel und das schuldbeladene Haupt rollte in den Sand. Die Bevölkerung athmete auf, als der entmenschte Räuber gerichtet war, es wurde nicht Eine Stimme laut, welche sich in diesem Falle gegen die Anwendung der Todesstrafe auszusprechen gewagt hätte, vielmehr waren alle durchdrungen von der Ueberzeugung, daß es die heilige Pflicht der Obrigkeit sei, einen Verbrecher, der so wie Masch an der Menschheit gefrevelt hatte, am Leben zu strafen.

Nachtrag

Nach Vollendung des vorstehenden Aufsatzes brachte ich in Erfahrung, daß in Soldin und in Küstrin die Urtheile über den Räuber Masch sehr wesentlich voneinander abwichen. Während die einen der von mir entwickelten Ansicht beitraten, daß Karl Masch den schrecklichen Mord in Chursdorf unmöglich ganz allein vollbracht haben könne, blieben andere, insbesondere der Beichtvater und mehrere den gebildeten Ständen angehörende Männer dabei stehen, die Bekehrung der beiden Brüder Masch sei eine herzliche und aufrichtige gewesen, Karl Masch habe wirklich keinen einzigen Mitschuldigen gehabt, und Martin Masch habe keinen Mord auf dem Gewissen. Ich setzte mich infolge dessen mit den betreffenden Herren in Verbindung und erhielt bald darauf von dem Seelsorger der beiden Masch das folgende ausführliche Schreiben:

»Karl Masch war ein begabter, zum speculativen Denken angelegter Mensch, aus dem bei richtiger Erziehung und Unterweisung ein ordentlicher Mann hätte werden können. Er war aber in der Jugend sehr vernachlässigt und faul, in hohem Grade leidenschaftlich, jähzornig, rachsüchtig und den fleischlichen Lüsten ergeben, dabei innerlich verwildert und ohne Mitgefühl für andere, doch nicht ohne zeitweilige schwache Regungen des Gewissens.

»Er muß, ehe er nach Küstrin transportirt wurde, in der Seelenpflege eines wackern Anstaltsgeistlichen gewesen sein, denn als ich ihn zum ersten mal besuchte, fand ich ihn schon innerlich völlig gebrochen, voll tiefer Reue und voll Verlangen nach der göttlichen Gnade und Vergebung. Das größte Wunder der Liebe Gottes war ihm, daß Gott sich eines Menschen erbarmen könne, der so verworfen sei wie er, ›der werth sei, mit Füßen getreten zu werden‹. Ich merkte sofort, daß ich es mit einem Manne zu thun hatte, an dem der Geist Gottes wirklich arbeitete, denn vieles von dem, was er mir sagte, konnte er nur aus eigenen, innern Erlebnissen wissen, es gehörte unter die Kategorie dessen, von dem Paulus sagt: ›Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes.‹ Ich besorgte ihm ein Neues Testament, ein gutes Gesangbuch, einige Erbauungsschriften, unter andern Seriver's ›Seelenschatz‹ und einen Band von Menken's Predigten. Er las diese Sachen nicht blos, seine Individualität trieb ihn, sie auch durchzudenken, ja innerlich durchzuleben, seinen Seelenzustand daran zu messen und sich unter das Gericht und Wort Gottes zu stellen.

»Die Heilige Schrift war ihm eine unantastbare Autorität; er erkannte von selbst ihren organischen Zusammenhang von Anfang bis zu Ende und meinte, ›man brauche sie ja nur mit Nachdenken zu lesen, so müsse man erkennen, daß sie Gottes Wort sei. Es sei ja alles darin, was der Mensch für diese und jene Welt nöthig habe, und man fühle, daß es so sein müsse, wie die Schrift sage‹.

»Sein Glaube, der allerdings durch manche schwere Anfechtung hindurchging, war ihm eine innere Thatsache. Er hatte den Herrn, wie er sich ausdrückte, an seinem Herzen gefühlt, und wußte, daß er angenommen und daß ihm seine Sünde vergeben war; er sprach darüber mit einer gewissen freudigen und scheuen Zurückhaltung. ›Wenn ich nur einen einzigen Tag in meinem Leben die Sonne gesehen und ihre Wärme gefühlt hätte, und ich hätte sie dann nie wieder gesehen, so sollte mir doch keiner ausreden, daß die Sonne sei. So ist's mit meinem Glauben. Meine innern Erfahrungen und Erlebnisse, seit ich zur Erkenntniß gelangt bin, sind derart, daß, wenn nun auch noch so viele Anfechtungen kommen, wenn mir mitunter auch noch so bange wird, mein Glaube mir nicht mehr genommen werden kann.‹«

»Je mehr er innerlich wuchs, in einem desto furchtbarern Lichte erschienen ihm seine Missethaten; sie drückten ihn schwer. Er konnte nicht begreifen, wie ein Mensch solche Frevelthaten thun könne; ›aber freilich‹, äußerte er gelegentlich, ›wenn man nicht an Gott glaubt, dann ist man zu allem fähig, und ein Mord, Herr Prediger, glauben Sie mir, ist dann nichts. Ach, wenn ich damit nur etwas wieder gut machen könnte, wie gern wollte ich mir meine Gliedmaßen Stück für Stück abhacken lassen.‹«

»Er war im Wachen und Schlafen sehr genirt durch seine schweren und unbequemen Fesseln. Als ich ihm einst rieth, um leichtere Fesselung zu bitten, erwiderte er: ›Nein! Ich weiß zwar recht gut, daß dadurch meine Schuld vor Gott nicht geringer wird, aber es ist mir jetzt eine Befriedigung, zu leiden.‹ Auch bat er mich, daß ich mich nicht für eine Erleichterung zu seinen Gunsten verwenden möchte. An Tagen, wo er einen Mord begangen hatte, genoß er nichts. Er hat mir dies nicht selbst mitgetheilt, wie er denn überhaupt mit seiner Bekehrung keine Ostentation trieb; ich habe es von dem Gefängnißwärter erfahren. Bei Tag und Nacht betete er sehr viel und war sehr unglücklich, wenn ihn böse Gedanken heimsuchten und ihn innerlich hemmten und zurückwarfen, wenn er den Berg wieder herunterstürzte, den er unter Angst und Beben erklommen zu haben meinte.«

»Selbstverständlich habe ich ihn oft und eindringlich wegen der vermeintlichen Complicen gefragt. Er aber hat stets mit der größten Bestimmtheit ausgesprochen, daß er keine gehabt. ›Hätte ich welche gehabt‹, versicherte er mir, ›so würde ich doch jetzt nicht mehr das Gegentheil behaupten können, wo ich zum Glauben gekommen bin, denn ich weiß, daß ich, wenn ich noch lügen kann, auch nicht zu Gnaden angenommen bin, und die Heilige Schrift sagt, daß Gott den Lügner haßt und umbringt. Mein Bruder hat von meinen Mordthaten nichts gewußt.‹«

»Während der Haft habe ich dem Karl Masch das heilige Abendmahl öfter gereicht, wobei er jedesmal in Schmerz und Reue und Thränen aufgelöst war, ohne daß sich auch nur eine Spur von Schwärmerei und falscher Gefühligkeit eingemischt hätte. Auch am Abend vor der Hinrichtung empfing er das Sakrament. Er war sehr bewegt, hielt aber unerschütterlich daran fest, daß der Heiland auch für seine Sünden gestorben sei, und Gott auch ihm um Jesu Christi willen seine schwere Schuld verzeihen werde. Ich machte ihn aufmerksam auf die Anfechtungen, die in der kommenden Nacht nicht ausbleiben würden. Als ich am Morgen der Hinrichtung um 5 Uhr zu ihm kam, sagte er mir, es wäre so gekommen, wie ich am Abend zuvor gefürchtet, er hätte einen heißen Kampf zu kämpfen gehabt, ›aber‹, fuhr er fort, ›Wie gut war es, daß ich meinen Glauben nicht durch menschliche Ueberredung, sondern aus dem Worte und durch den Geist Gottes habe, sonst hätte ich ihn in dieser Nacht verloren‹. Auf meine Frage, ob er mir in Bezug auf seine Verbrechen, und daß er alle Mordthaten ohne Complicen verübt habe, die Wahrheit gesagt hätte, antwortete er bestimmt: ›Ja!‹ Ich fand ihn gefaßt, den schweren Gang zu gehen, betete mit ihm und begab mich auf die Richtstätte. Masch war ruhig, still und ergeben, sodaß seine Erscheinung einen wohlthuend ernsten Eindruck auf alle Gemüther machte. Meine leise Frage, ob er mir noch etwas zu bekennen habe, verneinte er. Hierauf theilte ich ihm mit, was er noch nicht wußte: daß die Hinrichtung seines Bruders aufgeschoben sei. Ein Hauch von Freude glitt über die Züge seines Gesichts. In wenigen Minuten stand seine Seele vor Gott.«

Zu diesem Briefe nur noch etliche kurze Bemerkungen:

Ich unterschätze das Zeugniß dieses Dieners des göttlichen Wortes gewiß nicht. Dennoch muß ich an der Ueberzeugung festhalten: der Mord in Chursdorf kann unmöglich von Einer Person vollbracht sein, denn die Wunden der Ermordeten rührten nach Länge und Breite nicht von einem, sondern von zwei Beilen her; vor dem Hofthor waren die Fußspuren von zwei Menschen deutlich sichtbar; nicht blos an dem Beile des Karl Masch klebten Blut und Haare der Erschlagenen, sondern auch an dem Beile des Martin Masch sind Blutspuren und Fasern entdeckt worden, die von der Nachtmütze und dem Kopfkissen der Frau Baumgart herrührten. Nach meiner Ansicht würde Martin Masch von jedem Richtercollegium als Mörder verurtheilt worden sein, und ich habe bereits angedeutet, wie es psychologisch erklärlich ist, daß Karl Masch in diesem Punkte erst sich selbst und dann andere getäuscht hat.

Es ist nun zwar möglich, daß Martin Masch trotz allem unschuldig ist, denn kein Spruch eines menschlichen Richters enthält absolut die Wahrheit, und es existiren Beispiele, daß die sichersten Indicienschlüsse, ja sogar die Wahrnehmungen von unbedingt glaubwürdigen Zeugen falsch gewesen sind, allein andererseits vergesse man nicht: das menschliche Herz ist ein trotziges Ding, und die Lüge, welcher Masch im Anfang der Untersuchung in hohem Grade ergeben war, mag sich doch noch in einer Falte seines Innern festgenistet und die Hölle ihm vorgespielt haben, daß er nicht verpflichtet sei, den Bruder zu verrathen und zu verderben; vielleicht auch, daß er ja doch der Rädelsführer und Martin nur von ihm verführt, nur Gehülfe gewesen sei, und deshalb mit einer gewissen Mentalreservation von ihm gesagt werden könne, der Bruder sei eigentlich unschuldig am Morde.

Die Leser kennen das Thatsächliche des ganzen Falles und die sich gegenüberstehenden Ansichten, sie mögen sich nun selbst für die eine oder die andere entscheiden.

Vielleicht gelingt es, von dem zu lebenswierigem Zuchthause verurtheilten Martin Masch, wenn auch erst in Jahren, die Wahrheit über die Gemeinschaft und den Verkehr der Brüder zu erfahren; jedenfalls würde ich mich freuen, wenn ich den Karl Masch falsch burtheilt hätte, und wenn durch die Aufschlüsse, die Martin Masch zu geben im Stande ist, ermittelt werden sollte, daß sein Bruder nicht mit einer Lüge auf der Lippe, sondern bußfertig und versöhnt mit Gott aus der Welt gegangen ist.

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