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Der Neue Pitaval

Willibald Alexis: Der Neue Pitaval - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Neue Pitaval
publisherF.-A. Brockhaus
seriesNeue Serie
volumeZweiter Band
editorFortgesetzt von Dr. A. Bollert
year1867
firstpub1867
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060211
projectiddf8434fe
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Criminalistische Miscellen aus Nürnbergs Vergangenheit.

4.
Die Gefängnisse.

Das bedeutendste und gefürchtetste Gefängniß für Criminalverbrecher in der Freien Reichsstadt Nürnberg war das sogenannte »Loch«. Eine authentische und vollkommen zuverlässige Beschreibung des »Loches« existirt nicht, aber auf der nürnberger Stadtbibliothek wird ein Manuscript aufbewahrt, welches darüber Folgendes sagt: Das Loch ist gleichzeitig mit dem im Jahre 1616 erbauten neuen Rathhause errichtet worden. Am Eingang rechter Hand innerhalb des Rathhauses zeigt sich eine mannshohe eiserne Thür in einer Mauer, in der sich ein Stein mit einem eingehauenen Krug befindet. Der Stein läßt sich bewegen; wenn man ihn fortschiebt, so öffnet sich ein Loch, durch welches ein Mann gebückt kriechen kann. Hinter dem Loch ist eine Eisenthür mit vier großen Schlössern. Die Schlüssel hängen in der Losungsstube. [Amtszimmer des Rathhauses, von »Losung«, die Steuer.] Auch von der Rathsstube aus soll eine Thür in das Gefängniß führen; diese Thür ist in der Rückwand eines Kalters angebracht. Nach Aufsperrung der Eisenthür steigt man 17 Steinstufen hinab, bis man wieder an einer Thür steht, die eine ganz in Stein gehauene Kammer verschließt, darinnen der Stadt Nürnberg geheimer Schatz verborgen liegt. Aus der Kammer getreten, öffnen sich in abgemessener Entfernung je eine von der andern 17 Eisenthüren, bis man zu einer Stelle kommt, die von dem Licht des Tages aus dem Graben, der sich rings um die Stadt zieht, erhellt ist. Diese Stelle befindet sich zwischen dem Thiergärtner und Laufer Thore. Linkerhand von dem Eingange des Lochs sind 72 Thüren zu den Gefängnissen, in welchen die Stadt Nürnberg ihre Gefangenen einkerkerte. In dem 40. Gefängnisse wurde der Rathsherr Seyfried Schürfel – wann? ist unbekannt –, weil er die Stadt einem französischen Könige habe überliefern wollen und französische Soldaten in Weiberröcken verkleidet heimlich in die Thore eingelassen habe, lebendig eingemauert. Die 72. Thür öffnet sich in ein Gebüsch, in der Nähe von drei Tannenbäumen am Dutzendteiche, der ungefähr eine Stunde von Nürnberg an der Straße nach Regensburg gelegen ist. Von anderer Seite dagegen wird behauptet, daß aus dem Loche nur ein Ausgang nach dem Schloß und dem Thiergärtner Thor sei.

Man erzählt, daß dereinst etliche Schwarzbeermenscher auf die Thür am Dutzendteiche gestoßen wären und ihre Entdeckung angezeigt hätten. Der Zugang ist hierauf noch mehr als vordem mit Gesträuch verdeckt und den Weibspersonen »bei Strafe des Lebens Stillschweigen auferlegt worden«.

Sämmtliche Gefängnisse wurden jährlich einmal von den zwei ältesten Rathsherren, einem Kanzlisten des Rathes und dem Stadtschlosser, dem man, bis er vor eine Thür kam, die Augen verband, untersucht. Der Schlosser mußte etwaige Schäden an den Schlössern sofort repariren.

Außer den Crinmnalverbrechern wurden auch diejenigen Manns- und Weibspersonen in das Loch gesperrt, welche außerehelichen Umgang miteinander gepflogen hatten. Wenn sie sich heirathen wollten, wurden sie vom Gefängniß aus in die Kirche geführt und getraut. Diese Hochzeiten nannte man die Eisenhochzeiten.

Daß im Loch auch gefoltert wurde, ist unzweifelhaft. Noch bis gegen den Ausgang des 18. Jahrhunderts war die Tortur häufig in Gebrauch und es bestand für deren Anwendung eine eigene Taxe, die wir später mittheilen werden. Es war eben in ganz Deutschland üblich, daß man Angeschuldigte folterte, wie Beccaria treffend bemerkt, nicht, weil man wußte, daß der Gemarterte schuldig war, sondern weil man es nicht wußte. In Nürnberg scheint man sich wenigstens von den Scheußlichkeiten freigehalten zu haben, durch welche man anderwärts die Qualen der Folter noch steigerte. Es ist bekannt, daß man den Unglücklichen Hornisse, Mäuse, Kröten oder dergleichen Thiere unter Glasglocken auf den bloßen Leib stellte, daß man brennende Lichter unter die auseinandergezogenen Glieder setzte und die Haut langsam durchbrennen ließ, daß man den der peinlichen Frage unterworfenen Ineulpaten zwang, mit ölgetränkten Schuhen auf glühenden Platten zu stehen, bis die Füße verbrannt waren, oder ihm mit ungelöschtem Kalk und mit Wasser Mund und Nase füllte, bis er gestand, was er gethan und was er nicht gethan hatte. Im Loch zu Nürnberg ist dergleichen niemals vorgekommen, wohl aber finden wir noch jetzt in einer Folterkammer auf der Burg den Stachelstuhl, die Streckleiter, die Spanischen Stiefeln, die Daumenschrauben und die andern üblichen Folterwerkzeuge, welche die Justiz der damaligen Zeit nicht entbehren zu können glaubte. Das Polizeigefängniß war seit dem 14. Jahrhundert der Thurm »Lug ins Land«, früher »Derrersthurm« genannt. In einem alten Familienbuche heißt es in dieser Beziehung: »Anno 1390 den 25. Augusti da legte ich den Frantzen und seinen Bruder den MarcusFranz und Marcus waren Italiener, die in der zu Nürnberg zuerst in Deutschland errichteten Papiermühle arbeiteten und die Arbeit wegen angeblich zu niedrigen Lohnes einstellten. Infolge ihrer Einsperrung in den Lug ins Land, die ihr Brotherr verfügte(!), besannen sie sich bald eines andern und kehrten an ihre Arbeit zurück. auf den Thurm hinter dem Derrer«, nämlich hinter dem Hause der Familie Derrer, von welcher der Thurm den Namen hatte.

Der Lug ins Land ward übrigens auch als Untersuchungs- und Strafgefängniß benutzt, ebenso die andern Gefängnisse, das Männer- und das Weibereisen, der Männer- und Frauen- Schuldthurm, letzterer vorzugsweise für die leichtsinnigen Schulden- macher und muthwilligen Bankrottirer bestimmt. Es kam eben auf die Umstände und die Individualität an, welches Gefängniß man im einzelnen Falle wählte.

Das Zuchthaus dagegen diente ausschließlich zur Verwahrung der bereits abgeurtheilten Verbrecher. Es befand sich auf derselben Stelle, wo jetzt das einer Privatgesellschaft gehörige Museumsgebäude aufgeführt ist.

Beiläufig noch die Bemerkung, daß Nürnberg seine Verbrecher nicht blos auf das Schaffot schickte und einsperrte, sondern auch mitunter deportirte. Zum ersten mal scheint dies 1571 geschehen zu sein. Denn in diesem Jahre schreibt Herzog Albrecht von Baiern an den Senat zu Nürnberg, daß Ambrosio Spinola aus Genua Verbrecher aus des Herzogs Landen auf die Galeren der Genueser übernehme, und fragt an, ob Nürnberg dem Spinola nicht gleichfalls Verbrecher überlassen wolle. Darauf hin wurden am 3. Nov. des genannten Jahres sechs Missethäter, darunter vier Söhne nürnberger Bürger, an Händen und am Hals in Eisen geschmiedet, als Galerensklaven nach Genua geschafft. Derartige Transporte dauerten bis in das 18.Jahrhundert und noch 1708 wurden vom Rathe sechs der schwersten Verbrecher auf die Galeren nach Venedig geliefert.

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