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Der neue Ahasver

Fritz Mauthner: Der neue Ahasver - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer neue Ahasver
authorFritz Mauthner
year2001
publisherPhilo Verlagsgesellschaft
addressBerlin/Wien
isbn3-8257-0221-9
titleDer neue Ahasver
pages3-371
created20011227
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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Fritz Mauthner

Der neue Ahasver

Ein Roman aus Jung-Berlin

(1882)


»Wer mein Buch kennt, wird es bestätigen,
daß dasselbe den Anspruch erhebt, den
Judenschmeichlern ebenso zu mißfallen
wie den Judenhassern.« (Mommsen)

An Theodor Mommsen

 
Verehrter Herr Professor,

nicht nur das Motto habe ich Ihnen entlehnt, ich bitte mir auch noch für einige Minuten Ihren Namen aus, um an seine Adresse die Betrachtungen knüpfen zu dürfen, die ich sonst als unpersönliches Vorwort hersetzen müßte.

Ihre Flugschrift über das Judentum kam mir in die Hand, als ich eines der letzten Kapitel dieses Buches niederschrieb. So mächtig war der Eindruck der wenigen Seiten Ihrer Schrift, daß mein Gedankengang in manchen Punkten beeinflußt wurde und daß ich mir einen der wichtigsten Begriffe derselben, den der Christenheit, in Ihrem Sinne anzueignen erlaubte.

Wenn Recht vor Macht ginge und wenn die Welt von edelgesinnten anstatt von gewalttätigen Männern gelenkt würde, so wäre die »Judenfrage« mit Ihrer Abhandlung aus der Welt geschafft. Gute Gründe kann man gegen Sie nicht ins Feld führen, eine höhere Autorität in historischen Dingen auch nicht. Für die Gesellschaft der anständigen Gebildeten sind die folgende Sätze unanfechtbar:

»Man vergegenwärtige sich jeden jüdischen Dichter und Romanschreiber von einigem Belang oder auch nur von einigem Erfolg; man wird wohl die Spuren ihrer Herkunft erkennen, wie denn kein Poet seinen Ursprung verleugnen kann und Goethe immer auch ein Frankfurter Kind bleibt; aber wie sie sind, trefflich, mittelmäßig, widerwärtig, sie haben keine Fühlung unter sich, und der deutsche Israelit steht ebenso mitten im deutschen literarischen Leben wie der englische mitten im englischen. Das ist der eigentlich Sitz des Wahnes, der jetzt die Massen erfaßt hat und sein rechter Prophet ist Hr. v. Treitschke. Was heißt das, wenn er von unsern israelitischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja, so gut wie er und ich. Er mag tugendhafter sein als sie; aber machen die Tugenden den Deutschen? Wer gibt uns das Recht, unsere Mitbürger dieser oder jener Kategorie wegen der Fehler, welche im allgemeinen dieser Kategorie, es sei auch mit Recht, zur Last gelegt werden, aus der Reihe der Deutschen zu streichen?«

Wer diese Worte niedergeschrieben hat – und ihre Bedeutung greift weit über die törichte Judenfrage hinaus –, der verdient von den Juden auch dann gehört zu werden, wenn er ihnen unangenehme Dinge sagt.

Sie weisen mit Recht darauf hin, daß die Juden selbst daran mitschuldig sind, wenn die christlichen Deutschen den jüdischen mit einem Gefühl der Fremdheit gegenüberstehen. »Christenheit« sei noch immer das einzige Wort, welches den Charakter der heutigen internationalen Zivilisation zusammenfasse und in dem Millionen und Millionen sich empfinden als Zusammenbestehende auf dem völkerreichen Erdball. »Außerhalb dieser Schranken zu bleiben und innerhalb der Nation zu stehen ist möglich, aber schwer und gefahrvoll.« Sie wenden sich sodann gegen die Unsitte der spezifisch jüdischen Wohltätigkeitsvereine u. dgl.

Wir anderen haben das Recht, uns derber auszudrücken. Es gibt in Deutschland wenig Anstößigeres als diese Vereine mit unverständlichen hebräischen Namen, die durch ihre Frage nach der Abstammung des Notleidenden so intolerant sind wie irgendein Hofprediger. Ich kenne nichts Kindischeres als die Sitte, das Osterfest und das Pfingstfest nach einer seltsamen jüdischen Astronomie berechnen zu wollen und dadurch das Zusammenfallen der gemeinsamen Feiertage zu verhindern, nichts Verstockteres als die alte Gewohnheit, das saubere Hemd und das bessere Essen sich am »Sonnabend« zu gönnen, anstatt an dem allgemein üblichen Sonntage. Die Unterwerfung aller Juden unter die allgemeine deutsche Sitte scheint mir fast ebensosehr notwendig für die deutsche Einheit wie die Unterwerfung der kleinen Staaten unter die deutschen Reichsgesetze. Ich spreche natürlich nur vom Äußerlichen, nicht vom Glauben, welcher Gewissenssache jedes Einzelnen ist.

Sie begnügen sich jedoch nicht damit, verehrter Herr Professor, etwas Negatives zu fordern; Sie verlangen von den Juden etwas Positives, den Übertritt.

Wer soll übertreten? Tun es nur wenige, nicht alle Juden insgesamt, so bleibt die Judenfrage bestehen. Nicht wahr? Und Sie werden doch nicht glauben, daß der ›jüdische‹ Pöbel Vernunftgründen besser zugänglich wäre, als jeder andere? Nein – wie viele neidische Komplimente die Juden auch von ihren Feinden darüber hören müssen –, der Prozentsatz der Vollgebildeten ist unter den Juden ebenso gering wie unter den übrigen Menschen.

Diese Gebildeten jedoch, die das Judentum längst weitaus überwunden haben, welcher Konfession sollen sie beitreten? Ja, wenn sich der Übertritt einfach bei einem Standesamt anzeigen ließe – »wie ein Todesfall« würden die orthodoxen Juden, »wie eine Geburt« würden die orthodoxen Christen sagen –, dann zweifle ich nicht an einem großen Erfolge. Aber mit der Taufe des Erwachsenen ist ein Bekenntnis verbunden. Welche Konfession hat so weite Dogmen, daß sie derjenige zu bekennen vermochte, der durch Wissenschaft um seinen alten Glauben gekommen ist? Je größer der Inhalt eines Begriffs, desto kleiner sein Umfang! Das ist ein alter Satz der Logik. Und auch nur der Glaube, welcher sich durch die kürzeste Definition ausdrücken läßt, kann die größte Menge der Bekenner vereinigen.

Doch selbst, wenn diese Schwierigkeit nicht bestände, wäre in diesen Tagen die Aufforderung zum Übertritt unwirksam. Kein Deutscher übersiedelte während des Krieges nach Paris.

Mein Roman erzählt einen Fall, in welchem der Übertritt an der Wut der Judenhetzer scheitert.

Und nun muß ich noch entschuldigen, daß ich mich mit einem Roman an Sie, den großen Historiker, wende, der sicherlich nicht Muße hat, viele belletristische Bücher oder gar deren Vorreden zu lesen.

Aber mein Buch ist ein Tendenz-Roman. Ich denke gar nicht an den Beifall des Ästhetikers, ich will die Zustimmung des Ethikers, vor allem des Geschichtsschreibers.

Und ich erhoffe diesen Erfolg. Er ist mir in einer Beziehung schon zuteil geworden. Während dieser Roman in Tagesblättern veröffentlicht wurde, habe ich zahlreiche Urteile vernommen und – ich sage es mit Stolz – habe den Zorn der beiden extremsten Parteien auf mich geladen. Nicht nur der Pöbel höherer und niederer Stände, der sein Gift gegen den jüdischen Stamm verschwendet, auch diejenigen Juden, die so wahnsinnig sind, mitten im Herzen Deutschlands eine orientalische Enklave bilden zu wollen, beide Todfeinde haben mich verlästert. Ich ziehe daraus den Schluß, daß ich in manchen Dingen wohl das Richtige getroffen habe.

Sie aber, den Kenner einer Zeit, die der unseren so verzweifelt ähnlich war, bitte ich, dieses Buch zu lesen.

 
Berlin, den 21. Februar 1882

F. M.            


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