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Der nette Kerl

Ludwig Ganghofer: Der nette Kerl - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGanghofer
titleDer nette Kerl
booktitleDer Herrgottschnitzer vom Ammergau
isbn3-8118-4688-4
pages271-300
senderhille@abc.de
created19990306
firstpub1880
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Ludwig Ganghofer

Der nette Kerl

Ich hatte eine Jagd im Wiener Wald gepachtet und wollte, weil sich das Revier durch Zupachtung vergrößert hatte, noch einen zweiten Jäger für den Jagdschutz nehmen. In einer forstlichen Wochenzeitung schrieb ich diese Stelle aus. Was dann die nächsten vierzehn Tage brachten, das war eine schreckliche Sache. jeder Tag produzierte ein Dutzend »Anwärter«. Und immer nur mit Aufwand eines gereizten Scharfsinnes gelang es mir, diese muffig gekleideten, nach Bier, schlechten Regiezigarren, saurem Wein, Dreikönigstabak und Schnaps duftenden Kerle wieder zur Wohnung hinauszubringen. Die fürchterlichsten waren jene, die sich streng an die Weidmannssprache hielten und mir mit hoheitsvollem Lächeln das Geständnis machten, daß sie Mitarbeiter von Jagdzeitschriften wären. Und die Geschichten, die sie mir von ihrem Lebenslauf und seinem Unstern erzählten! Einer sagte: widriges Gestirn. Ein zweiter: Dianens Ungunst. Ein dritter: Huberti Grimm. Und von ihren Lebensgeschichten glich eine der anderen, wie sich die Geschichten der verlorenen Mädchen gleichen.

Schließlich wurde mir die Sache zu bunt, und ich gab unserer Köchin den strengen Auftrag, keinen stellensuchenden Jäger mehr vorzulassen. Das befolgte sie getreulich. Eines Morgens aber kam sie lachend und ein bißchen verlegen zu mir ins Arbeitszimmer: »Herr Dokter, i glaab, jetzt wearn S' mir schimpfen. Aber da steht jetzt aner draußt. Den hab i net stampern könna. A so a netter Kerl is 'r! Der schaugt anders aus wia die andern.«

»Na, in Gottes Namen!« Meine Erwartungen waren gespannt. Aber sie wurden noch übertroffen.

Er kam. Und wirklich: Wie das lachende Leben stand er auf der Schwelle meiner Stube. Ein Fünfundzwanzigjähriger. Gesund und schlank. Anständig gekleidet – nicht jägermäßig, sondern städtisch, mit Röhrenstiefeln, die spiegelblank gewichst waren. Ein hübsches, rosiges Gesicht; auf dem schwellenden Mund ein dünnes, dunkles Schnurrbärtchen; nußbraunes, sorgfältig gescheiteltes Haar; und helle, frohe, grundehrliche Augen, die, als er zu reden anfing, nicht stolz waren und nicht bettelten – Augen, aus denen ich es gleich herauslas. Der lügt nicht! Auch seine Stimme hatte was ruhig Lindes, einen einschmeichelnden Klang, etwas knabenhaft Reizvolles. Ich hörte ihn gerne sprechen, als er, nicht knapp und nicht weitschweifig, sein Curriculum vitae auskramte: er hieße Josef Aust, wäre der Sohn eines Försters, hätte Vater und Mutter schon längst verloren, wäre auf Kosten eines Onkels zwei Jahre Realschüler gewesen, dann Soldat, dann Jagdeleve auf einem herrschaftlichen Gut. Und nun möchte er recht schön bitten, daß er die ausgeschriebene Stelle bekäme. Mit einer manierlichen Verbeugung trat er auf meinen Schreibtisch zu und legte drei Zeugnisse vor mich hin.

Sein Schulzeugnis, das war gerade nicht berühmt; an seinem Militärpaß fand ich nichts auszusetzen; in dem Zeugnis über seine Zeit als Jagdeleve fehlte wohl die Aufzählung weidmännischer Fähigkeiten; doch ich sah ein paar andere, lobenswerte Eigenschaften angeführt, unter denen zwei – »gutmütig« und »von liebenswürdiger Nettigkeit« – dick unterstrichen waren. Einen Moment beschlich mich der Verdacht: das ist eins von den Zeugnissen, mit denen man unbequem gewordene Leute wegzuloben und einem anderen Herrn aufzuhalsen pflegt.

»Warum sind Sie denn auf dem schönen Gut nicht in Stellung geblieben?«

»Verzeihung, die zwei Jägerposten waren schon besetzt, und ich war doch nur als Lehrling da.« Er sprach fast reines Hochdeutsch. »Auch war die Jagd nicht besonders. Das wäre überhaupts kein Platz für mich gewesen. Ich möchte was lernen, möchte gern vorwärtskommen.«

Als er eine Weile so weitergeplaudert hatte, ehrlich, nett und gutmütig, war mein Bedenken beschwichtigt. Bei dem weidmännischen Examen, das ich mit ihm anstellte, kam freilich nicht viel zu Tage. Aber er zeigte guten Willen und hoffte was zu lernen. Ich gab ihm wohlgemeinte Lehren, die er aufmerksam anhörte, wobei er in einer kindlichen Art die mollige Unterlippe ein bißchen hängen ließ. Als wir schließlich den Handschlag tauschten, war ich ihm bereits so gut geworden, daß ich du und Pepi zu ihm sagen mußte. Mit einem warmen Empfehlungsbrief an den Oberjäger und mit 20 Gulden Vorschuß schickte ich den Peperl noch am gleichen Mittag hinaus ins Revier.

Zwei Wochen später kam ich für einen Tag ins Jagdgebiet. Der Pepi war draußen im Dienst; und der Oberjäger, bei dem ich mich nach der Führung seines neuen Untergebenen erkundigte, sagte lachend: »Oh, mit dem komm ich gut aus. Das ist ein netter Kerl. Und alles laßt er sich sagen.« Auch sonst im Dorfe, besonders von der Wirtin im Roten Hahn und von der jungen, hübschen Kellnerin hörte ich viel Gutes über den Peperl. Doch vor der Heimfahrt geriet ich mit dem Oberjäger in eine Meinungsverschiedenheit. Ich war des Glaubens, daß der Peperl am achten April seinen Dienst angetreten hätte – und der Oberjäger behauptete: am Zehnten.

»Das ist doch nicht möglich! Er ist doch mit meinem Brief noch am gleichen Tag herausgefahren. Und das war der achte April.«

»Herr Dokter irren sich! Das war der Zehnte. Ich weiß es ganz genau. Es war an dem Tag, an dem in der Früh das erste Gewitter war. Und wie ich da am Vormittag von der Pirsch heimgekommen bin, ist der Peperl grad dahermarschiert, tropfnaß am ganzen Leib.«

»Am Vormittag? Das ist doch unmöglich. Er muß doch am Abend eingetroffen sein. Er war doch am Vormittag noch bei mir in Wien.«

Der Oberjäger schien meinen verdutzten Blick als Vorwurf oder Mißtrauen zu deuten. »Herr Doktor, ich kann nichts anderes sagen, als was ich weiß. Und daß es der Zehnte war, das ist doch registriert.« Er zog den Jagdkalender aus der Joppe und wies mir eine Eintragung vor. In schwerfälligen Zügen und etwas unorthographisch – mein Oberjäger sprach korrekter, als er schrieb – stand da unter dem Datum vom zehnten April zu lesen: »Heite der neiche Jäger eingetretten. Heist Josef Aust. Bewilichte sälbem fünf Gulden Forschus.«

»Vorschuß? Aber der Pepi muß doch Geld gehabt haben?«

»Nein. Der gute arme Kerl ist so hosensackblank gewesen, daß ich ihm einiges geben mußte, damit er sich ein Mittagsmahl und ein trockenes Hemd kaufen konnte.«

»Ein Hemd kaufen? Hat er denn sein Zeug nicht mitgebracht?«

»Damals nicht, nein. Und jetzt schreibt er immer um seinen Koffer. Aber der Koffer kommt nicht. Na, das wäre nicht das Schlimmste. Meine Frau und ich, wir helfen dem Pepi gern aus. Weil er so ein guter, netter Kerl ist. Ich glaub, mit dem werden der Herr Doktor noch sehr zufrieden sein.«

Ich konnte dieses Gespräch zu keinem Ende führen, denn ich mußte abfahren, wenn ich in der Bahnstation nicht den letzten Wiener Zug versäumen wollte.

Während der ganzen Heimfahrt beschäftigte mich die Sache. Das sonnige Bild des Peperl hatte einen dunklen Fleck bekommen. Wo blieb sein Koffer? Und war der Pepi wirklich erst am Zehnten eingetroffen? Wo hatte sich dieser Josef die zwei Tage nach unserm Handschlag herumgetrieben? Und was hatte dieser nette Herr Aust mit den zwanzig Gulden angefangen, die er von mir als Vorschuß bekommen?

Doch als das Bild meines neuen Jägers so von Gewölk umdunkelt war, guckte durch alle Verdüsterung wieder was Helles durch. Denn ich erinnerte mich an die letzten Worte des Oberjägers: von dem guten, netten Kerl, mit dem ich noch sehr zufrieden sein würde. Und schließlich kann sich doch alles Verdächtige als eine Harmlosigkeit erklären. Das ist ein abscheulicher Zug an uns Menschen, daß wir vom lieben Nächsten immer gleich was Schlechtes denken.

Und richtig, als ich bei Aufgang der Rehjagd ins Revier hinauskam, löste sich die dunkle Sache zu freundlicher Helle. Natürlich zog ich beim Verhör eine strenge Miene auf. Doch während Josef Aust in manierlicher Haltung vor mir stand, mit dem frohen Sonnenblick eines schuldlosen Engels, bekannte der Oberjäger in etwas verlegener Hast, daß er sich bei jener Taschenbuchnotiz um einen Tag geirrt hätte. Der Josef wäre weder am achten noch am zehnten April »eingetretten«, sondern am neunten.

»Aust? Warum sind Sie erst am Neunten gekommen?«

Wie hell und frisch der nette Kerl mich ansah! Und nüt seiner warmen, einschmeichelnden Stimme erzählte er: Beim Marsch von der Bahnstation zum Jagdhaus herüber hätte er sich, als ein Fremder in der Gegend, bös im Holz verlaufen, wäre in die Finsternis geraten, hätte bei Mutter Grünewald übernachten müssen und wäre erst aufgewacht, als am Morgen der Gewitterguß über ihn niedergegangen. Diese Geschichte spickte er so drollig mit netten Einzelheiten seines Abenteuers, daß ich ins Lachen geriet.

»Aber die zwanzig Gulden Vorschuß, Josef? Die hat Ihnen das Gewitter doch nicht aus dem Sack herausgeschwemmt? Oder wollen Sie das Geld vielleicht verloren haben?«

Er schüttelte lachend den hübschen, jungen Kopf. Aber dann wurde er ernst, ließ die volle, rote Unterlippe ein bißchen hängen, tat einen tiefen Atemzug, und mit beklommener Stimme, wie redliche Menschen ein drückendes Verschulden zu bekennen pflegen, gestand er mir: Sein Onkel hätte seit längerer Zeit nicht mehr »nachspicken« wollen, und drum wären aus der Elevenzeit etwas Rückstände dagewesen; und als nun der Josef die zwanzig Gulden auf die Hand bekam, dachte er sich, es wäre am besten, möglichst sauberen Tisch zu machen. Und so schickte er 19 Gulden gleich »per Postanweisung« dorthin, behielt sich nur den einen Gulden für die Bahnfahrt und dachte: »Wo das Jagdhaus steht, da wird's schon wieder gute Menschen geben, die weiterhelfen, bis der Gehalt fällig wird.«

An der Wahrheit dieser Geschichte war nicht zu zweifeln. Die unanfechtbarsten Beweise glänzten in Pepis Augen. Ich hatte meine Freude an der heiteren Ehrlichkeit.

»Und sind denn jetzt die ganzen Rückstände aus der Elevenzeit gedeckt?«

Er schwieg und sah mich an wie ein guter Junge, der weiß, daß er einen nachsichtigen Vater hat, und doch seine Strenge fürchtet.

»Sag mir's, Pepi! Unscheniert! Wie viel hast du noch zu blechen?«

»Noch ... noch vierzehn Gulden.«

Die gab ich ihm, deckte auch den Vorschuß beim Oberjäger und erhöhte dem Pepi den Monatsgehalt um fünf Gulden, damit ihm die Rückzahlung leichter würde.

Ihr hättet die Freude sehen sollen, die dem netten Kerl in den feuchten Augen schimmerte! Er suchte nach einem Wort, um mir zu danken – und fand auch das beste: »Herr Dokter, auf Ehr und Seligkeit, durch die Tat will ich mich erkenntlich zeigen.«

Während ich die Finanzgeschäfte erledigte, fiel mir die merkwürdige Haltung des Oberjägers auf. Der hatte schon eine Weile kein Wort mehr gesagt, stand stramm, als hätte er einen eisernen Ladstock verschluckt, war blaß über das ganze Gesicht und hatte groß geöffnete, kreisrunde Augen.

»Mensch? Was haben Sie denn?«

Er schüttelte den Kopf. »Nichts, Herr Dokter!« Dann sah er den lachenden Pepi an. Und sagte zu mir: »Ich hoffe nur, der Herr Dokter werden mir meinen Irrtum verzeihen. Von wegen des Datum. Weil es jetzt der Neunte sein muß.«

»Na natürlich! Man kann sich doch irren. Deswegen brauchen Sie sich nicht aufzuregen. Ich weiß doch, wie korrekt und pünktlich Sie in allen Dingen sind. «

Wir traten aus der Stube hinaus in den goldschönen Nachmittag. Wie grüne, weißgesprenkelte Wälle waren die Obstgärten mit ihren blühenden Bäumen um das kleine Haus herum. Und aus dem zarten Laub meiner zwanzig Rosenbäumchen spitzten gelb und rot schon an die hundert Knospen heraus. In der Ferne die sanft gebuckelten Höhen der Weinberge und die langen Züge der goldgrünen Buchen-- und Eichenwälder. Ein reiner Himmel über allem. Und diese wohlige Stille! Nur in einem Nachbargarten das leise Glucksen einer Mutterhenne. Und von einer nahen Waldzunge hörte man zuweilen den Gackerschrei eines balzenden Fasans. Und immer rieselte das feine Geplätscher des dünnen Brunnenstrahls.

Die Frau des Oberjägers, die über den Brunnentrog gebeugt stand und Wäsche spülte, richtete sich auf und streckte, ganz von Sonne umgossen, die triefenden Hände von sich. Als sie meine gute Laune sah, nickte sie dem Pepi freundlich und wohlwollend zu.

Wir zogen zu dritt auf die Abendpirsche. Der Oberjäger wußte einen guten Rehbock, der täglich um die Dämmerung auf ein Kleefeld austrat. Und da nahm ich den Pepi mit. Bei der Wanderung durch das Wiesental ging er immer neben mir her und plauderte mit seiner linden, wohltuenden Stimme. Er sagte nie was besonders Kluges, doch immer was Nettes. Und seinen Koffer mußte er auch schon bekommen haben. Er war anders gekleidet als damals in der Stadt, jagdmäßiger, schmuck und adrett – ganz ähnlich, wie sich der Oberjäger an Sonn-- und Feiertagen zu tragen pflegte.

Dann saßen wir gut gedeckt am Waldsaum. Eine Goldamsel flötete den schönen Abend an. Aber die Schnaken machten das Sitzen ungemütlich. Weder Mückenschleier noch Handschuhe konnten mich schützen. Der Oberjäger saß wie ein Pfahl; den stach entweder keine Schnake, oder er spürte die Stiche nicht. Aber noch schlimmer als mir ging es dem Peperl. Der wetzte, schlug und scheuerte ununterbrochen. Als ich ihn einmal mit leisem Zischlaut zur Ruhe mahnte, tuschelte er hinter mir: »Ich hab so ein süßes Blut. Grad alle fliegen s' her auf mich. Schauderhaft ist das! «

Der Rehbock kam nicht.

Ums Finsterwerden stand der Oberjäger auf und stieß aus ergrimmter Seele einen galligen Fluch heraus. Und während des ganzen Heimweges sprach er keine Silbe mehr. In seinem Ärger machte er lange Schritte. Ich blieb mit dem heiter schwatzenden Peperl zurück. Und da flüsterte mir der nette Kerl plötzlich ins Ohr: »Herr Dokter, für morgen früh weiß ich einen Bock. Der ist todsicher! «

Halb mißfiel mir das. Warum machte der Peperl aus diesem Bock ein Geheimnis vor dem Oberjäger? Aber halb gefiel es mir auch. Vielleicht hatte er den Ehrgeiz, sich auf eigene Faust ein bißchen auszuzeichnen?

»Na, da bin ich neugierig! «

Als wir ins Dorf kamen, lud ich die Jäger zum Nachtmahl in den Roten Hahn. Aber da war's nicht behaglich. In der Familie des Wirtes schien übel Wetter zu herrschen. Die Wirtin ging verdrossen umher, und die hübsche Kellnerin machte Augen wie eine gereizte Wildkatze. Einmal kam es mir so vor, als hätten diese bösen Augen mit dem Peperl was zu schaffen. Aber das war wohl eine Täuschung. Denn der nette Kerl war gleichmäßig freundlich gegen das übellaunige Mädel, verlor seine Heiterkeit nicht und plauderte in seiner drolligen, gewinnenden Art um so unermüdlicher drauflos, je schweigsamer der Oberjäger blieb.

Daheim, bevor ich in meine Stube ging, sagte ich: »Morgen soll mich der Pepi führen.«

»Bitte!« Der Oberjäger schlug nach seiner strammen Gewohnheit die Hacken aneinander. »Da wünsche ich Weidmannsheil!«

Am Morgen führte mich der Pepi im Dämmergrau zu einer Waldwiese. Ein Reh zog äsend durch das betaute Gras. »Schießen S', Herr Dokter! Schießen S'!« Der Peperl war ein bißchen laut geworden, und das Reh sauste schreckend davon.

»Aber Aust! Das war doch eine Geiß!«

Er guckte mit verdutzten Augen drein, ließ die mollige Unterlippe hängen und wußte nichts zu sagen. Dann schüttelte er gekränkt und traurig den Kopf, als begriffe er den Zusammenhang der Welt nicht mehr, der ihm vor wenigen Minuten noch völlig klar gewesen.

Wir kehrten in den Wald zurück, wanderten planlos eine Weile so zu – und da sah ich plötzlich auf dreißig Gänge im Stangenholz einen Rehbock stehen. Er fiel im Feuer. »Jesus! Was ist denn?« stammelte hinter mir der Peperl. Aber da gewahrte er das rollende Wild, sprang wie irrsinnig darauf zu und begann vor Freude zu tanzen. Erst konnte er nur lachen und wußte nichts Vernünftiges zu sagen. Aber nach einer Minute hatte er um den Rehbock herum schon eine drollige Geschichte zusammengereimt, deren sprudelnden Bericht er immer wieder mit der Beteuerung unterbrach: »Das ist er! Natürlich! Das ist er ja, der meinige!«

Ich ließ ihm seine Freude, obwohl ich des Glaubens war, daß der Peperl den »todsicheren« Bock, der mir da im Zufall vor die Flinte gelaufen war, im Leben noch nie gesehen hatte.

Während der Jäger die Beute heimtrug ins Jagdhaus, streckte ich mich unter einer wundervollen Buche zu einem Schläfchen ins Moos. Zwei Stunden später trafen wir uns wieder und bummelten bis zum Abend durch den Wald. An diesem Tage schmeichelte sich der nette Kerl so ganz in meine Gunst, daß ich mich in den folgenden Wochen, sooft ich ins Revier herauskam, immer nur vom Pepi zur Pirsche begleiten ließ. Der Oberjäger begann eifersüchtig zu werden und nahm einen spöttisch gereizten Ton gegen Pepi an, der diese stachligen Redensarten gutmütig überhörte. Aber niemals kam mir der Oberjäger mit einer dienstlichen Klage; er gewöhnte sich an, zu sagen: »Oh, der Pepi tut schon seinen Dienst.« Wenn ich um die Mittagszeit vor dem Jagdhaus anfuhr und in meine Stube trat, pflegte der Oberjäger heißköpfig davonzurennen, und draußen hörte ich ihn schreien: »Wo ist denn der Aust? Himmelsakrament! Wo ist denn der Aust schon wieder?« Dann lief die Frau des Oberjägers das Dorfgässel hinunter, und nach einer Viertelstunde kam der Pepi echauffiert und lachend dahergesprungen, um sich zum Dienst zu stellen. Mit diesen brennenden Wangen und nüt diesem gesteigerten Glanz in den Augen gefiel er nür immer am besten. Und wenn da manchmal Ursache gewesen wäre, ein bißchen zu schelten, machte ich die Sache gnädig ab.

Die Gunst der Frau Oberjägerin schien sich der Pepi seit einiger Zeit verscherzt zu haben. Aber wenn sie so gegen den netten Kerl brummte, bekam sie von ihrem Mann immer einen Wink, der sie schweigen machte. Drum fragte ich eines Tages: »Hat der Pepi Ihrer Frau Verdruß gemacht?«

Er stellte sich stramm in Positur. »Oh nein! Durchaus nicht. Aber die Weiber sind halt so. Ich glaub, sie eifert ein bißl, weil der Josef jetzt alles gilt.« Der verschluckte Nachsatz wollte vermutlich sagen: »Und ich gar nichts mehr.«

Lachend erwiderte ich: »Na, so schlimm ist die Sache nicht.«

»Doch! Fein hat der Pepi den Herrn Doktor eingewickelt. Freilich, darauf versteht er sich.« Das klang, als sollte noch ein Aber nachkommen. Doch es kam nichts mehr – nur, daß der Obejäger am Abend, als ich mit dem Pepi leer von der Pirsche heimgekommen war, im Gespräch gelegentlich hinwarf: »So wenig wie heuer hat der Herr Doktor in der Pirschzeit noch nie geschossen.«

Das stimmte. Und die jagdliche Unerfahrenheit des Peperl trug wohl die Schuld daran. Aber das vergrämte mich nicht – das Totschießen war mir bei der Jagd nie die Hauptsache. Wenn der Pepi mit mir draußen war im Wald, da kam ich aus einer wohligen Stimmung nie heraus. Nie sagte er ein Wort, über das man sich ärgern mußte. Und hatte er jagdlich eine unangenehme Meldung zu bringen, so wußte er sie mit seinen molligen Klängen so einzukleiden, daß sie immer noch etwas Angenehmes hatte. Auch verstand er es, drollig und nett aus seinem Leben zu erzählen. Diese verschiedenen Geschichten paßten zwar nie recht zueinander – jede schien immer aus einem anderen Leben genommen. Aber jede hatte solch ein warmes, heiteres und reinliches Licht, daß sie mir gefiel. Auch schwatzte der Pepi nie von Frauenzimmern und zärtlichen Abenteuern. Die Weiber schienen für den Josef Aust nicht auf der Welt zu sein – nach seinen Gesprächen zu schließen.

Und durch den Pepi lernte ich erst die Gegend kennen, alle die kleinen Dörfchen in dem weiten Jagdrevier. Lange im gleichen Gasthaus zu verkehren, das liebte er nicht. Immer entdeckte er wieder was Neues, was Besseres, schleppte mich hin und war mit den Wirtsleuten gut Freund, bis er eines Tages plötzlich wieder den Staub dieses gastlichen Hauses von seinen Schuhen schüttelte, weil er was »Feiners« entdeckt hatte.

Natürlich war der Pepi da immer mein Gast. Aber ich hatte ihm nie eine Unmäßigkeit, oder auch nur eine Unbescheidenheit vorzuwerfen. Immer war er mit seinem »einspännigen Schöpperl« zufrieden, ob's alter Wein oder Heuriger war.

Doch eines Morgens – wir hatten in einer Dorfschänke übemachtet – duftete der Peperl beim Ausmarsch zur Frühpirsche ganz erschrecklich nach einem sauren Faß. Und er hatte doch am vergangenen Abend ebenso wenig getrunken wie sonst! Und war auch um die gleiche Stunde wie ich zu Bett gegangen.

»Aber Josef! Wie kommt denn das, daß Sie so nach Wein riechen?«

Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, weil der Morgen noch finster war.

Ein paar Minuten später wußte er sich die dunkle Sache plötzlich zu erklären: Er hätte seine Kleider beim Schlafengehen in den Flur hinausgelegt, und zwar auf ein Faß – und da hätte sein Gewand den säuerlichen Duft des Fasses angenommen.

Als die Sonne kam, hatte der Pepi jenen gesteigerten Glanz in den Augen und jene brennenden Wangen, wie er sie immer hatte, wenn er bei meiner Ankunft im Jagdhaus schnell geholt wurde – jenes Echauffement, das mir an ihm so gut gefiel. Aber diesmal gefiel es mir nicht. Denn seine Erklärung – obwohl ich keine andere zu finden wußte –schien mir etwas sengerich. Und ich konnte an diesem Tage zu dem netten Peperl nicht mehr du sagen.

Seit diesem Morgen roch er niemals wieder nach Wein – nur manchmal sehr intensiv nach Pfefferminz. Und immer hatte er eine kleine Tüte mit diesen weißen Kügelchen in der Westentasche. Einmal fragte ich ihn: »Josef? Warum legen Sie denn Ihre Kleider so oft auf eine Pfefferminzkiste?«

Zuerst verstand er das nicht. Aber dann fing er furchtbar zu lachen an, drohte mir mit dem Finger und blinzelte mit den glänzenden Augen, als möchte er sagen: »Sie sind aber ein Filou!« Die offene Heiterkeit, mit der er meine gar nicht lustig gemeinte Anspielung aufnahm, beschwichtigte wieder meinen Verdacht.

Eines Nachmittags – schon im Hochsommer, zur Zeit der Hühnerjagd – kam ich wieder vor dem Jagdhaus angefahren. Und wieder rannte, als mein Zeug in der Stube war, der Oberjäger in seine Wohnung hinüber und fluchte: »Wo ist denn der Aust? Himmelsakrament! Wo ist denn der Aust schon wieder?« Und die Frau Obejägerin lief durch das Dorfgässel hinunter. Aber eine halbe Stunde verging, eine Stunde, ich wartete und wartete – es ging schon auf den Abend zu, und der nette Kerl mit dem echauffierten Gesicht und den glänzenden Augen ließ sich noch immer nicht blicken.

Ich wollte den schönen Abend nicht ganz verlieren und wanderte mit dem Oberjäger über die Felder hinaus, um Rebhühner zu verhören.

»Der Aust? Der wird wohl irgendwo Dienst machen! Aber ich kann mir nicht denken, wo!« Das war alles, was der Oberjäger, der in sehr übler Laune zu sein schien, über den unsichtbaren Peperl zu sagen wußte.

Dann sprachen wir von den Aussichten für die Hühnerjagd und wanderten auf schmalem Ackerweg einer Feldhöhe zu, die sich mit ihren leichtflutenden Kornfeldern und mit zerstreuten Haselnußstauden fein in den leuchtenden Himmel zeichnete. Uns zur Linken, in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten, zog sich der Saum eines Eichenwaldes über den Hügel hinauf. Die Sonne war schon so tief gesunken, daß wir sie nicht mehr sehen konnten. Doch während wir im Schatten wanderten, war die langgestreckte Laubwand des Eichenwaldes noch goldrot angestrahlt. In diesem glänzenden Schimmer gähnte zwischen den Stämmen jeder Eingang in das Innere des Waldes wie ein schwarzes Dreieck. Und in dieser Schwärze bewegte sich immer etwas Helles, huschte im finsteren Schatten des Waldes hin und her, tauchte scheinig auf und verschwand wieder.

Ich fragte: »Was ist denn das? Im Wald drüben? Das Helle?«

Der Oberjäger guckte und schob den mageren Hals aus den Schultern. Im gleichen Augenblick löste sich das Helle aus einem schwarzen Waldloch und kam über ein Kleefeld herübergeflattert – ein schlankes Figürchen in hurtigem Lauf. Ich hob den Feldstecher vor die Augen und sah eine zierliche, feine Mädchengestalt, ohne Hut, in einem lichten, hellrot getüpfelten Waschkleidchen von städischem Schnitt. Ein allerliebstes, etwa siebzehnjähriges Kind, das in seinem blumenhaften Wuchs an ein Meißner Porzellanfigürchen erinnerte. Die Zauslöckchen des reichen Braunhaares wehten bei dem flinken Laufe um das zarte, rosige Apfelgesichtchen, und die flatternden Falten des lichten Kleidchens waren wie rührsame Schwanenflügel hinter dem reizenden Dingelchen her.

Jetzt verschwand das Mädchen, uns schon näher um hundert Schritte, hinter einer langen Zeile der dichten Haselnußstauden. Ich sah den Oberjäger an und wollte was fragen. Aber da hörte ich hinter den Stauden schon das Kleid des flinken Mädels rauschen, immer näher. Und jetzt tauchte das hübsche Kind, zehn Schritte vor uns, in einem Durchbruch der Hecke auf, sah uns mit großen, braunen Augen erschrocken an, stieß einen leisen Schrei aus, machte kehrt, rannte davon, wie von einem Gespenst gejagt, und verschwand hinter dem gelben Wall eines reifen Kornfeldes.

Verwundert sah ich über die nickenden Ähren hin. Dann fragte ich: »Was war denn das?«

Der Oberjäger schmunzelte. »Mir scheint, die hat einen von uns zwei für Aust gehalten. Und drum ist sie auf uns zugelaufen.« Er lachte. »Die muß schön erschrocken sein! «

»Sieh mal an! Einen guten Geschmack hat der Peperl. Und Glück hat er auch. So was Nettes zu fischen! Wer ist denn das Mädel? Das ist doch keine aus dem Dorf?«

Lauschend streckte der Oberjäger den Kopf. »Horchen S', Herr Doktor! Da ruft schon ein Völkl! «

In der leuchtenden Dämmerung klang immer wieder ein leiser, quarrender Laut, als würden zwei Feilen leicht und flink aneinander gerieben – der Lockruf einer Rebhenne, die ihre Kinder zur Abendruhe sammelte.

Ein gelbes Glänzen flammte über den Himmel hin, und während sich die Wiesentäler und die unter Obstbaumkronen versunkenen Dörfchen mit blauen Dünsten umschleierten, hoben sich alle Waldkämme und Feldhöhen, alle Hecken und Ackerkanten mit stahldunkeln Tinten in die Glut des Abends. Ein Krähenschwarm zog hoch in der brennenden Luft einem fernen Walde zu, lautlos, ohne Schrei. Und von drei Dörfern hörte man das Abendgeläute, sanft gedämpft – es klang so fern, daß es die leisen, feilenden Laute nicht übertönte, die sich bald hier, bald wieder dort, aus dem Klee und aus dem finsteren Schatten der Hecken vernehmen ließen.

Von sieben Stellen hörten wir die Hühner rufen. Gute Aussicht für den kommenden Jagdtag! Doch ich dachte nicht viel an die Beute, die mir dieses Locken verhieß. Immer mußte ich an den netten Kerl und an das niedliche Glück seiner Liebe denken. Das hübsche, feine Mädel hatte ihn wohl zum Stelldichein erwartet? Und der Peperl war nicht gekommen? Warum nicht? Weil er als Jäger pflichtgetreu und fleißig im Dienste war?

Es dunkelte über den Feldern, und die Hühner riefen nicht mehr. Wir traten den Heimweg an. Und da fragte ich wieder: »Wer ist denn das Mädel?«

»Die gehört zu einer Wiener Familli, die bei uns daheraußen in der Sommerfrisch wohnt.«

»So ein junges Ding! Und ein Jäger, der nichts hat? Sind denn die Eltern damit einverstanden?«

»Ich glaub, da wird sich der Pepi nicht viel drum kümmern. Der macht's wie der Habicht, wenn das Zeiserl singt.« Das sagte.der Oberjäger mit einer ganz absonderlichen Heiterkeit. Immer lachte er kurz und heimlich vor sich hin.

Etwas wie Erbarmen um das junge, reizende Mädel rührte sich in mir. Ich nahm mir vor, dem Peperl ins Gewissen zu reden. Und unwillkürlich drehte ich das Gesicht, um noch einmal hinaufzublicken zu der Höhe, auf der das liebe Kind so glühend und erschrocken vor mir gestanden.

Da gewahrte ich fern auf der finsteren Hügelkante ein männliches Figürchen, spannenhoch, wie eine kleine Marionette, schwarz abgehoben vom letzten gelben Brand des westlichen Himmels. Und dieses Männchen machte wunderlich gaukelnde Bewegungen.

Wenn ein Jäger in der Dämmerung einen Menschen einsam über die Felder gegen den Wald zuschreiten sieht, erwacht immer gleich ein Verdacht in ihm. Drum hob ich den Feldstecher. Doch gegen den grellen Himmel war ein schlechtes Sehen. Das Figürchen vergrößerte sich wohl, verschwamm aber grau im Glas und hatte strahlende Ränder. Einen Augenblick war es mir, als könnte. das der Josef Aust sein. Kam er, nach erledigtem Dienst, so verspätet zum Kosestündchen? Aber Unsinn! Der Pepi hätte doch einen Hut haben und eine Flinte tragen müssen. Aber an dem schwarzen Teufelchen dort oben war nichts Gewehr--Ähnliches zu entdecken. Und diese wunderlichen Bewegungen? Das sah sich an, als fiele der Mensch da droben immer wieder auf die Knie und griffe wie suchend nach irgend einem Ding auf der Erde umher.

Vielleicht ein Schlingenleger? Einer, der Laufdohnen für die Rebhühner stellte?

Ich gab dem Oberjäger einen Puff mit dem Ellenbogen. »Was treibt denn der Kerl da? Wer kann denn das sein?«

Der Oberjäger spähte scharf und lange zum Grat der Felder hinauf. Dann sagte er, mit einem mir unverständlichen Grimm in der Stimme: »Wieder ein besoffenes Schwein! Der Kerl torkelt ja vor lauter Rausch! Sehen Sie nur, Herr Doktor! «

Aber da war nichts mehr zu sehen. Das schwarze Figürchen war plötzlich verschwunden, als hätte der finstere Grund den Betrunkenen eingeschluckt.

Während wir über die Felder heimwanderten, fingen die Sterne zu funkeln an. Es war schon ganz dunkel geworden. Da schlug in einem nahen Getreidefeld noch eine Wachtel, die wohl beim Hall unserer Schritte aus dem ersten Schlummer erwacht war und nun glaubte, es käme schon der Morgen.

Der Oberjäger schritt eine Weile schweigend hinter mir her. Bevor der Fußweg in die Straße einbog, sagte er plötzlich, noch immer mit jener mir unbegreiflichen Erregung in der Stimme: »Herr Doktor, jetzt muß ich Ihnen aber doch was erzählen. Von diesem Mädel da. Aber bitte, sagen Sie dem Aust nichts davon! Es ist nur, daß Sie wissen, was es für Sachen gibt auf der Welt. Das junge Dingerl da, das so lieb und unschuldig ausschaut wie der Maikäfer im April, das ist entweder ein gründlich durchgesottenes Weibsbild ... oder der Pepi hat das Mädel in drei Wochen so auf den Glanz dressiert. Ich sag Ihnen, Herr Doktor, es ist einfach schrecklich, was ich erlebt hab! Da wird mir vorige Woche auf die Nacht, grad wie ich schlafen gehen will, von der Nachbarin angezeigt, daß im Tannenschachen eine Rehgeiß in der Schlinge hängt. Ich natürlich gleich heraus wie der Teufel! Und denk mir: da müssen wir passen in der Nacht, bis er kommt, der Lump! Und schrei gleich: »Wo ist denn der Aust, Himmelsakrament, wo ist denn der Aust schon wieder?« Aber da hätt ich lang suchen können. Sein Bett natürlich, das ist leer gewesen. Aber ich hab schon lang gemerkt, daß er mit der kleinen Wienerin bandelt. Und denk mir: Der Aust muß her! Und lauf hinunter zu dem Bauernhäusel, in dem die Familli wohnt. Hab auch gewußt, daß der kleine Käfer parterre in dem Eckstüberl schlaft ...«

»So?«

»Ja ... weil ich am Abend beim Heimweg von der Pirsch an dem Häusl oft vorbei muß. Also spring ich halt hinunter und denk: Der Aust muß her, und wenn das Knödel einen Gulden kostet. Und an dem Eckstüberl, da ist vor dem Fenster ein Gartenhäusl an die Mauer angebaut, mit einem langen Tisch drin. Und da geh ich also bei der Finsternis hinein in das Gartenhäusl und tu zuerst ganz fein unseren Pfiff, den der Pepi kennt. Und weil sich ein Zeitl gar nichts rührt, geh ich aufs Fenster zu und klopf ein bißl an. In dem schwarzen Stübl springt was Weißes auf mich her. Ich will schon fragen: »Ist der Aust nicht da?« Aber da geht schon das Fenster auf, und der ganze Kreuzstock füllt sich aus mit einer schwarzen Sach. Das hat affweil so ein bißl gerauscht. Ich schau und schau, und da tuschelt in der Stub ein feines Stimmerl: ›So nimm doch und zieh!‹ In Gottesnamen, denk ich mir, und greif halt zu. Und was glauben S', Herr Doktor, daß ich da aus dem Fenster heraugezogen habe? ... Eine Tuchent! ... Meiner Seel, das ist wahr! Und hinter der Tuchent sind zwei wollene Decken rausgerutscht. Und ein Kopfkissen. Und nachher ist das Mädel selber zum Fenster herausgeschlupft, auf und auf ganz weiß. Ich steh wie ein Narr und schau nur so. Und das Mädel wispert allweil, als tät ich der Pepi sein. Und steht ganz weiß bei dem langen Tisch und bettet auf. Ich sag Ihnen, Herr Doktor, grad nobel! Und wie sie mit Aufbetten fertig ist, hupft das weiße Dingerl auf mich zu und tuschelt: »Wo bist du denn so lang geblieben?« Und da nimmt mich das Zeiserl um den Hals. Aber wie das Mädel meinen Vollbart spürt ... der Pepi hat ja nur ein so winziges Schnauzerl ... da hör ich einen Laut, als hätt sich das Mädel verschluckt. Und die Armerln sind ihr heruntergefallen, und so ist sie in der Finsternis dagestanden, auf und auf ganz weiß, und hat keinen Rührer nimmer getan, keinen Schnaufer nimmer hören lassen. Fluchen hätt ich mögen... ich weiß nicht, warum... und siedheiß ist mir's über den Buckel hinaufgefahren. Aber ich nimm mir einen Rand an und sag bloß: ›Nette Sachen! Nette Sachen! Gleich aufbetten im Gartenhäusl!‹ Und nacher bin ich davon und hab nimmer umgeschaut. Und der Pepi ... weiß der Teufel, wo der gewesen ist! Mutterseelenallein hab ich bei der Rehgeiß passen müssen die ganze Nacht. Und der Lump von Wilddieb ist auch nicht gekommen. Und ein ums andermal hab ich fluchen müssen: Himmelsakrament! Himmelsakrament! Himmelsakrament!«

Ich lachte hell hinaus in die stille, sternschöne Nacht.

»Aber Herr Doktor! Wie kann man denn über so was lachen?«

Er hatte recht. Diese Gartenhausgeschichte hätte mich eher nachdenklich stimmen sollen, sowohl über den netten Peperl wie über die hilflose Verlorenheit der armen, kleinen Weiberchen, wenn sie verliebt sind!

Dieses junge, liebe blühende Geschöpf – ein »gründlich durchsottenes Frauenzimmer«? Mit siebzehn Jahren? Mit diesem Unschuldsgesicht und diesen reinen Augen, die so zu Tod erschrecken konnten? Nein, nein, nein! Da hatte der gewissenlose Teufel Mann sein viehisches Handwerk getrieben. Und der »nette Kerl« hatte dieses holde Kind »so auf den Glanz dressiert«, daß diese feine, zärtliche Lebensblüte beschmutzt, gebrochen und zertreten war, noch bevor sich ihre Knospe recht in der Sonne erschließen konnte.

Am andern Morgen, früh um vier Uhr, als ich mich zur Hühneriagd fertigmachte, trat der nette Kerl beim fahlen Morgenlicht manierlich in meine Stube, freundlich lächelnd, mit echauffierten Wangen, in den Augen jenen gesteigerten Glanz. So frisch und rosig sah er aus, wie ein Gerechter nach dem gesündesten Schlaf.

»Aust? Wo waren Sie gestern abends?«

Er stutze, weil ich nicht du und nicht Pepi sagte. »Verzeihung, Herr Doktor, ich bin im Dienst gewesen. Weit draußen im Revier, auf den Kronsteiner Feldern, da hab ich die Hühner verhört, weil ich doch gewußt hab, daß der Herr Doktor heut kommen. Dreizehn Kitten haben gerufen.«

»Gut. Dann wollen wir dort jagen. Aber noch etwas anderes. Gestern am Abend ist ein junges, hübsches Mädel auf uns zugelaufen, eine Wienerin. Mir scheint, die hat Sie gesucht?«

»Mich?« Er sah mir mit seinen treuen, redlichen Augen verwundert ins Gesicht. »Herr Doktor, das muß ein Irrtum sein.«

Ich dachte mir: »Ist es denn möglich, daß Menschenaugen so ehrlich blicken können, wenn sie lügen? Oder war der Oberjäger auf falsche Fährte geraten?«

Der trat gerade in die Stube, fertig zur Jagd. Und ich konnte mir nicht erklären, warum er so bleich war und so übernächtigte, müde Augen hatte.

»Jetzt gehen wir jagen. Aber wir sprechen noch von der Sache, mein verehrter Herr Aust! Und wenn ich draufkomme, daß Sie da eine Niederträchtigkeit begangen haben, jage ich Sie zum Teufel und haue Ihnen noch eine Gesunde hinter die Ohren.«

»Herr Doktor werden sich nicht zu bemühen brauchen! « sagte er sanft. Dann ließ er die Unterlippe hängen, bekam feuchte Augen und sah mich traurig an.

Dieser schuldlosen Miene gegenüber wußte ich mit meinem Zorn nichts Rechtes mehr anzufangen. Und als ich ratlos das blasse, unausgeschlafene Gesicht des Oberjägers betrachtete, stieg der Verdacht in mir auf: »Ob nicht der mich anlügt? Und der nette Peperl ist der Unschuldige?«

Wir traten auf die Straße hinaus. Ein Morgen, als läge graue Seide über allen Dingen. Und der reine Himmel in seiner Windstille drohte mit einem heißen Tag.

Ehe wir zu den Feldern kamen, sagte der Oberjäger plötzlich mit scharfem Akzent: »Wollen Herr Doktor nicht lieber dort jagen, wo wir gestern die sieben Kitten gehört haben?«

»Nein. Der Pepi hat dreizehn Kitten verhört. Da sind doch die Aussichten günstiger.«

»Wie Herr Doktor meinen.« Der Oberjäger drehte das müde Gesicht und schoß einen wütenden Blick nach dem Pepi, der frisch, fröhlich und zuversichtlich in den sich sonnenden Morgen guckte.

Eine Stunde hatten wir zu wandern, um das Feld zu erreichen, auf dem wir jagen wollten.

»Die erste Kitt«, sagte der Peperl, »muß gleich da drüben im Kleefeld liegen.«

Aber sie lag nicht da – und war überhaupt nicht zu finden.

Der Josef Aust schüttelte den netten Kopf. »Merkwürdig! Da muß in der Nacht wer durchs Feld gegangen sein.«

Doch auf dem Klee lag noch der unberührte Tau.

Genauso ging es mit der zweiten und der dritten Kitte, die der Peperl »nach aller Bestimmtheit« ansagte.

Endlich fanden wir ein Völklein Hühner, ein paar hundert Schritte von der Stelle, wo Pepi die vierte Kitte verhört haben wollte. Und als ein halbes Dutzend Hühner an Peperls Patronentasche baumelte, zeigte er das lachende Gesicht eines Triumphators. Um mir die Jagd zu erleichtern, rannte er unermüdlich Feld ein und aus. jeden glücklichen Schuß, den ich machte, pries er als ein Wunder weidmännischer Geschicklichkeit. Und je heißer der Tag sich anließ, um so frischer und flinker wurde der Peperl, während der Oberjäger sich immer müder und schlapper zeigte und bei der Mittagsrast am schattigen Waldsaum so fertig war, daß er keinen Bissen aß, sondern gleich die Augen zufallen ließ.

Der hatte nicht geschlafen in der vergangenen Nacht – das hätt' ich beschwören mögen. Aber wenn nicht in seinem Bett? Wo war er in dieser Nacht gewesen?

Allerlei Gedanken kreisten in meinem Kopf, während ich bald den schnarchenden Schläfer betrachtete, bald den frischen, munteren Peperl, der in seiner linden und einschmeichelnden Weise drauflosplauderte. Es fiel mir an ihm nur eines auf: daß er reichlicher schwitzte als sonst, und daß er von einem unstillbaren Durst gequält war. Seit dem Morgen hatte er das so getrieben: wo ein Wässerlein rann, da hatte er sich niedergeworfen und in gierigen Zügen getrunken, wie ein Wüstenwanderer, der nah am Verschmachten ist.

Aber dieses durstige Elend trocknete seinen Humor nicht aus. Und als ich die Mittagsruhe aufhob und den Oberjäger weckte, sagte der Peperl mit Lachen: »Passen S' auf, Herr Doktor, jetzt, am Nachmittag, da kracht's! Neun Kitten haben wir noch. Und die sind sicher! «

Fünf Stunden stolperten wir über die Felder und fanden auch nicht ein einziges Völklein Hühner.

»Aust! Entweder haben Sie gestern abends an Halluzinationen gelitten, oder Sie sind ein Schwindler, wie mir ein zweiter im Leben noch nicht vorgekommen ist.«

Er schwieg, ließ die Unterlippe hängen und warf einen vorwurfsvollen Blick auf den Oberjäger.

Als wir dann in der roten Dämmerung dem Kronsteiner Wirtshaus zuwanderten und der Oberjäger vorauseilte, um Quartier und Nachtmahl zu bestellen, guckte der nette Kerl mit düsterer Miene vor sich hin auf den Weg und schüttelte immer wieder den Kopf. Und plötzlich tat er einen tiefen Seufzer, blieb stehen und sah mich bekümmert an. »Herr Doktor! Hexereien gibt's keine. Aber Gemeinheiten gibt es. Gestern am Abend hab ich die dreizehn Kitten vernommen, so deutlich, wie der Herrgott das Weltradl laufen hört. Auf Ehr und Seligkeit, das ist wahr! Und ich kann mir nur denken, daß mir irgend jemand das zum Possen getan hat und ist in der Nacht mit dem Hund über die Felder geloffen und hat mir die ganzen Kitten ausgestöbert, daß ich bei meinem geehrten Jagdherrn in Verschiß komme.«

Das war eine irrsinnige Hypothese – aber ich mußte doch an die Müdigkeit und Schlafsucht des Oberjägers denken.

Ein vergnügter Lärm klang uns entgegen. Und der Oberjäger kam mit der Meldung: »Herr Doktor, schlecht schaut's aus mit dem Platz im Garten. Bloß ein halber Tisch ist noch frei.«

Der kleine Wirtsgarten, unter dessen Laubkronen die Windlichter in den großen Glaskugeln leuchteten, war angefüllt mit Ausflüglern und Wiener Sommergästen, die den schönen Abend heiter genossen. In einem dunklen Winkel wurde zu den Klängen einer Ziehharmonika lustig gesungen.

An dem Tisch, zu dem uns der Oberjäger führte, saßen zwei junge Frauen und zwei Kinder – ein blondes, rundes und gemütliches Weiberl, dem das siebenjährige Bübchen zu gehören schien, und ein schlankes, hübsches schwarzhaariges Frauchen, das von quecksilberner Lebendigkeit war und ein fünfjähriges Mädchen flink auf den Schoß nahm, um uns bequemeren Platz auf der Bank zu machen. Man riet auf eine Ungarin, während man der rundlichen Blonden gleich die Wienerin ansah.

Wir wünschten guten Abend, und das Gespräch begann mit leeren Redensarten zu tröpfeln. Doch der nette Peperl, der dem quecksilbernen Frauchen gegenüber und neben der gemütlichen Blonden saß, brachte bald eine muntere Konversation in Gang, indem er zuerst mit den Kindern scherzte und dann seine drohigen Späße mit den Müttern machte. Auch seine düstere Miene hellte sich hurtig auf, und der Kummerblick, mit dem er mich vor einer Weile noch angetrauert hatte, verwandelte sich in ein liebenswürdiges Augenleuchten.

Dem Oberjäger fielen schon während der Mahlzeit halb die Lider zu. Ich quälte mich mit dem zähen Rostbraten und achtete nur wenig der animierten Unterhaltung, die der nette Peperl da in flottem Lauf erhielt. Es fiel mir nur auf, daß die blonde Wienerin plötzlich schweigsam wurde und ein bißchen von Pepi wegrückte, während das schwarzhaarige Frauchen immer lebhafter und lustiger plauderte.

Dabei bekam ich zu hören, daß die Blonde die Frau eines Wiener Beamten, die Schwarze die Frau eines Kaufmannes in der Leopoldstadt wäre; vor einigen Tagen wären sie nach Kronstein in die Sommerfrische gekommen, hätten ganz in der Nähe des Wirtshauses ein kleines, einsam stehendes Bauernhäuschen gemietet, und hier wollten sie mit den Kindern schöne Landwochen verbringen.

Als ich mit dem Nachtmahl fertig war, erhob ich mich. »Es ist Zeit, daß wir schlafen gehen. Wir müssen morgen vor dem ersten Licht heraus. Um halb vier Uhr will ich geweckt werden.«

Ich bekam eine muffige Kammer mit schlechtem Bett – die beiden Jäger, für die im Hause kein Platz mehr war, sollten in der Scheune nächtigen und über eine Leiter zum Heuboden hinaufsteigen.

Lange fand ich keinen Schlaf. Draußen im Garten wurde gelärmt und gedudelt bis spät in die Nacht hinein. Als endlich die Ziehharmonika schläfrig wurde, fielen auch mir die Augen zu.

Es war noch dunkel, als ich erwachte, ohne daß ich geweckt worden wäre. Ich zündete Licht an und sah nach der Uhr. Halb vier vorüber! Die Jäger hatten verschlafen. Rasch machte ich mich fertig für die Jagd und ging unter dem Glanze der Sterne in die Scheune hinüber.

»He! Was ist denn! «

Droben im Heu die schlaftrunkene Stimme des Oberjägers: »Jesus Maria! Ich bitt um Entschuldigung, Herr Doktor! « Es rumpelte auf dem Heuboden. »Aust! Aust! Aust! Himmelsakrament, wo ist denn der Aust?« Ein Geraschel im Heu. »Mar' und Josef! Der wird doch net erstickt sein! Aust! Aust! Aust!« jetzt ein verdutzter Laut. »O du verfluchter Strohsack!« Im Dunkel der Scheune glitt etwas Schwarzes über die Leiter herunter. Der Oberjäger stand vor mir, und ich hörte, wie seine Hacken aneinanderschlugen. »Herr Doktor! Habe gehorsamst zu melden, daß dieser Aust nicht da ist.« Seine Stimme zitterte vor Wut.

»Der Aust nicht da? Wo soll er denn sein?«

»Seien Sie nur ganz ruhig, Herr Doktor! Der Aust muß her!« Mit diesem kategorischen Imperativ stürmte der Oberjäger zur Scheune hinaus.

Ich wurde neugierig und marschierte hinter ihm her. Etwa hundertfünfzig Schritte ging es neben einem schmalen Bachlauf durch den ergrauenden Morgen. Zwischen Birnbäumen stand ein kleines, einstöckiges Häuschen, dessen Giebel sich schwarz gegen den fahlen Himmel hob, an dem die Sterne zu erlöschen begannen.

»Himmelsakrament!« klang im Obstgarten die Stimme des Oberjägers. »Wo klopf ich denn jetzt da? ... Ah, was! «

Ein Fenster klirrte. Und ich trat an den Zaun.

Im Haus eine scharfe Frauenstimme: »Was ist denn das für ein Unfug?«

Dann die Frage des Oberjägers, mit energischem Klang: »Bitte? Ist der Jäger Aust nicht hier?«

»Aber das ist doch eine Unverschämtheit! Was glauben Sie denn? Glauben Sie vielleicht ... «

Weiter war die empörte Stimme nicht zu hören. Denn sie wurde in der dunklen Stube drinnen von dem sanften Organ des netten Kerls unterbrochen: »Sei gut, Bruder! Ich komm gleich! «

»Himmelsakrament!« fluchte der Oberjäger. »Das geht aber doch über den Schellenkönig.« Er trat auf den Weg heraus und sah mich stehen. Und stotterte erschrocken: »Prosit, Herr Aust!«

Aber die Sache hatte allzuviel Komisches an sich, als daß ich sie hätte ernst nehmen können.

Wir warteten unter dem schwarzen Laubdach eines Birnbaumes. Die Haustür quiekte. Und der nette Kerl kam durch die Dämmerung dahergesaust, in der einen Hand das Gewehr. Mit der anderen knöpfte er die Weste zu. »Da bin ich, Bruder!« Ganz heiter klang das. »Ist der Gottsoberste schon auf?«

Ich sagte: »Ja, Peperl!«

Dem netten Kerl verschlug es die Sprache.

»Und Sie, mein verehrter Herr Aust, Sie können sich meinetwegen wieder niederlegen! Ich und der Oberjäger, wir gehen jagen. Tu, felix Austria, nube!«

Der Josef guckte ratlos drein – vermutlich, weil er nicht Latein verstand. Und wie eine Salzsäule blieb er unter dem Birnbaum stehen, während ich mit dem Oberjäger davonging.

Durch ein langes Wiesental wanderten wir beide im grauen Morgen einem Buchengehölz entgegen.

Aber die Psychologie dieser Nachtgeschichte wollte ich klarstellen. Und fragte: »Hat denn der Josef dieses Frauenzimmer schon früher gekannt?«

»Gott bewahre! Die hat er gestern am Abend zum erstenmal gesehen. Ich kann mir gar nicht denken, wie er das angestellt hat. Er ist doch mit dem Herrn Doktor vom Tisch weg und ist mit mir ins Heu hinaufgestiegen. Aber jedesmal geht das so! Es ist rein zum Teufelholen mit dem Kerl. Ich weiß gar nicht, wie er's macht. Wo ein Zöpfl hängt, da ist er dahinterher ... heute rot, morgen tot! Und das hab ich noch nie erlebt, daß er bei einer abgefahren ist. Bloß hinheben darf er das süße Leimrütl, und es hockt schon eine drauf. In der ganzen Gegend sind die Weibsbilder wie verrückt auf den Pepi. Da geht's ihm grad wie bei den Schnaken. Er muß so ein süßes Blut haben. Grad alle fliegen s' auf ihn her! Schauderhaft ist das! «

Der Zorn, mit dem der Oberjäger das herausprasselte, erheiterte mich. Dann klangen Schritte hinter uns. Und als ich mich umguckte, sah ich den Peperl einhermarschieren.

Zögernd kam er angeschlichen, geknickt und zerknirscht. So muß der Urvater der Menschen aus den Stauden getreten sein, als der Herr ihn fragte: Adam, wo bist du?

Mit feuchten, sanft flehenden Augen sah der nette Kerl mich an. »Ich bitte, Herr Doktor ... «

»Peperl! Ihre Weste ist schief zugeknöpft.«

Er ließ die Unterlippe hängen, brachte die schiefe Sache in Ordnung und sagte im molligsten Register seiner linden Stimme: »Herr Doktor, bitte, verzeihen Sie mir diese Verfehlung. Es war doch auch das erstemal, daß ich mir was zu Schulden hab kommen lassen.«

»Das erstemal? Na, mein verehrter Herr Aust, Ihr Einmaleins scheint mit dem Neuner anzufangen.«

»Ach, sehen Sie, Herr Doktor, man ist doch nur einmal jung.«

»Ganz richtig! Doch ist das noch ein Unterschied: ein junger Mensch oder ein junger Hund. Aber was gehen mich schließlich Ihre Weibsbildergeschichten an. Nur will ich nichts merken davon. Und ich rate Ihnen, für die Zukunft doppelt pünktlich im Dienst zu sein.«

Als ich dem Peperl den Rücken kehrte, konnte ich noch bemerken, wie seine Brust unter der grünen, schön zugeknöpften Weste erleichtert aufatmete.

Der Oberjäger schien mit dieser friedlichen Lösung des Konflikts nicht einverstanden; denn er zeigte ein brennrotes, fuchsteufelswütiges Gesicht – ein Gesicht, als wäre ihm in dieser Stunde der übelste Possen seines Lebens gespielt worden. Das verstand ich nicht, und die Sache machte nüch nachdenklich, um so mehr, weil der gute Peperl, der doch mancherlei Ursachen zu einer tristen Stimmung gehabt hätte, im Handumdrehen wieder der nette, frische, liebenswürdige Frohling war wie immer. Er plauderte mit seiner rahmigen Stimme, daß mir ganz lind in den Ohren wurde – und auch wieder weich um die strenge Jagdherrnseele. Schließlich sagte er: »jetzt muß ich aber das Schnaberl halten. Wo der Bock stehen könnt, das ist nimmer weit.«

Der Rehbock stand nicht auf der Wiese, auf der wir ihn vermutet hatten. Er mußte schon in die Dickung eingewechselt sein; wir waren zu spät gekommen. Und der Oberjäger machte sich auf, um den Bestand einzukreisen und die Fährten abzuspüren.

Der Peperl blieb bei mir in dem Wiesental zurück und stand bis über die Knie in dem tauigen Gras. Wir schwiegen. Und immer mußte ich ihn angucken. Dieser Forscherblick schien den Peperl ein bißchen zu belästigen. Er lächelte verlegen und bewegte unter der Joppe die Schultern, wie einer, der ein leises Jucken spürt.

Ich sagte: »Peperl! Peperl! «

Er wurde rot wie ein junges Mädchen, das einen Scherz nicht versteht und doch einen bösen Sinn dahinter wittert.

»Josef! Ich sehe gern alle Dinge klar. jetzt sagen Sie mir ehrlich, ob Sie diese kleine Frau von gestern schon früher gekannt haben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Aber zum Kuckuck! Die kleine Frau sah doch nicht aus wie eine, die sich von gestern auf heute wegwirft. Was haben Sie denn da getrieben? Ich hab doch nichts bemerkt?«

Ein wohlwollendes Lächeln kräuselte seinen hübschen Mund. »Mein, ich hab sie halt so angeschaut. Das hat gleich gezunden. Und wir haben ... no, da haben wir uns halt so verständigt. Die Blonde, die hat's gemerkt. Ich hätt ein bißl vorsichtiger sein sollen. Denn die Blonde wär eigentlich die Nettere gewesen.«

Das sagte er so drollig, daß ich den sittlichen Standpunkt verlor und loslachen mußte. »Und so machen Sie das immer?«

Er hob die Schultern ein wenig. »Wenn's geht.«

»Und da heißen Sie Josef? ... Aber wenn die Weibsleute so auf Sie zufliegen wie die Schnaken? Wie kommen Sie denn da immer wieder los?«

Nicht oft in meinem Leben hab ich ein so klug vergnügtes Schmunzeln gesehen, wie es der Josef Aust bei dieser Frage zeigte.

»Herr Doktor, da hab ich ein Rezept. Wenn ich genug hab, wart ich immer, bis sich das Frauenzimmer ins Unrecht setzt. Das geht oft geschwind. Einer jeden schießt einmal die Gall ein, und da sagt sie was, was man nicht sagen soll, oder tut was, was man nicht tun soll. Und dann baum ich auf in aller Ruh und sag: ›Du, das geht nicht, ich bin ein Mensch, der Ehr im Leib hat, und so was laß ich mir nicht sagen!‹ Und nachher tu ich einen Seufzer, als hätt's mir weh getan in der tiefsten Seel. Und sag: ›Wie schad! Aber jetzt muß es aus sein!‹ Da hat nachher jede noch Respekt vor mir. Und noch jede ist mir freundschäftlich gut geblieben. Ich hab noch nie einen Verdruß gehabt. Man muß halt wissen, wie Gott die lieben Weiberln urganisiert hat! ... Aber ich red nicht gern von solchenen Sachen. Hab's eh nur getan, daß mir der Herr Doktor wieder gut ist.«

Er lächelte mich liebenswürdig an und schien nicht zu bemerken, daß er sich gründlich über den Eindruck täuschte, den seine fünfundzwanzigjährige Lebensweisheit auf mich gemacht hatte.

»Und die liebe, nette Kleine«, sagte ich, »die mir vorgestern abends auf dem Felde entgegengelaufen ist? Hat sich die auch schon ... ins Unrecht gesetzt?«

Zu einer Antwort kam es nicht. Denn der Oberjäger brachte die Meldung, daß der Rehbock sicher in der Dickung stünde. »Da, über die Wiesen, geht der beste Wechsel. Den anderen Wechsel, im Hochholz drüben, muß der Aust verstellen. Und wenn der Aust ordentlich aufpaßt, bring ich den Bock schön sauber her. Haben S' nur Geduld, Herr Doktor! Und Weidmannsheil!«

Die Jäger zogen ab.

Als ich allein war, dachte ich: »Wenn ich über das schmale Wiesental hiniibergehe und mich droben auf dem Gehänge an den Waldsaum setze, hab ich besseren Ausschuß und weiteren Überblick.«

Ich ging hinüber und stieg über den Hügel hinauf. Da konnte ich die lehnige Dickung, in die der Rehbock eingewechselt war, gut übersehen. Und schön war das: wie die Morgensonne mit ihrem Gold das Gewirre der jungen Buchenstauden anschlug, während im Tal die schattige Wiese fein zu dampfen begann.

Drüben auf der Lisiere zwischen der Dickung und dem Hochwald sah ich die beiden Jäger hinaufsteigen, sah, wie der Pepi seinen Platz einnahm und wie der Oberjäger weitervvanderte.

Kaum war der nette Kerl allein, da stellte er sein Gewehr an eine Buche, streckte sich behaglich im Moos auf den Rücken aus, zog als Schnakenschutz den Hut übers Gesicht und verschränkte die Hände hinter dem Nacken.

Eine halbe Stunde später wechselte, zehn Schritte vom schlummeroden Peperl entfernt, der Rehbock aus der Dickung. Und weil der Bock kein Frauenzimmer war, begann er natürlich zornig zu schmälen, als er das süße Blut des Pepi witterte. Der ganze Hochwald hallte von diesem Geblöcke. Doch der nette Kerl erwachte nicht.

Als sich der Oberjäger mit wütendem Gesicht aus den Stauden herausschob, fing er gleich zu fluchen an: »Himmelsakrament! Was muß denn der Aust schon wieder gemacht haben?«

»Der liegt im Schatten und schnarcht. Kommen Sie! jetzt lassen wir ihn liegen. Ich hab ihn satt, diesen netten Kerl! «

Um die Mittagsstunde saßen wir beide im Kronsteiner Wirtsgarten. Die zwei jungen Frauen erschienen mit ihren Kindern. Doch bei unserem Anblick machten sie vor dem Gartenpförtchen wieder kehrt.

Der Oberjäger sagte trocken: »Mir scheint, die haben Dreck am Stecken.«

Ein Weilchen später kam der Peperl angerumpelt. Der Schlummer hatte ihm augenscheinlich nicht gut angeschlagen – sein Gesicht war blaß, und seine glanzlosen Augen hatten eine stumpfe Müdigkeit. Er trat aufgeregt an unseren Tisch heran und rief im Ton eines empörten Gemütes: »Aber Herr Doktor! Herr Doktor! Warum sind Sie denn nicht auf dem Stand geblieben? Ich hab Ihnen den Rehbock hergebracht auf den schönsten Schuß.«

»So?« sagte ich. Und der Oberjäger bewahrte eine kühle Ruhe; es zwinkerte nur um seine Augen.

»Ja! Mit dem Hut hätten S' ihn niederwerfen können.« Und in einem Sturzbach von Worten erzählte der Peperl: Der Bock wäre bei ihm ausgebrochen, trotz aller Wehrkünste, und da hätte er, der Pepi, das Wild in der nächsten Dickung umgangen und hätte den Bock mit einer Menschengeduld und Jägerpfiffigkeit ohnegleichen wieder auf mich zugedrückt. »Hergesprungen ist er auf Ihren Stand, grad umblasen hätten S' ihn können. Aber der Herr Doktor? Guten Morgen! Wo ist der Herr Doktor?«

»Aust!« In mir machte die Galle einen Purzelbaum. »So was ist mir im Leben noch nicht vorgekommen. Sie sind doch wirklich ein ganz unglaublicher Kerl! «

Verdutzt sah er mich an. »Ich? Wieso, Herr Doktor?«

»Jetzt stecken Sie aber ein mit Ihrer Nettigkeit!«

»Um Gottes willen, was soll ich denn schon wieder verschuldet haben?«

»Sie unverschämter Patron! Wenn ich doch selber durchs Glas gesehen habe, daß Sie droben im Wald gelegen sind und geschlafen haben wie eine Ratte!«

Der nette Kerl errötete zart, sah mich kummervoll an und sagte sanft: »Herr Doktor! Bitte zu bedenken ... ich habe doch heut die ganze Nacht kein Auge zugetan! «

Es kostete mich Überwindung, nicht laut herauszulachen. Aber die strenge Tonart war angeschlagen; ich mußte sie weiterführen. »Dann gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich aus! Augenblicklich! Und das Gewehr hängen Sie an den Nagel! Wenn ich nach Hause komme, reden wir weiter. Adieu! «

Er studierte ein Weilchen, ob da nicht was Kluges und Rettendes noch zu sagen wäre. Dann schüttelte er schwermutsvoll den hübschen Kopf, ließ die mollige Unterlippe hängen und ging seiner Wege.

Der Oberjäger streckte die Fäuste hinter sich und atmete auf. »Gott sei Lob und Dank!« Aber dann sagte er: »jetzt tut er mir eigentlich leid!«

Am Nachmittag, als wir beide eine von den Rebhühnerkitten suchten, die der Pepi verhört haben wollte, sprach der Oberjäger immer wieder von den grünen Ohren und der dummen Hundsjugend des netten Kerls und suchte mich zu versöhnlicher Nachsicht zu stimmen. Das gelang ihm auch. Ich wollte unter strenger Zügelführung noch einen letzten Versuch wagen.

Doch als wir heimkamen, war der Pepi nicht da. Es wurde finster, und der Josef kam nicht. Der Morgen glänzte, und von dem netten Kerl war noch immer nichts zu sehen.

Beim ersten Grau hatte sich der Oberjäger auf die Suche gemacht –mit dem üblichen: »Himmelsakrament!«

Früh um sieben Uhr kam er in meine Stube, kreidebleich über das ganze Gesicht, und brachte das Gewehr des Josef Aust.

Ich erschrak. Doch bei einiger Überlegung hätt' ich mir diesen Schreck ersparen können.

Der Oberjäger stellte sich vor mich hin und schlug die Hacken aneinander. »Habe zu melden, Herr Doktor, daß dieser Aust gestern nachmittags um drei Uhr beim Roten Hahn zugesprochen hat. Und da ist er gesessen und hat gesoffen bis heut in der Früh um drei. Und nicht bezahlt, natürlich. Bis man ihn hinausgeworfen hat. Und da ist er in den Wald gegangen. Und da hat ihn der Wiesbauer gefunden. Wie ein Schwein! Und hat ihm das Gewehr weggenommen, daß es ihm keiner stiehlt. Bitte, Herr Doktor ... hier ist das curpos dilecti.« Er legte ernst das Gewehr des Peperl auf den Tisch.

»Gut! Schluß und fertig! Aus mit der Nettigkeit! Wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat, bezahlen Sie ihm zwei Monate. Dann Marsch!«

Da wurde der Oberjäger wie ein Rasender und hob die Fäuste gegen die Stubendecke. »Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank! Jetzt bin ich erlöst! Vier Monate hab ich mit diesem Menschen durchgemacht ... einfach schauderhaft! So viel gut bin ich diesem Kerl gewesen! Aber jetzt muß ich schon alles heraussagen. Und wenn es mich gleich meinen Dienst kostet. Denn ich habe vor meinem Jagdherrn gelogen und vertuschelt und verplempelt die ganze Zeit her.«

Er schöpfte Atem.

»Herr Doktor! Sehen Sie, das hat schon angefangen am ersten Tag. In Wien drinnen hat der Pepi die zwanzig Gulden Vorschuß durchgehaut mit solchenen Frauenzimmern. Damit er nicht gleich am ersten Tag schon geschaßt wird, hab ich lügen müssen; daß es der Neunte war. Hosensackblank ist er zu mir herausgekommen. Und mit dem Geld, das ihm der Herr Doktor dann gegeben hat, ist er in dritthalb Tag wieder fertig gewesen. Und jeden Monat ist das so gegangen: heut hab ich ihn ausbezahlt ... übermorgen: hosensackblank. Und jeden Tag seinen Rausch, wie der Pfarrer die Meß liest! Kaum ist der Herr Doktor im Bett glegen, ist der Pepi beim Faßl gesessen. Die einzigen Nächt, wo er nicht gesoffen hat, sind nur die gewesen, wo er bei den Weibsbilder gelegen ist. In der ganzen Gegend, in jedem Wirtshaus, hat er Schulden wie Heuschober. Gepredigt hab ich ihm wie ein Kapuziner, ein Loch hab ich ihm in den Bauch geredt. Und nicht's hat's geholfen. Aber wenn er so gekommen ist, hosensackblank und mit dem lieben Schlappgöscherl und den gutmütigen Augen, da hab ich mich allweil wieder erbarmen müssen.

Meine Frau, die narrische Gans, hat ihm auch allweil die Stang gehalten. Aber die ist noch eher gescheit geworden als ich ... weil's ihr zu dumm geworden ist, wie uns der Pepi in die Kästen und in die Schüssel greift.«

Der Oberjäger schwieg ein paar Sekunden und griff mit der zitternden Hand an seinen Hinterkopf.

»Einen Koffer hat er doch nie bekommen. Der Onkel und so weiter, das ist doch alles erstunken und erlogen gewesen. Von mir hab ich ihm ein Gewehr gegeben ... hier liegt es als curpos dilecti am Tisch ... meine Sonntagsmontur hat er getragen und verschlampt, meine Stiefel hat er krumm getreten, meinen Tabak hat er geraucht, in mein Bett hat er sich hineingeflackt ... und wenn er hosensackblank war, hat er den halben Monat bei mir gegessen und hat sich immer die besten Bröckerln aus der Schüssel herausgestochen. Und daß er nur halbwegs seinen Dienst macht, hab ich ihn allweil hüten müssen wie eine läufige Hündin. Was ich da durchgemacht hab, das war einfach schauderhaft! Und daß es der Herr Doktor nur wissen ... das schwarze Manndl neulich am Abend, wie das nette, liebe Mädel auf uns zugelaufen ist ... das schwarze Manndl, das der Herr Doktor gesehen haben, das ist natürlich dieser Aust gewesen. Besoffen wie ein Schwein! Und wie der Herr Doktor im Bette war, bin ich hinausgelaufen und hab den Kerl nach Haus geschleift und hab ihn in Gottes Namen wieder in mein Bett gelegt. Und die ganze Nacht bin ich herumgesprungen und hab dem Pepi seinen Hut und sein Gewehr gesucht ... bitte, hier liegt es als curpos dilecti auf dem Tisch. Und in der Früh, wie ich hin und fertig war, ist der Pepi frisch gewesen wie ein Röserl und hat den Herrn Doktor eingeseift mit den dreizehn erstunkenen Hühnerkitten. Eine Gesundheit hat er ja wie ein Roß! Ich hab mich hundertmal gefragt: wie ist denn das möglich, daß ein Mensch das aushalt und allweil rote Backerln hat, und allweil lieb Äugerln und allweil ein süßes Göscherl, nach dem die Weibsbilder schnappen wie ein Karpf nach dem Honigwuzerl. Nett hat er sein können, das ist wahr. Wenn er mögen hat, da hat's keinen lieberen Menschen gegeben als den Pepi. Schad ist drum! Und wenn ich dran denk, daß er jetzt da draußen liegt im Holz, wie ein Schwein, da tut er mich völlig erbarmen. Und schauen Sie! Herr Doktor ... «

Ohne den Satz zu vollenden, machte der Oberjäger kehrt und schoß zur Tür hinaus.

Auch ich hatte ein dringendes Verlangen nach frischer Luft und nahm meine Büchse, um in den Wald hinauszubummeln.

Auf der Straße begegnete mir langsam eine Kutsche, die in der Richtung gegen die Bahnstation hinausfuhr. Regunglos in die Ecke des Lederpolsters geschmiegt, saß jenes feine, liebe Mädel in dem Wagen, mit brennenden Wangen und verweinten Augen, auf dem kleinen Lodenhütl eine schillernde Fasanenfeder. Diese Feder war wohl ein Geschenk des netten Kerls? Und neben dem Mädel saß eine ältere Frau mit bleichem und verhärmtem Gesicht.

Ich zog den Hut. Aber von den beiden dankte keines für meinen Gruß.

Es wurde mir wohler, als ich in die leuchtende Kirche des Waldes trat. Ans Jagen dachte ich nicht. Immer wanderte ich so zu. Oder ich streckte mich eine Weile nieder, wenn ich ein schönes Plätzchen fand. Und Stunde um Stunde beschäftigte mich der Gedanke, warum das sein muß, daß die Natur, wenn sie Geschöpfe bildet, manchmal alle schrnucksten und zärtlichsten Farben von ihrer Palette nimmt, um einen üblen Kern gewinnend zu übertünchen? Das macht sich auch so bei der Kupfematter, die eines der schönsten und graziösesten Tiere der Erde ist. Und als ich noch ein Knabe war, hab ich zwei Kinder sterben sehen, weil sie von den glänzenden Tollkirschen gegessen hatten. So oft ich dann in den Wald kam und eine Staude mit diesen leuchtenden Beeren sah, hab ich sie in Wut mit einem Stecken zerschlagen. An solche Beeren erinnerten die Augen des netten Kerls, wenn sie ihren gesteigerten Glanz hatten. Nur war mir das früher nicht aufgefallen – bevor ich nicht das liebe Kind sah, das vergiftet war. Es war um die zweite NachMittagsstunde, als ich unter solchen Gedanken auf einem Moosblock saß und gern die Natur verbessert hätte.

Da machte ein Geräusch mich aufblicken.

Ganz gemütlich zottelte der Peperl auf einem Waldweg einher. Sinnierend ließ er den Kopf und die mollige Unterlippe hängen und guckte vor sich hin. Jetzt sah er mich und stutzte einen Augenblick; dann begann er lebhaft mit beiden Armen zu fuchteln und rannte auf mich zu. »Gott sei gesegnet und gebimmelt! Ja weil ich nur Sie find, Herr Doktor!«

»So? Was beliebt?«

»Denken Sie nur, Herr Doktor, was mir passiert ist! « Und mit hurtigem Gesprudel begann er loszuschwatzen. Und greulich sah er aus. Der Oberjäger hatte nicht übertrieben: wie ein Schwein! Als hätte man den Peperl durch eine Lehmgrube gezogen. Doch dieser Mangel an Nettigkeit zeigte sich nur an seinem Gewand. Sein Gesicht war frisch und rosig, wie das Gesicht der Unschuld ist, wenn sie aus süßem Schlaf erwacht. Und bei aller Aufgeregtheit, mit der da der Peperl seine Geschichte vorbrachte, behielt seine Stimme noch immer jenen linden, einschmeichelnden Glockenton.

Eine halbe Stunde lang erzählte er, mit Einzelheiten, wie sie ein anderer nicht erfinden kann, sondern erleben muß.

Gestern, am Nachmittag, als er »gestreng nach meinem Befehl« den Heimweg angetreten, hätte er den Wallner, einen mehrfach abgestraften Wilddieb, gegen die Buchendickungen der Hohenwarte hinaufschleichen sehen. »Pflichtschuldigst« hätte er sich gleich gedacht: »da muß ich nachschauen!« Und richtig – als er hinaufgekommen, hätte er ein Reh in der Dickung klagen hören. Doch während er diesen »Schmerzeslauten« nachgegangen, wäre die Rehgeiß in der Schlinge verendet. »Geh's jetzt, wie's will, jetzt muß ich passen auf den Lumpen!« Bei diesen Worten hatte der Peperl den Augenblitz eines Helden, der ganz für sich allein eine feindliche Festung stürmen will.

»Die ganze Nacht bin ich vor dem armen Viecherl in den Stauden gehockt und hab auf den gottvermaledeiten Schuft gepaßt. Und gählings, wie es so ein bißerl grau ums Tagwerden hergangen ist, da sind von hinten drei Kerle auf mich hergefallen ... «

»Haben Sie denn die Kerle nicht kommen hören?«

»Nein, Herr Doktor! Es könnte möglich sein, daß mir die Augen ein bißerl zugefallen sind ... weil ich doch in der letzten Nacht zu keiner Ruh gekommen bin. Herr Doktor wissen ja! Aber wie die drei mich so von hinten packen, spring ich auf und reiß mein Gewehr in die Höh ... «

Jetzt kam die Schilderung eines fürchterlichen Kampfes, so anschaulich und spannend gemalt, daß es mir kalt über den Rücken lief, obwohl ich wußte, daß die ganze Geschichte erlogen war – oder, wie der Oberjäger zu sagen pflegte: erstunken!

»Wie ein Stier hab ich um mich geschlagen. Aber drei sind stärker wie einer! Herr Doktor, da kann ich nichts dafür.«

Und wie die drei Stärkeren ihn zugerichtet hätten, das wäre noch jetzt mit »erschreckender Deutlichkeit« an ihm zu sehen.

»Ohnmächtig bin ich dagelegen, ich weiß nicht, wie lang. Und wie ich aufgewacht bin, da ist mein Gewehr beim Teufel gewesen, mein Geldbeutel und die Rehgeiß! ... Herr Doktor! Drei sind stärker wie einer. Aber ich habe meine Pflicht getan. Das werden Sie mir zubekennen müssen.«

Ich überlegte einen Augenblick. Und es widerstrebte mir, diesem Helden der Pflicht ein Wörtchen zu sagen, das möglicherweise auf seine Tränendrüsen hätte wirken können. Helden sieht man nicht gerne weinen.

»Ja, Peperl! Heut hab ich Respekt vor Ihnen! «

Er fiel mit dem Ton ein bißchen aus der Rolle. »Gott sei Lob und Dank! « Wie mollig und nett, wie gläubig und froh das klang! Und wie beerenschön ihm die Augen glänzten!

»Und da gehen Sie nur flink nach Hause und melden Sie die Geschichte dem Oberjäger! Denn da muß was Energisches geschehen. Noch heute! Und ziehen Sie saubere Kleider an... damit Sie wieder der nette Kerl sind, der Sie immer waren.«

»Jawoll, Herr Doktor! « Er stellte sich stramm und schlug, wie es der andere zu machen pflegte, scharf die Hacken aneinander. Dann ging er hurtig davon, wie in Sorge, daß ich noch eine unbequeme Frage stellen könnte.

Als ich am finsteren Abend unter dem Glanz der Sterne heimkam ins Jagdhaus, war der Josef Aust schon expediert – aber noch nicht verschwunden. In seinem städtischen Anzug, mit den Röhrenstiefeln, stand er vor dem Zauntor auf der Straße. Scheu trat er auf mich zu. Aus dem Fenster meiner Stube fiel die Lampenhelle über sein Gesicht, auf dem die Tränen glitzerten. Und so lind und zuckrig hatte mir seine Stimme noch nie geklungen, wie jetzt bei dieser Frage: »Herr Doktor? Kann denn das wahr sein?«

»Was, Peperl?«

»Daß ich entlassen bin?«

»Ja, sehen Sie, mein netter Josef, drei sind eben stärker wie einer. Ihre Weibsbilderhetze, Ihr Suff und Ihre Verlogenheit, die drei sind stärker als der nette Kerl, für den ich Sie gehalten habe.«

»Verlogenheit? Ich? Und lügen?« Im Ton dieser Worte klang die zärtlichste seiner Harfen. »Das tu ich doch wahrhaftig nur, weil ich muß! Wenn ich nur das andere nicht hätt ... aber wo ich ein Frauenzimmer husten hör, muß ich rennen, und wo ich ein Faßl riech, da muß ich hocken bleiben. Nachher ist das Elend da. Und da lügt man halt, weil man sich wieder aus der Bredulli ziehen möcht. Das ist doch menschlich, Herr Doktor! «

»Menschlich, allzu menschlich! « Ich mußte lachen.

Und der Peperl flötete: »Herr Doktor! Sie sind mir doch allweil so gut gewesen?«

»Ja, Josef! Ich war Ihnen gut. Und jetzt will ich es machen wie die Frauenzimmer nach Ihrem Rezept. Ich will Ihnen in »Freundschäftlichkeit« gewogen bleiben. Adieu! «

Der Pepi fing laut zu weinen an. Da war mir nun der Held in Feuchtigkeit doch nicht erspart geblieben.

Am anderen Morgen hörte ich: der Josef Aust hätte die ganze Nacht beim Roten Hahn gekneipt und wäre von der Kellnerin geohrfeigt worden – das erstemal, daß er mit »Verdruß« von einem Frauenzimmer schied. Sein Rezept hatte ihn im Stich gelassen. –

Ich hörte späterhin, er wäre Gehilfe bei einem Geometer geworden. Aber aufs Maßhalten verstand er sich leider nicht. Dann war er zwei Monate Jäger bei einem Fürsten mit polnischem Namen, der auf »rski«, endete. Dann bekam er eine Stellung in der Dreherschen Brauerei. Aber die feuchte Herrlichkeit dauerte nur vier Tage. Und eines Abends erzählte mir der Oberjäger: »Denken S', Herr Doktor, der Pepi ist Beamter im Ministerium des Innern geworden und hat geheiratet.«

»Gegen wen?«

»Sie soll eine Wittib sein und soll was haben.«

Zwei Jahre später begegnete ich dem Josef Aust an einem Sonntag auf der Wiener Ringstraße. Er war nett gekleidet, sah frisch und rosig aus, hatte einen glänzenden Zylinder über den Ohren und eine weiße Nelke im Knopfloch. So ging er eingehängt in den Arm einer üppigen Frau, deren strenges Gesicht noch Spuren einstiger Schönheit zeigte.

Als er mich bei jener Begegnung erkannte, wurde er rot wie ein junges Mädchen, zog höflich den Hut, ließ die kirschrote Unterlippe hängen und sah mich schwermütig an. In diesem Augenblicke glich der nette Kerl allem anderen, nur keinem Giftgewächs des Lebens.

Und heute glaub ich auch nimmer, daß er eines war.








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