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Der Nabob. Band 3

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 3 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 3
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 22
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Die erste Aufführung der »Revolte«.

»Auf die Szene zum ersten Akt!«

Diese laute Mahnung des Regisseurs unten an der Treppe dringt bis in die Korridore, die von dem Geräusch auf und zu geschlagener Thüren, von eiligen Schritten, von verzweifelten Rufen nach dem Friseur und nach den Ankleiderinnen widerhallen, und mittlerweile erscheinen auf den Treppenabsätzen der verschiedenen Etagen alle Personen, die im ersten Akte der »Revolte« beschäftigt sind, langsam und majestätisch, den Kopf in steifer Haltung, um nur ja nichts an ihrem Aufputze in Unordnung zu bringen. Sie tragen alle moderne und elegante Ballkleidung, man hört das Knarren von neuem Schuhzeug, das Rauschen von seidenen Schleppen, das Klirren von Armspangen, die bei dem Zuknüpfen der Handschuhe zurückgeschoben werden. Das ganze Völkchen erscheint im höchsten Grade aufgeregt und blaß unter der Schminke, und über die wie Atlas schimmernden, sorgfältig mit Bleiweiß geschmückten Schultern geht ein leichter Schauer. Gesprochen wird wenig, die Zunge scheint am Gaumen zu kleben. Selbst diejenigen, die sich am sichersten fühlen, haben, trotzdem sie ein Lächeln zu affektieren suchen, in ihren Augen und in ihrer Stimme einen Ausdruck von Zerstreutheit, eben jenes Lampenfieber, das eins der mächtigsten Anziehungsmittel des Schauspielerberufs und seinen ewig jungen Reiz ausmacht.

Auf der Bühne gingen Maschinisten und Hilfsarbeiter geschäftig hin und her, sich drängend und stoßend – denn noch herrschte die dämmerige Beleuchtung der Lampen der Soffitten, die sich beim Aufgehen des Vorhangs plötzlich in das glänzendhelle Licht der Rampe verwandelt – während Cardailhac in schwarzer Kleidung mit weißer Halsbinde, den Hut verwegen auf einem Ohre, einen letzten prüfenden Blick auf die Aufstellung der Dekorationen wirft, die Arbeiter antreibt und der prächtig gekleideten, vor übermütigem Stolz strahlenden Naiven Schmeicheleien sagt. Kein Mensch würde vermuten, daß ihn schwere Sorgen bedrücken. Auch er ist in den Fall des Nabob verwickelt, der auch sein Unternehmen zu verschlingen droht; auf das Stück von heute abend hat er seine letzte Hoffnung gesetzt. Hat dasselbe keinen Erfolg, so wird er sich genötigt sehen, die prachtvollen Dekorationen und die herrlichen Stoffe zu hundert Franken den Meter unbezahlt zu lassen, und dann würde ihn das vierte Fallissement erwarten. Aber, nur getrost, unser Direktor hat Vertrauen. Der Erfolg ist der Jugend hold, und dieser unbekannte Autor, dessen Name zum erstenmal auf den Plakaten prangt, flößt diesem abergläubischen Spieler Vertrauen ein.

André Maranne ist seiner Sache freilich nicht so sicher. Je näher der Beginn der Vorstellung rückt, desto mehr verliert er das Zutrauen in sein Werk, und geradezu entsetzt ist er, als er durch die Oeffnung in dem Vorhange wie durch das Glas eines Stereoskopes in den Zuschauerraum blickt.

Das Haus ist, trotz des vorgeschrittenen Frühjahrs und der Vorliebe der guten Gesellschaft für eine verfrühte Villeggiatur, bis zur obersten Galerie gefüllt. Cardailhac, der ein geschworener Feind der Natur und des Lebens auf dem Lande ist und dessen Bemühungen stets darauf gerichtet sind, die Pariser so lange als möglich in Paris zurückzuhalten, hat ein ausverkauftes Haus, wie mitten im Winter, zu erzielen verstanden. Es war ein Gewimmel von fünfzehnhundert Köpfen unter dem Kronleuchter – alle in den verschiedensten Stellungen – aufrecht, übergebeugt und nach rückwärts gewendet, einige in den dunkeln Ecken kaum wahrnehmbar, andre hell beleuchtet, da die Thüren der Logen noch offen standen und die hellen Wände der Korridore das Licht zurückstrahlten. – – Das Publikum war dasselbe, wie bei allen ersten Aufführungen, dieser Ueberall und Nirgends, der im Sturme die besten Plätze in Beschlag nimmt, wenn sie ihm nicht durch Protektion oder irgend eine amtliche Funktion zufallen.

Im Parkett sah man in weit ausgeschnittenen Westen die Mitglieder von Klubs mit weithin leuchtenden Glatzen, breiten Scheiteln zwischen sparsam gesäten Haaren, mit hellen Handschuhen und erhobenen Operngläsern. Auf den Galerieen war ein Mischmasch von Leuten und Toiletten, alle bekannte Namen, die bei feierlichen Gelegenheiten dieser Art stets anzutreffen sind, und dann dieses unbehagliche Durcheinander, welches eine ehrbare Frau mit ihrem zurückhaltenden, keuschen Lächeln unmittelbar neben eine Phryne mit feurigen Blicken und geschminkten Wangen placiert. Da sieht man weiße und rosarote Hüte, Diamanten und unechten Schmuck. Oben in den Logen dasselbe Durcheinander: Schauspieler und Dirnen, Minister, Botschafter, berühmte Autoren und Kritiker, die mit gerunzelter Stirn sich in ihre Sessel zurücklehnen und das kühle Selbstbewußtsein von Richtern zur Schau tragen, die keiner Beeinflussung zugänglich sind. Die Vorderplätze sind vom Lichte grell beleuchtet und von bekannten Finanzbaronen in Beschlag genommen, neben ihnen ihre Damen mit weit ausgeschnittenen Kleidern und entblößten Armen, die von Geschmeide blitzen wie die Königin von Saba, als sie bei dem Könige der Juden zu Besuch war. Auf der linken Seite lenkt eine große vollständig leere Loge, die im Hintergrunde von einer maurischen Laterne erleuchtet ist, durch ihre bizarre Dekoration die Aufmerksamkeit auf sich. Ueber der ganzen Versammlung schwebt ein feiner Staub, das Geflimmer des Gases, dessen Geruch der unzertrennliche Begleiter aller Pariser Vergnügungen ist, und dessen Zischen in kurzen Absätzen, wie das Atemholen eines Schwindsüchtigen, das Spiel der entfalteten Fächer begleitet. Und nun dieser Ausdruck von Langeweile, von dumpfer Langeweile, die Langeweile derselben Gesichter, die stets auf denselben Plätzen in ihrer gesuchten oder nachlässigen Haltung zu sehen sind, jenes Einerlei der Gesellschaft, das schließlich Paris zu einem noch kleinlicheren Klatschnest macht, als selbst einen Ort in der Provinz.

Maranne bemerkte diese unlustige Haltung, diese überdrüssige Laune des Publikums sehr wohl, und indem er sich erinnerte, daß von dem Erfolg seines Stückes seine ganze Hoffnung auf eine bessere Zukunft abhing, fragte er sich mit beängstigtem Herzen, wie er es anzustellen habe, um diesen Tausenden seine Gedanken nahe zu bringen, wie er es möglich machen könne, dieselben ihrer Zerstreutheit zu entreißen und in dieser Menge eine einheitliche Idee zu wecken, die diese gleichgültigen Blicke zu fesseln vermöchte. Unwillkürlich suchte er nach befreundeten Gesichtern, nach einer Loge, in welcher sich die Familie Joyeuse befand: Elise und die kleinen Mädchen vorn, Aline und ihr Vater in der zweiten Reihe, es war ein reizendes Familienbild, das sich ausnahm wie ein frisches Rosenbouquet unter künstlichen Blumen. Und während das übrige Publikum mit verächtlicher Miene zu fragen schien: Was sind denn das da für Leute? hatte der Dichter sein Schicksal in diese kleinen zierlichen Hände gelegt, die für die festliche Gelegenheit neu beschuht waren, und die mit Vergnügen sofort das Signal zu Beifallsbezeugungen gegeben haben würden. Platz auf der Bühne! . . . Maranne hat nur die Zeit, sich rasch in eine Coulisse zu flüchten, und plötzlich hört er ganz in der Ferne die ersten Worte seiner Dichtung, die wie ein Schwarm scheuer Vögel unter dem Schweigen des großen Saales emporsteigen. Ein schrecklicher Moment. Wohin sollte er gehen, was sollte aus ihm werden? Sollte er da, gegen ein Versatzstück gelehnt, mit gespanntem Ohr und mit beklommenem Herzen stehen bleiben? Sollte er, der selbst so sehr der Ermutigung bedurfte, die Schauspieler ermuntern? Nein, lieber noch wollte er der Gefahr ins Gesicht sehen. Und nun schlich er leise durch eine kleine Thür, die mit dem Korridor, der nach den Logen führte, in Verbindung stand, nach einer Loge, die er sich behutsam öffnen ließ. »Pst! . . . ich bin's.« . . . Es sitzt dort jemand im Schatten, eine Dame, die ganz Paris kennt und die sich verbirgt. André setzt sich neben diese Dame, und, dicht aneinander geschmiegt, wohnen Mutter und Sohn, von niemand gesehen, der Vorstellung bei.

Anfangs herrschte ein allgemeines Erstaunen im Publikum. Das Théâtre des Nouveautés, das mitten auf den Boulevards lag und dessen Freitreppe sich im hellen Lampenlicht zwischen den Restaurants und seinen Klubhäusern stattlich präsentierte, dies Theater, welches man in kleiner Gesellschaft nach einem feinen Mittagessen bis zum Beginne des Soupers zu besuchen pflegte, um einen oder zwei Akte irgend eines gleichgültigen Stückes anzusehen, war unter der Leitung seines verschlagenen Direktors eins der besuchtesten Theater in Paris geworden. Es kultivierte nicht gerade ausschließlich ein oder das andre Genre, sondern nahm alle nebeneinander in das Repertoire auf, von der Zauberoperette, welche die Frauen entkleidet, bis zu dem großen modernen Drama, welches unsre Sitten dekolletiert. Cardailhac hielt vor allem darauf, seinen Titel als Direktor des »Théâtre des Nouveautés« zu rechtfertigen, und seit die Millionen des Nabob seinem Unternehmen zu Hilfe gekommen waren, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, den Bummlern der Boulevards die verblüffendsten Überraschungen zu bereiten.

Diejenige des heutigen Abends übertraf jedoch alle: Das Stück war in Versen geschrieben – und anständig.

Ein sittliches Stück!

Der alte Schlauberger hatte begriffen, daß es an der Zeit sei, einen solchen Coup auszuführen, und er hatte ihn ausgeführt. Auf das Erstaunen in den ersten Minuten, auf einige enttäuschte Ausrufe hier und da in den Logen: »Ach, was! Das Stück ist ja in Versen geschrieben . . .« begann der Reiz des erbaulichen und moralischen Stückes seine Wirkung auf das Haus zu üben, gerade als hätte man seine verbrauchte Luft durch eine erfrischende Essenz, durch ein nach bergentsprossenem Thymian duftendes Lebenselixier neu belebt.

»Ach! Wie wohl einem das thut, wie das erfrischt!«

So lautete der allgemeine Ausruf, Zeichen von Zufriedenheit und Wohlbehagen begleiteten jeden Vers. Auch der dicke Hemerlingue, der in seiner Parkettloge wie in einem mit Atlas ausgeschlagenen Troge keuchend saß, fühlte sich wohlthuend angeregt. Ebenso fühlte sich die lange Susanne Bloch, die à l'antique frisiert war, und deren Locken über ihr goldnes Diadem herausquollen; völlig befriedigt und erfrischt fühlte sich auch Amy Férat, die neben ihr saß und wie eine Neuvermählte ganz in Weiß gekleidet war und Orangenzweige in ihren à la chien frisierten Haaren trug!

Es waren im Theater eine Menge der verschiedenartigsten Geschöpfe versammelt, einige sehr stark, von einer Korpulenz, wie sie die Folge eines müßiggängerischen Lebenswandels zu sein pflegt, mit Doppelkinn und dummem Gesichtsausdruck, andre wiederum, trotz der Schminke, fast grünlich anzusehen, als ob sie in eine Kupferlösung getaucht wären, die man im Handel als »Pariser Grün« bezeichnet. Diese letzteren runzligen und verwelkten Gestalten suchten sich thunlichst im Hintergrunde ihrer Logen zu verbergen und ließen nur einen Teil eines weißen Armes oder eine noch wohlerhaltene Schulter blicken. Dann waren da auch noch einige entnervte spindeldürre Pflastertreter, die man derzeit als »petit crevés« bezeichnet, mit langen Hälsen und herabhängenden Lippen, die sich kaum aufrecht erhalten, kaum ein Wort zusammenhängend sprechen konnten. Und alle diese Leute brachen in denselben Ausruf aus: »Das Stück ist wirklich gut. Es thut einem ordentlich wohl. . . .«

Der schöne Moëssard murmelte dieselbe Phrase wie einen Refrain unter seinem kleinen blonden Schnurrbart, während seine königliche Freundin in der ersten Vorderloge diese Worte in ihre barbarische Muttersprache übersetzte; in der That, es war für alle diese Leute eine Erholung; freilich sagten sie nicht dabei, von welchem Ekel erregenden Geschäfte, von welcher selbst auferlegten Arbeit unnützer Müßiggänger. Das einstimmige Gemurmel des Wohlwollens fing an dem Theater den Charakter eines erfolgreichen Abends zu verleihen. Der Erfolg schien förmlich in der Luft zu liegen, die Gesichter der Darsteller nahmen einen zuversichtlichen Ausdruck an, die Schauspielerinnen erschienen durch die Rückwirkung des Enthusiasmus, der ermunternden Blicke und der Bravorufe wie verschönt. André, der sich dicht an seine Mutter geschmiegt hatte, erbebte im Gefühle eines ihm bisher unbekannten Vergnügens, dieser stolzen Freude, die man empfindet, wenn es einem gelingt, die Menge hinzureißen, und wäre es auch nur wie ein Bänkelsänger in einem Hofe in der Vorstadt, der diese Wirkung mit einem patriotischen Refrain und einigen Bravourtönen erzielt. Auf einmal entstand ein lautes, fast tumultuarisches Geflüster. Man lächelte spöttisch und schien in großer Aufregung. Was mochte nur der Grund sein? André, der sich nach der Seite der Schauspieler wandte, die ebenso erstaunt zu sein schienen, wie er selbst, sah alle Gläser auf die bis dahin leer gewesene Vorderloge gerichtet, in welcher gerade jetzt jemand, der soeben eingetreten war, sich niederließ, die Ellbogen auf die mit Samt überzogene Brüstung aufstützte, sein Opernglas aus dem Futterale nahm und nun in unheimlicher Verlassenheit dasaß.

Der Nabob war in zehn Tagen um zwanzig Jahre gealtert. Die heißblütigen südländischen Naturen, wie sie, voll von Begeisterung, unwiderstehlich alles um sich herum in Flammen setzen, sinken auch um so rascher und hilfloser als andre in sich zusammen. Seit der Kassation seiner Wahl hatte der unglückliche Nabob sich in sein Zimmer eingeschlossen und die Rouleaux niedergelassen, um nicht einmal mehr das Licht des Tages zu erblicken, noch die Schwelle zu überschreiten, jenseits welcher ihn das Leben, die von ihm eingegangenen Verbindlichkeiten, die von ihm gemachten Zusagen und eine Unmasse von Vorladungen und Wechselprotesten erwarteten. Die Levantinerin, die an dem Ruin des Hauses lediglich keinen Anteil nahm, war in Begleitung ihres Masseurs und ihrer Negerinnen ins Bad gereist, und Bompain – der Mann mit dem Fes – der durch diese zahllosen Geldanforderungen völlig außer Fassung geraten war, konnte kaum zu seinem unglücklichen Herrn gelangen, der, auf dem Diwan liegend, sich jedesmal nach der Wand drehte, sobald man ihm von Geschäften sprach. Die alte Mutter war die einzige, die trotz ihrer beschränkten Kenntnisse dem Unheile die Stirn bot, mit den rechtlichen Grundsätzen einer Bauersfrau, die wohl weiß, was ein gestempeltes Papier und eine eigenhändige Unterschrift für eine Bedeutung hat, und die die Ehrenhaftigkeit für die größte Tugend der Welt hält. Ihre gelbe Haube war auf allen Stockwerken des Hauses sichtbar, wie sie Rechnungen revidierte, den Haushalt überwachte und weder auf Ausrufe des Entsetzens, noch auf ihr widerfahrende Demütigungen achtete. Zu jeder Stunde des Tages sah man die gute Frau auf dem Vendômeplatz mit großen Schritten einhergehen, dabei gestikulierte sie, sprach mit sich selbst und rief laut aus: »Nun gut, ich gehe zum Gerichtsvollzieher.« Und niemals pflog sie mit ihrem Sohne Rat, als wenn dies ganz unumgänglich nötig war, und auch dann nur mit einer leisen und kurzen Anfrage, bei der sie selbst vermied, ihn anzusehen. Erst einer Depesche Gérys aus Marseille, worin er anzeigte, daß er mit zehn Millionen unterwegs sei, war es gelungen, Jansoulet aus seiner Erstarrung zu erwecken. Zehn Millionen, das hieß: Vermeidung des Fallissements, die Möglichkeit, wieder emporzukommen und ein neues Leben zu beginnen. Und nun raffte sich unser Nabob, freudetrunken und von Hoffnung beseelt, aus seiner tiefen Niedergeschlagenheit wieder auf. Er ließ die Fenster öffnen und sich die Zeitungen bringen. Welch prächtige Gelegenheit bot ihm nun die erste Aufführung der »Revolte«, sich den Parisern zu zeigen, die ihn bereits untergegangen glaubten, aufs neue durch die weit geöffnete Thür seiner Loge des Théâtre des Nouveautés in den großen Strudel seinen Einzug zu halten! Die Mutter, die von einer unbestimmten Ahnung beherrscht wurde, bemühte sich freilich nach Kräften, ihn von diesem Plane zurückzuhalten. Sie hatte vor diesem Paris jetzt eine heilige Scheu. Am liebsten hätte sie ihren Sohn nach einem unbekannten Winkel im südlichen Frankreich mit sich fortgenommen, um ihn dort zugleich mit dem älteren Bruder, den ja auch dieses Paris krank gemacht hatte, zu pflegen. Aber schließlich war er doch der Herr. Es war keine Möglichkeit, sich dem Willen dieses durch den Reichtum verwöhnten Menschen zu widersetzen. Sie war ihm bei seiner Toilette behilflich, machte ihn schön, wie sie lächelnd sagte, und sah ihn nicht ohne einen gewissen Stolz neugeboren und erhobenen Hauptes Abschied nehmen, nachdem er die furchtbare Niedergeschlagenheit, unter welcher er in den letzten Tagen gelitten, fast völlig überwunden hatte. . . . Jansoulet wurde bei seiner Ankunft im Theater alsbald der Aufregung inne, die seine Anwesenheit im Publikum verursachte. Die gewöhnlichen neugierigen Ovationen pflegte er sonst, ohne dadurch im geringsten sich geniert zu fühlen, mit seinem breiten und gutmütigen Lächeln zu erwidern, dieses Mal aber war die Kundgebung eine übelwollende, fast gereizte.

»Wie! . . . Er ist da? . . .«

»Wahrhaftig, er ist's.«

»Nun, dazu gehört denn doch eine Unverschämtheit!«

Diese und ähnliche Aeußerungen wurden im Parkett laut. Infolge der stillen Zurückgezogenheit, in welcher der Nabob seit einigen Tagen gelebt hatte, war er nämlich in Unkenntnis über die öffentliche Erbitterung gegen seine Person geblieben, hatte er keine Kunde von den Predigten und Jeremiaden erhalten, welche die Zeitungen über den verderblichen Einfluß seines Vermögens gebracht hatten, auf den Effekt gemachte Artikel voll heuchlerischer Phrasen, durch welche sich die öffentliche Meinung von Zeit zu Zeit für die Nachsicht, die sie den Schuldigen angedeihen läßt, an den Unschuldigen schadlos hält. Dieser Empfang war für den Nabob eine arge Widerwärtigkeit, die ihn anfangs mehr mit Kummer als mit Zorn erfüllte. Er war sehr aufgeregt, suchte aber seine Bewegung hinter seinem Opernglase zu verbergen, indem er scheinbar den Vorgängen auf der Bühne die größte Aufmerksamkeit schenkte. Aber er konnte dadurch der skandalösen Neugier, deren Opfer er nun einmal war, nicht entgehen. Seine Ohren sausten, seine Schläfen pochten und er sah in seinem Glase vielfarbige Ringe erscheinen – die ersten Anzeichen einer Gehirnkongestion.

Als nach dem Aktschlusse der Vorhang gefallen war, verblieb der Nabob anfangs noch in seiner unbeweglichen Verlegenheitsstellung; aber das immer lauter werdende Gemurmel, das jetzt nicht mehr durch den Dialog auf der Bühne in Schranken gehalten wurde, und die rücksichtslose Neugier einiger Personen, die selbst den Platz wechselten, um ihn besser zu sehen, zwangen ihn, seine Loge zu verlassen und sich in den Korridor zu stürzen, wie ein wildes Tier, das der Arena im Cirkus zu entrinnen sucht. In dem schmalen und niedrigen Rundgange der Korridore des Theaters traf er auf eine gedrängte Menge von Stutzern, Journalisten, Damen mit und ohne Hut, die, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, handwerksmäßig lachten. Aus den offnen Logen drangen Bruchstücke der Unterhaltung in abgerissenen Sätzen hervor: »Ein vorzügliches Stück . . . so frisch . . . und ganz anständig. . . .«

»Aber dieser Nabob! . . . Welche Unverschämtheit!«

»Ja, wahrhaftig, ein solches Stück thut einem wohl. . . . Man fühlt sich ordentlich besser danach . . .«

»Weshalb, in aller Welt, mag man ihn noch nicht arretiert haben? . . .«

»Der Verfasser soll ein noch ganz junger Mann sein. . . . Es ist seine Erstlingsarbeit. . . .«

»Was, Bois-Landry ist in Mazas! Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Seine Frau sitzt doch hier uns gegenüber im ersten Rang, dort die Dame mit dem neuen Hute. . . .«

»Ja, was beweist denn das? . . . Sie betreibt nur ihr Handwerk, das darin besteht, Neuigkeiten der Mode in Schwung zu bringen. . . . Und wahrlich, dieser Hut ist sehr hübsch . . . er hat die Farben des Siegers vom letzten Pferderennen.«

»Und Jenkins? Was wird aus Jenkins?«

»Der ist in Tunis mit Felicia. . . . Der alte Brahim hat sie beide dort gesehen. . . . Es scheint, daß der Bey sich jetzt wirklich auch für die Jenkins-Perlen hat ködern lassen.«

»Das wäre! . . .«

Aus der Ferne hörte man sanfte Stimmen flüstern.

»Geh doch hin zu ihm, Vater, geh doch nur. . . . Sieh, wie allein er ist, der arme Mann.«

»Aber, meine lieben Kinder, ich kenne ihn ja gar nicht.«

»Ach, das ist einerlei. Grüße ihn wenigstens, nur damit er sieht, daß er nicht vollständig und von allen verlassen ist. . . .«

Alsbald stürzte ein kleiner alter, rot aussehender Herr in weißer Halsbinde auf den Nabob zu und begrüßte ihn, indem er seinen Hut tief vor ihm abzog.

Und mit welcher dankbaren Erkenntlichkeit, mit welchem Lächeln, mit welch liebenswürdigem Eifer wurde dieser einzige Gruß erwidert, dieser Gruß eines Mannes, den Jansoulet nicht kannte, den er nie gesehen, und der dennoch so erheblich auf sein Geschick eingewirkt hatte; denn ohne Vater Joyeuse würde der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Territorialbank wahrscheinlich das Schicksal des Marquis Bois-Landry geteilt haben. So kommt es, daß in dem Wirrsal unsrer modernen Gesellschaft, in dem Gewebe von Interessen, ehrgeizigen Bestrebungen, von angenommenen und erwiderten Freundschaftsdiensten alle Welt durch geheime Fäden miteinander in Verbindung steht, das Leben der hohen Gesellschaft mit der bescheidensten Existenz auf der untersten Stufe. Und dies erklärt auch die Buntscheckigkeit, die Kompliziertheit dieser Sittenstudie, das Zusammenlaufen so vieler Fäden, aus denen ein Schriftsteller, dem es um Wahrheit zu thun ist, sein Drama zusammenweben muß.

Den Blick ziellos ins Leere gerichtet, zwecklos herumirrend, den Hut tief ins Gesicht gedrückt, hatte der Nabob zehn Minuten lang alle jene Kundgebungen eines furchtbaren Scherbengerichtes der Pariser Bevölkerung zu erdulden, unter welcher er weder verwandtschaftliche noch andre Stützen von Belang besaß. Und die offen zur Schau getragene Mißachtung dieser Menge isolierte ihn in weit höherem Grade, als der Respekt einen Herrscher auf Reisen isoliert. Vor Verlegenheit und Scham schwankte er und man hörte jemand sehr laut sagen: »Er ist betrunken . . .« und alles, was dem armen Manne übrig blieb, war, sich wiederum in dem Raume hinter seiner Loge einzuschließen. Für gewöhnlich war dieser kleine Zufluchtsort in den Zwischenakten voll von Börsenleuten und Journalisten. Man lachte, rauchte und machte einen Heidenlärm; auch der Direktor pflegte dann dort seine Gönner zu begrüßen. Heute abend aber war niemand da. Und die Abwesenheit Cardailhacs, der für Erfolg oder Mißlingen eine so feine Nase hatte, gab unserm Jansoulet den besten Maßstab für die Tiefe seines Falles.

»Was in aller Welt habe ich ihnen gethan? Warum läßt Paris mich so im Stich?«

Also fragte er sich in seiner Einsamkeit, die durch das Geräusch ringsum, durch das Geklirr der Schlüssel an den Logenthüren und die vielfachen Ausrufe einer Menge, die dem Schauspiele mit Behagen folgte, noch fühlbarer wurde. Und auf einmal brachte ihm der noch so frische Luxus seiner Umgebung, die maurische Laterne, die sich in bizarren Umrissen von den glänzenden Seidenstoffen der Diwans und der Tapeten abhob, den Tag seiner Ankunft in Paris in Erinnerung. . . . Sechs Monate! . . . Nur sechs Monate waren seitdem verflossen! Und alles war vernichtet und zu Grunde gegangen in diesen sechs Monaten! . . .

Er verfiel allmählich in eine Art Erstarrung, aus welcher ihn erst Beifallsbezeugungen und enthusiastische Bravorufe herausrissen. Die »Revolte« hatte in der That einen außerordentlichen Erfolg. Man war gerade bei den Kraftstellen und einigen satirischen Ausfällen angelangt. Und diese ätzenden Ergüsse, die zwar etwas emphatisch klangen, aber doch durch einen wohlthuenden Hauch jugendlicher Aufrichtigkeit gemildert wurden, rissen nach den idyllischen Ergüssen der ersten Akte vollends alle Herzen hin. Auch Jansoulet wollte diesen Worten lauschen und dem Spiele auf der Bühne folgen. Alles in allem genommen gehörte das Theater doch ihm. Sein Platz in der Vorderloge kostete ihm mehr als eine Million; daß er dieselbe benutzte, war wohl das wenigste, was er beanspruchen durfte.

Und nun saß er von neuem vorne in seiner Loge. Im Hause herrschte eine drückende Schwüle, die von den rastlosen Fächern mit ihren blitzenden Reflexen nur bewegt, nicht beseitigt wurde. Man horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf eine entrüstete und stolze Deklamation gegen die Schwindler und Abenteurer, die zur damaligen Zeit sehr zahlreich waren und die, nachdem sie die entlegensten Winkel abgeklopft hatten, um einsame Wanderer auszubeuteln, nun die offene Straße unsicher machten. Freilich hatte Maranne, als er diese schönen Verse schrieb, an alle andren eher als an den Nabob gedacht. Aber das Publikum fand darin eine Anspielung, und während eine dreifache Beifallssalve am Schlusse dieser Tirade erdröhnte, wendeten sich alle Köpfe mit einer entrüsteten, geradezu beleidigenden Bewegung nach der linken Vorderloge. . . . Der Unglückliche wurde so in seinem eignen Theater an den Pranger gestellt! Und noch dazu an einen Pranger, der ihm so viel Geld kostete! . . . Diesmal versuchte er es nicht, sich dem beleidigenden Schimpfe zu entziehen, er stellte sich mit gekreuzten Armen entschlossen aufrecht hin und bot der Menge, die ihn anstarrte, Trotz, diesen Hunderten von spöttischen Gesichtern, die nach ihm blickten, diesem tugendstolzen Paris, das ihn als Sündenbock benutzte und ihn fortjagte, nachdem es ihn mit allen seinen Schandthaten beladen hatte.

Und wahrlich, es war eine niedliche Gesellschaft für eine solche Kundgebung! Gegenüber die Loge eines bankerotten Bankiers, in der die Frau und ihr Liebhaber vorne beisammen saßen, während der Ehemann, eine wahre Null, sich im Schatten des Hintergrundes hielt. Zur Seite saß ein Trio, wie man es häufig antrifft, eine Mutter, die, nur ihre eigne Neigung befragend, um aus ihrem Liebhaber einen Schwiegersohn zu machen, ihre Tochter verheiratet hat. Ferner ein Paar ohne Trauschein, Mädchen mit glänzenden Diamantschnüren gleich Hundehalsbändern um Hals und Arme, die auf diese Weise den Preis ihrer Schande zur Schau trugen und sich mit Bonbons in fast tierischer Weise vollstopften, weil sie wissen, daß dies tierische Wesen an einem Frauenzimmer denjenigen gefällt, die es unterhalten. Und dann ganze Gruppen weibischer Stutzer, mit offnen Halskragen, gemalten Augenbrauen und gestickten Vorhemden, Schönthuer, wie zur Zeit Agrippas, die sich untereinander »Mein Herz . . . Meine Liebe . . .« nannten. Alle Skandale, alle Schändlichkeiten, verkaufte oder käufliche Gewissen waren hier vertreten, das Laster eines Zeitalters ohne Größe, ohne Originalität, das nur die Verschrobenheit andrer Epochen nachzuahmen versuchte und eine Herzogin, die Frau eines Ministers hervorbrachte, die in einem verrufenen Tanzlokale mit den schamlosesten Tänzerinnen wetteiferte. Und das waren die Leute, welche den Nabob von sich stießen, die ihm zuriefen: »Fort mit dir . . . du bist ein Unwürdiger . . .«

»Ich ein Unwürdiger! . . . Und doch bin ich hundertmal besser als ihr alle, ihr Elenden. . . . Ihr macht mir meine Millionen zum Vorwurfe! Und wer hat mir denn geholfen, sie aufzuzehren? . . . Du, mein ehemaliger Gefährte, du Feigling und Verräter, der du in der Ecke deiner Vorderloge deinen dicken Wanst verbirgst. Ich habe mit meinem Vermögen dein Glück gemacht, zur Zeit wo wir als Brüder miteinander teilten. . . . Du, Marquis mit deinem erdfahlen Antlitze, ich habe hunderttausend Franken für dich im Klub bezahlt, damit man dich nicht mit Schimpf und Schande ausstoße. . . . Dich, Dirne, habe ich mit Diamanten bedeckt, um die Meinung zu erwecken, als ob du meine Geliebte seiest, weil dies in unsren Kreisen einen guten Eindruck macht, ohne daß ich jedoch je von dir einen Gegendienst verlangt hätte. . . . Und du, schamloser Zeitungsschreiber, du glaubst, daß ich dich nicht hoch genug bezahlt habe, und daher deine Insulten. . . . Ja, ja, Canaillen, seht mich nur an. . . . Ich bin stolz. . . . Ich bin besser als ihr. . . .«

Alles, was der Unglückliche so bei sich selbst sprach, in einem Zornanfalle, den das Erbeben seiner dicken, blassen Lippen verriet, würde er vielleicht laut in das tiefe Schweigen hinausgeschrieen und die ihn beleidigende Menge seinerseits vielleicht insultiert haben. Wer weiß? Vielleicht würde er sogar mitten in die Menge gesprungen sein, um einen umzubringen, ja, bei Gott, einen umzubringen, als er plötzlich einen leisen Schlag auf seiner Schulter fühlte und ein offnes freimütiges Gesicht mit blondem Haar erblickte, zwei Hände, die sich ihm entgegenstreckten, und die er, wie ein Ertrinkender, krampfhaft ergriff.

»Ach! Mein Lieber . . . mein Lieber . . .« stammelte der arme Mann. Aber er hatte nicht die Kraft, mehr zu sagen. Diese sanfte Regung, die ihn mitten in seinem Zorne anwandelte, löste seine Wut in einem Strom von Thränen, von Blut und durch Schluchzen erstickten Worten. Sein Gesicht wurde violett. Er machte ein Zeichen: »Führen Sie mich fort.« Und kaum hatte er stolpernd, auf den Arm Gérys gestützt, die Schwelle des Zimmers überschritten, als er im Korridor niederstürzte.

»Bravo! Bravo!« tönte es bei einer Kraftstelle aus dem Theater, und man hörte ein Beifallsklatschen und enthusiastisches Trampeln mit den Füßen, während der schwere leblose Körper, den einige Maschinisten mit Mühe in die Höhe gehoben hatten, durch die glänzenden Coulissen getragen wurde, welche von Neugierigen, die eifrig dem Spiele auf der Bühne zuschauten, umstanden wurden und den Transport dieses hilflosen Opfers, das wie eine Jagdbeute dahergebracht wurde, kaum bemerkten. Man legte den Unglücklichen auf ein Sofa in der Requisitenkammer, während Géry mit einem Arzte und zwei Theaterarbeitern sich bemühten, ihm Hilfe zu leisten. Cardailhac, der durch das Schauspiel sehr in Anspruch genommen war, hatte versprochen, »gleich nach dem fünften Akte« sich nach seinem Befinden erkundigen zu wollen.

Aderlaß über Aderlaß, Schröpfköpfe, Senfpflaster, nichts von allen diesen bei Schlaganfällen gebräuchlichen Mitteln brachte auch nur das geringste Lebenszeichen zum Vorschein. Eine Erstarrung des ganzen Organismus zeigte sich schon als Vorbote des Todes, und noch dazu ereignete sich dies an dem unheimlichsten Orte der Welt, in einem von einer Laterne matt erleuchteten Chaos, in welchem der Flitterkram früher gespielter Stücke mit Staub bedeckt durcheinander lagerte, vergoldete Möbel, Vorhänge mit glänzenden Fransen, Karossen, Spieltische, unbrauchbar gewordene Treppen und Treppengeländer, und dazwischen wieder Tauwerk, Winden und eine Masse andrer außer Gebrauch gesetzter, zerbrochener und beschädigter Theaterinventarstücke. Da lag nun Bernard Jansoulet ausgestreckt, inmitten dieser verwahrlosten Gegenstände, sein Hemd auf der Brust aufgeschnitten, zugleich blutig und bleich, das Bild eines Mannes, der im Leben Schiffbruch gelitten und mit den traurigen Ueberresten seines erkünstelten Luxus zerschunden und zerschlagen durch den Pariser Wirbelwind an die Küste geworfen ist. Paul betrachtet dies alles traurig und mit gebrochenem Herzen, das Gesicht mit der Stumpfnase, das in seiner Leblosigkeit den zugleich zornigen und gutmütigen Ausdruck eines harmlosen Geschöpfes zur Schau trug, das den Versuch gemacht hat, sich zu wehren, ehe es hingestreckt wurde, und doch nicht die Zeit gehabt hat, zu beißen. Er warf sich seine Ohnmacht vor, dem Nabob wirksam zur Hilfe zu kommen. Wo blieb nun der schöne Plan, Jansoulet durch die Untiefen des Lebens sicher zu geleiten, ihn vor Fallstricken zu bewahren? Alles, was er hatte thun können, war, ihm einige Millionen zu retten, und überdies kamen diese zu spät.

Man hatte die Fenster nach dem Balkon geöffnet, der auf den Boulevard ging, wo das volle lichterfüllte, geräuschvolle Leben wogte.

Das Theater war von einem Kranze von Gaslaternen umgeben, von einem Lichtmeer, welches den dunklen Hintergrund, auf dem man einzelne Lichtpunkte wie Sternschnuppen am Nachthimmel sich bewegen sah, noch dunkler erscheinen ließ. Das Stück war zu Ende. Das Publikum verließ das Haus. Die dunkle Menge, die sich auf den Treppen drängte, zerstreute sich auf den hellen Trottoirs, um durch die Stadt die Neuigkeit des großen Erfolges und den Namen eines Unbekannten zu verbreiten, der morgen triumphieren und ein berühmter Mann sein sollte. Es war ein herrlicher Abend, die Fenster der Restaurants waren glänzend beleuchtet und ganze Reihen von verspäteten Equipagen belebten die Straßen. Dieser festliche Tumult, den der arme Nabob so gerne gehabt hatte und der zu der betäubenden Art seiner Existenz so recht harmonierte, brachte auf eine Sekunde das Leben in ihm zurück. Seine Lippen bewegten sich, seine weit geöffneten Augen, die auf Géry gerichtet waren, nahmen vor dem Tode noch einmal einen schmerzlichen, flehenden und empörten Ausdruck an, gerade als ob sie jenen als Zeugen einer der größten und grausamsten Ungerechtigkeiten aufrufen wollten, die Paris je begangen hat.

Ende.

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