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Der Nabob. Band 3

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 3 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 3
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 22
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

In Bordighera.

Paul von Géry kehrte, wie Herr Joyeuse vor dem Untersuchungsrichter angegeben, nach dreiwöchentlicher Abwesenheit von Tunis zurück. Es waren drei endlose Wochen, in welchen er sich hatte abmühen müssen inmitten von Intriguen und Komplotten, welche der mächtige Haß der Hemerlingues listigerweise angezettelt hatte, in welchen er von Thür zu Thür, von einem Ministerium zum andern hatte irren müssen, durch die weite Residenz des Bardo, die in derselben wilden mit Feldschlangen gespickten Umfassungsmauer alle Ressorts des Staatsdienstes einschloß, so daß sie wie die Ställe und der Harem unter der persönlichen Aufsicht des Herrn standen. Gleich bei seiner Ankunft daselbst hatte Paul erfahren, daß der Gerichtshof im Begriffe stand, den Prozeß gegen Jansoulet heimlich einzuleiten, einen lächerlichen im voraus verlorenen Scheinprozeß; und die Schließung der Comptoirs des Nabob am Marine-Quai, die Versiegelung seiner Geldschränke, die Beschlagnahme seiner Schiffe und eine um seine Paläste gestellte Wache von Polizeisoldaten kündigten schon eine Art von bürgerlichem Tode an, eine förmliche Beerbung, zu welcher nur noch die Teilung der Beute fehlte.

Es war nicht ein einziger Verteidiger, nicht ein Freund unter der gierigen Meute; selbst die fränkische Kolonie schien an dem Sturze eines Höflings, welcher so lange alle zur Gunst führenden Wege für sich in Anspruch genommen und dadurch andern den Zugang versperrt hatte, eine gewisse Genugthuung zu empfinden. Es war nicht daran zu denken, dem Bey die Beute zu entreißen, es sei denn durch einen glänzenden Triumph vor der Deputiertenkammer. Nur einige Trümmer konnte Géry noch zu retten hoffen, und auch die nur durch rasches Handeln, denn er mußte gewärtig sein, heute oder morgen die vollständige Niederlage seines Freundes zu erfahren.

Er ging daher schnell ans Werk und beschleunigte seine Maßregeln mit einer Rührigkeit, in welcher er sich durch nichts beirren ließ, weder durch die orientalische Schönthuerei, jene raffinierte und süßliche Höflichkeit, worunter sich Roheit und Sittenlosigkeit verstecken, noch durch das scheinheilige gleichmütige Lächeln, noch auch durch jene Verbeugungen mit gekreuzten Armen, womit der göttliche Fatalismus angerufen wird, wenn die menschliche Lüge versagt. Seine Kaltblütigkeit kam diesem gleichsam abgekühlten Südfranzosen, in welchem sich die Ueberschwenglichkeit seiner Landsleute sozusagen verdichtet hatte, dabei nicht minder zu statten, als seine vollständige Kenntnis der französischen Gesetze, von welchen der tunesische Codex nur ein entstellter Abklatsch ist.

Durch große Gewandtheit und Umsicht brachte er es, ungeachtet der Intriguen des im Bardo sehr einflußreichen Hemerlingue Sohn dahin, daß das von dem Nabob einige Monate vorher dargeliehene Geld von der Konfiskation ausgeschlossen und daß von fünfzehn Millionen zehn der mohammedanischen Raubgier entrissen wurden. Gerade am Morgen des Tages, an welchem ihm diese Summe ausbezahlt werden sollte, empfing er eine Depesche von Paris mit der Nachricht der Ungültigkeitserklärung. Er eilte sogleich in den Palast, um dort vor dieser Nachricht anzulangen, begegnete – seine zehn Millionen in Wechseln auf Marseille wohlverwahrt in der Brieftasche – auf dem Rückwege von der Residenz dem Wagen des Hemerlingue Sohn mit seinen dahinjagenden drei Maultieren. Das magere Eulengesicht strahlte. Géry sah ein, daß, wenn er nur noch einige Stunden länger in Tunis verweilte, seine Wechsel Gefahr liefen, konfisziert zu werden; er belegte darum rasch einen Platz auf dem italienischen Postboote, welches andern Tages nach Genua abgehen sollte, blieb die Nacht an Bord und gewann erst seine Ruhe wieder, als er das weiße am gleichnamigen Meerbusen stufenweise aufsteigende Tunis und die Felsen des Kaps von Karthago hinter sich verschwinden sah. Bei der Einfahrt in den Hafen von Genua fuhr der Dampfer an einer großen Jacht vorbei, auf welcher die tunesische Flagge zwischen kleinen Wimpeln wehte. Géry erschrak heftig, hielt sich einen Augenblick lang für verfolgt und fürchtete, beim Landen wie ein gemeiner Beutelschneider mit der italienischen Polizei in Konflikt zu kommen. Aber nein, die Jacht schwang ruhig am Anker, während die Matrosen damit beschäftigt waren, die Brücke zu reinigen und die rote Galione am Bug neu zu bemalen, als ob man den Besuch einer hohen Person erwartete. Paul war nicht neugierig, in Erfahrung zu bringen, wer diese Person sei, durcheilte vielmehr die Marmorstadt und trat die Rückreise auf der Eisenbahn an, welche der Küste folgend von Genua nach Marseille führt, ein wunderbar schöner Weg, bei welchem das Dunkel der Tunnels mit dem Anblicke des blendenden blauen Meeres abwechselt, der aber auch vermöge seiner Enge leicht Gelegenheit zu Unfällen bietet.

Als der Zug in Savona hielt, teilte man den Reisenden mit, daß sie nicht weiter reisen könnten, da eine jener kleinen Brücken, welche über die in das Meer sich ergießenden Gebirgsströme gebaut sind, wahrend der Nacht eingestürzt sei. Man mußte auf den Ingenieur und die Arbeiter, welche telegraphisch herbeordert waren, warten und vielleicht einen halben Tag verweilen. Es war früh morgens. Die italienische Stadt war beim Erwachen in jene verschleierte Morgenröte eingehüllt, welche dort eine große Tageshitze verkündet. Während die Reisenden sich zerstreuten und teils in den Hotels ein Unterkommen suchten, teils sich in den Kaffeehäusern niederließen, andre auch in der Stadt umherschweiften, sann Géry, verstimmt über den Aufenthalt, auf ein Mittel, diese zehn Stunden nicht zu verlieren. Er dachte an den armen Jansoulet, dem das Geld, das er mitbrachte, vielleicht Ehre und Leben retten würde, an seine teure Aline, deren Andenken ihn während seiner Reise nicht einen einzigen Tag verlassen hatte, so wenig wie das Porträt, welches sie ihm gegeben. So kam er auf die Idee, eins jener vierspännigen »Calesinos« zu mieten, welche von Genua nach Nizza längs der Riviera fahren, eine herrliche Tour, deren Genuß sich Fremde, Hochzeitsreisende und solche, welche in Monaco mit Glück gespielt haben, häufig gestatten. Der Kutscher garantierte für zeitige Ankunft in Nizza; aber sollte er auch nur wenig früher anlangen, als wenn er den Abgang des Zuges erwartete, die Ungeduld des Reisenden empfand immerhin den Trost, nicht auf dem Platze umhertrippeln zu müssen und das Bewußtsein zu haben, daß sich mit jeder Drehung der Räder der Raum verkleinere, der ihn von dem Gegenstande seiner Sehnsucht trennte. Ach, es ist eine unvergleichliche Wonne, an einem schönen Junimorgen im Alter unsres Freundes Paul, das Herz voll Liebe, wie das seinige war, mit einem Viergespanne auf der weißen Straße der Riviera dahinzufliegen. Zur Linken, unter einem hundert Fuß tiefen Abgrunde, das Meer, das von seinen runden Buchten bis hinaus in die duftige Ferne, wo das Blau des Meeres und des Himmels verschwimmen, mit Wellenschäfchen bedeckt ist, und auf demselben gleich entfalteten Schwingen rote oder weiße Segel, die feinen Umrisse von Dampfschiffen, die wie zum Lebewohl ein Rauchwölkchen zurücksenden, dann auf den Strandflächen, die bei den Biegungen des Weges sichtbar werden, Fischer, anscheinend nicht größer als Felsamseln in ihrer einem Neste gleichenden Barke. Nun senkt sich die Straße und geht an einem Abhänge beständig neben Felsen und fast senkrecht aufsteigenden Vorgebirgen dahin. Dort dringt der frische Wind aus den Wogen ein und saust in die tausend Schellen des Gespannes, wogegen zur Rechten auf der Gebirgsseite Fichten aufragen und grüne Eichen mit ihren wunderlich geformten Wurzeln, die aus dem dürren Boden hervordringen, sowie Oelbäume, die terrassenförmig sich hinaufziehen bis an eine breite weiße kieselsteinige Schlucht mit grünem Rande, ein ausgetrocknetes Strombett, das jetzt schwerbeladene Maultiere, den Huf fest zwischen das Steingeschiebe gestemmt, erklimmen, und wo sich eine Wäscherin über eine mikroskopische Pfütze beugt, ein paar übriggebliebene Tropfen der großen Winterüberschwemmung. Von Zeit zu Zeit fährt man durch die Straße eines Dorfes oder vielmehr eines durch den Sonnenbrand gerösteten Städtchens von ehrwürdigem Alter, mit eng gepreßten und durch düstere Arkaden verbundenen Häusern, durch ein Gewirr von abschüssigen Gassen, in welchen man stellenweise ganze Haufen mit Strahlenkränzen geschmückte Kinder, Körbe mit glänzenden Früchten oder eine Frau erblickt, die mit dem Kruge auf dem Kopfe oder dem Spinnrocken im Arme das holperige Pflaster niedersteigt. Dann wieder an einer Straßenecke – das bläuliche Flimmern der Wogen und die unendliche Ferne. . . .

Aber mit dem vorschreitenden Tage sandte die am Himmel aufsteigende Sonne über das Meer, aus dessen Nebel sie hervorgegangen, Tausende von Strahlen, die wie Pfeile ins Wasser fielen und einen blendenden Reflex erzeugten, der durch den hellen Glanz der Felsen und des Bodens, sowie durch einen wahrhaft afrikanischen Sirokko, welcher den Straßenstaub in dichten Massen aufwirbelte, verdoppelt wurde. Man gelangte zu den heißesten, am meisten geschützt liegenden Teilen der Riviera . . . in eine wahrhaft exotische Temperatur, die auf freiem Felde Dattelbäume, Kaktus und großblätterige Aloen treibt. Als Géry die hoch aufgeschossenen Stengel dieser phantastischen Vegetation in die weißglühende Luft ragen sah und den die Augen blendenden Staub wie Schnee unter den Rädern knarren hörte, glaubte er, die Augen halb geschlossen und geblendet durch diesen bleischweren Mittag, noch einmal jene ermüdende Tour von Tunis zum Bardo zu machen, welche er so oft inmitten dieses eigentümlichen Durcheinanders von levantinischen Karossen mit glänzenden Livreen, von langhälsigen »Meahris« mit hängenden Lippen, von mit Decken behangenen Maultieren, von kleinen Eseln, Arabern in Lumpen, halbnackten Negern und Beamten in großer Uniform mit ihrem Ehrengeleite, zurückgelegt hatte. Sollte er denn dort unten, wo der Weg sich neben den Palmengärten hinzieht, den wunderlichen Kolossalbau des Palastes des Bey, mit seinen dicht vergitterten Fenstern, seinen Marmorportalen und seinen in lebhaften Farben schillernden, zierlich behauenen Holzbalken wiederfinden? . . .

Es war jedoch nicht der Bardo, sondern das freundliche Bordighera, welches, wie alle am Litorale liegenden Ortschaften, in zwei Teile geteilt ist, nämlich in die sich am Strande ausbreitende »Marine« und in die obere Stadt, beide durch einen Wald von unbeweglichen Palmen mit langem, dünnem Stamme und breiten Kronen verbunden, grünen Raketen vergleichbar, die den blauen Himmel mit ihren tausend regelmäßigen Wedeln durchschneiden.

Hier in Bordighera wurde der Reisende durch die unerträgliche Hitze und gänzliche Erschöpfung der Pferde zu kurzem Verweilen in einem der an der Straße liegenden großen Hotels genötigt, welche diesem Städtchen mit der wunderbar geschützten Lage vom Monat November an den kosmopolitischen Charakter einer mit allem Luxus ausgestatteten Winterstation der vornehmen Welt verleihen. In gegenwärtiger Jahreszeit gab es indessen an der »Marine« von Bordighera nur Fischer, und auch diese ließen sich jetzt nicht sehen. Die Villen und Gasthäuser mit ihren geschlossenen Fensterläden und Jalousieen erschienen wie ausgestorben. Im Hotel führte man ihn durch lange, kühle und stille Korridore in einen großen nach Norden gelegenen Saal, welcher zu einer jener Familienwohnungen zu gehören schien, wie sie während der Saison im ganzen vermietet werden, und der durch leichte Thüren mit andern Zimmern in Verbindung stand. Es fehlten weder die weißen Vorhänge, noch der Teppich, dieses Stückchen Komfort, das die Engländer selbst auf der Reise nicht entbehren können, und trat man an die Fenster, welche der Wirt weit öffnete, um den Durchreisenden zu einem längeren Aufenthalte zu verlocken, so erblickte man vor sich die blendend schöne Berglandschaft. Seltsam war der Eindruck der Ruhe, den dieses große, verlassene Hotel machte, wo sich weder Kellner noch Koch noch Diener sehen ließ. Das eigentliche Dienstpersonal langte ja erst mit dem Eintritt der kühlen Jahreszeit an; mittlerweile war die Küche einem Sudelkoche vom Lande anvertraut, der nur stoffato und risotto zu bereiten verstand, die Aufwartung aber hatten zwei Stallknechte, die man zur Essenszeit in Kellnerfräcke und weiße Krawatten steckte. Glücklicherweise bedurfte Géry zur Erholung nur eines kurzen Aufenthaltes, um seine von Wind und Staub ermüdeten Augen zu erfrischen und seine Stirn von dem Reife zu befreien, den der Sonnenbrand um dieselbe gelegt hatte und der ihn schmerzte wie der Druck eines Helmes.

Er hatte sich auf einen Diwan gestreckt und bewunderte die Landschaft, welche bis an sein Fenster mit dem verschiedenen Grün der Oliven- und Orangenbäume in bald helleren, bald dunkleren Terrassen niederzusteigen schien. Dazwischen glänzten weiße Landhäuser, unter andern das des Bankiers Moritz Trott, dessen Gärten sich bis unter die Fenster des Hotels erstreckten, und welches an der Schnörkelfülle seiner Bauart und an der Höhe seiner Palmen kenntlich war. Hier weilte seit einigen Monaten ein berühmter Künstler, der Bildhauer Bréhat, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand, und dem nur die ihm gewährte fürstliche Gastfreundschaft noch das Leben fristete. Diese Nachbarschaft eines berühmten Sterbenden, auf welche der Wirt sehr stolz war und die er am liebsten seinen Gästen mit auf die Rechnung gesetzt hätte, lenkten Gérys Gedanken auf Felicia Ruys; hatte er doch den Namen Bréhat so oft mit Bewunderung in ihrem Atelier nennen hören. Lebhaft stand es vor ihm das schöne Gesicht mit den zarten Linien, das er zum letztenmal mit flüchtigem Blicke im Bois de Boulogne an Moras Schulter gelehnt gesehen hatte. Was mochte nach dem Verluste dieser Stütze aus dem unglücklichen Mädchen geworden sein? Ob wohl die gemachte traurige Erfahrung ihr für die Zukunft eine Lehre gewesen? Und war es nicht ein sonderbares Zusammentreffen, daß während seine Gedanken bei Felicia weilten, ihm gegenüber auf einem Abhange des benachbarten Gartens ein weißer Windhund mit großen Sprüngen über einen grünen Platz jagte? Wie glich doch dieser Hund völlig Kadour! Ganz dasselbe kurze Haar, dieselbe feine, rosige Schnauze. – So bannten die mannigfaltigen Bilder, bald trauriger, bald lieblicher Art Pauls Blick an das vor ihm geöffnete Fenster. Es mochte wohl die lachende Natur, das Hochgebirge, an dessen Hängen und Schluchten Schattenbilder langsam dahinzogen, zu den Wanderungen seiner Gedanken beitragen. Immer mannigfaltiger wurde das Bild. Unter den Reihen der mit goldner Frucht beladenen Orangen- und Citronenbäume breiteten sich in regelmäßigen Beeten Felder von Veilchen aus und darüber hin rieselte das Wasser zwischen weißglänzendem Gestein und üppigem Grün.

Ein köstlicher Wohlgeruch von in der Sonne getrockneten Veilchen stieg zu ihm auf, der sinnberückende, unwiderstehliche Duft eines Boudoirs, der ihm weibliche Gaukelbilder vorzauberte, er sah Aline, Felicia durch die feenhafte Landschaft gleiten, durch das duftige Blau dieses himmlischen Tages, als ob die Düfte des reichen Blumenflors sichtbare Gestalt gewonnen hätten. . . . Plötzlich ein Geräusch, wie das Gehen einer Thür – er öffnete die Augen wieder. . . . Es mußte jemand in das anstoßende Zimmer eingetreten sein. Er hörte deutlich das Streifen eines Kleides an der dünnen Scheidewand, dann das Umschlagen der Blätter eines Buches, das indes nicht viel Interesse erwecken mochte, denn man vernahm einen langen, in ein lautes Gähnen übergehenden Seufzer. Schlief, träumte er noch? Hatte er nicht soeben das Geheul des »Schakals in der Wüste« vernommen, das so gut zur schweren Luft da draußen stimmte? . . . Er horchte weiter. . . . Nein! . . . Alles still. Dann schlief er wieder ein; nun aber sammelten sich alle wirren Bilder, die ihn umgaukelten, in einen wirklichen – einen herrlichen Traum:

Er war mit Aline auf seiner Hochzeitsreise. Welch ein reizendes Weibchen. Nur auf ihn blickten ihre hellen, liebevollen, treuen Augen. Hier in diesem Saal an der andern Seite des Tisches saß das süße Mädchen in ihrem weißen Morgenkleide, dessen feine Spitzen einen lieblichen Veilchenduft ausströmten. Sie frühstückten zusammen. Das war so recht das Frühstück einer Hochzeitsreise, ein Morgenimbiß, im Angesicht des azurblauen Meeres, unter einem durchsichtigen Himmel, der sich in dem Glase, aus dem die Glücklichen trinken, widerspiegelt, ein Bild ihrer glücklichen Zukunft. Ach! Wie herrlich war es, welch ein göttlicher Strahl fiel verjüngend in das Herz des glücklichen Paares.

Aber plötzlich, mitten unter den Zärtlichkeitsergüssen, mitten im Taumel der Liebe verfinsterte sich Alines Antlitz. Ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie sprach zu ihm: »Felicia ist hier. . . . Du liebst mich jetzt nicht mehr. . . .« Er aber erwiderte lachend: »Felicia hier, was fällt dir ein!« – »Ja, ja,« sprach sie, »dort ist sie,« und deutete mit zitternder Hand auf das anstoßende Zimmer, aus dem jetzt Hundegebell und dazwischen Felicias Stimme ertönte. »Kadour, hierher Kadour!« rief sie in einem dumpfen, gepreßten Tone, wie jemand, in dessen Zufluchtsort man rücksichtslos eindringt.

Géry fuhr wild aus dem Schlafe auf. Da stand er nun mitten in dem öden Zimmer vor dem leeren Tische, der enttäuschte Verliebte, und starrte durch das Fenster in das von demselben umrahmte Gebirgsbild. Die Hügel schienen sich auf ihn herabzusenken, sein schöner Liebestraum war entflohen. Aber in dem angrenzenden Zimmer hörte er jetzt doch in Wirklichkeit Hundegebell und ein ungeduldiges Pochen an die Thür. Er verstand die Worte: »Oeffnen Sie, ich bin es. . . . Jenkins.«

Paul fuhr in erschrockenem Staunen von seinem Diwan in die Höhe. Jenkins hier? . . . Wie in aller Welt kam der hierher? . . . An wen mochte er diese Worte gerichtet haben? Wessen Stimme mochte ihm wohl antworten? . . . Es erfolgte keine Antwort; aber leise Schritte bewegten sich nach der Thür und ein knirschendes Oeffnen des Riegels ließ sich hören.

»Endlich finde ich Sie,« sagte der Irländer und trat ein.

In der That, hätte er sich nicht selbst genannt, nimmer würde Paul durch die trennende Wand hindurch an dem rauhen, brutalen Ton der Stimme den Doktor mit seinen süßlichen Manieren wiedererkannt haben.

»Endlich,« sagte derselbe, »treffe ich Sie an nach achttägigem Suchen und unsinnigem Umherjagen zwischen Genua und Nizza. . . . Ich wußte, daß Sie nicht abgefahren sein konnten, da die Jacht immer noch ruhig auf der Reede lag. . . . Ich war im Begriffe, alle Wirtshäuser am Litorale zu durchsuchen, als ich mich Bréhats erinnerte. . . . Nun dachte ich mir sogleich, Sie hätten ihn beim Vorbeireisen begrüßen wollen. Von ihm komme ich her. . . . Er hat mir gesagt, daß Sie hier sind.«

Aber, an wen denn wandte er sich mit seiner Rede? Wie sonderbar, daß ihm gegenüber ein hartnäckiges Schweigen beobachtet wurde. Nun endlich drang eine schöne, tiefe Stimme, an welcher Paul Felicia erkannte, durch die schwere, heiße Luft des Nachmittags: »Nun ja! Jenkins, ich bin es. . . . Was haben Sie mir zu sagen?«

Und durch die Wand sah Paul den verächtlichen Zug um den Mund, den Ausdruck des Ekels.

»Ich bin gekommen,« sagte Jenkins, »um Sie an der Abfahrt, an dieser Handlung des Wahnsinns zu hindern.«

»Was nennen Sie Wahnsinn? Doch nicht die Arbeit, die mich in Tunis erwartet. Die Pflicht ruft mich dorthin.«

»Sie denken ja nicht daran, mein liebes Kind. . . .«

»Genug dieser väterlichen Ermahnungen, Jenkins! Man weiß ja, was dahinter steckt. Sprechen Sie nur mit mir so, wie Sie eben sprachen. Sie gefallen mir noch besser in der Gestalt eines Bullenbeißers als in der eines Schoßhundes. Ich fürchte ihn weniger.«

»Nun wohl! So sage ich Ihnen denn, daß es bei Ihrer Jugend und Schönheit eine Tollheit sein würde, wenn Sie ganz allein dorthin reisten.«

»Bin ich denn nicht immer allein? Wünschen Sie etwa, Konstanze, in ihrem hohen Alter, sollte mich begleiten?«

»Oder ich!«

»Sie, Jenkins?« . . . Diese Worte sprach sie mit ironischem Lächeln. »Denken Sie an Paris! . . . Ihre Kunden! . . . Die Gesellschaft ihres Cagliostro berauben! . . . Nie und nimmermehr! . . .«

»Dennoch bin ich entschlossen, Ihnen überallhin zu folgen, wohin Sie auch gehen mögen,« sagte Jenkins in bestimmtem Tone.

Es trat dann eine Pause in der Unterhaltung ein, in welcher Paul mit sich zu Rate ging, ob es auch seiner würdig sei, diesem Streite, welcher schreckliche Enthüllungen erwarten ließ, als geheimer Zeuge beizuwohnen, aber eine unbezähmbare Neugier gewann die Oberhand und bannte ihn an seinen Platz. . . .

Schien es doch, als ob das lockende Rätsel, das ihn so lange auf die Folter gespannt und ihn noch immer mit einem Ende seines geheimnisvollen Schleiers gefangen hielt, sich nun lösen und das unglückliche oder entartete Mädchen, das sich unter der Maske der Künstlerin barg, in seiner wahren Gestalt enthüllen werde. Er blieb daher mit verhaltenem Atem unbeweglich stehen. Des Horchens bedurfte es übrigens nicht; denn die beiden, die im Hotel allein zu sein glaubten, thaten sich in ihren leidenschaftlichen Aeußerungen keinen Zwang an.

»Was verlangen Sie denn eigentlich von mir? . . .« fragte nun Felicia.

»Ich will Sie! . . .«

»Jenkins!«

»Ja, ja!« sagte er, »ich weiß es wohl; Sie haben mir verboten, solche Sprache je vor Ihnen zu führen; aber haben doch andre Leute auch so mit Ihnen gesprochen, und zwar noch. . . .«

Mit zwei heftigen Schritten stand sie dicht vor dem Apostel und schleuderte ihm ihre atemlose Verachtung mit den Worten in sein breites, sinnliches Gesicht: »Und wenn es so wäre, Elender! Wenn ich dem Ekel und der Langeweile hätte unterliegen müssen, wenn mein Stolz gebrochen wäre, steht es Ihnen zu, davon zu reden? . . . Trügen Sie nicht etwa die Schuld, sind Sie es nicht etwa gewesen, der meine Jugend geknickt, mir mein Leben verbittert hat?«

Zur Antwort erfolgten nur drei Worte, aber Worte, welche von innerer Glut diktiert waren und mit Hinreißung gesprochen wurden; sie rollten vor Paul von Gérys entsetzten Blicken den Vorhang auf, welcher mit dem heuchlerischen Scheine väterlicher Bevormundung ein Attentat verdeckt hatte, wogegen das junge Mädchen bei Tag und bei Nacht mit allen Geisteskräften hatte kämpfen müssen. Von dieser Qual im frühen Alter stammte der unheilbare Trübsinn, der Ekel über ein kaum begonnenes Leben und jener scharfe Zug um den Mund, in den sich ihr Lächeln verwandelt hatte.

»Ich liebte Sie, . . . ich liebe Sie, . . . Die Leidenschaft reißt alles mit sich fort,« sprach Jenkins dumpf.

»Nun! Wenn es Ihnen Freude macht, so lieben Sie mich immerhin. Ich aber hasse Sie und nicht allein des Leides wegen, das Sie mir zugefügt, nicht allein, weil Sie in mir den frommen Glauben, die Energie des Lebens ertötet haben, sondern weil mir in Ihnen das Verdammungswürdigste, das Widerwärtigste, was die Sonne bescheint, entgegentritt: die verkörperte Scheinheiligkeit und Lüge, die sich vor der Welt unter erborgten Kleidern verbirgt und die mich mit ihren Fratzen, mit ihren niedrigen, unsauberen Kunstgriffen in dem Grade anwiderte, daß ich mein Heil in der Flucht und Verbannung suchte, daß ich lieber in die Sklaverei gehen, als Ihren Anblick länger ertragen würde. Diese Verstellungsgabe gemeinster Art ist es, edler Jenkins, die in mir den größten Abscheu erregt hat. Unsre französische Heuchelei gibt sich in höflichem Lächeln kund, man kann sich vor ihr in acht nehmen; aber Ihrem aus England importierten warmen Händedruck, der den täuschenden Schein der Ehrlichkeit borgt, war es vorbehalten, die Welt zu täuschen und uns alle zu hintergehen. Sagt nicht jedermann: ›Der gute, der brave, der ehrliche Jenkins!‹ Aber ich, ich habe Sie erkannt, Ehrenmann! Prahlt nur mit Eurem Wahlspruch, der so frech auf Euren Briefen, Siegeln, Manschettenknöpfen und auf dem Wagenschlage prangt, ich sehe immerfort den Schurken in Ihnen, der aus jeder Falte seiner Vermummung herauslugt.«

Zischend stieß sie die Worte zwischen den mit dem Ausdrucke unsäglicher Wildheit zusammengepreßten Zähnen hervor, und Paul erwartete, daß solche Schmähungen Jenkins zu einem Ausbruche der Wut reizen würden. Aber er hatte sich geirrt. Es schien vielmehr, daß der Haß und die Verachtung des geliebten Mädchens in ihm mehr Schmerz als Zorn erregten; denn er antwortete nur leise, wehmütig, wie aus zerrissenem Herzen: »Ach! Sie sind grausam. . . . Wenn Sie wüßten, wie sehr Sie mich kränken. . . . Sie nennen mich scheinheilig, Sie haben recht; aber bedenken Sie – man wird nicht so geboren. . . . Der Druck des Lebens zwingt uns erst, es zu werden. Wenn man bei widrigem Winde vorwärts strebt, muß man lavieren. Das habe ich gethan. . . . Klagen Sie das Geschick an, das mich so jammervoll in das Leben treten ließ, und räumen Sie ein, daß wenigstens etwas in mir niemals ein bloßer Schein gewesen ist: meine leidenschaftliche Liebe zu Ihnen! . . . Nichts konnte diese zurückdrängen, weder die Zeichen Ihrer Verachtung, noch Ihre Beleidigungen, ja nicht einmal die Sprache Ihrer Augen, die ich so viele Jahre lang vergebens um ein Lächeln angefleht. . . . Und diese Liebe gibt mir selbst nach dem, was ich soeben hören mußte, noch Kraft genug, Ihnen auszusprechen, warum ich jetzt vor Ihnen stehe. . . . Hören Sie! Sie haben mir eines Tages vertraulich mitgeteilt, daß Sie eines Gatten bedürften, eines Mannes, der Ihnen bei Ihrer Arbeit zur Seite stehen und die arme schon über die Maßen erschöpfte Cremnitz von diesem Amte befreien würde. So lauteten Ihre eignen Worte, die mir damals einen Stich ins Herz gaben, weil ich nicht frei war. Jetzt ist alles anders geworden. Wollen Sie mich zum Manne nehmen, Felicia?«

»Und Ihre Frau?« rief das junge Mädchen laut, während Paul in Gedanken die gleiche Frage aufwarf.

»Meine Frau ist tot.«

»Tot? . . . Madame Jenkins? . . . Ist es wahr?«

»Diejenige, von welcher ich spreche, haben Sie nicht gekannt. Die andre war nicht meine Frau. Als ich mit dieser in Verbindung trat, hatte ich schon eine Frau in Irland – – – schon seit Jahren. Es war eine schreckliche Ehe, mir aufgedrungen, mit dem Stricke am Halse. Liebe Felicia, in meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre stand ich vor folgender Wahl: Das Schuldgefängnis oder – Fräulein Strang! Letztere war eine alte gichtische Jungfer, mit einer Kupfernase, aber die Schwester eines Wucherers, welcher mir zur Ermöglichung meines medizinischen Studiums fünfhundert Pfund dargeliehen hatte. . . . Ich zog das Gefängnis vor; indessen je näher die Zeit heranrückte, je mehr sank mein Mut, und so heiratete ich doch Fräulein Strang, welche mir als Mitgift – meinen quittierten Schuldschein zubrachte. Nun stellen Sie sich mein Leben vor inmitten jener beiden Ungeheuer, die sich gegenseitig anbeteten. Eine im Gefühl ihrer Bedeutungslosigkeit eifersüchtige Frau. Der Bruder immer auf der Lauer, mir überall nachspürend. Ich würde entflohen sein; aber es gab etwas, das mich zurückhielt. . . . Der Wucherer hatte den Ruf eines schwerreichen Mannes. Ich wollte wenigstens die Früchte meiner feigen Handlungsweise ernten. . . . Sie sehen, ich verschweige nichts. – Schwer wurde ich übrigens bestraft. Der alte Strang starb insolvent, er hatte sein Vermögen durch Spiel zerrüttet, ohne daß man eine Ahnung davon hatte. . . . Nun gab mir der Rheumatismus meiner Frau den Vorwand, sie in einem Krankenhause unterzubringen, und ich selbst zog dann nach Frankreich. . . . Jetzt galt es, im Kampfe mit dem Elend mir eine neue Existenz zu schaffen. Dabei stand mir Lebenserfahrung, Haß und Verachtung gegen die Menschen, sowie der Umstand zur Seite, daß ich das Gefühl der Freiheit wiedererlangt hatte; denn ich ahnte damals noch nicht, daß jene furchtbare Sklavenfessel der Ehe mir auch noch in der Ferne mein Fortkommen erschweren würde. . . . Glücklicherweise ist die Fessel jetzt zerrissen und ich bin erlöst.«

»Ja, Jenkins, Sie mögen erlöst sein. . . . Aber warum lassen Sie es sich jetzt nicht angelegen sein, das arme Wesen, welches vor unser aller Augen so lange in Demut und Ergebung die Genossin Ihres Lebens war, zu Ihrer Frau zu machen?«

»O,« sagte er in einer Anwandlung von Aufrichtigkeit, »von meinen zwei Ketten zog ich, glaube ich, die andre noch vor, die mir wenigstens die Freiheit offner Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit ließ. Aber die fürchterliche Komödie ehelicher Liebe, eines dauerhaften Glückes, während ich längst nur Sie liebte, nur an Sie dachte. . . . Auf der ganzen Welt gibt es keine größere Qual. . . . Wenn ich nach mir urteile, muß die Unglückliche im Augenblicke der Trennung vor Erleichterung einen Freudenschrei ausgestoßen haben. Das war der einzige Abschiedsgruß, auf den ich hoffte. . . .«

»Was zwang Sie denn zu dieser Verstellung?«

»Paris, die gesellschaftlichen Kreise, die Welt. . . . Wir waren in der öffentlichen Meinung Eheleute und waren durch diese Meinung aneinander gebunden.  . . .«

»Und sind Sie es denn jetzt nicht mehr?«

»Jetzt,« sagte Jenkins, »gibt es nur eins, das alles andre in den Hintergrund drängt – die Angst, Sie zu verlieren, Sie nicht mehr sehen zu können. Ach! Als ich Ihre Flucht erfuhr, als ich über Ihrer Thür: ›Zu vermieten‹ angeschrieben sah, fühlte ich, daß es jetzt mit der Verstellung vorbei sei, daß mir nur eins übrig bliebe, abzureisen und so schnell wie möglich hinter meinem Glücke herzujagen, das Sie mit sich fortgenommen hatten. Sie verließen Paris, ich that dasselbe; in Ihrem Hause verkaufte man alles, in dem meinigen ist man im Begriff es ebenso zu machen.«

»Und sie?« . . . begann Felicia wieder mit einem Seufzer, »Ihre tadellose, ehrenhafte, nie beargwöhnte Gefährtin, wohin wird sie gehen? Was wird sie anfangen? . . . Und Sie wagen, mir ihren Platz anzubieten. . . . Ich soll mir einen Platz hinterrücks stehlen, und in welcher Hölle! . . . Vortrefflich! aber was wird dann aus der bekannten Devise! Guter Jenkins, Tugendspiegel Jenkins, was sollen wir damit machen? – ›Das Gute ohne Hoffnung‹, Verehrtester!«

Auf das Hohngelächter, welches diese Worte begleitete und welches ihm wie ein Peitschenhieb das Gesicht hätte röten müssen, antwortete der Elende mit keuchender Stimme: »Genug . . . genug . . . schonen Sie meiner. Es ist zu schrecklich. Rührt Sie nicht meine Liebe, die Ihnen alles opfert, Glück, Ehre, Achtung? Gönnen Sie mir doch einen Blick. . . . Wie schwer es mir auch wurde, um Ihretwillen werf' ich die Maske weg und stehe jetzt vor Ihnen und vor den Augen aller als ein entlarvter Heuchler. . . .«

Man hörte, wie zwei Kniee auf den Fußboden niedersanken. Stotternd, außer sich vor Liebesschmerz und kraftlos lag er vor ihr, bettelte sie um das Jawort, um die Erlaubnis an, ihr überallhin als ihr Beschützer folgen zu dürfen; dann verließ ihn die Sprache und verlor sich in ein leidenschaftliches Schluchzen so voll tiefer Empfindung, so herzzerreißend, daß es jeden hätte rühren müssen, zumal in dieser herrlichen Natur, in dieser dufterfüllten, erschlaffenden Wärme. Aber Felicia ließ sich nicht erweichen, sondern fuhr in herrischem Tone fort: »Laßt uns zu Ende kommen, Jenkins. Was Sie verlangen, ist unmöglich. . . . Wir haben nichts voreinander zu verbergen und nach Ihren Geständnissen, die sie mir eben gemacht, will ich Ihnen, so sehr sich mein Stolz dagegen aufbäumt, auch eins ablegen, wie es Ihre Liebestollheit verdient. . . . Hören Sie! Ich war Moras Geliebte!«

Dies war für Paul kein Geheimnis, doch klang ihm die schöne klare Stimme, die aus gepreßter Brust das schreckliche Bekenntnis durch die berauschende Luft trug, so trostlos, daß sie ihm das Herz zusammenschnürte und ihm die Thränen in die Augen traten.

»Ich wußte es,« begann nun Jenkins wieder mit dumpfer Stimme; »ich habe die Briefe bei mir, welche Sie ihm schrieben. . . .«

»Meine Briefe?«

»Ja, Ihre Briefe, nehmen Sie sie zurück. Ich habe sie so oft gelesen und wieder gelesen, daß ich sie auswendig weiß. O, wie weh das thut, wenn man liebt. . . . Aber ich habe noch größere Qual erdulden müssen. Wenn ich bedenke, daß ich es bin. . . .« Hier hielt er plötzlich inne, seine Stimme stockte. . . . Dann faßte er sich wieder und sagte: »Ich war es, der zu Ihrer Glut den Brennstoff liefern, der den erkalteten Liebhaber mit frischem Jugendfeuer in Ihre Arme liefern mußte. . . . Und wahrlich, nicht wenig Perlen hat er verschlungen. . . . Mochte ich auch nein sagen, er wollte immer mehr. . . . Da packte mich endlich die Wut und es rief in mir: Elender, du willst brennen, nun wohl – so verbrenne denn. . . .«

Paul fuhr schaudernd auf. Sollte er denn der Mitwisser eines Verbrechens werden?

Jedoch die Schande, mehr davon zu hören, wurde ihm erspart, denn ein starkes, diesmal seiner eignen Thür geltendes Klopfen und die Worte: »He, Signor Francese« brachten die Meldung, daß der »Calesino« bereit stehe.

In dem Zimmer nebenan ward es jetzt still, dann hörte man ein Flüstern. . . . Es mußte jemand da sein, und zwar ganz in ihrer Nähe, der sie belauschte. . . . Paul von Géry stürzte hastig hinaus; er sehnte sich aus diesem Hotelzimmer fortzukommen, um nicht der Last so vieler Schändlichkeiten, die sich ihm hier enthüllten, zu unterliegen.

Als die Postkutsche sich in Bewegung setzte, sah Géry zwischen den weißen Vorhängen, welche im Süden gewöhnlich an allen Fenstern flattern, ein blasses Gesicht mit antiker Haartracht und großen feurigen Augen, die ihm verstohlen nachblickten. Aber ein einziger Blick auf Alines Bild verbannte schnell diese berückende Erscheinung, und für immer von seiner früheren Liebe geheilt reiste er bis zum Abend durch ein Zauberland in Begleitung der hübschen jungen Frau, die ihm beim Frühstück erschienen und die in den Falten ihres bescheidenen Kleides den Duft aller Veilchen von Bordighera mit sich trug.

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