Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Der Nabob. Band 3

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 3 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 3
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 22
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
modified20140408
projectid08a6c678
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel.

Das Leichenbegängnis.

»Weine nicht, meine liebe Fee, du raubst mir damit den Rest meines Mutes. Bedenke doch, du wirst viel glücklicher sein, wenn dein abscheulicher Dämon dich nicht mehr quält . . . du kehrst ruhig nach Fontainebleau zurück und fütterst deine Hühner. . . . Die zehntausend Franken, die wir von Brahim erhalten haben, werden für deine dortige Einrichtung genügen, . . . Und dann, bin ich erst einmal drüben, so brauchst du dich nicht zu sorgen, ich werde dir dann Geld schicken. Da der Bey einmal in meine Bildhauerei vernarrt ist, so kannst du dir denken, werde ich ihn auch gehörig dafür bezahlen lassen. . . . Ich werde reich, schwer reich zurückkehren. . . . Wer weiß? Vielleicht sogar als Sultanin.«

»Jawohl du magst Sultanin werden . . . aber ich, ich werde dann gestorben sein und dich nie wiedersehen.«

Und die ganz verzweifelte gute Cremnitz drückte sich in eine Ecke des Wagens, um ihre Thränen zu verbergen.

Felicia verließ Paris. Sie versuchte dem Zustande der entsetzlichen Traurigkeit, des unheildrohenden Ueberdrusses zu entfliehen, in welchen sie der Tod des Herzogs versetzt hatte. Welch niederschmetternder Schlag für dies stolze Mädchen! Die Langeweile, der Verdruß hatte sie diesem Mann in die Arme geworfen; Stolz, Scham, alles hatte sie ihm geopfert, und nun nahm er alles mit sich fort, ließ sie für ihre Lebenszeit entehrt zurück, als Witwe ohne Thränen, ohne Trauer, ohne Ehre. Zwei oder drei Besuche in Saint-James, einige Abende im Hintergrunde einer Loge eines kleinen Theaters, hinter dem Gitter, wo sich die verbotene und ehrlose Lust verbirgt, das waren die einzigen Erinnerungen, die ihr diese vierzehntägige Liaison zurückließ, dieser Fehltritt ohne Liebe, in welchem ihr Stolz nicht einmal die Genugthuung eines großartigen Skandals gefunden hatte. Ein zweckloser und unauslöschlicher Schmutzfleck, wie er einer Frau anhaftet, die unverständigerweise mitten in den Rinnstein fällt, und die das ironische Mitleid der Vorübergehenden abhält, sich aus dieser Lage zu erheben.

Einen Augenblick dachte sie an Selbstmord, dann aber hielt sie der Gedanke, daß man diesen Schritt einer Verzweiflung des Herzens zuschreiben könnte, von diesem Vorhaben ab. Sie stellte sich in Gedanken die sentimentale Rührung in den Salons, die traurige Figur vor, die ihre angebliche Liebe unter den unzähligen Eroberungen des Herzogs spielen würde, und die Veilchen, welche die Ritter der Presse, von der Sorte Moëssard, auf ihr so nahe bei dem andern geschaufeltes Grab streuen würden. Was ihr erübrigte, war nur eine Reise, aber eine Reise so weit, daß selbst die Gedanken dadurch die Heimat wechselten. Leider fehlte zu diesem Vorhaben das Geld. Dann aber erinnerte sie sich, daß am Tage nach ihrem großen Erfolge in der Ausstellung der alte Brahim-Ben sie aufgesucht und ihr im Namen seines Fürsten die verlockendsten Anerbietungen für Arbeiten gemacht hatte, die sie in Tunis ausführen sollte. Sie hatte damals abgelehnt, ohne sich durch orientalische Bezahlung, eine splendide Gastfreundschaft, den schönsten Hof mit Spitzenarkaden als Atelier verlocken zu lassen. Aber nun wollte sie gerne. Sie brauchte nur eine Andeutung zu machen, und der Handel war abgeschlossen. Nach einem Depeschenwechsel, einem eiligen Zusammenpacken der Einrichtung und nachdem das Haus abgeschlossen, machte sie sich auf den Weg nach dem Bahnhofe, als handelte es sich um eine Abwesenheit von acht Tagen, wobei sie selbst am meisten über ihren raschen Entschluß erstaunt war, während die abenteuerliche und künstlerische Seite ihrer Natur sich mit der Hoffnung auf ein neues Leben unter einem andern Himmel schmeichelte.

Die Lustjacht des Beys sollte sie in Genua erwarten, und in der Droschke, die sie fuhr, die Augen schließend, sah sie schon im voraus die weißen Felsen eines italienischen Hafens, der ein schillerndes Meer einschließt, einen Ort, wo die Sonne schon mit orientalischer Glut leuchtet. Und gerade an diesem Tage war Paris eine Schmutzlache, grau in grau, von den ununterbrochenen Regengüssen überschwemmt, die eigens für Paris geschaffen zu sein scheinen, als ob sie aus dem Flusse, aus dem Rauche, dem Atem dieses Pariser Ungeheuers, in Wolken zusammengeballt, aufgestiegen wären, um von den Dächern, den Traufen, den zahllosen Fenstern der Mansarden wieder herabzurieseln. Felicia war nur darauf bedacht, dies traurige Paris zu fliehen, und ihre fieberhafte Ungeduld maß die Schuld dem Kutscher bei, der nicht vorwärts kam, den beiden Droschkengäulen, dem unentwirrbaren Knäuel von Wagen und Omnibussen, die bis an die Zugänge zum Pont de la Concorde zurückgestaut waren.

»Vorwärts, Kutscher, fahren Sie doch besser!«

»Ich kann nicht, Madame, . . . es ist wegen des Leichenbegängnisses.«

Felicia streckte den Kopf zum Wagenschlage hinaus, um ihn sofort entsetzt zurückzuziehen. Sie hatte ein Spalier von Soldaten erblickt, die mit gesenktem Gewehre marschierten, eine Wolke von Hüten, die beim Vorbeiziehen eines unendlichen Zuges über den Köpfen gehalten wurden. Es war das Leichenbegängnis des Herzogs.

»Halten Sie hier nicht still. . . . Machen Sie einen Umweg!« rief Felicia dem Kutscher zu.

Der Wagen machte mit Mühe kehrt, als ob er sich mit Bedauern dem herrlichen Schauspiele entzöge, auf welches Paris seit vier Tagen wartete, fuhr in die Allee zurück, bog in die Rue Montaigne ein und gelangte in dem bekannten Zaudertrabe griesgrämiger Droschkengäule durch den Boulevard Malesherbes nach der Madeleine. Hier war das Menschengewoge noch stärker und gedrängter. Ein feiner Regen rieselte herab, die Kirchenfenster waren erleuchtet, unter der schwarzen Draperie, hinter welcher selbst die griechische Architektur der Kirche fast verschwand, ertönten dumpf die Trauergesänge hervor. Im Innern des Gebäudes, wo die Seelenmesse gelesen werden sollte, drängte sich schon die Menge Kopf an Kopf, während der unermeßliche Leichenzug sich noch in der Rue Royale bis nach den Brücken hinbewegte, eine einzige lange schwarze Linie, welche auf diese Weise den Verstorbenen mit dem Gebäude des gesetzgebenden Körpers in Verbindung brachte, dessen Schwelle sein Fuß so oft überschritten hatte. Jenseits der Madeleine war die Fahrstraße der Boulevards ganz frei, offengehalten durch zwei Reihen von Soldaten, welche mit Gewehr bei Fuß die Neugierigen auf den dichtgefüllten Trottoirs in Schranken hielten. Alle Läden waren geschlossen und die Balkons trotz des Regens von Menschen überfüllt, die mit übergebeugtem Körper in der Richtung nach der Kirche blickten, wie bei dem Vorbeipassieren der Fastnachtochsen, oder bei der Heimkehr siegreicher Truppen. Das nach Augenweide lechzende Paris benutzt dazu jede sich bietende Gelegenheit, sei es ein Bürgerkrieg oder das Leichenbegängnis eines Staatsmannes. . . .

Der Wagen mußte noch einmal umkehren, machte nochmals einen Umweg, und man mag sich die schlechte Laune des Kutschers und seiner Pferde vorstellen, die alle drei von Pariser Blut und verdrießlich waren, daß ihnen eine so schöne Schaustellung entging. Nun begann eine planlose Fahrt durch die Straßen, die still und verlassen waren, da das ganze Getriebe der Hauptstadt sich nach der großen Pulsader des Boulevard gedrängt hatte; ein unsinniges Herumkutschieren eines auf Zeit engagierten Wagens, der die entgegengesetzten Punkte des Faubourg St. Martin, des Faubourg St. Denis berührt, um dann wieder nach dem Mittelpunkte zurückzufahren und schließlich am Ende dieser Umwege und Irrfahrten stets wieder auf dasselbe Hindernis zu stoßen, auf dieselbe Anhäufung von Menschen, eine Abteilung des schwarzen Gefolges, das am Ende einer Straße auftaucht und sich unter dem herabströmenden Regen, bei dem Klange der gedämpften Trommeln langsam vorwärts schiebt.

Welche Qual für Felicia! Ihr Fehltritt und ihre Gewissensbisse waren es, die in diesem feierlichen Aufzuge, diesem Leichenkondukte, dieser öffentlichen Trauer, die sich selbst in den dunklen Wolken widerspiegelte, ihren Weg durch Paris nahmen, und der Stolz des Mädchens bäumte sich auf gegen diesen Schimpf, den diese Umgebung ihr anthat, der sie aus dem Hintergrunde des Wagens aufscheuchte, in welchem sie sich mit geschlossenen Augen wie vernichtet zurückgelehnt hatte, während die alte Cremnitz, als sie Felicia so aufgeregt sah, dies ihrem Kummer zuschrieb und sich bemühte, sie zu trösten. Sie selbst weinte über ihre bevorstehende Trennung und, sich gleichfalls in die Ecke zurücklehnend, gab sie den ganzen Wagenschlag dem großen arabischen Windhunde preis, der seinen Kopf mit der Spürnase in die Luft hinausstreckte und seine beiden Pfoten in gebietender Stellung, wie ein Wappentier, aufstützte. Endlich, nach vielen endlosen Umwegen, hielt der Wagen plötzlich an, machte dann noch mit vieler Mühe einige Schritte, inmitten lauter Ausrufe und beleidigender Aeußerungen vorwärts, wurde dann hin und her gestoßen, halb in die Höhe gehoben, so daß das Gepäck auf dem Verdeck fast das Gleichgewicht verloren hätte, und stand dann, von allen Seiten eingeengt und festgehalten, baumstill, wie verankert.

»Um Gottes Willen! Was für eine Menschenmenge!« murmelte die alte Cremnitz entsetzt.

Felicia erwachte aus ihrem dumpfen Hinbrüten,

»Wo sind wir denn?«

Unter dem grauen Regenhimmel hatte sich auf einem unermeßlichen Platze ein wahres Menschenmeer zusammengestaut, das aus allen dort einmündenden Straßen Zuflüsse erhielt und inmitten des Platzes um eine hohe Bronzesäule herum, welche dieses Gewoge wie der gigantische Mast eines Wracks beherrschte, zum Stillstand gekommen war. Reiterschwadronen, den Säbel in der Faust, Artilleriekolonnen zogen inmitten des freigelassenen Raumes vorüber, ein ganzer kriegerischer Apparat, der dessen wartete, der alsbald erscheinen sollte, als ob es den Versuch gälte, sich mit stürmender Hand seiner wiederum zu bemächtigen, ihn dem furchtbaren Feinde, der ihn forttrug, wieder abzujagen. Aber ach! Alle Kavallerieangriffe, alle Kanonaden wären hierzu nicht im stände gewesen. Der nur zu sicher gefesselte, mit einer dreifachen Mauer von Eichenholz, Metall und Samt vor dem Kugelregen geschützte Gefangene wurde fortgeführt und durfte von diesen Soldaten seine Befreiung nicht erhoffen.

»Vorwärts, ich will hier nicht bleiben . . .,« sagte Felicia wütend, indem sie den durchnäßten Mantel des Kutschers erfaßte. Bei dem Gedanken an den Alp, der sie verfolgte und den sie in diesem aus der Ferne ertönenden, von Minute zu Minute näherkommenden dumpfen Rollen kommen zu hören meinte, wurde sie von einer wahnwitzigen Angst ergriffen. Aber bei der ersten Umdrehung der Räder begann das Geschrei und Toben von neuem. Der Kutscher hatte sich in der Meinung, daß man ihm gestatten würde, über den Platz zu fahren, mit großer Mühe bis zu den ersten Reihen der Menge durchgearbeitet, die sich jetzt hinter ihm schloß und ihm die Durchfahrt verwehrte. Es war keine Möglichkeit, zurückzuweichen, noch vorwärts zu dringen. Man mußte wohl oder übel stehen bleiben, diese Pöbel- und Branntweinatmosphäre einatmen, diese neugierigen, durch die Erwartung eines außergewöhnlichen Schauspieles so erregten Blicke ertragen, die sich auf die schöne Reisende hefteten, welche mit so wenig Gepäck und einem Hunde von dieser Größe als Beschützer sich auf den Weg machte. Die alte Cremnitz hatte eine entsetzliche Angst; Felicia dagegen dachte nur an eins, und das war der Gedanke, daß er vor ihr vorbeipassieren werde, daß sie in erster Reihe ihn erwartete.

Plötzlich erscholl ein lauter Ruf: »Da kommt er!« und darauf entstand auf dem ganzen Platze nach drei langen Stunden ungeduldiger Erwartung ein allgemeines Stillschweigen,

Er kam.

Der erste Gedanke Felicias war, die Vorhänge an ihrer Seite, an welcher der Zug vorbeipassierte, niederzulassen. Aber als sie das dumpfe Rollen der Trommeln in nächster Nähe vernahm, erfaßte sie ein unbändiger Zorn darüber, dem ihr aufgedrungenen Schauspiele nicht entfliehen zu können, und vielleicht auch von der widerlichen Neugier rings um sie herum angesteckt, zog sie die Vorhänge plötzlich in die Höhe und ihr leidenschaftliches, bleiches Antlitz aus dem Wagenschlage hinausbeugend, sagte sie: »Du willst es. . . . Nun wohl, ich sehe dich an!«

Das Leichenbegängnis war so prächtig, wie man es nur sehen konnte: die letzten Ehren wurden in ihrem ganzen nichtigen Gepränge erwiesen, das ebenso geräuschvoll und hohl war, wie die taktmäßige Begleitung der umflorten Trommeln. Zunächst die weißen Gewänder der Geistlichkeit, die in dem Trauergefolge der ersten fünf Karossen schimmerten, dann, von sechs schwarzen Rossen gezogen, wahren Rossen des Erebus, so schwarz, so schwerfällig wie die Fluten desselben, nahte der Leichenwagen, mit Federbüschen, Fransen, Silberstickereien und heraldischen Kronen verziert, welche über kolossalen M prangten, dem ominösen Initial, das ebensogut »Mors«, den Tod, den herzoglichen Tod mit der achteckigen Krone bedeuten konnte.

So viele Baldachine, so viele schwere Draperien verbargen das nackte Gestell des Leichenwagens, daß derselbe bei jedem Schritte von oben bis unten erzitterte und hin und her schwankte, als würde er von der Majestät des Toten erdrückt. Auf dem Sarge lagen der Degen, der Staatsfrack, der gestickte Hut, ein Paradestück, das niemals gebraucht worden war, alles von Gold und Perlmutter unter den Draperien und inmitten der frischen Blumen erglänzend, die trotz des griesgrämigen Himmels das Frühjahr verkündeten. Zehn Schritte hinter dem Wagen folgte die Dienerschaft des herzoglichen Hauses und nach ihr, in achtunggebietender Isolierung, ein Offizier im Mantel, der die Ehrenzeichen trug, eine wahre Ausstellung aller Orden der ganzen Welt, Kreuze und buntfarbige Bändchen, die auf dem mit silbernen Fransen geschmückten schwarzen Samtkissen kaum Platz fanden.

Unmittelbar darauf folgte der Zeremonienmeister und hinter ihm das Bureau des gesetzgebenden Körpers, ein Dutzend durch das Los erkorene Deputierte und unter ihnen, durch seine Gestalt hervorragend, der Nabob in seinem offiziellen Galaanzuge, als ob das ironische Schicksal dem Abgeordneten auf Probe einen Vorgeschmack aller Freuden des parlamentarischen Lebens hätte geben wollen. Die dem Trauerzuge folgenden Freunde des Verstorbenen bildeten nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe, ganz besonders dazu angethan, die Oberflächlichkeit und Hohlheit der Existenz dieses Mannes aus der großen Gesellschaft an den Tag zu legen, dessen vertrauter Umgang sich auf einen dreimal fallit erklärten Theaterdirektor, einen durch Wucher reich gewordenen Gemäldehändler, einen anrüchigen Edelmann und einige Lebemänner und Pflastertreter der Boulevards ohne Namen beschränkte. Bis dahin ging alle Welt zu Fuße und mit entblößtem Haupte, kaum daß sich in der parlamentarischen Gruppe einige seidene Käppchen scheu hervorgewagt hatten, als man den volkreichen Stadtteilen sich näherte. Nunmehr begann das Wagengefolge.

Bei dem Tode eines berühmten Soldaten ist es hergebracht, im Trauerzuge des Helden auch das Lieblingspferd, sein Schlachtross mitzuführen, das seine mutige Gangart dem gemessenen Schritte des Trauergefolges anpassen muß. Hier vertrat die Stelle eines solchen Siegesgefährten das große, auf achtfachen Federn ruhende Coupé des Herzogs, das ihn so oft in die politischen und andre Versammlungen gefahren hatte, die Fenster schwarz verhängt, die Laternen mit langem, bis auf die Erde nachschleifendem Flore verhüllt. Diese verschleierten Laternen waren eine neue Art der Trauer, der äußerste Schick, und es geziemte in der That diesem vollendeten Weltmanne, den Parisern, die zu seinem Leichenbegängnisse wie zu einem Wettrennen von Longchamps herbeigeströmt waren, eine letzte Lektion in der Eleganz zu geben.

Dann folgten noch drei Ceremonienmeister und sodann der gleichgültige offizielle Pomp, ein Pomp, der immer derselbe ist für Heiraten, Todesfälle, Taufen, Parlamentseröffnungen oder Empfänge von Fürstlichkeiten, eine unabsehbare Reihe von glänzenden Galawagen mit großen Spiegelscheiben und weithin schimmernden goldstrotzenden Livreen, die inmitten der staunenden Volksmenge ihren Durchzug hielten, welcher sie die Kindermärchen, das Gespann im Aschenbrödel, ins Gedächtnis riefen und Oh und Ah der Bewunderung entlockten, wie sie bei Feuerwerken mit den Raketen in die Luft zu steigen pflegen. Bei solcher Gelegenheit pflegt dann in der Menge auch nicht ein gefälliger Stadtsergeant oder ein unterrichteter Pflastertreter zu fehlen, der diese öffentlichen Schaustellungen aus dem Grunde kennt und mit lauter Stimme die Herrschaften in den mit ihrer vorschriftsmäßigen Eskorte von Dragonern, Kürassieren oder Stadtgardisten vorbeipassierenden Wagen beim Namen nennt. Zuerst die Vertreter des Kaisers, der Kaiserin, des ganzen kaiserlichen Hauses, darauf, in einer klüglich ausgetüftelten Rangordnung, deren Mißachtung die schwersten Konflikte hätte zur Folge gehabt haben können, die Mitglieder des Geheimen Rates, die Marschälle, die Admirale, der Großkanzler der Ehrenlegion, darauf der Senat, der gesetzgebende Körper, die gesamte hohe Justiz und Universität, deren Kostüme, Hermelinmäntel und Kopfbedeckungen einen in das alte Paris zurückversetzte, in die Zeit jenes veralteten, überlebten Gepränges, das in unser nüchternes Zeitalter der Bluse und des schwarzen Rockes nicht mehr passen will.

Um nicht denken zu müssen, heftete Felicia ihre Blicke freiwillig auf diesen eintönigen Zug mit seiner ermüdenden Länge; und allmählich überkam sie eine Art Stumpfsinn, wie sie ihn wohl empfunden hatte, wenn sie an einem Regentage in irgend einem langweiligen Salon ein koloriertes Album, eine Geschichte der Kostüme aller Zeiten durchblätterte. Und solchen kolorierten Figuren glichen in der That alle diese Persönlichkeiten, die man im Profil sah, wie sie sich hinter den großen Spiegelscheiben unbeweglich aufrecht hielten und ganz vorne auf den Kissen saßen, damit ja ihre Goldstickereien, Palmetten, Galons und Litzen voll zur Geltung kämen, wahre Gliederpuppen zur Belustigung der Menge, der sie sich mit gleichgültiger und gelangweilter Miene darboten.

Gleichgültigkeit! . . . Das war so recht der hervorstechende Zug dieses Leichenbegängnisses. Diese fühlte man überall heraus, auf den Gesichtern und in den Herzen, ebensowohl unter den offiziellen Leidtragenden, von denen die meisten den Herzog nur von Ansehen gekannt hatten, als unter dem Gefolge, das zu Fuße zwischen dem Leichenwagen und seinem Coupé einherging, unter seinen intimen Freunden und seiner Hausdienerschaft. Gleichgültig und selbst freudig bewegt erschien der dicke Vicepräsident des Senatsrats, der mit seiner derben Faust, mit der er gewohnt war auf die Tribüne zu hämmern, die Schnüre des Baldachins fest umschlossen hielt und gleichsam mitzuziehen schien, als habe er's noch eiliger als die Pferde, den Gegner seit zwanzig Jahren, den unablässigen Rivalen, der allen seinen ehrgeizigen Bestrebungen in den Weg getreten war, sechs Fuß unter die Erde zu bringen. Die drei andern Würdenträger gingen nicht mit demselben Ungestüm eines Füllens einher, aber die langen Schnüre zitterten in ihren ermüdeten oder zerstreuten Händen mit einer bemerkenswerten Haltlosigkeit. Gleichgültig war auch die Dienerschaft, die der Herzog nie anders als »Dingsda« bezeichnet, und die er in Wirklichkeit auch nur als Sache behandelt hatte. Gleichgültig war auch Louis, für den der heutige Tag der letzte Tag der Knechtschaft war, der, ein freigelassener Sklave, reich genug war, um das Lösegeld zu bezahlen. Die eisige Kälte erstreckte sich selbst auf die Vertrauten, obwohl einige von diesen dem Herzog sehr zugethan waren. Aber Cardailhac war zu sehr von der Anordnung und Ueberwachung des Zuges in Anspruch genommen, um sich der geringsten Rührung, ein Gefühl, das übrigens auch nicht in seiner Natur lag, zu überlassen. Der alte Monpavon, der bis in das Innerste ergriffen war, würde jegliches Zeichen einer Bewegung als einen beklagenswerten und seines erhabenen Freundes unwürdigen Mangel an Haltung betrachtet haben. Seine Augen blieben trocken und ebenso leuchtend, wie je zuvor, umsomehr, als die Unternehmer der Leichenkondukte die Thränen für tiefe Trauer, in Silber auf schwarzes Tuch gestickt, ohnehin mitliefern. Einer ganz hinten unter den Deputirten weinte gleichwohl, aber dieser eine war naiverweise über sich selbst in solche Rührung geraten. Dem armen Nabob, der durch die Musik und den ganzen Trauerzug so bewegt war, kam es so vor, als ob er sein ganzes Glück, alle seine Hoffnungen auf Ruhm und Ehre heute begrübe. Im Grunde war dies auch Gleichgültigkeit, nur in andrer Art.

Beim Publikum überwog die Befriedigung über ein schönes Schauspiel, die Freude, aus einem Wochentage einen Festtag zu machen, jedes andre Gefühl. Beim Zuge durch die Boulevards hätten die Zuschauer auf den Balkons fast Beifall geklatscht, hier in den volkreichen Stadtteilen gab sich die Unehrerbietigkeit in noch rücksichtsloserer Weise kund. Kalauer und fade Witzeleien über den Toten und seine Abenteuer, die ganz Paris kannte, spöttische Bemerkungen über die großen Hüte der Rabbiner, das Aussehen der Weisen im Staatsrat, flogen inmitten des Trommelgewirbels hin und her. Mit den Füßen in der Gosse, in Bluse und Hausrock, die Mütze aus Gewohnheit abgezogen, sah das Elend, die erzwungene Arbeit, der blaue Montag und der Streik mit hämischem Lächeln diesen Bewohner einer höheren Sphäre, diesen glänzenden Herzog, aller seiner Ehren entkleidet, vorbeiziehen, ihn, der vielleicht nie in seinem Leben in dieses äußerste Ende der Stadt gekommen war. Aber so ist es. Um dorthin zu gelangen, wohin alle Welt geht, muß man denselben Weg einschlagen, zunächst durch die Vorstadt St. Antoine, dann die Rue de la Roquette und schließlich bis zu dem großen Thor der Steuereinnehmerei, das weit geöffnet ins Unendliche führt. Und wahrlich, es thut wohl, zu denken, daß große Herren, wie Mora, Herzöge und Minister, alle denselben Weg zu demselben Ziele einschlagen müssen. Diese Gleichheit im Tode entschädigt für manche Ungerechtigkeiten im Leben. Wenn man sich morgens vom Lager erhebt und sich sagen kann: Es ist alles gleich, der alte Mora so gut wie die andern hat doch daran müssen! . . . scheint einem das Brot weniger teuer, der Wein besser und das Werkzeug minder schwer.

Der Zug, der einen mehr ermüdenden als feierlichen Eindruck machte, wollte kein Ende nehmen. Jetzt waren es Liedertafeln, Deputationen der Armee, der Marine, Offiziere aller Gattungen, die sich herdenweise vor einer langen Reihe von leeren Wagen drängten, von Trauerkutschen und herrschaftlichen Equipagen, die, um der Etikette zu genügen, sich eingefunden hatten, dann kamen Truppenabteilungen, und in dieser schmutzigen Vorstadt, dieser langen Rue de la Roquette, die ohnehin, soweit das Auge reichte, von Menschen wimmelte, marschierte eine ganze Armee auf, Infanterie, Dragoner, Ulanen, Artilleristen, schwere Geschütze, die bereit waren, ihre Stimme ertönen zu lassen, und die, so sehr sie auch das Pflaster und die Fensterscheiben erschütterten, doch das Wirbeln der Tambours nicht zu übertäuben vermochten, dies unheimliche Wirbeln, das Felicia an die Leichenfeierlichkeiten bei großen afrikanischen Negerstämmen erinnerte, wo Tausende von Schlachtopfern die Seele eines verstorbenen Häuptlings begleiten, damit sie nicht allein in das Reich der Geister eingehe, und sie stellte sich vor, daß vielleicht das ganze pomphafte und unermeßliche Gefolge in der geräumigen Grube, die sie alle würde umschließen können, verschwinden möchte.

. . . »Jetzt und zur Stunde unsres Scheidens. Also geschehe es,« murmelte die alte Cremnitz, während der Wagen über den nunmehr gelichteten Platz schwankte, auf dem die vergoldete Statue der Freiheit sich hoch in den Aether zu schwingen schien, und dieses Gebet der alten Tänzerin war vielleicht das einzige von Herzen kommende und aufrichtige Gefühl, das bei dem Durchzuge des unabsehbaren Trauerzuges Ausdruck gefunden hatte.

Die Leichenreden sind zu Ende, drei lange Reden, ebenso eisig wie das Gewölbe, in welches der Tote soeben hinuntergesenkt worden ist, drei offizielle Deklamationen, die den Rednern hauptsächlich Gelegenheit gegeben haben, ihre unwandelbare Hingebung an die Interessen der Dynastie zum Ausdruck zu bringen. Fünfzehnmal haben die Kanonen die zahlreichen Echos des Kirchhofes wachgerufen und die Kränze von Perlen und Immortellen und die leichten Weihgeschenke ex voto, die an den Ecken der Grabgeländer aufgehängt sind, erzittern lassen. Und während eine rötliche Wolke mit einem Geruche von Pulverdampf über die Stätte der Toten dahinschwebt und sich allmählich mit dem Rauche aus den Werkstätten in dem benachbarten plebejischen Stadtteil vermischt, zerstreut sich auch die zahllose Versammlung über die abschüssigen Wege und die aus dem Grün hervorschimmernden Treppenstufen. Rote und schwarze Roben, blaue und grüne Fräcke, goldene Troddeln und zierliche Degen, deren man sich beim Gehen sorgfältig versichert, beeilen sich, nach den Wagen zurückzugelangen. Man tauscht tiefe Verbeugungen aus, lächelt einander diskret zu, während die Trauerkarossen im Galopp die Alleen hinunterjagen, eine ganze Reihe von schwarzen Kutschern, mit vorgebeugtem Rücken, quer aufgesetzten Dreimastern und im Winde flatternden Mantelkragen.

Der allgemeine Eindruck ist die Erlösung von einer langen und ermüdenden Schaustellung, ein berechtigter Eifer, das Amts- und Galakleid abzulegen, das Degengehenk abzuknöpfen, der Ringkragen und Aufschläge sich zu entledigen, die Gesichter, denen gleichfalls Zwang angethan war, wieder zu glätten.

Der dicke und schwerfällige Hemerlingue, der mühsam seine fetten Beine nachschleifte, eilte nach dem Ausgange, indem er die vielfachen Anerbietungen, die ihm von andern gemacht wurden, in ihren Wagen zu steigen, ablehnte, weil er sich wohl bewußt war, daß nur sein eigner Wagen für seine plumpe Gestalt Raum bot.

»Baron, Baron, hierher. . . . Hier ist ein Platz für Sie.«

»Nein, ich danke. Ich will gehen, um meinen steifen Gliedern etwas Bewegung zu verschaffen.«

Um diesen Anerbietungen, die ihm auf die Dauer lästig fielen, sich zu entziehen, schlug der Baron eine fast ganz leere Querallee ein, die freilich fast allzusehr von Menschen entblößt war, denn kaum hatte er dieselbe betreten, als ihn auch schon sein Entschluß gereute. Seit er auf dem Kirchhofe war, hatte er nur eine Besorgnis empfunden, und diese bestand darin, mit Jansoulet zusammenzutreffen, dessen Heftigkeit er kannte, und dem es wohl zuzutrauen war, daß er die Majestät des Ortes vergessen und auf dem offenen Père-Lachaise den Skandal von der Rue Royale aufs neue aufführen werde. Zwei- oder dreimal hatte er während der Trauerceremonie den dicken Kopf seines einstmaligen Genossen aus der Masse gleichgültiger Gestalten, von denen das Gefolge wimmelte, auftauchen und sich nach ihm mit dem Wunsche einer Begegnung umblicken sehen. Selbst noch dort unten, in der großen Allee, würden im Falle eines unglücklichen Zusammentreffens Menschen zur Hand gewesen sein, während hier . . . ihn schauderte. . . . Und diese Besorgnis beschleunigte seinen kurzen Schritt, trotz der Atemnot, mit der er zu kämpfen hatte; aber vergeblich. Als er sich ängstlich umsah, ob ihm jemand folge, erblickte er die hohen und breiten Schultern des Nabob am Eingange der Allee. In dem engen Gewirre der Gräber, die so nahe bei einander gedrängt lagen, daß man kaum Platz zum Niederknieen fand, war für den Asthmatiker an ein Entrinnen nicht zu denken. Der lehmige und aufgeweichte Boden gab unter seinen Füßen nach, und so entschloß sich der Baron, den Unbefangenen zu spielen, in der Hoffnung, daß der andre ihn nicht erkennen werde. Aber eine heisere und mächtige Stimme rief hinter ihm: »Lazarus!«

Der reichgewordene Kaufmann hieß nämlich Lazarus. Er antwortete nicht, versuchte vielmehr eine Gruppe von Offizieren zu erreichen, die er in der Ferne erblickte.

»Lazarus! He, Lazarus!«

Ganz wie in alten Zeiten auf dem Quai von Marseille. . . . Er war, unter dem Einflusse einer alten Gewohnheit, schon im Begriffe, stillzustehen, jedoch nun überkam ihn plötzlich mit einem schrecklichen Angstgefühl, das an Paroxysmus streifte, die Erinnerung an seine Schändlichkeiten, an alles Ueble, was er dem Nabob gethan hatte und noch zu thun vorhatte, als plötzlich eine eiserne Hand sich schwer auf seine Schultern legte. Der Angstschweiß brach dem Feigling aus und seine Glieder schlotterten, sein Gesicht wurde noch gelber als zuvor, seine Augen blinzelten in der Erwartung des furchtbaren Schlages, auf den er gefaßt war, während seine dicken Arme sich unwillkürlich erhoben, um denselben abzuwehren.

»O, sei ohne Sorge. . . . Ich werde dir kein Leides thun,« sagte Jansoulet mit trauriger Stimme. . . . »Ich möchte dich nur bitten, daß du auch mir ferner kein Leid mehr zufügst.«

Der Nabob hielt inne, um Luft zu schöpfen. Der vor Staunen über diese verblüffende Gefühlsregung sprachlose Bankier riß seine runden Eulenaugen weit auf.

»Höre mich an, Lazarus; in diesem Kriege, den wir nun schon so lange Zeit miteinander führen, hast du dich als der Stärkere erwiesen. Ich liege am Boden. . . . Meine Schultern haben die Erde berührt. Sei nunmehr edelmütig, schone deines alten Genossen, Nicht wahr, du läßt Gnade walten, Gnade. . . .«

An diesem gebrochenen Südländer, der durch die Trauerceremonie weich geworden war, zitterte alles. Hemerlingue seinerseits war freilich nicht viel gefaßter. Die Trauermusik, das offene Grab, die Leichenreden, der Kanonendonner und die eindringliche Philosophie des unvermeidlichen Todes, alles dies zusammengenommen hatte den dicken Baron bis ins Innerste ergriffen. Die Stimme seines alten Kameraden that das übrige, um das, was in diesem Fettklumpen noch menschlich war, wachzurufen.

Sein alter Genosse! Es war seit zehn Jahren, seit ihrer Entzweiung, zum erstenmale, daß er ihm so nahe gegenüberstand. Was für Erinnerungen riefen ihm diese sonnverbrannten Züge, diese starken Schultern wach, die so wenig für den gestickten Frack geschaffen waren! Die dünne und durchlöcherte Wolldecke, in welche beide sich gehüllt hatten, um auf der Sinaibrücke zu schlafen, die brüderlich geteilte Mahlzeit, die gemeinschaftlichen Ausflüge in die ausgedörrte Umgegend von Marseille, auf denen sie große Zwiebeln mitnahmen, die sie am Rande eines Grabens verzehrten, die Träume, die Pläne, die zusammengesparten Sous und, als das Glück ihnen zu lächeln begann, die Tollheiten, die sie zusammen ausgeführt hatten, die kleinen gemütlichen Soupers, bei denen man sich, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, alles anvertraut hatte.

Wie in aller Welt kann man sich nur entzweien, wenn man sich so genau kennt, wenn man wie Zwillinge miteinander gelebt hat, von derselben dürren und derben Amme großgesäugt, dem Elend, dessen bittre Milch und rauhe Liebkosungen man brüderlich geteilt. Solche Gedanken schossen dem Baron mit Blitzesschnelle durch den Kopf. Fast unwillkürlich ließ er seine schwere Hand in die ausgestreckte Rechte des Nabob fallen. Etwas wie ein tierischer Instinkt, das stärker war als ihr Haß, regte sich in ihnen, und diese beiden Männer, welche seit zehn Jahren darnach getrachtet hatten, einander zu Grunde zu richten und sich gegenseitig die Ehre abzuschneiden, begannen offen und herzlich miteinander zu plaudern.

Wenn Freunde sich wiederfinden und die ersten Aufwallungen vorüber sind, so pflegt eine Pause einzutreten, als ob man sich nichts mehr zu erzählen hätte, während im Gegenteil die Ueberfülle von Dingen und das plötzliche Andrängen derselben es ist, was die Mitteilung verhindert. Die beiden Genossen waren eben in diesem Stadium: aber Jansoulet, der befürchtete, daß ihm der Bankier entschlüpfen, daß er der guten Regung, die er eben in ihm wachgerufen hatte, Widerstand leisten könne, drückte den Arm seines alten Freundes recht derb und sagte: »Du bist doch nicht pressiert, nicht wahr? . . . Wir können uns, wenn es dir recht ist, ein wenig hier ergehen. . . . Es regnet nicht mehr, es ist wieder ganz schön . . . und ich fühle mich zwanzig Jahre jünger.«

»Allerdings, es thut einem wohl . . . nur kann ich nicht lange marschieren . . . meine Beine sind etwas schwerfällig. . . .«

»Ach ja, deine armen Beine . . . aber sieh, dort unten ist eine Bank. Wir wollen uns dort setzen, stütze dich auf mich, Alterchen.«

Und nun geleitete ihn der Nabob mit brüderlicher Fürsorge zu einer dieser Bänke, welche hier und da zwischen den Gräbern zerstreut stehen, auf denen die untröstlichen Hinterbliebenen, die den Kirchhof zu ihrem Spaziergang und täglichen Aufenthalte erkoren haben, sich ausruhen. Er machte es dem Bankier dort bequem, blickte ihn zärtlich an, bedauerte ihn wegen seiner Körperschwäche und, infolge einer an solchem Orte ganz natürlichen Ideenverbindung, kamen sie schließlich auf ihre Gesundheit und das herannahende Alter zu sprechen. Der eine war wassersüchtig, der andre vollblütig. Alle beide brauchten die Jenkins-Perlen, eine gefährliche Arznei, wie der so rasch dahingeraffte Mora bekundete,

»Mein armer Herzog!« sagte Jansoulet.

»Ein großer Verlust für das Land,« äußerte der Bankier mit überzeugter Miene.

Und der Nabob fügte naiv hinzu: »Für mich besonders, grade für mich, denn wenn er gelebt hätte. . . . Ach! Dir lächelt das Glück; ja, du hast Glück.«

Da er aber befürchten mochte, daß er seinem Freunde wehe gethan, so setzte er rasch hinzu: »Aber du bist auch sehr klug, sehr klug.«

Der Baron blickte ihn an und zwinkerte dabei so wunderlich mit den Augen, daß seine schwarzen Wimpern fast ganz in dem gelben Fett verschwanden, »Nein,« sagte er, »nicht ich bin so klug . . . Marie ist es,«

»Marie?«

»Ja, die Baronin. Seit ihrer Taufe hat sie ihren Namen Jamina mit Marie vertauscht. Das ist eine Frau, sage ich dir, die kennt Paris und das Bankgeschäft besser als ich. Sie leitet alles im Hause.«

»Du bist sehr glücklich,« sagte Jansoulet mit einem Seufzer.

Seine traurige Miene verriet zur Genüge, was dem Fräulein Afchin abging. Nach einer Pause nahm der Baron wieder das Wort: »Marie, wie du weißt, ist dir nicht gewogen. . . . Sie wird nicht erfreut sein, wenn sie erfährt, daß wir uns gesprochen haben.«

Er runzelte seine dicken Augenbrauen, als ob ihm ihre Aussöhnung, bei dem Gedanken an die eheliche Szene, die dieselbe zur Folge haben würde, leid thäte. Jansoulet stammelte: »Ich habe ihr doch nichts gethan. . . .«

»Doch, doch, ihr habt euch nicht hübsch gegen sie betragen. Denkt nur an den Schimpf, den ihr bei unsrer Brautvisite ihr angethan habt. . . . Deine Frau ließ uns sagen, daß sie den Besuch einer früheren Sklavin nicht annehmen könne. Als ob unsre Freundschaft nicht über einem solchen Vorurteil stehen müßte. Frauen vergessen solche Dinge nicht.«

»Aber ich kann doch nichts dafür, Alterchen! Du weiß ja, wie stolz diese Afchins sind.«

Er war weiß Gott nicht stolz, der arme Mann. Er machte eine so klägliche, flehende Gebärde gegenüber der gerunzelten Stirn seines Freundes, daß dieser Mitleid mit ihm empfand. In der That der Kirchhof stimmte den Baron weich.

»Höre mich an, Bernard, es gibt nur ein Mittel. . . . Wenn du willst, daß wir wieder Kameraden seien, wie in alten Zeiten, daß dieser Händedruck, den wir heute miteinander ausgetauscht haben, nicht verloren sei, so gilt es, meine Frau zu bewegen, daß sie sich mit euch aussöhnt. . . . Ohne dies läßt sich nichts erreichen. . . . Als Fräulein Afchin uns die Thüre gewiesen, hast du sie gewähren lassen, nicht wahr? Ebenso würde es bei mir sein, wenn Marie mir bei der Heimkehr sagte: »Ich will nichts davon wissen, daß ihr euch vertragt.« . . . Alle meine Einwendungen würden mich nicht verhindern, dich über Bord zu werfen; denn der häusliche Friede geht eben allem andern vor.«

»Aber wie soll ich denn das anstellen?« fragte der Nabob erschrocken.

»Ich will es dir sagen. . . . Die Baronin hat jeden Sonnabend offenes Haus, komm übermorgen mit deiner Frau und mache ihr einen Besuch. Von der Vergangenheit soll nicht die Rede sein, die Damen werden von Kleidern und Putz reden, werden sprechen, worüber Damen zu sprechen pflegen. Und damit wird die Sache erledigt sein. Wir werden wieder Freunde wie in alten Zeiten werden, und da du einmal in der Tinte sitzst, nun wohl, so wird man dir helfen.«

»Glaubst du? Ich sitze aber furchtbar tief darin,« sagte der andre, den Kopf schüttelnd.

Von neuem verschwanden die listigen Augen des Barons in seinem aufgedunsenen Gesicht, wie zwei Fliegen in der Butter.

»Ja, allerdings. . . . Ich habe hohe Trümpfe ausgespielt. Du bist ein geriebener Fuchs. . . . Der Plan mit den fünfzehn Millionen, die du dem Bey geliehen, war nicht übel erdacht. . . . Wahrlich! Du bist nicht blöde; nur hältst du deine Karten schlecht. Man kann dir ins Spiel sehen.«

Bis dahin hatten die beiden, unwillkürlich durch das feierliche Schweigen der Totenstadt beeinflußt, leise miteinander gesprochen, aber allmählich wurde der Ton der Unterhaltung lebhafter, trotz der Umgebung, welche die Nichtigkeit des menschlichen Lebens auf alle diese mit Daten und Ziffern angefüllten Grabsteine geschrieben hatte, gerade als ob es sich beim Tod nur um die Zeit oder die Auflösung eines Rechenexempels handle.

Hemerlingue weidete sich an der Demut seines Freundes, gab ihm Ratschläge bezüglich seiner geschäftlichen Transaktionen, die er vom Grunde aus zu kennen schien. Nach seiner Meinung mußte der Nabob sich noch sehr gut aus der Schlinge ziehen können. Alles hinge von der Bestätigung der Wahl ab, vom richtigen Ausspielen dieser einen Karte. Aber Jansoulet hatte kein Vertrauen mehr. Mora verloren, alles verloren!

»Du hast wohl deinen Mora verloren, aber mich dafür wiedergewonnen. Das gleicht sich aus,« sagte der Bankier ruhig.

»Nein, siehst du, es ist unmöglich. . . . Es ist zu spät . . , Le Merquier hat seinen Bericht schon fertig und derselbe soll, nach allem, was man hört, furchtbar sein.«

»Nun wohl, hat er wirklich seinen Bericht schon fertig, so muß er eben einen weniger ungünstigen machen.«

»Wie meinst du das?«

Der Baron sah ihn erstaunt an.

»Na hör mal, du scheinst wirklich abzunehmen. . . . Du zahlst nur einhundert-, zweihundert- oder wenn es nötig ist, selbst dreihunderttausend Franken. . . .«

»Aber bedenke doch nur! . . . Le Merquier, dieser unbestechliche Mensch. . . ›Mein Gewissen‹, wie man ihn nennt. . . .«

Bei diesen Worten brach Hemerlingue in ein so lautes Lachen aus, daß es im Innern der nächsten Grabkapellen nachtönte, die an einen so großen Mangel an Ehrerbietung wenig gewöhnt waren.

»›Mein Gewissen‹ und ein unbestechlicher Mensch. . . . Das ist wahrlich zum Lachen . . . du scheinst wahrhaftig nicht zu wissen, daß dies Gewissen mein Eigentum ist, und daß . . .«

Er hielt inne und sah sich, durch ein Geräusch etwas beunruhigt, um.

»Höre nur . . .«

Es war nur das Echo seines eignen Lachens, das von den Grabgewölben widerhallte, gerade als ob der Gedanke an ein »Gewissen« Le Merquiers selbst die Toten erheiterte.

»Wie wäre es, wenn wir ein bißchen gingen,« sagte der Baron, »es fängt an etwas kühl zu werden auf dieser Bank.«

Und während sie beide zusammen zwischen den Gräbern einhergingen, erklärte er ihm mit der Miene einer gewissen pedantischen Überlegenheit, daß in Frankreich die Bestechlichkeit, nur unter etwas milderen Formen, dieselbe Rolle spiele, wie im Orient. Nur mache man hier etwas mehr Umschweife, Man bediene sich eines Deckmantels.

»Hier handelt es sich z. B. um Le Merquier, nicht wahr? . . . Statt ihm dein Geld in einer großen Börse auf einmal zu geben, wie im Orient, trifft man mit ihm ein Arrangement. Dieser Mensch ist ein Freund von Gemälden, er schachert immer mit Schwalbach, der sich seiner bedient, um die katholische Kundschaft für sich auszubeuten. . . . Nun wohl, man bietet ihm ein Gemälde, ein Andenken zum Aufhängen in seinem Kabinett an. Die Hauptsache ist nur, daß man den Preis unter der Hand anzudeuten versteht. . . . Das übrige macht sich von selbst. Ich werde dich zu ihm führen und dir zeigen, wie es gehandhabt wird.« Und der Banquier, der über das bodenlose Erstaunen des Nabob sich amüsierte, der seinerseits, um ihm zu schmeicheln, seine Verwunderung noch übertrieb und ihn mit aufgerissenen Augen anstarrte, verbreitete sich nunmehr des weiteren über die von ihm erteilte Lektion, indem er einen förmlichen Kursus über Pariser und weltliche Philosophie zum besten gab.

»Siehst du, Kamerad, worauf es in Paris hauptsächlich ankommt, das ist, den Schein zu wahren. Nur auf den Schein kommt es an, auf nichts andres. Du, du legst zu wenig Wert darauf. Du spazierst in diesem Paris herum, mit offener Weste, erzählst allen Leuten in der gemütlichsten, offenherzigsten Weise den genauen Stand deiner Angelegenheiten . . . du läßt dich hier gehen, wie in den Bazars von Tunis. Und das ist der Grund, mein lieber Bernard, daß du zu Falle gekommen bist.«

Der Bankier blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen, denn er konnte nicht mehr. Er hatte heute in einer Stunde mehr gesprochen, als sonst in einem ganzen Jahre. Und die beiden bemerkten nun erst, daß sie im Eifer der Unterhaltung zufällig wiederum in die Nähe des Moraschen Familiengrabes gekommen waren, das sich oben auf einer freiliegenden Anhöhe befand, von der man, über Tausende dichtgedrängter Dächer hinweg, Montmartre und die Buttes Chaumont wellenförmig auftauchen sah. Mit dem Hügel des Père-Lachaise erschienen diese Erhebungen wirklich wie die drei sich in gleicher Entfernung folgenden Wellen, aus denen sich jede Flutbewegung des Meeres zusammensetzt. Zwischen den Abdachungen der Hügel tauchten schon hie und da Lichter auf, die in dem Abendrot der Dämmerung das Ansehen von Schiffslaternen hatten, Schornsteine stiegen kerzengerade in die Luft, wie die Masten oder Schlote von Dampfschiffen, aus denen der Rauch sich emporwälzt. Der Himmel hatte sich ringsum aufgehellt, wie dies häufig am Abende von Regentagen der Fall zu sein pflegt, und an dem unermeßlichen, in roten Tinten schimmernden Horizont zeichneten sich die vier ernsten allegorischen Figuren des Moraschen Erbbegräbnisses, die in dem schwindenden Lichte ins Groteske wuchsen, scharf ab. Von den Grabreden, von den offiziellen Beileidsbezeigungen war nichts mehr übrig geblieben. Nur der zertretene Boden ringsum und Maurer, welche beschäftigt waren, den Kalk von der Eingangsschwelle abzuwaschen, erinnerten an die soeben stattgefundene Beerdigung.

Plötzlich schloß sich die Pforte des herzoglichen Gewölbes mit dem ganzen schweren Gewichte ihrer Erzflügel. Der bisherige Staatsminister blieb von nun an allein, ganz allein in dem Dunkel der in dem Gewölbe herrschenden Nacht, das noch finsterer war, als die Abenddämmerung, die nunmehr von dem unteren Ende des Kirchhofes aufsteigend, die Alleen, die Stufen, das Fundament der Säulen, die Pyramiden und Grabmonumente bedeckte und nur noch die Spitzen nicht erreicht hatte. Kirchhofsarbeiter mit ihren Werkzeugen schritten vorüber. Trauernde Hinterbliebene, die nur mit Bedauern ihren Thränen und den Gebeten entsagten, schlüpften verstohlen wie Nachtvögel die Gebüsche entlang, während am Ausgange des Père Lachaise Stimmen laut wurden, die die Schließung des Kirchhofes kundgaben. Das Tagewerk des Kirchhofes war vollbracht. Die Stadt der Toten, der Natur zurückgegeben, wurde wiederum ein unermeßlicher Wald, dessen Richtwege durch Kreuze bezeichnet sind. In einer Senkung am Ende des Kirchhofes erglänzten Lichter in dem Hause eines Kirchhofwärters.

Laßt uns gehen, sagten die beiden Genossen, denen allmählich die Abenddämmerung, die hier kühler war als sonst, empfindlich wurde. Ehe sie sich aber entfernten, zeigte Hemerlingue, der seinen früheren Gedanken noch immer nachhing, auf das Grabmal, das an den vier Ecken mit Draperien umgeben war und auf dem die Figuren mit erhobenen Händen standen.

»Sieh, das war einer, der sich darauf verstand, den Schein zu wahren.«

Jansoulet, der den Arm des Barons ergriffen hatte, um ihm beim Herabsteigen behilflich zu sein, erwiderte in seinem schrecklichen gascognischen Accent: »Ja, weiß Gott. . . . Aber du vermagst mehr als alle . . .«

Hemerlingue widersprach nicht, sondern sagte nur: »Meiner Frau bin ich dafür zu Dank verpflichtet. . . . Ich lege es dir daher nochmals ans Herz, mit ihr deinen Frieden zu machen; denn sonst . . .«

»O! Sei nur unbesorgt. . . . Wir werden uns Sonnabend einstellen; aber nicht wahr, du führst mich bei Le Merquier ein?«

Und während die beiden Figuren, die eine groß und vierschrötig, die andere plump und klein, in dem Seitenwege des großen Labyrinths verschwanden, während Jansoulets Stimme, der seinen Freund mit den Worten. »Hier Alterchen, stütze dich nur auf mich« geleitete, allmählich erstarb, beleuchtete ein letzter Strahl der untergehenden Sonne hinter ihnen auf einer Anhöhe eine ausdrucksvolle und kolossale Büste mit einer mächtigen Stirn unter langen, wallenden Haaren, mit gewaltigen ironischen Lippen. Es war Balzac, der den beiden nachblickte . . .

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.