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Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel.

Eine Erscheinung.

Wen nach aufrichtiger, ungeschminkter Liebe verlangt, nach voll ausströmender Zärtlichkeit, nach jenem glückseligen Lachen, das durch ein leises Zucken um den Mund seine Verwandtschaft mit den Thränen verrät, und nach jenem goldnen Wahne der Jugend, der da hervorleuchtet aus Augen klar und durchsichtig bis auf den Grund der Seele, – der findet das alles am heutigen Sonntag drüben in dem längst bekannten großen neuen Hause am äußersten Ende der alten Vorstadt. Dort glänzt der Photographierahmen am Erdgeschoß heller als gewöhnlich; lustiger tanzen die pappdeckelnen Anzeigen über dem Thore, und aus den offnen Fenstern klingt ein fröhliches Durcheinanderrufen, wie jubelnder Gesang in die herrliche Morgenluft empor.

»Angenommen! Es ist angenommen! . . . Ist das ein Glück! . . . Henriette, Elise, so kommt doch! Herrn Marannes Stück ist angenommen!«

Schon seit gestern ist André im Besitz dieser Neuigkeit. Cardailhac, der Direktor des Nouveauté-Theaters, hat ihn nämlich zu sich rufen lassen, um ihm zu eröffnen, daß er gesonnen sei, sein Drama sofort in Angriff zu nehmen, um es im nächsten Monat aufzuführen. Da die Besprechungen über Dekorationen und Rollenbesetzung den ganzen Abend ausgefüllt und es auf dem Rückwege vom Theater schon zu spät gewesen, um noch bei den Nachbarn anzuklopfen, hat der glückliche Autor in fiebernder Ungeduld auf den kommenden Morgen gewartet und ist, sowie er unten die ersten Schritte und das Klappern der aufgehenden Fensterläden wider die Mauer vernommen, mit der freudigen Nachricht zu seinen Freunden hinabgeeilt. Nun sind sie alle beisammen, die jungen Damen im Negligé mit hastig aufgestecktem Haar, und Herr Joyeuse, den das Ereignis bei seiner Barttoilette überrascht hat, im gestickten Hauskäppchen mit einem merkwürdig halbierten Gesichte, auf der einen Seite rasiert, auf der andern noch eingeseift. Am erregtesten aber ist André Maranne, denn mir wissen ja, was für ihn die Aufführung der »Revolte« bedeutet und was mit Großmütterchen ausgemacht ist. Darum schaut auch der arme Schelm so zu ihr hinüber, als müsse er Mut schöpfen aus ihren Augen; ihr treuherziger, etwas schalkhafter Blick aber scheint ihm zu antworten: »Probieren Sie's immerzu; es ist keine Gefahr dabei.« Auch zu Fräulein Elise schaut der arme Schelm hinüber, ebenfalls um Mut zu schöpfen, und wie er sie so lieblich, wie eine Blume, dastehen sieht mit ihren langen niedergeschlagenen Wimpern, faßt er sich endlich ein Herz und sagt mit erstickter Stimme: »Herr Joyeuse, ich habe Ihnen eine sehr ernste Mitteilung zu machen. . . .«

»Ernste Mitteilung?« sagt Herr Joyeuse ganz verwundert.

Und gleichfalls halblaut setzt er noch hinzu: »Soll ich die jungen Damen wegschicken?«

»Nicht doch; Großmütterchen weiß schon, worum sich's handelt, und Fräulein Elise vermutet es wohl auch! nur die Kinder, wenn ich bitten dürfte. . . .«

Nun ergeht an Fräulein Henriette nebst Schwester die Aufforderung, sich gefälligst zurückzuziehen, eine Aufforderung, welcher obengenannte junge Damen auch sofort nachkommen, die eine mit majestätisch verdrossener Miene, als würdige Tochter derer von Saint-Amand, die andre hingegen, die kleine chinesische Yaja, mit einem mühsam unterdrückten Lachkrampf. Hierauf lange Pause, nach welcher der Freier zu guter Letzt mit seiner Ansprache herausrückt. Fräulein Elises Vermutungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach recht heikler Natur, denn kaum hat der junge Nachbar von »einer ernsten Mitteilung« gesprochen, so hat sie ihren Grundriß der französischen Geschichte aus der Tasche gezogen und sich über Hals und Kopf in die Erlebnisse König Ludwigs des Zänkischen vertieft, eine Lektüre, die dermaßen erschütternd auf sie wirkt, daß ihr das Buch zwischen den Fingern hin und her zittert, – und zum Zittern ist wahrhaftig Grund genug vorhanden, denn mit Bestürzung, mit entrüsteter Verblüfftheit nimmt Herr Joyeuse die Werbung auf.

»Ist es denn auch möglich? . . . Das ist ja ganz außerordentlich überraschend! . . . Wer hätte so was jemals ahnen können? . . .«

Hier aber bricht der gute Mann plötzlich in ein schallendes Gelächter aus; denn schon längst weiß er um die ganze Geschichte; man hat ihm Bericht erstattet, ausführlichen Bericht. . . . Dem Papa Bericht erstattet? Also Verrat! Großmütterchen eine Verräterin! . . . Und schon wenden sich die Blicke vorwurfsvoll nach der Schuldigen; da tritt diese lächelnd herzu: »Jawohl, ihr lieben Leute, so ist es. Ich trug zu schwer an eurem Geheimnis, als daß ich's hätte für mich allein behalten können, und dann ist ja der Papa so herzensgut; ihm darf man schon alles anvertrauen.«

Bei diesen Worten fällt sie dem kleinen Biedermanne um den Hals; dort aber hat auch noch eine zweite Platz, und während Fräulein Elise sich gleichfalls hinflüchtet, bleibt Herrn Joyeuse immer noch eine liebende väterliche Hand frei, sie dem zu reichen, den er nunmehr als seinen Sohn betrachtet. O, ihr stummen Umarmungen, ihr langen gegenseitigen Blicke voll Rührung oder voll Leidenschaft, ihr glückseligen Minuten, wer euch für immer festhalten könnte am Flaume eurer zarten Schwingen! Unter trautem Plaudern und Lachen erzählt nun Herr Joyeuse, daß ihm die erste Ahnung von dem Geheimnisse durch Klopfgeister beigebracht wurde, als er eines Tages im Atelier allein war. »Wie gehen die Geschäfte, Herr Maranne?« fragten die Geister; da habe, in Ermangelung des Herrn Maranne, er selbst geantwortet: »Nach Umständen so übel nicht, meine Herren Geister.« Und es ist wirklich drollig, die schelmische Miene zu sehen, mit welcher der kleine Mann den Scherz wiederholt: »Nach Umständen so übel nicht!« – während Fräulein Elise vor lauter nachträglicher Verlegenheit, mit dem eignen Vater korrespondiert zu haben, hinter ihren blonden Locken verschwindet.

Nachdem die erste Aufregung vorüber ist und sich die Stimmen beruhigt haben, nimmt das Gespräch wieder eine ernstere Wendung. Frau Joyeuse, geborene von Saint-Amand, hätte dieser Verbindung ihre Zustimmung jedenfalls versagt, denn André ist nicht reich und noch weniger von Adel, aber der alte Buchhalter will glücklicherweise nicht so hoch hinaus, wie seine Frau. Das Pärchen ist verliebt, jung, rüstig und rechtschaffen, das wirft für beide Teile eine schöne Mitgift ab, die noch dazu keine Sporteln kostet. Das junge Paar wird sich in der bisherigen Wohnung des Bräutigams niederlassen und das photographische Atelier beibehalten, es müßte denn die »Revolte« die Unsummen eintragen, die unserm Einbildungsmenschen bereits vor den Augen herumschwirren. Im schlimmsten Falle wird übrigens immer noch der Papa bei der Hand sein, der sich bei seinem neuen Prinzipal, einem Wechselmakler, ganz gut steht und auch zuweilen vom Handelsgericht als Sachverständiger beigezogen wird. Solange sich also das kleine Schiff damit begnügt, sich im Fahrwasser des großen fortzubewegen, und Strömung, Wind und Sterne das ihrige thun, wird sich alles andre schon von selbst machen, Herr Joyeuse hat nur ein Bedenken: ob die Verbindung nicht von seiten der Eltern Andrés auf Widerstand stoßen dürfte, da ein so reicher und so angesehener Mann wie Doktor Jenkins. . . . Aber Maranne, der ganz bleich geworden ist, fällt ihm ins Wort: »O schweigen Sie mir von ihm, von diesem Elenden, dem ich nichts verdanke, und der mir auch nichts ist!«

Auf diesen Zornausbruch hin, den er nicht zu unterdrücken vermocht und doch wieder nicht näher begründen kann, hält der junge Mann inne und fährt dann in ruhigerem Tone fort: »Meine Mutter, die mich, trotzdem es ihr verboten worden, hin und wieder besucht, ist meine erste Vertraute gewesen und liebt Fräulein Elise bereits wie eine Tochter . . . ja, Sie sollen sehen, Fräulein Elise, wie gut sie ist und wie schön und hold! . . . O, daß die Aermste einem Nichtswürdigen angehören muß, der sie peinigt und der die Tyrannei so weit treibt, daß er ihr sogar verbietet, den Namen ihres Kindes auszusprechen!«

Diese Worte begleitet der unglückliche Sohn mit einem Seufzer, aus dem zu entnehmen ist, welch schwerer Kummer ganz im stillen an seinem Herzen zehrt. Aber wo wäre ein Kummer, der dem goldumlockten Antlitz der Geliebten und dem strahlenden Ausblick auf die Zukunft widerstehen könnte?

Nun die ersten Fragen ihre Lösung gefunden, darf man auch die Thür wieder aufmachen und die zwei Kleinen aus der Verbannung zurückrufen. Um ihnen aber nichts in den Kopf zu setzen, was sich mit ihrer Jugend nicht verträgt, ist man übereingekommen, ihnen das große Ereignis einstweilen zu verheimlichen; man teilt ihnen also bloß mit, daß in aller Eile Toilette gemacht und in noch größerer Eile dejeuniert wird, um den Nachmittag im Bois de Boulogne zuzubringen, wo Maranne sein Stück vorlesen soll, und dann von dort nach Suresnes zu gehen, wo man so gute Backfischchen zu essen bekommt – kurz, ein ganzes Programm von Herrlichkeiten zur Feier der Annahme der »Revolte«, sowie einer zweiten glücklichen Begebenheit, welche die Kinder später auch erfahren sollen.

»So? So? Was ist denn geschehen?« fragen besagte Kinder mit unschuldiger Miene; aber wer etwa denkt, daß sie nicht wissen, um was es sich handelt, und daß sie Fräulein Elises telegraphische Exercitien lediglich ihrem Interesse für Marannes Geschäft zugeschrieben haben – wer sich das einbildet, der ist eben noch naiver, als Papa Joyeuse.

Nur Geduld, meine Herrschaften, Geduld! Man, wird schon reden, wenn es Zeit ist. Vorerst mache man einmal Toilette!

Nun kommt ein andres Thema aufs Tapet.

»Aber welches Kleid soll ich denn anziehen, Großmütterchen? Das graue?«

»Du, Großmütterchen, an meinem Hute fehlt das eine Band.«

»Hab' ich denn gar keine gestärkte Halsbinde mehr, mein Kind?«

So geht es zehn Minuten lang fort, ein Anliegen nach dem andern, ein wahrer Sturmlauf auf die allerliebste Großmutter; an sie wendet sich jeder, denn sie führt ja die Schlüssel zu Kisten und Kasten und verteilt die feine, blendende, zierlich gefältelte Wäsche, die gestickten Taschentücher, Glacéhandschuhe, kurz, jene Kostbarkeiten alle, die, aus den Schachteln und Schränken hervorgezogen und auf den Betten umherliegend, eine fröhliche Sonntagsstimmung im Hause verbreiten.

Nur solchen, die sich im Frondienst abmühen müssen, ist sie bekannt, jene Freude, welche, durch die Gewohnheit eines ganzen Volkes geheiligt, allwöchentlich wiederkehrt. Für die Leibeignen der Werkeltage thut sich ab und zu das Kerkergitter des Kalenders auf, damit ihnen die erfrischende, leuchtende Gottesluft auch einmal gehöre, und das ist der Sonntag, Die Weltmenschen, die Boulevard-Pariser, finden ihn gar lang, weil er ihrem närrischen Schlendrian in die Quere kommt, und die Heimatlosen, die keine Familie haben, gar traurig, aber weitaus die Mehrzahl begrüßt in ihm die einzige Vergeltung, das einzige Ziel sechstägiger anstrengender, verzweifelter Arbeit – mag es dann regnen oder hageln, ausgegangen wird doch. Nur fort, hinaus aus der öden Werkstatt, aus der engen, dumpfigen Wohnung. Thut aber obendrein der Frühling ein Uebriges und kann sich, wie heute beim Strahl der Maiensonne, der Ruhetag in reiche Farben kleiden, dann ist er erst recht das Fest aller Feste. Nur muß man ihn, um ihn von Grund aus kennen zu lernen, hauptsächlich in den arbeitsamen Stadtteilen beobachten, in jenen düsteren Straßen, die plötzlich heller und breiter werden, wenn er die Kaufläden schließt, die schweren Lastwagen ausspannt und Raum schafft für den Ringelreihen frischgewaschener, geputzter Kinder oder für ihre Federbälle, die unter den Giebeln des alten Paris in langen Bogen mit den Schwalben um die Wette fliegen; in den wimmelnden, fieberisch lebhaften Vorstädten muß man ihn belauschen, wo man schon vom frühesten Morgen an verspürt, wie er mild und Frieden spendend über den feiernden Fabriken schwebt, von Glockenklängen getragen, während draußen die davondampfenden Lokomotiven eine schrille, titanische Abschieds- und Erlösungsfanfare nach allen Richtungen hin ins Freie hinauspfeifen. Dort erst lernt man ihn verstehen und lieben. Pariser Sonntag, du Sonntag des bescheidenen Fleißes, ich habe dich schon oft verwünscht, ohne recht zu wissen, warum, und ich habe ganze Tintenfässer voll Schmähungen ausgegossen über deine lärmende, überschäumende Fröhlichkeit, über den Staub und das Geschrei, womit du die Bahnhöfe füllst, über die wahnwitzige Hast, mit welcher du jeden Omnibus stürmst, über jedes Kneiplied aus den improvisierten Gesellschaftswagen, die du mit grünen und rosenroten Kattunröckchen beflaggst, und über das näselnde Geleier deiner Drehorgeln unter dem Balkon der einsamen Höfe – aber heute schwöre ich meinen Irrwahn ab, um dich zu preisen und zu segnen für jede Freude, jede Linderung, die du der tapferen, rechtschaffenen Arbeit gewährst, für das Lachen der Kinder, die dir entgegenjubeln, für das Selbstgefühl der Mütter, die sich glücklich schätzen, ihre Kleinen dir zum Ruhm herauszuputzen, für die Würde, die du im ärmsten Hauswesen aufrecht erhältst, für das Ehrenkleid, das deinethalben in der alten, wackligen Kommode aufbewahrt wird – und zumeist will ich dich segnen für den Ueberschuß von Seligkeit, mit dem du heute morgen das große neue Haus am Ende der alten Vorstadt bedacht hast!

Nachdem man Toilette gemacht und gefrühstückt hatte, nur rasch aus der Hand in den Mund – und in die Damenhändchen ging wahrlich nicht viel hinein – begab man sich in den Salon zurück vor den Spiegel, um die Hüte aufzusetzen. Während Großmütterchen eben noch allgemeine Umschau hielt, hier eine Stecknadel anbringend, dort eine Schleife zurückzupfend oder am Bau der väterlichen Halsbinde etwas verbessernd, und das ungeduldige Völkchen schon vor lauter Sehnsucht nach dem schönen Sonnenschein stampfte und scharrte, ertönte plötzlich, mitten in die Sonntagsfreude hinein, ein unwillkommenes Klingeln.

»Wie wär's, wenn wir gar nicht aufmachten?« meinten die Kinder.

Da sich aber herausstellte, daß es Freund Paul war, der Einlaß begehrte, da fiel allen ein Stein vom Herzen und laut jubelnd rief man ihm zu: »Nur schnell, schnell herein, damit Sie die frohe Neuigkeit gleich erfahren.«

Als ob er es nicht vor allen andern erfahren hätte, daß das Stück angenommen war! Er hatte sich's wahrhaftig sauer genug werden lassen, bis Cardailhac sich dazu verstand, es zu lesen, anstatt es, schon deshalb, weil es in Versen oder, wie sich der Direktor auszudrücken pflegte, »in kurzen Zeilen« geschrieben war, an die Levantinerin und ihren Massagedoktor abzuliefern, ein Geschäftsgang, den er sich bei Zusendungen von »Wandermanuskripten« zur Regel gemacht hatte. Paul beobachtete indessen über seine Intervention ein wohlmeinendes Schweigen. Das andre Ereignis aber, das der Kinder wegen ganz unerwähnt blieb, verriet ihm, ohne daß es eines besondern Scharfsinnes bedurfte, der stürmische Händedruck Marannes, dem die blonde Mähne zu Berge stand, weil er in Momenten freudiger Erregung die Eigenheit hatte, mit beiden Händen hineinzufahren, und Elises etwas verlegenes Aussehen, sowie auch die triumphierende Haltung des Herrn Joyeuse, der sich in seinem Sonntagsstaat mit dem Widerschein des ganzen Familienglücks auf dem gutmütigen hochroten Gesichte in die Brust warf. Großmütterchen allein schaute gleichmütig drein wie immer, aber an der Art und Weise, wie sie sich um ihre Schwester bemühte, konnte man merken, daß sie ihr eine eigentümliche, eine noch zärtlichere Aufmerksamkeit widmete als sonst, damit sie auch recht hübsch aussehen möge; und reizend war dies Bild der Anmut, die der Schwester Anmut schmückt, ohne Neid und ohne Selbstbedauern, mit einem Anflug von der süßen Entsagung, mit welcher eine Mutter die junge Liebe ihres Kindes bekränzt im Angedenken an vergangenes Glück. Paul labte sich am Anblick dieses Bildes um so mehr, als er allein Augen dafür hatte; doch zu gleicher Zeit stieg auch die wehmütige Frage in ihm auf, ob in einem so mütterlich angelegten Herzen wohl noch Raum sei für andre Gefühle als die einer Tochter und Schwester, und für Sorgen, die außerhalb des friedlichen Lichtkreises der großen Familienlampe lägen, in welchem Großmütterchen die abendliche Arbeit so freundlich überwachte . . .

Bekanntlich ist Amor nicht nur blind, sondern obendrein taub und stumm und bewegt sich nur vermittelst eines gewissen instinktiven Ahnungsvermögens, wie man es sonst nur bei Kranken findet. Es thut einem wirklich in der Seele weh, wenn man zusieht, wie er umherirrt und um sich tappt, wie er strauchelt und nach einem Stützpunkte tastet, an dem er sich mit der mißtrauischen Unbeholfenheit eines Gebrechlichen festhält. So kam es denn auch, daß Paul, im Moment wo er den Freunden ankündigte, daß er auf mehrere Tage, vielleicht sogar auf mehrere Wochen verreisen müsse, vor lauter Zweifeln an Alines Fähigkeit, ein wärmeres Gefühl zu empfinden, weder sah, wie das Mädchen plötzlich erbleichte, noch hörte, welch ein Schmerz in dem Ausrufe lag, der ihren diskreten Lippen entfuhr: »Ach! Sie verreisen?«

Ja, er mußte fort, nach Tunis, obgleich er großes Bedenken trug, seinen armen Nabob mitten unter der hungertollen Meute zurückzulassen. Das einzige, was ihn einigermaßen beruhigte, war Moras wohlwollende Gesinnung – und dann war die Reise ja unumgänglich notwendig,

»Aber die Territoriale?« fragte der alte Buchhalter, der damit ein Lieblingsthema berührte, »Wie sieht's mit der aus? Im Verzeichnis der Verwaltungsräte steht Jansoulets Name nach wie vor obenan. Haben Sie ihn denn noch immer nicht aus der Räuberhöhle herausgezogen? Es kann schlimm werden, sehr schlimm.«

»Freilich kann es das werden, Herr Joyeuse; doch ein ehrenvoller Rückzug kostet Geld, viel Geld, kostet ein neues Opfer von zwei bis drei Millionen, und die haben wir nicht. Eben deshalb gehe ich ja nach Tunis, um der Goldgier des Beys einen Teil jener großen Reichtümer abzujagen, die er uns so widerrechtlich vorenthält. Wie die Dinge jetzt liegen, habe ich auch einige Aussicht auf Erfolg, während später . . . du lieber Gott . . .«

»Na dann, mein Sohn, machen Sie schnell, und wenn Sie, wie ich es Ihnen wünsche, recht runde Säcke voll Dublonen mit heimbringen, lassen Sie Paganetti und seine Bande Ihre erste Sorge sein. Vergessen Sie ja nicht, daß es nicht mehr bedarf als eines einzigen Aktionärs, dem zufällig die Geduld reißt, um den Krach herbeizuführen und mit dem Krach die Untersuchung, und was bei einer solchen an den Tag kommen würde, na, das wissen Sie so gut wie ich. Eigentlich« – und dabei zog Herr Joyeuse seine Stirn in nachdenkliche Falten – »eigentlich nimmt es mich wunder, daß dieser niederträchtige Hemerlingue sich nicht aus lauter Haß gegen euch unter der Hand ein paar Aktien angeschafft hat.«

Kaum war der Name Hemerlingue gefallen, so wurde der Redner durch einen Sturm von Schmähungen und Verwünschungen unterbrochen, denn die ganze anwesende Jugend verabscheute in diesem dicken Bankier den Peiniger des Papas und den Widersacher des guten Nabob, für welch letzteren um Pauls willen allgemein geschwärmt wurde.

»Hemerlingue? O der herzlose, der schändliche, der boshafte Mann!«

Unterdessen vertiefte sich der Einbildungsmensch immer mehr in seine Vermutung, daß der dicke Baron Aktionär der Territorialen geworden sei, um den Todfeind vor Gericht schleppen zu können. Und man stelle sich das Erstaunen Marannes vor, der all diesen Dingen völlig fern stand, als ihm Herr Joyeuse mit rotglühendem Kopfe, vorquellenden Augen und ausgestrecktem Zeigefinger die entsetzlichen Worte zuschleuderte: »Der Nichtsnutzigste von allen sind doch immer noch Sie, mein Herr!«

»Aber Papa, Papa! Was sagst du denn da?«

»Wie? Was? Hab' ich etwa gar . . . Mir dürfen Sie dergleichen nicht übelnehmen, lieber André, es war mir gerade, als stünde ich im Kabinette des Untersuchungsrichters dem Halunken gegenüber. Daß doch mein verwünschter Hirnkasten immer und ewig mit mir durchgehen muß.«

Auf diese Worte hin entstand ein Gelächter, so unbändig, daß es durch die offnen Fenster hinausdröhnte in den tausendfachen Lärm der rollenden Wagen und der festlich gekleideten Menschen, die sich die Avenue des Ternes hinaufbewegten. Diesen Zwischenfall aber benutzte der Verfasser der »Revolte«, um zu fragen, ob man denn nicht bald aufbrechen wolle: Es sei schon spät und man müsse sich darauf gefaßt machen, die guten Plätze im Bois de Boulogne bereits besetzt zu finden.

»Was? Ins Bois de Boulogne, an einem Sonntage?« fragte Paul von Géry ganz erstaunt.

»Gewiß; unser Bois de Boulogne ist ja ganz was andres als Ihr vornehmes,« antwortete Aline mit einem Lächeln, »Kommen Sie nur mit! Ich bin sicher, Sie haben es noch gar nie gesehen.«

Welchem einsamen und beschaulichen Spaziergänger ist es nicht ein oder das andre Mal eingefallen, sich, auf die Ellbogen gestützt, im dichten Walde der Länge nach ins Grüne hinzustrecken, mitten in jene eigentümliche, abwechselungsreiche, bunte Pflanzenwelt, die zwischen dem abgefallenen Herbstlaube emporwuchert? Wenn man in dieser Stellung die Blicke an der Erdoberfläche hin und her schweifen läßt, so verliert man nach und nach das Bewußtsein der Höhenverhaltnisse; die verschlungenen Aeste der Eichbäume wölben sich zu einem unerreichbaren Himmel, und so entdeckt man denn im Walde noch einen Wald; langgedehnte Alleen in geheimnisvoll grünlicher Beleuchtung, von schlanken oder buschigen, fremdartig und wild dreinschauenden Bäumchen gebildet, die in abgerundete Wipfel auslaufen mit der steifen Grazie der Palmen oder in Lanzenspitzen, wie das Zuckerrohr, oder in zierliche Kelche, in denen ein Tautropfen funkelt, oder auch in Armleuchter mit kleinen gelben Kerzen, die der Wind im Vorüberstreichen ausbläst. Am wunderbarsten aber ist es, daß unter dem zarten Schatten dieser Pflanzen noch Miniaturpflänzchen und Tausende von Insekten leben, die, in nächster Nähe beobachtet, uns in alle Geheimnisse dieser Welt im Kleinen einweihen: hier schleppt sich, wie ein Holzknecht unter der Last keuchend, die Ameise mit einem Stückchen Baumrinde, das größer ist als sie selber; dort kriecht ein Käferchen über einen brückenartigen von einem Stengel zum andern hinübergebogenen Grashalm, während unter einem großen Farnkraut, das wie ein Einsiedler in einem samtweichen Moosrondell dasteht, ein kleines blaues oder rotes Tierchen mit ausgestreckten Fühlhörnern auf einen Kameraden wartet, der drüben in irgend einer Allee bereits unterwegs ist zum Stelldichein unterm Riesenstrauch – und so klein ist dieser Wald im Walde, daß der wirkliche Wald ihn gar nicht bemerkt, so bescheiden und so entrückt, daß nicht einmal das große Vogel- und Sturmorchester bis zu ihm herunterreicht.

Eine ähnliche Erscheinung läßt sich im Bois de Boulogne wahrnehmen. Hinter jenen säuberlich mit Sand bestreuten und mit Wasser besprengten Alleen, in denen reihenweise die langsam um den See kreisenden Räder den ganzen Tag über ihre Furchen ziehen, hinter jenem prachtvollen Prospekt von mauerdichtem Laubwerk, eingedämmter Flut und blumigen Felsblöcken breitet sich das wirkliche, das wildwachsende Gehölz mit seinem üppigen Dickicht aus und sprießt und wuchert und verzweigt sich zu undurchdringlichen Schlupfwinkeln, die nur von engen Fußpfaden und rauschenden Quellen durchkreuzt werden. Es ist dies das Bois de Boulogne der Kleinen und Unscheinbaren, der Wald im Walde, und Paul, der von dem aristokratischen Pariser Lustpark nur die breiten Avenuen kannte und den See, den er von des Nabobs Kalesche aus oder von einem vierräderigen Break herab durch die Staubwolken einer Heimfahrt vom Pferderennen schimmern gesehen – Paul konnte sich nicht genug wundern über den allerliebsten verborgenen Winkel, in den ihn die Freunde entführt hatten. Man denke sich von Weiden umrahmt einen Teich voll Seerosen und Wasserlinsen, auf dessen blankem Spiegel die Sonnenstrahlen schillernde Reflexe hinbreiteten. Dort hatte man sich unter den schon dichtbelaubten Bäumen des abschüssigen Ufers niedergelassen, um das Stück vorlesen zu hören, und die hübschen lauschenden Gesichter, die aufgebauschten Kleider auf dem Rasen erweckten unwillkürlich den Gedanken an ein Dekameron, aber an ein harmloses, keusches, Frieden atmendes. Wie zur Ergänzung dieses Naturbehagens, dieser ländlichen Abgeschiedenheit, drehten sich, hinter einer Lichtung in den Zweigen, gegen Suresnes zu, die Flügel einer Windmühle, und von dem blendend prunkvollen Gedränge drüben an den Kreuzungspunkten der Alleen war hier nichts wahrzunehmen als ein fortwährendes dumpfes Rollen, das man mit der Zeit ganz überhörte, so daß in dem verschwiegenen Asyl nur noch des Dichters beredte, jugendfrische Stimme tönte, in begeistertem Schwung Verse vortragend, die von andern nicht minder bebenden Lippen leise nachgesprochen wurden und unterdrückte Beifallsrufe und bei den tragischen Stellen andächtige Schauer hervorriefen; einmal sogar mußte sich Großmütterchen eine dicke Thräne abtrocknen. . . . Jawohl, das kommt davon, wenn man keine Stickerei zur Hand hat.

André hätte keinen passenderen Titel für sein Stück wählen können als gerade »Revolte«; es war in der That eines jener überschwenglichen, himmelsstürmenden Erstlingswerke, in welche die Dichterseelen wie durch eine geöffnete Schleuse eine gestaute Flut von Gefühlen und Gedanken ergießen, und welche häufig, wenn auch nicht die beste, so doch die reichhaltigste Schöpfung eines Poeten sind. Ueber das Schicksal, das dem Stücke bevorstand, ließ sich indessen nichts Bestimmtes voraussagen; aber eben die Ungewißheit, die über der Zukunft der Dichtung schwebte, erhöhte die Wirkung auf die Hörer, die auch noch ihre persönlichen Empfindungen hineintrugen, Fräulein Elise ihre bräutlichen, in Weiß gekleideten Gedanken, Herr Joyeuse die Bilder seiner regen Einbildungskraft und Aline ihre mehr aufs Praktische gerichteten Wünsche, indem sie fürsorglich die Einrichtung des bescheidenen »Nestchens« ihrer Schwester, eines zwar von Stürmen umtobten, aber vielbeneideten Künstlerheims bedachte. O, wenn jetzt einer jener eleganten Bummler herübergekommen wäre, welche die Last ihrer Langeweile an die hundert Male um den See herumwälzten, und die Zweige lauschend auseinander gebogen hätte, wie würde ihn wohl dies Bild überrascht haben! Aber hätte er auch so recht begriffen, was dieser grünende Winkel, der doch kaum größer war als ein zackiger Farnkrautschatten auf dem Moose, an Leidenschaft und Schwärmerei, an Poesie und an Hoffnung in sich faßte?

»Sie hatten wirklich recht: ich kannte unser Bois de Boulogne bisher noch nicht,« sagte Paul ganz leise zu Aline, mit der er Arm in Arm ging. Sie waren in eine schmale, dicht gewölbte Allee eingetreten und hatten, während sie lebhaft plauderten, einen ziemlichen Vorsprung vor den andern gewonnen. Doch war es nicht die Terrasse des Vater Kontzen mit den knusperigen Fischen, die sie lockte. Nein, die eben gehörten schönen Verse hatten sie in luftige Höhen getragen, von denen sie noch nicht wieder herabgestiegen waren. So schritten sie dem immer vor ihnen zurückweichenden Ende der Allee zu, das ein leuchtendes Strahlenthor bildete, als ob der ganze Sonnenglanz dieses schönen Tages sie dort erwarte. Noch nie hatte Paul sich so glücklich gefühlt. Dieser zarte Arm, der in dem seinigen ruhte, und dieser kindliche Schritt, dem er sich so gern anbequemte, würden sie ihm nicht das Leben so lieb und leicht machen wie dieses Lustwandeln auf dem Moose eines grünenden Laubganges? Nur eins hielt ihn davon ab, es dem Mädchen ebenso ehrlich, wie er es dachte, herauszusagen: die Furcht, Aline aus jenem Zutrauen hinauszuschrecken, welches bei ihr offenbar in dem guten Glauben wurzelte, daß sein Herz einer andern angehöre, was jede mehr als freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden auszuschließen schien.

Da tauchte plötzlich gerade vor ihnen auf dem leuchtenden Grunde ein Reiterpaar auf, erst in verschwommenen Umrissen, dann immer deutlicher: ein Herr und eine Dame auf eleganten Rassepferden ritten in die lauschige Allee mit ihren goldigen Streifen, den zierlichen Schattenbildern des Laubwerks, den zahllosen Lichtpunkten, mit denen der Boden besät war und die in immer wechselnden Gebilden von der Brust der Pferde bis zu dem blauen Schleier der Amazone tanzten. So kamen sie in einem schlendernd launischen Tempo immer näher, bis endlich an Paul und Aline, die zwischen die Bäume beiseite getreten waren, mit knisterndem Riemenzeuge, klirrendem, stolzgeschütteltem Gebisse und weiß von Schaum wie nach einem wahnsinnigen Galopp, zwei prachtvolle Tiere vorüberschritten, deren Reiter und Reiterin, da der Weg hier enger wurde, sich dicht aneinander geschmiegt hatten; er hielt den Arm um ihre Taille, die in dem anliegenden dunkeln Kleide doppelt schlank erschien; sie stützte die Hand auf seine Schulter mitsamt dem zärtlich angelehnten Köpfchen, dessen Profil sich unter dem halb herabgeglittenen Schleier verlor – und diese innige Umarmung beim Wiegen der ungeduldigen, für einen Augenblick zurückgehaltenen Renner, dieser Kuß, der die Zügel ineinander vermengte, diese Leidenschaft, die bei hellem Tage, mit einer souveränen Verachtung der Schicklichkeit, im Bois de Boulogne herumpirschte, hätten den Herzog und Felicia schon hinreichend verraten, wenn man sie auch nicht sonst erkannt hätte, die Amazone am Zauber ihres eigenartigen kühnen Wesens, und ihren Begleiter an seiner aristokratischen Ungezwungenheit und seiner bleichen, durch die Bewegung und die Jenkinsschen Wunderperlen nur unmerklich geröteten Gesichtsfarbe. Es war übrigens nichts Außergewöhnliches, Mora an Sonntagen im Bois de Boulogne anzutreffen. Wie sein kaiserlicher Herr liebte er es, sich den Parisern zu zeigen, sich bei allen Volksklassen populär zu machen, und da ihn auf Sonntagsausflügen die Herzogin niemals begleitete, konnte er ungeniert im kleinen Chalet von Saint-James Rast halten, das jedem Pariser bekannt war, und dessen rosige, zwischen den Bäumen hervorschauende Türmchen die Schuljungen einander zischelnd mit den Fingern zeigten. Aber es gehörte Felicias ganzer überspannter, herausfordernder Trotz dazu, um sich in solcher Weise bloßzustellen, ja, auf alle Zeit in Verruf zu bringen. – Jetzt noch verklingender Hufschlag, ein leichtes Rascheln im Gebüsche, der zusammengetretene Rasen, der sich wieder aufrichtet, auseinandergebogene Zweige, die wieder zusammenschlagen, das war alles, was von der Erscheinung noch übrig blieb.

»Haben Sie's gesehen?« sagte Paul, der zuerst das Schweigen brach.

Sie hatte es nicht nur gesehen, sondern, trotz aller Unschuld und Arglosigkeit, auch verstanden, denn auf ihren Wangen stieg eine Röte auf, die Röte der Scham über das Unrecht eines geliebten Wesens. . . .

»Arme Felicia,« murmelte sie vor sich hin, voll Mitleid nicht allein mit der Unglücklichen, Selbstvergessenen, sondern auch mit dem, den dieser Abfall mitten ins Herz treffen mußte.

Paul war indessen von diesem Zusammentreffen keineswegs überrascht, denn es bestätigte bloß seinen früheren Verdacht und rechtfertigte sein unwillkürliches inneres Zurückbeben an jenem Abend, wo ihn die Zauberin zu Tische geladen hatte. Aber dennoch that es ihm wohl, von Aline bedauert zu werden und dies Bedauern so herauszufühlen aus dem weicheren Tone ihrer Stimme, aus dem festeren Drucke ihres Armes. Wie Kinder, die sich krank stellen, um von der Mutter nur recht gehätschelt zu werden, so ließ auch er die Trösterin sich an seinem Kummer abmühen in unverdrossenem Geplauder über seine Brüder und den Nabob und die bevorstehende Reise nach Tunis.

»Ein schönes Land, wie man sagt. Schreiben Sie uns nur recht oft und viel, was für merkwürdige Dinge Sie unterwegs beobachtet und wie alles aussieht dort drüben, denn man hat die in der Ferne Weilenden deutlicher vor Augen, wenn man sich ihren Aufenthaltsort vorstellen kann.«

Mittlerweile hatten die beiden den Ausgang der schattigen Allee nahezu erreicht, an die sich eine ungeheure Lichtung schloß, über die sich das ganze wogende Gedränge des Publikums ergoß in einer Staubatmosphäre, in welcher, von weitem betrachtet, Wagen, Reiter und Fußgänger sich zu einem undurchdringlichen Gewimmel zusammenballten. Sich ein Herz fassend im Bewußtsein, daß er nur noch wenige Minuten ungestörten Zwiegespräches vor sich habe, schlug Paul einen langsameren Schritt an.

»Wissen Sie, was ich mir eben denke?« fragte er, indem er Alines Hand ergriff, »Es kommt mir vor, als müßte es eine Lust sein, sich unglücklich zu fühlen, um dann von Ihnen getröstet zu werden. Doch wie sehr ich Ihr Mitleid zu schätzen weiß, so darf ich mich denn doch nicht wegen eines eingebildeten Nebels bedauern lassen; nicht nur ist mein Herz nicht gebrochen, sondern es schlägt im Gegenteil lebenskräftiger denn je. Und wenn ich Ihnen sagte, durch welches Wunder es bewahrt worden ist, welcher Talisman . . .«

Und er hielt ihr eine Bleistiftskizze in einem kleinen ovalen Rahmen hin, ein in einfachen Umrissen gezeichnetes Profil, welches sie, ganz betroffen über die eigne Anmut, die ihr wie aus einem Zauberspiegel der Liebe entgegenstrahlte, als das ihrige erkannte. Sie wußte nicht warum, aber Thränen traten ihr in die Augen und rieselten, ein entfesselter Quell, auf ihre keusche Mädchenbrust herab. . . .

»Dieses Bild gehört mir,« fuhr Paul fort, »und ist eigens für mich gezeichnet worden. Doch jetzt, da ich abreisen soll, bin ich über mein Anrecht darauf in Zweifel; nur als ein Geschenk von Ihnen darf und will ich es behalten; also nehmen Sie's hin, und sollten Sie einen Würdigeren kennen, einen Mann, der Sie tiefer und rechtschaffener liebt als ich, so sage ich hiermit selber zu Ihnen: geben Sie es ihm.«

Aline, die sich mittlerweile gefaßt hatte, sah ihm jetzt mit ernsthaft zärtlichem Blick fest in die Augen: »Dürfte ich bloß auf mein Herz hören, so würde ich mit meiner Antwort nicht zurückhalten, denn wenn Sie mich wirklich so lieben, wie Sie sagen, so glaube ich Sie ebenso zu lieben; aber ich bin nicht frei; ich lebe nicht für mich allein . . . sehen Sie nur hin! . . .«

Und dabei deutete sie nach ihrem Vater und ihren Schwestern, die ihnen von weitem winkten und hurtig auf sie zuschritten.

»Als ob mir's nicht gerade ebenso ginge!« fiel ihr Paul ins Wort. »Habe ich nicht gleiche Sorgen, gleiche Verpflichtungen? Beide sind wir, wie Witwer und Witwe, für eine Familie verantwortlich. Wollen Sie die Meinigen nicht lieben, wie ich die Ihren?«

»Ist's denn wahr, wirklich wahr? Sie wollen mich bei ihnen lassen? Für Sie darf ich Aline sein, und dennoch Großmütterchen bleiben für die andern, für unsre Kinder? . . . Ja dann,« sagte das liebe Geschöpf, in einem Freudenstrahl aufleuchtend, »dann nehmen Sie mein Bild nur zurück! Ich schenke es Ihnen gern und meine ganze Seele dazu für alle Ewigkeit! . . .«

Ende des zweiten Bandes.

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