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Der Nabob. Band 2

Alphonse Daudet: Der Nabob. Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDer Nabob. Band 2
publisherVerlag J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeBand 21
year1888
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060924
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Fünfzehntes Kapitel.

Tagebuch eines Büreaudieners. – Im Vorzimmer.

Am letzten Sonnabend Zauberfest auf dem Vendômeplatze.

Zu Ehren seiner Erwählung gab Herr Bernard Jansoulet, der neue Abgeordnete von Korsika, eine glänzende Abendgesellschaft, mit Municipalgardisten vor dem Hausthore und Illumination des ganzen Hotels. Zweitausend Einladungen waren an die gesamte hohe Gesellschaft von Paris ergangen.

Dem Anstande meiner Manieren, meiner sonoren Stimme, die der Präsident des Verwaltungsrats bei den Generalversammlungen der Territorialkasse kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, habe ich es zu verdanken, daß ich bei diesem glänzenden Feste mitwirken durfte, wo ich während dreier Stunden in einem Anzuge von Scharlach und Gold, mit der den Personen von einem gewissen Einflusse eignen Würde, zum erstenmal in meinem Leben in Kniehosen, in dem mit Blumen geschmückten Vorzimmer stehend, den Namen eines jeden Eingeladenen, den ein Schweizer in glänzender Uniform jedesmal mit dem Aufstoßen seiner Hellebarde begrüßte, in die fünf ineinandergehenden Säle mit der Wirkung eines Kanonenschusses hineinrief.

Was habe ich für sonderbare Bemerkungen an diesem Abende vernommen, was für amüsante Scherzworte, was wurden für bedenkliche Sarkasmen von der Dienerschaft über alle diese vorbeidefilierenden Personen geäußert! Selbst nicht bei den Winzern von Montbars habe ich so komische Bemerkungen gehört. Freilich muß ich gestehen, daß unser würdiger Kollege, Herr Barreau, uns zuvor in der bis zur Decke mit geeisten Getränken und Eßwaren gefüllten Speisekammer einen soliden, gehörig mit Wein begossenen Imbiß serviert hatte, der einen jeden von uns in die beste Laune versetzte, die auch den ganzen Abend durch ein gelegentliches Glas Punsch oder Champagner, das wir im Vorübertragen von den Präsentiertellern wegpraktizierten, auf das beste unterhalten wurde.

Unsre Herrschaften schienen freilich nicht so gut aufgelegt zu sein wie wir selbst. Als ich um neun Uhr meinen Posten einnahm, wurde ich durch den unruhigen und nervösen Gesichtsausdruck des Nabob betroffen, der in den erleuchteten und noch vereinsamten Sälen, in lebhaftem Gespräche und heftig gestikulierend, mit Herrn von Géry auf und ab schritt.

»Ich bringe ihn um,« sagte er, »ich bringe ihn um. . . .«

Der andre versuchte, ihn zu beruhigen, und als nun die Frau vom Hause erschien, sprach man von andern Dingen.

Ein Prachtexemplar von einem Frauenzimmer, diese Levantinerin, zweimal so stark als ich, wahrhaft blendend anzuschauen, mit ihrem Diadem von Diamanten, mit ihren Edelsteinen, die ihre enormen weißen Schultern bedeckten, mit einem Rücken, der ebenso rund ist wie ihre Brust, ihrer Taille, die in einen grüngoldnen Panzer eingepreßt ist, dessen Franse weit über das Kleid hinunterfiel. Ich habe noch nie etwas so Imposantes und Reiches gesehen. Man dachte dabei an einen dieser schönen weißen Elefanten, mit Türmen auf dem Rücken, von denen man in den Reisebüchern liest. Wenn sie, mühsam sich an den Möbeln anklammernd, dahinschritt, so zitterte alles an ihr und ihr Schmuck klirrte. Dabei hat sie eine hohe gellende Stimme, ein schönes rosiges Antlitz, dem ein kleiner Neger mit einem weißen Federfächer von der Größe eines Pfauenrades fortwährend Kühlung zufächelte.

Es war das erste Mal, daß diese träge und halbwilde Person sich der Pariser Gesellschaft zeigte, und Herr Jansoulet schien sehr glücklich und stolz darüber, daß sie sich herabgelassen hatte, seinem Feste zu präsidieren. Uebrigens verursachte dieses der Dame keine große Unbequemlichkeit, denn sie überließ es ihrem Manne, die Eingeladenen im ersten Salon zu empfangen, und machte sich's auf einem Diwan in dem kleinen japanischen Salon bequem, wo sie, zwischen zwei Kissenbergen eingepfercht, unbeweglich dasaß, so daß man sie aus der Ferne unter dem Fächer, denn der Neger wie ein Uhrwerk bewegte, für ein Götzenbild hatte halten können. Diese fremden Damen haben doch eine eigentümliche Art und Weise des Benehmens!

Da mich die Reizbarkeit des Nabob auffällig berührt hatte, so nahm ich den Kammerdiener, der in großen Sprüngen die Treppe herabkam, beim Schöpfe und flüsterte ihm ins Ohr: »Was in aller Welt ist denn mit Ihrem Herrn, Herr Noël?«

»Ach, das kommt von dem Artikel im ›Messager‹,« antwortete er mir, und ich mußte vorderhand darauf verzichten, weiteres zu erfahren, da ein kräftiges Anziehen der Glocke die Ankunft des ersten Wagens ankündigte, dem alsbald viele andre folgten.

Ganz in mein Amt vertieft und eifrig darauf bedacht, die mir genannten Namen hübsch auszusprechen und von Salon zu Salon widerhallen zu lassen, hatte ich keine Zeit, an andres zu denken. Es ist wahrlich kein leichtes Amt, Personen, wie es sich gehört, anzumelden, die sich einbilden, daß ihr Name allgemein bekannt sei, und die ihn im Vorüberschreiten nur so leise flüstern und dann im höchsten Grade erstaunt sind, wenn man diesen Namen in der schönsten Betonung verstümmelt ausruft, und die einem diese mißglückten Anmeldungen, die stets von den vorhandenen Gästen mit einem boshaftem Lächeln aufgenommen werden, fast übelnehmen. Was mir bei Herrn Jansoulet meine Aufgabe noch erschwerte, das war diese Menge von türkischen, ägyptischen, persischen und tunesischen Gästen. Von den Korsikanern, die an jenem Abend auch sehr zahlreich vertreten waren, will ich nicht reden, denn während meines vierjährigen Dienstes bei der Territorialbank habe ich mich daran gewöhnt, diese hochtrabenden, endlosen, stets mit der Ortsbezeichnung verbundenen Namen auszusprechen: Paganetti von Portovecchio, Bastelica von Bonifacio, Paianatchi von Barbicaglia.

Ich machte mir ein Vergnügen daraus, diese italienischen Silben zu modulieren, ihnen ihren ganzen Vollklang angedeihen zu lassen, und ich merkte es den erstaunten Mienen dieser wackeren Insulaner an, wie sehr sie erfreut und erstaunt waren, in dieser Weise in die hohe kontinentale Welt eingeführt zu werden. Freilich, mit den Türken, den Paschas, den Beys, den Effendis hatte ich schon mehr Mühe, und es kam wohl vor, daß ich ihre Namen verkehrt aussprach, denn zu zwei Malen ließ Herr Jansoulet mir sagen, daß ich auf die mir genannten Namen besser acht geben und sie überhaupt etwas natürlicher aussprechen möge. Dieser, mit einer gewissen Brutalität dicht bei dem Vorzimmer laut geäußerte Tadel verstimmte mich sehr und verhinderte mich – darf ich es aussprechen? – diesen heraufgekommenen Protzen zu bemitleiden, als ich im Verlaufe des Abends erfuhr, welche grausamen Dornen sich unter seinem Rosenlager verbargen.

Von halb elf Uhr bis Mitternacht hörte die Glocke nicht auf zu ertönen; Wagen folgten auf Wagen, Abgeordnete, Senatoren, Staats- und Gemeinderäte stellten sich ein, die mehr den Anschein hatten, als ob sie sich zu einer Generalversammlung von Aktionären als zu einer Soirée der großen Welt begäben. Worin mochte das seinen Grund haben? Ich vermochte mir darüber keine Rechenschaft zu geben, und erst der Schweizer, Namens Nikolaus, öffnete mir mit einem Worte hierüber die Augen.

»Ja, sehen Sie denn nicht, Herr Passajou,« sagte mir dieser wackere Diener, der, mit der Hellebarde in der Hand, mir kerzengerade gegenüberstand, »wie wenig Damen wir hier haben.«

Ja, weiß Gott, das war der Grund! . . . Und nicht allein wir beide waren es, die diese Wahrnehmung machten. Bei jedem neuen Ankömmling hörte ich, wie der Nabob, der sich in der Nahe der Thür aufhielt, in großer Bestürzung mit seiner wie die eines verschnupften Marseillers schnarrenden Stimme ausrief: »Wie, ganz allein?«

Der Gast entschuldigte sich ganz leise. . . . Mn, mn, mn, . . . Madame sei nicht ganz wohl, habe natürlich außerordentlich bedauert. . . . Und dann kam wiederum ein andrer Gast und auf dieselbe Frage dieselbe Antwort.

Dies ewige Wort »ganz allein« führte schließlich im Vorzimmer zu allerlei Scherzreden, Leibjäger und Diener warfen sich es einander an den Kopf, wenn ein neuer Gast ganz allein eintrat. Und wie lachte und stichelte man. . . . Aber Herr Nikolaus, mit seinem weltmännischen Gebaren, fand, daß dieses fast durchgängige Fehlen des schönen Geschlechtes nicht natürlich sei.

»Das muß in dem Artikel des ›Messager‹ seinen Grund haben,« sagte er.

Alle Welt sprach von diesem Schandartikel, und vor dem von Blumen umrahmten Spiegel, in welchen jeder Gast vor seinem Eintritte einen letzten prüfenden Blick warf, erhaschte ich einige Worte aus einem leise geführten Zwiegespräch, ungefähr so: »Haben Sie gelesen?«

»Aber das ist ja entsetzlich.«

»Halten Sie das für möglich?«

»Ich habe darüber kein Urteil. Auf alle Fälle habe ich es für besser gehalten, meine Frau nicht mitzubringen.«

»Ich habe es ebenso gemacht. . . . Ein Mann kann überall hingehen, ohne sich zu kompromittieren. . . .«

»Allerdings. . . . Dagegen eine Dame. . . .«

Dann traten sie mit dem Klapphute unter dem Arme ein, mit der siegesgewissen Miene von Ehemännern, die ihre Frauen nicht im Schlepptau haben.

Was in aller Welt mochte das für ein furchtbarer Zeitungsartikel sein, der bis zu einem solchen Grade den Einfluß eines so reichen Mannes in Frage stellte? Unglücklicherweise fesselte mich mein Dienst an meinen Platz; ich konnte weder in die Speisekammer, noch in die Vorhalle hinabgehen, um mit den Kutschern, Dienern und Leibjägern zu plaudern, die ich am Fuße der Treppe damit beschäftigt sah, sich über die Leute aufzuhalten, welche die Treppe heraufstiegen, . . . Aber was will man auch machen? Die Herrschaften sind auch oft zu komisch. Wie soll man nicht lachen, wenn man den Marquis und die Marquise von Bois-Landry mit hochmütiger Miene und aufgeblähtem Wesen vorbeipassieren sieht, obwohl man nur zu gut über die kleinlichen Schachereien des Mannes und die Toilettenkünste der Frau unterrichtet ist? Und das Ehepaar Jenkins, so zärtlich, so einträchtig, der aufmerksame Doktor, wie er seiner Frau ein Spitzentuch über die Schultern legt, damit sie sich nur auf der Treppe nicht erkälte, und sie, so holdselig lächelnd, reich geputzt, ganz in Samt und Seide, mit einer wer weiß wie langen Schleppe, wie sie sich auf den Arm ihres Gatten stützt, als ob sie sagen wollte: »Ach, wie bin ich glücklich!« und doch weiß ich am besten, daß seit dem Tode der Irländerin, seiner rechtmäßigen Gattin, der Doktor nur darauf sinnt, wie er sich dieser alten Fessel auf gute Manier entledigen könne, um ein junges Mädchen heimzuführen, und wie diese alte Fessel die Nächte hindurch sich abhärmt und mit ihren Thränen die Ueberbleibsel ihrer einstigen Schönheit zu Grunde richtet.

Das köstlichste ist, daß keine einzige dieser Personen eine Ahnung von den Sticheleien und Klatschereien hat, die man hinter ihrem Rücken flüsterte, von diesen Begeiferungen, die sie mit den Schleppen ihrer Kleider von dem Teppiche der Vorhalle mit hinwegfegen. Schier zum Todlachen waren die hochmütigen Mienen, die diese Leute uns gegenüber zur Schau trugen.

Da waren die beiden Damen, deren ich eben Erwähnung gethan, die Gattin des Gouverneurs, eine kleine Korsikanerin, der ihre dicken Augenbrauen, ihre glänzenden, gebräunten Wangen das Ansehen einer glattrasierten Auvergnatin gaben, übrigens ein gutmütiges Geschöpf, das fortwährend lächelte, außer wenn ihr Mann die andern Damen ansah; da waren ferner einige Levantinerinnen, mit Gold- oder Perlendiademen, die zwar demjenigen unsrer Herrin ähnelten, aber weniger kostbar waren; da waren Frauen von Tapezierern, Juwelieren und andern Lieferanten, mit Schultern, so breit wie Schaufenster, und Toiletten, an denen der Stoff nicht gespart war; endlich einige Frauen von Angestellten der Territorialbank in kläglichen Kleidern, aus deren Falten der Geldmangel hervorlugte, das war alles, wodurch das schöne Geschlecht in der Gesellschaft vertreten war, einige dreißig Damen, die unter etwa tausend schwarzen Fräcken so gut wie ganz verschwanden.

Von Zeit zu Zeit setzten uns Cassagne, Laporte, Grandvarlet, welche den inneren Dienst versahen, von dem in Kenntnis, was in den Salons vorging.

»Ach, meine Freunde, wenn Sie das sähen, es ist eine trostlose Oede da drinnen, . . . Die Herren wanken und weichen nicht von den Buffetts, die Damen sitzen alle in der Runde im Hintergrunde und fächeln sich, ohne ein Wort zu sprechen. . . . Unsre Dicke spricht mit niemand. Ich glaube sie mault. . . . Und der Herr scheint sich zu ärgern! . . . Wohlan, Vater Passajou, ein Glas Château Larose gefällig? Das wird Ihnen gut thun.«

Diese jungen Leute behandelten mich allesamt äußerst liebenswürdig und fanden ein diabolisches Vergnügen daran, mir die Ehre des Weinkellers zu erweisen, und zwar so oft und so reichlich, daß meine Zunge schwer und unsicher zu werden begann, so daß diese Leute in ihrer etwas freien Redeweise zu mir sagten: »Guter Onkel, Sie haben ja den Zungenschlag.« Glücklicherweise kam jetzt der letzte Effendi an, und ich hatte niemand mehr anzumelden. Denn, so sehr ich mich auch in acht nahm, sah ich doch, so oft ich durch den Vorhang trat, um einen Namen in die Gesellschaft hineinzurufen, die Kronleuchter mit Tausenden von Lichtern vor mir herumtanzen und den glänzenden Parkettboden sich mit mir drehen. Ich glaube wirklich, daß ich ein wenig den Zungenschlag hatte.

Die frische Nachtluft, einige Abwaschungen an der Pumpe des Hofes kurierten mich indes rasch von diesem leichten Unwohlsein, und als ich die Vorhalle wieder betrat, war mir nichts mehr anzumerken. Ich traf eine zahlreiche, lustige Gesellschaft bei einer Champagnerbowle, wobei meine Nichten, in großem Staate, mit gekräuseltem Haare und rosaroten Schleifen, sich mit Vergnügen beteiligten, trotz ihrer Ausrufe und ihrer kleinen, reizenden Abscheugebärden, durch welche sie niemand täuschten. Natürlich unterhielt man sich von dem berüchtigten Artikel, der, wie es hieß, von Moëssard herstammte, einem Artikel, voll von entsetzlichen Enthüllungen über alle möglichen schimpflichen Gewerbe, denen der Nabob bei seinem ersten Aufenthalte in Paris vor fünfzehn oder zwanzig Jahren obgelegen habe.

Das war nun schon der dritte Angriff, den der »Messager« im Verlaufe von acht Tagen brachte, und dieser Strolch von Moëssard war boshaft genug, jedesmal die Nummer unter Kreuzband nach dem Vendômeplatze zu senden.

Herr Jansoulet empfing sie dann morgens gleichzeitig mit seiner Schokolade, und gleichzeitig lasen und besprachen seine Freunde und Feinde – denn ein Mann wie der Nabob, konnte natürlich niemand gleichgültig sein – diesen Artikel und zeichneten sich ihm gegenüber ihr Verhalten vor, um sich nicht bloßzustellen. Man mußte annehmen, daß der Artikel von heute gehörig gepfeffert war, denn Jansoulet, der Kutscher, erzählte uns, daß heute bei zehn Rundfahrten um den See im Bois de Boulogne sein Herr kaum zehn Grüße ausgetauscht habe, während er sonst seinen Hut nicht mehr auf dem Kopfe behält, als ein Fürst auf einer Spazierfahrt. Und dann, als sie zurückgekommen waren, gab es einen neuen Auftritt. Die drei Knaben waren, ganz niedergeschlagen und in Thränen, von einem gutmütigen Pater aus dem Institute nach Hause gebracht worden. Man hatte den armen Kleinen für einige Zeit Vakanz gegeben, um es ihnen zu ersparen, spitzige Bemerkungen und kränkende Anspielungen im Sprechzimmer oder auf dem Spielplatze hören zu müssen. Darauf war der Nabob in eine so furchtbare Wut geraten, daß er ein ganzes Porzellanservice zertrümmerte, und wenn Herr von Géry ihn nicht zurückgehalten hätte, wäre er stehenden Fußes zu Moëssard gelaufen, um ihm den Schädel einzuschlagen.

»Und recht würde er gethan haben,« sagte Herr Noël, der in diesem Augenblicke eintrat und auch seinerseits höchst aufgeregt war. . . . »Es ist kein wahres Wort an dem Artikel dieses Schurken. . . . Mein Herr ist bis zum letzten Jahre niemals in Paris gewesen. Von Tunis nach Marseille, von Marseille nach Tunis, darin bestanden alle seine Reisen. Aber dieser Strolch von der Feder rächt sich dafür, daß wir uns geweigert haben, ihm zwanzigtausend Franken zu zahlen.«

»Darin haben Sie sehr unrecht gehabt,« sagte Herr Francis, der Francis bei Monpavon, dieser alte Stutzer, dessen einziger Zahn in seinem Munde bei jedem Worte, das er spricht, wackelt, den aber alle jungen Damen wegen seiner eleganten Manieren mit wohlwollenden Augen anblicken. »Ja, Sie haben wirklich nicht klug gehandelt. Man muß diese Leute schonen, solange sie einem nutzen oder schaden können. Ihr Nabob hat nach dem erreichten Erfolge zu rasch seinen Freunden den Rücken gewendet, und unter uns, mein Lieber, um solche Schläge auszuhalten, ist er nicht stark genug.«

Ich glaubte jetzt meinerseits das Wort ergreifen zu dürfen: »Ja, das ist wahr, Herr Noël, Ihr Brotherr ist seit seiner Erwählung nicht mehr derselbe. Er hat einen eigentümlichen Ton und wunderbare Manieren angenommen. Vorgestern in der Territorialbank hat er uns einen Auftritt gemacht, von dem man keine Vorstellung hat. Man hörte ihn mitten in der Sitzung schreien: ›Sie haben mich belogen, bestohlen und mich ebenso zum Diebe gemacht, wie Sie selbst es sind. . . . Zeigen Sie mir Ihre Bücher, Lumpengesindel.‹ Wenn er Moëssard in dieser Weise behandelt hat, dann wundere ich mich nicht darüber, daß dieser sich in seinem Journale gerächt hat.«

»Aber, was in aller Welt steht in diesem Artikel?« fragte Herr Barreau. »Wer hat ihn gelesen?«

Niemand antwortete. Mehrere hatten die Zeitung kaufen wollen, aber in Paris verkauft sich Skandal wie warme Semmeln. Um zehn Uhr morgens war keine Nummer des »Messager« mehr zu haben gewesen. Da kam eine meiner Nichten, ein lockerer Zeisig, wie es nur je einen gegeben hat, auf den Gedanken, in der Tasche eines der zahlreichen Ueberzieher, die in der Vorhalle hingen, nachzustöbern. Bei dem ersten, den sie durchsucht, rief das liebenswürdige Geschöpf, indem sie eine zerknitterte, zerlesene Nummer des »Messager« mit triumphierender Miene herauszog: »Da ist schon eine!«

»Da ist noch eine Nummer!« rief Tom Bois-Landry, der seinerseits gleichfalls nachgespürt hatte, eine dritte folgte bald nach. Und in allen dieselbe Geschichte. Die Zeitung fand sich überall, wie der Artikel in dem Gedächtnisse aller eingegraben war, und man konnte sich den Nabob oben im Saale vorstellen, wie er liebenswürdige Worte mit seinen Gästen austauschte, die ihm alle diese auf seine Rechnung gedruckten Schändlichkeiten auswendig hätten hersagen können. Wir lachten alle herzlich bei diesem Gedanken, aber wir waren noch begieriger, auch unsrerseits diese interessante Epistel kennen zu lernen.

»Wohlan, Vater Passajou; lesen Sie uns den Artikel laut vor.« Auf die allgemeine Bitte verstand ich mich dazu.

Ich weiß nicht, ob es den Lesern so geht wie mir, aber wenn ich laut lese, so räuspere ich mich vorher und trage dann mit so abwechslungsreicher und ausdrucksvoller Betonung vor, daß ich selbst von dem Inhalte nichts verstehe, ähnlich den Sängern, die sich um den Text den Teufel scheren, wenn sie nur den richtigen Ton treffen. . . . Der Artikel betitelte sich: »Das Blumenschiff«. . . . Es war eine Geschichte, die mit chinesischen Namen reichlich gespickt war und in der es sich um einen neuerdings in die erste Klasse avancierten Mandarinen handelte, der vor Zeiten ganz am Ende der Stadt, in der Nähe eines von Soldaten viel begangenen Thores, ein »Blumenschiff« gehalten hatte. . . . Am Schlusse des Artikels war man nicht klüger als am Anfang. Man gab sich zwar Mühe, bedeutungsvoll mit den Augen zu zwinkern und den Klugen zu spielen, aber, offen gesagt, man wußte nicht warum. Es war ein Rätsel ohne Lösung und wir würden noch nicht klüger sein, wenn nicht der alte Francis, der ein wahrer Galgenstrick in solchen Dingen ist, uns auseinandergesetzt hätte, daß jenes Thor mit den Soldaten die »Ecole militaire« bedeuten solle und daß das »Blumenschiff« auf gut französisch einen weniger hübschen Namen führe. Und diese Bezeichnung gab er trotz der anwesenden Damen zum besten. Aber was für einen Ausbruch von Ausrufen, von Ah und Oh! hatte das zur Folge. »Ich dachte es mir gleich,« sagten einige. »Es ist nicht möglich,« riefen andre.

»Erlauben Sie,« fügte Francis hinzu, der in alten Zeiten Trompeter bei dem neunten Lancierregiment gewesen war . . . »Vor etwa zwanzig Jahren, kurz vor meinem Abgang, war ich in der »Ecole militaire« kaserniert, und ich erinnere mich sehr wohl, daß in der Nähe derselben ein verrufenes Haus unter dem Namen Salon Jansoulet existierte, mit möblierten Zimmern im oberen Stockwerke, wo man zwischen zwei Kontertänzen für fünf Sous die Stunde sich aufhalten konnte.«

»Sie sind ein infamer Lügner,« sagte Herr Noël ganz außer sich, »ein Lügner und Taugenichts wie Ihr Herr; Jansoulet ist früher niemals in Paris gewesen.«

Francis hatte etwas außerhalb des Kreises gesessen, den wir um die Bowle geschlossen hatten, und schlürfte eine Limonade, weil der Champagner ihm nicht gut bekam und weil dieses Getränk nicht mehr für fein gilt. Er erhob sich in ernster Haltung, ohne sein Glas im Stich zu lassen, und indem er sich Herrn Noël näherte, sagte er in seiner abgemessenen Weise: »Es fehlt Ihnen an Lebensart, mein Lieber. Schon neulich, in der Gesellschaft bei Ihnen, fand ich Ihren Ton plump und unpassend. Es hat keinen Sinn, die Leute zu insultieren, um so weniger, als ich von Beruf Fechtmeister bin, und, wenn wir die Sache weiter treiben würden, Ihnen zwei Zoll Eisen an jeder beliebigen Stelle des Körpers zu kosten geben könnte, aber ich bin ein gutmütiger Bursche; anstatt eines Degenstiches will ich Ihnen lieber einen Rat geben, von dem Ihr Herr Nutzen ziehen kann. An Ihrer Stelle würde ich einfach zu Moësard hingehen und ihn, ohne zu feilschen, kaufen. Hemerlingue hat ihm zwanzigtausend Franken für das Reden gegeben, ich würde ihm dreißigtausend für sein Schweigen anbieten.«

»Niemals . . . niemals! . . .« schrie Herr Noël. »Lieber werde ich diesem Banditen den Hals umdrehen!«

»Damit würden Sie nichts erreichen. Mag nun die Verdächtigung wahr oder falsch sein, Sie haben die Wirkung heute abend gesehen. Das ist nur eine Probe der Freuden, die Ihrer warten. Was denken Sie, mein Lieber? Sie haben Ihre Krücken zu früh weggeworfen und gemeint, allein gehen zu können. Das mag gut sein, wenn man kräftig gebaut und fest auf den Füßen ist, aber wenn man das Unglück hat, einen Hemerlingue an seinen Fersen zu haben, dann ist es eine schlimme Geschichte . . . . Ueberdies beginnt bei Ihrem Herrn das Geld knapp zu werden; er hat mit dem alten Schwalbach Wechselgeschäfte gemacht, und das thut ein richtiger Nabob nicht. Ich weiß wohl, daß Sie drüben Millionen in Fülle haben, aber um diese heben zu können, muß erst die Wahl für gültig erklärt werden, aber noch einige solche Artikel, wie der heutige, und ich verspreche Ihnen, daß es nicht dahin kommen wird . . . Sie glauben sich im stande, sich mit Paris zu messen, mein Lieber, aber dazu fehlt Ihnen die Kraft, das verstehen Sie nicht. Wir sind hier nicht im Orient, und wenn man hier auch nicht die Leute, die einem mißfallen, erdrosselt oder sie ertränkt, so hat man doch andre Mittel, sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Noël, sorgen Sie dafür, daß Ihr Herr sich vorsieht. . . . Eines schönen Morgens wird Paris ihn verschlingen, wie ich diese Pflaume verschlucke, ohne Haut oder Kern auszuspucken.«

Der Alte war furchtbar, und trotz seiner Großthuerei fühlte ich meinen Respekt vor ihm wachsen. Während er sprach, hörte man oben Musik und Gesang und draußen die Pferde der Municipalgarden, die ihr Gebiß schüttelten. Von außen mußte unser Fest mit den tausend Kerzen und dem großen illuminierten Portal einen glänzenden Eindruck machen. Und zu denken, daß vielleicht der Zusammensturz bereits nahe war! Wir in der Vorhalle machten es wie die Ratten, die sich im Kielraum beraten, wenn das Schiff einen Leck bekommt, ohne daß die Mannschaft davon noch eine Ahnung hat, und ich sah es sehr gut kommen, wie die Lakaien und Kammermädchen allesamt nicht säumen würden, bei dem ersten Anstoße auf und davon zu gehen. . . . Sollte eine solche Katastrophe möglich sein? Aber dann, was würde dann aus mir, aus der Territorialbank, aus meinen Vorschüssen und meinem rückständigen Gehalte werden? . . . Dieser Francis hat mir einen Schauder über den Rücken gejagt.

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